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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:39:27 -0700 |
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Ist man wie ich +durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt, +dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu +lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und +schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir +gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran +Wahres ist. + +Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls +hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der +Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu +welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können, +ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt +auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu +verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen +Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den +Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am +besten befähigt. + +Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich +nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt +einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief +einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine +ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir, +sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten +Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden +erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die +unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz +anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter +sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid +abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß. + +Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie +zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit +Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt. + +Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war, +Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder +an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der +Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde +Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu +werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen +andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten +in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg +trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot +sich aber auch die Führung eines Tagebuchs. + +In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die +antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen +Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt +war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann +gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit +so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung +stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen +bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder +anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte +ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit +ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen. + +Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910 + +A. Bebel. + + + + +[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.] + + + + +Aus der Kinder- und Jugendzeit. + + +Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte +seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl +Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den +ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und +Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung +gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt +werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter +auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie +fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich +Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich +selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und +Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was +immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die +Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn, +und oft bestimmen sie sein Handeln. + +Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den +Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß +ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich +sie nie. + +Der Mensch ist irgendwo geboren. + +Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich +in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater +war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25. +Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon. +Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige +Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die +Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen +Kirchengemeinde gehörte. + +Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das +trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände +einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und +Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner +Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern +„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der +Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen +Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben +haben. + +Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß +damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende +Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider +die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in +demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube +beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige +Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde. + +Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit +bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das +Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen +hatten. + +Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst +notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen. +Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des +Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die +Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa +um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß +um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher +sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name +Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen +Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den +Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb. +Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die +Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte +um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um +1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt +als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem +Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit +seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches +Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre +1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung +für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen. +Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen +Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser +Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten. + +Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten +Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater +war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine +Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die +Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen +Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und +machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das +betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen +zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut, +vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner +Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende +25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate, +folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz +garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment) +übertrat. + +Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in +erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu +jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans +Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland +den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die +Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das +Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten +zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So +sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit +Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden +Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch. + +Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer +1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein +Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher, +verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften. +Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt +waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des +Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf +der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite +mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen +Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem +Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich +saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf +der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte +die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden +Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine +musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich +litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der +Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der +Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die +selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters +gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen +Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte +übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine +Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts +und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die +den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal +von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster +hingestellt worden sein soll. + +Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie +sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich +seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und +adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu +jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem +Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen +pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch +kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst +feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und +Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für +den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam +er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom +Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter +Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen +Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung +in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger +Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben: +„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem +preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde +eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals +und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen +Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die +Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann +Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden. +Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr +1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in +Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten, +ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier +hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld +hatte damals wie heute keine Garnison. + +Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig +geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger +Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett +verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er +die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach +seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben, +weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit +in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses +dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit +gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech' +die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er +alsdann nicht mehr unter den Lebenden war. + +Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr +1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst +er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog +die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die +Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend +noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres +Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht +zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden +Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte +es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die +Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater +noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem +schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln +zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln +angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns +wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach +dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit +starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum +Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die +Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen, +nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder +des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese +Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine +Mutter zu heiraten. + +Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit +einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40. +Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der +Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später +ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner +Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im +Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die +Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt +Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der +Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in +Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein +bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine +solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit +ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen +Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat +zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen +befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die +Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige. +Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem +Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen, +als er eben auf der Totenbahre lag. + +Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger +Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten +Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die +sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der +Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen +Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles +war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche +Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen, +in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe +schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt +waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung +abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen +Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um +das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der +Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war +dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern, +kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann +und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel +Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine +grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere +Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur +des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand +darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu +legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf +wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und +die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt. +Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den +Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als +lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden +lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln +abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem. + +Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze +Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen +Eindruck. + +Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst +vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem +jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder +aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das +eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor +Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher +im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr +bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme +waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme +und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und +unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß +ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“ + +Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr +abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines +Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr +strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer, +eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch +gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder +hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem +Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere +körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß +erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden +sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel. + +Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht, +denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum +Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so +geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr +bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und +Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten +fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein +bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb. + +Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte. +Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war +meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose +Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf +staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer +Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die +Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es +wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln +angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln +wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster +gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per +Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir +abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten, +war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum +Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde +wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie +nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir +endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier +verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner +Mutter lebten. + +Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine +kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche +Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in +einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen +Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude +steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die +Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später +mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern +Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch +der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am +Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet. +Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später +wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger +Stadttheater bei. + +Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule +verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das +Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen. + +Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur +mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten +Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner +prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra +vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir +lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine +Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen +Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau, +quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich +war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht, +daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal +Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine +Strafpredigten eintrugen. + +Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus +kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man +ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte. +In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch +heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine +Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens +förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel +vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten +Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen +das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür +und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand: + + Guten Morgen, Herr Schwager! + Gestern war ich fett und heut bin ich mager! + +Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich +derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer +lachte. + +Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze +stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die +nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben, +unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in +„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen +bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte, +das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden, +an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu +dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder +seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte. +Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu +schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten +Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte. +Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die +kleinen fetten Hände zu bewundern. + +Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte +Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz +einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die +Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt +ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere +„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem +Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste +unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum +Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige +Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich +abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der +Ferien, waren zahllos. + +Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine +Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars +ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer +die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum +Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein +Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und +unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er +nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und +ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der +Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm +einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die +wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter +erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch +ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut +es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen. + +Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter +war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein +vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die +Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der +spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter +Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu, +umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den +Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis +fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu +bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen +gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden, +vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden, +knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er +glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war +gerettet. + +Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet, +daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder +Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen +Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen +ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und +mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir +in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen, +scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte +allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu +gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“ +folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in +lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag +eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als +Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde +die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch +von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag +bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis +zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also +erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen +einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter. +Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten +Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die +Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten. +Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort +eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit +anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und +einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte +das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich +glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen. + +Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte, +jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt +vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden +Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen +gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der +Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an +Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen. +Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche +Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre +Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein +erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater +Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu +Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage +nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die +Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine +hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse +Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich +ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So +erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und +letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die +Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur +Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des +zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen +Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber +doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich +prämienlos ins Leben. + + * * * * * + +Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern. +An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige +Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15 +Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr +gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns +beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet +hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer +mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt, +die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen. +Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft, +um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr +ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch +vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in +der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich +an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren +Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht, +das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag +konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig, +zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen +Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht +ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit +unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen +Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen, +Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte +das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine +Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer +Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch +unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu +Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die +Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten +Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas +zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß +der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer +Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn +Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken +verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend +nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere +Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das +Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es +war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung, +von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu +arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den +Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld +gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide +leidenschaftlich liebten. + +Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam +vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich +war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu +erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr +Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein +Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren +Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht +später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So +unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für +mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam. + +Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und +1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der +Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug +sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere +politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt, +stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt +waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich +also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung +entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und +dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht +zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als +ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den +Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der +größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt. + +Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern +eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem +badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem +mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben +standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher +kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine +Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat +sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der +Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich +aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern +könne. + +Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen +Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch +allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da +alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese +Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und +zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An +der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne +getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht +braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen +Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte +usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig +verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten +zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die +Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr +amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer +oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von +Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v. +Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf +seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem +Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer +Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei +Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den +Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der +Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und +zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre +Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie. + + * * * * * + +Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni +starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie +am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte, +beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie +nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt. +In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und +warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die +Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter +gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten +packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen +bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben +gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben +binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem +jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich +aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt +schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am +Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige +Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam +aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt, +beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne +herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung +davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst +litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge +konnten einer Mutter kaum beschieden sein. + +Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in +Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann +Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes +Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl +aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in +Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide +zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der +Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges +Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte +anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der +gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch +eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich +sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit +den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in +einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich +zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in +Ruhe. + +Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine +Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch +Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem +Sohn ein Müllerknecht — wie damals die Gesellen genannt wurden — und +eine Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich +Pferd und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme +reiten. Die Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte +die Fütterung der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder +wohin sonst diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen +Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus +der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am +liebsten wäre ich in der Schule geblieben. + + + + +Die Lehr- und Wanderjahre. + + +Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein +Onkel von mir, an mich stellte. „Ich möchte das Bergfach studieren!“ +„Hast du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage war meine Illusion +zu Ende. + +Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß, +nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar +gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen +großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast +wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die +Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium +nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das +Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte +ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines +Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich +annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der +Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen +Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies +geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war +wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte +mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut +bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl. +Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit +sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler +geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich +habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was +nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit, +für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam. + +Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche +Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu +wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen +viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter +oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten +täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur +Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht +voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war +es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir +konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb +nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen. +Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der +Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr +Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit +der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß +stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei +nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so +bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden, +aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die +Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen. +Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe +machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich, +wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt +essen zu können. + +Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich +hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht +allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang. +Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine +Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank. +Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je +zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine +Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das +war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte +ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere +Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser +Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre +Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen. +Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden +ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene +Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an +schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen, +während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern +ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag, +nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet, +zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also +die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und +nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches +Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber +ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in +der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was +für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber +zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen, +kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer +von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen +diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an +die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer +aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich +falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich +mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu +Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich +nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne +Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule +meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der +Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu +benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten, +zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe +und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher +aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller +war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine +Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich +Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise +Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher +gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die +Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich +vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich +offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle +Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte +Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich +wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze +Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht. +An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein +Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar +förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage, +an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein +anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte +fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich +auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine +auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die +mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte +ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete. +Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis +abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert, +und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin +verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler +Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem +Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte, +begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten, +brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm +beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im +Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem +heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der +Familie. + +Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die +Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich +in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht +nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der +Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent, +die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das +heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein +Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten, +polizeilich eingetragen — visiert — wurden. Wer kein Visum hatte, wurde +bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter +zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen +8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich, +namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer +die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum +nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich +die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von +Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier, +woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls +und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in +einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in +Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die +Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und +diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er +betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich +darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten +Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte +fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es +mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die +Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte +durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück +nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach +Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war +die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr +flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem +Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise +öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen, +die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere +wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder +entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, „weil ich +ganz wie ein Schneider aussähe“. + +In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist +nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder +sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und +zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte. +Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge +Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht. +Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch +nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten +können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in +Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber +keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des +katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus +hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme +fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei. + +Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich +zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als +Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum +Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch +damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war +stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im +Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die +Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen +repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden +zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern +erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine +Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet +haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man +eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber +doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der +schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der +Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine +Hauptsache. + +Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen +Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein +waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie +gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male +mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen +solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das +Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin +wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied +den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen +und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung +vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines +solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem +Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der +Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer +Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend +Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen, +woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt. + +Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und +marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den +Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein +wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am +Firmament einen gewaltigen Kometen — den Donatischen — zu beobachten, +der in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher +Länge besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen +Pracht und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge +große Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die +moderne Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht +bleiben. Der Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen +Handwerksburschen von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger +Streit das Jahr zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet +worden. Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in +sich aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen +Ordnung verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen +Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der +Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot +verweigert. + +So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff +über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes +seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über +Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand +zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden +Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen +konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten +abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von +Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer +aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen +Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse +trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten +zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften +wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags +hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. „Du +nimmst die rechte Seite, ich die linke!“ hieß es. Als ich in ein Haus +kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich +die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das +ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen +vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der +anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei +Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht +widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich +das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben +Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung +über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische +Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich +außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um +meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und +marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten +Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und +ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren +Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler +zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über +sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten, +davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er +sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut +gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und +ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort +erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus. + +Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege +den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau +halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider +halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des +Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man +focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den +Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen +in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald +der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk, +antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen, +geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so +war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten +anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der +Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die +Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als +Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und +angenehmer Gesellschafter gewesen. + +Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und +links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild +der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener +Frauenkirche, den Heinrich Heineschen „Stiefelknecht“, die am Ende der +meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen +Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar +nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane +gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich +frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer +antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht +verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also +auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer +sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber +ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen +hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut +und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der +Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer +Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den +Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß +herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich +blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu +ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger +Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel +beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half +mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz +zu leisten, grob antwortete: „Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!“ +Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die +Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor +komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein. + +In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier +der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche +gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die +ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der +Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten +herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb +eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so +sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es +war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß +ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der +ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob +wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt, +daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis +mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig, +das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte +zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte — ein Trierer —, der vorne +steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt, +und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn +versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ +ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein +politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde, +daß der Flößer drohte, „den verdammten Preiß“ in die Isar zu werfen, +wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser +der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als +wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten, +schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt +genug. + +In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem +Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt +mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein +wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige +Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen +hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm +geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin, +wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum +Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben +Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im +echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter +hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg +aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der +Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf +entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren. + +In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus +Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten, +dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte +Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken. + +In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der +Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers +keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war +der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins +Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9 +Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein +bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß +unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben +also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher +anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken. +Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets +warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und +stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der +einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister +mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf +einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu +Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am +nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: „Hören Sie, +Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend +die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt.“ + +Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die +oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene +gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der „Teutsche“, der +Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten +Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte. + +Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe +Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister +veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die +Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten +zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit +anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach +Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen. +Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach +Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt. +Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der +letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um +möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel +und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den +gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir +mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns +unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging +die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die +Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der +Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich +Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen +Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen +wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten +Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben +Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß +dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische +Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von +der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu +sein. + +Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt +nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein +erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen +niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen +Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg, +vor uns liegen sahen. + +Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all +den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und +jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war +keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein +unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden +Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft +bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage +vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal +erfuhren. Jugend überwindet viel. + +In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich +ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach +Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich +ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands, +denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im +Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer +1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch +ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und +Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien +entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders +interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten +singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die +Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von +Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte +siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so +aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit +noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle +Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in +Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu +Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter +Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu +verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom +Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel +einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien, +Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr +Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem +Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber +die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden +Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich +mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat +als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er +möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger +Zeit kam auch das Geld — sechs Taler — an, aber jetzt bedurfte ich +desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede +von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen +leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach +Wetzlar reiste. + +Die Löhne waren auch in Salzburg — wie überall in der Drechslerei — +schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im Spätherbst den ersten +Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als gewissenhafter Mensch sparte +ich nicht nur, ich darbte, um die wöchentlichen Raten zahlen zu können. +Dabei drückte mich noch eine große Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich +fürchtete, als Jüngster in der Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu +erhalten. Das hatte die Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als +ich nun ihr und dem Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die +tröstliche Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit +bleiben könne. Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte +ich an den Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von +Hübner, das Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt +hatte, bei der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum +italienischen Krieg angesehen wurde. + +In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200 +Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast +alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den +schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf, +Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger, +bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen. +Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß +eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten. + +In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die +Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern +des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark +besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes +Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr. +Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag +nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in +Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie +Anschauungen äußerte. + +Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine +Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine +Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener +Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs +Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen +Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als +Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht +„Die Zigarren und die Menschen“ vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr. +Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei +diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im +Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber +nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich +nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der +Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft +bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine +Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam +auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich +Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst +versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu +flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den +Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm +auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber +geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im +übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an +meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause. + +Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag +ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der +katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf +eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß +sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl, +äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe +es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin — die Witwe +des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte —, die viel für den +Verein tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er +schmunzelnd hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein +Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine +gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten +der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher, +hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die +Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und +vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der +der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In +Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte +Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar +mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war +aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg +kam, weiß ich bis heute nicht. + +Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In +der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie +Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in +meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf +zahlte. + +Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später +schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in +dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser +Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg +überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert +worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich +meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte unmöglich +annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge Drechslergeselle — +wenn er sich überhaupt dessen entsann — der spätere sozialdemokratische +Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck hatte ich sicher nicht +auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß Kollegen aus dem Zentrum, +denen ich gelegentlich meine Salzburger Erlebnisse erzählte, den +Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich Anfang dieses Jahrhunderts +nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg kam, war Dr. Schöpf einige +Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere Natur und die volle +Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt haben. + +Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht +schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns +jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im +Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der +Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in +nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der +im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten +Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an +unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs +allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen +solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume +herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: „Schau, das +mußt du so machen!“ und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg +in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden +Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat +und dem König, den sie nicht kannte, zurief: „Du alter Lackl, schamst di +net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!“ Der König nahm seinen +Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein +Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei +für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre +Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst +überraschende Antwort: der König Ludwig. + +Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige, +will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung +nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im +Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan +hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der +Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich +nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir +bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden, +als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten +Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe: + +„Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat +alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_. +Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur +die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte.“ + +Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden? + + + + +Zurück nach Wetzlar und weiter! + + +Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener +Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der +Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs +Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages +bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in +den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht +gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde +ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als +ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir +entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und +beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das +herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört. + +Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in +Wetzlar an. + +Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um +ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei +der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als +militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine +Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen +Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als +aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner +Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und +mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden, +„da zog es mich mächtig hinaus“, wie es im Handwerksburschenlied heißt, +und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu +folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche +machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war +mir zu jener Zeit keiner über. + +Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und +Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte +damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in +mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So +entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen. + +Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist +seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den +Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln +nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig +bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines +momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es +ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder +umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die +wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf +dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen +Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm +aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum +Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der +Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die +weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf +gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil +ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung +und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die +„glücklichen Umstände“ geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im +Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten, +ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so +muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie +auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen +ansehen. + +Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten, +und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte, +hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei +den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach, +Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in +der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und +nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters +widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett +gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu +einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein +glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte. +Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen +würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem +Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir +unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in +einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum +Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein +gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen +zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es +seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich +nicht. + +In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir +brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann +ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere +Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu +Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und +schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden +junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften +vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht +zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in +der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im +unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte. +Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach +Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können, +denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der +Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war +sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein +Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich +mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und +frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir +nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller +Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig +ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer +Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später +selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig +ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied +hier wieder „ein Augenblick des Glückes“ über meine Zukunft. Zum +zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf +Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen +gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir +aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten, +und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen. +Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die +Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer +geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu +rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie +sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei +wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere +Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe +einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich +eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er +erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen +ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als +wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten +Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung +von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er +behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für +unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten +wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der +Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch +später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht +eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu +bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte. +Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause. + + + + +Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben. + + +Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von +Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische +Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der +Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen. +Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch +zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische +Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden +war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten +mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders +seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat. + +Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften, +sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer +großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter +preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu +einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen, +wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche +Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die +Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck, +dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des +altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten +schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm +des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt, +wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den +Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie +sah eine neue Aera hereinbrechen. + +Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein +eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe +der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu +kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst +hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm +scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und +das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt, +hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im +vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug +geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand +zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der +bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte +sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der +Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die +Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie +verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über +die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der +neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei +Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt. + +Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da +versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne +weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der +nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es +aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation +nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die +Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die, +kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte, +definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten +Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent +ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den +Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition. +Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen +(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die +Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für +die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung +der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai +dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen +waren auf elf Mann zusammengeschmolzen. + +Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat +mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter +bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war — September 1862 —, an die +Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das +war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten +Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt +zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt. + +In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz +Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der +Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf +Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich +sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken +nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt +werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland +bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht +ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten. +Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen +Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die +sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel- +und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung +forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte. + +Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung, +die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen, +beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre +politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren +in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der +sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis +Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die +liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich +ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom +Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen +und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende +Personen zu bringen suchten. + +Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit +erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals +noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei +Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme +der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der +Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den +handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die +Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein +Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf +der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen +Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der +Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden, +statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche +Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und +Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu +können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der +sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische +Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das +heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in +denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine +Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder +Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise +vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen +Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten +deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines +Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des +Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit +Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus +waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde +Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in +Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider +Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings +Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter +gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx' +und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas +wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen. + +Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem +Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch +wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die +Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer +gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit +erschienen. + +Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem +Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in +Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten +Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische +Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein +mittlerweile eingegangen war. + +In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als +einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages +las ich in der demokratischen „Mitteldeutschen Volkszeitung“, auf die +ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte, +der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte +Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung +eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im +Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem +Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt. +Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche +Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen +Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte, +daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der +Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf +Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet +würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der +Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von +seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust +gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und +verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein +müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht +eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht +einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren +so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu +können. + +Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck +nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an +jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt. +Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So +neben Professor Roßmäßler, Professor Bock — der Gartenlaube-Bock und +Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen —, die +Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr. +Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans +Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich +auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe, +Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert +Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr. +Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im +Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung, +deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung +gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem +Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei. +Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder +singt, der keine Singstimme hat. + +An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in +dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber +dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter. +Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede, +die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei +der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine +Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im +Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als +ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen, +man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist +denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für +die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die +Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In +beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die +wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen +Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr +erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich +unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer +Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt +den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand. +Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition +stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein +politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen. +Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich +beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der +Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt, +daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und +darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend +gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte, +der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse +hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung +und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung +hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen +hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen. + +Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der +im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal +war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert. +Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei +auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge, +die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und +Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen +Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen +eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen +sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf +dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte, +und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz, +sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand +die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben +gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war. +In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der +Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter +der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis +verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf +beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am +Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem +Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen +hatte. Zu den „Verbrechern“ gehörten weiter Dr. Albrecht, der in +unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters, +Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw. +Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem +Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften. + +Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren +Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und +Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen +Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren +noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der +Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland, +über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser +den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die +Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine +Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich +der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines +allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die +aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der +Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in +den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf. + +Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende +Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in +das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen +Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die +von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen +Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von +auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die +deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile +sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die +schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus +der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in +jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein +sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen +Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die +Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen, +Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg +und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt) +waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte +sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der +preußischen Regierung trat. + +Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der +Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller +Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese +Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem +Schutze Preußens und Oesterreichs — die hierin ein Herz und eine Seele +waren — ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der +verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein- +und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war +es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den +Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre +nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung +Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von +Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die +Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren +Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des +Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen +hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter +der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs +freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in +Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im +Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in +Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch +unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei +Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen +und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v. +Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert +hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art +und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen +Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und +mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286 +Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen +schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42 +der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu +lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurden. In der Strafanstalt +Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter, +eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische +Gefangene beherbergt. + +Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel, +Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten +Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war +wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus +verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er +11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt +Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide +sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er +1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: +Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in +Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war +einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300 +Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht +hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts +verdächtigt wurde. + +Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre +später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl +mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus +zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen +sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa +einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln +befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der +Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den +Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt, +sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der +Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der +ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch +hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische +Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im +sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts stimmte. + +Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse +August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland +brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v. +Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach +Wien, um ihm Preßdienste zu leisten. + +Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen +in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe +dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu +schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und +Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des +deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem +Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege, +aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann +werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von +Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die +Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie +die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die +Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am +heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut +werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in +manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in +Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung +gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu +ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und +Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen +angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal +der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen, +wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von +ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen +Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes +Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war +ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei, +zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal. + +Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein — +die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode +gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich +dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich +zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal +Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet +worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle +sein Haus bestellt. + +Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der +fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß +ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene +Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene +preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung +Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum +Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog +entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit +angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen, +hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum +Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister +sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem +Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach +Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm +diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil, +weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann +kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich +vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten +sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle +einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er +sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und +Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte, +was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man +brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm +gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten, +einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem +Schlachtfelde. + +„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an +sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und +ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin +hinein.“ + +Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn +sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die +hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum +Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen +einen heillosen Schrecken ein. + +In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der +Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte +sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen +Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals +großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste, +obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied +gedichtet hatte: + + Wir färben rot, wir färben gut, + Wir färben mit Tyrannenblut! + +Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London +und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die „Norddeutsche +Allgemeine Zeitung“ berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im +Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu +gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich +dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den +Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen +Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz +nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus. + +Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er +Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die +bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar +sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich +bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem +Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in +diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen +Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten +Mann erscheinen ließen. + +Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls +beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach +Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den +leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu +setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu +erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig +als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und +Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als +Mitglied des Komitees beiwohnte. + +Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der +Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die +Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu +erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der +gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe +die Gewißheit — und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als +Agent Bismarcks —, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die +nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer +Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben. + +Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der +Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der +Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange +Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme +Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen +propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem +Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle +einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit +Staatshilfe forderte. + +In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon +im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag „Ueber den besonderen +Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des +Arbeiterstandes“ gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag +unter dem Titel „Arbeiterprogramm“ erschienen ist. Auch hatte er in +demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese +Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns +Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die +Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen +„Mitteldeutschen Volkszeitung“, und was diese nicht brachte, blieb uns +fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten. + +Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die +Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben, +nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem +Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde. +Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung +ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden, +so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und +ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr +großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v. +Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich +Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und +geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung, +diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst +müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an +eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die +konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller +Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten +Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III., +der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach +der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit +demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung +durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter +sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen +waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und +1869 auf 110 Köpfe. + +Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen +hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf +oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische +Beispiel nachzuahmen. + +Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften +mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß +Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete +und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin +Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise +getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte. +Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser, +welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm +Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor +Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von +Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst +wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den +Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe +Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle +Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September +1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu +sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die +Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine +politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den +Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im +Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch +Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder +des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in +Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter +stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte +abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei +ihm war. + +Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im +Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen +zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt +erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um +nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er +erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm +erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für +Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß +Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe, +von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich +aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf +intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des +Nationalvereins. + +Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen +Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000 +bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen. +Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen +sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer +geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit +oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu +nehmen, wo sie es finde — und jahrelang die Staatsausgaben ohne +Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen +Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den +Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses +Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut. +Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte +Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber +außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und +liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er +sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das +deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt. +Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche +Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle +abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber +monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im +Reichstag große Heiterkeit. + +Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte, +bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und +Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber +eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und +seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von +Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich +hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man +sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August +1864, ihn als Partner beseitigte. + +Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle +der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und +geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil +nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir +Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem +Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: „Und so +verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht +kein Jahr mehr vergehen — und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert +Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert.“ +Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in +seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen, +direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt, +wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen +sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben. +Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer +verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die +berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer +Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich +Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den +bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen +worden. + +Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen +hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später +veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden. + +Lassalle schrieb an Bismarck: + +Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben, +Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit +schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses +Machtmittel! Die wirkliche „moralische“ Eroberung Deutschlands! Was die +Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte +französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig +Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr +allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte +zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen +zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im +geringsten zu zweifeln. + +Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_. +Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört +werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes +mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende +Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich +unumgängliches Bedürfnis. + +Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter +Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster + +F. Lassalle. + +Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13. + +Und weiter: + +Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen +gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich +schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten „Zauberrezepte“ +— Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung — gefunden habe. +Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von +entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube, +diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind, +so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend 8-1/2 Uhr bei Ihnen +vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit verhindert sein, so +bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. Mit +ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster + +F. Lassalle. + +Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13. + + * * * * * + +Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde +und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck +habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer +zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten +Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser +Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen +im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem +Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen +Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles +waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte. +Darüber später. + +Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art, +wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum +Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter +stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe, +wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: „Er gebe zu, daß +er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu +Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren +Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei.“ Diesen Gedanken spann er +dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des +Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks +Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm +jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und +Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz „teile und herrsche“ sich +in der Macht zu halten. + +Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas +vorausgeeilt. + +Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche, +Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den +Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und +des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der +deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen +werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die +Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt „Abhaltung einer +Weltausstellung in Berlin“ gestrichen wurde. Eichler war mit anderen +Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen, +zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter +geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter +Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der +Berliner Weltausstellung entstanden. + +Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die +Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer +Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der +Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer +preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für +die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar +in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der +Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich +gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das +Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den +Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich +allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter, +der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat +der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern? +Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins +sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große +nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu +verwendeten, ihre Lage zu verbessern, „die begrüße ich hiermit im Namen +des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des +Nationalvereins“. + +Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie +zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder +fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab. +Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin +ging — Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich —, blieb diese über die +Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht +mehr im Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der +bekannten Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle +führte. Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre +Forderungen und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde +verabredet, daß der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle, +bis er (Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in +Staat und Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe, +deren Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle. + +Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in +der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man +ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und +Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen +Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein +Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang +Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in +Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und +Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung +eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte +Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in +Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte +sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit +zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in +dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die +Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte. + +Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher +Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen +das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die +Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die +_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser +Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach, +hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die +Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene +Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat +allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen +daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten +Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei +Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte, +erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz +ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht +sich auch ohne Wunder immer wieder. + +Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine +Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und +mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend, +falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich +abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der +Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich +bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und +Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme +rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich +aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr +an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für +die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach +verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen +mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr +unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee +erleichtert. + +Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich. +Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein +Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins. +Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische +Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl +politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch +Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu +gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus. +Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein +Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich +keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation +konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die +gleichen Ziele verfolgte wie der unsere. + +FUSSNOTEN: + +[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats +Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit +Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten +(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst +wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen +gelernt und bei Eichler verwendet. + + + + +Lassalles Auftreten und dessen Folgen. + + +Anfang März 1863 erschien Lassalles „Offenes Antwortschreiben an das +Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen +Arbeiterkongresses zu Leipzig“. Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung +hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins +die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche, +geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch +nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen +meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede +meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte. +Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des +Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals +ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte. + +Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht +entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der +kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die +Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen +Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die +Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter +so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und +doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen +Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, +Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und +Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen +Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit +Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte. +Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im +Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein +unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben, +die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen +Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das +Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und +Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer +politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und +betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse, +die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute, +sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse +war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles +Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen +Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es +vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die „Kreuzzeitung“, +waren, die Lassalle objektiv behandelten — weil ihnen sein Kampf gegen +den Liberalismus ungemein gelegen kam —, erhöhte den Kredit Lassalles +und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich +vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als +fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen +Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen, +wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der +sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals +lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später +dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer +nur wenige. + +Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses +sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des +Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein +Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere +Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche, +Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die +eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ +noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast +vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie +sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel, +Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz, +in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen +außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener +Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar +Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg. + +Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache +und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger +hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem +von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht +ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die +sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen +konnte. + +Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen +Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee +zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten +Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr. +Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut. + +Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer +großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen +jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist +unter dem Titel „Zur Arbeiterfrage“ erschienen. Die Versammlung war von +ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch +vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter +Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne +gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter +durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas +eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit +Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer +Disputation à la Luther kontra Eck kommen. + +Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition +finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein +persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher, +schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf +dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die +Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch, +doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete +unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der +andere mit Zischen antwortete. + +Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine +längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit +in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die +Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die +Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er +protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die +Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu +bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er +meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr +taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im +Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können. +Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen +des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten +mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig +bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh. + +Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht +darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf +seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen. +Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen +sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren. +Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich. +Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M. +gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner. +Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen +Fortschrittspartei und des Nationalvereins — zwei Organisationen, deren +Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun +Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes +lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke +nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes +Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas +Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten +Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von +Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig +eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite +stand. + +Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung, +sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in +derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut +machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen +Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner +Arbeiterbewegung. + + * * * * * + +Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal +gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von +jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft +Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs +mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton +gewöhnt sind — der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf +denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke +Meinungsverschiedenheiten geraten —, so flogen die derbsten Grobheiten +und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch +zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden +Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte +ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite +war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann +also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in +einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um +eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich +auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben. +Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die +Lassalleaner. + +Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die +größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah +erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich +ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen +schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen +spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt +dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur +Freude der Gegner. + +In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die +alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem +Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine +Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde. +Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des +Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine +Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung, +daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie +ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen +Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch +stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am +20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben. + +Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze +und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder +unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit +überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb +als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich +selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos +gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den +vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit +den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die +einfach nicht mehr beachtet wurden. + +Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen +Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der +Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie +weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die +deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, +unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten, +die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der +Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den +ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe +Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen +deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in +politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen +Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst +überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß, +durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren +Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen +drein, sie kommen nie einem solchen zuvor. + +Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig +gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine +Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen +Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med. Reyher +— ein Schüler Professor Bocks — bald darauf sein Amt niederlegte, rückte +ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872 +innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die +mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche +Reich zuerkannt worden war. + +Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche +städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für +Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts +gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der +politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr +nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung +zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im +Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten +sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine +Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch +nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre +den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch +brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins +hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten. + + + + +Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine. + + +Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich +geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863 +auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen +lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling, +bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in +Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in +Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in +Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere +Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge +waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von +Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges +Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen +Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl +Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband +zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen. +Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine, +meist Bildungsvereine, ins Leben. + +Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die +Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach +Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser +sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten, +für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen. +Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die +Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen +treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser +Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten, +für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle +Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom +republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler, +aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet +wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten +Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische +Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende „Deutsche +Wochenblatt“ wurde. + +Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die +politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn +der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte +ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der +sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die +Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein +Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen +Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die +Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische +Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament +bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden +sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in +der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht, +ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864 +anfing, sehr aktuell zu werden. + +Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im +Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines +Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai +1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die +politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v. +Schweitzer — der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte — für +eine besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter +dem Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der +gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes. +Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das +Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In +Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich +eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen +kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem +Arbeitertag in Rödelheim — 19. April 1863 —, auf dem Professor Louis +Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung +gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle +selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten. +Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein +Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie +ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle +gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle +sprach, hatte dieses Schicksal. + +Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19. +Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach +Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war +der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den +Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem +Handwerkerverein zu Düsseldorf. + +In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen, +die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich +gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber „ein so wichtiger und +fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche, +glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und +Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem +gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht +aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu +verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner +verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und +Zersplitterung der ganzen Bewegung werde.