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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:39:27 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12266 ***
+
+Von Haparanda bis San Francisco.
+
+
+Reise-Erinnerungen
+
+von Dr. phil. Ernst Wasserzieher
+
+Oberhausen im Rheinland.
+
+
+Witten 1902.
+
+Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug.
+Pott.
+
+
+
+
+Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet.
+
+
+
+
+Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen
+aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß
+sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und
+Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen
+Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und
+Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies
+anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite
+Sammlung folgen.
+
+_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901.
+
+Ernst Wasserzieher.
+
+
+
+
+ „Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
+ Den schickt er in die weite Welt.“
+
+ Josef von Eichendorff.
+
+
+
+
+I.
+
+Ueber das Reisen
+
+Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen.
+
+
+Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die
+viele aber nie lernen — das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit
+erscheinen mag. Da wußte die „Frau Rat“ besser, welcher Unterschied
+zwischen Reisen und Reisen sei! „Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist“,
+sagte sie einmal, „so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel
+reisen.“ Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein
+Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als
+Psycholog und als Mensch. „Man darf nur auf der Straße wandern _und
+Augen haben_,“ schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat,
+„man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“ Der gewöhnliche Reisende
+begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was?
+und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als
+Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt
+nicht am Reisen, sondern an ihnen. „Das Reisen als solches ist noch
+nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was
+sich ihm darbietet, erfaßt.“ (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants
+Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte
+ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die
+menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die
+Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert,
+wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele
+Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein
+pflegt.
+
+Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt
+besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft — wiegt das
+bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß „nicht vielen der
+Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder
+beinah nie.“ Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem
+Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen,
+die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von
+denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die
+Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet;
+nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das
+elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer
+Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr
+Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten.
+Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; „erst die Fremde“, sagt
+Fontane, „lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Die schottischen
+Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in
+der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu
+werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß
+freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am
+Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich
+auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen,
+überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft,
+ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein.
+
+Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen,
+insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des
+häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine
+Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu
+betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele
+Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben — das ist der oft
+unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. „Auf Reisen“, so ungefähr spricht
+sich Schopenhauer aus, „fühlt man sich interesselos, sieht man von der
+eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_.“
+_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der
+das Schöne definiert als „das, was ohne Interesse gefällt“ (d.h. ohne
+selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der
+Unabhängigkeit. „Jetzt bist du zum ersten Mal allein,“ ruft George Sand
+entzückt aus, „keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir,
+dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!“ Freilich stellt
+sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite
+dieser selbstgewollten Freiheit. „Auch der leidenschaftlichste,
+fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt,
+und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile
+beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht
+heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses
+Wort mit Freuden aussprechen würde.“ (Amicis, Reise in Spanien, Capitel
+2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch
+an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten
+Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den
+weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung
+trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des
+Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des
+Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der
+verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren.
+Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die
+Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die
+Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen,
+Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage
+in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man
+dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer
+in Graz zustimmen, wenn er sagt: „Reisen ist eine Kunst, eine größere
+vielleicht als eine Reise gut beschreiben.“ (Essays, II, 58.)
+
+
+
+
+II.
+
+Eine Primanerwanderung auf den Brocken.
+
+(1878.)
+
+
+Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr
+morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und
+einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen
+hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen
+werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser
+Jahreszeit — man schrieb den 12. April — eine Harz- und Brockenreise zum
+Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte.
+
+Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von
+dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu
+erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob
+man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes,
+den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch
+hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber
+einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge
+in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie
+auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der
+Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte
+kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde
+Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller
+Schmutzsprenkeln — so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend
+ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der
+sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete.
+
+Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der
+„Wernigeroder“ einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde,
+passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem
+hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof „Zu den drei
+Forellen“, um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig
+zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse
+Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer
+nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes „Harzreise im Winter“,
+die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu
+lassen.
+
+Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan
+hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei,
+bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst
+gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen;
+umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns;
+eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten
+uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und
+wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren
+freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch,
+sondern auf der Fahrstraße zu gehen.
+
+Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um.
+Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen
+heute Abend beim Glase Bier!
+
+Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer
+einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten,
+bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem
+Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch
+verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine
+Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte
+uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren
+nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten
+Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben.
+
+Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die
+trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den
+schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und
+tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch
+der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald
+in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch
+einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und
+Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden
+wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen,
+wenn wir aber den „Fautstieg“ einschlügen, setzte er hinzu, dann würden
+wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch
+nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten
+vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar,
+hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend
+vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in
+der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei
+Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee
+befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich,
+daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war
+aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es
+Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte
+sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser
+Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit
+sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die
+Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein
+Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause
+eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter,
+wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß
+diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in
+Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen,
+die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den
+Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten
+weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer
+weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen
+Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und
+schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den
+Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir
+sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich
+wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die
+schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen
+Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte
+mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich —
+o Wonne — war es eine Täuschung? — Hundegebell! Wie elektrisiert sprang
+ich vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein — jetzt eine Stimme — zu
+sehen war nichts in der Finsternis — richtig, ein paar Schritt vor mir
+stieg ein düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig
+wedelnd, und wir standen in dem hell erleuchteten Flur des
+Brockenhauses, vor uns zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht,
+die einzigen Bewohner des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs
+erschallten wie aus einem Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude,
+festen Boden unter den Füßen zu haben, wäre ich dem Oberkellner am
+liebsten um den Hals gefallen. Und nun rasch hinauf in das Zimmer, das
+durch einige in den Ofen geworfene Scheite Holz bald behaglich
+durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die wie aus dem Wasser gezogen
+waren. Und nun hinein in den beiden Betten, aber nicht zum Schlafen! Der
+Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen uns, auf dem bald eine große
+Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst dem Hausknecht heran. Und nun
+wurde fleißig angestoßen, bis mir die Augen zufielen und ich in einen
+tiefen Schlaf fiel.
+
+Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt
+wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage.
+
+Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste
+Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen
+Instituts zu Köthen i. Anhalt.
+
+
+
+
+III.
+
+Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2]
+
+
+Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa
+wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses
+getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an
+die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der
+amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt
+Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem
+oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um
+darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten.
+Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von
+der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend,
+in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer
+ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so
+wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu?
+
+Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung
+quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein
+Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich
+berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es
+dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington
+überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung
+entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus
+benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet.
+
+Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade
+mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer
+breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des
+Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die „Flat“ zieht sich am
+Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt
+sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig
+angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in
+regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts
+Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne
+etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem
+Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit
+Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und
+Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein
+Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist
+unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine.
+Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit,
+wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben
+wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte
+Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar
+Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet,
+mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind
+die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der
+Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre
+Einkäufe für die Woche zu besorgen.
+
+Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw.
+Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein
+hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die
+geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen
+in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen
+Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren
+Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist,
+wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich
+mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus
+dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe
+nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen
+guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht
+ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz
+frei.
+
+Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500
+Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr
+Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der
+katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der
+katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der
+anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und
+Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das
+Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der
+Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann
+man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen
+hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen
+nicht einmal die Ruinen mehr.
+
+Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint
+wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch
+Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man
+ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die
+Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer
+hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen
+Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans,
+befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und
+Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß
+nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar.
+
+Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber
+unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau,
+besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man
+nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein
+sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem
+Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur.
+
+Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein
+blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen
+Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den
+mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten
+Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben
+sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln,
+oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der
+katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die
+ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken
+Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach
+Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne
+Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald.
+Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der
+Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes,
+weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen,
+rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm
+vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein
+Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in
+stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen
+zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere
+Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht
+umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser
+majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer
+nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu
+flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke,
+die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen.
+
+Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur
+Mormonenzeit.
+
+Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe
+Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration
+und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die
+aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist
+die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen
+Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen
+aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine
+Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und
+1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort
+wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und
+wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr
+rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das
+Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe
+betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein
+großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von
+Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an
+der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den
+eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die
+Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf
+30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das
+Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der
+Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der
+umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten.
+Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und
+es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die
+Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der
+Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde
+gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago
+(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der
+Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung
+durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem
+berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an
+den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten.
+
+Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde
+gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem
+ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und
+die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so
+liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren
+riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich
+erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen
+Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen
+zu haben.
+
+Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und
+unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und
+bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war
+nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im
+Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen
+konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam
+liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten,
+die nur mit einem Holzpflock verschließbar war.
+
+Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war
+manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden
+Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das
+wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde
+holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern
+darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim.
+
+Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum
+Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen
+Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen
+Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des
+Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt
+werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften
+die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein
+Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“
+halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in
+völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie
+auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil
+führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter;
+andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen,
+Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben.
+
+Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen.
+Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich
+die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen
+Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die
+Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen
+könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes,
+the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von
+Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei
+Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für
+einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt
+gut Violine und liebt die deutsche Musik.
+
+Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung
+ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im
+Kriegsjahre 1870/71.
+
+Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser
+als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche
+sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres
+mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und
+spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die
+Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene
+Abhandlung erfordern.
+
+Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der
+Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb
+im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant,
+sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die
+Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt
+befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte
+der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das
+geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago
+Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das
+riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber
+zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern
+das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze
+zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals
+hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich
+das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt
+hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden.
+Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die
+Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene
+Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu
+erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der
+vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht
+eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache
+ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union
+leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und
+Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine
+sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die
+Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich
+vermindern.
+
+Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß
+die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen
+werden.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden
+folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch.
+
+[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort
+Madison, wo ich ihn sah.
+
+[4] Siehe das Titelbild
+
+
+
+
+IV.
+
+Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.
+
+
+Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist
+das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich
+ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit
+meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft
+hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch
+den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer;
+vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen
+felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr
+wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt
+und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem
+Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. —
+
+Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt
+in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor
+allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu
+fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit
+der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten
+übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten.
+
+Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man
+bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum
+den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist
+z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen
+Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf,
+leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco,
+am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der
+Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines
+Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz
+herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen,
+weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit
+Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und
+durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem
+hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das
+gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in
+der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln.
+
+Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der
+Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines
+Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens
+mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien
+von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner
+Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen
+hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine
+Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich
+ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und
+in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt
+die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als
+Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben
+sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und
+von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San
+Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in
+Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl,
+daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig
+blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man
+durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt
+das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt
+auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die
+freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal
+des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen
+Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine
+sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut,
+benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal
+liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren
+Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die
+schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden
+abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf
+äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum
+der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen
+wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast
+überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird.
+Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht,
+wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von
+2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales
+(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen
+Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und
+6spännige Postkutsche fährt.
+
+Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben
+hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der
+Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die
+Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.
+
+Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine
+Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so
+bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit
+haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht.
+
+Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine
+Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde
+verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm
+in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst
+130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns
+gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es
+von jeher gewohnt wäre.
+
+Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und
+ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort
+Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und
+Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer
+Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es
+schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut
+gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe),
+sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten.
+
+Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der
+sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in
+Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer
+Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich
+über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten
+Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd
+dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die
+Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des
+überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um
+sich greife.
+
+Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und
+spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette
+prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in
+seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale
+überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein
+Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von
+derartigen Bestien unbehelligt.
+
+Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern
+verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen
+der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die
+Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch
+Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der
+hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der
+Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ,
+und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten
+Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort
+einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen
+mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab,
+als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald
+einfuhren.
+
+Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden
+Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die
+Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam
+senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer
+schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln
+und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der
+Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst
+wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer
+sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter
+Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot.
+Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und
+an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15
+Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen
+auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in
+die Sägemühle gefahren.
+
+Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und
+Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen
+Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück.
+
+Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die
+ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo
+ich übernachtete.
+
+Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der
+Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel,
+von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner
+herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den
+reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten
+Lande zu finden sein!
+
+Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern
+stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich
+ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war,
+und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und
+Eigentümer dieses Friedhofs.
+
+Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner
+wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt.
+
+In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch
+hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der
+Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist
+der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann
+— es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine
+existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit
+umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen
+Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante
+herumschlürft.
+
+Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger
+angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der
+freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den
+gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide
+gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein
+Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte,
+erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus
+gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche.
+Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr
+Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten
+nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen
+hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch
+einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen
+geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.
+
+Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig
+durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem
+großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel
+gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und
+Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der
+Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde
+getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler,
+der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und
+einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris
+und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen
+Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung;
+der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen
+Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch
+ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben
+beizubringen, was mir indes nicht gelang.
+
+Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger
+bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit
+auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke
+flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier
+Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht
+hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal
+entronnen zu sein.
+
+Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in
+amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun
+daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.
+
+An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit
+einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die
+Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt
+unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den
+Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen
+dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels
+Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger
+passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem
+Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr
+schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf,
+mit den Geysers im Hintergrunde.
+
+— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der
+Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren
+waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf
+eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu
+stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine
+Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte
+uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem
+sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit
+der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum
+Andenken.
+
+Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200
+Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten
+hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit
+Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco.
+
+
+
+
+V.
+
+Ekensund.
+
+Ein Land- und See-Mosaikbild.
+
+
+Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht
+(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern
+oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu
+entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte.
+Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von
+Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig
+mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich
+auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine
+geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der
+jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß
+doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im
+Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile
+außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder,
+und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für
+mich und meine Familie herkriegte.
+
+Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach
+Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen
+und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem
+Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein
+Wald und kein Kurhaus — —“
+
+Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde
+jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund
+Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei
+Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was
+bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist,
+wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und
+nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern
+auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die
+Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald
+und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten
+sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte
+Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur —
+Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern
+Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen;
+aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene
+anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen.
+
+Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben,
+wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen
+schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch
+gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist.
+Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie
+auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch
+meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das
+kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war
+früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben
+und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer
+zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf
+den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen
+Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder
+erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine,
+die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden.
+
+So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf
+das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine
+internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine
+merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische
+Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen
+Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem
+Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja
+auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die
+Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und
+dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in
+der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische
+Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch
+Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr
+Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner
+trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English
+spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch
+und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur
+„Kartoffeldänisch“, wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des
+Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine
+Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine
+Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte
+sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das
+Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche
+Reichspoststelle eines anderen belehrte.
+
+Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite
+Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem
+stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche
+Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei
+Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16
+und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem
+Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die
+nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich
+den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen — doch damit
+komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds — auf die Maler! Merkwürdig, sie
+sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern,
+die hier hausen, bilden sie die Majorität — zur Zeit sind es 7! Die
+übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere
+dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund
+unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die
+freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören
+Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein
+von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein
+Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und
+Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige
+früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft
+darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener
+Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann
+erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er
+jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich
+habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt.
+Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet,
+ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem
+Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte!
+
+Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr
+aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren,
+und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann
+nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos
+sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren
+Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem
+einsamen Ekensund Lebewohl sagen. „Der Adler fliegt allein, die Krähen
+scharenweise.“
+
+Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich
+den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen
+genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus
+ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine
+Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten
+Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den
+Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl
+brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein
+abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der
+Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in
+ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie
+zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von
+vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern
+auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren
+schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern,
+Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler
+Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre
+jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl
+hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das
+große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig
+Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit
+gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und
+lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der
+ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind
+die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die
+mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen
+als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am
+Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer
+Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den
+Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen
+anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim
+trojanischen Kriege: Cherchez la femme!
+
+Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds
+einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der
+Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer
+Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel
+Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel,
+welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen
+streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel
+Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also
+auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund
+vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen.
+
+Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück,
+was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe,
+niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der
+Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das
+große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar
+nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin
+über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf
+stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des
+Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf
+dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind,
+die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen
+Sonntage — es war vor acht Tagen — fand wiederum ein heißes Ringen in
+Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen
+zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen.
+Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren
+sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des
+Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und
+Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine
+Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und
+einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die
+Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es
+sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu,
+daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht
+fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben.
+
+Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in
+Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine
+Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: „Na,
+Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?“ blickte er mit
+seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er,
+freudig aufblickend: „Zwei große Hunde!“ — Enttäuscht über diese wenig
+sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: „Und was denn noch?“ —
+„Viele Wagen und Pferde!“ kam es schnell heraus. Daß Hühner, Tauben und
+Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere direkt
+genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, was ihm
+wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz blind.
+
+Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die
+Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und
+lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen
+nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und
+mehr braucht man nicht im Leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf.
+
+
+
+
+VI.
+
+Ein Besuch bei Gustav Freytag.
+
+
+Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von
+Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn
+nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem
+die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die
+Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen
+waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich
+ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte,
+beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem
+Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll
+und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte,
+während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner
+Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den
+hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer
+ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns
+als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden
+Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe
+gewagt werden.
+
+Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die
+Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten
+bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen
+Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von
+freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in
+einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen
+gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen
+nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir
+schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte
+ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben
+ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof
+erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine
+Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte
+freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr
+einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen
+Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß
+ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei,
+sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen
+vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie
+wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen
+festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein. — Aus dem Speziellen
+ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine
+Individualität unterdrücken, ist das Ziel. — Aber doch nicht das
+_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der
+Individualität betrachte ich weit eher als Ideal. — Das Talent geht
+nicht unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht. — Als ich erwähnte,
+daß ich eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut
+gespieen und bin so alt geworden.
+
+Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er
+zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum
+nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm
+sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu
+vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes
+übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles
+orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür
+sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne
+Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich
+Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern
+gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung,
+seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: „Vorigen Winter hatte
+ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein
+Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern.“
+
+Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf
+seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet.
+
+Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal
+flüchtig kennen gelernt hatte.
+
+Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und
+scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in
+keines, versetzte er: „Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß
+man zu ihnen gehört.“
+
+Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag
+hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß
+er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden,
+denn er war fast gerührt beim Abschied. „Leben Sie wohl, Herr Studiosus,
+arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie
+drücken.“ — Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in
+der Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann
+deutete, als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation.
+
+
+
+
+VII.
+
+Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.
+
+
+A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+
+
+1. Riga.
+
+Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst
+einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den
+höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie
+sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit
+Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand
+hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt
+die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht
+man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts.
+
+Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein
+Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist
+durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze
+Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen
+außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf
+dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken
+verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal,
+mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus
+der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben,
+seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier
+Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die
+viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der
+Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit
+und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die
+prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten
+Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der
+alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in
+den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die
+glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf
+dem Domplatz.
+
+Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende
+Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_,
+1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter
+gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten
+Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den
+schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt
+einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke
+enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an.
+Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große
+Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St.
+Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige
+Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der
+Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des
+Handwerks.
+
+Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und
+Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die
+Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf
+Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die
+Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben.
+Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof
+Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum
+Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben.
+Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der
+Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell.
+Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen
+vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den
+Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem
+Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der
+livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem
+Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische
+Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen
+versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es
+noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der
+Rigaer ausgerottet sein wird.
+
+Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische,
+dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende
+von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland
+gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna
+geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung
+zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich
+hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die
+Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus
+Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das
+Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit
+besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit
+besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum
+Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so
+stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra!
+weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht
+glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom
+Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist,
+vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem
+andern Schiff von neuem zu beginnen.
+
+
+2. Aus der livländischen Schweiz.
+
+Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer
+Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen
+Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die
+holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die —
+livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen
+Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen
+über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen
+geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird
+es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht
+umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser,
+wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu
+versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen
+von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen
+nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche.
+
+Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine
+Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein
+schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof.
+Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß
+der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski.
+
+Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold,
+der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse
+versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die
+Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand
+an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der
+Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die
+mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel
+sei jetzt aber abgestellt.
+
+In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen
+wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es
+waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen,
+die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih
+und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann
+vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns
+ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die
+Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art
+Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt
+entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine
+primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem
+zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht
+festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für
+3-4 Personen.
+
+Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach,
+wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren
+sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der
+uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot.
+
+Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend,
+durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen
+mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern
+aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste
+Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen,
+zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen
+Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke
+in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich
+hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so
+weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die
+Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von
+Inschriften bedeckt, darunter folgende:
+
+ Den Namen schreibt in das Gestein,
+ Die Heimatslieb ins Herz hinein!
+
+Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:
+
+ Ach alles ist veränderlich,
+ Das Mäuschen wird zur Ratz,
+ Was früher hübsch Gesichtchen war,
+ Wird doch zuletzt zur Fratz.
+
+Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür
+stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in
+die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in
+der einmal jährlich deutsch gepredigt wird.
+
+Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde
+den mir zugemessenen Raum überschreiten.
+
+
+3. Von Riga nach der Insel Walcheren.
+
+Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna
+hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen
+Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte
+ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts
+zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben
+lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das
+Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder
+auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß
+das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder
+Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder
+Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also
+die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist —
+ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach
+Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach
+ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das
+Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über
+den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran
+haften blieb.
+
+Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit
+den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen
+und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht
+in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um
+deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was
+doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist.
+Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag
+vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein
+Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte
+mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu
+begreiflichen Widerwillen.
+
+Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der
+Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher
+Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht
+abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein
+Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte
+ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald
+hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal
+verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte
+bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als
+praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen
+holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an
+diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede
+Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu
+lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der
+Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst.
+
+Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter.
+Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in
+dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um
+Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus
+einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe
+Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge
+herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal
+hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa
+halbwegs, Middelburg liegt.
+
+
+4. Middelburg.
+
+Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge
+gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank,
+Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu
+spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die
+holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine
+Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen
+sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben
+„Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten:
+Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war
+fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja
+vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine
+norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich
+uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten
+wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte
+der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten
+Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen
+Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres
+zurecht.
+
+Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere
+Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren
+glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen
+Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen;
+aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine
+eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene
+Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite
+an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in
+Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und
+Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das
+einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen,
+und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an.
+Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und
+hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.
+
+Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt,
+zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind
+sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch
+bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die
+allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser
+tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als
+vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu
+den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in
+Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.
+
+Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges
+Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das
+herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute
+verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal
+im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang
+bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie
+kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt
+sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm
+der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die
+dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in
+Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an
+lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben
+häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.
+
+Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche
+grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten
+die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein
+stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß
+nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder
+folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht
+vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?
+
+Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches
+Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling,
+eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die
+Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute
+Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge
+vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6
+Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das
+Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den
+Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir
+manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.
+
+
+5. Bad Domburg
+
+Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an
+vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar
+schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals
+nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte
+mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es
+gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem
+Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen
+mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch
+sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee,
+die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das
+Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die
+verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie
+und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land
+ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen
+können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die
+Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten,
+sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die
+Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor,
+das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein
+Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die
+Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen
+lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch
+einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und
+undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B.
+Ipenoord, Schoonoord.
