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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:39:27 -0700 |
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Die meisten der Aufsätze und +Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen +Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und +Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies +anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite +Sammlung folgen. + +_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901. + +Ernst Wasserzieher. + + + + + „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, + Den schickt er in die weite Welt.“ + + Josef von Eichendorff. + + + + +I. + +Ueber das Reisen + +Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen. + + +Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die +viele aber nie lernen — das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit +erscheinen mag. Da wußte die „Frau Rat“ besser, welcher Unterschied +zwischen Reisen und Reisen sei! „Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist“, +sagte sie einmal, „so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel +reisen.“ Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein +Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als +Psycholog und als Mensch. „Man darf nur auf der Straße wandern _und +Augen haben_,“ schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat, +„man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“ Der gewöhnliche Reisende +begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was? +und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als +Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt +nicht am Reisen, sondern an ihnen. „Das Reisen als solches ist noch +nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was +sich ihm darbietet, erfaßt.“ (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants +Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte +ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die +menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die +Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert, +wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele +Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein +pflegt. + +Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt +besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft — wiegt das +bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen +Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß „nicht vielen der +Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder +beinah nie.“ Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem +Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen, +die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von +denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die +Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet; +nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das +elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer +Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr +Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten. +Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; „erst die Fremde“, sagt +Fontane, „lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Die schottischen +Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in +der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu +werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß +freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am +Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich +auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen, +überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft, +ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein. + +Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen, +insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des +häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine +Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu +betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele +Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben — das ist der oft +unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. „Auf Reisen“, so ungefähr spricht +sich Schopenhauer aus, „fühlt man sich interesselos, sieht man von der +eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_.“ +_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der +das Schöne definiert als „das, was ohne Interesse gefällt“ (d.h. ohne +selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der +Unabhängigkeit. „Jetzt bist du zum ersten Mal allein,“ ruft George Sand +entzückt aus, „keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir, +dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!“ Freilich stellt +sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite +dieser selbstgewollten Freiheit. „Auch der leidenschaftlichste, +fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt, +und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile +beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht +heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses +Wort mit Freuden aussprechen würde.“ (Amicis, Reise in Spanien, Capitel +2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch +an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten +Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den +weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung +trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des +Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des +Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der +verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren. +Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die +Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die +Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen, +Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage +in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man +dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer +in Graz zustimmen, wenn er sagt: „Reisen ist eine Kunst, eine größere +vielleicht als eine Reise gut beschreiben.“ (Essays, II, 58.) + + + + +II. + +Eine Primanerwanderung auf den Brocken. + +(1878.) + + +Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr +morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und +einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen +hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen +werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser +Jahreszeit — man schrieb den 12. April — eine Harz- und Brockenreise zum +Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte. + +Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von +dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu +erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob +man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes, +den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch +hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber +einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge +in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie +auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der +Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte +kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde +Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller +Schmutzsprenkeln — so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend +ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der +sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete. + +Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der +„Wernigeroder“ einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde, +passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem +hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof „Zu den drei +Forellen“, um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig +zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse +Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer +nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes „Harzreise im Winter“, +die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu +lassen. + +Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan +hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei, +bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst +gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen; +umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns; +eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten +uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und +wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren +freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch, +sondern auf der Fahrstraße zu gehen. + +Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um. +Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen +heute Abend beim Glase Bier! + +Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer +einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten, +bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem +Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch +verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine +Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte +uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren +nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten +Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben. + +Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die +trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den +schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und +tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch +der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald +in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch +einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und +Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden +wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen, +wenn wir aber den „Fautstieg“ einschlügen, setzte er hinzu, dann würden +wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch +nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten +vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar, +hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend +vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in +der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei +Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee +befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich, +daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war +aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es +Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte +sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser +Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit +sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die +Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein +Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause +eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter, +wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß +diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in +Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen, +die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den +Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten +weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer +weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen +Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und +schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den +Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir +sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich +wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die +schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen +Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte +mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich — +o Wonne — war es eine Täuschung? — Hundegebell! Wie elektrisiert sprang +ich vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein — jetzt eine Stimme — zu +sehen war nichts in der Finsternis — richtig, ein paar Schritt vor mir +stieg ein düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig +wedelnd, und wir standen in dem hell erleuchteten Flur des +Brockenhauses, vor uns zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht, +die einzigen Bewohner des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs +erschallten wie aus einem Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude, +festen Boden unter den Füßen zu haben, wäre ich dem Oberkellner am +liebsten um den Hals gefallen. Und nun rasch hinauf in das Zimmer, das +durch einige in den Ofen geworfene Scheite Holz bald behaglich +durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die wie aus dem Wasser gezogen +waren. Und nun hinein in den beiden Betten, aber nicht zum Schlafen! Der +Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen uns, auf dem bald eine große +Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst dem Hausknecht heran. Und nun +wurde fleißig angestoßen, bis mir die Augen zufielen und ich in einen +tiefen Schlaf fiel. + +Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt +wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage. + +Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste +Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee. + +FUSSNOTEN: + +[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen +Instituts zu Köthen i. Anhalt. + + + + +III. + +Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2] + + +Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa +wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses +getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an +die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der +amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt +Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem +oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um +darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten. +Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von +der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend, +in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer +ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so +wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu? + +Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung +quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein +Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich +berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es +dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington +überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung +entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus +benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet. + +Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade +mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer +breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des +Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die „Flat“ zieht sich am +Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt +sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig +angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in +regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts +Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne +etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem +Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit +Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und +Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein +Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist +unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine. +Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit, +wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben +wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte +Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar +Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet, +mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind +die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der +Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre +Einkäufe für die Woche zu besorgen. + +Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw. +Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein +hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die +geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen +in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen +Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren +Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist, +wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich +mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus +dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe +nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen +guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht +ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz +frei. + +Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500 +Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr +Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der +katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der +katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der +anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und +Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das +Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der +Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann +man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen +hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen +nicht einmal die Ruinen mehr. + +Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint +wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch +Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man +ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die +Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer +hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen +Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans, +befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und +Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß +nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar. + +Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber +unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau, +besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man +nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein +sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem +Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur. + +Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein +blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen +Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den +mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten +Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben +sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln, +oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der +katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die +ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken +Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach +Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne +Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald. +Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der +Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes, +weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen, +rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm +vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein +Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in +stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen +zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere +Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht +umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser +majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer +nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu +flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke, +die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen. + +Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur +Mormonenzeit. + +Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe +Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration +und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die +aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist +die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen +Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen +aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine +Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und +1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort +wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und +wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr +rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das +Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe +betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein +großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von +Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an +der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den +eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die +Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf +30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das +Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der +Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der +umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. +Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und +es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die +Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der +Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde +gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago +(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der +Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung +durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem +berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an +den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten. + +Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde +gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem +ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und +die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so +liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren +riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich +erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen +Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen +zu haben. + +Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und +unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und +bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war +nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im +Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen +konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam +liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, +die nur mit einem Holzpflock verschließbar war. + +Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war +manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden +Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das +wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde +holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern +darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim. + +Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum +Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen +Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen +Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des +Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt +werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften +die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein +Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“ +halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in +völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie +auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil +führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; +andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, +Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben. + +Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. +Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich +die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen +Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die +Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen +könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes, +the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von +Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei +Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für +einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt +gut Violine und liebt die deutsche Musik. + +Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung +ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im +Kriegsjahre 1870/71. + +Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser +als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche +sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres +mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und +spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die +Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene +Abhandlung erfordern. + +Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der +Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb +im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, +sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die +Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt +befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte +der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das +geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago +Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das +riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber +zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern +das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze +zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals +hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich +das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt +hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. +Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die +Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene +Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu +erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der +vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht +eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache +ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union +leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und +Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine +sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die +Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich +vermindern. + +Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß +die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen +werden. + +FUSSNOTEN: + +[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden +folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch. + +[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort +Madison, wo ich ihn sah. + +[4] Siehe das Titelbild + + + + +IV. + +Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers. + + +Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist +das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich +ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit +meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft +hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch +den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; +vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen +felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr +wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt +und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem +Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. — + +Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt +in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor +allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu +fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit +der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten +übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten. + +Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man +bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum +den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist +z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen +Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf, +leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco, +am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der +Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines +Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz +herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen, +weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit +Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und +durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem +hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das +gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in +der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln. + +Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der +Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines +Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens +mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien +von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner +Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen +hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine +Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich +ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und +in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt +die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als +Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben +sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und +von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San +Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in +Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl, +daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig +blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man +durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt +das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt +auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die +freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal +des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen +Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine +sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut, +benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal +liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren +Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die +schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden +abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf +äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum +der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen +wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast +überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. +Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, +wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von +2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales +(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen +Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und +6spännige Postkutsche fährt. + +Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben +hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der +Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die +Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte. + +Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine +Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so +bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit +haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht. + +Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine +Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde +verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm +in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst +130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns +gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es +von jeher gewohnt wäre. + +Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und +ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort +Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und +Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer +Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es +schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut +gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe), +sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten. + +Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der +sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in +Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer +Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich +über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten +Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd +dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die +Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des +überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um +sich greife. + +Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und +spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette +prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in +seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale +überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein +Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von +derartigen Bestien unbehelligt. + +Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern +verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen +der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die +Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch +Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der +hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der +Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ, +und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten +Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort +einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen +mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab, +als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald +einfuhren. + +Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden +Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die +Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam +senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer +schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln +und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der +Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst +wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer +sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter +Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot. +Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und +an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15 +Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen +auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in +die Sägemühle gefahren. + +Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und +Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen +Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück. + +Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die +ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo +ich übernachtete. + +Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der +Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel, +von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner +herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den +reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten +Lande zu finden sein! + +Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern +stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich +ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war, +und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und +Eigentümer dieses Friedhofs. + +Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner +wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt. + +In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch +hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der +Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist +der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann +— es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine +existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit +umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen +Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante +herumschlürft. + +Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger +angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der +freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den +gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide +gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein +Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, +erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus +gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. +Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr +Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten +nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen +hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch +einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen +geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren. + +Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig +durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem +großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel +gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und +Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der +Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde +getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler, +der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und +einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris +und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen +Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung; +der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen +Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch +ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben +beizubringen, was mir indes nicht gelang. + +Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger +bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit +auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke +flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier +Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht +hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal +entronnen zu sein. + +Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in +amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun +daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben. + +An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit +einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die +Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt +unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den +Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen +dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels +Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger +passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem +Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr +schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, +mit den Geysers im Hintergrunde. + +— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der +Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren +waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf +eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu +stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine +Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte +uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem +sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit +der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum +Andenken. + +Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200 +Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten +hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit +Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco. + + + + +V. + +Ekensund. + +Ein Land- und See-Mosaikbild. + + +Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht +(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern +oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu +entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte. +Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von +Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig +mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich +auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine +geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der +jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß +doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im +Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile +außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder, +und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für +mich und meine Familie herkriegte. + +Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach +Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen +und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem +Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein +Wald und kein Kurhaus — —“ + +Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde +jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund +Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei +Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was +bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist, +wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und +nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern +auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die +Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald +und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten +sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte +Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur — +Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern +Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen; +aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene +anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen. + +Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben, +wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen +schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch +gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist. +Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie +auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch +meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das +kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war +früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben +und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer +zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf +den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen +Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder +erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine, +die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden. + +So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf +das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine +internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine +merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische +Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen +Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem +Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja +auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die +Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und +dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in +der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische +Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch +Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr +Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner +trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English +spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch +und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur +„Kartoffeldänisch“, wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des +Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine +Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine +Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte +sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das +Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche +Reichspoststelle eines anderen belehrte. + +Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite +Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem +stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche +Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei +Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16 +und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem +Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die +nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich +den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen — doch damit +komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds — auf die Maler! Merkwürdig, sie +sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern, +die hier hausen, bilden sie die Majorität — zur Zeit sind es 7! Die +übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere +dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund +unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die +freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören +Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein +von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein +Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und +Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige +früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft +darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener +Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann +erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er +jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich +habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt. +Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet, +ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem +Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte! + +Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr +aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren, +und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann +nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos +sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren +Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem +einsamen Ekensund Lebewohl sagen. „Der Adler fliegt allein, die Krähen +scharenweise.“ + +Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich +den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen +genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus +ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine +Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten +Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den +Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl +brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein +abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der +Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in +ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie +zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von +vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern +auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren +schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern, +Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler +Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre +jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl +hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das +große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig +Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit +gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und +lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der +ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind +die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die +mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen +als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am +Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer +Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den +Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen +anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim +trojanischen Kriege: Cherchez la femme! + +Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds +einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der +Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer +Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel +Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel, +welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen +streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel +Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also +auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund +vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen. + +Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück, +was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe, +niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der +Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das +große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar +nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin +über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf +stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des +Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf +dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind, +die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen +Sonntage — es war vor acht Tagen — fand wiederum ein heißes Ringen in +Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen +zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen. +Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren +sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des +Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und +Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine +Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und +einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die +Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es +sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu, +daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht +fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben. + +Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in +Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine +Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: „Na, +Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?“ blickte er mit +seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er, +freudig aufblickend: „Zwei große Hunde!“ — Enttäuscht über diese wenig +sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: „Und was denn noch?“ — +„Viele Wagen und Pferde!“ kam es schnell heraus. Daß Hühner, Tauben und +Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere direkt +genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, was ihm +wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz blind. + +Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die +Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und +lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen +nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und +mehr braucht man nicht im Leben. + +FUSSNOTEN: + +[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf. + + + + +VI. + +Ein Besuch bei Gustav Freytag. + + +Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von +Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn +nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem +die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die +Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen +waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich +ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte, +beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem +Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll +und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte, +während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner +Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den +hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer +ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns +als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden +Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe +gewagt werden. + +Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die +Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten +bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen +Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von +freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in +einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen +gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen +nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir +schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte +ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben +ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof +erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine +Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte +freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr +einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen +Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß +ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei, +sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen +vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie +wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen +festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein. — Aus dem Speziellen +ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine +Individualität unterdrücken, ist das Ziel. — Aber doch nicht das +_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der +Individualität betrachte ich weit eher als Ideal. — Das Talent geht +nicht unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht. — Als ich erwähnte, +daß ich eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut +gespieen und bin so alt geworden. + +Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er +zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum +nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm +sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu +vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes +übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles +orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür +sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne +Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich +Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern +gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung, +seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: „Vorigen Winter hatte +ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein +Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern.“ + +Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf +seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet. + +Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal +flüchtig kennen gelernt hatte. + +Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und +scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in +keines, versetzte er: „Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß +man zu ihnen gehört.“ + +Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag +hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß +er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden, +denn er war fast gerührt beim Abschied. „Leben Sie wohl, Herr Studiosus, +arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie +drücken.“ — Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in +der Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann +deutete, als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation. + + + + +VII. + +Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“. + + +A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel +Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + + +1. Riga. + +Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst +einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den +höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie +sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit +Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand +hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt +die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht +man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts. + +Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein +Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist +durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze +Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen +außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf +dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken +verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal, +mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus +der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben, +seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier +Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die +viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der +Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit +und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die +prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten +Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der +alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in +den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die +glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf +dem Domplatz. + +Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende +Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_, +1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter +gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten +Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den +schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt +einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke +enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an. +Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große +Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St. +Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige +Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der +Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des +Handwerks. + +Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und +Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die +Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf +Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die +Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben. +Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof +Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum +Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben. +Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der +Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell. +Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen +vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den +Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem +Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der +livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem +Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische +Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen +versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es +noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der +Rigaer ausgerottet sein wird. + +Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische, +dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende +von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland +gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna +geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung +zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich +hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die +Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus +Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das +Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit +besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit +besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum +Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so +stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra! +weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht +glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom +Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist, +vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem +andern Schiff von neuem zu beginnen. + + +2. Aus der livländischen Schweiz. + +Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer +Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen +Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die +holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die — +livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen +Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen +über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen +geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird +es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht +umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser, +wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu +versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen +von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen +nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche. + +Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine +Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein +schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. +Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß +der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski. + +Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, +der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse +versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die +Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand +an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der +Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die +mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel +sei jetzt aber abgestellt. + +In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen +wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es +waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, +die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih +und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann +vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns +ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die +Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art +Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt +entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine +primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem +zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht +festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für +3-4 Personen. + +Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, +wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren +sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der +uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot. + +Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, +durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen +mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern +aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste +Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, +zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen +Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke +in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich +hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so +weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die +Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von +Inschriften bedeckt, darunter folgende: + + Den Namen schreibt in das Gestein, + Die Heimatslieb ins Herz hinein! + +Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet: + + Ach alles ist veränderlich, + Das Mäuschen wird zur Ratz, + Was früher hübsch Gesichtchen war, + Wird doch zuletzt zur Fratz. + +Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür +stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in +die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in +der einmal jährlich deutsch gepredigt wird. + +Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde +den mir zugemessenen Raum überschreiten. + + +3. Von Riga nach der Insel Walcheren. + +Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna +hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen +Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte +ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts +zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben +lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das +Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder +auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß +das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder +Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder +Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also +die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist — +ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach +Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach +ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das +Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über +den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran +haften blieb. + +Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit +den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen +und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht +in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um +deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was +doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. +Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag +vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein +Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte +mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu +begreiflichen Widerwillen. + +Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der +Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher +Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht +abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein +Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte +ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald +hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal +verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte +bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als +praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen +holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an +diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede +Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu +lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der +Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst. + +Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. +Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in +dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um +Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus +einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe +Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge +herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal +hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa +halbwegs, Middelburg liegt. + + +4. Middelburg. + +Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge +gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, +Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu +spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die +holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine +Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen +sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben +„Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: +Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war +fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja +vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine +norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich +uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten +wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte +der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten +Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen +Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres +zurecht. + +Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere +Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren +glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen +Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; +aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine +eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene +Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite +an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in +Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und +Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das +einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, +und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. +Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und +hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin. + +Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, +zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind +sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch +bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die +allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser +tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als +vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu +den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in +Middelburg scheinen aller guten Dinge drei. + +Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges +Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das +herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute +verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal +im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang +bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie +kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt +sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm +der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die +dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in +Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an +lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben +häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn. + +Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche +grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten +die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein +stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß +nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder +folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht +vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks? + +Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches +Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, +eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die +Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute +Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge +vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 +Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das +Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den +Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir +manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens. + + +5. Bad Domburg + +Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an +vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar +schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals +nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte +mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es +gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem +Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen +mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch +sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, +die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das +Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die +verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie +und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land +ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen +können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die +Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, +sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die +Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, +das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein +Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die +Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen +lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch +einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und +undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. +Ipenoord, Schoonoord. + +Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an +einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, +eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen +zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes +Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem +Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst +dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt +war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den +weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als +wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen +Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch +Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen +Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer +Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen +umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel +umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich +aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus +denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere +und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande +lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far +niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern. + +An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem +ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig +geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen +vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen +Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade +innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten +Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der +Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und +Wasserwüste. + +Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück. + + +B. Von Korsör nach Haparanda. + +„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der +originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein +Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich +wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das +mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, +und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen +Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200 +t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach +dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken +nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das +Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher +hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener +Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine +erste Seereise, mitmachen wollte. + +Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, +hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur +mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. +Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen +wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas +weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und +fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach +Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter +Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf +dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage +ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. +Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die +schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten +Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte +sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden +das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit +schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, +daß er sie wie ein Rahmen umschloß. + +Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an +Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe +prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm. + +Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö +verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische +Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und +mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ +sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, +in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam +ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen +Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander +schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer +Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand +zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben +links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag +Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings +von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht +erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große +Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem +Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der +eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel +mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das +reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte +Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden +beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das +Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, +hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen. + +Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte +bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt +werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die +annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre +1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der +Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin +oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das +prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute. + +Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden +einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir +diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur +flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, +das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl +Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen. + +Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit +Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete: + + Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom. + (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen). + +Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem +dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich +dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er +hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir +begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren +beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die +Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich +unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, +er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu +beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen +Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein +von Damen betrieben. + +Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, +sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in +der Welt viel zu wenig bekannt sind. + +Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue +Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich +versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es +während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich +starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden +zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was +durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet +man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische +Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren +ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das +war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es +charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, +will ich etwas näher darauf eingehen. + +Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter +Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber +wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen +Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der +Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen +dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir +kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; +was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste +der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. +Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit +mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein +kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen +Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, +zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot +vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der +Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist +dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer +der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; +dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun +zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz +einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen +Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen +mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier +(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt. + +Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell +als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber +erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von +Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach +Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die +vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die +Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des +mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, +schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit +Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu +denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda +und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf +trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit +verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude +sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich +rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und +da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht +vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man +ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa +1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische +Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. +Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem +Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte +sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber +Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach +einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf. + +Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer +fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch +einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr +zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu +machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft +hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige +Eleganz aus. + +Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte +mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 +verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige +Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der +Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des +weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also: + + Frukost för Herre 1,25 + " " Dam 1,-- + +So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer +mit Preisunterschied für Herren und Damen. + +Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, +an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche +Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff +füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel +aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. +Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr +Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser +nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz +und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch +zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — +Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen +wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif +waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen +durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und +die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, +doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem +Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das +Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen +wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu +hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer +verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch. + +Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden +sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und +Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig +lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. +Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; +die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die +Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten. + +Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in +Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir +einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es +gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die +deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst +die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen +Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die +dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht. + +Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten +einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen +beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, +gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem +cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer +Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das +überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das +Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser +giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier +verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein +mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, +die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der +einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das +Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist +aber in Schweden gebraut. + +Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. +Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran +geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute +mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf +den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im +Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt +sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet +durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür +beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., +deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die +Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes. + +Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff +besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß +hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche +Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar +erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem +Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht +als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld +gespart. + +Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das +Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum +Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse +für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum +Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten +von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen +zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag. + +Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die +Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer +Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so +daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die +Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im +Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte +Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige +Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, +finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen +sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig +war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die +fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr +in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht +ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den +finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde. + +Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen +Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die +Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels. + +Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es +noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler +mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und +Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe +steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält. + +Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, +um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen +hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der +Hauptstraße begegnete. + +Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und +befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der +Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. +Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas +Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf +meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland +vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen +Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte. + +Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts +Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich +mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über +Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf. + +Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und +umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer. + + +C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + + +1. Nach Helsingör. + +Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit +der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, +sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern +bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen +sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und +doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von +Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war +keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y +Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit +Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir +verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der +Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige +Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich +sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das +eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt +von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte +danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 +Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag +früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel +regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den +breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten +Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch +Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, +spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag +die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf +deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken +setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und +zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“ +und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, +vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die +Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber +den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik +nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 +Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl +der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst +kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), +Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit +seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen +will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, +von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben. + +Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ +ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die +bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in +gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, +schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr +genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß +Dampfschiff auf schwedisch Ã…ngbÃ¥t heißt. Als Zwischengericht trank ich +ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der +Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der +sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir +nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel +zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und +siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit +mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, +die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende +Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; +endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße +Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt — +ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem +Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein +zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen +ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei +Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die +er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein +Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven +schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch +Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! +Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem +Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der +„Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt +der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die +Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei +schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), +und — me voilà , ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das +Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine +halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen +Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben. + +Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke +und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie +ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin. + +Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa +zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei +Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 +Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem +erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. +Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der +fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der +Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen +Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen +Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich +schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich +aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten. + +Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) +lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle +Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle +Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), +tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer +sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein. + +Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man +überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch +_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen +Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf — +Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, +seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und +dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen +Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer +der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung +Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chà teau de +Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? +Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht +übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man +berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das +wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, +dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren +sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder. + +In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden +dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in +zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf +uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige +Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, +deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens +Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie +alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate +verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen +Märchenerzähler wohnte. + +Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die +uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie +dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf +der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das +Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von +Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das +unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die +Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der +mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein +dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück +erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach +greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste. + +In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich +in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet +landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige +Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln +und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch +einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen +Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch +Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden. + +In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die +Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf +und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg. + + +2. Von Helsingör nach Gent. + +Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der +Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der +sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit, +die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten +Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob +sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern, +Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des +Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf +See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger +Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord! +Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_ +Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische +Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des +Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern. + +Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner +Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje +auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das +Unglück schreitet bisweilen schnell! + +Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des +Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, +obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf +die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in +den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von +Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der +Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die +Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang +entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der +schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als +rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu +beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang +gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, +und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das +Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte +sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen +Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb +verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, +ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, +aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es +mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich +wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. +Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, +verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder +da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin +ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. +Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten +wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, +tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus +dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem +kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie +immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der +Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen +Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, +verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen +Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit +uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem +Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er +manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal +stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und +unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest +angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler +Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, +unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um +3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. +Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster +geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft +seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal +so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren +Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich +wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern +nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und +hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu +einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche +Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein +anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. +Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die +dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach +einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei +Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, +und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder +nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß +verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die +Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der +Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so +schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, +auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu +verlieren. + +Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der +Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine +Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter, +Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte +der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff. + +In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine +Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich +krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er +nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum +Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts +übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an +allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich +krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von +der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr +schwierig. + +Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. +Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden +später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der +Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 +Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, +kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den +Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab +und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich +wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein +Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das +Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von +„Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste +entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom +Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff +stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir +hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, +der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. +Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich +uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, +das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von +ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr +trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See +nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen +etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war +ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre +verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der +Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den +Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache +spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes +Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse +an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller +jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der +Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen +des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde +erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der +spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein +kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge +im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich +in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für +tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich +Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen +kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse +sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und +Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel +Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, +hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. +Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen +Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden +de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste +Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot +aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein +großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem +Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, +einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der +uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen +Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe +hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen +gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die +ebenfalls in den Genter Kanal wollte. + +Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz +niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den +Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir +ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen +und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, +als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in +die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. +Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer +an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit +Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks +begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der +allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein +von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, +einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als +Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist +erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke +stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht +verrichteten. + +Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken +Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die +Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne +Fahrt. + +Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser +Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so +engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das +Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig +mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen. + +Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision +statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft +hatte, wurde gar keine Notiz genommen. + +Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das +Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein +Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht +wurde. + + +3. Gent. + +Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von +vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff +liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen +Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, +In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de +goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite +Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, +die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der +Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom +St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische +Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat +moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere +Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, +das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was +Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in +deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem +Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen +zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge. + +Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde +erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen +einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen +versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es +vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß +es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den +Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt +des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), +geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der +herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der +Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den +würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier +verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von +Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort +ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu +baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im +Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten +darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile +zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das +Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen +Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr +aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des +Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen +an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen +stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es +kühl geworden war, die ganze Nacht durch. — + +So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie +gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang +gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter +für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich +an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, +abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal +populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die +Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu +zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch +per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz +(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen +strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die +1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der +Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des +Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der +unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir +fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten +durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen +erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem +Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich +die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. +Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen +saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere +Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an +Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten. + +Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende +Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich +untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei +Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. +Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, +daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst +entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch +französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen +sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes +herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich +berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig +arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur +wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine +Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, +und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich +redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein +Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän +nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger +Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt +würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu +erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in +Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen +alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er +auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. +Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen +wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen. + +Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das +Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt +fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. +Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder +die Leute haben keinen Sinn dafür. + +Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2 +verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet, +und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von +Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12 +Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch +angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen +Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann +versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier. + +Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die +Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil +eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die +zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und +besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir +einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in +seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon +früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht +der Fall war, so war er der verlierende Teil. + +Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so +arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot +pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom +Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von +Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne +gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er +wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte +ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser +Unwissenheit. + +Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für +die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war +zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche, +wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr +begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen +dauerte. + +Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen +Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place +d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination +und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es +war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten +Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die +Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und +Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer +nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die +promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen +Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder, +einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir +auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da +die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt. +Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl +bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten +oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern +noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten +Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren. + +Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag +gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff. + + +4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth. + +Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh +gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter +ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck +sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten +Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde +ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und +schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und +blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei +dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen +machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab, +um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem +Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich +immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im +Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir +in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in +den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere +aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven +wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen +Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu +umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der +wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der +Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir +vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um +8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen +vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die +Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf +das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel, +beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten +selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12 +schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff. +Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester +Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch +Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den +Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à +10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel). + + +5. Ausflug ins Schottische Hochland + +So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne +die blauen Berge des Hochlands herüber. + +Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr +wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten +durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake +berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten +gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches +Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt, +kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für +den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der +zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte +sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich +aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und +dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige +Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem +Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich, +auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren +luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee +(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht, +blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der +der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser +selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke, +blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang +sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts +trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für +die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß +über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß +neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem +befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem +Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der +eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir +unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht +hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die +Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte +Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch +Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben +Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel +gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man +nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz +bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so +gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre +des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es +beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen +Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das +Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich +versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde +herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke) +und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die +Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“ +u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet +ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil +erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des +Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört +zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den +notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so +hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren +Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also +vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen +herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein +winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne +hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit +einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen +verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es +mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor +allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen +nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr +prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow +mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man +freilich vergeblich bei den schottischen Seen. + +Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des +langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen +auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach +abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten, +brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde +warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir +überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen +Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am +Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner +hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen +bekleidet. + +Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten +den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so +viel man will, und zahlt 3 Shilling. + +Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten +Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach +Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält +viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer +derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden +sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der +Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte +öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben +Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die +Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an +die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe. + +Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr +wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das +regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an +die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz +still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist +geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des +etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des +Meerbusens fahren. + +FUSSNOTEN: + +[6] Geschrieben 1893. + + + + +VIII. + +Der Philosoph von Gravenstein. + + + Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, + Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt + Sein Wort und seine That dem Enkel wieder. + + Leonore im Tasso, I, 1. + +Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den +breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in +einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am +Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. +Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem +Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen +trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns +nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete, + + „— wo der dänische Pflüger den Deutschen, + Dieser den Dänen versteht —“ + +wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede +zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes +lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet +„bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a. +Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders +wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in +magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, +obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm +und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der +Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in +ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel +des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit. + +Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt +wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und +da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park +oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald +und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, +so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von +einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau +einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn +Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des +Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem +Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! +Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer +und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief +einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren +Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf +Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die +Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in +höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem +idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen +es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu +genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen +langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch +geschichtliche Weihe verliehen hat. + +In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest +bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den +Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen +ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der +Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). +Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. +September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn +Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, +einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften +Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der +Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner +Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben +auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte +man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen +Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die +damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, +die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht +eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere +Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst +nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch +nicht ein. — + +Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und +Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf +die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit +vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die +Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und +seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast +überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst +Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog +denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der +Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen +verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und +Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen. + +Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze +Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte +der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte +den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im +nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, +die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu +lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die +Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich +gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des +lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem +fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie +anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr +seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und +als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde +reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit. + +Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem +jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im +Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um +das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den +Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und +Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis +der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei +dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der +wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine +Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in +der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider +nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer +Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig +bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das +höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben +und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel +nicht führte. + +Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne +begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner +Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich +gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner +Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu +verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung +zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden +literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum +lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der +viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. +Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten +Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde +von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich +die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe +am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch +heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da +beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus +den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not +zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für +jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb +einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit +unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält +und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander +verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn +in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu +Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, +lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will. + +Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er +später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den +Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. +Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer +Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen +erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der +Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford +herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die +vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der +materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man +denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, +weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch +an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik. + +Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des +Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem +Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu +seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches +Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist! + +Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 +jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab +verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen +Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum +Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit +von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die +allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der +Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des +deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark +einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies +vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den +dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren +seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als +die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine +Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder +Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht +— 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen +Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den +dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls +Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. +Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag +bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer +Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen +der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; +endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. +Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun +aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen +Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark +losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark +aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche +beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt. + +Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König +wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen +förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu +„schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen +Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf +Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder +beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian +August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem +Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt +geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin +des Königs Christian VIII. von Dänemark. + +In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine +staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die +Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen +Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der +dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die +Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der +Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb +Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne +„die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit +männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre +und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das +in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner +bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und +umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht. + + + + +IX. + +Marsberg. + +Auch eine Sommerfrische. + + +Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren +meine Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir +_mußten!_ Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine +Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach +Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, +als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die +Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen, +namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem +Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir +wollten in die Sommerfrische. + +Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. _Eine_ Feder, +aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere +Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich +doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden, +bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl +selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst +besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter, +edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der +Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden +sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm +den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und +studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben, +z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg +beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei +Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so +harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine +immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden +registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese +ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und +Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. +Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres, +denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe: + + Willst du immer weiter schweifen? + Sieh, das Gute liegt so nah! + +Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein +Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich +Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von +Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte +ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer +mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag +noch nicht im Walde gewohnt hatte. + +Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl +der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit +einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die +Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig +harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten. +Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben +mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es +auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht. +Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter. +Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen +— bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr +vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts +hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage: +Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte. +Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die +nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch +verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht +einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des +Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die +übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im +Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die +Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten! + +Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend +erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich +Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im +Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist +kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich +gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen, +unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach +diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich +aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen +und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen; +überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache, +wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten +Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach. +Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber +dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei +unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit +auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf +den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also +ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine +Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von +der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz +entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte +nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine +Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte +es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein +überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität +lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im +östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise +angetreten werden. + +Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf +folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine +Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5 +stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die +wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe +Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des +Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als +Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In +Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf +unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche +Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen +Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar +empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen +wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch +Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in +Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die +Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen. + +Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen +vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel, +abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte: +Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und +bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu +entziffernden Inschrift: + + DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN + GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN. + +Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die +Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts. + +Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen +hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen +den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben +zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein +Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen +man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat +Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung. + +Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine +Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des +wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung, +genannt der „Diemelbote“, der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie +gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat +Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen +Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die +geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte. + +Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist, +sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du, +lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter +gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß +hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre +berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß +dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier +zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die +Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren, +nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles +dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich +habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht +und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß +hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er +ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser +mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine +alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig +gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre +ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller +heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein +Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster +hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei +dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, +wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, +wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen +„Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7] + +Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen +Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen +Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt. +Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen, +vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide +Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von +der Passion Christi führt hinauf. + +Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir +bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen +keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler +und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum +„Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und +da haben wir manchen guten Braten gehabt. + +Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach +Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als +ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist +mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man +kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze +zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen +sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller +Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen +lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche +Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die +Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen +aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die +sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von +dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer +trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal +mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen. + +Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von +dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand +anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der +in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten +schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt, +ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie +mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus +denselben Bestandteilen hergestellt ist. + +_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist +wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen +jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei, +welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich +Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz +eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es +giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die +noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen +Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den +Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte +Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein +Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den +Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der +jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen +unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser +Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt, +aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein, +der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da +liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei. +Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher +denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben +eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und +gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt! + +Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von +Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag +nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer +Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke +hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte, +was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche +Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite +Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den +Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist +nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist. + +Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich +von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein +Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der +Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von +Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen, +insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte +Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren +Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen +verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere +Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch +Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das +herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die +Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von +Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in +Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten +Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich +aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte +also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise +plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von +Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon +gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten; +ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim +angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr +heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar +Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten, +ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf +eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug +meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser +lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten +Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte +zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte. +Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten. +Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der +Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog +zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß +ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch +ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte +ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal +so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte +mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und +erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich +fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter) +den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte +den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder +herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das +gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren +Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken +(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener +Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart! +Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu +streichen. + +Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach +dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen, +wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer +Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen, +Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und +Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der +sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch +ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein +einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das +Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt) +auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine +Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht +gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das +verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund, +keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein +Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du +schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem +Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es +beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von +dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so +heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter +und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein +Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen +Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern +leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will. +Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die +Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich +die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren +Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von +dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, +führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das +Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen +des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den +Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor +etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die +Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; +an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die +äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank +und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier +im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher +eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten +darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen, +die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend +verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die +breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig +geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das +Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den +Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die +nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll; +wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den +tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein +Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus, +voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — — + +FUSSNOTEN: + +[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das +Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den +Künstler nicht bloßzustellen. + + + + +X. + +Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8] + + +Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach +dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch +das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und +Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und +Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich +mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich +vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen +Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die +Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum +Militärdienste stellen. + +Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und +Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen +und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke +fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten- +(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr +250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen +will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher +Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch +die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison +an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa +Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte; +zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser +schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison +war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer +Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte. +Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf +Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt +war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem +Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein +Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei +und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine +Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an +emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch). +Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in +tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem +Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof +erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, +Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte +nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den +ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, +während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb +nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, +schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern +Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt +sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch +heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! +Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch +langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine +Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser; +nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und +außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben. + +Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste +Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen +in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte +Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier +bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn +Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen. + +Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden +Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der +Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es +konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist +verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den +Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben, +gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und +nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der +schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und +rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und +Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel +wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee +getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne. +Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen +brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr +kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß +es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen. + +Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden +uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem +anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und +Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene +hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die +Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50' +wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde, +nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens +richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es +ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als +Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage +strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die +Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem +Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt +dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da +ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn +nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn +er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner +ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der +weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort +viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport +getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine +großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel +einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in +Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden: +Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh +ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den +Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise +nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca. +6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher +nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur +bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da +mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus +dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die +Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer +14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein +Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich +ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich +Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine +einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen) +verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem +Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während +der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich; +daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum +zu erwähnen. + +So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei +Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch), +Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische, +französische, holländische, mexicanische und indianische Namen. + +In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts +dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine +aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils +indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte +Santa Fe. + +Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und +Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren +auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt +ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt +ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals. +Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein +kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers +kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da +die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch +radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen +dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand. + +Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall +herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter +zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem +Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten +dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er +wandte nicht einmal den Kopf nach uns. + +Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß +verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß +künstlich bewässert werden. + +In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir +stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn +benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den +Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld, +der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft. +Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot, +Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr +viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die +zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei +Schwestern) hervor. + +Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare +Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der +Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen, +Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem +schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der +Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen +umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen. +Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und +Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind +fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm +ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in +Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung +zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die +Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden +Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein +und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34° +gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden +fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die +Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco +und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt +des ewigen Frühlings. + +FUSSNOTEN: + +[8] Vgl. die Anmerkung [2] + + + + +XI. + +Bordesholm. + + +Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt +das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist +nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der +glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem +Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum, +auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche. +Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut +sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten +der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck +macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500 +Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer +Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem +altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier. + +Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir +unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht. +Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit +auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum +zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit +eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last +nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter +des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine +Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt; +allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz +unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender +Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt: + + „Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde, + Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt. + Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands + Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“ + + März 24. 1873. + +Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der +Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter, +epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier +im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das +Gebäude. + +Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster, +wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der +Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet, +den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die +abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name +hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch +starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das +übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern +vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine +Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste +sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel; +wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben +verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den +80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma +mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof +(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende +Ansprache entgegen. + +Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt, +einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle +und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt +keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine +Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu +Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige +daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten +Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das +auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt. + +Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine +Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des +russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es +einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die +schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist. + +Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem +Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern +von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten +Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in +den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der +letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen +_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der +Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes +Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von +Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von +Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei +Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter +Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum +Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt. +1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein +wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren +Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn, +der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist +der jetzige Kaiser Nikolaus II. + +In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage +Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er +ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_ +gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829 +großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf +Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen +bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron, +Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische +General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten +Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. (†1533) und +seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des +Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu +den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in +diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des +Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine +Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch +wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist +den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der +hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den +eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des +Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine +Inschrift folgenden Inhalts: + +„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog +Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich +und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den +Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“ + +Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir +noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische +Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist. +Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger +Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des +meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer +Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine +Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben, +die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters +gemahnt: + +„States fall, arts fade, but Nature does not die.“ + +FUSSNOTEN: + +[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm. + +[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des +berüchtigten Stockholmer Blutbades. + + + + +XII. + +Auf Seeland. + + +I. + +Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn +durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der +Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so +viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie +erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das +Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte +und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen +blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von +Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein +großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen +seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen. + +Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der +Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem +eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen +Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen +Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß +man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische +Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert. + +Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei +an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts +blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den +Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten +weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den +breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler, +vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der +Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem +Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete. + +An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an +Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in +dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist +das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und +den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt +zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen +des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten, +villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen +Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt. + +Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in +Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern. +Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von +den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie +gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an +Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft, +natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten +verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich +weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem +Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird. + +Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir +wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel +Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde +emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de +Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die +Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die +Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen +Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und +Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160 +Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und +Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr +Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘ +zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf +der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort. + +Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer; +anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern +sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo +man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger. + +Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei +Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns +Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör, +taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und +Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend +bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in +der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau, +Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn. +Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen +den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen +zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit +einem Male entledigten. + +Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten +uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf +und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber. +Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die +engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der +Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten +Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht +geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen, +weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen. +Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut +hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den „Sundzoll“, +freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite +Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider +nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit +zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein. +Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes +wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang +auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit +die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung. + +Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für +Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und +trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur +alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg +schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in +Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die +Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die +Dänen bis jetzt freilich vergebens. + +Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom +Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der +Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die +Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen +sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der +Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei +Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache +war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und +Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen. + +Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das +Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians +VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang +gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen +Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von +der Terrasse. + +Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6 +Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den +lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat +man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die +gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende +Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen +Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des +Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen +schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der +schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem +Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an +südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen +nicht. + +Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in +Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten +wir in Marienlyst dafür — sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder +besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend +anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die +Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten +schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der +anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges +Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem +angenehmen Seebade Marienlyst („Marienlust“) verlustig, hatten dafür +aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit +allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte +einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter +Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer +Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken +Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben +ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen. +Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer +derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist, +das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben +und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab — +das wußten wir — würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein +setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere +der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der +seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute +unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur, +Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde, +so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur +zu stärken und zu erfrischen. + +Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht +einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen, +Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde +tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt, +mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor +spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze; +dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den +einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der +Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich +zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern, +Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten +kann. + +Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen +wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee +gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III. +mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von +welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber +mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er +öfters sagte: „Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle +Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben.“ Volkssagen leben noch im Munde +der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen, +seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde +kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in +Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich +Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher +Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die +Prophezeiung verwirklichte. — + +Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit +Gefolge über Wälder und Seen jagen. + +Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis +Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen +Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. „Dicht über uns“, so +schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald, +„zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint. +Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört +es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter +bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das +zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und +lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle +plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen +träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit +weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende +Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige, +das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu +trinken — alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und +bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe.“ + +An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte +auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des +Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen +Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie, +wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo +der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte +des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen. + +Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute +Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches +Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das +Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist +ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und +Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen +gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich +der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See +durchblitzen sieht. Eine Allee heißt „Sukkenes-Allee“ (Seufzerweg); in +einer anderen, „Normandsdalen“ genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren +ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als +sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der +verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also +gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem +Schlosse liegt der „Marmorgarten“, in italienischem Stil, voller +Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich +beengten Waldparke bildend. + +Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der +Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser +Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten +Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten +Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit; +ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit +weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die +übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und +benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen +Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer +wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende +Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen +brausend an das Ufer. + +Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist, +früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer +ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom „Grib +Skov“ begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein; +dorthin kamen wir aber nicht. + + +II. + +Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles +einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend, +architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt +hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen +und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten +hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß +Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und +nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik +sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV. +geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er +beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu +errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten +ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden +Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal +Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf +drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem +Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier +mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der +Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß +gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle +Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen +berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige +Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den +Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere +ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind +vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von +Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen +erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende, +zur Verfügung stellte. + +Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches +Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und +ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den +beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte, +von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von +Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde +von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem +Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft +der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von +Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von +1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und +einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders +die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche +überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der +Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige +Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das +von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern +entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen; +Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer. +„Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl +etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die +Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt +wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz, +mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste +in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als +allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des +Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von +Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen +die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur +Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“, +1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für +seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft +bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor +ernannt wurde. + +Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den +Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des +Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den +letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I., +Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn +Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen +Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er +hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864 +erhalten. + +Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere +Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_ +einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von +ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze, +bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können: +den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die +deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu +Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf +bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist +Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst +denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun, +sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar +geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt. +Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite +Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand +lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und +giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine +Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt. + +In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die +eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die +Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen +zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge +(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden +Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier +walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an +kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa +(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen +noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“ +und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die +zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen +segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden +die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen. + +Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach +Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde +soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der +Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen +skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der +Mittelpunkt der geistlichen Regierung. + +Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann +von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von +den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die +Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage +Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben +mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank +schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles +Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern. + +Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen +Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher +Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht. +Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch +hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus. + +Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen, +in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31 +Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene +haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig +ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen +Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist +eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn (†985) +am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre +Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der +Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche +beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin, +ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in +Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die +schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs +von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen +Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene +Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V. +beigesetzt. + +Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und +Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend +wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß +sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich +folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen +Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten +und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß +Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und +Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und +Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia, +und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad, +Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen, +die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer +auseinander zu halten. + +Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir +aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark +Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet +die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter +der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht +zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären, +sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann +wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen +Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine +Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren +sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als +unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden +und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester +geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt +Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der +Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche. + +Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen +wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf +uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen +Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2 +Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die +beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des +Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die +große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt. + +Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber +Saxo Grammaticus (†1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell +aufgezeichnet hat. + +An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des +1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der +berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten. +In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen, +darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke +(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist. +Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15. +Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen +Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten +und Neuen Testament darstellt. + +Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man +nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König +Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen +Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen +ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem +ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden. + + + + +XIII. + +Friedrichsruh[11] + + +Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu +fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu +Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den +Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen +Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten +Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende +Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter, +hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel +angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten +und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den +Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken +ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den +sogenannten „Mummeln“. + +Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht +aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes +Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _„Verboten!