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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:39:27 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12267 ***
+
+Aus meinem Leben
+
+
+Von August Bebel
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+
+1910
+
+
+Meiner lieben Frau
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+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+Vorwort
+Aus der Kinder- und Jugendzeit
+Die Lehr- und Wanderjahre
+Zurück nach Wetzlar und weiter
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben
+Lassalles Auftreten und dessen Folge
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
+Friedrich Albert Lange
+Neue soziale Erscheinungen
+Der Stuttgarter Vereinstag
+Wilhelm Liebknecht
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
+Die Katastrophe von 1866
+Nach dem Krieg
+Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
+Persönliches
+Der Marsch nach Nürnberg
+Die Gewerkschaftsbewegung
+Meine erste Verurteilung
+Vor Barmen-Elberfeld
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich möchte meine Erinnerungen
+schreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ich
+durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt,
+dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu
+lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und
+schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir
+gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran
+Wahres ist.
+
+Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls
+hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der
+Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu
+welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können,
+ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt
+auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu
+verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen
+Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den
+Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am
+besten befähigt.
+
+Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich
+nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt
+einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief
+einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine
+ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir,
+sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten
+Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden
+erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die
+unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz
+anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter
+sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid
+abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß.
+
+Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie
+zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit
+Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.
+
+Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war,
+Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder
+an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der
+Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde
+Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu
+werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen
+andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten
+in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg
+trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot
+sich aber auch die Führung eines Tagebuchs.
+
+In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die
+antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen
+Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt
+war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann
+gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit
+so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung
+stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen
+bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder
+anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte
+ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit
+ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen.
+
+Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910
+
+A. Bebel.
+
+
+
+
+[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.]
+
+
+
+
+Aus der Kinder- und Jugendzeit.
+
+
+Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte
+seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
+Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
+ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und
+Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
+gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt
+werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter
+auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie
+fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich
+Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
+selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und
+Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was
+immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die
+Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
+und oft bestimmen sie sein Handeln.
+
+Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den
+Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß
+ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
+sie nie.
+
+Der Mensch ist irgendwo geboren.
+
+Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
+in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
+war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
+Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
+Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige
+Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die
+Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen
+Kirchengemeinde gehörte.
+
+Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
+trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände
+einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
+Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
+Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
+„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der
+Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen
+Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
+haben.
+
+Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß
+damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
+Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider
+die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in
+demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube
+beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige
+Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.
+
+Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit
+bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
+Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen
+hatten.
+
+Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst
+notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
+Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
+Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die
+Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa
+um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß
+um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
+sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
+Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen
+Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den
+Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb.
+Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
+Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
+um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
+1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
+als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem
+Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit
+seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
+Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
+1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung
+für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
+Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen
+Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
+Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.
+
+Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
+Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
+war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
+Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
+Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen
+Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
+machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das
+betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
+zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut,
+vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
+Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende
+25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
+folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
+garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment)
+übertrat.
+
+Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
+erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
+jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans
+Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland
+den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die
+Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das
+Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
+zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
+sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
+Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden
+Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch.
+
+Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
+1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein
+Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
+verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
+Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt
+waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
+Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
+der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
+mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen
+Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
+Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
+saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
+der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte
+die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden
+Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine
+musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich
+litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der
+Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der
+Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
+selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters
+gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen
+Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
+übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
+Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts
+und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
+den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal
+von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
+hingestellt worden sein soll.
+
+Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie
+sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich
+seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und
+adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu
+jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem
+Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen
+pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
+kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
+feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und
+Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für
+den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
+er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom
+Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
+Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
+Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung
+in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
+Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
+„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem
+preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde
+eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals
+und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen
+Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die
+Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann
+Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden.
+Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr
+1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
+Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
+ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier
+hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld
+hatte damals wie heute keine Garnison.
+
+Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig
+geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger
+Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett
+verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
+die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach
+seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben,
+weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit
+in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses
+dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit
+gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech'
+die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er
+alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.
+
+Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr
+1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst
+er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
+die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
+Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
+noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
+Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
+zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
+Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte
+es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
+Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
+noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem
+schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln
+zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln
+angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns
+wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
+dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
+starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum
+Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die
+Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen,
+nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
+des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
+Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine
+Mutter zu heiraten.
+
+Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit
+einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
+Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der
+Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später
+ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
+Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
+Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
+Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
+Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
+Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
+Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein
+bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
+solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit
+ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
+Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat
+zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen
+befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die
+Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige.
+Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem
+Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
+als er eben auf der Totenbahre lag.
+
+Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger
+Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten
+Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
+sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der
+Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen
+Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles
+war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche
+Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
+in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe
+schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt
+waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
+abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen
+Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um
+das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
+Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
+dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern,
+kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
+und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel
+Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
+grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere
+Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur
+des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand
+darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
+legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf
+wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und
+die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt.
+Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
+Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als
+lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden
+lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
+abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.
+
+Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze
+Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen
+Eindruck.
+
+Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
+vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
+jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder
+aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das
+eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
+Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher
+im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr
+bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
+waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme
+und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
+unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß
+ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“
+
+Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
+abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
+Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
+strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
+eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
+gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
+hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem
+Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere
+körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß
+erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden
+sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.
+
+Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht,
+denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
+Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
+geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
+bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
+Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten
+fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein
+bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.
+
+Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
+Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war
+meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
+Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
+staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer
+Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
+Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es
+wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln
+angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln
+wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster
+gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per
+Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir
+abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten,
+war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum
+Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde
+wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie
+nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir
+endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier
+verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner
+Mutter lebten.
+
+Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
+kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche
+Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
+einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
+Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude
+steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
+Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später
+mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern
+Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
+der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
+Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
+Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später
+wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
+Stadttheater bei.
+
+Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule
+verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das
+Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.
+
+Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
+mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten
+Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
+prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra
+vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
+lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
+Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen
+Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau,
+quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich
+war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
+daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
+Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine
+Strafpredigten eintrugen.
+
+Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
+kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man
+ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
+In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
+heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine
+Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
+förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel
+vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten
+Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
+das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür
+und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand:
+
+ Guten Morgen, Herr Schwager!
+ Gestern war ich fett und heut bin ich mager!
+
+Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
+derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
+lachte.
+
+Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze
+stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
+nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben,
+unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in
+„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen
+bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte,
+das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
+an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
+dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder
+seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte.
+Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
+schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
+Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte.
+Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
+kleinen fetten Hände zu bewundern.
+
+Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte
+Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz
+einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
+Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt
+ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere
+„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
+Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
+unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
+Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige
+Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
+abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der
+Ferien, waren zahllos.
+
+Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
+Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
+ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer
+die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum
+Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein
+Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
+unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er
+nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
+ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
+Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm
+einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
+wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
+erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
+ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
+es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.
+
+Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter
+war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
+vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
+Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
+spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter
+Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
+umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den
+Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
+fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
+bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen
+gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
+vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
+knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
+glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
+gerettet.
+
+Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet,
+daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder
+Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
+Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen
+ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
+mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir
+in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
+scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
+allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
+gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“
+folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
+lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
+eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als
+Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde
+die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
+von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag
+bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis
+zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also
+erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen
+einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter.
+Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten
+Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die
+Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten.
+Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
+eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
+anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
+einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte
+das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
+glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen.
+
+Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
+jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
+vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
+Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
+gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
+Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an
+Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
+Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche
+Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre
+Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein
+erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
+Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu
+Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
+nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
+Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine
+hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse
+Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
+ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
+erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
+letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die
+Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur
+Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des
+zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
+Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber
+doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich
+prämienlos ins Leben.
+
+ * * * * *
+
+Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
+An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
+Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15
+Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
+gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
+beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet
+hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
+mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt,
+die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
+Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
+um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
+ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
+vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in
+der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich
+an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren
+Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht,
+das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
+konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
+zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen
+Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
+ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
+unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen
+Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
+Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte
+das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
+Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
+Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch
+unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
+Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die
+Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
+Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas
+zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß
+der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
+Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
+Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken
+verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend
+nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere
+Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
+Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
+war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung,
+von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
+arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den
+Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
+gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide
+leidenschaftlich liebten.
+
+Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam
+vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich
+war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu
+erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr
+Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein
+Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren
+Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht
+später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So
+unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für
+mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.
+
+Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
+1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
+Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug
+sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere
+politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
+stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
+waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich
+also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung
+entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
+dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
+zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als
+ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den
+Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
+größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt.
+
+Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern
+eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem
+badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
+mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
+standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher
+kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine
+Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat
+sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der
+Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
+aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern
+könne.
+
+Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
+Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch
+allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da
+alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese
+Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
+zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An
+der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne
+getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht
+braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
+Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
+usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
+verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten
+zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die
+Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr
+amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
+oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
+Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
+Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
+seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
+Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
+Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei
+Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den
+Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der
+Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und
+zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre
+Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni
+starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie
+am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte,
+beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie
+nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt.
+In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und
+warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die
+Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter
+gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten
+packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen
+bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben
+gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben
+binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem
+jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich
+aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt
+schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am
+Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige
+Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam
+aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt,
+beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne
+herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung
+davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst
+litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge
+konnten einer Mutter kaum beschieden sein.
+
+Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in
+Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann
+Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes
+Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl
+aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in
+Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide
+zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der
+Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges
+Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte
+anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der
+gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch
+eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich
+sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit
+den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in
+einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich
+zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in
+Ruhe.
+
+Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine
+Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch
+Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem
+Sohn ein Müllerknecht — wie damals die Gesellen genannt wurden — und
+eine Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich
+Pferd und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme
+reiten. Die Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte
+die Fütterung der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder
+wohin sonst diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen
+Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus
+der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am
+liebsten wäre ich in der Schule geblieben.
+
+
+
+
+Die Lehr- und Wanderjahre.
+
+
+Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein
+Onkel von mir, an mich stellte. „Ich möchte das Bergfach studieren!“
+„Hast du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage war meine Illusion
+zu Ende.
+
+Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß,
+nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar
+gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen
+großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast
+wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die
+Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium
+nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das
+Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte
+ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines
+Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich
+annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der
+Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen
+Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies
+geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war
+wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte
+mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut
+bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl.
+Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit
+sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler
+geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich
+habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was
+nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit,
+für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam.
+
+Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche
+Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu
+wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen
+viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter
+oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten
+täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur
+Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht
+voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war
+es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir
+konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb
+nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen.
+Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der
+Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr
+Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit
+der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß
+stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei
+nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so
+bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden,
+aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die
+Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen.
+Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe
+machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich,
+wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt
+essen zu können.
+
+Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich
+hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht
+allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang.
+Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine
+Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank.
+Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je
+zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine
+Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das
+war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte
+ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere
+Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser
+Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre
+Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen.
+Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden
+ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene
+Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an
+schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen,
+während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern
+ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag,
+nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet,
+zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also
+die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und
+nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches
+Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber
+ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in
+der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was
+für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber
+zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen,
+kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer
+von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen
+diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an
+die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer
+aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich
+falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich
+mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu
+Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich
+nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne
+Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule
+meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der
+Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu
+benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten,
+zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe
+und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher
+aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller
+war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine
+Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich
+Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise
+Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher
+gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die
+Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich
+vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich
+offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle
+Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte
+Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich
+wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze
+Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht.
+An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein
+Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar
+förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage,
+an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein
+anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte
+fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich
+auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine
+auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die
+mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte
+ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete.
+Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis
+abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert,
+und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin
+verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler
+Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem
+Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte,
+begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten,
+brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm
+beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im
+Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem
+heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der
+Familie.
+
+Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die
+Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich
+in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht
+nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der
+Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent,
+die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das
+heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein
+Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten,
+polizeilich eingetragen — visiert — wurden. Wer kein Visum hatte, wurde
+bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter
+zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen
+8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich,
+namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer
+die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum
+nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich
+die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von
+Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier,
+woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls
+und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in
+einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in
+Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die
+Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und
+diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er
+betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich
+darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten
+Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte
+fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es
+mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die
+Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte
+durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück
+nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach
+Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war
+die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr
+flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem
+Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise
+öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen,
+die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere
+wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder
+entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, „weil ich
+ganz wie ein Schneider aussähe“.
+
+In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist
+nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder
+sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und
+zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte.
+Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge
+Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht.
+Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch
+nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten
+können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in
+Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber
+keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des
+katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus
+hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme
+fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei.
+
+Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich
+zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als
+Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum
+Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch
+damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war
+stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im
+Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die
+Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen
+repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden
+zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern
+erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine
+Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet
+haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man
+eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber
+doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der
+schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der
+Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine
+Hauptsache.
+
+Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen
+Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein
+waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie
+gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male
+mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen
+solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das
+Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin
+wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied
+den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen
+und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung
+vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines
+solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem
+Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der
+Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer
+Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend
+Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen,
+woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt.
+
+Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und
+marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den
+Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein
+wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am
+Firmament einen gewaltigen Kometen — den Donatischen — zu beobachten,
+der in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher
+Länge besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen
+Pracht und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge
+große Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die
+moderne Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht
+bleiben. Der Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen
+Handwerksburschen von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger
+Streit das Jahr zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet
+worden. Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in
+sich aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen
+Ordnung verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen
+Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der
+Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot
+verweigert.
+
+So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff
+über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes
+seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über
+Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand
+zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden
+Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen
+konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten
+abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von
+Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer
+aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen
+Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse
+trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten
+zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften
+wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags
+hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. „Du
+nimmst die rechte Seite, ich die linke!“ hieß es. Als ich in ein Haus
+kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich
+die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das
+ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen
+vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der
+anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei
+Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht
+widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich
+das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben
+Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung
+über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische
+Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich
+außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um
+meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und
+marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten
+Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und
+ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren
+Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler
+zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über
+sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten,
+davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er
+sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut
+gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und
+ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort
+erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus.
+
+Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege
+den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau
+halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider
+halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des
+Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man
+focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den
+Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen
+in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald
+der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk,
+antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen,
+geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so
+war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten
+anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der
+Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die
+Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als
+Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und
+angenehmer Gesellschafter gewesen.
+
+Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und
+links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild
+der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener
+Frauenkirche, den Heinrich Heineschen „Stiefelknecht“, die am Ende der
+meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen
+Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar
+nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane
+gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich
+frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer
+antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht
+verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also
+auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer
+sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber
+ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen
+hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut
+und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der
+Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer
+Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den
+Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß
+herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich
+blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu
+ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger
+Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel
+beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half
+mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz
+zu leisten, grob antwortete: „Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!“
+Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die
+Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor
+komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein.
+
+In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier
+der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche
+gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die
+ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der
+Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten
+herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb
+eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so
+sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es
+war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß
+ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der
+ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob
+wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt,
+daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis
+mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig,
+das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte
+zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte — ein Trierer —, der vorne
+steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt,
+und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn
+versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ
+ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein
+politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde,
+daß der Flößer drohte, „den verdammten Preiß“ in die Isar zu werfen,
+wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser
+der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als
+wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten,
+schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt
+genug.
+
+In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem
+Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt
+mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein
+wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige
+Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen
+hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm
+geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin,
+wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum
+Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben
+Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im
+echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter
+hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg
+aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der
+Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf
+entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren.
+
+In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus
+Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten,
+dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte
+Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken.
+
+In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der
+Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers
+keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war
+der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins
+Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9
+Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein
+bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß
+unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben
+also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher
+anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken.
+Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets
+warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und
+stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der
+einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister
+mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf
+einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu
+Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am
+nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: „Hören Sie,
+Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend
+die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt.“
+
+Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die
+oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene
+gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der „Teutsche“, der
+Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten
+Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte.
+
+Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe
+Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister
+veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die
+Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten
+zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit
+anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach
+Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen.
+Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach
+Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt.
+Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der
+letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um
+möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel
+und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den
+gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir
+mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns
+unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging
+die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die
+Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der
+Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich
+Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen
+Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen
+wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten
+Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben
+Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß
+dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische
+Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von
+der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu
+sein.
+
+Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt
+nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein
+erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen
+niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen
+Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg,
+vor uns liegen sahen.
+
+Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all
+den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und
+jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war
+keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein
+unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden
+Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft
+bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage
+vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal
+erfuhren. Jugend überwindet viel.
+
+In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich
+ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach
+Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich
+ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands,
+denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im
+Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer
+1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch
+ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und
+Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien
+entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders
+interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten
+singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die
+Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von
+Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte
+siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so
+aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit
+noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle
+Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in
+Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu
+Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter
+Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu
+verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom
+Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel
+einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien,
+Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr
+Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem
+Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber
+die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden
+Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich
+mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat
+als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er
+möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger
+Zeit kam auch das Geld — sechs Taler — an, aber jetzt bedurfte ich
+desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede
+von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen
+leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach
+Wetzlar reiste.
+
+Die Löhne waren auch in Salzburg — wie überall in der Drechslerei —
+schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im Spätherbst den ersten
+Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als gewissenhafter Mensch sparte
+ich nicht nur, ich darbte, um die wöchentlichen Raten zahlen zu können.
+Dabei drückte mich noch eine große Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich
+fürchtete, als Jüngster in der Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu
+erhalten. Das hatte die Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als
+ich nun ihr und dem Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die
+tröstliche Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit
+bleiben könne. Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte
+ich an den Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von
+Hübner, das Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt
+hatte, bei der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum
+italienischen Krieg angesehen wurde.
+
+In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200
+Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast
+alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den
+schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf,
+Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger,
+bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen.
+Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß
+eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten.
+
+In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die
+Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern
+des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark
+besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes
+Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr.
+Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag
+nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in
+Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie
+Anschauungen äußerte.
+
+Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine
+Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine
+Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener
+Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs
+Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen
+Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als
+Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht
+„Die Zigarren und die Menschen“ vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr.
+Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei
+diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im
+Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber
+nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich
+nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der
+Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft
+bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine
+Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam
+auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich
+Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst
+versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu
+flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den
+Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm
+auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber
+geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im
+übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an
+meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause.
+
+Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag
+ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der
+katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf
+eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß
+sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl,
+äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe
+es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin — die Witwe
+des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte —, die viel für den
+Verein tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er
+schmunzelnd hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein
+Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine
+gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten
+der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher,
+hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die
+Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und
+vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der
+der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In
+Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte
+Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar
+mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war
+aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg
+kam, weiß ich bis heute nicht.
+
+Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In
+der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie
+Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in
+meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf
+zahlte.
+
+Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später
+schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in
+dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser
+Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg
+überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert
+worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich
+meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte unmöglich
+annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge Drechslergeselle —
+wenn er sich überhaupt dessen entsann — der spätere sozialdemokratische
+Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck hatte ich sicher nicht
+auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß Kollegen aus dem Zentrum,
+denen ich gelegentlich meine Salzburger Erlebnisse erzählte, den
+Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich Anfang dieses Jahrhunderts
+nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg kam, war Dr. Schöpf einige
+Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere Natur und die volle
+Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt haben.
+
+Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht
+schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns
+jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im
+Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der
+Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in
+nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der
+im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten
+Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an
+unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs
+allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen
+solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume
+herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: „Schau, das
+mußt du so machen!“ und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg
+in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden
+Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat
+und dem König, den sie nicht kannte, zurief: „Du alter Lackl, schamst di
+net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!“ Der König nahm seinen
+Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein
+Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei
+für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre
+Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst
+überraschende Antwort: der König Ludwig.
+
+Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige,
+will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung
+nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im
+Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan
+hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der
+Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich
+nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir
+bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden,
+als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten
+Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe:
+
+„Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat
+alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_.
+Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur
+die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte.“
+
+Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden?
+
+
+
+
+Zurück nach Wetzlar und weiter!
+
+
+Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener
+Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der
+Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs
+Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages
+bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in
+den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht
+gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde
+ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als
+ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir
+entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und
+beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das
+herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört.
+
+Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in
+Wetzlar an.
+
+Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um
+ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei
+der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als
+militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine
+Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen
+Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als
+aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner
+Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und
+mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden,
+„da zog es mich mächtig hinaus“, wie es im Handwerksburschenlied heißt,
+und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu
+folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche
+machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war
+mir zu jener Zeit keiner über.
+
+Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und
+Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte
+damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in
+mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So
+entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen.
+
+Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist
+seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den
+Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln
+nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig
+bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines
+momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es
+ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder
+umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die
+wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf
+dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen
+Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm
+aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum
+Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der
+Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die
+weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf
+gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil
+ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung
+und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die
+„glücklichen Umstände“ geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im
+Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten,
+ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so
+muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie
+auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen
+ansehen.
+
+Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten,
+und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte,
+hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei
+den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach,
+Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in
+der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und
+nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters
+widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett
+gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu
+einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein
+glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte.
+Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen
+würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem
+Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir
+unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in
+einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum
+Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein
+gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen
+zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es
+seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich
+nicht.
+
+In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir
+brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann
+ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere
+Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu
+Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und
+schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden
+junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften
+vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht
+zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in
+der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im
+unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte.
+Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach
+Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können,
+denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der
+Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war
+sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein
+Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich
+mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und
+frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir
+nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller
+Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig
+ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer
+Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später
+selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig
+ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied
+hier wieder „ein Augenblick des Glückes“ über meine Zukunft. Zum
+zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf
+Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen
+gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir
+aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten,
+und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen.
+Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die
+Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer
+geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu
+rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie
+sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei
+wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere
+Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe
+einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich
+eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er
+erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen
+ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als
+wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten
+Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung
+von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er
+behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für
+unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten
+wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der
+Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch
+später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht
+eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu
+bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte.
+Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause.
+
+
+
+
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben.
+
+
+Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von
+Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische
+Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der
+Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen.
+Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch
+zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische
+Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden
+war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten
+mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders
+seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat.
+
+Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften,
+sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer
+großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter
+preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu
+einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen,
+wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche
+Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die
+Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck,
+dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des
+altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten
+schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm
+des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt,
+wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den
+Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie
+sah eine neue Aera hereinbrechen.
+
+Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein
+eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe
+der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu
+kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst
+hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm
+scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und
+das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt,
+hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im
+vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug
+geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand
+zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der
+bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte
+sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der
+Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die
+Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie
+verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über
+die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der
+neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei
+Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt.
+
+Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da
+versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne
+weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der
+nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es
+aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation
+nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die
+Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die,
+kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte,
+definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten
+Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent
+ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den
+Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition.
+Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen
+(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die
+Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für
+die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung
+der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai
+dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen
+waren auf elf Mann zusammengeschmolzen.
+
+Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat
+mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter
+bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war — September 1862 —, an die
+Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das
+war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten
+Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt
+zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt.
+
+In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz
+Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der
+Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf
+Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich
+sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken
+nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt
+werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland
+bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht
+ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten.
+Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen
+Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die
+sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel-
+und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung
+forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte.
+
+Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung,
+die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen,
+beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre
+politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren
+in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der
+sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis
+Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die
+liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich
+ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom
+Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen
+und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende
+Personen zu bringen suchten.
+
+Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit
+erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals
+noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei
+Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme
+der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der
+Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den
+handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die
+Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein
+Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf
+der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen
+Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der
+Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden,
+statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche
+Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und
+Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu
+können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der
+sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische
+Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das
+heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in
+denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine
+Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder
+Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise
+vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen
+Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten
+deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines
+Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des
+Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit
+Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus
+waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde
+Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in
+Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider
+Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings
+Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter
+gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx'
+und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas
+wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen.
+
+Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem
+Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch
+wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die
+Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer
+gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit
+erschienen.
+
+Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem
+Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in
+Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten
+Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische
+Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein
+mittlerweile eingegangen war.
+
+In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als
+einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages
+las ich in der demokratischen „Mitteldeutschen Volkszeitung“, auf die
+ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte,
+der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte
+Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung
+eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im
+Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem
+Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt.
+Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche
+Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen
+Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte,
+daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der
+Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf
+Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet
+würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der
+Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von
+seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust
+gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und
+verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein
+müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht
+eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht
+einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren
+so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu
+können.
+
+Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck
+nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an
+jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt.
+Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So
+neben Professor Roßmäßler, Professor Bock — der Gartenlaube-Bock und
+Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen —, die
+Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr.
+Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans
+Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich
+auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe,
+Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert
+Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr.
+Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im
+Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung,
+deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung
+gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem
+Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei.
+Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder
+singt, der keine Singstimme hat.
+
+An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in
+dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber
+dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter.
+Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede,
+die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei
+der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine
+Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im
+Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als
+ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen,
+man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist
+denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für
+die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die
+Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In
+beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die
+wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen
+Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr
+erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich
+unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer
+Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt
+den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand.
+Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition
+stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein
+politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen.
+Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich
+beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der
+Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt,
+daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und
+darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend
+gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte,
+der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse
+hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung
+und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung
+hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen
+hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen.
+
+Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der
+im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal
+war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert.
+Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei
+auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge,
+die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und
+Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen
+Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen
+eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen
+sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf
+dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte,
+und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz,
+sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand
+die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben
+gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war.
+In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der
+Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter
+der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis
+verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf
+beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am
+Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem
+Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen
+hatte. Zu den „Verbrechern“ gehörten weiter Dr. Albrecht, der in
+unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters,
+Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw.
+Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem
+Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften.
+
+Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren
+Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und
+Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen
+Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren
+noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der
+Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland,
+über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser
+den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die
+Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine
+Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich
+der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines
+allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die
+aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der
+Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in
+den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf.
+
+Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende
+Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in
+das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen
+Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die
+von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen
+Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von
+auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die
+deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile
+sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die
+schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus
+der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in
+jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein
+sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen
+Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die
+Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen,
+Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg
+und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt)
+waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte
+sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der
+preußischen Regierung trat.
+
+Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der
+Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller
+Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese
+Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem
+Schutze Preußens und Oesterreichs — die hierin ein Herz und eine Seele
+waren — ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der
+verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein-
+und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war
+es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den
+Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre
+nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung
+Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von
+Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die
+Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren
+Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des
+Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen
+hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter
+der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs
+freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in
+Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im
+Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in
+Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch
+unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei
+Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen
+und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v.
+Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert
+hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art
+und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen
+Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und
+mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286
+Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen
+schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42
+der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu
+lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurden. In der Strafanstalt
+Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter,
+eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische
+Gefangene beherbergt.
+
+Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel,
+Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten
+Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war
+wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus
+verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er
+11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt
+Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide
+sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er
+1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt:
+Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in
+Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war
+einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300
+Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht
+hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts
+verdächtigt wurde.
+
+Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre
+später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl
+mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus
+zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen
+sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa
+einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln
+befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der
+Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den
+Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt,
+sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der
+Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der
+ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch
+hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische
+Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im
+sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.
+
+Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse
+August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland
+brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v.
+Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach
+Wien, um ihm Preßdienste zu leisten.
+
+Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen
+in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe
+dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu
+schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und
+Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des
+deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem
+Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege,
+aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann
+werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von
+Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die
+Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie
+die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die
+Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am
+heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut
+werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in
+manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in
+Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung
+gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu
+ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und
+Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen
+angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal
+der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen,
+wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von
+ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen
+Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes
+Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war
+ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei,
+zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal.
+
+Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein —
+die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode
+gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich
+dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich
+zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal
+Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet
+worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle
+sein Haus bestellt.
+
+Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der
+fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß
+ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene
+Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene
+preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung
+Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum
+Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog
+entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit
+angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen,
+hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum
+Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister
+sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem
+Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach
+Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm
+diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil,
+weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann
+kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich
+vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten
+sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle
+einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er
+sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und
+Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte,
+was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man
+brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm
+gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten,
+einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem
+Schlachtfelde.
+
+„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an
+sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und
+ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin
+hinein.“
+
+Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn
+sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die
+hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum
+Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen
+einen heillosen Schrecken ein.
+
+In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der
+Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte
+sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen
+Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals
+großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste,
+obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied
+gedichtet hatte:
+
+ Wir färben rot, wir färben gut,
+ Wir färben mit Tyrannenblut!
+
+Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London
+und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die „Norddeutsche
+Allgemeine Zeitung“ berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im
+Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu
+gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich
+dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den
+Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen
+Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz
+nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus.
+
+Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er
+Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die
+bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar
+sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich
+bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem
+Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in
+diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen
+Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten
+Mann erscheinen ließen.
+
+Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls
+beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach
+Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den
+leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu
+setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu
+erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig
+als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und
+Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als
+Mitglied des Komitees beiwohnte.
+
+Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der
+Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die
+Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu
+erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der
+gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe
+die Gewißheit — und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als
+Agent Bismarcks —, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die
+nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer
+Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben.
+
+Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der
+Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der
+Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange
+Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme
+Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen
+propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem
+Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle
+einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit
+Staatshilfe forderte.
+
+In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon
+im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag „Ueber den besonderen
+Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des
+Arbeiterstandes“ gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag
+unter dem Titel „Arbeiterprogramm“ erschienen ist. Auch hatte er in
+demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese
+Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns
+Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die
+Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen
+„Mitteldeutschen Volkszeitung“, und was diese nicht brachte, blieb uns
+fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten.
+
+Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die
+Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben,
+nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem
+Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde.
+Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung
+ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden,
+so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und
+ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr
+großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v.
+Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich
+Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und
+geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung,
+diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst
+müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an
+eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die
+konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller
+Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten
+Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III.,
+der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach
+der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit
+demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung
+durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter
+sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen
+waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und
+1869 auf 110 Köpfe.
+
+Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen
+hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf
+oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische
+Beispiel nachzuahmen.
+
+Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften
+mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß
+Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete
+und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin
+Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise
+getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte.
+Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser,
+welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm
+Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor
+Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von
+Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst
+wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den
+Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe
+Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle
+Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September
+1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu
+sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die
+Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine
+politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den
+Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im
+Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch
+Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder
+des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in
+Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter
+stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte
+abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei
+ihm war.
+
+Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im
+Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen
+zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt
+erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um
+nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er
+erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm
+erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für
+Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß
+Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe,
+von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich
+aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf
+intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des
+Nationalvereins.
+
+Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen
+Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000
+bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen.
+Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen
+sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer
+geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit
+oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu
+nehmen, wo sie es finde — und jahrelang die Staatsausgaben ohne
+Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen
+Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den
+Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses
+Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut.
+Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte
+Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber
+außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und
+liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er
+sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das
+deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt.
+Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche
+Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle
+abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber
+monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im
+Reichstag große Heiterkeit.
+
+Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte,
+bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und
+Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber
+eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und
+seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von
+Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich
+hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man
+sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August
+1864, ihn als Partner beseitigte.
+
+Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle
+der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und
+geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil
+nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir
+Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem
+Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: „Und so
+verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht
+kein Jahr mehr vergehen — und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert
+Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert.“
+Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in
+seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,
+direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt,
+wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen
+sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.
+Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer
+verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die
+berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer
+Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich
+Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den
+bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen
+worden.
+
+Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen
+hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später
+veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.
+
+Lassalle schrieb an Bismarck:
+
+Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,
+Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit
+schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses
+Machtmittel! Die wirkliche „moralische“ Eroberung Deutschlands! Was die
+Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte
+französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig
+Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr
+allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte
+zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen
+zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im
+geringsten zu zweifeln.
+
+Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.
+Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört
+werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes
+mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende
+Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich
+unumgängliches Bedürfnis.
+
+Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter
+Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13.
+
+Und weiter:
+
+Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen
+gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich
+schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten „Zauberrezepte“
+— Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung — gefunden habe.
+Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von
+entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube,
+diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind,
+so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend 8-1/2 Uhr bei Ihnen
+vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit verhindert sein, so
+bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. Mit
+ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13.
+
+ * * * * *
+
+Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde
+und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck
+habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer
+zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten
+Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser
+Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen
+im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem
+Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen
+Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles
+waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.
+Darüber später.
+
+Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,
+wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum
+Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter
+stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,
+wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: „Er gebe zu, daß
+er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu
+Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren
+Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei.“ Diesen Gedanken spann er
+dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des
+Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks
+Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm
+jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und
+Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz „teile und herrsche“ sich
+in der Macht zu halten.
+
+Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas
+vorausgeeilt.
+
+Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,
+Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den
+Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und
+des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der
+deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen
+werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die
+Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt „Abhaltung einer
+Weltausstellung in Berlin“ gestrichen wurde. Eichler war mit anderen
+Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,
+zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter
+geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter
+Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der
+Berliner Weltausstellung entstanden.
+
+Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die
+Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer
+Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der
+Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer
+preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für
+die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar
+in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der
+Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich
+gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das
+Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den
+Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich
+allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,
+der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat
+der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern?
+Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins
+sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große
+nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu
+verwendeten, ihre Lage zu verbessern, „die begrüße ich hiermit im Namen
+des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des
+Nationalvereins“.
+
+Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie
+zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder
+fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab.
+Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin
+ging — Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich —, blieb diese über die
+Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht
+mehr im Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der
+bekannten Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle
+führte. Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre
+Forderungen und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde
+verabredet, daß der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle,
+bis er (Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in
+Staat und Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe,
+deren Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle.
+
+Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in
+der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man
+ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und
+Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen
+Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein
+Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang
+Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in
+Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und
+Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung
+eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte
+Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in
+Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte
+sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit
+zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in
+dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die
+Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.
+
+Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher
+Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen
+das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die
+Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die
+_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser
+Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,
+hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die
+Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene
+Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat
+allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen
+daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten
+Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei
+Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,
+erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz
+ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht
+sich auch ohne Wunder immer wieder.
+
+Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine
+Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und
+mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend,
+falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich
+abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der
+Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich
+bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und
+Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme
+rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich
+aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr
+an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für
+die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach
+verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen
+mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr
+unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee
+erleichtert.
+
+Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.
+Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein
+Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.
+Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische
+Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl
+politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch
+Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu
+gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.
+Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein
+Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich
+keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation
+konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die
+gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats
+Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit
+Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten
+(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst
+wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen
+gelernt und bei Eichler verwendet.
+
+
+
+
+Lassalles Auftreten und dessen Folgen.
+
+
+Anfang März 1863 erschien Lassalles „Offenes Antwortschreiben an das
+Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen
+Arbeiterkongresses zu Leipzig“. Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung
+hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins
+die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche,
+geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch
+nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen
+meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede
+meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte.
+Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des
+Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals
+ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte.
+
+Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht
+entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der
+kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die
+Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen
+Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die
+Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter
+so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und
+doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen
+Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit,
+Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und
+Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen
+Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit
+Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
+Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im
+Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein
+unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben,
+die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen
+Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das
+Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und
+Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer
+politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und
+betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse,
+die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute,
+sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse
+war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles
+Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen
+Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es
+vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die „Kreuzzeitung“,
+waren, die Lassalle objektiv behandelten — weil ihnen sein Kampf gegen
+den Liberalismus ungemein gelegen kam —, erhöhte den Kredit Lassalles
+und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich
+vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als
+fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen
+Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen,
+wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der
+sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals
+lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später
+dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer
+nur wenige.
+
+Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses
+sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des
+Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein
+Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere
+Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche,
+Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die
+eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ
+noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast
+vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie
+sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel,
+Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz,
+in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen
+außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener
+Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar
+Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg.
+
+Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache
+und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger
+hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem
+von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht
+ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die
+sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen
+konnte.
+
+Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen
+Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee
+zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten
+Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr.
+Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut.
+
+Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer
+großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen
+jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist
+unter dem Titel „Zur Arbeiterfrage“ erschienen. Die Versammlung war von
+ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch
+vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter
+Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne
+gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter
+durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas
+eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit
+Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer
+Disputation à la Luther kontra Eck kommen.
+
+Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition
+finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein
+persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher,
+schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf
+dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die
+Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch,
+doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete
+unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der
+andere mit Zischen antwortete.
+
+Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine
+längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit
+in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die
+Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die
+Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er
+protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die
+Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu
+bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er
+meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr
+taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im
+Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können.
+Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen
+des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten
+mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig
+bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh.
+
+Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht
+darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf
+seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen.
+Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen
+sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren.
+Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich.
+Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M.
+gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner.
+Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen
+Fortschrittspartei und des Nationalvereins — zwei Organisationen, deren
+Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun
+Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes
+lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke
+nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes
+Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas
+Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten
+Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von
+Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig
+eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite
+stand.
+
+Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung,
+sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in
+derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut
+machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen
+Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner
+Arbeiterbewegung.
+
+ * * * * *
+
+Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal
+gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von
+jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft
+Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs
+mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton
+gewöhnt sind — der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf
+denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke
+Meinungsverschiedenheiten geraten —, so flogen die derbsten Grobheiten
+und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch
+zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden
+Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte
+ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite
+war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann
+also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in
+einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um
+eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich
+auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben.
+Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die
+Lassalleaner.
+
+Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die
+größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah
+erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich
+ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen
+schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen
+spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt
+dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur
+Freude der Gegner.
+
+In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die
+alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem
+Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine
+Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde.
+Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des
+Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine
+Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung,
+daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie
+ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen
+Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch
+stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am
+20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben.
+
+Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze
+und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder
+unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit
+überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb
+als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich
+selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos
+gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den
+vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit
+den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die
+einfach nicht mehr beachtet wurden.
+
+Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen
+Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der
+Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie
+weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die
+deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes,
+unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten,
+die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der
+Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den
+ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe
+Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen
+deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in
+politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen
+Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst
+überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß,
+durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren
+Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen
+drein, sie kommen nie einem solchen zuvor.
+
+Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig
+gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine
+Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen
+Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med. Reyher
+— ein Schüler Professor Bocks — bald darauf sein Amt niederlegte, rückte
+ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872
+innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die
+mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche
+Reich zuerkannt worden war.
+
+Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche
+städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für
+Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts
+gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der
+politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr
+nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung
+zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im
+Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine
+Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch
+nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre
+den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch
+brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins
+hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten.
+
+
+
+
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine.
+
+
+Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich
+geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863
+auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen
+lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling,
+bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in
+Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in
+Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in
+Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere
+Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge
+waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von
+Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges
+Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen
+Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl
+Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband
+zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen.
+Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine,
+meist Bildungsvereine, ins Leben.
+
+Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die
+Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach
+Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser
+sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten,
+für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen.
+Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die
+Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen
+treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser
+Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten,
+für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle
+Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom
+republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler,
+aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet
+wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten
+Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische
+Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende „Deutsche
+Wochenblatt“ wurde.
+
+Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die
+politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn
+der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte
+ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der
+sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die
+Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein
+Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen
+Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die
+Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische
+Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament
+bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden
+sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in
+der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht,
+ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864
+anfing, sehr aktuell zu werden.
+
+Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im
+Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines
+Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai
+1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die
+politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v.
+Schweitzer — der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte — für
+eine besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter
+dem Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der
+gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes.
+Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das
+Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In
+Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich
+eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen
+kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem
+Arbeitertag in Rödelheim — 19. April 1863 —, auf dem Professor Louis
+Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung
+gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle
+selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten.
+Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein
+Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie
+ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle
+gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle
+sprach, hatte dieses Schicksal.
+
+Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19.
+Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach
+Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war
+der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den
+Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem
+Handwerkerverein zu Düsseldorf.
+
+In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen,
+die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich
+gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber „ein so wichtiger und
+fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche,
+glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und
+Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem
+gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht
+aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu
+verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner
+verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und
+Zersplitterung der ganzen Bewegung werde.“
+
+Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später
+erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in
+Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien
+Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die
+Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie
+einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der
+Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine
+erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein
+wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren
+in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der
+Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden.
+
+Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August
+Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich
+mit den Worten anredete: „Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich
+ausgeschlafen? Es wird Zeit.“ Etwas geärgert antwortete ich: „Wir sind
+früher aufgestanden als viele andere!“ Röckel lachte, er habe es nicht
+bös gemeint.
+
+Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der
+rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer
+Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor
+wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte,
+ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der „Münchener Neuesten
+Nachrichten“, die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber
+ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten.
+
+Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch
+spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen
+roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß
+ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem
+man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht
+ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu
+Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals
+auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit
+souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in
+der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen
+Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam
+die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur
+aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den
+Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein
+Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der
+alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle
+zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch
+durch allerlei Frauengeschichten „sittliche Bedenken“ in der
+Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der „sittlichen
+Verfehlungen“, die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich
+zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte
+seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen
+Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine
+ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der
+später auch für das Sozialistengesetz stimmte.
+
+Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt
+a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen.
+Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag
+eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete:
+
+„Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine
+stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß
+er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine
+sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der
+Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und
+wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit
+allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden,
+einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der
+Menschheit arbeiten.“
+
+Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des
+Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den
+Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des
+Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von
+einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung;
+es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von
+Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil
+man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen.
+Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der
+Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der
+linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der
+Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das
+forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der
+Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu
+gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem
+Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich.
+
+Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach
+Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden,
+über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit,
+Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein
+weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den
+Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften,
+deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl
+er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von
+Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des
+nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In
+dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles
+nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch
+sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher
+Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf
+kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden
+konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und
+Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, „manche Sorge
+wenigstens teilweise zu beseitigen“. Hier lag wenigstens keine
+Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die
+Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der
+Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und
+unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei
+diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von
+Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf
+meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen
+bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die
+vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so
+folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner
+erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen
+nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch
+könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese
+Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne,
+der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen
+protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit
+Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf
+gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie
+Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern.
+
+Die schließlich angenommene Organisation lautete:
+
+ * * * * *
+
+I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen
+von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen
+lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter
+den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu
+erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur
+Anerkennung zu bringen.
+
+II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der
+arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann.
+
+III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen
+Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch
+schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter
+freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige
+Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt.
+Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den
+Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf
+Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder
+Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an
+einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich
+eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen
+Blättern, jedenfalls aber in der „Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg
+und in dem Frankfurter „Arbeitgeber“ veröffentlicht. Jeder Verein,
+welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von
+zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben
+diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden,
+doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen.
+
+IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf
+Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte
+beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des
+nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung
+nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen
+Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die
+Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen,
+fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die
+Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige
+Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die
+Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich
+der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er
+sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung
+der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der
+Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung
+der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die
+Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des
+Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt.
+Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die
+Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität
+der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf
+schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß
+und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der
+Präsident.
+
+V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von
+demselben festgesetzt.
+
+VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die
+Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat.
+
+VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich.
+
+ * * * * *
+
+In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max
+Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw.
+Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die
+Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm.
+
+Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen,
+waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler
+pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck
+zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine
+nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den
+Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im
+Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500
+Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso
+wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um
+von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was
+Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois
+vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich.
+
+Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst
+im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später
+in der „Kölnischen Zeitung“ in einer für mich ungünstigen Weise
+auszunutzen versucht wurde.
+
+In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig.
+Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen
+schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden
+zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die
+Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht,
+obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages
+Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann — ein Württemberger, der eine
+katilinarische Existenz führte — hin und verfaßten ein überschwenglich
+gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um
+Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst
+nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen
+meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die
+„Kölnische Zeitung“, die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die
+empfangenen 200 Taler — nicht 300, wie sie behauptete — vor einigen
+Jahren veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei
+Unterschriften rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich
+entschieden verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir
+namentlich Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und
+könnte der Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß
+bei den Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig
+überließen. Daß er die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr
+Interesse für die Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe.
+Das Geld wurde indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde
+aber sehr sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die
+Agitation für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren
+von den 200 Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden.
+Das war allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von
+1865 bis 1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben
+eine so rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige
+auf dem alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter
+dieser Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung
+begriffen und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867
+offiziell seine Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten
+hatten, ärgerte viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht
+verwinden konnte. Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der
+Wahlagitation mir entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß
+wir jenes Geld angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen,
+daß all seine Mühe, mir zu schaden, vergeblich war.
+
+Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied
+des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke
+ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all
+den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in
+der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den
+Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen
+war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu
+reden, „geistiges Ehrenmitglied“ des Nationalvereins zu sein.
+
+ * * * * *
+
+In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das
+Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen
+Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit
+Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen.
+Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir
+auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die
+sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für
+kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864
+kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig.
+
+Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung
+Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte.
+Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis
+5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede — die
+ich einstudiert hatte — elend stecken. Mein Temperament war mit meinen
+Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen.
+Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt
+wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin
+gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch
+war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet,
+Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die
+Entwicklung nach links hielt er nicht auf.
+
+Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden
+zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die
+bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem
+Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die
+im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn
+v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten
+werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen
+und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu
+beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig
+angenommen wurde:
+
+„Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn
+v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes
+abzusehen.“ Eine zweite Resolution, lautend: „Die versammelten
+Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für
+die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten“, wollte der
+überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil
+dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine
+scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit
+der Auflösung der Konferenz drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß
+Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei.
+Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der
+weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp
+befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen
+Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so.
+Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit
+erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald
+untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in
+dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im
+Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner
+Richtung seiner Aufgabe gewachsen war.
+
+Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden,
+dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger
+„Allgemeinen Arbeiterzeitung“, die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in
+Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen
+worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft,
+das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an
+dessen Schluß es hieß:
+
+„Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil,
+der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet,
+eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen
+jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines
+Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag,
+mit dem gewöhnlichen Maße zu messen.“
+
+Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin
+Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen
+Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz
+Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von
+Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die
+Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb
+Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen
+entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die
+Situation ansahen.
+
+Der Brief lautete:
+
+ * * * * *
+
+„Lieber Freund Sonnemann!
+
+Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf
+telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen
+wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der
+Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich
+glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht
+und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen
+Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht
+wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas
+geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines
+entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen
+Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und
+etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der
+Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden
+Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele
+entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht
+ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere
+Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen
+von weittragenden Folgen sein — im gegenteiligen Sinne nichts schaden
+kann.
+
+Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu
+energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die
+Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen.
+Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal
+dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der
+Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu
+geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den
+Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele
+Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man
+Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen.“
+Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen.
+
+In einer Nachschrift heißt es: „Würde es Dir als Präsident der
+Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die
+Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir
+alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß,
+ebenfalls übermitteln werde.“
+
+ * * * * *
+
+Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt,
+jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es
+mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie
+Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf
+den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen
+hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger
+Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem
+von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag
+möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die
+einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen,
+waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten.
+Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren
+berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen
+Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder
+Sonnenschein gewähren konnte.
+
+Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation
+insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen
+bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf
+die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die
+Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des
+Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für
+Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein
+Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz
+wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte
+Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der
+Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als
+Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und
+zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher
+Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren
+Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde.
+5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des
+Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des
+ständigen Ausschusses.
+
+Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren
+Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher
+Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz
+waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen
+übrig.
+
+Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3
+Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals
+in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen
+der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter
+Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und
+zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen
+Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich
+zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des
+Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger
+Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A.
+Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee.
+
+Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und
+mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der
+Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der
+Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu
+tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales
+(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne
+Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern
+sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er
+sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei
+seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte
+Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes
+Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von
+meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf
+den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene,
+als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem
+bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort
+verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und
+legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von
+keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine
+referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den
+ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch,
+Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger
+Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren
+war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für
+Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim,
+Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt.
+
+
+
+
+Friedrich Albert Lange.
+
+
+Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit
+Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen
+Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst
+sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der
+liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den
+ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem
+Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht
+beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die
+Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der „Geächteten“ und
+„Isolierten“ in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den
+Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar
+1865 erschienenes Buch „Arbeiterfrage“ zeigt. Wenn in der später
+erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht,
+wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus
+nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich
+dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens,
+dem er leider zu früh erlag.
+
+Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte
+nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst
+aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon
+andeutete, mit der „Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Konflikt
+gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des
+Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft.
+
+Bei der Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, wahrscheinlich auf
+Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt
+untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war
+im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung
+gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger
+Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein
+günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger
+Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr
+eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als
+einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe.
+
+Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung
+eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine
+Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die „Arbeiterzeitung“ erreicht,
+daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung
+hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag
+mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat,
+unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die
+„Arbeiterzeitung“ darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie
+nunmehr die Sache anders ansähen. Die „Arbeiterzeitung“ hat denn auch
+später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen.
+Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag
+persönlich bei mir.
+
+Die Ereignisse des Jahres 1866 — auf die ich später zu sprechen komme —
+und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in
+Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein
+Blättchen „Der Bote vom Niederrhein“ eingehen und folgte einer Einladung
+seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der
+Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt „Der
+Winterthurer Landbote“ ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen
+Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine
+Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der
+junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der „Züricher Post“,
+traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine
+demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit
+mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue
+Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und
+fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl
+der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens.
+
+Mittlerweile war ich — wie ich vorgreifend bemerken möchte —
+Vorsitzender im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt
+nunmehr, die Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager
+zu bestimmen. Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir
+klar. Ich hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb
+an ihn am 22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor
+O.A. Ellissen,[3] einen „sehr merkwürdigen Brief“ nennt, in dem ich ihn
+bat, das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu
+übernehmen. „Neben der Wehrfrage — so schrieb ich nach Ellissen weiter,
+der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand — steht noch so
+mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und
+Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist.“ Ich sprach weiter
+in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer
+Spaltung, „es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig
+schwankende“.
+
+Lange antwortete am 5. Juli:
+
+ * * * * *
+
+„Lieber Herr Bebel!
+
+Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine
+Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war,
+um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier
+eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé
+und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied
+zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu
+tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein
+ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur
+Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich
+vor Vollendung der neuen Verfassung — wir sind froh, wenn sie noch in
+diesem Jahre fertig wird — nicht mit Sicherheit über meine Zeit
+verfügen. Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann
+nicht sicher wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen
+Bedauern das Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine
+Zeit es irgend erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich
+meinerseits ebenfalls mich danach sehne, so viele wackere Freunde —
+leider zum Teil in getrennten Lagern — wiederzusehen.“
+
+ * * * * *
+
+Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt
+nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf.
+Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich
+ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als
+Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn
+festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner
+Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag
+er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer
+der Besten aufgehört zu leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
+Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.
+
+
+
+
+Neue soziale Erscheinungen.
+
+
+Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß
+zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
+die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
+Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu
+einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein
+Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
+Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die
+Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
+Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
+war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
+Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen
+hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe,
+die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen
+große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
+bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
+eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
+folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
+niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn
+betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die
+Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
+März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den
+Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der
+Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war,
+mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete
+in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
+war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der
+Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
+Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen
+Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.
+
+Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
+Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die
+Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen
+Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich
+mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
+sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben.
+
+ * * * * *
+
+„Leipzig, den 11. Mai 1865.
+
+Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.
+
+Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
+auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
+Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
+muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an
+den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über
+die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin
+arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
+Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
+wenden.
+
+Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut
+über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
+nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst
+erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
+Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
+Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.
+
+Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
+mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma
+Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
+Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich
+nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
+weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
+Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu
+Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine
+ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
+war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun
+würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den
+Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so
+unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit
+(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von
+jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.
+
+Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich
+merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die
+Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung
+einfach nicht wolle.
+
+So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission
+kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
+habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den
+Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
+denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
+erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
+keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
+Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
+bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
+den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
+tun möchten.
+
+Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
+Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.
+
+Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
+Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
+beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.
+
+Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.
+
+Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
+die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
+machen.
+
+Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer
+Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
+einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu
+treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
+bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im
+Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie
+die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit
+den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der
+Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die
+Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und
+abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe
+der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
+Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der
+Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“
+
+ * * * * *
+
+Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:
+
+„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
+Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine
+vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der
+Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
+beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht
+etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch
+allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem
+Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als
+Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
+Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
+Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
+Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu
+bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war.
+Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals
+an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
+Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
+würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch
+das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß
+die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
+mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und
+diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen.
+Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß
+ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
+genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin:
+die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
+gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
+worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen
+durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
+Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß
+allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig
+vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“
+
+ * * * * *
+
+Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik
+ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“
+Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die
+Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese
+erlangte er nicht.
+
+Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort:
+
+„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß
+ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig
+aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und
+zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
+ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe,
+werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen
+Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner
+Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen
+dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
+stellen.
+
+Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch
+verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener
+Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
+abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.
+
+Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen
+Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
+ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche
+Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
+Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache
+zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die
+Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
+erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission
+anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
+er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man
+sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
+letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
+vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
+die rechte war.
+
+Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit,
+zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei
+nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in
+Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies
+dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen,
+mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
+als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
+begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
+aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit
+vormittags 1/2 10 Uhr.
+
+Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
+mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
+sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre
+Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals
+zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
+geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
+Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
+Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
+Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen
+zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
+nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese
+abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.
+
+Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht
+zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive
+der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
+Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man
+doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
+wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die
+feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch
+aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt
+würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit
+Geldsammlungen zu unterstützen.
+
+Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
+als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir
+dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich,
+sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des
+ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen
+genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
+Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
+Sonnemann, in dem es hieß:
+
+„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die
+Buchdruckerangelegenheit zu berichten.
+
+Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
+auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte
+diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging
+darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale,
+um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
+und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei,
+indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
+würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
+Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
+Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
+lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
+in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen
+wollten.
+
+Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
+sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
+Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung
+mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für
+notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
+Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit
+diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
+vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.
+
+Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man
+motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
+weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
+Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst
+hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem
+Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
+Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
+könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte
+sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er
+abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
+noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
+dazu auf.
+
+Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich
+beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle
+anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen,
+welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg
+davonträgt.
+
+Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
+Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit
+dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von
+auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
+einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.
+
+Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei
+mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
+nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
+die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
+ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
+Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“
+
+ * * * * *
+
+In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in
+einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
+beim alten.
+
+Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:
+
+„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
+gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
+Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
+Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
+ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr
+schwer werden.“
+
+Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem
+Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in
+Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich
+wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die
+Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
+erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten.
+Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:
+
+„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
+über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden
+dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten.
+Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann,
+wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich
+durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen
+Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last
+der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
+ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
+von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
+genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
+gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr
+erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
+schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte....
+
+Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche
+Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der
+vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.
+
+Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
+dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war).
+Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband
+zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen
+Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über
+Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu
+lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren.
+
+Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der
+größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
+Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
+auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine
+Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
+Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die
+Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
+Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
+zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
+nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
+Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
+alleräußersten Falle anzunehmen.“[5]
+
+ * * * * *
+
+Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer
+Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung,
+als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
+der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
+den Streik eintraten.
+
+In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:
+
+„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
+Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
+konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich
+deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
+bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue
+Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
+können.
+
+Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
+die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
+Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
+obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter
+Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
+Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
+Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im
+Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“
+
+ * * * * *
+
+Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:
+
+„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
+an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
+aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
+sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
+opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen
+jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich
+geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so
+wäre es für den Augenblick genug gewesen.
+
+Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es
+den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
+ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für
+sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt
+ausgesprochen.“
+
+ * * * * *
+
+Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
+Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
+Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die
+Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen
+zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten
+entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu
+vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des
+Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
+wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die
+Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
+ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es
+meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.
+
+Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
+veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses
+auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der
+man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund
+dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
+Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man
+selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
+hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
+weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die
+Sympathie für diese nicht.
+
+In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
+gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
+Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten
+Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
+sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
+Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das
+Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen
+Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte
+guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
+gemeinsame Sache.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht
+mehr zu entziffern ist.
+
+[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch „Die Internationale“ (Leipzig
+1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren
+Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um
+die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den
+Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können
+unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband
+der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes;
+zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen
+Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der
+Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den
+Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die
+Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft.
+
+
+
+
+Der Stuttgarter Vereinstag
+
+
+Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf
+den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
+demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
+vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
+Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
+Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
+Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor
+Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe
+erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist.
+Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
+Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit
+mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum
+Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
+Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
+gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten
+linken Flügel der Demokratie.
+
+Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später
+Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
+der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung
+war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“
+wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre
+darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften,
+wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
+für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
+recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch
+hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
+direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen
+Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die
+Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
+Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
+badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
+beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich
+änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche
+Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
+angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht;
+er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses
+Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen.
+Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
+Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen.
+
+Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in
+seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die
+Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem
+schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
+mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen
+und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage
+nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte
+ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des
+Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer
+fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen
+Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.
+
+Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
+Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
+Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
+und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
+erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
+jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen
+Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen
+Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
+einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
+ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
+eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines
+Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom
+Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen
+Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade
+kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine
+bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
+Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
+angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
+der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan
+nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit
+dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
+starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß
+die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr
+lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel,
+Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange,
+Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
+Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß
+gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
+der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
+Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
+sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen.
+
+Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen
+Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so
+deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in
+der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
+Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
+lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen
+und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
+anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
+Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische
+Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden
+Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue
+Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand
+hochgradiger Erregung.
+
+Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
+Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
+Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
+Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf
+deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter
+Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
+und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale
+Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als
+ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
+gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
+verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich,
+um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
+reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
+müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im
+Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte
+ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
+und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller
+tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
+Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
+Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
+Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen
+Weines mit Vesperbrot.
+
+Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
+„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die
+deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht
+ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke
+schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
+waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
+wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei,
+daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
+führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich
+abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
+schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
+Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:
+
+„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in
+diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung
+überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den
+nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses
+deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das
+Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre
+wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
+werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel
+Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein
+gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
+gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich
+mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
+Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
+nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
+Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
+König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v.
+Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
+haben....“
+
+Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident
+des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen
+Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v.
+Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
+und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
+Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines
+Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
+aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18.
+März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
+hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.
+
+Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in
+Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
+hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der
+siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
+Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug,
+hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt.
+
+Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die
+Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands
+dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er
+ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
+unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die
+friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden,
+zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
+wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem
+23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt,
+eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
+gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.
+
+Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?
+
+ * * * * *
+
+Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die
+Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
+Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
+Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer
+Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
+versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder
+die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
+mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der
+Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
+Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§
+183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von
+Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
+ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
+Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis
+bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
+oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das
+eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
+derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
+mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im
+„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
+gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit
+fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184
+habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
+in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
+immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
+Genossen aufs schärfste an.
+
+Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
+konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
+er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über
+den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen —
+abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
+vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der
+Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
+aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
+angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es
+ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung
+innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig
+zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine,
+begründet durch das Gesetz.