+
+Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an
+einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger,
+eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen
+zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes
+Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem
+Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst
+dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt
+war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den
+weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als
+wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen
+Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch
+Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen
+Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer
+Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen
+umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel
+umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich
+aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus
+denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere
+und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande
+lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far
+niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.
+
+An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem
+ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig
+geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen
+vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen
+Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade
+innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten
+Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der
+Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und
+Wasserwüste.
+
+Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.
+
+
+B. Von Korsör nach Haparanda.
+
+„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der
+originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein
+Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich
+wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das
+mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte,
+und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen
+Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200
+t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach
+dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken
+nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das
+Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher
+hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener
+Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine
+erste Seereise, mitmachen wollte.
+
+Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen,
+hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur
+mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten.
+Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen
+wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas
+weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und
+fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach
+Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter
+Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf
+dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage
+ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben.
+Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die
+schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten
+Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte
+sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden
+das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit
+schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm,
+daß er sie wie ein Rahmen umschloß.
+
+Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an
+Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe
+prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.
+
+Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö
+verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische
+Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und
+mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ
+sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren,
+in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam
+ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen
+Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander
+schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer
+Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand
+zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben
+links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag
+Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings
+von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht
+erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große
+Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem
+Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der
+eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel
+mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das
+reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte
+Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden
+beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das
+Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet,
+hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.
+
+Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte
+bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt
+werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die
+annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre
+1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der
+Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin
+oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das
+prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.
+
+Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden
+einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir
+diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur
+flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus,
+das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl
+Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.
+
+Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit
+Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:
+
+ Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
+ (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).
+
+Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem
+dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich
+dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er
+hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir
+begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren
+beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die
+Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich
+unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm,
+er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu
+beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen
+Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein
+von Damen betrieben.
+
+Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen,
+sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in
+der Welt viel zu wenig bekannt sind.
+
+Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue
+Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich
+versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es
+während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich
+starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden
+zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was
+durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet
+man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische
+Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren
+ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das
+war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es
+charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann,
+will ich etwas näher darauf eingehen.
+
+Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter
+Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber
+wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen
+Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der
+Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen
+dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir
+kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war;
+was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste
+der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen.
+Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit
+mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein
+kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen
+Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten,
+zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot
+vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der
+Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist
+dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer
+der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser;
+dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun
+zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz
+einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen
+Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen
+mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier
+(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.
+
+Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell
+als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber
+erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von
+Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach
+Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die
+vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die
+Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des
+mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen,
+schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit
+Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu
+denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda
+und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf
+trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit
+verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude
+sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich
+rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und
+da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht
+vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man
+ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa
+1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische
+Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist.
+Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem
+Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte
+sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber
+Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach
+einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.
+
+Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer
+fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch
+einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr
+zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu
+machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft
+hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige
+Eleganz aus.
+
+Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte
+mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16
+verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige
+Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der
+Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des
+weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:
+
+ Frukost för Herre 1,25
+ " " Dam 1,--
+
+So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer
+mit Preisunterschied für Herren und Damen.
+
+Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz,
+an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche
+Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff
+füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel
+aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen.
+Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr
+Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser
+nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz
+und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch
+zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume —
+Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen
+wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif
+waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen
+durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und
+die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben,
+doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem
+Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das
+Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen
+wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu
+hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer
+verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.
+
+Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden
+sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und
+Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig
+lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg.
+Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen;
+die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die
+Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.
+
+Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in
+Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir
+einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es
+gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die
+deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst
+die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen
+Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die
+dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.
+
+Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten
+einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen
+beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte,
+gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem
+cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer
+Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das
+überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das
+Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser
+giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier
+verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein
+mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren,
+die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der
+einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das
+Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist
+aber in Schweden gebraut.
+
+Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle.
+Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran
+geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute
+mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf
+den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im
+Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt
+sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet
+durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür
+beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk.,
+deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die
+Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.
+
+Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff
+besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß
+hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche
+Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar
+erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem
+Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht
+als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld
+gespart.
+
+Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das
+Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum
+Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse
+für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum
+Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten
+von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen
+zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.
+
+Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die
+Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer
+Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so
+daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die
+Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im
+Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte
+Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige
+Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch,
+finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen
+sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig
+war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die
+fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr
+in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht
+ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den
+finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.
+
+Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen
+Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
+Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.
+
+Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es
+noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler
+mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und
+Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe
+steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.
+
+Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut,
+um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen
+hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der
+Hauptstraße begegnete.
+
+Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und
+befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der
+Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten.
+Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas
+Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf
+meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland
+vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen
+Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.
+
+Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
+Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich
+mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über
+Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.
+
+Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und
+umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.
+
+
+C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+
+
+1. Nach Helsingör.
+
+Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit
+der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris,
+sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern
+bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen
+sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und
+doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von
+Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war
+keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y
+Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit
+Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir
+verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der
+Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige
+Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich
+sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das
+eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt
+von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte
+danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60
+Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag
+früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel
+regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den
+breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten
+Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch
+Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte,
+spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag
+die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf
+deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken
+setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und
+zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“
+und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte,
+vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die
+Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber
+den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik
+nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84
+Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl
+der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst
+kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten),
+Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit
+seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen
+will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat,
+von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben.
+
+Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ
+ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die
+bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in
+gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte,
+schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr
+genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß
+Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich
+ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der
+Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der
+sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir
+nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel
+zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und
+siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit
+mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank,
+die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende
+Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte;
+endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße
+Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt —
+ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem
+Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein
+zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen
+ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei
+Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die
+er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein
+Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven
+schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch
+Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten!
+Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem
+Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der
+„Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt
+der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die
+Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei
+schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf),
+und — me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das
+Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine
+halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen
+Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben.
+
+Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke
+und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie
+ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin.
+
+Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa
+zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei
+Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12
+Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem
+erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet.
+Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der
+fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der
+Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen
+Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen
+Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich
+schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich
+aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten.
+
+Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin)
+lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle
+Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle
+Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein),
+tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer
+sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein.
+
+Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man
+überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch
+_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen
+Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf —
+Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich,
+seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und
+dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen
+Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer
+der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung
+Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de
+Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften?
+Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht
+übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man
+berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das
+wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen,
+dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren
+sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder.
+
+In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden
+dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in
+zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf
+uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige
+Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen,
+deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens
+Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie
+alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate
+verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen
+Märchenerzähler wohnte.
+
+Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die
+uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie
+dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf
+der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das
+Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von
+Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das
+unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die
+Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der
+mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein
+dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück
+erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach
+greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste.
+
+In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich
+in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet
+landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige
+Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln
+und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch
+einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen
+Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch
+Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden.
+
+In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die
+Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf
+und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.
+
+
+2. Von Helsingör nach Gent.
+
+Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der
+Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der
+sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,
+die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten
+Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob
+sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern,
+Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des
+Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf
+See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger
+Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!
+Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_
+Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische
+Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des
+Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.
+
+Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner
+Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje
+auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das
+Unglück schreitet bisweilen schnell!
+
+Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des
+Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich,
+obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf
+die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in
+den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von
+Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der
+Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die
+Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang
+entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der
+schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als
+rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu
+beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang
+gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder,
+und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das
+Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte
+sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen
+Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb
+verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene,
+ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch,
+aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es
+mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich
+wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen.
+Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert,
+verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder
+da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin
+ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten.
+Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten
+wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf,
+tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus
+dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem
+kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie
+immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der
+Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen
+Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten,
+verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen
+Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit
+uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem
+Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er
+manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal
+stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und
+unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest
+angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler
+Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle,
+unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um
+3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen.
+Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster
+geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft
+seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal
+so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren
+Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich
+wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern
+nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und
+hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu
+einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche
+Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein
+anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns.
+Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die
+dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach
+einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei
+Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt,
+und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder
+nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß
+verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die
+Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der
+Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so
+schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe,
+auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu
+verlieren.
+
+Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der
+Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine
+Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,
+Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte
+der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.
+
+In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine
+Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich
+krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er
+nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum
+Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts
+übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an
+allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich
+krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von
+der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr
+schwierig.
+
+Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört.
+Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden
+später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der
+Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4
+Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige,
+kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den
+Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab
+und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich
+wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein
+Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das
+Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von
+„Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste
+entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom
+Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff
+stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir
+hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter,
+der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet.
+Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich
+uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“,
+das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von
+ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr
+trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See
+nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen
+etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war
+ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre
+verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der
+Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den
+Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache
+spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes
+Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse
+an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller
+jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der
+Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen
+des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde
+erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der
+spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein
+kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge
+im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich
+in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für
+tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich
+Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen
+kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse
+sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und
+Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel
+Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen,
+hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen.
+Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen
+Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden
+de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste
+Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot
+aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein
+großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem
+Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst,
+einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der
+uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen
+Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe
+hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen
+gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die
+ebenfalls in den Genter Kanal wollte.
+
+Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz
+niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den
+Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir
+ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen
+und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11,
+als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in
+die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen.
+Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer
+an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit
+Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks
+begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der
+allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein
+von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen,
+einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als
+Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist
+erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke
+stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht
+verrichteten.
+
+Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken
+Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die
+Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne
+Fahrt.
+
+Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser
+Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so
+engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das
+Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig
+mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.
+
+Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision
+statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft
+hatte, wurde gar keine Notiz genommen.
+
+Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das
+Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein
+Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht
+wurde.
+
+
+3. Gent.
+
+Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von
+vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff
+liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen
+Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan,
+In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de
+goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite
+Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude,
+die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der
+Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom
+St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische
+Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat
+moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere
+Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier,
+das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was
+Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in
+deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem
+Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen
+zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.
+
+Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde
+erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen
+einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen
+versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es
+vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß
+es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den
+Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt
+des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich),
+geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der
+herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der
+Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den
+würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier
+verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von
+Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort
+ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu
+baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im
+Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten
+darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile
+zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das
+Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen
+Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr
+aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des
+Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen
+an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen
+stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es
+kühl geworden war, die ganze Nacht durch. —
+
+So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie
+gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang
+gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter
+für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich
+an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt,
+abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal
+populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die
+Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu
+zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch
+per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz
+(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen
+strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die
+1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der
+Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des
+Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der
+unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir
+fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten
+durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen
+erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem
+Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich
+die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten.
+Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen
+saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere
+Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an
+Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.
+
+Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende
+Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich
+untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei
+Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde.
+Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung,
+daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst
+entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch
+französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen
+sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes
+herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich
+berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig
+arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur
+wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine
+Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist,
+und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich
+redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein
+Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän
+nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger
+Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt
+würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu
+erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in
+Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen
+alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er
+auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen.
+Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen
+wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.
+
+Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das
+Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt
+fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten.
+Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder
+die Leute haben keinen Sinn dafür.
+
+Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2
+verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet,
+und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von
+Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12
+Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch
+angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen
+Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann
+versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.
+
+Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die
+Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil
+eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die
+zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und
+besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir
+einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in
+seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon
+früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht
+der Fall war, so war er der verlierende Teil.
+
+Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so
+arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot
+pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom
+Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von
+Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne
+gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er
+wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte
+ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser
+Unwissenheit.
+
+Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für
+die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war
+zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche,
+wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr
+begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen
+dauerte.
+
+Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen
+Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place
+d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination
+und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es
+war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten
+Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die
+Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und
+Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer
+nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die
+promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen
+Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder,
+einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir
+auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da
+die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt.
+Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl
+bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten
+oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern
+noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten
+Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren.
+
+Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag
+gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff.
+
+
+4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.
+
+Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh
+gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter
+ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck
+sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten
+Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde
+ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und
+schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und
+blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei
+dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen
+machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab,
+um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem
+Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich
+immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im
+Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir
+in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in
+den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere
+aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven
+wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen
+Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu
+umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der
+wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der
+Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir
+vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um
+8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen
+vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die
+Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf
+das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel,
+beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten
+selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12
+schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff.
+Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester
+Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch
+Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den
+Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à
+10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel).
+
+
+5. Ausflug ins Schottische Hochland
+
+So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne
+die blauen Berge des Hochlands herüber.
+
+Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr
+wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten
+durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake
+berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten
+gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches
+Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt,
+kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für
+den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der
+zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte
+sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich
+aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und
+dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige
+Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem
+Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich,
+auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren
+luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee
+(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht,
+blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der
+der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser
+selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke,
+blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang
+sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts
+trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für
+die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß
+über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß
+neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem
+befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem
+Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der
+eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir
+unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht
+hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die
+Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte
+Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch
+Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben
+Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel
+gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man
+nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz
+bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so
+gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre
+des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es
+beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen
+Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das
+Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich
+versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde
+herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke)
+und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die
+Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“
+u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet
+ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil
+erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des
+Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört
+zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den
+notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so
+hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren
+Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also
+vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen
+herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein
+winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne
+hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit
+einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen
+verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es
+mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor
+allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen
+nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr
+prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow
+mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man
+freilich vergeblich bei den schottischen Seen.
+
+Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des
+langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen
+auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach
+abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten,
+brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde
+warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir
+überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen
+Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am
+Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner
+hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen
+bekleidet.
+
+Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten
+den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so
+viel man will, und zahlt 3 Shilling.
+
+Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten
+Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach
+Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält
+viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer
+derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden
+sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der
+Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte
+öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben
+Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die
+Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an
+die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe.
+
+Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr
+wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das
+regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an
+die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz
+still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist
+geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des
+etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des
+Meerbusens fahren.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Geschrieben 1893.
+
+
+
+
+VIII.
+
+Der Philosoph von Gravenstein.
+
+
+ Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
+ Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+ Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.
+
+ Leonore im Tasso, I, 1.
+
+Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den
+breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in
+einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am
+Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise.
+Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem
+Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen
+trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns
+nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,
+
+ „— wo der dänische Pflüger den Deutschen,
+ Dieser den Dänen versteht —“
+
+wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede
+zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes
+lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet
+„bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a.
+Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders
+wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in
+magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick,
+obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm
+und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der
+Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in
+ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel
+des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.
+
+Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt
+wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und
+da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park
+oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald
+und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese,
+so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von
+einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau
+einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn
+Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des
+Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem
+Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser!
+Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer
+und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief
+einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren
+Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf
+Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die
+Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in
+höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem
+idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen
+es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu
+genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen
+langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch
+geschichtliche Weihe verliehen hat.
+
+In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest
+bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den
+Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen
+ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der
+Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689).
+Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28.
+September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn
+Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine,
+einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften
+Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der
+Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner
+Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben
+auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte
+man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen
+Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die
+damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen,
+die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht
+eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere
+Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst
+nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch
+nicht ein. —
+
+Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und
+Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf
+die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit
+vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die
+Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und
+seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast
+überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst
+Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog
+denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der
+Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen
+verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und
+Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.
+
+Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze
+Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte
+der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte
+den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im
+nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut,
+die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu
+lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die
+Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich
+gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des
+lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem
+fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie
+anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr
+seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und
+als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde
+reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.
+
+Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem
+jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im
+Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um
+das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den
+Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und
+Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis
+der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei
+dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der
+wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine
+Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in
+der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider
+nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer
+Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig
+bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das
+höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben
+und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel
+nicht führte.
+
+Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne
+begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner
+Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich
+gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner
+Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu
+verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung
+zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden
+literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum
+lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der
+viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte.
+Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten
+Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde
+von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich
+die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe
+am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch
+heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da
+beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus
+den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not
+zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für
+jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb
+einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit
+unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält
+und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander
+verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn
+in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu
+Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an,
+lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.
+
+Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er
+später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den
+Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden.
+Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer
+Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen
+erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der
+Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford
+herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die
+vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der
+materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man
+denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten,
+weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch
+an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.
+
+Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
+Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
+Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
+seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches
+Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!
+
+Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29
+jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab
+verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen
+Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum
+Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit
+von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die
+allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der
+Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des
+deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark
+einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies
+vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den
+dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren
+seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als
+die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine
+Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder
+Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht
+— 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen
+Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den
+dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls
+Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte.
+Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag
+bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer
+Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen
+der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten;
+endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe.
+Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun
+aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen
+Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark
+losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark
+aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche
+beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.
+
+Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König
+wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen
+förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu
+„schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen
+Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf
+Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder
+beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian
+August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem
+Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt
+geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin
+des Königs Christian VIII. von Dänemark.
+
+In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine
+staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die
+Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen
+Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der
+dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die
+Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der
+Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb
+Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne
+„die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit
+männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre
+und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das
+in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner
+bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und
+umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.
+
+
+
+
+IX.
+
+Marsberg.
+
+Auch eine Sommerfrische.
+
+
+Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren
+meine Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir
+_mußten!_ Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine
+Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach
+Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können,
+als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die
+Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen,
+namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem
+Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir
+wollten in die Sommerfrische.
+
+Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. _Eine_ Feder,
+aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere
+Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich
+doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden,
+bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl
+selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst
+besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter,
+edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der
+Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden
+sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm
+den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und
+studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben,
+z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg
+beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei
+Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so
+harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine
+immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden
+registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese
+ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und
+Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland.
+Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres,
+denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe:
+
+ Willst du immer weiter schweifen?
+ Sieh, das Gute liegt so nah!
+
+Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein
+Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich
+Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von
+Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte
+ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer
+mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag
+noch nicht im Walde gewohnt hatte.
+
+Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl
+der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit
+einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die
+Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig
+harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten.
+Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben
+mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es
+auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht.
+Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter.
+Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen
+— bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr
+vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts
+hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage:
+Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte.
+Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die
+nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch
+verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht
+einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des
+Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die
+übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im
+Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die
+Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten!
+
+Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend
+erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich
+Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im
+Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist
+kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich
+gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen,
+unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach
+diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich
+aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen
+und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen;
+überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache,
+wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten
+Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach.
+Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber
+dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei
+unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit
+auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf
+den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also
+ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine
+Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von
+der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz
+entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte
+nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine
+Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte
+es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein
+überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität
+lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im
+östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise
+angetreten werden.
+
+Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf
+folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine
+Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5
+stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die
+wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe
+Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des
+Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als
+Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In
+Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf
+unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche
+Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen
+Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar
+empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen
+wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch
+Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in
+Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die
+Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
+
+Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen
+vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel,
+abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte:
+Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und
+bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu
+entziffernden Inschrift:
+
+ DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN
+ GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.
+
+Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
+Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
+
+Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen
+hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen
+den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben
+zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein
+Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen
+man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat
+Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
+
+Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine
+Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des
+wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung,
+genannt der „Diemelbote“, der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie
+gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat
+Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen
+Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die
+geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.
+
+Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist,
+sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du,
+lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter
+gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß
+hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre
+berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß
+dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier
+zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die
+Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren,
+nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles
+dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich
+habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht
+und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß
+hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er
+ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser
+mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine
+alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig
+gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre
+ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller
+heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein
+Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster
+hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei
+dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit,
+wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte,
+wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen
+„Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7]
+
+Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen
+Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen
+Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt.
+Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen,
+vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide
+Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von
+der Passion Christi führt hinauf.
+
+Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir
+bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen
+keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler
+und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum
+„Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und
+da haben wir manchen guten Braten gehabt.
+
+Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach
+Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als
+ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist
+mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man
+kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze
+zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen
+sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller
+Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen
+lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche
+Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die
+Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen
+aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die
+sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von
+dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer
+trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal
+mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.
+
+Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von
+dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand
+anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der
+in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten
+schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt,
+ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie
+mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus
+denselben Bestandteilen hergestellt ist.
+
+_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist
+wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen
+jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei,
+welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich
+Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz
+eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es
+giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die
+noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen
+Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den
+Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte
+Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein
+Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den
+Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der
+jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen
+unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser
+Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt,
+aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein,
+der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da
+liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei.
+Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher
+denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben
+eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und
+gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!
+
+Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von
+Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag
+nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer
+Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke
+hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte,
+was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche
+Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite
+Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den
+Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist
+nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.
+
+Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich
+von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein
+Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der
+Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von
+Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen,
+insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte
+Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren
+Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen
+verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere
+Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch
+Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das
+herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die
+Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von
+Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in
+Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten
+Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich
+aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte
+also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise
+plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von
+Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon
+gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten;
+ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim
+angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr
+heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar
+Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten,
+ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf
+eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug
+meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser
+lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten
+Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte
+zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte.
+Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten.
+Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der
+Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog
+zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß
+ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch
+ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte
+ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal
+so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte
+mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und
+erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich
+fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter)
+den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte
+den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder
+herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das
+gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren
+Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken
+(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener
+Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart!
+Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu
+streichen.
+
+Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach
+dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen,
+wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer
+Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen,
+Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und
+Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der
+sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch
+ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein
+einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das
+Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt)
+auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine
+Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht
+gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das
+verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund,
+keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein
+Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du
+schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem
+Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es
+beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von
+dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so
+heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter
+und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein
+Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen
+Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern
+leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will.
+Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die
+Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich
+die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren
+Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von
+dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten,
+führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das
+Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen
+des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den
+Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor
+etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die
+Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen;
+an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die
+äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank
+und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier
+im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher
+eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten
+darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen,
+die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend
+verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die
+breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig
+geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das
+Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den
+Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die
+nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll;
+wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den
+tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein
+Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus,
+voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — —
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das
+Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den
+Künstler nicht bloßzustellen.
+
+
+
+
+X.
+
+Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8]
+
+
+Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach
+dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch
+das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und
+Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und
+Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich
+mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich
+vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen
+Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die
+Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum
+Militärdienste stellen.
+
+Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und
+Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen
+und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke
+fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten-
+(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr
+250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen
+will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher
+Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch
+die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison
+an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa
+Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte;
+zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser
+schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison
+war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer
+Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte.
+Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf
+Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt
+war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem
+Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein
+Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei
+und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine
+Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an
+emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch).
+Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in
+tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem
+Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof
+erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist,
+Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte
+nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den
+ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele,
+während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb
+nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war,
+schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern
+Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt
+sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch
+heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es!
+Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch
+langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine
+Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser;
+nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und
+außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben.
+
+Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste
+Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen
+in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte
+Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier
+bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn
+Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.
+
+Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden
+Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der
+Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es
+konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist
+verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den
+Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben,
+gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und
+nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der
+schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und
+rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und
+Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel
+wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee
+getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne.
+Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen
+brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr
+kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß
+es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.