“ + +Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später +erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in +Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien +Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die +Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie +einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der +Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine +erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein +wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren +in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der +Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden. + +Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August +Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich +mit den Worten anredete: „Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich +ausgeschlafen? Es wird Zeit.“ Etwas geärgert antwortete ich: „Wir sind +früher aufgestanden als viele andere!“ Röckel lachte, er habe es nicht +bös gemeint. + +Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der +rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer +Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor +wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte, +ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der „Münchener Neuesten +Nachrichten“, die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber +ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten. + +Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch +spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen +roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß +ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem +man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht +ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu +Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals +auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit +souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in +der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen +Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam +die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur +aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den +Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein +Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der +alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle +zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch +durch allerlei Frauengeschichten „sittliche Bedenken“ in der +Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der „sittlichen +Verfehlungen“, die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich +zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte +seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen +Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine +ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der +später auch für das Sozialistengesetz stimmte. + +Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt +a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen. +Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag +eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete: + +„Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine +stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß +er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine +sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der +Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und +wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit +allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden, +einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der +Menschheit arbeiten.“ + +Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des +Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den +Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des +Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von +einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung; +es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von +Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil +man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. +Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der +Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der +linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der +Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das +forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der +Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu +gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem +Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich. + +Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach +Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden, +über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit, +Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein +weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den +Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften, +deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl +er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von +Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des +nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In +dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles +nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch +sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher +Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf +kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden +konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und +Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, „manche Sorge +wenigstens teilweise zu beseitigen“. Hier lag wenigstens keine +Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die +Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der +Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und +unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei +diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von +Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf +meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen +bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die +vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so +folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner +erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen +nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch +könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese +Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne, +der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen +protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit +Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf +gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie +Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern. + +Die schließlich angenommene Organisation lautete: + + * * * * * + +I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen +von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen +lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter +den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu +erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur +Anerkennung zu bringen. + +II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der +arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann. + +III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen +Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch +schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter +freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige +Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt. +Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den +Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf +Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder +Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an +einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich +eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen +Blättern, jedenfalls aber in der „Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg +und in dem Frankfurter „Arbeitgeber“ veröffentlicht. Jeder Verein, +welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von +zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben +diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden, +doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen. + +IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf +Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte +beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des +nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung +nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen +Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die +Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen, +fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die +Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige +Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die +Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich +der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er +sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung +der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der +Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung +der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die +Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des +Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt. +Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die +Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität +der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf +schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß +und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der +Präsident. + +V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von +demselben festgesetzt. + +VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die +Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat. + +VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich. + + * * * * * + +In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max +Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw. +Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die +Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm. + +Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen, +waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler +pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck +zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine +nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den +Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im +Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500 +Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso +wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um +von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was +Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois +vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich. + +Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst +im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später +in der „Kölnischen Zeitung“ in einer für mich ungünstigen Weise +auszunutzen versucht wurde. + +In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig. +Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen +schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden +zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die +Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht, +obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages +Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann — ein Württemberger, der eine +katilinarische Existenz führte — hin und verfaßten ein überschwenglich +gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um +Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst +nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen +meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die +„Kölnische Zeitung“, die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die +empfangenen 200 Taler — nicht 300, wie sie behauptete — vor einigen +Jahren veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei +Unterschriften rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich +entschieden verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir +namentlich Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und +könnte der Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß +bei den Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig +überließen. Daß er die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr +Interesse für die Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe. +Das Geld wurde indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde +aber sehr sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die +Agitation für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren +von den 200 Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden. +Das war allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von +1865 bis 1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben +eine so rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige +auf dem alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter +dieser Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung +begriffen und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867 +offiziell seine Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten +hatten, ärgerte viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht +verwinden konnte. Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der +Wahlagitation mir entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß +wir jenes Geld angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen, +daß all seine Mühe, mir zu schaden, vergeblich war. + +Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied +des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke +ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all +den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in +der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den +Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen +war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu +reden, „geistiges Ehrenmitglied“ des Nationalvereins zu sein. + + * * * * * + +In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das +Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen +Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit +Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen. +Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir +auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die +sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für +kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864 +kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig. + +Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung +Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte. +Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis +5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede — die +ich einstudiert hatte — elend stecken. Mein Temperament war mit meinen +Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. +Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt +wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin +gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch +war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet, +Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die +Entwicklung nach links hielt er nicht auf. + +Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden +zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die +bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem +Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die +im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn +v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten +werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen +und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu +beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig +angenommen wurde: + +„Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn +v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes +abzusehen.“ Eine zweite Resolution, lautend: „Die versammelten +Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für +die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten“, wollte der +überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil +dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine +scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit +der Auflösung der Konferenz drohte. + + * * * * * + +Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß +Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei. +Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der +weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp +befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen +Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so. +Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit +erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald +untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in +dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im +Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner +Richtung seiner Aufgabe gewachsen war. + +Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden, +dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger +„Allgemeinen Arbeiterzeitung“, die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in +Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen +worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft, +das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an +dessen Schluß es hieß: + +„Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil, +der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet, +eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen +jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines +Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag, +mit dem gewöhnlichen Maße zu messen.“ + +Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin +Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen +Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz +Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von +Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die +Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb +Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen +entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die +Situation ansahen. + +Der Brief lautete: + + * * * * * + +„Lieber Freund Sonnemann! + +Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf +telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen +wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der +Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich +glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht +und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen +Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht +wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas +geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines +entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen +Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und +etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der +Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden +Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele +entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht +ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere +Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen +von weittragenden Folgen sein — im gegenteiligen Sinne nichts schaden +kann. + +Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu +energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die +Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen. +Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal +dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der +Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu +geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den +Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele +Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man +Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen.“ +Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen. + +In einer Nachschrift heißt es: „Würde es Dir als Präsident der +Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die +Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir +alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß, +ebenfalls übermitteln werde.“ + + * * * * * + +Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt, +jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es +mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie +Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf +den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen +hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger +Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem +von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag +möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die +einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen, +waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten. +Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren +berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen +Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder +Sonnenschein gewähren konnte. + +Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation +insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen +bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf +die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die +Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des +Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für +Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein +Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz +wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte +Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der +Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als +Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und +zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher +Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren +Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde. +5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des +Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des +ständigen Ausschusses. + +Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren +Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher +Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz +waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen +übrig. + +Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3 +Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals +in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen +der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter +Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und +zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen +Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich +zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des +Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger +Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A. +Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee. + +Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und +mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der +Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der +Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu +tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales +(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne +Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern +sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er +sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei +seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte +Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes +Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von +meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf +den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene, +als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem +bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort +verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und +legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von +keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine +referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den +ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch, +Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger +Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren +war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für +Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim, +Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M. + +FUSSNOTEN: + +[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt. + + + + +Friedrich Albert Lange. + + +Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit +Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen +Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst +sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der +liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den +ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem +Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht +beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die +Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der „Geächteten“ und +„Isolierten“ in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den +Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar +1865 erschienenes Buch „Arbeiterfrage“ zeigt. Wenn in der später +erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht, +wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus +nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich +dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens, +dem er leider zu früh erlag. + +Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte +nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst +aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon +andeutete, mit der „Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Konflikt +gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des +Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft. + +Bei der Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, wahrscheinlich auf +Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt +untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war +im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung +gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger +Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein +günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger +Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr +eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als +einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe. + +Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung +eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine +Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die „Arbeiterzeitung“ erreicht, +daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung +hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag +mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat, +unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die +„Arbeiterzeitung“ darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie +nunmehr die Sache anders ansähen. Die „Arbeiterzeitung“ hat denn auch +später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen. +Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag +persönlich bei mir. + +Die Ereignisse des Jahres 1866 — auf die ich später zu sprechen komme — +und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in +Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein +Blättchen „Der Bote vom Niederrhein“ eingehen und folgte einer Einladung +seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der +Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt „Der +Winterthurer Landbote“ ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen +Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine +Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der +junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der „Züricher Post“, +traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine +demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit +mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue +Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und +fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl +der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens. + +Mittlerweile war ich — wie ich vorgreifend bemerken möchte — +Vorsitzender im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt +nunmehr, die Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager +zu bestimmen. Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir +klar. Ich hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb +an ihn am 22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor +O.A. Ellissen,[3] einen „sehr merkwürdigen Brief“ nennt, in dem ich ihn +bat, das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu +übernehmen. „Neben der Wehrfrage — so schrieb ich nach Ellissen weiter, +der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand — steht noch so +mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und +Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist.“ Ich sprach weiter +in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer +Spaltung, „es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig +schwankende“. + +Lange antwortete am 5. Juli: + + * * * * * + +„Lieber Herr Bebel! + +Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine +Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war, +um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier +eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé +und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied +zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu +tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein +ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur +Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich +vor Vollendung der neuen Verfassung — wir sind froh, wenn sie noch in +diesem Jahre fertig wird — nicht mit Sicherheit über meine Zeit +verfügen. Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann +nicht sicher wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen +Bedauern das Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine +Zeit es irgend erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich +meinerseits ebenfalls mich danach sehne, so viele wackere Freunde — +leider zum Teil in getrennten Lagern — wiederzusehen.“ + + * * * * * + +Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt +nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf. +Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich +ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als +Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn +festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner +Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag +er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer +der Besten aufgehört zu leben. + +FUSSNOTEN: + +[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen. +Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch. + + + + +Neue soziale Erscheinungen. + + +Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß +zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der +die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte. +Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu +einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein +Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben +Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die +Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der +Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters +war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an +Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen +hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung. + + * * * * * + +Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe, +die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen +große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg +bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der +eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen +folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die +niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn +betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die +Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24. +März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den +Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der +Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war, +mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete +in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt +war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der +Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der +Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen +Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen. + +Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die +Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die +Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen +Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich +mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse +sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben. + + * * * * * + +„Leipzig, den 11. Mai 1865. + +Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M. + +Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage, +auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine +Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen, +muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an +den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über +die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin +arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen +Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu +wenden. + +Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut +über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man +nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst +erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer +Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und +Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten. + +Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde +mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma +Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der +Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich +nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde, +weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind. +Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu +Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine +ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat +war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun +würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den +Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so +unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit +(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von +jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde. + +Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich +merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die +Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung +einfach nicht wolle. + +So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission +kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie +habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den +Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es +denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen +erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man +keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte +Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen +bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es +den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte +tun möchten. + +Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere +Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich. + +Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im +Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man +beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt. + +Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben. + +Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie +die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung +machen. + +Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer +Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach +einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu +treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber +bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im +Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie +die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit +den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der +Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die +Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und +abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe +der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur +Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der +Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“ + + * * * * * + +Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai: + +„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine +Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine +vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der +Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und +beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht +etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch +allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem +Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als +Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben. +Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als +Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht. +Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu +bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war. +Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals +an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die +Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv +würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch +das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß +die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale +mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und +diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen. +Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß +ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen +genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin: +die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit +gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt +worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen +durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um +Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß +allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig +vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“ + + * * * * * + +Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik +ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“ +Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die +Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese +erlangte er nicht. + +Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort: + +„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß +ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig +aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und +zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des +ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe, +werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen +Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner +Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen +dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu +stellen. + +Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch +verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener +Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung +abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte. + +Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen +Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir +ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche +Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v. +Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache +zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die +Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe +erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission +anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei +er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man +sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser +letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie +vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht +die rechte war. + +Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit, +zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei +nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in +Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies +dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen, +mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend, +als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes +begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf +aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit +vormittags 1/2 10 Uhr. + +Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das +mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe +sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre +Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals +zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das +geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der +Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet. +Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen +Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen +zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns +nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese +abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen. + +Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht +zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive +der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in +Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man +doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu +wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die +feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch +aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt +würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit +Geldsammlungen zu unterstützen. + +Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren, +als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir +dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich, +sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des +ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen +genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen +Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“ + + * * * * * + +Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an +Sonnemann, in dem es hieß: + +„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die +Buchdruckerangelegenheit zu berichten. + +Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission +auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte +diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging +darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale, +um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete +und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei, +indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben +würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der +Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser +Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale +lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession +in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen +wollten. + +Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich +sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den +Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung +mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für +notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die +Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit +diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen +vorzulegen und mir Bericht zu erstatten. + +Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man +motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht, +weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als +Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst +hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem +Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze +Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen +könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte +sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er +abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit +noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite +dazu auf. + +Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich +beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle +anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen, +welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg +davonträgt. + +Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen +Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit +dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von +auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen +einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern. + +Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei +mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus +nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann +die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls +ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die +Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“ + + * * * * * + +In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in +einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles +beim alten. + +Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder: + +„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts. +gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen +Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die +Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser +ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr +schwer werden.“ + +Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem +Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in +Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich +wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die +Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in +erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten. +Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete: + +„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts. +über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden +dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten. +Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann, +wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich +durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen +Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last +der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und +ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen +von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch +genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich +gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr +erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu +schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte.... + +Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche +Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der +vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war. + +Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke, +dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war). +Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband +zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen +Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über +Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu +lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren. + +Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der +größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des +Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell +auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine +Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch +Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die +Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die +Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls +zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel +nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen, +Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im +alleräußersten Falle anzunehmen.“[5] + + * * * * * + +Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer +Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung, +als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau +der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in +den Streik eintraten. + +In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni: + +„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum +Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten, +konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich +deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang +bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue +Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden +können. + +Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden +die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen. +Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen, +obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter +Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3 +Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die +Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im +Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“ + + * * * * * + +Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes: + +„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung +an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht +aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen +sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu +opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen +jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich +geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so +wäre es für den Augenblick genug gewesen. + +Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es +den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur, +ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für +sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt +ausgesprochen.“ + + * * * * * + +Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die +Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer +Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die +Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen +zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten +entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu +vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des +Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs +wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die +Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was +ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es +meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten. + +Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks +veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses +auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der +man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund +dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten +Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man +selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun +hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts +weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die +Sympathie für diese nicht. + +In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um +gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und +Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten +Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter, +sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne +Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das +Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen +Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte +guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns +gemeinsame Sache. + +FUSSNOTEN: + +[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht +mehr zu entziffern ist. + +[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch „Die Internationale“ (Leipzig +1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren +Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um +die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den +Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können +unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband +der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes; +zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen +Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der +Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den +Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die +Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft. + + + + +Der Stuttgarter Vereinstag + + +Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf +den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf +demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte +vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm. +Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard +Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in +Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor +Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe +erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist. +Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter +Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit +mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum +Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche +Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim +gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten +linken Flügel der Demokratie. + +Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später +Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und +der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung +war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“ +wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre +darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften, +wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz +für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war +recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch +hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und +direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen +Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die +Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die +Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der +badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung +beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich +änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche +Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig +angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht; +er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses +Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen. +Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der +Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen. + +Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in +seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die +Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem +schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau +mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen +und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage +nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte +ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des +Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer +fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen +Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen. + +Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer +Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen +Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler +und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation +erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von +jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen +Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen +Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder +einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des +ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch +eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines +Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom +Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen +Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade +kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine +bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der +Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug, +angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied +der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan +nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit +dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen +starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß +die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr +lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel, +Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange, +Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann, +Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß +gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger, +der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war. +Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm +sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen. + +Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen +Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so +deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in +der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die +Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer +lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen +und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der +anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der +Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische +Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden +Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue +Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand +hochgradiger Erregung. + +Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des +Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des +Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42 +Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf +deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter +Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten +und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale +Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als +ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der +gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme +verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich, +um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den +reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze +müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im +Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte +ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab +und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller +tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches +Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in +Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem +Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen +Weines mit Vesperbrot. + +Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt +„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die +deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht +ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke +schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren +waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten +wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei, +daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich +führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich +abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb +schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach +Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr: + +„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in +diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung +überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den +nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses +deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das +Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre +wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben +werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel +Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein +gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder +gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich +mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder +Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich +nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach +Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen +König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v. +Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft +haben....“ + +Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident +des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen +Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v. +Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern +und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das +Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines +Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der +aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18. +März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen +hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war. + +Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in +Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben +hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der +siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem +Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug, +hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt. + +Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die +Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands +dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er +ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer +unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die +friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden, +zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil +wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem +23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt, +eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original +gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw. + +Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten? + + * * * * * + +Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die +Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen +Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und +Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer +Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen +versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder +die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um +mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der +Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben. +Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§ +183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von +Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen +ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und +Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis +bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern +oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das +eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung +derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit +mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im +„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede +gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit +fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184 +habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch +in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die +immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und +Genossen aufs schärfste an. + +Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der +konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem +er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über +den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen — +abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf +vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der +Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung +aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen +angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es +ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung +innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig +zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine, +begründet durch das Gesetz. + +So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen +Bourgeoisie das Wasser abzugraben. + +Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in +Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die +Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen +Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer +nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen +Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ +die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister +Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des +Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen. +Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre +Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte +darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden +zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich +war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung +unmöglich. + +Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In +Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und +Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst +zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu +verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger +„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und +spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache +benommen hatten. + +Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr. +Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen. +Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die +Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va +banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend +einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser +wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich +senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was +der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am +31. Juli 1865: + +„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln) +betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die +Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die +Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene +Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese +Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen.... + +Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische. +Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann +wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich +im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich +glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen +zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation, +das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den +Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe +niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei +vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen. + +Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern, +Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit +dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns +einstweilen den Zusammenhang pflegen.... + +Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die +politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil +ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen +Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich. +Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen +als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche +momentan liberal flöten, erst recht_.“ + +In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang +meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch +sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft +gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach +der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt +zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das +Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig +aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte +nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was +wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst. +Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so +fortfährt.“ + + * * * * * + +In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer +Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte. +Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10. +Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es: + +„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan, +mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die +Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder +Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit +der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister +müssen ja aufeinanderplatzen.“ + +In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten +die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden. +Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und +Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen +erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in +der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und +Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus: + +Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des +Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und +nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der +Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen +Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten. + +Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede +das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein +ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht +wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung +des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen. +Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke. + +Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei +deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein +konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu +dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große +Volksversammlung unter Bandows Vorsitz. + +Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein +Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen, +auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen +wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der +Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste +zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze +stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war. +Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher +Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer +1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich +über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war +dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer +und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter, +dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von +Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden. + +Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag +gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es +auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für +diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen +Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur +Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen +wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten +solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei. +Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg. + +Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem +Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der +schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das +sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und +dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v. +Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr +v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren +aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in +Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund +des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle +Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v. +Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die +Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere +Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der +Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche +geleistet. + +Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen +verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer +fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den +Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle +Liebknecht. + + + + +Wilhelm Liebknecht. + + +Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen +ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862 +nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses. +Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich +Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt, +im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die +„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben +Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht +für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von +beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten +Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das +Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht +stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall +wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben +für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort +veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der +Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm +Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen +Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung +aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von +London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt +mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen +lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in +Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in +Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl +kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die +„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im +Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter- +und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte, +als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des +„Sozialdemokrat“, ansah. + +Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel +am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier +sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages, +Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken +und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich +natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß +aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach +der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer +Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich +ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch +auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er +war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte +nicht, daß wir uns bald befreundeten. + +Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der +Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen. +Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die +passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit +erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig +zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender +willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen. +Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der +englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine +allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich +später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage +wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war +und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht +seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde +sich in zufriedenstellenden Verhältnissen. + +Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell +in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner +späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich +öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen +Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der +Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei +Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten +Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab +und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die +Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere +Heiterkeit erregte. + +Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine +Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für +denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger +Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift +von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der +Buchhandlung Vorwärts erschienen. + +Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen +Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein +noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte +ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen. +Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe +der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern +gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen +gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze +auszugleichen suchte. + +In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und +Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein +großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen +Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu +finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine +vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer +Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so, +daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder +ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere +Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues +Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht +sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so +konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich +darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von +Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb, +waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste +Bekanntschaft gemacht hatten. + +In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu +schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde. +Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der +Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel +an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm +getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich +von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun +gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es +merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden +wäre. + +Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich +gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu +danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in +München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt, +Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im +September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht +hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen +Paulus zu machen. + +Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns +kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus. +Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig +studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht +war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels +in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang, +der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen +erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich. +Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß +nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem +Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus +jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“, +er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner +Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte: +„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber +Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem +Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den +Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was +sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die +Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte +allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im +Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen +Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang +mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses +Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe +mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute +Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische +Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die +deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf +Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere +theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht +von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit, +die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten +theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner +ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die +große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung. + +Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über +Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, +noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von +Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste +Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand +ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 +erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und +zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859 +erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren, +aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz +gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu +verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx +und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und +Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx +in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse +für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift +lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale +bei. + + + + +Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen. + + +Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr +zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle +verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung +vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige +Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die +Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung. +Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war +der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger +Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor +Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit +war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte, +auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem +behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen +Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In +letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des +Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe +nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe. +Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch. + +Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865 +abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines +Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war +zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen, +die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des +Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und +beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau, +deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches +Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die +Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten +werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die +Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits- +und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die +Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen +werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in +einer Privatbesprechung verständigen. + +Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser +Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu +ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die +Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter +denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals +ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber +das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es +kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr +nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung, +unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut +vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen, +was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag +vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den +Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die +Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar. +Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung +den Vorschlag zu erklären: + +„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den +Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der +Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen +oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung +aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die +Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt +es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“ + +Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger +Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz +stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte. + +Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem +die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer +auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch +wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden +Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins +(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die +„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“ +in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte, +er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser +Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den +Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an. + +Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus, +daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht +erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel +Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine +Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der +Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen +Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze +dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen +und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten +haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee +niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz +Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald +als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation +beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen +und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage +so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund +drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine +Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die +politischen Forderungen in den Vordergrund. + +Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden +statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung +auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für +Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich +den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen +Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem +Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene +Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen +Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er +auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es +nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der +die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und +Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der +Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte +teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine +Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für +Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen, +Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat, +Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der +Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee. +Försterling wurde dessen Vorsitzender. + +Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in +Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des +Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches +Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische +Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen +der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt +ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir +forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die +Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments, +eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als +selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament +Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne. + +Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von +2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam +lauteten. Darin hieß es: + +1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm +nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir +erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als +Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und +die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk +nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten +entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt +werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir +verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche +Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des +allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung +und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die +Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der +Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament +einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne +der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen +Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung +der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung. + +Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und +Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der +Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang +dieser Deputation abgelehnt. + +Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt +durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag, +Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher +Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war +und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins +Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt, +wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe, +erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt +zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für +ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei. +Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare +Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit +der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu +richten: + +„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung +der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter +Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz +Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die +Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“ + +Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen +Richtung, als man erwartete. + + + + +Die Katastrophe von 1866. + + +Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung +zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu +geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich +und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem +Schlachtfeld zur Entscheidung brachten. + +Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von +neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs +die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX. +erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an, +sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der +denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII. +verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu +Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief. +Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die +Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen +und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ +durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht +erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen +die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem +Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage +im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man +erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen +Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851, +die Hauptschuld trug. + +Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er +bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v. +Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem +betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle +Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle +Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden +wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen +und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in +Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“ + +Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den +Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die +Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen. + +Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für +Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß: + +„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln +gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen +kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen +zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“ + +Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der +Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem +Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das +ist der Fortschritt seit jener Zeit! — + +Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der +massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung +von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen +Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem +Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für +ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen, +die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In +Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem +selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine +patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei +den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten. +Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere +Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches +geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die +Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben +Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig +statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das +Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen +benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar +mit. + +Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der +Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß +eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie +betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem +Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese +bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne +wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863 +abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war, +erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen +deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für +dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten +wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren. + +Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse +aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die +Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen +Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner +verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter +Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt +nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst +drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die +schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es +gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg, +gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt +der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt +waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen, +die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im +Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und +Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch +ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2 +Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen +den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80 +Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich +vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht +stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach +langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von +Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von +Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war +der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen +Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt +der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle +Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos +unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten, +wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein +allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt +seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten, +damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen +kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als +türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn +v. Manteuffel. + +Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein +konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die +Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die +konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach +Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete +er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch +dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons +Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen +Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische +Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits +schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle +Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden +losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine +„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den +italienischen Staatsmännern, die später der italienische +Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“ +veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen +außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die +allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte +Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen +Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken +keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr +Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit +einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren +hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen +würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde. + +Dieses Programm wurde prompt ausgeführt. + +Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone, +seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel +weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die +Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an +Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des +preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse, +ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen +europäischen Krieg nicht auf sich laden.“ + +Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch +Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich +zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall +von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht +schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische +Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen, +und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten +ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für +diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden +sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage +erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das +diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit +Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen +seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die +Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und +allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für +einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber, +bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen +für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen. + +Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit +intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu, +sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten +Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen, +er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der +Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung +des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die +eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84 +der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles +andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische +Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu +erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution. +In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen +Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den +Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die +südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher +herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes +handelte. + +Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten +Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl +der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören +könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der +Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine +Befürchtungen. + +Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen +Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager +getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen +konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und +opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des +Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von +mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen +Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die +Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter +Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das +Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die +Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht +in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der +Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung +verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden +war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer +Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen +wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate +zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen +Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im +Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an +den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom +Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken. + +Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende +Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der +Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen +Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die +österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den +Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der +Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen +konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch +diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die +Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren +Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der +Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an +Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das +Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine +deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt +notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine +Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen +Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls +lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen. +Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen. + +Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen +immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen +dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn +sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit +auf österreichischer Seite stehen würden. + +In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die +sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges +verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die +Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai +dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen +besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten +politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw., +für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns +anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die +erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und +Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die +Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum +Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich +schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich +jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen +Deutschland entgegentreten. + +Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und +begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution: + +1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und +das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen +Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der +Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze. +2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik +betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes. +3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes +Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß +das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die +jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle +eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet +dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich +erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu +vertreten. + +Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und +Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und +Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die +meinige einstimmig angenommen. + +Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über +jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient +so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand +vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des +Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz +tagte, im gleichen Sinne aus. + +In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des +Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf +den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M. +Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine +Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich +eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten +besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses +eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war +auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der +Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der +alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze +schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie +damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte, +wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt +werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß +zu machen? + +Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die +Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve. +Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer +Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des +Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen +Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung, +daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch +ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten. + +Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche +erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in +Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende +Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses: + + * * * * * + +Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher +Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des +Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die +Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der +preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der +unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt, +dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites +hinausreichen. + +Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken +dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig, +gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen +haben, und nährt die Gelüste des Auslandes. + +Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder +aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines +schweren Verbrechens an der Nation schuldig. + +Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation +diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten +deutsches Gebiet preisgeben. + +Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig +ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu +verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz +Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum +beschränkt werde. + +Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des +Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten, +durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken +und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte, +mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten. + +Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet +wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen. +Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre +Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität +des deutschen Gebiets einzustehen. + +Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen +zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von +ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben +ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes +sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den +jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion +entspringen zu sehen. + +Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die +deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist +auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine +freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr +solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige +Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten +Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen +Nation gefordert werden. + + * * * * * + +Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7, +nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem +Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer +sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese +der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt +hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der +Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und +Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er: + +„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt +hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh +waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen +miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte +Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes +sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in +Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen +aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen, +welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“ + +Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus. + +Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der +Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß +alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man +befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein +Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der +Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und +Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher +Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt, +um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem +Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit. + +Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer +Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant. + +Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer +Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung +statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort. + +In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert: + +1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten +Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein +solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen. +3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen, +dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete +Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4. +Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in +politischen Vereinen zusammentreten. + +Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein +Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt +einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß +wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des +Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel, +Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg, +Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v. +Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau, +Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch +Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona. + +Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm: + +A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der +deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der +Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der +Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine +preußische, keine österreichische Spitze. + +B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die +Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen; +beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der +Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und +des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in +Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über +die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung +Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand +Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein +Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die +Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer +Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann +von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die +Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_, +wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine +nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft, +sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die +gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu +verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur +eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte +Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der +nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig +entscheiden. + +Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur +Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil +mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende +Proklamation: + + * * * * * + +An das deutsche Volk! + +Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen +Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen +an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos +genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des +schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz +Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche +Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen +Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei +zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen +und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der +Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen +Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in +Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen, +bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk +zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von +Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht +sei. + +Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem +Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der +schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei +über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit +Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte +Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig +ist. + +Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in +Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht +für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig +Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im +eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück, +darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie +mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im +Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit +voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der +Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine +Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_. + +Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des +deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen +Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das +deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten. + +Frankfurt, 1. Juli 1866. + +Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai. + +I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel. + + * * * * * + +Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig +hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation, +fehlte. — + +Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten +Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu +Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten +Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben +wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main +und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen +österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder +ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser +Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch +äußerte er: „Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche +alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!“ Eine +zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni, +verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit +„klingendem Spiel“ die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die +Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen +Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke +zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben. — + +Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu +einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen +politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze +Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg. + +In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein +preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für +Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte, +gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine +Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die +preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich +sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu +nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits +bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß +aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden +Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede +volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der +Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der +Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen +Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des +Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine +unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit. + +Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge +hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer +der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit +eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die +Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und +bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der +Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der +„Arbeiterzeitung“ zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen, +die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und +die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte, +hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive +Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte +entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu +bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen +des Blattes einzustellen. + +Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum +abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200 +Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte +auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera +in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber, +denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann +auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten, +die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen +beschäftigte. + +Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur +Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch +dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu +werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage +ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem +Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als +es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ. +Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt +Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni +sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe +einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die +Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen +Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien +seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen, +worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen +Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel +lautete: + +Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der +kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen +Landesteile (Luxemburg und Limburg). + +Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten +vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig +Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren +Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die +mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen +focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei +Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war +gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien +entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs +mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen +werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v. +Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die +italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen +setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht +erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen +Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die +Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im +Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La +Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung +Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur +Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die +zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg +endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen +suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen +Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem +Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz +Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz +treffen. + +Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868 +bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber +anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die +Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in +der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt +Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge +im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine +Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr +Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand, +Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg +abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu +Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen +in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen +und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen +Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck, +Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten +sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an +Italien abgetreten. + +Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den +deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei +Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie +Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit +Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates +verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung +getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden +Ausruf veröffentlicht hatte: + + * * * * * + +An die ungarischen Soldaten! + +Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der +gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch. + +Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus +Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen +Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere +ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint +jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben, +hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den +Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der +Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien. +Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes +heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet +denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen +erwarten. + +Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle +Vaterlandsverteidiger werden? + +Es lebe hoch das Vaterland! + +_Klapka_ m.p., ungarischer General. + + * * * * * + +Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen +Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf „An die Einwohner des +glorreichen Königreichs Böhmen“ veröffentlicht worden war, der Stellen +enthielt wie die folgende: + +„Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch +den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre +nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein +günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!“ + +Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei +dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten +Niederträchtigkeiten — und als eine loyale Kriegführung konnte man doch +die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen —, sie wurden +entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine +Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine +auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen +Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen? + +Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern +begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland +an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter +Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer +Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten +die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die +Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich +Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der +„Preußischen Jahrbücher“ Bismarck aufforderte, die oppositionellen +Staaten — Sachsen, Hannover, Kurhessen — zu vernichten: + +„Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung; +ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen +deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation.... +Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die +Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation +als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der +achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit +einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch +geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über +Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit, +aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze +der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut +und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch +weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration +die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die +Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers +mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden +kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine +Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den +Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt, +rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten +und entweihten Krone — wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend.“ + +Und er schloß: „In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die +_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir +wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus +zurückkehrt auf den Thron.“ + +Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt +wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen +zusichern, „daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen +Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse +zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes +begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät +oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines +politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich, +polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in +seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll“. + +Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden +wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den +damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und +eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen +angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein +Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische +Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich +ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig +und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und +seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für +Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit +Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht +gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre +unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden, +das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847 +noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das +preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut +Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche +gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie +in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer +Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was +man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher +im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung +zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf. + +Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium +Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf +Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als +Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so +stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich +war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat, +ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für +dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen +Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist +sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung +nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber +sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch +den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles +der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine +Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen +Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge +gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der +Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft — von der +Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden — hat zehn Millionen Deutsche in +eine fast trostlose Lage versetzt. Unsere „Patrioten“ geraten in +nationale Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt, +aber an dem Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen +in Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß. + +Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter +unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam. + +In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar Bucher — +also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste — über den +Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: „Ein Sieg der +Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel.“ + +Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: „Nur in dem _populären_ Krieg +gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation +_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_....“ +Lassalle ging noch weiter und führte aus: „Eine Besiegung Frankreichs +wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence. +Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa +gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung +darstellt.“ Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: „Nur zur +Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch +im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische +Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon +mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung +ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei. +Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_.“[6] (Zugunsten der +Revolution.) + +Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt, +sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: „Endlich aber ist die +Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine +Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der +Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau +und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die +Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und +gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind, +daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen +Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen +großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen +Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen, +aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar +erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk_.