+
+So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
+Bourgeoisie das Wasser abzugraben.
+
+Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
+Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
+Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen
+Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer
+nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen
+Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ
+die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister
+Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
+Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
+Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre
+Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte
+darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
+zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich
+war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung
+unmöglich.
+
+Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In
+Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst
+zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
+verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger
+„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und
+spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
+benommen hatten.
+
+Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
+Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen.
+Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die
+Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
+banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
+einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser
+wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich
+senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was
+der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
+31. Juli 1865:
+
+„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
+betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
+Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
+Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
+Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
+Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen....
+
+Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische.
+Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann
+wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich
+im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich
+glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen
+zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation,
+das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den
+Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
+niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei
+vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
+
+Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
+Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
+dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns
+einstweilen den Zusammenhang pflegen....
+
+Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die
+politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
+ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
+Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich.
+Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
+als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche
+momentan liberal flöten, erst recht_.“
+
+In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang
+meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
+sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft
+gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
+der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
+zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
+Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig
+aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
+nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
+wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst.
+Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
+fortfährt.“
+
+ * * * * *
+
+In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
+Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
+Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
+Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
+
+„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
+mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
+Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
+Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
+der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister
+müssen ja aufeinanderplatzen.“
+
+In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
+die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
+Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
+erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
+der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
+Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
+
+Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
+Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
+nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
+Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
+Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.
+
+Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
+das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein
+ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
+wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung
+des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen.
+Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.
+
+Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
+deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
+konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
+dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große
+Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.
+
+Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
+Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen,
+auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen
+wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der
+Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
+zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze
+stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
+Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
+Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer
+1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich
+über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
+dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer
+und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter,
+dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von
+Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden.
+
+Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
+gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es
+auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für
+diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
+Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
+Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
+wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
+solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
+Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg.
+
+Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem
+Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
+schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das
+sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
+dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
+Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
+v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
+aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
+Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund
+des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle
+Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
+Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
+Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere
+Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der
+Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche
+geleistet.
+
+Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen
+verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
+fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
+Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
+Liebknecht.
+
+
+
+
+Wilhelm Liebknecht.
+
+
+Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen
+ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862
+nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses.
+Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich
+Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
+im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die
+„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben
+Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
+für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von
+beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
+Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
+Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht
+stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall
+wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
+für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
+veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der
+Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm
+Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen
+Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung
+aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von
+London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
+mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
+lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in
+Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in
+Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl
+kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die
+„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im
+Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
+und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte,
+als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
+„Sozialdemokrat“, ansah.
+
+Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel
+am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
+sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
+Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
+und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
+natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß
+aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach
+der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer
+Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
+ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch
+auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
+war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
+nicht, daß wir uns bald befreundeten.
+
+Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
+Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
+Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die
+passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit
+erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig
+zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
+willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen.
+Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
+englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine
+allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
+später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
+wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war
+und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht
+seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde
+sich in zufriedenstellenden Verhältnissen.
+
+Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
+in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
+späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
+öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
+Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
+Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei
+Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten
+Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
+und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die
+Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
+Heiterkeit erregte.
+
+Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine
+Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für
+denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger
+Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift
+von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der
+Buchhandlung Vorwärts erschienen.
+
+Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen
+Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein
+noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte
+ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
+Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
+der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
+gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen
+gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze
+auszugleichen suchte.
+
+In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
+Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
+großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen
+Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu
+finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
+vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
+Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
+daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder
+ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere
+Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues
+Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht
+sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so
+konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
+darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
+Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
+waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste
+Bekanntschaft gemacht hatten.
+
+In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
+schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde.
+Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
+Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
+an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm
+getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
+von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
+gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es
+merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden
+wäre.
+
+Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich
+gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu
+danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
+München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt,
+Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
+September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
+hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
+Paulus zu machen.
+
+Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns
+kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
+Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig
+studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
+war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels
+in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
+der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen
+erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich.
+Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß
+nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem
+Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus
+jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“,
+er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner
+Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:
+„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber
+Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
+Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den
+Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
+sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die
+Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte
+allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
+Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
+Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang
+mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
+Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
+mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
+Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische
+Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die
+deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf
+Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere
+theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht
+von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
+die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten
+theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
+ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die
+große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung.
+
+Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über
+Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen,
+noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
+Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste
+Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
+ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867
+erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und
+zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859
+erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren,
+aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
+gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu
+verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
+und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
+Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
+in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse
+für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
+lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
+bei.
+
+
+
+
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.
+
+
+Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr
+zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle
+verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung
+vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige
+Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die
+Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
+Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war
+der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor
+Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit
+war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
+auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
+behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
+Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
+letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des
+Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
+nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
+Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.
+
+Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
+abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines
+Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war
+zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
+die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
+Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und
+beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
+deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches
+Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die
+Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
+werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die
+Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
+und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die
+Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
+werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
+einer Privatbesprechung verständigen.
+
+Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
+Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
+ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die
+Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter
+denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
+ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
+das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es
+kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr
+nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
+unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut
+vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
+was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
+vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den
+Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die
+Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
+Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
+den Vorschlag zu erklären:
+
+„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den
+Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der
+Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
+oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung
+aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die
+Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt
+es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“
+
+Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger
+Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
+stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.
+
+Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
+die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer
+auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
+wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
+Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins
+(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
+„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“
+in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte,
+er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
+Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
+Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.
+
+Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus,
+daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht
+erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel
+Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
+Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
+Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen
+Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze
+dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
+und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
+haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
+niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz
+Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
+als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation
+beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen
+und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage
+so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
+drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine
+Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
+politischen Forderungen in den Vordergrund.
+
+Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden
+statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
+auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für
+Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
+den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen
+Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
+Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
+Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen
+Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er
+auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es
+nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der
+die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
+Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
+Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
+teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine
+Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für
+Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen,
+Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
+Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der
+Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
+Försterling wurde dessen Vorsitzender.
+
+Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
+Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des
+Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches
+Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische
+Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
+der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
+ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
+forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die
+Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
+eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
+selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
+Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne.
+
+Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
+2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam
+lauteten. Darin hieß es:
+
+1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm
+nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
+erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als
+Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und
+die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
+nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten
+entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt
+werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir
+verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
+Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
+allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
+und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die
+Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der
+Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament
+einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
+der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
+Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
+der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.
+
+Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und
+Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der
+Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang
+dieser Deputation abgelehnt.
+
+Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt
+durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
+Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
+Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war
+und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
+Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
+wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe,
+erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
+zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für
+ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei.
+Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
+Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
+der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
+richten:
+
+„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung
+der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
+Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz
+Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
+Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“
+
+Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
+Richtung, als man erwartete.
+
+
+
+
+Die Katastrophe von 1866.
+
+
+Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
+zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu
+geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich
+und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem
+Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.
+
+Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
+neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs
+die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX.
+erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
+sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
+denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
+verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu
+Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief.
+Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die
+Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen
+und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ
+durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht
+erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen
+die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
+Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
+im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man
+erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen
+Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851,
+die Hauptschuld trug.
+
+Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
+bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
+Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
+betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle
+Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
+Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden
+wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen
+und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in
+Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“
+
+Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
+Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die
+Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.
+
+Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für
+Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß:
+
+„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln
+gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
+kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen
+zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“
+
+Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der
+Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem
+Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
+ist der Fortschritt seit jener Zeit! —
+
+Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der
+massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung
+von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
+Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem
+Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für
+ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
+die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In
+Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
+selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine
+patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
+den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten.
+Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
+Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
+geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die
+Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben
+Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig
+statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das
+Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen
+benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar
+mit.
+
+Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
+Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß
+eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie
+betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
+Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese
+bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne
+wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
+abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
+erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
+deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für
+dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
+wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren.
+
+Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
+aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
+Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
+Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner
+verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter
+Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt
+nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst
+drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die
+schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es
+gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg,
+gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt
+der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt
+waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen,
+die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im
+Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und
+Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch
+ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2
+Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
+den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80
+Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
+vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht
+stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
+langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von
+Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
+Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
+der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
+Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
+der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle
+Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos
+unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten,
+wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
+allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt
+seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
+damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
+kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
+türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn
+v. Manteuffel.
+
+Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein
+konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die
+Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die
+konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
+Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
+er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
+dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons
+Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
+Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische
+Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits
+schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
+Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden
+losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine
+„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
+italienischen Staatsmännern, die später der italienische
+Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“
+veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen
+außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die
+allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
+Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen
+Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
+keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr
+Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
+einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
+hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
+würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.
+
+Dieses Programm wurde prompt ausgeführt.
+
+Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
+seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel
+weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die
+Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
+Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
+preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse,
+ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen
+europäischen Krieg nicht auf sich laden.“
+
+Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch
+Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
+zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall
+von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
+schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische
+Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen,
+und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
+ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für
+diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
+sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage
+erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das
+diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
+Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen
+seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
+Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und
+allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für
+einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
+bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
+für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.
+
+Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit
+intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
+sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
+Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
+er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
+Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung
+des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
+eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84
+der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
+andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische
+Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu
+erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
+In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
+Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den
+Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
+südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
+herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes
+handelte.
+
+Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten
+Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl
+der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören
+könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
+Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine
+Befürchtungen.
+
+Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
+Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
+getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
+konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und
+opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
+Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von
+mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen
+Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die
+Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
+Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das
+Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die
+Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht
+in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der
+Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
+verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden
+war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
+Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
+wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate
+zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen
+Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
+Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
+den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom
+Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken.
+
+Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende
+Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
+Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
+Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die
+österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den
+Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
+Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
+konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
+diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
+Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren
+Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
+Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
+Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das
+Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine
+deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt
+notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine
+Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen
+Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
+lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen.
+Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.
+
+Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen
+immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen
+dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
+sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit
+auf österreichischer Seite stehen würden.
+
+In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die
+sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges
+verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die
+Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai
+dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
+besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten
+politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
+für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
+anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die
+erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
+Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
+Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
+Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich
+schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
+jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen
+Deutschland entgegentreten.
+
+Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und
+begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:
+
+1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
+das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
+Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der
+Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze.
+2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik
+betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes.
+3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
+Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß
+das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die
+jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle
+eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
+dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
+erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
+vertreten.
+
+Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
+Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
+Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die
+meinige einstimmig angenommen.
+
+Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über
+jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
+so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
+vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
+Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz
+tagte, im gleichen Sinne aus.
+
+In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des
+Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf
+den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
+Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine
+Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
+eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
+besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses
+eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war
+auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
+Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
+alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze
+schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie
+damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
+wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
+werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß
+zu machen?
+
+Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
+Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
+Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
+Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
+Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen
+Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
+daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
+ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.
+
+Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche
+erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in
+Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende
+Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses:
+
+ * * * * *
+
+Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher
+Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des
+Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die
+Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der
+preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
+unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt,
+dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites
+hinausreichen.
+
+Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
+dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig,
+gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen
+haben, und nährt die Gelüste des Auslandes.
+
+Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder
+aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
+schweren Verbrechens an der Nation schuldig.
+
+Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
+diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten
+deutsches Gebiet preisgeben.
+
+Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig
+ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
+verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz
+Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum
+beschränkt werde.
+
+Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
+Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
+durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
+und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte,
+mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten.
+
+Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
+wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen.
+Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre
+Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität
+des deutschen Gebiets einzustehen.
+
+Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen
+zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
+ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
+ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
+sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
+jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
+entspringen zu sehen.
+
+Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die
+deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
+auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
+freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
+solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige
+Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten
+Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
+Nation gefordert werden.
+
+ * * * * *
+
+Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
+nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem
+Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer
+sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese
+der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
+hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der
+Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
+Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er:
+
+„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
+hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh
+waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen
+miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
+Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
+sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in
+Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen
+aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen,
+welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“
+
+Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
+
+Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
+Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß
+alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
+befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
+Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der
+Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
+Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
+Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt,
+um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
+Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.
+
+Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer
+Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant.
+
+Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
+Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
+statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.
+
+In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:
+
+1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten
+Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
+solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen.
+3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
+dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete
+Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
+Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in
+politischen Vereinen zusammentreten.
+
+Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein
+Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
+einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß
+wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des
+Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg,
+Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v.
+Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
+Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch
+Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.
+
+Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm:
+
+A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
+deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der
+Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der
+Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
+preußische, keine österreichische Spitze.
+
+B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
+Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
+beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
+Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und
+des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in
+Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über
+die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung
+Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand
+Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
+Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
+Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
+Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
+von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
+Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
+wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
+nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
+sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die
+gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
+verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
+eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte
+Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
+nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig
+entscheiden.
+
+Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
+Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil
+mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende
+Proklamation:
+
+ * * * * *
+
+An das deutsche Volk!
+
+Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
+Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
+an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos
+genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des
+schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
+Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
+Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
+Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
+zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen
+und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der
+Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
+Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
+Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen,
+bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk
+zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
+Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht
+sei.
+
+Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
+Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der
+schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei
+über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit
+Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte
+Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
+ist.
+
+Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
+Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht
+für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
+Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
+eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück,
+darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie
+mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im
+Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
+voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
+Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
+Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.
+
+Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des
+deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen
+Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das
+deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.
+
+Frankfurt, 1. Juli 1866.
+
+Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.
+
+I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel.
+
+ * * * * *
+
+Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig
+hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation,
+fehlte. —
+
+Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten
+Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu
+Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten
+Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben
+wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main
+und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen
+österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder
+ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
+Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
+äußerte er: „Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche
+alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!“ Eine
+zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
+verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit
+„klingendem Spiel“ die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
+Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
+Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke
+zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben. —
+
+Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu
+einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
+politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
+Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.
+
+In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
+preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für
+Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
+gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
+Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
+preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich
+sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu
+nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
+bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß
+aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden
+Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
+volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der
+Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der
+Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
+Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
+Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
+unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit.
+
+Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge
+hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer
+der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit
+eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
+Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und
+bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der
+Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der
+„Arbeiterzeitung“ zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen,
+die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
+die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte,
+hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive
+Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte
+entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
+bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
+des Blattes einzustellen.
+
+Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum
+abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
+Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte
+auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera
+in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
+denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
+auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
+die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen
+beschäftigte.
+
+Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur
+Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch
+dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu
+werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
+ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
+Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
+es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ.
+Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt
+Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni
+sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
+einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die
+Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
+Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien
+seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen,
+worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen
+Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
+lautete:
+
+Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
+kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen
+Landesteile (Luxemburg und Limburg).
+
+Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten
+vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig
+Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren
+Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die
+mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen
+focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei
+Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war
+gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
+entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
+mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen
+werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v.
+Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die
+italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
+setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht
+erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
+Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die
+Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
+Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
+Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
+Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur
+Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die
+zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg
+endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen
+suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen
+Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem
+Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
+Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz
+treffen.
+
+Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
+bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
+anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
+Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
+der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
+Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
+im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine
+Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr
+Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand,
+Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg
+abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu
+Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
+in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
+und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen
+Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck,
+Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten
+sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
+Italien abgetreten.
+
+Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
+deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei
+Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie
+Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit
+Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
+verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung
+getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
+Ausruf veröffentlicht hatte:
+
+ * * * * *
+
+An die ungarischen Soldaten!
+
+Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der
+gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch.
+
+Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus
+Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen
+Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere
+ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
+jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
+hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den
+Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
+Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
+Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
+heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet
+denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
+erwarten.
+
+Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
+Vaterlandsverteidiger werden?
+
+Es lebe hoch das Vaterland!
+
+_Klapka_ m.p., ungarischer General.
+
+ * * * * *
+
+Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen
+Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf „An die Einwohner des
+glorreichen Königreichs Böhmen“ veröffentlicht worden war, der Stellen
+enthielt wie die folgende:
+
+„Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch
+den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
+nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein
+günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!“
+
+Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei
+dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten
+Niederträchtigkeiten — und als eine loyale Kriegführung konnte man doch
+die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen —, sie wurden
+entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
+Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
+auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen
+Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen?
+
+Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern
+begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
+an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter
+Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
+Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten
+die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die
+Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich
+Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
+„Preußischen Jahrbücher“ Bismarck aufforderte, die oppositionellen
+Staaten — Sachsen, Hannover, Kurhessen — zu vernichten:
+
+„Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung;
+ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen
+deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation....
+Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die
+Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation
+als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der
+achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit
+einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch
+geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über
+Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit,
+aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze
+der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
+und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch
+weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration
+die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die
+Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers
+mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
+kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine
+Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
+Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt,
+rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
+und entweihten Krone — wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend.“
+
+Und er schloß: „In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
+_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir
+wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
+zurückkehrt auf den Thron.“
+
+Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt
+wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen
+zusichern, „daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen
+Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse
+zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes
+begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät
+oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
+politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich,
+polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
+seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll“.
+
+Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden
+wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den
+damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
+eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen
+angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein
+Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
+Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich
+ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig
+und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und
+seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für
+Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit
+Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht
+gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
+unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
+das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847
+noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das
+preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
+Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche
+gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie
+in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer
+Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
+man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
+im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
+zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf.
+
+Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium
+Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
+Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als
+Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so
+stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich
+war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
+ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für
+dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen
+Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist
+sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung
+nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber
+sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch
+den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles
+der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
+Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
+Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge
+gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der
+Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft — von der
+Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden — hat zehn Millionen Deutsche in
+eine fast trostlose Lage versetzt. Unsere „Patrioten“ geraten in
+nationale Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt,
+aber an dem Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen
+in Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß.
+
+Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter
+unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam.
+
+In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar Bucher —
+also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste — über den
+Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: „Ein Sieg der
+Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel.“
+
+Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: „Nur in dem _populären_ Krieg
+gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation
+_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_....“
+Lassalle ging noch weiter und führte aus: „Eine Besiegung Frankreichs
+wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence.
+Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
+gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
+darstellt.“ Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: „Nur zur
+Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch
+im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische
+Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon
+mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung
+ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei.
+Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_.“[6] (Zugunsten der
+Revolution.)
+
+Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
+sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: „Endlich aber ist die
+Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine
+Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der
+Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
+und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die
+Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
+gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind,
+daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen
+Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
+großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen
+Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen,
+aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar
+erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk_.“ —
+
+Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
+Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
+in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die „Mitteldeutsche
+Volkszeitung“ gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
+weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand
+des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
+erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
+war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das
+Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der
+preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten.
+Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei,
+würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
+in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
+so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei
+Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
+wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich
+ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen
+Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt
+hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
+unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
+Stuttgart 1902.
+
+
+
+
+Nach dem Krieg.
+
+
+Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
+Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die
+Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
+Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
+für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
+nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen
+sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
+Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm,
+ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
+rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu
+einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung
+vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der
+Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben
+stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands
+in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine
+Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.
+
+Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
+der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue
+demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete:
+
+
+Forderungen der Demokratie.
+
+1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
+gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
+Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
+Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
+Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
+welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat.
+
+2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
+erbliche Zentralgewalt. — Kein Kleindeutschland unter preußischer
+Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland
+unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche
+dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
+Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen
+Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen.
+
+3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession.
+
+4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung.
+Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und
+des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und
+würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der
+Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht.
+Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung
+der der Volksschule Entwachsenen.
+
+5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und
+der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der
+Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines
+deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des
+Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit
+der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde.
+
+6. Selbstverwaltung der Gemeinden.
+
+7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der
+Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
+Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren.
+
+8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
+Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.
+
+Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die
+Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
+ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich
+von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden
+war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
+in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz
+nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
+Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht
+warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
+sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er
+bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung
+erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine
+Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner
+Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee,
+das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe,
+der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war — weshalb er sich
+gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
+hörte —, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre
+zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den
+legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
+dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich
+gründlich lächerlich zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen
+Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die
+mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das
+Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
+absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
+wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
+im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
+der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
+der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es
+stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.
+
+Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
+sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
+bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
+deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
+herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
+allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
+Kräfte zu befriedigen.
+
+Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
+der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
+wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
+insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die
+große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur
+politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
+der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
+daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung
+des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
+Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten.
+
+Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten
+gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß
+vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei
+verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not.
+
+„Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
+gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
+gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
+Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die
+große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
+Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von
+keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
+höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
+Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an
+den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine
+willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische
+Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
+der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere
+Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu
+entziehen droht.“
+
+Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
+gehen und allen Hader schwinden zu lassen.
+
+Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der
+ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
+durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte,
+war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
+könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen
+Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
+daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
+habe.
+
+Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
+nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
+die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
+bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
+sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung
+_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
+spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und
+Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der
+Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
+und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als
+selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
+wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr
+als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume
+schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem
+ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
+was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
+mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses
+einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die
+Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren
+Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
+entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
+schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
+Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und
+verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
+und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei
+agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
+tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate
+lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
+erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen
+sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
+und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
+Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis
+verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein
+gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
+Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
+Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
+Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
+politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat.
+
+Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang
+Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866
+nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
+aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte
+nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die
+Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
+Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
+Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
+kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
+Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
+in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
+nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
+siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
+Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er
+mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm
+voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
+zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen
+nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
+meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.
+
+Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt.
+So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem
+Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich
+hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit
+in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich.
+Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt,
+von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn
+einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte,
+nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den
+Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst
+den Wagen.
+
+Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten
+Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die
+künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission
+aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die
+Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von
+Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau — der Turnergötz, der damals ein
+roter Republikaner war — und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v.
+Schweizer und Dr. Reincke — der, als er später sein Mandat niederlegte,
+durch Fritzsche ersetzt wurde — und in einer Nachwahl Hasenclever
+gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich
+ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v.
+Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen
+Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der
+Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war
+ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so
+heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu
+reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe
+gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte.
+
+Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später.
+
+
+
+
+Die Weiterentwicklung.
+
+
+In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel
+abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte
+festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres
+eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die
+Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die „Allgemeine
+Arbeiterzeitung“, war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine
+Monatsschrift, „Die Arbeit“, die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben
+und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer
+wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in
+den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues
+Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel „Arbeiterhalle“ von
+Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage
+erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt
+erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es
+einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten
+und von Liebknecht redigierten „Demokratischen Wochenblattes“. Endlich
+wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen.
+
+Mit der Gründung des „Demokratischen Wochenblattes“ war einem von uns
+allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin
+kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten
+konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und
+soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat
+vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber
+waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden
+gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten.
+
+Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte
+mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867
+schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund
+bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil,
+daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848
+nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien,
+die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung
+mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer
+noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik
+fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im
+Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine
+losgehe.
+
+In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege,
+ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867
+hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich
+präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des
+sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen
+Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des
+Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und
+Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und
+Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der
+Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.
+Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die
+Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie
+gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die
+Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage
+vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß
+diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der
+Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen
+sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche
+Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine
+vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen.
+Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen
+7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten
+deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der
+ständige Ausschuß erklärte.
+
+Dieser Vereinstag — der vierte — wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten.
+Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein
+Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus
+Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar.
+Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische
+Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum
+Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei
+Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller
+Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der
+Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und
+Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die
+Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in
+sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem
+er in einer Resolution erklärte, ihm „im allgemeinen“ seine Zustimmung
+zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler
+referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur
+Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV
+wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere
+sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde
+von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses
+Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der
+Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle.
+Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland
+verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des
+Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate
+gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33
+Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit
+war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht,
+was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt
+einigermaßen aktionsfähig.
+
+Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über
+die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes
+Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter
+getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich
+hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet,
+die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution
+besagte:
+
+„Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es
+den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß
+Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer
+eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden
+Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit
+erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist,
+einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als
+notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über
+die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des
+Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem
+Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die
+Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden
+Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf
+Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung
+der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen
+(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch
+Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung
+der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter.“
+
+ * * * * *
+
+Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines
+Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872
+durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt
+wurde.
+
+In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand
+genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den
+vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte,
+was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in
+Nürnberg verhandelt wurde.
+
+Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein.
+Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen
+Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen.
+Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren
+Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer
+der „Arbeiterhalle“, an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf
+des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die
+verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht
+aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen
+Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der
+Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze
+Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer
+und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des
+Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte
+Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt
+Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr.
+Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende
+Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am
+Schlusse des ersten Geschäftsjahres — Ende August 1868 — betrug die Zahl
+der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr
+als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis
+zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die
+Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte
+Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von
+mir.
+
+Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung
+des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag
+und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab
+die ständige Mitarbeiterschaft am „Demokratischen Wochenblatt“, dessen
+ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit
+meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise
+vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir
+in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich
+manchmal kaum ein und aus wußte.
+
+Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen
+forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn
+gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25.
+Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es:
+
+„Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen
+aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf
+machte aber auf Dich einen ‚kläglichen‘ Eindruck. Das glaube ich nun
+wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den
+Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in
+ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter,
+aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe.
+
+Wenn ich jetzt vom ‚Erzwingen wollen‘ abgekommen bin, so ist nicht die
+Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung,
+daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach
+nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere
+Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse.
+
+Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du
+richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich,
+so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein;
+soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht,
+wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die
+Dauer fortführen willst....“
+
+Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder
+seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben
+müsse.
+
+Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage
+wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam.
+Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in
+der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter
+sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die
+Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_.
+Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure,
+Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging
+es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da
+schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O,
+diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel
+brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der
+Gegner verbluten sehen.
+
+Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der,
+als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem
+Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun
+und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft
+mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige
+Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere
+Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit;
+sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein
+ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er
+trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft
+ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß,
+wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft
+überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt,
+diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind,
+in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden
+können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher
+Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der
+Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden
+gehabt.
+
+Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine
+Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein
+dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das
+Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern,
+ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das
+erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein
+Ehrgeiz nicht.
+
+Wie ich die Arbeitslast — und die Jahre 1867 bis 1872 waren die
+arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit
+fehlte — bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In
+gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit
+Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur
+mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner
+Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte:
+„Die Arme, den wird sie nicht lange haben!“
+
+Zum Glück kam es anders.
+
+
+
+
+Persönliches.
+
+
+Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im
+Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist,
+die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine
+Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für
+denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu
+der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an
+der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie
+kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger
+Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode
+ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe
+nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit
+opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich
+geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre
+unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele
+schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich
+die Sonne ruhigerer Zeiten schien.
+
+Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde
+ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein
+amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß
+ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung
+auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen
+Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert
+Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der
+Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit
+bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: „Sie sind ja
+noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger
+Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu
+seinem Vergnügen treibt.“ Ich stand in der üblichen grünen
+Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: „Wie Sie sehen, sind
+Sie im Irrtum!“ Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den
+erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr.
+Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er
+mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden
+wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer
+prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde.
+
+Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir
+meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen
+hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als
+„Ausländer“ sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte
+die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld,
+denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern
+lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber
+die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig
+zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350
+Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen,
+indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit
+mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört,
+ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen
+Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte,
+was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal
+mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem
+Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war
+so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur
+Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein
+Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte
+mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne
+zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den
+kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen
+zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten
+Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch
+die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären
+mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes
+erspart geblieben.
+
+Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines
+Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen.
+Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun
+während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft
+gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner
+Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später
+einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: „Das
+geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld
+sparen konnte.“ Dieser „horrende Lohn“ betrug damals 4-1/2 Taler pro
+Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen
+Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden,
+anderwärts elf.
+
+Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die
+gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für
+das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber
+täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte
+also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur
+wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein
+Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals
+Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten
+überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht
+gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe
+wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben
+erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen
+Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der
+Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen,
+wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln
+mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den
+Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich
+machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste
+Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung.
+
+Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen
+mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott.
+Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen
+kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus
+Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott
+gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71,
+in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71
+mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft
+genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen
+lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten
+wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse
+Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem
+Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874
+währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden
+waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit
+Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg
+antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das
+Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen
+zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau
+tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von
+der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder,
+als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der
+fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich
+mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon
+daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da
+wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des
+Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den
+materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und
+sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter
+Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit
+Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel
+aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf
+erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die
+Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und
+die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem
+Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte.
+Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen
+Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese
+Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch
+wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im
+Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines
+Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten
+Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen
+Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die
+Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde
+Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr
+entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und
+widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in
+dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in
+Stuttgart kam.
+
+Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild
+von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir — mein Associé
+und ich — uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der
+Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker
+Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust
+wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu
+sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé
+wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr
+heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise
+in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen
+Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten
+Schwäbisch verwundert äußerte: „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?“ —
+Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht
+selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich
+unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still
+zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören
+bekam.
+
+
+
+
+Der Marsch nach Nürnberg
+
+
+Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und
+den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die
+Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen
+eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den
+Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten
+Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck
+hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der
+süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund
+nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von
+achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit
+geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war
+dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein
+großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die
+Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in
+Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen
+Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht
+vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in
+Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte,
+und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten
+für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener
+Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum
+Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten
+jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die
+demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten
+Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen
+wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und
+Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren
+zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht
+machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite
+Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die
+demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen.
+
+In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der
+Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung
+des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue
+Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt,
+als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine
+siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der
+Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten
+Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und
+die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese
+Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den
+Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht.
+
+In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden
+sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte
+der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im
+norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten
+Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der
+Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden
+Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich
+gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen
+eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen
+Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in
+einem Artikel in der „Arbeiterhalle“ beleuchtete.
+
+Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf
+die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar.
+Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die
+Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen
+werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten.
+Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in
+dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen,
+indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte
+Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an.
+
+Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei
+von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber
+dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann
+angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab.
+Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig
+übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des „Demokratischen
+Wochenblatts“ unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat
+über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten
+Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes
+Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden
+Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur.
+
+Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein
+Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen
+eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd
+gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den
+verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen.
+Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner,
+unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere
+„Mißerfolge“ im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem
+Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir
+würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich
+antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen
+Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf
+nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen
+entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich
+nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter
+müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die
+bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er
+(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze
+zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung
+beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu
+werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei
+der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch
+Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich,
+daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das
+könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das
+erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten
+Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der
+direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft,
+1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger
+Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich
+erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann
+wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten,
+wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines
+klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu
+weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß
+wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne,
+der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen
+würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten.
+
+Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von
+Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine
+durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am
+16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig
+ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits
+dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die
+Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit
+ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus
+ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung
+tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung.
+
+Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der
+Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark
+besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten.
+Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als
+Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung
+als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich
+als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr.
+Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des
+deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als
+Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als
+Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf,
+Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der
+deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als
+Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich
+Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war
+ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner,
+zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten
+hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in
+den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch
+als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags
+fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger
+Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung
+siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der
+fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium
+wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf
+Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung
+über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als
+erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als
+zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die
+Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei
+Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie
+verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber
+kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. „Keine Kompromisse“ rief es von
+den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der
+Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen.
+
+Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf.
+Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als
+Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die
+neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich
+zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten
+zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch
+eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte
+wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß
+das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46
+Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen
+Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und
+beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen
+Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die
+betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten
+sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen
+Parteien.
+
+ * * * * *
+
+Das angenommene Programm lautete:
+
+„Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine
+erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm
+der Internationalen Arbeiterassoziation:
+
+1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die
+arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die
+Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für
+Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und
+_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_.
+
+2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem
+Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet
+die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der
+geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit.
+
+3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur
+ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
+mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt
+und nur möglich im demokratischen Staat.
+
+Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter
+gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität
+zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem
+Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den
+arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die
+Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein
+soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es
+moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und
+theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt,
+beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die
+Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation.“
+
+ * * * * *
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm
+ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr
+standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der
+Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine
+Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte
+sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm
+einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und
+gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die
+ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der
+politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann
+Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie
+sich einverstanden.
+
+Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der
+Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war
+insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt
+Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er
+vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie
+erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später
+ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag)
+frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht.
+
+Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese
+Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des
+Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in
+Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es
+mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der
+Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte.
+
+Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags
+zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter
+den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer
+Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte,
+fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich,
+sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen
+durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter
+verwaltet werden solle.
+
+Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich
+vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete:
+
+„In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen
+Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den
+Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden
+Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8]
+
+In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie
+Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch
+_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können,
+beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und
+speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in
+zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_.“
+Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat
+faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den
+Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium
+zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle
+Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und
+Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens
+_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige
+Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch
+drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch
+Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_.
+
+Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die
+indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die
+zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war,
+zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster
+Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem
+Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die
+geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen.
+Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57.
+Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand.
+
+Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M.,
+Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg,
+Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg,
+Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien,
+Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den
+Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der
+norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und
+den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten.
+
+Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen
+Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob
+und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf
+antwortete ich in Nr. 46 des „Demokratischen Wochenblatts“ unter dem 23.
+September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe
+zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden,
+wir wollten die Arbeiter auf einen „sozial-kommunistischen Standpunkt“
+locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der
+„sozial-kommunistische“; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten
+diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine
+Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort
+Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor
+uns kopfscheu machen wolle. Die Worte „Sozialist“ und „Sozialismus“
+reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits
+gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so
+Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem
+Philister Angst in die Glieder zu jagen.
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine
+neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem
+Moniteur, dem „Sozialdemokrat“, den Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer
+kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische
+Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau
+wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender
+Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf
+der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in
+Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken
+bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate
+später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben — L.
+Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter
+Obermeister einer Schuhmacherinnung ist — äußerte nachher: „Schweitzer
+hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir
+abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen.“
+Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und
+ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und
+brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei.
+
+Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen
+Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine
+sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der
+Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten
+deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem
+bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung
+zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die
+Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache
+geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der
+Bewegung erspart geblieben.
+
+Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein,
+dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband
+eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften
+Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus
+dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben
+rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern
+des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl
+Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th.
+Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren.
+Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand;
+sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so
+ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich
+allmählich die fehlende Armee.
+
+Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen
+Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel
+anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern
+für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen.
+Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im
+Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der
+Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer
+große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für
+die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte
+unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche
+Geldzuschüsse erforderte auch das „Demokratische Wochenblatt“, das vom
+Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10
+Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge
+kamen. Auf ähnlicher „finanzieller Grundlage“ wurden später öfter
+Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten
+Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt
+kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich
+mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und
+sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung
+von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an
+Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als
+Redakteur des „Demokratischen Wochenblatts“ monatlich nur 40 Taler,
+später als Redakteur des „Volksstaat“ monatlich 65 Taler. Hepner wurde
+1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im
+„Demokratischen Wochenblatt“ schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung
+der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die
+Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses
+horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum
+Beispiel 1878 der „Vorwärts“, der Nachfolger des „Volksstaat“, auf Grund
+des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch
+dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der
+zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn
+Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu früher
+— denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt auch für
+den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — eine Bourgeoispartei
+geworden.
+
+Doch die Partei hat immer „Schwein“ gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu
+meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die
+Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die
+Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite,
+von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer
+auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit,
+als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war
+Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und
+mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert
+hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur
+Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000
+Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen
+und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war
+glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte
+meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der
+Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine
+Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes
+Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus
+der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den
+Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die
+Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres
+1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese
+Quelle.
+
+Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war
+erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet
+gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren
+Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag
+aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung
+in beiden Parteien immer erbitterter wurde.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete:
+
+An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London.
+
+Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der
+deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an
+Sie zu richten.
+
+Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in
+Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die
+Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste „Die Programmfrage“
+obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner
+in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach
+festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll.
+
+Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das
+Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste
+Nummer des „Vorboten“ enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den
+Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die
+Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also
+zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen
+würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch
+nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch
+einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den
+Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in
+Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen
+Arbeiterassoziation zu entsenden.
+
+Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen
+und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen
+Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten.
+
+Mit Gruß und Handschlag
+
+Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
+Vorsitzender.
+
+Leipzig, den 23. Juli 1868.
+
+[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für
+den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende
+Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
+Altersversicherung.
+
+
+
+
+Die Gewerkschaftsbewegung.
+
+
+Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
+glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das
+Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
+mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das
+Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den
+verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
+Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides
+notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
+der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
+Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man
+sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
+Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten
+im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
+Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard
+Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
+Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident
+halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im
+Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
+Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle
+Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
+mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
+großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin
+für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
+hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen
+Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für
+gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
+wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften
+erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
+Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
+schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes
+beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
+Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner
+„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
+veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die
+Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
+Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
+auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
+erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders
+gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt.
+Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
+Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
+Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:
+
+Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
+Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der
+Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
+das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung
+zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
+Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit,
+Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
+entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten,
+einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von
+allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.
+
+Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
+abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der
+Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der
+Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
+Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten
+Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen
+Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
+auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man
+ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
+ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der
+Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
+statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
+Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter
+vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der
+Rede, mit der er den Kongreß eröffnete:
+
+„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
+die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist
+das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
+viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
+und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche
+Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
+daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn
+zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind,
+_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren
+Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“
+Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es
+nicht sein.
+
+Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
+Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
+Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die
+Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur
+Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile
+der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte.
+
+Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
+günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
+September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt.
+Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
+Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
+Organisation bezüglichen Stellen lauten:
+
+ * * * * *
+
+„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit
+nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
+mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises
+verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß
+berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
+anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien
+selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
+Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und
+ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
+der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
+bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime
+Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
+widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement
+(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht
+wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von
+Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an
+die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig
+gehen zu lehren_.
+
+Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte
+verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2.
+der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch
+allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten.
+Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern.
+Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel
+(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen
+Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
+Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
+entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört.
+
+Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht
+durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
+bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
+und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale
+angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich.
+Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
+Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns
+mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.
+
+Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die
+meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich
+eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch
+das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem
+Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem
+Proudhonschen getan habe.
+
+Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere
+
+Ihr ergebener K. Marx.“
+
+Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht
+lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse
+Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen
+trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden
+entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung
+zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr.
+152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von
+den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die
+verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu
+verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den
+er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte
+Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom
+Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident
+niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis
+Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.
+
+Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die
+Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und
+beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien
+und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner
+Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte
+sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des
+Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien
+doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische
+Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung,
+damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an
+der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,
+Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die
+Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner.
+
+Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen
+solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die
+statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht
+vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den
+Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten
+sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu
+lassen.
+
+Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge
+geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen
+Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872
+auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung
+solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der
+Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner
+Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine
+Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende
+Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber
+nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,
+außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende
+Organisationen aufzulösen.
+
+Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel
+die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)
+seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen,
+daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb
+den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns
+auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts
+Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich
+sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag
+angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß
+sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden
+gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht
+der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem
+Sinne zu wirken.“
+
+Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens
+unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende
+und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt
+— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation
+als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den
+Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften.
+
+ * * * * *
+
+Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten
+Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für
+Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
+Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
+Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler
+Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu
+sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
+weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
+Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
+Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine
+Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
+Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
+Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
+Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
+der Berg- und Hüttenarbeiter.
+
+Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung
+litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter
+leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe
+zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft
+seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank.
+Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und
+der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die
+nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.
+
+Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung
+möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit
+Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark
+besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die
+Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende
+Resolution empfahl:
+
+„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem
+Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
+Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur
+Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;
+
+in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen
+Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur
+Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die
+heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher
+Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes
+Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den
+Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“
+
+Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir
+saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die
+Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand
+unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir
+verfaßte Resolution einstimmig angenommen:
+
+„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger
+Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses
+gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben
+darauf hinzuwirken:
+
+1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine
+gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und
+Verschmelzung berufen werde;
+
+2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die
+beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis
+zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig
+unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß
+wählen;
+
+3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den
+Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von
+Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
+Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
+Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“
+
+Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.
+141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer
+eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge
+zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung
+zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem
+Nachdruck entgegenzuarbeiten“.
+
+Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf
+weiteres hinfällig geworden.
+
+Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher
+Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß
+die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis
+abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich
+sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die
+Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist
+Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf
+Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften
+angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften
+den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand
+ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 —
+stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die
+Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung
+spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften
+unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und
+traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des
+Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in
+allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai
+1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer
+Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:
+
+„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für
+die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht
+bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu
+erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt
+abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die
+Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch
+die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben
+werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von
+den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für
+die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche
+Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,
+die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5.
+daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter
+entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß
+die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den
+Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten
+lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei
+augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu
+unterstützen.
+
+Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen,
+einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit
+vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann;
+ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem
+ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,
+Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege
+der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“
+
+In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen
+Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und
+Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
+Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.
+Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
+Entwicklung.
+
+Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf
+dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die
+Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen
+Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni
+im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den
+Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art
+einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem
+aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in
+Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der
+Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften.
+Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen
+sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht
+schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in
+jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen
+des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich
+sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter
+dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von
+gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil
+der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die
+Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn
+Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern
+angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,
+und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar
+überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der
+Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,
+in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der
+Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu
+Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine
+Organisationsvorschläge auseinander.
+
+Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs
+Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der
+Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der
+Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine
+Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die
+Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution
+einstimmig angenommen:
+
+„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie
+konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich
+sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste
+Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem
+neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die
+Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen,
+die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung
+ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die
+verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die
+Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß
+sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß
+gefaßt hat.“
+
+Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder
+frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven
+York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die
+Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er
+stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und
+Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib
+meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft
+übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft
+und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich
+tätig sein.
+
+Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die
+sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die
+Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf
+diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874
+nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die
+Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten
+Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die
+Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften
+fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem
+Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr
+als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft
+und Gesundheit geschaffen worden war.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: „In den Statuten der
+Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der
+Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion,
+als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag
+schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und
+ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des
+Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur
+einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil
+dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.“
+
+So der „Diktator“ der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren,
+daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders
+denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr
+wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge
+heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich
+trotzdem nie mit ihnen gehabt.
+
+A.B.
+
+
+
+
+Meine erste Verurteilung.
+
+
+Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin
+Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien
+zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas — Ende September
+1868 — zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den
+Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung
+die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die
+Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem
+spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich
+glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die
+Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu
+nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als
+sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der
+Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als
+fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der
+Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich
+der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen,
+so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und
+dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet
+in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der
+Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für
+jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines
+Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer
+geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß,
+seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus
+Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den
+Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken
+zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu
+unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen
+Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der
+Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war
+immer seine schwächste Seite.
+
+Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige
+Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er
+wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale
+veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust,
+bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die
+Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung
+des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß
+Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v.
+Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden.
+So teilt er in „Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi“ den Bericht eines
+seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt:
+
+„Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus
+eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um
+nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution
+hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in
+London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis
+Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in
+Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf
+Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel
+Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland
+erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt
+ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische
+Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu
+organisieren.“
+
+Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert.
+Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher
+Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.
+
+Die erwähnte Adresse „An das spanische Volk“, die Liebknecht in einer
+Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung,
+vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi.
+Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung
+staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 — so lange
+hatte der Instanzenzug gedauert — im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis
+verbüßten.
+
+Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß
+zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals
+niemand.
+
+
+
+
+Vor Barmen-Elberfeld.
+
+
+Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868
+immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl
+Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg — Herbst 1868 — eine Geldsammlung
+veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen
+Professor Planck — der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen
+Gesetzbuch wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb — im Wahlkreis Celle
+unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen
+Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869
+hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach
+Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des
+sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die
+sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet.
+Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung
+abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der
+Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen.
+
+Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein
+kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz
+bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese,
+Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus
+Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die
+Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und
+schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die
+Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies,
+die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen
+Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die
+furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung
+hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung
+absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde
+mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die
+Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich
+niederzuschlagen gedroht.
+
+Sechs Monate später — der Eisenacher Kongreß war vorüber — hielt ich in
+Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der
+Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult
+in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie
+begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge
+leisten können.
+
+Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine
+persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde
+rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den
+Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder
+Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen,
+sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig
+ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im
+„Demokratischen Wochenblatt“, daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme
+und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten
+und zu beweisen, daß Schweitzer — sei es für Geld oder aus Neigung —
+seit Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der
+Arbeiterpartei zu hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen
+Cäsarismus spiele. Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan,
+ihm ausweichen wollen, so sei er bereit — allein oder mit
+mir —, in Gegenwart von Schweitzers Bevollmächtigten und der
+Arbeiterschaftspräsidenten ihm entgegenzutreten, oder — allein oder mit
+mir — auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins zu erscheinen und seine Anklagen zu begründen. Weiter
+machte er den Vorschlag, den Generalrat der Internationale als
+Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich anzurufen.
+
+Nachdem der „Sozialdemokrat“ festgestellt, daß Schweitzer auf der
+letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt
+worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er:
+Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er,
+der „Sozialdemokrat“, nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu
+können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der
+Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde.
+Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in
+Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein nicht einlassen.
+
+Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt
+hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen,
+und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte
+Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur
+Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng
+genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer
+an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten
+Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen
+ihn am wenigsten kompromittiere.
+
+Merkwürdigerweise erklärte der „Sozialdemokrat“ drei Tage später,
+Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der
+Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des
+„Sozialdemokrat“ wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen,
+Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß
+ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später
+anders.
+
+Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten
+hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den
+wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere
+Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung
+erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich
+geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal.
+
+Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann
+weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil
+meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt
+werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten.
+
+Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche
+Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während
+desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung
+mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die
+weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher
+Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei
+Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser
+Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen
+wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem
+Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei
+natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen,
+sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach
+dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen
+sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige
+Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der
+Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu
+machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war
+ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren
+Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch
+und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen
+Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt.
+Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins
+alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren
+Situation.
+
+Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen
+Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen,
+das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer
+wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl
+Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der
+Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung,
+denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten
+mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments
+war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und
+indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der
+parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld
+eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem
+Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12267 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Aus meinem Leben, Erster Teil
+
+Author: August Bebel
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12267]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Aus meinem Leben
+
+
+Von August Bebel
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+
+1910
+
+
+Meiner lieben Frau
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+Vorwort
+Aus der Kinder- und Jugendzeit
+Die Lehr- und Wanderjahre
+Zurück nach Wetzlar und weiter
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben
+Lassalles Auftreten und dessen Folge
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
+Friedrich Albert Lange
+Neue soziale Erscheinungen
+Der Stuttgarter Vereinstag
+Wilhelm Liebknecht
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
+Die Katastrophe von 1866
+Nach dem Krieg
+Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
+Persönliches
+Der Marsch nach Nürnberg
+Die Gewerkschaftsbewegung
+Meine erste Verurteilung
+Vor Barmen-Elberfeld
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich möchte meine Erinnerungen
+schreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ich
+durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt,
+dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu
+lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und
+schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir
+gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran
+Wahres ist.
+
+Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls
+hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der
+Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu
+welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können,
+ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt
+auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu
+verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen
+Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den
+Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am
+besten befähigt.
+
+Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich
+nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt
+einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief
+einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine
+ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir,
+sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten
+Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden
+erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die
+unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz
+anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter
+sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid
+abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß.
+
+Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie
+zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit
+Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.
+
+Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war,
+Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder
+an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der
+Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde
+Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu
+werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen
+andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten
+in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg
+trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot
+sich aber auch die Führung eines Tagebuchs.
+
+In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die
+antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen
+Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt
+war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann
+gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit
+so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung
+stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen
+bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder
+anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte
+ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit
+ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen.
+
+Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910
+
+A. Bebel.
+
+
+
+
+[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.]
+
+
+
+
+Aus der Kinder- und Jugendzeit.
+
+
+Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte
+seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
+Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
+ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und
+Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
+gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt
+werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter
+auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie
+fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich
+Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
+selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und
+Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was
+immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die
+Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
+und oft bestimmen sie sein Handeln.
+
+Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den
+Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß
+ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
+sie nie.
+
+Der Mensch ist irgendwo geboren.
+
+Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
+in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
+war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
+Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
+Mein Taufschein weist nicht Deutz — das damals noch eine selbständige
+Gemeinde war —, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die
+Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen
+Kirchengemeinde gehörte.
+
+Das „Licht der Welt“, in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
+trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände
+einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
+Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
+Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
+„ein historischer Moment“, als eben draußen vor der Kasematte der
+Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit „unvordenklichen
+Zeiten“ das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
+haben.
+
+Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß
+damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
+Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider
+die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in
+demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube
+beschrie — und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige
+Stimme gehabt haben —, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.
+
+Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit
+bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
+Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen
+hatten.
+
+Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst
+notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
+Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
+Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die
+Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa
+um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß
+um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
+sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
+Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen
+Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der „Facetiae“, den
+Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb.
+Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
+Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
+um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
+1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
+als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem
+Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit
+seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
+Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
+1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung
+für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
+Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen
+Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
+Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.
+
+Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
+Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
+war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
+Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
+Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen
+Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
+machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das
+betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
+zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut,
+vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
+Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende
+25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
+folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
+garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment)
+übertrat.
+
+Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
+erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
+jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans
+Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland
+den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die
+Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das
+Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
+zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
+sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
+Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden
+Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch.
+
+Für uns Kinder — mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
+1842 der zweite geboren worden — war das Leben in den Kasematten ein
+Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
+verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
+Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt
+waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
+Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
+der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
+mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen
+Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
+Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
+saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
+der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte
+die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden
+Dragonerrittmeisters so „entzückte“, daß sie uns öfter für meine
+musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich
+litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der
+Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der
+Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
+selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters
+gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen
+Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
+übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
+Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts
+und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
+den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal
+von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
+hingestellt worden sein soll.
+
+Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie
+sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich
+seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und
+adretter Militär — ein sogenannter Mustersoldat —, aber er hatte zu
+jener Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem
+Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen
+pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
+kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
+feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und
+Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für
+den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
+er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom
+Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
+Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
+Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung
+in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
+Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
+„Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem
+preußischen Offizier!“ Der Ausdruck „preußischer Offizier“ im Munde
+eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals
+und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen
+Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als „Preuß“ bezeichnet. Die
+Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann
+Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch „Prüß“) werden.
+Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr
+1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
+Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
+ein Gast zu den anderen sagte: „Was will denn der preußische Offizier
+hier?“, als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld
+hatte damals wie heute keine Garnison.
+
+Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig
+geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger
+Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett
+verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
+die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach
+seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben,
+weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit
+in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses
+dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit
+gesteigerten Erregung wiederholt aus: „Tust du es dennoch, ich erstech'
+die Jungen vor der Kompagnie.“ In seiner Erregung übersah er, daß er
+alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.
+
+Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr
+1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst
+er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
+die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
+Möbel trug — denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
+noch nicht —, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
+Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
+zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
+Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte
+es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
+Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
+noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem
+schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln
+zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln
+angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns
+wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
+dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
+starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum
+Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die
+Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen,
+nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
+des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
+Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine
+Mutter zu heiraten.
+
+Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit
+einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
+Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der
+Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später
+ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
+Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
+Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
+Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
+Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
+Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
+Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein
+bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
+solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit
+ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
+Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat
+zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen
+befindlichen Briefes vermerkte: „Absender bittet um baldige Abgabe.“ Die
+Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige.
+Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem
+Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
+als er eben auf der Totenbahre lag.
+
+Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger
+Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten
+Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
+sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der
+Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen
+Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles
+war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche
+Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
+in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe
+schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt
+waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
+abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen
+Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um
+das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
+Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
+dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern,
+kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
+und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel
+Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
+grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere
+Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur
+des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand
+darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
+legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf
+wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und
+die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt.
+Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
+Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als
+lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden
+lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
+abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.
+
+Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze
+Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen
+Eindruck.
+
+Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
+vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
+jugendlichen Alter als „Freiwilliger“ aufgenommen. Kehrten wir Kinder
+aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das
+eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
+Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher
+im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr
+bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
+waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme
+und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
+unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: „Jungs, macht, daß
+ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!“
+
+Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
+abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
+Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
+strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
+eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
+gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
+hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem
+Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere
+körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß
+erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden
+sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.
+
+Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht,
+denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
+Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
+geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
+bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
+Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten
+fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein
+bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.
+
+Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
+Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war
+meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
+Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
+staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer
+Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
+Siebensachen auf einen Wagen geladen — die heutigen Möbelwagen gab es
+wohl zu jener Zeit noch nicht — und wurde die Reise nach Köln
+angetreten. Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln
+wurde der Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster
+gesetzt, um von dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per
+Wagen das Lahntal hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir
+abends gegen 10 Uhr die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten,
+war diese mit Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum
+Ersticken. Da uns niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde
+wie wir waren, uns dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie
+nur müde Kinder schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir
+endlich in Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier
+verheiratete Geschwister — drei Schwestern und ein Bruder — meiner
+Mutter lebten.
+
+Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
+kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche
+Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
+einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
+Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude
+steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
+Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später
+mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern
+Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
+der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
+Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
+Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später
+wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
+Stadttheater bei.
+
+Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule
+verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das
+Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.
+
+Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
+mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten
+Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
+prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra
+vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
+lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
+Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen
+Sinn hatte — und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau,
+quälte uns zu Hause nicht damit —, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich
+war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
+daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
+Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine
+Strafpredigten eintrugen.
+
+Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
+kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man
+ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
+In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
+heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine
+Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
+förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel
+vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten
+Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
+das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür
+und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand:
+
+ Guten Morgen, Herr Schwager!
+ Gestern war ich fett und heut bin ich mager!
+
+Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
+derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
+lachte.
+
+Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze
+stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
+nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben,
+unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in
+„sittlicher“ Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen
+bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte,
+das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
+an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
+dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder
+seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte.
+Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
+schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
+Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte.
+Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
+kleinen fetten Hände zu bewundern.
+
+Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte
+Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz
+einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
+Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee — der Ort Garbenheim besitzt
+ebenfalls Erinnerungen an Goethe —, auf deren Felsplatten wir unsere
+„Festungen“ errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
+Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
+unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
+Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige
+Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
+abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der
+Ferien, waren zahllos.
+
+Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
+Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
+ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer
+die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum
+Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein
+Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
+unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er
+nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
+ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
+Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm
+einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
+wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
+erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
+ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
+es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.
+
+Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter
+war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
+vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
+Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
+spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter
+Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
+umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den
+Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
+fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
+bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen
+gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
+vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
+knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
+glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
+gerettet.
+
+Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet,
+daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder
+Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
+Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen
+ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
+mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir
+in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
+scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
+allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
+gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach „Berühmtheit“
+folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
+lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
+eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als
+Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde
+die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
+von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag
+bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis
+zum Beginn derselben am Nachmittag im „Karzer“ zubringen mußte, also
+erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen
+einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter.
+Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten
+Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die
+Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten.
+Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
+eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
+anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
+einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte
+das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
+glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen.
+
+Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
+jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
+vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
+Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
+gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
+Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an
+Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
+Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche
+Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre
+Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein
+erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
+Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu
+Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
+nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
+Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine
+hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse
+Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
+ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
+erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
+letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die
+Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur
+Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des
+zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
+Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber
+doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich
+prämienlos ins Leben.
+
+ * * * * *
+
+Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
+An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
+Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15
+Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
+gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
+beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet
+hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
+mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt,
+die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
+Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
+um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
+ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
+vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in
+der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich
+an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren
+Schwager — einen Handschuhmacher — weiße Militärlederhandschuhe genäht,
+das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
+konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
+zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen
+Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
+ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
+unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen
+Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
+Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte
+das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
+Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
+Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch
+unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
+Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die
+Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
+Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas
+zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß
+der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
+Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
+Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken
+verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend
+nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere
+Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
+Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
+war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung,
+von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
+arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den
+Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
+gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide
+leidenschaftlich liebten.
+
+Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam
+vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich
+war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu
+erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr
+Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein
+Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren
+Militärdienstzeit verpflichtet werde. „Wollt ihr Soldat werden, so geht
+später freiwillig, ich verantworte es nicht,“ äußerte sie zu uns. So
+unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für
+mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.
+
+Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
+1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
+Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug
+sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere
+politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
+stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
+waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich
+also meine politischen Gegner über meine „antipatriotische“ Gesinnung
+entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
+dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
+zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als
+ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den
+Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
+größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt.
+
+Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern
+eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem
+badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
+mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
+standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher
+kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine
+Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat
+sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der
+Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
+aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern
+könne.
+
+Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
+Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch
+allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da
+alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese
+Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
+zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An
+der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne
+getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht
+braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
+Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
+usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
+verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten
+zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die
+Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr
+amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
+oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
+Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
+Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
+seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
+Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
+Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei
+Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den
+Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der
+Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und
+zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre
+Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni
+starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie
+am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte,
+beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie
+nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt.
+In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und
+warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die
+Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter
+gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten
+packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen
+bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben
+gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben
+binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem
+jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich
+aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt
+schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am
+Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige
+Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam
+aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt,
+beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne
+herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung
+davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst
+litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge
+konnten einer Mutter kaum beschieden sein.
+
+Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in
+Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann
+Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes
+Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl
+aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in
+Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide
+zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der
+Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges
+Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte
+anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der
+gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch
+eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich
+sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit
+den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in
+einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich
+zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in
+Ruhe.
+
+Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine
+Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch
+Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem
+Sohn ein Müllerknecht — wie damals die Gesellen genannt wurden — und
+eine Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich
+Pferd und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme
+reiten. Die Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte
+die Fütterung der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder
+wohin sonst diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen
+Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus
+der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am
+liebsten wäre ich in der Schule geblieben.
+
+
+
+
+Die Lehr- und Wanderjahre.
+
+
+Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein
+Onkel von mir, an mich stellte. „Ich möchte das Bergfach studieren!“
+„Hast du denn zum Studieren Geld?“ Mit dieser Frage war meine Illusion
+zu Ende.
+
+Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß,
+nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar
+gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen
+großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast
+wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die
+Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium
+nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das
+Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte
+ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines
+Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich
+annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der
+Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen
+Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies
+geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war
+wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte
+mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut
+bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl.
+Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit
+sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler
+geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich
+habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was
+nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit,
+für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam.
+
+Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche
+Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu
+wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen
+viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter
+oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten
+täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur
+Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht
+voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war
+es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir
+konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb
+nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen.
+Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der
+Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr
+Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit
+der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß
+stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei
+nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so
+bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden,
+aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die
+Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen.
+Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe
+machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich,
+wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt
+essen zu können.
+
+Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich
+hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht
+allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang.
+Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine
+Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank.
+Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je
+zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine
+Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das
+war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte
+ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere
+Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser
+Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre
+Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen.
+Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden
+ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene
+Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an
+schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen,
+während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern
+ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag,
+nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet,
+zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also
+die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und
+nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches
+Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber
+ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in
+der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was
+für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber
+zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen,
+kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer
+von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen
+diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an
+die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer
+aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich
+falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich
+mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu
+Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich
+nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne
+Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule
+meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der
+Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu
+benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten,
+zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe
+und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher
+aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller
+war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine
+Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich
+Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise
+Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher
+gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die
+Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich
+vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich
+offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle
+Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte
+Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich
+wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze
+Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht.