+
+Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden
+uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem
+anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und
+Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene
+hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die
+Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50'
+wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde,
+nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens
+richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es
+ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als
+Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage
+strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die
+Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem
+Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt
+dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da
+ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn
+nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn
+er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner
+ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der
+weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort
+viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport
+getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine
+großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel
+einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in
+Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden:
+Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh
+ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den
+Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise
+nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca.
+6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher
+nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur
+bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da
+mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus
+dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die
+Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer
+14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein
+Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich
+ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich
+Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine
+einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen)
+verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem
+Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während
+der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich;
+daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum
+zu erwähnen.
+
+So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei
+Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch),
+Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische,
+französische, holländische, mexicanische und indianische Namen.
+
+In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts
+dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine
+aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils
+indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte
+Santa Fe.
+
+Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und
+Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren
+auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt
+ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt
+ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals.
+Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein
+kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers
+kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da
+die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch
+radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen
+dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand.
+
+Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall
+herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter
+zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem
+Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten
+dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er
+wandte nicht einmal den Kopf nach uns.
+
+Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß
+verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß
+künstlich bewässert werden.
+
+In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir
+stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn
+benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den
+Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld,
+der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft.
+Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot,
+Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr
+viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die
+zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei
+Schwestern) hervor.
+
+Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare
+Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der
+Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen,
+Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem
+schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der
+Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen
+umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen.
+Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und
+Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind
+fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm
+ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in
+Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung
+zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die
+Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden
+Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein
+und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34°
+gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden
+fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die
+Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco
+und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt
+des ewigen Frühlings.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Vgl. die Anmerkung [2]
+
+
+
+
+XI.
+
+Bordesholm.
+
+
+Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt
+das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist
+nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der
+glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem
+Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum,
+auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche.
+Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut
+sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten
+der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck
+macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500
+Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer
+Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem
+altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.
+
+Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir
+unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht.
+Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit
+auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum
+zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit
+eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last
+nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter
+des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine
+Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt;
+allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz
+unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender
+Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:
+
+ „Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,
+ Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.
+ Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands
+ Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“
+
+ März 24. 1873.
+
+Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der
+Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter,
+epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier
+im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das
+Gebäude.
+
+Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster,
+wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der
+Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet,
+den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die
+abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name
+hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch
+starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das
+übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern
+vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine
+Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste
+sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel;
+wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben
+verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den
+80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma
+mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof
+(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende
+Ansprache entgegen.
+
+Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt,
+einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle
+und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt
+keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine
+Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu
+Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige
+daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten
+Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das
+auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.
+
+Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine
+Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des
+russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es
+einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die
+schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.
+
+Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem
+Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern
+von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten
+Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in
+den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der
+letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen
+_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der
+Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes
+Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von
+Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von
+Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei
+Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter
+Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum
+Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt.
+1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein
+wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren
+Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn,
+der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist
+der jetzige Kaiser Nikolaus II.
+
+In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage
+Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er
+ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_
+gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829
+großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf
+Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen
+bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron,
+Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische
+General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten
+Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. († 1533) und
+seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des
+Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu
+den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in
+diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des
+Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine
+Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch
+wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist
+den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der
+hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den
+eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des
+Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine
+Inschrift folgenden Inhalts:
+
+„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog
+Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich
+und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den
+Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“
+
+Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir
+noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische
+Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist.
+Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger
+Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des
+meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer
+Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine
+Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben,
+die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters
+gemahnt:
+
+„States fall, arts fade, but Nature does not die.“
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.
+
+[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des
+berüchtigten Stockholmer Blutbades.
+
+
+
+
+XII.
+
+Auf Seeland.
+
+
+I.
+
+Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn
+durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der
+Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so
+viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie
+erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das
+Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte
+und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen
+blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von
+Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein
+großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen
+seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen.
+
+Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der
+Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem
+eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen
+Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen
+Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß
+man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische
+Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert.
+
+Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei
+an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts
+blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den
+Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten
+weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den
+breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler,
+vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der
+Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem
+Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.
+
+An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an
+Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in
+dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist
+das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und
+den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt
+zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen
+des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten,
+villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen
+Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.
+
+Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in
+Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern.
+Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von
+den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie
+gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an
+Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft,
+natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten
+verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich
+weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem
+Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird.
+
+Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir
+wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel
+Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde
+emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de
+Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die
+Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die
+Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen
+Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und
+Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160
+Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und
+Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr
+Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘
+zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf
+der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.
+
+Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer;
+anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern
+sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo
+man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger.
+
+Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei
+Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns
+Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör,
+taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und
+Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend
+bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in
+der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau,
+Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn.
+Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen
+den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen
+zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit
+einem Male entledigten.
+
+Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten
+uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf
+und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber.
+Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die
+engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der
+Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten
+Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht
+geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen,
+weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen.
+Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut
+hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den „Sundzoll“,
+freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite
+Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider
+nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit
+zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein.
+Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes
+wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang
+auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit
+die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung.
+
+Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für
+Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und
+trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur
+alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg
+schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in
+Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die
+Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die
+Dänen bis jetzt freilich vergebens.
+
+Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom
+Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der
+Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die
+Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen
+sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der
+Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei
+Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache
+war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und
+Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen.
+
+Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das
+Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians
+VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang
+gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen
+Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von
+der Terrasse.
+
+Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6
+Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den
+lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat
+man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die
+gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende
+Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen
+Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des
+Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen
+schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der
+schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem
+Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an
+südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen
+nicht.
+
+Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in
+Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten
+wir in Marienlyst dafür — sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder
+besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend
+anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die
+Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten
+schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der
+anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges
+Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem
+angenehmen Seebade Marienlyst („Marienlust“) verlustig, hatten dafür
+aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit
+allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte
+einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter
+Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer
+Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken
+Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben
+ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen.
+Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer
+derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist,
+das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben
+und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab —
+das wußten wir — würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein
+setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere
+der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der
+seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute
+unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur,
+Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde,
+so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur
+zu stärken und zu erfrischen.
+
+Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht
+einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen,
+Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde
+tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt,
+mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor
+spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze;
+dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den
+einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der
+Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich
+zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern,
+Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten
+kann.
+
+Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen
+wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee
+gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III.
+mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von
+welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber
+mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er
+öfters sagte: „Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle
+Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben.“ Volkssagen leben noch im Munde
+der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen,
+seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde
+kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in
+Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich
+Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher
+Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die
+Prophezeiung verwirklichte. —
+
+Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit
+Gefolge über Wälder und Seen jagen.
+
+Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis
+Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen
+Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. „Dicht über uns“, so
+schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald,
+„zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint.
+Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört
+es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter
+bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das
+zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und
+lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle
+plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen
+träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit
+weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende
+Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige,
+das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu
+trinken — alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und
+bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe.“
+
+An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte
+auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des
+Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen
+Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie,
+wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo
+der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte
+des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen.
+
+Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute
+Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches
+Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das
+Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist
+ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und
+Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen
+gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich
+der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See
+durchblitzen sieht. Eine Allee heißt „Sukkenes-Allee“ (Seufzerweg); in
+einer anderen, „Normandsdalen“ genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren
+ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als
+sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der
+verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also
+gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem
+Schlosse liegt der „Marmorgarten“, in italienischem Stil, voller
+Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich
+beengten Waldparke bildend.
+
+Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der
+Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser
+Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten
+Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten
+Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit;
+ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit
+weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die
+übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und
+benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen
+Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer
+wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende
+Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen
+brausend an das Ufer.
+
+Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist,
+früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer
+ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom „Grib
+Skov“ begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein;
+dorthin kamen wir aber nicht.
+
+
+II.
+
+Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles
+einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend,
+architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt
+hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen
+und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten
+hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß
+Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und
+nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik
+sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV.
+geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er
+beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu
+errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten
+ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden
+Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal
+Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf
+drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem
+Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier
+mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der
+Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß
+gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle
+Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen
+berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige
+Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den
+Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere
+ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind
+vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von
+Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen
+erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende,
+zur Verfügung stellte.
+
+Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches
+Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und
+ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den
+beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte,
+von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von
+Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde
+von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem
+Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft
+der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von
+Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von
+1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und
+einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders
+die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche
+überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der
+Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige
+Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das
+von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern
+entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen;
+Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer.
+„Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl
+etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die
+Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt
+wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz,
+mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste
+in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als
+allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des
+Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von
+Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen
+die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur
+Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“,
+1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für
+seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft
+bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor
+ernannt wurde.
+
+Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den
+Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des
+Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den
+letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I.,
+Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn
+Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen
+Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er
+hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864
+erhalten.
+
+Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere
+Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_
+einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von
+ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze,
+bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können:
+den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die
+deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu
+Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf
+bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist
+Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst
+denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun,
+sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar
+geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt.
+Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite
+Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand
+lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und
+giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine
+Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.
+
+In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die
+eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die
+Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen
+zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge
+(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden
+Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier
+walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an
+kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa
+(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen
+noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“
+und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die
+zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen
+segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden
+die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.
+
+Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach
+Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde
+soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der
+Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen
+skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der
+Mittelpunkt der geistlichen Regierung.
+
+Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann
+von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von
+den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die
+Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage
+Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben
+mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank
+schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles
+Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern.
+
+Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen
+Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher
+Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.
+Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch
+hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.
+
+Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen,
+in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31
+Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene
+haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig
+ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen
+Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist
+eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn († 985)
+am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre
+Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der
+Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche
+beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin,
+ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in
+Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die
+schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs
+von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen
+Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene
+Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V.
+beigesetzt.
+
+Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und
+Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend
+wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß
+sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich
+folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen
+Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten
+und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß
+Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und
+Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und
+Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia,
+und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad,
+Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen,
+die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer
+auseinander zu halten.
+
+Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir
+aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark
+Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet
+die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter
+der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht
+zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären,
+sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann
+wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen
+Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine
+Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren
+sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als
+unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden
+und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester
+geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt
+Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der
+Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche.
+
+Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen
+wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf
+uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen
+Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2
+Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die
+beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des
+Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die
+große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt.
+
+Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber
+Saxo Grammaticus († 1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell
+aufgezeichnet hat.
+
+An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des
+1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der
+berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten.
+In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen,
+darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke
+(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist.
+Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15.
+Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen
+Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten
+und Neuen Testament darstellt.
+
+Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man
+nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König
+Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen
+Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen
+ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem
+ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden.
+
+
+
+
+XIII.
+
+Friedrichsruh[11]
+
+
+Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu
+fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu
+Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den
+Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen
+Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten
+Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende
+Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter,
+hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel
+angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten
+und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den
+Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken
+ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den
+sogenannten „Mummeln“.
+
+Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht
+aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes
+Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _„Verboten!“_, welches
+hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt.
+
+Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen
+einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In
+welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches
+Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da
+Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen
+für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich
+ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb
+parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und
+Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten
+Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll.
+Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß
+„die Wohnung des Fürsten unzugänglich“ sei (S. 130), ist dahin zu
+berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks
+beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst
+wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise
+nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos,
+aufgetrieben hatten — obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er
+seine Wohnung nicht dort — begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen
+Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im
+ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer,
+für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei
+seinem vorjährigen Besuche hier.
+
+Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns
+überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft
+war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer
+langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht.
+
+Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den
+_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das
+Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe
+ich folgenden an:
+
+ Wenn einer kam und Ränke spann,
+ Dann setztest du den Hobel an,
+ Dann flogen auch die Spähne gleich;
+ Gott schütz' den Kaiser und das Reich!
+
+In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch:
+
+ Das Wegekraut sollt stehen lan;
+ Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran!
+
+Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger
+Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen
+äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige
+Erinnerungen ziehen das Auge auf sich.
+
+Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily
+gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein
+Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von
+Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet;
+ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von
+Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885.
+
+Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und
+Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus
+Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein
+Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das
+Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet.
+
+Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich
+an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee,
+Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal
+ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine
+smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt,
+eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus
+liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt!
+
+Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt,
+400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten,
+ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon
+Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz
+vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der
+Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das
+kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im
+nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft,
+der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger
+Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so
+groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei
+Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber
+dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und
+Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers,
+bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet.
+
+Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das
+_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in
+Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder
+Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die
+eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten
+(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen. — Durch
+einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit
+dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: „In trinitate
+robur“, gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem
+Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh
+im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des
+Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des
+Sohnes Wilhelm.
+
+Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses:
+_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den
+Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde,
+Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch
+eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders
+fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die
+Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen
+folgende Worte: „Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen
+Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de
+Provence Nr. 14 unterzeichnet worden.“
+
+Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht
+reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer
+Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt,
+scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an.
+Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von
+Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke;
+Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter,
+darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl
+Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a.
+
+Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten
+Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe,
+Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier
+Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der
+Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel
+gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir
+Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in
+gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit
+je einem passenden Ausspruch, wie: „Ich habe keine Zeit müde zu sein,“
+„Lerne leiden ohne zu klagen“ und andern. Eine kunstvoll geschnitzte,
+hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I.
+erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell
+des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus
+Hirschgeweihen.
+
+Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine
+Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten.
+Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der
+Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung
+Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse,
+Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet.
+
+Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh.
+
+Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen
+doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame,
+schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen
+in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude,
+von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine
+ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch
+lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der
+Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das
+einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen
+Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller
+Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte
+sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich
+geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu
+halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen!
+
+FUSSNOTEN:
+
+[11] 1869 geschrieben
+
+
+
+
+XIV.
+
+Ein Nachmittag bei den Karthäusern.
+
+
+Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z.,
+der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom
+Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und
+befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen.
+Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke
+Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der
+Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer
+umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in
+der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen,
+an denen keine Fenster zu sehen waren.
+
+Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland,
+erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden
+ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs
+Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben
+widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein.
+Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten
+strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie
+üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere
+Bildung.
+
+Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal
+besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache
+abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge
+(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch
+1/4 Stunde bis zur Karthause hat.
+
+Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder
+Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir
+eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem
+Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in
+freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang
+herumführte.
+
+Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit
+Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter
+in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und
+betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir
+eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter
+dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir
+vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker
+versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der
+Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die
+Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden:
+in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während
+sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt.
+
+Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der
+interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche
+Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand
+gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume,
+im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel
+davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte
+lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des
+ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen
+hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und
+Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl
+und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer
+Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine
+Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der
+Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng.
+Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet,
+körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die
+Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch;
+zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu
+Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag
+gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden
+häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben.
+Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke
+zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur
+Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis
+halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht,
+Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden.
+Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und
+nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr.
+
+Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und
+Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick
+dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil
+augenblicklich die pflegende Hand fehlt.
+
+Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen
+Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang
+zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt
+wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der
+Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis
+bedurft hätte.
+
+Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder
+zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles
+scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt
+Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der
+voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern,
+einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der
+Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke
+Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern
+köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder
+Bienenvater verkauft.
+
+Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur
+(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause
+(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in
+Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der
+dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.
+
+Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich
+ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie
+während der Jahre 1875-90 geruht.
+
+Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte
+reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind
+meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben
+entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine
+Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein
+Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte
+seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer
+für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein
+Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere
+Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem
+Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso
+fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit.
+Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.
+
+Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den
+Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein
+gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ
+uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns
+zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.
+
+An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der
+Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,
+alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,
+uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem
+Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die
+Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem
+Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen
+Gefährten daraus vor.
+
+Da schreibt einer:
+
+ Wo sind Fried und Ruh
+ Und Herzensglück zu Hause?
+ Ich weiß es genau:
+ Hier in der Karthause.
+ Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.
+
+Ein anderer:
+
+ Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!
+ Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.
+
+Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse:
+
+ Drum pflege nicht den Leib zu sehr,
+ Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!
+ Hast du die Seele treu gepflegt,
+ Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt.
+
+Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber
+nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen
+schattenlosen Weg nach Düsseldorf.
+
+Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:
+
+Härzlichen Dank für die gute Bedinung!
+
+Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen
+Versen:
+
+ Besten Dank
+ Für den guten Trank.
+
+Ein Trappist schreibt:
+
+ Gratias intimo ex corde
+ Carissimi Confratres Cartusiae
+ Oremus pro invicem.
+
+ (Name)
+ Trappista.
+
+Sehr anmutend fand ich die Eintragung:
+
+ Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen
+ mich an die Wahrheit des Spruchs denken:
+
+ Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;
+ Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.
+
+ (Rüdert.)
+
+Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt
+verboten ist, schreibt:
+
+ Leider hab' ich nichts gesehen,
+ Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.
+
+ Frau X.
+
+Endlich noch zwei lateinische Sprüche:
+
+ Cartusis clara
+ Eras mihi praeclara
+ Eris mihi cara!
+
+und
+
+ O beata solitudo,
+ O sola beatitudo!
+
+Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte
+freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im
+heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb
+der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich
+mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken
+sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden
+Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — —
+
+
+
+
+XV.
+
+Eisenberg.[12]
+
+
+Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit
+Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber
+auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern
+pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie
+aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben.
+Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo
+ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden
+von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden
+Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im
+Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange
+Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn
+Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer,
+wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint
+auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl
+villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen
+höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange
+dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom
+höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die
+wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den
+Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das
+_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in
+etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine
+Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon
+bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem
+_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz.
+Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem
+Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des
+Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß
+„Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er
+ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten
+Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den
+älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den
+deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen
+„Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem
+ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und
+Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung
+mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war
+jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt
+ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg
+in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine
+einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von
+Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm
+war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere
+Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt
+liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg
+bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des
+Hauses.
+
+Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des
+Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein
+Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph
+_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant
+anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat.
+Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine
+Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben.
+
+Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang
+und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte
+„Thälchen.“
+
+Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von
+zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten
+(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie
+gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will
+Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von
+Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus
+prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das
+Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle
+Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal,
+durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen
+und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen
+auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen
+Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein
+größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen
+Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu
+gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See
+gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt
+Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_,
+mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den
+hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde,
+von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe
+einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte
+er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von
+dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er
+sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte;
+freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und
+Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen.
+Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen
+östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg
+
+
+
+
+XVI.
+
+Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]
+
+
+Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe
+ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile
+eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische
+Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg
+ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare
+diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren
+haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen
+Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser
+Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die
+Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den
+„Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause,
+„Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand,
+während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse
+am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und
+weißer Wein floß.
+
+Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und
+sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den
+großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf
+der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in
+die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.
+
+Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt
+aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem
+Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen
+die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie
+sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der
+Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an
+denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in
+dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große,
+schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit
+mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten
+lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde
+_Goetheviertel_.
+
+Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet
+_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein
+dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges,
+bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es
+bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden.
+Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den
+Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine,
+damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im
+wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel
+angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das
+Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des
+Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben
+hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus,
+Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“
+
+Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen
+Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft,
+die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die
+entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie
+veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen
+Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und
+neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine
+deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die
+Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre
+verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine
+mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser
+Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches
+durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich
+zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue
+Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.
+
+Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein
+Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich
+aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere
+Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir
+zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren
+Angehörigen freien Eintritt.
+
+Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als
+Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie
+Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer.
+Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts
+herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß
+des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da
+Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen
+Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten
+sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu
+verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter —
+der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur
+Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel
+hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere
+herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan
+mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an
+und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:
+
+ Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst
+ Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.
+ Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes!
+ Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen!
+
+Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher
+Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“
+
+Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die
+Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung
+ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen
+können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen
+Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern
+teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet
+hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen
+und verbannen sollen.“
+
+Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit
+Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der
+Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die
+Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts
+abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des
+Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des
+_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von
+und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal
+einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß
+allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.
+
+Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des
+alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer,
+dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter
+Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter
+Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte
+hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr.
+Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen
+Sohn, Johann Wolffgang.“
+
+Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines
+Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten
+aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige
+heraus.
+
+Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann
+und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine
+Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber
+mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den
+Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es
+zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und
+ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener
+Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“,
+die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen
+Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie
+eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf
+Goethe und seine Familie bezüglich.
+
+Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem
+Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus
+Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht
+im ersten Buche und lautet:
+
+„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer
+nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den
+Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich
+heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch
+sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und
+Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich
+nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine
+Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden
+Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug
+sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln
+und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich
+ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so
+erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer
+daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten
+Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in
+der Folge noch deutlicher zeigte.“
+
+Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
+und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die
+Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
+Frankfurt.
+
+Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem
+baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des
+Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz
+seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken
+kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige
+Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist
+mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust,
+Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und
+der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese
+wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers
+Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde,
+sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende
+Victoria.
+
+Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem
+imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf
+roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen
+Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten
+Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie
+mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne
+nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“
+
+Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht
+der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes
+Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An
+dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe
+Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach
+Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und
+mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das
+Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar
+ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat,
+von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen
+Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er
+ihn kaum.
+
+Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem
+reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und
+Kornmarkt zusammentreffen.
+
+Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht,
+Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der
+kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in
+Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und
+winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im
+vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt.
+Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten
+Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne
+verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über
+siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln
+verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch
+immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast
+der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er
+sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien.
+
+Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als
+ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends
+um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die
+Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern
+Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an
+einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam
+nie von seiner Seite.
+
+In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines
+Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als
+einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis
+et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich
+mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die
+Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und
+reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich
+andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung
+fanden.“
+
+Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später
+in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann,
+die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter
+zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem
+eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die
+erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]
+
+ „— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines
+ Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18]
+ Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles
+ aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig
+ angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das
+ eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich;
+ ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige
+ Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und
+ Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre
+ Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas
+ Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie
+ nötigte, waren ungezwungen und leicht.
+
+ Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber;
+ wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon
+ angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges
+ Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft
+ mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich
+ will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten
+ Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen
+ Pausen meinen Besuch zu wiederholen. —
+
+ (17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich
+ zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen
+ Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht
+ hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“
+
+Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf
+Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für
+keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim,
+einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr
+Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister
+Goethe in Weimar.
+
+Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das
+Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den
+Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes
+gefallen ist.
+
+In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte
+Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche
+Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz
+der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen
+Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen
+schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals
+verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume
+fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum
+der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen,
+Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung
+derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie
+emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten
+beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene
+altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte
+jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals
+mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf
+dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere
+Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können.
+
+Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe
+ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich
+mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines
+unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.
+
+Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden,
+bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe
+der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein
+Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich
+eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige
+Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“.
+
+Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in
+eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat
+man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des
+Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt:
+die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes.
+In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden
+Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die
+Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des
+Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze.
+
+Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger
+Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und
+Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte
+Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten
+Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten
+der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten,
+die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens
+Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht
+bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren
+Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb
+gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief.
+
+Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe
+fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie,
+wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte
+großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an
+Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind;
+denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte
+Anwendung:
+
+ „Wer den Dichter will verstehn,
+ Muß in Dichters Lande gehn!“
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.
+
+[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber.