“ — + +Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den +Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend +in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die „Mitteldeutsche +Volkszeitung“ gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten, +weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand +des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich +erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es +war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das +Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der +preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten. +Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei, +würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein, +in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und +so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei +Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt +wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich +ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen +Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt +hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen +unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt. + +FUSSNOTEN: + +[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels. +Stuttgart 1902. + + + + +Nach dem Krieg. + + +Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen +Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die +Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen +Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war +für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm +nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen +sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein +Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm, +ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu +rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu +einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung +vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der +Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben +stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands +in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine +Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen. + +Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an +der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue +demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete: + + +Forderungen der Demokratie. + +1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines, +gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen +Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der +Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden +Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament, +welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat. + +2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine +erbliche Zentralgewalt. — Kein Kleindeutschland unter preußischer +Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland +unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche +dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit, +Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen +Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen. + +3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession. + +4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung. +Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und +des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und +würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der +Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht. +Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung +der der Volksschule Entwachsenen. + +5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und +der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der +Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines +deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des +Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit +der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde. + +6. Selbstverwaltung der Gemeinden. + +7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der +Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und +Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren. + +8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie +Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht. + +Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben +ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich +von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden +war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der +in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz +nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner +Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht +warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist +sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er +bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung +erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine +Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner +Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee, +das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe, +der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war — weshalb er sich +gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen +hörte —, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre +zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den +legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls +dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich +gründlich lächerlich zu machen. + + * * * * * + +Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen +Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die +mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das +Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer +absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei +wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens +im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung +der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung +der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es +stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht. + +Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden +sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach +bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte, +deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge +herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor +allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer +Kräfte zu befriedigen. + +Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe +der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten, +wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien +insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die +große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur +politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was +der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei, +daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung +des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie +Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten. + +Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten +gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß +vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei +verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not. + +„Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist +gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner +gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme, +Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die +große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die +Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von +keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder +höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im +Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an +den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine +willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische +Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt +der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere +Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu +entziehen droht.“ + +Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu +gehen und allen Hader schwinden zu lassen. + +Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der +ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden +durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte, +war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen +könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen +Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er, +daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben +habe. + +Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag +nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit, +die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer +bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die +sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung +_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben +spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und +Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der +Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt, +und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als +selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu +wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr +als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume +schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem +ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte, +was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich +mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses +einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die +Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren +Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde, +entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers +schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein +Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und +verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit +und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei +agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders +tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate +lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie +erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen +sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin +und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben +Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis +verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein +gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das +Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v. +Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft +Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein +politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat. + +Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang +Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866 +nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten +aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte +nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die +Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis, +Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18. +Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps +kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den +Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst +in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis +nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich +siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400 +Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er +mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm +voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm +zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen +nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf +meinen Gegner fielen 4281 Stimmen. + +Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt. +So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem +Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich +hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit +in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich. +Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt, +von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn +einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte, +nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den +Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst +den Wagen. + +Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten +Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die +künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission +aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die +Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von +Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau — der Turnergötz, der damals ein +roter Republikaner war — und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v. +Schweizer und Dr. Reincke — der, als er später sein Mandat niederlegte, +durch Fritzsche ersetzt wurde — und in einer Nachwahl Hasenclever +gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich +ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v. +Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen +Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der +Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war +ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so +heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu +reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe +gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte. + +Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später. + + + + +Die Weiterentwicklung. + + +In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel +abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte +festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres +eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die +Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die „Allgemeine +Arbeiterzeitung“, war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine +Monatsschrift, „Die Arbeit“, die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben +und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer +wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in +den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues +Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel „Arbeiterhalle“ von +Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage +erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt +erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es +einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten +und von Liebknecht redigierten „Demokratischen Wochenblattes“. Endlich +wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen. + +Mit der Gründung des „Demokratischen Wochenblattes“ war einem von uns +allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin +kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten +konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und +soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat +vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber +waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden +gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten. + +Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte +mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867 +schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund +bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil, +daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848 +nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien, +die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung +mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer +noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik +fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im +Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine +losgehe. + +In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege, +ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867 +hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich +präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des +sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen +Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des +Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und +Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und +Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der +Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber. +Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die +Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie +gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die +Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage +vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß +diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der +Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen +sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche +Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine +vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen. +Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen +7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten +deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der +ständige Ausschuß erklärte. + +Dieser Vereinstag — der vierte — wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten. +Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein +Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus +Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar. +Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische +Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum +Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei +Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller +Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der +Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und +Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die +Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in +sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem +er in einer Resolution erklärte, ihm „im allgemeinen“ seine Zustimmung +zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler +referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur +Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV +wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere +sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde +von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses +Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der +Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle. +Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland +verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des +Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate +gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33 +Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit +war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht, +was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt +einigermaßen aktionsfähig. + +Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über +die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes +Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter +getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich +hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet, +die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution +besagte: + +„Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es +den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß +Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer +eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden +Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit +erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist, +einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als +notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über +die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des +Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem +Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die +Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden +Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf +Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung +der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen +(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch +Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung +der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter.“ + + * * * * * + +Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines +Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872 +durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt +wurde. + +In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand +genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den +vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte, +was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in +Nürnberg verhandelt wurde. + +Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein. +Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen +Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen. +Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren +Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer +der „Arbeiterhalle“, an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf +des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die +verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht +aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen +Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der +Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze +Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer +und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des +Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte +Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt +Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr. +Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende +Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am +Schlusse des ersten Geschäftsjahres — Ende August 1868 — betrug die Zahl +der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr +als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis +zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die +Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte +Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von +mir. + +Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung +des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag +und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab +die ständige Mitarbeiterschaft am „Demokratischen Wochenblatt“, dessen +ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit +meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise +vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir +in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich +manchmal kaum ein und aus wußte. + +Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen +forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn +gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25. +Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es: + +„Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen +aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf +machte aber auf Dich einen ‚kläglichen‘ Eindruck. Das glaube ich nun +wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den +Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in +ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter, +aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe. + +Wenn ich jetzt vom ‚Erzwingen wollen‘ abgekommen bin, so ist nicht die +Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung, +daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach +nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere +Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse. + +Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du +richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich, +so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein; +soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht, +wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die +Dauer fortführen willst....“ + +Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder +seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben +müsse. + +Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage +wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam. +Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in +der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter +sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die +Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_. +Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure, +Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging +es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da +schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O, +diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel +brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der +Gegner verbluten sehen. + +Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der, +als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem +Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun +und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft +mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige +Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere +Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit; +sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein +ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er +trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft +ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß, +wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft +überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt, +diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind, +in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden +können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher +Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der +Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden +gehabt. + +Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine +Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein +dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das +Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern, +ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das +erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein +Ehrgeiz nicht. + +Wie ich die Arbeitslast — und die Jahre 1867 bis 1872 waren die +arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit +fehlte — bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In +gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit +Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur +mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner +Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte: +„Die Arme, den wird sie nicht lange haben!“ + +Zum Glück kam es anders. + + + + +Persönliches. + + +Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im +Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist, +die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine +Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für +denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu +der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an +der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie +kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger +Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode +ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe +nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit +opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich +geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre +unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele +schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich +die Sonne ruhigerer Zeiten schien. + +Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde +ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein +amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß +ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung +auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen +Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert +Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der +Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit +bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: „Sie sind ja +noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger +Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu +seinem Vergnügen treibt.“ Ich stand in der üblichen grünen +Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: „Wie Sie sehen, sind +Sie im Irrtum!“ Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den +erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr. +Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er +mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden +wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer +prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde. + +Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir +meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen +hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als +„Ausländer“ sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte +die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld, +denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern +lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber +die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig +zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350 +Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen, +indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit +mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört, +ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen +Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte, +was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal +mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem +Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war +so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur +Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein +Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte +mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne +zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den +kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen +zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten +Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch +die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären +mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes +erspart geblieben. + +Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines +Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen. +Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun +während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft +gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner +Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später +einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: „Das +geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld +sparen konnte.“ Dieser „horrende Lohn“ betrug damals 4-1/2 Taler pro +Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen +Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden, +anderwärts elf. + +Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die +gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für +das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber +täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte +also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur +wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein +Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals +Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten +überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht +gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe +wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben +erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen +Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der +Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen, +wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln +mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den +Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich +machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste +Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung. + +Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen +mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott. +Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen +kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus +Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott +gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71, +in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71 +mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft +genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen +lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten +wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse +Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem +Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874 +währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden +waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit +Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg +antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das +Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen +zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau +tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von +der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder, +als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der +fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich +mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon +daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da +wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des +Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den +materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und +sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter +Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit +Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel +aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf +erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die +Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und +die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem +Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte. +Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen +Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese +Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch +wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im +Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines +Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten +Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen +Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die +Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde +Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr +entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und +widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in +dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in +Stuttgart kam. + +Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild +von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir — mein Associé +und ich — uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der +Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker +Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust +wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu +sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé +wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr +heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise +in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen +Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten +Schwäbisch verwundert äußerte: „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?“ — +Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht +selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich +unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still +zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören +bekam. + + + + +Der Marsch nach Nürnberg + + +Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und +den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die +Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen +eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den +Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten +Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck +hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der +süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund +nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von +achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit +geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war +dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein +großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die +Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in +Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen +Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht +vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in +Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte, +und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten +für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener +Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum +Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten +jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die +demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten +Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen +wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und +Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren +zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht +machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite +Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die +demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen. + +In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der +Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung +des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue +Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt, +als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine +siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der +Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten +Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und +die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese +Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den +Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht. + +In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden +sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte +der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im +norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten +Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der +Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden +Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich +gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen +eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen +Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in +einem Artikel in der „Arbeiterhalle“ beleuchtete. + +Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf +die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar. +Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die +Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen +werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten. +Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in +dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen, +indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte +Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an. + +Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei +von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber +dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann +angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab. +Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig +übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des „Demokratischen +Wochenblatts“ unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat +über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten +Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes +Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden +Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur. + +Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein +Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen +eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd +gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den +verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen. +Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner, +unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere +„Mißerfolge“ im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem +Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir +würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich +antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen +Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf +nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen +entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich +nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter +müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die +bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er +(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze +zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung +beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu +werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei +der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch +Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich, +daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das +könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das +erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten +Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der +direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft, +1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger +Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich +erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann +wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten, +wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines +klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu +weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß +wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne, +der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen +würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten. + +Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von +Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine +durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am +16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig +ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits +dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die +Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit +ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus +ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung +tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung. + +Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der +Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark +besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten. +Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als +Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung +als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich +als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr. +Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des +deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als +Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als +Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf, +Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der +deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als +Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich +Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war +ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner, +zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten +hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in +den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch +als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags +fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger +Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung +siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der +fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium +wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf +Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung +über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als +erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als +zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die +Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei +Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie +verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber +kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. „Keine Kompromisse“ rief es von +den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der +Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen. + +Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf. +Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als +Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die +neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich +zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten +zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch +eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte +wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß +das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46 +Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen +Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und +beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen +Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die +betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten +sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen +Parteien. + + * * * * * + +Das angenommene Programm lautete: + +„Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine +erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm +der Internationalen Arbeiterassoziation: + +1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die +arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die +Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für +Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und +_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_. + +2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem +Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet +die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der +geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit. + +3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur +ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist +mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt +und nur möglich im demokratischen Staat. + +Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter +gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität +zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem +Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den +arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die +Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein +soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es +moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und +theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt, +beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die +Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation.“ + + * * * * * + +Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm +ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr +standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der +Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine +Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte +sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm +einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und +gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die +ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der +politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann +Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie +sich einverstanden. + +Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der +Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war +insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt +Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er +vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie +erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später +ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag) +frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht. + +Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese +Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des +Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in +Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es +mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der +Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte. + +Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags +zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter +den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer +Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte, +fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich, +sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen +durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter +verwaltet werden solle. + +Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich +vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete: + +„In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen +Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den +Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden +Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8] + +In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie +Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch +_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können, +beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und +speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in +zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_.“ +Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat +faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den +Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium +zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle +Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und +Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens +_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige +Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch +drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch +Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die +indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die +zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war, +zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster +Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem +Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die +geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen. +Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57. +Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand. + +Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart, +Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M., +Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg, +Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg, +Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien, +Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den +Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der +norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und +den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten. + +Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen +Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob +und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf +antwortete ich in Nr. 46 des „Demokratischen Wochenblatts“ unter dem 23. +September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe +zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden, +wir wollten die Arbeiter auf einen „sozial-kommunistischen Standpunkt“ +locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der +„sozial-kommunistische“; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten +diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine +Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort +Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor +uns kopfscheu machen wolle. Die Worte „Sozialist“ und „Sozialismus“ +reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits +gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so +Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem +Philister Angst in die Glieder zu jagen. + +Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine +neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem +Moniteur, dem „Sozialdemokrat“, den Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer +kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische +Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau +wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender +Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in +Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken +bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate +später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben — L. +Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter +Obermeister einer Schuhmacherinnung ist — äußerte nachher: „Schweitzer +hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir +abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen.“ +Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und +ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und +brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei. + +Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen +Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine +sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der +Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten +deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem +bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung +zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die +Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache +geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der +Bewegung erspart geblieben. + +Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein, +dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband +eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften +Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus +dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben +rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern +des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl +Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th. +Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren. +Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand; +sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so +ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich +allmählich die fehlende Armee. + +Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen +Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel +anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern +für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen. +Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im +Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der +Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer +große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für +die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte +unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche +Geldzuschüsse erforderte auch das „Demokratische Wochenblatt“, das vom +Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10 +Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge +kamen. Auf ähnlicher „finanzieller Grundlage“ wurden später öfter +Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten +Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt +kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich +mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und +sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung +von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an +Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als +Redakteur des „Demokratischen Wochenblatts“ monatlich nur 40 Taler, +später als Redakteur des „Volksstaat“ monatlich 65 Taler. Hepner wurde +1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im +„Demokratischen Wochenblatt“ schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung +der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die +Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses +horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum +Beispiel 1878 der „Vorwärts“, der Nachfolger des „Volksstaat“, auf Grund +des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch +dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der +zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn +Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu früher +— denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt auch für +den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — eine Bourgeoispartei +geworden. + +Doch die Partei hat immer „Schwein“ gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu +meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die +Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die +Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite, +von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer +auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit, +als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war +Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und +mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert +hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur +Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000 +Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen +und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war +glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte +meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der +Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes +Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus +der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den +Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die +Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres +1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese +Quelle. + +Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war +erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet +gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren +Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag +aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung +in beiden Parteien immer erbitterter wurde. + +FUSSNOTEN: + +[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete: + +An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London. + +Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der +deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an +Sie zu richten. + +Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in +Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die +Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste „Die Programmfrage“ +obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner +in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach +festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll. + +Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das +Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste +Nummer des „Vorboten“ enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den +Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die +Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also +zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen +würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch +nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch +einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den +Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in +Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen +Arbeiterassoziation zu entsenden. + +Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen +und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen +Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten. + +Mit Gruß und Handschlag + +Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel, +Vorsitzender. + +Leipzig, den 23. Juli 1868. + +[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für +den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende +Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und +Altersversicherung. + + + + +Die Gewerkschaftsbewegung. + + +Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich +glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das +Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur +mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das +Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den +verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die +Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides +notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit +der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler +Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man +sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der +Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten +im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen +Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard +Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner +Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident +halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im +Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei +Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle +Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband +mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im +großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin +für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war +hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger +Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen +Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für +gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten +wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften +erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die +Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu +schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes +beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks +Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner +„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche +veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die +Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen. +Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen, +auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll +erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders +gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt. +Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den +Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes +Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868: + +Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die +Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der +Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel, +das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung +zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne +Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit, +Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu +entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten, +einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von +allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken. + +Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite +abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der +Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der +Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige +Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten +Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen +Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber +auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man +ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein +ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der +Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin +statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in +Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter +vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der +Rede, mit der er den Kongreß eröffnete: + +„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch +die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist +das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so +viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen, +und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche +Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse +daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn +zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind, +_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren +Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“ +Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es +nicht sein. + +Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer +Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl +Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die +Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur +Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile +der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte. + +Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine +günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13. +September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt. +Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten +Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche +Organisation bezüglichen Stellen lauten: + + * * * * * + +„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit +nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie +mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises +verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß +berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen +anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien +selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den +Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und +ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet +der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen, +bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime +Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions +widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement +(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht +wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von +Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an +die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig +gehen zu lehren_. + +Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte +verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2. +der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch +allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten. +Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern. +Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel +(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen +Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung! +Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald +entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört. + +Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht +durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin +bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen +und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale +angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich. +Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die +Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns +mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt. + +Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die +meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich +eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch +das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem +Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem +Proudhonschen getan habe. + +Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere + +Ihr ergebener K. Marx.“ + +Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht +lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse +Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen +trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden +entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung +zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr. +152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von +den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die +verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu +verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den +er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte +Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom +Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident +niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis +Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die +Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und +beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien +und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner +Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen +Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte +sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien +doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische +Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung, +damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an +der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann, +Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die +Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner. + +Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen +solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die +statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht +vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den +Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten +sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu +lassen. + +Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge +geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen +Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872 +auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung +solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der +Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner +Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine +Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende +Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber +nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte, +außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende +Organisationen aufzulösen. + +Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel +die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund) +seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen, +daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb +den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns +auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts +Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich +sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag +angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß +sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden +gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht +der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem +Sinne zu wirken.“ + +Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens +unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende +und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt +— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation +als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den +Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften. + + * * * * * + +Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten +Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für +Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel. +Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die +Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler +Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu +sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas +weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden +Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem +Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine +Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale +Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der +Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der +Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder, +der Berg- und Hüttenarbeiter. + +Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung +litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter +leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe +zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft +seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank. +Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und +der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die +nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren. + +Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung +möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark +besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die +Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende +Resolution empfahl: + +„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem +Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der +Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur +Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist; + +in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen +Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur +Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die +heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher +Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes +Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den +Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“ + +Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir +saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die +Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand +unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir +verfaßte Resolution einstimmig angenommen: + +„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger +Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses +gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben +darauf hinzuwirken: + +1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine +gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und +Verschmelzung berufen werde; + +2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die +beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis +zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig +unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß +wählen; + +3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den +Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von +Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die +Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu +Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“ + +Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr. +141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer +eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des +Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge +zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung +zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem +Nachdruck entgegenzuarbeiten“. + +Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf +weiteres hinfällig geworden. + +Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher +Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß +die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis +abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich +sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die +Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist +Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf +Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften +angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften +den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand +ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 — +stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die +Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung +spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften +unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und +traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des +Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in +allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai +1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer +Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen: + +„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für +die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht +bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu +erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt +abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die +Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch +die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben +werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von +den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für +die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche +Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen, +die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5. +daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter +entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß +die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den +Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten +lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei +augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu +unterstützen. + +Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen, +einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit +vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann; +ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem +ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg, +Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege +der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“ + +In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen +Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und +Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die +Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen. +Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche +Entwicklung. + +Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf +dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die +Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen +Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni +im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den +Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art +einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem +aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in +Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der +Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften. +Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen +sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht +schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in +jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen +des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich +sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter +dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von +gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil +der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die +Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn +Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern +angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt, +und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar +überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der +Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es, +in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der +Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu +Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine +Organisationsvorschläge auseinander. + +Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs +Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der +Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der +Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine +Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die +Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution +einstimmig angenommen: + +„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie +konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich +sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste +Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem +neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die +Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen, +die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung +ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die +verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die +Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß +sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß +gefaßt hat.“ + +Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder +frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven +York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die +Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er +stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und +Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib +meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft +übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft +und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich +tätig sein. + +Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die +sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die +Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf +diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874 +nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die +Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten +Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die +Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften +fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem +Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr +als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft +und Gesundheit geschaffen worden war. + +FUSSNOTEN: + +[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: „In den Statuten der +Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der +Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion, +als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag +schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und +ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des +Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur +einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil +dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.“ + +So der „Diktator“ der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren, +daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders +denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr +wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge +heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich +trotzdem nie mit ihnen gehabt. + +A.B. + + + + +Meine erste Verurteilung. + + +Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin +Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien +zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas — Ende September +1868 — zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den +Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung +die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die +Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem +spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich +glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die +Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu +nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als +sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der +Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als +fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der +Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich +der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen, +so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und +dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet +in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der +Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für +jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines +Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer +geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß, +seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus +Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den +Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken +zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu +unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen +Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der +Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war +immer seine schwächste Seite. + +Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige +Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er +wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale +veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust, +bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die +Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung +des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß +Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v. +Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden. +So teilt er in „Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi“ den Bericht eines +seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt: + +„Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus +eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um +nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution +hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in +London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis +Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in +Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf +Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel +Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland +erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt +ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische +Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu +organisieren.“ + +Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert. +Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher +Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft. + +Die erwähnte Adresse „An das spanische Volk“, die Liebknecht in einer +Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung, +vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi. +Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 — so lange +hatte der Instanzenzug gedauert — im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis +verbüßten. + +Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß +zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals +niemand. + + + + +Vor Barmen-Elberfeld. + + +Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868 +immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl +Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg — Herbst 1868 — eine Geldsammlung +veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen +Professor Planck — der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen +Gesetzbuch wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb — im Wahlkreis Celle +unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen +Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869 +hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach +Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des +sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die +sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet. +Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung +abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der +Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen. + +Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein +kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz +bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese, +Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus +Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die +Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und +schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die +Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies, +die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen +Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die +furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung +hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung +absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde +mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die +Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich +niederzuschlagen gedroht. + +Sechs Monate später — der Eisenacher Kongreß war vorüber — hielt ich in +Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der +Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult +in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie +begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge +leisten können. + +Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine +persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde +rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den +Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder +Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen, +sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig +ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im +„Demokratischen Wochenblatt“, daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme +und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten +und zu beweisen, daß Schweitzer — sei es für Geld oder aus Neigung — +seit Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der +Arbeiterpartei zu hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen +Cäsarismus spiele. Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan, +ihm ausweichen wollen, so sei er bereit — allein oder mit +mir —, in Gegenwart von Schweitzers Bevollmächtigten und der +Arbeiterschaftspräsidenten ihm entgegenzutreten, oder — allein oder mit +mir — auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins zu erscheinen und seine Anklagen zu begründen. Weiter +machte er den Vorschlag, den Generalrat der Internationale als +Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich anzurufen. + +Nachdem der „Sozialdemokrat“ festgestellt, daß Schweitzer auf der +letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt +worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er: +Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er, +der „Sozialdemokrat“, nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu +können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der +Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde. +Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in +Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein nicht einlassen. + +Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt +hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen, +und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte +Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur +Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng +genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer +an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten +Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen +ihn am wenigsten kompromittiere. + +Merkwürdigerweise erklärte der „Sozialdemokrat“ drei Tage später, +Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der +Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des +„Sozialdemokrat“ wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen, +Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß +ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später +anders. + +Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten +hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den +wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere +Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung +erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich +geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal. + +Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann +weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil +meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt +werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten. + +Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche +Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während +desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung +mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die +weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher +Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei +Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser +Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen +wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem +Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei +natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen, +sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach +dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen +sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige +Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der +Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu +machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war +ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren +Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch +und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen +Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt. +Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins +alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren +Situation. + +Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen +Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen, +das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer +wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl +Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der +Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung, +denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten +mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments +war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und +indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der +parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld +eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem +Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden. + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12267 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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Ist man wie ich +durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt, +dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu +lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und +schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir +gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran +Wahres ist. + +Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls +hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der +Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu +welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können, +ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt +auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu +verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen +Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den +Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am +besten befähigt. + +Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich +nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt +einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief +einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine +ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir, +sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten +Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden +erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die +unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz +anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter +sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid +abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß. + +Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie +zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit +Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt. + +Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war, +Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder +an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der +Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde +Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu +werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen +andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten +in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg +trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot +sich aber auch die Führung eines Tagebuchs. + +In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die +antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen +Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt +war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann +gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit +so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung +stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen +bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder +anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte +ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit +ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen. + +Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910 + +A. Bebel. + + + + +[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.] + + + + +Aus der Kinder- und Jugendzeit. + + +Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte +seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl +Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den +ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und +Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung +gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt +werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter +auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie +fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich +Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich +selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und +Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was +immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die +Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn, +und oft bestimmen sie sein Handeln. + +Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den +Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß +ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich +sie nie. + +Der Mensch ist irgendwo geboren. + +Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich +in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater +war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25. +Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon. +Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige +Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die +Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen +Kirchengemeinde gehörte. + +Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das +trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände +einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und +Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner +Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern +„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der +Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen +Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben +haben. + +Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß +damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende +Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider +die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in +demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube +beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige +Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde. + +Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit +bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das +Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen +hatten. + +Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst +notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen. +Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des +Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die +Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa +um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß +um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher +sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name +Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen +Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den +Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb. +Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die +Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte +um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um +1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt +als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem +Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit +seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches +Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre +1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung +für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen. +Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen +Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser +Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten. + +Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten +Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater +war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine +Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die +Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen +Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und +machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das +betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen +zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut, +vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner +Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende +25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate, +folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz +garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment) +übertrat. + +Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in +erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu +jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans +Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland +den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die +Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das +Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten +zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So +sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit +Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden +Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch. + +Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer +1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein +Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher, +verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften. +Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt +waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des +Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf +der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite +mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen +Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem +Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich +saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf +der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte +die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden +Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine +musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich +litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der +Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der +Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die +selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters +gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen +Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte +übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine +Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts +und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die +den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal +von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster +hingestellt worden sein soll. + +Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie +sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich +seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und +adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu +jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem +Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen +pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch +kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst +feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und +Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für +den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam +er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom +Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter +Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen +Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung +in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger +Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben: +„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem +preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde +eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals +und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen +Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die +Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann +Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden. +Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr +1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in +Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten, +ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier +hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld +hatte damals wie heute keine Garnison. + +Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig +geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger +Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett +verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er +die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach +seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben, +weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit +in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses +dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit +gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech' +die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er +alsdann nicht mehr unter den Lebenden war. + +Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr +1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst +er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog +die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die +Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend +noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres +Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht +zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden +Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte +es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die +Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater +noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem +schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln +zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln +angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns +wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach +dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit +starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum +Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die +Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen, +nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder +des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese +Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine +Mutter zu heiraten. + +Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit +einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40. +Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der +Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später +ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner +Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im +Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die +Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt +Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der +Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in +Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein +bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine +solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit +ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen +Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat +zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen +befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die +Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige. +Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem +Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen, +als er eben auf der Totenbahre lag. + +Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger +Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten +Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die +sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der +Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen +Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles +war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche +Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen, +in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe +schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt +waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung +abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen +Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um +das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der +Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war +dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern, +kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann +und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel +Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine +grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere +Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur +des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand +darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu +legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf +wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und +die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt. +Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den +Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als +lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden +lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln +abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem. + +Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze +Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen +Eindruck. + +Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst +vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem +jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder +aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das +eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor +Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher +im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr +bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme +waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme +und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und +unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß +ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“ + +Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr +abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines +Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr +strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer, +eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch +gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder +hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem +Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere +körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß +erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden +sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel. + +Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht, +denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum +Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so +geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr +bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und +Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten +fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein +bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb. + +Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte. +Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war +meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose +Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf +staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer +Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die +Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es +wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln +angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln +wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster +gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per +Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir +abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten, +war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum +Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde +wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie +nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir +endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier +verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner +Mutter lebten. + +Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine +kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche +Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in +einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen +Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude +steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die +Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später +mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern +Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch +der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am +Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet. +Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später +wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger +Stadttheater bei. + +Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule +verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das +Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen. + +Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur +mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten +Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner +prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra +vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir +lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine +Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen +Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau, +quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich +war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht, +daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal +Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine +Strafpredigten eintrugen. + +Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus +kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man +ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte. +In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch +heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine +Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens +förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel +vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten +Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen +das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür +und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand: + + Guten Morgen, Herr Schwager! + Gestern war ich fett und heut bin ich mager! + +Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich +derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer +lachte. + +Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze +stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die +nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben, +unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in +„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen +bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte, +das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden, +an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu +dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder +seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte. +Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu +schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten +Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte. +Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die +kleinen fetten Hände zu bewundern. + +Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte +Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz +einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die +Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt +ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere +„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem +Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste +unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum +Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige +Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich +abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der +Ferien, waren zahllos. + +Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine +Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars +ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer +die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum +Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein +Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und +unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er +nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und +ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der +Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm +einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die +wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter +erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch +ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut +es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen. + +Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter +war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein +vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die +Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der +spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter +Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu, +umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den +Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis +fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu +bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen +gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden, +vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden, +knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er +glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war +gerettet. + +Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet, +daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder +Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen +Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen +ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und +mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir +in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen, +scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte +allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu +gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“ +folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in +lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag +eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als +Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde +die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch +von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag +bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis +zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also +erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen +einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter. +Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten +Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die +Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten. +Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort +eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit +anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und +einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte +das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich +glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen. + +Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte, +jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt +vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden +Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen +gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der +Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an +Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen. +Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche +Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre +Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein +erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater +Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu +Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage +nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die +Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine +hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse +Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich +ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So +erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und +letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die +Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur +Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des +zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen +Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber +doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich +prämienlos ins Leben. + + * * * * * + +Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern. +An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige +Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15 +Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr +gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns +beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet +hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer +mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt, +die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen. +Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft, +um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr +ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch +vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in +der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich +an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren +Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht, +das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag +konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig, +zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen +Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht +ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit +unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen +Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen, +Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte +das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine +Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer +Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch +unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu +Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die +Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten +Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas +zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß +der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer +Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn +Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken +verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend +nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere +Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das +Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es +war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung, +von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu +arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den +Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld +gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide +leidenschaftlich liebten. + +Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam +vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich +war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu +erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr +Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein +Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren +Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht +später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So +unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für +mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam. + +Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und +1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der +Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug +sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere +politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt, +stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt +waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich +also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung +entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und +dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht +zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als +ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den +Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der +größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt. + +Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern +eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem +badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem +mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben +standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher +kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine +Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat +sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der +Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich +aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern +könne. + +Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen +Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch +allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da +alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese +Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und +zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An +der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne +getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht +braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen +Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte +usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig +verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten +zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die +Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr +amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer +oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von +Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v. +Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf +seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem +Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer +Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei +Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den +Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der +Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und +zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre +Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie. + + * * * * * + +Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni +starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie +am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte, +beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie +nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt. +In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und +warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die +Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter +gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten +packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen +bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben +gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben +binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem +jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich +aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt +schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am +Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige +Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam +aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt, +beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne +herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung +davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst +litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge +konnten einer Mutter kaum beschieden sein. + +Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in +Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann +Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes +Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl +aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in +Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide +zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der +Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges +Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte +anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der +gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch +eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich +sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit +den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in +einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich +zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in +Ruhe. + +Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine +Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch +Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem +Sohn ein Müllerknecht — wie damals die Gesellen genannt wurden — und +eine Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich +Pferd und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme +reiten. Die Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte +die Fütterung der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder +wohin sonst diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen +Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus +der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am +liebsten wäre ich in der Schule geblieben. + + + + +Die Lehr- und Wanderjahre. + + +Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein +Onkel von mir, an mich stellte. „Ich möchte das Bergfach studieren!“ +„Hast du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage war meine Illusion +zu Ende. + +Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß, +nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar +gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen +großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast +wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die +Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium +nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das +Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte +ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines +Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich +annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der +Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen +Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies +geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war +wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte +mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut +bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl. +Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit +sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler +geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich +habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was +nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit, +für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam. + +Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche +Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu +wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen +viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter +oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten +täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur +Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht +voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war +es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir +konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb +nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen. +Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der +Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr +Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit +der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß +stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei +nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so +bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden, +aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die +Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen. +Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe +machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich, +wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt +essen zu können. + +Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich +hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht +allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang. +Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine +Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank. +Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je +zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine +Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das +war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte +ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere +Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser +Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre +Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen. +Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden +ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene +Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an +schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen, +während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern +ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag, +nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet, +zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also +die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und +nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches +Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber +ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in +der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was +für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber +zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen, +kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer +von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen +diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an +die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer +aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich +falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich +mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu +Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich +nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne +Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule +meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der +Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu +benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten, +zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe +und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher +aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller +war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine +Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich +Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise +Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher +gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die +Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich +vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich +offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle +Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte +Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich +wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze +Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht. +An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein +Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar +förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage, +an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein +anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte +fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich +auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine +auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die +mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte +ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete. +Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis +abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert, +und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin +verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler +Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem +Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte, +begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten, +brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm +beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im +Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem +heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der +Familie. + +Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die +Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich +in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht +nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der +Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent, +die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das +heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein +Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten, +polizeilich eingetragen — visiert — wurden. Wer kein Visum hatte, wurde +bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter +zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen +8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich, +namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer +die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum +nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich +die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von +Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier, +woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls +und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in +einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in +Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die +Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und +diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er +betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich +darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten +Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte +fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es +mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die +Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte +durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück +nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach +Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war +die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr +flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem +Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise +öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen, +die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere +wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder +entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, „weil ich +ganz wie ein Schneider aussähe“. + +In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist +nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder +sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und +zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte. +Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge +Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht. +Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch +nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten +können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in +Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber +keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des +katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus +hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme +fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei. + +Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich +zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als +Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum +Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch +damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war +stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im +Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die +Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen +repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden +zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern +erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine +Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet +haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man +eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber +doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der +schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der +Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine +Hauptsache. + +Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen +Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein +waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie +gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male +mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen +solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das +Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin +wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied +den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen +und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung +vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines +solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem +Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der +Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer +Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend +Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen, +woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt. + +Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und +marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den +Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein +wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am +Firmament einen gewaltigen Kometen — den Donatischen — zu beobachten, +der in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher +Länge besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen +Pracht und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge +große Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die +moderne Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht +bleiben. Der Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen +Handwerksburschen von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger +Streit das Jahr zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet +worden. Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in +sich aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen +Ordnung verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen +Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der +Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot +verweigert. + +So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff +über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes +seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über +Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand +zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden +Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen +konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten +abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von +Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer +aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen +Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse +trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten +zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften +wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags +hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. „Du +nimmst die rechte Seite, ich die linke!“ hieß es. Als ich in ein Haus +kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich +die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das +ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen +vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der +anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei +Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht +widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich +das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben +Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung +über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische +Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich +außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um +meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und +marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten +Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und +ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren +Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler +zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über +sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten, +davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er +sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut +gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und +ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort +erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus. + +Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege +den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau +halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider +halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des +Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man +focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den +Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen +in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald +der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk, +antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen, +geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so +war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten +anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der +Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die +Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als +Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und +angenehmer Gesellschafter gewesen. + +Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und +links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild +der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener +Frauenkirche, den Heinrich Heineschen „Stiefelknecht“, die am Ende der +meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen +Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar +nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane +gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich +frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer +antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht +verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also +auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer +sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber +ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen +hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut +und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der +Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer +Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den +Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß +herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich +blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu +ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger +Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel +beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half +mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz +zu leisten, grob antwortete: „Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!“ +Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die +Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor +komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein. + +In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier +der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche +gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die +ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der +Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten +herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb +eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so +sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es +war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß +ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der +ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob +wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt, +daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis +mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig, +das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte +zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte — ein Trierer —, der vorne +steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt, +und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn +versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ +ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein +politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde, +daß der Flößer drohte, „den verdammten Preiß“ in die Isar zu werfen, +wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser +der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als +wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten, +schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt +genug. + +In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem +Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt +mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein +wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige +Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen +hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm +geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin, +wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum +Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben +Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im +echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter +hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg +aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der +Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf +entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren. + +In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus +Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten, +dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte +Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken. + +In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der +Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers +keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war +der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins +Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9 +Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein +bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß +unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben +also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher +anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken. +Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets +warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und +stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der +einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister +mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf +einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu +Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am +nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: „Hören Sie, +Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend +die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt.“ + +Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die +oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene +gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der „Teutsche“, der +Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten +Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte. + +Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe +Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister +veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die +Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten +zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit +anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach +Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen. +Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach +Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt. +Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der +letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um +möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel +und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den +gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir +mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns +unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging +die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die +Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der +Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich +Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen +Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen +wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten +Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben +Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß +dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische +Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von +der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu +sein. + +Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt +nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein +erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen +niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen +Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg, +vor uns liegen sahen. + +Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all +den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und +jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war +keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein +unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden +Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft +bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage +vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal +erfuhren. Jugend überwindet viel. + +In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich +ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach +Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich +ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands, +denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im +Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer +1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch +ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und +Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien +entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders +interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten +singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die +Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von +Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte +siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so +aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit +noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle +Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in +Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu +Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter +Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu +verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom +Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel +einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien, +Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr +Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem +Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber +die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden +Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich +mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat +als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er +möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger +Zeit kam auch das Geld — sechs Taler — an, aber jetzt bedurfte ich +desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede +von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen +leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach +Wetzlar reiste. + +Die Löhne waren auch in Salzburg — wie überall in der Drechslerei — +schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im Spätherbst den ersten +Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als gewissenhafter Mensch sparte +ich nicht nur, ich darbte, um die wöchentlichen Raten zahlen zu können. +Dabei drückte mich noch eine große Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich +fürchtete, als Jüngster in der Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu +erhalten. Das hatte die Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als +ich nun ihr und dem Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die +tröstliche Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit +bleiben könne. Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte +ich an den Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von +Hübner, das Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt +hatte, bei der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum +italienischen Krieg angesehen wurde. + +In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200 +Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast +alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den +schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf, +Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger, +bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen. +Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß +eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten. + +In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die +Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern +des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark +besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes +Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr. +Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag +nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in +Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie +Anschauungen äußerte. + +Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine +Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine +Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener +Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs +Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen +Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als +Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht +„Die Zigarren und die Menschen“ vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr. +Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei +diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im +Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber +nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich +nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der +Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft +bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine +Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam +auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich +Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst +versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu +flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den +Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm +auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber +geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im +übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an +meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause. + +Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag +ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der +katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf +eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß +sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl, +äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe +es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin — die Witwe +des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte —, die viel für den +Verein tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er +schmunzelnd hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein +Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine +gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten +der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher, +hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die +Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und +vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der +der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In +Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte +Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar +mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war +aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg +kam, weiß ich bis heute nicht. + +Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In +der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie +Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in +meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf +zahlte. + +Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später +schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in +dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser +Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg +überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert +worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich +meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte unmöglich +annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge Drechslergeselle — +wenn er sich überhaupt dessen entsann — der spätere sozialdemokratische +Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck hatte ich sicher nicht +auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß Kollegen aus dem Zentrum, +denen ich gelegentlich meine Salzburger Erlebnisse erzählte, den +Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich Anfang dieses Jahrhunderts +nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg kam, war Dr. Schöpf einige +Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere Natur und die volle +Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt haben. + +Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht +schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns +jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im +Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der +Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in +nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der +im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten +Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an +unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs +allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen +solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume +herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: „Schau, das +mußt du so machen!“ und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg +in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden +Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat +und dem König, den sie nicht kannte, zurief: „Du alter Lackl, schamst di +net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!“ Der König nahm seinen +Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein +Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei +für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre +Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst +überraschende Antwort: der König Ludwig. + +Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige, +will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung +nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im +Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan +hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der +Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich +nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir +bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden, +als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten +Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe: + +„Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat +alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_. +Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur +die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte.“ + +Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden? + + + + +Zurück nach Wetzlar und weiter! + + +Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener +Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der +Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs +Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages +bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in +den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht +gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde +ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als +ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir +entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und +beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das +herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört. + +Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in +Wetzlar an. + +Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um +ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei +der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als +militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine +Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen +Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als +aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner +Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und +mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden, +„da zog es mich mächtig hinaus“, wie es im Handwerksburschenlied heißt, +und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu +folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche +machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war +mir zu jener Zeit keiner über. + +Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und +Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte +damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in +mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So +entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen. + +Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist +seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den +Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln +nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig +bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines +momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es +ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder +umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die +wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf +dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen +Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm +aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum +Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der +Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die +weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf +gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil +ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung +und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die +„glücklichen Umstände“ geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im +Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten, +ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so +muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie +auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen +ansehen. + +Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten, +und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte, +hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei +den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach, +Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in +der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und +nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters +widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett +gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu +einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein +glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte. +Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen +würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem +Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir +unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in +einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum +Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein +gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen +zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es +seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich +nicht. + +In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir +brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann +ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere +Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu +Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und +schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden +junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften +vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht +zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in +der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im +unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte. +Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach +Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können, +denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der +Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war +sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein +Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich +mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und +frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir +nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller +Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig +ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer +Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später +selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig +ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied +hier wieder „ein Augenblick des Glückes“ über meine Zukunft. Zum +zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf +Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen +gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir +aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten, +und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen. +Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die +Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer +geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu +rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie +sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei +wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere +Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe +einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich +eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er +erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen +ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als +wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten +Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung +von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er +behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für +unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten +wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der +Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch +später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht +eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu +bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte. +Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause. + + + + +Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben. + + +Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von +Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische +Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der +Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen. +Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch +zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische +Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden +war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten +mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders +seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat. + +Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften, +sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer +großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter +preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu +einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen, +wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche +Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die +Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck, +dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des +altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten +schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm +des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt, +wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den +Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie +sah eine neue Aera hereinbrechen. + +Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein +eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe +der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu +kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst +hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm +scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und +das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt, +hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im +vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug +geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand +zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der +bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte +sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der +Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die +Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie +verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über +die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der +neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei +Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt. + +Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da +versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne +weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der +nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es +aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation +nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die +Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die, +kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte, +definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten +Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent +ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den +Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition. +Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen +(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die +Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für +die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung +der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai +dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen +waren auf elf Mann zusammengeschmolzen. + +Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat +mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter +bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war — September 1862 —, an die +Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das +war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten +Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt +zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt. + +In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz +Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der +Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf +Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich +sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken +nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt +werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland +bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht +ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten. +Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen +Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die +sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel- +und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung +forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte. + +Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung, +die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen, +beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre +politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren +in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der +sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis +Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die +liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich +ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom +Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen +und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende +Personen zu bringen suchten. + +Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit +erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals +noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei +Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme +der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der +Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den +handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die +Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein +Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf +der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen +Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der +Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden, +statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche +Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und +Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu +können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der +sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische +Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das +heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in +denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine +Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder +Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise +vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen +Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten +deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines +Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des +Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit +Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus +waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde +Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in +Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider +Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings +Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter +gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx' +und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas +wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen. + +Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem +Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch +wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die +Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer +gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit +erschienen. + +Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem +Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in +Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten +Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische +Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein +mittlerweile eingegangen war. + +In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als +einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages +las ich in der demokratischen „Mitteldeutschen Volkszeitung“, auf die +ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte, +der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte +Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung +eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im +Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem +Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt. +Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche +Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen +Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte, +daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der +Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf +Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet +würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der +Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von +seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust +gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und +verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein +müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht +eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht +einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren +so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu +können. + +Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck +nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an +jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt. +Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So +neben Professor Roßmäßler, Professor Bock — der Gartenlaube-Bock und +Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen —, die +Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr. +Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans +Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich +auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe, +Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert +Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr. +Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im +Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung, +deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung +gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem +Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei. +Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder +singt, der keine Singstimme hat. + +An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in +dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber +dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter. +Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede, +die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei +der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine +Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im +Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als +ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen, +man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist +denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für +die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die +Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In +beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die +wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen +Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr +erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich +unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer +Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt +den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand. +Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition +stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein +politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen. +Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich +beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der +Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt, +daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und +darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend +gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte, +der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse +hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung +und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung +hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen +hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen. + +Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der +im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal +war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert. +Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei +auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge, +die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und +Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen +Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen +eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen +sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf +dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte, +und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz, +sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand +die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben +gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war. +In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der +Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter +der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis +verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf +beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am +Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem +Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen +hatte. Zu den „Verbrechern“ gehörten weiter Dr. Albrecht, der in +unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters, +Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw. +Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem +Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften. + +Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren +Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und +Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen +Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren +noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der +Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland, +über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser +den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die +Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine +Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich +der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines +allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die +aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der +Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in +den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf. + +Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende +Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in +das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen +Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die +von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen +Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von +auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die +deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile +sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die +schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus +der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in +jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein +sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen +Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die +Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen, +Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg +und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt) +waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte +sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der +preußischen Regierung trat. + +Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der +Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller +Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese +Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem +Schutze Preußens und Oesterreichs — die hierin ein Herz und eine Seele +waren — ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der +verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein- +und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war +es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den +Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre +nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung +Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von +Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die +Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren +Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des +Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen +hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter +der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs +freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in +Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im +Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in +Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch +unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei +Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen +und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v. +Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert +hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art +und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen +Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und +mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286 +Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen +schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42 +der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu +lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurden. In der Strafanstalt +Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter, +eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische +Gefangene beherbergt. + +Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel, +Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten +Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war +wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus +verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er +11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt +Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide +sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er +1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: +Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in +Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war +einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300 +Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht +hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts +verdächtigt wurde. + +Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre +später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl +mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus +zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen +sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa +einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln +befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der +Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den +Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt, +sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der +Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der +ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch +hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische +Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im +sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts stimmte. + +Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse +August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland +brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v. +Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach +Wien, um ihm Preßdienste zu leisten. + +Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen +in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe +dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu +schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und +Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des +deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem +Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege, +aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann +werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von +Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die +Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie +die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die +Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am +heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut +werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in +manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in +Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung +gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu +ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und +Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen +angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal +der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen, +wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von +ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen +Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes +Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war +ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei, +zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal. + +Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein — +die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode +gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich +dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich +zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal +Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet +worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle +sein Haus bestellt. + +Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der +fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß +ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene +Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene +preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung +Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum +Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog +entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit +angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen, +hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum +Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister +sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem +Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach +Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm +diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil, +weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann +kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich +vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten +sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle +einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er +sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und +Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte, +was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man +brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm +gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten, +einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem +Schlachtfelde. + +„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an +sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und +ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin +hinein.“ + +Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn +sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die +hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum +Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen +einen heillosen Schrecken ein. + +In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der +Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte +sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen +Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals +großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste, +obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied +gedichtet hatte: + + Wir färben rot, wir färben gut, + Wir färben mit Tyrannenblut! + +Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London +und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die „Norddeutsche +Allgemeine Zeitung“ berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im +Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu +gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich +dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den +Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen +Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz +nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus. + +Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er +Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die +bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar +sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich +bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem +Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in +diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen +Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten +Mann erscheinen ließen. + +Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls +beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach +Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den +leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu +setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu +erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig +als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und +Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als +Mitglied des Komitees beiwohnte. + +Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der +Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die +Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu +erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der +gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe +die Gewißheit — und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als +Agent Bismarcks —, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die +nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer +Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben. + +Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der +Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der +Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange +Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme +Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen +propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem +Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle +einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit +Staatshilfe forderte. + +In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon +im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag „Ueber den besonderen +Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des +Arbeiterstandes“ gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag +unter dem Titel „Arbeiterprogramm“ erschienen ist. Auch hatte er in +demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese +Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns +Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die +Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen +„Mitteldeutschen Volkszeitung“, und was diese nicht brachte, blieb uns +fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten. + +Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die +Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben, +nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem +Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde. +Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung +ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden, +so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und +ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr +großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v. +Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich +Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und +geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung, +diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst +müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an +eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die +konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller +Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten +Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III., +der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach +der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit +demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung +durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter +sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen +waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und +1869 auf 110 Köpfe. + +Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen +hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf +oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische +Beispiel nachzuahmen. + +Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften +mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß +Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete +und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin +Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise +getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte. +Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser, +welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm +Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor +Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von +Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst +wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den +Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe +Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle +Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September +1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu +sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die +Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine +politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den +Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im +Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch +Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder +des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in +Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter +stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte +abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei +ihm war. + +Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im +Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen +zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt +erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um +nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er +erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm +erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für +Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß +Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe, +von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich +aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf +intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des +Nationalvereins. + +Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen +Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000 +bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen. +Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen +sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer +geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit +oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu +nehmen, wo sie es finde — und jahrelang die Staatsausgaben ohne +Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen +Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den +Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses +Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut. +Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte +Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber +außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und +liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er +sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das +deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt. +Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche +Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle +abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber +monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im +Reichstag große Heiterkeit. + +Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte, +bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und +Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber +eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und +seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von +Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich +hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man +sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August +1864, ihn als Partner beseitigte. + +Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle +der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und +geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil +nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir +Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem +Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: „Und so +verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht +kein Jahr mehr vergehen — und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert +Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert.“ +Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in +seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen, +direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt, +wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen +sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben. +Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer +verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die +berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer +Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich +Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den +bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen +worden. + +Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen +hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später +veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden. + +Lassalle schrieb an Bismarck: + +Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben, +Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit +schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses +Machtmittel! Die wirkliche „moralische“ Eroberung Deutschlands! Was die +Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte +französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig +Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr +allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte +zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen +zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im +geringsten zu zweifeln. + +Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_. +Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört +werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes +mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende +Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich +unumgängliches Bedürfnis. + +Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter +Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster + +F. Lassalle. + +Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13. + +Und weiter: + +Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen +gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich +schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten „Zauberrezepte“ +— Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung — gefunden habe. +Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von +entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube, +diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind, +so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend 8-1/2 Uhr bei Ihnen +vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit verhindert sein, so +bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. Mit +ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster + +F. Lassalle. + +Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13. + + * * * * * + +Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde +und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck +habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer +zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten +Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser +Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen +im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem +Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen +Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles +waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte. +Darüber später. + +Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art, +wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum +Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter +stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe, +wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: „Er gebe zu, daß +er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu +Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren +Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei.“ Diesen Gedanken spann er +dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des +Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks +Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm +jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und +Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz „teile und herrsche“ sich +in der Macht zu halten. + +Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas +vorausgeeilt. + +Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche, +Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den +Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und +des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der +deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen +werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die +Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt „Abhaltung einer +Weltausstellung in Berlin“ gestrichen wurde. Eichler war mit anderen +Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen, +zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter +geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter +Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der +Berliner Weltausstellung entstanden. + +Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die +Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer +Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der +Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer +preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für +die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar +in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der +Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich +gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das +Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den +Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich +allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter, +der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat +der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern? +Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins +sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große +nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu +verwendeten, ihre Lage zu verbessern, „die begrüße ich hiermit im Namen +des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des +Nationalvereins“. + +Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie +zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder +fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab. +Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin +ging — Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich —, blieb diese über die +Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht +mehr im Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der +bekannten Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle +führte. Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre +Forderungen und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde +verabredet, daß der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle, +bis er (Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in +Staat und Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe, +deren Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle. + +Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in +der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man +ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und +Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen +Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein +Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang +Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in +Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und +Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung +eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte +Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in +Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte +sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit +zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in +dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die +Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte. + +Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher +Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen +das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die +Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die +_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser +Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach, +hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die +Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene +Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat +allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen +daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten +Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei +Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte, +erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz +ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht +sich auch ohne Wunder immer wieder. + +Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine +Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und +mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend, +falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich +abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der +Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich +bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und +Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme +rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich +aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr +an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für +die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach +verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen +mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr +unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee +erleichtert. + +Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich. +Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein +Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins. +Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische +Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl +politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch +Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu +gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus. +Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein +Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich +keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation +konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die +gleichen Ziele verfolgte wie der unsere. + +FUSSNOTEN: + +[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats +Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit +Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten +(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst +wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen +gelernt und bei Eichler verwendet. + + + + +Lassalles Auftreten und dessen Folgen. + + +Anfang März 1863 erschien Lassalles „Offenes Antwortschreiben an das +Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen +Arbeiterkongresses zu Leipzig“. Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung +hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins +die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche, +geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch +nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen +meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede +meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte. +Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des +Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals +ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte. + +Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht +entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der +kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die +Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen +Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die +Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter +so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und +doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen +Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, +Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und +Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen +Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit +Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte. +Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im +Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein +unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben, +die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen +Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das +Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und +Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer +politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und +betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse, +die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute, +sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse +war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles +Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen +Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es +vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die „Kreuzzeitung“, +waren, die Lassalle objektiv behandelten — weil ihnen sein Kampf gegen +den Liberalismus ungemein gelegen kam —, erhöhte den Kredit Lassalles +und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich +vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als +fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen +Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen, +wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der +sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals +lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später +dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer +nur wenige. + +Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses +sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des +Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein +Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere +Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche, +Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die +eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ +noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast +vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie +sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel, +Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz, +in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen +außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener +Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar +Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg. + +Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache +und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger +hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem +von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht +ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die +sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen +konnte. + +Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen +Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee +zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten +Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr. +Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut. + +Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer +großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen +jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist +unter dem Titel „Zur Arbeiterfrage“ erschienen. Die Versammlung war von +ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch +vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter +Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne +gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter +durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas +eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit +Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer +Disputation à la Luther kontra Eck kommen. + +Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition +finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein +persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher, +schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf +dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die +Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch, +doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete +unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der +andere mit Zischen antwortete. + +Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine +längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit +in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die +Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die +Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er +protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die +Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu +bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er +meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr +taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im +Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können. +Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen +des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten +mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig +bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh. + +Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht +darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf +seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen. +Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen +sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren. +Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich. +Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M. +gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner. +Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen +Fortschrittspartei und des Nationalvereins — zwei Organisationen, deren +Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun +Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes +lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke +nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes +Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas +Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten +Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von +Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig +eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite +stand. + +Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung, +sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in +derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut +machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen +Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner +Arbeiterbewegung. + + * * * * * + +Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal +gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von +jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft +Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs +mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton +gewöhnt sind — der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf +denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke +Meinungsverschiedenheiten geraten —, so flogen die derbsten Grobheiten +und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch +zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden +Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte +ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite +war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann +also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in +einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um +eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich +auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben. +Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die +Lassalleaner. + +Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die +größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah +erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich +ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen +schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen +spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt +dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur +Freude der Gegner. + +In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die +alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem +Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine +Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde. +Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des +Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine +Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung, +daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie +ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen +Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch +stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am +20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben. + +Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze +und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder +unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit +überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb +als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich +selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos +gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den +vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit +den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die +einfach nicht mehr beachtet wurden. + +Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen +Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der +Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie +weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die +deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, +unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten, +die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der +Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den +ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe +Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen +deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in +politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen +Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst +überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß, +durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren +Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen +drein, sie kommen nie einem solchen zuvor. + +Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig +gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine +Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen +Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med. Reyher +— ein Schüler Professor Bocks — bald darauf sein Amt niederlegte, rückte +ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872 +innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die +mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche +Reich zuerkannt worden war. + +Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche +städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für +Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts +gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der +politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr +nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung +zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im +Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten +sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine +Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch +nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre +den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch +brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins +hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten. + + + + +Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine. + + +Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich +geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863 +auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen +lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling, +bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in +Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in +Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in +Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere +Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge +waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von +Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges +Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen +Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl +Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband +zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen. +Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine, +meist Bildungsvereine, ins Leben. + +Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die +Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach +Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser +sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten, +für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen. +Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die +Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen +treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser +Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten, +für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle +Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom +republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler, +aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet +wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten +Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische +Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende „Deutsche +Wochenblatt“ wurde. + +Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die +politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn +der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte +ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der +sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die +Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein +Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen +Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die +Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische +Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament +bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden +sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in +der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht, +ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864 +anfing, sehr aktuell zu werden. + +Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im +Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines +Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai +1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die +politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v. +Schweitzer — der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte — für +eine besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter +dem Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der +gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes. +Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das +Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In +Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich +eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen +kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem +Arbeitertag in Rödelheim — 19. April 1863 —, auf dem Professor Louis +Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung +gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle +selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten. +Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein +Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie +ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle +gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle +sprach, hatte dieses Schicksal. + +Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19. +Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach +Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war +der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den +Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem +Handwerkerverein zu Düsseldorf. + +In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen, +die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich +gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber „ein so wichtiger und +fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche, +glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und +Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem +gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht +aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu +verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner +verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und +Zersplitterung der ganzen Bewegung werde.“ + +Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später +erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in +Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien +Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die +Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie +einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der +Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine +erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein +wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren +in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der +Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden. + +Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August +Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich +mit den Worten anredete: „Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich +ausgeschlafen? Es wird Zeit.“ Etwas geärgert antwortete ich: „Wir sind +früher aufgestanden als viele andere!“ Röckel lachte, er habe es nicht +bös gemeint. + +Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der +rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer +Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor +wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte, +ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der „Münchener Neuesten +Nachrichten“, die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber +ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten. + +Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch +spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen +roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß +ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem +man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht +ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu +Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals +auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit +souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in +der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen +Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam +die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur +aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den +Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein +Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der +alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle +zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch +durch allerlei Frauengeschichten „sittliche Bedenken“ in der +Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der „sittlichen +Verfehlungen“, die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich +zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte +seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen +Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine +ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der +später auch für das Sozialistengesetz stimmte. + +Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt +a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen. +Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag +eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete: + +„Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine +stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß +er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine +sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der +Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und +wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit +allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden, +einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der +Menschheit arbeiten.“ + +Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des +Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den +Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des +Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von +einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung; +es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von +Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil +man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. +Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der +Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der +linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der +Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das +forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der +Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu +gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem +Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich. + +Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach +Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden, +über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit, +Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein +weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den +Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften, +deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl +er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von +Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des +nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In +dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles +nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch +sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher +Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf +kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden +konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und +Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, „manche Sorge +wenigstens teilweise zu beseitigen“. Hier lag wenigstens keine +Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die +Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der +Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und +unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei +diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von +Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf +meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen +bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die +vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so +folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner +erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen +nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch +könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese +Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne, +der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen +protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit +Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf +gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie +Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern. + +Die schließlich angenommene Organisation lautete: + + * * * * * + +I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen +von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen +lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter +den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu +erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur +Anerkennung zu bringen. + +II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der +arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann. + +III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen +Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch +schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter +freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige +Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt. +Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den +Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf +Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder +Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an +einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich +eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen +Blättern, jedenfalls aber in der „Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg +und in dem Frankfurter „Arbeitgeber“ veröffentlicht. Jeder Verein, +welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von +zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben +diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden, +doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen. + +IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf +Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte +beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des +nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung +nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen +Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die +Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen, +fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die +Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige +Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die +Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich +der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er +sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung +der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der +Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung +der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die +Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des +Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt. +Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die +Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität +der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf +schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß +und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der +Präsident. + +V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von +demselben festgesetzt. + +VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die +Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat. + +VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich. + + * * * * * + +In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max +Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw. +Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die +Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm. + +Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen, +waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler +pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck +zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine +nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den +Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im +Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500 +Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso +wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um +von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was +Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois +vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich. + +Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst +im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später +in der „Kölnischen Zeitung“ in einer für mich ungünstigen Weise +auszunutzen versucht wurde. + +In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig. +Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen +schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden +zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die +Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht, +obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages +Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann — ein Württemberger, der eine +katilinarische Existenz führte — hin und verfaßten ein überschwenglich +gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um +Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst +nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen +meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die +„Kölnische Zeitung“, die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die +empfangenen 200 Taler — nicht 300, wie sie behauptete — vor einigen +Jahren veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei +Unterschriften rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich +entschieden verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir +namentlich Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und +könnte der Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß +bei den Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig +überließen. Daß er die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr +Interesse für die Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe. +Das Geld wurde indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde +aber sehr sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die +Agitation für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren +von den 200 Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden. +Das war allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von +1865 bis 1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben +eine so rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige +auf dem alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter +dieser Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung +begriffen und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867 +offiziell seine Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten +hatten, ärgerte viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht +verwinden konnte. Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der +Wahlagitation mir entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß +wir jenes Geld angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen, +daß all seine Mühe, mir zu schaden, vergeblich war. + +Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied +des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke +ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all +den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in +der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den +Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen +war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu +reden, „geistiges Ehrenmitglied“ des Nationalvereins zu sein. + + * * * * * + +In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das +Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen +Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit +Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen. +Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir +auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die +sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für +kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864 +kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig. + +Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung +Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte. +Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis +5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede — die +ich einstudiert hatte — elend stecken. Mein Temperament war mit meinen +Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. +Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt +wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin +gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch +war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet, +Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die +Entwicklung nach links hielt er nicht auf. + +Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden +zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die +bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem +Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die +im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn +v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten +werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen +und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu +beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig +angenommen wurde: + +„Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn +v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes +abzusehen.“ Eine zweite Resolution, lautend: „Die versammelten +Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für +die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten“, wollte der +überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil +dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine +scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit +der Auflösung der Konferenz drohte. + + * * * * * + +Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß +Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei. +Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der +weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp +befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen +Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so. +Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit +erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald +untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in +dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im +Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner +Richtung seiner Aufgabe gewachsen war. + +Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden, +dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger +„Allgemeinen Arbeiterzeitung“, die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in +Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen +worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft, +das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an +dessen Schluß es hieß: + +„Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil, +der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet, +eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen +jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines +Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag, +mit dem gewöhnlichen Maße zu messen.“ + +Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin +Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen +Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz +Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von +Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die +Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb +Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen +entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die +Situation ansahen. + +Der Brief lautete: + + * * * * * + +„Lieber Freund Sonnemann! + +Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf +telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen +wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der +Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich +glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht +und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen +Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht +wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas +geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines +entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen +Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und +etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der +Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden +Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele +entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht +ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere +Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen +von weittragenden Folgen sein — im gegenteiligen Sinne nichts schaden +kann. + +Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu +energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die +Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen. +Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal +dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der +Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu +geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den +Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele +Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man +Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen.“ +Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen. + +In einer Nachschrift heißt es: „Würde es Dir als Präsident der +Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die +Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir +alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß, +ebenfalls übermitteln werde.“ + + * * * * * + +Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt, +jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es +mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie +Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf +den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen +hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger +Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem +von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag +möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die +einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen, +waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten. +Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren +berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen +Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder +Sonnenschein gewähren konnte. + +Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation +insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen +bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf +die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die +Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des +Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für +Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein +Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz +wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte +Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der +Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als +Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und +zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher +Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren +Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde. +5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des +Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des +ständigen Ausschusses. + +Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren +Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher +Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz +waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen +übrig. + +Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3 +Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals +in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen +der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter +Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und +zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen +Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich +zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des +Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger +Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A. +Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee. + +Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und +mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der +Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der +Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu +tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales +(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne +Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern +sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er +sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei +seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte +Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes +Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von +meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf +den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene, +als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem +bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort +verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und +legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von +keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine +referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den +ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch, +Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger +Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren +war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für +Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim, +Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M. + +FUSSNOTEN: + +[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt. + + + + +Friedrich Albert Lange. + + +Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit +Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen +Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst +sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der +liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den +ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem +Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht +beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die +Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der „Geächteten“ und +„Isolierten“ in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den +Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar +1865 erschienenes Buch „Arbeiterfrage“ zeigt. Wenn in der später +erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht, +wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus +nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich +dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens, +dem er leider zu früh erlag. + +Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte +nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst +aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon +andeutete, mit der „Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Konflikt +gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des +Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft. + +Bei der Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, wahrscheinlich auf +Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt +untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war +im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung +gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger +Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein +günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger +Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr +eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als +einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe. + +Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung +eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine +Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die „Arbeiterzeitung“ erreicht, +daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung +hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag +mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat, +unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die +„Arbeiterzeitung“ darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie +nunmehr die Sache anders ansähen. Die „Arbeiterzeitung“ hat denn auch +später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen. +Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag +persönlich bei mir. + +Die Ereignisse des Jahres 1866 — auf die ich später zu sprechen komme — +und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in +Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein +Blättchen „Der Bote vom Niederrhein“ eingehen und folgte einer Einladung +seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der +Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt „Der +Winterthurer Landbote“ ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen +Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine +Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der +junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der „Züricher Post“, +traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine +demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit +mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue +Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und +fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl +der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens. + +Mittlerweile war ich — wie ich vorgreifend bemerken möchte — +Vorsitzender im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt +nunmehr, die Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager +zu bestimmen. Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir +klar. Ich hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb +an ihn am 22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor +O.A. Ellissen,[3] einen „sehr merkwürdigen Brief“ nennt, in dem ich ihn +bat, das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu +übernehmen. „Neben der Wehrfrage — so schrieb ich nach Ellissen weiter, +der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand — steht noch so +mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und +Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist.“ Ich sprach weiter +in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer +Spaltung, „es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig +schwankende“. + +Lange antwortete am 5. Juli: + + * * * * * + +„Lieber Herr Bebel! + +Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine +Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war, +um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier +eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé +und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied +zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu +tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein +ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur +Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich +vor Vollendung der neuen Verfassung — wir sind froh, wenn sie noch in +diesem Jahre fertig wird — nicht mit Sicherheit über meine Zeit +verfügen. Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann +nicht sicher wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen +Bedauern das Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine +Zeit es irgend erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich +meinerseits ebenfalls mich danach sehne, so viele wackere Freunde — +leider zum Teil in getrennten Lagern — wiederzusehen.“ + + * * * * * + +Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt +nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf. +Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich +ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als +Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn +festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner +Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag +er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer +der Besten aufgehört zu leben. + +FUSSNOTEN: + +[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen. +Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch. + + + + +Neue soziale Erscheinungen. + + +Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß +zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der +die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte. +Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu +einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein +Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben +Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die +Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der +Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters +war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an +Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen +hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung. + + * * * * * + +Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe, +die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen +große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg +bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der +eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen +folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die +niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn +betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die +Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24. +März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den +Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der +Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war, +mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete +in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt +war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der +Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der +Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen +Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen. + +Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die +Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die +Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen +Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich +mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse +sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben. + + * * * * * + +„Leipzig, den 11. Mai 1865. + +Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M. + +Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage, +auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine +Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen, +muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an +den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über +die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin +arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen +Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu +wenden. + +Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut +über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man +nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst +erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer +Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und +Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten. + +Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde +mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma +Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der +Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich +nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde, +weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind. +Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu +Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine +ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat +war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun +würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den +Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so +unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit +(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von +jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde. + +Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich +merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die +Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung +einfach nicht wolle. + +So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission +kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie +habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den +Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es +denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen +erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man +keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte +Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen +bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es +den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte +tun möchten. + +Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere +Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich. + +Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im +Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man +beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt. + +Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben. + +Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie +die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung +machen. + +Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer +Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach +einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu +treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber +bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im +Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie +die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit +den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der +Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die +Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und +abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe +der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur +Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der +Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“ + + * * * * * + +Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai: + +„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine +Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine +vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der +Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und +beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht +etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch +allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem +Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als +Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben. +Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als +Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht. +Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu +bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war. +Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals +an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die +Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv +würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch +das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß +die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale +mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und +diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen. +Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß +ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen +genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin: +die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit +gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt +worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen +durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um +Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß +allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig +vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“ + + * * * * * + +Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik +ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“ +Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die +Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese +erlangte er nicht. + +Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort: + +„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß +ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig +aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und +zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des +ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe, +werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen +Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner +Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen +dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu +stellen. + +Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch +verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener +Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung +abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte. + +Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen +Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir +ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche +Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v. +Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache +zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die +Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe +erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission +anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei +er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man +sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser +letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie +vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht +die rechte war. + +Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit, +zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei +nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in +Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies +dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen, +mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend, +als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes +begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf +aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit +vormittags 1/2 10 Uhr. + +Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das +mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe +sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre +Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals +zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das +geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der +Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet. +Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen +Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen +zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns +nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese +abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen. + +Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht +zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive +der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in +Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man +doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu +wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die +feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch +aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt +würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit +Geldsammlungen zu unterstützen. + +Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren, +als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir +dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich, +sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des +ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen +genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen +Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“ + + * * * * * + +Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an +Sonnemann, in dem es hieß: + +„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die +Buchdruckerangelegenheit zu berichten. + +Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission +auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte +diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging +darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale, +um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete +und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei, +indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben +würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der +Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser +Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale +lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession +in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen +wollten. + +Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich +sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den +Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung +mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für +notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die +Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit +diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen +vorzulegen und mir Bericht zu erstatten. + +Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man +motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht, +weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als +Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst +hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem +Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze +Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen +könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte +sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er +abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit +noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite +dazu auf. + +Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich +beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle +anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen, +welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg +davonträgt. + +Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen +Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit +dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von +auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen +einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern. + +Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei +mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus +nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann +die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls +ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die +Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“ + + * * * * * + +In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in +einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles +beim alten. + +Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder: + +„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts. +gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen +Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die +Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser +ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr +schwer werden.