+An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein
+Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar
+förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage,
+an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein
+anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte
+fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich
+auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine
+auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die
+mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte
+ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete.
+Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis
+abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert,
+und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin
+verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler
+Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem
+Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte,
+begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten,
+brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm
+beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im
+Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem
+heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der
+Familie.
+
+Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die
+Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich
+in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht
+nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der
+Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent,
+die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das
+heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein
+Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten,
+polizeilich eingetragen — visiert — wurden. Wer kein Visum hatte, wurde
+bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter
+zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen
+8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich,
+namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer
+die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum
+nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich
+die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von
+Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier,
+woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls
+und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in
+einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in
+Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die
+Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und
+diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er
+betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich
+darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten
+Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte
+fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es
+mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die
+Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte
+durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück
+nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach
+Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war
+die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr
+flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem
+Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise
+öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen,
+die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere
+wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder
+entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, „weil ich
+ganz wie ein Schneider aussähe“.
+
+In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist
+nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder
+sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und
+zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte.
+Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge
+Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht.
+Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch
+nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten
+können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in
+Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber
+keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des
+katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus
+hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme
+fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei.
+
+Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich
+zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als
+Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum
+Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch
+damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war
+stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im
+Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die
+Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen
+repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden
+zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern
+erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine
+Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet
+haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man
+eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber
+doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der
+schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der
+Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine
+Hauptsache.
+
+Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen
+Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein
+waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie
+gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male
+mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen
+solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das
+Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin
+wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied
+den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen
+und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung
+vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines
+solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem
+Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der
+Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer
+Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend
+Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen,
+woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt.
+
+Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und
+marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den
+Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein
+wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am
+Firmament einen gewaltigen Kometen — den Donatischen — zu beobachten,
+der in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher
+Länge besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen
+Pracht und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge
+große Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die
+moderne Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht
+bleiben. Der Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen
+Handwerksburschen von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger
+Streit das Jahr zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet
+worden. Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in
+sich aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen
+Ordnung verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen
+Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der
+Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot
+verweigert.
+
+So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff
+über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes
+seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über
+Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand
+zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden
+Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen
+konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten
+abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von
+Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer
+aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen
+Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse
+trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten
+zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften
+wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags
+hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. „Du
+nimmst die rechte Seite, ich die linke!“ hieß es. Als ich in ein Haus
+kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich
+die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das
+ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen
+vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der
+anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei
+Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht
+widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich
+das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben
+Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung
+über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische
+Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich
+außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um
+meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und
+marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten
+Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und
+ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren
+Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler
+zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über
+sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten,
+davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er
+sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut
+gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und
+ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort
+erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus.
+
+Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege
+den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau
+halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider
+halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des
+Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man
+focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den
+Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen
+in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald
+der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk,
+antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen,
+geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so
+war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten
+anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der
+Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die
+Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als
+Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und
+angenehmer Gesellschafter gewesen.
+
+Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und
+links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild
+der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener
+Frauenkirche, den Heinrich Heineschen „Stiefelknecht“, die am Ende der
+meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen
+Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar
+nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane
+gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich
+frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer
+antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht
+verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also
+auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer
+sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber
+ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen
+hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut
+und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der
+Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer
+Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den
+Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß
+herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich
+blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu
+ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger
+Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel
+beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half
+mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz
+zu leisten, grob antwortete: „Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!“
+Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die
+Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor
+komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein.
+
+In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier
+der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche
+gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die
+ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der
+Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten
+herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb
+eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so
+sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es
+war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß
+ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der
+ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob
+wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt,
+daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis
+mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig,
+das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte
+zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte — ein Trierer —, der vorne
+steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt,
+und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn
+versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ
+ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein
+politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde,
+daß der Flößer drohte, „den verdammten Preiß“ in die Isar zu werfen,
+wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser
+der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als
+wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten,
+schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt
+genug.
+
+In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem
+Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt
+mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein
+wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige
+Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen
+hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm
+geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin,
+wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum
+Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben
+Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im
+echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter
+hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg
+aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der
+Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf
+entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren.
+
+In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus
+Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten,
+dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte
+Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken.
+
+In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der
+Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers
+keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war
+der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins
+Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9
+Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein
+bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß
+unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben
+also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher
+anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken.
+Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets
+warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und
+stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der
+einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister
+mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf
+einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu
+Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am
+nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: „Hören Sie,
+Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend
+die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt.“
+
+Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die
+oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene
+gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der „Teutsche“, der
+Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten
+Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte.
+
+Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe
+Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister
+veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die
+Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten
+zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit
+anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach
+Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen.
+Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach
+Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt.
+Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der
+letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um
+möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel
+und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den
+gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir
+mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns
+unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging
+die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die
+Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der
+Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich
+Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen
+Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen
+wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten
+Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben
+Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß
+dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische
+Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von
+der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu
+sein.
+
+Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt
+nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein
+erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen
+niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen
+Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg,
+vor uns liegen sahen.
+
+Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all
+den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und
+jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war
+keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein
+unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden
+Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft
+bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage
+vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal
+erfuhren. Jugend überwindet viel.
+
+In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich
+ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach
+Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich
+ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands,
+denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im
+Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer
+1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch
+ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und
+Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien
+entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders
+interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten
+singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die
+Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von
+Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte
+siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so
+aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit
+noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle
+Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in
+Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu
+Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter
+Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu
+verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom
+Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel
+einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien,
+Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr
+Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem
+Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber
+die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden
+Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich
+mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat
+als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er
+möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger
+Zeit kam auch das Geld — sechs Taler — an, aber jetzt bedurfte ich
+desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede
+von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen
+leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach
+Wetzlar reiste.
+
+Die Löhne waren auch in Salzburg — wie überall in der Drechslerei —
+schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im Spätherbst den ersten
+Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als gewissenhafter Mensch sparte
+ich nicht nur, ich darbte, um die wöchentlichen Raten zahlen zu können.
+Dabei drückte mich noch eine große Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich
+fürchtete, als Jüngster in der Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu
+erhalten. Das hatte die Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als
+ich nun ihr und dem Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die
+tröstliche Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit
+bleiben könne. Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte
+ich an den Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von
+Hübner, das Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt
+hatte, bei der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum
+italienischen Krieg angesehen wurde.
+
+In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200
+Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast
+alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den
+schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf,
+Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger,
+bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen.
+Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß
+eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten.
+
+In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die
+Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern
+des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark
+besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes
+Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr.
+Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag
+nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in
+Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie
+Anschauungen äußerte.
+
+Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine
+Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine
+Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener
+Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs
+Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen
+Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als
+Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht
+„Die Zigarren und die Menschen“ vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr.
+Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei
+diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im
+Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber
+nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich
+nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der
+Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft
+bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine
+Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam
+auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich
+Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst
+versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu
+flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den
+Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm
+auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber
+geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im
+übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an
+meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause.
+
+Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag
+ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der
+katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf
+eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß
+sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl,
+äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe
+es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin — die Witwe
+des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte —, die viel für den
+Verein tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er
+schmunzelnd hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein
+Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine
+gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten
+der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher,
+hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die
+Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und
+vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der
+der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In
+Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte
+Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar
+mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war
+aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg
+kam, weiß ich bis heute nicht.
+
+Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In
+der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie
+Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in
+meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf
+zahlte.
+
+Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später
+schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in
+dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser
+Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg
+überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert
+worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich
+meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte unmöglich
+annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge Drechslergeselle —
+wenn er sich überhaupt dessen entsann — der spätere sozialdemokratische
+Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck hatte ich sicher nicht
+auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß Kollegen aus dem Zentrum,
+denen ich gelegentlich meine Salzburger Erlebnisse erzählte, den
+Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich Anfang dieses Jahrhunderts
+nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg kam, war Dr. Schöpf einige
+Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere Natur und die volle
+Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt haben.
+
+Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht
+schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns
+jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im
+Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der
+Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in
+nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der
+im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten
+Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an
+unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs
+allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen
+solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume
+herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: „Schau, das
+mußt du so machen!“ und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg
+in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden
+Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat
+und dem König, den sie nicht kannte, zurief: „Du alter Lackl, schamst di
+net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!“ Der König nahm seinen
+Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein
+Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei
+für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre
+Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst
+überraschende Antwort: der König Ludwig.
+
+Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige,
+will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung
+nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im
+Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan
+hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der
+Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich
+nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir
+bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden,
+als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten
+Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe:
+
+„Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat
+alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_.
+Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur
+die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte.“
+
+Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden?
+
+
+
+
+Zurück nach Wetzlar und weiter!
+
+
+Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener
+Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der
+Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs
+Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages
+bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in
+den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht
+gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde
+ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als
+ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir
+entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und
+beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das
+herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört.
+
+Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in
+Wetzlar an.
+
+Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um
+ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei
+der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als
+militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine
+Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen
+Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als
+aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner
+Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und
+mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden,
+„da zog es mich mächtig hinaus“, wie es im Handwerksburschenlied heißt,
+und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu
+folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche
+machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war
+mir zu jener Zeit keiner über.
+
+Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und
+Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte
+damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in
+mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So
+entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen.
+
+Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist
+seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den
+Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln
+nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig
+bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines
+momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es
+ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder
+umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die
+wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf
+dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen
+Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm
+aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum
+Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der
+Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die
+weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf
+gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil
+ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung
+und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die
+„glücklichen Umstände“ geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im
+Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten,
+ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so
+muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie
+auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen
+ansehen.
+
+Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten,
+und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte,
+hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei
+den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach,
+Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in
+der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und
+nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters
+widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett
+gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu
+einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein
+glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte.
+Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen
+würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem
+Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir
+unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in
+einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum
+Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein
+gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen
+zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es
+seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich
+nicht.
+
+In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir
+brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann
+ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere
+Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu
+Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und
+schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden
+junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften
+vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht
+zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in
+der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im
+unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte.
+Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach
+Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können,
+denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der
+Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war
+sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein
+Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich
+mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und
+frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir
+nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller
+Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig
+ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer
+Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später
+selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig
+ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied
+hier wieder „ein Augenblick des Glückes“ über meine Zukunft. Zum
+zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf
+Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen
+gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir
+aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten,
+und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen.
+Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die
+Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer
+geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu
+rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie
+sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei
+wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere
+Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe
+einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich
+eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er
+erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen
+ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als
+wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten
+Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung
+von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er
+behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für
+unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten
+wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der
+Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch
+später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht
+eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu
+bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte.
+Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause.
+
+
+
+
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben.
+
+
+Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von
+Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische
+Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der
+Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen.
+Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch
+zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische
+Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden
+war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten
+mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders
+seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat.
+
+Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften,
+sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer
+großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter
+preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu
+einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen,
+wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche
+Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die
+Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck,
+dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des
+altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten
+schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm
+des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt,
+wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den
+Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie
+sah eine neue Aera hereinbrechen.
+
+Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein
+eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe
+der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu
+kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst
+hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm
+scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und
+das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt,
+hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im
+vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug
+geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand
+zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der
+bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte
+sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der
+Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die
+Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie
+verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über
+die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der
+neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei
+Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt.
+
+Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da
+versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne
+weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der
+nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es
+aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation
+nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die
+Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die,
+kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte,
+definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten
+Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent
+ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den
+Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition.
+Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen
+(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die
+Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für
+die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung
+der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai
+dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen
+waren auf elf Mann zusammengeschmolzen.
+
+Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat
+mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter
+bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war — September 1862 —, an die
+Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das
+war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten
+Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt
+zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt.
+
+In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz
+Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der
+Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf
+Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich
+sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken
+nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt
+werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland
+bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht
+ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten.
+Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen
+Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die
+sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel-
+und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung
+forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte.
+
+Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung,
+die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen,
+beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre
+politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren
+in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der
+sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis
+Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die
+liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich
+ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom
+Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen
+und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende
+Personen zu bringen suchten.
+
+Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit
+erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals
+noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei
+Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme
+der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der
+Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den
+handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die
+Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein
+Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf
+der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen
+Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der
+Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden,
+statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche
+Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und
+Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu
+können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der
+sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische
+Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das
+heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in
+denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine
+Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder
+Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise
+vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen
+Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten
+deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines
+Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des
+Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit
+Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus
+waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde
+Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in
+Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider
+Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings
+Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter
+gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx'
+und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas
+wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen.
+
+Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem
+Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch
+wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die
+Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer
+gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit
+erschienen.
+
+Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem
+Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in
+Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten
+Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische
+Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein
+mittlerweile eingegangen war.
+
+In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als
+einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages
+las ich in der demokratischen „Mitteldeutschen Volkszeitung“, auf die
+ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte,
+der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte
+Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung
+eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im
+Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem
+Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt.
+Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche
+Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen
+Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte,
+daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der
+Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf
+Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet
+würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der
+Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von
+seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust
+gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und
+verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein
+müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht
+eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht
+einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren
+so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu
+können.
+
+Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck
+nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an
+jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt.
+Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So
+neben Professor Roßmäßler, Professor Bock — der Gartenlaube-Bock und
+Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen —, die
+Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr.
+Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans
+Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich
+auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe,
+Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert
+Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr.
+Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im
+Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung,
+deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung
+gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem
+Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei.
+Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder
+singt, der keine Singstimme hat.
+
+An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in
+dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber
+dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter.
+Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede,
+die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei
+der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine
+Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im
+Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als
+ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen,
+man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist
+denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für
+die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die
+Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In
+beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die
+wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen
+Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr
+erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich
+unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer
+Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt
+den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand.
+Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition
+stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein
+politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen.
+Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich
+beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der
+Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt,
+daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und
+darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend
+gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte,
+der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse
+hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung
+und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung
+hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen
+hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen.
+
+Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der
+im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal
+war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert.
+Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei
+auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge,
+die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und
+Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen
+Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen
+eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen
+sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf
+dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte,
+und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz,
+sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand
+die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben
+gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war.
+In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der
+Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter
+der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis
+verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf
+beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am
+Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem
+Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen
+hatte. Zu den „Verbrechern“ gehörten weiter Dr. Albrecht, der in
+unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters,
+Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw.
+Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem
+Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften.
+
+Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren
+Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und
+Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen
+Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren
+noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der
+Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland,
+über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser
+den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die
+Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine
+Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich
+der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines
+allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die
+aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der
+Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in
+den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf.
+
+Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende
+Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in
+das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen
+Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die
+von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen
+Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von
+auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die
+deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile
+sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die
+schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus
+der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in
+jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein
+sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen
+Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die
+Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen,
+Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg
+und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt)
+waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte
+sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der
+preußischen Regierung trat.
+
+Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der
+Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller
+Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese
+Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem
+Schutze Preußens und Oesterreichs — die hierin ein Herz und eine Seele
+waren — ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der
+verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein-
+und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war
+es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den
+Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre
+nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung
+Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von
+Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die
+Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren
+Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des
+Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen
+hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter
+der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs
+freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in
+Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im
+Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in
+Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch
+unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei
+Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen
+und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v.
+Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert
+hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art
+und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen
+Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und
+mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286
+Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen
+schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42
+der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu
+lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurden. In der Strafanstalt
+Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter,
+eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische
+Gefangene beherbergt.
+
+Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel,
+Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten
+Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war
+wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus
+verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er
+11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht — er war mit dem Rechtsanwalt
+Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide
+sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen —, veröffentlichte er
+1865 über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt:
+Die Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in
+Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war
+einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300
+Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht
+hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts
+verdächtigt wurde.
+
+Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre
+später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl
+mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus
+zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen
+sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa
+einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln
+befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der
+Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den
+Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt,
+sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der
+Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der
+ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch
+hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische
+Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im
+sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.
+
+Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse
+August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland
+brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v.
+Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach
+Wien, um ihm Preßdienste zu leisten.
+
+Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen
+in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe
+dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu
+schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und
+Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des
+deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem
+Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege,
+aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann
+werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von
+Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die
+Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie
+die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die
+Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am
+heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut
+werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in
+manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in
+Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung
+gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu
+ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und
+Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen
+angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal
+der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen,
+wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von
+ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen
+Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes
+Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war
+ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei,
+zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal.
+
+Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen sein —
+die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode
+gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich
+dutzendweise empfangen haben —, denn er hat später öffentlich
+zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal
+Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet
+worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle
+sein Haus bestellt.
+
+Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der
+fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß
+ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene
+Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene
+preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung
+Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum
+Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog
+entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit
+angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen,
+hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum
+Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: „Minister
+sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem
+Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach
+Ihnen an die Reihe kommen.“ Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm
+diese Dinge ausreden, — sagte Bismarck —, ich tat aber das Gegenteil,
+weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann
+kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich
+vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen — aber wenn sie eintreten
+sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle
+einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er
+sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und
+Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte,
+was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man
+brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm
+gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten,
+einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem
+Schlachtfelde.
+
+„Als ich“ — erzählte Bismarck weiter — „derart den König als Soldaten an
+sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und
+ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin
+hinein.“
+
+Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn
+sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die
+hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum
+Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen
+einen heillosen Schrecken ein.
+
+In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der
+Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte
+sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen
+Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals
+großdeutschen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, in seine Dienste,
+obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied
+gedichtet hatte:
+
+ Wir färben rot, wir färben gut,
+ Wir färben mit Tyrannenblut!
+
+Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London
+und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die „Norddeutsche
+Allgemeine Zeitung“ berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im
+Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu
+gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich
+dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den
+Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen
+Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz
+nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus.
+
+Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er
+Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die
+bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar
+sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich
+bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem
+Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in
+diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen
+Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten
+Mann erscheinen ließen.
+
+Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls
+beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach
+Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den
+leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu
+setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu
+erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig
+als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und
+Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als
+Mitglied des Komitees beiwohnte.
+
+Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der
+Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die
+Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu
+erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der
+gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe
+die Gewißheit — und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als
+Agent Bismarcks —, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die
+nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer
+Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben.
+
+Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der
+Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der
+Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange
+Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme
+Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen
+propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem
+Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle
+einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit
+Staatshilfe forderte.
+
+In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon
+im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag „Ueber den besonderen
+Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des
+Arbeiterstandes“ gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag
+unter dem Titel „Arbeiterprogramm“ erschienen ist. Auch hatte er in
+demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese
+Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns
+Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die
+Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen
+„Mitteldeutschen Volkszeitung“, und was diese nicht brachte, blieb uns
+fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten.
+
+Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die
+Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben,
+nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem
+Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde.
+Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung
+ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden,
+so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und
+ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr
+großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v.
+Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich
+Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und
+geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung,
+diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst
+müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an
+eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die
+konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller
+Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten
+Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III.,
+der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach
+der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit
+demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung
+durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter
+sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen
+waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und
+1869 auf 110 Köpfe.
+
+Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen
+hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf
+oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische
+Beispiel nachzuahmen.
+
+Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften
+mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß
+Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete
+und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin
+Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise
+getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte.
+Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser,
+welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm
+Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor
+Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von
+Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst
+wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den
+Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe
+Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle
+Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September
+1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu
+sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die
+Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine
+politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den
+Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im
+Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch
+Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder
+des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in
+Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter
+stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte
+abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei
+ihm war.
+
+Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im
+Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen
+zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt
+erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um
+nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er
+erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm
+erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für
+Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß
+Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe,
+von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich
+aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf
+intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des
+Nationalvereins.
+
+Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen
+Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000
+bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen.
+Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen
+sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer
+geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit
+oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu
+nehmen, wo sie es finde — und jahrelang die Staatsausgaben ohne
+Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen
+Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den
+Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses
+Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut.
+Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte
+Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber
+außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und
+liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er
+sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das
+deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt.
+Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche
+Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle
+abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber
+monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im
+Reichstag große Heiterkeit.
+
+Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte,
+bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und
+Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber
+eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und
+seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von
+Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich
+hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man
+sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August
+1864, ihn als Partner beseitigte.
+
+Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle
+der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und
+geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil
+nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir
+Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem
+Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: „Und so
+verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht
+kein Jahr mehr vergehen — und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert
+Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert.“
+Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in
+seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,
+direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt,
+wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen
+sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.
+Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer
+verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die
+berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer
+Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich
+Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den
+bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen
+worden.
+
+Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen
+hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später
+veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.
+
+Lassalle schrieb an Bismarck:
+
+Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,
+Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit
+schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses
+Machtmittel! Die wirkliche „moralische“ Eroberung Deutschlands! Was die
+Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte
+französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig
+Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr
+allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte
+zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen
+zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im
+geringsten zu zweifeln.
+
+Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.
+Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört
+werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes
+mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende
+Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich
+unumgängliches Bedürfnis.
+
+Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter
+Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13.
+
+Und weiter:
+
+Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen
+gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich
+schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten „Zauberrezepte“
+— Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung — gefunden habe.
+Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von
+entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube,
+diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind,
+so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend 8-1/2 Uhr bei Ihnen
+vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit verhindert sein, so
+bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. Mit
+ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13.
+
+ * * * * *
+
+Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde
+und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck
+habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer
+zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten
+Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser
+Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen
+im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem
+Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen
+Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles
+waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.
+Darüber später.
+
+Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,
+wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum
+Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter
+stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,
+wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: „Er gebe zu, daß
+er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu
+Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren
+Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei.“ Diesen Gedanken spann er
+dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des
+Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks
+Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm
+jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und
+Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz „teile und herrsche“ sich
+in der Macht zu halten.
+
+Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas
+vorausgeeilt.
+
+Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,
+Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den
+Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und
+des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der
+deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen
+werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die
+Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt „Abhaltung einer
+Weltausstellung in Berlin“ gestrichen wurde. Eichler war mit anderen
+Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,
+zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter
+geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter
+Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der
+Berliner Weltausstellung entstanden.
+
+Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die
+Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer
+Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der
+Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer
+preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für
+die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar
+in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der
+Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich
+gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das
+Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den
+Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich
+allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,
+der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat
+der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern?
+Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins
+sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große
+nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu
+verwendeten, ihre Lage zu verbessern, „die begrüße ich hiermit im Namen
+des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des
+Nationalvereins“.
+
+Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie
+zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder
+fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab.
+Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin
+ging — Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich —, blieb diese über die
+Gesinnung der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht
+mehr im Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der
+bekannten Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle
+führte. Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre
+Forderungen und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde
+verabredet, daß der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle,
+bis er (Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in
+Staat und Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe,
+deren Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle.
+
+Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in
+der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man
+ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und
+Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen
+Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein
+Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang
+Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in
+Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und
+Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung
+eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte
+Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in
+Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte
+sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit
+zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in
+dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die
+Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.
+
+Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher
+Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen
+das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die
+Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die
+_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser
+Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,
+hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die
+Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene
+Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat
+allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen
+daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten
+Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei
+Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,
+erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz
+ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht
+sich auch ohne Wunder immer wieder.
+
+Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine
+Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und
+mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend,
+falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich
+abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der
+Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich
+bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und
+Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme
+rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich
+aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr
+an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für
+die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach
+verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen
+mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr
+unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee
+erleichtert.
+
+Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.
+Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein
+Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.
+Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische
+Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl
+politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch
+Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu
+gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.
+Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein
+Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich
+keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation
+konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die
+gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats
+Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit
+Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten
+(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst
+wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen
+gelernt und bei Eichler verwendet.
+
+
+
+
+Lassalles Auftreten und dessen Folgen.
+
+
+Anfang März 1863 erschien Lassalles „Offenes Antwortschreiben an das
+Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen
+Arbeiterkongresses zu Leipzig“. Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung
+hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins
+die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche,
+geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch
+nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen
+meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede
+meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte.
+Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des
+Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals
+ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte.
+
+Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht
+entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der
+kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die
+Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen
+Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die
+Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter
+so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und
+doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen
+Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit,
+Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und
+Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen
+Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit
+Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
+Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im
+Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein
+unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben,
+die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen
+Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das
+Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und
+Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer
+politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und
+betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse,
+die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute,
+sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse
+war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles
+Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen
+Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es
+vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die „Kreuzzeitung“,
+waren, die Lassalle objektiv behandelten — weil ihnen sein Kampf gegen
+den Liberalismus ungemein gelegen kam —, erhöhte den Kredit Lassalles
+und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich
+vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als
+fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen
+Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen,
+wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der
+sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals
+lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später
+dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer
+nur wenige.
+
+Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses
+sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des
+Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein
+Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere
+Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche,
+Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die
+eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ
+noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast
+vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie
+sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel,
+Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz,
+in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen
+außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener
+Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar
+Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg.
+
+Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache
+und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger
+hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem
+von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht
+ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die
+sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen
+konnte.
+
+Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen
+Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee
+zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten
+Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr.
+Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut.
+
+Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer
+großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen
+jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist
+unter dem Titel „Zur Arbeiterfrage“ erschienen. Die Versammlung war von
+ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch
+vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter
+Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne
+gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter
+durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas
+eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit
+Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer
+Disputation à la Luther kontra Eck kommen.
+
+Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition
+finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein
+persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher,
+schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf
+dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die
+Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch,
+doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete
+unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der
+andere mit Zischen antwortete.
+
+Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine
+längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit
+in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die
+Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die
+Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er
+protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die
+Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu
+bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er
+meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr
+taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im
+Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können.
+Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen
+des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten
+mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig
+bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh.
+
+Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht
+darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf
+seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen.
+Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen
+sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren.
+Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich.
+Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M.
+gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner.
+Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen
+Fortschrittspartei und des Nationalvereins — zwei Organisationen, deren
+Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun
+Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes
+lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke
+nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes
+Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas
+Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten
+Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von
+Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig
+eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite
+stand.
+
+Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung,
+sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in
+derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut
+machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen
+Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner
+Arbeiterbewegung.
+
+ * * * * *
+
+Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal
+gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von
+jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft
+Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs
+mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton
+gewöhnt sind — der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf
+denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke
+Meinungsverschiedenheiten geraten —, so flogen die derbsten Grobheiten
+und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch
+zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden
+Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte
+ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite
+war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann
+also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in
+einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um
+eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich
+auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben.
+Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die
+Lassalleaner.
+
+Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die
+größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah
+erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich
+ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen
+schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen
+spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt
+dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur
+Freude der Gegner.
+
+In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die
+alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem
+Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine
+Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde.
+Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des
+Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine
+Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung,
+daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie
+ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen
+Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch
+stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am
+20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben.
+
+Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze
+und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder
+unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit
+überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb
+als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich
+selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos
+gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den
+vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit
+den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die
+einfach nicht mehr beachtet wurden.
+
+Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen
+Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der
+Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie
+weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die
+deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes,
+unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten,
+die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der
+Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den
+ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe
+Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen
+deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in
+politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen
+Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst
+überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß,
+durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren
+Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen
+drein, sie kommen nie einem solchen zuvor.
+
+Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig
+gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine
+Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen
+Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med. Reyher
+— ein Schüler Professor Bocks — bald darauf sein Amt niederlegte, rückte
+ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872
+innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die
+mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche
+Reich zuerkannt worden war.
+
+Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche
+städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für
+Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts
+gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der
+politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr
+nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung
+zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im
+Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine
+Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch
+nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre
+den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch
+brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins
+hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten.
+
+
+
+
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine.
+
+
+Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich
+geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863
+auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen
+lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling,
+bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in
+Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in
+Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in
+Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere
+Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge
+waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von
+Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges
+Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen
+Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl
+Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband
+zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen.
+Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine,
+meist Bildungsvereine, ins Leben.
+
+Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die
+Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach
+Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser
+sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten,
+für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen.
+Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die
+Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen
+treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser
+Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten,
+für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle
+Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom
+republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler,
+aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet
+wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten
+Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische
+Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende „Deutsche
+Wochenblatt“ wurde.
+
+Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die
+politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn
+der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte
+ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der
+sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die
+Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein
+Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen
+Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die
+Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische
+Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament
+bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden
+sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in
+der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht,
+ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864
+anfing, sehr aktuell zu werden.
+
+Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im
+Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines
+Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai
+1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die
+politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v.
+Schweitzer — der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte — für
+eine besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter
+dem Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der
+gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes.
+Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das
+Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In
+Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich
+eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen
+kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem
+Arbeitertag in Rödelheim — 19. April 1863 —, auf dem Professor Louis
+Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung
+gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle
+selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten.
+Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein
+Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie
+ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle
+gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle
+sprach, hatte dieses Schicksal.
+
+Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19.
+Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach
+Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war
+der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den
+Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem
+Handwerkerverein zu Düsseldorf.
+
+In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen,
+die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich
+gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber „ein so wichtiger und
+fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche,
+glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und
+Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem
+gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht
+aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu
+verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner
+verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und
+Zersplitterung der ganzen Bewegung werde.“
+
+Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später
+erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in
+Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien
+Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die
+Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie
+einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der
+Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine
+erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein
+wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren
+in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der
+Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden.
+
+Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August
+Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich
+mit den Worten anredete: „Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich
+ausgeschlafen? Es wird Zeit.“ Etwas geärgert antwortete ich: „Wir sind
+früher aufgestanden als viele andere!“ Röckel lachte, er habe es nicht
+bös gemeint.
+
+Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der
+rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer
+Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor
+wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte,
+ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der „Münchener Neuesten
+Nachrichten“, die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber
+ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten.
+
+Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch
+spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen
+roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß
+ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem
+man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht
+ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu
+Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals
+auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit
+souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in
+der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen
+Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam
+die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur
+aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den
+Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein
+Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der
+alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle
+zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch
+durch allerlei Frauengeschichten „sittliche Bedenken“ in der
+Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der „sittlichen
+Verfehlungen“, die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich
+zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte
+seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen
+Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine
+ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der
+später auch für das Sozialistengesetz stimmte.
+
+Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt
+a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen.
+Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag
+eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete:
+
+„Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine
+stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß
+er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine
+sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der
+Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und
+wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit
+allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden,
+einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der
+Menschheit arbeiten.“
+
+Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des
+Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den
+Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des
+Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von
+einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung;
+es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von
+Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil
+man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen.
+Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der
+Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der
+linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der
+Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das
+forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der
+Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu
+gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem
+Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich.
+
+Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach
+Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden,
+über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit,
+Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein
+weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den
+Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften,
+deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl
+er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von
+Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des
+nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In
+dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles
+nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch
+sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher
+Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf
+kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden
+konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und
+Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, „manche Sorge
+wenigstens teilweise zu beseitigen“. Hier lag wenigstens keine
+Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die
+Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der
+Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und
+unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei
+diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von
+Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf
+meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen
+bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die
+vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so
+folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner
+erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen
+nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch
+könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese
+Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne,
+der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen
+protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit
+Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf
+gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie
+Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern.
+
+Die schließlich angenommene Organisation lautete:
+
+ * * * * *
+
+I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen
+von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen
+lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter
+den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu
+erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur
+Anerkennung zu bringen.
+
+II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der
+arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann.
+
+III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen
+Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch
+schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter
+freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige
+Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt.
+Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den
+Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf
+Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder
+Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an
+einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich
+eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen
+Blättern, jedenfalls aber in der „Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg
+und in dem Frankfurter „Arbeitgeber“ veröffentlicht. Jeder Verein,
+welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von
+zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben
+diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden,
+doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen.
+
+IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf
+Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte
+beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des
+nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung
+nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen
+Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die
+Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen,
+fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die
+Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige
+Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die
+Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich
+der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er
+sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung
+der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der
+Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung
+der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die
+Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des
+Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt.
+Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die
+Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität
+der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf
+schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß
+und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der
+Präsident.
+
+V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von
+demselben festgesetzt.
+
+VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die
+Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat.
+
+VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich.
+
+ * * * * *
+
+In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max
+Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw.
+Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die
+Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm.
+
+Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen,
+waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler
+pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck
+zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine
+nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den
+Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im
+Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500
+Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso
+wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um
+von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was
+Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois
+vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich.
+
+Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst
+im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später
+in der „Kölnischen Zeitung“ in einer für mich ungünstigen Weise
+auszunutzen versucht wurde.
+
+In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig.
+Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen
+schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden
+zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die
+Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht,
+obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages
+Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann — ein Württemberger, der eine
+katilinarische Existenz führte — hin und verfaßten ein überschwenglich
+gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um
+Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst
+nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen
+meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die
+„Kölnische Zeitung“, die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die
+empfangenen 200 Taler — nicht 300, wie sie behauptete — vor einigen
+Jahren veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei
+Unterschriften rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich
+entschieden verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir
+namentlich Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und
+könnte der Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß
+bei den Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig
+überließen. Daß er die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr
+Interesse für die Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe.
+Das Geld wurde indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde
+aber sehr sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die
+Agitation für die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren
+von den 200 Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden.
+Das war allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von
+1865 bis 1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben
+eine so rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige
+auf dem alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter
+dieser Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung
+begriffen und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867
+offiziell seine Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten
+hatten, ärgerte viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht
+verwinden konnte. Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der
+Wahlagitation mir entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß
+wir jenes Geld angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen,
+daß all seine Mühe, mir zu schaden, vergeblich war.
+
+Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied
+des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke
+ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all
+den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in
+der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den
+Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen
+war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu
+reden, „geistiges Ehrenmitglied“ des Nationalvereins zu sein.
+
+ * * * * *
+
+In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das
+Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen
+Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit
+Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen.
+Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir
+auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die
+sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für
+kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864
+kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig.
+
+Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung
+Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte.
+Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis
+5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede — die
+ich einstudiert hatte — elend stecken. Mein Temperament war mit meinen
+Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen.
+Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt
+wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin
+gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch
+war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet,
+Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die
+Entwicklung nach links hielt er nicht auf.
+
+Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden
+zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die
+bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem
+Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die
+im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn
+v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten
+werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen
+und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu
+beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig
+angenommen wurde:
+
+„Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn
+v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes
+abzusehen.“ Eine zweite Resolution, lautend: „Die versammelten
+Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für
+die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten“, wollte der
+überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil
+dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine
+scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit
+der Auflösung der Konferenz drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß
+Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei.
+Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der
+weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp
+befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen
+Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so.
+Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit
+erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald
+untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in
+dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im
+Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner
+Richtung seiner Aufgabe gewachsen war.
+
+Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden,
+dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger
+„Allgemeinen Arbeiterzeitung“, die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in
+Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen
+worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft,
+das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an
+dessen Schluß es hieß:
+
+„Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil,
+der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet,
+eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen
+jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines
+Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag,
+mit dem gewöhnlichen Maße zu messen.“
+
+Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin
+Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen
+Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz
+Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von
+Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die
+Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb
+Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen
+entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die
+Situation ansahen.
+
+Der Brief lautete:
+
+ * * * * *
+
+„Lieber Freund Sonnemann!
+
+Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf
+telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen
+wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der
+Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich
+glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht
+und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen
+Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht
+wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas
+geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines
+entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen
+Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und
+etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der
+Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden
+Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele
+entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht
+ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere
+Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen
+von weittragenden Folgen sein — im gegenteiligen Sinne nichts schaden
+kann.
+
+Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu
+energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die
+Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen.
+Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal
+dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der
+Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu
+geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den
+Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele
+Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man
+Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen.“
+Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen.
+
+In einer Nachschrift heißt es: „Würde es Dir als Präsident der
+Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die
+Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir
+alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß,
+ebenfalls übermitteln werde.“
+
+ * * * * *
+
+Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt,
+jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es
+mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie
+Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf
+den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen
+hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger
+Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem
+von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag
+möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die
+einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen,
+waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten.
+Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren
+berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen
+Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder
+Sonnenschein gewähren konnte.
+
+Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation
+insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen
+bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf
+die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die
+Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des
+Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für
+Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein
+Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz
+wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte
+Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der
+Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als
+Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und
+zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher
+Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren
+Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde.
+5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des
+Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des
+ständigen Ausschusses.
+
+Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren
+Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher
+Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz
+waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen
+übrig.
+
+Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3
+Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals
+in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen
+der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter
+Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und
+zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen
+Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich
+zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des
+Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger
+Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A.
+Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee.
+
+Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und
+mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der
+Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der
+Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu
+tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales
+(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne
+Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern
+sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er
+sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei
+seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte
+Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes
+Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von
+meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf
+den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene,
+als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem
+bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort
+verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und
+legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von
+keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine
+referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den
+ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch,
+Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger
+Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren
+war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für
+Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim,
+Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt.
+
+
+
+
+Friedrich Albert Lange.
+
+
+Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit
+Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen
+Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst
+sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der
+liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den
+ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem
+Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht
+beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die
+Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der „Geächteten“ und
+„Isolierten“ in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den
+Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar
+1865 erschienenes Buch „Arbeiterfrage“ zeigt. Wenn in der später
+erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht,
+wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus
+nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich
+dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens,
+dem er leider zu früh erlag.
+
+Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte
+nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst
+aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon
+andeutete, mit der „Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Konflikt
+gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des
+Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft.
+
+Bei der Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, wahrscheinlich auf
+Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt
+untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war
+im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung
+gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger
+Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein
+günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger
+Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr
+eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als
+einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe.
+
+Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung
+eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine
+Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die „Arbeiterzeitung“ erreicht,
+daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung
+hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag
+mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat,
+unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die
+„Arbeiterzeitung“ darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie
+nunmehr die Sache anders ansähen. Die „Arbeiterzeitung“ hat denn auch
+später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen.
+Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag
+persönlich bei mir.
+
+Die Ereignisse des Jahres 1866 — auf die ich später zu sprechen komme —
+und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in
+Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein
+Blättchen „Der Bote vom Niederrhein“ eingehen und folgte einer Einladung
+seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der
+Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt „Der
+Winterthurer Landbote“ ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen
+Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine
+Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der
+junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der „Züricher Post“,
+traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine
+demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit
+mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue
+Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und
+fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl
+der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens.
+
+Mittlerweile war ich — wie ich vorgreifend bemerken möchte —
+Vorsitzender im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt
+nunmehr, die Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager
+zu bestimmen. Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir
+klar. Ich hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb
+an ihn am 22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor
+O.A. Ellissen,[3] einen „sehr merkwürdigen Brief“ nennt, in dem ich ihn
+bat, das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu
+übernehmen. „Neben der Wehrfrage — so schrieb ich nach Ellissen weiter,
+der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand — steht noch so
+mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und
+Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist.“ Ich sprach weiter
+in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer
+Spaltung, „es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig
+schwankende“.
+
+Lange antwortete am 5. Juli:
+
+ * * * * *
+
+„Lieber Herr Bebel!
+
+Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine
+Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war,
+um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier
+eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé
+und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied
+zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu
+tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein
+ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur
+Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich
+vor Vollendung der neuen Verfassung — wir sind froh, wenn sie noch in
+diesem Jahre fertig wird — nicht mit Sicherheit über meine Zeit
+verfügen. Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann
+nicht sicher wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen
+Bedauern das Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine
+Zeit es irgend erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich
+meinerseits ebenfalls mich danach sehne, so viele wackere Freunde —
+leider zum Teil in getrennten Lagern — wiederzusehen.“
+
+ * * * * *
+
+Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt
+nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf.
+Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich
+ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als
+Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn
+festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner
+Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag
+er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer
+der Besten aufgehört zu leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
+Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.
+
+
+
+
+Neue soziale Erscheinungen.
+
+
+Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß
+zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
+die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
+Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu
+einer Frauenorganisation führte. Die „Frauenzeitung“, die damals ein
+Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
+Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die
+Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
+Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
+war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
+Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen
+hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe,
+die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen
+große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
+bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
+eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
+folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
+niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn
+betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die
+Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
+März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den
+Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der
+Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war,
+mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete
+in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
+war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der
+Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
+Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen
+Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.
+
+Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
+Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die
+Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen
+Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich
+mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
+sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben.
+
+ * * * * *
+
+„Leipzig, den 11. Mai 1865.
+
+Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.
+
+Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
+auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
+Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
+muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an
+den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über
+die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin
+arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
+Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
+wenden.
+
+Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut
+über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
+nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst
+erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
+Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
+Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.
+
+Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
+mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma
+Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
+Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich
+nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
+weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
+Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu
+Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine
+ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
+war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun
+würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den
+Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so
+unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit
+(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von
+jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.
+
+Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich
+merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die
+Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung
+einfach nicht wolle.
+
+So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission
+kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
+habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den
+Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
+denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
+erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
+keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
+Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
+bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
+den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
+tun möchten.
+
+Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
+Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.
+
+Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
+Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
+beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.
+
+Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.
+
+Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
+die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
+machen.
+
+Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer
+Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
+einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu
+treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
+bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im
+Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie
+die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit
+den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der
+Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die
+Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und
+abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe
+der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
+Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der
+Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben....“
+
+ * * * * *
+
+Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:
+
+„Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
+Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine
+vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der
+Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
+beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht
+etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch
+allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem
+Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als
+Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
+Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
+Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
+Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu
+bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war.
+Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals
+an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
+Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
+würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch
+das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß
+die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
+mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und
+diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen.
+Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß
+ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
+genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin:
+die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
+gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
+worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen
+durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
+Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß
+allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig
+vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden....“
+
+ * * * * *
+
+Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik
+ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der „Sozialdemokrat“
+Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die
+Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese
+erlangte er nicht.
+
+Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort:
+
+„Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß
+ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig
+aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und
+zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
+ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe,
+werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen „Deutschen
+Allgemeinen Zeitung“ ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner
+Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen
+dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
+stellen.
+
+Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch
+verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener
+Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
+abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.
+
+Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen
+Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
+ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche
+Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
+Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache
+zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die
+Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
+erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission
+anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
+er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man
+sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
+letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
+vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
+die rechte war.
+
+Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit,
+zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei
+nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in
+Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies
+dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen,
+mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
+als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
+begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
+aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit
+vormittags 1/2 10 Uhr.
+
+Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
+mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
+sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre
+Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals
+zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
+geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
+Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
+Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
+Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen
+zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
+nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese
+abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.
+
+Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht
+zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive
+der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
+Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man
+doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
+wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die
+feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch
+aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt
+würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit
+Geldsammlungen zu unterstützen.
+
+Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
+als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir
+dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich,
+sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des
+ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen
+genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
+Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben.“
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
+Sonnemann, in dem es hieß:
+
+„Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die
+Buchdruckerangelegenheit zu berichten.
+
+Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
+auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte
+diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging
+darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale,
+um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
+und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei,
+indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
+würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
+Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
+Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
+lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
+in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen
+wollten.
+
+Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
+sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
+Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung
+mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für
+notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
+Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit
+diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
+vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.
+
+Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man
+motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
+weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
+Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst
+hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem
+Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
+Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
+könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte
+sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er
+abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
+noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
+dazu auf.
+
+Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich
+beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle
+anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen,
+welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg
+davonträgt.
+
+Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
+Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit
+dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von
+auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
+einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.
+
+Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei
+mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
+nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
+die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
+ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
+Maßregelungen ins Werk gesetzt hat.“
+
+ * * * * *
+
+In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in
+einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
+beim alten.
+
+Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:
+
+„Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
+gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
+Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
+Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
+ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr
+schwer werden.“
+
+Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem
+Verleger der „Allgemeinen Arbeiterzeitung“ in Koburg beständig in
+Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich
+wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die
+Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
+erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten.
+Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:
+
+„Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
+über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden
+dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten.
+Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann,
+wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich
+durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen
+Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last
+der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
+ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
+von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
+genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
+gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr
+erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
+schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte....
+
+Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche
+Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der
+vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.
+
+Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
+dem Redakteur des „Korrespondent“ (der 1863 gegründet worden war).
+Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband
+zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen
+Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über
+Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu
+lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren.
+
+Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der
+größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
+Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
+auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine
+Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
+Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die
+Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
+Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
+zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
+nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
+Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
+alleräußersten Falle anzunehmen.“[5]
+
+ * * * * *
+
+Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer
+Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung,
+als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
+der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
+den Streik eintraten.
+
+In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:
+
+„Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
+Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
+konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich
+deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
+bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die „Neue
+Frankfurter Zeitung“ zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
+können.
+
+Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
+die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
+Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
+obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter
+Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
+Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
+Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im
+Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen.“
+
+ * * * * *
+
+Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:
+
+„Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
+an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
+aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
+sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
+opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen
+jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich
+geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so
+wäre es für den Augenblick genug gewesen.
+
+Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es
+den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
+ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für
+sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt
+ausgesprochen.“
+
+ * * * * *
+
+Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
+Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
+Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die
+Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen
+zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten
+entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu
+vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des
+Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
+wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die
+Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
+ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es
+meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.
+
+Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
+veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses
+auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der
+man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund
+dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
+Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man
+selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
+hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
+weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die
+Sympathie für diese nicht.
+
+In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
+gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
+Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten
+Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
+sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
+Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das
+Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen
+Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte
+guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
+gemeinsame Sache.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht
+mehr zu entziffern ist.
+
+[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch „Die Internationale“ (Leipzig
+1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren
+Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um
+die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den
+Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können
+unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband
+der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes;
+zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen
+Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der
+Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den
+Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die
+Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft.
+
+
+
+
+Der Stuttgarter Vereinstag
+
+
+Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf
+den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
+demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
+vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
+Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
+Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
+Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor
+Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe
+erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist.
+Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
+Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit
+mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum
+Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
+Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
+gegründeten „Deutschen Wochenblatts“. Eckhardt stand auf dem äußersten
+linken Flügel der Demokratie.
+
+Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später
+Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
+der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung
+war wieder überreichlich belastet. Der Punkt „Altersversorgungskassen“
+wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre
+darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften,
+wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
+für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
+recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch
+hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
+direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen
+Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die
+Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
+Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
+badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
+beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich
+änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche
+Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
+angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht;
+er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses
+Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen.
+Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
+Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen.
+
+Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in
+seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die
+Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem
+schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
+mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen
+und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage
+nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte
+ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des
+Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer
+fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen
+Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.
+
+Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
+Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
+Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
+und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
+erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
+jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen
+Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen
+Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
+einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
+ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
+eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines
+Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom
+Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen
+Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen — was gerade
+kein Meistervorschlag von mir war — und damit den Gauverbänden eine
+bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
+Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
+angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
+der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan
+nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit
+dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
+starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß
+die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr
+lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel,
+Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange,
+Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
+Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß
+gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
+der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
+Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
+sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen.
+
+Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen
+Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so
+deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in
+der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
+Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
+lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen
+und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
+anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
+Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische
+Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden
+Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue
+Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand
+hochgradiger Erregung.
+
+Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
+Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
+Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
+Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf
+deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter
+Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
+und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale
+Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als
+ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
+gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
+verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich,
+um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
+reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
+müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im
+Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte
+ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
+und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller
+tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
+Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
+Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
+Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen
+Weines mit Vesperbrot.
+
+Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
+„Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach“, in der offen für die
+deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht
+ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke
+schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
+waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
+wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei,
+daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
+führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich
+abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
+schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
+Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:
+
+„Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert — und noch in
+diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung
+überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den
+nächsten Landtag machen sollen! —, ist der heldenmütige Kampf dieses
+deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das
+Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre
+wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
+werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel
+Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein
+gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
+gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich
+mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
+Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
+nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
+Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
+König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v.
+Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
+haben....“
+
+Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident
+des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen
+Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v.
+Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
+und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
+Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines
+Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
+aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18.
+März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
+hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.
+
+Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in
+Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
+hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der
+siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
+Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug,
+hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt.
+
+Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die
+Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands
+dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er
+ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
+unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die
+friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden,
+zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
+wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem
+23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt,
+eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
+gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.
+
+Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?
+
+ * * * * *
+
+Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die
+Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
+Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
+Faucher — letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer
+Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
+versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder
+die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
+mit der Zeit zu rechnen — hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der
+Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
+Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§
+183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von
+Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
+ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
+Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis
+bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
+oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das
+eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
+derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
+mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im
+„Sozialdemokrat“ J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
+gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit
+fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184
+habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
+in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
+immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
+Genossen aufs schärfste an.
+
+Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
+konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
+er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag über
+den Antrag der Liberalen — weil seine Fassung Zweifel zuließen —
+abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
+vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der
+Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
+aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
+angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es
+ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung
+innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig
+zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine,
+begründet durch das Gesetz.
+
+So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
+Bourgeoisie das Wasser abzugraben.
+
+Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
+Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
+Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen
+Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer
+nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen
+Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ
+die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister
+Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
+Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
+Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre
+Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte
+darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
+zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich
+war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung
+unmöglich.
+
+Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In
+Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst
+zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
+verlangen. Gleich dem „Sozialdemokrat“ zog die Koburger
+„Arbeiterzeitung“ gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und
+spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
+benommen hatten.
+
+Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
+Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen.
+Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die
+Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
+banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
+einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser
+wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich
+senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was
+der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
+31. Juli 1865:
+
+„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
+betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
+Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
+Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
+Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
+Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen....
+
+Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische.
+Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann
+wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich
+im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich
+glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen
+zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation,
+das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den
+Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
+niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei
+vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
+
+Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
+Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
+dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns
+einstweilen den Zusammenhang pflegen....
+
+Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die
+politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
+ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
+Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich.
+Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
+als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche
+momentan liberal flöten, erst recht_.“
+
+In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang
+meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
+sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft
+gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
+der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
+zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
+Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig
+aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
+nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
+wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst.
+Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
+fortfährt.“
+
+ * * * * *
+
+In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
+Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
+Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
+Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
+
+„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
+mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
+Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
+Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
+der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister
+müssen ja aufeinanderplatzen.“
+
+In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
+die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
+Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
+erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
+der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
+Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
+
+Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
+Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
+nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
+Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
+Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.
+
+Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
+das Thema „Staatshilfe und Selbsthilfe“ zugrunde gelegt hatte. Ein
+ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
+wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung
+des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen.
+Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.
+
+Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
+deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
+konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
+dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große
+Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.
+
+Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
+Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen,
+auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen
+wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes „Der
+Botschafter“, dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
+zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze
+stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
+Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
+Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer
+1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich
+über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
+dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer
+und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter,
+dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von
+Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden.
+
+Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
+gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es
+auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für
+diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
+Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
+Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
+wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
+solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
+Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg.
+
+Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem
+Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
+schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das
+sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
+dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
+Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
+v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
+aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
+Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund
+des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle
+Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
+Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
+Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere
+Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der
+Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche
+geleistet.
+
+Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen
+verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
+fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
+Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
+Liebknecht.
+
+
+
+
+Wilhelm Liebknecht.
+
+
+Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen
+ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862
+nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses.
+Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich
+Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
+im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die
+„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ gegründet hatte. Liebknecht war neben
+Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
+für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von
+beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
+Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
+Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht
+stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall
+wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
+für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
+veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der
+Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm
+Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der „Norddeutschen
+Allgemeinen Zeitung“ einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung
+aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von
+London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
+mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
+lernte, schrieb er unter anderen für den „Oberrheinischen Kurier“ in
+Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische „Tagespost“ in
+Graz und das „Deutsche Wochenblatt“ in Mannheim, von dem er aber wohl
+kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die
+„Frankfurter Zeitung“. Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im
+Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
+und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte,
+als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
+„Sozialdemokrat“, ansah.
+
+Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel
+am dortigen „Anzeiger“ eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
+sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
+Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
+und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
+natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß
+aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach
+der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer
+Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
+ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch
+auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
+war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
+nicht, daß wir uns bald befreundeten.
+
+Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
+Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
+Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die
+passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit
+erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig
+zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
+willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen.
+Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
+englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine
+allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
+später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
+wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war
+und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht
+seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde
+sich in zufriedenstellenden Verhältnissen.
+
+Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
+in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
+späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
+öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
+Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
+Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei
+Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten
+Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
+und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die
+Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
+Heiterkeit erregte.
+
+Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine
+Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für
+denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch „Der Leipziger
+Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner“ und in der Schrift
+von Kurt Eisner „Wilhelm Liebknecht“. Beide Publikationen sind in der
+Buchhandlung Vorwärts erschienen.
+
+Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen
+Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein
+noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte
+ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
+Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
+der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
+gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen
+gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze
+auszugleichen suchte.
+
+In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
+Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
+großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen
+Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu
+finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
+vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
+Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
+daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder
+ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere
+Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues
+Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht
+sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so
+konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
+darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
+Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
+waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste
+Bekanntschaft gemacht hatten.
+
+In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
+schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde.
+Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
+Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
+an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm
+getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
+von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
+gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es
+merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden
+wäre.
+
+Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich
+gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu
+danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
+München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt,
+Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
+September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
+hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
+Paulus zu machen.
+
+Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns
+kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
+Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig
+studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
+war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels
+in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
+der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen
+erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich.
+Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß
+nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem
+Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus
+jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der „Leipziger Volkszeitung“,
+er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner
+Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:
+„Donnerwetter, von dem kann man was lernen.“ Das dürfte stimmen. Aber
+Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
+Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den
+Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
+sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die
+Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte
+allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
+Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
+Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang
+mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
+Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
+mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
+Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische
+Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die
+deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf
+Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere
+theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht
+von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
+die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten
+theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
+ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die
+große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung.
+
+Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über
+Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen,
+noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
+Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste
+Broschüre „Unsere Ziele“, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
+ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867
+erschienenen ersten Band „Das Kapital“ von Marx gründlich zu lesen, und
+zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859
+erschienene Schrift von Marx „Zur politischen Oekonomie“ zu studieren,
+aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
+gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu
+verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
+und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
+Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
+in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse
+für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
+lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
+bei.
+
+
+
+
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.
+
+
+Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr
+zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle
+verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung
+vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige
+Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die
+Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
+Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war
+der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor
+Eckhardt aus Mannheim — der einer der glänzendsten Redner jener Zeit
+war —, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
+auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
+behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
+Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
+letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des
+Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
+nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
+Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.
+
+Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
+abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines
+Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war
+zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
+die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
+Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und
+beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
+deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches
+Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die
+Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
+werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die
+Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
+und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die
+Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
+werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
+einer Privatbesprechung verständigen.
+
+Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
+Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
+ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die
+Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter
+denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
+ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
+das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es
+kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr
+nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
+unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut
+vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
+was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
+vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den
+Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die
+Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
+Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
+den Vorschlag zu erklären:
+
+„In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den
+Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der
+Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
+oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung
+aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die
+Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt
+es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will.“
+
+Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger
+Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
+stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.
+
+Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
+die Haltung der „Berliner Volkszeitung“ erregt, die im Lesezimmer
+auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
+wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
+Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins
+(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
+„Berliner Volkszeitung“ abzuschaffen und dafür die „Rheinische Zeitung“
+in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte,
+er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
+Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
+Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.
+
+Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus,
+daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht
+erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel
+Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
+Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
+Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen
+Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze
+dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
+und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
+haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
+niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz
+Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
+als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation
+beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen
+und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage
+so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
+drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine
+Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
+politischen Forderungen in den Vordergrund.
+
+Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden
+statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
+auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für
+Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
+den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen
+Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
+Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
+Behandlung nicht vergessen — er war auf Antrag Lassalles, der keinen
+Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden —, und so schlug er
+auf den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es
+nach Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der
+die Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
+Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
+Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
+teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine
+Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für
+Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen,
+Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
+Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der
+Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
+Försterling wurde dessen Vorsitzender.
+
+Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
+Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des
+Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches
+Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische
+Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
+der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
+ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
+forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die
+Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
+eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
+selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
+Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne.
+
+Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
+2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam
+lauteten. Darin hieß es:
+
+1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm
+nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
+erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als
+Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und
+die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
+nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten
+entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt
+werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir
+verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
+Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
+allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
+und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die
+Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der
+Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament
+einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
+der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
+Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
+der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.
+
+Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und
+Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der
+Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang
+dieser Deputation abgelehnt.
+
+Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt
+durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
+Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
+Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war
+und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
+Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
+wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe,
+erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
+zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für
+ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei.
+Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
+Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
+der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
+richten:
+
+„Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung
+der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
+Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz
+Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
+Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe.“
+
+Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
+Richtung, als man erwartete.
+
+
+
+
+Die Katastrophe von 1866.
+
+
+Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
+zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu
+geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich
+und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem
+Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.
+
+Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
+neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs
+die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX.
+erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
+sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
+denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
+verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu
+Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief.
+Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die
+Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen
+und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ
+durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht
+erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen
+die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
+Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
+im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man
+erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen
+Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851,
+die Hauptschuld trug.
+
+Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
+bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
+Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
+betreffenden Aufruf hieß es: „Der Nationalverein fordert alle
+Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
+Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden
+wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen — und Mannschaften, Waffen
+und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in
+Schleswig-Holstein erforderlich sein werden.“
+
+Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
+Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die
+Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.
+
+Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für
+Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß:
+
+„Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln
+gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
+kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen
+zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung.“
+
+Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der
+Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem
+Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
+ist der Fortschritt seit jener Zeit! —
+
+Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der
+massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung
+von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
+Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem
+Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für
+ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
+die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In
+Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
+selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine
+patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
+den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten.
+Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
+Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
+geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die
+Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben
+Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig
+statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das
+Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen
+benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar
+mit.
+
+Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
+Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß
+eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: „sie
+betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
+Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese
+bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen“. Im gleichen Sinne
+wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
+abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
+erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
+deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für
+dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
+wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren.
+
+Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
+aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
+Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
+Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner
+verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter
+Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt
+nicht. 1866 mußte das „Demokratennest“ dafür büßen, indem er es erst
+drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die
+schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es
+gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg,
+gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt
+der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt
+waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen,
+die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im
+Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und
+Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch
+ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2
+Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
+den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80
+Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
+vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht
+stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
+langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von
+Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
+Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
+der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
+Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
+der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle
+Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos
+unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten,
+wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
+allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt
+seine Aeußerung: „Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
+damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
+kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
+türkischer Pascha regieren.“ Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn
+v. Manteuffel.