+
+[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens.
+Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.
+
+[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht
+jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu
+langen macht.
+
+[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.
+
+[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach
+heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.
+
+
+
+
+XVII.
+
+Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.
+
+
+Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so
+auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung
+der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das
+Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit
+meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines
+Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen
+Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden
+hier nicht berücksichtigt.
+
+
+_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._
+
+Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und
+Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer
+gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule,
+worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich
+zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger
+praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer
+und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der
+Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls
+er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner
+Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während
+„Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich,
+jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist
+durchweg die plattdeutsche.
+
+In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu
+untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt
+haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als
+Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche
+ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das
+Oberseeamt in Berlin.
+
+
+_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._
+
+Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt.
+Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die
+Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie
+sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_;
+hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit
+voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen
+_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das
+Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen
+_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat,
+heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben
+wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch
+Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine
+einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den
+Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur
+Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum
+Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch
+Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“.
+
+So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil
+aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den
+Dampfern übertroffen.
+
+Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger
+„Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden
+nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den
+Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt
+verwendet worden.
+
+Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21]
+breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen
+die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts
+reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10
+Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons
+Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und
+ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500
+Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2.
+Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen,
+2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu
+verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie
+können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer
+Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.
+
+Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren
+Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei
+Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt
+nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die
+Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein
+unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder-
+und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon,
+Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der
+Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte.
+Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die
+Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des
+Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das
+Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen
+Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe
+keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so
+wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge
+dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge
+einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier
+eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs
+englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten
+gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind.
+
+Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne
+oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne
+angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke
+Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser
+auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang
+ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen
+Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte
+Aufmerksamkeit notwendig.
+
+
+_Leben an Bord._
+
+Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt
+in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit
+Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies
+geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben
+nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet.
+Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr
+früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso
+ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke
+geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr
+sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der
+Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf
+Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke
+kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die
+Eßzeiten und die Ablösung der Wachen.
+
+Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder
+nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.
+
+Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt
+verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem
+komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“
+befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.
+
+Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer
+messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde
+nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange
+herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die
+Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht
+sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das
+Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist;
+auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen
+ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.
+
+Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr
+stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in
+welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.
+
+Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde)
+nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen
+oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen
+befördert werden.
+
+Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist
+ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In
+dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben
+und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot
+wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht
+in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört.
+
+
+_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige
+Eigentümlichkeiten._
+
+Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_
+aufgestellt, die allgemein angenommen ist:
+
+ Windstille = 0
+ Sehr leichter Wind = 1
+ Leichter " = 2
+ Schwacher " = 3
+ Mäßiger " = 4
+ Frischer " = 5
+ Starker " = 6
+ Steifer " = 7
+ Stürmischer " = 8
+ Sturm = 9
+ Starker Sturm = 10
+ Heftiger " = 11
+ Orkan = 12
+
+An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder
+auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese
+Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:
+_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke.
+_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen
+Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke
+zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben
+können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch
+gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und
+abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer,
+Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m.
+
+Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem
+Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt:
+kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten
+Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume,
+die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen
+Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit
+einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird,
+der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt,
+das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke
+versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird.
+Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_
+eingetragen.
+
+Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu
+Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze
+komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen
+800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze;
+beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“
+„Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur
+einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den
+18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die
+von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.
+
+Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren
+Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige
+Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den
+seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich
+eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe,
+Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl
+ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland,
+Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf
+o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander
+entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur
+Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma,
+Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer
+Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie:
+Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich
+Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der
+Dampfer gehört, schon von weitem erkennt.
+
+An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art
+Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe
+statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen
+u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines
+Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen
+Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will
+ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich
+aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt
+war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in
+Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte
+sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht
+zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem
+ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe,
+besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter
+bei weitem nicht.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es
+entspricht der Unterleutnant zur See — dem Leutnant, der Leutnant zur
+See — dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant — dem Hauptmann, der
+Korvettenkapitän — dem Major, der Kapitän zur See — dem Oberst, der
+Konteradmiral — dem Generalmajor, der Vizeadmiral — dem Generalleutnant,
+der kommandierende Admiral — dem kommandierenden General.
+
+[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere
+Besanmast.
+
+[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß
+engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Oberhausen.
+
+
+ „Tausend fleißge Hände regen,
+ Helfen sich in munterm Bund;
+ Und in feurigem Bewegen
+ Werden alle Kräfte kund.“
+
+ Schiller
+
+Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher,
+an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte
+sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der
+liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand.
+Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt,
+sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu
+erreichen ist.
+
+Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine
+rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor
+einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte
+doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens!
+Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden,
+amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und
+außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber
+Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei,
+teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen
+überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der
+eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser
+Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die
+Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen
+großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der
+Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist.
+Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf
+dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine
+schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die
+Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die
+Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen.
+Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und
+verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim.
+
+Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als
+Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt;
+direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas,
+über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg,
+Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn
+auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über
+Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet
+ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und
+D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu
+gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen
+und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen.
+
+Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der
+Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz
+so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde
+von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der
+Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere
+Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder
+Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße
+architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige
+Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport
+gehuldigt wird — eine Einrichtung, die man in Hunderten von
+Mittelstädten vergeblich suchen würde.
+
+Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der
+Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der
+Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die
+unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende
+Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren
+13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt
+existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über
+60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a.
+gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den
+Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die
+mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen
+Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die
+Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen „Konkordia“ und
+„Oberhausen“.
+
+Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I.
+geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren
+von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird.
+Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen
+Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und
+angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich
+an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin
+liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.
+
+Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige
+hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf
+Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß
+Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei
+Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben
+Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei
+Stunden zu erreichen.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichnis.
+
+
+ Widmung
+ Vorwort
+ I. Ueber das Reisen
+ (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen)
+ II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878)
+ III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt
+ IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers
+ V. Glensund (Ein Land- und See-bild)
+ VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag
+ VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.
+ A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+ Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+ 1. Riga
+ 2. Aus der livländischen Schweiz
+ 3. Von Riga nach der Insel Walcheren
+ 4. Middelburg
+ 5. Bad Domburg
+ B. Von Korsör nach Haparanda
+ C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+ 1. Nach Helsingör
+ 2. Von Helsingör nach Gent
+ 3. Gent
+ 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth
+ 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland
+ VIII. Der Philosoph von Gravenstein
+ IX. Marsberg
+ X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn
+ XI. Bordesholm
+ XII. Auf Seeland
+ XIII. Friedrichsruh
+ XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern
+ XV. Eisenberg
+ XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt
+ XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine
+XVIII. Oberhausen
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco
+by Ernst Wasserzieher
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12266 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Von Haparanda bis San Francisco
+ Reise-Erinnerungen
+
+Author: Ernst Wasserzieher
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Von Haparanda bis San Francisco.
+
+
+Reise-Erinnerungen
+
+von Dr. phil. Ernst Wasserzieher
+
+Oberhausen im Rheinland.
+
+
+Witten 1902.
+
+Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug.
+Pott.
+
+
+
+
+Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet.
+
+
+
+
+Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen
+aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß
+sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und
+Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen
+Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und
+Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies
+anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite
+Sammlung folgen.
+
+_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901.
+
+Ernst Wasserzieher.
+
+
+
+
+ „Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
+ Den schickt er in die weite Welt.“
+
+ Josef von Eichendorff.
+
+
+
+
+I.
+
+Ueber das Reisen
+
+Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen.
+
+
+Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die
+viele aber nie lernen — das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit
+erscheinen mag. Da wußte die „Frau Rat“ besser, welcher Unterschied
+zwischen Reisen und Reisen sei! „Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist“,
+sagte sie einmal, „so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel
+reisen.“ Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein
+Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als
+Psycholog und als Mensch. „Man darf nur auf der Straße wandern _und
+Augen haben_,“ schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat,
+„man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“ Der gewöhnliche Reisende
+begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was?
+und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als
+Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt
+nicht am Reisen, sondern an ihnen. „Das Reisen als solches ist noch
+nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was
+sich ihm darbietet, erfaßt.“ (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants
+Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte
+ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die
+menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die
+Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert,
+wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele
+Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein
+pflegt.
+
+Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt
+besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft — wiegt das
+bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß „nicht vielen der
+Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder
+beinah nie.“ Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem
+Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen,
+die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von
+denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die
+Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet;
+nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das
+elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer
+Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr
+Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten.
+Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; „erst die Fremde“, sagt
+Fontane, „lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Die schottischen
+Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in
+der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu
+werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß
+freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am
+Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich
+auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen,
+überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft,
+ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein.
+
+Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen,
+insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des
+häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine
+Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu
+betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele
+Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben — das ist der oft
+unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. „Auf Reisen“, so ungefähr spricht
+sich Schopenhauer aus, „fühlt man sich interesselos, sieht man von der
+eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_.“
+_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der
+das Schöne definiert als „das, was ohne Interesse gefällt“ (d.h. ohne
+selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der
+Unabhängigkeit. „Jetzt bist du zum ersten Mal allein,“ ruft George Sand
+entzückt aus, „keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir,
+dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!“ Freilich stellt
+sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite
+dieser selbstgewollten Freiheit. „Auch der leidenschaftlichste,
+fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt,
+und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile
+beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht
+heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses
+Wort mit Freuden aussprechen würde.“ (Amicis, Reise in Spanien, Capitel
+2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch
+an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten
+Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den
+weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung
+trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des
+Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des
+Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der
+verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren.
+Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die
+Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die
+Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen,
+Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage
+in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man
+dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer
+in Graz zustimmen, wenn er sagt: „Reisen ist eine Kunst, eine größere
+vielleicht als eine Reise gut beschreiben.“ (Essays, II, 58.)
+
+
+
+
+II.
+
+Eine Primanerwanderung auf den Brocken.
+
+(1878.)
+
+
+Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr
+morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und
+einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen
+hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen
+werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser
+Jahreszeit — man schrieb den 12. April — eine Harz- und Brockenreise zum
+Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte.
+
+Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von
+dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu
+erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob
+man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes,
+den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch
+hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber
+einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge
+in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie
+auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der
+Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte
+kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde
+Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller
+Schmutzsprenkeln — so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend
+ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der
+sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete.
+
+Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der
+„Wernigeroder“ einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde,
+passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem
+hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof „Zu den drei
+Forellen“, um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig
+zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse
+Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer
+nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes „Harzreise im Winter“,
+die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu
+lassen.
+
+Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan
+hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei,
+bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst
+gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen;
+umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns;
+eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten
+uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und
+wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren
+freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch,
+sondern auf der Fahrstraße zu gehen.
+
+Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um.
+Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen
+heute Abend beim Glase Bier!
+
+Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer
+einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten,
+bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem
+Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch
+verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine
+Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte
+uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren
+nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten
+Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben.
+
+Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die
+trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den
+schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und
+tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch
+der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald
+in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch
+einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und
+Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden
+wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen,
+wenn wir aber den „Fautstieg“ einschlügen, setzte er hinzu, dann würden
+wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch
+nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten
+vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar,
+hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend
+vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in
+der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei
+Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee
+befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich,
+daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war
+aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es
+Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte
+sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser
+Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit
+sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die
+Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein
+Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause
+eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter,
+wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß
+diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in
+Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen,
+die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den
+Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten
+weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer
+weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen
+Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und
+schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den
+Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir
+sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich
+wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die
+schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen
+Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte
+mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich —
+o Wonne — war es eine Täuschung? — Hundegebell! Wie elektrisiert sprang
+ich vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein — jetzt eine Stimme — zu
+sehen war nichts in der Finsternis — richtig, ein paar Schritt vor mir
+stieg ein düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig
+wedelnd, und wir standen in dem hell erleuchteten Flur des
+Brockenhauses, vor uns zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht,
+die einzigen Bewohner des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs
+erschallten wie aus einem Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude,
+festen Boden unter den Füßen zu haben, wäre ich dem Oberkellner am
+liebsten um den Hals gefallen. Und nun rasch hinauf in das Zimmer, das
+durch einige in den Ofen geworfene Scheite Holz bald behaglich
+durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die wie aus dem Wasser gezogen
+waren. Und nun hinein in den beiden Betten, aber nicht zum Schlafen! Der
+Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen uns, auf dem bald eine große
+Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst dem Hausknecht heran. Und nun
+wurde fleißig angestoßen, bis mir die Augen zufielen und ich in einen
+tiefen Schlaf fiel.
+
+Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt
+wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage.
+
+Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste
+Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen
+Instituts zu Köthen i. Anhalt.
+
+
+
+
+III.
+
+Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2]
+
+
+Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa
+wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses
+getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an
+die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der
+amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt
+Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem
+oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um
+darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten.
+Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von
+der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend,
+in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer
+ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so
+wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu?
+
+Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung
+quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein
+Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich
+berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es
+dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington
+überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung
+entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus
+benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet.
+
+Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade
+mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer
+breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des
+Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die „Flat“ zieht sich am
+Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt
+sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig
+angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in
+regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts
+Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne
+etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem
+Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit
+Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und
+Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein
+Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist
+unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine.
+Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit,
+wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben
+wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte
+Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar
+Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet,
+mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind
+die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der
+Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre
+Einkäufe für die Woche zu besorgen.
+
+Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw.
+Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein
+hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die
+geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen
+in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen
+Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren
+Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist,
+wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich
+mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus
+dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe
+nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen
+guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht
+ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz
+frei.
+
+Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500
+Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr
+Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der
+katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der
+katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der
+anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und
+Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das
+Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der
+Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann
+man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen
+hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen
+nicht einmal die Ruinen mehr.
+
+Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint
+wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch
+Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man
+ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die
+Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer
+hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen
+Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans,
+befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und
+Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß
+nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar.
+
+Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber
+unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau,
+besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man
+nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein
+sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem
+Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur.
+
+Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein
+blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen
+Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den
+mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten
+Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben
+sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln,
+oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der
+katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die
+ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken
+Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach
+Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne
+Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald.
+Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der
+Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes,
+weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen,
+rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm
+vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein
+Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in
+stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen
+zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere
+Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht
+umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser
+majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer
+nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu
+flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke,
+die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen.
+
+Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur
+Mormonenzeit.
+
+Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe
+Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration
+und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die
+aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist
+die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen
+Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen
+aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine
+Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und
+1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort
+wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und
+wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr
+rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das
+Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe
+betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein
+großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von
+Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an
+der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den
+eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die
+Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf
+30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das
+Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der
+Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der
+umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten.
+Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und
+es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die
+Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der
+Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde
+gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago
+(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der
+Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung
+durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem
+berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an
+den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten.
+
+Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde
+gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem
+ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und
+die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so
+liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren
+riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich
+erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen
+Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen
+zu haben.
+
+Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und
+unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und
+bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war
+nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im
+Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen
+konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam
+liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten,
+die nur mit einem Holzpflock verschließbar war.
+
+Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war
+manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden
+Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das
+wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde
+holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern
+darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim.
+
+Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum
+Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen
+Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen
+Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des
+Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt
+werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften
+die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein
+Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“
+halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in
+völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie
+auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil
+führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter;
+andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen,
+Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben.
+
+Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen.
+Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich
+die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen
+Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die
+Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen
+könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes,
+the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von
+Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei
+Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für
+einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt
+gut Violine und liebt die deutsche Musik.
+
+Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung
+ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im
+Kriegsjahre 1870/71.
+
+Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser
+als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche
+sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres
+mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und
+spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die
+Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene
+Abhandlung erfordern.
+
+Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der
+Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb
+im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant,
+sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die
+Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt
+befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte
+der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das
+geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago
+Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das
+riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber
+zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern
+das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze
+zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals
+hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich
+das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt
+hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden.
+Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die
+Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene
+Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu
+erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der
+vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht
+eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache
+ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union
+leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und
+Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine
+sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die
+Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich
+vermindern.
+
+Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß
+die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen
+werden.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden
+folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch.
+
+[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort
+Madison, wo ich ihn sah.
+
+[4] Siehe das Titelbild
+
+
+
+
+IV.
+
+Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.
+
+
+Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist
+das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich
+ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit
+meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft
+hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch
+den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer;
+vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen
+felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr
+wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt
+und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem
+Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. —
+
+Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt
+in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor
+allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu
+fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit
+der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten
+übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten.
+
+Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man
+bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum
+den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist
+z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen
+Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf,
+leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco,
+am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der
+Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines
+Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz
+herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen,
+weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit
+Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und
+durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem
+hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das
+gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in
+der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln.
+
+Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der
+Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines
+Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens
+mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien
+von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner
+Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen
+hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine
+Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich
+ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und
+in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt
+die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als
+Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben
+sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und
+von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San
+Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in
+Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl,
+daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig
+blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man
+durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt
+das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt
+auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die
+freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal
+des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen
+Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine
+sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut,
+benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal
+liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren
+Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die
+schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden
+abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf
+äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum
+der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen
+wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast
+überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird.
+Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht,
+wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von
+2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales
+(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen
+Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und
+6spännige Postkutsche fährt.
+
+Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben
+hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der
+Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die
+Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.
+
+Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine
+Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so
+bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit
+haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht.
+
+Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine
+Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde
+verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm
+in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst
+130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns
+gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es
+von jeher gewohnt wäre.
+
+Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und
+ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort
+Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und
+Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer
+Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es
+schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut
+gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe),
+sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten.
+
+Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der
+sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in
+Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer
+Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich
+über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten
+Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd
+dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die
+Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des
+überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um
+sich greife.
+
+Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und
+spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette
+prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in
+seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale
+überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein
+Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von
+derartigen Bestien unbehelligt.
+
+Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern
+verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen
+der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die
+Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch
+Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der
+hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der
+Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ,
+und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten
+Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort
+einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen
+mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab,
+als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald
+einfuhren.
+
+Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden
+Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die
+Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam
+senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer
+schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln
+und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der
+Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst
+wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer
+sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter
+Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot.
+Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und
+an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15
+Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen
+auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in
+die Sägemühle gefahren.
+
+Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und
+Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen
+Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück.
+
+Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die
+ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo
+ich übernachtete.
+
+Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der
+Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel,
+von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner
+herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den
+reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten
+Lande zu finden sein!
+
+Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern
+stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich
+ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war,
+und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und
+Eigentümer dieses Friedhofs.
+
+Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner
+wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt.
+
+In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch
+hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der
+Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist
+der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann
+— es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine
+existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit
+umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen
+Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante
+herumschlürft.
+
+Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger
+angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der
+freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den
+gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide
+gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein
+Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte,
+erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus
+gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche.
+Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr
+Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten
+nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen
+hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch
+einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen
+geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.
+
+Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig
+durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem
+großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel
+gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und
+Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der
+Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde
+getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler,
+der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und
+einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris
+und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen
+Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung;
+der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen
+Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch
+ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben
+beizubringen, was mir indes nicht gelang.
+
+Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger
+bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit
+auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke
+flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier
+Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht
+hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal
+entronnen zu sein.
+
+Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in
+amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun
+daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.
+
+An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit
+einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die
+Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt
+unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den
+Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen
+dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels
+Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger
+passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem
+Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr
+schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf,
+mit den Geysers im Hintergrunde.
+
+— Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der
+Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren
+waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf
+eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu
+stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine
+Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte
+uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem
+sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit
+der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum
+Andenken.
+
+Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200
+Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten
+hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit
+Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco.
+
+
+
+
+V.
+
+Ekensund.
+
+Ein Land- und See-Mosaikbild.
+
+
+Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht
+(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern
+oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu
+entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte.
+Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von
+Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig
+mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich
+auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine
+geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der
+jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß
+doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im
+Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile
+außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder,
+und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für
+mich und meine Familie herkriegte.
+
+Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach
+Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen
+und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem
+Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein
+Wald und kein Kurhaus — —“
+
+Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde
+jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund
+Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei
+Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was
+bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist,
+wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und
+nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern
+auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die
+Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald
+und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten
+sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte
+Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur —
+Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern
+Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen;
+aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene
+anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen.
+
+Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben,
+wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen
+schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch
+gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist.
+Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie
+auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch
+meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das
+kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war
+früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben
+und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer
+zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf
+den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen
+Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder
+erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine,
+die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden.
+
+So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf
+das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine
+internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine
+merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische
+Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen
+Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem
+Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja
+auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die
+Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und
+dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in
+der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische
+Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch
+Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr
+Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner
+trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English
+spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch
+und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur
+„Kartoffeldänisch“, wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des
+Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine
+Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine
+Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte
+sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das
+Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche
+Reichspoststelle eines anderen belehrte.
+
+Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite
+Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem
+stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche
+Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei
+Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16
+und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem
+Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die
+nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich
+den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen — doch damit
+komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds — auf die Maler! Merkwürdig, sie
+sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern,
+die hier hausen, bilden sie die Majorität — zur Zeit sind es 7! Die
+übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere
+dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund
+unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die
+freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören
+Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein
+von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein
+Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und
+Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige
+früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft
+darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener
+Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann
+erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er
+jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich
+habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt.
+Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet,
+ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem
+Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte!
+
+Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr
+aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren,
+und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann
+nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos
+sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren
+Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem
+einsamen Ekensund Lebewohl sagen. „Der Adler fliegt allein, die Krähen
+scharenweise.“
+
+Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich
+den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen
+genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus
+ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine
+Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten
+Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den
+Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl
+brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein
+abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der
+Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in
+ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie
+zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von
+vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern
+auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren
+schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern,
+Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler
+Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre
+jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl
+hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das
+große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig
+Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit
+gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und
+lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der
+ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind
+die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die
+mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen
+als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am
+Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer
+Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den
+Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen
+anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim
+trojanischen Kriege: Cherchez la femme!
+
+Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds
+einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der
+Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer
+Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel
+Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel,
+welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen
+streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel
+Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also
+auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund
+vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen.
+
+Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück,
+was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe,
+niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der
+Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das
+große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar
+nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin
+über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf
+stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des
+Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf
+dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind,
+die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen
+Sonntage — es war vor acht Tagen — fand wiederum ein heißes Ringen in
+Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen
+zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen.
+Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren
+sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des
+Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und
+Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine
+Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und
+einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die
+Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es
+sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu,
+daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht
+fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben.
+
+Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in
+Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine
+Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: „Na,
+Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?“ blickte er mit
+seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er,
+freudig aufblickend: „Zwei große Hunde!“ — Enttäuscht über diese wenig
+sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: „Und was denn noch?“ —
+„Viele Wagen und Pferde!“ kam es schnell heraus. Daß Hühner, Tauben und
+Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere direkt
+genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, was ihm
+wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz blind.