“ + +Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem +Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in +Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich +wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die +Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in +erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten. +Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete: + +„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts. +über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden +dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten. +Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann, +wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich +durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen +Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last +der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und +ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen +von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch +genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich +gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr +erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu +schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte.... + +Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche +Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der +vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war. + +Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke, +dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war). +Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband +zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen +Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über +Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu +lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren. + +Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der +größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des +Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell +auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine +Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch +Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die +Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die +Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls +zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel +nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen, +Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im +alleräußersten Falle anzunehmen.“[5] + + * * * * * + +Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer +Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung, +als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau +der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in +den Streik eintraten. + +In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni: + +„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum +Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten, +konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich +deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang +bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue +Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden +können. + +Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden +die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen. +Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen, +obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter +Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3 +Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die +Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im +Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“ + + * * * * * + +Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes: + +„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung +an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht +aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen +sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu +opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen +jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich +geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so +wäre es für den Augenblick genug gewesen. + +Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es +den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur, +ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für +sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt +ausgesprochen.“ + + * * * * * + +Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die +Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer +Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die +Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen +zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten +entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu +vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des +Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs +wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die +Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was +ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es +meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten. + +Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks +veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses +auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der +man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund +dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten +Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man +selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun +hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts +weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die +Sympathie für diese nicht. + +In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um +gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und +Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten +Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter, +sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne +Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das +Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen +Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte +guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns +gemeinsame Sache. + +FUSSNOTEN: + +[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht +mehr zu entziffern ist. + +[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch „Die Internationale“ (Leipzig +1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren +Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um +die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den +Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können +unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband +der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes; +zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen +Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der +Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den +Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die +Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft. + + + + +Der Stuttgarter Vereinstag + + +Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf +den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf +demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte +vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm. +Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard +Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in +Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor +Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe +erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist. +Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter +Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit +mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum +Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche +Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim +gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten +linken Flügel der Demokratie. + +Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später +Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und +der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung +war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“ +wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre +darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften, +wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz +für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war +recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch +hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und +direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen +Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die +Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die +Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der +badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung +beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich +änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche +Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig +angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht; +er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses +Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen. +Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der +Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen. + +Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in +seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die +Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem +schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau +mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen +und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage +nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte +ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des +Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer +fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen +Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen. + +Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer +Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen +Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler +und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation +erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von +jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen +Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen +Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder +einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des +ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch +eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines +Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom +Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen +Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade +kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine +bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der +Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug, +angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied +der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan +nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit +dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen +starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß +die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr +lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel, +Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange, +Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann, +Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß +gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger, +der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war. +Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm +sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen. + +Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen +Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so +deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in +der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die +Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer +lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen +und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der +anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der +Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische +Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden +Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue +Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand +hochgradiger Erregung. + +Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des +Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des +Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42 +Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf +deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter +Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten +und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale +Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als +ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der +gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme +verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich, +um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den +reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze +müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im +Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte +ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab +und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller +tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches +Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in +Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem +Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen +Weines mit Vesperbrot. + +Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt +„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die +deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht +ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke +schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren +waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten +wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei, +daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich +führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich +abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb +schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach +Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr: + +„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in +diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung +überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den +nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses +deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das +Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre +wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben +werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel +Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein +gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder +gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich +mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder +Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich +nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach +Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen +König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v. +Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft +haben....“ + +Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident +des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen +Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v. +Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern +und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das +Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines +Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der +aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18. +März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen +hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war. + +Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in +Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben +hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der +siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem +Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug, +hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt. + +Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die +Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands +dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er +ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer +unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die +friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden, +zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil +wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem +23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt, +eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original +gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw. + +Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten? + + * * * * * + +Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die +Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen +Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und +Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer +Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen +versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder +die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um +mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der +Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben. +Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§ +183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von +Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen +ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und +Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis +bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern +oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das +eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung +derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit +mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im +„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede +gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit +fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184 +habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch +in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die +immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und +Genossen aufs schärfste an. + +Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der +konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem +er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über +den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen — +abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf +vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der +Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung +aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen +angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es +ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung +innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig +zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine, +begründet durch das Gesetz. + +So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen +Bourgeoisie das Wasser abzugraben. + +Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in +Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die +Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen +Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer +nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen +Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ +die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister +Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des +Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen. +Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre +Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte +darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden +zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich +war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung +unmöglich. + +Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In +Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und +Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst +zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu +verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger +„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und +spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache +benommen hatten. + +Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr. +Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen. +Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die +Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va +banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend +einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser +wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich +senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was +der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am +31. Juli 1865: + +„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln) +betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die +Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die +Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene +Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese +Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen.... + +Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische. +Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann +wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich +im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich +glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen +zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation, +das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den +Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe +niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei +vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen. + +Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern, +Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit +dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns +einstweilen den Zusammenhang pflegen.... + +Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die +politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil +ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen +Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich. +Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen +als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche +momentan liberal flöten, erst recht_.“ + +In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang +meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch +sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft +gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach +der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt +zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das +Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig +aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte +nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was +wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst. +Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so +fortfährt.“ + + * * * * * + +In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer +Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte. +Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10. +Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es: + +„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan, +mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die +Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder +Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit +der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister +müssen ja aufeinanderplatzen.“ + +In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten +die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden. +Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und +Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen +erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in +der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und +Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus: + +Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des +Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und +nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der +Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen +Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten. + +Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede +das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein +ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht +wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung +des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen. +Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke. + +Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei +deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein +konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu +dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große +Volksversammlung unter Bandows Vorsitz. + +Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein +Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen, +auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen +wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der +Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste +zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze +stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war. +Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher +Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer +1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich +über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war +dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer +und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter, +dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von +Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden. + +Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag +gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es +auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für +diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen +Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur +Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen +wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten +solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei. +Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg. + +Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem +Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der +schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das +sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und +dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v. +Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr +v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren +aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in +Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund +des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle +Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v. +Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die +Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere +Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der +Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche +geleistet. + +Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen +verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer +fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den +Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle +Liebknecht. + + + + +Wilhelm Liebknecht. + + +Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen +ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862 +nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses. +Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich +Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt, +im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die +„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben +Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht +für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von +beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten +Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das +Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht +stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall +wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben +für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort +veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der +Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm +Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen +Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung +aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von +London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt +mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen +lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in +Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in +Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl +kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die +„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im +Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter- +und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte, +als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des +„Sozialdemokrat“, ansah. + +Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel +am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier +sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages, +Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken +und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich +natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß +aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach +der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer +Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich +ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch +auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er +war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte +nicht, daß wir uns bald befreundeten. + +Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der +Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen. +Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die +passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit +erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig +zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender +willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen. +Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der +englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine +allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich +später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage +wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war +und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht +seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde +sich in zufriedenstellenden Verhältnissen. + +Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell +in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner +späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich +öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen +Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der +Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei +Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten +Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab +und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die +Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere +Heiterkeit erregte. + +Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine +Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für +denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger +Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift +von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der +Buchhandlung Vorwärts erschienen. + +Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen +Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein +noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte +ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen. +Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe +der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern +gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen +gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze +auszugleichen suchte. + +In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und +Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein +großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen +Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu +finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine +vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer +Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so, +daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder +ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere +Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues +Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht +sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so +konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich +darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von +Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb, +waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste +Bekanntschaft gemacht hatten. + +In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu +schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde. +Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der +Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel +an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm +getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich +von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun +gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es +merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden +wäre. + +Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich +gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu +danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in +München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt, +Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im +September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht +hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen +Paulus zu machen. + +Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns +kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus. +Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig +studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht +war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels +in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang, +der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen +erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich. +Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß +nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem +Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus +jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“, +er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner +Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte: +„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber +Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem +Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den +Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was +sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die +Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte +allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im +Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen +Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang +mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses +Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe +mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute +Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische +Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die +deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf +Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere +theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht +von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit, +die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten +theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner +ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die +große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung. + +Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über +Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, +noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von +Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste +Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand +ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 +erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und +zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859 +erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren, +aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz +gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu +verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx +und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und +Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx +in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse +für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift +lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale +bei. + + + + +Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen. + + +Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr +zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle +verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung +vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige +Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die +Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung. +Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war +der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger +Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor +Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit +war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte, +auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem +behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen +Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In +letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des +Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe +nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe. +Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch. + +Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865 +abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines +Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war +zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen, +die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des +Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und +beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau, +deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches +Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die +Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten +werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die +Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits- +und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die +Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen +werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in +einer Privatbesprechung verständigen. + +Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser +Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu +ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die +Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter +denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals +ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber +das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es +kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr +nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung, +unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut +vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen, +was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag +vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den +Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die +Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar. +Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung +den Vorschlag zu erklären: + +„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den +Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der +Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen +oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung +aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die +Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt +es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“ + +Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger +Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz +stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte. + +Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem +die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer +auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch +wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden +Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins +(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die +„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“ +in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte, +er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser +Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den +Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an. + +Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus, +daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht +erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel +Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine +Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der +Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen +Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze +dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen +und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten +haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee +niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz +Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald +als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation +beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen +und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage +so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund +drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine +Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die +politischen Forderungen in den Vordergrund. + +Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden +statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung +auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für +Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich +den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen +Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem +Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene +Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen +Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er +auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es +nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der +die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und +Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der +Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte +teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine +Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für +Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen, +Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat, +Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der +Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee. +Försterling wurde dessen Vorsitzender. + +Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in +Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des +Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches +Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische +Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen +der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt +ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir +forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die +Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments, +eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als +selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament +Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne. + +Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von +2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam +lauteten. Darin hieß es: + +1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm +nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir +erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als +Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und +die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk +nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten +entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt +werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir +verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche +Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des +allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung +und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die +Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der +Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament +einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne +der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen +Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung +der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung. + +Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und +Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der +Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang +dieser Deputation abgelehnt. + +Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt +durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag, +Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher +Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war +und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins +Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt, +wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe, +erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt +zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für +ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei. +Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare +Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit +der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu +richten: + +„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung +der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter +Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz +Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die +Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“ + +Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen +Richtung, als man erwartete. + + + + +Die Katastrophe von 1866. + + +Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung +zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu +geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich +und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem +Schlachtfeld zur Entscheidung brachten. + +Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von +neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs +die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX. +erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an, +sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der +denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII. +verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu +Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief. +Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die +Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen +und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ +durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht +erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen +die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem +Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage +im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man +erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen +Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851, +die Hauptschuld trug. + +Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er +bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v. +Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem +betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle +Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle +Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden +wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen +und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in +Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“ + +Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den +Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die +Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen. + +Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für +Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß: + +„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln +gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen +kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen +zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“ + +Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der +Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem +Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das +ist der Fortschritt seit jener Zeit! — + +Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der +massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung +von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen +Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem +Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für +ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen, +die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In +Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem +selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine +patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei +den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten. +Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere +Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches +geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die +Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben +Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig +statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das +Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen +benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar +mit. + +Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der +Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß +eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie +betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem +Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese +bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne +wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863 +abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war, +erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen +deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für +dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten +wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren. + +Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse +aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die +Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen +Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner +verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter +Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt +nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst +drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die +schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es +gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg, +gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt +der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt +waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen, +die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im +Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und +Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch +ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2 +Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen +den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80 +Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich +vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht +stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach +langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von +Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von +Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war +der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen +Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt +der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle +Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos +unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten, +wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein +allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt +seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten, +damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen +kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als +türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn +v. Manteuffel. + +Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein +konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die +Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die +konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach +Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete +er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch +dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons +Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen +Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische +Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits +schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle +Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden +losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine +„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den +italienischen Staatsmännern, die später der italienische +Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“ +veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen +außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die +allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte +Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen +Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken +keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr +Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit +einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren +hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen +würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde. + +Dieses Programm wurde prompt ausgeführt. + +Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone, +seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel +weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die +Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an +Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des +preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse, +ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen +europäischen Krieg nicht auf sich laden.“ + +Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch +Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich +zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall +von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht +schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische +Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen, +und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten +ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für +diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden +sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage +erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das +diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit +Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen +seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die +Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und +allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für +einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber, +bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen +für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen. + +Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit +intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu, +sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten +Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen, +er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der +Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung +des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die +eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84 +der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles +andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische +Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu +erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution. +In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen +Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den +Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die +südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher +herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes +handelte. + +Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten +Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl +der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören +könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der +Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine +Befürchtungen. + +Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen +Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager +getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen +konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und +opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des +Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von +mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen +Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die +Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter +Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das +Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die +Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht +in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der +Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung +verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden +war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer +Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen +wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate +zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen +Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im +Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an +den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom +Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken. + +Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende +Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der +Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen +Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die +österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den +Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der +Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen +konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch +diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die +Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren +Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der +Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an +Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das +Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine +deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt +notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine +Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen +Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls +lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen. +Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen. + +Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen +immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen +dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn +sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit +auf österreichischer Seite stehen würden. + +In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die +sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges +verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die +Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai +dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen +besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten +politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw., +für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns +anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die +erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und +Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die +Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum +Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich +schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich +jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen +Deutschland entgegentreten. + +Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und +begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution: + +1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und +das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen +Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der +Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze. +2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik +betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes. +3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes +Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß +das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die +jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle +eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet +dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich +erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu +vertreten. + +Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und +Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und +Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die +meinige einstimmig angenommen. + +Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über +jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient +so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen +Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand +vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des +Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz +tagte, im gleichen Sinne aus. + +In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des +Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf +den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M. +Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine +Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich +eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten +besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses +eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war +auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der +Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der +alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze +schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie +damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte, +wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt +werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß +zu machen? + +Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die +Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve. +Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer +Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des +Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen +Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung, +daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch +ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten. + +Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche +erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in +Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende +Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses: + + * * * * * + +Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher +Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des +Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die +Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der +preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der +unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt, +dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites +hinausreichen. + +Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken +dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig, +gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen +haben, und nährt die Gelüste des Auslandes. + +Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder +aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines +schweren Verbrechens an der Nation schuldig. + +Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation +diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten +deutsches Gebiet preisgeben. + +Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig +ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu +verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz +Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum +beschränkt werde. + +Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des +Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten, +durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken +und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte, +mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten. + +Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet +wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen. +Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre +Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität +des deutschen Gebiets einzustehen. + +Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen +zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von +ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben +ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes +sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den +jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion +entspringen zu sehen. + +Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die +deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist +auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine +freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr +solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige +Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten +Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen +Nation gefordert werden. + + * * * * * + +Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7, +nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem +Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer +sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese +der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt +hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der +Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und +Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er: + +„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt +hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh +waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen +miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte +Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes +sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in +Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen +aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen, +welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“ + +Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus. + +Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der +Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß +alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man +befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein +Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der +Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und +Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher +Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt, +um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem +Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit. + +Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer +Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant. + +Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer +Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung +statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort. + +In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert: + +1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten +Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein +solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen. +3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen, +dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete +Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4. +Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in +politischen Vereinen zusammentreten. + +Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein +Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt +einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß +wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des +Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel, +Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg, +Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v. +Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau, +Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch +Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona. + +Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm: + +A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der +deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der +Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der +Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine +preußische, keine österreichische Spitze. + +B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die +Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen; +beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der +Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und +des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in +Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über +die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung +Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand +Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein +Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die +Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer +Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann +von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die +Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_, +wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine +nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft, +sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die +gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu +verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur +eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte +Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der +nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig +entscheiden. + +Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur +Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil +mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende +Proklamation: + + * * * * * + +An das deutsche Volk! + +Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen +Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen +an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos +genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des +schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz +Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche +Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen +Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei +zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen +und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der +Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen +Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in +Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen, +bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk +zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von +Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht +sei. + +Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem +Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der +schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei +über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit +Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte +Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig +ist. + +Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in +Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht +für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig +Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im +eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück, +darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie +mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im +Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit +voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der +Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine +Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_. + +Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des +deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen +Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das +deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten. + +Frankfurt, 1. Juli 1866. + +Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai. + +I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel. + + * * * * * + +Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig +hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation, +fehlte. — + +Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten +Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu +Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten +Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben +wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main +und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen +österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder +ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser +Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch +äußerte er: „Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche +alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!“ Eine +zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni, +verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit +„klingendem Spiel“ die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die +Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen +Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke +zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben. — + +Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu +einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen +politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze +Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg. + +In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein +preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für +Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte, +gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine +Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die +preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich +sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu +nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits +bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß +aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden +Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede +volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der +Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der +Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen +Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des +Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine +unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit. + +Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge +hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer +der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit +eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die +Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und +bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der +Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der +„Arbeiterzeitung“ zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen, +die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und +die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte, +hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive +Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte +entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu +bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen +des Blattes einzustellen. + +Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum +abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200 +Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte +auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera +in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber, +denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann +auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten, +die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen +beschäftigte. + +Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur +Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch +dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu +werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage +ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem +Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als +es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ. +Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt +Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni +sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe +einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die +Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen +Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien +seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen, +worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen +Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel +lautete: + +Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der +kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen +Landesteile (Luxemburg und Limburg). + +Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten +vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig +Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren +Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die +mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen +focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei +Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war +gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien +entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs +mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen +werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v. +Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die +italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen +setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht +erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen +Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die +Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im +Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La +Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung +Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur +Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die +zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg +endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen +suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen +Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem +Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz +Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz +treffen. + +Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868 +bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber +anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die +Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in +der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt +Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge +im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine +Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr +Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand, +Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg +abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu +Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen +in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen +und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen +Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck, +Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten +sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an +Italien abgetreten. + +Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den +deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei +Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie +Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit +Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates +verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung +getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden +Ausruf veröffentlicht hatte: + + * * * * * + +An die ungarischen Soldaten! + +Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der +gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch. + +Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus +Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen +Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere +ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint +jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben, +hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den +Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der +Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien. +Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes +heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet +denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen +erwarten. + +Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle +Vaterlandsverteidiger werden? + +Es lebe hoch das Vaterland! + +_Klapka_ m.p., ungarischer General. + + * * * * * + +Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen +Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf „An die Einwohner des +glorreichen Königreichs Böhmen“ veröffentlicht worden war, der Stellen +enthielt wie die folgende: + +„Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch +den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre +nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein +günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!“ + +Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei +dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten +Niederträchtigkeiten — und als eine loyale Kriegführung konnte man doch +die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen —, sie wurden +entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine +Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine +auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen +Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen? + +Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern +begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland +an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter +Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer +Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten +die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die +Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich +Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der +„Preußischen Jahrbücher“ Bismarck aufforderte, die oppositionellen +Staaten — Sachsen, Hannover, Kurhessen — zu vernichten: + +„Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung; +ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen +deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation.... +Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die +Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation +als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der +achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit +einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch +geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über +Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit, +aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze +der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut +und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch +weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration +die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die +Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers +mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden +kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine +Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den +Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt, +rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten +und entweihten Krone — wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend.“ + +Und er schloß: „In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die +_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir +wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus +zurückkehrt auf den Thron.“ + +Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt +wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen +zusichern, „daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen +Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse +zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes +begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät +oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines +politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich, +polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in +seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll“. + +Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden +wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den +damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und +eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen +angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein +Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische +Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich +ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig +und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und +seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für +Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit +Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht +gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre +unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden, +das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847 +noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das +preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut +Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche +gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie +in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer +Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was +man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher +im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung +zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf. + +Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium +Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf +Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als +Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so +stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich +war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat, +ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für +dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen +Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist +sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung +nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber +sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch +den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles +der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine +Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen +Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge +gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der +Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft — von der +Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden — hat zehn Millionen Deutsche in +eine fast trostlose Lage versetzt. Unsere „Patrioten“ geraten in +nationale Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt, +aber an dem Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen +in Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß. + +Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter +unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam. + +In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar Bucher — +also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste — über den +Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: „Ein Sieg der +Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel.“ + +Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: „Nur in dem _populären_ Krieg +gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation +_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_....“ +Lassalle ging noch weiter und führte aus: „Eine Besiegung Frankreichs +wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence. +Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa +gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung +darstellt.“ Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: „Nur zur +Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch +im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische +Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon +mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung +ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei. +Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_.“[6] (Zugunsten der +Revolution.) + +Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt, +sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: „Endlich aber ist die +Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine +Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der +Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau +und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die +Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und +gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind, +daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen +Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen +großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen +Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen, +aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar +erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk_.“ — + +Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den +Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend +in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die „Mitteldeutsche +Volkszeitung“ gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten, +weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand +des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich +erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es +war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das +Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der +preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten. +Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei, +würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein, +in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und +so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei +Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt +wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich +ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen +Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt +hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen +unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt. + +FUSSNOTEN: + +[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels. +Stuttgart 1902. + + + + +Nach dem Krieg. + + +Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen +Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die +Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen +Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war +für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm +nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen +sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein +Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm, +ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu +rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu +einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung +vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der +Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben +stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands +in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine +Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen. + +Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an +der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue +demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete: + + +Forderungen der Demokratie. + +1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines, +gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen +Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der +Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden +Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament, +welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat. + +2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine +erbliche Zentralgewalt. — Kein Kleindeutschland unter preußischer +Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland +unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche +dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit, +Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen +Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen. + +3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession. + +4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung. +Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und +des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und +würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der +Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht. +Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung +der der Volksschule Entwachsenen. + +5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und +der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der +Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines +deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des +Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit +der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde. + +6. Selbstverwaltung der Gemeinden. + +7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der +Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und +Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren. + +8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie +Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht. + +Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben +ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich +von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden +war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der +in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz +nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner +Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht +warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist +sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er +bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung +erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine +Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner +Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee, +das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe, +der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war — weshalb er sich +gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen +hörte —, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre +zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den +legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls +dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich +gründlich lächerlich zu machen. + + * * * * * + +Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen +Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die +mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das +Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer +absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei +wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens +im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung +der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung +der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es +stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht. + +Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden +sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach +bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte, +deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge +herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor +allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer +Kräfte zu befriedigen. + +Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe +der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten, +wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien +insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die +große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur +politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was +der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei, +daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung +des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie +Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten. + +Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten +gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß +vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei +verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not. + +„Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist +gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner +gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme, +Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die +große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die +Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von +keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder +höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im +Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an +den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine +willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische +Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt +der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere +Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu +entziehen droht.“ + +Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu +gehen und allen Hader schwinden zu lassen. + +Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der +ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden +durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte, +war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen +könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen +Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er, +daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben +habe. + +Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag +nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit, +die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer +bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die +sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung +_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben +spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und +Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der +Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt, +und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als +selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu +wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr +als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume +schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem +ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte, +was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich +mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses +einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die +Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren +Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde, +entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers +schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein +Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und +verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit +und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei +agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders +tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate +lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie +erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen +sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin +und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben +Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis +verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein +gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das +Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v. +Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft +Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein +politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat. + +Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang +Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866 +nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten +aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte +nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die +Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis, +Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18. +Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps +kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den +Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst +in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis +nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich +siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400 +Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er +mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm +voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm +zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen +nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf +meinen Gegner fielen 4281 Stimmen. + +Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt. +So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem +Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich +hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit +in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich. +Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt, +von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn +einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte, +nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den +Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst +den Wagen. + +Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten +Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die +künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission +aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die +Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von +Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau — der Turnergötz, der damals ein +roter Republikaner war — und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v. +Schweizer und Dr. Reincke — der, als er später sein Mandat niederlegte, +durch Fritzsche ersetzt wurde — und in einer Nachwahl Hasenclever +gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich +ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v. +Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen +Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der +Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war +ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so +heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu +reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe +gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte. + +Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später. + + + + +Die Weiterentwicklung. + + +In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel +abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte +festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres +eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die +Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die „Allgemeine +Arbeiterzeitung“, war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine +Monatsschrift, „Die Arbeit“, die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben +und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer +wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in +den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues +Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel „Arbeiterhalle“ von +Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage +erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt +erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es +einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten +und von Liebknecht redigierten „Demokratischen Wochenblattes“. Endlich +wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen. + +Mit der Gründung des „Demokratischen Wochenblattes“ war einem von uns +allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin +kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten +konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und +soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat +vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber +waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden +gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten. + +Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte +mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867 +schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund +bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil, +daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848 +nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien, +die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung +mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer +noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik +fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im +Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine +losgehe. + +In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege, +ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867 +hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich +präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des +sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen +Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des +Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und +Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und +Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der +Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber. +Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die +Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie +gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die +Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage +vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß +diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der +Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen +sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche +Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine +vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen. +Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen +7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten +deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der +ständige Ausschuß erklärte. + +Dieser Vereinstag — der vierte — wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten. +Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein +Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus +Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar. +Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische +Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum +Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei +Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller +Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der +Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und +Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die +Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in +sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem +er in einer Resolution erklärte, ihm „im allgemeinen“ seine Zustimmung +zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler +referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur +Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV +wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere +sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde +von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses +Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der +Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle. +Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland +verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des +Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate +gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33 +Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit +war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht, +was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt +einigermaßen aktionsfähig. + +Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über +die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes +Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter +getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich +hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet, +die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution +besagte: + +„Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es +den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß +Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer +eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden +Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit +erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist, +einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als +notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über +die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des +Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem +Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die +Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden +Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf +Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung +der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen +(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch +Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung +der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter.“ + + * * * * * + +Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines +Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872 +durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt +wurde. + +In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand +genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den +vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte, +was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in +Nürnberg verhandelt wurde. + +Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein. +Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen +Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen. +Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren +Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer +der „Arbeiterhalle“, an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf +des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die +verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht +aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen +Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der +Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze +Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer +und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des +Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte +Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt +Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr. +Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende +Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am +Schlusse des ersten Geschäftsjahres — Ende August 1868 — betrug die Zahl +der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr +als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis +zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die +Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte +Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von +mir. + +Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung +des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag +und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab +die ständige Mitarbeiterschaft am „Demokratischen Wochenblatt“, dessen +ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit +meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise +vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir +in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich +manchmal kaum ein und aus wußte. + +Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen +forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn +gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25. +Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es: + +„Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen +aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf +machte aber auf Dich einen ‚kläglichen‘ Eindruck. Das glaube ich nun +wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den +Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in +ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter, +aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe. + +Wenn ich jetzt vom ‚Erzwingen wollen‘ abgekommen bin, so ist nicht die +Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung, +daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach +nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere +Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse. + +Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du +richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich, +so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein; +soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht, +wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die +Dauer fortführen willst....“ + +Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder +seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben +müsse. + +Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage +wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam. +Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in +der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter +sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die +Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_. +Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure, +Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging +es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da +schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O, +diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel +brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der +Gegner verbluten sehen. + +Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der, +als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem +Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun +und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft +mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige +Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere +Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit; +sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein +ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er +trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft +ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß, +wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft +überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt, +diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind, +in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden +können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher +Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der +Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden +gehabt. + +Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine +Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein +dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das +Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern, +ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das +erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein +Ehrgeiz nicht. + +Wie ich die Arbeitslast — und die Jahre 1867 bis 1872 waren die +arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit +fehlte — bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In +gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit +Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur +mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner +Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte: +„Die Arme, den wird sie nicht lange haben!“ + +Zum Glück kam es anders. + + + + +Persönliches. + + +Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im +Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist, +die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine +Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für +denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu +der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an +der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie +kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger +Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode +ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe +nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit +opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich +geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre +unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele +schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich +die Sonne ruhigerer Zeiten schien. + +Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde +ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein +amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß +ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung +auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen +Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert +Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der +Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit +bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: „Sie sind ja +noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger +Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu +seinem Vergnügen treibt.“ Ich stand in der üblichen grünen +Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: „Wie Sie sehen, sind +Sie im Irrtum!“ Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den +erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr. +Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er +mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden +wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer +prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde. + +Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir +meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen +hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als +„Ausländer“ sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte +die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld, +denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern +lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber +die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig +zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350 +Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen, +indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit +mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört, +ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen +Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte, +was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal +mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem +Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war +so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur +Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein +Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte +mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne +zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den +kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen +zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten +Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch +die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären +mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes +erspart geblieben. + +Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines +Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen. +Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun +während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft +gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner +Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später +einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: „Das +geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld +sparen konnte.“ Dieser „horrende Lohn“ betrug damals 4-1/2 Taler pro +Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen +Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden, +anderwärts elf. + +Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die +gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für +das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber +täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte +also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur +wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein +Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals +Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten +überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht +gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe +wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben +erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen +Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der +Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen, +wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln +mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den +Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich +machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste +Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung. + +Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen +mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott. +Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen +kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus +Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott +gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71, +in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71 +mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft +genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen +lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten +wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse +Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem +Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874 +währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden +waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit +Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg +antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das +Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen +zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau +tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von +der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder, +als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der +fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich +mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon +daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da +wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des +Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den +materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und +sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter +Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit +Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel +aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf +erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die +Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und +die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem +Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte. +Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen +Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese +Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch +wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im +Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines +Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten +Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen +Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die +Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde +Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr +entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und +widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in +dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in +Stuttgart kam. + +Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild +von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir — mein Associé +und ich — uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der +Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker +Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust +wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu +sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé +wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr +heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise +in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen +Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten +Schwäbisch verwundert äußerte: „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?“ — +Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht +selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich +unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still +zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören +bekam. + + + + +Der Marsch nach Nürnberg + + +Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und +den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die +Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen +eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den +Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten +Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck +hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der +süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund +nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von +achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit +geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war +dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein +großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die +Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in +Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen +Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht +vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in +Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte, +und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten +für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener +Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum +Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten +jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die +demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten +Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen +wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und +Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren +zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht +machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite +Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die +demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen. + +In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der +Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung +des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue +Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt, +als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine +siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der +Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten +Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und +die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese +Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den +Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht. + +In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden +sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte +der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im +norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten +Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der +Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden +Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich +gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen +eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen +Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in +einem Artikel in der „Arbeiterhalle“ beleuchtete. + +Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf +die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar. +Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die +Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen +werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten. +Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in +dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen, +indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte +Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an. + +Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei +von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber +dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann +angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab. +Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig +übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des „Demokratischen +Wochenblatts“ unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat +über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten +Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes +Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden +Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur. + +Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein +Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen +eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd +gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den +verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen. +Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner, +unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere +„Mißerfolge“ im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem +Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir +würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich +antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen +Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf +nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen +entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich +nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter +müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die +bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er +(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze +zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung +beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu +werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei +der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch +Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich, +daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das +könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das +erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten +Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der +direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft, +1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger +Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich +erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann +wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten, +wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines +klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu +weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß +wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne, +der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen +würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten. + +Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von +Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine +durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am +16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig +ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits +dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die +Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit +ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus +ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung +tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung. + +Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der +Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark +besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten. +Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als +Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung +als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich +als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr. +Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des +deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als +Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als +Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf, +Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der +deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als +Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich +Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war +ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner, +zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten +hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in +den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch +als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags +fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger +Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung +siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der +fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium +wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf +Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung +über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als +erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als +zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die +Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei +Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie +verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber +kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. „Keine Kompromisse“ rief es von +den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der +Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen. + +Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf. +Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als +Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die +neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich +zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten +zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch +eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte +wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß +das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46 +Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen +Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und +beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen +Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die +betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten +sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen +Parteien. + + * * * * * + +Das angenommene Programm lautete: + +„Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine +erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm +der Internationalen Arbeiterassoziation: + +1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die +arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die +Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für +Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und +_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_. + +2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem +Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet +die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der +geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit. + +3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur +ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist +mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt +und nur möglich im demokratischen Staat. + +Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter +gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität +zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem +Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den +arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die +Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein +soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es +moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und +theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt, +beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die +Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation.“ + + * * * * * + +Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm +ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr +standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der +Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine +Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte +sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm +einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und +gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die +ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der +politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann +Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie +sich einverstanden. + +Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der +Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war +insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt +Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er +vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie +erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später +ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag) +frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht. + +Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese +Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des +Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in +Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es +mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der +Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte. + +Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags +zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter +den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer +Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte, +fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich, +sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen +durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter +verwaltet werden solle. + +Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich +vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete: + +„In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen +Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den +Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden +Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8] + +In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie +Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch +_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können, +beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und +speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in +zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_.