+
+Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein
+konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die
+Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die
+konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
+Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
+er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
+dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons
+Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
+Gebiets an Frankreich zu sichern — die Rheinpfalz und das preußische
+Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage —, andererseits
+schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
+Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden
+losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine
+„nationale“ Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
+italienischen Staatsmännern, die später der italienische
+Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche „Mehr Licht“
+veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen
+außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die
+allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
+Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen
+Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
+keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr
+Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
+einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
+hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
+würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.
+
+Dieses Programm wurde prompt ausgeführt.
+
+Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
+seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: „Ich bin viel
+weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die
+Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
+Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
+preußischen Gebiets.“ ... „Sorge mache ihm der König, der das religiöse,
+ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen
+europäischen Krieg nicht auf sich laden.“
+
+Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch
+Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
+zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall
+von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
+schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische
+Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen,
+und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
+ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für
+diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
+sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage
+erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das
+diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
+Vorwürfen zu traktieren und — rüstete. Am 9. April stellte Preußen
+seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
+Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und
+allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für
+einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
+bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
+für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.
+
+Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit
+intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
+sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
+Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
+er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
+Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung
+des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
+eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84
+der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
+andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische
+Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die „Kreuzzeitung“, zu
+erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
+In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
+Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den
+Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
+südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
+herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes
+handelte.
+
+Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten
+Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl
+der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören
+könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
+Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine
+Befürchtungen.
+
+Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
+Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
+getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
+konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und
+opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
+Sechsunddreißiger-Ausschusses: „Wir — er sprach also im Namen von
+mehreren — ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen
+Staates vor.“ Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die
+Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
+Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das
+Bismarcksche: „Ich bin mehr Preuße als Deutscher!“ Mommsen meinte: Die
+Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht
+in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der
+Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
+verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden
+war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
+Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
+wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate
+zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen
+Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
+Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
+den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom
+Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken.
+
+Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende
+Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
+Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
+Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die
+österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den
+Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
+Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
+konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
+diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
+Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren
+Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
+Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
+Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das
+Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine
+deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt
+notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine
+Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen
+Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
+lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen.
+Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.
+
+Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen
+immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen
+dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
+sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit
+auf österreichischer Seite stehen würden.
+
+In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die
+sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges
+verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die
+Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai
+dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
+besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten
+politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
+für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
+anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die
+erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
+Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
+Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
+Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich
+schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
+jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen
+Deutschland entgegentreten.
+
+Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und
+begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:
+
+1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
+das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
+Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der
+Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze.
+2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik
+betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes.
+3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
+Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß
+das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die
+jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle
+eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
+dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
+erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
+vertreten.
+
+Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
+Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
+Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die
+meinige einstimmig angenommen.
+
+Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über
+jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
+so empörte, daß sie die betreffende Nummer der „Mitteldeutschen
+Volkszeitung“ feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
+vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
+Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz
+tagte, im gleichen Sinne aus.
+
+In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des
+Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf
+den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
+Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine
+Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
+eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
+besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses
+eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war
+auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
+Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
+alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze
+schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie
+damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
+wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
+werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß
+zu machen?
+
+Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
+Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
+Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
+Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
+Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen
+Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
+daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
+ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.
+
+Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche
+erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in
+Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende
+Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses:
+
+ * * * * *
+
+Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher
+Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des
+Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die
+Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der
+preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
+unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt,
+dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites
+hinausreichen.
+
+Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
+dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig,
+gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen
+haben, und nährt die Gelüste des Auslandes.
+
+Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder
+aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
+schweren Verbrechens an der Nation schuldig.
+
+Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
+diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten
+deutsches Gebiet preisgeben.
+
+Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig
+ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
+verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz
+Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum
+beschränkt werde.
+
+Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
+Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
+durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
+und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte,
+mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten.
+
+Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
+wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen.
+Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre
+Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität
+des deutschen Gebiets einzustehen.
+
+Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen
+zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
+ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
+ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
+sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
+jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
+entspringen zu sehen.
+
+Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die
+deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
+auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
+freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
+solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige
+Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten
+Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
+Nation gefordert werden.
+
+ * * * * *
+
+Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
+nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem
+Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer
+sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese
+der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
+hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der
+Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
+Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er:
+
+„Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
+hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh
+waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen
+miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
+Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
+sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in
+Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen
+aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen,
+welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._“
+
+Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
+
+Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
+Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß
+alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
+befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
+Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der
+Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
+Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
+Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt,
+um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
+Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.
+
+Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer
+Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant.
+
+Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
+Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
+statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.
+
+In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:
+
+1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten
+Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
+solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen.
+3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
+dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete
+Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
+Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in
+politischen Vereinen zusammentreten.
+
+Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein
+Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
+einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß
+wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des
+Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg,
+Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v.
+Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
+Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch
+Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.
+
+Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm:
+
+A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
+deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der
+Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der
+Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
+preußische, keine österreichische Spitze.
+
+B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
+Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
+beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
+Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und
+des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in
+Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über
+die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung
+Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand
+Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
+Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
+Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
+Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
+von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
+Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
+wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
+nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
+sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die
+gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
+verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
+eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte
+Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
+nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig
+entscheiden.
+
+Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
+Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil
+mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende
+Proklamation:
+
+ * * * * *
+
+An das deutsche Volk!
+
+Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
+Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
+an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos
+genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des
+schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
+Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
+Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
+Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
+zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen
+und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der
+Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
+Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
+Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen,
+bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk
+zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
+Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht
+sei.
+
+Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
+Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der
+schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei
+über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit
+Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte
+Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
+ist.
+
+Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
+Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht
+für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
+Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
+eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück,
+darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie
+mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im
+Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
+voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
+Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
+Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.
+
+Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des
+deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen
+Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das
+deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.
+
+Frankfurt, 1. Juli 1866.
+
+Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.
+
+I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel.
+
+ * * * * *
+
+Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig
+hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation,
+fehlte. —
+
+Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten
+Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu
+Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten
+Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben
+wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main
+und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen
+österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder
+ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
+Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
+äußerte er: „Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche
+alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!“ Eine
+zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
+verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit
+„klingendem Spiel“ die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
+Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
+Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke
+zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben. —
+
+Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu
+einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
+politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
+Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.
+
+In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
+preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für
+Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
+gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
+Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
+preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich
+sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu
+nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
+bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß
+aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden
+Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
+volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der
+Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der
+Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
+Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
+Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
+unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit.
+
+Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge
+hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer
+der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit
+eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
+Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und
+bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der
+Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der
+„Arbeiterzeitung“ zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen,
+die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
+die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte,
+hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive
+Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte
+entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
+bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
+des Blattes einzustellen.
+
+Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum
+abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
+Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte
+auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera
+in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
+denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
+auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
+die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen
+beschäftigte.
+
+Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur
+Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch
+dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu
+werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
+ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
+Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
+es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ.
+Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt
+Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni
+sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
+einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die
+Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
+Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien
+seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen,
+worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen
+Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
+lautete:
+
+Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
+kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen
+Landesteile (Luxemburg und Limburg).
+
+Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten
+vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig
+Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren
+Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die
+mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen
+focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei
+Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war
+gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
+entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
+mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen
+werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v.
+Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die
+italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
+setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht
+erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
+Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die
+Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
+Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
+Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
+Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur
+Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die
+zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg
+endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen
+suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen
+Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem
+Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
+Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz
+treffen.
+
+Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
+bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
+anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
+Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
+der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
+Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
+im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine
+Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr
+Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand,
+Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg
+abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu
+Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
+in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
+und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen
+Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck,
+Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten
+sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
+Italien abgetreten.
+
+Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
+deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei
+Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie
+Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit
+Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
+verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung
+getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
+Ausruf veröffentlicht hatte:
+
+ * * * * *
+
+An die ungarischen Soldaten!
+
+Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der
+gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch.
+
+Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus
+Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen
+Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere
+ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
+jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
+hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den
+Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
+Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
+Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
+heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet
+denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
+erwarten.
+
+Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
+Vaterlandsverteidiger werden?
+
+Es lebe hoch das Vaterland!
+
+_Klapka_ m.p., ungarischer General.
+
+ * * * * *
+
+Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen
+Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf „An die Einwohner des
+glorreichen Königreichs Böhmen“ veröffentlicht worden war, der Stellen
+enthielt wie die folgende:
+
+„Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch
+den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
+nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein
+günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!“
+
+Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei
+dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten
+Niederträchtigkeiten — und als eine loyale Kriegführung konnte man doch
+die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen —, sie wurden
+entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
+Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
+auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen
+Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen?
+
+Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern
+begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
+an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter
+Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
+Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten
+die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die
+Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich
+Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
+„Preußischen Jahrbücher“ Bismarck aufforderte, die oppositionellen
+Staaten — Sachsen, Hannover, Kurhessen — zu vernichten:
+
+„Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung;
+ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen
+deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation....
+Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die
+Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation
+als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der
+achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit
+einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch
+geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über
+Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit,
+aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze
+der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
+und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch
+weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration
+die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die
+Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers
+mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
+kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine
+Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
+Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt,
+rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
+und entweihten Krone — wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend.“
+
+Und er schloß: „In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
+_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir
+wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
+zurückkehrt auf den Thron.“
+
+Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt
+wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen
+zusichern, „daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen
+Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse
+zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes
+begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät
+oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
+politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich,
+polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
+seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll“.
+
+Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden
+wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den
+damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
+eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen
+angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein
+Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
+Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich
+ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig
+und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und
+seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für
+Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit
+Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht
+gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
+unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
+das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847
+noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das
+preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
+Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche
+gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie
+in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer
+Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
+man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
+im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
+zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf.
+
+Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium
+Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
+Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als
+Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so
+stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich
+war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
+ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für
+dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen
+Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist
+sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung
+nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber
+sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch
+den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles
+der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
+Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
+Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge
+gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der
+Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft — von der
+Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden — hat zehn Millionen Deutsche in
+eine fast trostlose Lage versetzt. Unsere „Patrioten“ geraten in
+nationale Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt,
+aber an dem Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen
+in Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß.
+
+Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter
+unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam.
+
+In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar Bucher —
+also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste — über den
+Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: „Ein Sieg der
+Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel.“
+
+Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: „Nur in dem _populären_ Krieg
+gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation
+_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_....“
+Lassalle ging noch weiter und führte aus: „Eine Besiegung Frankreichs
+wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence.
+Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
+gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
+darstellt.“ Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: „Nur zur
+Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch
+im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische
+Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon
+mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung
+ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei.
+Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_.“[6] (Zugunsten der
+Revolution.)
+
+Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
+sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: „Endlich aber ist die
+Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine
+Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der
+Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
+und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die
+Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
+gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind,
+daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen
+Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
+großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen
+Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen,
+aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar
+erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk_.“ —
+
+Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
+Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
+in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die „Mitteldeutsche
+Volkszeitung“ gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
+weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand
+des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
+erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
+war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das
+Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der
+preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten.
+Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei,
+würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
+in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
+so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei
+Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
+wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich
+ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen
+Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt
+hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
+unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
+Stuttgart 1902.
+
+
+
+
+Nach dem Krieg.
+
+
+Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
+Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die
+Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
+Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
+für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
+nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen
+sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
+Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm,
+ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
+rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu
+einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung
+vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der
+Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben
+stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands
+in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine
+Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.
+
+Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
+der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue
+demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete:
+
+
+Forderungen der Demokratie.
+
+1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
+gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
+Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
+Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
+Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
+welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat.
+
+2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
+erbliche Zentralgewalt. — Kein Kleindeutschland unter preußischer
+Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland
+unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche
+dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
+Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen
+Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen.
+
+3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession.
+
+4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung.
+Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und
+des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und
+würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der
+Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht.
+Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung
+der der Volksschule Entwachsenen.
+
+5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und
+der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der
+Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines
+deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des
+Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit
+der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde.
+
+6. Selbstverwaltung der Gemeinden.
+
+7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der
+Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
+Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren.
+
+8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
+Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.
+
+Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die
+Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
+ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich
+von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden
+war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
+in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz
+nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
+Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht
+warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
+sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er
+bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung
+erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine
+Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner
+Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee,
+das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe,
+der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war — weshalb er sich
+gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
+hörte —, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre
+zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den
+legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
+dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich
+gründlich lächerlich zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen
+Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die
+mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das
+Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
+absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
+wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
+im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
+der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
+der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es
+stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.
+
+Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
+sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
+bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
+deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
+herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
+allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
+Kräfte zu befriedigen.
+
+Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
+der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
+wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
+insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die
+große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur
+politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
+der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
+daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung
+des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
+Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten.
+
+Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten
+gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß
+vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei
+verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not.
+
+„Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
+gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
+gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
+Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die
+große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
+Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von
+keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
+höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
+Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an
+den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine
+willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische
+Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
+der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere
+Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu
+entziehen droht.“
+
+Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
+gehen und allen Hader schwinden zu lassen.
+
+Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der
+ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
+durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte,
+war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
+könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen
+Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
+daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
+habe.
+
+Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
+nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
+die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
+bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
+sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung
+_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
+spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und
+Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der
+Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
+und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als
+selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
+wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr
+als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume
+schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem
+ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
+was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
+mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses
+einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die
+Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren
+Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
+entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
+schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
+Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und
+verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
+und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei
+agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
+tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate
+lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
+erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen
+sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
+und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
+Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis
+verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein
+gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
+Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
+Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
+Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
+politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat.
+
+Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang
+Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866
+nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
+aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte
+nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die
+Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
+Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
+Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
+kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
+Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
+in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
+nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
+siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
+Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er
+mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm
+voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
+zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen
+nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
+meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.
+
+Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt.
+So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem
+Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich
+hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit
+in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich.
+Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt,
+von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn
+einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte,
+nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den
+Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst
+den Wagen.
+
+Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten
+Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die
+künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission
+aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die
+Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von
+Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau — der Turnergötz, der damals ein
+roter Republikaner war — und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v.
+Schweizer und Dr. Reincke — der, als er später sein Mandat niederlegte,
+durch Fritzsche ersetzt wurde — und in einer Nachwahl Hasenclever
+gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich
+ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v.
+Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen
+Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der
+Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war
+ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so
+heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu
+reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe
+gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte.
+
+Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später.
+
+
+
+
+Die Weiterentwicklung.
+
+
+In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel
+abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte
+festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres
+eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die
+Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die „Allgemeine
+Arbeiterzeitung“, war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine
+Monatsschrift, „Die Arbeit“, die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben
+und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer
+wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in
+den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues
+Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel „Arbeiterhalle“ von
+Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage
+erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt
+erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es
+einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten
+und von Liebknecht redigierten „Demokratischen Wochenblattes“. Endlich
+wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen.
+
+Mit der Gründung des „Demokratischen Wochenblattes“ war einem von uns
+allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin
+kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten
+konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und
+soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat
+vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber
+waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden
+gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten.
+
+Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte
+mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867
+schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund
+bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil,
+daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848
+nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien,
+die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung
+mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer
+noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik
+fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im
+Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine
+losgehe.
+
+In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege,
+ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867
+hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich
+präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des
+sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen
+Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des
+Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und
+Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und
+Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der
+Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.
+Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die
+Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie
+gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die
+Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage
+vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß
+diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der
+Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen
+sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche
+Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine
+vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen.
+Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen
+7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten
+deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der
+ständige Ausschuß erklärte.
+
+Dieser Vereinstag — der vierte — wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten.
+Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein
+Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus
+Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar.
+Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische
+Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum
+Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei
+Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller
+Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der
+Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und
+Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die
+Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in
+sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem
+er in einer Resolution erklärte, ihm „im allgemeinen“ seine Zustimmung
+zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler
+referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur
+Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV
+wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere
+sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde
+von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses
+Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der
+Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle.
+Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland
+verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des
+Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate
+gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33
+Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit
+war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht,
+was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt
+einigermaßen aktionsfähig.
+
+Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über
+die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes
+Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter
+getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich
+hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet,
+die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution
+besagte:
+
+„Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es
+den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß
+Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer
+eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden
+Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit
+erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist,
+einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als
+notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über
+die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des
+Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem
+Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die
+Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden
+Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf
+Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung
+der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen
+(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch
+Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung
+der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter.“
+
+ * * * * *
+
+Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines
+Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872
+durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt
+wurde.
+
+In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand
+genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den
+vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte,
+was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in
+Nürnberg verhandelt wurde.
+
+Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein.
+Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen
+Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen.
+Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren
+Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer
+der „Arbeiterhalle“, an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf
+des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die
+verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht
+aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen
+Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der
+Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze
+Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer
+und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des
+Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte
+Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt
+Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr.
+Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende
+Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am
+Schlusse des ersten Geschäftsjahres — Ende August 1868 — betrug die Zahl
+der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr
+als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis
+zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die
+Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte
+Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von
+mir.
+
+Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung
+des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag
+und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab
+die ständige Mitarbeiterschaft am „Demokratischen Wochenblatt“, dessen
+ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit
+meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise
+vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir
+in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich
+manchmal kaum ein und aus wußte.
+
+Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen
+forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn
+gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25.
+Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es:
+
+„Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen
+aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf
+machte aber auf Dich einen ‚kläglichen‘ Eindruck. Das glaube ich nun
+wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den
+Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in
+ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter,
+aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe.
+
+Wenn ich jetzt vom ‚Erzwingen wollen‘ abgekommen bin, so ist nicht die
+Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung,
+daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach
+nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere
+Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse.
+
+Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du
+richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich,
+so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein;
+soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht,
+wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die
+Dauer fortführen willst....“
+
+Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder
+seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben
+müsse.
+
+Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage
+wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam.
+Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in
+der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter
+sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die
+Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_.
+Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure,
+Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging
+es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da
+schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O,
+diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel
+brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der
+Gegner verbluten sehen.
+
+Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der,
+als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem
+Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun
+und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft
+mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige
+Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere
+Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit;
+sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein
+ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er
+trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft
+ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß,
+wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft
+überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt,
+diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind,
+in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden
+können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher
+Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der
+Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden
+gehabt.
+
+Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine
+Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein
+dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das
+Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern,
+ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das
+erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein
+Ehrgeiz nicht.
+
+Wie ich die Arbeitslast — und die Jahre 1867 bis 1872 waren die
+arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit
+fehlte — bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In
+gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit
+Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur
+mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner
+Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte:
+„Die Arme, den wird sie nicht lange haben!“
+
+Zum Glück kam es anders.
+
+
+
+
+Persönliches.
+
+
+Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im
+Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist,
+die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine
+Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für
+denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu
+der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an
+der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie
+kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger
+Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode
+ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe
+nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit
+opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich
+geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre
+unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele
+schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich
+die Sonne ruhigerer Zeiten schien.
+
+Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde
+ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein
+amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß
+ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung
+auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen
+Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert
+Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der
+Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit
+bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: „Sie sind ja
+noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger
+Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu
+seinem Vergnügen treibt.“ Ich stand in der üblichen grünen
+Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: „Wie Sie sehen, sind
+Sie im Irrtum!“ Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den
+erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr.
+Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er
+mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden
+wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer
+prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde.
+
+Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir
+meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen
+hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als
+„Ausländer“ sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte
+die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld,
+denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern
+lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber
+die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig
+zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350
+Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen,
+indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit
+mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört,
+ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen
+Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte,
+was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal
+mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem
+Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war
+so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur
+Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein
+Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte
+mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne
+zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den
+kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen
+zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten
+Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch
+die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären
+mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes
+erspart geblieben.
+
+Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines
+Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen.
+Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun
+während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft
+gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner
+Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später
+einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: „Das
+geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld
+sparen konnte.“ Dieser „horrende Lohn“ betrug damals 4-1/2 Taler pro
+Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen
+Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden,
+anderwärts elf.
+
+Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die
+gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für
+das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber
+täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte
+also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur
+wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein
+Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals
+Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten
+überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht
+gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe
+wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben
+erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen
+Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der
+Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen,
+wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln
+mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den
+Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich
+machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste
+Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung.
+
+Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen
+mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott.
+Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen
+kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus
+Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott
+gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71,
+in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71
+mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft
+genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen
+lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten
+wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse
+Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem
+Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874
+währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden
+waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit
+Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg
+antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das
+Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen
+zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau
+tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von
+der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder,
+als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der
+fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich
+mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon
+daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da
+wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des
+Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den
+materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und
+sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter
+Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit
+Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel
+aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf
+erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die
+Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und
+die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem
+Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte.
+Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen
+Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese
+Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch
+wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im
+Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines
+Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten
+Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen
+Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die
+Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde
+Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr
+entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und
+widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in
+dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in
+Stuttgart kam.
+
+Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild
+von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir — mein Associé
+und ich — uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der
+Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker
+Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust
+wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu
+sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé
+wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr
+heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise
+in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen
+Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten
+Schwäbisch verwundert äußerte: „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?“ —
+Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht
+selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich
+unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still
+zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören
+bekam.
+
+
+
+
+Der Marsch nach Nürnberg
+
+
+Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und
+den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die
+Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen
+eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den
+Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten
+Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck
+hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der
+süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund
+nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von
+achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit
+geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war
+dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein
+großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die
+Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in
+Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen
+Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht
+vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in
+Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte,
+und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten
+für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener
+Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum
+Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten
+jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die
+demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten
+Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen
+wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und
+Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren
+zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht
+machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite
+Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die
+demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen.
+
+In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der
+Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung
+des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue
+Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt,
+als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine
+siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der
+Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten
+Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und
+die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese
+Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den
+Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht.
+
+In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden
+sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte
+der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im
+norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten
+Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der
+Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden
+Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich
+gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen
+eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen
+Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in
+einem Artikel in der „Arbeiterhalle“ beleuchtete.
+
+Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf
+die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar.
+Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die
+Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen
+werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten.
+Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in
+dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen,
+indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte
+Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an.
+
+Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei
+von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber
+dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann
+angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab.
+Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig
+übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des „Demokratischen
+Wochenblatts“ unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat
+über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten
+Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes
+Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden
+Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur.
+
+Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein
+Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen
+eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd
+gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den
+verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen.
+Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner,
+unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere
+„Mißerfolge“ im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem
+Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir
+würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich
+antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen
+Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf
+nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen
+entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich
+nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter
+müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die
+bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er
+(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze
+zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung
+beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu
+werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei
+der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch
+Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich,
+daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das
+könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das
+erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten
+Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der
+direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft,
+1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger
+Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich
+erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann
+wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten,
+wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines
+klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu
+weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß
+wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne,
+der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen
+würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten.
+
+Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von
+Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine
+durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am
+16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig
+ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits
+dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die
+Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit
+ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus
+ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung
+tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung.
+
+Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der
+Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark
+besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten.
+Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als
+Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung
+als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich
+als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr.
+Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des
+deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als
+Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als
+Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf,
+Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der
+deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als
+Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich
+Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war
+ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner,
+zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten
+hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in
+den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch
+als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags
+fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger
+Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung
+siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der
+fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium
+wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf
+Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung
+über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als
+erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als
+zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die
+Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei
+Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie
+verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber
+kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. „Keine Kompromisse“ rief es von
+den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der
+Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen.
+
+Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf.
+Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als
+Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die
+neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich
+zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten
+zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch
+eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte
+wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß
+das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46
+Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen
+Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und
+beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen
+Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die
+betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten
+sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen
+Parteien.
+
+ * * * * *
+
+Das angenommene Programm lautete:
+
+„Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine
+erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm
+der Internationalen Arbeiterassoziation:
+
+1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die
+arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die
+Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für
+Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und
+_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_.
+
+2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem
+Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet
+die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der
+geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit.
+
+3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur
+ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
+mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt
+und nur möglich im demokratischen Staat.
+
+Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter
+gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität
+zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem
+Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den
+arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die
+Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein
+soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es
+moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und
+theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt,
+beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die
+Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation.“
+
+ * * * * *
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm
+ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr
+standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der
+Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine
+Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte
+sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm
+einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und
+gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die
+ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der
+politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann
+Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie
+sich einverstanden.
+
+Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der
+Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war
+insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt
+Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er
+vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie
+erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später
+ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag)
+frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht.
+
+Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese
+Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des
+Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in
+Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es
+mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der
+Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte.
+
+Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags
+zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter
+den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer
+Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte,
+fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich,
+sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen
+durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter
+verwaltet werden solle.
+
+Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich
+vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete:
+
+„In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen
+Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den
+Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden
+Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8]
+
+In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie
+Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch
+_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können,
+beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und
+speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in
+zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_.“
+Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat
+faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den
+Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium
+zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle
+Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und
+Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens
+_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige
+Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch
+drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch
+Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_.
+
+Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die
+indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die
+zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war,
+zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster
+Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem
+Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die
+geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen.
+Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57.
+Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand.
+
+Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M.,
+Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg,
+Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg,
+Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien,
+Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den
+Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der
+norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und
+den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten.
+
+Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen
+Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob
+und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf
+antwortete ich in Nr. 46 des „Demokratischen Wochenblatts“ unter dem 23.
+September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe
+zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden,
+wir wollten die Arbeiter auf einen „sozial-kommunistischen Standpunkt“
+locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der
+„sozial-kommunistische“; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten
+diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine
+Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort
+Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor
+uns kopfscheu machen wolle. Die Worte „Sozialist“ und „Sozialismus“
+reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits
+gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so
+Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem
+Philister Angst in die Glieder zu jagen.
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine
+neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem
+Moniteur, dem „Sozialdemokrat“, den Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer
+kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische
+Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau
+wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender
+Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf
+der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in
+Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken
+bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate
+später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben — L.
+Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter
+Obermeister einer Schuhmacherinnung ist — äußerte nachher: „Schweitzer
+hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir
+abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen.“
+Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und
+ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und
+brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei.
+
+Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen
+Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine
+sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der
+Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten
+deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem
+bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung
+zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die
+Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache
+geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der
+Bewegung erspart geblieben.
+
+Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein,
+dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband
+eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften
+Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus
+dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben
+rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern
+des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl
+Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th.
+Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren.
+Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand;
+sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so
+ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich
+allmählich die fehlende Armee.
+
+Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen
+Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel
+anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern
+für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen.
+Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im
+Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der
+Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer
+große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für
+die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte
+unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche
+Geldzuschüsse erforderte auch das „Demokratische Wochenblatt“, das vom
+Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10
+Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge
+kamen. Auf ähnlicher „finanzieller Grundlage“ wurden später öfter
+Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten
+Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt
+kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich
+mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und
+sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung
+von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an
+Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als
+Redakteur des „Demokratischen Wochenblatts“ monatlich nur 40 Taler,
+später als Redakteur des „Volksstaat“ monatlich 65 Taler. Hepner wurde
+1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im
+„Demokratischen Wochenblatt“ schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung
+der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die
+Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses
+horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum
+Beispiel 1878 der „Vorwärts“, der Nachfolger des „Volksstaat“, auf Grund
+des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch
+dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der
+zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn
+Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu früher
+— denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt auch für
+den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — eine Bourgeoispartei
+geworden.
+
+Doch die Partei hat immer „Schwein“ gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu
+meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die
+Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die
+Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite,
+von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer
+auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit,
+als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war
+Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und
+mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert
+hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur
+Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000
+Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen
+und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war
+glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte
+meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der
+Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine
+Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes
+Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus
+der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den
+Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die
+Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres
+1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese
+Quelle.
+
+Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war
+erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet
+gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren
+Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag
+aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung
+in beiden Parteien immer erbitterter wurde.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete:
+
+An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London.
+
+Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der
+deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an
+Sie zu richten.
+
+Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in
+Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die
+Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste „Die Programmfrage“
+obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner
+in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach
+festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll.
+
+Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das
+Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste
+Nummer des „Vorboten“ enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den
+Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die
+Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also
+zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen
+würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch
+nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch
+einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den
+Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in
+Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen
+Arbeiterassoziation zu entsenden.
+
+Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen
+und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen
+Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten.
+
+Mit Gruß und Handschlag
+
+Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
+Vorsitzender.
+
+Leipzig, den 23. Juli 1868.
+
+[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für
+den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende
+Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
+Altersversicherung.
+
+
+
+
+Die Gewerkschaftsbewegung.
+
+
+Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
+glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das
+Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
+mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das
+Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den
+verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
+Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides
+notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
+der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
+Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man
+sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
+Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten
+im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
+Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard
+Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
+Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident
+halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im
+Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
+Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle
+Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
+mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
+großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin
+für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
+hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen
+Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für
+gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
+wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften
+erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
+Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
+schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes
+beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
+Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner
+„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
+veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die
+Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
+Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
+auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
+erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders
+gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt.
+Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
+Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
+Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:
+
+Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
+Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der
+Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
+das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung
+zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
+Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit,
+Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
+entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten,
+einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von
+allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.
+
+Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
+abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der
+Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der
+Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
+Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten
+Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen
+Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
+auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man
+ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
+ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der
+Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
+statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
+Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter
+vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der
+Rede, mit der er den Kongreß eröffnete:
+
+„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
+die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist
+das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
+viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
+und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche
+Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
+daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn
+zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind,
+_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren
+Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“
+Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es
+nicht sein.
+
+Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
+Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
+Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die
+Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur
+Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile
+der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte.
+
+Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
+günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
+September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt.
+Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
+Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
+Organisation bezüglichen Stellen lauten:
+
+ * * * * *
+
+„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit
+nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
+mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises
+verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß
+berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
+anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien
+selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
+Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und
+ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
+der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
+bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime
+Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
+widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement
+(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht
+wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von
+Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an
+die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig
+gehen zu lehren_.
+
+Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte
+verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2.
+der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch
+allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten.
+Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern.
+Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel
+(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen
+Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
+Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
+entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört.
+
+Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht
+durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
+bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
+und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale
+angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich.
+Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
+Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns
+mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.
+
+Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die
+meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich
+eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch
+das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem
+Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem
+Proudhonschen getan habe.
+
+Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere
+
+Ihr ergebener K. Marx.“
+
+Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht
+lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse
+Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen
+trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden
+entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung
+zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr.
+152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von
+den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die
+verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu
+verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den
+er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte
+Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom
+Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident
+niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis
+Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.
+
+Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die
+Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und
+beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien
+und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner
+Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte
+sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des
+Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien
+doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische
+Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung,
+damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an
+der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,
+Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die
+Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner.
+
+Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen
+solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die
+statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht
+vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den
+Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten
+sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu
+lassen.
+
+Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge
+geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen
+Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872
+auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung
+solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der
+Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner
+Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine
+Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende
+Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber
+nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,
+außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende
+Organisationen aufzulösen.
+
+Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel
+die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)
+seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen,
+daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb
+den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns
+auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts
+Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich
+sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag
+angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß
+sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden
+gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht
+der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem
+Sinne zu wirken.“
+
+Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens
+unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende
+und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt
+— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation
+als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den
+Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften.
+
+ * * * * *
+
+Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten
+Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für
+Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
+Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
+Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler
+Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu
+sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
+weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
+Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
+Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine
+Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
+Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
+Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
+Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
+der Berg- und Hüttenarbeiter.
+
+Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung
+litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter
+leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe
+zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft
+seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank.
+Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und
+der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die
+nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.
+
+Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung
+möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit
+Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark
+besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die
+Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende
+Resolution empfahl:
+
+„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem
+Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
+Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur
+Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;
+
+in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen
+Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur
+Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die
+heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher
+Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes
+Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den
+Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“
+
+Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir
+saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die
+Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand
+unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir
+verfaßte Resolution einstimmig angenommen:
+
+„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger
+Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses
+gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben
+darauf hinzuwirken:
+
+1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine
+gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und
+Verschmelzung berufen werde;
+
+2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die
+beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis
+zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig
+unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß
+wählen;
+
+3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den
+Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von
+Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
+Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
+Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“
+
+Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.
+141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer
+eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge
+zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung
+zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem
+Nachdruck entgegenzuarbeiten“.
+
+Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf
+weiteres hinfällig geworden.
+
+Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher
+Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß
+die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis
+abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich
+sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die
+Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist
+Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf
+Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften
+angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften
+den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand
+ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 —
+stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die
+Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung
+spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften
+unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und
+traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des
+Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in
+allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai
+1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer
+Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:
+
+„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für
+die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht
+bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu
+erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt
+abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die
+Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch
+die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben
+werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von
+den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für
+die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche
+Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,
+die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5.
+daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter
+entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß
+die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den
+Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten
+lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei
+augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu
+unterstützen.
+
+Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen,
+einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit
+vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann;
+ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem
+ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,
+Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege
+der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“
+
+In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen
+Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und
+Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
+Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.
+Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
+Entwicklung.
+
+Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf
+dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die
+Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen
+Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni
+im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den
+Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art
+einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem
+aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in
+Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der
+Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften.
+Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen
+sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht
+schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in
+jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen
+des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich
+sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter
+dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von
+gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil
+der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die
+Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn
+Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern
+angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,
+und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar
+überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der
+Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,
+in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der
+Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu
+Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine
+Organisationsvorschläge auseinander.
+
+Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs
+Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der
+Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der
+Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine
+Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die
+Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution
+einstimmig angenommen:
+
+„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie
+konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich
+sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste
+Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem
+neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die
+Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen,
+die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung
+ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die
+verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die
+Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß
+sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß
+gefaßt hat.“
+
+Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder
+frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven
+York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die
+Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er
+stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und
+Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib
+meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft
+übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft
+und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich
+tätig sein.
+
+Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die
+sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die
+Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf
+diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874
+nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die
+Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten
+Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die
+Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften
+fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem
+Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr
+als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft
+und Gesundheit geschaffen worden war.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: „In den Statuten der
+Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der
+Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion,
+als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag
+schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und
+ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des
+Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur
+einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil
+dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.“
+
+So der „Diktator“ der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren,
+daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders
+denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr
+wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge
+heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich
+trotzdem nie mit ihnen gehabt.
+
+A.B.
+
+
+
+
+Meine erste Verurteilung.
+
+
+Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin
+Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien
+zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas — Ende September
+1868 — zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den
+Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung
+die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die
+Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem
+spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich
+glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die
+Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu
+nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als
+sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der
+Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als
+fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der
+Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich
+der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen,
+so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und
+dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet
+in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der
+Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für
+jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines
+Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer
+geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß,
+seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus
+Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den
+Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken
+zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu
+unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen
+Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der
+Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war
+immer seine schwächste Seite.
+
+Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige
+Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er
+wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale
+veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust,
+bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die
+Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung
+des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß
+Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v.
+Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden.
+So teilt er in „Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi“ den Bericht eines
+seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt:
+
+„Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus
+eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um
+nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution
+hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in
+London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis
+Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in
+Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf
+Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel
+Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland
+erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt
+ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische
+Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu
+organisieren.“
+
+Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert.
+Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher
+Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.
+
+Die erwähnte Adresse „An das spanische Volk“, die Liebknecht in einer
+Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung,
+vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi.
+Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung
+staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869 — so lange
+hatte der Instanzenzug gedauert — im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis
+verbüßten.
+
+Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß
+zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals
+niemand.
+
+
+
+
+Vor Barmen-Elberfeld.
+
+
+Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868
+immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl
+Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg — Herbst 1868 — eine Geldsammlung
+veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen
+Professor Planck — der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen
+Gesetzbuch wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb — im Wahlkreis Celle
+unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen
+Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869
+hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach
+Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des
+sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die
+sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet.
+Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung
+abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der
+Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen.
+
+Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein
+kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz
+bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese,
+Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus
+Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die
+Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und
+schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die
+Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies,
+die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen
+Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die
+furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung
+hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung
+absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde
+mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die
+Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich
+niederzuschlagen gedroht.
+
+Sechs Monate später — der Eisenacher Kongreß war vorüber — hielt ich in
+Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der
+Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult
+in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie
+begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge
+leisten können.
+
+Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine
+persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde
+rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den
+Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder
+Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen,
+sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig
+ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im
+„Demokratischen Wochenblatt“, daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme
+und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten
+und zu beweisen, daß Schweitzer — sei es für Geld oder aus Neigung —
+seit Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der
+Arbeiterpartei zu hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen
+Cäsarismus spiele. Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan,
+ihm ausweichen wollen, so sei er bereit — allein oder mit
+mir —, in Gegenwart von Schweitzers Bevollmächtigten und der
+Arbeiterschaftspräsidenten ihm entgegenzutreten, oder — allein oder mit
+mir — auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins zu erscheinen und seine Anklagen zu begründen. Weiter
+machte er den Vorschlag, den Generalrat der Internationale als
+Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich anzurufen.
+
+Nachdem der „Sozialdemokrat“ festgestellt, daß Schweitzer auf der
+letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt
+worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er:
+Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er,
+der „Sozialdemokrat“, nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu
+können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der
+Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde.
+Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in
+Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein nicht einlassen.
+
+Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt
+hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen,
+und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte
+Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur
+Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng
+genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer
+an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten
+Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen
+ihn am wenigsten kompromittiere.
+
+Merkwürdigerweise erklärte der „Sozialdemokrat“ drei Tage später,
+Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der
+Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des
+„Sozialdemokrat“ wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen,
+Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß
+ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später
+anders.
+
+Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten
+hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den
+wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere
+Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung
+erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich
+geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal.
+
+Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann
+weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil
+meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt
+werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten.
+
+Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche
+Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während
+desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung
+mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die
+weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher
+Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei
+Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser
+Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen
+wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem
+Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei
+natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen,
+sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach
+dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen
+sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige
+Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der
+Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu
+machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war
+ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren
+Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch
+und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen
+Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt.
+Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins
+alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren
+Situation.
+
+Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen
+Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen,
+das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer
+wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl
+Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der
+Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung,
+denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten
+mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments
+war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und
+indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der
+parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld
+eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem
+Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+works.
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+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
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@@ -0,0 +1,7933 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Aus meinem Leben, Erster Teil
+
+Author: August Bebel
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12267]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Aus meinem Leben
+
+
+Von August Bebel
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+
+1910
+
+
+Meiner lieben Frau
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+Vorwort
+Aus der Kinder- und Jugendzeit
+Die Lehr- und Wanderjahre
+Zurück nach Wetzlar und weiter
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben
+Lassalles Auftreten und dessen Folge
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
+Friedrich Albert Lange
+Neue soziale Erscheinungen
+Der Stuttgarter Vereinstag
+Wilhelm Liebknecht
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
+Die Katastrophe von 1866
+Nach dem Krieg
+Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
+Persönliches
+Der Marsch nach Nürnberg
+Die Gewerkschaftsbewegung
+Meine erste Verurteilung
+Vor Barmen-Elberfeld
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich möchte meine Erinnerungen
+schreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ich
+durch die Gunst der Verhältnisse in eine einflußreiche Stellung gelangt,
+dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstände kennen zu
+lernen, die dazu führten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und
+schiefer Urteile, mit denen ich so oft überschüttet wurde, lassen es mir
+gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran
+Wahres ist.
+
+Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls
+hat es keinen Zweck, über sein Leben Veröffentlichungen zu machen. Der
+Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu
+welcher Partei er sich zählt, wird mir nicht den Vorwurf machen können,
+ich hätte vertuscht oder schön gefärbt. Ich habe die Wahrheit gesagt
+auch dort, wo mancher denken wird, ich hätte besser getan, sie zu
+verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen
+Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den
+Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am
+besten befähigt.
+
+Wollte ich nach Möglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich
+nicht auf mein Gedächtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren läßt
+einen das Gedächtnis im Stich, selbst Vorgänge, die sich einem tief
+einprägten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine
+ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung häufig nicht nur bei mir,
+sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten
+Glauben Vorgänge früherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden
+erzählt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die
+unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgänge geschrieben wurden, ganz
+anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht geführt: Kein Richter
+sollte über wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid
+abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist groß.
+
+Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie
+zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Möglichkeit
+Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.
+
+Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefährlich war,
+Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder
+an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der
+Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde
+Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu
+werden, sei es, um Material für einen Prozeß gegen mich oder gegen
+andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwälten
+in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein, dem man nicht über den Weg
+trauen dürfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Gründen verbot
+sich aber auch die Führung eines Tagebuchs.
+
+In der vorliegenden Veröffentlichung ist namentlich in bezug auf die
+antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen
+Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt
+war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann
+gestorben ist, lebt außer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit
+so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfügung
+stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen
+bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder
+anstrengenden Geistesarbeit unfähig machte, ließ es nicht zu. Behalte
+ich die nötige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit
+ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen.
+
+Schöneberg-Berlin, Neujahr 1910
+
+A. Bebel.
+
+
+
+
+[Illustration: Meine Geburtsstätte. Die Kasematte zu Deutz-Köln.]
+
+
+
+
+Aus der Kinder- und Jugendzeit.
+
+
+Will man einen Menschen genauer beurteilen, so muß man die Geschichte
+seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
+Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
+ihn umgebenden Zuständen sehr wesentlich abhängt. Anlagen und
+Charaktereigenschaften können durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
+gefördert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrückt
+werden. Es hängt alsdann von den Verhältnissen im späteren Leben, öfter
+auch von der Energie der betreffenden Persönlichkeit ab, ob und wie
+fehlerhafte Erziehung oder unterdrückt gewesene Eigenschaften sich
+Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
+selbst, denn die Eindrücke, die der Mensch in seiner Kinder- und
+Jugendzeit empfängt, beeinflussen am meisten sein Fühlen und Denken. Was
+immer im späteren Leben die Verhältnisse aus dem einzelnen machen, die
+Eindrücke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
+und oft bestimmen sie sein Handeln.
+
+Ich wenigstens muß eingestehen, daß die Eindrücke und Erlebnisse in den
+Kinder- und Jugendjahren mich häufig in einer Weise gefangen nahmen, daß
+ich Mühe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
+sie nie.
+
+Der Mensch ist irgendwo geboren.
+
+Mir wurde dieses Glück zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
+in der Kasematte zu Deutz-Köln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
+war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
+Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
+Mein Taufschein weist nicht Deutz--das damals noch eine selbständige
+Gemeinde war--, sondern Köln als Geburtsort auf, offenbar weil die
+Deutzer Garnison zu jener der Festung Köln und zur gleichen
+Kirchengemeinde gehörte.
+
+Das "Licht der Welt", in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
+trübe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdürftig die grauen Wände
+einer großen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
+Wohnzimmer, Salon, Küche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
+Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
+"ein historischer Moment", als eben draußen vor der Kasematte der
+Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit "unvordenklichen
+Zeiten" das Zeichen, daß die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
+haben.
+
+Prophetisch angelegte Naturen könnten aus dieser Tatsache schließen, daß
+damit schon meine spätere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
+Staatsordnung angekündigt wurde. Denn streng genommen verstieß es wider
+die militärische Ordnung, daß ich als preußisches Unteroffizierskind in
+demselben Augenblick die Wände einer königlichen Kasemattenstube
+beschrie--und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht kräftige
+Stimme gehabt haben--, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.
+
+Aber die so folgerten, täuschten sich. Es hat später noch geraumer Zeit
+bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
+Leben in der Kasematte und die späteren Jugendeindrücke mich geschlagen
+hatten.
+
+Es ist nicht überflüssig, weil für die Beurteilung meiner selbst
+notwendig, hier einiges über meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
+Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
+Böttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu müssen, daß die
+Bebels aus dem Südwesten Deutschlands (Württemberg) nach dem Osten, etwa
+um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, daß
+um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
+sind sie bis heute in Südwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
+Bebel seit der Reformationszeit durch Träger desselben in öffentlichen
+Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der "Facetiae", den
+Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tübingen war und 1518 starb.
+Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
+Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
+um 1669 in Straßburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
+1792 in Nagold in Württemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
+als Böbel in Süddeutschland zu finden. Daß mein Vater vom Osten nach dem
+Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, daß er mit
+seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
+Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
+1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preußische Regierung
+für angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
+Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preußischen
+Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
+Umstand veranlaßte, daß mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.
+
+Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
+Kleinbürgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
+war Bäcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
+Mutter, dem Beispiel der Töchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
+Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmädchen
+Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
+machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann später das
+betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
+zurückversetzt wurde, trat mein Vater in Rücksicht auf seine Braut,
+vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
+Heimat, aus demselben aus und trat in das in Köln-Deutz garnisonierende
+25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
+folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
+garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Füsilierregiment)
+übertrat.
+
+Eine preußische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
+erbärmlichen Verhältnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
+jener Zeit überhaupt in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhans
+Küchenmeister war, und so ziemlich jeder für Gott, König und Vaterland
+den Schmachtriemen anziehen und hungern mußte. Meine Mutter erhielt die
+Erlaubnis, eine Art Kantine führen zu dürfen, das heißt sie hatte das
+Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
+zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
+sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
+Rüböl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Näpfe mit dampfenden
+Pellkartoffeln füllte, à Portion 6 Pfennig preußisch.
+
+Für uns Kinder--mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
+1842 der zweite geboren worden--war das Leben in den Kasematten ein
+Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
+verhätschelt oder auch gehänselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
+Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerückt
+waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
+Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
+der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
+mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen
+Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
+Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
+saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
+der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und malträtierte
+die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüberwohnenden
+Dragonerrittmeisters so "entzückte", daß sie uns öfter für meine
+musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natürlich
+litten unter diesen musikalischen nicht die militärischen Uebungen. Der
+Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstäblich in der
+Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
+selbstverständlich beide aus einem alten Militärmantel des Vaters
+gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der nötigen
+Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
+übenden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
+Mutter später öfter humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts
+und links Aufrücken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
+den Mannschaften viel Schweiß verursachte und bei der ich ihnen manchmal
+von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
+hingestellt worden sein soll.
+
+Meines Vaters Augen sahen aber allmählich das Kommißleben anders an wie
+sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter öfter erzählte, gleich
+seinem Bruder ein außerordentlich gewissenhafter, pünktlicher und
+adretter Militär--ein sogenannter Mustersoldat--, aber er hatte zu jener
+Zeit bereits seine zwölf und mehr Jahre Militärdienstzeit auf dem
+Rücken, und stand ihm das Soldatenleben schließlich, wie man zu sagen
+pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
+kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
+feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhängigkeits- und
+Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, für
+den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
+er öfter in höchstem Zorn und mit Verwünschungen auf den Lippen vom
+Exerzierplatz in die düstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
+Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
+Frankreich und Preußen drohte, soll er eines Tages in höchster Empörung
+in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
+Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
+"Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschieße, gilt einem
+preußischen Offizier!" Der Ausdruck "preußischer Offizier" im Munde
+eines preußischen Unteroffiziers befremdet, er erklärt sich aber. Damals
+und noch viel später wurde von der Bevölkerung des preußischen
+Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als "Preuß" bezeichnet. Die
+Rheinländer fühlten sich noch nicht als Preußen. Mußte ein junger Mann
+Soldat werden, hieß es kurz: er muß Preuß (plattdeutsch "Prüß") werden.
+Es gab sogar hierfür ein derbes Schimpfwort. Ich hörte noch im Frühjahr
+1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
+Elberfeld war, daß in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
+ein Gast zu den anderen sagte: "Was will denn der preußische Offizier
+hier?", als er auf der Straße einen Offizier vorübergehen sah. Elberfeld
+hatte damals wie heute keine Garnison.
+
+Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater geläufig
+geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fünfzehnjähriger
+Dienstzeit als schwer kranker Mann über Jahr und Tag im Militärlazarett
+verbringen mußte, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
+die Mutter wiederholt in der nachdrücklichsten Weise gebeten, nach
+seinem Tode uns Jungen ja nicht für das Militärwaisenhaus einzugeben,
+weil damit die Verpflichtung zu einer späteren neunjährigen Dienstzeit
+in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, daß die Mutter dieses
+dennoch aus Not tun könnte, rief er in seiner durch die Krankheit
+gesteigerten Erregung wiederholt aus: "Tust du es dennoch, ich erstech'
+die Jungen vor der Kompagnie." In seiner Erregung übersah er, daß er
+alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.
+
+Meinem Vater schlug insofern die Erlösungsstunde, als ihm im Frühjahr
+1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, für welchen Dienst
+er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
+die Familie teils zu Fuß, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
+Möbel trug--denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
+noch nicht--, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
+Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
+zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
+Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzündung nannte
+es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
+Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
+noch nicht aus dem Militärverhältnis entlassen war, mußten wir mit dem
+schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Köln
+zurücklegen. Ein sehr schweres Stück für meine Mutter. In Köln
+angekommen, wurde der Vater in das Militärlazarett geschafft, und uns
+wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
+dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
+starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne daß die Mutter die Berechtigung zum
+Bezug einer Pension hatte. Wir mußten kurz nach dem Tode des Vaters die
+Kasematte verlassen, und die Mutter wäre schon jetzt gezwungen gewesen,
+nach ihrer Heimat Wetzlar überzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
+des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
+Pflicht besser erfüllen zu können, entschloß er sich, Herbst 1844, meine
+Mutter zu heiraten.
+
+Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvalidität mit
+einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
+Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invalidität war der
+Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzündung, die später
+ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
+Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
+Militärlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
+Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
+Brauweiler bei Köln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
+Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
+Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mußte meist erst ein
+bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
+solche frei wurde. Bezeichnend für die Art des Postdienstes jener Zeit
+ist, daß, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
+Bruder schrieb, um eine ihm nötige amtliche Vollmacht für seine Heirat
+zu erwirken, er auf der Adresse des zufällig in meinen Händen
+befindlichen Briefes vermerkte: "Absender bittet um baldige Abgabe." Die
+Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch säumige.
+Die gewünschte Stelle bei der Post als Briefträger wurde meinem
+Stiefvater nach mehrjährigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
+als er eben auf der Totenbahre lag.
+
+Wir siedelten im Spätsommer 1844 nach Brauweiler über. Mein nunmehriger
+Vater hatte hier in der großen Provinzialanstalt sicher den schwersten
+Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
+sich dort für die Arbeitshäusler befand, die wegen Vergehen in der
+Anstalt zu Gefängnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen großen
+Komplex von Gebäuden und Höfen und umschloß auch Gartenland. Das alles
+war mit einer hohen Mauer umzogen. Männer, Frauen und jugendliche
+Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
+in dem sich auch unsere Wohnung befand, mußte man über mehrere Höfe
+schreiten, die durch schwere verschlossene Türen voneinander getrennt
+waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
+abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dämmerung eintrat, flogen
+Dutzende von Eulen in allen Größen mit ihrem Gefauche und Gekrächze um
+das Gebäude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
+Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
+dieser Aufenthalt für uns Kinder, und vermutlich auch für meine Eltern,
+kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
+und bis zum späten Abend währte, war ein sehr anstrengender und mit viel
+Aerger verknüpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
+grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, daß junge und ältere
+Männer, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheußlichen Prozedur
+des Krummschließens unterziehen mußten. Dieses Krummschließen bestand
+darin, daß der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
+legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fußschellen angelegt. Darauf
+wurde ihm die rechte Hand über den Rücken hinweg an den linken Fuß und
+die linke Hand ebenfalls über den Rücken an den rechten Fuß gefesselt.
+Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
+Körper über Brust und Arme auf dem Rücken scharf zusammengezogen. So als
+lebendes Knäuel zusammengeschnürt, mußte der Uebeltäter zwei Stunden
+lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
+abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.
+
+Das Gebrülle und Gestöhne der so Mißhandelten durchtönte das ganze
+Gebäude und machte natürlich auf uns Kinder einen schauerlichen
+Eindruck.
+
+Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
+vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
+jugendlichen Alter als "Freiwilliger" aufgenommen. Kehrten wir Kinder
+aus dieser zurück, so mußten wir eines der Anstaltstore passieren, das
+eine Schildwache zu öffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
+Ueberraschung, als der Posten die Tür öffnete und wir statt des bisher
+im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glänzenden Helm von sehr
+bedeutender Höhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
+waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetüme
+und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
+unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: "Jungs, macht, daß
+ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tür vor der Nase zu!"
+
+Das Leben für uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
+abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
+Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
+strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
+eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
+gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
+hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mußte die Mutter dem
+Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maßloser Erregung schwere
+körperliche Züchtigungen an uns vollzog. Sind Prügel der höchste Ausfluß
+erzieherischer Weisheit, dann muß ich ein wahrer Mustermensch geworden
+sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prügel.
+
+Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste für unser Wohl bemüht,
+denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
+Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
+geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
+bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
+Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit mußten
+fünf, später vier Menschen auskommen, da mein jüngster Bruder, ein
+bildhübsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.
+
+Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
+Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijähriger Ehe. So war
+meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
+Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
+staatliche Unterstützung. Nunmehr blieb ihr nichts übrig, als nach ihrer
+Heimat Wetzlar überzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
+Siebensachen auf einen Wagen geladen--die heutigen Möbelwagen gab es
+wohl zu jener Zeit noch nicht--und wurde die Reise nach Köln angetreten.
+Das Wetter war häßlich. Es war kalt und regnerisch. In Köln wurde der
+Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster gesetzt, um von
+dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per Wagen das Lahntal
+hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir abends gegen 10 Uhr
+die Schiffskajüte zur Fahrt nach Koblenz betraten, war diese mit
+Menschen überfüllt und herrschte ein Tabaksqualm zum Ersticken. Da uns
+niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmüde wie wir waren, uns
+dicht an der Tür auf den Fußboden und schliefen, wie nur müde Kinder
+schlafen können. Den fünften oder sechsten Tag kamen wir endlich in
+Wetzlar an, in dem damals noch meine Großmutter und vier verheiratete
+Geschwister--drei Schwestern und ein Bruder--meiner Mutter lebten.
+
+Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
+kleine, romantisch gelegene Stadt, besaß damals eine ganz vortreffliche
+Volksschule. Zunächst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
+einem großen Gebäude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
+Ordensrittern gehörte, befand. In dem großen Vorhof zu diesem Gebäude
+steht links das einstöckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
+Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, daß ich später
+mehreremal in diesem Hause übernachtete, als einer meiner Vettern
+Cicerone für das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
+der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
+Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
+Der Brunnen heißt seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre später
+wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
+Stadttheater bei.
+
+Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Bürgerschule
+verschmolzen, wir hießen jetzt Freischüler; die Mädchen erhielten das
+Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.
+
+Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
+mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehörte zu den besten
+Schülern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
+prächtiger Mann, veranlaßte, mich mit noch zwei Kameraden extra
+vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
+lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
+Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Religion, für die ich keinen
+Sinn hatte--und meine Mutter, eine aufgeklärte und freidenkende Frau,
+quälte uns zu Hause nicht damit--, lernte ich nur, weil ich mußte. Ich
+war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
+daß ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
+Antworten gab, die gar nicht ins Schema paßten und mir kleine
+Strafpredigten eintrugen.
+
+Im übrigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
+kein Frömmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, daß man
+ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
+In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
+heute noch, die im Spätherbst oder Winter geschlachteten Gänse eine
+Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
+förderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Höhe, in der Regel
+vor das Fenster gehängt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nächsten
+Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
+das fein säuberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustür
+und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schöne Verslein stand:
+
+ Guten Morgen, Herr Schwager!
+ Gestern war ich fett und heut bin ich mager!
+
+Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
+derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
+lachte.
+
+Wenn ich aber fleißig lernte und überall im Können mit an der Spitze
+stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
+nun einmal bei Jungen, die ein größeres Maß Bewegungsfreiheit haben,
+unausbleiblich, ja selbstverständlich sind. Das brachte mich in
+"sittlicher" Beziehung in einen üblen Ruf. Namentlich genoß ich diesen
+bei unserem Kantor, der das Departement des Aeußern zu vertreten hatte,
+das heißt, der all die bösen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
+an den Attentätern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
+dieser Rolle kam, weiß ich nicht. Vielleicht daß sein Dienstalter oder
+seine Körperfülle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prädestinierte.
+Auch wußte er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
+schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
+Händen uns rechts und links ins Gesicht fuhr, daß es nur so klatschte.
+Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
+kleinen fetten Hände zu bewundern.
+
+Unsere Haupttummelplätze waren die nächste Umgebung des Domes, das alte
+Reichskammergerichtsgebäude, dessen große Räume jahrelang als Lagerplatz
+einem Gastwirt dienten, die große Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
+Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee--der Ort Garbenheim besitzt
+ebenfalls Erinnerungen an Goethe--, auf deren Felsplatten wir unsere
+"Festungen" errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
+Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
+unsere Raubzüge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
+Braten zu holen. Eines Tages mußten wir dafür eine mehrstündige
+Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
+abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich während der
+Ferien, waren zahllos.
+
+Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
+Lieblingsbeschäftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
+ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Fluß, gab im Sommer
+die gewünschte Badegelegenheit und im Winter die Möglichkeit zum
+Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, daß mein
+Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
+unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wäre, breitete er
+nicht unwillkürlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
+ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
+Garbenheimer Chaussee. Hier mußte er sich entkleiden, wir borgten ihm
+einzelne Kleidungsstücke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
+wir in der ungewöhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
+erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
+ermöglicht wurde, daß wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
+es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.
+
+Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre älter
+war als ich, bei ähnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
+vorzüglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
+Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
+spiegelblanken Eisfläche nicht sah, daß vor dem Wehr ein breiter
+Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
+umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spät. Als er den
+Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
+fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
+bringen, brach es von neuem. Rasch riß ich jetzt einen langen
+gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
+vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
+knüpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
+glücklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
+gerettet.
+
+Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmählich so fest begründet,
+daß er es als selbstverständlich voraussetzte, daß ich bei jeder
+Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
+Kameraden vor ungerechter Strafe zu schützen, indem ich mich für diesen
+ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
+mitbestraft, auch wenn ich gänzlich unbeteiligt war. Später hat man mir
+in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
+scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
+allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
+gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach "Berühmtheit"
+folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
+lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
+eingemeißelt hatte. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als
+Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natürlich wurde
+die böse Tat am nächsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
+von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal über Mittag
+bleiben. Das bedeutete, daß ich vom Schluß der Schule am Vormittag bis
+zum Beginn derselben am Nachmittag im "Karzer" zubringen mußte, also
+erst nach dem zweiten Schulschluß nach Hause kam und so mein Mittagessen
+einbüßte. Zum Glück aber hatte der Kantor eine weichmütige Tochter.