+
+Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die
+Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und
+lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen
+nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und
+mehr braucht man nicht im Leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf.
+
+
+
+
+VI.
+
+Ein Besuch bei Gustav Freytag.
+
+
+Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von
+Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn
+nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem
+die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die
+Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen
+waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich
+ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte,
+beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem
+Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll
+und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte,
+während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner
+Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den
+hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer
+ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns
+als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden
+Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe
+gewagt werden.
+
+Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die
+Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten
+bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen
+Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von
+freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in
+einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen
+gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen
+nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir
+schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte
+ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben
+ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof
+erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine
+Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte
+freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr
+einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen
+Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß
+ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei,
+sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen
+vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie
+wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen
+festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein. — Aus dem Speziellen
+ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine
+Individualität unterdrücken, ist das Ziel. — Aber doch nicht das
+_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der
+Individualität betrachte ich weit eher als Ideal. — Das Talent geht
+nicht unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht. — Als ich erwähnte,
+daß ich eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut
+gespieen und bin so alt geworden.
+
+Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er
+zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum
+nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm
+sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu
+vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes
+übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles
+orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür
+sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne
+Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich
+Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern
+gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung,
+seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: „Vorigen Winter hatte
+ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein
+Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern.“
+
+Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf
+seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet.
+
+Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal
+flüchtig kennen gelernt hatte.
+
+Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und
+scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in
+keines, versetzte er: „Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß
+man zu ihnen gehört.“
+
+Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag
+hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß
+er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden,
+denn er war fast gerührt beim Abschied. „Leben Sie wohl, Herr Studiosus,
+arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie
+drücken.“ — Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in
+der Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann
+deutete, als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation.
+
+
+
+
+VII.
+
+Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.
+
+
+A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+
+
+1. Riga.
+
+Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst
+einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den
+höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie
+sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit
+Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand
+hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt
+die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht
+man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts.
+
+Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein
+Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist
+durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze
+Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen
+außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf
+dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken
+verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal,
+mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus
+der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben,
+seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier
+Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die
+viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der
+Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit
+und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die
+prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten
+Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der
+alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in
+den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die
+glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf
+dem Domplatz.
+
+Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende
+Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_,
+1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter
+gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten
+Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den
+schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt
+einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke
+enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an.
+Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große
+Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St.
+Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige
+Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der
+Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des
+Handwerks.
+
+Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und
+Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die
+Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf
+Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die
+Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben.
+Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof
+Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum
+Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben.
+Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der
+Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell.
+Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen
+vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den
+Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem
+Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der
+livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem
+Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische
+Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen
+versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es
+noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der
+Rigaer ausgerottet sein wird.
+
+Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische,
+dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende
+von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland
+gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna
+geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung
+zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich
+hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die
+Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus
+Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das
+Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit
+besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit
+besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum
+Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so
+stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra!
+weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht
+glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom
+Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist,
+vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem
+andern Schiff von neuem zu beginnen.
+
+
+2. Aus der livländischen Schweiz.
+
+Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer
+Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen
+Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die
+holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die —
+livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen
+Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen
+über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen
+geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird
+es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht
+umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser,
+wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu
+versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen
+von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen
+nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche.
+
+Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine
+Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein
+schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof.
+Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß
+der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski.
+
+Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold,
+der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse
+versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die
+Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand
+an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der
+Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die
+mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel
+sei jetzt aber abgestellt.
+
+In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen
+wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es
+waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen,
+die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih
+und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann
+vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns
+ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die
+Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art
+Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt
+entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine
+primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem
+zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht
+festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für
+3-4 Personen.
+
+Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach,
+wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren
+sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der
+uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot.
+
+Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend,
+durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen
+mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern
+aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste
+Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen,
+zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen
+Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke
+in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich
+hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so
+weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die
+Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von
+Inschriften bedeckt, darunter folgende:
+
+ Den Namen schreibt in das Gestein,
+ Die Heimatslieb ins Herz hinein!
+
+Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:
+
+ Ach alles ist veränderlich,
+ Das Mäuschen wird zur Ratz,
+ Was früher hübsch Gesichtchen war,
+ Wird doch zuletzt zur Fratz.
+
+Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür
+stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in
+die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in
+der einmal jährlich deutsch gepredigt wird.
+
+Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde
+den mir zugemessenen Raum überschreiten.
+
+
+3. Von Riga nach der Insel Walcheren.
+
+Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna
+hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen
+Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte
+ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts
+zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben
+lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das
+Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder
+auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß
+das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder
+Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder
+Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also
+die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist —
+ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach
+Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach
+ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das
+Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über
+den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran
+haften blieb.
+
+Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit
+den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen
+und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht
+in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um
+deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was
+doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist.
+Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag
+vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein
+Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte
+mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu
+begreiflichen Widerwillen.
+
+Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der
+Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher
+Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht
+abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein
+Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte
+ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald
+hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal
+verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte
+bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als
+praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen
+holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an
+diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede
+Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu
+lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der
+Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst.
+
+Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter.
+Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in
+dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um
+Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus
+einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe
+Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge
+herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal
+hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa
+halbwegs, Middelburg liegt.
+
+
+4. Middelburg.
+
+Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge
+gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank,
+Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu
+spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die
+holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine
+Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen
+sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben
+„Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten:
+Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war
+fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja
+vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine
+norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich
+uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten
+wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte
+der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten
+Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen
+Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres
+zurecht.
+
+Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere
+Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren
+glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen
+Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen;
+aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine
+eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene
+Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite
+an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in
+Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und
+Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das
+einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen,
+und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an.
+Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und
+hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.
+
+Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt,
+zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind
+sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch
+bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die
+allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser
+tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als
+vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu
+den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in
+Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.
+
+Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges
+Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das
+herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute
+verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal
+im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang
+bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie
+kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt
+sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm
+der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die
+dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in
+Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an
+lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben
+häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.
+
+Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche
+grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten
+die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein
+stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß
+nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder
+folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht
+vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?
+
+Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches
+Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling,
+eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die
+Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute
+Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge
+vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6
+Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das
+Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den
+Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir
+manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.
+
+
+5. Bad Domburg
+
+Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an
+vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar
+schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals
+nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte
+mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es
+gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem
+Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen
+mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch
+sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee,
+die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das
+Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die
+verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie
+und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land
+ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen
+können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die
+Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten,
+sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die
+Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor,
+das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein
+Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die
+Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen
+lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch
+einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und
+undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B.
+Ipenoord, Schoonoord.
+
+Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an
+einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger,
+eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen
+zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes
+Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem
+Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst
+dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt
+war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den
+weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als
+wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen
+Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch
+Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen
+Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer
+Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen
+umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel
+umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich
+aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus
+denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere
+und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande
+lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far
+niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.
+
+An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem
+ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig
+geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen
+vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen
+Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade
+innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten
+Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der
+Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und
+Wasserwüste.
+
+Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.
+
+
+B. Von Korsör nach Haparanda.
+
+„Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der
+originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein
+Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich
+wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das
+mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte,
+und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen
+Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200
+t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach
+dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken
+nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das
+Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher
+hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener
+Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine
+erste Seereise, mitmachen wollte.
+
+Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen,
+hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur
+mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten.
+Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen
+wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas
+weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und
+fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach
+Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter
+Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf
+dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage
+ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben.
+Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die
+schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten
+Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte
+sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden
+das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit
+schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm,
+daß er sie wie ein Rahmen umschloß.
+
+Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an
+Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe
+prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.
+
+Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö
+verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische
+Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und
+mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ
+sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren,
+in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam
+ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen
+Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander
+schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer
+Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand
+zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben
+links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag
+Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings
+von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht
+erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große
+Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem
+Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der
+eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel
+mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das
+reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte
+Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden
+beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das
+Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet,
+hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.
+
+Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte
+bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt
+werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die
+annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre
+1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der
+Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin
+oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das
+prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.
+
+Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden
+einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir
+diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur
+flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus,
+das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl
+Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.
+
+Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit
+Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:
+
+ Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
+ (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).
+
+Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem
+dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich
+dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er
+hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir
+begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren
+beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die
+Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich
+unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm,
+er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu
+beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen
+Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein
+von Damen betrieben.
+
+Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen,
+sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in
+der Welt viel zu wenig bekannt sind.
+
+Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue
+Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich
+versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es
+während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich
+starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden
+zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was
+durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet
+man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische
+Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren
+ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das
+war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es
+charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann,
+will ich etwas näher darauf eingehen.
+
+Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter
+Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber
+wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen
+Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der
+Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen
+dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir
+kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war;
+was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste
+der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen.
+Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit
+mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein
+kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen
+Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten,
+zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot
+vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der
+Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist
+dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer
+der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser;
+dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun
+zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz
+einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen
+Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen
+mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier
+(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.
+
+Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell
+als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber
+erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von
+Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach
+Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die
+vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die
+Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des
+mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen,
+schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit
+Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu
+denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda
+und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf
+trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit
+verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude
+sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich
+rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und
+da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht
+vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man
+ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa
+1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische
+Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist.
+Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem
+Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte
+sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber
+Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach
+einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.
+
+Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer
+fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch
+einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr
+zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu
+machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft
+hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige
+Eleganz aus.
+
+Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte
+mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16
+verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige
+Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der
+Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des
+weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:
+
+ Frukost för Herre 1,25
+ " " Dam 1,--
+
+So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer
+mit Preisunterschied für Herren und Damen.
+
+Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz,
+an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche
+Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff
+füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel
+aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen.
+Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr
+Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser
+nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz
+und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch
+zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume —
+Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen
+wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif
+waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen
+durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und
+die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben,
+doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem
+Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das
+Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen
+wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu
+hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer
+verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.
+
+Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden
+sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und
+Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig
+lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg.
+Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen;
+die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die
+Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.
+
+Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in
+Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir
+einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es
+gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die
+deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst
+die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen
+Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die
+dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.
+
+Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten
+einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen
+beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte,
+gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem
+cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer
+Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das
+überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das
+Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser
+giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier
+verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein
+mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren,
+die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der
+einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das
+Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist
+aber in Schweden gebraut.
+
+Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle.
+Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran
+geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute
+mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf
+den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im
+Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt
+sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet
+durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür
+beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk.,
+deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die
+Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.
+
+Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff
+besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß
+hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche
+Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar
+erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem
+Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht
+als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld
+gespart.
+
+Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das
+Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum
+Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse
+für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum
+Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten
+von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen
+zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.
+
+Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die
+Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer
+Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so
+daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die
+Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im
+Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte
+Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige
+Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch,
+finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen
+sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig
+war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die
+fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr
+in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht
+ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den
+finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.
+
+Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen
+Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
+Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.
+
+Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es
+noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler
+mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und
+Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe
+steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.
+
+Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut,
+um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen
+hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der
+Hauptstraße begegnete.
+
+Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und
+befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der
+Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten.
+Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas
+Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf
+meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland
+vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen
+Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.
+
+Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
+Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich
+mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über
+Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.
+
+Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und
+umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.
+
+
+C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+
+
+1. Nach Helsingör.
+
+Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit
+der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris,
+sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern
+bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen
+sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und
+doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von
+Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war
+keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y
+Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit
+Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir
+verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der
+Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige
+Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich
+sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das
+eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt
+von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte
+danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60
+Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag
+früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel
+regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den
+breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten
+Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch
+Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte,
+spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag
+die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf
+deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken
+setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und
+zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“
+und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte,
+vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die
+Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber
+den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik
+nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84
+Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl
+der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst
+kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten),
+Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit
+seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen
+will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat,
+von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben.
+
+Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ
+ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die
+bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in
+gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte,
+schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr
+genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß
+Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich
+ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der
+Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der
+sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir
+nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel
+zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und
+siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit
+mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank,
+die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende
+Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte;
+endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße
+Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt —
+ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem
+Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein
+zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen
+ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei
+Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die
+er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein
+Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven
+schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch
+Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten!
+Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem
+Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der
+„Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt
+der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die
+Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei
+schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf),
+und — me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das
+Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine
+halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen
+Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben.
+
+Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke
+und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie
+ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin.
+
+Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa
+zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei
+Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12
+Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem
+erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet.
+Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der
+fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der
+Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen
+Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen
+Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich
+schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich
+aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten.
+
+Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin)
+lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle
+Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle
+Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein),
+tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer
+sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein.
+
+Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man
+überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch
+_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen
+Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf —
+Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich,
+seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und
+dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen
+Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer
+der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung
+Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de
+Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften?
+Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht
+übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man
+berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das
+wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen,
+dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren
+sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder.
+
+In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden
+dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in
+zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf
+uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige
+Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen,
+deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens
+Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie
+alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate
+verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen
+Märchenerzähler wohnte.
+
+Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die
+uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie
+dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf
+der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das
+Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von
+Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das
+unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die
+Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der
+mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein
+dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück
+erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach
+greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste.
+
+In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich
+in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet
+landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige
+Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln
+und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch
+einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen
+Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch
+Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden.
+
+In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die
+Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf
+und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.
+
+
+2. Von Helsingör nach Gent.
+
+Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der
+Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der
+sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,
+die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten
+Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob
+sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern,
+Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des
+Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf
+See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger
+Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!
+Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_
+Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische
+Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des
+Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.
+
+Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner
+Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje
+auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das
+Unglück schreitet bisweilen schnell!
+
+Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des
+Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich,
+obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf
+die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in
+den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von
+Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der
+Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die
+Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang
+entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der
+schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als
+rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu
+beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang
+gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder,
+und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das
+Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte
+sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen
+Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb
+verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene,
+ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch,
+aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es
+mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich
+wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen.
+Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert,
+verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder
+da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin
+ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten.
+Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten
+wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf,
+tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus
+dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem
+kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie
+immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der
+Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen
+Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten,
+verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen
+Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit
+uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem
+Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er
+manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal
+stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und
+unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest
+angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler
+Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle,
+unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um
+3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen.
+Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster
+geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft
+seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal
+so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren
+Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich
+wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern
+nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und
+hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu
+einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche
+Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein
+anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns.
+Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die
+dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach
+einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei
+Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt,
+und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder
+nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß
+verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die
+Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der
+Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so
+schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe,
+auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu
+verlieren.
+
+Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der
+Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine
+Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,
+Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte
+der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.
+
+In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine
+Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich
+krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er
+nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum
+Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts
+übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an
+allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich
+krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von
+der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr
+schwierig.
+
+Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört.
+Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden
+später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der
+Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4
+Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige,
+kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den
+Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab
+und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich
+wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein
+Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das
+Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von
+„Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste
+entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom
+Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff
+stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir
+hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter,
+der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet.
+Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich
+uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“,
+das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von
+ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr
+trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See
+nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen
+etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war
+ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre
+verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der
+Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den
+Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache
+spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes
+Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse
+an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller
+jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der
+Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen
+des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde
+erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der
+spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein
+kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge
+im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich
+in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für
+tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich
+Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen
+kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse
+sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und
+Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel
+Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen,
+hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen.
+Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen
+Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden
+de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste
+Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot
+aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein
+großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem
+Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst,
+einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der
+uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen
+Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe
+hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen
+gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die
+ebenfalls in den Genter Kanal wollte.
+
+Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz
+niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den
+Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir
+ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen
+und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11,
+als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in
+die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen.
+Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer
+an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit
+Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks
+begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der
+allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein
+von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen,
+einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als
+Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist
+erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke
+stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht
+verrichteten.
+
+Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken
+Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die
+Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne
+Fahrt.
+
+Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser
+Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so
+engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das
+Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig
+mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.
+
+Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision
+statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft
+hatte, wurde gar keine Notiz genommen.
+
+Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das
+Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein
+Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht
+wurde.
+
+
+3. Gent.
+
+Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von
+vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff
+liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen
+Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan,
+In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de
+goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite
+Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude,
+die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der
+Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom
+St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische
+Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat
+moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere
+Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier,
+das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was
+Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in
+deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem
+Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen
+zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.
+
+Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde
+erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen
+einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen
+versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es
+vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß
+es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den
+Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt
+des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich),
+geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der
+herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der
+Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den
+würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier
+verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von
+Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort
+ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu
+baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im
+Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten
+darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile
+zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das
+Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen
+Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr
+aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des
+Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen
+an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen
+stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es
+kühl geworden war, die ganze Nacht durch. —
+
+So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie
+gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang
+gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter
+für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich
+an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt,
+abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal
+populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die
+Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu
+zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch
+per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz
+(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen
+strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die
+1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der
+Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des
+Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der
+unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir
+fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten
+durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen
+erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem
+Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich
+die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten.
+Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen
+saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere
+Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an
+Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.
+
+Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende
+Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich
+untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei
+Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde.
+Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung,
+daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst
+entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch
+französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen
+sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes
+herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich
+berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig
+arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur
+wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine
+Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist,
+und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich
+redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein
+Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän
+nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger
+Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt
+würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu
+erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in
+Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen
+alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er
+auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen.
+Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen
+wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.
+
+Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das
+Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt
+fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten.
+Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder
+die Leute haben keinen Sinn dafür.
+
+Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2
+verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet,
+und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von
+Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12
+Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch
+angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen
+Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann
+versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.
+
+Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die
+Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil
+eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die
+zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und
+besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir
+einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in
+seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die „Mira“ sei schon
+früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht
+der Fall war, so war er der verlierende Teil.
+
+Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so
+arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot
+pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom
+Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von
+Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne
+gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er
+wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte
+ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser
+Unwissenheit.
+
+Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für
+die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war
+zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche,
+wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr
+begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen
+dauerte.
+
+Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen
+Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place
+d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination
+und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es
+war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten
+Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die
+Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und
+Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer
+nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die
+promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen
+Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder,
+einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir
+auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da
+die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt.
+Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl
+bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten
+oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern
+noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten
+Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren.
+
+Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag
+gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff.
+
+
+4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.
+
+Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh
+gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter
+ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck
+sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten
+Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde
+ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und
+schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und
+blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei
+dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen
+machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab,
+um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem
+Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich
+immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im
+Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir
+in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in
+den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere
+aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven
+wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen
+Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu
+umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der
+wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der
+Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir
+vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um
+8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen
+vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die
+Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf
+das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel,
+beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten
+selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12
+schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff.
+Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester
+Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch
+Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den
+Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à
+10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel).
+
+
+5. Ausflug ins Schottische Hochland
+
+So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne
+die blauen Berge des Hochlands herüber.
+
+Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr
+wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten
+durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake
+berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten
+gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches
+Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt,
+kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für
+den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der
+zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte
+sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich
+aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und
+dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige
+Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem
+Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich,
+auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren
+luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee
+(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht,
+blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der
+der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser
+selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke,
+blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang
+sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts
+trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für
+die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß
+über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß
+neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem
+befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem
+Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der
+eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir
+unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht
+hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die
+Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte
+Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch
+Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben
+Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel
+gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man
+nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz
+bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so
+gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre
+des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es
+beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen
+Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das
+Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich
+versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde
+herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke)
+und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die
+Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: „The western waves of ebbing day“
+u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet
+ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil
+erbaute „Hotel Trosachs“, von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des
+Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört
+zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den
+notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so
+hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren
+Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also
+vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen
+herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein
+winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne
+hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit
+einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen
+verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es
+mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor
+allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen
+nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr
+prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow
+mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man
+freilich vergeblich bei den schottischen Seen.
+
+Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des
+langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen
+auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach
+abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten,
+brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde
+warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir
+überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen
+Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am
+Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner
+hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen
+bekleidet.
+
+Im „Hotel Inversnaid“ hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten
+den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so
+viel man will, und zahlt 3 Shilling.
+
+Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten
+Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach
+Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält
+viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer
+derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden
+sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der
+Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte
+öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben
+Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die
+Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an
+die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe.
+
+Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr
+wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das
+regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an
+die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz
+still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist
+geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des
+etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des
+Meerbusens fahren.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Geschrieben 1893.
+
+
+
+
+VIII.
+
+Der Philosoph von Gravenstein.
+
+
+ Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
+ Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+ Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.
+
+ Leonore im Tasso, I, 1.
+
+Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den
+breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in
+einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am
+Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise.
+Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem
+Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen
+trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns
+nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,
+
+ „— wo der dänische Pflüger den Deutschen,
+ Dieser den Dänen versteht —“
+
+wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede
+zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes
+lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet
+„bogbinder“, „ikraedder“ (Schneider), „Kobbersmed“ (Kupferschmied) u.a.
+Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders
+wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in
+magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick,
+obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm
+und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der
+Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in
+ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel
+des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.
+
+Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt
+wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und
+da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park
+oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald
+und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese,
+so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von
+einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau
+einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn
+Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des
+Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem
+Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser!
+Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer
+und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief
+einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren
+Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf
+Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die
+Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in
+höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem
+idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen
+es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu
+genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen
+langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch
+geschichtliche Weihe verliehen hat.
+
+In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest
+bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den
+Trümmern erstand (auf dem „Grauen Steine“). Nach mancherlei Schicksalen
+ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der
+Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689).
+Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28.
+September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn
+Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine,
+einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften
+Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der
+Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner
+Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben
+auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte
+man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen
+Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die
+damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen,
+die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht
+eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere
+Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst
+nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch
+nicht ein. —
+
+Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und
+Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf
+die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit
+vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die
+Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und
+seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast
+überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst
+Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog
+denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der
+Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen
+verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und
+Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.
+
+Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze
+Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte
+der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte
+den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im
+nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut,
+die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu
+lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die
+Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich
+gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des
+lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem
+fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie
+anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr
+seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und
+als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde
+reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.
+
+Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem
+jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im
+Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um
+das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den
+Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und
+Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis
+der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei
+dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der
+wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine
+Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in
+der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider
+nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer
+Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig
+bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das
+höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben
+und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel
+nicht führte.
+
+Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne
+begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner
+Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich
+gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner
+Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu
+verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung
+zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden
+literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum
+lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der
+viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte.
+Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten
+Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde
+von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich
+die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe
+am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch
+heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da
+beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre — aus
+den ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf — der drückendsten Not
+zu entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für
+jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb
+einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit
+unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält
+und begründet. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander
+verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!“ Sie bitten ihn
+in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu
+Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an,
+lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.