“ +Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat +faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den +Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium +zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle +Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und +Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens +_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige +Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch +drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch +Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die +indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die +zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war, +zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster +Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem +Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die +geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen. +Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57. +Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand. + +Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart, +Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M., +Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg, +Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg, +Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien, +Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den +Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der +norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und +den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten. + +Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen +Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob +und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf +antwortete ich in Nr. 46 des „Demokratischen Wochenblatts“ unter dem 23. +September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe +zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden, +wir wollten die Arbeiter auf einen „sozial-kommunistischen Standpunkt“ +locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der +„sozial-kommunistische“; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten +diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine +Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort +Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor +uns kopfscheu machen wolle. Die Worte „Sozialist“ und „Sozialismus“ +reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits +gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so +Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem +Philister Angst in die Glieder zu jagen. + +Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine +neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem +Moniteur, dem „Sozialdemokrat“, den Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer +kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische +Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau +wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender +Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in +Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken +bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate +später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben — L. +Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter +Obermeister einer Schuhmacherinnung ist — äußerte nachher: „Schweitzer +hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir +abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen.“ +Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und +ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und +brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei. + +Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen +Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine +sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der +Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten +deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem +bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung +zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die +Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache +geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der +Bewegung erspart geblieben. + +Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein, +dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband +eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften +Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus +dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben +rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern +des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl +Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th. +Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren. +Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand; +sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so +ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich +allmählich die fehlende Armee. + +Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen +Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel +anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern +für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen. +Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im +Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der +Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer +große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für +die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte +unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche +Geldzuschüsse erforderte auch das „Demokratische Wochenblatt“, das vom +Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10 +Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge +kamen. Auf ähnlicher „finanzieller Grundlage“ wurden später öfter +Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten +Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt +kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich +mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und +sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung +von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an +Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als +Redakteur des „Demokratischen Wochenblatts“ monatlich nur 40 Taler, +später als Redakteur des „Volksstaat“ monatlich 65 Taler. Hepner wurde +1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im +„Demokratischen Wochenblatt“ schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung +der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die +Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses +horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum +Beispiel 1878 der „Vorwärts“, der Nachfolger des „Volksstaat“, auf Grund +des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch +dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der +zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn +Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu früher +— denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt auch für +den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — eine Bourgeoispartei +geworden. + +Doch die Partei hat immer „Schwein“ gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu +meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die +Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die +Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite, +von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer +auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit, +als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war +Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und +mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert +hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur +Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000 +Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen +und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war +glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte +meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der +Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes +Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus +der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den +Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die +Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres +1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese +Quelle. + +Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war +erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet +gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren +Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag +aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung +in beiden Parteien immer erbitterter wurde. + +FUSSNOTEN: + +[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete: + +An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London. + +Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der +deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an +Sie zu richten. + +Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in +Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die +Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste „Die Programmfrage“ +obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner +in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach +festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll. + +Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das +Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste +Nummer des „Vorboten“ enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den +Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die +Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also +zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen +würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch +nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch +einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den +Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in +Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen +Arbeiterassoziation zu entsenden. + +Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen +und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen +Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten. + +Mit Gruß und Handschlag + +Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel, +Vorsitzender. + +Leipzig, den 23. Juli 1868. + +[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für +den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende +Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und +Altersversicherung. + + + + +Die Gewerkschaftsbewegung. + + +Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich +glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das +Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur +mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das +Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den +verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die +Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides +notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit +der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler +Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man +sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der +Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten +im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen +Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard +Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner +Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident +halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im +Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei +Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle +Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband +mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im +großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin +für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war +hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger +Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen +Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für +gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten +wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften +erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die +Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu +schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes +beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks +Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner +„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche +veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die +Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen. +Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen, +auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll +erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders +gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt. +Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den +Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes +Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868: + +Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die +Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der +Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel, +das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung +zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne +Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit, +Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu +entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten, +einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von +allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken. + +Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite +abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der +Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der +Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige +Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten +Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen +Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber +auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man +ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein +ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der +Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin +statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in +Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter +vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der +Rede, mit der er den Kongreß eröffnete: + +„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch +die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist +das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so +viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen, +und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche +Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse +daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn +zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind, +_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren +Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“ +Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es +nicht sein. + +Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer +Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl +Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die +Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur +Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile +der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte. + +Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine +günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13. +September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt. +Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten +Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche +Organisation bezüglichen Stellen lauten: + + * * * * * + +„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit +nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie +mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises +verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß +berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen +anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien +selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den +Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und +ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet +der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen, +bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime +Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions +widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement +(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht +wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von +Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an +die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig +gehen zu lehren_. + +Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte +verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2. +der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch +allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten. +Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern. +Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel +(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen +Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung! +Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald +entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört. + +Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht +durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin +bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen +und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale +angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich. +Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die +Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns +mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt. + +Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die +meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich +eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch +das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem +Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem +Proudhonschen getan habe. + +Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere + +Ihr ergebener K. Marx.“ + +Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht +lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse +Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen +trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden +entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung +zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr. +152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von +den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die +verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu +verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den +er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte +Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom +Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident +niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis +Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die +Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und +beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien +und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner +Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen +Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte +sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien +doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische +Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung, +damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an +der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann, +Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die +Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner. + +Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen +solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die +statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht +vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den +Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten +sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu +lassen. + +Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge +geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen +Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872 +auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung +solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der +Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner +Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine +Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende +Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber +nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte, +außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende +Organisationen aufzulösen. + +Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel +die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund) +seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen, +daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb +den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns +auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts +Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich +sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag +angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß +sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden +gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht +der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem +Sinne zu wirken.“ + +Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens +unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende +und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt +— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation +als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den +Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften. + + * * * * * + +Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten +Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für +Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel. +Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die +Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler +Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu +sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas +weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden +Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem +Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine +Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale +Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der +Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der +Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder, +der Berg- und Hüttenarbeiter. + +Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung +litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter +leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe +zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft +seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank. +Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und +der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die +nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren. + +Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung +möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark +besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die +Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende +Resolution empfahl: + +„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem +Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der +Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur +Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist; + +in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen +Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur +Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die +heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher +Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes +Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den +Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“ + +Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir +saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die +Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand +unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir +verfaßte Resolution einstimmig angenommen: + +„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger +Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses +gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben +darauf hinzuwirken: + +1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine +gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und +Verschmelzung berufen werde; + +2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die +beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis +zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig +unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß +wählen; + +3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den +Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von +Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die +Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu +Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“ + +Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr. +141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer +eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des +Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge +zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung +zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem +Nachdruck entgegenzuarbeiten“. + +Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf +weiteres hinfällig geworden. + +Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher +Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß +die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis +abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich +sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die +Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist +Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf +Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften +angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften +den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand +ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 — +stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die +Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung +spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften +unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und +traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des +Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in +allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai +1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer +Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen: + +„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für +die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht +bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu +erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt +abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die +Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch +die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben +werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von +den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für +die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche +Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen, +die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5. +daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter +entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß +die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den +Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten +lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei +augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu +unterstützen. + +Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen, +einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit +vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann; +ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem +ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg, +Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege +der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“ + +In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen +Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und +Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die +Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen. +Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche +Entwicklung. + +Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf +dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die +Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen +Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni +im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den +Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art +einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem +aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in +Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der +Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften. +Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen +sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht +schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in +jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen +des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich +sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter +dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von +gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil +der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die +Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn +Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern +angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt, +und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar +überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der +Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es, +in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der +Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu +Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine +Organisationsvorschläge auseinander. + +Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs +Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der +Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der +Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine +Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die +Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution +einstimmig angenommen: + +„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie +konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich +sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste +Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem +neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die +Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen, +die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung +ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die +verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die +Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß +sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß +gefaßt hat.“ + +Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder +frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven +York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die +Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er +stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und +Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib +meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft +übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft +und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich +tätig sein. + +Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die +sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die +Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf +diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874 +nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die +Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten +Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die +Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften +fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem +Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr +als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft +und Gesundheit geschaffen worden war. + +FUSSNOTEN: + +[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: „In den Statuten der +Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der +Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion, +als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag +schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und +ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des +Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur +einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil +dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.“ + +So der „Diktator“ der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren, +daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders +denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr +wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge +heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich +trotzdem nie mit ihnen gehabt. + +A.B. + + + + +Meine erste Verurteilung. + + +Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin +Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien +zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas — Ende September +1868 — zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den +Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung +die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die +Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem +spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich +glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die +Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu +nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als +sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der +Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als +fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der +Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich +der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen, +so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und +dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet +in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der +Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für +jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines +Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer +geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß, +seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus +Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den +Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken +zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu +unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen +Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der +Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war +immer seine schwächste Seite. + +Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige +Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er +wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale +veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust, +bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die +Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung +des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß +Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v. +Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden. +So teilt er in „Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi“ den Bericht eines +seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt: + +„Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus +eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um +nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution +hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in +London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis +Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in +Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf +Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel +Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland +erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt +ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische +Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu +organisieren.“ + +Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert. +Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher +Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft. + +Die erwähnte Adresse „An das spanische Volk“, die Liebknecht in einer +Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung, +vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi. +Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 — so lange +hatte der Instanzenzug gedauert — im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis +verbüßten. + +Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß +zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals +niemand. + + + + +Vor Barmen-Elberfeld. + + +Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868 +immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl +Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg — Herbst 1868 — eine Geldsammlung +veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen +Professor Planck — der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen +Gesetzbuch wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb — im Wahlkreis Celle +unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen +Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869 +hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach +Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des +sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die +sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet. +Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung +abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der +Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen. + +Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein +kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz +bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese, +Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus +Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die +Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und +schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die +Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies, +die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen +Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die +furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung +hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung +absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde +mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die +Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich +niederzuschlagen gedroht. + +Sechs Monate später — der Eisenacher Kongreß war vorüber — hielt ich in +Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der +Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult +in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie +begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge +leisten können. + +Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine +persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde +rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den +Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder +Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen, +sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig +ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im +„Demokratischen Wochenblatt“, daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme +und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten +und zu beweisen, daß Schweitzer — sei es für Geld oder aus Neigung — +seit Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der +Arbeiterpartei zu hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen +Cäsarismus spiele. Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan, +ihm ausweichen wollen, so sei er bereit — allein oder mit +mir —, in Gegenwart von Schweitzers Bevollmächtigten und der +Arbeiterschaftspräsidenten ihm entgegenzutreten, oder — allein oder mit +mir — auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins zu erscheinen und seine Anklagen zu begründen. Weiter +machte er den Vorschlag, den Generalrat der Internationale als +Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich anzurufen. + +Nachdem der „Sozialdemokrat“ festgestellt, daß Schweitzer auf der +letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt +worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er: +Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er, +der „Sozialdemokrat“, nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu +können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der +Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde. +Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in +Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein nicht einlassen. + +Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt +hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen, +und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte +Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur +Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng +genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer +an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten +Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen +ihn am wenigsten kompromittiere. + +Merkwürdigerweise erklärte der „Sozialdemokrat“ drei Tage später, +Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der +Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des +„Sozialdemokrat“ wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen, +Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß +ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später +anders. + +Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten +hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den +wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere +Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung +erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich +geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal. + +Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann +weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil +meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt +werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten. + +Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche +Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während +desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung +mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die +weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher +Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei +Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser +Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen +wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem +Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei +natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen, +sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach +dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen +sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige +Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der +Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu +machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war +ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren +Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch +und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen +Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt. +Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins +alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren +Situation. + +Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen +Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen, +das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer +wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl +Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der +Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung, +denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten +mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments +war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und +indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der +parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld +eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem +Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden. + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL *** + +***** This file should be named 12267-0.txt or 12267-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/7/6/12267/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Ist man wie ich +durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt, +dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu +lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und +schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir +gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran +Wahres ist. + +Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls +hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der +Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu +welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können, +ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt +auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu +verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen +Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den +Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am +besten befähigt. + +Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich +nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt +einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief +einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine +ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir, +sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten +Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden +erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die +unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz +anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter +sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid +abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß. + +Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie +zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit +Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt. + +Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war, +Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder +an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der +Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde +Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu +werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen +andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten +in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg +trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot +sich aber auch die Führung eines Tagebuchs. + +In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die +antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen +Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt +war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann +gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit +so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung +stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen +bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder +anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte +ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit +ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen. + +Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910 + +A. Bebel. + + + + +[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.] + + + + +Aus der Kinder- und Jugendzeit. + + +Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte +seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl +Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den +ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und +Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung +gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt +werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter +auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie +fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich +Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich +selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und +Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was +immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die +Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn, +und oft bestimmen sie sein Handeln. + +Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den +Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß +ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich +sie nie. + +Der Mensch ist irgendwo geboren. + +Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich +in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater +war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25. +Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon. +Mein Taufschein weist nicht Deutz--das damals noch eine selbständige +Gemeinde war--, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die +Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen +Kirchengemeinde gehörte. + +Das "Licht der Welt", in das ich nach meiner Geburt blickte, war das +trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände +einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und +Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner +Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern +"ein historischer Moment", als eben draußen vor der Kasematte der +Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit "unvordenklichen +Zeiten" das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben +haben. + +Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß +damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende +Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider +die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in +demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube +beschrie--und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige +Stimme gehabt haben--, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde. + +Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit +bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das +Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen +hatten. + +Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst +notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen. +Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des +Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die +Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa +um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß +um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher +sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name +Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen +Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der "Facetiae", den +Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb. +Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die +Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte +um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um +1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt +als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem +Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit +seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches +Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre +1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung +für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen. +Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen +Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser +Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten. + +Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten +Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater +war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine +Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die +Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen +Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und +machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das +betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen +zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut, +vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner +Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende +25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate, +folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz +garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment) +übertrat. + +Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in +erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu +jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans +Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland +den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die +Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das +Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten +zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So +sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit +Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden +Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch. + +Für uns Kinder--mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer +1842 der zweite geboren worden--war das Leben in den Kasematten ein +Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher, +verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften. +Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt +waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des +Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf +der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite +mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen +Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem +Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich +saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf +der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte +die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden +Dragonerrittmeisters so "entzückte", daß sie uns öfter für meine +musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich +litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der +Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der +Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die +selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters +gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen +Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte +übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine +Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts +und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die +den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal +von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster +hingestellt worden sein soll. + +Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie +sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich +seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und +adretter Militär--ein sogenannter Mustersoldat--, aber er hatte zu jener +Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem +Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen +pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch +kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst +feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und +Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für +den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam +er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom +Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter +Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen +Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung +in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger +Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben: +"Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem +preußischen Offizier!" Der Ausdruck "preußischer Offizier" im Munde +eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals +und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen +Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als "Preuß" bezeichnet. Die +Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann +Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch "Prüß") werden. +Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr +1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in +Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten, +ein Gast zu den anderen sagte: "Was will denn der preußische Offizier +hier?", als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld +hatte damals wie heute keine Garnison. + +Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig +geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger +Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett +verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er +die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach +seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben, +weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit +in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses +dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit +gesteigerten Erregung wiederholt aus: "Tust du es dennoch, ich erstech' +die Jungen vor der Kompagnie." In seiner Erregung übersah er, daß er +alsdann nicht mehr unter den Lebenden war. + +Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr +1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst +er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog +die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die +Möbel trug--denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend +noch nicht--, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres +Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht +zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden +Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte +es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die +Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater +noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem +schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln +zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln +angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns +wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach +dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit +starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum +Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die +Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen, +nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder +des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese +Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine +Mutter zu heiraten. + +Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit +einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40. +Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der +Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später +ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner +Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im +Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die +Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt +Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der +Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in +Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein +bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine +solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit +ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen +Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat +zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen +befindlichen Briefes vermerkte: "Absender bittet um baldige Abgabe." Die +Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige. +Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem +Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen, +als er eben auf der Totenbahre lag. + +Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger +Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten +Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die +sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der +Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen +Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles +war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche +Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen, +in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe +schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt +waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung +abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen +Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um +das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der +Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war +dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern, +kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann +und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel +Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine +grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere +Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur +des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand +darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu +legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf +wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und +die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt. +Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den +Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als +lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden +lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln +abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem. + +Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze +Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen +Eindruck. + +Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst +vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem +jugendlichen Alter als "Freiwilliger" aufgenommen. Kehrten wir Kinder +aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das +eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor +Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher +im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr +bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme +waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme +und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und +unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: "Jungs, macht, daß +ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!" + +Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr +abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines +Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr +strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer, +eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch +gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder +hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem +Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere +körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß +erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden +sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel. + +Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht, +denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum +Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so +geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr +bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und +Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten +fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein +bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb. + +Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte. +Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war +meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose +Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf +staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer +Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die +Siebensachen auf einen Wagen geladen--die heutigen Möbelwagen gab es +wohl zu jener Zeit noch nicht--und wurde die Reise nach Köln angetreten. +Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln wurde der +Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster gesetzt, um von +dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per Wagen das Lahntal +hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir abends gegen 10 Uhr +die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten, war diese mit +Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum Ersticken. Da uns +niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde wie wir waren, uns +dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie nur müde Kinder +schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir endlich in +Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier verheiratete +Geschwister--drei Schwestern und ein Bruder--meiner Mutter lebten. + +Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine +kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche +Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in +einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen +Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude +steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die +Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später +mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern +Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch +der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am +Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet. +Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später +wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger +Stadttheater bei. + +Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule +verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das +Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen. + +Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur +mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten +Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner +prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra +vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir +lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine +Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen +Sinn hatte--und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau, +quälte uns zu Hause nicht damit--, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich +war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht, +daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal +Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine +Strafpredigten eintrugen. + +Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus +kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man +ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte. +In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch +heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine +Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens +förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel +vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten +Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen +das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür +und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand: + + Guten Morgen, Herr Schwager! + Gestern war ich fett und heut bin ich mager! + +Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich +derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer +lachte. + +Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze +stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die +nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben, +unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in +"sittlicher" Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen +bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte, +das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden, +an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu +dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder +seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte. +Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu +schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten +Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte. +Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die +kleinen fetten Hände zu bewundern. + +Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte +Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz +einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die +Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee--der Ort Garbenheim besitzt +ebenfalls Erinnerungen an Goethe--, auf deren Felsplatten wir unsere +"Festungen" errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem +Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste +unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum +Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige +Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich +abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der +Ferien, waren zahllos. + +Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine +Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars +ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer +die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum +Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein +Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und +unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er +nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und +ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der +Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm +einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die +wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter +erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch +ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut +es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen. + +Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter +war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein +vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die +Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der +spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter +Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu, +umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den +Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis +fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu +bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen +gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden, +vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden, +knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er +glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war +gerettet. + +Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet, +daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder +Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen +Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen +ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und +mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir +in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen, +scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte +allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu +gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach "Berühmtheit" +folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in +lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag +eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als +Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde +die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch +von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag +bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis +zum Beginn derselben am Nachmittag im "Karzer" zubringen mußte, also +erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen +einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter. +Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten +Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die +Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten. +Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort +eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit +anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und +einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte +das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich +glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen. + +Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte, +jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt +vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden +Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen +gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der +Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an +Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen. +Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche +Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre +Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein +erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater +Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu +Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage +nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die +Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine +hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse +Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich +ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So +erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und +letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die +Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur +Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des +zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen +Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber +doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich +prämienlos ins Leben. + + * * * * * + +Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern. +An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige +Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15 +Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr +gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns +beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet +hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer +mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt, +die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen. +Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft, +um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr +ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch +vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in +der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich +an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren +Schwager--einen Handschuhmacher--weiße Militärlederhandschuhe genäht, +das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag +konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig, +zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen +Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht +ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit +unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen +Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen, +Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte +das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine +Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer +Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch +unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu +Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die +Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten +Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas +zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß +der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer +Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn +Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken +verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend +nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere +Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das +Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es +war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung, +von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu +arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den +Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld +gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide +leidenschaftlich liebten. + +Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam +vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich +war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu +erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr +Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein +Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren +Militärdienstzeit verpflichtet werde. "Wollt ihr Soldat werden, so geht +später freiwillig, ich verantworte es nicht," äußerte sie zu uns. So +unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für +mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam. + +Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und +1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der +Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug +sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere +politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt, +stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt +waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich +also meine politischen Gegner über meine "antipatriotische" Gesinnung +entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und +dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht +zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als +ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den +Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der +größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt. + +Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern +eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem +badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem +mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben +standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher +kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine +Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat +sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der +Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich +aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern +könne. + +Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen +Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch +allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da +alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese +Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und +zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An +der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne +getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht +braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen +Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte +usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig +verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten +zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die +Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr +amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer +oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von +Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v. +Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf +seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem +Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer +Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei +Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den +Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der +Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und +zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre +Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie. + + * * * * * + +Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni +starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie +am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte, +beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie +nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt. +In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und +warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die +Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter +gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten +packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen +bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben +gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben +binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem +jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich +aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt +schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am +Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige +Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam +aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt, +beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne +herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung +davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst +litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge +konnten einer Mutter kaum beschieden sein. + +Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in +Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann +Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes +Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl +aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in +Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide +zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der +Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges +Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte +anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der +gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch +eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich +sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit +den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in +einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich +zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in +Ruhe. + +Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine +Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch +Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem +Sohn ein Müllerknecht--wie damals die Gesellen genannt wurden--und eine +Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich Pferd +und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme reiten. Die +Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte die Fütterung +der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder wohin sonst +diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen +Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus +der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am +liebsten wäre ich in der Schule geblieben. + + + + +Die Lehr- und Wanderjahre. + + +Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein +Onkel von mir, an mich stellte. "Ich möchte das Bergfach studieren!" +"Hast du denn zum Studieren Geld?" Mit dieser Frage war meine Illusion +zu Ende. + +Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß, +nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar +gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen +großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast +wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die +Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium +nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das +Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte +ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines +Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich +annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der +Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen +Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies +geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war +wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte +mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut +bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl. +Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit +sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler +geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich +habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was +nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit, +für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam. + +Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche +Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu +wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen +viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter +oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten +täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur +Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht +voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war +es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir +konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb +nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen. +Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der +Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr +Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit +der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß +stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei +nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so +bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden, +aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die +Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen. +Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe +machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich, +wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt +essen zu können. + +Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich +hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht +allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang. +Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine +Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank. +Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je +zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine +Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das +war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte +ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere +Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser +Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre +Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen. +Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden +ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene +Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an +schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen, +während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern +ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag, +nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet, +zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also +die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und +nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches +Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber +ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in +der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was +für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber +zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen, +kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer +von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen +diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an +die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer +aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich +falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich +mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu +Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich +nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne +Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule +meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der +Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu +benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten, +zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe +und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher +aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller +war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine +Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich +Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise +Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher +gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die +Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich +vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich +offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle +Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte +Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich +wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze +Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht. +An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein +Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar +förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage, +an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein +anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte +fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich +auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine +auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die +mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte +ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete. +Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis +abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert, +und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin +verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler +Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem +Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte, +begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten, +brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm +beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im +Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem +heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der +Familie. + +Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die +Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich +in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht +nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der +Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent, +die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das +heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein +Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten, +polizeilich eingetragen--visiert--wurden. Wer kein Visum hatte, wurde +bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter +zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen +8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich, +namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer +die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum +nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich +die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von +Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier, +woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls +und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in +einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in +Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die +Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und +diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er +betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich +darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten +Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte +fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es +mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die +Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte +durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück +nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach +Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war +die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr +flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem +Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise +öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen, +die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere +wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder +entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, "weil ich +ganz wie ein Schneider aussähe". + +In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist +nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder +sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und +zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte. +Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge +Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht. +Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch +nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten +können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in +Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber +keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des +katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus +hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme +fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei. + +Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich +zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als +Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum +Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch +damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war +stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im +Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die +Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen +repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden +zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern +erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine +Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet +haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man +eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber +doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der +schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der +Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine +Hauptsache. + +Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen +Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein +waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie +gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male +mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen +solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das +Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin +wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied +den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen +und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung +vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines +solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem +Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der +Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer +Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend +Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen, +woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt. + +Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und +marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den +Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein +wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am +Firmament einen gewaltigen Kometen--den Donatischen--zu beobachten, der +in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher Länge +besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen Pracht +und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge große +Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die moderne +Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht bleiben. Der +Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen Handwerksburschen +von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger Streit das Jahr +zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet worden. +Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in sich +aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen Ordnung +verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen +Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der +Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot +verweigert. + +So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff +über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes +seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über +Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand +zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden +Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen +konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten +abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von +Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer +aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen +Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse +trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten +zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften +wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags +hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. "Du +nimmst die rechte Seite, ich die linke!" hieß es. Als ich in ein Haus +kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich +die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das +ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen +vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der +anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei +Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht +widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich +das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben +Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung +über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische +Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich +außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um +meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und +marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten +Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und +ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren +Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler +zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über +sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten, +davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er +sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut +gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und +ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort +erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus. + +Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege +den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau +halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider +halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des +Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man +focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den +Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen +in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald +der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk, +antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen, +geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so +war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten +anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der +Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die +Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als +Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und +angenehmer Gesellschafter gewesen. + +Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und +links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild +der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener +Frauenkirche, den Heinrich Heineschen "Stiefelknecht", die am Ende der +meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen +Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar +nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane +gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich +frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer +antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht +verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also +auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer +sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber +ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen +hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut +und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der +Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer +Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den +Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß +herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich +blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu +ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger +Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel +beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half +mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz +zu leisten, grob antwortete: "Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!" +Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die +Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor +komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein. + +In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier +der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche +gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die +ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der +Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten +herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb +eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so +sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es +war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß +ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der +ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob +wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt, +daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis +mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig, +das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte +zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte--ein Trierer--, der vorne +steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt, +und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn +versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ +ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein +politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde, +daß der Flößer drohte, "den verdammten Preiß" in die Isar zu werfen, +wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser +der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als +wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten, +schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt +genug. + +In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem +Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt +mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein +wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige +Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen +hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm +geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin, +wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum +Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben +Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im +echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter +hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg +aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der +Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf +entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren. + +In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus +Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten, +dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte +Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken. + +In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der +Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers +keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war +der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins +Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9 +Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein +bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß +unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben +also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher +anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken. +Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets +warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und +stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der +einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister +mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf +einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu +Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am +nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: "Hören Sie, +Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend +die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt." + +Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die +oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene +gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der "Teutsche", der +Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten +Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte. + +Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe +Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister +veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die +Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten +zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit +anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach +Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen. +Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach +Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt. +Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der +letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um +möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel +und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den +gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir +mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns +unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging +die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die +Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der +Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich +Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen +Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen +wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten +Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben +Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß +dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische +Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von +der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu +sein. + +Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt +nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein +erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen +niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen +Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg, +vor uns liegen sahen. + +Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all +den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und +jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war +keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein +unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden +Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft +bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage +vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal +erfuhren. Jugend überwindet viel. + +In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich +ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach +Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich +ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands, +denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im +Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer +1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch +ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und +Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien +entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders +interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten +singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die +Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von +Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte +siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so +aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit +noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle +Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in +Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu +Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter +Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu +verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom +Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel +einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien, +Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr +Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem +Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber +die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden +Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich +mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat +als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er +möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger +Zeit kam auch das Geld--sechs Taler--an, aber jetzt bedurfte ich +desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede +von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen +leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach +Wetzlar reiste. + +Die Löhne waren auch in Salzburg--wie überall in der +Drechslerei--schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im +Spätherbst den ersten Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als +gewissenhafter Mensch sparte ich nicht nur, ich darbte, um die +wöchentlichen Raten zahlen zu können. Dabei drückte mich noch eine große +Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich fürchtete, als Jüngster in der +Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu erhalten. Das hatte die +Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als ich nun ihr und dem +Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die tröstliche +Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit bleiben könne. +Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte ich an den +Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von Hübner, das +Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt hatte, bei +der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum +italienischen Krieg angesehen wurde. + +In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200 +Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast +alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den +schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf, +Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger, +bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen. +Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß +eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten. + +In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die +Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern +des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark +besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes +Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr. +Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag +nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in +Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie +Anschauungen äußerte. + +Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine +Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine +Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener +Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs +Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen +Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als +Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht +"Die Zigarren und die Menschen" vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr. +Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei +diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im +Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber +nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich +nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der +Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft +bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine +Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam +auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich +Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst +versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu +flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den +Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm +auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber +geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im +übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an +meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause. + +Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag +ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der +katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf +eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß +sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl, +äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe +es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin--die Witwe +des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte--, die viel für den Verein +tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er schmunzelnd +hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein +Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine +gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten +der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher, +hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die +Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und +vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der +der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In +Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte +Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar +mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war +aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg +kam, weiß ich bis heute nicht. + +Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In +der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie +Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in +meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf +zahlte. + +Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später +schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in +dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser +Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg +überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert +worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich +meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte +unmöglich annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge +Drechslergeselle--wenn er sich überhaupt dessen entsann--der spätere +sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck +hatte ich sicher nicht auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß +Kollegen aus dem Zentrum, denen ich gelegentlich meine Salzburger +Erlebnisse erzählte, den Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich +Anfang dieses Jahrhunderts nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg +kam, war Dr. Schöpf einige Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere +Natur und die volle Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt +haben. + +Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht +schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns +jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im +Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der +Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in +nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der +im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten +Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an +unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs +allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen +solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume +herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: "Schau, das +mußt du so machen!" und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg +in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden +Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat +und dem König, den sie nicht kannte, zurief: "Du alter Lackl, schamst di +net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!" Der König nahm seinen +Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein +Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei +für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre +Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst +überraschende Antwort: der König Ludwig. + +Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige, +will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung +nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im +Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan +hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der +Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich +nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir +bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden, +als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten +Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe: + +"Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat +alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_. +Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur +die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte." + +Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden? + + + + +Zurück nach Wetzlar und weiter! + + +Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener +Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der +Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs +Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages +bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in +den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht +gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde +ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als +ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir +entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und +beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das +herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört. + +Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in +Wetzlar an. + +Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um +ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei +der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als +militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine +Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen +Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als +aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner +Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und +mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden, +"da zog es mich mächtig hinaus", wie es im Handwerksburschenlied heißt, +und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu +folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche +machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war +mir zu jener Zeit keiner über. + +Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und +Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte +damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in +mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So +entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen. + +Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist +seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den +Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln +nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig +bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines +momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es +ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder +umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die +wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf +dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen +Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm +aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum +Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der +Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die +weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf +gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil +ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung +und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die +"glücklichen Umstände" geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im +Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten, +ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so +muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie +auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen +ansehen. + +Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten, +und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte, +hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei +den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach, +Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in +der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und +nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters +widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett +gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu +einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein +glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte. +Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen +würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem +Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir +unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in +einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum +Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein +gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen +zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es +seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich +nicht. + +In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir +brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann +ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere +Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu +Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und +schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden +junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften +vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht +zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in +der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im +unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte. +Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach +Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können, +denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der +Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war +sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein +Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich +mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und +frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir +nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller +Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig +ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer +Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später +selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig +ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied +hier wieder "ein Augenblick des Glückes" über meine Zukunft. Zum +zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf +Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen +gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir +aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten, +und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen. +Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die +Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer +geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu +rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie +sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei +wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere +Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe +einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich +eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er +erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen +ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als +wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten +Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung +von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er +behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für +unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten +wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der +Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch +später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht +eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu +bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte. +Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause. + + + + +Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben. + + +Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von +Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische +Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der +Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen. +Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch +zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische +Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden +war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten +mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders +seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat. + +Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften, +sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer +großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter +preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu +einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen, +wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche +Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die +Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck, +dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des +altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten +schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm +des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt, +wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den +Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie +sah eine neue Aera hereinbrechen. + +Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein +eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe +der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu +kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst +hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm +scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und +das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt, +hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im +vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug +geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand +zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der +bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte +sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der +Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die +Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie +verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über +die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der +neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei +Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt. + +Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da +versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne +weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der +nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es +aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation +nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die +Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die, +kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte, +definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten +Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent +ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den +Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition. +Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen +(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die +Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für +die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung +der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai +dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen +waren auf elf Mann zusammengeschmolzen. + +Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat +mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter +bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war--September 1862--, an die +Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das +war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten +Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt +zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt. + +In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz +Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der +Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf +Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich +sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken +nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt +werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland +bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht +ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten. +Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen +Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die +sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel- +und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung +forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte. + +Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung, +die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen, +beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre +politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren +in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der +sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis +Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die +liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich +ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom +Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen +und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende +Personen zu bringen suchten. + +Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit +erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals +noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei +Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme +der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der +Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den +handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die +Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein +Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf +der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen +Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der +Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden, +statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche +Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und +Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu +können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der +sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische +Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das +heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in +denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine +Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder +Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise +vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen +Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten +deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines +Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des +Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit +Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus +waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde +Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in +Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider +Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings +Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter +gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx' +und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas +wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen. + +Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem +Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch +wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die +Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer +gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit +erschienen. + +Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem +Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in +Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten +Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische +Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein +mittlerweile eingegangen war. + +In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als +einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages +las ich in der demokratischen "Mitteldeutschen Volkszeitung", auf die +ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte, +der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte +Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung +eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im +Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem +Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt. +Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche +Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen +Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte, +daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der +Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf +Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet +würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der +Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von +seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust +gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und +verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein +müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht +eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht +einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren +so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu +können. + +Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck +nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an +jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt. +Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So +neben Professor Roßmäßler, Professor Bock--der Gartenlaube-Bock und +Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen--, die +Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr. +Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans +Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich +auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe, +Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert +Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr. +Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im +Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung, +deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung +gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem +Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei. +Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder +singt, der keine Singstimme hat. + +An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in +dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber +dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter. +Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede, +die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei +der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine +Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im +Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als +ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen, +man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist +denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für +die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die +Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In +beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die +wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen +Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr +erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich +unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer +Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt +den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand. +Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition +stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein +politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen. +Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich +beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der +Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt, +daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und +darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend +gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte, +der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse +hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung +und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung +hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen +hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen. + +Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der +im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal +war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert. +Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei +auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge, +die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und +Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen +Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen +eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen +sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf +dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte, +und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz, +sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand +die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben +gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war. +In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der +Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter +der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis +verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf +beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am +Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem +Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen +hatte. Zu den "Verbrechern" gehörten weiter Dr. Albrecht, der in +unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters, +Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw. +Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem +Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften. + +Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren +Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und +Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen +Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren +noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der +Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland, +über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser +den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die +Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine +Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich +der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines +allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die +aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der +Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in +den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf. + +Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende +Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in +das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen +Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die +von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen +Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von +auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die +deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile +sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die +schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus +der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in +jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein +sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen +Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die +Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen, +Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg +und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt) +waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte +sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der +preußischen Regierung trat. + +Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der +Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller +Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese +Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem +Schutze Preußens und Oesterreichs--die hierin ein Herz und eine Seele +waren--ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der +verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein- +und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war +es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den +Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre +nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung +Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von +Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die +Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren +Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des +Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen +hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter +der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs +freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in +Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im +Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in +Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch +unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei +Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen +und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v. +Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert +hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art +und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen +Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und +mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286 +Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen +schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42 +der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu +lebenslänglichem Zuchthaus "begnadigt" wurden. In der Strafanstalt +Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter, +eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische +Gefangene beherbergt. + +Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel, +Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten +Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war +wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus +verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er +11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht--er war mit dem Rechtsanwalt +Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide +sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen--, veröffentlichte er 1865 +über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: Die +Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in +Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war +einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300 +Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht +hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts +verdächtigt wurde. + +Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre +später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl +mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus +zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen +sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa +einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln +befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der +Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den +Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt, +sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der +Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der +ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch +hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische +Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im +sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts stimmte. + +Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse +August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland +brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v. +Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach +Wien, um ihm Preßdienste zu leisten. + +Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen +in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe +dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu +schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und +Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des +deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem +Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege, +aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann +werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von +Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die +Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie +die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die +Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am +heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut +werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in +manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in +Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung +gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu +ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und +Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen +angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal +der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen, +wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von +ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen +Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes +Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war +ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei, +zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal. + +Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen +sein--die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode +gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich +dutzendweise empfangen haben--, denn er hat später öffentlich +zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal +Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet +worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle +sein Haus bestellt. + +Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der +fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß +ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene +Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene +preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung +Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum +Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog +entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit +angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen, +hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum +Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: "Minister +sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem +Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach +Ihnen an die Reihe kommen." Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm +diese Dinge ausreden,--sagte Bismarck--, ich tat aber das Gegenteil, +weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann +kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich +vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen--aber wenn sie eintreten +sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle +einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er +sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und +Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte, +was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man +brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm +gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten, +einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem +Schlachtfelde. + +"Als ich"--erzählte Bismarck weiter--"derart den König als Soldaten an +sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und +ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin +hinein." + +Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn +sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die +hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum +Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen +einen heillosen Schrecken ein. + +In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der +Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte +sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen +Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals +großdeutschen "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", in seine Dienste, +obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied +gedichtet hatte: + + Wir färben rot, wir färben gut, + Wir färben mit Tyrannenblut! + +Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London +und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die "Norddeutsche +Allgemeine Zeitung" berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im +Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu +gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich +dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den +Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen +Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz +nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus. + +Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er +Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die +bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar +sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich +bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem +Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in +diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen +Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten +Mann erscheinen ließen. + +Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls +beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach +Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den +leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu +setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu +erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig +als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und +Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als +Mitglied des Komitees beiwohnte. + +Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der +Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die +Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu +erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der +gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe +die Gewißheit--und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als +Agent Bismarcks--, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die +nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer +Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben. + +Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der +Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der +Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange +Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme +Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen +propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem +Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle +einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit +Staatshilfe forderte. + +In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon +im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag "Ueber den besonderen +Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des +Arbeiterstandes" gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag +unter dem Titel "Arbeiterprogramm" erschienen ist. Auch hatte er in +demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese +Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns +Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die +Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen +"Mitteldeutschen Volkszeitung", und was diese nicht brachte, blieb uns +fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten. + +Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die +Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben, +nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem +Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde. +Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung +ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden, +so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und +ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr +großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v. +Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich +Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und +geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung, +diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst +müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an +eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die +konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller +Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten +Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III., +der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach +der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit +demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung +durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter +sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen +waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und +1869 auf 110 Köpfe. + +Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen +hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf +oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische +Beispiel nachzuahmen. + +Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften +mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß +Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete +und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin +Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise +getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte. +Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser, +welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm +Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor +Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von +Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst +wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den +Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe +Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle +Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September +1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu +sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die +Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine +politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den +Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im +Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch +Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder +des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in +Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter +stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte +abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei +ihm war. + +Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im +Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen +zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt +erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um +nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er +erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm +erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für +Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß +Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe, +von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich +aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf +intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des +Nationalvereins. + +Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen +Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000 +bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen. +Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen +sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer +geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit +oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu +nehmen, wo sie es finde--und jahrelang die Staatsausgaben ohne +Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen +Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den +Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses +Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut. +Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte +Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber +außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und +liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er +sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das +deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt. +Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche +Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle +abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber +monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im +Reichstag große Heiterkeit. + +Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte, +bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und +Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber +eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und +seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von +Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich +hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man +sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August +1864, ihn als Partner beseitigte. + +Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle +der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und +geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil +nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir +Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem +Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: "Und so +verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht +kein Jahr mehr vergehen--und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert Peels +gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert." +Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in +seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen, +direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt, +wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen +sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben. +Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer +verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die +berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer +Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich +Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den +bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen +worden. + +Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen +hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später +veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden. + +Lassalle schrieb an Bismarck: + +Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben, +Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit +schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses +Machtmittel! Die wirkliche "moralische" Eroberung Deutschlands! Was die +Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte +französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig +Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr +allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte +zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen +zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im +geringsten zu zweifeln. + +Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_. +Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört +werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes +mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende +Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich +unumgängliches Bedürfnis. + +Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter +Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster + +F. Lassalle. + +Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13. + +Und weiter: + +Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen +gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich +schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten +"Zauberrezepte"--Zauberrezepte von der durchgreifendsten +Wirkung--gefunden habe. Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, +endlich von entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich +ebenso glaube, diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu +verschieben sind, so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend +8-1/2 Uhr bei Ihnen vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit +verhindert sein, so bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit +bestimmen zu wollen. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz +ergebenster + +F. Lassalle. + +Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13. + + * * * * * + +Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde +und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck +habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer +zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten +Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser +Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen +im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem +Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen +Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles +waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte. +Darüber später. + +Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art, +wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum +Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter +stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe, +wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: "Er gebe zu, daß +er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu +Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren +Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei." Diesen Gedanken spann er +dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des +Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks +Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm +jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und +Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz "teile und herrsche" sich +in der Macht zu halten. + +Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas +vorausgeeilt. + +Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche, +Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den +Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und +des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der +deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen +werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die +Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt "Abhaltung einer +Weltausstellung in Berlin" gestrichen wurde. Eichler war mit anderen +Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen, +zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter +geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter +Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der +Berliner Weltausstellung entstanden. + +Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die +Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer +Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der +Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer +preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für +die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar +in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der +Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich +gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das +Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den +Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich +allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter, +der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat +der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern? +Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins +sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große +nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu +verwendeten, ihre Lage zu verbessern, "die begrüße ich hiermit im Namen +des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des +Nationalvereins". + +Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie +zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder +fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab. +Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin +ging--Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich--, blieb diese über die Gesinnung +der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht mehr im +Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der bekannten +Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle führte. +Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre Forderungen +und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde verabredet, daß +der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle, bis er +(Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in Staat und +Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe, deren +Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle. + +Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in +der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man +ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und +Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen +Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein +Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang +Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in +Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und +Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung +eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte +Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in +Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte +sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit +zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in +dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die +Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte. + +Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher +Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger "Mitteldeutschen +Volkszeitung" einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen +das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die +Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die +_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser +Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach, +hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die +Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene +Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat +allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen +daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten +Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei +Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte, +erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz +ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht +sich auch ohne Wunder immer wieder. + +Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine +Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und +mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend, +falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich +abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der +Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich +bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und +Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme +rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich +aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr +an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für +die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach +verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen +mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr +unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee +erleichtert. + +Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich. +Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein +Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins. +Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische +Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl +politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch +Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu +gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus. +Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein +Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich +keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation +konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die +gleichen Ziele verfolgte wie der unsere. + +FUSSNOTEN: + +[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats +Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit +Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten +(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst +wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen +gelernt und bei Eichler verwendet. + + + + +Lassalles Auftreten und dessen Folgen. + + +Anfang März 1863 erschien Lassalles "Offenes Antwortschreiben an das +Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen +Arbeiterkongresses zu Leipzig". Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung +hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins +die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche, +geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch +nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen +meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede +meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte. +Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des +Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals +ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte. + +Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht +entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der +kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die +Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen +Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die +Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter +so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und +doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen +Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, +Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und +Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen +Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit +Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte. +Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im +Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein +unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben, +die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen +Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das +Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und +Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer +politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und +betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse, +die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute, +sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse +war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles +Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen +Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es +vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die "Kreuzzeitung", +waren, die Lassalle objektiv behandelten--weil ihnen sein Kampf gegen +den Liberalismus ungemein gelegen kam--, erhöhte den Kredit Lassalles +und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich +vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als +fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen +Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen, +wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der +sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals +lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später +dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer +nur wenige. + +Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses +sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des +Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein +Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere +Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche, +Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die +eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ +noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast +vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie +sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel, +Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz, +in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen +außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener +Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar +Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg. + +Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache +und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger +hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem +von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht +ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die +sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen +konnte. + +Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen +Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee +zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten +Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr. +Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut. + +Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer +großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen +jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist +unter dem Titel "Zur Arbeiterfrage" erschienen. Die Versammlung war von +ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch +vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter +Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne +gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter +durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas +eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit +Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer +Disputation à la Luther kontra Eck kommen. + +Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition +finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein +persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher, +schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf +dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die +Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch, +doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete +unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der +andere mit Zischen antwortete. + +Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine +längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit +in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die +Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die +Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er +protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die +Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu +bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er +meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr +taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im +Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können. +Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen +des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten +mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig +bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh. + +Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht +darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf +seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen. +Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen +sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren. +Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich. +Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M. +gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner. +Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen +Fortschrittspartei und des Nationalvereins--zwei Organisationen, deren +Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun +Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes +lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke +nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes +Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas +Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten +Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von +Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig +eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite +stand. + +Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung, +sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in +derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut +machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen +Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner +Arbeiterbewegung. + + * * * * * + +Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal +gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von +jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft +Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs +mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton +gewöhnt sind--der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf +denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke +Meinungsverschiedenheiten geraten--, so flogen die derbsten Grobheiten +und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch +zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden +Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte +ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite +war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann +also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in +einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um +eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich +auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben. +Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die +Lassalleaner. + +Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die +größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah +erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich +ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen +schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen +spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt +dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur +Freude der Gegner. + +In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die +alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem +Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine +Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde. +Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des +Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine +Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung, +daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie +ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen +Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch +stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am +20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben. + +Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze +und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder +unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit +überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb +als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich +selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos +gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den +vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit +den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die +einfach nicht mehr beachtet wurden. + +Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen +Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der +Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie +weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die +deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, +unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten, +die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der +Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den +ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe +Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen +deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in +politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen +Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst +überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß, +durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren +Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen +drein, sie kommen nie einem solchen zuvor. + +Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig +gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine +Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen +Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med. +Reyher--ein Schüler Professor Bocks--bald darauf sein Amt niederlegte, +rückte ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872 +innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die +mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche +Reich zuerkannt worden war. + +Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche +städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für +Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts +gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der +politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr +nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung +zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im +Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten +sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine +Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch +nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre +den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch +brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins +hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten. + + + + +Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine. + + +Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich +geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863 +auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen +lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling, +bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in +Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in +Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in +Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere +Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge +waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von +Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges +Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen +Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl +Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband +zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen. +Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine, +meist Bildungsvereine, ins Leben. + +Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die +Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach +Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser +sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten, +für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen. +Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die +Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen +treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser +Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten, +für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle +Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom +republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler, +aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet +wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten +Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische +Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende "Deutsche +Wochenblatt" wurde. + +Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die +politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn +der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte +ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der +sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die +Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein +Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen +Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die +Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische +Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament +bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden +sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in +der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht, +ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864 +anfing, sehr aktuell zu werden. + +Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im +Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines +Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai +1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die +politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v. +Schweitzer--der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte--für eine +besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter dem +Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der +gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes. +Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das +Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In +Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich +eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen +kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem +Arbeitertag in Rödelheim--19. April 1863--, auf dem Professor Louis +Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung +gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle +selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten. +Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein +Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie +ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle +gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle +sprach, hatte dieses Schicksal. + +Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19. +Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach +Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war +der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den +Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem +Handwerkerverein zu Düsseldorf. + +In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen, +die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich +gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber "ein so wichtiger und +fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche, +glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und +Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem +gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht +aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu +verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner +verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und +Zersplitterung der ganzen Bewegung werde." + +Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später +erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in +Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien +Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die +Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie +einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der +Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine +erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein +wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren +in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der +Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden. + +Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August +Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich +mit den Worten anredete: "Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich +ausgeschlafen? Es wird Zeit." Etwas geärgert antwortete ich: "Wir sind +früher aufgestanden als viele andere!" Röckel lachte, er habe es nicht +bös gemeint. + +Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der +rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer +Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor +wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte, +ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der "Münchener Neuesten +Nachrichten", die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber +ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten. + +Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch +spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen +roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß +ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem +man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht +ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu +Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals +auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit +souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in +der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen +Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam +die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur +aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den +Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein +Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der +alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle +zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch +durch allerlei Frauengeschichten "sittliche Bedenken" in der +Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der "sittlichen +Verfehlungen", die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich +zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte +seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen +Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine +ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der +später auch für das Sozialistengesetz stimmte. + +Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt +a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen. +Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag +eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete: + +"Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine +stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß +er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine +sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der +Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und +wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit +allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden, +einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der +Menschheit arbeiten." + +Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des +Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den +Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des +Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von +einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung; +es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von +Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil +man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. Ueber +den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der +Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der +linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der +Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das +forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der +Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu +gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem +Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich. + +Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach +Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden, +über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit, +Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein +weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den +Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften, +deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl +er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von +Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des +nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In +dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles +nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch +sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher +Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf +kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden +konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und +Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, "manche Sorge +wenigstens teilweise zu beseitigen". Hier lag wenigstens keine +Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die +Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der +Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und +unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei +diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von +Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf +meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen +bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die +vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so +folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner +erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen +nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch +könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese +Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne, +der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen +protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit +Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf +gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie +Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern. + +Die schließlich angenommene Organisation lautete: + + * * * * * + +I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen +von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen +lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter +den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu +erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur +Anerkennung zu bringen. + +II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der +arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann. + +III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen +Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch +schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter +freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige +Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt. +Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den +Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf +Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder +Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an +einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich +eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen +Blättern, jedenfalls aber in der "Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg +und in dem Frankfurter "Arbeitgeber" veröffentlicht. Jeder Verein, +welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von +zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben +diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden, +doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen. + +IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf +Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte +beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des +nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung +nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen +Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die +Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen, +fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die +Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige +Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die +Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich +der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er +sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung +der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der +Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung +der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die +Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des +Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt. +Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die +Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität +der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf +schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß +und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der +Präsident. + +V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von +demselben festgesetzt. + +VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die +Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat. + +VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich. + + * * * * * + +In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max +Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw. +Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die +Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm. + +Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen, +waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler +pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck +zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine +nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den +Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im +Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500 +Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso +wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um +von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was +Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois +vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich. + +Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst +im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später +in der "Kölnischen Zeitung" in einer für mich ungünstigen Weise +auszunutzen versucht wurde. + +In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig. +Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen +schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden +zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die +Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht, +obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages +Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann--ein Württemberger, der eine +katilinarische Existenz führte--hin und verfaßten ein überschwenglich +gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um +Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst +nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen +meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die +"Kölnische Zeitung", die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die +empfangenen 200 Taler--nicht 300, wie sie behauptete--vor einigen Jahren +veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei Unterschriften +rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich entschieden +verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir namentlich +Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und könnte der +Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß bei den +Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig überließen. Daß er +die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr Interesse für die +Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe. Das Geld wurde +indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde aber sehr +sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die Agitation für +die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren von den 200 +Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden. Das war +allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von 1865 bis +1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben eine so +rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige auf dem +alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter dieser +Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung begriffen +und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867 offiziell seine +Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten hatten, ärgerte +viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht verwinden konnte. +Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der Wahlagitation mir +entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß wir jenes Geld +angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen, daß all seine +Mühe, mir zu schaden, vergeblich war. + +Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied +des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke +ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all +den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in +der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den +Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen +war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu +reden, "geistiges Ehrenmitglied" des Nationalvereins zu sein. + + * * * * * + +In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das +Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen +Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit +Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen. +Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir +auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die +sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für +kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864 +kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig. + +Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung +Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte. +Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis +5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede--die +ich einstudiert hatte--elend stecken. Mein Temperament war mit meinen +Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. +Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt +wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin +gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch +war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet, +Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die +Entwicklung nach links hielt er nicht auf. + +Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden +zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die +bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem +Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die +im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn +v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten +werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen +und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu +beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig +angenommen wurde: + +"Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn +v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes +abzusehen." Eine zweite Resolution, lautend: "Die versammelten +Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für +die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten", wollte der +überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil +dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine +scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit +der Auflösung der Konferenz drohte. + + * * * * * + +Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß +Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei. +Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der +weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp +befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen +Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so. +Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit +erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald +untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in +dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im +Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner +Richtung seiner Aufgabe gewachsen war. + +Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden, +dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger +"Allgemeinen Arbeiterzeitung", die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in +Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen +worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft, +das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an +dessen Schluß es hieß: + +"Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil, +der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet, +eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen +jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines +Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag, +mit dem gewöhnlichen Maße zu messen." + +Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin +Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen +Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz +Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von +Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die +Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb +Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen +entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die +Situation ansahen. + +Der Brief lautete: + + * * * * * + +"Lieber Freund Sonnemann! + +Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf +telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen +wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der +Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich +glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht +und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen +Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht +wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas +geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines +entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen +Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und +etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der +Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden +Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele +entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht +ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere +Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen +von weittragenden Folgen sein--im gegenteiligen Sinne nichts schaden +kann. + +Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu +energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die +Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen. +Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal +dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der +Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu +geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den +Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele +Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man +Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen." +Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen. + +In einer Nachschrift heißt es: "Würde es Dir als Präsident der +Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die +Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir +alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß, +ebenfalls übermitteln werde." + + * * * * * + +Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt, +jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es +mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie +Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf +den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen +hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger +Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem +von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag +möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die +einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen, +waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten. +Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren +berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen +Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder +Sonnenschein gewähren konnte. + +Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation +insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen +bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf +die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die +Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des +Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für +Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein +Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz +wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte +Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der +Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als +Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und +zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher +Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren +Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde. +5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des +Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des +ständigen Ausschusses. + +Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren +Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher +Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz +waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen +übrig. + +Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3 +Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals +in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen +der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter +Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und +zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen +Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich +zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des +Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger +Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A. +Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee. + +Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und +mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der +Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der +Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu +tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales +(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne +Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern +sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er +sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei +seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte +Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes +Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von +meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf +den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene, +als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem +bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort +verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und +legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von +keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine +referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den +ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch, +Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger +Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren +war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für +Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim, +Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M. + +FUSSNOTEN: + +[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt. + + + + +Friedrich Albert Lange. + + +Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit +Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen +Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst +sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der +liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den +ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem +Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht +beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die +Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der "Geächteten" und +"Isolierten" in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den +Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar +1865 erschienenes Buch "Arbeiterfrage" zeigt. Wenn in der später +erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht, +wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus +nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich +dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens, +dem er leider zu früh erlag. + +Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte +nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst +aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon +andeutete, mit der "Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Konflikt +gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des +Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft. + +Bei der Redaktion der "Arbeiterzeitung" war, wahrscheinlich auf +Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt +untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war +im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung +gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger +Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein +günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger +Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr +eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als +einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe. + +Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung +eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine +Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die "Arbeiterzeitung" erreicht, +daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung +hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag +mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat, +unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die +"Arbeiterzeitung" darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie +nunmehr die Sache anders ansähen. Die "Arbeiterzeitung" hat denn auch +später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen. +Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag +persönlich bei mir. + +Die Ereignisse des Jahres 1866--auf die ich später zu sprechen +komme--und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in +Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein +Blättchen "Der Bote vom Niederrhein" eingehen und folgte einer Einladung +seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der +Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt "Der +Winterthurer Landbote" ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen +Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine +Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der +junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der "Züricher Post", +traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine +demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit +mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue +Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und +fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl +der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens. + +Mittlerweile war ich--wie ich vorgreifend bemerken möchte--Vorsitzender +im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt nunmehr, die +Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager zu bestimmen. +Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir klar. Ich +hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb an ihn am +22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor O.A. +Ellissen,[3] einen "sehr merkwürdigen Brief" nennt, in dem ich ihn bat, +das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu +übernehmen. "Neben der Wehrfrage--so schrieb ich nach Ellissen weiter, +der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand--steht noch so +mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und +Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist." Ich sprach weiter +in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer +Spaltung, "es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig +schwankende". + +Lange antwortete am 5. Juli: + + * * * * * + +"Lieber Herr Bebel! + +Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine +Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war, +um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier +eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé +und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied +zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu +tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein +ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur +Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich +vor Vollendung der neuen Verfassung--wir sind froh, wenn sie noch in +diesem Jahre fertig wird--nicht mit Sicherheit über meine Zeit verfügen. +Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann nicht sicher +wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen Bedauern das +Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine Zeit es irgend +erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich meinerseits ebenfalls +mich danach sehne, so viele wackere Freunde--leider zum Teil in +getrennten Lagern--wiederzusehen." + + * * * * * + +Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt +nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf. +Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich +ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als +Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn +festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner +Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag +er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer +der Besten aufgehört zu leben. + +FUSSNOTEN: + +[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen. +Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch. + + + + +Neue soziale Erscheinungen. + + +Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß +zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der +die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte. +Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu +einer Frauenorganisation führte. Die "Frauenzeitung", die damals ein +Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben +Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die +Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der +Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters +war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an +Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen +hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung. + + * * * * * + +Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe, +die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen +große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg +bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der +eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen +folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die +niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn +betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die +Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24. +März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den +Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der +Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war, +mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete +in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt +war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der +Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der +Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen +Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen. + +Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die +Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die +Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen +Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich +mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse +sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben. + + * * * * * + +"Leipzig, den 11. Mai 1865. + +Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M. + +Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage, +auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine +Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen, +muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an +den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über +die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin +arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen +Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu +wenden. + +Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut +über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man +nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst +erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer +Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und +Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten. + +Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde +mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma +Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der +Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich +nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde, +weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind. +Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu +Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine +ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat +war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun +würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den +Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so +unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit +(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von +jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde. + +Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich +merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die +Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung +einfach nicht wolle. + +So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission +kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie +habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den +Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es +denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen +erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man +keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte +Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen +bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es +den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte +tun möchten. + +Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere +Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich. + +Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im +Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man +beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt. + +Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben. + +Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie +die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung +machen. + +Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer +Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach +einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu +treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber +bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im +Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie +die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit +den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der +Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die +Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und +abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe +der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur +Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der +Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben...." + + * * * * * + +Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai: + +"Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine +Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine +vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der +Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und +beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht +etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch +allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem +Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als +Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben. +Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als +Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht. +Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu +bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war. +Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals +an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die +Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv +würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch +das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß +die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale +mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und +diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen. +Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß +ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen +genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin: +die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit +gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt +worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen +durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um +Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß +allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig +vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden...." + + * * * * * + +Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik +ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der "Sozialdemokrat" +Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die +Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese +erlangte er nicht. + +Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort: + +"Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß +ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig +aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und +zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des +ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe, +werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen "Deutschen +Allgemeinen Zeitung" ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner +Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen +dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu +stellen. + +Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch +verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener +Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung +abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte. + +Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen +Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir +ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche +Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v. +Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache +zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die +Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe +erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission +anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei +er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man +sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser +letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie +vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht +die rechte war. + +Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit, +zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei +nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in +Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies +dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen, +mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend, +als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes +begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf +aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit +vormittags 1/2 10 Uhr. + +Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das +mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe +sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre +Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals +zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das +geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der +Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet. +Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen +Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen +zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns +nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese +abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen. + +Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht +zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive +der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in +Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man +doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu +wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die +feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch +aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt +würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit +Geldsammlungen zu unterstützen. + +Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren, +als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir +dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich, +sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des +ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen +genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen +Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben." + + * * * * * + +Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an +Sonnemann, in dem es hieß: + +"Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die +Buchdruckerangelegenheit zu berichten. + +Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission +auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte +diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging +darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale, +um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete +und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei, +indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben +würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der +Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser +Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale +lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession +in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen +wollten. + +Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich +sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den +Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung +mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für +notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die +Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit +diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen +vorzulegen und mir Bericht zu erstatten. + +Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man +motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht, +weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als +Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst +hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem +Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze +Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen +könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte +sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er +abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit +noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite +dazu auf. + +Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich +beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle +anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen, +welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg +davonträgt. + +Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen +Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit +dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von +auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen +einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern. + +Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei +mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus +nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann +die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls +ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die +Maßregelungen ins Werk gesetzt hat." + + * * * * * + +In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in +einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles +beim alten. + +Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder: + +"Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts. +gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen +Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die +Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser +ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr +schwer werden." + +Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem +Verleger der "Allgemeinen Arbeiterzeitung" in Koburg beständig in +Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich +wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die +Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in +erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten. +Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete: + +"Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts. +über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden +dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten. +Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann, +wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich +durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen +Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last +der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und +ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen +von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch +genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich +gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr +erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu +schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte.... + +Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche +Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der +vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war. + +Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke, +dem Redakteur des "Korrespondent" (der 1863 gegründet worden war). +Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband +zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen +Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über +Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu +lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren. + +Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der +größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des +Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell +auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine +Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch +Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die +Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die +Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls +zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel +nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen, +Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im +alleräußersten Falle anzunehmen."[5] + + * * * * * + +Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer +Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung, +als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau +der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in +den Streik eintraten. + +In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni: + +"Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum +Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten, +konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich +deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang +bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die "Neue +Frankfurter Zeitung" zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden +können. + +Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden +die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen. +Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen, +obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter +Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3 +Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die +Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im +Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen." + + * * * * * + +Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes: + +"Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung +an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht +aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen +sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu +opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen +jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich +geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so +wäre es für den Augenblick genug gewesen. + +Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es +den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur, +ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für +sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt +ausgesprochen." + + * * * * * + +Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die +Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer +Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die +Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen +zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten +entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu +vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des +Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs +wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die +Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was +ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es +meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten. + +Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks +veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses +auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der +man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund +dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten +Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man +selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun +hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts +weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die +Sympathie für diese nicht. + +In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um +gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und +Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten +Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter, +sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne +Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das +Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen +Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte +guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns +gemeinsame Sache. + +FUSSNOTEN: + +[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht +mehr zu entziffern ist. + +[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch "Die Internationale" (Leipzig +1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren +Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um +die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den +Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können +unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband +der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes; +zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen +Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der +Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den +Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die +Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft. + + + + +Der Stuttgarter Vereinstag + + +Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf +den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf +demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte +vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm. +Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard +Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in +Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor +Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe +erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist. +Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter +Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit +mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum +Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche +Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim +gegründeten "Deutschen Wochenblatts". Eckhardt stand auf dem äußersten +linken Flügel der Demokratie. + +Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später +Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und +der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung +war wieder überreichlich belastet. Der Punkt "Altersversorgungskassen" +wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre +darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften, +wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz +für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war +recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch +hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und +direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen +Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die +Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die +Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der +badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung +beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich +änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche +Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig +angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht; +er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses +Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen. +Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der +Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen. + +Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in +seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die +Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem +schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau +mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen +und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage +nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte +ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des +Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer +fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen +Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen. + +Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer +Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen +Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler +und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation +erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von +jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen +Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen +Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder +einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des +ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch +eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines +Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom +Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen +Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen--was gerade +kein Meistervorschlag von mir war--und damit den Gauverbänden eine +bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der +Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug, +angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied +der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan +nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit +dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen +starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß +die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr +lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel, +Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange, +Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann, +Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß +gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger, +der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war. +Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm +sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen. + +Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen +Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so +deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in +der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die +Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer +lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen +und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der +anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der +Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische +Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden +Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue +Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand +hochgradiger Erregung. + +Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des +Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des +Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42 +Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf +deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter +Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten +und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale +Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als +ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der +gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme +verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich, +um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den +reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze +müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im +Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte +ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab +und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller +tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches +Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in +Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem +Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen +Weines mit Vesperbrot. + +Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt +"Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach", in der offen für die +deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht +ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke +schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren +waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten +wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei, +daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich +führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich +abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb +schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach +Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr: + +"Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert--und noch in +diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung +überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den +nächsten Landtag machen sollen!--, ist der heldenmütige Kampf dieses +deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das +Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre +wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben +werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel +Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein +gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder +gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich +mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder +Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich +nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach +Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen +König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v. +Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft +haben...." + +Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident +des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen +Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v. +Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern +und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das +Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines +Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der +aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18. +März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen +hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war. + +Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in +Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben +hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der +siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem +Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug, +hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt. + +Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die +Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands +dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er +ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer +unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die +friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden, +zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil +wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem +23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt, +eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original +gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw. + +Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten? + + * * * * * + +Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die +Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen +Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und +Faucher--letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer +Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen +versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder +die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um +mit der Zeit zu rechnen--hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der +Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben. +Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§ +183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von +Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen +ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und +Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis +bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern +oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das +eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung +derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit +mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im +"Sozialdemokrat" J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede +gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit +fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184 +habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch +in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die +immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und +Genossen aufs schärfste an. + +Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der +konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem +er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag +über den Antrag der Liberalen--weil seine Fassung Zweifel +zuließen--abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf +vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der +Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung +aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen +angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es +ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung +innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig +zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine, +begründet durch das Gesetz. + +So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen +Bourgeoisie das Wasser abzugraben. + +Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in +Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die +Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen +Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer +nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen +Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ +die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister +Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des +Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen. +Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre +Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte +darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden +zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich +war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung +unmöglich. + +Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In +Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und +Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst +zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu +verlangen. Gleich dem "Sozialdemokrat" zog die Koburger +"Arbeiterzeitung" gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und +spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache +benommen hatten. + +Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr. +Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen. +Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die +Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va +banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend +einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser +wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich +senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was +der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am +31. Juli 1865: + +"Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln) +betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die +Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die +Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene +Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese +Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen.... + +Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische. +Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann +wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich +im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich +glaube, man geht darauf aus, den 'Sozialdemokrat' ehrenvoll totschlagen +zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation, +das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den +Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe +niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei +vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen. + +Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern, +Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit +dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns +einstweilen den Zusammenhang pflegen.... + +Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die +politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil +ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen +Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich. +Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen +als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche +momentan liberal flöten, erst recht_." + +In einer Nachschrift schreibt Lange: "Ich sehe soeben, daß der Anfang +meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch +sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft +gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach +der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt +zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das +Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig +aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte +nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was +wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst. +Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so +fortfährt." + + * * * * * + +In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer +Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte. +Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10. +Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es: + +"Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan, +mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die +Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder +Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit +der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister +müssen ja aufeinanderplatzen." + +In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten +die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden. +Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und +Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen +erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in +der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und +Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus: + +Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des +Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und +nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der +Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen +Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten. + +Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede +das Thema "Staatshilfe und Selbsthilfe" zugrunde gelegt hatte. Ein +ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht +wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung +des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen. +Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke. + +Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei +deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein +konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu +dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große +Volksversammlung unter Bandows Vorsitz. + +Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein +Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen, +auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen +wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes "Der +Botschafter", dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste +zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze +stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war. +Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher +Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer +1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich +über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war +dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer +und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter, +dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von +Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden. + +Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag +gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es +auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für +diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen +Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur +Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen +wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten +solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei. +Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg. + +Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem +Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der +schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das +sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und +dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v. +Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr +v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren +aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in +Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund +des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle +Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v. +Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die +Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere +Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der +Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche +geleistet. + +Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen +verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer +fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den +Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle +Liebknecht. + + + + +Wilhelm Liebknecht. + + +Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen +ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862 +nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses. +Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich +Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt, +im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die +"Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gegründet hatte. Liebknecht war neben +Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht +für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von +beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten +Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das +Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht +stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall +wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben +für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort +veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der +Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm +Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der "Norddeutschen +Allgemeinen Zeitung" einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung +aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von +London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt +mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen +lernte, schrieb er unter anderen für den "Oberrheinischen Kurier" in +Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische "Tagespost" in +Graz und das "Deutsche Wochenblatt" in Mannheim, von dem er aber wohl +kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die +"Frankfurter Zeitung". Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im +Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter- +und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte, +als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des +"Sozialdemokrat", ansah. + +Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel +am dortigen "Anzeiger" eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier +sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages, +Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der "Mitteldeutschen +Volkszeitung" war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken +und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich +natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß +aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach +der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer +Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich +ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch +auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er +war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte +nicht, daß wir uns bald befreundeten. + +Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der +Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen. +Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die +passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit +erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig +zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender +willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen. +Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der +englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine +allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich +später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage +wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war +und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht +seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde +sich in zufriedenstellenden Verhältnissen. + +Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell +in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner +späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich +öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen +Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der +Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei +Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten +Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab +und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die +Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere +Heiterkeit erregte. + +Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine +Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für +denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch "Der Leipziger +Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner" und in der Schrift +von Kurt Eisner "Wilhelm Liebknecht". Beide Publikationen sind in der +Buchhandlung Vorwärts erschienen. + +Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen +Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein +noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte +ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen. +Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe +der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern +gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen +gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze +auszugleichen suchte. + +In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und +Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein +großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen +Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu +finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine +vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer +Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so, +daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder +ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere +Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues +Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht +sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so +konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich +darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von +Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb, +waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste +Bekanntschaft gemacht hatten. + +In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu +schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde. +Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der +Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel +an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm +getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich +von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun +gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es +merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden +wäre. + +Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich +gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu +danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in +München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt, +Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im +September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht +hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen +Paulus zu machen. + +Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns +kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus. +Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig +studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht +war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels +in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang, +der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen +erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich. +Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß +nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem +Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus +jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der "Leipziger Volkszeitung", +er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner +Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte: +"Donnerwetter, von dem kann man was lernen." Das dürfte stimmen. Aber +Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem +Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den +Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was +sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die +Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte +allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im +Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen +Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang +mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses +Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe +mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute +Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische +Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die +deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf +Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere +theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht +von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit, +die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten +theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner +ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die +große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung. + +Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über +Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, +noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von +Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste +Broschüre "Unsere Ziele", die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand +ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 +erschienenen ersten Band "Das Kapital" von Marx gründlich zu lesen, und +zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859 +erschienene Schrift von Marx "Zur politischen Oekonomie" zu studieren, +aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz +gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu +verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx +und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und +Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx +in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse +für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift +lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale +bei. + + + + +Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen. + + +Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr +zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle +verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung +vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige +Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die +Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung. +Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war +der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger +Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor +Eckhardt aus Mannheim--der einer der glänzendsten Redner jener Zeit +war--, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte, +auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem +behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen +Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In +letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des +Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe +nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe. +Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch. + +Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865 +abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines +Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war +zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen, +die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des +Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der +Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und +beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau, +deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches +Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die +Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten +werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die +Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits- +und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die +Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen +werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in +einer Privatbesprechung verständigen. + +Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser +Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu +ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die +Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter +denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals +ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber +das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es +kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr +nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung, +unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut +vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen, +was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag +vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den +Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die +Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar. +Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung +den Vorschlag zu erklären: + +"In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den +Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der +Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen +oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung +aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die +Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt +es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will." + +Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger +Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz +stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte. + +Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem +die Haltung der "Berliner Volkszeitung" erregt, die im Lesezimmer +auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch +wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden +Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins +(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die +"Berliner Volkszeitung" abzuschaffen und dafür die "Rheinische Zeitung" +in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte, +er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser +Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den +Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an. + +Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus, +daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht +erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel +Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine +Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der +Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen +Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze +dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen +und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten +haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee +niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz +Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald +als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation +beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen +und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage +so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund +drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine +Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die +politischen Forderungen in den Vordergrund. + +Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden +statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung +auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für +Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich +den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen +Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem +Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene +Behandlung nicht vergessen--er war auf Antrag Lassalles, der keinen +Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden--, und so schlug er auf +den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es nach +Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der die +Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und +Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der +Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte +teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine +Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für +Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen, +Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat, +Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der +Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee. +Försterling wurde dessen Vorsitzender. + +Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in +Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des +Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches +Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische +Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen +der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt +ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir +forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die +Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments, +eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als +selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament +Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne. + +Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von +2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam +lauteten. Darin hieß es: + +1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm +nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir +erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als +Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und +die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk +nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten +entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt +werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir +verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche +Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des +allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung +und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die +Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der +Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament +einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne +der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen +Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung +der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung. + +Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und +Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der +Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang +dieser Deputation abgelehnt. + +Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt +durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag, +Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher +Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war +und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins +Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt, +wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe, +erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt +zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für +ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei. +Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare +Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit +der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu +richten: + +"Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung +der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter +Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz +Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die +Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe." + +Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen +Richtung, als man erwartete. + + + + +Die Katastrophe von 1866. + + +Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung +zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu +geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich +und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem +Schlachtfeld zur Entscheidung brachten. + +Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von +neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs +die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX. +erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an, +sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der +denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII. +verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu +Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief. +Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die +Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen +und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ +durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht +erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen +die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem +Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage +im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man +erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen +Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851, +die Hauptschuld trug. + +Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er +bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v. +Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem +betreffenden Aufruf hieß es: "Der Nationalverein fordert alle +Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle +Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden +wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen--und Mannschaften, Waffen +und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in +Schleswig-Holstein erforderlich sein werden." + +Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den +Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die +Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen. + +Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für +Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß: + +"Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln +gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen +kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen +zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung." + +Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der +Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem +Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das +ist der Fortschritt seit jener Zeit!