+Diese beobachtete mich an der Seite ihres Bräutigams, als ich am zweiten
+Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen über die
+Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lärmten.
+Von meinem Schicksal gerührt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
+eine vollständige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
+anzukündigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
+einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Hätte
+das Ewigweibliche öfter über mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
+glaube, ich wäre manchmal besser davongekommen.
+
+Indes kam auch für mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
+jetzt mußt du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
+vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
+Jägerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
+gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
+Bevölkerung demselben als Zuhörer beiwohnte, war Major v.G., ein Hüne an
+Gestalt. Die Prüfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
+Merkwürdigerweise wurden diese ausschließlich auf das sittliche
+Verhalten hin erteilt. Alle Schüler der Klasse hatten bereits ihre
+Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren übrig. Wir allein
+erhielten die Zensur fünf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
+Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, daß es zu
+Hause für Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
+nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
+Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, daß er in K. eine
+hohe militärische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine böse
+Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
+ordentlich, das heißt ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
+erhielt ich im nächsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
+letzten Prüfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wäre es damals auf die
+Stimmung der Klasse angekommen, ich hätte auch eine der beiden zur
+Verteilung gelangten Prämien erhalten. Als der Rektor den Namen des
+zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
+Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber
+doch nicht in dem Maße, um mir eine Prämie zu geben. So trat ich
+prämienlos ins Leben.
+
+ * * * * *
+
+Unsere materiellen Verhältnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
+An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
+Unterstützung, die sie später vom Staat erhielt, bestand in 15
+Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
+gewährt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
+beide als Kandidaten für das Militärwaisenhaus in Potsdam angemeldet
+hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
+mittlerweile gestorbenen Mutter fünf bis sechs Parzellen Land geerbt,
+die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
+Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
+um leben zu können. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
+ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
+vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gänzlich mittellos in
+der Welt stünden. Was eine Mutter für ihre Kinder opfern kann, habe ich
+an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter für ihren
+Schwager--einen Handschuhmacher--weiße Militärlederhandschuhe genäht,
+das Paar für 6 Kreuzer, ungefähr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
+konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
+zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mußte sie nach einigen
+Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
+ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
+unmöglich machte. Ich als Aeltester mußte die Ordnung des kleinen
+Hauswesens, Stube und Kammer, übernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
+Stube und Kammer zu reinigen und sie samstäglich zu scheuern; ich mußte
+das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
+Tätigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
+Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter später aber auch
+unmöglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
+Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklärten. Für die
+Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
+Familien das bißchen Essen, dessen sie benötigte. Um unsere Lage etwas
+zu verbessern, beschloß ich, als Kegeljunge tätig zu sein. Nach Schluß
+der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
+Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
+Uhr nach Hause, am Sonntag weit später. Aber das fortgesetzte Bücken
+verursachte mir so heftige Rückenschmerzen, daß ich jeden Abend stöhnend
+nach Hause kam. Ich mußte diese Beschäftigung einstellen. Eine andere
+Beschäftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
+Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
+war, wenn es neblig, naß und kalt war, keine angenehme Beschäftigung,
+von früh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
+arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein großer Sack Kartoffeln für den
+Winter, außerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
+gingen, zur Anregung ein großes Stück Zwetschgenkuchen, den wir beide
+leidenschaftlich liebten.
+
+Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwölften Lebensjahr stand, kam
+vom Militärwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder könne einrücken. Ich
+war auf Grund ärztlicher Untersuchung als körperlich zu schwach dazu
+erklärt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fühlte ihr
+Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu können, daß mein
+Bruder für zwei Jahre Militärerziehung nachher zu neun Jahren
+Militärdienstzeit verpflichtet werde. "Wollt ihr Soldat werden, so geht
+später freiwillig, ich verantworte es nicht," äußerte sie zu uns. So
+unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militärwaisenhaus, der für
+mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.
+
+Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
+1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
+Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung übertrug
+sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation über unsere
+politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
+stellte sich heraus, daß nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
+waren. Dafür wurden wir beide mit einer Tracht Prügel bedacht. Wenn sich
+also meine politischen Gegner über meine "antipatriotische" Gesinnung
+entrüsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
+dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
+zu ihrer Genugtuung, daß ich schon fürs Vaterland gelitten habe, als
+ihre Väter und Großväter noch in ihrer Maienblüte Unschuld zu den
+Antipatrioten gehörten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
+größere Teil der Bevölkerung republikanisch gesinnt.
+
+Für meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tägliches Einerlei insofern
+eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rückmarsch aus dem
+badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
+mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
+standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von früher
+kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drängen ließ sich meine
+Mutter herbei, einen Mittagstisch für sie einzurichten. Profitiert hat
+sie wohl nichts. Ich hörte eines Tages, daß zwei der Gäste auf der
+Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
+aber auch wunderten, daß es meine Mutter für so billigen Preis liefern
+könne.
+
+Sehr amüsant für uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
+Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern mußten damals noch
+allerlei aus der Feudalzeit übernommene Verpflichtungen erfüllen. Da
+alles für Freiheit und Gleichheit schwärmte, wollten sie jetzt diese
+Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
+zogen nach Braunfels vor das Schloß des Fürsten von Solms-Braunfels. An
+der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine große schwarzweiße Fahne
+getragen, zum Zeichen, daß man allenfalls preußisch, aber nicht
+braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
+Kalibers, die große Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
+usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
+verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Fürsten
+zu schützen, wenn sie nicht schon vorher ausgerückt war. Ueber die
+Begegnung der Bauernführer mit dem Fürsten kursierten in Wetzlar sehr
+amüsante Erzählungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
+oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
+Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
+Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
+seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
+Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
+Gelegenheit zum Sturmläuten hatte fortreißen lassen, wurde mit drei
+Jahren Zuchthaus bestraft. Für die Bürgerwehr, die in den
+Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefühl der
+Geringschätzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehörten, und
+zwar wegen der mangelnden militärischen Haltung, mit der sie ihre
+Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni
+starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie
+am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stündlein herannahen fühlte,
+beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafür gab sie
+nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt.
+In trübseliger Stimmung saßen wir stundenlang auf der Treppe und
+warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die
+Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, daß soeben unsere Mutter
+gestorben sei. Noch an demselben Abend mußten wir unsere Habseligkeiten
+packen und den Tanten folgen, ohne daß wir die tote Mutter noch zu sehen
+bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben
+gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben
+binnen drei Jahren zwei Ehemänner, außerdem zwei Kinder, außer meinem
+jüngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich
+aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brüdern hatte sie wiederholt
+schwere Krankheitsfälle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am
+Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige
+Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam
+aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder stürzte, neun Jahre alt,
+beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne
+herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung
+davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst
+litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trübsal und Sorge
+konnten einer Mutter kaum beschieden sein.
+
+Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermühle in Wetzlar in
+Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann
+Bäcker war. Ich mußte jetzt fleißig in der Mühle zugreifen. Besonderes
+Vergnügen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaßen, Mehl
+aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in
+Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide
+zum Rücktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der
+Stadt reiten. Das ließ sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges
+Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte
+anders. Er besaß offenbar so etwas wie Standesbewußtsein, denn außer der
+gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rücken. Als ich aber doch
+eines Tages auf seinem Rücken Platz genommen hatte, setzte er sich
+sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit
+den Hinterbeinen nach Kräften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in
+einem eleganten Bogen in den Straßengraben. Glücklicherweise ohne mich
+zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich ließ ihn fortan in
+Ruhe.
+
+Außer den beiden Eseln besaß meine Tante ein Pferd, mehrere Kühe, eine
+Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hühner. Und da sie auch
+Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem
+Sohn ein Müllerknecht--wie damals die Gesellen genannt wurden--und eine
+Magd beschäftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mußte ich Pferd
+und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme reiten. Die
+Sorge für den Hühnerhof war mir ganz überlassen. Ich mußte die Fütterung
+der Hühner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder wohin sonst
+diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen
+Beschäftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus
+der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am
+liebsten wäre ich in der Schule geblieben.
+
+
+
+
+Die Lehr- und Wanderjahre.
+
+
+Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein
+Onkel von mir, an mich stellte. "Ich möchte das Bergfach studieren!"
+"Hast du denn zum Studieren Geld?" Mit dieser Frage war meine Illusion
+zu Ende.
+
+Daß ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlaßt, daß,
+nachdem im Anfang der fünfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar
+gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen
+großen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast
+wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die
+Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium
+nichts werden konnte, entschloß ich mich, Drechsler zu werden. Das
+Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte
+ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines
+Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich
+annehmen durfte, daß der Mann einer Freundin meiner Mutter, der
+Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tüchtigen
+Mannes genoß, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies
+geschah auch. Die Begründung, mit der er meine Anfrage bejahte, war
+wunderlich genug. Er äußerte, seine Frau habe ihm erzählt, ich hätte
+mein religiöses Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut
+bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl.
+Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich müßte die Unwahrheit
+sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Künstler
+geworden. Es gab solche, und mein Meister gehörte zu ihnen, aber ich
+habe es trotz aller Mühe nicht über die Mittelmäßigkeit gebracht, was
+nicht verhinderte, daß ich drei Jahre später, am Ende meiner Lehrzeit,
+für mein Gesellenstück die erste Zensur bekam.
+
+Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche
+Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu
+wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen
+viele Jahre täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter
+oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten
+täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur
+Antwort: Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht
+voll ist. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war
+es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir
+konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb
+nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen.
+Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der
+Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr
+Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit
+der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Väter Nachlaß
+stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei
+nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lüge an, und so
+bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden,
+aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die
+Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen.
+Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe
+machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich,
+wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig satt
+essen zu können.
+
+Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich
+hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht
+allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang.
+Morgens 5 Uhr begann dieselbe und währte bis abends 7 Uhr ohne eine
+Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank.
+Sobald ich morgens aufgestanden war, mußte ich der Meisterin viermal je
+zwei Eimer Wasser von dem fünf Minuten entfernten Brunnen holen, eine
+Arbeit, für die ich wöchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das
+war das Taschengeld, das ich während der Lehrzeit besaß. Ausgehen durfte
+ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere
+Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser
+Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre
+Einkäufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen ließen.
+Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden
+ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene
+Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an
+schönen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen,
+während ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern
+ihre schmutzigen Pfeifen säubern mußte. Nur am Sonntag vormittag,
+nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet,
+zur Kirche zu gehen. Dafür schwärmte ich aber nicht. Ich benützte also
+die Gelegenheit, die Kirche zu schwänzen. Um aber sicher zu gehen und
+nicht überrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches
+Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber
+ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in
+der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was
+für ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber
+zu meinem Schrecken, daß die beiden Töchter, die mit am Tische saßen,
+kaum das Lachen verbeißen konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer
+von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen
+diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu früh an
+die Kirchtüre gegangen, noch ehe der Küster die neue Liedernummer
+aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich
+falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, daß ich
+mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich möchte also künftig zu
+Hause bleiben. So war ein schönes Stück Freiheit verloren. Ich warf mich
+nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne
+Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule
+meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der
+Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu
+benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten,
+zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe
+und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher
+aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller
+war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine
+Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich
+Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise
+Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher
+gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die
+Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich
+vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich
+offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle
+Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte
+Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte. Schmerzlich
+wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze
+Welt zu durchstürmen. Aber so schnell, wie ich wünschte, ging es nicht.
+An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein
+Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar
+förmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage,
+an dem ich Geselle geworden war, auch Geschäftsführer zu werden. Ein
+anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschäft hätte
+fortführen können, fehlte; so entschloß sich die Meisterin, allmählich
+auszuverkaufen und das Geschäft aufzugeben. Für die Meisterin, die eine
+auffallend hübsche und für ihr Alter ungewöhnlich rüstige Frau war, die
+mich stets gut behandelte, wäre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte
+ihr jetzt meine Hingabe dadurch, daß ich über meine Kräfte arbeitete.
+Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis
+abends 9 Uhr und später. Ende Januar 1858 war das Geschäft liquidiert,
+und ich rüstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin
+verabschiedete, gab sie mir außer dem fälligen Lohn noch einen Taler
+Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fuß bei heftigem
+Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte,
+begleitete mich ungefähr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten,
+brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefühlsregung, die ich nie an ihm
+beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im
+Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, daß er binnen drei Tagen einem
+heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der
+Familie.
+
+Mein nächstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgöns aus benutzte ich die
+Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich
+in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht
+nehmen, so fuhr ich zwei Tage später mit der Bahn nach Heidelberg. Der
+Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhänge aus Barchent,
+die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Paßzwang, das
+heißt es bestand für die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein
+Wanderbuch zu führen, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten,
+polizeilich eingetragen--visiert--wurden. Wer kein Visum hatte, wurde
+bestraft. In vielen Städten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter
+zu jener Zeit die Vorschrift, daß die Handwerksburschen morgens zwischen
+8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen mußten, um sich ärztlich,
+namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer
+die Stunde für diese Visitation übersah, mußte mit der Abreise bis zum
+nächsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich
+die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spät kam. Von
+Heidelberg wanderte ich zu Fuß nach Mannheim und von dort nach Speier,
+woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls
+und reichlich, schlafen mußte ich dagegen in der Werkstatt, in der in
+einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir später auch in
+Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die
+Sitte, daß die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und
+diese letztere war häufig erbärmlich. Der Lohn war auch niedrig, er
+betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich
+darüber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten
+Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte
+fünfzehn Jahre früher gewesen sein. Sobald das Frühjahr kam, litt es
+mich nicht mehr in der Werkstätte. Anfang April ging ich wieder auf die
+Walze, wie der Kunstausdruck für das Wandern lautet. Ich marschierte
+durch die Pfalz über Landau nach Germersheim und über den Rhein zurück
+nach Karlsruhe und landaufwärts über Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach
+Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frühjahr war
+die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr
+flott marschierte und im Aeußern der Vorstellung, die man sich von einem
+Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise
+öfter schon vor den Toren der Städte von Schneidermeistern angesprochen,
+die in mir ein Objekt für ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere
+wollten nicht glauben, daß ich kein Schneider sei, andere wieder
+entschuldigten sich, daß sie mich für einen solchen gehalten, "weil ich
+ganz wie ein Schneider aussähe".
+
+In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist
+nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands; seine Wälder
+sind bezaubernd, der Schloßberg ist ein herrliches Stückchen Erde, und
+zu Ausflügen in die Umgegend locken Dutzende prächtig gelegener Orte.
+Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschluß an gleichgesinnte junge
+Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht.
+Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch
+nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter hätte beitreten
+können, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte überall in
+Deutschland die Reaktion. Für reine Vergnügungsvereine hatte ich aber
+keinen Sinn und auch kein Geld. Da hörte ich von der Existenz des
+katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus
+hatte. Nachdem ich mich vergewissert, daß auch Andersgläubige Aufnahme
+fänden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei.
+
+Ich habe nachmals, solange ich in Süddeutschland und Oesterreich
+zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als
+Mitglied angehört und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum
+Glück zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch
+damals gegen Andersgläubige volle Toleranz. Der Präses des Vereins war
+stets ein Pfarrer. Der Präses des Freiburger Vereins war der später im
+Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die
+Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewählten Altgesellen
+repräsentiert, der nach dem Präses die wichtigste Person war. Es wurden
+zeitweilig Vorträge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fächern
+erteilt, so zum Beispiel im Französischen. Die Vereine waren also eine
+Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine später sich gestaltet
+haben, darüber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man
+eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber
+doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war für mich, der
+schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der
+Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekümmerte, eine
+Hauptsache.
+
+Auch das Bedürfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen
+Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein
+waren die Kapläne, die, jung und lebenslustig, froh waren, daß sie
+gleichaltrigen Elementen sich anschließen konnten. Ich habe einige Male
+mit solchen jungen Kaplänen die vergnügtesten Abende verlebt. Einen
+solchen Abend verlebte ich unter anderen in München, indem ich das
+Gesellenvereinshaus auf der Rückreise von Salzburg besuchte und darin
+wohnte, und zwar Anfang März 1860. Verließ das Gesellenvereinsmitglied
+den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen
+und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Unterstützung
+vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines
+solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem
+Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der
+Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Gründer derselben, Pfarrer
+Kolping, damals in Köln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend
+Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen,
+woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt.
+
+Im September drängte es mich, weiterzuwandern. Ich verließ Freiburg und
+marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Höllental über den
+Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein
+wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am
+Firmament einen gewaltigen Kometen--den Donatischen--zu beobachten, der
+in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewöhnlicher Länge
+besaß. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen Pracht
+und Herrlichkeit. Jahrzehnte später haben die Axt und die Säge große
+Strecken des prächtigsten Waldes gefällt und gelichtet. Die moderne
+Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht bleiben. Der
+Aufenthalt in der Schweiz war damals den preußischen Handwerksburschen
+von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger Streit das Jahr
+zuvor erst zuungunsten der preußischen Regierung beendet worden.
+Außerdem hätten die Handwerksburschen republikanische Ideen in sich
+aufnehmen können, und das mußte im Interesse der staatlichen Ordnung
+verhütet werden. Als ich im Frühjahr 1858 auf der preußischen
+Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der
+Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot
+verweigert.
+
+So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff
+über den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes
+seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fuß über
+Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach München. In Württemberg bestand
+zu jener Zeit in den Städten die Einrichtung, daß die reisenden
+Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen
+konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten
+abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk überall gewissenhaft kassiert. Von
+Ulm aus schloß sich mir ein stämmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer
+aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen
+Militärtornister auf dem Rücken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse
+trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten
+zu keiner Zeit als Schande für einen Handwerksburschen galt, klopften
+wir ziemlich häufig die Dörfer ab, die wir passierten. Eines Mittags
+hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. "Du
+nimmst die rechte Seite, ich die linke!" hieß es. Als ich in ein Haus
+kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich
+die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nähe. Das
+ließ ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber außen
+vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der
+anderen Seite, das aber aussah, als könnten seine Bewohner zwei
+Handwerksburschen unterstützen, konnte ich der Versuchung nicht
+widerstehen und marschierte drauflos. Glücklicherweise betrachtete ich
+das Haus mir nochmals von außen, ehe ich die sechs oder sieben
+Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung
+über der Tür ein Schild mit dem Inhalt: Königlich bayerische
+Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich
+außerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um
+meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und
+marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten
+Seite lag. Ohne es von außen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und
+ging hinein. Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick von einem wahren
+Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler
+zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mächtigen Satze über
+sämtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten,
+davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzählte er: er
+sei direkt nach der Kuchel (Küche) gegangen, aus der es sehr gut
+gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdärmeln gestanden und
+ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natürlich die Situation sofort
+erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus.
+
+Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege
+den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau
+halten, was ich ganz gut könnte, da jeder mich für einen Schneider
+halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des
+Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man
+focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber ließ ich aber dem Tiroler den
+Vortritt. Daß dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen
+in einem Hause die Treppe hinauf und läuteten den Meister heraus. Sobald
+der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk,
+antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen,
+geben Sie mir Ihre Wanderbücher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so
+war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mußte man zu arbeiten
+anfangen. Während nun der Tiroler zögernd sein Wanderbuch aus der
+Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in großen Sätzen die
+Treppe hinunter und zum Städtchen hinaus. Daß ich den Tiroler als
+Reisegefährten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und
+angenehmer Gesellschafter gewesen.
+
+Von Dachau führte zu jener Zeit eine schnurgerade Straße, die rechts und
+links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach München. Das Bild
+der Straße wurde abgeschlossen durch die Türme der Münchener
+Frauenkirche, den Heinrich Heineschen "Stiefelknecht", die am Ende der
+meilenlangen Straße zu stehen schienen. Ich wanderte mißmutig meinen
+Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar
+nach München fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine große Plane
+gedeckt. Der Weg war noch weit und der Spätnachmittag herangekommen. Ich
+frug höflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer
+antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht
+verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also
+auf den Wagen und rückte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer
+sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber
+ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in München ein. Der Wagen
+hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut
+und dankte höflich für die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der
+Bauer die Plane zurückgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer
+Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den
+Stiefelabsätzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfaß
+herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich
+blutrot, bat um Verzeihung und erklärte mich bereit, den Schaden zu
+ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger
+Mädchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel
+beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half
+mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz
+zu leisten, grob antwortete: "Mach', daß du fortkommst, du hast a nix!"
+Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Sätzen war ich um die
+Ecke in der Neuhauser Straße. So oft ich nach München ans Karlstor
+komme, fällt mir dieser Vorgang wieder ein.
+
+In München war ich am Tage nach Schluß der siebenhundertjährigen Feier
+der Gründung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche
+gewährt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschloß. Die
+ganze Bevölkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der
+Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark zünftlerische Sitten
+herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrüßt und blieb
+eine volle Woche in München, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so
+sehr ich und meine Kollegen sich bemühten, mir Arbeit zu verschaffen, es
+war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschloß
+ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefährten, der
+ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob
+wir mit einem Floß bis Landshut fahren könnten. Man hatte uns gesagt,
+daß wenn wir uns auf dem Floß zum Rudern bereit erklärten, wir gratis
+mitfahren könnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig,
+das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte
+zahlreiche Krümmungen. Mein Reisegefährte--ein Trierer--, der vorne
+steuerte und ich hinten, machte überdies seine Sache sehr ungeschickt,
+und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Flößer in Zorn
+versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Während einer Ablösung ließ
+ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein
+politisches Gespräch ein, das von meiner Seite so hitzig geführt wurde,
+daß der Flößer drohte, "den verdammten Preiß" in die Isar zu werfen,
+wenn er nicht aufhöre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser
+der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als
+wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten,
+schlugen wir uns seitwärts in die Büsche. Wir hatten von der Fahrt
+genug.
+
+In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wütendem
+Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Räume überfüllt
+mit Leuten, die am nächsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein
+wollten. Wir mußten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige
+Dutzend Männlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen
+hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lärm
+geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin,
+wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum
+Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben
+Zärtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im
+echtesten Bayerisch, die alle Schläfer aufscheuchte und großes Gelächter
+hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg
+aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, daß wir beide, die wir auf der
+Höhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, während der Nacht auf
+entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren.
+
+In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus
+Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten,
+dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der größte
+Grobian bekannt. Ich ließ mich aber nicht abschrecken.
+
+In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der
+Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers
+keiner, der höhere geistige Bedürfnisse hatte. Wer am meisten trank, war
+der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins
+Theater, in dem wir natürlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9
+Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein
+bestimmtes Stück ansehen. Das war aber undurchführbar, weil der Schluß
+unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben
+also unserer Köchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde früher
+anzurichten, wir würden die Uhr in der Stube entsprechend vorrücken.
+Damals gab es in Süddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets
+warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und
+stürmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der
+einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister
+mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf
+einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wäre erst unsere Arbeitszeit zu
+Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwürdigerweise sagte der Meister am
+nächsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Köchin äußerte er: "Hören Sie,
+Kathi, nehmen Sie sich vor den Preißen in acht, die haben gestern abend
+die Uhr um eine halbe Stunde vorgerückt."
+
+Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die
+oberhalb Donaustauf von der Bergeshöhe einen weiten Blick in die Ebene
+gewährt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der "Teutsche", der
+Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten
+Büsten der Berühmtheiten diejenige Luthers fehlte.
+
+Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe
+Kälte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister
+veranlaßte mich, schon am 1. Februar, trotz Kälte und Schnee, auf die
+Reise zu gehen. Der Breslauer schloß sich mir an. Wir marschierten
+zunächst nach München, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit
+anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter über Rosenheim nach
+Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen.
+Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach
+Oesterreich wollte, der Nachweis von fünf Gulden Reisegeld verlangt.
+Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der
+letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu benützen. Um
+möglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel
+und Kleider und steckten einen weißen Kragen auf. Unsere List hatte den
+gewünschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, daß wir
+mit der Bahn ankamen, täuschte die Grenzbeamten; sie ließen uns
+unbeanstandet passieren. Bei starker Kälte und meterhohem Schnee ging
+die Reise zu Fuß durch Tirol. Die Kälte und der Schnee trieben die
+Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der
+Abenddämmerung hörten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich
+Geld zu erhalten, und zwar Kupferstücke in der Größe unserer heutigen
+Zweimarkstücke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen
+wir schwer an der Last der erfochtenen Münzen. Als wir aber am nächsten
+Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, mußten wir den halben
+Wirtstisch mit diesen Kupfermünzen bedecken. Es stellte sich heraus, daß
+dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die österreichische
+Regierung neue Münzen herausgegeben hatte. So löste sich das Rätsel von
+der großen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu
+sein.
+
+Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage über Reichenhall direkt
+nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein
+erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen
+niederen Gebirgsrücken (den Mönchsberg) die Stadt mit ihren vielen
+Kirchen und der italienischen Bauart, überragt von der Feste Salzburg,
+vor uns liegen sahen.
+
+Was mir im späteren Leben als ein Rätsel erschien, war, daß ich von all
+den Märschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnäßt wurde und
+jämmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war
+keineswegs solchen Strapazen angepaßt, wollene Unterwäsche war ein
+unbekannter Luxus und ein Regenschirm wäre für einen wandernden
+Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft
+bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlüpft, die am Tage
+vorher durchnäßt wurden und am nächsten Tage das gleiche Schicksal
+erfuhren. Jugend überwindet viel.
+
+In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefährte, nachdem ich
+ihm mit dem Rest meines Geldes nach Kräften ausgeholfen, weiter nach
+Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich
+ist Salzburg nach seiner Lage eine der schönsten Städte Deutschlands,
+denn damals gehörte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im
+Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer
+1859, der wunderbar genannt werden mußte. Der Sommer 1859 war aber auch
+ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und
+Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien
+entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders
+interessant, als Massen Militär aller Waffengattungen und Nationalitäten
+singend und jubelnd nach Südtirol zogen. Einige Monate später kamen die
+Armen niedergedrückt als Besiegte zurück, gefolgt von Hunderten von
+Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunächst aber herrschte
+siegesfreudige Zuversicht. Ich war über die politischen Ereignisse so
+aufgeregt, daß ich an Sonntagen, für andere Tage hatte ich weder Zeit
+noch Geld, nicht aus dem Café Tomaselli ging, bis ich fast alle
+Zeitungen gelesen hatte. Als Preuße hatte man zu jener Zeit in
+Oesterreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Oesterreich zu
+Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter
+Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu
+verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom
+Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel
+einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jäger aus Wien,
+Nieder- und Oberösterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr
+Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem
+Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber
+die Antwort: daß sie Fremde nicht brauchen könnten, nur Tiroler fänden
+Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschloß ich
+mich, als jetzt verlautete, daß Preußen mobil mache, mich in der Heimat
+als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er
+möge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger
+Zeit kam auch das Geld--sechs Taler--an, aber jetzt bedurfte ich
+desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede
+von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen
+leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nächsten Frühjahr nach
+Wetzlar reiste.
+
+Die Löhne waren auch in Salzburg--wie überall in der
+Drechslerei--schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im
+Spätherbst den ersten Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als
+gewissenhafter Mensch sparte ich nicht nur, ich darbte, um die
+wöchentlichen Raten zahlen zu können. Dabei drückte mich noch eine große
+Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich fürchtete, als Jüngster in der
+Werkstatt nach Neujahr die Kündigung zu erhalten. Das hatte die
+Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als ich nun ihr und dem
+Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die tröstliche
+Versicherung, daß ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit bleiben könne.
+Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkürlich dachte ich an den
+Neujahrsempfang, den der österreichische Gesandte, Baron von Hübner, das
+Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt hatte, bei
+der die Ansprache Napoleons an Hübner als die Einläutung zum
+italienischen Krieg angesehen wurde.
+
+In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit über 200
+Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast
+alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den
+schon oben angeführten Gründen. Präses des Vereins war ein Dr. Schöpf,
+Professor am dortigen Priesterseminar. Schöpf war ein junger,
+bildschöner Mann mit einem äußerst liebenswürdigen und jovialen Wesen.
+Er soll dem Jesuitenorden angehört haben. Schöpf wußte natürlich, daß
+eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehörten.
+
+In einer Vereinsversammlung erklärte er eines Tages offen, daß ihm die
+Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleißigsten Besuchern
+des Vereins gehörten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark
+besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes
+Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr.
+Schöpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn öfter Sonntag
+nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich über die Zustände in
+Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er überraschend freie
+Anschauungen äußerte.
+
+Weihnachten rückte heran, und es sollte wie üblich vom Verein eine
+Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine
+Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener
+Gelegenheit Vorträge zum besten geben. Außerdem sollten nach Dr. Schöpfs
+Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen
+Volksstämmen angehörten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als
+Repräsentant der Rheinländer hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht
+"Die Zigarren und die Menschen" vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr.
+Schöpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei
+diesen Uebungen passierte mir, daß ich fast immer einen Fehler im
+Schlußreim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber
+nicht zum Sinne des Gedichtes paßte. Dr. Schöpf warnte mich
+nachdrücklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der
+Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft
+bei! Der Fürstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine
+Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behörden. Endlich kam
+auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich
+Dr. Schöpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst
+versprach. Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu
+flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den
+Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schöpfs Arm
+auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglück war aber
+geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im
+übrigen verlief die Feier sehr gemütlich, und ich ging, ohne Schaden an
+meiner Seele genommen zu haben, vergnügt nach Hause.
+
+Im März ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag
+ist. St. Josef ist, wie ich schon anführte, der Schutzpatron der
+katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schöpf
+eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, daß
+sie an diesem Tage vollzählig zur Kirche gehen möchten. Er wisse wohl,
+äußerte er, daß junge Leute sich gern darum drückten, aber diesmal gehe
+es nicht, man dürfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin--die Witwe
+des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte--, die viel für den Verein
+tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er schmunzelnd
+hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein
+Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hügel mitten in der Ebene, eine
+gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten
+der Kasse ein Faß Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher,
+hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die
+Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und
+vollzählig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der
+der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In
+Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die überreich geschmückte
+Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fässer wurden rasch geleert, gar
+mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurück. Der Zug war
+aufgelöst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg
+kam, weiß ich bis heute nicht.
+
+Dr. Schöpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rückweg an. In
+der Stadt angekommen, führte er uns in ein Café, in dem wir eine Partie
+Billard spielten. Es war für mich die erste und letzte, die ich in
+meinem Leben spielte. Natürlich verloren wir zwei, aber Dr. Schöpf
+zahlte.
+
+Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreißig Jahre später
+schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in
+dem es hieß: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser
+Gelegenheit mir einen Gruß vom Domherrn Dr. Schöpf in Salzburg
+überbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert
+worden, so schicke er mir brieflich dessen Gruß. Wieso Dr. Schöpf sich
+meiner erinnerte, ist mir ein Rätsel geblieben. Er konnte
+unmöglich annehmen, daß der neunzehn- bis zwanzigjährige junge
+Drechslergeselle--wenn er sich überhaupt dessen entsann--der spätere
+sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck
+hatte ich sicher nicht auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, daß
+Kollegen aus dem Zentrum, denen ich gelegentlich meine Salzburger
+Erlebnisse erzählte, den Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich
+Anfang dieses Jahrhunderts nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg
+kam, war Dr. Schöpf einige Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere
+Natur und die volle Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt
+haben.
+
+Ich will die Mitteilungen über meinen Salzburger Aufenthalt nicht
+schließen, ohne noch eines Vorgangs zu erwähnen, der damals unter uns
+jungen Leuten erzählt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im
+Sommer König Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der
+Lola-Montez-Affäre die Regierung niederlegte, in Schloß Leopoldskron, in
+nächster Nähe Salzburgs. Der König, ein hoch aufgeschossener Herr, der
+im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem großen, etwas ramponierten
+Strohhut bedeckt und mit einem starken Krückstock in der Hand, öfter an
+unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs
+allein Spaziergänge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen
+solchen und sieht, wie ein Knabe sich abquält, Aepfel von einem Baume
+herunterzuwerfen. Der König tritt zu dem Knaben und sagt: "Schau, das
+mußt du so machen!" und schleudert seinen Krückstock mit bestem Erfolg
+in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nähe liegenden
+Hause die Bäuerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tür trat
+und dem König, den sie nicht kannte, zurief: "Du alter Lackl, schamst di
+net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!" Der König nahm seinen
+Krückstock und trollte sich von dannen. Am nächsten Morgen erschien ein
+Diener und brachte der Bäuerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei
+für die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre
+Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie höchst
+überraschende Antwort: der König Ludwig.
+
+Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernkönig des Obstfrevels bezichtige,
+will ich wahrheitsgemäß hinzufügen, daß auch ich in dieser Beziehung
+nicht ohne Fehl und Sünde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im
+Mirabellengarten, der dem Fürstbischof gehörte, die es mir angetan
+hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergängen in dem Garten der
+Versuchung nicht widerstehen, einige der Früchte mir anzueignen. Ich
+nehme an, dem Fürstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir
+bekamen die Früchte vorzüglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden,
+als ich las, daß der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten
+Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geäußert habe:
+
+"Die Natur gibt alle Güter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat
+alle Dinge geschaffen, _damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei_.
+Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur
+die _ungerechte Anmaßung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte."
+
+Konnte mein Tun glänzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden?
+
+
+
+
+Zurück nach Wetzlar und weiter!
+
+
+Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener
+Zeit im südöstlichsten Bayern noch nicht, außerdem reiste damals der
+Handwerksbursche am billigsten zu Fuß, wenn er sich ein bißchen mit aufs
+Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages
+bei stürmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hände in
+den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht
+gezogen, auf der Straße über den fränkischen Landrücken stapfte, wurde
+ich plötzlich am Arm gepackt und in den Straßengraben geschleudert. Als
+ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir
+entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und
+beiseite geschleudert hatte. Bei dem stürmischen Wetter hatte ich das
+herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehört.
+
+Um Mitte März kam ich nach mehr als zweijähriger Abwesenheit wieder in
+Wetzlar an.
+
+Bei der Militäraushebung wurde ich wegen allgemeiner Körperschwäche um
+ein Jahr zurückgestellt. Dasselbe passierte mir die nächsten Jahre bei
+der Gestellung in Halle a.S., so daß ich schließlich als
+militäruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine
+Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jüdischen
+Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als
+aber die Jahreszeit immer schöner wurde und eines Tages drei meiner
+Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rücken in die Werkstatt traten und
+mir mitteilten, daß sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befänden,
+"da zog es mich mächtig hinaus", wie es im Handwerksburschenlied heißt,
+und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu
+folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu große Märsche
+machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war
+mir zu jener Zeit keiner über.
+
+Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und
+Sachsen kennen zu lernen, und wäre es auf mich angekommen, ich hätte
+damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in
+mehr als einer Richtung entscheidend für meine ganze Zukunft. So
+entscheidet sehr oft der Zufall über das Schicksal des Menschen.
+
+Ich möchte hier einschalten, daß ich von dem Satze: der Mensch ist
+seines Glückes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den
+Umständen und Verhältnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln
+nötigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig
+bestellt. In den meisten Fällen kann der Mensch die Konsequenzen seines
+momentanen Handelns nicht übersehen; er erkennt erst später, zu was es
+ihn geführt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder
+umgekehrt, würde ihn in ganz andere Verhältnisse gebracht haben, die
+wiederum bessere oder schlechtere sein könnten als jene, in die er auf
+dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen
+Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm
+aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum
+Bewußtsein, weil ihm die Möglichkeit des Vergleichs fehlt. Der
+Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Maße. Hundert andere, die
+weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf
+gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil
+ungünstige Umstände ihr Emporkommen, das heißt die richtige Anwendung
+und Ausnutzung ihrer persönlichen Eigenschaften verhinderten. Die
+"glücklichen Umstände" geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im
+Leben. Für unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten,
+ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstände günstig, so
+muß allerdings die nötige Anpassungsfähigkeit vorhanden sein, sie
+auszunutzen. Das kann man als das persönliche Verdienst des einzelnen
+ansehen.
+
+Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thüringen erreicht hatten,
+und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Füße hatte,
+hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei
+den Bewohnern öfters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach,
+Gotha und kamen nach Erfurt. Hier übernachteten wir zum ersten Male in
+der Herberge eines christlichen Jünglingsvereins. Aber nur einmal und
+nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters
+widerte mich an. Am Abend mußten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett
+gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, öffnete sich die Tür zu
+einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tönte uns entgegen, die ein
+glatt gescheitelter, hellblonder Jüngling auf einem Harmonium spielte.
+Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen
+würden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem
+Gesangbuch einen Vers Zeile für Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir
+unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in
+einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In München zum
+Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein
+gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen
+zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es
+seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, weiß ich
+nicht.
+
+In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amüsieren. Wir
+brüllten wie Löwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann
+ging's höher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmäßig unsere
+Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu
+Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und
+schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden
+junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften
+vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht
+zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Höhepunkt, als in
+der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Württemberg im
+unverfälschtesten Schwäbisch einige humoristische Bemerkungen machte.
+Erst spät nahm der Lärm ein Ende. Nächsten Tages marschierten wir nach
+Weimar. Hier erklärten meine Begleiter, nicht weitergehen zu können,
+denn alle drei hatten sich die Füße wundgelaufen; sie wollten mit der
+Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war
+sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein
+Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mußte ich
+mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und
+frugen uns durch nach der Herberge in der Großen Fleischergasse. Als wir
+nächsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller
+Frühjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig
+ungemein. Ich hatte auch Glück und bekam Arbeit, und zwar in einer
+Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich später
+selbständig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden später in Leipzig
+ein, so wäre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied
+hier wieder "ein Augenblick des Glückes" über meine Zukunft. Zum
+zweitenmal arbeitete ich in einer größeren Werkstatt. Es wurden fünf
+Kollegen und ein Lehrling neben mir beschäftigt. Meister und Kollegen
+gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen ließ. Was mir
+aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten,
+und das an Quantität und Qualität äußerst mangelhafte Mittagessen.
+Frühstück, Vesper und Abendbrot mußten wir uns selbst stellen. Die
+Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer
+geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu
+rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie
+sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei
+wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere
+Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe
+einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich
+eben aus der Sache selbst. Der Meister war äußerst betreten, er
+erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen
+ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als
+wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten
+Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung
+von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er
+behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für
+unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten
+wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der
+Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch
+später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht
+eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu
+bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte.
+Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause.
+
+
+
+
+Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das öffentliche Leben.
+
+
+Die Uebernahme der Regentschaft in Preußen durch den Prinzen Wilhelm von
+Preußen, den Bruder König Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische
+Krieg hatten das Volk mächtig aufgerüttelt. Der Druck der
+Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen.
+Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch
+zu regen begann, nachdem sie während der Reaktionsjahre ihre ökonomische
+Entwicklung nach Kräften gefördert hatte und sehr viel reicher geworden
+war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten
+mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders
+seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat.
+
+Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschäften,
+sie wollte nicht nur in Preußen parlamentarisch herrschen, in ihrer
+großen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter
+preußischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu
+einem von einheitlichen Grundsätzen geleiteten Staatswesen zu machen,
+wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche
+Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die
+Gründung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck,
+dessen Präsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des
+altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten
+schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das veröffentlichte Programm
+des Prinzregenten hätte freilich große Hoffnungen nicht gerechtfertigt,
+wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den
+Revolutionsjahren hätte schützen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie
+sah eine neue Aera hereinbrechen.
+
+Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein
+eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttäuschungen er auch im Laufe
+der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu
+kräftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst
+hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm
+scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und
+das blinde Vertrauen, das er solchen Persönlichkeiten entgegenbringt,
+hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im
+vorliegenden Falle wurden die Blüten seiner Hoffnungen bald genug
+geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand
+zunächst das Bedürfnis einer gründlichen Militärreform auf Kosten der
+bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte
+sich die geltende preußische Heeresorganisation während und nach der
+Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewährt. Die
+Verwirklichung seiner Pläne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie
+verstießen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 über
+die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; außerdem wurde in der
+neuen Organisation die Verlängerung der Dienstzeit von zwei auf drei
+Jahre und für die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt.
+
+Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da
+versagt, sie fühlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne
+weiteres für reaktionäre Handstreiche zu haben, und für einen Krieg, der
+nicht populär war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es
+aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation
+nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen. Als aber die
+Reorganisation ohne die ausdrückliche Zustimmung der Kammer, die,
+kurzsichtig genug, zunächst die Mittel provisorisch bewilligt hatte,
+definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten
+Kammer die Mehrheit hatten, aufsässig zu werden. Allein der Prinzregent
+ließ sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den
+Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstärkten die Opposition.
+Obgleich die Regierung durch Gewährung liberaler Konzessionen
+(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die
+Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten für
+die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im März 1862 die Auflösung
+der Kammer, die aber das Resultat hatte, daß bei den Neuwahlen im Mai
+dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen
+waren auf elf Mann zusammengeschmolzen.
+
+Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der König, der keinen Rat
+mehr wußte, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preußischer Gesandter
+bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war--September 1862--, an die
+Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das
+war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten
+Reaktionär, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt
+zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Höhepunkt.
+
+In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz
+Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der
+Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf
+Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich
+sollte Preußens Rivale, Oesterreich, in Rücksicht auf seine starken
+nichtdeutschen Bevölkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrängt
+werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland
+bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht
+ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Großdeutsche nannten.
+Diese Gegensätze beherrschten die Kämpfe für die Lösung der deutschen
+Frage in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Daneben ging die
+sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preußen die Mittel-
+und Kleinstaaten eine Vertretung in der künftigen Reichsbildung
+forderten, die aus einem dreiköpfigen Direktorium bestehen sollte.
+
+Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die große Bedeutung,
+die sie noch erlangen konnte, veranlaßt die weitsichtigeren Liberalen,
+beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese für ihre
+politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fünfzehn Jahren
+in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der
+sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis
+Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die
+liberale Bourgeoisie, ließ es den Liberalen ratsam erscheinen, womöglich
+ähnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom
+Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Gründung von Arbeitervereinen
+und förderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlässig erscheinende
+Personen zu bringen suchten.
+
+Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit
+erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals
+noch überwiegend ein kleinbürgerliches und kleinbäuerliches Land. Drei
+Viertel der gewerblichen Arbeiter gehörten dem Handwerk an. Mit Ausnahme
+der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der
+Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den
+handwerksmäßig arbeitenden Gesellen mit Geringschätzung angesehen. Die
+Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein
+Stigma, das noch sechzehn Jahre später der Vertreter Deutschlands auf
+der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen
+Fabrikarbeit aufdrückte. Für den Handwerksgesellen galt der
+Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden,
+statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persönliche
+Herabsetzung. Zudem hatte die große Mehrzahl dieser Gesellen und
+Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu
+können, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der
+sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische
+Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fünfziger Jahren, das
+heißt in den Jahren der schwärzesten Reaktion groß geworden, in
+denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine
+Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder
+Handwerkervereine, wie man sie öfter nannte, waren nur ausnahmsweise
+vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen
+Aufklärung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten
+deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines
+Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des
+Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit
+Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus
+waren aber wieder uns Jüngeren zu jener Zeit vollständig fremde
+Begriffe, böhmische Dörfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in
+Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider
+Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehört, auch Weitlings
+Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Daß es auch Arbeiter
+gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx'
+und Engels' Tätigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas
+wußten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen.
+
+Aus alledem ergibt sich, daß die Arbeiterschaft damals auf einem
+Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besaß, noch
+wußte, daß es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strömten die
+Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortführer
+gründen halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit
+erschienen.
+
+Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem
+Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in
+Sachsen, aber auch im übrigen Deutschland. Es entstanden in Orten
+Vereine, in denen es später viele Jahre währte, bis die sozialistische
+Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frühere Arbeiterverein
+mittlerweile eingegangen war.
+
+In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als
+einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages
+las ich in der demokratischen "Mitteldeutschen Volkszeitung", auf die
+ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte,
+der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkämpferin für die Frauenrechte
+Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Gründung
+eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im
+Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nähe des Rosentals in einem
+Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits überfüllt.
+Mit Mühe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste öffentliche
+Versammlung, der ich beiwohnte. Der Präsident der Polytechnischen
+Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte,
+daß man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der
+Polytechnischen Gesellschaft gründen wolle, weil Arbeitervereine auf
+Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet
+würden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Roßmäßler, der
+Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von
+seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust
+gemaßregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und
+verlangten volle Selbständigkeit des Vereins, der ein politischer sein
+müsse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht
+eines Vereins für Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht
+einverstanden, aber es imponierte mir, daß Arbeiter den gelehrten Herren
+so kräftig zu Leibe rückten, und wünschte im stillen, auch so reden zu
+können.
+
+Der Verein wurde gegründet, und obgleich die Opposition ihren Zweck
+nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an
+jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt.
+Vortragende für wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So
+neben Professor Roßmäßler, Professor Bock--der Gartenlaube-Bock und
+Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen--, die
+Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr.
+Burckhardt und andere. Später folgten Professor Biedermann, Dr. Hans
+Blum, von dem die Sage ging, daß er während seiner Studentenzeit sich
+auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe,
+Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert
+Schweichel. Einer der fleißigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr.
+Dammer, der später der erste von Lassalle eingesetzte Vizepräsident des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im
+Englischen, Französischen, in Stenographie, gewerblicher Buchführung,
+deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung
+gegründet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein großer Turner vor dem
+Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei.
+Fritzsche sang vorzüglich zweiten Baß, ich ersten, den bekanntlich jeder
+singt, der keine Singstimme hat.
+
+An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigköpfiger Ausschuß, in
+dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Roßmäßler unterlag gegenüber
+dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmäßig weiter.
+Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede,
+die ausgeprägt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei
+der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewählt. Meine
+Sehnsucht, öffentlich reden zu können, war bei den häufigen Debatten im
+Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzählte mir später, daß, als
+ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begründen,
+man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist
+denn der, der so auftritt. Da im Ausschuß verschiedene Abteilungen für
+die verschiedenen Verwaltungsfächer gebildet wurden, wurde ich in die
+Bibliothekabteilung und die Abteilung für Vergnügungen gewählt. In
+beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die
+wieder der Ausschuß vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen
+Kampf hervor. Viermal wurde gewählt, ohne für einen Kandidaten ein Mehr
+erzielen zu können. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schließlich
+unterlag wieder Professor Roßmäßler gegen Architekt Mothes mit einer
+Stimme, weil dieser sich selbst gewählt hatte. Die Opposition trug jetzt
+den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand.
+Der Verein hatte damals über fünfhundert Mitglieder. Die Opposition
+stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein
+politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschließen.
+Nach einem heftigen, vielstündigen Redekampfe, an dem auch ich mich
+beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der
+Stimmen. Hätte die Opposition geschickter operiert, hätte sie verlangt,
+daß zeitweilig politische Vorträge über Zeitereignisse gehalten und
+darüber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie hätte glänzend
+gesiegt. Aber daß man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte,
+der für die große Mehrheit der jüngeren Mitglieder das größte Interesse
+hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchführung
+und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung
+hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemüht, mich zu ihnen
+hinüberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen.
+
+Die Opposition schied nunmehr aus und gründete den Verein Vorwärts, der
+im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal
+war der in den Reaktionsjahren gemaßregelte ehemalige Pfarrer Würkert.
+Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklärung zu verbreiten und dabei
+auch sein Geschäft zu machen. Er veranstaltete allwöchentlich Vorträge,
+die er selbst hielt, über alle möglichen Thematas, wie die Geburts- und
+Todestage berühmter Männer, politische Tagesereignisse usw. An solchen
+Abenden war sein Lokal gedrängt voll. Da machte es denn einen
+eigenartigen Eindruck, wenn Würkert, der soeben noch unter den Gästen
+sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf
+dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal führte,
+und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz,
+sondern vielmehr in Ergänzung der Zusammenkünfte im Hotel de Saxe stand
+die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brühl, ein damals eben
+gebautes großes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war.
+In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der
+Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter
+der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis
+verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Oefter traf
+beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am
+Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem
+Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen
+hatte. Zu den "Verbrechern" gehörten weiter Dr. Albrecht, der in
+unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters,
+Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw.
+Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem
+Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften.
+
+Die Leiter des Vereins Vorwärts begnügten sich aber nicht mit ihren
+Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und
+Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen
+Arbeiterfragen und Tagesfragen erörtert wurden. Diese Erörterungen waren
+noch sehr unklar. Man diskutierte über eine Invalidenversicherung der
+Arbeiter, über die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland,
+über den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, daß dieser
+den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die
+Arbeiter beitreten könnten. Weiter forderte man das allgemeine
+Stimmrecht für die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich
+der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines
+allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die
+aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der
+Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in
+den Berliner und Nürnberger Arbeiterkreisen auf.
+
+Um die Vorbereitungen hierfür zu treffen und weiter nötig werdende
+Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in
+das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen
+Arbeitern auch ich gewählt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die
+von unserer Seite ausgingen, berief die örtliche Leitung des Deutschen
+Nationalvereins öfter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von
+auswärts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die
+deutsche Frage, die Gründung einer deutschen Flotte, der mittlerweile
+sehr akut gewordene preußische Verfassungskonflikt, die
+schleswig-holsteinsche Frage usw. erörtert wurden. Man ersieht schon aus
+der Aufzählung dieser Thematas, daß das politische Leben in Leipzig in
+jener Zeit ein außerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein
+sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen
+Volksversammlungen waren auch die Erörterungen über die
+Verfassungszustände in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen,
+Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg
+und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt)
+waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte
+sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der
+preußischen Regierung trat.
+
+Es war richtig, in den erwähnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der
+Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrüche und Oktroyierungen aller
+Art vorgekommen, aber nicht minder in Preußen. Außerdem hatten diese
+Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Tätigkeit nur unter dem
+Schutze Preußens und Oesterreichs--die hierin ein Herz und eine Seele
+waren--ausüben können. Gleichwohl behandelten die Liberalen der
+verschiedenen Schattierungen in ihren öffentlichen Angriffen die Klein-
+und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preußen. Und doch war
+es Preußen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den
+Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionäre
+nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung
+Gottfried Kinkels zu lebenslänglichem Zuchthaus, an die Erschießung von
+Adolf v. Trützschler in Mannheim und Max Dortü in Freiburg i.B., an die
+Erschießungen in den Kasemattengräben in Rastatt, an die furchtbaren
+Grausamkeiten, die das preußische Militär nach der Niederwerfung des
+Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionären begangen
+hatte. Auch waren die Zustände Preußens in den fünfziger Jahren unter
+der Herrschaft des Systems Manteuffel so, daß sie jeden halbwegs
+freidenkenden Mann zur Empörung aufstacheln mußten und Preußen in
+Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im
+Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in
+Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch
+unerfahrener junger Mann gelten mußte, fiel dieses Messen mit zweierlei
+Maß bald auf. Und dieses wurde namentlich von den sächsischen Liberalen
+und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v.
+Beust, das dieser mit Zustimmung des Königs Johann in Sachsen inszeniert
+hatte, wegen der volksfeindlichen Maßnahmen und Bedrückungen aller Art
+und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen
+Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und
+mit Recht verhaßt. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286
+Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen
+schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42
+der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu
+lebenslänglichem Zuchthaus "begnadigt" wurden. In der Strafanstalt
+Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter,
+eingesperrt worden; das Landesgefängnis Hubertusburg hatte 70 politische
+Gefangene beherbergt.
+
+Im Zuchthaus zu Waldheim saß unter anderen auch August Röckel,
+Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berühmten
+Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Röckel war
+wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslänglichem Zuchthaus
+verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er
+11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht--er war mit dem Rechtsanwalt
+Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthäusler, weil beide
+sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen--, veröffentlichte er 1865
+über die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: Die
+Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in
+Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war
+einer der eifrigsten Verbreiter von Röckels Buch, ich setzte über 300
+Exemplare ab, selbstverständlich ohne persönlichen Vorteil, was nicht
+hinderte, daß ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhänger Beusts
+verdächtigt wurde.
+
+Unter den in Waldheim Mißhandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre
+später als Kollege im sächsischen Landtag persönlich kennen lernte, wohl
+mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus
+zu Kreuze krochen; ihm ließ der Zuchthausdirektor Christ einen
+sogenannten Springer zwischen den Füßen anbringen. Dieses war eine etwa
+einen Fuß lange Eisenstange, die mit Fußschellen zwischen den Knöcheln
+befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mußte er springen, daher der
+Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den
+Knöcheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt,
+sondern auch gefährlich erkrankte, mußte ihm nach einiger Zeit der
+Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich später der
+ehemalige Revolutionär, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch
+hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische
+Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im
+sächsischen Landtag für unsere Anträge auf Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.
+
+Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse
+August Röckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise über Deutschland
+brachte, stellte sich Röckel auf die Seite seines früheren Feindes v.
+Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach
+Wien, um ihm Preßdienste zu leisten.
+
+Was aber immer für Zustände in Preußen herrschten, die Liberalen sahen
+in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe
+dachten, durchführen konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu
+schützen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und
+Kleinstaaten nach Kräften herunterzureißen, damit der Staat des
+deutschen Berufs, was in ihren Augen Preußen war, in um so günstigerem
+Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege,
+aber man erklärte sie für eine vorübergehende Erscheinung, und dann
+werde Preußen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von
+Bismarck war aber eine Realität ersten Ranges, und er kannte auch die
+Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, fürchten sie
+die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die
+Leidenschaften immer mehr in Glühhitze. Wer in den Versammlungen am
+heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut
+werden ließ, der konnte auf den stürmischsten Beifall rechnen. Selbst in
+manchem Liberalen erwachte die alte revolutionäre Leidenschaft, so in
+Johannes Miquel, der zehn Jahre früher mit Karl Marx in Verbindung
+gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu
+ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und
+Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufständen
+angeboten hatte. Jetzt drohte er dem König von Preußen mit dem Schicksal
+der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen,
+wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeußerung fiel von
+ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen
+Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreißig Jahre später war Johannes
+Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war
+ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei,
+zu deren Gründern er gehörte, noch zu liberal.
+
+Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen
+sein--die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode
+gewesen, ehe es sozialdemokratische Führer gab, die solche gelegentlich
+dutzendweise empfangen haben--, denn er hat später öffentlich
+zugestanden, daß er nicht für unmöglich gehalten, das Schicksal
+Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet
+worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Fälle
+sein Haus bestellt.
+
+Aber auch vom König ging in jener Zeit das Gerücht, daß er infolge der
+fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und fürchtete, daß
+ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Bestätigt wurden jene
+Gerüchte durch eine spätere Veröffentlichung, die der verstorbene
+preußische Landtagsabgeordnete von Eynern als persönliche Mitteilung
+Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzählt: Als er 1862 zum
+Minister ernannt worden sei, wäre er dem König bis Jüterbog
+entgegengefahren und habe denselben in größter Niedergeschlagenheit
+angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der König gekommen,
+hätten den Konflikt mit dem Landtag für unlösbar gehalten und ihn zum
+Einlenken zu bestimmen gesucht. Der König habe zu ihm gesagt: "Minister
+sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem
+Opernplatz für Sie errichtet wird; ich selbst, der König, werde nach
+Ihnen an die Reihe kommen." Der König hoffte zweifellos, ich würde ihm
+diese Dinge ausreden,--sagte Bismarck--, ich tat aber das Gegenteil,
+weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann
+kannte. Ich sagte ihm, die beiden Fälle hielte ich augenblicklich
+vielleicht für nicht ganz ausgeschlossen--aber wenn sie eintreten
+sollten, was sei dann Großes daran gelegen, sterben müßten wir alle
+einmal, und es sei gleichgültig, ob ein bißchen früher oder später. Er
+sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Königs und
+Herrn, und der König sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte,
+was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man
+brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm
+gestorben, aber Karl I. habe einen höchst anständigen Tod erlitten,
+einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem
+Schlachtfelde.
+
+"Als ich"--erzählte Bismarck weiter--"derart den König als Soldaten an
+sein Portepee faßte, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und
+ich reiste mit einem vergnügten, kampfesfrohen Manne nach Berlin
+hinein."
+
+Diese Vorgänge zeigen, was die Liberalen hätten erreichen können, wenn
+sie die Lage auszunützen verstanden. Aber sie fürchteten bereits die
+hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum
+Aeußersten dränge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen
+einen heillosen Schrecken ein.
+
+In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der
+Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er hätte
+sich mit dem Teufel und seiner Großmutter verbunden, fand er einen
+Vorteil dabei. So zog er August Braß, den Chefredakteur der damals
+großdeutschen "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", in seine Dienste,
+obgleich dieser früher roter Demokrat gewesen war und das hübsche Lied
+gedichtet hatte:
+
+ Wir färben rot, wir färben gut,
+ Wir färben mit Tyrannenblut!
+
+Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, daß Braß Liebknecht von London
+und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die "Norddeutsche
+Allgemeine Zeitung" berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Braß im
+Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu
+gewinnen, dessen großes historisches Wissen und gewandte Feder er sich
+dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den
+Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter für den preußischen
+Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz
+nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus.
+
+Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er
+Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die
+bestehenden Klassengegensätze für sein System auszunutzen, und zwar
+sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich
+bald, daß auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem
+Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in
+diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen
+Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten
+Mann erscheinen ließen.
+
+Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls
+beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß, und zwar nach
+Berlin einzuberufen. Das veranlaßte das Leipziger Komitee, sich mit den
+leitenden Persönlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu
+setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu
+erzielen. Man wünschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig
+als Kongreßort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und
+Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als
+Mitglied des Komitees beiwohnte.