+
+Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er
+später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den
+Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden.
+Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer
+Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen
+erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der
+Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford
+herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die
+vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der
+materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man
+denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten,
+weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch
+an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.
+
+Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
+Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
+Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
+seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches
+Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!
+
+Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29
+jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab
+verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen
+Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum
+Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit
+von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die
+allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der
+Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des
+deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark
+einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies
+vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den
+dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren
+seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als
+die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine
+Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder
+Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht
+— 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen
+Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den
+dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls
+Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte.
+Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag
+bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer
+Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen
+der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten;
+endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe.
+Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun
+aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen
+Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark
+losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark
+aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche
+beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.
+
+Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König
+wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen
+förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu
+„schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen
+Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf
+Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder
+beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian
+August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem
+Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt
+geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin
+des Königs Christian VIII. von Dänemark.
+
+In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine
+staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die
+Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen
+Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der
+dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die
+Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der
+Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb
+Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne
+„die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit
+männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre
+und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das
+in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner
+bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und
+umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.
+
+
+
+
+IX.
+
+Marsberg.
+
+Auch eine Sommerfrische.
+
+
+Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren
+meine Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir
+_mußten!_ Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine
+Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach
+Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können,
+als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die
+Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen,
+namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem
+Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir
+wollten in die Sommerfrische.
+
+Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. _Eine_ Feder,
+aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere
+Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich
+doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden,
+bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl
+selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst
+besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter,
+edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der
+Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden
+sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm
+den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und
+studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben,
+z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg
+beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei
+Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so
+harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine
+immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden
+registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese
+ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und
+Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland.
+Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres,
+denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe:
+
+ Willst du immer weiter schweifen?
+ Sieh, das Gute liegt so nah!
+
+Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein
+Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich
+Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von
+Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte
+ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer
+mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag
+noch nicht im Walde gewohnt hatte.
+
+Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl
+der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit
+einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die
+Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig
+harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten.
+Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben
+mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es
+auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht.
+Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter.
+Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen
+— bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr
+vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts
+hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage:
+Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte.
+Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die
+nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch
+verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht
+einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des
+Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die
+übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im
+Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die
+Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten!
+
+Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend
+erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich
+Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im
+Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist
+kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich
+gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen,
+unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach
+diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich
+aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen
+und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen;
+überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache,
+wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten
+Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach.
+Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber
+dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei
+unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit
+auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf
+den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also
+ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine
+Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von
+der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz
+entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte
+nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine
+Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte
+es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein
+überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität
+lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im
+östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise
+angetreten werden.
+
+Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf
+folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine
+Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5
+stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die
+wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe
+Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des
+Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als
+Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In
+Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf
+unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche
+Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen
+Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar
+empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen
+wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch
+Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in
+Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die
+Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
+
+Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen
+vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel,
+abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte:
+Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und
+bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu
+entziffernden Inschrift:
+
+ DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN
+ GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.
+
+Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
+Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
+
+Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen
+hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen
+den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben
+zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein
+Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen
+man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat
+Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
+
+Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine
+Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des
+wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung,
+genannt der „Diemelbote“, der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie
+gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat
+Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen
+Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die
+geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.
+
+Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist,
+sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du,
+lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter
+gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß
+hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre
+berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß
+dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier
+zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die
+Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren,
+nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles
+dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich
+habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht
+und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß
+hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er
+ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser
+mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine
+alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig
+gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre
+ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller
+heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein
+Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster
+hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei
+dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit,
+wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte,
+wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen
+„Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7]
+
+Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen
+Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen
+Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt.
+Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen,
+vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide
+Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von
+der Passion Christi führt hinauf.
+
+Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir
+bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen
+keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler
+und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum
+„Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und
+da haben wir manchen guten Braten gehabt.
+
+Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach
+Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als
+ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist
+mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man
+kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze
+zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen
+sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller
+Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen
+lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche
+Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die
+Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen
+aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die
+sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von
+dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer
+trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal
+mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.
+
+Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von
+dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand
+anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der
+in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten
+schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt,
+ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie
+mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus
+denselben Bestandteilen hergestellt ist.
+
+_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist
+wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen
+jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei,
+welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich
+Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz
+eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es
+giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die
+noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen
+Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den
+Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte
+Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein
+Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den
+Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der
+jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen
+unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser
+Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt,
+aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein,
+der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da
+liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei.
+Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher
+denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben
+eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und
+gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!
+
+Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von
+Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag
+nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer
+Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke
+hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte,
+was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche
+Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite
+Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den
+Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist
+nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.
+
+Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich
+von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein
+Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der
+Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von
+Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen,
+insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte
+Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren
+Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen
+verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere
+Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch
+Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das
+herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die
+Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von
+Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in
+Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten
+Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich
+aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte
+also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise
+plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von
+Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon
+gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten;
+ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim
+angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr
+heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar
+Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten,
+ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf
+eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug
+meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser
+lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten
+Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte
+zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte.
+Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten.
+Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der
+Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog
+zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß
+ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch
+ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte
+ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal
+so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte
+mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und
+erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich
+fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter)
+den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte
+den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder
+herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das
+gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren
+Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken
+(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener
+Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart!
+Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu
+streichen.
+
+Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach
+dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen,
+wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer
+Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen,
+Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und
+Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der
+sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch
+ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein
+einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das
+Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt)
+auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine
+Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht
+gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das
+verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund,
+keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein
+Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du
+schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem
+Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es
+beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von
+dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so
+heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter
+und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein
+Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen
+Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern
+leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will.
+Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die
+Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich
+die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren
+Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von
+dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten,
+führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das
+Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen
+des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den
+Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor
+etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die
+Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen;
+an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die
+äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank
+und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier
+im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher
+eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten
+darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen,
+die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend
+verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die
+breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig
+geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das
+Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den
+Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die
+nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll;
+wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den
+tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein
+Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus,
+voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — —
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das
+Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den
+Künstler nicht bloßzustellen.
+
+
+
+
+X.
+
+Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8]
+
+
+Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach
+dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch
+das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und
+Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und
+Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich
+mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich
+vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen
+Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die
+Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum
+Militärdienste stellen.
+
+Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und
+Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen
+und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke
+fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten-
+(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr
+250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen
+will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher
+Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch
+die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison
+an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der „Atchison-Topeka-Santa
+Fe-Eisenbahn“, mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte;
+zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser
+schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison
+war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer
+Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte.
+Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf
+Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt
+war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem
+Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein
+Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei
+und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine
+Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an
+emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch).
+Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in
+tiefster Dunkelheit — es mochte Mitternacht sein — vor einem
+Holzschuppen, aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof
+erkannte. Ein junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist,
+Postbeamter, Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte
+nichts von einer Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den
+ich um Nachtlager bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele,
+während er sich auf eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb
+nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war,
+schlief ich, in meinen Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern
+Tage ziemlich früh kam ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt
+sagte, nicht der meinige sei: der käme erst später. Ich ging aber doch
+heran, fragte und hatte grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es!
+Nun ging es quer durch Kansas, einen der größten, aber auch
+langweiligsten Staaten. Alles Prairie mit Herden; ab und zu eine
+Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein Baum, kein Strauch, wenig Wasser;
+nur als Weiden zu brauchen. Das „sonnige Kansas“ nennen sie es, und
+außer der Sonne, die manchmal arg brennt, ist hier nichts zu haben.
+
+Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste
+Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen
+in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte
+Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier
+bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn
+Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.
+
+Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden
+Inhalts: „Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der
+Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter.“ — Es
+konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist
+verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den
+Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben,
+gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und
+nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der
+schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und
+rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und
+Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel
+wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee
+getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne.
+Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen
+brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr
+kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß
+es an „Lagerbier“ auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.
+
+Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden
+uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem
+anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und
+Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene
+hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die
+Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50'
+wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde,
+nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens
+richten — ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es
+ist angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als
+Neapel sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage
+strengte das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die
+Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem
+Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt
+dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da
+ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn
+nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn
+er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner
+ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der
+weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort
+viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport
+getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine
+großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel
+einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in
+Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden:
+Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh
+ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den
+Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise
+nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca.
+6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher
+nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur
+bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da
+mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus
+dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die
+Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer
+14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein
+Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich
+ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich
+Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine
+einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen)
+verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem
+Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während
+der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich;
+daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum
+zu erwähnen.
+
+So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei
+Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch),
+Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische,
+französische, holländische, mexicanische und indianische Namen.
+
+In Las Vegas — wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts
+dachte — benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine
+aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils
+indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte
+Santa Fe.
+
+Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und
+Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren
+auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt
+ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt
+ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals.
+Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein
+kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers
+kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da
+die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch
+radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen
+dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand.
+
+Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall
+herumlaufen. — Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter
+zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem
+Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten
+dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er
+wandte nicht einmal den Kopf nach uns.
+
+Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß
+verdient hier das Beiwort „groß“ noch nicht. Das Land rings herum muß
+künstlich bewässert werden.
+
+In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir
+stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn
+benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den
+Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld,
+der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft.
+Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot,
+Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr
+viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die
+zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei
+Schwestern) hervor.
+
+Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare
+Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der
+Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen,
+Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem
+schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der
+Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen
+umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen.
+Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und
+Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind
+fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm
+ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in
+Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung
+zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die
+Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden
+Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein
+und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34°
+gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden
+fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die
+Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco
+und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt
+des ewigen Frühlings.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Vgl. die Anmerkung [2]
+
+
+
+
+XI.
+
+Bordesholm.
+
+
+Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt
+das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist
+nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der
+glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem
+Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum,
+auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche.
+Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut
+sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten
+der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck
+macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500
+Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer
+Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem
+altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.
+
+Das, was uns eigentlich hergeführt hat — _die Klosterkirche_ — haben wir
+unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht.
+Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit
+auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum
+zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit
+eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last
+nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter
+des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine
+Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt;
+allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz
+unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender
+Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:
+
+ „Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,
+ Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.
+ Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands
+ Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!“
+
+ März 24. 1873.
+
+Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der
+Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter,
+epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier
+im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das
+Gebäude.
+
+Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster — Niegenmünster,
+wie eine lateinische Inschrift besagt — gegründet. Allein dort an der
+Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet,
+den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die
+abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name
+hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch
+starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das
+übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern
+vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine
+Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste
+sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel;
+wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben
+verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den
+80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen „Alma
+mater“ reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof
+(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende
+Ansprache entgegen.
+
+Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt,
+einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle
+und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt
+keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine
+Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu
+Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige
+daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten
+Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das
+auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.
+
+Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine
+Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des
+russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es
+einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die
+schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.
+
+Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem
+Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern
+von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten
+Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in
+den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der
+letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen
+_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der
+Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes
+Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von
+Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von
+Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei
+Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter
+Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum
+Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt.
+1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein
+wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren
+Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn,
+der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist
+der jetzige Kaiser Nikolaus II.
+
+In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage
+Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er
+ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_
+gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829
+großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf
+Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen
+bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron,
+Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische
+General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten
+Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. († 1533) und
+seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den lebensgroßen Figuren des
+Paares sollen ein Nürnberger Werk sein, vielleicht von Peter Bischer. Zu
+den Füßen der Dame schmiegt sich ein Hündchen. — Wer suchte wohl in
+diesem abgeschiedenen, weltfremden Dörfchen Holsteins den Ahnen des
+Herrschers des ungeheuren Zarenreiches! Schon diese eine
+Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms reichlich, und doch
+wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht aufgesucht, ja, ist
+den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Treten wir aus der
+hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns gegenüber den
+eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und Amtsstuben des
+Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür befindet sich eine
+Inschrift folgenden Inhalts:
+
+„In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog
+Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich
+und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den
+Befehl zum Einmarsch in Schleswig.“
+
+Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir
+noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische
+Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist.
+Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger
+Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des
+meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer
+Vorzeit Gericht gehalten wurde — alles das vereinigt das kleine
+Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben,
+die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters
+gemahnt:
+
+„States fall, arts fade, but Nature does not die.“
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.
+
+[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des
+berüchtigten Stockholmer Blutbades.
+
+
+
+
+XII.
+
+Auf Seeland.
+
+
+I.
+
+Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn
+durch ihre Lieder entzückte. Der König — so meldet die Sage von der
+Entstehung der Insel Seeland — verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so
+viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie
+erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das
+Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte
+und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als „Seeland“ stehen
+blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von
+Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein
+großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen
+seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen.
+
+Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der
+Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem
+eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen
+Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen
+Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß
+man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische
+Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert.
+
+Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer „Gylfe“, vorbei
+an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts
+blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den
+Mauern der Festung „Tre kroner“ brachen sich die Wellen und spritzten
+weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den
+breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler,
+vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der
+Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem
+Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.
+
+An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an
+Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in
+dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist
+das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und
+den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt
+zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen
+des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten,
+villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen
+Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.
+
+Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in
+Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern.
+Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von
+den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie
+gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an
+Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft,
+natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten
+verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich
+weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem
+Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird.
+
+Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir
+wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel
+Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde
+emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de
+Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die
+Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die
+Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen
+Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und
+Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160
+Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und
+Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr
+Mann führe, erwiderte sie: „Er fährt auf dem größten ‚Creaturschiff‘
+zwischen Kopenhagen und England.“ Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf
+der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.
+
+Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer;
+anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern
+sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo
+man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger.
+
+Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei
+Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns
+Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör,
+taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und
+Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend
+bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in
+der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau,
+Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn.
+Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen
+den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen
+zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit
+einem Male entledigten.
+
+Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten
+uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf
+und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber.
+Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die
+engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der
+Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten
+Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht
+geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen,
+weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen.
+Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut
+hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den „Sundzoll“,
+freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite
+Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider
+nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit
+zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein.
+Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes
+wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang
+auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit
+die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung.
+
+Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für
+Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und
+trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur
+alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg
+schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in
+Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die
+Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die
+Dänen bis jetzt freilich vergebens.
+
+Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom
+Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der
+Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die
+Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen
+sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der
+Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei
+Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache
+war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und
+Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen.
+
+Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das
+Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians
+VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang
+gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen
+Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von
+der Terrasse.
+
+Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6
+Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den
+lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat
+man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die
+gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende
+Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen
+Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des
+Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen
+schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der
+schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem
+Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an
+südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen
+nicht.
+
+Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in
+Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten
+wir in Marienlyst dafür — sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder
+besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend
+anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die
+Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten
+schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der
+anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges
+Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem
+angenehmen Seebade Marienlyst („Marienlust“) verlustig, hatten dafür
+aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit
+allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte
+einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter
+Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer
+Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken
+Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben
+ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen.
+Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer
+derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist,
+das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben
+und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab —
+das wußten wir — würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein
+setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere
+der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der
+seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute
+unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur,
+Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde,
+so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur
+zu stärken und zu erfrischen.
+
+Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht
+einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen,
+Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde
+tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt,
+mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor
+spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze;
+dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den
+einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der
+Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich
+zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern,
+Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten
+kann.
+
+Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen
+wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee
+gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III.
+mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von
+welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber
+mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er
+öfters sagte: „Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle
+Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben.“ Volkssagen leben noch im Munde
+der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen,
+seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde
+kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in
+Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich
+Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher
+Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die
+Prophezeiung verwirklichte. —
+
+Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit
+Gefolge über Wälder und Seen jagen.
+
+Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis
+Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen
+Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. „Dicht über uns“, so
+schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald,
+„zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint.
+Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört
+es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter
+bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das
+zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und
+lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle
+plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen
+träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit
+weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende
+Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige,
+das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu
+trinken — alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und
+bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe.“
+
+An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte
+auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des
+Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen
+Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie,
+wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo
+der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte
+des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen.
+
+Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute
+Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches
+Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das
+Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist
+ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und
+Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen
+gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich
+der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See
+durchblitzen sieht. Eine Allee heißt „Sukkenes-Allee“ (Seufzerweg); in
+einer anderen, „Normandsdalen“ genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren
+ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als
+sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der
+verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also
+gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem
+Schlosse liegt der „Marmorgarten“, in italienischem Stil, voller
+Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich
+beengten Waldparke bildend.
+
+Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der
+Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser
+Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten
+Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten
+Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit;
+ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit
+weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die
+übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und
+benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen
+Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer
+wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende
+Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen
+brausend an das Ufer.
+
+Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist,
+früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer
+ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom „Grib
+Skov“ begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein;
+dorthin kamen wir aber nicht.
+
+
+II.
+
+Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles
+einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend,
+architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt
+hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen
+und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten
+hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß
+Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und
+nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik
+sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV.
+geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er
+beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu
+errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten
+ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden
+Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal
+Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf
+drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem
+Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier
+mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der
+Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß
+gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle
+Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen
+berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige
+Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den
+Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere
+ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind
+vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von
+Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen
+erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende,
+zur Verfügung stellte.
+
+Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches
+Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und
+ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den
+beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte,
+von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von
+Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde
+von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem
+Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft
+der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von
+Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von
+1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und
+einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders
+die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche
+überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der
+Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige
+Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das
+von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern
+entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen;
+Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer.
+„Bierbrauerkunst“ nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl
+etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die
+Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt
+wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz,
+mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste
+in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als
+allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des
+Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von
+Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen
+die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur
+Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt „Christus in Gethsemane“,
+1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für
+seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft
+bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor
+ernannt wurde.
+
+Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den
+Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des
+Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den
+letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I.,
+Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn
+Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen
+Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er
+hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864
+erhalten.
+
+Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere
+Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_
+einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von
+ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze,
+bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können:
+den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die
+deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu
+Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf
+bezieht sich die Ode Klopstocks: „Rothschilds Gräber“; Rothschild ist
+Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst
+denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun,
+sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar
+geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt.
+Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite
+Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand
+lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und
+giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine
+Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.
+
+In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die
+eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die
+Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen
+zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge
+(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden
+Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier
+walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an
+kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa
+(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen
+noch heute ein „Hellige Lund“ (heiliger Hain) existiert, mit „Herthadal“
+und „Herthasee“. Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die
+zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen
+segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden
+die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.
+
+Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach
+Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde
+soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der
+Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen
+skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der
+Mittelpunkt der geistlichen Regierung.
+
+Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann
+von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von
+den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die
+Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage
+Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben
+mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank
+schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles
+Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern.
+
+Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen
+Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher
+Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.
+Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch
+hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.
+
+Der alte lustige „Graver“ (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen,
+in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31
+Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene
+haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig
+ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen
+Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist
+eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn († 985)
+am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren Könige haben ihre
+Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter dem Altar steht der
+Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei nordischen Reiche
+beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die Marmorstatue der Königin,
+ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich Wilhelms III. in
+Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und Christian III. Die
+schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem Standbilde des Königs
+von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand. Die letztverstorbenen
+Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und Caroline Amalie, geborene
+Prinzessin von Augustenburg, sind in der Kapelle Friedrichs V.
+beigesetzt.
+
+Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und
+Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend
+wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß
+sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich
+folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen
+Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten
+und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß
+Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und
+Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und
+Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia,
+und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad,
+Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen,
+die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer
+auseinander zu halten.
+
+Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir
+aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark
+Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet
+die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter
+der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht
+zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären,
+sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann
+wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen
+Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine
+Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren
+sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als
+unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden
+und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester
+geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt
+Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der
+Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche.
+
+Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen
+wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf
+uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen
+Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2
+Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die
+beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des
+Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die
+große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt.
+
+Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber
+Saxo Grammaticus († 1207), der die alten Sagen vom dänischen Tell
+aufgezeichnet hat.
+
+An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des
+1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der
+berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten.
+In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen,
+darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke
+(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist.
+Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15.
+Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen
+Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten
+und Neuen Testament darstellt.
+
+Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man
+nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König
+Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen
+Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen
+ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem
+ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden.
+
+
+
+
+XIII.
+
+Friedrichsruh[11]
+
+
+Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu
+fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu
+Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den
+Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen
+Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten
+Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende
+Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter,
+hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel
+angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten
+und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den
+Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken
+ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den
+sogenannten „Mummeln“.
+
+Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht
+aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes
+Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _„Verboten!“_, welches
+hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt.
+
+Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen
+einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In
+welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches
+Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da
+Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen
+für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich
+ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb
+parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und
+Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten
+Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll.
+Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß
+„die Wohnung des Fürsten unzugänglich“ sei (S. 130), ist dahin zu
+berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks
+beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst
+wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise
+nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos,
+aufgetrieben hatten — obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er
+seine Wohnung nicht dort — begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen
+Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im
+ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer,
+für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei
+seinem vorjährigen Besuche hier.
+
+Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns
+überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft
+war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer
+langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht.
+
+Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den
+_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das
+Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe
+ich folgenden an:
+
+ Wenn einer kam und Ränke spann,
+ Dann setztest du den Hobel an,
+ Dann flogen auch die Spähne gleich;
+ Gott schütz' den Kaiser und das Reich!
+
+In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch:
+
+ Das Wegekraut sollt stehen lan;
+ Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran!
+
+Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger
+Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen
+äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige
+Erinnerungen ziehen das Auge auf sich.
+
+Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily
+gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein
+Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von
+Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet;
+ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von
+Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885.
+
+Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und
+Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus
+Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein
+Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das
+Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet.
+
+Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich
+an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee,
+Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal
+ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine
+smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt,
+eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus
+liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt!
+
+Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt,
+400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten,
+ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon
+Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz
+vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der
+Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das
+kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im
+nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft,
+der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger
+Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so
+groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei
+Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber
+dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und
+Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers,
+bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet.
+
+Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das
+_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in
+Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder
+Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die
+eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten
+(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen. — Durch
+einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit
+dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: „In trinitate
+robur“, gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem
+Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh
+im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des
+Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des
+Sohnes Wilhelm.
+
+Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses:
+_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den
+Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde,
+Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch
+eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders
+fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die
+Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen
+folgende Worte: „Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen
+Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de
+Provence Nr. 14 unterzeichnet worden.“
+
+Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht
+reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer
+Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt,
+scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an.
+Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von
+Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke;
+Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter,
+darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl
+Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a.
+
+Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten
+Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe,
+Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier
+Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der
+Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel
+gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir
+Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in
+gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit
+je einem passenden Ausspruch, wie: „Ich habe keine Zeit müde zu sein,“
+„Lerne leiden ohne zu klagen“ und andern. Eine kunstvoll geschnitzte,
+hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I.
+erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell
+des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus
+Hirschgeweihen.
+
+Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine
+Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten.
+Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der
+Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung
+Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse,
+Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet.
+
+Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh.