-- + +Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der +massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung +von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen +Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem +Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für +ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen, +die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In +Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem +selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine +patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei +den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten. +Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere +Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches +geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die +Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben +Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig +statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das +Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen +benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar +mit. + +Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der +Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß +eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: "sie +betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem +Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese +bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen". Im gleichen Sinne +wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863 +abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war, +erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen +deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für +dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten +wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren. + +Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse +aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die +Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen +Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner +verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter +Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt +nicht. 1866 mußte das "Demokratennest" dafür büßen, indem er es erst +drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die +schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es +gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg, +gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt +der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt +waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen, +die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im +Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und +Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch +ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2 +Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen +den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80 +Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich +vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht +stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach +langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von +Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von +Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war +der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen +Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt +der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle +Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos +unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten, +wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein +allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt +seine Aeußerung: "Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten, +damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen +kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als +türkischer Pascha regieren." Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn +v. Manteuffel. + +Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein +konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die +Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die +konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach +Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete +er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch +dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons +Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen +Gebiets an Frankreich zu sichern--die Rheinpfalz und das preußische +Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage--, andererseits +schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle +Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden +losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine +"nationale" Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den +italienischen Staatsmännern, die später der italienische +Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche "Mehr Licht" +veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen +außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die +allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte +Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen +Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken +keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr +Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit +einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren +hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen +würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde. + +Dieses Programm wurde prompt ausgeführt. + +Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone, +seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: "Ich bin viel +weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die +Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an +Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des +preußischen Gebiets." ... "Sorge mache ihm der König, der das religiöse, +ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen +europäischen Krieg nicht auf sich laden." + +Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch +Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich +zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall +von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht +schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische +Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen, +und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten +ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für +diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden +sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage +erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das +diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit +Vorwürfen zu traktieren und--rüstete. Am 9. April stellte Preußen +seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die +Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und +allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für +einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber, +bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen +für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen. + +Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit +intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu, +sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten +Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen, +er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der +Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung +des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die +eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84 +der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles +andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische +Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die "Kreuzzeitung", zu +erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution. +In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen +Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den +Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die +südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher +herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes +handelte. + +Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten +Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl +der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören +könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der +Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine +Befürchtungen. + +Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen +Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager +getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen +konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und +opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des +Sechsunddreißiger-Ausschusses: "Wir--er sprach also im Namen von +mehreren--ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen +Staates vor." Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die +Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter +Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das +Bismarcksche: "Ich bin mehr Preuße als Deutscher!" Mommsen meinte: Die +Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht +in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der +Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung +verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden +war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer +Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen +wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate +zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen +Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im +Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an +den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom +Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken. + +Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende +Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der +Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen +Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die +österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den +Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der +Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen +konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch +diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die +Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren +Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der +Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an +Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das +Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine +deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt +notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine +Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen +Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls +lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen. +Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen. + +Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen +immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen +dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn +sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit +auf österreichischer Seite stehen würden. + +In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die +sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges +verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die +Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai +dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen +besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten +politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw., +für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns +anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die +erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und +Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die +Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum +Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich +schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich +jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen +Deutschland entgegentreten. + +Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und +begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution: + +1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und +das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen +Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der +Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze. +2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik +betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes. +3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen, +gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes +Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß +das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die +jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle +eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet +dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich +erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu +vertreten. + +Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und +Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und +Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die +meinige einstimmig angenommen. + +Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über +jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient +so empörte, daß sie die betreffende Nummer der "Mitteldeutschen +Volkszeitung" feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand +vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des +Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz +tagte, im gleichen Sinne aus. + +In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des +Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf +den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M. +Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine +Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich +eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten +besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses +eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war +auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der +Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der +alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze +schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie +damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte, +wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt +werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß +zu machen? + +Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die +Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve. +Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer +Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des +Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen +Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung, +daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch +ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten. + +Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche +erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in +Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende +Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses: + + * * * * * + +Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher +Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des +Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die +Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der +preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der +unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt, +dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites +hinausreichen. + +Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken +dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig, +gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen +haben, und nährt die Gelüste des Auslandes. + +Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder +aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines +schweren Verbrechens an der Nation schuldig. + +Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation +diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten +deutsches Gebiet preisgeben. + +Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig +ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu +verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz +Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum +beschränkt werde. + +Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des +Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten, +durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken +und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte, +mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten. + +Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet +wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen. +Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre +Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität +des deutschen Gebiets einzustehen. + +Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen +zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von +ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben +ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes +sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den +jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion +entspringen zu sehen. + +Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die +deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist +auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine +freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr +solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige +Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten +Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen +Nation gefordert werden. + + * * * * * + +Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7, +nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem +Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer +sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese +der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt +hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der +Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und +Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er: + +"Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt +hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh +waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen +miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte +Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes +sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in +Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen +aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen, +welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._" + +Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus. + +Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der +Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß +alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man +befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein +Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der +Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und +Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher +Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt, +um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem +Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit. + +Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer +Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant. + +Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer +Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung +statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort. + +In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert: + +1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten +Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein +solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen. +3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen, +dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete +Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4. +Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen +Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in +politischen Vereinen zusammentreten. + +Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein +Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt +einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß +wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des +Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel, +Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg, +Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v. +Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau, +Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch +Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona. + +Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm: + +A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der +deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der +Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der +Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine +preußische, keine österreichische Spitze. + +B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die +Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen; +beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der +Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und +des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in +Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über +die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung +Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand +Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein +Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die +Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer +Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann +von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die +Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_, +wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine +nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft, +sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die +gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu +verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur +eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte +Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der +nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig +entscheiden. + +Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur +Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil +mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende +Proklamation: + + * * * * * + +An das deutsche Volk! + +Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen +Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen +an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos +genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des +schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz +Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche +Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen +Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei +zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen +und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der +Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen +Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in +Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen, +bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk +zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von +Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht +sei. + +Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem +Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der +schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei +über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit +Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte +Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig +ist. + +Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in +Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht +für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig +Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im +eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück, +darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie +mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im +Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit +voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der +Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine +Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_. + +Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des +deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen +Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das +deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten. + +Frankfurt, 1. Juli 1866. + +Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai. + +I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel. + + * * * * * + +Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig +hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation, +fehlte.-- + +Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten +Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu +Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten +Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben +wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main +und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen +österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder +ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser +Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch +äußerte er: "Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche +alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!" Eine +zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni, +verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit +"klingendem Spiel" die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die +Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen +Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke +zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben.-- + +Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu +einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen +politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze +Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg. + +In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein +preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für +Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte, +gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine +Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die +preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich +sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu +nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits +bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß +aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden +Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede +volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der +Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der +Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen +Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des +Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine +unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit. + +Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge +hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer +der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit +eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die +Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und +bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der +Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der +"Arbeiterzeitung" zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen, +die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und +die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte, +hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive +Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte +entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu +bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen +des Blattes einzustellen. + +Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum +abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200 +Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte +auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera +in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber, +denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann +auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten, +die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen +beschäftigte. + +Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur +Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch +dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu +werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage +ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem +Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als +es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ. +Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt +Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni +sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe +einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die +Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen +Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien +seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen, +worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen +Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel +lautete: + +Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der +kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen +Landesteile (Luxemburg und Limburg). + +Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten +vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig +Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren +Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die +mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen +focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei +Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war +gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien +entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs +mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen +werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v. +Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die +italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen +setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht +erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen +Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die +Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im +Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La +Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung +Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur +Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die +zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg +endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen +suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen +Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem +Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz +Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz +treffen. + +Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868 +bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber +anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die +Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in +der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt +Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge +im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine +Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr +Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand, +Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg +abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu +Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen +in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen +und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen +Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck, +Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten +sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an +Italien abgetreten. + +Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den +deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei +Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie +Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit +Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates +verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung +getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden +Ausruf veröffentlicht hatte: + + * * * * * + +An die ungarischen Soldaten! + +Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der +gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch. + +Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus +Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen +Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere +ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint +jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben, +hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den +Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der +Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien. +Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes +heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet +denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen +erwarten. + +Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle +Vaterlandsverteidiger werden? + +Es lebe hoch das Vaterland! + +_Klapka_ m.p., ungarischer General. + + * * * * * + +Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen +Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf "An die Einwohner des +glorreichen Königreichs Böhmen" veröffentlicht worden war, der Stellen +enthielt wie die folgende: + +"Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch +den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre +nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein +günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!" + +Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei +dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten +Niederträchtigkeiten--und als eine loyale Kriegführung konnte man doch +die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen--, sie wurden +entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine +Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine +auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen +Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen? + +Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern +begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland +an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter +Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer +Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten +die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die +Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich +Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der +"Preußischen Jahrbücher" Bismarck aufforderte, die oppositionellen +Staaten--Sachsen, Hannover, Kurhessen--zu vernichten: + +"Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung; +ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen +deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation.... +Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die +Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation +als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der +achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit +einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch +geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über +Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit, +aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze +der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut +und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch +weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration +die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die +Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers +mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden +kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine +Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den +Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt, +rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten +und entweihten Krone--wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend." + +Und er schloß: "In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die +_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir +wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus +zurückkehrt auf den Thron." + +Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt +wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen +zusichern, "daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen +Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse +zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes +begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät +oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines +politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich, +polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in +seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll". + +Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden +wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den +damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und +eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen +angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein +Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische +Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich +ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig +und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und +seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für +Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit +Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht +gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre +unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden, +das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847 +noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das +preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut +Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche +gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie +in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer +Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was +man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher +im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung +zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf. + +Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium +Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf +Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als +Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so +stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich +war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat, +ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für +dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen +Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist +sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung +nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber +sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch +den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles +der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine +Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen +Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge +gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der +Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft--von der +Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden--hat zehn Millionen Deutsche in eine +fast trostlose Lage versetzt. Unsere "Patrioten" geraten in nationale +Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt, aber an dem +Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen in +Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß. + +Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter +unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam. + +In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar +Bucher--also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste--über +den Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: "Ein Sieg +der Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel." + +Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: "Nur in dem _populären_ Krieg +gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation +_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_...." +Lassalle ging noch weiter und führte aus: "Eine Besiegung Frankreichs +wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence. +Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa +gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung +darstellt." Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: "Nur zur +Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch +im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische +Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon +mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung +ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei. +Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_."[6] (Zugunsten der +Revolution.) + +Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt, +sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: "Endlich aber ist die +Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine +Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der +Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau +und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die +Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und +gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind, +daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen +Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen +großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen +Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen, +aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar +erheben das, worauf es uns allein ankommen kann--das deutsche Volk._"-- + +Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den +Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend +in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die "Mitteldeutsche +Volkszeitung" gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten, +weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand +des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich +erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es +war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das +Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der +preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten. +Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei, +würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein, +in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und +so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei +Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt +wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich +ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen +Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt +hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen +unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt. + +FUSSNOTEN: + +[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels. +Stuttgart 1902. + + + + +Nach dem Krieg. + + +Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen +Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die +Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen +Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war +für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm +nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen +sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein +Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm, +ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu +rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu +einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung +vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der +Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben +stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands +in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine +Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen. + +Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an +der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue +demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete: + + +Forderungen der Demokratie. + +1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines, +gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen +Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der +Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden +Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament, +welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat. + +2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine +erbliche Zentralgewalt.--Kein Kleindeutschland unter preußischer +Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland +unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche +dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit, +Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen +Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen. + +3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession. + +4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung. +Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und +des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und +würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der +Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht. +Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung +der der Volksschule Entwachsenen. + +5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und +der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der +Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines +deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des +Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit +der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde. + +6. Selbstverwaltung der Gemeinden. + +7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der +Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und +Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren. + +8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie +Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht. + +Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben +ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich +von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden +war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der +in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz +nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner +Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht +warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist +sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er +bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung +erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine +Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner +Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee, +das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe, +der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war--weshalb er sich +gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen +hörte--, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre +zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den +legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls +dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich +gründlich lächerlich zu machen. + + * * * * * + +Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen +Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die +mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das +Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer +absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei +wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens +im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung +der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung +der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es +stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht. + +Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden +sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach +bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte, +deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge +herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor +allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer +Kräfte zu befriedigen. + +Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe +der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten, +wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien +insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die +große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur +politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was +der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei, +daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung +des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie +Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten. + +Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten +gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß +vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei +verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not. + +"Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist +gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner +gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme, +Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die +große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die +Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von +keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder +höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im +Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an +den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine +willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische +Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt +der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere +Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu +entziehen droht." + +Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu +gehen und allen Hader schwinden zu lassen. + +Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der +ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden +durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte, +war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen +könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen +Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er, +daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben +habe. + +Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag +nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit, +die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer +bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die +sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung +_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben +spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und +Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der +Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt, +und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als +selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu +wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr +als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume +schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem +ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte, +was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich +mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses +einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die +Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren +Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde, +entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers +schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein +Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und +verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit +und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei +agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders +tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate +lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie +erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen +sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin +und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben +Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis +verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein +gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das +Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v. +Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft +Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein +politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat. + +Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang +Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866 +nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten +aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte +nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die +Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis, +Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18. +Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps +kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den +Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst +in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis +nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich +siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400 +Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er +mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm +voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm +zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen +nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf +meinen Gegner fielen 4281 Stimmen. + +Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt. +So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem +Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich +hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit +in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich. +Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt, +von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn +einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte, +nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den +Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst +den Wagen. + +Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten +Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die +künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission +aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die +Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von +Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau--der Turnergötz, der damals ein +roter Republikaner war--und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v. +Schweizer und Dr. Reincke--der, als er später sein Mandat niederlegte, +durch Fritzsche ersetzt wurde--und in einer Nachwahl Hasenclever +gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich +ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v. +Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen +Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der +Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war +ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so +heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu +reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe +gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte. + +Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später. + + + + +Die Weiterentwicklung. + + +In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel +abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte +festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres +eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die +Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die "Allgemeine +Arbeiterzeitung", war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine +Monatsschrift, "Die Arbeit", die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben +und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer +wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in +den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues +Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel "Arbeiterhalle" von +Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage +erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt +erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es +einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten +und von Liebknecht redigierten "Demokratischen Wochenblattes". Endlich +wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen. + +Mit der Gründung des "Demokratischen Wochenblattes" war einem von uns +allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin +kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten +konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und +soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat +vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber +waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden +gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten. + +Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte +mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867 +schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund +bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil, +daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848 +nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien, +die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung +mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer +noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik +fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im +Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine +losgehe. + +In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege, +ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867 +hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich +präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des +sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen +Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des +Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und +Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und +Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der +Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber. +Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die +Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie +gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die +Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage +vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß +diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der +Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen +sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche +Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine +vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen. +Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen +7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten +deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der +ständige Ausschuß erklärte. + +Dieser Vereinstag--der vierte--wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten. +Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein +Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus +Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar. +Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische +Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum +Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei +Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller +Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der +Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und +Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die +Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in +sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem +er in einer Resolution erklärte, ihm "im allgemeinen" seine Zustimmung +zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler +referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur +Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV +wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere +sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde +von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses +Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der +Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle. +Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland +verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des +Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate +gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33 +Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit +war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht, +was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt +einigermaßen aktionsfähig. + +Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über +die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes +Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter +getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich +hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet, +die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution +besagte: + +"Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es +den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß +Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer +eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden +Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit +erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist, +einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als +notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über +die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des +Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem +Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die +Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden +Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf +Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung +der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen +(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch +Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung +der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter." + + * * * * * + +Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines +Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872 +durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt +wurde. + +In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand +genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den +vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte, +was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in +Nürnberg verhandelt wurde. + +Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein. +Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen +Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen. +Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren +Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer +der "Arbeiterhalle", an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf +des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die +verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht +aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen +Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der +Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze +Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer +und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des +Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte +Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt +Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr. +Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende +Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am +Schlusse des ersten Geschäftsjahres--Ende August 1868--betrug die Zahl +der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr +als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis +zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die +Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte +Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von +mir. + +Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung +des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag +und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab +die ständige Mitarbeiterschaft am "Demokratischen Wochenblatt", dessen +ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit +meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise +vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir +in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich +manchmal kaum ein und aus wußte. + +Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen +forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn +gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25. +Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es: + +"Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen +aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf +machte aber auf Dich einen 'kläglichen' Eindruck. Das glaube ich nun +wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den +Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in +ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter, +aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe. + +Wenn ich jetzt vom 'Erzwingen wollen' abgekommen bin, so ist nicht die +Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung, +daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach +nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere +Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse. + +Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du +richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich, +so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein; +soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht, +wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die +Dauer fortführen willst...." + +Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder +seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben +müsse. + +Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage +wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam. +Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in +der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter +sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die +Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_. +Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure, +Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging +es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da +schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O, +diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel +brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der +Gegner verbluten sehen. + +Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der, +als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem +Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun +und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft +mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige +Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere +Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit; +sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein +ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er +trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft +ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß, +wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft +überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt, +diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind, +in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden +können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher +Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der +Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden +gehabt. + +Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine +Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein +dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das +Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern, +ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das +erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein +Ehrgeiz nicht. + +Wie ich die Arbeitslast--und die Jahre 1867 bis 1872 waren die +arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit +fehlte--bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In +gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit +Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur +mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner +Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte: +"Die Arme, den wird sie nicht lange haben!" + +Zum Glück kam es anders. + + + + +Persönliches. + + +Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im +Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist, +die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine +Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für +denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu +der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an +der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie +kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger +Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode +ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe +nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit +opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich +geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre +unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele +schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich +die Sonne ruhigerer Zeiten schien. + +Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde +ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein +amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß +ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung +auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen +Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert +Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der +Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit +bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: "Sie sind ja +noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger +Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu +seinem Vergnügen treibt." Ich stand in der üblichen grünen +Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: "Wie Sie sehen, sind +Sie im Irrtum!" Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den +erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr. +Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er +mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden +wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer +prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde. + +Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir +meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen +hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als +"Ausländer" sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte +die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld, +denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern +lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber +die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig +zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350 +Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen, +indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit +mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört, +ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen +Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte, +was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal +mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem +Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war +so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur +Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein +Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte +mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne +zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den +kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen +zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten +Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch +die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären +mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes +erspart geblieben. + +Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines +Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen. +Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun +während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft +gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner +Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später +einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: "Das +geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld +sparen konnte." Dieser "horrende Lohn" betrug damals 4-1/2 Taler pro +Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen +Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden, +anderwärts elf. + +Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die +gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für +das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber +täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte +also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur +wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein +Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals +Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten +überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht +gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe +wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben +erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen +Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der +Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen, +wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln +mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den +Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich +machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste +Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung. + +Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen +mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott. +Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen +kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus +Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott +gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71, +in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71 +mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft +genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen +lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten +wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse +Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem +Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874 +währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden +waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit +Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg +antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das +Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen +zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau +tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von +der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder, +als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der +fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich +mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon +daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da +wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des +Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den +materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und +sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter +Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit +Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel +aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf +erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die +Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und +die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem +Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte. +Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen +Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese +Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch +wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im +Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines +Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten +Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen +Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die +Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde +Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr +entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und +widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in +dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in +Stuttgart kam. + +Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild +von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir--mein Associé +und ich--uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der +Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker +Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust +wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu +sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé +wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr +heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise +in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen +Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten +Schwäbisch verwundert äußerte: "Was? Der kloine Ma ischt d'r +Bebel?"--Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren +nicht selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich +unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still +zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören +bekam. + + + + +Der Marsch nach Nürnberg + + +Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und +den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die +Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen +eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den +Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten +Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck +hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der +süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund +nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von +achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit +geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war +dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein +großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die +Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in +Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen +Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht +vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in +Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte, +und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten +für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener +Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum +Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten +jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die +demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten +Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen +wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und +Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren +zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht +machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite +Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die +demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen. + +In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der +Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung +des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue +Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt, +als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine +siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der +Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten +Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und +die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese +Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den +Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht. + +In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden +sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte +der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im +norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten +Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der +Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden +Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich +gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen +eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen +Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in +einem Artikel in der "Arbeiterhalle" beleuchtete. + +Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf +die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar. +Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die +Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen +werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten. +Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in +dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen, +indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte +Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an. + +Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei +von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber +dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann +angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab. +Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig +übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des "Demokratischen +Wochenblatts" unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat +über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten +Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes +Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden +Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur. + +Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein +Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen +eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd +gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den +verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen. +Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner, +unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere +"Mißerfolge" im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem +Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir +würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich +antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen +Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf +nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen +entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich +nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter +müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die +bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er +(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze +zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung +beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu +werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei +der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch +Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich, +daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das +könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das +erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten +Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der +direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft, +1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger +Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich +erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann +wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten, +wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines +klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu +weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß +wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne, +der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen +würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten. + +Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von +Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine +durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am +16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig +ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits +dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die +Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit +ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus +ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung +tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung. + +Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der +Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark +besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten. +Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als +Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung +als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich +als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr. +Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des +deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als +Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als +Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf, +Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der +deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als +Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich +Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war +ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner, +zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten +hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in +den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch +als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags +fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger +Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung +siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der +fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium +wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf +Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung +über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als +erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als +zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die +Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei +Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie +verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber +kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. "Keine Kompromisse" rief es von +den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der +Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen. + +Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf. +Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als +Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die +neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich +zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten +zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch +eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte +wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß +das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46 +Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen +Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und +beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen +Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die +betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten +sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen +Parteien. + + * * * * * + +Das angenommene Programm lautete: + +"Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine +erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm +der Internationalen Arbeiterassoziation: + +1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die +arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die +Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für +Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und +_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_. + +2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem +Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet +die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der +geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit. + +3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur +ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist +mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt +und nur möglich im demokratischen Staat. + +Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter +gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität +zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem +Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den +arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die +Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein +soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es +moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und +theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt, +beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die +Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation." + + * * * * * + +Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm +ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr +standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der +Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine +Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte +sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm +einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und +gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die +ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der +politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann +Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie +sich einverstanden. + +Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der +Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war +insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt +Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er +vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie +erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später +ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag) +frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht. + +Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese +Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des +Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in +Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es +mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der +Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte. + +Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags +zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter +den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer +Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte, +fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich, +sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen +durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter +verwaltet werden solle. + +Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich +vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete: + +"In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen +Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den +Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden +Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8] + +In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie +Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch +_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können, +beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und +speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in +zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_." +Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat +faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den +Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium +zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle +Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und +Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens +_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige +Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch +drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch +Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die +indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die +zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war, +zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster +Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem +Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die +geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen. +Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57. +Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand. + +Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart, +Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M., +Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg, +Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg, +Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien, +Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den +Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der +norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und +den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten. + +Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen +Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob +und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf +antwortete ich in Nr. 46 des "Demokratischen Wochenblatts" unter dem 23. +September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe +zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden, +wir wollten die Arbeiter auf einen "sozial-kommunistischen Standpunkt" +locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der +"sozial-kommunistische"; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten +diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine +Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort +Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor +uns kopfscheu machen wolle. Die Worte "Sozialist" und "Sozialismus" +reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits +gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so +Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem +Philister Angst in die Glieder zu jagen. + +Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine +neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem +Moniteur, dem "Sozialdemokrat", den Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer +kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische +Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau +wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender +Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in +Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken +bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate +später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben--L. +Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter +Obermeister einer Schuhmacherinnung ist--äußerte nachher: "Schweitzer +hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir +abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen." +Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und +ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und +brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei. + +Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen +Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine +sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der +Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten +deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem +bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung +zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die +Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache +geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der +Bewegung erspart geblieben. + +Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein, +dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband +eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften +Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus +dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben +rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern +des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl +Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th. +Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren. +Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand; +sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so +ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich +allmählich die fehlende Armee. + +Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen +Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel +anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern +für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen. +Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im +Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der +Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer +große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für +die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte +unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche +Geldzuschüsse erforderte auch das "Demokratische Wochenblatt", das vom +Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10 +Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge +kamen. Auf ähnlicher "finanzieller Grundlage" wurden später öfter +Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten +Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt +kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich +mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und +sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung +von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an +Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als +Redakteur des "Demokratischen Wochenblatts" monatlich nur 40 Taler, +später als Redakteur des "Volksstaat" monatlich 65 Taler. Hepner wurde +1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im +"Demokratischen Wochenblatt" schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung +der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die +Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses +horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum +Beispiel 1878 der "Vorwärts", der Nachfolger des "Volksstaat", auf Grund +des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch +dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der +zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn +Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu +früher--denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt +auch für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--eine Bourgeoispartei +geworden. + +Doch die Partei hat immer "Schwein" gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu +meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die +Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die +Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite, +von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer +auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit, +als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war +Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und +mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert +hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur +Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000 +Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen +und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war +glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte +meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der +Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes +Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus +der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den +Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die +Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres +1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese +Quelle. + +Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war +erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet +gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren +Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag +aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung +in beiden Parteien immer erbitterter wurde. + +FUSSNOTEN: + +[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete: + +An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London. + +Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der +deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an +Sie zu richten. + +Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in +Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die +Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste "Die Programmfrage" +obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner +in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach +festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll. + +Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das +Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste +Nummer des "Vorboten" enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den +Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die +Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also +zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen +würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch +nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch +einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den +Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in +Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen +Arbeiterassoziation zu entsenden. + +Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen +und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen +Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten. + +Mit Gruß und Handschlag + +Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel, +Vorsitzender. + +Leipzig, den 23. Juli 1868. + +[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für +den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende +Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und +Altersversicherung. + + + + +Die Gewerkschaftsbewegung. + + +Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich +glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das +Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur +mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das +Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den +verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die +Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides +notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit +der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler +Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man +sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der +Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten +im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen +Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard +Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner +Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident +halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, "im +Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei +Eisenacher Programms an". Streng genommen konnte er das nicht für alle +Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband +mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im +großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin +für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war +hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger +Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen +Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für +gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten +wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften +erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die +Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu +schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes +beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks +Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner +"Volkszeitung" berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche +veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die +Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen. +Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen, +auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll +erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders +gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt. +Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den +Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes +Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868: + +Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die +Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der +Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel, +das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung +zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne +Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit, +Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu +entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten, +einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von +allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken. + +Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite +abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der +Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der +Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige +Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten +Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen +Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber +auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man +ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein +ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der +Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin +statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in +Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter +vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der +Rede, mit der er den Kongreß eröffnete: + +"England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch +die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist +das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so +viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen, +und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche +Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse +daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn +zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind, +_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren +Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen." +Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es +nicht sein. + +Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer +Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl +Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die +Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur +Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile +der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte. + +Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine +günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13. +September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt. +Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten +Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche +Organisation bezüglichen Stellen lauten: + + * * * * * + +"Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit +nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie +mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises +verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß +berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen +anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien +selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den +Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und +ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet +der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen, +bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime +Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions +widerspricht. Wäre sie möglich--ich erkläre sie tout bonnement +(aufrichtig gestanden) für unmöglich--, so wäre sie nicht wünschenswert, +am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von Kindesbeinen an +bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an die vorgesetzte +Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig gehen zu lehren_. + +Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte +verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2. +der Präsident--eine ganz überflüssige Person--, gewählt durch +allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten. +Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern. +Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel +(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen +Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung! +Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald +entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört. + +Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht +durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin +bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen +und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale +angeschlossen hat, zu spielen--auf rationeller Grundlage versteht sich. +Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die +Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns +mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt. + +Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die +meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich +eines Tages als Privatschriftsteller--sobald ich es für absolut durch +das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte--offene Kritik an dem +Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem +Proudhonschen getan habe. + +Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere + +Ihr ergebener K. Marx." + +Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht +lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse +Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen +trat Schweitzer im "Sozialdemokrat" vom 15. September 1869 entschieden +entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung +zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr. +152 des "Sozialdemokrat" kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von +den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die +verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu +verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den +er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte +Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom +Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident +niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis +Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob, +Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die +Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und +beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien +und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner +Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen +Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte +sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien +doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische +Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung, +damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an +der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann, +Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die +Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner. + +Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen +solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die +statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht +vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den +Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten +sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu +lassen. + +Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge +geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen +Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872 +auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung +solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der +Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner +Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine +Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende +Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber +nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte, +außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende +Organisationen aufzulösen. + +Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel +die Aeußerungen von Hasenclever: "Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund) +seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen, +daß er wieder verschwindet." Hasselmann äußerte: "Wir haben nur deshalb +den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns +auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts +Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck." Aehnlich +sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag +angenommen: "Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß +sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden +gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht +der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem +Sinne zu wirken." + +Kann man Mende trauen--und seine Angabe ist meines Wissens +unwidersprochen geblieben--, so hatte auch Schweitzer gegenüber +Mende und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 +abgeschlossenen Pakt--ich komme später darauf--versprochen, die +Gewerkschaftsorganisation als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten +stehend mehr und mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Später +änderten sich die Ansichten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +zugunsten der Gewerkschaften. + + * * * * * + +Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten +Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für +Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel. +Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die +Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler +Gewerksgenossenschaften--welchen Titel wir gewählt hatten--tätig zu +sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas +weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden +Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem +Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine +Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale +Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der +Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der +Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder, +der Berg- und Hüttenarbeiter. + +Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung +litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter +leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe +zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft +seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank. +Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und +der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die +nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren. + +Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung +möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark +besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die +Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende +Resolution empfahl: + +"In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem +Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der +Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur +Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist; + +in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen +Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur +Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die +heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher +Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes +Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den +Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten." + +Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir +saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die +Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand +unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir +verfaßte Resolution einstimmig angenommen: + +"Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger +Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses +gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben +darauf hinzuwirken: + +1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine +gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und +Verschmelzung berufen werde; + +2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die +beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis +zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig +unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß +wählen; + +3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den +Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von +Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die +Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu +Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen." + +Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr. +141 des "Sozialdemokrat" vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer +eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des +Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge +zurückgewiesen hatten und aufforderten, "jedem Versuch, die Bewegung +zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem +Nachdruck entgegenzuarbeiten". + +Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf +weiteres hinfällig geworden. + +Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher +Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß +die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis +abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich +sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die +Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist +Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf +Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften +angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften +den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand +ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart--Juni +1870--stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die +Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung +spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften +unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und +traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des +Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in +allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai +1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer +Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen: + +"1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für +die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht +bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu +erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt +abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die +Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch +die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben +werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von +den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für +die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche +Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen, +die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5. +daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter +entmutigen--also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß +die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den +Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten +lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei +augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu +unterstützen. + +Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen, +einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit +vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann; +ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem +ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg, +Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege +der Gewerksgenossenschaften empfohlen." + +In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen +Parteigenossen, der "Volkswille", in ähnlichen Betrachtungen und +Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die +Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen. +Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche +Entwicklung. + +Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf +dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die +Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen +Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni +im "Volksstaat" veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den +Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art +einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem +aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in +Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der +Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften. +Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen +sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht +schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in +jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen +des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich +sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter +dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von +gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil +der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die +Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn +Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern +angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt, +und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar +überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der +Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es, +in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der +Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu +Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine +Organisationsvorschläge auseinander. + +Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs +Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der +Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der +Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine +Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, "Die +Union", beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution +einstimmig angenommen: + +"In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie +konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich +sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste +Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem +neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die +Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen, +die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung +ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die +verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die +Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß +sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß +gefaßt hat." + +Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder +frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven +York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die +Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes "Die Union" zu übernehmen. Er +stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und +Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib +meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft +übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft +und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich +tätig sein. + +Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die +sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die +Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf +diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874 +nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die +Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten +Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die +Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften +fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem +Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr +als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft +und Gesundheit geschaffen worden war. + +FUSSNOTEN: + +[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: "In den Statuten der +Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der +Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion, +als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag +schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und +ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des +Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur +einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil +dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet." + +So der "Diktator" der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren, +daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders +denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr +wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge +heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich +trotzdem nie mit ihnen gehabt. + +A.B. + + + + +Meine erste Verurteilung. + + +Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin +Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien +zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas--Ende September +1868--zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den +Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung +die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die +Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem +spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich +glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die +Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu +nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als +sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der +Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als +fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der +Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich +der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen, +so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und +dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet +in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der +Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für +jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines +Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer +geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß, +seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus +Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den +Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken +zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu +unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen +Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der +Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war +immer seine schwächste Seite. + +Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige +Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er +wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale +veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust, +bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die +Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung +des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß +Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v. +Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden. +So teilt er in "Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi" den Bericht eines +seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt: + +"Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus +eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um +nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution +hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in +London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis +Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in +Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf +Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel +Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland +erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt +ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische +Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu +organisieren." + +Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert. +Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher +Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft. + +Die erwähnte Adresse "An das spanische Volk", die Liebknecht in einer +Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung, +vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi. +Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869--so lange +hatte der Instanzenzug gedauert--im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis +verbüßten. + +Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß +zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals +niemand. + + + + +Vor Barmen-Elberfeld. + + +Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868 +immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl +Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg--Herbst 1868--eine Geldsammlung +veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen +Professor Planck--der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen Gesetzbuch +wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb--im Wahlkreis Celle +unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen +Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869 +hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach +Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des +sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die +sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet. +Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung +abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der +Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen. + +Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein +kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz +bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese, +Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus +Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die +Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und +schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die +Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies, +die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen +Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die +furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung +hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung +absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde +mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die +Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich +niederzuschlagen gedroht. + +Sechs Monate später--der Eisenacher Kongreß war vorüber--hielt ich in +Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der +Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult +in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie +begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge +leisten können. + +Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine +persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde +rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den +Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder +Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen, +sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig +ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im +"Demokratischen Wochenblatt", daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme +und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten +und zu beweisen, daß Schweitzer--sei es für Geld oder aus Neigung--seit +Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der Arbeiterpartei zu +hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen Cäsarismus spiele. +Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan, ihm ausweichen wollen, so +sei er bereit--allein oder mit mir--, in Gegenwart von Schweitzers +Bevollmächtigten und der Arbeiterschaftspräsidenten ihm +entgegenzutreten, oder--allein oder mit mir--auf der Generalversammlung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu erscheinen und seine +Anklagen zu begründen. Weiter machte er den Vorschlag, den Generalrat +der Internationale als Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich +anzurufen. + +Nachdem der "Sozialdemokrat" festgestellt, daß Schweitzer auf der +letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt +worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er: +Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er, +der "Sozialdemokrat", nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu +können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der +Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde. +Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in +Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein nicht einlassen. + +Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt +hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen, +und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte +Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur +Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng +genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer +an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten +Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen +ihn am wenigsten kompromittiere. + +Merkwürdigerweise erklärte der "Sozialdemokrat" drei Tage später, +Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der +Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des +"Sozialdemokrat" wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen, +Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß +ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später +anders. + +Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten +hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den +wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere +Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung +erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich +geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal. + +Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann +weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil +meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt +werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten. + +Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche +Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während +desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung +mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die +weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher +Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei +Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser +Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen +wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem +Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei +natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen, +sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach +dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen +sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige +Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der +Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu +machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war +ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren +Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch +und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen +Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt. +Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins +alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren +Situation. + +Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen +Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen, +das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer +wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl +Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der +Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung, +denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten +mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments +war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und +indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der +parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld +eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem +Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden. + + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL *** + +***** This file should be named 12267-8.txt or 12267-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/7/6/12267/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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