+
+Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der
+Hainstraße statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er führte aus, daß die
+Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu
+erwarten hätten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der
+gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe
+die Gewißheit--und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als
+Agent Bismarcks--, daß Bismarck für die Einführung des allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wäre, die
+nötigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Gründung einer
+Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben.
+
+Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der
+Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der
+Fortschrittspartei. Die Ausführungen Eichlers riefen eine stundenlange
+Debatte hervor, deren Endergebnis war, daß das Komitee, mit Ausnahme
+Fritzsches, sich gegen Eichler erklärte. Es fällt auf, daß Eichler Ideen
+propagierte, wie sie sechs Monate später Lassalle in seinem
+Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur daß Lassalle
+einen demokratischen Staat als Begründer der Produktivassoziationen mit
+Staatshilfe forderte.
+
+In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon
+im April jenes Jahres öffentlich einen Vortrag "Ueber den besonderen
+Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des
+Arbeiterstandes" gehalten hatte, der später und bis auf den heutigen Tag
+unter dem Titel "Arbeiterprogramm" erschienen ist. Auch hatte er in
+demselben Jahre seine Vorträge über Verfassungswesen gehalten. Daß diese
+Vorgänge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, daß keiner von uns
+Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse über die
+Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen
+"Mitteldeutschen Volkszeitung", und was diese nicht brachte, blieb uns
+fremd. Es waren eben noch rückständige Zeiten.
+
+Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell für die
+Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben,
+nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem
+Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener öffentlich propagiert wurde.
+Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung
+ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden,
+so kann es auch durch eine königliche Verordnung wieder beseitigt und
+ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr
+großen Mehrzahl nicht für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht schwärmten, war diese Aussicht höchst fatal, und Herr v.
+Unruh, einer ihrer Hauptführer, gab ihrer Besorgnis auch öffentlich
+Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und
+geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklärung,
+diese Forderung sei während des Verfassungskampfes nicht opportun, erst
+müsse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an
+eine Aenderung des Wahlrechts denken könne. Daß zu jener Zeit die
+konservativen Demagogen sich für Einführung des demokratischsten aller
+Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten
+Gegner desselben sind, hatte seinen zulänglichen Grund. Napoleon III.,
+der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht in Frankreich wieder einführte, das die honette Republik nach
+der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit
+demselben ausgezeichnet gefahren. Natürlich unter obligater Einwirkung
+durch die Staatsgewalten auf die Wähler. Es gab anfangs unter
+sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmänner, alle übrigen
+waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und
+1869 auf 110 Köpfe.
+
+Umgekehrt hatte in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen
+hatte, um eine gefügige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf
+oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische
+Beispiel nachzuahmen.
+
+Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften
+mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, daß
+Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete
+und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Gräfin
+Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise
+getragen wurde, noch ehe Lassalle sie öffentlich formuliert hatte.
+Später, als Vahlteich Sekretär Lassalles geworden war, entdeckte dieser,
+welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm
+Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor
+Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von
+Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist höchst
+wahrscheinlich, daß der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den
+Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe
+Bismarck selbst sich damit beschäftigt hatte.[1] Klarheit über die Rolle
+Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September
+1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgänge zu
+sprechen kam. Ich klagte damals Fürst Bismarck an, daß er jetzt die
+Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals für seine
+politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunächst auf den
+Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im
+Leipziger Komitee gemacht habe; ich führte weiter an, daß durch
+Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder
+des Königs) und der Gräfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in
+Verbindung gekommen sei, daß seine Unterhaltungen mit Lassalle öfter
+stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte
+abgewiesen worden wäre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei
+ihm war.
+
+Fürst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im
+Reichstag das Wort. Ich hatte irrtümlich gesagt, daß die Verhandlungen
+zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt
+erst im Oktober stattgefunden hätten. Daran knüpfte Bismarck an, um
+nachzuweisen, daß er solche Aufträge nicht könne gegeben haben, da er
+erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm
+erinnerlich, _daß Eichler späterhin Forderungen an ihn gestellt für
+Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, daß
+Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe,
+von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese hätten sich
+aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf
+intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des
+Nationalvereins.
+
+Damit war erwiesen, wie begründet unser Verdacht im Komitee gegen
+Eichler gewesen war. Im übrigen bestritt Fürst Bismarck, daß er 60000
+bis 80000 Taler für eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen.
+Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo hätte er das Geld hernehmen
+sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer
+geäußert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr nötig erscheine, mit
+oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg führen und das Geld dazu
+nehmen, wo sie es finde--und jahrelang die Staatsausgaben ohne
+Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen
+Beziehungen zu Lassalle äußerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den
+Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfüllung dieses
+Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut.
+Verhandlungen hätten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was hätte
+Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten können? Lassalle habe ihn aber
+außerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und
+liebenswürdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er
+sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das
+deutsche Kaisertum gewesen. Darin hätten sie Berührungspunkte gehabt.
+Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche
+Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle
+abschließen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber
+monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklärung folgte im
+Reichstag große Heiterkeit.
+
+Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte,
+bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und
+Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenüber
+eine höchst eigenartige. Gestützt auf sein sehr hohes Selbstgefühl und
+seine unabhängige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von
+Macht zu Macht verhandeln zu können, noch ehe er eine Macht hinter sich
+hatte. Wie das Spiel schließlich ausgegangen wäre, darüber braucht man
+sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August
+1864, ihn als Partner beseitigte.
+
+Bismarck bestritt ferner in jener Rede, daß zwischen ihm und Lassalle
+der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und
+geheimen Wahlrechts erörtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil
+nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir
+Lassalle maßgebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem
+Staatsgerichtshof in Berlin, 12. März 1864, öffentlich sagte: "Und so
+verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht
+kein Jahr mehr vergehen--und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert Peels
+gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert."
+Lassalle konnte ganz unmöglich eine solche Sprache führen, wäre nicht in
+seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,
+direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angeführt,
+wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen
+sehr ernst erörtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.
+Außerdem war Bismarck, der gegen die Beschlüsse der Kammer
+verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die
+berüchtigten Preßordonnanzen erließ, nicht der Mann, der vor einer
+Oktroyierung eines Wahlsystems zurückgeschreckt wäre, wenn er sich
+Nutzen davon versprach. Zudem wäre ihm eine solche Oktroyierung von den
+bisher politisch entrechteten Massen in Preußen nicht übelgenommen
+worden.
+
+Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen
+hatten, dafür sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel später
+veröffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.
+
+Lassalle schrieb an Bismarck:
+
+Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,
+Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, daß die _Wählbarkeit
+schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden muß. Ein immenses
+Machtmittel! Die wirkliche "moralische" Eroberung Deutschlands! Was die
+Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte
+französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig
+Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr
+allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte
+zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vorlegen
+zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im
+geringsten zu zweifeln.
+
+Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.
+Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört
+werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes
+mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende
+Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich
+unumgängliches Bedürfnis.
+
+Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter
+Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Straße 13.
+
+Und weiter:
+
+Exzellenz! Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen
+gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich
+schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten
+"Zauberrezepte"--Zauberrezepte von der durchgreifendsten
+Wirkung--gefunden habe. Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube,
+endlich von entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich
+ebenso glaube, diese entscheidenden Entschlüsse unmöglich länger zu
+verschieben sind, so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend
+8-1/2 Uhr bei Ihnen vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit
+verhindert sein, so bitte ich, mir eine andere möglichst nahe Zeit
+bestimmen zu wollen. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz
+ergebenster
+
+F. Lassalle.
+
+Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Straße 13.
+
+ * * * * *
+
+Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswärtigen Amt beschäftigt wurde
+und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wußte, behauptete, Bismarck
+habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer
+zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten
+Briefe spricht für eine solche Auffassung. Auf alle Fälle war dieser
+Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen
+im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem
+Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen
+Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles
+waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.
+Darüber später.
+
+Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,
+wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum
+Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, daß er öfter
+stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,
+wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: "Er gebe zu, daß
+er mit Lassalle auch über die Gewährung von Staatsmitteln zu
+Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren
+Zweckmäßigkeit er noch heute überzeugt sei." Diesen Gedanken spann er
+dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des
+Königs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks
+Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafür, daß ihm
+jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und
+Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz "teile und herrsche" sich
+in der Macht zu halten.
+
+Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas
+vorausgeeilt.
+
+Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,
+Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den
+Führern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und
+des Nationalvereins über die obenerwähnten Punkte zu verhandeln. Daß der
+deutsche Arbeiterkongreß erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen
+werden sollte, darüber einigte man sich rasch. Ebenso über die
+Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt "Abhaltung einer
+Weltausstellung in Berlin" gestrichen wurde. Eichler war mit anderen
+Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,
+zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter
+geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fünfzig Arbeiter unter
+Führung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der
+Berliner Weltausstellung entstanden.
+
+Die Verhandlungen mit den Führern der Liberalen befriedigten die
+Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer
+Rückkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der
+Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer
+preußischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er für
+die preußische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar
+in einer großen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der
+Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch für möglich
+gehalten hätte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das
+Ersuchen, sich zu äußern über das Verhältnis des Nationalvereins zu den
+Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, daß die Arbeiter sich
+allerdings um Politik kümmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,
+der so schlecht gestellt ist, daß er von der Hand in den Mund lebt, hat
+der Zeit und Sinn, sich um öffentliche Angelegenheiten zu bekümmern?
+Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins
+sei für jeden Volksfreund und für Deutschland ganz besonders eine große
+nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu
+verwendeten, ihre Lage zu verbessern, "die begrüße ich hiermit im Namen
+des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des
+Nationalvereins".
+
+Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter böses Blut, sie
+zeigte, daß der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder
+fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeiträgen ab.
+Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin
+ging--Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich--, blieb diese über die Gesinnung
+der maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber den Arbeitern nicht mehr im
+Zweifel. Da war es der junge Ludwig Löwe, der Gründer der bekannten
+Waffenfabrik Ludwig Löwe & Co., der die Deputation zu Lassalle führte.
+Hier fanden die drei, was sie suchten: Verständnis für ihre Forderungen
+und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde verabredet, daß
+der Arbeiterkongreß weiter hinausgeschoben werden solle, bis er
+(Lassalle) seine Ansichten über die Stellung der Arbeiter in Staat und
+Gesellschaft in einer besonderen Broschüre niedergelegt habe, deren
+Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee übernehmen solle.
+
+Ich möchte hier bemerken, daß der Wandel bei den maßgebenden Personen in
+der Leipziger Bewegung äußerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man
+ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmütigkeit und
+Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer großen
+Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein
+Komitee für die Gründung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang
+Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in
+Verbindung stand, berichtete Fritzsche über eine Reise nach Gotha und
+Erfurt, über die dortigen Konsumvereine und beantragte die Gründung
+eines solchen für Leipzig. Einen Beschluß hierüber verhinderte
+Vahlteich, der erklärte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in
+Erwägung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es hätte
+sich merkwürdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit
+zu gründen, in der Lassalle bereits über seinem Antwortschreiben saß, in
+dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollständig wertlos für die
+Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.
+
+Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher
+Stimmung. Ende 1862 veröffentlichte er in der Leipziger "Mitteldeutschen
+Volkszeitung" einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen
+das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausführte: daß die
+Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die
+_höchste Mäßigung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser
+Erklärung schon über Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,
+hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die
+Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhältnisse geschaffene
+Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat
+allerdings eine vollständige Frontveränderung der Führer ein. Ihnen
+daraus einen Vorwurf zu machen, wäre verfehlt. In gärenden Zeiten treten
+Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkprozeß wird beschleunigt. Drei
+Jahre später, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,
+erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz
+ähnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht
+sich auch ohne Wunder immer wieder.
+
+Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine
+Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und
+mein Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Da ich Abend für Abend,
+falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich
+abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wünsche und Bedürfnisse der
+Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich
+bald der fleißigste Antragsteller in den Ausschußsitzungen und
+Monatsversammlungen. Meine Anträge konnten fast regelmäßig auf Annahme
+rechnen. Dadurch wurde mein Einfluß ein großer. Zu jener Zeit war ich
+aber noch Arbeiter, das heißt ich mußte von morgens 6 bis abends 7 Uhr
+an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden für
+die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu große Tätigkeit nach
+verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Außerdem erschienen
+mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr
+unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee
+erleichtert.
+
+Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.
+Dieser war für den Vorwärts, ich für den Gewerblichen Bildungsverein
+Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.
+Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische
+Rede, in der er in alter Weise ausführte, daß die Arbeiter wohl
+politische und humanitäre Bildung sich aneignen, nicht aber auch
+Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu
+gewähren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.
+Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein
+Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natürlich
+keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation
+konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die
+gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Nachträglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats
+Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, daß er mit
+Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt und anderen Häuptern der Sozialisten
+(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also höchst
+wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen
+gelernt und bei Eichler verwendet.
+
+
+
+
+Lassalles Auftreten und dessen Folgen.
+
+
+Anfang März 1863 erschien Lassalles "Offenes Antwortschreiben an das
+Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen
+Arbeiterkongresses zu Leipzig". Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung
+hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins
+die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche,
+geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafür noch
+nicht reif seien. Ich stieß mit dieser Anschauung selbst bei einigen
+meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede
+meiner späteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte.
+Ich habe aber die begründete Vermutung, daß es mehr die Person des
+Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals
+ziemlich gleichgültig gewesen sein dürfte.
+
+Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht
+entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nächst ihm der
+kleine Kreis seiner Anhänger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die
+Schrift in ungefähr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen
+Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Daß die
+Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter
+so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklärlich erscheinen. Und
+doch war es natürlich. Nicht nur die ökonomischen, auch die politischen
+Zustände waren noch sehr rückständige. Gewerbefreiheit, Freizügigkeit,
+Niederlassungsfreiheit, Paß- und Wanderfreiheit, Vereins- und
+Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen
+Zeit viel näher standen als Produktivassoziationen, gegründet mit
+Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
+Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im
+Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein
+unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben,
+die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der großen
+Mehrzahl der Kampf des preußischen Abgeordnetenhaus gegen das
+Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Unterstützung und
+Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer
+politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und
+betrachtete sie als Ausfluß politischer Weisheit. Die liberale Presse,
+die damals die öffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute,
+sorgte auch dafür, daß dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse
+war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei über Lassalles
+Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhört war. Die persönlichen
+Verdächtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und daß es
+vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die "Kreuzzeitung",
+waren, die Lassalle objektiv behandelten--weil ihnen sein Kampf gegen
+den Liberalismus ungemein gelegen kam--, erhöhte den Kredit Lassalles
+und seiner Anhänger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich
+vergegenwärtigen, daß es selbst heute, nach einer mehr als
+fünfundvierzigjährigen intensiven Aufklärungsarbeit, noch Millionen
+Arbeiter gibt, die den verschiedenen bürgerlichen Parteien nachlaufen,
+wird man sich nicht wundern, daß die große Mehrheit der Arbeiter der
+sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenüberstand. Und damals
+lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel später
+dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer
+nur wenige.
+
+Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, daß dieses
+sich spaltete und ebenso der Verein Vorwärts, der die Hauptstütze des
+Komitees war. Professor Roßmäßler, Eisengießereibesitzer Götz, ein
+Bruder des Turner-Götz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine größere
+Anzahl Arbeiter im Verein erklärten sich gegen Lassalle. Fritzsche,
+Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die
+eigentlichen Träger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ
+noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast
+vollständig. Boden fand sie allmählich in Hamburg-Altona, von wo aus sie
+sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel,
+Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Düsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz,
+in einigen Städten Thüringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen
+außer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener
+Arbeiterbildungsvereins, Försterling, sich mit einer kleinen Schar
+Anhänger Anfang 1864 Lassalle anschloß; ferner in Augsburg.
+
+Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmähliche und schwache
+und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhänger
+hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem
+von ihm zur Gründung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein als eine große politische Macht ansah, hoffte er in nicht
+ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die
+sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhänger rechnen
+konnte.
+
+Gegen Ende März legte das Leipziger Komitee in einer großen
+Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee
+zu wählen, das die Gründung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten
+Debatte erklärte sich die Mehrheit der Versammlung für diesen Plan. Dr.
+Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut.
+
+Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer
+großen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten großen Versammlungen
+jener Zeit im Odeon in der Elsterstraße abgehalten wurde. Die Rede ist
+unter dem Titel "Zur Arbeiterfrage" erschienen. Die Versammlung war von
+ungefähr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch
+vor Schluß derselben das Lokal verließ. Die Liberalen waren unter
+Führung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribüne
+gegenüberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner öfter
+durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen für den Redner waren etwas
+eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit
+Büchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer
+Disputation à la Luther kontra Eck kommen.
+
+Lassalle scheint geglaubt zu haben, daß er eine schwere Opposition
+finden werde, die er widerlegen müsse, was nicht der Fall war. Sein
+persönliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher,
+schlanker, aber kräftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf
+dem Katheder, wobei er öfter bald eine, bald beide Hände in die
+Armlöcher seiner Weste steckte. Er sprach fließend, manchmal pathetisch,
+doch schien es mir, als stoße er leicht mit der Zunge an. Er endete
+unter stürmischem Beifall eines großen Teiles der Versammlung, dem der
+andere mit Zischen antwortete.
+
+Nach Lassalle ergriff Professor Roßmäßler das Wort und verlas eine
+längere Erklärung, in der er ausführte: er wisse, daß er keine Mehrheit
+in diesem Saale für seine Ansichten habe, aber er hoffe, daß die
+Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die
+Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er
+protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die
+Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu
+bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er
+meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Roßmäßler und ihm mehr
+taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im
+Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Roßmäßler herüberziehen zu können.
+Außerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Roßmäßlers wegen
+des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum führte. Beide gehörten
+mit Roßmäßler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig
+bestand, beiden tat die Trennung von Roßmäßler weh.
+
+Lassalle genügte nicht der Beifall der Masse, er legte großes Gewicht
+darauf, Männer von Ansehen und Einfluß aus dem bürgerlichen Lager auf
+seiner Seite zu haben, und er gab sich große Mühe, solche zu gewinnen.
+Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen
+sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren.
+Wuttke war Großdeutscher, und zwar mit starker Neigung für Oesterreich.
+Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M.
+gewesen. Er und Roßmäßler waren politische und persönliche Gegner.
+Außerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen
+Fortschrittspartei und des Nationalvereins--zwei Organisationen, deren
+Angehörige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun
+Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes
+lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verständnis besaß Wuttke
+nicht, der nebenbei bemerkt ein glänzender Redner war und ein schönes
+Organ besaß. Die kleine, gebückte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas
+Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwähnten
+Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, bestätigt meine Auffassung von
+Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig
+eingeschätzt, aber es genügte ihm, daß Wuttke scheinbar auf seiner Seite
+stand.
+
+Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung,
+sondern schildere nur meine persönlichen Erlebnisse und Beziehungen in
+derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut
+machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen
+Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner
+Arbeiterbewegung.
+
+ * * * * *
+
+Mit dem Auftreten Lassalles und der Gründung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal
+gegeben zu erbitterten Kämpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von
+jetzt ab während einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft
+Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs
+mit den Jahren hüben und drüben, und da Arbeiter nicht an den Salonton
+gewöhnt sind--der übrigens auch bei denen versagt, die stolz auf
+denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke
+Meinungsverschiedenheiten geraten--, so flogen die derbsten Grobheiten
+und Beschuldigungen herüber und hinüber. Nicht selten kam es aber auch
+zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden
+Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, daß öfter die Wirte
+ihre Säle für Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite
+war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann
+also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in
+einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, daß die Lassalleaner, um
+eine Mehrheit zu erlangen, beide Hände in die Höhe hoben, forderte ich
+auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hände in die Höhe heben.
+Unter großem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die
+Lassalleaner.
+
+Der einzige Vorteil dieser Meinungskämpfe war, daß beide Teile die
+größten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah
+erst recht, als einige Jahre später die Seite, der ich angehörte, sich
+ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen
+schuf und ihre Kämpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+führte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen
+spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt
+dauernden gegenseitigen Bekämpfung in unerhörter Weise verschwendet, zur
+Freude der Gegner.
+
+In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, daß die
+alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem
+Verein Vorwärts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine
+Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigeführt wurde.
+Die Polytechnische Gesellschaft hatte längst die Bevormundung des
+Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine
+Sisyphusarbeit erwies. Außerdem erkannte auch die sächsische Regierung,
+daß es mit dem alten Bundestagsbeschluß von 1856 nicht mehr gehe; sie
+ließ wohl oder übel die Zügel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen
+Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschluß in Widerspruch
+stand. Die Regierung zog schließlich die Konsequenzen und erklärte am
+20. März 1864 jenen Bundestagsbeschluß für aufgehoben.
+
+Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem öfter machten, daß alle Gesetze
+und Unterdrückungsmaßregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder
+unterdrücken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit
+überwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb
+als unüberwindlich herausstellt. Die Behörden verlieren schließlich
+selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos
+gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den
+vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit
+den Arbeiterkoalitionsverboten in Preußen und anderen Staaten, die
+einfach nicht mehr beachtet wurden.
+
+Die Lohnkämpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen
+Koalitionsverboten zum Trotz, noch während die weisen Herren in der
+Regierung darüber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie
+weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte später die
+deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes,
+unter dem die Behörden schließlich es auch als unmöglich ansehen mußten,
+die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrückung der
+Blätter und Literatur in derselben Weise fortzuführen, wie das in den
+ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe
+Erfahrung hat noch später auch die Frauenbewegung in denjenigen
+deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in
+politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen
+Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote längst
+überwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschloß,
+durch Gesetz zu sanktionieren, was tatsächlich bereits, dem früheren
+Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedürfnissen
+drein, sie kommen nie einem solchen zuvor.
+
+Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig
+gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewählt, eine
+Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen
+Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med.
+Reyher--ein Schüler Professor Bocks--bald darauf sein Amt niederlegte,
+rückte ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872
+innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mußte, die
+mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche
+Reich zuerkannt worden war.
+
+Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jährliche
+städtische Unterstützung von 500 Taler, die ihm hauptsächlich für
+Ermietung besserer Lokalitäten und Aufrechterhaltung des Unterrichts
+gewährt wurde. Als aber in den nächsten Jahren der Verein, der
+politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr
+nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der städtischen Vertretung
+zunächst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im
+Jahre 1869 sich für das Programm der zu Eisenach neugegründeten
+sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärte, eine
+Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch
+nahm, mit großer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nächsten Jahre
+den Rest der Subvention. Der Liberalismus unterstützt nur politisch
+brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins
+hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten.
+
+
+
+
+Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine.
+
+
+Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich
+geworden. Außer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863
+auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen
+lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Försterling,
+bevor er zu den Lassalleanern überging, und Schuhmacher A. Knöfel in
+Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in
+Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in
+Hohenstein-Ernstthal usw. an der Gründung von Arbeitervereinen. Unsere
+Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thüringen aus. Im unteren Erzgebirge
+waren unter der Wirker- und Weberbevölkerung Dutzende von
+Arbeiterlesevereinen gegründet worden, in denen ein reges geistiges
+Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im übrigen
+Deutschland. Namentlich wurden in Württemberg eine große Zahl
+Arbeitervereine gegründet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband
+zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen.
+Auch in Baden und dem Königreich Hannover traten viele Arbeitervereine,
+meist Bildungsvereine, ins Leben.
+
+Die Rührigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die
+Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedürfnis nach
+Zusammenschluß hervor. Dieser Zusammenschluß konnte aber nur ein loser
+sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten,
+für das sie mit Begeisterung und Opfermut kämpften, fehlte den Vereinen.
+Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die
+Lassalleaner, und daß man angeblich keine Politik in den Vereinen
+treiben wolle. Tatsächlich aber suchten die Leiter der meisten dieser
+Vereine oder ihre Hintermänner den Verein, auf den sie Einfluß hatten,
+für ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle
+Nuancen der bürgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom
+republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler,
+aus deren Mitte später (1867) die nationalliberale Partei gebildet
+wurde. Indes lösten sich schon 1865 die radikalen, großdeutsch gesinnten
+Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische
+Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende "Deutsche
+Wochenblatt" wurde.
+
+Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die
+politische Situation drängte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn
+der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preußen machte
+ein geschlossenes Zusammengehen nötig. Der Deutsche Reformverein, der
+sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und für die
+Beibehaltung von Gesamtösterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein
+Sammelsurium von süddeutsch-partikularistischen und österreichischen
+Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte für die
+Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten für die österreichische
+Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament
+bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewählt werden
+sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in
+der deutschen Frage kam man übrigens in den Arbeitervereinen nicht,
+ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864
+anfing, sehr aktuell zu werden.
+
+Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im
+Maingau, Boden gefaßt. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines
+Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai
+1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen über die
+politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v.
+Schweitzer--der später eine Hauptrolle in der Bewegung spielte--für eine
+besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter dem
+Einfluß von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der
+gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes.
+Seitdem hörten auch im Maingau die Meinungskämpfe nicht auf. Das
+Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schürte das Feuer. In
+Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich
+eine Reihe Jahre später einen mäßig veranlagten und eitlen Menschen
+kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem
+Arbeitertag in Rödelheim--19. April 1863--, auf dem Professor Louis
+Büchner einen Vortrag über Lassalles Programm hielt, eine Erklärung
+gegen Lassalle durchzusetzen, mißglückte. Dagegen erschien Lassalle
+selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten.
+Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein
+Fernbleiben durch Ueberhäufung mit Geschäften. Er tat wohl daran. Wie
+ich später Schulze-Delitzsch persönlich kennen lernte, wäre er Lassalle
+gegenüber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle
+sprach, hatte dieses Schicksal.
+
+Die Antwort auf jene Vorgänge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19.
+Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach
+Frankfurt a.M. für den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war
+der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den
+Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nürnberg und dem
+Handwerkerverein zu Düsseldorf.
+
+In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen,
+die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmöglich
+gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber "ein so wichtiger und
+fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung für eine friedliche,
+glückliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und
+Vaterlandes zugrunde, daß sie durch den Mißgriff einzelner in ihrem
+gesunden Verlauf nimmermehr gestört werden dürfe. Es sei die Pflicht
+aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Kräften zu
+verhüten, daß nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner
+verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und
+Zersplitterung der ganzen Bewegung werde."
+
+Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich später
+erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in
+Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Städten und einer freien
+Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wäre die
+Einberufung des Vereinstags nicht Hals über Kopf erfolgt, so daß sie
+einer Ueberrumplung ähnlich sah, was den Einberufern in der
+Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wäre eine
+erheblich stärkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein
+wählte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Außerdem waren
+in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Roßmäßler und der
+Werkführer Bitter als Delegierte gewählt worden.
+
+Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August
+Röckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich
+mit den Worten anredete: "Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich
+ausgeschlafen? Es wird Zeit." Etwas geärgert antwortete ich: "Wir sind
+früher aufgestanden als viele andere!" Röckel lachte, er habe es nicht
+bös gemeint.
+
+Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der
+rote Becker, der seinerzeit im Kölner Kommunistenprozeß zu langer
+Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor
+wegen seiner politischen Tätigkeit als Assessor gemaßregelt hatte,
+ferner Julius Knorr aus München, der Besitzer der "Münchener Neuesten
+Nachrichten", die damals als ein kleines Blättchen erschienen, aber
+ihrem Besitzer ein großes Vermögen einbrachten.
+
+Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch
+spärlich den mächtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen
+roten Schnurrbart oder seiner früheren roten Gesinnung verdankte, weiß
+ich nicht. Becker war ein großer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem
+man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht
+ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprächig, im Gegensatz zu
+Eugen Richter, dessen frostiges, zurückhaltendes Wesen mir schon damals
+auffiel; Richter machte den Eindruck, als sähe er uns alle mit
+souveräner Geringschätzung an. Der Zufall wollte, daß ich eines Tages in
+der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen
+Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam
+die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker äußerte, Lassalle habe nur
+aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den
+Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein
+Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Weiß erzählte, hatte der
+alte Waldeck geäußert, es sei ein Fehler, daß man Lassalle
+zurückgestoßen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch
+durch allerlei Frauengeschichten "sittliche Bedenken" in der
+Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der "sittlichen
+Verfehlungen", die andere Führer der Fortschrittspartei jener Zeit sich
+zuschulden kommen ließen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte
+seine Aeußerungen, wie ich bemerken will, ohne Animosität gegen
+Lassalle, wie er sich denn überhaupt nie zu Angriffen gegen seine
+ehemaligen Parteigenossen hinreißen ließ, im Gegensatz zu Miquel, der
+später auch für das Sozialistengesetz stimmte.
+
+Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Röhrich-Frankfurt
+a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden übertragen.
+Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Roßmäßler einen Antrag
+eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete:
+
+"Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine
+stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlüsse den Ausspruch, daß
+er es für erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine
+sowohl als überhaupt des gesamten Arbeiterstandes hält, bei der
+Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, bürgerlicher und
+wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit
+allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Größe Strebenden,
+einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der
+Menschheit arbeiten."
+
+Diese Resolution drückt mehr als lange Reden den Standpunkt des
+Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den
+Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des
+Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von
+einem Redner erwähnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung;
+es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von
+Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil
+man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. Ueber
+den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der
+Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdörfer-Mannheim, der auf der
+linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der
+Debatte. Bemerkenswert ist, daß ein Amendement Dittmanns, das
+forderte, daß die Vereine auch Lehrkräfte für Ausbildung in der
+Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu
+gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem
+Arbeiter von heute ist diese Rückständigkeit kaum begreiflich.
+
+Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach
+Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstünden,
+über den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit,
+Freizügigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschließung. Ein
+weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den
+Spar- und Vorschußvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften,
+deren Gründung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl
+er Gründung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von
+Werkstätten mit Triebkräften, als das beste Mittel zur Förderung des
+nationalen Wohles und der bürgerlichen Selbständigkeit der Arbeiter. In
+dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, daß dieses alles
+nach Schulze-Delitzschen Vorschlägen durchgeführt werden solle. Auch
+sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher
+Genossenschaften fördern, eine Auffassung, die nur in einer auf
+kleinbürgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden
+konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag für Schaffung von Alters- und
+Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, "manche Sorge
+wenigstens teilweise zu beseitigen". Hier lag wenigstens keine
+Ueberschätzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die
+Gründung von Gauverbänden mit monatlichen Zusammenkünften der
+Delegierten befürwortet, um die Gründung neuer Vereine zu fördern und
+unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei
+diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von
+Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gestützt auf
+meine damaligen Erfahrungen führte ich aus, daß mir diese Versammlungen
+bisher nicht imponiert hätten. Es fehle den Teilnehmern die
+vorbereitende Aufklärung, die in den Vereinen erreicht würde, und so
+folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner
+erziele. Die Fußangeln der Vereinsgesetze fürchtete ich einstweilen
+nicht, bisher hätte man uns wenigstens in Sachsen gewähren lassen, doch
+könne ein Rückschlag kommen. Gauverbände hielt ich für nützlich. Diese
+Ausführungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribüne,
+der gegen mein Urteil über den Wert der Arbeiterversammlungen
+protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit
+Rücksicht auf die Möglichkeit, daß man das Vereinsgesetz wieder scharf
+gegen uns anwende, müßten wir uns die Vertretung durch freie
+Arbeiterversammlungen als Rückendeckung sichern.
+
+Die schließlich angenommene Organisation lautete:
+
+ * * * * *
+
+I. Es sollen periodisch, in der Regel alljährlich, freie Vereinigungen
+von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen
+lebendigen persönlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter
+den Arbeitern selbst das Verständnis ihrer wahren Interessen zu
+erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur
+Anerkennung zu bringen.
+
+II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der
+arbeitenden Klassen von Einfluß sein kann.
+
+III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen
+Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch
+schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise können auch Vertreter
+freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der ständige
+Ausschuß, dem überhaupt die Prüfung der Vollmachten obliegt, sie zuläßt.
+Verweigert der Ausschuß die Zulassung, so ist Appellation an den
+Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fünf
+Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder
+Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an
+einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich
+eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in möglichst vielen
+Blättern, jedenfalls aber in der "Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg
+und in dem Frankfurter "Arbeitgeber" veröffentlicht. Jeder Verein,
+welcher sich auf dem Vereinstag vertreten läßt, hat einen Beitrag von
+zwei Taler für jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben
+diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden,
+doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen.
+
+IV. Jeder Vereinstag wählt einen ständigen Ausschuß von zwölf
+Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschäfte
+beauftragt ist: 1. Der Ausschuß bestimmt Ort und Zeit des
+nächstfolgenden Vereinstags, sofern darüber von der letzten Versammlung
+nicht ausdrücklich beschlossen worden ist, und trifft die nötigen
+Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erläßt die
+Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen,
+fertigt die Eintrittskarten aus, empfängt die Beiträge, bestreitet die
+Ausgaben und führt die Rechnungen darüber. 3. Er stellt eine vorläufige
+Tagesordnung auf und bestellt nach Maßgabe derselben die
+Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich
+der Bestätigung oder Abänderung der Beschlüsse des Vereinstags. 4. Er
+sorgt in der Zwischenzeit bis zum nächsten Vereinstag für die Förderung
+der Zwecke und die Ausführung der Beschlüsse des Vereinstags. 5. Der
+Ausschuß ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt über die Verteilung
+der Geschäfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die
+Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des
+Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt.
+Zur Gültigkeit eines Beschlusses ist die Einladung sämtlicher, die
+Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majorität
+der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlußfassung kann auch auf
+schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lücken ergänzt der Ausschuß
+und wenn die beschlußfähige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der
+Präsident.
+
+V. Die Geschäftsordnung für die Verhandlungen des Vereinstags wird von
+demselben festgesetzt.
+
+VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die
+Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Präsidenten erwählt hat.
+
+VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind öffentlich.
+
+ * * * * *
+
+In den ständigen Ausschuß wurden unter anderen gewählt: Sonnemann, Max
+Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdörfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw.
+Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die
+Sekretärarbeiten und die eigentliche Leitung übernahm.
+
+Die Mittel, die dem Ausschuß aus der Organisation zur Verfügung standen,
+waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler
+pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer für einen gemeinsamen Zweck
+zu bringen, dafür waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine
+nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den
+Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschuß im
+Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500
+Taler, die auch in den nächsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso
+wandte sich Sonnemann persönlich an eine Reihe großer Unternehmer, um
+von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was
+Arbeiterverein heißt, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois
+vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beiträge sehr spärlich.
+
+Hier möchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst
+im übernächsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre später
+in der "Kölnischen Zeitung" in einer für mich ungünstigen Weise
+auszunutzen versucht wurde.
+
+In Sachsen war der Kampf gegen die Anhänger Lassalles besonders heftig.
+Die für jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhältnisse in Sachsen
+schienen für die sozialistischen Ideen einen besonders günstigen Boden
+zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu können, fehlten uns die
+Mittel. Was immer wir für Agitation aufbrachten, es langte nicht,
+obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages
+Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann--ein Württemberger, der eine
+katilinarische Existenz führte--hin und verfaßten ein überschwenglich
+gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um
+Geld für die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst
+nachträglich von dem Schreiben verständigt und gab auf ihr Ansuchen
+meine Unterschrift, außerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die
+"Kölnische Zeitung", die dieses Schreiben und mein Dankschreiben für die
+empfangenen 200 Taler--nicht 300, wie sie behauptete--vor einigen Jahren
+veröffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei Unterschriften
+rührten von mir. Gegen diese Verdächtigung muß ich mich entschieden
+verwahren. In dem Dankschreiben führte ich aus, daß wir namentlich
+Literatur für die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und könnte der
+Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einfluß bei den
+Buchhändlern geltend machen, daß sie uns diese billig überließen. Daß er
+die Unterstützung gewährte, zeige, daß er mehr Interesse für die
+Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe. Das Geld wurde
+indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde aber sehr
+sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die Agitation für
+die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren von den 200
+Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden. Das war
+allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von 1865 bis
+1866 änderte sich eben die Situation, und trat hüben und drüben eine so
+rasche Wandlung in den Ansichten ein, daß nur noch sehr wenige auf dem
+alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter dieser
+Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflösung begriffen
+und tatsächlich längst tot war, als er im Herbst 1867 offiziell seine
+Auflösung beschloß. Daß wir die 200 Taler erhalten hatten, ärgerte
+viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht verwinden konnte.
+Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der Wahlagitation mir
+entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, daß wir jenes Geld
+angenommen hätten. Er mußte aber die Entdeckung machen, daß all seine
+Mühe, mir zu schaden, vergeblich war.
+
+Bei dieser Gelegenheit möchte ich feststellen, daß ich niemals Mitglied
+des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drücke
+ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all
+den großen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Tätigkeit in
+der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag für den
+Nationalverein zu zahlen, schien mir überflüssig, denn mein Einkommen
+war ein sehr schmales. Ich begnügte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu
+reden, "geistiges Ehrenmitglied" des Nationalvereins zu sein.
+
+ * * * * *
+
+In Leipzig empfand man das Bedürfnis, als Gegengewicht gegen das
+Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhänger einen
+Hauptschlag zu führen. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit
+Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen.
+Dieser erklärte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir
+auseinander, daß wir in Sachsen besonders aufpassen müßten, die
+sächsischen Arbeiter hätten schon 1848 und 1849 Neigung für
+kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864
+kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig.
+
+Es war vereinbart worden, daß ich die Versammlung mit einer Begrüßung
+Schulzes eröffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewählt werden sollte.
+Aber ich hatte Pech. Ich eröffnete die Versammlung, die von 4000 bis
+5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Eröffnungsrede--die
+ich einstudiert hatte--elend stecken. Mein Temperament war mit meinen
+Gedanken durchgegangen. Ich hätte vor Scham in den Boden sinken mögen.
+Das Ende war, daß nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewählt
+wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin
+gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besaß kein angenehmes Organ, auch
+war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet,
+Begeisterung zu erwecken. Er brachte für viele eine Enttäuschung. Die
+Entwicklung nach links hielt er nicht auf.
+
+Den Beschluß des Frankfurter Vereinstags, die Gründung von Gauverbänden
+zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die
+bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem
+Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die
+im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn
+v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten
+werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen
+und sozialen, noch überhaupt mit öffentlichen Angelegenheiten zu
+beschäftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig
+angenommen wurde:
+
+"Die sächsischen Arbeitervereine danken für das Gnadengeschenk des Herrn
+v. Beust und ziehen es vor, von der Gründung eines Gauverbandes
+abzusehen." Eine zweite Resolution, lautend: "Die versammelten
+Deputierten fordern die sächsischen Arbeiter auf, mit aller Energie für
+die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten", wollte der
+überwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil
+dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darüber mit ihm in eine
+scharfe Auseinandersetzung, fügte mich aber unter Protest, als er mit
+der Auflösung der Konferenz drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, daß
+Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei.
+Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der
+weitaus größte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp
+befreit sei; sie hofften, daß es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen
+Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so.
+Nicht nur zählte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit
+erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald
+untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in
+dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im
+Präsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewählt, der in keiner
+Richtung seiner Aufgabe gewachsen war.
+
+Daß aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden,
+dafür spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegründeten Koburger
+"Allgemeinen Arbeiterzeitung", die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in
+Koburg, dem Geschäftsführer des Nationalvereins, ins Leben gerufen
+worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch maßvoll, Lassalle bekämpft,
+das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an
+dessen Schluß es hieß:
+
+"Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil,
+der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet,
+eben diejenigen, welche seine Keulenschläge am meisten verdienten, mögen
+jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines
+Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschränktheit sich erlauben mag,
+mit dem gewöhnlichen Maße zu messen."
+
+Bekanntlich trieb die Gräfin Hatzfeldt, die langjährige intime Freundin
+Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen förmlichen
+Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz
+Deutschland führen wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von
+Lassalles Angehörigen, behördlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die
+Nachricht, daß die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb
+Eichelsdörfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen
+entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die
+Situation ansahen.
+
+Der Brief lautete:
+
+ * * * * *
+
+"Lieber Freund Sonnemann!
+
+Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf
+telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mögen
+wir ihm im Leben gegenübergestanden haben, wir waren doch in der
+Hauptsache einig, der großen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich
+glaube, wir haben inzwischen gelernt, daß ohne allgemeines Stimmrecht
+und dadurch herbeigeführte Umgestaltung der jetzigen staatlichen
+Zustände auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht
+wäre der jetzige Moment ein günstiger, daß von unserer Seite etwas
+geschähe, um eine Vereinigung der beiden Strömungen auf Grund eines
+entsprechenden Programms herbeizuführen und damit dem dahingeschiedenen
+Kämpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Mäßigung auf der anderen und
+etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite könnte dazu führen und der
+Sache nur nützen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden
+Liberalismus doch getrieben werden muß, wenn sie vorwärts dem Ziele
+entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht
+ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hören, um sodann unsere
+Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umständen
+von weittragenden Folgen sein--im gegenteiligen Sinne nichts schaden
+kann.
+
+Auch habe ich das unbestimmte Gefühl, daß wir in Leipzig[2] doch zu
+energischen Beschlüssen geführt werden: da einmal alles auf die
+Prinzipien drängt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen.
+Halbheit und Verschwommenheit nützen zu nichts; sie taugen nicht einmal
+dazu, für die richtige Lösung vorzubereiten.... Ich werde mich der
+Aufgabe nicht entziehen können, der Leiche Lassalles das Geleite zu
+geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich weiß nicht, ob ich den
+Verein dazu einladen soll, da es mißverstanden werden könnte, da viele
+Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, daß man
+Lassalle anerkennen kann, ohne vollständig mit ihm einig zu gehen."
+Schließlich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen.
+
+In einer Nachschrift heißt es: "Würde es Dir als Präsident der
+Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die
+Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir
+alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es weiß,
+ebenfalls übermitteln werde."
+
+ * * * * *
+
+Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt,
+jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdörfers nicht berücksichtigt. Es
+mußte noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, ehe ähnliches, wie
+Eichelsdörfer wollte, erfüllt wurde. Nachdem der ständige Ausschuß auf
+den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen
+hatte, dort den nächsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger
+Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, daß in dem
+von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag
+möglich sei, und sie eröffnete über den Beschluß die Debatte. Die
+einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen,
+waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten.
+Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren
+berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des sächsischen
+Vereinsgesetzes ganz in den Händen des Herrn v. Beust, der Regen oder
+Sonnenschein gewähren konnte.
+
+Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation
+insoweit Rechnung, daß der ständige Ausschuß sich auf unser Ansuchen
+bereit erklärte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf
+die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee für die
+Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwärts, des
+Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins für
+Buchdrucker, außerdem durch Professor K. Biedermann und ein
+Ausschußmitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz
+wurde mir übertragen. Herr v. Beust ließ lange auf die nachgesuchte
+Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der
+Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als
+Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizügigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und
+zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher
+Lehrplan für die Bildungsvereine. 4. Wanderunterstützungskasse, deren
+Gründung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde.
+5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des
+Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des
+ständigen Ausschusses.
+
+Das war für zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren
+Erledigung nur dadurch möglich wurde, daß die Berichterstatter vorher
+Gutachten und Resolutionen veröffentlichten und Berichte und Reden kurz
+waren. Die Gründlichkeit beider ließ in der Regel viel zu wünschen
+übrig.
+
+Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3
+Gauverbände: badisches Oberland, Württemberg und Maingau. Es gab damals
+in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen
+der Maurer und der Zimmerleute. Außerdem hatten die Lassalleaner unter
+Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegründet, und
+zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen
+Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich
+zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des
+Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch für den Magdeburger
+Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A.
+Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee.
+
+Die Versammlung wählte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und
+mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrüßte der
+Bürgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der
+Tagesordnung: Freizügigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu
+tumultuarischen Szenen durch seine Anhänger, die die Tribünen des Saales
+(Schützenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklärte im Sinne
+Lassalles, daß man über die Freizügigkeit nicht mehr debattiere, sondern
+sie dekretiere, dagegen müsse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er
+sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei
+seinen Anhängern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte
+Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes
+Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von
+meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf
+den Galerien. Am nächsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene,
+als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem
+bereits der Schluß der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort
+verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und
+legte sein Mandat nieder. Die Beschlüsse des Vereinstags waren von
+keinem großen Belang. Fr. Albert Lange, der über Konsumvereine
+referierte, zeigte sich als ein glänzender Redner. In den
+ständigen Ausschuß wurden gewählt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch,
+Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger
+Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spüren
+war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied für
+Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nürnberg, Stuttmann-Rüsselsheim,
+Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] Leipzig war als Ort für den nächsten Vereinstag bestimmt.
+
+
+
+
+Friedrich Albert Lange.
+
+
+Infolge meiner Mitgliedschaft im ständigen Ausschuß kam ich mit
+Friedrich Albert Lange in näheren persönlichen und schriftlichen
+Verkehr. Lange, eine untersetzte und kräftige Figur, war eine äußerst
+sympathische Erscheinung. Er hatte prächtige Augen und war einer der
+liebenswürdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den
+ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem
+Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maßregelungen nicht
+beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen für die
+Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der "Geächteten" und
+"Isolierten" in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den
+Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar
+1865 erschienenes Buch "Arbeiterfrage" zeigt. Wenn in der später
+erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht,
+wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus
+nachgesagt wird, daß er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich
+dieses als die Folgen eines langen und schweren körperlichen Leidens,
+dem er leider zu früh erlag.
+
+Lange stand im ständigen Ausschuß stets auf der linken Seite und drängte
+nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen großen persönlichen Dienst
+aus rein fachlichen Gründen. Wir in Leipzig waren, wie ich schon
+andeutete, mit der "Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Konflikt
+gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des
+Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft.
+
+Bei der Redaktion der "Arbeiterzeitung" war, wahrscheinlich auf
+Einbläsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt
+untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stück. Ich war
+im Gegenteil stets für das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung
+gefördert. Auch im ständigen Ausschuß, in dem Gegner der Koburger
+Arbeiterzeitung saßen, trat ich für dieselbe ein und befürwortete ein
+günstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger
+Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr
+eine gepfefferte Erklärung, aus der sie nur abdruckte, daß ich mich als
+einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Mißwirtschaft bekannt habe.
+
+Dieser Streit veranlaßte den ständigen Ausschuß, Lange mit der Abfassung
+eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine
+Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die "Arbeiterzeitung" erreicht,
+daß, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung
+hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten für den Stuttgarter Vereinstag
+mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat,
+unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die
+"Arbeiterzeitung" darlegte, erklärte eine Anzahl Delegierte, daß sie
+nunmehr die Sache anders ansähen. Die "Arbeiterzeitung" hat denn auch
+später mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen.
+Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag
+persönlich bei mir.
+
+Die Ereignisse des Jahres 1866--auf die ich später zu sprechen
+komme--und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in
+Duisburg, wo er Handelskammersekretär war, unmöglich. Er ließ sein
+Blättchen "Der Bote vom Niederrhein" eingehen und folgte einer Einladung
+seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der
+Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt "Der
+Winterthurer Landbote" ein. Bleuler war einer der Führer der radikalen
+Demokratie im Kanton Zürich. Um jene Zeit begann die Agitation für eine
+Reform der rückständigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der
+junge Reinhold Rüegg, der spätere Mitbegründer der "Züricher Post",
+traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation für eine
+demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit
+mit Erfolg gekrönt. Langes Einfluß ist es geschuldet, daß in die neue
+Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schützt und
+fördert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl
+der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens.
+
+Mittlerweile war ich--wie ich vorgreifend bemerken möchte--Vorsitzender
+im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt nunmehr, die
+Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager zu bestimmen.
+Daß dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen würde, war mir klar. Ich
+hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb an ihn am
+22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor O.A.
+Ellissen,[3] einen "sehr merkwürdigen Brief" nennt, in dem ich ihn bat,
+das Referat über die Wehrfrage für den Nürnberger Vereinstag zu
+übernehmen. "Neben der Wehrfrage--so schrieb ich nach Ellissen weiter,
+der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand--steht noch so
+mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, für den Ihre Anwesenheit und
+Ihre gewichtige Stimme von der größten Bedeutung ist." Ich sprach weiter
+in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer
+Spaltung, "es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreißig
+schwankende".
+
+Lange antwortete am 5. Juli:
+
+ * * * * *
+
+"Lieber Herr Bebel!
+
+Ich bedaure sehr, Sie in Ungewißheit gelassen zu haben, allein meine
+Existenz war in letzter Woche die, daß ich den Tag über in Zürich war,
+um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier
+eine tägliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associé
+und Kollege hat als Vizepräsident der Verfassungskommission und Mitglied
+zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu
+tun, daß ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge für ein
+ziemlich großes Geschäft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur
+Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich
+vor Vollendung der neuen Verfassung--wir sind froh, wenn sie noch in
+diesem Jahre fertig wird--nicht mit Sicherheit über meine Zeit verfügen.
+Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann nicht sicher
+wissen, wann diese fällt, und daher auch zu meinem großen Bedauern das
+Referat über die Wehrfrage nicht übernehmen. Wenn meine Zeit es irgend
+erlaubt, komme ich dann noch nach Nürnberg, da ich meinerseits ebenfalls
+mich danach sehne, so viele wackere Freunde--leider zum Teil in
+getrennten Lagern--wiederzusehen."
+
+ * * * * *
+
+Der Nürnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn überhaupt
+nicht mehr wieder, auch hörten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf.
+Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universität Zürich
+ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als
+Professor nach Marburg berief, versuchte Zürich vergeblich, ihn
+festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner
+Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag
+er, erst 47 Jahre alt, seinem langjährigen Leiden. Mit Lange hatte einer
+der Besten aufgehört zu leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
+Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.
+
+
+
+
+Neue soziale Erscheinungen.
+
+
+Im Frühjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongreß
+zusammen unter Führung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
+die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
+Es war der erste Schritt aus der bürgerlichen Frauenwelt, welcher zu
+einer Frauenorganisation führte. Die "Frauenzeitung", die damals ein
+Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
+Korn Frau Luise Otto-Peters und Fräulein Jenny Heinrichs in die
+Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
+Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
+war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
+Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule für Mädchen
+hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr 1865, das ein Prosperitätsjahr war, sah eine Menge Lohnkämpfe,
+die in den verschiedensten Städten ausbrachen. So gab es unter anderen
+große Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
+bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
+eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
+folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
+niedrigen Löhne und durch die lange Arbeitszeit. Der höchste Wochenlohn
+betrug 5-1/4 Taler. Für 1000 n wurden 25 Pfennig sächsisch bezahlt, die
+Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
+März kündigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage später in den
+Ausstand. Eine Organisation für Streikunterstützungen bestand nicht. Der
+Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Härtel war,
+mußte neutral bleiben, bei Strafe der Auflösung. Härtel selbst arbeitete
+in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
+war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegründet, und gab der
+Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
+Geheimrat Professor Dr. v. Wächter, einer der ersten Juristen
+Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.
+
+Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
+Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich möchte beiden Seiten die
+Vermittlung des ständigen Ausschusses anbieten, und gab mir für diesen
+Versuch verschiedene Verhaltungsmaßregeln. Da der Briefwechsel, den ich
+mit ihm über diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
+sein dürfte, veröffentliche ich hier denselben.
+
+ * * * * *
+
+"Leipzig, den 11. Mai 1865.
+
+Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.
+
+Durch längeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
+auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
+Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
+muß ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunächst brieflich an
+den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil über
+die Sache zu hören. Derselbe antwortete, daß er selbst in einer Offizin
+arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
+Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
+wenden.
+
+Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rücksprache und war erfreut
+über die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
+nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunächst
+erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
+Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
+Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.
+
+Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
+mir der Bescheid, daß ich mich am besten an Stadtrat Härtel (Firma
+Breitkopf & Härtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
+Genossenschaft seien. Ich muß hierbei bemerken, daß ich mich absichtlich
+nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
+weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
+Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlaßt, dennoch zu
+Härtel zu gehen. Ich traf beide Brüder zu Hause an und hatte eine
+ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
+war, daß die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verständigung mehr tun
+würden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenüber den
+Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wächter so
+unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, daß seit jener Zeit
+(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl geändert hätten und man von
+jener Seite auf eine Verständigung bereitwilligst eingehen werde.
+
+Aber diese und ähnliche Erklärungen von meiner Seite nützten nichts. Ich
+merkte sehr deutlich aus den Aeußerungen dieser Herren, daß man auf die
+Tarifkommission aufs äußerste erbittert sei, und eine Verständigung
+einfach nicht wolle.
+
+So stellte man unter anderem die Behauptung auf, daß diese Kommission
+kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
+habe sich dasselbe angemaßt. Eine Behauptung, die gegenüber den
+Tatsachen sich ganz merkwürdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
+denn nützte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
+erzielte und nun die übrigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
+keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
+Geheimrat Professor v. Wächter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
+bereit erklärt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
+den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
+tun möchten.
+
+Nach dieser Erklärung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
+Verhandlungen haben müßten, und entfernte mich.
+
+Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
+Kolosseum abhielten, ließ ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
+beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.
+
+Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.
+
+Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
+die Sache für uns noch günstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
+machen.
+
+Ich bin überzeugt, daß man von seiten der Kommission mit einer
+Verständigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
+einzusehen anfängt, wie gefährlich es ist, die Sache aufs Aeußerste zu
+treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
+bin ich ebensosehr überzeugt, daß der genannte Herr Härtel keineswegs im
+Sinne aller Prinzipale mir gegenüber handelte, da es bekannt ist, wie
+die meisten zu einem Vergleich gern die Hand böten. Indes läßt sich mit
+den einzelnen nicht unterhandeln, da Härtel als Vorsitzender der
+Genossenschaft alle derartige Anträge vorzubringen hat. Ich habe die
+Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu veröffentlichen und
+abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, über die Köpfe
+der extremsten Führer wie Härtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
+Verständigung zu bieten. Noch bemerke ich, daß sechs Druckereien in der
+Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben...."
+
+ * * * * *
+
+Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:
+
+"Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
+Anfrage vom 1. ds. Mts. bezüglich der Buchdrucker war nur eine
+vorläufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, daß Sie in der
+Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
+beide hatten sich auch schon mir gegenüber dazu bereit erklärt. Nicht
+etwa, daß ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen hätte, daß Sie auch
+allein imstande sind, die Sache zu führen; meine Absicht war, dem
+Auftreten des Ausschusses dadurch, daß drei seiner Mitglieder als
+Vertreter kommen, mehr Förmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
+Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
+Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
+Indessen haben Sie ja alles mögliche aufgeboten, und es ist nur zu
+bedauern, daß der Erfolg Ihrer vielen Bemühungen nicht günstiger war.
+Ehe Sie etwas veröffentlichen, halte ich für passend, wenn ich nochmals
+an Brockhaus und Härtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
+Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
+würde ich angeben, daß die Arbeiter zu ihren gewählten Vertretern doch
+das meiste Zutrauen haben würden. Vielleicht macht man die Sache so, daß
+die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
+mögen ihren Geheimrat von Wächter und noch einige Herren ernennen und
+diese Kommission dann einen für alle Teile bindenden Spruch fällen.
+Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, daß
+ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
+genügen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß ich der Ansicht bin:
+die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
+gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
+worden. Wäre das nicht der Fall, dann hätten sie ihre Forderungen
+durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
+Lohnerhöhung günstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, daß
+allenthalben die in mäßigen Grenzen gehaltenen und anständig
+vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden...."
+
+ * * * * *
+
+Die Vermutung Sonnemanns, als hätten die Lassalleaner in diesem Streik
+ihre Hände gehabt, war vollkommen falsch. Der "Sozialdemokrat"
+Schweitzers zeigte zwar ein außerordentlich lebhaftes Interesse für die
+Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einfluß auf diese
+erlangte er nicht.
+
+Am nächsten Tage gab ich folgende Antwort:
+
+"Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, daß
+ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollständig richtig
+aufgefaßt habe. Danach aber war es ganz natürlich, zuvor anzufragen und
+zu hören, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
+ständigen Ausschusses anzunehmen. Daß ich nichts weiter getan habe,
+werden Sie schon aus der Erklärung Härtels in der gestrigen "Deutschen
+Allgemeinen Zeitung" ersehen haben. Nur muß ich hier zu meiner
+Rechtfertigung bemerken, daß es mir nach den persönlichen Erklärungen
+dieses Herrn unmöglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
+stellen.
+
+Seine Erklärung scheint hauptsächlich hervorgerufen worden zu sein durch
+verschiedene Anfragen der Prinzipalität auf die Notizen verschiedener
+Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
+abgelehnt, während man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.
+
+Ich bemerke hierüber ausdrücklich, daß die Nachrichten in öffentlichen
+Blättern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
+ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, daß die öffentliche
+Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
+Wächter gestern früh zu sich bescheiden ließ, um mit ihm über die Sache
+zu konferieren. Er teilte mir mit, daß er bereit sei, jederzeit die
+Vermittlung wieder zu übernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
+erbitte. Er schlage mir vor, zunächst nochmals bei der Tarifkommission
+anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
+er mir bemerkte, wie er es für unumgänglich notwendig erachte, daß man
+sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
+letzteren Ansicht muß ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
+vollkommen recht, daß die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
+die rechte war.
+
+Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklärte man sich bereit,
+zu Wächter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklärte dabei
+nochmals, daß der ständige Ausschuß sofort bereit sein würde, in
+Gemeinschaft mit Wächter die Vermittlung zu übernehmen. Man nahm dies
+dankend an und versprach, nachdem man mit Wächter Rücksprache genommen,
+mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
+als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
+begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
+aber dort niemand an. Ich werde daher später nochmals hingehen. So weit
+vormittags 1/2 10 Uhr.
+
+Mittags 1 Uhr. Soeben verließ mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
+mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
+sich gestern auf meinen Wunsch zu Wächter begeben und ihm ihre
+Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des ständigen Ausschusses nochmals
+zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
+geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
+Berechnung aufzustellen, nämlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
+Wächter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
+Prinzipalen Rücksprache zu nehmen und über den Erfolg Antwort zukommen
+zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
+nach meiner Ansicht für jetzt nichts anderes übrig, als diese
+abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.