“_, welches +hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt. + +Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen +einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In +welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches +Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da +Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen +für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich +ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb +parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und +Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten +Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll. +Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß +„die Wohnung des Fürsten unzugänglich“ sei (S. 130), ist dahin zu +berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks +beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst +wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise +nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos, +aufgetrieben hatten — obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er +seine Wohnung nicht dort — begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen +Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im +ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer, +für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei +seinem vorjährigen Besuche hier. + +Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns +überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft +war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer +langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht. + +Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den +_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das +Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe +ich folgenden an: + + Wenn einer kam und Ränke spann, + Dann setztest du den Hobel an, + Dann flogen auch die Spähne gleich; + Gott schütz' den Kaiser und das Reich! + +In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch: + + Das Wegekraut sollt stehen lan; + Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran! + +Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger +Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen +äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige +Erinnerungen ziehen das Auge auf sich. + +Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily +gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein +Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von +Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet; +ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von +Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885. + +Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und +Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus +Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein +Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das +Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet. + +Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich +an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee, +Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal +ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine +smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt, +eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus +liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt! + +Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt, +400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten, +ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon +Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz +vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der +Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das +kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im +nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft, +der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger +Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so +groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei +Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber +dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und +Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers, +bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet. + +Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das +_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in +Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder +Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die +eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten +(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen. — Durch +einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit +dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: „In trinitate +robur“, gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem +Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh +im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des +Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des +Sohnes Wilhelm. + +Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses: +_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den +Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde, +Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch +eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders +fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die +Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen +folgende Worte: „Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen +Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de +Provence Nr. 14 unterzeichnet worden.“ + +Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht +reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer +Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt, +scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an. +Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von +Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke; +Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter, +darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl +Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a. + +Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten +Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe, +Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier +Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der +Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel +gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir +Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in +gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit +je einem passenden Ausspruch, wie: „Ich habe keine Zeit müde zu sein,“ +„Lerne leiden ohne zu klagen“ und andern. Eine kunstvoll geschnitzte, +hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I. +erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell +des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus +Hirschgeweihen. + +Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine +Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten. +Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der +Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung +Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse, +Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet. + +Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh. + +Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen +doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame, +schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen +in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude, +von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine +ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch +lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der +Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das +einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen +Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller +Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte +sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich +geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu +halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen! + +FUSSNOTEN: + +[11] 1869 geschrieben + + + + +XIV. + +Ein Nachmittag bei den Karthäusern. + + +Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z., +der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom +Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und +befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen. +Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke +Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der +Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer +umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in +der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen, +an denen keine Fenster zu sehen waren. + +Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland, +erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden +ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs +Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben +widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein. +Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten +strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie +üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere +Bildung. + +Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal +besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache +abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge +(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch +1/4 Stunde bis zur Karthause hat. + +Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder +Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir +eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem +Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in +freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang +herumführte. + +Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit +Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter +in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und +betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir +eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter +dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir +vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker +versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der +Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die +Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden: +in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während +sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt. + +Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der +interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche +Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand +gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume, +im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel +davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte +lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des +ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen +hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und +Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl +und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer +Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine +Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der +Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng. +Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet, +körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die +Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch; +zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu +Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag +gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden +häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben. +Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke +zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur +Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis +halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht, +Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden. +Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und +nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr. + +Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und +Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick +dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil +augenblicklich die pflegende Hand fehlt. + +Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen +Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang +zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt +wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der +Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis +bedurft hätte. + +Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder +zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles +scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt +Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der +voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern, +einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der +Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke +Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern +köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder +Bienenvater verkauft. + +Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur +(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause +(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in +Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der +dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten. + +Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich +ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie +während der Jahre 1875-90 geruht. + +Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte +reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind +meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben +entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine +Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein +Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte +seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer +für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein +Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere +Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem +Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso +fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit. +Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen. + +Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den +Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein +gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ +uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns +zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen. + +An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der +Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse, +alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch, +uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem +Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die +Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem +Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen +Gefährten daraus vor. + +Da schreibt einer: + + Wo sind Fried und Ruh + Und Herzensglück zu Hause? + Ich weiß es genau: + Hier in der Karthause. + Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters. + +Ein anderer: + + Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen! + Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft. + +Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse: + + Drum pflege nicht den Leib zu sehr, + Sonst wird dir einst das Scheiden schwer! + Hast du die Seele treu gepflegt, + Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt. + +Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber +nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen +schattenlosen Weg nach Düsseldorf. + +Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt: + +Härzlichen Dank für die gute Bedinung! + +Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen +Versen: + + Besten Dank + Für den guten Trank. + +Ein Trappist schreibt: + + Gratias intimo ex corde + Carissimi Confratres Cartusiae + Oremus pro invicem. + + (Name) + Trappista. + +Sehr anmutend fand ich die Eintragung: + + Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen + mich an die Wahrheit des Spruchs denken: + + Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise; + Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise. + + (Rüdert.) + +Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt +verboten ist, schreibt: + + Leider hab' ich nichts gesehen, + Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen. + + Frau X. + +Endlich noch zwei lateinische Sprüche: + + Cartusis clara + Eras mihi praeclara + Eris mihi cara! + +und + + O beata solitudo, + O sola beatitudo! + +Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte +freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im +heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb +der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich +mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken +sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden +Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — — + + + + +XV. + +Eisenberg.[12] + + +Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit +Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber +auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern +pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie +aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben. +Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo +ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden +von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden +Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im +Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange +Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn +Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer, +wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint +auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl +villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen +höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange +dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom +höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die +wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den +Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das +_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in +etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine +Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon +bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem +_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz. +Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem +Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des +Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß +„Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er +ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten +Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den +älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den +deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen +„Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem +ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und +Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung +mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war +jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt +ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg +in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine +einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von +Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm +war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere +Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt +liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg +bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des +Hauses. + +Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des +Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein +Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph +_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant +anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat. +Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine +Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben. + +Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang +und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte +„Thälchen.“ + +Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von +zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten +(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie +gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will +Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von +Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus +prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das +Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle +Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal, +durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen +und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen +auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen +Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein +größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen +Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu +gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See +gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt +Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_, +mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den +hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde, +von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe +einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte +er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von +dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er +sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte; +freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und +Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen. +Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen +östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken. + +FUSSNOTEN: + +[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg + + + + +XVI. + +Das Goetheviertel in Frankfurt.[13] + + +Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe +ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile +eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische +Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg +ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare +diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren +haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen +Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser +Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die +Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den +„Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause, +„Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand, +während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse +am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und +weißer Wein floß. + +Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und +sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den +großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf +der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in +die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen. + +Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt +aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem +Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen +die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie +sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der +Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an +denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in +dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große, +schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit +mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten +lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde +_Goetheviertel_. + +Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet +_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein +dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges, +bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es +bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden. +Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den +Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine, +damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im +wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel +angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das +Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des +Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben +hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus, +Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“ + +Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen +Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft, +die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die +entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie +veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen +Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und +neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine +deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die +Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre +verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine +mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser +Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches +durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich +zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue +Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein. + +Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein +Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich +aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere +Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir +zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren +Angehörigen freien Eintritt. + +Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als +Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie +Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer. +Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts +herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß +des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da +Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen +Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten +sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu +verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter — +der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur +Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel +hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere +herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan +mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an +und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft: + + Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst + Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher. + Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes! + Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen! + +Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher +Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“ + +Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die +Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung +ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen +können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen +Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern +teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet +hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen +und verbannen sollen.“ + +Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit +Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der +Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die +Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts +abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des +Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des +_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von +und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal +einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß +allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt. + +Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des +alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, +dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter +Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter +Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte +hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. +Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen +Sohn, Johann Wolffgang.“ + +Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines +Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten +aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige +heraus. + +Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann +und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine +Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber +mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den +Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es +zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und +ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener +Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“, +die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen +Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie +eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf +Goethe und seine Familie bezüglich. + +Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem +Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus +Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht +im ersten Buche und lautet: + +„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer +nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den +Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich +heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch +sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und +Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich +nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine +Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden +Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug +sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln +und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich +ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so +erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer +daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten +Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in +der Folge noch deutlicher zeigte.“ + +Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng +und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die +Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in +Frankfurt. + +Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem +baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des +Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz +seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken +kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige +Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist +mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, +Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und +der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese +wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers +Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, +sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende +Victoria. + +Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem +imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf +roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen +Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten +Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie +mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne +nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“ + +Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht +der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes +Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An +dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe +Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach +Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und +mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das +Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar +ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat, +von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen +Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er +ihn kaum. + +Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem +reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und +Kornmarkt zusammentreffen. + +Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht, +Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der +kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in +Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und +winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im +vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt. +Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten +Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne +verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über +siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln +verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch +immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast +der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er +sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien. + +Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als +ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends +um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die +Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern +Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an +einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam +nie von seiner Seite. + +In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines +Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als +einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis +et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich +mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die +Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und +reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich +andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung +fanden.“ + +Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später +in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann, +die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter +zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem +eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die +erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17] + + „— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines + Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18] + Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles + aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig + angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das + eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich; + ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige + Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und + Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre + Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas + Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie + nötigte, waren ungezwungen und leicht. + + Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber; + wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon + angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges + Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft + mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich + will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten + Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen + Pausen meinen Besuch zu wiederholen. — + + (17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich + zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen + Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht + hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“ + +Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf +Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für +keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim, +einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr +Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister +Goethe in Weimar. + +Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das +Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den +Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes +gefallen ist. + +In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte +Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche +Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz +der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen +Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen +schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals +verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume +fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum +der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, +Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung +derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie +emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten +beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene +altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte +jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals +mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf +dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere +Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können. + +Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe +ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich +mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines +unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte. + +Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, +bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe +der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein +Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich +eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige +Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“. + +Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in +eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat +man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des +Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt: +die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes. +In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden +Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die +Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des +Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze. + +Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger +Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und +Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte +Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten +Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten +der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten, +die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens +Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht +bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren +Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb +gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief. + +Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe +fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie, +wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte +großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an +Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind; +denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte +Anwendung: + + „Wer den Dichter will verstehn, + Muß in Dichters Lande gehn!“ + +FUSSNOTEN: + +[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt. + +[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber. + +[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens. +Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt. + +[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht +jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu +langen macht. + +[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16. + +[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach +heutigen Begriffen bescheiden zu nennen. + + + + +XVII. + +Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine. + + +Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so +auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung +der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das +Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit +meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines +Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen +Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden +hier nicht berücksichtigt. + + +_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._ + +Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und +Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer +gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule, +worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich +zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger +praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer +und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der +Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls +er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner +Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während +„Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich, +jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist +durchweg die plattdeutsche. + +In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu +untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt +haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als +Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche +ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das +Oberseeamt in Berlin. + + +_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._ + +Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt. +Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die +Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie +sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_; +hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit +voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen +_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das +Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen +_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat, +heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben +wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch +Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine +einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den +Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur +Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum +Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch +Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“. + +So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil +aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den +Dampfern übertroffen. + +Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger +„Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden +nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den +Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt +verwendet worden. + +Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21] +breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen +die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts +reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10 +Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons +Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und +ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500 +Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2. +Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen, +2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu +verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie +können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer +Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden. + +Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren +Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei +Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt +nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die +Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein +unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder- +und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon, +Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der +Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte. +Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die +Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des +Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das +Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen +Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe +keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so +wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge +dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge +einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier +eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs +englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten +gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind. + +Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne +oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne +angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke +Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser +auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang +ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen +Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte +Aufmerksamkeit notwendig. + + +_Leben an Bord._ + +Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt +in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit +Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies +geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben +nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet. +Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr +früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso +ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke +geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr +sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der +Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf +Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke +kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die +Eßzeiten und die Ablösung der Wachen. + +Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder +nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen. + +Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt +verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem +komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“ +befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag. + +Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer +messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde +nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange +herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die +Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht +sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das +Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist; +auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen +ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus. + +Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr +stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in +welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen. + +Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde) +nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen +oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen +befördert werden. + +Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist +ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In +dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben +und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot +wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht +in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört. + + +_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige +Eigentümlichkeiten._ + +Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_ +aufgestellt, die allgemein angenommen ist: + + Windstille = 0 + Sehr leichter Wind = 1 + Leichter " = 2 + Schwacher " = 3 + Mäßiger " = 4 + Frischer " = 5 + Starker " = 6 + Steifer " = 7 + Stürmischer " = 8 + Sturm = 9 + Starker Sturm = 10 + Heftiger " = 11 + Orkan = 12 + +An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder +auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese +Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende: +_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke. +_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen +Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke +zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben +können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch +gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und +abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer, +Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m. + +Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem +Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt: +kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten +Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume, +die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen +Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit +einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird, +der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt, +das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke +versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird. +Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_ +eingetragen. + +Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu +Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze +komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen +800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze; +beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“ +„Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur +einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den +18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die +von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden. + +Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren +Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige +Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den +seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich +eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe, +Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl +ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland, +Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf +o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander +entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur +Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma, +Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer +Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie: +Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich +Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der +Dampfer gehört, schon von weitem erkennt. + +An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art +Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe +statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen +u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines +Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen +Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will +ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich +aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt +war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in +Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte +sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht +zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem +ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe, +besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter +bei weitem nicht. + +FUSSNOTEN: + +[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es +entspricht der Unterleutnant zur See — dem Leutnant, der Leutnant zur +See — dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant — dem Hauptmann, der +Korvettenkapitän — dem Major, der Kapitän zur See — dem Oberst, der +Konteradmiral — dem Generalmajor, der Vizeadmiral — dem Generalleutnant, +der kommandierende Admiral — dem kommandierenden General. + +[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere +Besanmast. + +[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß +engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km. + + + + +XVIII. + +Oberhausen. + + + „Tausend fleißge Hände regen, + Helfen sich in munterm Bund; + Und in feurigem Bewegen + Werden alle Kräfte kund.“ + + Schiller + +Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher, +an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte +sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der +liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand. +Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt, +sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu +erreichen ist. + +Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine +rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor +einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte +doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens! +Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden, +amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und +außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber +Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei, +teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen +überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der +eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser +Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die +Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen +großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der +Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist. +Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf +dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine +schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die +Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die +Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen. +Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und +verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim. + +Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als +Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt; +direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas, +über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg, +Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn +auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über +Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet +ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und +D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu +gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen +und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen. + +Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der +Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz +so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde +von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der +Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere +Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder +Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße +architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige +Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport +gehuldigt wird — eine Einrichtung, die man in Hunderten von +Mittelstädten vergeblich suchen würde. + +Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der +Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der +Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die +unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende +Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren +13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt +existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über +60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a. +gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den +Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die +mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen +Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die +Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen „Konkordia“ und +„Oberhausen“. + +Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I. +geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren +von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird. +Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen +Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und +angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich +an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin +liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt. + +Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige +hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf +Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß +Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei +Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben +Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei +Stunden zu erreichen. + + + + +Inhalts-Verzeichnis. + + + Widmung + Vorwort + I. Ueber das Reisen + (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen) + II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878) + III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt + IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers + V. Glensund (Ein Land- und See-bild) + VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag + VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“. + A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel + Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + 1. Riga + 2. Aus der livländischen Schweiz + 3. Von Riga nach der Insel Walcheren + 4. Middelburg + 5. Bad Domburg + B. Von Korsör nach Haparanda + C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + 1. Nach Helsingör + 2. Von Helsingör nach Gent + 3. Gent + 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth + 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland + VIII. Der Philosoph von Gravenstein + IX. Marsberg + X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn + XI. Bordesholm + XII. Auf Seeland + XIII. Friedrichsruh + XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern + XV. Eisenberg + XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt + XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine +XVIII. Oberhausen + + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco +by Ernst Wasserzieher + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12266 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..ad7d9d3 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #12266 (https://www.gutenberg.org/ebooks/12266) diff --git a/old/12266-0.txt b/old/12266-0.txt new file mode 100644 index 0000000..d23603e --- /dev/null +++ b/old/12266-0.txt @@ -0,0 +1,5749 @@ +Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Von Haparanda bis San Francisco + Reise-Erinnerungen + +Author: Ernst Wasserzieher + +Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + + + +Von Haparanda bis San Francisco. + + +Reise-Erinnerungen + +von Dr. phil. Ernst Wasserzieher + +Oberhausen im Rheinland. + + +Witten 1902. + +Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug. +Pott. + + + + +Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet. + + + + +Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen +aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß +sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und +Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen +Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und +Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies +anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite +Sammlung folgen. + +_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901. + +Ernst Wasserzieher. + + + + + „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, + Den schickt er in die weite Welt.“ + + Josef von Eichendorff. + + + + +I. + +Ueber das Reisen + +Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen. + + +Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die +viele aber nie lernen — das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit +erscheinen mag. Da wußte die „Frau Rat“ besser, welcher Unterschied +zwischen Reisen und Reisen sei! „Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist“, +sagte sie einmal, „so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel +reisen.“ Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein +Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als +Psycholog und als Mensch. „Man darf nur auf der Straße wandern _und +Augen haben_,“ schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat, +„man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“ Der gewöhnliche Reisende +begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was? +und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als +Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt +nicht am Reisen, sondern an ihnen. „Das Reisen als solches ist noch +nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was +sich ihm darbietet, erfaßt.“ (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants +Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte +ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die +menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die +Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert, +wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele +Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein +pflegt. + +Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt +besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft — wiegt das +bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen +Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß „nicht vielen der +Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder +beinah nie.“ Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem +Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen, +die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von +denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die +Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet; +nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das +elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer +Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr +Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten. +Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; „erst die Fremde“, sagt +Fontane, „lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Die schottischen +Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in +der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu +werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß +freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am +Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich +auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen, +überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft, +ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein. + +Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen, +insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des +häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine +Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu +betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele +Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben — das ist der oft +unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. „Auf Reisen“, so ungefähr spricht +sich Schopenhauer aus, „fühlt man sich interesselos, sieht man von der +eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_.“ +_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der +das Schöne definiert als „das, was ohne Interesse gefällt“ (d.h. ohne +selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der +Unabhängigkeit. „Jetzt bist du zum ersten Mal allein,“ ruft George Sand +entzückt aus, „keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir, +dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!“ Freilich stellt +sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite +dieser selbstgewollten Freiheit. „Auch der leidenschaftlichste, +fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt, +und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile +beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht +heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses +Wort mit Freuden aussprechen würde.“ (Amicis, Reise in Spanien, Capitel +2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch +an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten +Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den +weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung +trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des +Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des +Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der +verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren. +Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die +Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die +Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen, +Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage +in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man +dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer +in Graz zustimmen, wenn er sagt: „Reisen ist eine Kunst, eine größere +vielleicht als eine Reise gut beschreiben.“ (Essays, II, 58.) + + + + +II. + +Eine Primanerwanderung auf den Brocken. + +(1878.) + + +Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr +morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und +einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen +hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen +werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser +Jahreszeit — man schrieb den 12. April — eine Harz- und Brockenreise zum +Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte. + +Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von +dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu +erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob +man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes, +den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch +hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber +einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge +in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie +auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der +Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte +kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde +Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller +Schmutzsprenkeln — so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend +ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der +sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete. + +Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der +„Wernigeroder“ einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde, +passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem +hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof „Zu den drei +Forellen“, um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig +zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse +Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer +nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes „Harzreise im Winter“, +die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu +lassen. + +Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan +hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei, +bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst +gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen; +umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns; +eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten +uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und +wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren +freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch, +sondern auf der Fahrstraße zu gehen. + +Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um. +Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen +heute Abend beim Glase Bier! + +Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer +einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten, +bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem +Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch +verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine +Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte +uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren +nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten +Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben. + +Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die +trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den +schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und +tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch +der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald +in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch +einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und +Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden +wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen, +wenn wir aber den „Fautstieg“ einschlügen, setzte er hinzu, dann würden +wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch +nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten +vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar, +hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend +vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in +der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei +Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee +befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich, +daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war +aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es +Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte +sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser +Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit +sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die +Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein +Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause +eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter, +wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß +diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in +Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen, +die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den +Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten +weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer +weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen +Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und +schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den +Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir +sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich +wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die +schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen +Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte +mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich — +o Wonne — war es eine Täuschung? — Hundegebell! Wie elektrisiert sprang +ich vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein — jetzt eine Stimme — zu +sehen war nichts in der Finsternis — richtig, ein paar Schritt vor mir +stieg ein düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig +wedelnd, und wir standen in dem hell erleuchteten Flur des +Brockenhauses, vor uns zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht, +die einzigen Bewohner des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs +erschallten wie aus einem Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude, +festen Boden unter den Füßen zu haben, wäre ich dem Oberkellner am +liebsten um den Hals gefallen. Und nun rasch hinauf in das Zimmer, das +durch einige in den Ofen geworfene Scheite Holz bald behaglich +durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die wie aus dem Wasser gezogen +waren. Und nun hinein in den beiden Betten, aber nicht zum Schlafen! Der +Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen uns, auf dem bald eine große +Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst dem Hausknecht heran. Und nun +wurde fleißig angestoßen, bis mir die Augen zufielen und ich in einen +tiefen Schlaf fiel. + +Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt +wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage. + +Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste +Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee. + +FUSSNOTEN: + +[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen +Instituts zu Köthen i. Anhalt. + + + + +III. + +Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2] + + +Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa +wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses +getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an +die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der +amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt +Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem +oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um +darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten. +Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von +der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend, +in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer +ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so +wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu? + +Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung +quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein +Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich +berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es +dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington +überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung +entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus +benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet. + +Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade +mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer +breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des +Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die „Flat“ zieht sich am +Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt +sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig +angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in +regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts +Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne +etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem +Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit +Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und +Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein +Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist +unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine. +Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit, +wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben +wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte +Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar +Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet, +mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind +die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der +Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre +Einkäufe für die Woche zu besorgen. + +Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw. +Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein +hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die +geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen +in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen +Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren +Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist, +wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich +mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus +dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe +nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen +guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht +ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz +frei. + +Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500 +Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr +Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der +katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der +katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der +anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und +Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das +Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der +Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann +man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen +hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen +nicht einmal die Ruinen mehr. + +Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint +wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch +Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man +ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die +Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer +hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen +Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans, +befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und +Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß +nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar. + +Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber +unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau, +besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man +nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein +sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem +Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur. + +Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein +blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen +Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den +mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten +Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben +sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln, +oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der +katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die +ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken +Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach +Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne +Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald. +Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der +Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes, +weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen, +rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm +vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein +Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in +stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen +zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere +Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht +umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser +majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer +nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu +flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke, +die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen. + +Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur +Mormonenzeit. + +Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe +Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration +und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die +aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist +die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen +Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen +aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine +Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und +1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort +wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und +wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr +rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das +Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe +betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein +großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von +Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an +der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den +eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die +Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf +30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das +Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der +Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der +umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. +Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und +es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die +Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der +Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde +gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago +(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der +Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung +durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem +berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an +den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten. + +Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde +gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem +ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und +die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so +liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren +riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich +erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen +Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen +zu haben. + +Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und +unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und +bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war +nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im +Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen +konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam +liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, +die nur mit einem Holzpflock verschließbar war. + +Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war +manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden +Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das +wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde +holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern +darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim. + +Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum +Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen +Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen +Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des +Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt +werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften +die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein +Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“ +halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in +völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie +auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil +führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; +andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, +Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben. + +Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. +Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich +die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen +Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die +Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen +könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes, +the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von +Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei +Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für +einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt +gut Violine und liebt die deutsche Musik. + +Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung +ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im +Kriegsjahre 1870/71. + +Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser +als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche +sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres +mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und +spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die +Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene +Abhandlung erfordern. + +Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der +Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb +im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, +sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die +Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt +befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte +der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das +geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago +Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das +riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber +zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern +das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze +zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals +hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich +das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt +hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. +Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die +Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene +Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu +erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der +vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht +eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache +ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union +leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und +Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine +sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die +Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich +vermindern. + +Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß +die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen +werden. + +FUSSNOTEN: + +[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden +folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch. + +[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort +Madison, wo ich ihn sah. + +[4] Siehe das Titelbild + + + + +IV. + +Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers. + + +Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist +das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich +ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit +meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft +hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch +den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; +vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen +felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr +wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt +und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem +Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. — + +Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt +in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor +allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu +fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit +der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten +übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten. + +Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man +bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum +den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist +z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen +Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf, +leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco, +am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der +Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines +Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz +herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen, +weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit +Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und +durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem +hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das +gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in +der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln. + +Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der +Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines +Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens +mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien +von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner +Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen +hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine +Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich +ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und +in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt +die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als +Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben +sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und +von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San +Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in +Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl, +daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig +blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man +durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt +das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt +auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die +freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal +des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen +Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine +sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut, +benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal +liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren +Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die +schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden +abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf +äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum +der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen +wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast +überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. +Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, +wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von +2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales +(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen +Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und +6spännige Postkutsche fährt. + +Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben +hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der +Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die +Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte. + +Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine +Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so +bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit +haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht. + +Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine +Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde +verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm +in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst +130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns +gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es +von jeher gewohnt wäre. + +Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und +ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort +Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und +Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer +Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es +schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut +gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe), +sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten. + +Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der +sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in +Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer +Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich +über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten +Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd +dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die +Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des +überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um +sich greife. + +Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und +spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette +prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in +seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale +überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein +Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von +derartigen Bestien unbehelligt. + +Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern +verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen +der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die +Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch +Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der +hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der +Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ, +und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten +Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort +einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen +mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab, +als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald +einfuhren. + +Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden +Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die +Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam +senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer +schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln +und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der +Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst +wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer +sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter +Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot. +Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und +an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15 +Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen +auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in +die Sägemühle gefahren. + +Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und +Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen +Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück. + +Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die +ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo +ich übernachtete. + +Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der +Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel, +von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner +herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den +reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten +Lande zu finden sein! + +Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern +stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich +ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war, +und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und +Eigentümer dieses Friedhofs. + +Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner +wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt. + +In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch +hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der +Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist +der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann +— es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine +existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit +umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen +Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante +herumschlürft. + +Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger +angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der +freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den +gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide +gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein +Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, +erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus +gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. +Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr +Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten +nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen +hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch +einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen +geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren. + +Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig +durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem +großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel +gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und +Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der +Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde +getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler, +der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und +einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris +und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen +Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung; +der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen +Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch +ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben +beizubringen, was mir indes nicht gelang. + +Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger +bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit +auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke +flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier +Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht +hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal +entronnen zu sein. + +Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in +amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun +daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben. + +An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit +einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die +Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt +unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den +Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen +dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels +Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger +passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem +Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr +schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, +mit den Geysers im Hintergrunde. + +— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der +Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren +waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf +eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu +stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine +Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte +uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem +sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit +der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum +Andenken. + +Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200 +Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten +hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit +Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco. + + + + +V. + +Ekensund. + +Ein Land- und See-Mosaikbild. + + +Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht +(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern +oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu +entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte. +Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von +Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig +mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich +auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine +geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der +jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß +doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im +Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile +außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder, +und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für +mich und meine Familie herkriegte. + +Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach +Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen +und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem +Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein +Wald und kein Kurhaus — —“ + +Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde +jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund +Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei +Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was +bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist, +wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und +nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern +auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die +Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald +und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten +sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte +Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur — +Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern +Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen; +aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene +anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen. + +Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben, +wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen +schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch +gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist. +Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie +auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch +meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das +kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war +früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben +und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer +zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf +den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen +Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder +erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine, +die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden. + +So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf +das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine +internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine +merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische +Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen +Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem +Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja +auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die +Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und +dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in +der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische +Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch +Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr +Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner +trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English +spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch +und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur +„Kartoffeldänisch“, wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des +Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine +Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine +Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte +sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das +Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche +Reichspoststelle eines anderen belehrte. + +Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite +Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem +stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche +Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei +Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16 +und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem +Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die +nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich +den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen — doch damit +komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds — auf die Maler! Merkwürdig, sie +sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern, +die hier hausen, bilden sie die Majorität — zur Zeit sind es 7! Die +übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere +dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund +unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die +freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören +Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein +von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein +Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und +Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige +früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft +darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener +Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann +erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er +jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich +habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt. +Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet, +ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem +Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte! + +Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr +aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren, +und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann +nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos +sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren +Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem +einsamen Ekensund Lebewohl sagen. „Der Adler fliegt allein, die Krähen +scharenweise.