+
+Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen
+doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame,
+schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen
+in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude,
+von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine
+ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch
+lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der
+Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das
+einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen
+Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller
+Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte
+sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich
+geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu
+halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen!
+
+FUSSNOTEN:
+
+[11] 1869 geschrieben
+
+
+
+
+XIV.
+
+Ein Nachmittag bei den Karthäusern.
+
+
+Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z.,
+der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom
+Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und
+befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen.
+Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke
+Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der
+Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer
+umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in
+der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen,
+an denen keine Fenster zu sehen waren.
+
+Das ist das Karthäuserkloster „Hain“; es ist das einzige in Deutschland,
+erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden
+ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs
+Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben
+widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein.
+Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten
+strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie
+üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere
+Bildung.
+
+Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal
+besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache
+abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge
+(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch
+1/4 Stunde bis zur Karthause hat.
+
+Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder
+Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir
+eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem
+Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in
+freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang
+herumführte.
+
+Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit
+Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter
+in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und
+betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir
+eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter
+dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir
+vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker
+versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der
+Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die
+Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden:
+in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während
+sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt.
+
+Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der
+interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche
+Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand
+gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume,
+im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel
+davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte
+lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des
+ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen
+hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und
+Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl
+und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer
+Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine
+Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der
+Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng.
+Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet,
+körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die
+Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch;
+zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu
+Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag
+gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden
+häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben.
+Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke
+zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur
+Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis
+halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht,
+Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden.
+Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und
+nachher giebt es freilich kein „Zurück“ mehr.
+
+Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und
+Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick
+dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil
+augenblicklich die pflegende Hand fehlt.
+
+Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen
+Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang
+zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt
+wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der
+Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis
+bedurft hätte.
+
+Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder
+zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles
+scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt
+Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der
+voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern,
+einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der
+Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke
+Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern
+köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder
+Bienenvater verkauft.
+
+Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur
+(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause
+(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in
+Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der
+dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.
+
+Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich
+ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie
+während der Jahre 1875-90 geruht.
+
+Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte
+reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind
+meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben
+entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine
+Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein
+Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte
+seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer
+für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein
+Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere
+Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem
+Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso
+fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit.
+Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.
+
+Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den
+Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein
+gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ
+uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns
+zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.
+
+An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der
+Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,
+alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,
+uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem
+Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die
+Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem
+Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen
+Gefährten daraus vor.
+
+Da schreibt einer:
+
+ Wo sind Fried und Ruh
+ Und Herzensglück zu Hause?
+ Ich weiß es genau:
+ Hier in der Karthause.
+ Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.
+
+Ein anderer:
+
+ Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!
+ Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.
+
+Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse:
+
+ Drum pflege nicht den Leib zu sehr,
+ Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!
+ Hast du die Seele treu gepflegt,
+ Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt.
+
+Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber
+nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen
+schattenlosen Weg nach Düsseldorf.
+
+Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:
+
+Härzlichen Dank für die gute Bedinung!
+
+Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen
+Versen:
+
+ Besten Dank
+ Für den guten Trank.
+
+Ein Trappist schreibt:
+
+ Gratias intimo ex corde
+ Carissimi Confratres Cartusiae
+ Oremus pro invicem.
+
+ (Name)
+ Trappista.
+
+Sehr anmutend fand ich die Eintragung:
+
+ Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen
+ mich an die Wahrheit des Spruchs denken:
+
+ Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;
+ Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.
+
+ (Rüdert.)
+
+Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt
+verboten ist, schreibt:
+
+ Leider hab' ich nichts gesehen,
+ Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.
+
+ Frau X.
+
+Endlich noch zwei lateinische Sprüche:
+
+ Cartusis clara
+ Eras mihi praeclara
+ Eris mihi cara!
+
+und
+
+ O beata solitudo,
+ O sola beatitudo!
+
+Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte
+freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im
+heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb
+der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich
+mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken
+sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden
+Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt — —
+
+
+
+
+XV.
+
+Eisenberg.[12]
+
+
+Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit
+Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber
+auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern
+pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie
+aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben.
+Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo
+ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden
+von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden
+Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im
+Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange
+Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn
+Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer,
+wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint
+auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl
+villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen
+höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange
+dehnt sich der sogenannte „Nasse Wald“ mit vielen Promenaden aus. Vom
+höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die
+wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den
+Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das
+_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in
+etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine
+Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon
+bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem
+_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz.
+Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem
+Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des
+Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß
+„Christiansburg.“ Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er
+ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten
+Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den
+älteren Einwohnern der Stadt „'s Läbbetoorchen“ genannt. Bei den
+deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen
+„Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz“ bekannt. In einem
+ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und
+Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung
+mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war
+jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt
+ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg
+in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine
+einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von
+Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm
+war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere
+Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt
+liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg
+bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des
+Hauses.
+
+Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des
+Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein
+Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph
+_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant
+anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat.
+Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine
+Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben.
+
+Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang
+und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte
+„Thälchen.“
+
+Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von
+zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten
+(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie
+gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will
+Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von
+Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus
+prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das
+Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle
+Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal,
+durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen
+und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen
+auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen
+Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein
+größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen
+Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu
+gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See
+gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt
+Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_,
+mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den
+hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde,
+von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe
+einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte
+er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von
+dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er „die Geschwister“, in denen er
+sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte;
+freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und
+Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen.
+Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen
+östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg
+
+
+
+
+XVI.
+
+Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]
+
+
+Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe
+ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile
+eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische
+Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg
+ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare
+diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren
+haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen
+Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser
+Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die
+Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den
+„Markt“) ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause,
+„Römer“ genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand,
+während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse
+am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und
+weißer Wein floß.
+
+Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und
+sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den
+großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf
+der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in
+die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.
+
+Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt
+aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem
+Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen
+die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie
+sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der
+Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an
+denen Frankfurt so reich ist — alles das und noch vieles andere ist in
+dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große,
+schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit
+mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten
+lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde
+_Goetheviertel_.
+
+Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet
+_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein
+dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges,
+bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es
+bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden.
+Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den
+Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine,
+damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im
+wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel
+angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das
+Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des
+Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben
+hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: „Goethes Vaterhaus,
+Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen.“
+
+Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten „Freien Deutschen
+Hochstifts“, einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft,
+die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die
+entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie
+veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen
+Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und
+neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine
+deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die
+Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre
+verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine
+mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser
+Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches
+durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich
+zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue
+Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.
+
+Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein
+Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich
+aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere
+Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir
+zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren
+Angehörigen freien Eintritt.
+
+Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als
+Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie
+Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer.
+Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts
+herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß
+des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da
+Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen
+Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten
+sich die Kinder — Wolfgang und Cornelia — das Buch heimlich zu
+verschaffen und zu lesen. „Es war an einem Sonnabend Abend im Winter —
+der Vater ließ sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur
+Kirche bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel
+hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere
+herkömmlichen Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan
+mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an
+und rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:
+
+ Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst
+ Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.
+ Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes!
+ Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen!
+
+Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher
+Stimme, rief sie die folgenden Worte: „O, ich bin wie zermalmt!“
+
+Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die
+Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung
+ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen
+können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen
+Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern
+teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet
+hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen
+und verbannen sollen.“
+
+Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit
+Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der
+Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die
+Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts
+abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des
+Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des
+_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von
+und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal
+einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß
+allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.
+
+Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des
+alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer,
+dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter
+Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter
+Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: „Getauffte
+hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr.
+Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen
+Sohn, Johann Wolffgang.“
+
+Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines
+Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten
+aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige
+heraus.
+
+Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann
+und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine
+Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber
+mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den
+Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es
+zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und
+ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener
+Doktordissertation des alten Goethe „Electa de aditiore heroditatis“,
+die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen
+Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie
+eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf
+Goethe und seine Familie bezüglich.
+
+Ueber das „Gartenzimmer“, welches jetzt verschwunden ist und dem
+Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus
+Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht
+im ersten Buche und lautet:
+
+„Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer
+nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den
+Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich
+heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch
+sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und
+Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich
+nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine
+Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden
+Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug
+sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln
+und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich
+ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so
+erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer
+daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten
+Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in
+der Folge noch deutlicher zeigte.“
+
+Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
+und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die
+Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
+Frankfurt.
+
+Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem
+baumbepflanzten Goetheplatz (früher „Stadtallee“) die Kolossalfigur des
+Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz
+seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken
+kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige
+Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist
+mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust,
+Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und
+der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth — alle diese
+wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers
+Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde,
+sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende
+Victoria.
+
+Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem
+imposanten Gebäude der „Germania“ ein anderer prächtiger Neubau, der auf
+roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: „Zum goldenen
+Brunnen“. In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten
+Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie
+mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: „Die Frau Rätin könne
+nicht kommen, sie müsse alleweile sterben.“
+
+Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht
+der „Weidenhof“, ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes
+Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An
+dieser Stelle stand der Gasthof „Zum Weidenhof“, der Frau Witwe
+Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach
+Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und
+mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das
+Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar
+ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat,
+von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen
+Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er
+ihn kaum.
+
+Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem
+reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und
+Kornmarkt zusammentreffen.
+
+Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht,
+Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der
+kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in
+Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und
+winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im
+vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt.
+Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als „eine der originellsten
+Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne
+verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über
+siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln
+verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch
+immer leuchtend und geistreich waren“. Der satirische Lucian war fast
+der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er
+sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien.
+
+Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als
+ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends
+um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die
+Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern
+Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an
+einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam
+nie von seiner Seite.
+
+In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. „Eines
+Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als
+einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis
+et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich
+mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die
+Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und
+reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich
+andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung
+fanden.“
+
+Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später
+in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann,
+die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter
+zusammen, — Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem
+eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die
+erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]
+
+ „— es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines
+ Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18]
+ Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles
+ aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig
+ angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das
+ eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich;
+ ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige
+ Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und
+ Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre
+ Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas
+ Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie
+ nötigte, waren ungezwungen und leicht.
+
+ Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber;
+ wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon
+ angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges
+ Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft
+ mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe. — Ich
+ will nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten
+ Art zu empfinden glaubte. — Ich verfehlte nicht, nach schicklichen
+ Pausen meinen Besuch zu wiederholen. —
+
+ (17. Buch.) — Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich
+ zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen
+ Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht
+ hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen! —“
+
+Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf
+Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für
+keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim,
+einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr
+Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister
+Goethe in Weimar.
+
+Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das
+Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den
+Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes
+gefallen ist.
+
+In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte
+Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche
+Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz
+der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. „Die vielfachen
+Bemühungen“, erzählt der Enkel von ihm, „welche nötig sind, um einen
+schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals
+verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume
+fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum
+der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen,
+Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung
+derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie
+emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten
+beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene
+altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte
+jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals
+mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf
+dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere
+Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können.
+
+Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe
+ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich
+mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines
+unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.
+
+Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden,
+bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe
+der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein
+Schicksal betrafen. — Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich
+eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige
+Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt“.
+
+Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in
+eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat
+man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des
+Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt:
+die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes.
+In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden
+Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die
+Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des
+Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze.
+
+Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger
+Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und
+Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte
+Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten
+Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten
+der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten,
+die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens
+Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht
+bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren
+Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb
+gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief.
+
+Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe
+fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie,
+wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte
+großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an
+Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind;
+denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte
+Anwendung:
+
+ „Wer den Dichter will verstehn,
+ Muß in Dichters Lande gehn!“
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.
+
+[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber.
+
+[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens.
+Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.
+
+[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht
+jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu
+langen macht.
+
+[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.
+
+[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach
+heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.
+
+
+
+
+XVII.
+
+Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.
+
+
+Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so
+auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung
+der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das
+Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit
+meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines
+Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen
+Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden
+hier nicht berücksichtigt.
+
+
+_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._
+
+Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und
+Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer
+gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule,
+worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich
+zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger
+praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer
+und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der
+Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls
+er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner
+Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist „Schiffer“, während
+„Kapitän“ auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich,
+jeden Führer eines Schiffes „Kapitän“ anzureden. Die Sprache an Bord ist
+durchweg die plattdeutsche.
+
+In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu
+untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt
+haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als
+Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche
+ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das
+Oberseeamt in Berlin.
+
+
+_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._
+
+Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt.
+Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die
+Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie
+sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_;
+hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit
+voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen
+_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das
+Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen
+_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat,
+heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben
+wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch
+Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine
+einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den
+Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur
+Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum
+Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch
+Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht „Hohenzollern“.
+
+So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil
+aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den
+Dampfern übertroffen.
+
+Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger
+„Mira“. Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden
+nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den
+Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt
+verwendet worden.
+
+Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21]
+breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen
+die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts
+reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10
+Fuß. Die „Mira“ faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons
+Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und
+ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500
+Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2.
+Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen,
+2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu
+verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie
+können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer
+Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.
+
+Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren
+Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei
+Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt
+nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die
+Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein
+unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder-
+und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon,
+Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der
+Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte.
+Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die
+Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des
+Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das
+Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen
+Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe
+keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so
+wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge
+dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge
+einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier
+eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs
+englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten
+gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind.
+
+Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne
+oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne
+angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke
+Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser
+auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang
+ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen
+Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte
+Aufmerksamkeit notwendig.
+
+
+_Leben an Bord._
+
+Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt
+in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit
+Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies
+geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben
+nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet.
+Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr
+früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso
+ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke
+geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr
+sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der
+Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf
+Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke
+kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die
+Eßzeiten und die Ablösung der Wachen.
+
+Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder
+nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.
+
+Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt
+verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem
+komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der „Mira“
+befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.
+
+Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer
+messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde
+nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange
+herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die
+Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht
+sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das
+Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist;
+auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen
+ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.
+
+Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr
+stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in
+welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.
+
+Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde)
+nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen
+oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen
+befördert werden.
+
+Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist
+ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In
+dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben
+und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot
+wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht
+in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört.
+
+
+_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige
+Eigentümlichkeiten._
+
+Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_
+aufgestellt, die allgemein angenommen ist:
+
+ Windstille = 0
+ Sehr leichter Wind = 1
+ Leichter " = 2
+ Schwacher " = 3
+ Mäßiger " = 4
+ Frischer " = 5
+ Starker " = 6
+ Steifer " = 7
+ Stürmischer " = 8
+ Sturm = 9
+ Starker Sturm = 10
+ Heftiger " = 11
+ Orkan = 12
+
+An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder
+auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese
+Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:
+_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke.
+_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen
+Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke
+zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben
+können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch
+gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und
+abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer,
+Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m.
+
+Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem
+Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt:
+kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten
+Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume,
+die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen
+Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit
+einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird,
+der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt,
+das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke
+versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird.
+Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_
+eingetragen.
+
+Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu
+Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze
+komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen
+800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze;
+beispielsweise: „Ich wünsche etwas mitzuteilen.“ „Woher kommen Sie?“
+„Ich habe einen Brief für Sie.“ „Ich bin auf Grund.“ „Können Sie nur
+einen Maschinisten verschaffen?“ „Die Küste ist gefährlich.“ — Mit den
+18 Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die
+von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.
+
+Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren
+Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige
+Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den
+seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich
+eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe,
+Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl
+ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland,
+Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf
+o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander
+entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur
+Sternennamen, und zwar solche, die auf „a“ enden: Capella, Wega, Gemma,
+Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer
+Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie:
+Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich
+Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der
+Dampfer gehört, schon von weitem erkennt.
+
+An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art
+Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe
+statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen
+u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines
+Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen
+Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will
+ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich
+aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt
+war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in
+Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte
+sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht
+zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem
+ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe,
+besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter
+bei weitem nicht.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es
+entspricht der Unterleutnant zur See — dem Leutnant, der Leutnant zur
+See — dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant — dem Hauptmann, der
+Korvettenkapitän — dem Major, der Kapitän zur See — dem Oberst, der
+Konteradmiral — dem Generalmajor, der Vizeadmiral — dem Generalleutnant,
+der kommandierende Admiral — dem kommandierenden General.
+
+[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere
+Besanmast.
+
+[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß
+engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Oberhausen.
+
+
+ „Tausend fleißge Hände regen,
+ Helfen sich in munterm Bund;
+ Und in feurigem Bewegen
+ Werden alle Kräfte kund.“
+
+ Schiller
+
+Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher,
+an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte
+sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der
+liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand.
+Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt,
+sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu
+erreichen ist.
+
+Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine
+rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor
+einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte
+doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens!
+Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden,
+amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und
+außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber
+Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei,
+teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen
+überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der
+eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser
+Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die
+Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen
+großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der
+Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist.
+Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf
+dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine
+schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die
+Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die
+Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen.
+Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und
+verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim.
+
+Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als
+Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt;
+direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas,
+über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg,
+Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn
+auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über
+Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet
+ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und
+D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu
+gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen
+und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen.
+
+Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der
+Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz
+so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde
+von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der
+Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere
+Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder
+Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße
+architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige
+Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport
+gehuldigt wird — eine Einrichtung, die man in Hunderten von
+Mittelstädten vergeblich suchen würde.
+
+Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der
+Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der
+Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die
+unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende
+Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren
+13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt
+existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über
+60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a.
+gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den
+Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die
+mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen
+Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die
+Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen „Konkordia“ und
+„Oberhausen“.
+
+Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I.
+geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren
+von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird.
+Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen
+Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und
+angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich
+an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin
+liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.
+
+Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige
+hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf
+Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß
+Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei
+Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben
+Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei
+Stunden zu erreichen.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichnis.
+
+
+ Widmung
+ Vorwort
+ I. Ueber das Reisen
+ (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen)
+ II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878)
+ III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt
+ IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers
+ V. Glensund (Ein Land- und See-bild)
+ VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag
+ VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“.
+ A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+ Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+ 1. Riga
+ 2. Aus der livländischen Schweiz
+ 3. Von Riga nach der Insel Walcheren
+ 4. Middelburg
+ 5. Bad Domburg
+ B. Von Korsör nach Haparanda
+ C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+ 1. Nach Helsingör
+ 2. Von Helsingör nach Gent
+ 3. Gent
+ 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth
+ 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland
+ VIII. Der Philosoph von Gravenstein
+ IX. Marsberg
+ X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn
+ XI. Bordesholm
+ XII. Auf Seeland
+ XIII. Friedrichsruh
+ XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern
+ XV. Eisenberg
+ XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt
+ XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine
+XVIII. Oberhausen
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco
+by Ernst Wasserzieher
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO ***
+
+***** This file should be named 12266-0.txt or 12266-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/2/2/6/12266/
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+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ License. You must require such a user to return or
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
+
diff --git a/old/12266-0.zip b/old/12266-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..dfc09fc
--- /dev/null
+++ b/old/12266-0.zip
Binary files differ
diff --git a/old/12266-8.txt b/old/12266-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..e78a4aa
--- /dev/null
+++ b/old/12266-8.txt
@@ -0,0 +1,5745 @@
+Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Von Haparanda bis San Francisco
+ Reise-Erinnerungen
+
+Author: Ernst Wasserzieher
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Von Haparanda bis San Francisco.
+
+
+Reise-Erinnerungen
+
+von Dr. phil. Ernst Wasserzieher
+
+Oberhausen im Rheinland.
+
+
+Witten 1902.
+
+Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug.
+Pott.
+
+
+
+
+Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet.
+
+
+
+
+Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen
+aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß
+sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und
+Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen
+Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und
+Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies
+anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite
+Sammlung folgen.
+
+_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901.
+
+Ernst Wasserzieher.
+
+
+
+
+ "Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
+ Den schickt er in die weite Welt."
+
+Josef von Eichendorff.
+
+
+
+
+I.
+
+Ueber das Reisen
+
+Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen.
+
+
+Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die
+viele aber nie lernen--das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit
+erscheinen mag. Da wußte die "Frau Rat" besser, welcher Unterschied
+zwischen Reisen und Reisen sei! "Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist",
+sagte sie einmal, "so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel
+reisen." Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein
+Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als
+Psycholog und als Mensch. "Man darf nur auf der Straße wandern _und
+Augen haben_," schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat,
+"man sieht die unnachahmlichsten Bilder." Der gewöhnliche Reisende
+begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was?
+und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als
+Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt
+nicht am Reisen, sondern an ihnen. "Das Reisen als solches ist noch
+nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was
+sich ihm darbietet, erfaßt." (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants
+Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte
+ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die
+menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die
+Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert,
+wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele
+Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein
+pflegt.
+
+Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt
+besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft--wiegt das
+bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß "nicht vielen der
+Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder
+beinah nie." Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem
+Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen,
+die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von
+denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die
+Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet;
+nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das
+elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer
+Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr
+Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten.
+Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; "erst die Fremde", sagt
+Fontane, "lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen." Die schottischen
+Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in
+der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu
+werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß
+freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am
+Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich
+auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen,
+überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft,
+ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein.
+
+Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen,
+insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des
+häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine
+Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu
+betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele
+Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben--das ist der oft
+unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. "Auf Reisen", so ungefähr spricht
+sich Schopenhauer aus, "fühlt man sich interesselos, sieht man von der
+eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_."
+_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der
+das Schöne definiert als "das, was ohne Interesse gefällt" (d.h. ohne
+selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der
+Unabhängigkeit. "Jetzt bist du zum ersten Mal allein," ruft George Sand
+entzückt aus, "keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir,
+dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!" Freilich stellt
+sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite
+dieser selbstgewollten Freiheit. "Auch der leidenschaftlichste,
+fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt,
+und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile
+beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht
+heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses
+Wort mit Freuden aussprechen würde." (Amicis, Reise in Spanien, Capitel
+2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch
+an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten
+Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den
+weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung
+trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des
+Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des
+Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der
+verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren.
+Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die
+Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die
+Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen,
+Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage
+in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man
+dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer
+in Graz zustimmen, wenn er sagt: "Reisen ist eine Kunst, eine größere
+vielleicht als eine Reise gut beschreiben." (Essays, II, 58.)
+
+
+
+
+II.
+
+Eine Primanerwanderung auf den Brocken.
+
+(1878.)
+
+
+Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr
+morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und
+einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen
+hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen
+werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser
+Jahreszeit--man schrieb den 12. April--eine Harz- und Brockenreise zum
+Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte.
+
+Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von
+dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu
+erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob
+man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes,
+den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch
+hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber
+einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge
+in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie
+auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der
+Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte
+kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde
+Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller
+Schmutzsprenkeln--so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend
+ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der
+sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete.
+
+Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der
+"Wernigeroder" einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde,
+passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem
+hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof "Zu den drei
+Forellen", um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig
+zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse
+Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer
+nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes "Harzreise im Winter",
+die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu
+lassen.