+
+Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Härtel zu schreiben, kann ich nicht
+zustimmen, da diese gerade die größten Gegner der Arbeiter respektive
+der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
+Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren würden. Sagt man
+doch Härtel nach, daß er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
+wirken versucht habe, daß man die hiesigen Vereine auflöse, weil sie die
+feiernden Arbeiter zum Teil unterstützt haben, und mußte ich doch auch
+aus seinem Munde hören, daß die Angelegenheit am besten zu Ende geführt
+würde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhörten, die Buchdrucker mit
+Geldsammlungen zu unterstützen.
+
+Schließlich muß ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
+als wenn ich allein die Vermittlung hätte übernehmen wollen. Es ist mir
+dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrücklich,
+sowohl bei der Tarifkommission wie bei Härtel, von einer Deputation des
+ständigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrücklich die Namen
+genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
+Angelegenheiten wäre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben."
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage später, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
+Sonnemann, in dem es hieß:
+
+"Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgültig über die
+Buchdruckerangelegenheit zu berichten.
+
+Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
+auf meine Veranlassung mit Wächter in Unterhandlung getreten und hatte
+diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wächter ging
+darauf ein und berief die frühere Vermittlungskommission der Prinzipale,
+um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
+und rechnete, fand aber schließlich, daß das Resultat dasselbe sei,
+indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
+würde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
+Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
+Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
+lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
+in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verständigung herbeilassen
+wollten.
+
+Als ich nun gestern früh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
+sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
+Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis für eine Vermittlung
+mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst für
+notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
+Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklärte sich mit
+diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
+vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.
+
+Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlägig. Man
+motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
+weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
+Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen möglichst
+hohen Lohn zu erzielen, da dieses für die anderen Städte von großem
+Einfluß sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
+Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
+könnten und wollten. Ich war durch diese Antwort überrascht. Ich hatte
+sicher erwartet, daß man diesen Vorschlag annehmen würde. Nachdem er
+abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
+noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
+dazu auf.
+
+Mir scheint, daß, wie die Prinzipale von Härtel und Brockhaus sich
+beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission über alle
+anderen gebieten. Man muß es nun schließlich darauf ankommen lassen,
+welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrköpfigkeit den Sieg
+davonträgt.
+
+Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
+Buchhändlerbörse einen günstigen Einfluß für ihre Forderungen; wie weit
+dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, daß von
+auswärts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
+einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.
+
+Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, geht man von seiten der Polizei
+mit Maßregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
+nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
+die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
+ein klägliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
+Maßregelungen ins Werk gesetzt hat."
+
+ * * * * *
+
+In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heißt es in
+einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
+beim alten.
+
+Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:
+
+"Ich bin nicht wenig erstaunt, daß Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
+gänzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
+Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
+Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
+ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugblätter sehr
+schwer werden."
+
+Hierzu sei bemerkt: Der ständige Ausschuß hatte, weil er mit dem
+Verleger der "Allgemeinen Arbeiterzeitung" in Koburg beständig in
+Konflikt war, die Herausgabe von Flugblättern beschlossen, die womöglich
+wöchentlich erscheinen sollten. Diese Flugblätter sollten alle auf die
+Arbeiterbewegung bezüglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
+erster Linie die Mitglieder des ständigen Ausschusses daran mitarbeiten.
+Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:
+
+"Die Vorwürfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
+über meine angebliche Lauheit machen, muß ich zurückweisen. Sie würden
+dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhältnisse kennten.
+Diese aber sind derart, daß ich über meine Zeit nicht so verfügen kann,
+wie ich möchte. Habe ich auch ein selbständiges Geschäft, so bin ich
+durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den täglichen
+Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, daß ein guter Teil der Last
+der Geschäfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
+ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
+von den Abenden, die gänzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
+genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
+gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und würde auch auf Ihr
+erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
+schreiben hatte, sich der Mühe verlohnte....
+
+Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine förmliche
+Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lärm der
+vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.
+
+Bezüglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
+dem Redakteur des "Korrespondent" (der 1863 gegründet worden war).
+Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmäßig unter Kreuzband
+zukommen lassen gegen Eintausch der Flugblätter und von sonstigen
+Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten über
+Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswärts, zukommen zu
+lassen, und werde ich alsdann Ihnen möglichst schnell referieren.
+
+Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, daß der
+größte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
+Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
+auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, daß man eine
+Unterstützung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
+Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen für die
+Arbeitslosen wöchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
+Lage kommen könnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
+zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
+nur noch mehr belasten würde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
+Unterstützung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
+alleräußersten Falle anzunehmen."[5]
+
+ * * * * *
+
+Die Befürchtung der Buchdrucker, daß sie auch für die Streiks anderer
+Branchen herangezogen werden könnten, hatte insofern eine Berechtigung,
+als in jenem Frühjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
+der städtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
+den Streik eintraten.
+
+In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:
+
+"Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
+Zwecke der Lohnerhöhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
+konnte ich erst später hingehen. Einen vollständigen Bericht könnte ich
+deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
+bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen für die "Neue
+Frankfurter Zeitung" zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
+können.
+
+Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
+die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
+Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
+obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedürften, da ein guter
+Arbeiter bei zwölfstündiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
+Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
+Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen später im
+Privatzirkel tüchtig gesagt, es wird nur nichts nützen."
+
+ * * * * *
+
+Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:
+
+"Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
+an Sie war gewiß nicht so bös gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
+aufgefaßt haben. Ich weiß sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
+sind, und wie schwer es Ihnen fällt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
+opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen genügen
+jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Hätten Sie mir gleich
+geschrieben, die Buchdrucker bedürfen von uns keiner Unterstützung, so
+wäre es für den Augenblick genug gewesen.
+
+Was nun den eben erwähnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, daß es
+den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
+ihnen wiederholt zu sagen, daß der Ausschuß nötigenfalls bereit sei, für
+sie einzutreten, und habe mich auch demgemäß in unserem Flugblatt
+ausgesprochen."
+
+ * * * * *
+
+Damit war unsere Korrespondenz über den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
+Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
+Leiter wurde gemaßregelt. Im August beschloß der Buchdruckerverein, die
+Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewährten Darlehen
+zurückzuzahlen, dann um die noch übriggebliebenen Gemaßregelten
+entsprechend unterstützen zu können. Die Tarifkommission wurde zu
+vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wegen Verletzung des
+Streikparagraphen der sächsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
+wurde das Urteil aufgehoben. Glücklicher waren wider Erwarten die
+Schuhmacher, die Lohnerhöhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
+ihnen zustatten kam, war, daß die Meister nicht organisiert und daß es
+meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.
+
+Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
+veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugblätter des ständigen Ausschusses
+auszusprechen, es sei eine Tatsache, daß gerade von jener Seite, auf der
+man mit dem Volke immerwährend geliebäugelt und sich als Arbeiterfreund
+dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
+Widerstand gefunden hätten. Es dürfe daher nicht wundernehmen, daß man
+selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
+hätten, über das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
+weniger als schmeichelhafte Urteile fällen hörte. Das erhöhe die
+Sympathie für diese nicht.
+
+In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
+gegen die Beschlüsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
+Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingeführten
+Arbeitsbücher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
+sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
+Zustimmung des Arbeiters über dessen Verhalten Zeugnisse in das
+Arbeitsbuch eintragen dürfen. Ein Aufruf, den wir an die sächsischen
+Arbeiter veröffentlichten, sich unserem Protest anzuschließen, hatte
+guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
+gemeinsame Sache.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so blaß geworden, daß dasselbe nicht
+mehr zu entziffern ist.
+
+[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch "Die Internationale" (Leipzig
+1904), die deutschen Buchdrucker hätten sich durch ihren
+Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um
+die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, für den
+Streik ihrer Brüder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben können
+unmöglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband
+der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes;
+zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen
+Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der
+Mitteilung höchstens sein, daß Leipziger Buchdrucker sich an den
+Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die
+Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft.
+
+
+
+
+Der Stuttgarter Vereinstag
+
+
+Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom ständigen Ausschuß auf
+den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
+demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
+vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
+Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
+Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
+Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nürnberg, Professor
+Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen großen Namen als Physiologe
+erworben hat und gegenwärtig Professor an der Universität Leipzig ist.
+Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
+Vereinstag von Reutlingen nach Zürich, woselbst er fast gleichzeitig mit
+mir, und zwar als Schüler Karl Bürklis und Jean Philipp Beckers, zum
+Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
+Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
+gegründeten "Deutschen Wochenblatts". Eckhardt stand auf dem äußersten
+linken Flügel der Demokratie.
+
+Im Lokalkomitee saß neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hölder, später
+Minister des Innern für Württemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
+der Stadt die Begrüßungsrede hielt. Bandow präsidierte. Die Tagesordnung
+war wieder überreichlich belastet. Der Punkt "Altersversorgungskassen"
+wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschüre
+darüber herausgeben. Ich hatte ein Referat über Speisegenossenschaften,
+wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
+für Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
+recht dürftig. Meine Rede darüber war die kürzeste von allen. Max Hirsch
+hatte das Referat über die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
+direkten Wahlrechts. Er befürwortete in der von ihm vorgeschlagenen
+Resolution, daß die Arbeitervereine sich mit aller Kraft für die
+Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
+Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
+badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
+beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schließlich
+änderte Hirsch seine Resolution dahin, daß statt deutsche
+Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
+angenommen wurde. Hirzel-Nürnberg referierte über das Koalitionsrecht;
+er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausübung dieses
+Rechtes entgegenstünden, und wurde demgemäß einstimmig beschlossen.
+Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
+Wanderbücher und des Legitimationszwanges angenommen.
+
+Moritz Müller-Pforzheim, ein etwas eigentümlicher, aber eifriger und in
+seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat über die
+Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialität behandelte. In seinem
+schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
+mit dem Manne, die Gründung von Fortbildungsanstalten für Arbeiterinnen
+und die Gründung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte über diese Frage
+nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklärte
+ausdrücklich, daß die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewährung des
+Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag für die Männer
+fordere, einschließe. Mit dieser Auslegung wurden die Müllerschen
+Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.
+
+Die Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
+Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
+Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
+und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
+erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
+jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des ständigen
+Ausschusses. Ich machte also in den Flugblättern des ständigen
+Ausschusses den Vorschlag, zunächst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
+einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
+ständigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
+eventuell Personen, die finanziell abhängig waren, die Stellung eines
+Vorsitzenden bekleiden könnten; auch solle der Vorsitzende vom
+Vereinstag direkt gewählt werden. Endlich schlug ich vor, der großen
+Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen--was gerade
+kein Meistervorschlag von mir war--und damit den Gauverbänden eine
+bessere Entwicklung zu ermöglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
+Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
+angenommen, die anderen Vorschläge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
+der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, daß ein offizielles Vereinsorgan
+nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschluß einem Konflikt mit
+dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
+starken Anhang unter den Vereinen besaß. Bemerken möchte ich hier, daß
+die vorhandenen Berichte über die Vereinstage ungemein kurz und sehr
+lückenhaft sind. In den ständigen Ausschuß wurden gewählt Bandow, Bebel,
+Eichelsdörfer, M. Hirsch, Hochberger-Eßlingen, König-Hanau, F.A. Lange,
+Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
+Staudinger-Nürnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschuß
+gewählt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
+der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
+Staudinger, ein älterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
+sollte Ingenieur Hirzel-Nürnberg als Sekretär an die Hand gehen.
+
+Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen bürgerlichen
+Parteiführer, entscheidenden Einfluß auf die Vereine zu erlangen, so
+deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fühlten, daß man in
+der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
+Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
+lebhafter und gereizter. Die Gegensätze zwischen Preußen auf der einen
+und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
+anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
+Herzogtümer Schleswig-Holstein durch österreichische und preußische
+Truppen nach der Niederlage der Dänen und deren Abzug aus den beiden
+Ländern, die jetzt in deutschen Besitz übergingen, zeitigte immer neue
+Konfliktsfälle. Das deutsche Volk kam allmählich in einen Zustand
+hochgradiger Erregung.
+
+Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
+Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
+Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
+Jahre später, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongreß auf
+deutschem Boden tagte. Während die Hölder und Genossen in verblümter
+Weise sich für die preußische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
+und speziell deren Wortführer Karl Mayer-Stuttgart für eine radikale
+Lösung ein, die wir Jungen, ohne daß das Wort ausgesprochen wurde, als
+ein Eintreten für die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
+gefeiertste Volksredner Württembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
+verliehen hatte, saß an der Tafel mir schräg gegenüber. Er erhob sich,
+um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
+reaktionären Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
+müsse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermöglichen. Im
+Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdärmel in die Höhe und zeigte
+ein paar muskulöse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
+und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Gläser und Teller
+tanzten. Natürlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
+Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
+Unkosten gestürzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
+Spaziergang auf das damalige Schützenhaus einen Trunk schwäbischen
+Weines mit Vesperbrot.
+
+Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
+"Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach", in der offen für die
+deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverständlich nicht
+ohne Revolution möglich gewesen wäre. Aber der Revolutionsgedanke
+schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
+waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
+wieder lebendig geworden. Daß eine siegreiche Revolution möglich sei,
+daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
+führte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Möglichkeit sich
+abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
+schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
+Erörterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:
+
+"Solange die nationale Partei nicht in Preußen regiert--und noch in
+diesem Augenblick schwanken die Führer, ob sie der jetzigen Regierung
+überhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition für den
+nächsten Landtag machen sollen!--, ist der heldenmütige Kampf dieses
+deutschen Landes vergebens. Ich fürchte nur zu bestimmt, daß wir, um das
+Maß der Schande und Erbitterung übervoll zu machen, für einige Jahre
+wenigstens die gänzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
+werden. Die Ruhe unserer europäischen Königsgeschlechter über so viel
+Gräbern soll aber nicht durch böse Erinnerungen und Träume allein
+gestört werden. In höchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
+gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jüngeren schwören täglich
+mehrere im stillen, daß man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
+Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
+nicht wieder täuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
+Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
+König oder Präsidenten setzen will._ Und das werden die Anhänger v.
+Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
+haben...."
+
+Zwölf Jahre später gehörte der Schreiber dieses Briefes, als Präsident
+des Deutschen Nationalvereins, zu den einflußreichsten Personen
+Deutschlands, ja er war vielleicht die einflußreichste. Aber Herr v.
+Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
+und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
+Bismarcksche Preußen war ihm unfaßbar. Und wie er gegen Ende seines
+Lebens über die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
+aufregenden Debatte hervor, die ich zum fünfzigsten Jahrestag des 18.
+März, am 18. März 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
+hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.
+
+Wie Lassalle, Marx und Engels über eine kommende Revolution in
+Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
+hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen ließ. Auch der
+siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
+Urheber eine ungeheure Popularität in der ganzen Kulturwelt eintrug,
+hatte den Glauben an die Macht revolutionärer Massen befestigt.
+
+Daß man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Süddeutschlands an die
+Wahrscheinlichkeit einer Revolution für eine Einheit Deutschlands
+dachte, zeigen die Memoiren des Fürsten Hohenlohe, der, nachdem er
+ausgeführt, daß die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
+unerträglich sei, sagt: Hieraus erklärt es sich, daß auch die
+friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin geführt werden,
+zu erklären: wir müssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
+wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen können. Und unter dem
+23. März 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dünkt,
+eine günstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
+gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.
+
+Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?
+
+ * * * * *
+
+Die Verhandlungen und Beschlüsse des Stuttgarter Vereinstags über die
+Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
+Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
+Faucher--letzterer auch ein sogenannter Nationalökonom, der in einer
+Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
+versuchte, die soziale Frage könne am besten gelöst werden, wenn jeder
+die doppelte Buchführung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
+mit der Zeit zu rechnen--hatten beantragt, die §§ 181 und 182 der
+Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
+Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der §§
+183 und 184 zu beantragen. Nach § 183 konnte die Bildung von
+Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
+ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
+Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefängnis
+bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
+oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Nach § 184 war zu bestrafen das
+eigenmächtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
+derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
+mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefängnis bis zu vierzehn Tagen. Im
+"Sozialdemokrat" J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
+gestellt, ließen die Antragsteller erklären, der § 183 sei bereits seit
+fünfzehn Jahren durch die preußische Verfassung aufgehoben und der § 184
+habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
+in unseren Reihen böses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
+immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
+Genossen aufs schärfste an.
+
+Das schwächliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
+konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
+er die Liberalen übertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag
+über den Antrag der Liberalen--weil seine Fassung Zweifel
+zuließen--abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
+vorzulegen, durch welchen nicht allein sämtliche das Vereinsrecht der
+Arbeiter beschränkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
+aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
+angebahnt respektive zur Ausführung gebracht würden, welche es
+ermöglichten, daß der Arbeiterstand die ihm gebührende Stellung
+innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbständig
+zu handhaben und zu vertreten vermöge. Also Zwangsgewerkvereine,
+begründet durch das Gesetz.
+
+So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
+Bourgeoisie das Wasser abzugraben.
+
+Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
+Hand gingen, war das Kölner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
+Kölner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preußischen
+Abgeordneten, das heißt also die sehr große Mehrheit der Zweiten Kammer
+nach Köln zu einem Reformfest für den 22. Juli 1865 geladen, dessen
+Glanzpunkt ein Bankett im Gürzenich sein sollte. Herr v. Bismarck ließ
+die Abhaltung des Festes verbieten, und der Kölner Oberbürgermeister
+Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
+Gürzenichsaales zurückzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
+Als die Abgeordneten nach Köln kamen, ließ Herr v. Bismarck ihre
+Zusammenkünfte durch Polizei und Militär auseinandertreiben. Man dampfte
+darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
+zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preußen nicht möglich
+war. Aber auch hier schritt Militär ein und machte eine Versammlung
+unmöglich.
+
+Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich überall Proteste. In
+Berlin, in Leipzig und anderwärts gingen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Kölner Vorgänge nachdrücklichst
+zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
+verlangen. Gleich dem "Sozialdemokrat" zog die Koburger
+"Arbeiterzeitung" gegen die fortschrittlichen Abgeordneten höhnend und
+spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
+benommen hatten.
+
+Diese Vorgänge veranlaßten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
+Alb. Lange. Letzterer war anläßlich des Festes in Köln gewesen.
+Sonnemann beklagte sich, daß er (Lange) ihm keinen Bericht über die
+Kölner Vorgänge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
+banque, sie würden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
+einen Brief über die Kölner Vorgänge von Bandow, der leider in dieser
+wichtigen Zeit krank sei, er möge denselben nach Kenntnisnahme an mich
+senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurückgelangen lassen. Was
+der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
+31. Juli 1865:
+
+"Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
+betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
+Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
+Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
+Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
+Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen....
+
+Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische.
+Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann
+wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich
+im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich
+glaube, man geht darauf aus, den 'Sozialdemokrat' ehrenvoll totschlagen
+zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation,
+das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den
+Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
+niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei
+vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
+
+Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
+Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
+dazu ist, _zusammengehen können, wird sich finden_. Lassen Sie uns
+einstweilen den Zusammenhang pflegen....
+
+Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die
+politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
+ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
+Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich.
+Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
+als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche
+momentan liberal flöten, erst recht_."
+
+In einer Nachschrift schreibt Lange: "Ich sehe soeben, daß der Anfang
+meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
+sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft
+gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
+der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
+zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
+Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig
+aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
+nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
+wir wollten.... Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst.
+Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
+fortfährt."
+
+ * * * * *
+
+In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
+Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
+Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
+Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
+
+"Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
+mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
+Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
+Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
+der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister
+müssen ja aufeinanderplatzen."
+
+In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
+die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
+Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und
+Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
+erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
+der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
+Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
+
+Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
+Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
+nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
+Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
+Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.
+
+Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
+das Thema "Staatshilfe und Selbsthilfe" zugrunde gelegt hatte. Ein
+ähnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
+wurde, scheiterte; dagegen kam man überein, gemeinsam für die Eroberung
+des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kämpfen.
+Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.
+
+Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
+deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
+konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
+dessen Schutz und Unterstützung die Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine große
+Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.
+
+Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
+Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongreß nach Leipzig einberufen,
+auf dem die Gründung eines Verbandes für ganz Deutschland beschlossen
+wurde. Im folgenden Frühjahr erschien als Organ des Verbandes "Der
+Botschafter", dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
+zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegründet. An der Spitze
+stand ein dreiköpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
+Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
+Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwärts. Auch wurde bereits im Sommer
+1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegründet, dessen Mitglieder sich
+über das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
+dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Gründer
+und Leiter derselben war ein gemaßregelter Bergmann mit Namen Dinter,
+dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, später auch von
+Liebknecht, lebhaft unterstützt wurden.
+
+Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
+gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu gründen, und es
+auf dessen Unterdrückung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Für
+diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
+Antrag zurück. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
+Förderung und Unterstützung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine zu gründen, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
+wurde weiter, daß jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
+solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
+Dieser Vereinigung legten die Behörden kein Hindernis in den Weg.
+
+Als ich zwanzig Jahre später als Mitglied des sächsischen Landtags dem
+Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
+schärfsten Weise zu Leibe rückte wegen der schamlosen Auslegung, die das
+sächsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
+dabei erklärte, daß gegenüber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
+Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
+v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
+aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
+Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und kühnsten Auslegungen auf Grund
+des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, überstieg alle
+Begriffe. Erklärten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
+Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
+Sozialdemokratie müsse mit anderem Maße gemessen werden wie jede andere
+Partei. Das hieß also, an Stelle des Rechts tritt die Willkür der
+Beamten. Und diese haben denn auch an Willkür das Menschenmögliche
+geleistet.
+
+Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung für Preußen
+verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
+fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
+Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
+Liebknecht.
+
+
+
+
+Wilhelm Liebknecht.
+
+
+Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preußen
+ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjährigem Exil im Sommer 1862
+nach Berlin zurückgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermöglichte ihm dieses.
+Er folgte dem Rufe des alten Revolutionärs August Braß, den er gleich
+Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
+im Sommer 1862 in Berlin ein großdeutsch demokratisches Blatt, die
+"Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gegründet hatte. Liebknecht war neben
+Robert Schweichel für die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
+für die auswärtige Politik. In den Charakter von Braß setzte keiner von
+beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
+Revolutionären gehört. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
+Ministerium übernahm, entdeckten beide bald nachher, daß etwas nicht
+stimmte. Der Verdacht bestätigte sich, als eines Tages der Zufall
+wollte, daß Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
+für Braß in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
+veröffentlicht werden sollte. Beide kündigten und traten aus der
+Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich öffentlich erklärte, hat ihm
+Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der "Norddeutschen
+Allgemeinen Zeitung" einen Vorwurf daraus gemacht, daß er seine Stellung
+aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besaß, die er von
+London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
+mit Korrespondenzen für verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
+lernte, schrieb er unter anderen für den "Oberrheinischen Kurier" in
+Freiburg in Baden, für die Rechbauersche demokratische "Tagespost" in
+Graz und das "Deutsche Wochenblatt" in Mannheim, von dem er aber wohl
+kaum Honorar bezog. Später schrieb er auch einige Jahre für die
+"Frankfurter Zeitung". Oeffentliche Vorträge hielt er namentlich im
+Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
+und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekämpfte,
+als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
+"Sozialdemokrat", ansah.
+
+Nach seiner Ausweisung reiste er zunächst nach Hannover, wo Schweichel
+am dortigen "Anzeiger" eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
+sich für ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
+Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der "Mitteldeutschen
+Volkszeitung" war, bei mir eingeführt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
+und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
+natürlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß
+aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen. Sofort nach
+der Begrüßung kamen wir in ein politisches Gespräch, in dem er mit einer
+Vehemenz und Rücksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
+ihre Führer angriff und charakterisierte, daß ich, der ich damals doch
+auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
+war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
+nicht, daß wir uns bald befreundeten.
+
+Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
+Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
+Das war aber leichter beschlossen als durchgeführt, denn es fehlten die
+passenden Persönlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Tätigkeit
+erlaubte. Liebknecht stellte sich für diese Vortragsreisen bereitwillig
+zur Verfügung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
+willkommen, und bald waren seine Vorträge die besuchtesten von allen.
+Weiter übernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
+englischen und französischen Sprache. So erlangte er allmählich eine
+allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
+später erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
+wurde dadurch noch verschlimmert, daß seine (erste) Frau brustkrank war
+und einer kräftigen Pflege bedurft hätte. Aeußerlich sah man Liebknecht
+seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hörte, mußte glauben, er befinde
+sich in zufriedenstellenden Verhältnissen.
+
+Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
+in die Arbeiterdörfer des Mülsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
+späteren Kandidatur für den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
+öfter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
+Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
+Oeffentlichkeit genannt, bis wir schließlich dieser gegenüber als zwei
+Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, daß, als in der zweiten
+Hälfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
+und zu Geschäftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ißleib & Bebel die
+Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
+Heiterkeit erregte.
+
+Ich habe Liebknecht in diesen Blättern noch öfter zu erwähnen, aber eine
+Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich für
+denselben interessiert, findet das Nähere in dem Buch "Der Leipziger
+Hochverratsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner" und in der Schrift
+von Kurt Eisner "Wilhelm Liebknecht". Beide Publikationen sind in der
+Buchhandlung Vorwärts erschienen.
+
+Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschütterlichen
+Optimismus getragen, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein
+noch so harter Schlag, ob er ihn persönlich oder die Partei traf, konnte
+ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
+Nichts verblüffte ihn, stets wußte er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
+der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
+gegenüber schroff und rücksichtslos, war er den Freunden und Genossen
+gegenüber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegensätze
+auszugleichen suchte.
+
+In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
+Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
+großer Naturfreund. Ein paar schöne Bäume in einer sonst reizlosen
+Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schön zu
+finden. In seinen Bedürfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
+vorzügliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
+Verheiratung, Frühjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
+daß er ihr diese sein Leben lang nicht vergaß. Ein gutes Glas Bier oder
+ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber größere
+Aufwendungen machte er dafür nicht. Hatte er mal ein neues
+Kleidungsstück an, was nicht häufig vorkam, und hatte ich das nicht
+sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darüber ausgesprochen, so
+konnte ich sicher sein, daß er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
+darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
+Eisen mit einem Kindergemüt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
+waren es auf den Tag fünfunddreißig Jahre, daß wir unsere erste
+Bekanntschaft gemacht hatten.
+
+In seiner Parteitätigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
+schaffen, wenn er annahm, daß ein Plan von ihm Widerstand finden würde.
+Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
+Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
+an praktischem Geschick mußten andere die Durchführung von ihm
+getroffener Maßnahmen übernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
+von dem Einfluß seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
+gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne daß die Oeffentlichkeit es
+merkte und ohne daß unser Verhältnis dadurch dauernd getrübt worden
+wäre.
+
+Man hat viel geschrieben über den Einfluß, den Liebknecht auf mich
+gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, daß nur seinem Einfluß es zu
+danken gewesen sei, daß ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
+München im Jahre 1908 erschienenen Broschüre wird weiter gesagt,
+Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
+September 1868 auf dem Nürnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
+hätte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
+Paulus zu machen.
+
+Liebknecht war vierzehn Jahre älter als ich, er hatte also, als wir uns
+kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
+Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleißig
+studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
+war endlich in England zwölf Jahre lang mit Männern wie Marx und Engels
+in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
+der mir ebenfalls fehlte. Daß Liebknecht unter solchen Umständen
+erheblichen Einfluß auf mich ausüben mußte, war ganz selbstverständlich.
+Andernfalls wäre es eine Blamage für ihn gewesen, daß er diesen Einfluß
+nicht auszuüben verstand, oder eine Blamage für mich, daß ich aus dem
+Umgang mit ihm nichts zu profitieren wußte. Einer meiner Bekannten aus
+jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der "Leipziger Volkszeitung",
+er habe (1865) gehört, wie ich im kleinen Kreise von meiner
+Bekanntschaft mit Liebknecht erzählt und dazu bemerkt hätte:
+"Donnerwetter, von dem kann man was lernen." Das dürfte stimmen. Aber
+Sozialist wäre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
+Wege, als ich ihn kennen lernte. Im beständigen Kampfe mit den
+Lassalleanern, mußte ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
+sie wollten, und damit vollzog sich in Bälde eine Wandlung in mir. Die
+Haltung der liberalen Wortführer in und außerhalb des Parlamentes hatte
+allmählich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
+Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
+Wortführer in den Arbeiterfragen, die Mißstimmung erzeugte. Mein Umgang
+mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
+Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
+mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
+Vorträge und Reden von ihm gehört. Er sprach über das englische
+Gewerkvereinswesen, die englischen und französischen Revolutionen, die
+deutschen Volksbewegungen, über politische Tagesfragen usw. Kam er auf
+Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, längere
+theoretische Auseinandersetzungen hörte ich meiner Erinnerung nach nicht
+von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
+die Tageskämpfe und was damit zusammenhing ließen uns zu privaten
+theoretischen Erörterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
+ganzen Veranlagung weit mehr großzügiger Politiker als Theoretiker. Die
+große Politik war seine Lieblingsbeschäftigung.
+
+Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über
+Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen,
+noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
+Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste
+Broschüre "Unsere Ziele", die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
+ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867
+erschienenen ersten Band "Das Kapital" von Marx gründlich zu lesen, und
+zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859
+erschienene Schrift von Marx "Zur politischen Oekonomie" zu studieren,
+aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
+gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu
+verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
+und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
+Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
+in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse
+für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
+lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
+bei.
+
+
+
+
+Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.
+
+
+Die unerquicklichen öffentlichen Zustände, die den Arbeitern immer mehr
+zum Bewußtsein kamen, wirkten naturgemäß auch auf deren Stimmung. Alle
+verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewußte Führung
+vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mächtige
+Organisation bestand, die die Kräfte zusammenfaßte, verpuffte die
+Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
+Alle Versammlungen waren überfüllt, und wer am schärfsten sprach, war
+der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlaßte ich Professor
+Eckhardt aus Mannheim--der einer der glänzendsten Redner jener Zeit
+war--, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
+auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
+behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
+Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
+letzterer Beziehung sprach er sich entschieden für das Eingreifen des
+Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
+nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
+Der Redner erntete stürmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.
+
+Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
+abermals an die sächsische Regierung um die Genehmigung eines
+Gauverbandes gewendet. Häufiger Austausch der politischen Ansichten war
+zum Bedürfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
+die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
+Vereins für Förderung der geistigen und materiellen Interessen der
+Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu überlassen, und
+beriefen eine Landesversammlung für den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
+deren Tagesordnung wir festsetzten, als gäbe es kein gesetzliches
+Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht über die Verwaltung die
+Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
+werden: Petitionen für volle Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die
+Förderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
+und Dienstbücher und aller Paßbeschränkungen. Nach diesem sollten die
+Anträge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
+werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
+einer Privatbesprechung verständigen.
+
+Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
+Schriftführer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
+ändern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden dürfe und die
+Vereine für politische erklärt würden, was eine Verbindung unter
+denselben unmöglich gemacht hätte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
+ein Dr. Rüder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
+das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, daß es
+kein Konservativer hätte strenger handhaben können. Wir setzten nunmehr
+nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
+unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie möchten sich gut
+vertreten lassen, wir würden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
+was möglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
+vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter für Werdau den
+Antrag stellte, die gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf die
+Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
+Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
+den Vorschlag zu erklären:
+
+"In Anbetracht, daß die Verordnung des Ministeriums des Innern den
+Arbeitervereinen Sachsens die Gründung eines Gauverbandes nur unter der
+Bedingung gestattet, daß dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
+oder öffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschränkung
+aber die Tätigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschließt die
+Versammlung, von der Gründung eines Gauverbandes abzusehen, und überläßt
+es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will."
+
+Die Folge jener Zwickauer Vorgänge war, daß das Leipziger
+Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
+stellte, das heißt, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.
+
+Große Mißstimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
+die Haltung der "Berliner Volkszeitung" erregt, die im Lesezimmer
+auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
+wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
+Arbeiterforderungen bekämpfte. In der Generalversammlung des Vereins
+(März 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
+"Berliner Volkszeitung" abzuschaffen und dafür die "Rheinische Zeitung"
+in Köln zu abonnieren. Der Antrag gab Anlaß zu einer erregten Debatte,
+er wurde aber schließlich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
+Beschluß führte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
+Verein und mich persönlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.
+
+Die im Jahre 1863 in Sachsen eingeführte Gewerbefreiheit setzte voraus,
+daß wer sich selbständig machen wollte, erst das Gemeindebürgerrecht
+erlangen mußte. Das kostete aber namentlich in den größeren Städten viel
+Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
+Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
+Bürgerrechtsgebühren und eine radikale Umgestaltung der sächsischen
+Städteordnung abzielte. Liberale Führer standen damals an der Spitze
+dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
+und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
+haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
+niedergesetzt, dem auch ich angehörte, das die Agitation über ganz
+Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
+als zwecklos. Als wir im Frühjahr 1866 so weit waren, die Agitation
+beginnen zu können, war die Zuspitzung der Gegensätze zwischen Preußen
+und Oesterreich und die Erörterungen über die Lösung der deutschen Frage
+so weit gediehen, daß sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
+drängten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation für eine
+Umgestaltung der sächsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
+politischen Forderungen in den Vordergrund.
+
+Den 25. und 26. März fanden hierfür mehrere Versammlungen in Dresden
+statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
+auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter für
+Leipzig für ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
+den Fehler, daß er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwürfen überhäufte, was einen
+Sturm der Entrüstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
+Sekretär Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
+Behandlung nicht vergessen--er war auf Antrag Lassalles, der keinen
+Widerspruch vertragen konnte, ausgestoßen worden--, und so schlug er auf
+den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es nach
+Schluß jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der die
+Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
+Görlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
+Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
+teilnahmen. Man beschloß gemeinsame Agitation für das allgemeine
+Wahlrecht, für ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, für
+Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Paßbeschränkungen,
+Einführung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
+Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Unterstützungskassen- und der
+Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
+Försterling wurde dessen Vorsitzender.
+
+Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
+Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschließlich des
+Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gäbe es kein sächsisches
+Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen für politische
+Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
+der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
+ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
+forderten ein konstituierendes Parlament für Gesamtdeutschland und die
+Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
+eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
+selbstverständlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
+Gegenstand eines Staatsstreichs werden könne.
+
+Dagegen faßte eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
+2000 Personen besucht war, Beschlüsse, die teilweise recht seltsam
+lauteten. Darin hieß es:
+
+1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lähmt und ihm
+nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
+erklären die Abtretung von nur einem Fußbreit deutschen Landes als
+Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, daß Seine Majestät der König und
+die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
+nachkommen, und daß deshalb diejenigen Männer, welche diesen Pflichten
+entgegen die Energie des Widerstandes lähmen, durch solche ersetzt
+werden, welche energisch und im volkstümlichen Sinne handeln. 4. Wir
+verlangen, daß die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
+Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
+allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
+und unbeschränkter Wählbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, daß die
+Regierung Seiner Majestät den Entschluß kund gebe, auf Grund der
+Bundesbeschlüsse vom 30. März und 9. April 1848 das Parlament
+einzuberufen und in die Lösung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
+der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
+Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
+der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.
+
+Es wurde alsdann eine Deputation gewählt, zu der Försterling, Knöfel und
+Rechtsanwalt Schraps gehörten, die dem König die Wünsche der
+Versammlung vortragen sollten. Selbstverständlich wurde der Empfang
+dieser Deputation abgelehnt.
+
+Schließlich mußte wohl oder übel auch die sächsische Regierung, gedrängt
+durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
+Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
+Anhänger des unmöglichen österreichischen Reformprojektes gewesen war
+und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
+Gedränge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
+wie nunmehr die Regierung zu dem österreichischen Reformprojekt stehe,
+erklärte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
+zurückzukommen; sie sei bereit, für eine Bundesreform zu wirken und für
+ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu wählen sei.
+Gegenüber dem preußischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
+Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
+der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
+richten:
+
+"Die Regierung möge mit aller Energie dahin wirken, daß die Anordnung
+der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
+Wahl, womöglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. März 1849, in ganz
+Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
+Einberufung des Parlaments in möglichst kurzer Frist geschehe."
+
+Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
+Richtung, als man erwartete.
+
+
+
+
+Die Katastrophe von 1866.
+
+
+Es ist für die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
+zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgänge zu
+geben, die schließlich die langen diplomatischen Kämpfe, die Oesterreich
+und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führten, auf dem
+Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.
+
+Durch den Tod des Dänenkönigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
+neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Königs
+die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dänenkönig Christian IX.
+erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
+sondern entschieden sich für den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
+denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
+verkündete. Damit war die Zugehörigkeit der beiden Herzogtümer zu
+Deutschland ausgesprochen, was allgemein große Genugtuung hervorrief.
+Dänemark widerstand dieser Lösung. Der Bundestag mußte sich also für die
+Bundesexekution gegen Dänemark entscheiden, deren Ausführung er Sachsen
+und Hannover übertrug. Aber sie paßte nicht in Bismarcks Pläne. Er ließ
+durch seine Kronjuristen nachweisen, daß der Augustenburger nicht
+erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die öffentliche Meinung gegen
+die Bismarcksche Politik aufs äußerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
+Manne des preußischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
+im Sinne der Bevölkerung von Schleswig-Holstein lösen würde, man
+erinnerte sich auch wieder, daß es Preußen war, das an dem schmählichen
+Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dänemark, 1851,
+die Hauptschuld trug.
+
+Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
+bereits im Spätherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
+Bennigsen als Präsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
+betreffenden Aufruf hieß es: "Der Nationalverein fordert alle
+Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
+Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem großen Werke verbinden
+wollen, auf, ungesäumt Geld herbeizuschaffen--und Mannschaften, Waffen
+und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brüder in
+Schleswig-Holstein erforderlich sein werden."
+
+Dieser Aufruf verstieß zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
+Einzelstaaten, aber kein öffentlicher Ankläger rührte sich. Die
+Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.
+
+Kurz nachher veröffentlichte der Ausschuß des Nationalvereins für
+Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hieß:
+
+"Wohlan! rüsten wir uns, auf daß, wenn der Augenblick zum Handeln
+gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
+kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit möge sie benutzen
+zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung."
+
+Man sieht, wie damals die liberalen Wortführer die Durchführung der
+Volksbewaffnung in kurzer Zeit für möglich hielten. Wehe dem
+Sozialdemokraten, der heute einen ähnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
+ist der Fortschritt seit jener Zeit!--
+
+Hier möchte ich einfügen, daß mit Beginn der sechziger Jahre neben der
+massenhaften Gründung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Gründung
+von Turn- und Schützenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
+Bewegung jener Tage eine große Rolle spielten. Bismarck sah diesem
+Treiben sehr mißmutig zu. Die großen Feste, die jene Vereinigungen für
+ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
+die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschäftigten. In
+Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
+selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber während dieser eine
+patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
+den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an öffentlichen Orten.
+Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
+Sängerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
+geworden war, mit den übrigen Gesangvereinen Leipzigs die
+Gesangsaufführungen in der Festhalle ausführte. Im Oktober desselben
+Jahres fand auch die fünfzigjährige Feier der Schlacht bei Leipzig
+statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit großartiger als das
+Turnfest. Es wurde ebenfalls zu großen politischen Demonstrationen
+benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehöriger unserer Sängerschar
+mit.
+
+Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
+Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschloß
+eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: "sie
+betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
+Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fällen, wo diese
+bedroht seien, ihren Arm zur Verfügung zu stellen". Im gleichen Sinne
+wurde in anderen Städten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
+abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
+erklärte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
+deutschen Staat. Der Beschluß zielte gegen Preußen und Bismarck, für
+dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
+wagten, die innerlich für eine Annexion an Preußen waren.
+
+Natürlich war Bismarck über diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
+aufs höchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
+Auflösung des Sechsunddreißiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
+Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Müller in Frankfurt war. Ferner
+verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrübungen der Frankfurter
+Jugend. Mit beiden Anträgen fiel er ab. Aber er vergaß dieses Frankfurt
+nicht. 1866 mußte das "Demokratennest" dafür büßen, indem er es erst
+drangsalierte und dann annektierte. Schließlich fand die
+schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lösung. Es
+gelang ihm, den Leiter der österreichischen Politik, Graf Rechberg,
+gründlich einzuseifen und für seine nächsten Pläne zu gewinnen. Statt
+der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerückt
+waren, führten jetzt Preußen und Oesterreich den Krieg gegen die Dänen,
+die ihnen gegenüber bald unterlagen und genötigt wurden, im
+Friedensschluß Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preußen und
+Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schließlich mit Preußen noch
+ein Handelsgeschäft, indem es seinen Anteil an Lauenburg für 2-1/2
+Millionen Taler an Preußen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
+den Willen der Abgeordnetenkammer geführt worden, die mit 275 gegen 80
+Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
+vorstellen, daß diese Art zu regieren die Stimmung für Preußen nicht
+stärkte, die im übrigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
+langen Verhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich der Vertrag von
+Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
+Schleswig an Preußen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
+der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
+Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
+der Welt das heitere Schauspiel, daß die Preußen unter Manteuffel alle
+Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rücksichtslos
+unterdrückten und überhaupt ein sehr strenges Regiment führten,
+wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
+allem freien Lauf ließen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffaßte, zeigt
+seine Aeußerung: "Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
+damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
+kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
+türkischer Pascha regieren." Das war eine moralische Ohrfeige für Herrn
+v. Manteuffel.
+
+Daß die neue Ordnung in den Herzogtümern nur ein Provisorium sein
+konnte, war klar. Diese Lösung war keine. Schließlich mußte die
+Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich kommen, und die
+konnte, nachdem alle übrigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
+Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
+er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
+dilatorische Verhandlungen, wie er sie später nannte, Napoleons
+Neutralität durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
+Gebiets an Frankreich zu sichern--die Rheinpfalz und das preußische
+Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage--, andererseits
+schloß er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
+Oesterreich im Süden angreifen sollte, sobald Preußen von Norden
+losschlagen würde. Bezeichnend für die Art, wie Bismarck seine
+"nationale" Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
+italienischen Staatsmännern, die später der italienische
+Ministerpräsident La Marmora in seinem Buche "Mehr Licht"
+veröffentlichte. Im März äußerte Bismarck gegen den italienischen
+außerordentlichen Militärbevollmächtigten in Berlin: der König habe die
+allzu ängstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
+Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen groß gewordenen
+Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
+keinen Krieg gegen Oesterreich führen. In einigen Monaten, so fuhr
+Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
+einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
+hervorrufen, die dann Preußen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
+würden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.
+
+Dieses Programm wurde prompt ausgeführt.
+
+Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
+seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenüber geäußert: "Ich bin viel
+weniger Deutscher als Preuße und würde kein Bedenken tragen, die
+Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
+Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
+preußischen Gebiets." ... "Sorge mache ihm der König, der das religiöse,
+ja abergläubische Bedenken habe, er dürfe die Verantwortung für einen
+europäischen Krieg nicht auf sich laden."
+
+Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien führte, um durch
+Anstiftung revolutionärer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
+zu schwächen und die Heeresteile aus den erwähnten Ländern zum Abfall
+von der österreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
+schildern. Diese Vorgänge zeigen, daß hoch- und landesverräterische
+Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu führen,
+und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
+ausgehen. Preußen und Italien verständigten sich, daß die Kosten für
+diese revolutionären Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
+sollten. Ueberflüssig zu sagen, daß Oesterreich nunmehr seine Lage
+erkannt hatte und Gegenmaßregeln traf. Gegen Ende März begann das
+diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
+Vorwürfen zu traktieren und--rüstete. Am 9. April stellte Preußen
+seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
+Bundesversammlung wolle beschließen, eine aus direkten Wahlen und
+allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung für
+einen näher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
+bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
+für eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.
+
+Diesem Reformvorschlag wurde erklärlicherweise in weiten Kreisen mit
+intensivem Mißtrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
+sich für ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
+Wahlrechts zu erklären und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
+er, der in Preußen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
+Verfassung regiert, der die berüchtigten Preßordonnanzen, die Führung
+des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
+eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals über den Artikel 84
+der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
+andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preußische
+Reformvorschlag fand, veranlaßte im April die "Kreuzzeitung", zu
+erklären, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
+In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
+Parlaments nicht Ernst, wie das sein späterer Parlamentsvorschlag an den
+Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
+südwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
+herausstellte, als es sich um die Gründung des Norddeutschen Bundes
+handelte.
+
+Zum Ueberfluß ist dieses durch die Denkwürdigkeiten des Fürsten
+Hohenlohe bestätigt worden. Bismarck sah damals in der großen Mehrzahl
+der Süddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stören
+könnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
+Krieg von 1870/71 in Süddeutschland fand, beseitigten seine
+Befürchtungen.
+
+Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
+Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
+getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
+konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preußen nicht verzeihen und
+opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
+Sechsunddreißiger-Ausschusses: "Wir--er sprach also im Namen von
+mehreren--ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preußischen
+Staates vor." Das hieß also: Siegt Preußen im Kampfe um die
+Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
+Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preußen. Das war das
+Bismarcksche: "Ich bin mehr Preuße als Deutscher!" Mommsen meinte: Die
+Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, daß man Bismarck nicht
+in seiner auswärtigen Politik unterstütze. Und Ziegler, der
+Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
+verurteilt und als Oberbürgermeister von Brandenburg gemaßregelt worden
+war, erklärte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
+Wählern: Das Herz der preußischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
+wehen. Ziegler war ein merkwürdiger Herr. So hatte er einige Monate
+zuvor in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus seinen
+Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
+Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
+den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversität ist euch vom
+Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr könnt nicht mehr denken.
+
+Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er für Ende
+Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
+Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
+Dank. Bismarck war über diese Absicht so aufgebracht, daß er die
+österreichische Regierung veranlaßte, mit ihm eine Note an den
+Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
+Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
+konnte, der nicht mehr Herr über seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
+diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
+Beschlüsse besagten: Der Nationalverein bestätige seine früheren
+Beschlüsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
+Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
+Preußen übertragen sehen wolle. Für Schleswig-Holstein fordere er das
+Selbstbestimmungsrecht mit der Einschränkung, daß, solange keine
+deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die für eine Zentralgewalt
+notwendigen Attribute an Preußen übertrage. Ferner solle eine
+Landesvertretung der Herzogtümer einberufen werden. Nach heftigen
+Debatten wurden diese Anträge mit großer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
+lag in diesen Beschlüssen ein großes Entgegenkommen gegen Preußen.
+Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.
+
+Als dann die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen
+immer mehr in den Vordergrund rückte, ging das Bestreben der Liberalen
+dahin, die Neutralität der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
+sie sagten sich, daß diese im Kriegsfall wohl in ihrer großen Mehrheit
+auf österreichischer Seite stehen würden.
+
+In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spieß um und machten die
+sächsische Regierung für den eventuellen Ausbruch eines Krieges
+verantwortlich; sie verlangten Abrüstung und Anschluß an Preußen. Die
+Leipziger städtischen Behörden schlossen sich durch Beschluß vom 5. Mai
+dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
+besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nächsten
+politischen Freunde, unterstützt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
+für den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
+anschlossen. Der Lassalleaner Steinert präsidierte. Wuttke hielt die
+erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
+Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
+Verteidigungsmaßregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
+Schutze des Landes einzuführen; ferner solle die Regierung sich
+schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
+jeder Sonderstellung Preußens in Schleswig-Holstein wie im übrigen
+Deutschland entgegentreten.
+
+Diese Resolution war uns zu schwächlich. Ich nahm also das Wort und
+begründete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:
+
+1. Die gegenwärtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
+das Vorgehen der preußischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
+Frage provoziert, zugleich aber auch die natürliche Konsequenz der
+Politik des Nationalvereins und der Gothaer für die preußische Spitze.
+2. Eine direkte oder indirekte Unterstützung dieser undeutschen Politik
+betrachten wir als eine Schädigung der Interessen des deutschen Volkes.
+3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
+gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
+Parlament, unterstützt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, daß
+das deutsche Volk nur solche Männer zu seinen Vertretern erwählt, die
+jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, daß im Falle
+eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
+dem Ausland in die Hände zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
+erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
+vertreten.
+
+Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
+Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
+Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minorität, die
+meinige einstimmig angenommen.
+
+Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte über
+jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
+so empörte, daß sie die betreffende Nummer der "Mitteldeutschen
+Volkszeitung" feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
+vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
+Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Büchners Vorsitz
+tagte, im gleichen Sinne aus.
+
+In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreißiger-Ausschuß des
+Abgeordnetentages Preußen zu Hilfe kommen zu müssen. Derselbe berief auf
+den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
+Die Frankfurter Demokratie beschloß, auf denselben Tag eine
+Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
+eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
+besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreißiger-Ausschusses
+eröffnet. Herr v. Bennigsen wurde Präsident. Unter den Anwesenden war
+auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
+Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
+alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er für die preußische Spitze
+schwärmte, über die Bismarcksche Politik so erbittert war, daß er, wie
+damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
+wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
+werden könnte? Die bekannte Frage: Wie wäscht man den Pelz, ohne ihn naß
+zu machen?
+
+Unter den Zuhörern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
+Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
+Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
+Fistelstimme und einer merkwürdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
+Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Führer aus der badischen
+Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
+daß wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
+ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.
+
+Dr. Völck-Augsburg, der später den Spitznamen die Frühlingslerche
+erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkündete: es will in
+Deutschland Frühling werden, war Referent. Er begründete folgende
+Resolution der Mehrheit des Sechsunddreißiger-Ausschusses:
+
+ * * * * *
+
+Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurückgegeben. Ein solcher
+Sieg würde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhöhung des
+Nationalgefühls gedient haben. In Deutschland führte er durch die
+Mißachtung des Rechts der wiedergewonnenen Länder, durch das Streben der
+preußischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
+unheilvollen Eifersucht der beiden Großmächte zu einem Zwiespalt,
+dessen Dimensionen weit über den ursprünglichen Gegenstand des Streites
+hinausreichen.
+
+Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
+dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwürdig,
+gefährdet alle Güter, welche wir in fünfzig Jahren des Friedens errungen
+haben, und nährt die Gelüste des Auslandes.
+
+Fürsten und Minister, welche diesen unnatürlichen Krieg verschulden oder
+aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
+schweren Verbrechens an der Nation schuldig.
+
+Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
+diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit ausländischen Mächten
+deutsches Gebiet preisgeben.
+
+Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmütig
+ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
+verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, daß er nicht ganz
+Deutschland in zwei große Lager teile, sondern auf den engsten Raum
+beschränkt werde.
+
+Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
+Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
+durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
+und, im Falle der Krieg einen europäischen Charakter annehmen sollte,
+mit noch frischen Kräften dem äußeren Feind entgegenzutreten.
+
+Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
+wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Großmächte sich zu stürzen.
+Insbesondere liegt es den Staaten der südwestdeutschen Gruppe ob, ihre
+Kraft ungeschwächt zu erhalten, um gegebenen Falles für die Integrität
+des deutschen Gebiets einzustehen.
+
+Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie über Anforderungen
+zu militärischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
+ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
+ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
+sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
+jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
+entspringen zu sehen.
+
+Wie ein deutsches Parlament allein die Behörde ist, welche über die
+deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
+auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
+freigewählte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
+solcher unheilvollen Zustände wirksam zu begegnen. Die schleunige
+Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewählten
+Parlaments muß daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
+Nation gefordert werden.
+
+ * * * * *
+
+Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
+nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralität in dem
+Kampfe zwischen Oesterreich und Preußen verpflichten wollte. In einer
+sehr wirkungsvollen Rede ging der preußische Abgeordnete Julius Freese
+der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
+hatten, zu Leibe, häufig von stürmischem Beifall der Minorität und der
+Zuhörerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
+Kleinstaaten zugemutete Rolle äußerte er:
+
+"Und was würde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
+hätten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kämpfen, und die Hirschkuh
+waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preußen
+miteinander kämpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
+Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
+sie überweist.... Und er schloß: _Nur dann wird Preußen frei, wenn es in
+Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Großpreußen
+aufgehen lassen, dann sei Gott denen gnädig, die das Regiment sehen,
+welches dann über Preußen und Deutschland ergehen wird._"
+
+Diese Worte lösten langanhaltenden Beifall aus.
+
+Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
+Rede Völcks donnerten mehrere Kanonenschläge durch den Saal, so daß
+alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
+befürchtete. Völck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
+Attentat auf ihn. Mit einem mächtigen Satze sprang er rückwärts von der
+Tribüne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
+Händeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
+Lassalleaner hatten unter Führung Oberwinders die Kanonenschläge gelegt,
+um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
+Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.
+
+Selbstverständlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit großer
+Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Müller-Passavant.
+
+Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
+Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
+statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.
+
+In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:
+
+1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preußens den bewaffneten
+Widerstand, Neutralität ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
+solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbständigkeit erlangen.
+3. Der preußische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
+dagegen solle eine konstituierende, mit der nötigen Macht ausgestattete
+Volksvertretung über die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
+Einführung der Grundrechte und gesetzliche Einführung der allgemeinen
+Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle überall in Stadt und Land in
+politischen Vereinen zusammentreten.
+
+Nach Annahme dieser Vorschläge wurde ein Ausschuß niedergesetzt, der ein
+Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
+einberufen solle, um endgültig das Programm zu beraten. In den Ausschuß
+wurden auf Vorschlag von Haußmann-Stuttgart, dem Vater des
+Reichstagsabgeordneten Konrad Haußmann, gewählt: Bebel,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grün-Heidelberg,
+Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Fürth, v.
+Neergardt-Kiel, Aug. Röckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
+Krämer von Doos, Bayern. Von diesen zwölf bin ich der einzige noch
+Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.
+
+Der Ausschuß verfaßte folgendes Programm:
+
+A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
+deutschen Staaten. 2. Föderative Verbindung derselben auf Grund der
+Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer über den Regierungen der
+Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
+preußische, keine österreichische Spitze.
+
+B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
+Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
+beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
+Herzogtümer als eines selbständigen Staates auf Grund des Rechtes und
+des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde muß ohne weiteres in
+Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfügung über
+die Herzogtümer wider den Willen der Bevölkerung; keine Teilung
+Schleswigs. 2. Gegen die preußische Kriegspolitik ist der Widerstand
+Deutschlands geboten. Neutralität wäre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
+Fußbreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
+Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
+Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
+von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
+Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
+wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
+nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
+sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes stützen. Die
+gesetzliche Einführung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
+verlangen. 4. Der preußische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
+eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewählte
+Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
+nötigen Macht kann über die Verfassung des Vaterlandes endgültig
+entscheiden.
+
+Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
+Beratung unterbreitet werden sollte, mußte unterbleiben, weil
+mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erließ der Ausschuß folgende
+Proklamation:
+
+ * * * * *
+
+An das deutsche Volk!
+
+Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
+Faustrechtes ist Deutschland zurückgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
+an der Nation fällt jener Partei in Preußen zur Last, die ruchlos
+genug ist, den Bruch des preußischen Volksrechtes und des
+schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
+Deutschland krönen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
+Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
+Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
+zum Aeußersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stämme zu sprengen
+und an die Stelle des öffentlichen Rechtes und des Willens der
+Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
+Länder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
+Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fügen,
+bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preußen selbst stachelt sie das Volk
+zum Haß gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
+Demütigung, Erniedrigung, Zerstücklung, womit es von Deutschland bedroht
+sei.
+
+Noch drohte Preußen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
+Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wäre für Preußen selbst der
+schönste Sieg. Die Gefahr der Zerstücklung ist gerade durch diese Partei
+über ganz Deutschland gebracht. Im Süden ist durch ihr Bündnis mit
+Italien deutsches Bundesland gefährdet. Im Westen hat sie die alte
+Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
+ist.
+
+Die deutschen Stämme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
+Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preußen, ziehen nicht
+für habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
+Oesterreich wie Preußen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
+eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglück,
+darf und will sie nicht die Folgen desselben untätig abwarten. Wie sie
+mit richtigem vaterländischen Gefühl die ihr angesonnene Neutralität im
+Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
+voller Kraft und einmütiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
+Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
+Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.
+
+Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Tätigkeit des
+deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in öffentlichen
+Volksversammlungen muß schleunigst dafür organisiert werden. Das
+deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.
+
+Frankfurt, 1. Juli 1866.
+
+Der Ausschuß der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.
+
+I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Röckel.
+
+ * * * * *
+
+Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spät. Und was ihm einzig
+hätte Nachdruck geben können, eine große, geschlossene Organisation,
+fehlte.--
+
+Den Tag nach den erwähnten Frankfurter Vorgängen, am zweiten
+Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Müller zu
+Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geöffneten
+Fenster, um den herrlichen Maitag zu genießen. Wie auf Kommando erhoben
+wir ein homerisches Gelächter. Aus Müllers Wohnung sah man auf den Main
+und die alte Mainbrücke, auf der in ihren weißen Uniformen Scharen
+österreichischer Soldaten herüber- und hinüberspazierten, fast ein jeder
+ein Mädchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
+Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
+äußerte er: "Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mädercher krieche
+alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!" Eine
+zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
+verließen die Preußen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehörten, mit
+"klingendem Spiel" die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
+Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
+Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag fröhlich über die Mainbrücke
+zogen, dürfte später mit seinem Blute das Schlachtfeld gedüngt haben.--
+
+Den 10. Juni trat auch der ständige Ausschuß der Arbeitervereine zu
+einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
+politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
+Ausschuß anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.
+
+In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
+preußisches Mitglied bestritt, daß im preußischen Volke Sympathien für
+Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
+gründlich irrte. Die große Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
+Neutralität der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
+preußische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung förderlich
+sein, von anderer Seite wurde bestritten, daß die preußische Spitze dazu
+nötig wäre. Schließlich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
+bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschuß
+aufgestellten Programm anzuschließen. Auch wurde empfohlen, folgenden
+Kompromißantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
+volkstümliche Regierung muß die allmähliche Ausgleichung der
+Klassengegensätze so weit zu fördern suchen, als es irgend mit der
+Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
+Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
+Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
+unentbehrliche Stütze der bürgerlichen Freiheit.