“ + +Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich +den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen +genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus +ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine +Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten +Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den +Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl +brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein +abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der +Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in +ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie +zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von +vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern +auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren +schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern, +Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler +Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre +jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl +hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das +große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig +Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit +gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und +lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der +ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind +die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die +mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen +als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am +Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer +Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den +Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen +anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim +trojanischen Kriege: Cherchez la femme! + +Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds +einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der +Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer +Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel +Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel, +welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen +streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel +Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also +auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund +vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen. + +Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück, +was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe, +niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der +Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das +große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar +nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin +über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf +stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des +Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf +dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind, +die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen +Sonntage — es war vor acht Tagen — fand wiederum ein heißes Ringen in +Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen +zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen. +Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren +sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des +Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und +Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine +Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und +einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die +Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es +sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu, +daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht +fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben. + +Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in +Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine +Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: „Na, +Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?“ blickte er mit +seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er, +freudig aufblickend: „Zwei große Hunde!“ — Enttäuscht über diese wenig +sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: „Und was denn noch?“ — +„Viele Wagen und Pferde!“ kam es schnell heraus. Daß Hühner, Tauben und +Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere direkt +genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, was ihm +wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz blind. + +Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die +Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und +lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen +nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und +mehr braucht man nicht im Leben. + +FUSSNOTEN: + +[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf. + + + + +VI. + +Ein Besuch bei Gustav Freytag. + + +Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von +Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn +nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem +die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die +Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen +waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich +ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte, +beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem +Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll +und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte, +während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner +Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den +hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer +ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns +als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden +Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe +gewagt werden. + +Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die +Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten +bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen +Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von +freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in +einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen +gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen +nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir +schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte +ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben +ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof +erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine +Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte +freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr +einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen +Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß +ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei, +sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen +vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie +wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen +festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein. — Aus dem Speziellen +ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine +Individualität unterdrücken, ist das Ziel. — Aber doch nicht das +_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der +Individualität betrachte ich weit eher als Ideal. — Das Talent geht +nicht unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht. — Als ich erwähnte, +daß ich eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut +gespieen und bin so alt geworden. + +Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er +zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum +nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm +sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu +vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes +übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles +orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür +sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne +Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich +Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern +gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung, +seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: „Vorigen Winter hatte +ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein +Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern.“ + +Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf +seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet. + +Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal +flüchtig kennen gelernt hatte. + +Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und +scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in +keines, versetzte er: „Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß +man zu ihnen gehört.“ + +Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag +hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß +er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden, +denn er war fast gerührt beim Abschied. „Leben Sie wohl, Herr Studiosus, +arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie +drücken.“ — Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in +der Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann +deutete, als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation. + + + + +VII. + +Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“. + + +A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel +Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + + +1. Riga. + +Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst +einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den +höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie +sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit +Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand +hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt +die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht +man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts. + +Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein +Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist +durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze +Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen +außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf +dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken +verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal, +mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus +der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben, +seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier +Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die +viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der +Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit +und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die +prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten +Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der +alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in +den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die +glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf +dem Domplatz. + +Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende +Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_, +1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter +gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten +Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den +schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt +einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke +enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an. +Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große +Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St. +Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige +Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der +Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des +Handwerks. + +Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und +Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die +Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf +Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die +Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben. +Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof +Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum +Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben. +Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der +Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell. +Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen +vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den +Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem +Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der +livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem +Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische +Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen +versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es +noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der +Rigaer ausgerottet sein wird. + +Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische, +dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende +von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland +gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna +geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung +zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich +hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die +Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus +Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das +Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit +besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit +besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum +Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so +stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra! +weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht +glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom +Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist, +vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem +andern Schiff von neuem zu beginnen. + + +2. Aus der livländischen Schweiz. + +Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer +Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen +Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die +holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die — +livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen +Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen +über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen +geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird +es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht +umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser, +wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu +versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen +von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen +nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche. + +Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine +Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein +schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. +Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß +der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski. + +Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, +der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse +versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die +Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand +an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der +Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die +mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel +sei jetzt aber abgestellt. + +In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen +wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es +waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, +die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih +und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann +vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns +ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die +Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art +Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt +entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine +primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem +zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht +festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für +3-4 Personen. + +Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, +wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren +sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der +uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot. + +Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, +durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen +mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern +aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste +Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, +zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen +Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke +in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich +hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so +weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die +Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von +Inschriften bedeckt, darunter folgende: + + Den Namen schreibt in das Gestein, + Die Heimatslieb ins Herz hinein! + +Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet: + + Ach alles ist veränderlich, + Das Mäuschen wird zur Ratz, + Was früher hübsch Gesichtchen war, + Wird doch zuletzt zur Fratz. + +Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür +stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in +die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in +der einmal jährlich deutsch gepredigt wird. + +Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde +den mir zugemessenen Raum überschreiten. + + +3. Von Riga nach der Insel Walcheren. + +Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna +hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen +Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte +ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts +zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben +lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das +Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder +auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß +das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder +Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder +Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also +die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist — +ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach +Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach +ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das +Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über +den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran +haften blieb. + +Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit +den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen +und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht +in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um +deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was +doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. +Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag +vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein +Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte +mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu +begreiflichen Widerwillen. + +Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der +Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher +Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht +abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein +Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte +ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald +hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal +verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte +bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als +praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen +holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an +diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede +Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu +lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der +Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst. + +Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. +Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in +dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um +Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus +einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe +Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge +herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal +hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa +halbwegs, Middelburg liegt. + + +4. Middelburg. + +Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge +gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, +Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu +spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die +holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine +Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen +sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben +„Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: +Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war +fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja +vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine +norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich +uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten +wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte +der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten +Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen +Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres +zurecht. + +Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere +Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren +glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen +Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; +aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine +eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene +Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite +an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in +Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und +Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das +einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, +und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. +Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und +hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin. + +Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, +zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind +sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch +bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die +allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser +tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als +vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu +den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in +Middelburg scheinen aller guten Dinge drei. + +Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges +Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das +herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute +verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal +im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang +bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie +kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt +sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm +der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die +dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in +Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an +lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben +häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn. + +Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche +grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten +die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein +stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß +nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder +folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht +vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks? + +Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches +Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, +eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die +Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute +Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge +vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 +Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das +Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den +Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir +manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens. + + +5. Bad Domburg + +Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an +vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar +schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals +nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte +mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es +gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem +Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen +mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch +sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, +die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das +Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die +verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie +und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land +ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen +können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die +Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, +sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die +Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, +das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein +Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die +Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen +lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch +einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und +undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. +Ipenoord, Schoonoord. + +Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an +einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, +eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen +zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes +Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem +Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst +dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt +war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den +weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als +wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen +Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch +Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen +Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer +Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen +umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel +umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich +aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus +denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere +und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande +lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far +niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern. + +An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem +ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig +geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen +vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen +Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade +innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten +Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der +Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und +Wasserwüste. + +Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück. + + +B. Von Korsör nach Haparanda. + +„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der +originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein +Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich +wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das +mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, +und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen +Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200 +t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach +dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken +nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das +Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher +hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener +Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine +erste Seereise, mitmachen wollte. + +Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, +hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur +mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. +Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen +wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas +weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und +fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach +Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter +Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf +dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage +ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. +Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die +schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten +Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte +sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden +das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit +schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, +daß er sie wie ein Rahmen umschloß. + +Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an +Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe +prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm. + +Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö +verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische +Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und +mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ +sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, +in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam +ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen +Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander +schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer +Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand +zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben +links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag +Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings +von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht +erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große +Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem +Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der +eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel +mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das +reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte +Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden +beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das +Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, +hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen. + +Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte +bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt +werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die +annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre +1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der +Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin +oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das +prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute. + +Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden +einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir +diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur +flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, +das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl +Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen. + +Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit +Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete: + + Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom. + (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen). + +Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem +dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich +dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er +hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir +begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren +beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die +Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich +unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, +er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu +beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen +Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein +von Damen betrieben. + +Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, +sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in +der Welt viel zu wenig bekannt sind. + +Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue +Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich +versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es +während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich +starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden +zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was +durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet +man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische +Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren +ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das +war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es +charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, +will ich etwas näher darauf eingehen. + +Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter +Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber +wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen +Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der +Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen +dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir +kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; +was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste +der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. +Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit +mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein +kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen +Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, +zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot +vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der +Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist +dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer +der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; +dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun +zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz +einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen +Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen +mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier +(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt. + +Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell +als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber +erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von +Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach +Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die +vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die +Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des +mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, +schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit +Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu +denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda +und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf +trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit +verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude +sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich +rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und +da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht +vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man +ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa +1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische +Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. +Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem +Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte +sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber +Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach +einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf. + +Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer +fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch +einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr +zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu +machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft +hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige +Eleganz aus. + +Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte +mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 +verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige +Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der +Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des +weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also: + + Frukost för Herre 1,25 + " " Dam 1,-- + +So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer +mit Preisunterschied für Herren und Damen. + +Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, +an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche +Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff +füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel +aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. +Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr +Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser +nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz +und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch +zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — +Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen +wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif +waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen +durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und +die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, +doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem +Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das +Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen +wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu +hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer +verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch. + +Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden +sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und +Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig +lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. +Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; +die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die +Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten. + +Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in +Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir +einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es +gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die +deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst +die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen +Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die +dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht. + +Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten +einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen +beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, +gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem +cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer +Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das +überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das +Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser +giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier +verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein +mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, +die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der +einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das +Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist +aber in Schweden gebraut. + +Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. +Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran +geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute +mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf +den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im +Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt +sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet +durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür +beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., +deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die +Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes. + +Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff +besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß +hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche +Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar +erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem +Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht +als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld +gespart. + +Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das +Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum +Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse +für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum +Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten +von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen +zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag. + +Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die +Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer +Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so +daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die +Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im +Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte +Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige +Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, +finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen +sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig +war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die +fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr +in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht +ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den +finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde. + +Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen +Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die +Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels. + +Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es +noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler +mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und +Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe +steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält. + +Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, +um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen +hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der +Hauptstraße begegnete. + +Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und +befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der +Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. +Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas +Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf +meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland +vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen +Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte. + +Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts +Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich +mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über +Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf. + +Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und +umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer. + + +C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + + +1. Nach Helsingör. + +Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit +der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, +sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern +bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen +sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und +doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von +Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war +keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y +Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit +Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir +verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der +Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige +Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich +sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das +eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt +von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte +danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 +Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag +früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel +regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den +breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten +Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch +Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, +spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag +die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf +deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken +setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und +zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“ +und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, +vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die +Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber +den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik +nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 +Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl +der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst +kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), +Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit +seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen +will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, +von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben. + +Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ +ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die +bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in +gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, +schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr +genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß +Dampfschiff auf schwedisch Ã…ngbÃ¥t heißt. Als Zwischengericht trank ich +ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der +Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der +sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir +nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel +zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und +siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit +mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, +die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende +Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; +endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße +Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt — +ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem +Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein +zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen +ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei +Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die +er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein +Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven +schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch +Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! +Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem +Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der +„Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt +der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die +Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei +schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), +und — me voilà , ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das +Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine +halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen +Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben. + +Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke +und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie +ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin. + +Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa +zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei +Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 +Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem +erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. +Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der +fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der +Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen +Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen +Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich +schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich +aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten. + +Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) +lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle +Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle +Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), +tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer +sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein. + +Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man +überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch +_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen +Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf — +Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, +seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und +dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen +Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer +der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung +Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chà teau de +Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? +Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht +übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man +berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das +wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, +dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren +sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder. + +In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden +dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in +zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf +uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige +Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, +deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens +Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie +alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate +verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen +Märchenerzähler wohnte. + +Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die +uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie +dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf +der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das +Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von +Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das +unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die +Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der +mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein +dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück +erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach +greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste. + +In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich +in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet +landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige +Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln +und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch +einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen +Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch +Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden. + +In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die +Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf +und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg. + + +2. Von Helsingör nach Gent. + +Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der +Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der +sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit, +die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten +Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob +sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern, +Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des +Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf +See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger +Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord! +Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_ +Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische +Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des +Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern. + +Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner +Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje +auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das +Unglück schreitet bisweilen schnell! + +Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des +Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, +obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf +die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in +den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von +Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der +Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die +Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang +entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der +schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als +rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu +beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang +gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, +und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das +Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte +sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen +Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb +verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, +ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, +aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es +mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich +wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. +Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, +verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder +da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin +ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. +Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten +wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, +tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus +dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem +kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie +immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der +Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen +Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, +verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen +Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit +uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem +Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er +manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal +stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und +unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest +angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler +Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, +unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um +3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. +Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster +geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft +seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal +so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren +Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich +wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern +nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und +hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu +einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche +Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein +anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. +Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die +dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach +einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei +Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, +und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder +nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß +verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die +Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der +Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so +schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, +auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu +verlieren. + +Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der +Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine +Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter, +Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte +der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff. + +In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine +Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich +krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er +nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum +Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts +übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an +allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich +krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von +der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr +schwierig. + +Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. +Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden +später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der +Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 +Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, +kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den +Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab +und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich +wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein +Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das +Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von +„Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste +entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom +Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff +stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir +hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, +der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. +Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich +uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, +das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von +ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr +trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See +nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen +etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war +ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre +verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der +Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den +Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache +spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes +Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse +an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller +jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der +Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen +des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde +erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der +spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein +kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge +im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich +in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für +tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich +Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen +kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse +sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und +Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel +Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, +hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. +Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen +Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden +de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste +Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot +aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein +großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem +Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, +einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der +uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen +Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe +hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen +gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die +ebenfalls in den Genter Kanal wollte. + +Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz +niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den +Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir +ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen +und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, +als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in +die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. +Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer +an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit +Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks +begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der +allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein +von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, +einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als +Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist +erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke +stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht +verrichteten. + +Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken +Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die +Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne +Fahrt. + +Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser +Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so +engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das +Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig +mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen. + +Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision +statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft +hatte, wurde gar keine Notiz genommen. + +Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das +Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein +Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht +wurde. + + +3. Gent. + +Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von +vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff +liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen +Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, +In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de +goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite +Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, +die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der +Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom +St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische +Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat +moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere +Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, +das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was +Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in +deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem +Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen +zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge. + +Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde +erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen +einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen +versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es +vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß +es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den +Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt +des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), +geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der +herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der +Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den +würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier +verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von +Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort +ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu +baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im +Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten +darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile +zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das +Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen +Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr +aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des +Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen +an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen +stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es +kühl geworden war, die ganze Nacht durch. — + +So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie +gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang +gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter +für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich +an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, +abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal +populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die +Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu +zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch +per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz +(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen +strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die +1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der +Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des +Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der +unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir +fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten +durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen +erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem +Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich +die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. +Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen +saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere +Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an +Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten. + +Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende +Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich +untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei +Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. +Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, +daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst +entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch +französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen +sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes +herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich +berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig +arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur +wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine +Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, +und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich +redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein +Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän +nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger +Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt +würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu +erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in +Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen +alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er +auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. +Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen +wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen. + +Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das +Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt +fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. +Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder +die Leute haben keinen Sinn dafür. + +Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2 +verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet, +und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von +Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12 +Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch +angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen +Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann +versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier. + +Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die +Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil +eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die +zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und +besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir +einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in +seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon +früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht +der Fall war, so war er der verlierende Teil. + +Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so +arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot +pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom +Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von +Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne +gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er +wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte +ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser +Unwissenheit. + +Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für +die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war +zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche, +wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr +begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen +dauerte. + +Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen +Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place +d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination +und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es +war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten +Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die +Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und +Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer +nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die +promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen +Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder, +einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir +auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da +die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt. +Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl +bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten +oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern +noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten +Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren. + +Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag +gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff. + + +4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth. + +Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh +gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter +ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck +sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten +Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde +ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und +schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und +blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei +dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen +machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab, +um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem +Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich +immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im +Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir +in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in +den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere +aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven +wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen +Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu +umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der +wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der +Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir +vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um +8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen +vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die +Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf +das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel, +beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten +selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12 +schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff. +Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester +Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch +Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den +Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à +10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel). + + +5. Ausflug ins Schottische Hochland + +So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne +die blauen Berge des Hochlands herüber. + +Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr +wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten +durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake +berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten +gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches +Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt, +kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für +den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der +zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte +sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich +aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und +dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige +Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem +Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich, +auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren +luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee +(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht, +blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der +der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser +selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke, +blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang +sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts +trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für +die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß +über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß +neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem +befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem +Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der +eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir +unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht +hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die +Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte +Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch +Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben +Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel +gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man +nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz +bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so +gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre +des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es +beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen +Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das +Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich +versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde +herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke) +und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die +Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“ +u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet +ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil +erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des +Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört +zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den +notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so +hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren +Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also +vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen +herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein +winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne +hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit +einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen +verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es +mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor +allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen +nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr +prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow +mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man +freilich vergeblich bei den schottischen Seen. + +Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des +langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen +auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach +abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten, +brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde +warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir +überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen +Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am +Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner +hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen +bekleidet. + +Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten +den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so +viel man will, und zahlt 3 Shilling. + +Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten +Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach +Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält +viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer +derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden +sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der +Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte +öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben +Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die +Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an +die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe. + +Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr +wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das +regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an +die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz +still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist +geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des +etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des +Meerbusens fahren. + +FUSSNOTEN: + +[6] Geschrieben 1893. + + + + +VIII. + +Der Philosoph von Gravenstein. + + + Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, + Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt + Sein Wort und seine That dem Enkel wieder. + + Leonore im Tasso, I, 1. + +Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den +breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in +einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am +Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. +Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem +Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen +trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns +nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete, + + „— wo der dänische Pflüger den Deutschen, + Dieser den Dänen versteht —“ + +wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede +zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes +lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet +„bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a. +Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders +wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in +magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, +obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm +und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der +Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in +ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel +des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit. + +Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt +wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und +da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park +oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald +und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, +so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von +einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau +einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn +Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des +Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem +Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! +Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer +und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief +einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren +Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf +Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die +Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in +höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem +idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen +es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu +genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen +langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch +geschichtliche Weihe verliehen hat. + +In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest +bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den +Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen +ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der +Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). +Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. +September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn +Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, +einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften +Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der +Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner +Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben +auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte +man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen +Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die +damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, +die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht +eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere +Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst +nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch +nicht ein. — + +Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und +Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf +die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit +vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die +Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und +seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast +überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst +Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog +denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der +Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen +verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und +Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen. + +Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze +Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte +der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte +den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im +nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, +die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu +lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die +Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich +gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des +lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem +fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie +anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr +seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und +als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde +reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit. + +Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem +jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im +Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um +das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den +Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und +Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis +der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei +dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der +wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine +Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in +der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider +nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer +Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig +bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das +höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben +und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel +nicht führte. + +Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne +begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner +Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich +gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner +Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu +verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung +zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden +literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum +lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der +viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. +Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten +Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde +von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich +die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe +am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch +heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da +beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus +den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not +zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für +jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb +einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit +unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält +und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander +verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn +in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu +Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, +lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will. + +Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er +später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den +Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. +Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer +Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen +erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der +Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford +herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die +vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der +materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man +denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, +weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch +an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik. + +Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des +Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem +Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu +seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches +Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist! + +Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 +jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab +verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen +Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum +Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit +von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die +allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der +Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des +deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark +einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies +vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den +dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren +seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als +die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine +Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder +Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht +— 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen +Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den +dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls +Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. +Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag +bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer +Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen +der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; +endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. +Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun +aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen +Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark +losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark +aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche +beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt. + +Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König +wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen +förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu +„schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen +Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf +Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder +beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian +August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem +Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt +geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin +des Königs Christian VIII. von Dänemark. + +In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine +staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die +Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen +Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der +dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die +Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der +Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb +Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne +„die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit +männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre +und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das +in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner +bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und +umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht. + + + + +IX. + +Marsberg. + +Auch eine Sommerfrische. + + +Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren +meine Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir +_mußten!_ Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine +Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach +Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, +als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die +Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen, +namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem +Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir +wollten in die Sommerfrische. + +Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. _Eine_ Feder, +aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere +Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich +doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden, +bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl +selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst +besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter, +edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der +Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden +sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm +den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und +studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben, +z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg +beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei +Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so +harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine +immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden +registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese +ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und +Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. +Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres, +denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe: + + Willst du immer weiter schweifen? + Sieh, das Gute liegt so nah! + +Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein +Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich +Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von +Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte +ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer +mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag +noch nicht im Walde gewohnt hatte. + +Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl +der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit +einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die +Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig +harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten. +Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben +mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es +auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht. +Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter. +Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen +— bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr +vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts +hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage: +Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte. +Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die +nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch +verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht +einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des +Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die +übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im +Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die +Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten! + +Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend +erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich +Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im +Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist +kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich +gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen, +unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach +diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich +aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen +und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen; +überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache, +wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten +Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach. +Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber +dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei +unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit +auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf +den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also +ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine +Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von +der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz +entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte +nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine +Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte +es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein +überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität +lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im +östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise +angetreten werden. + +Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf +folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine +Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5 +stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die +wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe +Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des +Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als +Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In +Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf +unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche +Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen +Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar +empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen +wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch +Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in +Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die +Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen. + +Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen +vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel, +abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte: +Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und +bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu +entziffernden Inschrift: + + DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN + GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN. + +Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die +Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts. + +Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen +hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen +den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben +zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein +Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen +man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat +Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung. + +Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine +Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des +wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung, +genannt der „Diemelbote“, der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie +gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat +Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen +Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die +geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte. + +Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist, +sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du, +lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter +gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß +hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre +berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß +dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier +zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die +Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren, +nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles +dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich +habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht +und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß +hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er +ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser +mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine +alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig +gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre +ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller +heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein +Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster +hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei +dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, +wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, +wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen +„Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7] + +Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen +Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen +Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt. +Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen, +vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide +Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von +der Passion Christi führt hinauf. + +Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir +bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen +keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler +und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum +„Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und +da haben wir manchen guten Braten gehabt. + +Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach +Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als +ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist +mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man +kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze +zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen +sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller +Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen +lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche +Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die +Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen +aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die +sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von +dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer +trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal +mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen. + +Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von +dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand +anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der +in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten +schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt, +ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie +mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus +denselben Bestandteilen hergestellt ist. + +_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist +wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen +jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei, +welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich +Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz +eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es +giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die +noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen +Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den +Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte +Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein +Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den +Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der +jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen +unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser +Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt, +aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein, +der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da +liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei. +Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher +denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben +eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und +gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt! + +Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von +Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag +nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer +Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke +hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte, +was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche +Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite +Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den +Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist +nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist. + +Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich +von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein +Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der +Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von +Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen, +insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte +Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren +Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen +verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere +Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch +Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das +herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die +Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von +Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in +Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten +Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich +aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte +also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise +plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von +Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon +gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten; +ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim +angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr +heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar +Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten, +ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf +eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug +meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser +lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten +Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte +zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte. +Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten. +Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der +Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog +zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß +ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch +ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte +ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal +so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte +mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und +erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich +fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter) +den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte +den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder +herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das +gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren +Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken +(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener +Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart! +Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu +streichen. + +Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach +dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen, +wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer +Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen, +Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und +Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der +sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch +ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein +einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das +Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt) +auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine +Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht +gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das +verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund, +keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein +Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du +schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem +Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es +beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von +dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so +heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter +und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein +Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen +Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern +leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will. +Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die +Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich +die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren +Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von +dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, +führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das +Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen +des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den +Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor +etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die +Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; +an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die +äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank +und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier +im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher +eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten +darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen, +die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend +verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die +breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig +geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das +Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den +Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die +nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll; +wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den +tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein +Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus, +voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — — + +FUSSNOTEN: + +[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das +Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den +Künstler nicht bloßzustellen. + + + + +X. + +Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8] + + +Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach +dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch +das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und +Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und +Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich +mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich +vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen +Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die +Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum +Militärdienste stellen. + +Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und +Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen +und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke +fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten- +(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr +250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen +will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher +Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch +die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison +an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa +Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte; +zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser +schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison +war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer +Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte. +Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf +Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt +war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem +Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein +Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei +und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine +Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an +emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch). +Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in +tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem +Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof +erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, +Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte +nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den +ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, +während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb +nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, +schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern +Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt +sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch +heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! +Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch +langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine +Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser; +nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und +außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben. + +Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste +Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen +in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte +Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier +bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn +Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen. + +Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden +Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der +Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es +konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist +verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den +Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben, +gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und +nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der +schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und +rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und +Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel +wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee +getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne. +Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen +brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr +kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß +es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen. + +Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden +uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem +anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und +Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene +hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die +Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50' +wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde, +nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens +richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es +ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als +Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage +strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die +Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem +Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt +dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da +ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn +nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn +er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner +ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der +weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort +viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport +getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine +großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel +einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in +Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden: +Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh +ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den +Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise +nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca. +6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher +nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur +bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da +mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus +dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die +Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer +14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein +Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich +ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich +Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine +einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen) +verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem +Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während +der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich; +daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum +zu erwähnen. + +So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei +Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch), +Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische, +französische, holländische, mexicanische und indianische Namen. + +In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts +dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine +aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils +indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte +Santa Fe. + +Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und +Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren +auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt +ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt +ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals. +Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein +kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers +kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da +die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch +radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen +dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand. + +Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall +herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter +zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem +Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten +dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er +wandte nicht einmal den Kopf nach uns. + +Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß +verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß +künstlich bewässert werden. + +In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir +stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn +benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den +Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld, +der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft. +Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot, +Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr +viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die +zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei +Schwestern) hervor. + +Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare +Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der +Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen, +Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem +schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der +Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen +umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen. +Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und +Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind +fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm +ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in +Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung +zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die +Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden +Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein +und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34° +gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden +fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die +Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco +und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt +des ewigen Frühlings. + +FUSSNOTEN: + +[8] Vgl. die Anmerkung [2] + + + + +XI. + +Bordesholm. + + +Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt +das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist +nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der +glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem +Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum, +auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche. +Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut +sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten +der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck +macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500 +Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer +Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem +altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier. + +Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir +unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht. +Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit +auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum +zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit +eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last +nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter +des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine +Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt; +allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz +unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender +Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt: + + „Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde, + Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt. + Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands + Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“ + + März 24. 1873. + +Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der +Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter, +epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier +im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das +Gebäude. + +Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster, +wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der +Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet, +den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die +abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name +hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch +starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das +übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern +vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine +Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste +sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel; +wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben +verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den +80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma +mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof +(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende +Ansprache entgegen. + +Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt, +einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle +und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt +keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine +Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu +Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige +daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten +Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das +auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt. + +Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine +Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des +russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es +einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die +schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist. + +Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem +Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern +von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten +Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in +den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der +letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen +_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der +Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes +Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von +Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von +Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei +Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter +Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum +Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt. +1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein +wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren +Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn, +der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist +der jetzige Kaiser Nikolaus II. + +In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage +Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er +ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_ +gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829 +großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf +Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen +bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron, +Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische +General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten +Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. (†1533) und +seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des +Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu +den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in +diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des +Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine +Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch +wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist +den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der +hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den +eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des +Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine +Inschrift folgenden Inhalts: + +„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog +Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich +und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den +Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“ + +Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir +noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische +Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist. +Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger +Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des +meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer +Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine +Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben, +die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters +gemahnt: + +„States fall, arts fade, but Nature does not die.“ + +FUSSNOTEN: + +[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm. + +[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des +berüchtigten Stockholmer Blutbades. + + + + +XII. + +Auf Seeland. + + +I. + +Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn +durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der +Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so +viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie +erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das +Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte +und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen +blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von +Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein +großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen +seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen. + +Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der +Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem +eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen +Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen +Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß +man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische +Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert. + +Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei +an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts +blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den +Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten +weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den +breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler, +vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der +Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem +Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete. + +An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an +Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in +dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist +das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und +den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt +zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen +des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten, +villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen +Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt. + +Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in +Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern. +Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von +den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie +gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an +Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft, +natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten +verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich +weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem +Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird. + +Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir +wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel +Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde +emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de +Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die +Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die +Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen +Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und +Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160 +Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und +Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr +Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘ +zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf +der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort. + +Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer; +anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern +sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo +man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger. + +Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei +Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns +Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör, +taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und +Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend +bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in +der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau, +Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn. +Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen +den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen +zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit +einem Male entledigten. + +Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten +uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf +und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber. +Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die +engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der +Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten +Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht +geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen, +weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen. +Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut +hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den „Sundzoll“, +freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite +Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider +nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit +zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein. +Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes +wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang +auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit +die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung. + +Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für +Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und +trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur +alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg +schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in +Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die +Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die +Dänen bis jetzt freilich vergebens. + +Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom +Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der +Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die +Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen +sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der +Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei +Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache +war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und +Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen. + +Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das +Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians +VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang +gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen +Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von +der Terrasse. + +Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6 +Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den +lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat +man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die +gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende +Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen +Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des +Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen +schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der +schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem +Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an +südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen +nicht. + +Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in +Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten +wir in Marienlyst dafür — sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder +besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend +anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die +Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten +schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der +anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges +Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem +angenehmen Seebade Marienlyst („Marienlust“) verlustig, hatten dafür +aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit +allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte +einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter +Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer +Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken +Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben +ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen. +Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer +derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist, +das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben +und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab — +das wußten wir — würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein +setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere +der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der +seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute +unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur, +Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde, +so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur +zu stärken und zu erfrischen. + +Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht +einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen, +Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde +tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt, +mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor +spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze; +dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den +einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der +Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich +zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern, +Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten +kann. + +Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen +wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee +gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III. +mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von +welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber +mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er +öfters sagte: „Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle +Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben.“ Volkssagen leben noch im Munde +der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen, +seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde +kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in +Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich +Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher +Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die +Prophezeiung verwirklichte. — + +Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit +Gefolge über Wälder und Seen jagen. + +Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis +Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen +Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. „Dicht über uns“, so +schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald, +„zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint. +Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört +es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter +bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das +zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und +lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle +plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen +träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit +weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende +Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige, +das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu +trinken — alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und +bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe.“ + +An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte +auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des +Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen +Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie, +wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo +der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte +des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen. + +Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute +Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches +Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das +Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist +ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und +Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen +gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich +der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See +durchblitzen sieht. Eine Allee heißt „Sukkenes-Allee“ (Seufzerweg); in +einer anderen, „Normandsdalen“ genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren +ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als +sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der +verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also +gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem +Schlosse liegt der „Marmorgarten“, in italienischem Stil, voller +Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich +beengten Waldparke bildend. + +Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der +Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser +Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten +Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten +Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit; +ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit +weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die +übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und +benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen +Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer +wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende +Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen +brausend an das Ufer. + +Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist, +früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer +ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom „Grib +Skov“ begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein; +dorthin kamen wir aber nicht. + + +II. + +Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles +einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend, +architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt +hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen +und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten +hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß +Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und +nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik +sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV. +geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er +beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu +errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten +ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden +Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal +Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf +drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem +Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier +mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der +Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß +gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle +Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen +berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige +Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den +Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere +ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind +vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von +Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen +erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende, +zur Verfügung stellte. + +Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches +Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und +ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den +beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte, +von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von +Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde +von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem +Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft +der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von +Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von +1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und +einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders +die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche +überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der +Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige +Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das +von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern +entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen; +Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer. +„Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl +etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die +Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt +wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz, +mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste +in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als +allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des +Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von +Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen +die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur +Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“, +1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für +seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft +bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor +ernannt wurde. + +Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den +Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des +Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den +letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I., +Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn +Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen +Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er +hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864 +erhalten. + +Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere +Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_ +einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von +ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze, +bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können: +den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die +deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu +Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf +bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist +Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst +denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun, +sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar +geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt. +Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite +Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand +lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und +giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine +Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt. + +In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die +eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die +Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen +zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge +(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden +Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier +walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an +kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa +(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen +noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“ +und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die +zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen +segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden +die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen. + +Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach +Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde +soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der +Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen +skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der +Mittelpunkt der geistlichen Regierung. + +Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann +von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von +den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die +Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage +Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben +mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank +schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles +Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern. + +Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen +Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher +Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht. +Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch +hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus. + +Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen, +in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31 +Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene +haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig +ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen +Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist +eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn (†985) +am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre +Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der +Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche +beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin, +ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in +Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die +schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs +von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen +Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene +Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V. +beigesetzt. + +Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und +Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend +wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß +sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich +folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen +Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten +und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß +Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und +Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und +Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia, +und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad, +Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen, +die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer +auseinander zu halten. + +Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir +aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark +Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet +die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter +der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht +zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären, +sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann +wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen +Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine +Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren +sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als +unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden +und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester +geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt +Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der +Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche. + +Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen +wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf +uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen +Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2 +Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die +beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des +Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die +große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt. + +Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber +Saxo Grammaticus (†1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell +aufgezeichnet hat. + +An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des +1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der +berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten. +In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen, +darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke +(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist. +Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15. +Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen +Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten +und Neuen Testament darstellt. + +Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man +nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König +Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen +Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen +ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem +ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden. + + + + +XIII. + +Friedrichsruh[11] + + +Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu +fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu +Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den +Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen +Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten +Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende +Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter, +hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel +angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten +und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den +Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken +ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den +sogenannten „Mummeln“. + +Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht +aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes +Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _„Verboten!“_, welches +hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt. + +Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen +einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In +welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches +Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da +Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen +für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich +ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb +parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und +Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten +Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll. +Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß +„die Wohnung des Fürsten unzugänglich“ sei (S. 130), ist dahin zu +berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks +beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst +wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise +nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos, +aufgetrieben hatten — obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er +seine Wohnung nicht dort — begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen +Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im +ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer, +für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei +seinem vorjährigen Besuche hier. + +Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns +überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft +war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer +langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht. + +Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den +_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das +Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe +ich folgenden an: + + Wenn einer kam und Ränke spann, + Dann setztest du den Hobel an, + Dann flogen auch die Spähne gleich; + Gott schütz' den Kaiser und das Reich! + +In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch: + + Das Wegekraut sollt stehen lan; + Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran! + +Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger +Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen +äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige +Erinnerungen ziehen das Auge auf sich. + +Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily +gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein +Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von +Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet; +ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von +Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885. + +Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und +Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus +Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein +Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das +Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet. + +Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich +an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee, +Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal +ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine +smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt, +eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus +liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt! + +Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt, +400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten, +ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon +Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz +vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der +Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das +kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im +nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft, +der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger +Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so +groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei +Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber +dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und +Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers, +bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet. + +Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das +_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in +Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder +Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die +eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten +(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen. — Durch +einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit +dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: „In trinitate +robur“, gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem +Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh +im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des +Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des +Sohnes Wilhelm. + +Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses: +_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den +Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde, +Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch +eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders +fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die +Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen +folgende Worte: „Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen +Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de +Provence Nr. 14 unterzeichnet worden.“ + +Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht +reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer +Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt, +scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an. +Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von +Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke; +Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter, +darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl +Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a. + +Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten +Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe, +Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier +Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der +Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel +gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir +Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in +gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit +je einem passenden Ausspruch, wie: „Ich habe keine Zeit müde zu sein,“ +„Lerne leiden ohne zu klagen“ und andern. Eine kunstvoll geschnitzte, +hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I. +erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell +des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus +Hirschgeweihen. + +Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine +Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten. +Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der +Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung +Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse, +Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet. + +Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh. + +Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen +doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame, +schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen +in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude, +von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine +ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch +lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der +Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das +einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen +Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller +Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte +sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich +geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu +halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen! + +FUSSNOTEN: + +[11] 1869 geschrieben + + + + +XIV. + +Ein Nachmittag bei den Karthäusern. + + +Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z., +der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom +Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und +befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen. +Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke +Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der +Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer +umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in +der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen, +an denen keine Fenster zu sehen waren. + +Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland, +erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden +ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs +Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben +widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein. +Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten +strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie +üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere +Bildung. + +Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal +besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache +abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge +(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch +1/4 Stunde bis zur Karthause hat. + +Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder +Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir +eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem +Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in +freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang +herumführte. + +Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit +Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter +in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und +betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir +eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter +dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir +vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker +versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der +Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die +Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden: +in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während +sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt. + +Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der +interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche +Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand +gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume, +im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel +davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte +lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des +ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen +hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und +Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl +und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer +Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine +Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der +Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng. +Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet, +körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die +Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch; +zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu +Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag +gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden +häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben. +Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke +zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur +Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis +halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht, +Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden. +Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und +nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr. + +Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und +Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick +dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil +augenblicklich die pflegende Hand fehlt. + +Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen +Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang +zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt +wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der +Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis +bedurft hätte. + +Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder +zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles +scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt +Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der +voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern, +einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der +Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke +Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern +köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder +Bienenvater verkauft. + +Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur +(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause +(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in +Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der +dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten. + +Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich +ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie +während der Jahre 1875-90 geruht. + +Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte +reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind +meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben +entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine +Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein +Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte +seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer +für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein +Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere +Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem +Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso +fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit. +Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen. + +Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den +Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein +gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ +uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns +zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen. + +An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der +Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse, +alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch, +uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem +Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die +Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem +Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen +Gefährten daraus vor. + +Da schreibt einer: + + Wo sind Fried und Ruh + Und Herzensglück zu Hause? + Ich weiß es genau: + Hier in der Karthause. + Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters. + +Ein anderer: + + Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen! + Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft. + +Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse: + + Drum pflege nicht den Leib zu sehr, + Sonst wird dir einst das Scheiden schwer! + Hast du die Seele treu gepflegt, + Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt. + +Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber +nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen +schattenlosen Weg nach Düsseldorf. + +Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt: + +Härzlichen Dank für die gute Bedinung! + +Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen +Versen: + + Besten Dank + Für den guten Trank. + +Ein Trappist schreibt: + + Gratias intimo ex corde + Carissimi Confratres Cartusiae + Oremus pro invicem. + + (Name) + Trappista. + +Sehr anmutend fand ich die Eintragung: + + Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen + mich an die Wahrheit des Spruchs denken: + + Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise; + Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise. + + (Rüdert.) + +Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt +verboten ist, schreibt: + + Leider hab' ich nichts gesehen, + Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen. + + Frau X. + +Endlich noch zwei lateinische Sprüche: + + Cartusis clara + Eras mihi praeclara + Eris mihi cara! + +und + + O beata solitudo, + O sola beatitudo! + +Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte +freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im +heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb +der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich +mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken +sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden +Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — — + + + + +XV. + +Eisenberg.[12] + + +Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit +Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber +auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern +pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie +aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben. +Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo +ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden +von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden +Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im +Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange +Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn +Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer, +wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint +auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl +villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen +höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange +dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom +höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die +wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den +Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das +_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in +etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine +Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon +bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem +_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz. +Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem +Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des +Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß +„Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er +ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten +Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den +älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den +deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen +„Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem +ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und +Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung +mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war +jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt +ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg +in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine +einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von +Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm +war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere +Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt +liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg +bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des +Hauses. + +Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des +Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein +Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph +_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant +anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat. +Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine +Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben. + +Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang +und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte +„Thälchen.“ + +Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von +zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten +(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie +gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will +Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von +Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus +prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das +Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle +Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal, +durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen +und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen +auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen +Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein +größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen +Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu +gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See +gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt +Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_, +mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den +hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde, +von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe +einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte +er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von +dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er +sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte; +freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und +Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen. +Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen +östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken. + +FUSSNOTEN: + +[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg + + + + +XVI. + +Das Goetheviertel in Frankfurt.[13] + + +Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe +ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile +eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische +Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg +ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare +diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren +haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen +Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser +Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die +Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den +„Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause, +„Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand, +während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse +am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und +weißer Wein floß. + +Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und +sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den +großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf +der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in +die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen. + +Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt +aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem +Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen +die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie +sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der +Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an +denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in +dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große, +schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit +mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten +lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde +_Goetheviertel_. + +Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet +_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein +dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges, +bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es +bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden. +Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den +Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine, +damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im +wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel +angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das +Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des +Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben +hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus, +Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“ + +Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen +Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft, +die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die +entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie +veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen +Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und +neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine +deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die +Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre +verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine +mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser +Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches +durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich +zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue +Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein. + +Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein +Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich +aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere +Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir +zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren +Angehörigen freien Eintritt. + +Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als +Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie +Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer. +Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts +herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß +des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da +Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen +Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten +sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu +verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter — +der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur +Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel +hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere +herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan +mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an +und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft: + + Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst + Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher. + Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes! + Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen! + +Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher +Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“ + +Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die +Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung +ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen +können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen +Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern +teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet +hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen +und verbannen sollen.“ + +Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit +Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der +Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die +Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts +abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des +Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des +_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von +und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal +einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß +allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt. + +Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des +alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, +dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter +Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter +Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte +hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. +Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen +Sohn, Johann Wolffgang.“ + +Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines +Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten +aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige +heraus. + +Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann +und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine +Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber +mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den +Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es +zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und +ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener +Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“, +die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen +Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie +eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf +Goethe und seine Familie bezüglich. + +Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem +Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus +Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht +im ersten Buche und lautet: + +„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer +nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den +Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich +heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch +sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und +Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich +nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine +Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden +Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug +sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln +und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich +ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so +erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer +daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten +Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in +der Folge noch deutlicher zeigte.