+
+Da die politischen Wirren bereits große Arbeitslosigkeit zur Folge
+hatten, kam man überein, die Unternehmer aufzufordern, während der Dauer
+der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit
+eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
+Staats- und Gemeindebehörden die begonnenen Bauten weiterführen und
+bereits geplante zur Ausführung bringen. Unerfreulich war der
+Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit über den Stand der
+"Arbeiterzeitung" zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preußen,
+die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
+die Hindernisse, die der Buchhändlerverband dem Blatte entgegenstellte,
+hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrückt, und der passive
+Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschuß Streit und seinem Blatte
+entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
+bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
+des Blattes einzustellen.
+
+Meine erneut eingebrachten Reorganisationsanträge wurden wiederum
+abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
+Taler im Jahr als Vergütung für Arbeiten zu gewähren. Man verhandelte
+auch über den Ort des nächsten Vereinstags, für den Chemnitz oder Gera
+in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
+denselben für 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
+auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
+die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgängen
+beschäftigte.
+
+Von jetzt ab überstürzten sich die Ereignisse und trieben zur
+Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelöst, um durch
+dessen Opposition nicht in seinen politischen Maßnahmen gestört zu
+werden. Im Gegensatz zu Preußen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
+ein. Am 1. Juni übergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
+Bundestag. Es hatte zu spät den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
+es sich in dieser Angelegenheit von Preußen ins Schlepptau nehmen ließ.
+Zwei Tage später, am 3. Juni, erklärte Preußen, daß durch den Schritt
+Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfällig geworden sei. Am 11. Juni
+sprengte Preußen mit Militärgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
+einberufenen holsteinschen Stände. Darauf räumten am 12. Juni die
+Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
+Gesandten von Berlin ab und stellte dem preußischen Gesandten in Wien
+seine Pässe zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preußen,
+worauf der preußische Gesandte den Verfassungsentwurf für einen neuen
+Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
+lautete:
+
+Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
+kaiserlich österreichischen und der königlich niederländischen
+Landesteile (Luxemburg und Limburg).
+
+Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklärt. Dieser nahm wider Erwarten
+vieler einen für Preußen ausnehmend günstigen Verlauf. Binnen wenig
+Wochen war die österreichische Armee in Böhmen aus allen ihren
+Positionen geworfen und standen die Preußen vor den Toren Wiens. Die
+mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der sächsischen, die in Böhmen
+focht, und der hannoverschen, die nach zähem Widerstand den Preußen bei
+Langensalza erlag, spielten eine klägliche Rolle. Ihr Widerstand war
+gebrochen, ohne daß es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
+entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
+mißtrauisch, daß Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft führen
+werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preußischen Gesandten v.
+Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, daß sich die
+italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
+setze. Die Weigerung La Marmoras könnte bei Preußen den Verdacht
+erregen, daß Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
+Oesterreich zu führen. Er solle mitteilen, daß Preußen nächste Woche die
+Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
+Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
+Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
+Vorschläge über die Kriegführung machte. Der Krieg müsse bis zur
+Vernichtung des Gegners geführt werden. Ohne Rücksicht auf die
+zukünftige Gestaltung der Territorien müßten beide Mächte den Krieg
+endgültig, entscheidend, vollständig und unwiderruflich zu machen
+suchen. Italien dürfe sich nicht damit begnügen, bis an die nördlichen
+Grenzen Venetiens vorzudringen: es müsse sich mit Preußen an dem
+Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
+Venetiens zu sichern, müsse es die österreichische Monarchie ins Herz
+treffen.
+
+Das war die berüchtigte Stoß-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
+bekannt wurde, große Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
+anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
+Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
+der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
+Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
+im Norden der Monarchie höchst ungünstig standen. Es hoffte auf eine
+Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlaßte nunmehr
+Bismarck, trotz dem großen Unmut, der darüber im Hauptquartier entstand,
+Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewähren, der in Nikolsburg
+abgeschlossen wurde und an dessen Schluß, 27. Juli, es zu
+Friedenspräliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
+in Prag, erhielt Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
+und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer mäßigen
+Kriegsentschädigung davon. Politische Gründe bestimmten Bismarck,
+Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die südwestdeutschen Staaten
+sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
+Italien abgetreten.
+
+Daß Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
+deutschen Liberalen einen Sturm der Entrüstung hervor. Das sei
+Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preußen mindestens ebenso traf wie
+Oesterreich. Vertuscht wurde nach Möglichkeit, daß Preußen sich mit
+Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
+verbunden hatte; vertuscht wurde, daß Bismarck mit Klapka in Verbindung
+getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
+Ausruf veröffentlicht hatte:
+
+ * * * * *
+
+An die ungarischen Soldaten!
+
+Durch das Vertrauen meiner Mitbürger übernehme ich das Oberkommando der
+gesamten ungarischen Streitkräfte; als Führer spreche ich also zu euch.
+
+Preußens und Italiens mächtige Könige sind unsere Verbündeten. Aus
+Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Türr, aus Siebenbürgen
+Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier führe ich die tapfere
+ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
+jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
+hinaus. Wir erobern zurück, was unser ist: den Boden Arpáds; in den
+Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
+Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
+Vorwärts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
+heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin führe ich euch; kommet
+denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
+erwarten.
+
+Wählet. Wollt ihr erbärmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
+Vaterlandsverteidiger werden?
+
+Es lebe hoch das Vaterland!
+
+_Klapka_ m.p., ungarischer General.
+
+ * * * * *
+
+Auch daran wollte man nicht erinnern, daß aus dem preußischen
+Hauptquartier beim Einrücken in Böhmen ein Ausruf "An die Einwohner des
+glorreichen Königreichs Böhmen" veröffentlicht worden war, der Stellen
+enthielt wie die folgende:
+
+"Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann dürfte sich vielleicht auch
+den Böhmen und Mähren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
+nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirklichen können. Möge dann ein
+günstiger Stern ihr Glück auf immerdar begründen!"
+
+Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Maß. Wenn zwei
+dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preußen die größten
+Niederträchtigkeiten--und als eine loyale Kriegführung konnte man doch
+die Vorgänge in Böhmen und Ungarn nicht ansehen--, sie wurden
+entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
+Beispiele nachahmten. Was würde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
+auswärtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer ähnlichen
+Proklamation an die Polen einrückte wie die der Preußen in Böhmen?
+
+Dem Landesverrat im großen, der in den österreichischen Ländern
+begünstigt wurde, schloß sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
+an. Anfang August 1866 beschlossen die sächsischen Liberalen unter
+Führung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
+Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hieß: Wir halten
+die deutschen und sächsischen Interessen am besten gewahrt durch die
+Einverleibung Sachsens in Preußen. Und noch nachdrücklicher sprach sich
+Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
+"Preußischen Jahrbücher" Bismarck aufforderte, die oppositionellen
+Staaten--Sachsen, Hannover, Kurhessen--zu vernichten:
+
+"Jene drei Dynastien sind reif, überreif für die verdiente Vernichtung;
+ihre Wiedereinsetzung wäre eine Gefahr für die Sicherheit des neuen
+deutschen Bundes, eine Versündigung an der Sittlichkeit der Nation....
+Nächst dem Hause Habsburg hat kein anderes Fürstengeschlecht die
+Jahrhunderte hindurch sich schwerer versündigt an der deutschen Nation
+als das Haus der Albertiner.... König Johann ist unzweifelhaft der
+achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Fürsten, doch mit
+einer Fülle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewöhnlicher Mensch
+geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil über
+Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmütigkeit,
+aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Stütze
+der österreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
+und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Anstoß erregen, ist noch
+weniger zu erwarten.... Vor allem fürchten wir von einer Restauration
+die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lüge, durch die
+Gleißnerei einer Loyalität, welche nach den Ereignissen des Sommers
+mindestens von dem jüngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
+kann. Man male sich die Szene aus, wie König Johann einzieht in seine
+Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
+Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfängt,
+rautenbekränzte weiß und grüne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
+und entweihten Krone--wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend."
+
+Und er schloß: "In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
+_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu mißachten_.... Wir
+wollen nicht, daß ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
+zurückkehrt auf den Thron."
+
+Bismarck sorgte dafür, daß seinen glühenden Verehrern kein Haar gekrümmt
+wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mußte der König von Sachsen
+zusichern, "daß keiner seiner Untertanen oder wer sonst den sächsischen
+Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhältnisse
+zwischen Preußen und Sachsen während der Dauer des Kriegszustandes
+begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestät
+oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
+politischen Verhaltens während jener Zeit überhaupt strafrechtlich,
+polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
+seinen Ehrenrechten beeinträchtigt werden soll".
+
+Man hat Liebknecht und mir später öfter die Frage gestellt, was geworden
+wäre, wenn statt Preußen Oesterreich siegte. Traurig genug, daß nach den
+damaligen Verhältnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
+eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _für_ den anderen
+angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, daß für ein
+Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
+Niederlage seiner inneren Entwicklung eher förderlich als hinderlich
+ist. Siege machen eine dem Volke gegenüberstehende Regierung hochmütig
+und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nähern und
+seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 für Preußen, 1866 für
+Oesterreich, 1870 für Frankreich, die Niederlage Rußlands im Kriege mit
+Japan 1904. Die russische Revolution wäre ohne jene Niederlage nicht
+gekommen, ja sie wäre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
+unmöglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
+das alte Rußland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preußen von 1847
+noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, daß, als das
+preußische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
+Napoleons Fremdherrschaft gestürzt und die Dynastie aus der Patsche
+gerettet, letztere alle schönen Versprechungen vergessen hatte, die sie
+in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mußte erst nach langer
+Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
+man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
+im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
+zurückgewiesen. Er trat als Diktator auf.
+
+Einmal angenommen, Preußen wäre 1866 unterlegen, so wäre das Ministerium
+Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
+Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wußte niemand besser als
+Bismarck. Die österreichische Regierung wäre nach einem Siege nie so
+stark geworden, wie das bei der preußischen der Fall war. Oesterreich
+war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
+ganz anders Preußen. Aber die Regierung eines starken Staates ist für
+dessen demokratische Entwicklung gefährlicher. In keinem demokratischen
+Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenüber ist
+sie ohnmächtig. Höchstwahrscheinlich hätte die österreichische Regierung
+nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionär zu regieren. Aber
+sie hätte alsdann nicht nur das gesamte preußische Volk, sondern auch
+den größten Teil der übrigen Nation, einschließlich eines guten Teiles
+der österreichischen Bevölkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
+Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
+Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wäre die Folge
+gewesen. Der Sieg Preußens schloß das aus. Und noch ein anderes. Der
+Ausschluß Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft--von der
+Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden--hat zehn Millionen Deutsche in eine
+fast trostlose Lage versetzt. Unsere "Patrioten" geraten in nationale
+Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mißhandelt, aber an dem
+Stück kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen in
+Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Anstoß.
+
+Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 ähnliche Erörterungen unter
+unseren Großen stattgefunden, was erst später zu meiner Kenntnis kam.
+
+In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar
+Bucher--also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste--über
+den Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preußen siege: "Ein Sieg
+der Militärs, das heißt der preußischen Regierung, wäre ein Uebel."
+
+Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: "Nur in dem _populären_ Krieg
+gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation
+_unpopulären Kriege aber ein immenses Glück für die Revolution_...."
+Lassalle ging noch weiter und führte aus: "Eine Besiegung Frankreichs
+wäre auf lange Zeit das konterrevolutionäre Ereignis par excellence.
+Noch immer steht es so, daß Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
+gegenüber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
+darstellt." Und Ende März 1860 schrieb Lassalle an Engels: "Nur zur
+Vermeidung von Mißverständnissen muß ich bemerken, daß ich übrigens auch
+im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschüre schrieb (Der italienische
+Krieg), _sehnlichst_ wünschte, daß Preußen den Krieg gegen Napoleon
+mache. _Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, daß die Regierung
+ihn mache, er aber beim Volke unpopulär und so verhaßt wie möglich sei.
+Dann freilich wäre er ein großes Glück gewesen_."[6] (Zugunsten der
+Revolution.)
+
+Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
+sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: "Endlich aber ist die
+Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen _eine
+Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der
+Nation in sich schlösse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
+und mit innerem Verständnis betrachten, so werden Sie sehen, daß die
+Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
+gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind,
+daß an der Notwendigkeit und Unveräußerlichkeit unserer nationalen
+Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
+großen äußeren Krieg, _so können in demselben wohl unsere einzelnen
+Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische, zusammenbrechen,
+aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar
+erheben das, worauf es uns allein ankommen kann--das deutsche Volk._"--
+
+Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
+Schoß werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
+in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die "Mitteldeutsche
+Volkszeitung" gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
+weil das Defizit der Zeitung täglich größer wurde. Der Abonnentenstand
+des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
+erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
+war ganz ausgeschlossen, daß wir unter den damaligen Verhältnissen das
+Blatt in die Höhe bringen konnten. Außerdem hatten wir mit der
+preußischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trösten.
+Geld verlange der Verleger zunächst nicht, und was sonst nötig sei,
+würden wir schaffen. Er war glücklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
+in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
+so gründlich, daß man glauben konnte, nicht die Preußen, sondern er sei
+Herr in Sachsen. Natürlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
+wurde unterdrückt. Ich war über diese Maßregel nicht erbost, obgleich
+ich mich hütete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer großen
+Verlegenheit gerettet worden, denn der kühne Plan, den wir gefaßt
+hatten, 5000 Anteilscheine à 1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
+unterzubringen, hätte ein großes Fiasko erlebt.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
+Stuttgart 1902.
+
+
+
+
+Nach dem Krieg.
+
+
+Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
+Bundes, in dem der Riese Preußen neben lauter staatlichen Zwergen die
+Führung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
+Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
+für uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
+nötig, um das die neue Partei sich scharte. Daß das Programm offen
+sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
+Teil der führenden Elemente, Professor Roßmäßler und andere, einnahm,
+ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
+rückständig, als daß wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wäre zu
+einer Spaltung gekommen, und die mußte in diesem Stadium der Entwicklung
+vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht maßgebend, daß bei der
+Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Bürgertums wegen der eben
+stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreißung Deutschlands
+in drei Teile beherrschte, es nötig sei, alle Kräfte für eine
+Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.
+
+Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
+der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+(Fritzsche, Försterling, Röthing und andere) teilnahmen, um die neue
+demokratische Partei zu gründen. Das angenommene Programm lautete:
+
+
+Forderungen der Demokratie.
+
+1. Unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
+gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
+Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
+Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
+Heere. Ein mit größter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
+welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat.
+
+2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
+erbliche Zentralgewalt.--Kein Kleindeutschland unter preußischer
+Führung, kein durch Annexion vergrößertes Preußen, kein Großdeutschland
+unter österreichischer Führung, keine Trias. Diese und ähnliche
+dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
+Zersplitterung und Fremdherrschaft führen, sind von der demokratischen
+Partei auf das entschiedenste zu bekämpfen.
+
+3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession.
+
+4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung.
+Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und
+des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und
+würdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der
+Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht.
+Herbeischaffung von Mitteln und Gründung von Anstalten zur Weiterbildung
+der der Volksschule Entwachsenen.
+
+5. Förderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und
+der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der
+Lage der arbeitenden Klasse. Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines
+deutsches Heimatsrecht, Förderung und Unterstützung des
+Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit
+der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde.
+
+6. Selbstverwaltung der Gemeinden.
+
+7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der
+Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
+Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren.
+
+8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
+Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.
+
+Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die
+Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
+ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich
+von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden
+war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
+in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz
+nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
+Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht
+warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
+sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er
+bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung
+erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine
+Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner
+Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee,
+das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe,
+der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war--weshalb er sich
+gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
+hörte--, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre
+zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den
+legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
+dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich
+gründlich lächerlich zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen
+Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die
+mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das
+Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
+absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
+wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
+im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
+der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
+der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es
+stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.
+
+Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
+sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
+bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
+deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
+herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
+allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
+Kräfte zu befriedigen.
+
+Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
+der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
+wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
+insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die
+große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur
+politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
+der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
+daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung
+des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
+Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten.
+
+Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten
+gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß
+vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei
+verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not.
+
+"Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
+gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
+gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
+Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die
+große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
+Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von
+keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
+höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
+Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an
+den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine
+willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische
+Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
+der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere
+Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu
+entziehen droht."
+
+Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
+gehen und allen Hader schwinden zu lassen.
+
+Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der
+ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
+durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte,
+war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
+könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen
+Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
+daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
+habe.
+
+Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
+nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
+die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
+bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
+sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung
+_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
+spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und
+Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der
+Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
+und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als
+selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
+wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr
+als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume
+schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem
+ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
+was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
+mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses
+einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die
+Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren
+Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
+entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
+schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
+Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und
+verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
+und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei
+agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
+tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate
+lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
+erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen
+sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
+und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
+Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis
+verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein
+gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
+Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
+Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
+Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
+politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat.
+
+Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang
+Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866
+nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
+aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte
+nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die
+Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
+Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
+Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
+kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
+Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
+in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
+nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
+siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
+Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er
+mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm
+voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
+zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen
+nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
+meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.
+
+Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt.
+So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem
+Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich
+hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit
+in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich.
+Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt,
+von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn
+einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte,
+nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den
+Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst
+den Wagen.
+
+Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten
+Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die
+künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission
+aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die
+Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von
+Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau--der Turnergötz, der damals ein
+roter Republikaner war--und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v.
+Schweizer und Dr. Reincke--der, als er später sein Mandat niederlegte,
+durch Fritzsche ersetzt wurde--und in einer Nachwahl Hasenclever
+gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich
+ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v.
+Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen
+Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der
+Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war
+ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so
+heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu
+reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe
+gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte.
+
+Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später.
+
+
+
+
+Die Weiterentwicklung.
+
+
+In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel
+abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte
+festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres
+eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die
+Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die "Allgemeine
+Arbeiterzeitung", war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine
+Monatsschrift, "Die Arbeit", die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben
+und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer
+wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in
+den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues
+Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel "Arbeiterhalle" von
+Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage
+erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt
+erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es
+einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten
+und von Liebknecht redigierten "Demokratischen Wochenblattes". Endlich
+wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen.
+
+Mit der Gründung des "Demokratischen Wochenblattes" war einem von uns
+allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin
+kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten
+konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und
+soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat
+vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber
+waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden
+gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten.
+
+Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte
+mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867
+schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund
+bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil,
+daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848
+nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien,
+die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung
+mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer
+noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik
+fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im
+Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine
+losgehe.
+
+In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege,
+ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867
+hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich
+präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des
+sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen
+Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des
+Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und
+Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und
+Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der
+Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.
+Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die
+Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie
+gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die
+Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage
+vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß
+diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der
+Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen
+sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche
+Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine
+vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen.
+Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen
+7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten
+deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der
+ständige Ausschuß erklärte.
+
+Dieser Vereinstag--der vierte--wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten.
+Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein
+Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus
+Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar.
+Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische
+Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum
+Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei
+Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller
+Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der
+Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und
+Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die
+Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in
+sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem
+er in einer Resolution erklärte, ihm "im allgemeinen" seine Zustimmung
+zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler
+referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur
+Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV
+wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere
+sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde
+von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses
+Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der
+Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle.
+Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland
+verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des
+Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate
+gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33
+Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit
+war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht,
+was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt
+einigermaßen aktionsfähig.
+
+Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über
+die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes
+Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter
+getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich
+hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet,
+die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution
+besagte:
+
+"Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es
+den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß
+Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer
+eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden
+Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit
+erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist,
+einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als
+notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über
+die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des
+Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem
+Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die
+Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden
+Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf
+Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung
+der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen
+(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch
+Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung
+der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter."
+
+ * * * * *
+
+Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines
+Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872
+durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt
+wurde.
+
+In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand
+genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den
+vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte,
+was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in
+Nürnberg verhandelt wurde.
+
+Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein.
+Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen
+Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen.
+Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren
+Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer
+der "Arbeiterhalle", an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf
+des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die
+verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht
+aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen
+Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der
+Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze
+Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer
+und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des
+Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte
+Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt
+Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr.
+Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende
+Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am
+Schlusse des ersten Geschäftsjahres--Ende August 1868--betrug die Zahl
+der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr
+als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis
+zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die
+Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte
+Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von
+mir.
+
+Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung
+des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag
+und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab
+die ständige Mitarbeiterschaft am "Demokratischen Wochenblatt", dessen
+ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit
+meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise
+vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir
+in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich
+manchmal kaum ein und aus wußte.
+
+Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen
+forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn
+gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25.
+Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es:
+
+"Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen
+aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf
+machte aber auf Dich einen 'kläglichen' Eindruck. Das glaube ich nun
+wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den
+Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in
+ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter,
+aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe.
+
+Wenn ich jetzt vom 'Erzwingen wollen' abgekommen bin, so ist nicht die
+Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung,
+daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach
+nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere
+Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse.
+
+Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du
+richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich,
+so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein;
+soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht,
+wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die
+Dauer fortführen willst...."
+
+Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder
+seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben
+müsse.
+
+Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage
+wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam.
+Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in
+der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter
+sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die
+Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_.
+Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure,
+Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging
+es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da
+schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O,
+diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel
+brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der
+Gegner verbluten sehen.
+
+Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der,
+als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem
+Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun
+und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft
+mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige
+Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere
+Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit;
+sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein
+ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er
+trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft
+ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß,
+wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft
+überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt,
+diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind,
+in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden
+können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher
+Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der
+Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden
+gehabt.
+
+Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine
+Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein
+dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das
+Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern,
+ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das
+erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein
+Ehrgeiz nicht.
+
+Wie ich die Arbeitslast--und die Jahre 1867 bis 1872 waren die
+arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit
+fehlte--bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In
+gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit
+Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur
+mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner
+Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte:
+"Die Arme, den wird sie nicht lange haben!"
+
+Zum Glück kam es anders.
+
+
+
+
+Persönliches.
+
+
+Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im
+Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist,
+die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine
+Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für
+denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu
+der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an
+der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie
+kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger
+Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode
+ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe
+nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit
+opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich
+geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre
+unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele
+schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich
+die Sonne ruhigerer Zeiten schien.
+
+Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde
+ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein
+amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß
+ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung
+auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen
+Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert
+Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der
+Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit
+bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: "Sie sind ja
+noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger
+Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu
+seinem Vergnügen treibt." Ich stand in der üblichen grünen
+Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: "Wie Sie sehen, sind
+Sie im Irrtum!" Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den
+erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr.
+Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er
+mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden
+wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer
+prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde.
+
+Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir
+meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen
+hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als
+"Ausländer" sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte
+die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld,
+denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern
+lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber
+die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig
+zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350
+Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen,
+indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit
+mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört,
+ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen
+Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte,
+was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal
+mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem
+Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war
+so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur
+Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein
+Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte
+mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne
+zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den
+kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen
+zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten
+Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch
+die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären
+mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes
+erspart geblieben.
+
+Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines
+Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen.
+Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun
+während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft
+gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner
+Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später
+einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: "Das
+geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld
+sparen konnte." Dieser "horrende Lohn" betrug damals 4-1/2 Taler pro
+Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen
+Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden,
+anderwärts elf.
+
+Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die
+gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für
+das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber
+täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte
+also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur
+wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein
+Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals
+Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten
+überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht
+gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe
+wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben
+erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen
+Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der
+Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen,
+wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln
+mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den
+Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich
+machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste
+Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung.
+
+Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen
+mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott.
+Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen
+kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus
+Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott
+gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71,
+in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71
+mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft
+genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen
+lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten
+wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse
+Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem
+Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874
+währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden
+waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit
+Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg
+antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das
+Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen
+zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau
+tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von
+der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder,
+als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der
+fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich
+mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon
+daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da
+wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des
+Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den
+materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und
+sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter
+Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit
+Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel
+aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf
+erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die
+Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und
+die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem
+Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte.
+Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen
+Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese
+Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch
+wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im
+Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines
+Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten
+Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen
+Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die
+Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde
+Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr
+entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und
+widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in
+dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in
+Stuttgart kam.
+
+Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild
+von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir--mein Associé
+und ich--uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der
+Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker
+Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust
+wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu
+sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé
+wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr
+heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise
+in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen
+Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten
+Schwäbisch verwundert äußerte: "Was? Der kloine Ma ischt d'r
+Bebel?"--Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren
+nicht selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich
+unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still
+zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören
+bekam.
+
+
+
+
+Der Marsch nach Nürnberg
+
+
+Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und
+den süddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die
+Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhältnisse den Beratungen
+eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den
+Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewählten
+Vertretern der vier süddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck
+hatte es abgelehnt, den Wünschen der badischen Regierung wie der
+süddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund
+nachzukommen. Die preußische Regierung werde durch den Eintritt von
+achtzig süddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit
+geraten. Das Wahlrecht für die Vertreter in dem Zollparlament war
+dasselbe wie für den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein
+großer Teil der süddeutschen Volkspartei, namentlich in Württemberg, die
+Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in
+Bamberg, Februar 1868, uns alle Mühe gaben, einen solch unsinnigen
+Beschluß zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht
+vor dem Feinde. Auch ein größerer Teil der Arbeitervereine in
+Württemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil wählte,
+und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten
+für das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener
+Zeit politisch in zwei Hälften geteilt war. Oberhessen gehörte zum
+Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbständig und wählten
+jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich unterstützten die
+demokratischen Kandidaten in Südhessen bei der Wahlagitation und hielten
+Wahlversammlungen für dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen
+wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Büchner (des Kraft- und
+Stoff-Büchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner späteren
+zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht
+machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite
+Frau; im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die
+demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen.
+
+In Bayern und Württemberg agitierten um jene Zeit ein großer Teil der
+Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei für die Einführung
+des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue
+Militärorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt,
+als die württembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine
+siebzehnmonatige Dienstzeit verständigte. In Bayern hatte sich der
+Militärgesetzausschuß der Kammer, unter dem Einfluß des bekannten
+Statistikers Kolb, für eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklärt und
+die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese
+Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Französischen Krieg und den
+Eintritt der süddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht.
+
+In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingeführt werden
+sollte, für das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte
+der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im
+norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten
+Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der
+Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden
+Genossenschaftsgesetz zurückstand. Andere Agitationen richteten sich
+gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen
+eine ganze Reihe reaktionärer Bestimmungen in dem dem norddeutschen
+Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in
+einem Artikel in der "Arbeiterhalle" beleuchtete.
+
+Daß die politische Zwieschlächtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf
+die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar.
+Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mußte die
+Situation ausgenutzt werden. Es mußte ein festes Programm geschaffen
+werden, mochten die Folgen für den Verband sein, welche sie wollten.
+Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in
+dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen,
+indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Süddeutschland regte
+Eichelsdörfer den gleichen Gedanken an.
+
+Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei
+von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber
+dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunächst wurde bei Sonnemann
+angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab.
+Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig
+übergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des "Demokratischen
+Wochenblatts" unterstützte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat
+über denselben auf dem nächsten Vereinstag zu übernehmen. Wir wählten
+Schweichel im Einverständnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes
+Wesen war für diesen Fall, in dem es galt, die noch zögernden
+Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgängernatur.
+
+Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nächsten Vereinstag ein
+Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen
+eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Süd
+gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den
+verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen.
+Der Vorsitzende des Nürnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rögner,
+unterstellte unserem Vorgehen alle möglichen Motive. Wir wollten unsere
+"Mißerfolge" im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem
+Vereinstag auszugleichen suchen, Preußenhaß leite unser Handeln usw. Wir
+würden uns aber täuschen, wir würden eine Niederlage erleiden. Ich
+antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen
+Reichstag und Zollparlament zeigten, welch großen Wert die Arbeiter auf
+nachdrückliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen
+entsprechenden Weise legen müßten. Soziales und Politisches ließe sich
+nicht voneinander trennen, eines ergänze das andere.... Der Arbeiter
+müsse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die
+bisherige Unklarheit im Verband könne nicht mehr weitergehen.... Er
+(Rögner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegensätze
+zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annäherung
+beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu
+werfen. Ich antworte, gerade dieser Annäherung Ausdruck zu geben, sei
+der Zweck des Programms.... Die Gegensätze würden nicht durch
+Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Möglich,
+daß wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden würden, aber das
+könne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das
+erstemal, daß ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten
+Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der
+direkten Wahl des Präsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekämpft,
+1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger
+Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich
+erklärte ihm, wir hielten ein Programm für notwendig, damit jedermann
+wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wüßten,
+wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir hätten den Mangel eines
+klaren Standpunktes häufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu
+weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, daß
+wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne,
+der Vorort und die Mehrheit der sächsischen Vereine sich alsdann fragen
+würden, ob sie dem Verband noch angehören könnten.
+
+Dazwischen befürwortete Moritz Müller in Pforzheim die Gründung von
+Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, daß die Leitung der Vereine
+durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am
+16. Juli, daß ich mit seinen Ideen über Berufsorganisationen einig
+ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits
+dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die
+Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit
+ihm darin der gleichen Meinung, daß die Arbeitervereine ihre Leiter aus
+ihren eigenen Reihen wählen müßten. Die Doktoren- und Professorenleitung
+tauge in der Regel nichts, das wüßten wir aus eigener Erfahrung.
+
+Wie zu erwarten, war der Vereinstag, für den die große Mehrheit der
+Vereine Nürnberg als Verhandlungsort gewählt hatte, ungewöhnlich stark
+besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten.
+Außerdem befanden sich unter den geladenen Gästen Eccarius-London als
+Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung
+als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich
+als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr.
+Ladendorf-Zürich, der ehemalige Berliner Zuchthäusler, als Vertreter des
+deutsch-republikanischen Vereins in Zürich, Dr. Heger-Bamberg als
+Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Bütter als
+Vertreter der französischen Abteilung der Internationale in Genf,
+Brückmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der
+deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als
+Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich
+Heine als Kobes von Köln eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Auch war
+ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner,
+zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten
+hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herüberzufliegen. Das war in
+den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch
+als Vertrauensmann gewählt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags
+fanden im großen historischen Rathaussaal statt, den der Nürnberger
+Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, daß die liberale Richtung
+siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrüßung der
+fremden Vertreter eröffnete ich die Versammlung und ließ das Präsidium
+wählen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf
+Rögner-Nürnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung
+über den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als
+erster Vizevorsitzender wurde Löwenstein-Fürth mit 62 Stimmen, als
+zweiter Vizevorsitzender Bürger-Göppingen mit 59 Stimmen gewählt. Die
+Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei
+Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten möglich; sie
+verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darüber
+kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. "Keine Kompromisse" rief es von
+den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der
+Tagesordnung mit großer Mehrheit beschlossen.
+
+Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzüglichen Verlauf.
+Die Nürnberger Tagung war eine der schönsten, denen ich beigewohnt. Als
+Berichterstatter für die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, daß die
+neue Organisation sich vortrefflich bewährt und der Verband im Vergleich
+zu früher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehörigen Vereine zählten
+zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch
+eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, mißlang. Die Programmdebatte
+wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, daß
+das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46
+Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen
+Beschluß erhob die Minderheit Protest, sie verließ den Saal und
+beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen
+Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die
+betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und betätigten
+sich von jetzt ab nur noch als Anhängsel der verschiedenen liberalen
+Parteien.
+
+ * * * * *
+
+Das angenommene Programm lautete:
+
+"Der zu Nürnberg versammelte fünfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine
+erklärt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm
+der Internationalen Arbeiterassoziation:
+
+1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen muß durch die
+arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die
+Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für
+Klassenprivilegien und Monopole, sondern für _gleiche_ Rechte und
+_gleiche_ Pflichten und für die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_.
+
+2. Die ökonomische Abhängigkeit des Mannes der Arbeit von dem
+Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet
+die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der
+geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit.
+
+3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur
+ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
+mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt
+und nur möglich im demokratischen Staat.
+
+Ferner in Erwägung, daß alle auf die ökonomische Befreiung der Arbeiter
+gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität
+zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem
+Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den
+arbeitenden Klassen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die
+Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein
+soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Länder umfaßt, in denen es
+moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lösung von der praktischen und
+theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt,
+beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die
+Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation."
+
+ * * * * *
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Arbeitervereinstags über das Programm
+ließen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr
+standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der
+Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine
+Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklärte
+sich sogar mit den in Nürnberg gefaßten Beschlüssen über das Programm
+einverstanden, indem erläuternd bemerkt wurde, daß die staatlichen und
+gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und daß namentlich die
+ökonomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der
+politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann
+Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklärte sie
+sich einverstanden.
+
+Das war ein Maß von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der
+Volksparteiler von 1868 vollständig abhanden gekommen ist. Es war
+insbesondere der in Nürnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt
+Niethammer-Stuttgart, der für ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er
+vertrat die Ansicht, die Demokratie müsse sich zur Sozialdemokratie
+erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfüllen. Er wäre wahrscheinlich später
+ganz in unsere Reihen getreten, hätte nicht ein jäher Tod (Herzschlag)
+frühzeitig seinem Leben ein Ende gemacht.
+
+Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der für diese
+Beschlüsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lösung des
+Verhältnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in
+Nürnberg dem Programm zugestimmt, für das er nicht begeistert war. Es
+mußte ihm jetzt alles daranliegen, daß die Generalversammlung der
+Volkspartei seinen Schritt in Nürnberg sanktionierte.
+
+Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags
+zerstört, denn für verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter
+den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns über die Gründung einer
+Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte,
+fand insofern Widerspruch, als sämtliche Redner, insbesondere Vahlteich,
+sich dahin aussprachen, daß das gesamte Arbeiterunterstützungswesen
+durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter
+verwaltet werden solle.
+
+Die hierauf bezügliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich
+vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete:
+
+"In Erwägung, daß das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen
+Altersversorgungskasse für Arbeiter an den bestehenden Staat den
+Arbeiter unbewußt zu einem konservativen Interesse an den bestehenden
+Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8]
+
+In Erwägung, daß Kranken- und Sterbeunterstützungs- sowie
+Altersversorgungskassen erfahrungsgemäß am besten durch
+_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden können,
+beschließt der fünfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und
+speziell dem Vorort aufzugeben, für _Vereinigung der Arbeiter in
+zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkräftig zu wirken_."
+Germann-Leipzig sprach über Krankenunterstützungskassen; sein Referat
+faßte er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den
+Verbandsangehörigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium
+zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle
+Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbände und
+Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens
+_Freizügigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmäßige
+Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, außerdem aber auch
+drittens die Gründung solcher Kassen veranlaßt, an denen bis jetzt noch
+Mangel ist, für _Dienstboten und Arbeiterinnen_.
+
+Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel über die
+indirekten Steuern, Liebknecht über die Wehrfrage. Die Kommission, die
+zur Prüfung der Geschäftsführung des Vororts niedergesetzt worden war,
+zollte demselben hohes Lob. Bücher und Akten befanden sich in schönster
+Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem
+Vorort gebühre wärmste Anerkennung. Die materielle Entschädigung für die
+geleistete Arbeit betrug für das Geschäftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen.
+Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57.
+Damit hatte Leipzig wieder die Leitung für das nächste Jahr in der Hand.
+
+Als Vertrauensmänner wurden gewählt: Bürger-Göppingen, Notz-Stuttgart,
+Eichelsdörfer-Mannheim, Günzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M.,
+Stuttmann-Rüsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg,
+Motteler-Crimmitschau, Krause-Mülsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg,
+Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien,
+Löwenstein-Fürth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den
+Vertrauensmännern war dadurch verursacht, daß die Vertreter der
+norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehörten und
+den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklärt hatten.
+
+Der Arbeiterbund veröffentlichte nach seiner Konstituierung einen
+Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nürnberger Vereinstag erhob
+und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen ließ. Darauf
+antwortete ich in Nr. 46 des "Demokratischen Wochenblatts" unter dem 23.
+September 1868 in einer langen Erklärung, in der ich die Angriffe
+zurückwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden,
+wir wollten die Arbeiter auf einen "sozial-kommunistischen Standpunkt"
+locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der
+"sozial-kommunistische"; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten
+diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lüge, drittens eine
+Denunziation. Die letztere sah ich darin, daß man durch das Wort
+Kommunismus nicht bloß die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor
+uns kopfscheu machen wolle. Die Worte "Sozialist" und "Sozialismus"
+reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits
+gewöhnt. Diese fänden immer mehr, daß der Sozialismus gar nichts so
+Schreckliches sei, da müsse das Wort Kommunismus herhalten, um dem
+Philister Angst in die Glieder zu jagen.
+
+Die Beschlüsse des Nürnberger Vereinstags schufen für die Bewegung eine
+neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem
+Moniteur, dem "Sozialdemokrat", den Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkündet hatte, von einer
+kleinbürgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die sächsische
+Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau
+wußte, daß die bürgerlichen Elemente in derselben in verschwindender
+Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht stärker als im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nächsten Frühjahr auf
+der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in
+Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken
+bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate
+später zu unserer Bekämpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben--L.
+Sch., der später zu den Zünftlern überging und heute wohlbestallter
+Obermeister einer Schuhmacherinnung ist--äußerte nachher: "Schweitzer
+hat uns bös hereingelegt, in den überfüllten Versammlungen, die wir
+abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen."
+Er hätte hinzufügen können: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und
+ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und
+brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei.
+
+Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, daß in der sächsischen
+Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine
+sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der
+Internationale stand. Die Nürnberger Tagung und ihre Resultate machten
+deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem
+bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mißtrauen vorhanden war. Die Wirkung
+zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Hätte damals an der Spitze
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die
+Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wäre jetzt eine Tatsache
+geworden. Sieben Jahre schädigender gegenseitiger Bekämpfung wären der
+Bewegung erspart geblieben.
+
+Kurz nach dem Nürnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein,
+dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband
+eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften
+Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß eine starke Minderheit aus
+dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben
+rief, der sich für das Nürnberger Programm erklärte. Unter den Gründern
+des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl
+Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Später traten demselben Th.
+Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren.
+Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand;
+sie höhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so
+ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich
+allmählich die fehlende Armee.
+
+Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen
+Finanzen. Mit dem jährlichen Groschenbeitrag ließ sich nicht viel
+anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern
+für lokale Zwecke vergaß man, größere Opfer für den Verband zu bringen.
+Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit über. Wir im
+Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der
+Organisation. Die Lage wurde für uns noch unangenehmer, als Schweitzer
+große Agitationstouren durch Sachsen und Süddeutschland ankündigte, für
+die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte
+unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche
+Geldzuschüsse erforderte auch das "Demokratische Wochenblatt", das vom
+Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10
+Talern in der Tasche gegründet, zu denen noch weitere kleine Beträge
+kamen. Auf ähnlicher "finanzieller Grundlage" wurden später öfter
+Parteiorgane gegründet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten
+Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung für ein Blatt
+kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persönlichkeiten mußten sich freilich
+mit lächerlich geringen Summen für ihre Arbeitsleistung begnügen, und
+sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung
+von der Armseligkeit der damaligen Zustände und von den Ansprüchen an
+Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als
+Redakteur des "Demokratischen Wochenblatts" monatlich nur 40 Taler,
+später als Redakteur des "Volksstaat" monatlich 65 Taler. Hepner wurde
+1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im
+"Demokratischen Wochenblatt" schrieb ich unentgeltlich, für die Leitung
+der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafür mußte ich auch die
+Räume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses
+horrende Gehalt. Gehaltserhöhungen kannte man damals nicht. Als zum
+Beispiel 1878 der "Vorwärts", der Nachfolger des "Volksstaat", auf Grund
+des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch
+dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der
+zweiten Ehe fünf Kinder mehr, von denen damals das älteste keine zehn
+Jahre zählte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu
+früher--denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt
+auch für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--eine Bourgeoispartei
+geworden.
+
+Doch die Partei hat immer "Schwein" gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu
+meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so muß er die
+Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am größten, ist die
+Hilfe am nächsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite,
+von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer
+auswärtigen Vertrauensmänner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit,
+als der Briefträger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war
+Dr. Ladendorf in Zürich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und
+mit dem ich auf dem Nürnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert
+hatte. Er schrieb, daß er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur
+Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000
+Franken zur Verfügung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen
+und über deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war
+glücklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte
+meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der
+Revolutionsfonds, der später auch im Leipziger Hochverratsprozeß eine
+Rolle spielte, über dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes
+Prozesses das Nötige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus
+der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den
+Beschlüssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses über die
+Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres
+1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese
+Quelle.
+
+Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war
+erfolglos; in Süddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet
+gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Süddeutschland aus unseren
+Vereinen Kräfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag
+aber auf der Hand, daß durch diese gegenseitige Bekämpfung die Stimmung
+in beiden Parteien immer erbitterter wurde.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete:
+
+An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London.
+
+Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem großen Teil der
+deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlaßt mich, diese Zeilen an
+Sie zu richten.
+
+Am 5., 6. und 7. September hält der Verband Deutscher Arbeitervereine in
+Nürnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die
+Tagesordnung enthält, steht als die wichtigste "Die Programmfrage"
+obenan, das heißt, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner
+in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach
+festen Grundsätzen und bestimmter Richtung wirken soll.
+
+Wir haben uns für das letztere entschieden und sind gesonnen, das
+Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste
+Nummer des "Vorboten" enthält, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den
+Anschluß an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die
+Majorität für diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also
+zweifellos. Wir glauben aber, daß es einen sehr guten Eindruck machen
+würde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch
+nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch
+einen Deputierten vertreten wäre, und beehren uns deshalb, an Sie den
+Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in
+Nürnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen
+Arbeiterassoziation zu entsenden.
+
+Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Sie unsere Bitte erfüllen
+und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen
+Aufnahme können Ihre Herren Deputierte sich versichert halten.
+
+Mit Gruß und Handschlag
+
+Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
+Vorsitzender.
+
+Leipzig, den 23. Juli 1868.
+
+[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für
+den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende
+Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
+Altersversicherung.
+
+
+
+
+Die Gewerkschaftsbewegung.
+
+
+Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
+glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das
+Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
+mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das
+Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den
+verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
+Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides
+notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
+der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
+Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man
+sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
+Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten
+im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
+Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard
+Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
+Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident
+halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, "im
+Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
+Eisenacher Programms an". Streng genommen konnte er das nicht für alle
+Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
+mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
+großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin
+für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
+hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen
+Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für
+gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
+wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften
+erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
+Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
+schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes
+beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
+Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner
+"Volkszeitung" berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
+veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die
+Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
+Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
+auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
+erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders
+gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt.
+Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
+Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
+Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:
+
+Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
+Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der
+Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
+das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung
+zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
+Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit,
+Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
+entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten,
+einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von
+allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.
+
+Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
+abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der
+Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der
+Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
+Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten
+Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen
+Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
+auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man
+ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
+ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der
+Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
+statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
+Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter
+vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der
+Rede, mit der er den Kongreß eröffnete:
+
+"England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
+die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist
+das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
+viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
+und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche
+Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
+daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn
+zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind,
+_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren
+Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen."
+Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es
+nicht sein.
+
+Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
+Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
+Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die
+Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur
+Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile
+der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte.
+
+Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
+günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
+September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt.
+Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
+Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
+Organisation bezüglichen Stellen lauten:
+
+ * * * * *
+
+"Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit
+nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
+mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises
+verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß
+berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
+anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien
+selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
+Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und
+ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
+der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
+bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime
+Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
+widerspricht. Wäre sie möglich--ich erkläre sie tout bonnement
+(aufrichtig gestanden) für unmöglich--, so wäre sie nicht wünschenswert,
+am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von Kindesbeinen an
+bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an die vorgesetzte
+Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig gehen zu lehren_.
+
+Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte
+verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2.
+der Präsident--eine ganz überflüssige Person--, gewählt durch
+allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten.
+Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern.
+Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel
+(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen
+Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
+Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
+entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört.
+
+Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht
+durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
+bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
+und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale
+angeschlossen hat, zu spielen--auf rationeller Grundlage versteht sich.
+Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
+Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns
+mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.
+
+Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die
+meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich
+eines Tages als Privatschriftsteller--sobald ich es für absolut durch
+das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte--offene Kritik an dem
+Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem
+Proudhonschen getan habe.
+
+Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichere
+
+Ihr ergebener K. Marx."
+
+Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht
+lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse
+Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen
+trat Schweitzer im "Sozialdemokrat" vom 15. September 1869 entschieden
+entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung
+zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr.
+152 des "Sozialdemokrat" kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von
+den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die
+verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu
+verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den
+er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte
+Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom
+Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident
+niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis
+Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,
+Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.
+
+Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die
+Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und
+beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien
+und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner
+Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte
+sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des
+Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien
+doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische
+Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung,
+damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an
+der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,
+Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die
+Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner.
+
+Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen
+solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die
+statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht
+vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den
+Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten
+sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu
+lassen.
+
+Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge
+geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen
+Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872
+auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung
+solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der
+Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner
+Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine
+Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende
+Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber
+nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,
+außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende
+Organisationen aufzulösen.
+
+Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel
+die Aeußerungen von Hasenclever: "Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)
+seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen,
+daß er wieder verschwindet." Hasselmann äußerte: "Wir haben nur deshalb
+den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns
+auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts
+Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck." Aehnlich
+sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag
+angenommen: "Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß
+sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden
+gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht
+der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem
+Sinne zu wirken."
+
+Kann man Mende trauen--und seine Angabe ist meines Wissens
+unwidersprochen geblieben--, so hatte auch Schweitzer gegenüber
+Mende und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869
+abgeschlossenen Pakt--ich komme später darauf--versprochen, die
+Gewerkschaftsorganisation als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten
+stehend mehr und mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Später
+änderten sich die Ansichten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+zugunsten der Gewerkschaften.
+
+ * * * * *
+
+Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten
+Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für
+Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
+Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
+Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler
+Gewerksgenossenschaften--welchen Titel wir gewählt hatten--tätig zu
+sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
+weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
+Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
+Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine
+Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
+Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
+Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
+Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
+der Berg- und Hüttenarbeiter.
+
+Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung
+litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter
+leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe
+zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft
+seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank.
+Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und
+der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die
+nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.
+
+Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung
+möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit
+Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark
+besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die
+Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende
+Resolution empfahl:
+
+"In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem
+Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
+Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur
+Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;
+
+in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen
+Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur
+Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die
+heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher
+Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes
+Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den
+Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten."
+
+Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir
+saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die
+Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand
+unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir
+verfaßte Resolution einstimmig angenommen:
+
+"Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger
+Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses
+gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben
+darauf hinzuwirken:
+
+1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine
+gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und
+Verschmelzung berufen werde;
+
+2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die
+beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis
+zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig
+unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß
+wählen;
+
+3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den
+Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von
+Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
+Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
+Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen."
+
+Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.
+141 des "Sozialdemokrat" vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer
+eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge
+zurückgewiesen hatten und aufforderten, "jedem Versuch, die Bewegung
+zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem
+Nachdruck entgegenzuarbeiten".
+
+Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf
+weiteres hinfällig geworden.
+
+Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher
+Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß
+die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis
+abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich
+sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die
+Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist
+Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf
+Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften
+angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften
+den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand
+ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart--Juni
+1870--stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die
+Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung
+spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften
+unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und
+traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des
+Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in
+allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai
+1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer
+Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:
+
+"1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für
+die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht
+bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu
+erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt
+abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die
+Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch
+die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben
+werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von
+den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für
+die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche
+Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,
+die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5.
+daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter
+entmutigen--also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß
+die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den
+Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten
+lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei
+augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu
+unterstützen.
+
+Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen,
+einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit
+vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann;
+ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem
+ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,
+Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege
+der Gewerksgenossenschaften empfohlen."
+
+In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen
+Parteigenossen, der "Volkswille", in ähnlichen Betrachtungen und
+Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
+Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.
+Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
+Entwicklung.
+
+Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf
+dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die
+Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen
+Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni
+im "Volksstaat" veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den
+Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art
+einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem
+aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in
+Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der
+Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften.
+Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen
+sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht
+schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in
+jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen
+des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich
+sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter
+dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von
+gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil
+der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die
+Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn
+Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern
+angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,
+und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar
+überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der
+Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,
+in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der
+Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu
+Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine
+Organisationsvorschläge auseinander.
+
+Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs
+Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der
+Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der
+Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine
+Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, "Die
+Union", beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution
+einstimmig angenommen:
+
+"In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie
+konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich
+sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste
+Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem
+neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die
+Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen,
+die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung
+ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die
+verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die
+Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß
+sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß
+gefaßt hat."
+
+Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder
+frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven
+York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die
+Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes "Die Union" zu übernehmen. Er
+stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und
+Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib
+meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft
+übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft
+und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich
+tätig sein.
+
+Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die
+sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die
+Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf
+diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874
+nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die
+Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten
+Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die
+Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften
+fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem
+Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr
+als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft
+und Gesundheit geschaffen worden war.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: "In den Statuten der
+Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der
+Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion,
+als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag
+schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und
+ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des
+Generalrats gewählt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur
+einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil
+dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet."
+
+So der "Diktator" der Internationale. Ich muß meinerseits konstatieren,
+daß Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders
+denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr
+wichtigen Fällen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge
+heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich
+trotzdem nie mit ihnen gehabt.
+
+A.B.
+
+
+
+
+Meine erste Verurteilung.
+
+
+Die Miß- und Günstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Königin
+Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien
+zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas--Ende September
+1868--zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den
+Führern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung
+die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlaßte die
+Demokratie der verschiedenen Länder, in Resolutionen und Adressen dem
+spanischen Volke die Gründung der Republik zu empfehlen. Natürlich
+glaubten wir noch ein übriges tun zu müssen und den Spaniern die
+Gründung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu
+nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als
+sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der
+Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als
+fünfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der
+Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich
+der Internationale zugute kamen. Hörte man die bürgerlichen Zeitungen,
+so besaß die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und
+dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Bürger geriet
+in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der
+Internationale brauche nur den großen Geldschrank zu öffnen, um für
+jeden Streik Millionen zur Verfügung zu haben. Ich selbst war eines
+Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer
+geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenübersaß,
+seinem Nachbar vertraulich erzählte: er habe heute einen Brief aus
+Brüssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale für den
+Streik der Kohlengräber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken
+zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte Mühe, das Lachen zu
+unterdrücken. Der Generalrat wäre froh gewesen, wenn er zwei Millionen
+Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt hätte. Der
+Generalrat hatte einen sehr großen moralischen Einfluß, aber Geld war
+immer seine schwächste Seite.
+
+Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige
+Jahre später nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er
+wollte eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Internationale
+veranstalten, wobei ihm der österreichische Kanzler, Herr v. Beust,
+bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Geständnis die
+Internationale für Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchführung
+des schönen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht bloß
+Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhändler wie Oberst v.
+Bernhardi ließ sich über die Internationale die größten Bären aufbinden.
+So teilt er in "Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi" den Bericht eines
+seiner Vertrauensleute mit, in dem es heißt:
+
+"Vor allem werden die sozialistischen Wühlereien von London und Genf aus
+eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um
+nicht bloß eine politische, sondern auch eine soziale Revolution
+hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comités internationaux in
+London und in Genf geleitet. Das Komitee in London präsidiert Louis
+Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in
+Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunächst auf
+Italien und dann auf das südliche Deutschland ausdehnen, wo viel
+Zündstoff ist; sie soll dann aber auch das nördliche Deutschland
+erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und überhaupt
+ganz Europa umgestalten. Zunächst ist man überall bemüht, das städtische
+Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militärisch zu
+organisieren."
+
+Nach Bernhardi waren alle Hauptstädte Deutschlands bereits insurgiert.
+Häupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher
+Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.
+
+Die erwähnte Adresse "An das spanische Volk", die Liebknecht in einer
+Versammlung begründete und ich, als Vorsitzender der Versammlung,
+vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, führte uns vor den Kadi.
+Wir wurden schließlich jeder zu drei Wochen Gefängnis wegen Verbreitung
+staatsgefährlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869--so lange
+hatte der Instanzenzug gedauert--im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis
+verbüßten.
+
+Daß die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anlaß
+zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben würde, ahnte damals
+niemand.
+
+
+
+
+Vor Barmen-Elberfeld.
+
+
+Die Kämpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868
+immer heftiger. Daran änderte auch nichts, daß wir für die Wahl
+Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg--Herbst 1868--eine Geldsammlung
+veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen
+Professor Planck--der später Hauptmitarbeiter am Bürgerlichen Gesetzbuch
+wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb--im Wahlkreis Celle
+unterstützten. Beide Schritte sollten beweisen, daß wir einen
+Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins und ihrem Präsidenten machten. Für Anfang März 1869
+hatten wir einen allgemeinen sächsischen Arbeitertag nach
+Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des
+sächsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die
+sächsischen Führer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet.
+Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung
+abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der
+Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen.
+
+Als ich Sonntag früh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein
+kam, sah ich, daß viele Arbeiter, die übernächtig und mit Schmutz
+bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, daß diese,
+Anhänger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus
+Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die
+Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem großen Tumult und
+schließlich zu Gewalttätigkeiten gekommen, worauf der Bürgermeister die
+Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies,
+die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen
+Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die
+furchtbare Erregung, die diese Vorgänge in der ganzen Bevölkerung
+hervorriefen, hatten weiter dazu geführt, daß man die Landesversammlung
+absagte, was ich für einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde
+mir gratuliert, daß ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die
+Tumultuanten hätten besonders nach mir verlangt und mich
+niederzuschlagen gedroht.
+
+Sechs Monate später--der Eisenacher Kongreß war vorüber--hielt ich in
+Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der
+Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult
+in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie
+begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung hätten Folge
+leisten können.
+
+Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine
+persönliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde
+rascher erfüllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschloß eine von den
+Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder
+Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen,
+sich in einer öffentlichen Versammlung gegenüberzutreten und gegenseitig
+ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklärte sofort im
+"Demokratischen Wochenblatt", daß er diesen Beschluß mit Freuden annehme
+und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten
+und zu beweisen, daß Schweitzer--sei es für Geld oder aus Neigung--seit
+Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der Arbeiterpartei zu
+hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen Cäsarismus spiele.
+Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan, ihm ausweichen wollen, so
+sei er bereit--allein oder mit mir--, in Gegenwart von Schweitzers
+Bevollmächtigten und der Arbeiterschaftspräsidenten ihm
+entgegenzutreten, oder--allein oder mit mir--auf der Generalversammlung
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu erscheinen und seine
+Anklagen zu begründen. Weiter machte er den Vorschlag, den Generalrat
+der Internationale als Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich
+anzurufen.
+
+Nachdem der "Sozialdemokrat" festgestellt, daß Schweitzer auf der
+letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Präsidenten gewählt
+worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er:
+Nach der Organisation sei der Präsident über sein Tun und Lassen nur der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschließungen könne er,
+der "Sozialdemokrat", nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu
+können, daß er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der
+Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde.
+Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in
+Sachen seines Präsidenten könne sich der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein nicht einlassen.
+
+Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfaßt
+hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen,
+und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte
+Schweitzer nicht ausweichen. Daß er sich für unsere Zulassung zur
+Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng
+genommen, dorthin nicht gehörten, da wir nicht Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer
+an, daß er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten
+Deckung finden würde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Türen
+ihn am wenigsten kompromittiere.
+
+Merkwürdigerweise erklärte der "Sozialdemokrat" drei Tage später,
+Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir hätten kein Recht, auf der
+Generalversammlung zu erscheinen. In der nächsten Nummer des
+"Sozialdemokrat" wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen,
+Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einfluß
+ausüben, daß wir zugelassen würden. In Barmen-Elberfeld las man's später
+anders.
+
+Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten
+hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den
+wir für einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere
+Vermutung stellte sich als begründet heraus. In der Unterhaltung
+erfuhren wir, daß unser Reisegefährte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich
+geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal.
+
+Die Vorgänge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann
+weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor für den nächsten Teil
+meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Gründe dargelegt
+werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten.
+
+Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß das Jahr 1869 für die deutsche
+Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Während
+desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kämpfen und Beseitigung
+mancher Mißverständnisse, die Richtlinien festgelegt, die für die
+weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher
+Kongreß, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei
+Deutschlands gegründet wurde, bildete den Höhepunkt in dieser
+Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gänzlich andere gegen
+wenige Jahre früher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem
+Schöpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei
+natürlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen,
+sehr übel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach
+dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen
+sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm günstige
+Situation ungenutzt vorübergehen ließ. Vorgänge, wie er sie in der
+Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein für allemal unmöglich zu
+machen. Und der größte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war
+ihnen vor ihrer eigenen Gottähnlichkeit, als Männer der starren
+Opposition, bange geworden. Das preußische Militärsystem wurde in Bausch
+und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen
+Bund übertragen. Für die Marine wurden die ersten Keime gelegt.
+Ministerverantwortlichkeit und Diäten für die Abgeordneten flogen ins
+alte Eisen. Bismarck war unumschränkter Beherrscher der inneren
+Situation.
+
+Dafür, daß die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen
+Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen,
+das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer
+wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl
+Forderungen der Arbeiterklasse erfüllten. Freizügigkeit, Aufhebung der
+Paßbeschränkungen, Erleichterung der Eheschließung und Niederlassung,
+denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten
+mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments
+war unter Teilnahme der süddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und
+indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der
+parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Tätigkeitsfeld
+eröffnet, das ich nach meinen Kräften beackern half. Wie und mit welchem
+Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***
+
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+Produced by Charles Franks and the DP Team
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+search system you may utilize the following addresses and just
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
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