“ + +Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng +und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die +Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in +Frankfurt. + +Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem +baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des +Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz +seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken +kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige +Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist +mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, +Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und +der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese +wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers +Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, +sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende +Victoria. + +Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem +imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf +roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen +Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten +Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie +mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne +nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“ + +Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht +der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes +Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An +dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe +Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach +Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und +mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das +Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar +ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat, +von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen +Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er +ihn kaum. + +Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem +reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und +Kornmarkt zusammentreffen. + +Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht, +Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der +kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in +Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und +winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im +vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt. +Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten +Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne +verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über +siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln +verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch +immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast +der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er +sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien. + +Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als +ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends +um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die +Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern +Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an +einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam +nie von seiner Seite. + +In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines +Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als +einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis +et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich +mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die +Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und +reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich +andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung +fanden.“ + +Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später +in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann, +die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter +zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem +eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die +erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17] + + „— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines + Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18] + Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles + aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig + angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das + eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich; + ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige + Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und + Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre + Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas + Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie + nötigte, waren ungezwungen und leicht. + + Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber; + wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon + angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges + Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft + mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich + will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten + Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen + Pausen meinen Besuch zu wiederholen. — + + (17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich + zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen + Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht + hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“ + +Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf +Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für +keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim, +einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr +Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister +Goethe in Weimar. + +Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das +Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den +Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes +gefallen ist. + +In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte +Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche +Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz +der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen +Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen +schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals +verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume +fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum +der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, +Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung +derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie +emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten +beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene +altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte +jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals +mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf +dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere +Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können. + +Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe +ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich +mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines +unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte. + +Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, +bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe +der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein +Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich +eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige +Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“. + +Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in +eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat +man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des +Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt: +die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes. +In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden +Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die +Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des +Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze. + +Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger +Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und +Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte +Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten +Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten +der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten, +die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens +Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht +bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren +Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb +gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief. + +Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe +fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie, +wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte +großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an +Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind; +denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte +Anwendung: + + „Wer den Dichter will verstehn, + Muß in Dichters Lande gehn!“ + +FUSSNOTEN: + +[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt. + +[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber. + +[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens. +Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt. + +[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht +jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu +langen macht. + +[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16. + +[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach +heutigen Begriffen bescheiden zu nennen. + + + + +XVII. + +Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine. + + +Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so +auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung +der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das +Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit +meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines +Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen +Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden +hier nicht berücksichtigt. + + +_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._ + +Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und +Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer +gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule, +worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich +zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger +praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer +und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der +Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls +er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner +Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während +„Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich, +jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist +durchweg die plattdeutsche. + +In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu +untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt +haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als +Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche +ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das +Oberseeamt in Berlin. + + +_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._ + +Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt. +Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die +Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie +sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_; +hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit +voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen +_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das +Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen +_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat, +heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben +wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch +Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine +einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den +Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur +Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum +Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch +Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“. + +So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil +aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den +Dampfern übertroffen. + +Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger +„Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden +nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den +Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt +verwendet worden. + +Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21] +breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen +die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts +reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10 +Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons +Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und +ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500 +Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2. +Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen, +2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu +verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie +können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer +Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden. + +Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren +Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei +Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt +nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die +Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein +unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder- +und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon, +Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der +Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte. +Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die +Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des +Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das +Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen +Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe +keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so +wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge +dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge +einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier +eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs +englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten +gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind. + +Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne +oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne +angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke +Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser +auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang +ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen +Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte +Aufmerksamkeit notwendig. + + +_Leben an Bord._ + +Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt +in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit +Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies +geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben +nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet. +Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr +früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso +ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke +geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr +sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der +Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf +Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke +kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die +Eßzeiten und die Ablösung der Wachen. + +Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder +nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen. + +Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt +verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem +komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“ +befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag. + +Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer +messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde +nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange +herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die +Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht +sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das +Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist; +auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen +ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus. + +Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr +stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in +welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen. + +Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde) +nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen +oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen +befördert werden. + +Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist +ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In +dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben +und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot +wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht +in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört. + + +_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige +Eigentümlichkeiten._ + +Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_ +aufgestellt, die allgemein angenommen ist: + + Windstille = 0 + Sehr leichter Wind = 1 + Leichter " = 2 + Schwacher " = 3 + Mäßiger " = 4 + Frischer " = 5 + Starker " = 6 + Steifer " = 7 + Stürmischer " = 8 + Sturm = 9 + Starker Sturm = 10 + Heftiger " = 11 + Orkan = 12 + +An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder +auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese +Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende: +_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke. +_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen +Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke +zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben +können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch +gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und +abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer, +Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m. + +Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem +Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt: +kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten +Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume, +die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen +Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit +einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird, +der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt, +das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke +versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird. +Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_ +eingetragen. + +Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu +Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze +komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen +800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze; +beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“ +„Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur +einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den +18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die +von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden. + +Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren +Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige +Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den +seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich +eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe, +Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl +ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland, +Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf +o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander +entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur +Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma, +Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer +Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie: +Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich +Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der +Dampfer gehört, schon von weitem erkennt. + +An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art +Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe +statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen +u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines +Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen +Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will +ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich +aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt +war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in +Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte +sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht +zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem +ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe, +besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter +bei weitem nicht. + +FUSSNOTEN: + +[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es +entspricht der Unterleutnant zur See — dem Leutnant, der Leutnant zur +See — dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant — dem Hauptmann, der +Korvettenkapitän — dem Major, der Kapitän zur See — dem Oberst, der +Konteradmiral — dem Generalmajor, der Vizeadmiral — dem Generalleutnant, +der kommandierende Admiral — dem kommandierenden General. + +[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere +Besanmast. + +[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß +engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km. + + + + +XVIII. + +Oberhausen. + + + „Tausend fleißge Hände regen, + Helfen sich in munterm Bund; + Und in feurigem Bewegen + Werden alle Kräfte kund.“ + + Schiller + +Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher, +an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte +sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der +liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand. +Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt, +sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu +erreichen ist. + +Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine +rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor +einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte +doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens! +Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden, +amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und +außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber +Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei, +teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen +überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der +eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser +Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die +Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen +großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der +Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist. +Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf +dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine +schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die +Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die +Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen. +Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und +verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim. + +Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als +Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt; +direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas, +über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg, +Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn +auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über +Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet +ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und +D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu +gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen +und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen. + +Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der +Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz +so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde +von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der +Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere +Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder +Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße +architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige +Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport +gehuldigt wird — eine Einrichtung, die man in Hunderten von +Mittelstädten vergeblich suchen würde. + +Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der +Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der +Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die +unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende +Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren +13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt +existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über +60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a. +gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den +Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die +mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen +Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die +Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen „Konkordia“ und +„Oberhausen“. + +Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I. +geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren +von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird. +Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen +Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und +angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich +an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin +liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt. + +Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige +hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf +Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß +Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei +Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben +Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei +Stunden zu erreichen. + + + + +Inhalts-Verzeichnis. + + + Widmung + Vorwort + I. Ueber das Reisen + (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen) + II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878) + III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt + IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers + V. Glensund (Ein Land- und See-bild) + VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag + VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“. + A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel + Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + 1. Riga + 2. Aus der livländischen Schweiz + 3. Von Riga nach der Insel Walcheren + 4. Middelburg + 5. Bad Domburg + B. Von Korsör nach Haparanda + C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + 1. Nach Helsingör + 2. Von Helsingör nach Gent + 3. Gent + 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth + 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland + VIII. Der Philosoph von Gravenstein + IX. Marsberg + X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn + XI. Bordesholm + XII. Auf Seeland + XIII. Friedrichsruh + XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern + XV. Eisenberg + XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt + XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine +XVIII. Oberhausen + + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco +by Ernst Wasserzieher + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO *** + +***** This file should be named 12266-0.txt or 12266-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/2/6/12266/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + + diff --git a/old/12266-0.zip b/old/12266-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dfc09fc --- /dev/null +++ b/old/12266-0.zip diff --git a/old/12266-8.txt b/old/12266-8.txt new file mode 100644 index 0000000..e78a4aa --- /dev/null +++ b/old/12266-8.txt @@ -0,0 +1,5745 @@ +Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Von Haparanda bis San Francisco + Reise-Erinnerungen + +Author: Ernst Wasserzieher + +Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO *** + + + + +Produced by Charles Franks and the DP Team + + + + +Von Haparanda bis San Francisco. + + +Reise-Erinnerungen + +von Dr. phil. Ernst Wasserzieher + +Oberhausen im Rheinland. + + +Witten 1902. + +Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug. +Pott. + + + + +Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet. + + + + +Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen +aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß +sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und +Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen +Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und +Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies +anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite +Sammlung folgen. + +_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901. + +Ernst Wasserzieher. + + + + + "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, + Den schickt er in die weite Welt." + +Josef von Eichendorff. + + + + +I. + +Ueber das Reisen + +Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen. + + +Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die +viele aber nie lernen--das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit +erscheinen mag. Da wußte die "Frau Rat" besser, welcher Unterschied +zwischen Reisen und Reisen sei! "Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist", +sagte sie einmal, "so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel +reisen." Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein +Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als +Psycholog und als Mensch. "Man darf nur auf der Straße wandern _und +Augen haben_," schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat, +"man sieht die unnachahmlichsten Bilder." Der gewöhnliche Reisende +begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was? +und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als +Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt +nicht am Reisen, sondern an ihnen. "Das Reisen als solches ist noch +nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was +sich ihm darbietet, erfaßt." (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants +Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte +ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die +menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die +Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert, +wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele +Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein +pflegt. + +Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt +besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft--wiegt das +bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen +Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß "nicht vielen der +Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder +beinah nie." Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem +Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen, +die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von +denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die +Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet; +nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das +elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer +Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr +Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten. +Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; "erst die Fremde", sagt +Fontane, "lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen." Die schottischen +Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in +der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu +werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß +freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am +Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich +auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen, +überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft, +ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein. + +Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen, +insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des +häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine +Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu +betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele +Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben--das ist der oft +unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. "Auf Reisen", so ungefähr spricht +sich Schopenhauer aus, "fühlt man sich interesselos, sieht man von der +eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_." +_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der +das Schöne definiert als "das, was ohne Interesse gefällt" (d.h. ohne +selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der +Unabhängigkeit. "Jetzt bist du zum ersten Mal allein," ruft George Sand +entzückt aus, "keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir, +dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!" Freilich stellt +sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite +dieser selbstgewollten Freiheit. "Auch der leidenschaftlichste, +fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt, +und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile +beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht +heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses +Wort mit Freuden aussprechen würde." (Amicis, Reise in Spanien, Capitel +2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch +an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten +Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den +weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung +trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des +Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des +Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der +verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren. +Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die +Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die +Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen, +Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage +in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man +dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer +in Graz zustimmen, wenn er sagt: "Reisen ist eine Kunst, eine größere +vielleicht als eine Reise gut beschreiben." (Essays, II, 58.) + + + + +II. + +Eine Primanerwanderung auf den Brocken. + +(1878.) + + +Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr +morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und +einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen +hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen +werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser +Jahreszeit--man schrieb den 12. April--eine Harz- und Brockenreise zum +Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte. + +Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von +dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu +erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob +man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes, +den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch +hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber +einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge +in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie +auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der +Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte +kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde +Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller +Schmutzsprenkeln--so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend +ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der +sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete. + +Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der +"Wernigeroder" einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde, +passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem +hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof "Zu den drei +Forellen", um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig +zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse +Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer +nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes "Harzreise im Winter", +die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu +lassen. + +Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan +hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei, +bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst +gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen; +umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns; +eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten +uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und +wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren +freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch, +sondern auf der Fahrstraße zu gehen. + +Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um. +Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen +heute Abend beim Glase Bier! + +Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer +einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten, +bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem +Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch +verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine +Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte +uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren +nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten +Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben. + +Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die +trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den +schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und +tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch +der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald +in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch +einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und +Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden +wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen, +wenn wir aber den "Fautstieg" einschlügen, setzte er hinzu, dann würden +wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch +nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten +vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar, +hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend +vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in +der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei +Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee +befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich, +daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war +aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es +Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte +sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser +Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit +sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die +Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein +Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause +eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter, +wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß +diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in +Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen, +die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den +Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten +weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer +weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen +Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und +schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den +Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir +sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich +wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die +schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen +Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte +mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich--o +Wonne--war es eine Täuschung?--Hundegebell! Wie elektrisiert sprang ich +vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein--jetzt eine Stimme--zu sehen war +nichts in der Finsternis--richtig, ein paar Schritt vor mir stieg ein +düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig wedelnd, und +wir standen in dem hell erleuchteten Flur des Brockenhauses, vor uns +zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht, die einzigen Bewohner +des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs erschallten wie aus einem +Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude, festen Boden unter den Füßen +zu haben, wäre ich dem Oberkellner am liebsten um den Hals gefallen. Und +nun rasch hinauf in das Zimmer, das durch einige in den Ofen geworfene +Scheite Holz bald behaglich durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die +wie aus dem Wasser gezogen waren. Und nun hinein in den beiden Betten, +aber nicht zum Schlafen! Der Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen +uns, auf dem bald eine große Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst +dem Hausknecht heran. Und nun wurde fleißig angestoßen, bis mir die +Augen zufielen und ich in einen tiefen Schlaf fiel. + +Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt +wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage. + +Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste +Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee. + +FUSSNOTEN: + +[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen +Instituts zu Köthen i. Anhalt. + + + + +III. + +Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2] + + +Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa +wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses +getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an +die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der +amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt +Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem +oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um +darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten. +Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von +der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend, +in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer +ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so +wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu? + +Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung +quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein +Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich +berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es +dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington +überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung +entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus +benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet. + +Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade +mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer +breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des +Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die "Flat" zieht sich am +Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt +sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig +angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in +regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts +Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne +etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem +Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit +Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und +Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein +Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist +unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine. +Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit, +wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben +wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte +Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar +Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet, +mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind +die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der +Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre +Einkäufe für die Woche zu besorgen. + +Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw. +Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein +hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die +geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen +in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen +Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren +Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist, +wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich +mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus +dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe +nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen +guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht +ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz +frei. + +Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500 +Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr +Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der +katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der +katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der +anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und +Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das +Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der +Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann +man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen +hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen +nicht einmal die Ruinen mehr. + +Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint +wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch +Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man +ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die +Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer +hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen +Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans, +befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und +Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß +nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar. + +Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber +unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau, +besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man +nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein +sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem +Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur. + +Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein +blos "River" [Fluß] genannt), durch die "Flat" hinauf nach der oberen +Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den +mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten +Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben +sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln, +oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der +katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die +ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken +Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach +Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne +Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald. +Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der +Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes, +weltvergessenes Idyll--so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen, +rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm +vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein +Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in +stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen +zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere +Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht +umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser +majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer +nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu +flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke, +die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen. + +Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur +Mormonenzeit. + +Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe +Smith das "Book of Mormon" heraus, das er durch göttliche Inspiration +und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die +aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist +die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen +Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen +aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine +Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und +1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort +wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und +wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr +rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das +Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe +betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein +großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von +Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an +der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den +eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die +Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf +30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das +Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der +Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der +umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. +Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und +es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die +Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der +Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde +gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago +(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der +Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung +durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem +berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an +den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten. + +Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde +gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem +ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und +die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so +liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren +riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich +erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen +Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen +zu haben. + +Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und +unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und +bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war +nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im +Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen +konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam +liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, +die nur mit einem Holzpflock verschließbar war. + +Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war +manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden +Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das +wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde +holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern +darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim. + +Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum +Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen +Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen +Buche "Voyage en Icarie", in dem in Romanform die Grundsätze des +Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt +werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften +die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein +Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die "Revue Icarienne" +halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in +völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie +auseinander, weil Cabet gleich Cäsar "voll Herrschsucht war"; ein Teil +führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; +andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, +Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben. + +Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. +Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich +die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen +Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die +Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen +könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich "Schinderhannes, +the Robber of the Rhine", von den deutschen "Papa hat's erlaubt" von +Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei +Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für +einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt +gut Violine und liebt die deutsche Musik. + +Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung +ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im +Kriegsjahre 1870/71. + +Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser +als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche +sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres +mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und +spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die +Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene +Abhandlung erfordern. + +Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der +Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb +im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, +sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die +Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt +befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte +der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das +geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago +Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das +riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber +zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern +das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze +zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals +hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich +das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt +hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. +Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die +Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene +Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu +erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der +vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht +eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache +ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union +leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und +Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine +sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die +Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich +vermindern. + +Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß +die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen +werden. + +FUSSNOTEN: + +[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden +folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch. + +[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort +Madison, wo ich ihn sah. + +[4] Siehe das Titelbild + + + + +IV. + +Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers. + + +Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist +das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich +ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit +meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft +hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch +den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; +vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen +felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr +wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt +und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem +Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln.-- + +Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt +in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor +allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu +fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit +der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten +übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten. + +Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man +bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum +den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist +z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen +Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf, +leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco, +am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der +Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines +Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz +herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen, +weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit +Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und +durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem +hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das +gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in +der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln. + +Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der +Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines +Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens +mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien +von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner +Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen +hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine +Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich +ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und +in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt +die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als +Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben +sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und +von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San +Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in +Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl, +daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig +blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man +durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt +das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt +auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die +freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal +des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen +Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine +sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut, +benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal +liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren +Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die +schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden +abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf +äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum +der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen +wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast +überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. +Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, +wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von +2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales +(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, "Wawona", der einen +Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und +6spännige Postkutsche fährt. + +Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben +hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der +Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die +Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte. + +Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine +Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so +bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit +haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht. + +Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine +Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde +verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm +in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst +130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns +gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es +von jeher gewohnt wäre. + +Eine halbe Stunde abseits liegt "S's Ranch", eine Meierei, wohin B. und +ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort +Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und +Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer +Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es +schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut +gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe), +sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten. + +Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der +sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in +Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer +Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich +über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten +Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd +dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die +Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des +überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um +sich greife. + +Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und +spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette +prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in +seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale +überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein +Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von +derartigen Bestien unbehelligt. + +Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern +verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen +der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die +Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch +Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der +hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der +Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ, +und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten +Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort +einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen +mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab, +als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald +einfuhren. + +Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden +Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die +Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam +senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer +schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln +und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der +Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst +wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer +sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter +Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot. +Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist--welche liegen bleiben und +an Ort und Stelle verbrannt werden--, wird er in Stücke von etwa 15 +Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen +auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in +die Sägemühle gefahren. + +Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und +Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen +Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück. + +Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die +ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo +ich übernachtete. + +Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der +Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel, +von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner +herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den +reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten +Lande zu finden sein! + +Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern +stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich +ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war, +und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und +Eigentümer dieses Friedhofs. + +Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner +wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt. + +In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch +hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der +Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist +der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen +kann--es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor--; +Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender +Geschwindigkeit umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die +beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch +diesseits der Felskante herumschlürft. + +Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger +angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der +freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den +gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide +gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein +Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, +erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus +gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. +Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr +Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten +nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen +hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch +einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen +geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren. + +Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig +durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem +großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel +gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und +Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der +Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde +getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler, +der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und +einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris +und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen +Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung; +der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen +Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch +ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben +beizubringen, was mir indes nicht gelang. + +Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger +bedient, von denen einer--seltene Erscheinung!--durch seine Schönheit +auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke +flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier +Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht +hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal +entronnen zu sein. + +Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in +amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun +daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben. + +An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit +einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die +Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt +unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den +Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen +dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. "Des Teufels +Tintenfaß", "der Hölle Badeanstalt" und andre, mehr oder weniger +passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem +Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr +schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, +mit den Geysers im Hintergrunde. + +--Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der +Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren +waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf +eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu +stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine +Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte +uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem +sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit +der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum +Andenken. + +Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200 +Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten +hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit +Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco. + + + + +V. + +Ekensund. + +Ein Land- und See-Mosaikbild. + + +Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht +(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern +oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu +entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte. +Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von +Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig +mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich +auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine +geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der +jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß +doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im +Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile +außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder, +und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für +mich und meine Familie herkriegte. + +Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach +Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen +und riefen entsetzt aus: "Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem +Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein +Wald und kein Kurhaus----" + +Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde +jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund +Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei +Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was +bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist, +wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und +nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern +auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die +Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald +und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten +sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte +Auge des Philisters, der für "Natur" schwärmt, bei Ekensund eben +nur--Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen +Schwestern Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle +heißen; aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über +jene anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen. + +Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben, +wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen +schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch +gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist. +Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie +auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch +meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das +kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war +früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben +und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer +zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf +den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen +Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder +erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine, +die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden. + +So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf +das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine +internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine +merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische +Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen +Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem +Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja +auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die +Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und +dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in +der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische +Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch +Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr +Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner +trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English +spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch +und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur +"Kartoffeldänisch", wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des +Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine +Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine +Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte +sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das +Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche +Reichspoststelle eines anderen belehrte. + +Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite +Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem +stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche +Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei +Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16 +und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem +Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die +nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich +den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen--doch damit +komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds--auf die Maler! Merkwürdig, sie +sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern, +die hier hausen, bilden sie die Majorität--zur Zeit sind es 7! Die +übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere +dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund +unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die +freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören +Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein +von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein +Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und +Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige +früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft +darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener +Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann +erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er +jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich +habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt. +Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet, +ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem +Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte! + +Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr +aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren, +und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann +nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos +sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren +Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem +einsamen Ekensund Lebewohl sagen. "Der Adler fliegt allein, die Krähen +scharenweise." + +Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich +den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen +genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus +ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine +Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten +Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den +Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl +brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein +abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der +Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in +ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie +zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von +vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern +auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren +schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern, +Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler +Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre +jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl +hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das +große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig +Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit +gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und +lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der +ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind +die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die +mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen +als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am +Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer +Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den +Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen +anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim +trojanischen Kriege: Cherchez la femme! + +Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds +einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der +Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer +Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel +Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel, +welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen +streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel +Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also +auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund +vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen. + +Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück, +was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe, +niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der +Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das +große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar +nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin +über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf +stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des +Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf +dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind, +die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen +Sonntage--es war vor acht Tagen--fand wiederum ein heißes Ringen in +Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen +zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen. +Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren +sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des +Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und +Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine +Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und +einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die +Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es +sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu, +daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht +fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben. + +Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in +Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine +Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: "Na, +Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?" blickte er mit +seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er, +freudig aufblickend: "Zwei große Hunde!"--Enttäuscht über diese wenig +sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: "Und was denn +noch?"--"Viele Wagen und Pferde!" kam es schnell heraus. Daß Hühner, +Tauben und Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere +direkt genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, +was ihm wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz +blind. + +Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die +Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und +lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen +nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und +mehr braucht man nicht im Leben. + +FUSSNOTEN: + +[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf. + + + + +VI. + +Ein Besuch bei Gustav Freytag. + + +Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von +Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn +nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem +die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die +Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen +waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich +ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte, +beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem +Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll +und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte, +während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner +Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den +hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer +ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns +als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden +Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe +gewagt werden. + +Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die +Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten +bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen +Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von +freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in +einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen +gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen +nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir +schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte +ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben +ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof +erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine +Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte +freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr +einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen +Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß +ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei, +sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen +vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie +wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen +festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein.--Aus dem Speziellen +ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine +Individualität unterdrücken, ist das Ziel.--Aber doch nicht das +_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der +Individualität betrachte ich weit eher als Ideal.--Das Talent geht nicht +unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht.--Als ich erwähnte, daß ich +eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut +gespieen und bin so alt geworden. + +Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er +zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum +nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm +sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu +vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes +übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles +orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür +sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne +Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich +Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern +gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung, +seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: "Vorigen Winter hatte +ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein +Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern." + +Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf +seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet. + +Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal +flüchtig kennen gelernt hatte. + +Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und +scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in +keines, versetzte er: "Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß +man zu ihnen gehört." + +Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag +hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß +er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden, +denn er war fast gerührt beim Abschied. "Leben Sie wohl, Herr Studiosus, +arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie +drücken."--Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in der +Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann deutete, +als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation. + + + + +VII. + +Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira". + + +A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel +Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + + +1. Riga. + +Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst +einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den +höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie +sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit +Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand +hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt +die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht +man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts. + +Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein +Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist +durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze +Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen +außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf +dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken +verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal, +mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus +der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben, +seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier +Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die +viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der +Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit +und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die +prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten +Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der +alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in +den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die +glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf +dem Domplatz. + +Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende +Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_, +1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter +gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten +Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den +schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt +einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke +enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an. +Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große +Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St. +Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige +Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der +Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des +Handwerks. + +Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und +Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die +Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf +Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die +Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben. +Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof +Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum +Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben. +Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der +Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell. +Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen +vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den +Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem +Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der +livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem +Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische +Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen +versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es +noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der +Rigaer ausgerottet sein wird. + +Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische, +dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende +von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland +gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna +geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung +zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich +hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die +Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. "Schutzgarten" umgeben, der aus +Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das +Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit +besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit +besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum +Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so +stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra! +weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht +glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom +Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist, +vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem +andern Schiff von neuem zu beginnen. + + +2. Aus der livländischen Schweiz. + +Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer +Anzahl "Schweizen". So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen +Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die +holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch +die--livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine +geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche +Vorstellungen über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig +verborgen geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und +Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht +habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung über das Geschaute +auszudrücken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu +empfehlen, den Besuch nicht zu versäumen. Freilich, wen führt sein Weg +nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen +Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend für +Reichsdeutsche. + +Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine +Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages--es war ein +schöner, sonniger Sonntag--begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. +Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß +der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski. + +Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, +der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse +versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die +Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand +an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der +Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die +mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel +sei jetzt aber abgestellt. + +In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen +wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es +waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, +die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih +und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann +vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns +ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die +Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art +Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt +entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine +primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem +zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht +festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für +3-4 Personen. + +Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, +wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren +sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der +uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot. + +Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, +durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen +mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern +aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste +Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, +zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen +Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke +in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich +hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so +weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die +Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von +Inschriften bedeckt, darunter folgende: + + Den Namen schreibt in das Gestein, + Die Heimatslieb ins Herz hinein! + +Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet: + + Ach alles ist veränderlich, + Das Mäuschen wird zur Ratz, + Was früher hübsch Gesichtchen war, + Wird doch zuletzt zur Fratz. + +Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür +stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in +die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in +der einmal jährlich deutsch gepredigt wird. + +Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde +den mir zugemessenen Raum überschreiten. + + +3. Von Riga nach der Insel Walcheren. + +Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna +hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen +Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte +ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts +zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben +lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das +Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder +auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß +das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder +Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder +Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also +die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer +ist--ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland +nach Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage +danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen.--Jede Minute nahm +das Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen +über den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das +daran haften blieb. + +Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit +den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen +und fortwährend kleine Regenbogen bilden--das zu schildern steht nicht +in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um +deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was +doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. +Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag +vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein +Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte +mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu +begreiflichen Widerwillen. + +Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der +Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher +Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht +abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein +Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte +ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald +hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal +verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte +bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als +praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen +holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an +diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede +Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu +lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der +Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst. + +Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. +Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in +dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um +Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus +einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe +Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge +herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal +hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa +halbwegs, Middelburg liegt. + + +4. Middelburg. + +Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge +gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, +Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu +spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die +holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine +Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen +sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben +"Kapteihn" so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: +Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer "Mira" war +fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja +vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine +norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich +uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten +wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte +der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten +Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen +Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres +zurecht. + +Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere +Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren +glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen +Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; +aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine +eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene +Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite +an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in +Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und +Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das +einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, +und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. +Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und +hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin. + +Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, +zierliche Vorgärten, in denen nur--die Blumen fehlen! Statt dessen sind +sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch +bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die +allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser +tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als +vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt "Zu +den drei Gießkannen", ein anderes "In de dry Teertonnen". Auch in +Middelburg scheinen aller guten Dinge drei. + +Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges +Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das +herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute +verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal +im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang +bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie +kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt +sie, und je mehr man sich dem "langen Jan" nähert, dem Hauptkirchturm +der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die +dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in +Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an +lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben +häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn. + +Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche +grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten +die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein +stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß +nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder +folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht +vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks? + +Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches +Angenehme gespendet hat--die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, +eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die +Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute +Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge +vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 +Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das +Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den +Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir +manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens. + + +5. Bad Domburg + +Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an +vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar +schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals +nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte +mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es +gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem +Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen +mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch +sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, +die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das +Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die +verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie +und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land +ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen +können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die +Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, +sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die +Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, +das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein +Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die +Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen +lassen.--Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch +einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und +undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. +Ipenoord, Schoonoord. + +Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an +einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, +eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen +zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes +Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem +Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst +dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt +war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den +weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als +wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen +Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch +Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen +Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer +Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen +umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel +umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich +aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus +denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere +und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande +lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far +niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern. + +An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem +ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig +geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen +vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen +Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade +innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten +Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der +Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und +Wasserwüste. + +Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück. + + +B. Von Korsör nach Haparanda. + +"Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat", pflegte unser Schiffskoch, der +originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein +Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich +wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das +mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, +und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen +Sommer wieder mitnahm. Die "Mira", ein Dampfer von 210' Länge und 1200 +t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach +dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken +nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das +Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher +hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener +Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine +erste Seereise, mitmachen wollte. + +Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, +hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur +mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. +Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen +wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas +weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und +fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach +Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter +Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf +dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage +ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. +Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die +schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten +Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte +sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden +das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit +schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, +daß er sie wie ein Rahmen umschloß. + +Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an +Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe +prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm. + +Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö +verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische +Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und +mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ +sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, +in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam +ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen +Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander +schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer +Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand +zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben +links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag +Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings +von höheren Bergen umgeben--ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht +erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große +Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem +Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der +eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel +mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das +reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte +Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden +beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das +Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, +hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen. + +Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte +bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt +werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die +annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre +1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der +Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin +oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das +prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute. + +Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden +einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir +diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur +flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, +das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl +Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen. + +Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit +Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete: + + Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom. + (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen). + +Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem +dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich +dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er +hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir +begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren +beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die +Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich +unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, +er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu +beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen +Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein +von Damen betrieben. + +Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, +sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in +der Welt viel zu wenig bekannt sind. + +Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue +Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich +versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es +während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich +starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden +zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was +durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet +man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische +Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren +ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das +war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es +charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, +will ich etwas näher darauf eingehen. + +Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter +Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber +wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen +Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der +Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen +dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir +kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; +was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste +der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. +Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit +mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein +kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen +Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, +zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot +vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der +Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist +dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer +der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; +dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun +zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz +einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen +Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen +mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier +(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt. + +Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell +als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber +erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von +Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach +Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die +vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die +Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des +mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, +schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit +Wald bedeckten Inseln.--Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu +denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda +und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf +trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit +verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude +sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich +rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und +da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht +vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man +ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa +1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische +Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. +Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem +Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte +sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber +Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach +einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf. + +Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer +fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch +einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr +zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu +machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft +hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige +Eleganz aus. + +Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte +mit den auf einem Seitentisch servirten "Smörgods" begann. Ich zählte 16 +verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige +Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der +Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des +weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also: + + Frukost för Herre 1,25 + " " Dam 1,-- + +So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer +mit Preisunterschied für Herren und Damen. + +Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, +an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche +Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff +füllten. Es sollen sich sogar 80 "Sommerfrischler" auf der großen Insel +aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. +Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr +Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser +nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz +und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch +zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die +Bäume--Nadelhölzer und Birken--sind meist niedrig; größere Exemplare +trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade +reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte +bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie +Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf +Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, +von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 +Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen +Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der +Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns +nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur +Finnisch. + +Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden +sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und +Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig +lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. +Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; +die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die +Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten. + +Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in +Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir +einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es +gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die +deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst +die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen +Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die +dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht. + +Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten +einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen +beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, +gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem +cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer +Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die "Mira" war das erste, das +überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das +Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser +giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier +verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein +mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, +die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der +einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen "Salon". Das +Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist +aber in Schweden gebraut. + +Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. +Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran +geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute +mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf +den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im +Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt +sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet +durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür +beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., +deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die +Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes. + +Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff +besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß +hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche +Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar +erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem +Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht +als zum "Raum" gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld +gespart. + +Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das +Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum +Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse +für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum +Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten +von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen +zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag. + +Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die +Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer +Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so +daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die +Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im +Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte +Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige +Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, +finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen +sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig +war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die +fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr +in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht +ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den +finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde. + +Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen +Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die +Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels. + +Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es +noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler +mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und +Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe +steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält. + +Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, +um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen +hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der +Hauptstraße begegnete. + +Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und +befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der +Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. +Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas +Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf +meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland +vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen +Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte. + +Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts +Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich +mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über +Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf. + +Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und +umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer. + + +C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + + +1. Nach Helsingör. + +Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, "das Land der Griechen mit +der Seele suchend", so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, +sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern +bloß Finnland, woher ich die "Mira" erwartete, die mich an Bord nehmen +sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und +doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von +Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war +keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y +Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit +Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir +verabredet, an dem ich die "Mira" erkennen sollte; er wollte mit der +Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige +Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich +sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten--"doch das eine +war es nicht". Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von +Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach +ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 Stunden +brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag früh um 6 +Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte +sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den breiten +Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten Sund, an +dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch Helsingborg +auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, spazierte ich am +Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seeländische +Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse +einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte. +Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu, +dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die "Fliegenden Blätter" und +plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor +allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die +Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber +den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik +nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 +Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl +der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst +kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), +Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit +seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen +will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, +von denen sich allerdings einige mit dem "harten" p schreiben. + +Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ +ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die +bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in +gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, +schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr +genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß +Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich +ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der +Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der +sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir +nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel +zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und +siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit +mit der heißersehnten "Mira" aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, +die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende +Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; +endlich--und dies Zeichen konnte nicht trügen--der siebenzackige weiße +Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und +jetzt--ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer--ich rufe nach +meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch +befindet--ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter +folgt--inzwischen ist der Koffer gekommen--ich suche nach dem Portier, +um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die +Teilnahme, die er für mein Schicksal gezeigt--er ist nicht zu finden, da +soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt--gleichviel, ich muß fort und dem +Braven schuldig bleiben--ich schicke ihm später den Betrag durch +Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! +Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem +Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der +"Mira", die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt +der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die +Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei +schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), +und--me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das +Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine +halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen +Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben. + +Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke +und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie +ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin. + +Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa +zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei +Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 +Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem +erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. +Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der +fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der +Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen +Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen +Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich +schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich +aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten. + +Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) +lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle +Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle +Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), +tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer +sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein. + +Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man +überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch +_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen +Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf--Deutsche +schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, seit den +letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem +Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix +bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer der +Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung +Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de +Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? +Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht +übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man +berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das +wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, +dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren +sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder. + +In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden +dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in +zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf +uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige +Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, +deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens +Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie +alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate +verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen +Märchenerzähler wohnte. + +Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die +uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie +dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf +der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das +Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von +Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das +unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die +Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der +mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein +dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück +erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach +greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste. + +In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich +in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet +landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige +Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln +und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch +einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen +Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch +Klopstocks Ode "Rothschilds Gräber" berühmt geworden. + +In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die +Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf +und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg. + + +2. Von Helsingör nach Gent. + +Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der +Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der +sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit, +die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten +Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob +sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern, +Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des +Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf +See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger +Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord! +Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_ +Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische +Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des +Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern. + +Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner +Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje +auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das +Unglück schreitet bisweilen schnell! + +Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des +Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, +obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf +die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in +den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von +Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der +Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die +Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang +entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der +schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als +rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob--das zu +beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang +gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, +und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das +Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte +sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen +Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb +verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, +ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, +aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte--es +mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein--krochen der Kapitän und ich +wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. +Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, +verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder +da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin +ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. +Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten +wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, +tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus +dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem +kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie +immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der +Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen +Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, +verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen +Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit +uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem +Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er +manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal +stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und +unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest +angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler +Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, +unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um +3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. +Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster +geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft +seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal +so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren +Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich +wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern +nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und +hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu +einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche +Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein +anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. +Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die +dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach +einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei +Nebel natürlich immer auf "Langsam" arbeitet, wurde auf "Halt" gestellt, +und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder +nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß +verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die +Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der +Kapitän meinte, er habe "vollen Dampf" gehabt, sonst wäre er nicht so +schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, +auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu +verlieren. + +Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der +Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine +Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter, +Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte +der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff. + +In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine +Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich +krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er +nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum +Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts +übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an +allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich +krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von +der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr +schwierig. + +Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. +Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden +später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der +Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 +Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, +kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den +Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab +und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich +wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein +Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das +Feuerschiff "Hoek van Holland", wieder nach einigen Stunden das von +"Schouwensbank" passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste +entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom +Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff +stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir +hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, +der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. +Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich +uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort "Maas", +das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von +ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr +trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See +nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen +etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war +ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre +verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der +Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den +Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache +spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes +Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse +an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller +jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der +Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen +des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde +erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der +spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein +kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge +im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich +in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für +tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich +Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen +kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse +sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und +Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel +Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, +hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. +Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen +Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden +de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste +Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot +aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein +großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem +Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, +einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der +uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen +Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe +hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen +gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die +ebenfalls in den Genter Kanal wollte. + +Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz +niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den +Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir +ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen +und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, +als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in +die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. +Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer +an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit +Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks +begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der +allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein +von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, +einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als +Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist +erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke +stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht +verrichteten. + +Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken +Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die +Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief--es war eine idyllisch-schöne +Fahrt. + +Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser +Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so +engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das +Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig +mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen. + +Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision +statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft +hatte, wurde gar keine Notiz genommen. + +Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das +Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein +Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht +wurde. + + +3. Gent. + +Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von +vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff +liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen +Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, +In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de +goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite +Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, +die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der +Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom +St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische +Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat +moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere +Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, +das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was +Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in +deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem +Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen +zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge. + +Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde +erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen +einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen +versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es +vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß +es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den +Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt +des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), +geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der +herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der +Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den +würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier +verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von +Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort +ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu +baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im +Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten +darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile +zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das +Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen +Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr +aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des +Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen +an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen +stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es +kühl geworden war, die ganze Nacht durch.-- + +So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie +gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang +gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter +für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich +an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, +abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal +populaire; an 4 Tagen Pferderennen!--Gestern, Sonntag, fing die +Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu +zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch +per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz +(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen +strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die +1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der +Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des +Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der +unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir +fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten +durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen +erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem +Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich +die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. +Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen +saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere +Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an +Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten. + +Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende +Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich +untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei +Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. +Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, +daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst +entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch +französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen +sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes +herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich +berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig +arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur +wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine +Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, +und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich +redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein +Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän +nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger +Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt +würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu +erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in +Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen +alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er +auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. +Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen +wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen. + +Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das +Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt +fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. +Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder +die Leute haben keinen Sinn dafür. + +Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2 +verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet, +und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von +Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12 +Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch +angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen +Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann +versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier. + +Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die +Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil +eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die +zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und +besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir +einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in +seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die "Mira" sei schon +früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht +der Fall war, so war er der verlierende Teil. + +Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so +arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot +pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom +Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von +Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne +gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er +wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte +ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser +Unwissenheit. + +Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für +die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war +zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche, +wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr +begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen +dauerte. + +Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen +Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place +d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination +und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es +war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten +Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die +Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und +Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer +nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die +promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen +Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder, +einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir +auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da +die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt. +Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl +bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten +oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern +noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten +Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren. + +Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag +gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff. + + +4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth. + +Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh +gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter +ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck +sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten +Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde +ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und +schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und +blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei +dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen +machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab, +um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem +Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich +immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im +Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir +in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in +den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere +aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven +wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen +Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu +umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der +wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der +Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir +vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um +8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen +vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die +Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf +das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel, +beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten +selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12 +schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff. +Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester +Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch +Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den +Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à +10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel). + + +5. Ausflug ins Schottische Hochland + +So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne +die blauen Berge des Hochlands herüber. + +Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr +wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten +durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake +berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten +gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches +Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt, +kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für +den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der +zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte +sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich +aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und +dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige +Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem +Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich, +auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren +luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee +(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht, +blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der +der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser +selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke, +blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang +sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts +trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für +die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß +über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß +neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem +befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem +Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der +eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir +unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht +hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die +Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte +Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch +Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben +Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel +gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man +nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz +bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so +gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre +des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es +beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen +Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das +Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich +versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde +herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke) +und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die +Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: "The western waves of ebbing day" +u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet +ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil +erbaute "Hotel Trosachs", von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des +Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört +zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den +notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so +hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren +Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also +vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen +herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein +winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne +hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit +einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen +verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es +mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor +allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen +nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr +prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow +mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man +freilich vergeblich bei den schottischen Seen. + +Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des +langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen +auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach +abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten, +brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde +warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir +überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen +Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am +Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner +hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen +bekleidet. + +Im "Hotel Inversnaid" hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten +den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so +viel man will, und zahlt 3 Shilling. + +Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten +Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach +Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält +viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer +derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden +sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der +Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte +öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben +Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die +Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an +die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe. + +Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr +wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das +regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an +die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz +still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist +geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des +etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des +Meerbusens fahren. + +FUSSNOTEN: + +[6] Geschrieben 1893. + + + + +VIII. + +Der Philosoph von Gravenstein. + + + Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, + Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt + Sein Wort und seine That dem Enkel wieder. + +Leonore im Tasso, I, 1. + +Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den +breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in +einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am +Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise. +Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem +Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen +trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns +nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete, + + "--wo der dänische Pflüger den Deutschen, + Dieser den Dänen versteht--" + +wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede +zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes +lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet +"bogbinder", "ikraedder" (Schneider), "Kobbersmed" (Kupferschmied) u.a. +Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders +wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in +magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick, +obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm +und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der +Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in +ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel +des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit. + +Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt +wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und +da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park +oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald +und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese, +so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von +einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau +einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn +Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des +Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem +Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser! +Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer +und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief +einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren +Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf +Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die +Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in +höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem +idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen +es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu +genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen +langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch +geschichtliche Weihe verliehen hat. + +In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest +bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den +Trümmern erstand (auf dem "Grauen Steine"). Nach mancherlei Schicksalen +ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der +Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689). +Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28. +September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn +Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine, +einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften +Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der +Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner +Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben +auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte +man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen +Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die +damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen, +die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht +eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere +Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst +nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch +nicht ein.-- + +Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und +Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf +die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit +vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die +Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und +seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast +überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst +Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog +denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der +Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen +verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und +Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen. + +Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze +Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte +der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte +den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im +nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut, +die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu +lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die +Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich +gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des +lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem +fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie +anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr +seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und +als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde +reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit. + +Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem +jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im +Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um +das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den +Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und +Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis +der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei +dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der +wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine +Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in +der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider +nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer +Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig +bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das +höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben +und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel +nicht führte. + +Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne +begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner +Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich +gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner +Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu +verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung +zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden +literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum +lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der +viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte. +Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten +Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde +von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich +die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe +am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch +heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da +beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre--aus den +ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf--der drückendsten Not zu +entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für +jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb +einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit +unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält +und begründet. "Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander +verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!" Sie bitten ihn +in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu +Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an, +lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will. + +Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er +später die "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" an den +Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. +Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer +Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen +erschien und später Ausnahme in die "Sämtlichen Werke" fand. Der +Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford +herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die +vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der +materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man +denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, +weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch +an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik. + +Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des +Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem +Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu +seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches +Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist! + +Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 +jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab +verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen +Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum +Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit +von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die +allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der +Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des +deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark +einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies +vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs--der 1808 den +dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren +seinen geistesschwachen Vater vertreten--gegen den Herzog nahm zu, als +die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine +Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder +Friedrich Christians. Als dieser plötzlich--ob an Gift, weiß man +nicht--1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, +dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den +dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls +Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. +Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag +bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer +Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen +der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; +endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. +Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun +aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen +Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark +losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark +aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche +beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt. + +Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König +wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen +förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu +"schützen". Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen +Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf +Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder +beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian +August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem +Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt +geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin +des Königs Christian VIII. von Dänemark. + +In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine +staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die +Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen +Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der +dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die +Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der +Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb +Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne +"die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit +männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre +und Pflicht zu beobachten". Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das +in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner +bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und +umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht. + + + + +IX. + +Marsberg. + +Auch eine Sommerfrische. + + +Wir wollten in die Sommerfrische--so viel stand fest. Hierin waren meine +Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir _mußten!_ Alle +unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische--eine Familie nach +Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach Eschwege. Wenn +wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, als "hätten +wirs nicht dazu!" Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die +Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen, +namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem +Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir +wollten in die Sommerfrische. + +Ich ging hin und kaufte mir "Tinten und Feder und Papier". _Eine_ Feder, +aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere +Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich +doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden, +bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl +selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch--den ich selbst +besaß--und Bädekers Rheinlande--den mir ein befreundeter, edeldenkender +Buchhändler auf einen Tag lieh--freilich unter der Bedingung, ihn sofort +zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden sollte, denn es war nur +dieses eine Exemplar auf Lager--also ich nahm den kleinen, grünen +Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und studierte und studierte. Ich +habe schon viel studiert in meinem Leben, z.B. auf der Universität, aber +so hat nur weder im metaphysischen Kolleg beim alten Strümpell in +Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei Eucken in Jena der Kopf +gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so harmlosen Bücher. Denn +da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine immer einladender als +die andere. Preisend mit viel schönen Reden registrierten die Verfasser +alles, was nur irgend Anspruch auf diese ehrenvolle Bezeichnung erheben +konnte, von Godesberg am Rhein und Manderscheid in der Eifel bis +Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. Rheinland und Westfalen sollte und +mußte es sein, lieber noch letzteres, denn mein Grundsatz ist derselbe +wie der des alten Geheimrat Goethe: + + Willst du immer weiter schweifen? + Sieh, das Gute liegt so nah! + +Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein +Gasthaus mit dem lieblichen Namen "Waldesfrieden", und da las ich +Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von +Offenbach: "Die Großherzogin von Gerolstein." Dies Großherzogtum hätte +ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer +mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag +noch nicht im Walde gewohnt hatte. + +Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl +der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit +einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die +Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig +harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten. +Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben +mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es +auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht. +Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter. +Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger +entgegen--bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um +neun Uhr vormittags--und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er +nichts hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste +Frage: Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine +Karte. Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für +die nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch +verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht +einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des +Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die +übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im +Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die--mir bebt die +Feder vor edlem Zorn--überhaupt nicht antworteten! + +Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend +erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich +Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im +Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist +kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich +gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen, +unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach +diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich +aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen +und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen; +überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache, +wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten +Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach. +Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber +dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei +unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit +auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf +den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also +ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine +Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von +der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz +entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte +nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine +Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte +es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein +überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität +lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im +östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise +angetreten werden. + +Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf +folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine +Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5 +stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die +wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe +Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des +Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als +Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In +Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf +unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche +Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen +Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar +empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen +wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch +Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in +Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die +Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen. + +Auf dem Wege zum "Westfälischen Hof" kamen wir an einem Trümmerhaufen +vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel, +abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte: +Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und +bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu +entziffernden Inschrift: + + DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN + GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN. + +Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die +Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts. + +Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen +hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen +den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben +zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein +Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen +man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat +Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung. + +Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine +Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des +wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung, +genannt der "Diemelbote", der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie +gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat +Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen +Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die +geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte. + +Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist, +sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du, +lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter +gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß +hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre +berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß +dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier +zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die +Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren, +nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles +dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich +habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht +und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß +hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er +ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser +mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine +alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig +gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher--es wäre ein +Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller heißt er +und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein Freund +Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt--in dessen Schaufenster hängen also +nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei dem andern. +Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, wie ich +während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, wenn ich +vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen "Uhrkenmaker" seinen +Meister gefunden.[7] + +Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen +Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen +Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt. +Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen, +vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide +Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von +der Passion Christi führt hinauf. + +Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir +bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen +keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler +und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum +"Westfälischen Hof" hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und +da haben wir manchen guten Braten gehabt. + +Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach +Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als +ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist +mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man +kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze +zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen +sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller +Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen +lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche +Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die +Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen +aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die +sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von +dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer +trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal +mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen. + +Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von +dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand +anders, bewunderten den "Roland", der aber nicht so riesenhaft wie der +in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten +schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch "Freßburg" genannt, +ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie +mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus +denselben Bestandteilen hergestellt ist. + +_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist +wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen +jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei, +welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich +Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz +eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es +giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die +noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen +Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den +Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte +Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein +Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den +Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der +jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen +unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser +Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt, +aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein, +der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da +liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei. +Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher +denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben +eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und +gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt! + +Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von +Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag +nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer +Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke +hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte, +was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche +Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite +Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den +Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist +nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist. + +Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich +von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein +Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der +Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von +Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen, +insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte +Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren +Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen +verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere +Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch +Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das +herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die +Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von +Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in +Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten +Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich +aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte +also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise +plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von +Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon +gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten; +ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim +angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr +heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar +Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten, +ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf +eine Thür, an der "Komptoir" stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug +meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser +lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten +Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte +zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte. +Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten. +Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der +Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog +zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß +ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch +ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte +ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal +so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte +mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und +erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich +fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter) +den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte +den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder +herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das +gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren +Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken +(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener +Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart! +Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu +streichen. + +Um auch einmal ins "Ausland" zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach +dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen, +wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer +Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen, +Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und +Akazien besetzt war--wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der +sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch +ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein +einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das +Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt) +auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine +Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht +gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das +verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund, +keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein +Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du +schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem +Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es +beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von +dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so +heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung!--Ich wandere weiter und +gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein +Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen +Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern +leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will. +Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die +Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß----Nun laß sich +die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren +Tannen und Eichen--und du bist in das romantische Land versetzt, von dem +die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, führen +hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das Grün? +Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen des +Mausoleums die Worte: "In diesen Hafen sammeln wir uns aus den Stürmen +des Lebens." Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor etwa +hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die Gitter +und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; an den +beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die äußersten +Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank und träume. +Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier im +fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher eine +Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten +darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen, +die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend +verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die +breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig +geschmückten Gewändern zum Ballsaal----Da höre ich in der Ferne das +Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den +Zuruf eines Ackerknechtes--das ist die Prosa des modernen Lebens, die +nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll; +wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den +tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein +Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus, +voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung---- + +FUSSNOTEN: + +[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das +Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den +Künstler nicht bloßzustellen. + + + + +X. + +Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8] + + +Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach +dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch +das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und +Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und +Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich +mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich +vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen +Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die +Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum +Militärdienste stellen. + +Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und +Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen +und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke +fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten- +(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr +250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen +will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher +Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch +die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison +an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der "Atchison-Topeka-Santa +Fe-Eisenbahn", mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte; +zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser +schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison +war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer +Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte. +Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf +Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt +war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem +Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein +Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei +und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine +Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an +emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch). +Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in +tiefster Dunkelheit--es mochte Mitternacht sein--vor einem Holzschuppen, +aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof erkannte. Ein +junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, Postbeamter, +Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte nichts von einer +Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den ich um Nachtlager +bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, während er sich auf +eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb nichts übrig, als +seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, schlief ich, in meinen +Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern Tage ziemlich früh kam +ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt sagte, nicht der meinige +sei: der käme erst später. Ich ging aber doch heran, fragte und hatte +grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! Nun ging es quer durch +Kansas, einen der größten, aber auch langweiligsten Staaten. Alles +Prairie mit Herden; ab und zu eine Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein +Baum, kein Strauch, wenig Wasser; nur als Weiden zu brauchen. Das +"sonnige Kansas" nennen sie es, und außer der Sonne, die manchmal arg +brennt, ist hier nichts zu haben. + +Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste +Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen +in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte +Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier +bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn +Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen. + +Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden +Inhalts: "Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der +Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter."--Es +konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist +verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den +Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben, +gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und +nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der +schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und +rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und +Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel +wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee +getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne. +Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen +brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr +kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß +es an "Lagerbier" auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen. + +Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden +uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem +anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und +Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene +hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die +Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50' +wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde, +nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens +richten--ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es ist +angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als Neapel +sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage strengte +das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die +Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem +Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt +dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da +ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn +nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn +er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner +ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der +weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort +viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport +getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine +großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel +einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in +Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden: +Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh +ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den +Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise +nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca. +6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher +nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur +bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da +mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus +dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die +Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer +14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein +Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich +ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich +Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine +einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen) +verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem +Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während +der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich; +daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum +zu erwähnen. + +So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei +Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch), +Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische, +französische, holländische, mexicanische und indianische Namen. + +In Las Vegas--wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts +dachte--benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine +aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils +indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte +Santa Fe. + +Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und +Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren +auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt +ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt +ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals. +Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein +kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers +kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da +die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch +radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen +dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand. + +Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall +herumlaufen.--Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter +zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem +Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten +dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er +wandte nicht einmal den Kopf nach uns. + +Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß +verdient hier das Beiwort "groß" noch nicht. Das Land rings herum muß +künstlich bewässert werden. + +In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir +stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn +benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den +Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld, +der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft. +Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot, +Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr +viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die +zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei +Schwestern) hervor. + +Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare +Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der +Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen, +Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem +schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der +Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen +umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen. +Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und +Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind +fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm +ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in +Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung +zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die +Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden +Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein +und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34° +gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden +fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die +Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco +und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt +des ewigen Frühlings. + +FUSSNOTEN: + +[8] Vgl. die Anmerkung [2] + + + + +XI. + +Bordesholm. + + +Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt +das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist +nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der +glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem +Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum, +auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche. +Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut +sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten +der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck +macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500 +Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer +Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem +altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier. + +Das, was uns eigentlich hergeführt hat--_die Klosterkirche_--haben wir +unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht. +Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit +auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum +zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit +eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last +nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter +des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine +Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt; +allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz +unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender +Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt: + + "Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde, + Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt. + Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands + Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!" + +März 24. 1873. + +Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der +Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter, +epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier +im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das +Gebäude. + +Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster--Niegenmünster, wie +eine lateinische Inschrift besagt--gegründet. Allein dort an der +Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet, +den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die +abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name +hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch +starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das +übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern +vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine +Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste +sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel; +wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben +verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den +80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen "Alma +mater" reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof +(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende +Ansprache entgegen. + +Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt, +einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle +und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt +keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine +Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu +Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige +daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten +Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das +auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt. + +Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine +Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des +russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es +einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die +schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist. + +Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem +Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern +von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten +Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in +den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der +letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen +_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der +Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes +Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von +Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von +Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei +Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter +Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum +Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt. +1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein +wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren +Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn, +der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist +der jetzige Kaiser Nikolaus II. + +In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage +Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er +ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_ +gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829 +großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf +Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen +bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron, +Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische +General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten +Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. ([Symbol: +gestorben] 1533) und seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den +lebensgroßen Figuren des Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, +vielleicht von Peter Bischer. Zu den Füßen der Dame schmiegt sich ein +Hündchen.--Wer suchte wohl in diesem abgeschiedenen, weltfremden +Dörfchen Holsteins den Ahnen des Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! +Schon diese eine Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms +reichlich, und doch wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht +aufgesucht, ja, ist den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. +Treten wir aus der hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns +gegenüber den eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und +Amtsstuben des Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür +befindet sich eine Inschrift folgenden Inhalts: + +"In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog +Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich +und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den +Befehl zum Einmarsch in Schleswig." + +Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir +noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische +Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist. +Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger +Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des +meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer +Vorzeit Gericht gehalten wurde--alles das vereinigt das kleine +Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben, +die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters +gemahnt: + +"States fall, arts fade, but Nature does not die." + +FUSSNOTEN: + +[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm. + +[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des +berüchtigten Stockholmer Blutbades. + + + + +XII. + +Auf Seeland. + + +I. + +Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn +durch ihre Lieder entzückte. Der König--so meldet die Sage von der +Entstehung der Insel Seeland--verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so +viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie +erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das +Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte +und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als "Seeland" stehen +blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von +Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein +großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen +seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen. + +Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der +Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem +eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen +Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen +Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß +man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische +Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert. + +Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer "Gylfe", vorbei +an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts +blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den +Mauern der Festung "Tre kroner" brachen sich die Wellen und spritzten +weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den +breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler, +vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der +Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem +Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete. + +An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an +Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in +dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist +das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und +den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt +zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen +des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten, +villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen +Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt. + +Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in +Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern. +Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von +den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie +gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an +Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft, +natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten +verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich +weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem +Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird. + +Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir +wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel +Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde +emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de +Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die +Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die +Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen +Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und +Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160 +Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und +Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr +Mann führe, erwiderte sie: "Er fährt auf dem größten 'Creaturschiff' +zwischen Kopenhagen und England." Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf +der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort. + +Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer; +anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern +sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo +man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger. + +Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei +Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns +Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör, +taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und +Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend +bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in +der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau, +Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn. +Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen +den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen +zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit +einem Male entledigten. + +Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten +uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf +und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber. +Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die +engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der +Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten +Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht +geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen, +weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen. +Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut +hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den "Sundzoll", +freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite +Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider +nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit +zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein. +Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes +wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang +auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit +die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung. + +Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für +Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und +trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur +alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg +schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in +Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die +Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die +Dänen bis jetzt freilich vergebens. + +Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom +Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der +Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die +Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen +sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der +Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei +Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache +war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und +Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen. + +Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das +Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians +VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang +gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen +Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von +der Terrasse. + +Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6 +Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den +lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat +man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die +gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende +Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen +Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des +Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen +schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der +schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem +Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an +südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen +nicht. + +Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in +Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten +wir in Marienlyst dafür--sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder +besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend +anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die +Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten +schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der +anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges +Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem +angenehmen Seebade Marienlyst ("Marienlust") verlustig, hatten dafür +aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit +allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte +einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter +Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer +Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken +Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben +ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen. +Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer +derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist, +das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben +und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab--das +wußten wir--würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein +setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere +der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der +seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute +unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur, +Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde, +so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur +zu stärken und zu erfrischen. + +Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht +einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen, +Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde +tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt, +mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor +spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze; +dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den +einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der +Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich +zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern, +Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten +kann. + +Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen +wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee +gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III. +mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von +welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber +mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er +öfters sagte: "Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle +Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben." Volkssagen leben noch im Munde +der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen, +seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde +kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in +Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich +Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher +Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die +Prophezeiung verwirklichte.-- + +Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit +Gefolge über Wälder und Seen jagen. + +Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis +Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen +Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. "Dicht über uns", so +schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald, +"zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint. +Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört +es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter +bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das +zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und +lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle +plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen +träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit +weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende +Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige, +das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu +trinken--alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und +bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe." + +An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte +auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des +Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen +Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie, +wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo +der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte +des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen. + +Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute +Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches +Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das +Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist +ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und +Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen +gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich +der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See +durchblitzen sieht. Eine Allee heißt "Sukkenes-Allee" (Seufzerweg); in +einer anderen, "Normandsdalen" genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren +ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als +sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der +verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also +gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem +Schlosse liegt der "Marmorgarten", in italienischem Stil, voller +Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich +beengten Waldparke bildend. + +Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der +Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser +Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten +Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten +Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit; +ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit +weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die +übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und +benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen +Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer +wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende +Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen +brausend an das Ufer. + +Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist, +früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer +ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom "Grib +Skov" begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein; +dorthin kamen wir aber nicht. + + +II. + +Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles +einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend, +architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt +hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen +und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten +hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß +Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und +nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik +sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV. +geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er +beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu +errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten +ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden +Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal +Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf +drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem +Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier +mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der +Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß +gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle +Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen +berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige +Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den +Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere +ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind +vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von +Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen +erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende, +zur Verfügung stellte. + +Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches +Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und +ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den +beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte, +von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von +Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde +von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem +Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft +der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von +Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von +1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und +einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders +die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche +überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der +Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige +Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das +von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern +entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen; +Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer. +"Bierbrauerkunst" nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl +etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die +Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt +wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz, +mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste +in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als +allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des +Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von +Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen +die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur +Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt "Christus in Gethsemane", +1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für +seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft +bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor +ernannt wurde. + +Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den +Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des +Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den +letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I., +Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn +Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen +Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er +hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864 +erhalten. + +Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere +Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_ +einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von +ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze, +bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können: +den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die +deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu +Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf +bezieht sich die Ode Klopstocks: "Rothschilds Gräber"; Rothschild ist +Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst +denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun, +sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar +geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt. +Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite +Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand +lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und +giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine +Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt. + +In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die +eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die +Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen +zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge +(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden +Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier +walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an +kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa +(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen +noch heute ein "Hellige Lund" (heiliger Hain) existiert, mit "Herthadal" +und "Herthasee". Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die +zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen +segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden +die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen. + +Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach +Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde +soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der +Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen +skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der +Mittelpunkt der geistlichen Regierung. + +Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann +von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von +den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die +Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage +Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben +mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank +schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles +Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern. + +Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen +Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher +Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht. +Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch +hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus. + +Der alte lustige "Graver" (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen, +in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31 +Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene +haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig +ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen +Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist +eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn ([Symbol: +gestorben] 985) am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren +Könige haben ihre Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter +dem Altar steht der Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei +nordischen Reiche beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die +Marmorstatue der Königin, ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich +Wilhelms III. in Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und +Christian III. Die schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem +Standbilde des Königs von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. +Die letztverstorbenen Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und +Caroline Amalie, geborene Prinzessin von Augustenburg, sind in der +Kapelle Friedrichs V. beigesetzt. + +Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und +Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend +wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß +sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich +folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen +Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten +und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß +Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und +Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und +Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia, +und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad, +Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen, +die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer +auseinander zu halten. + +Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir +aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark +Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet +die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter +der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht +zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären, +sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann +wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen +Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine +Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren +sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als +unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden +und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester +geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt +Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der +Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche. + +Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen +wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf +uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen +Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2 +Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die +beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des +Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die +große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt. + +Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber +Saxo Grammaticus ([Symbol: gestorben] 1207), der die alten Sagen vom +dänischen Tell aufgezeichnet hat. + +An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des +1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der +berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten. +In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen, +darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke +(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist. +Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15. +Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen +Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten +und Neuen Testament darstellt. + +Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man +nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König +Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen +Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen +ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem +ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden. + + + + +XIII. + +Friedrichsruh[11] + + +Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu +fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu +Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den +Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen +Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten +Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende +Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter, +hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel +angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten +und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den +Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken +ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den +sogenannten "Mummeln". + +Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht +aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes +Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _"Verboten!"_, welches +hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt. + +Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen +einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In +welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches +Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da +Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen +für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich +ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb +parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und +Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten +Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll. +Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß +"die Wohnung des Fürsten unzugänglich" sei (S. 130), ist dahin zu +berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks +beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst +wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise +nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos, +aufgetrieben hatten--obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er +seine Wohnung nicht dort--begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen +Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im +ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer, +für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei +seinem vorjährigen Besuche hier. + +Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns +überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft +war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer +langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht. + +Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den +_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das +Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe +ich folgenden an: + + Wenn einer kam und Ränke spann, + Dann setztest du den Hobel an, + Dann flogen auch die Spähne gleich; + Gott schütz' den Kaiser und das Reich! + +In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch: + + Das Wegekraut sollt stehen lan; + Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran! + +Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger +Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen +äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige +Erinnerungen ziehen das Auge auf sich. + +Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily +gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein +Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von +Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet; +ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von +Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885. + +Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und +Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus +Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein +Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das +Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet. + +Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich +an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee, +Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal +ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine +smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt, +eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus +liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt! + +Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt, +400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten, +ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon +Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz +vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der +Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das +kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im +nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft, +der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger +Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so +groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei +Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber +dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und +Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers, +bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet. + +Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das +_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in +Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder +Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die +eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten +(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen.--Durch +einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit +dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: "In trinitate +robur", gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem +Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh +im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des +Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des +Sohnes Wilhelm. + +Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses: +_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den +Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde, +Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch +eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders +fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die +Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen +folgende Worte: "Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen +Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de +Provence Nr. 14 unterzeichnet worden." + +Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht +reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer +Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt, +scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an. +Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von +Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke; +Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter, +darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl +Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a. + +Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten +Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe, +Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier +Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der +Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel +gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir +Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in +gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit +je einem passenden Ausspruch, wie: "Ich habe keine Zeit müde zu sein," +"Lerne leiden ohne zu klagen" und andern. Eine kunstvoll geschnitzte, +hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I. +erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell +des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus +Hirschgeweihen. + +Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine +Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten. +Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der +Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung +Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse, +Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet. + +Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh. + +Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen +doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame, +schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen +in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude, +von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine +ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch +lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der +Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das +einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen +Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller +Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte +sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich +geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu +halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen! + +FUSSNOTEN: + +[11] 1869 geschrieben + + + + +XIV. + +Ein Nachmittag bei den Karthäusern. + + +Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z., +der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom +Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und +befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen. +Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke +Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der +Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer +umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in +der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen, +an denen keine Fenster zu sehen waren. + +Das ist das Karthäuserkloster "Hain"; es ist das einzige in Deutschland, +erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden +ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs +Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben +widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein. +Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten +strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie +üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere +Bildung. + +Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal +besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache +abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge +(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch +1/4 Stunde bis zur Karthause hat. + +Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder +Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir +eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem +Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in +freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang +herumführte. + +Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit +Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter +in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und +betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir +eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter +dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir +vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker +versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der +Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die +Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden: +in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während +sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt. + +Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der +interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche +Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand +gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume, +im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel +davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte +lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des +ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen +hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und +Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl +und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer +Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine +Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der +Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng. +Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet, +körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die +Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch; +zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu +Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag +gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden +häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben. +Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke +zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur +Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis +halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht, +Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden. +Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und +nachher giebt es freilich kein "Zurück" mehr. + +Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und +Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick +dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil +augenblicklich die pflegende Hand fehlt. + +Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen +Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang +zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt +wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der +Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis +bedurft hätte. + +Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder +zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles +scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt +Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der +voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern, +einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der +Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke +Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern +köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder +Bienenvater verkauft. + +Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur +(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause +(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in +Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der +dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten. + +Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich +ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie +während der Jahre 1875-90 geruht. + +Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte +reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind +meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben +entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine +Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein +Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte +seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer +für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein +Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere +Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem +Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso +fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit. +Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen. + +Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den +Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein +gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ +uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns +zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen. + +An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der +Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse, +alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch, +uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem +Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die +Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem +Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen +Gefährten daraus vor. + +Da schreibt einer: + + Wo sind Fried und Ruh + Und Herzensglück zu Hause? + Ich weiß es genau: + Hier in der Karthause. + Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters. + +Ein anderer: + + Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen! + Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft. + +Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse: + + Drum pflege nicht den Leib zu sehr, + Sonst wird dir einst das Scheiden schwer! + Hast du die Seele treu gepflegt, + Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt. + +Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber +nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen +schattenlosen Weg nach Düsseldorf. + +Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt: + +Härzlichen Dank für die gute Bedinung! + +Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen +Versen: + + Besten Dank + Für den guten Trank. + +Ein Trappist schreibt: + + Gratias intimo ex corde + Carissimi Confratres Cartusiae + Oremus pro invicem. + + (Name) + Trappista. + +Sehr anmutend fand ich die Eintragung: + + Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen + mich an die Wahrheit des Spruchs denken: + + Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise; + Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise. + + (Rüdert.) + +Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt +verboten ist, schreibt: + + Leider hab' ich nichts gesehen, + Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen. + + Frau X. + +Endlich noch zwei lateinische Sprüche: + + Cartusis clara + Eras mihi praeclara + Eris mihi cara! + +und + + O beata solitudo, + O sola beatitudo! + +Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte +freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im +heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb +der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich +mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken +sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden +Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt---- + + + + +XV. + +Eisenberg.[12] + + +Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit +Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber +auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern +pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie +aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben. +Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo +ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden +von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden +Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im +Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange +Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn +Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer, +wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint +auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl +villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen +höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange +dehnt sich der sogenannte "Nasse Wald" mit vielen Promenaden aus. Vom +höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die +wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den +Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das +_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in +etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine +Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon +bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem +_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz. +Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem +Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des +Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß +"Christiansburg." Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er +ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten +Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den +älteren Einwohnern der Stadt "'s Läbbetoorchen" genannt. Bei den +deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen +"Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz" bekannt. In einem +ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und +Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung +mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war +jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt +ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg +in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine +einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von +Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm +war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere +Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt +liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg +bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des +Hauses. + +Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des +Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein +Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph +_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant +anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat. +Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine +Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben. + +Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang +und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte +"Thälchen." + +Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von +zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten +(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie +gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will +Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von +Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus +prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das +Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle +Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal, +durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen +und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen +auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen +Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein +größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen +Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu +gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See +gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt +Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_, +mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den +hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde, +von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe +einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte +er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von +dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er "die Geschwister", in denen er +sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte; +freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und +Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen. +Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen +östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken. + +FUSSNOTEN: + +[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg + + + + +XVI. + +Das Goetheviertel in Frankfurt.[13] + + +Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe +ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile +eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische +Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg +ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare +diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren +haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen +Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser +Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die +Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den +"Markt") ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause, +"Römer" genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand, +während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse +am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und +weißer Wein floß. + +Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und +sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den +großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf +der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in +die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen. + +Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt +aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem +Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen +die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie +sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der +Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an +denen Frankfurt so reich ist--alles das und noch vieles andere ist in +dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große, +schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit +mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten +lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde +_Goetheviertel_. + +Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet +_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein +dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges, +bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es +bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden. +Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den +Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine, +damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im +wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel +angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das +Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des +Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben +hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: "Goethes Vaterhaus, +Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen." + +Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten "Freien Deutschen +Hochstifts", einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft, +die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die +entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie +veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen +Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und +neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine +deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die +Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre +verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine +mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser +Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches +durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich +zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue +Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein. + +Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein +Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich +aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere +Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir +zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren +Angehörigen freien Eintritt. + +Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als +Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie +Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer. +Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts +herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß +des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da +Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen +Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten +sich die Kinder--Wolfgang und Cornelia--das Buch heimlich zu verschaffen +und zu lesen. "Es war an einem Sonnabend Abend im Winter--der Vater ließ +sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur Kirche +bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel hinter dem +Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere herkömmlichen +Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen +Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an und +rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft: + + Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst + Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher. + Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes! + Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen! + +Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher +Stimme, rief sie die folgenden Worte: "O, ich bin wie zermalmt!" + +Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die +Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung +ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen +können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen +Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern +teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet +hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen +und verbannen sollen." + +Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit +Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der +Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die +Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts +abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des +Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des +_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von +und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal +einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß +allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt. + +Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des +alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer, +dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter +Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter +Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: "Getauffte +hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr. +Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen +Sohn, Johann Wolffgang." + +Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines +Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten +aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige +heraus. + +Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann +und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine +Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber +mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den +Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es +zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und +ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener +Doktordissertation des alten Goethe "Electa de aditiore heroditatis", +die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen +Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie +eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf +Goethe und seine Familie bezüglich. + +Ueber das "Gartenzimmer", welches jetzt verschwunden ist und dem +Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus +Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht +im ersten Buche und lautet: + +"Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer +nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den +Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich +heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch +sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und +Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich +nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine +Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden +Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug +sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln +und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich +ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so +erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer +daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten +Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in +der Folge noch deutlicher zeigte." + +Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng +und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die +Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in +Frankfurt. + +Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem +baumbepflanzten Goetheplatz (früher "Stadtallee") die Kolossalfigur des +Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz +seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken +kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige +Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist +mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust, +Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und +der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth--alle diese +wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers +Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde, +sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende +Victoria. + +Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem +imposanten Gebäude der "Germania" ein anderer prächtiger Neubau, der auf +roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: "Zum goldenen +Brunnen". In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten +Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie +mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: "Die Frau Rätin könne +nicht kommen, sie müsse alleweile sterben." + +Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht +der "Weidenhof", ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes +Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An +dieser Stelle stand der Gasthof "Zum Weidenhof", der Frau Witwe +Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach +Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und +mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das +Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar +ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat, +von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen +Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er +ihn kaum. + +Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem +reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und +Kornmarkt zusammentreffen. + +Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht, +Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der +kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in +Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und +winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im +vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt. +Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als "eine der originellsten +Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne +verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über +siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln +verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch +immer leuchtend und geistreich waren". Der satirische Lucian war fast +der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er +sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien. + +Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als +ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends +um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die +Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern +Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an +einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam +nie von seiner Seite. + +In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. "Eines +Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als +einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis +et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich +mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die +Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und +reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich +andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung +fanden." + +Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später +in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann, +die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter +zusammen,--Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem +eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die +erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17] + + "--es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines + Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18] + Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles + aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig + angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das + eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich; + ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige + Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und + Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre + Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas + Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie + nötigte, waren ungezwungen und leicht. + + Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber; + wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon + angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges + Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft + mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe.--Ich will + nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten Art + zu empfinden glaubte.--Ich verfehlte nicht, nach schicklichen + Pausen meinen Besuch zu wiederholen.-- + + (17. Buch.)--Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich + zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen + Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht + hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen!--" + +Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf +Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für +keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim, +einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr +Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister +Goethe in Weimar. + +Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das +Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den +Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes +gefallen ist. + +In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte +Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche +Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz +der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. "Die vielfachen +Bemühungen", erzählt der Enkel von ihm, "welche nötig sind, um einen +schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals +verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume +fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum +der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen, +Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung +derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie +emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten +beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene +altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte +jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals +mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf +dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere +Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können. + +Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe +ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich +mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines +unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte. + +Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden, +bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe +der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein +Schicksal betrafen.--Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich +eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige +Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt". + +Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in +eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat +man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des +Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt: +die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes. +In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden +Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die +Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des +Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze. + +Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger +Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und +Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte +Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten +Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten +der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten, +die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens +Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht +bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren +Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb +gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief. + +Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe +fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie, +wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte +großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an +Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind; +denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte +Anwendung: + + "Wer den Dichter will verstehn, + Muß in Dichters Lande gehn!" + +FUSSNOTEN: + +[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt. + +[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber. + +[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens. +Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt. + +[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht +jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu +langen macht. + +[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16. + +[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach +heutigen Begriffen bescheiden zu nennen. + + + + +XVII. + +Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine. + + +Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so +auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung +der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das +Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit +meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines +Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen +Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden +hier nicht berücksichtigt. + + +_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._ + +Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und +Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer +gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule, +worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich +zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger +praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer +und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der +Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls +er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner +Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist "Schiffer", während +"Kapitän" auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich, +jeden Führer eines Schiffes "Kapitän" anzureden. Die Sprache an Bord ist +durchweg die plattdeutsche. + +In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu +untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt +haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als +Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche +ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das +Oberseeamt in Berlin. + + +_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._ + +Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt. +Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die +Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie +sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_; +hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit +voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen +_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das +Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen +_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat, +heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben +wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch +Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine +einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den +Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur +Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum +Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch +Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht "Hohenzollern". + +So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil +aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den +Dampfern übertroffen. + +Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger +"Mira". Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden +nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den +Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt +verwendet worden. + +Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21] +breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen +die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts +reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10 +Fuß. Die "Mira" faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons +Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und +ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500 +Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2. +Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen, +2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu +verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie +können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer +Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden. + +Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren +Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei +Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt +nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die +Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein +unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder- +und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon, +Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der +Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte. +Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die +Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des +Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das +Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen +Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe +keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so +wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge +dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge +einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier +eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs +englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten +gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind. + +Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne +oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne +angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke +Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser +auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang +ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen +Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte +Aufmerksamkeit notwendig. + + +_Leben an Bord._ + +Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt +in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit +Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies +geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben +nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet. +Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr +früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso +ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke +geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr +sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der +Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf +Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke +kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die +Eßzeiten und die Ablösung der Wachen. + +Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder +nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen. + +Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt +verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem +komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der "Mira" +befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag. + +Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer +messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde +nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange +herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die +Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht +sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das +Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist; +auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen +ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus. + +Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr +stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in +welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen. + +Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde) +nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen +oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen +befördert werden. + +Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist +ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In +dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben +und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot +wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht +in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört. + + +_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige +Eigentümlichkeiten._ + +Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_ +aufgestellt, die allgemein angenommen ist: + + Windstille = 0 + Sehr leichter Wind = 1 + Leichter " = 2 + Schwacher " = 3 + Mäßiger " = 4 + Frischer " = 5 + Starker " = 6 + Steifer " = 7 + Stürmischer " = 8 + Sturm = 9 + Starker Sturm = 10 + Heftiger " = 11 + Orkan = 12 + +An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder +auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese +Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende: +_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke. +_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen +Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke +zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben +können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch +gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und +abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer, +Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m. + +Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem +Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt: +kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten +Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume, +die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen +Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit +einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird, +der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt, +das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke +versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird. +Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_ +eingetragen. + +Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu +Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze +komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen +800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze; +beispielsweise: "Ich wünsche etwas mitzuteilen." "Woher kommen Sie?" +"Ich habe einen Brief für Sie." "Ich bin auf Grund." "Können Sie nur +einen Maschinisten verschaffen?" "Die Küste ist gefährlich."--Mit den 18 +Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die +von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden. + +Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren +Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige +Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den +seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich +eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe, +Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl +ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland, +Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf +o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander +entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur +Sternennamen, und zwar solche, die auf "a" enden: Capella, Wega, Gemma, +Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer +Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie: +Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich +Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der +Dampfer gehört, schon von weitem erkennt. + +An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art +Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe +statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen +u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines +Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen +Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will +ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich +aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt +war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in +Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte +sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht +zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem +ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe, +besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter +bei weitem nicht. + +FUSSNOTEN: + +[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es +entspricht der Unterleutnant zur See--dem Leutnant, der Leutnant zur +See--dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant--dem Hauptmann, der +Korvettenkapitän--dem Major, der Kapitän zur See--dem Oberst, der +Konteradmiral--dem Generalmajor, der Vizeadmiral--dem Generalleutnant, +der kommandierende Admiral--dem kommandierenden General. + +[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere +Besanmast. + +[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß +engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km. + + + + +XVIII. + +Oberhausen. + + + "Tausend fleißge Hände regen, + Helfen sich in munterm Bund; + Und in feurigem Bewegen + Werden alle Kräfte kund." + +Schiller + +Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher, +an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte +sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der +liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand. +Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt, +sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu +erreichen ist. + +Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine +rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor +einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte +doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens! +Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden, +amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und +außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber +Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei, +teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen +überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der +eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser +Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die +Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen +großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der +Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist. +Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf +dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine +schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die +Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die +Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen. +Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und +verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim. + +Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als +Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt; +direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas, +über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg, +Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn +auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über +Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet +ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und +D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu +gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen +und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen. + +Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der +Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz +so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde +von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der +Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere +Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder +Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße +architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige +Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport +gehuldigt wird--eine Einrichtung, die man in Hunderten von Mittelstädten +vergeblich suchen würde. + +Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der +Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der +Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die +unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende +Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren +13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt +existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über +60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a. +gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den +Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die +mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen +Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die +Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen "Konkordia" und +"Oberhausen". + +Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I. +geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren +von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird. +Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen +Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und +angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich +an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin +liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt. + +Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige +hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf +Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß +Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei +Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben +Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei +Stunden zu erreichen. + + + + +Inhalts-Verzeichnis. + + + Widmung + Vorwort + I. Ueber das Reisen + (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen) + II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878) + III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt + IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers + V. Glensund (Ein Land- und See-bild) + VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag + VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira". + A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel + Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. + 1. Riga + 2. Aus der livländischen Schweiz + 3. Von Riga nach der Insel Walcheren + 4. Middelburg + 5. Bad Domburg + B. Von Korsör nach Haparanda + C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. + 1. Nach Helsingör + 2. Von Helsingör nach Gent + 3. Gent + 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth + 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland + VIII. Der Philosoph von Gravenstein + IX. Marsberg + X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn + XI. Bordesholm + XII. Auf Seeland + XIII. Friedrichsruh + XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern + XV. Eisenberg + XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt + XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine +XVIII. Oberhausen + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco +by Ernst Wasserzieher + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO *** + +***** This file should be named 12266-8.txt or 12266-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/2/2/6/12266/ + +Produced by Charles Franks and the DP Team + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000, +are filed in directories based on their release date. If you want to +download any of these eBooks directly, rather than using the regular +search system you may utilize the following addresses and just +download by the etext year. For example: + + https://www.gutenberg.org/etext06 + + (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99, + 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90) + +EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are +filed in a different way. The year of a release date is no longer part +of the directory path. The path is based on the etext number (which is +identical to the filename). The path to the file is made up of single +digits corresponding to all but the last digit in the filename. For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/12266-8.zip b/old/12266-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..33a1348 --- /dev/null +++ b/old/12266-8.zip |