+
+Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan
+hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei,
+bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst
+gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen;
+umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns;
+eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten
+uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und
+wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren
+freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch,
+sondern auf der Fahrstraße zu gehen.
+
+Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um.
+Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen
+heute Abend beim Glase Bier!
+
+Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer
+einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten,
+bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem
+Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch
+verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine
+Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte
+uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren
+nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten
+Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben.
+
+Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die
+trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den
+schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und
+tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch
+der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald
+in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch
+einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und
+Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden
+wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen,
+wenn wir aber den "Fautstieg" einschlügen, setzte er hinzu, dann würden
+wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch
+nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten
+vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar,
+hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend
+vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in
+der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei
+Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee
+befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich,
+daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war
+aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es
+Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte
+sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser
+Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit
+sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die
+Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein
+Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause
+eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter,
+wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß
+diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in
+Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen,
+die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den
+Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten
+weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer
+weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen
+Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und
+schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den
+Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir
+sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich
+wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die
+schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen
+Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte
+mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich--o
+Wonne--war es eine Täuschung?--Hundegebell! Wie elektrisiert sprang ich
+vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein--jetzt eine Stimme--zu sehen war
+nichts in der Finsternis--richtig, ein paar Schritt vor mir stieg ein
+düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig wedelnd, und
+wir standen in dem hell erleuchteten Flur des Brockenhauses, vor uns
+zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht, die einzigen Bewohner
+des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs erschallten wie aus einem
+Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude, festen Boden unter den Füßen
+zu haben, wäre ich dem Oberkellner am liebsten um den Hals gefallen. Und
+nun rasch hinauf in das Zimmer, das durch einige in den Ofen geworfene
+Scheite Holz bald behaglich durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die
+wie aus dem Wasser gezogen waren. Und nun hinein in den beiden Betten,
+aber nicht zum Schlafen! Der Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen
+uns, auf dem bald eine große Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst
+dem Hausknecht heran. Und nun wurde fleißig angestoßen, bis mir die
+Augen zufielen und ich in einen tiefen Schlaf fiel.
+
+Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt
+wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage.
+
+Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste
+Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen
+Instituts zu Köthen i. Anhalt.
+
+
+
+
+III.
+
+Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2]
+
+
+Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa
+wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses
+getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an
+die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der
+amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt
+Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem
+oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um
+darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten.
+Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von
+der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend,
+in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer
+ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so
+wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu?
+
+Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung
+quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein
+Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich
+berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es
+dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington
+überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung
+entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus
+benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet.
+
+Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade
+mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer
+breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des
+Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die "Flat" zieht sich am
+Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt
+sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig
+angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in
+regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts
+Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne
+etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem
+Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit
+Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und
+Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein
+Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist
+unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine.
+Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit,
+wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben
+wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte
+Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar
+Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet,
+mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind
+die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der
+Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre
+Einkäufe für die Woche zu besorgen.
+
+Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw.
+Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein
+hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die
+geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen
+in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen
+Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren
+Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist,
+wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich
+mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus
+dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe
+nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen
+guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht
+ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz
+frei.
+
+Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500
+Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr
+Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der
+katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der
+katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der
+anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und
+Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das
+Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der
+Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann
+man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen
+hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen
+nicht einmal die Ruinen mehr.
+
+Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint
+wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch
+Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man
+ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die
+Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer
+hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen
+Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans,
+befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und
+Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß
+nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar.
+
+Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber
+unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau,
+besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man
+nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein
+sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem
+Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur.
+
+Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein
+blos "River" [Fluß] genannt), durch die "Flat" hinauf nach der oberen
+Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den
+mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten
+Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben
+sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln,
+oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der
+katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die
+ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken
+Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach
+Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne
+Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald.
+Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der
+Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes,
+weltvergessenes Idyll--so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen,
+rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm
+vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein
+Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in
+stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen
+zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere
+Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht
+umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser
+majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer
+nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu
+flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke,
+die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen.
+
+Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur
+Mormonenzeit.
+
+Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe
+Smith das "Book of Mormon" heraus, das er durch göttliche Inspiration
+und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die
+aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist
+die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen
+Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen
+aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine
+Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und
+1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort
+wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und
+wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr
+rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das
+Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe
+betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein
+großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von
+Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an
+der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den
+eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die
+Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf
+30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das
+Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der
+Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der
+umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten.
+Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und
+es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die
+Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der
+Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde
+gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago
+(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der
+Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung
+durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem
+berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an
+den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten.
+
+Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde
+gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem
+ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und
+die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so
+liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren
+riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich
+erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen
+Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen
+zu haben.
+
+Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und
+unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und
+bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war
+nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im
+Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen
+konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam
+liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten,
+die nur mit einem Holzpflock verschließbar war.
+
+Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war
+manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden
+Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das
+wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde
+holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern
+darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim.
+
+Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum
+Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen
+Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen
+Buche "Voyage en Icarie", in dem in Romanform die Grundsätze des
+Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt
+werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften
+die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein
+Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die "Revue Icarienne"
+halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in
+völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie
+auseinander, weil Cabet gleich Cäsar "voll Herrschsucht war"; ein Teil
+führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter;
+andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen,
+Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben.
+
+Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen.
+Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich
+die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen
+Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die
+Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen
+könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich "Schinderhannes,
+the Robber of the Rhine", von den deutschen "Papa hat's erlaubt" von
+Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei
+Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für
+einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt
+gut Violine und liebt die deutsche Musik.
+
+Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung
+ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im
+Kriegsjahre 1870/71.
+
+Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser
+als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche
+sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres
+mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und
+spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die
+Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene
+Abhandlung erfordern.
+
+Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der
+Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb
+im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant,
+sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die
+Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt
+befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte
+der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das
+geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago
+Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das
+riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber
+zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern
+das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze
+zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals
+hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich
+das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt
+hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden.
+Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die
+Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene
+Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu
+erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der
+vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht
+eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache
+ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union
+leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und
+Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine
+sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die
+Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich
+vermindern.
+
+Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß
+die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen
+werden.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden
+folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch.
+
+[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort
+Madison, wo ich ihn sah.
+
+[4] Siehe das Titelbild
+
+
+
+
+IV.
+
+Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers.
+
+
+Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist
+das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich
+ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit
+meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft
+hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch
+den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer;
+vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen
+felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr
+wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt
+und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem
+Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln.--
+
+Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt
+in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor
+allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu
+fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit
+der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten
+übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten.
+
+Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man
+bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum
+den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist
+z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen
+Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf,
+leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco,
+am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der
+Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines
+Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz
+herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen,
+weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit
+Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und
+durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem
+hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das
+gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in
+der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln.
+
+Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der
+Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines
+Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens
+mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien
+von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner
+Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen
+hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine
+Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich
+ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und
+in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt
+die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als
+Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben
+sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und
+von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San
+Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in
+Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl,
+daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig
+blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man
+durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt
+das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt
+auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die
+freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal
+des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen
+Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine
+sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut,
+benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal
+liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren
+Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die
+schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden
+abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf
+äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum
+der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen
+wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast
+überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird.
+Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht,
+wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von
+2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales
+(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, "Wawona", der einen
+Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und
+6spännige Postkutsche fährt.
+
+Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben
+hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der
+Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die
+Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.
+
+Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine
+Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so
+bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit
+haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht.
+
+Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine
+Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde
+verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm
+in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst
+130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns
+gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es
+von jeher gewohnt wäre.
+
+Eine halbe Stunde abseits liegt "S's Ranch", eine Meierei, wohin B. und
+ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort
+Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und
+Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer
+Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es
+schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut
+gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe),
+sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten.
+
+Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der
+sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in
+Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer
+Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich
+über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten
+Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd
+dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die
+Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des
+überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um
+sich greife.
+
+Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und
+spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette
+prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in
+seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale
+überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein
+Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von
+derartigen Bestien unbehelligt.
+
+Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern
+verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen
+der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die
+Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch
+Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der
+hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der
+Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ,
+und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten
+Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort
+einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen
+mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab,
+als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald
+einfuhren.
+
+Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden
+Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die
+Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam
+senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer
+schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln
+und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der
+Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst
+wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer
+sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter
+Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot.
+Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist--welche liegen bleiben und
+an Ort und Stelle verbrannt werden--, wird er in Stücke von etwa 15
+Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen
+auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in
+die Sägemühle gefahren.
+
+Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und
+Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen
+Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück.
+
+Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die
+ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo
+ich übernachtete.
+
+Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der
+Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel,
+von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner
+herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den
+reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten
+Lande zu finden sein!
+
+Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern
+stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich
+ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war,
+und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und
+Eigentümer dieses Friedhofs.
+
+Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner
+wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt.
+
+In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch
+hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der
+Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist
+der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen
+kann--es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor--;
+Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender
+Geschwindigkeit umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die
+beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch
+diesseits der Felskante herumschlürft.
+
+Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger
+angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der
+freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den
+gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide
+gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein
+Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte,
+erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus
+gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche.
+Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr
+Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten
+nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen
+hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch
+einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen
+geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.
+
+Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig
+durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem
+großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel
+gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und
+Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der
+Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde
+getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler,
+der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und
+einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris
+und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen
+Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung;
+der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen
+Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch
+ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben
+beizubringen, was mir indes nicht gelang.
+
+Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger
+bedient, von denen einer--seltene Erscheinung!--durch seine Schönheit
+auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke
+flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier
+Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht
+hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal
+entronnen zu sein.
+
+Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in
+amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun
+daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.
+
+An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit
+einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die
+Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt
+unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den
+Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen
+dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. "Des Teufels
+Tintenfaß", "der Hölle Badeanstalt" und andre, mehr oder weniger
+passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem
+Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr
+schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf,
+mit den Geysers im Hintergrunde.
+
+--Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der
+Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren
+waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf
+eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu
+stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine
+Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte
+uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem
+sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit
+der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum
+Andenken.
+
+Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200
+Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten
+hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit
+Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco.
+
+
+
+
+V.
+
+Ekensund.
+
+Ein Land- und See-Mosaikbild.
+
+
+Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht
+(nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern
+oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu
+entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte.
+Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von
+Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig
+mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich
+auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine
+geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der
+jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß
+doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im
+Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile
+außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder,
+und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für
+mich und meine Familie herkriegte.
+
+Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach
+Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen
+und riefen entsetzt aus: "Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem
+Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein
+Wald und kein Kurhaus----"
+
+Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde
+jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund
+Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei
+Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was
+bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist,
+wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und
+nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern
+auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die
+Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald
+und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten
+sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte
+Auge des Philisters, der für "Natur" schwärmt, bei Ekensund eben
+nur--Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen
+Schwestern Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle
+heißen; aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über
+jene anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen.
+
+Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben,
+wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen
+schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch
+gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist.
+Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie
+auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch
+meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das
+kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war
+früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben
+und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer
+zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf
+den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen
+Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder
+erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine,
+die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden.
+
+So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf
+das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine
+internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine
+merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische
+Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen
+Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem
+Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja
+auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die
+Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und
+dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in
+der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische
+Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch
+Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr
+Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner
+trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English
+spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch
+und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur
+"Kartoffeldänisch", wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des
+Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine
+Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine
+Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte
+sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das
+Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche
+Reichspoststelle eines anderen belehrte.
+
+Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite
+Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem
+stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche
+Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei
+Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16
+und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem
+Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die
+nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich
+den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen--doch damit
+komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds--auf die Maler! Merkwürdig, sie
+sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern,
+die hier hausen, bilden sie die Majorität--zur Zeit sind es 7! Die
+übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere
+dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund
+unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die
+freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören
+Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein
+von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein
+Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und
+Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige
+früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft
+darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener
+Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann
+erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er
+jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich
+habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt.
+Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet,
+ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem
+Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte!
+
+Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr
+aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren,
+und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann
+nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos
+sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren
+Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem
+einsamen Ekensund Lebewohl sagen. "Der Adler fliegt allein, die Krähen
+scharenweise."
+
+Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich
+den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen
+genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus
+ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine
+Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten
+Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den
+Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl
+brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein
+abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der
+Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in
+ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie
+zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von
+vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern
+auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren
+schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern,
+Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler
+Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre
+jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl
+hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das
+große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig
+Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit
+gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und
+lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der
+ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind
+die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die
+mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen
+als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am
+Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer
+Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den
+Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen
+anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim
+trojanischen Kriege: Cherchez la femme!
+
+Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds
+einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der
+Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer
+Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel
+Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel,
+welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen
+streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel
+Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also
+auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund
+vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen.
+
+Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück,
+was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe,
+niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der
+Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das
+große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar
+nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin
+über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf
+stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des
+Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf
+dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind,
+die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen
+Sonntage--es war vor acht Tagen--fand wiederum ein heißes Ringen in
+Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen
+zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen.
+Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren
+sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des
+Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und
+Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine
+Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und
+einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die
+Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es
+sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu,
+daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht
+fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben.
+
+Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in
+Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine
+Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: "Na,
+Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?" blickte er mit
+seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er,
+freudig aufblickend: "Zwei große Hunde!"--Enttäuscht über diese wenig
+sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: "Und was denn
+noch?"--"Viele Wagen und Pferde!" kam es schnell heraus. Daß Hühner,
+Tauben und Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere
+direkt genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt,
+was ihm wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz
+blind.
+
+Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die
+Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und
+lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen
+nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und
+mehr braucht man nicht im Leben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf.
+
+
+
+
+VI.
+
+Ein Besuch bei Gustav Freytag.
+
+
+Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von
+Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn
+nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem
+die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die
+Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen
+waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich
+ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte,
+beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem
+Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll
+und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte,
+während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner
+Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den
+hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer
+ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns
+als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden
+Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe
+gewagt werden.
+
+Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die
+Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten
+bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen
+Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von
+freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in
+einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen
+gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen
+nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir
+schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte
+ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben
+ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof
+erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine
+Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte
+freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr
+einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen
+Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß
+ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei,
+sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen
+vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie
+wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen
+festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein.--Aus dem Speziellen
+ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine
+Individualität unterdrücken, ist das Ziel.--Aber doch nicht das
+_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der
+Individualität betrachte ich weit eher als Ideal.--Das Talent geht nicht
+unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht.--Als ich erwähnte, daß ich
+eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut
+gespieen und bin so alt geworden.
+
+Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er
+zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum
+nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm
+sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu
+vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes
+übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles
+orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür
+sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne
+Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich
+Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern
+gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung,
+seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: "Vorigen Winter hatte
+ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein
+Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern."
+
+Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf
+seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet.
+
+Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal
+flüchtig kennen gelernt hatte.
+
+Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und
+scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in
+keines, versetzte er: "Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß
+man zu ihnen gehört."
+
+Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag
+hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß
+er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden,
+denn er war fast gerührt beim Abschied. "Leben Sie wohl, Herr Studiosus,
+arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie
+drücken."--Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in der
+Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann deutete,
+als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation.
+
+
+
+
+VII.
+
+Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira".
+
+
+A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+
+
+1. Riga.
+
+Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst
+einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den
+höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie
+sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit
+Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand
+hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt
+die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht
+man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts.
+
+Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein
+Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist
+durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze
+Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen
+außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf
+dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken
+verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal,
+mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus
+der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben,
+seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier
+Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die
+viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der
+Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit
+und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die
+prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten
+Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der
+alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in
+den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die
+glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf
+dem Domplatz.
+
+Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende
+Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_,
+1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter
+gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten
+Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den
+schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt
+einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke
+enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an.
+Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große
+Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St.
+Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige
+Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der
+Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des
+Handwerks.
+
+Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und
+Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die
+Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf
+Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die
+Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben.
+Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof
+Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum
+Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben.
+Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der
+Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell.
+Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen
+vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den
+Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem
+Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der
+livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem
+Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische
+Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen
+versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es
+noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der
+Rigaer ausgerottet sein wird.
+
+Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische,
+dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende
+von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland
+gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna
+geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung
+zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich
+hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die
+Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. "Schutzgarten" umgeben, der aus
+Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das
+Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit
+besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit
+besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum
+Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so
+stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra!
+weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht
+glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom
+Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist,
+vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem
+andern Schiff von neuem zu beginnen.
+
+
+2. Aus der livländischen Schweiz.
+
+Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer
+Anzahl "Schweizen". So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen
+Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die
+holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch
+die--livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine
+geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche
+Vorstellungen über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig
+verborgen geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und
+Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht
+habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung über das Geschaute
+auszudrücken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu
+empfehlen, den Besuch nicht zu versäumen. Freilich, wen führt sein Weg
+nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen
+Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend für
+Reichsdeutsche.
+
+Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine
+Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages--es war ein
+schöner, sonniger Sonntag--begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof.
+Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß
+der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski.
+
+Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold,
+der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse
+versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die
+Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand
+an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der
+Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die
+mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel
+sei jetzt aber abgestellt.
+
+In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen
+wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es
+waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen,
+die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih
+und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann
+vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns
+ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die
+Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art
+Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt
+entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine
+primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem
+zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht
+festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für
+3-4 Personen.
+
+Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach,
+wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren
+sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der
+uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot.
+
+Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend,
+durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen
+mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern
+aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste
+Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen,
+zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen
+Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke
+in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich
+hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so
+weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die
+Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von
+Inschriften bedeckt, darunter folgende:
+
+ Den Namen schreibt in das Gestein,
+ Die Heimatslieb ins Herz hinein!
+
+Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:
+
+ Ach alles ist veränderlich,
+ Das Mäuschen wird zur Ratz,
+ Was früher hübsch Gesichtchen war,
+ Wird doch zuletzt zur Fratz.
+
+Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür
+stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in
+die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in
+der einmal jährlich deutsch gepredigt wird.
+
+Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde
+den mir zugemessenen Raum überschreiten.
+
+
+3. Von Riga nach der Insel Walcheren.
+
+Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna
+hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen
+Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte
+ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts
+zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben
+lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das
+Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder
+auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß
+das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder
+Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder
+Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also
+die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer
+ist--ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland
+nach Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage
+danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen.--Jede Minute nahm
+das Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen
+über den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das
+daran haften blieb.
+
+Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit
+den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen
+und fortwährend kleine Regenbogen bilden--das zu schildern steht nicht
+in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um
+deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was
+doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist.
+Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag
+vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein
+Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte
+mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu
+begreiflichen Widerwillen.
+
+Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der
+Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher
+Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht
+abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein
+Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte
+ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald
+hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal
+verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte
+bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als
+praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen
+holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an
+diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede
+Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu
+lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der
+Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst.
+
+Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter.
+Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in
+dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um
+Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus
+einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe
+Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge
+herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal
+hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa
+halbwegs, Middelburg liegt.
+
+
+4. Middelburg.
+
+Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge
+gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank,
+Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu
+spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die
+holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine
+Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen
+sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben
+"Kapteihn" so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten:
+Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer "Mira" war
+fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja
+vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine
+norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich
+uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten
+wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte
+der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten
+Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen
+Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres
+zurecht.
+
+Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere
+Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren
+glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen
+Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen;
+aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine
+eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene
+Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite
+an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in
+Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und
+Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das
+einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen,
+und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an.
+Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und
+hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.
+
+Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt,
+zierliche Vorgärten, in denen nur--die Blumen fehlen! Statt dessen sind
+sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch
+bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die
+allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser
+tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als
+vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt "Zu
+den drei Gießkannen", ein anderes "In de dry Teertonnen". Auch in
+Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.
+
+Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges
+Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das
+herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute
+verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal
+im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang
+bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie
+kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt
+sie, und je mehr man sich dem "langen Jan" nähert, dem Hauptkirchturm
+der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die
+dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in
+Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an
+lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben
+häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn.
+
+Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche
+grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten
+die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein
+stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß
+nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder
+folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht
+vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks?
+
+Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches
+Angenehme gespendet hat--die Münchener Bierstube des Herrn Heßling,
+eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die
+Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute
+Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge
+vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6
+Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das
+Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den
+Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir
+manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens.
+
+
+5. Bad Domburg
+
+Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an
+vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar
+schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals
+nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte
+mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es
+gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem
+Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen
+mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch
+sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee,
+die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das
+Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die
+verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie
+und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land
+ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen
+können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die
+Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten,
+sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die
+Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor,
+das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein
+Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die
+Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen
+lassen.--Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch
+einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und
+undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B.
+Ipenoord, Schoonoord.
+
+Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an
+einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger,
+eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen
+zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes
+Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem
+Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst
+dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt
+war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den
+weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als
+wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen
+Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch
+Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen
+Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer
+Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen
+umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel
+umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich
+aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus
+denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere
+und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande
+lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far
+niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern.
+
+An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem
+ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig
+geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen
+vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen
+Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade
+innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten
+Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der
+Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und
+Wasserwüste.
+
+Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück.
+
+
+B. Von Korsör nach Haparanda.
+
+"Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat", pflegte unser Schiffskoch, der
+originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein
+Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich
+wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das
+mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte,
+und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen
+Sommer wieder mitnahm. Die "Mira", ein Dampfer von 210' Länge und 1200
+t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach
+dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken
+nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das
+Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher
+hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener
+Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine
+erste Seereise, mitmachen wollte.
+
+Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen,
+hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur
+mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten.
+Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen
+wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas
+weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und
+fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach
+Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter
+Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf
+dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage
+ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben.
+Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die
+schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten
+Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte
+sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden
+das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit
+schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm,
+daß er sie wie ein Rahmen umschloß.
+
+Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an
+Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe
+prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.
+
+Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö
+verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische
+Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und
+mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ
+sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren,
+in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam
+ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen
+Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander
+schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer
+Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand
+zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben
+links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag
+Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings
+von höheren Bergen umgeben--ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht
+erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große
+Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem
+Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der
+eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel
+mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das
+reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte
+Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden
+beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das
+Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet,
+hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.
+
+Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte
+bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt
+werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die
+annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre
+1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der
+Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin
+oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das
+prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.
+
+Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden
+einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir
+diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur
+flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus,
+das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl
+Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.
+
+Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit
+Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:
+
+ Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
+ (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).
+
+Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem
+dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich
+dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er
+hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir
+begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren
+beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die
+Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich
+unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm,
+er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu
+beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen
+Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein
+von Damen betrieben.
+
+Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen,
+sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in
+der Welt viel zu wenig bekannt sind.
+
+Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue
+Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich
+versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es
+während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich
+starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden
+zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was
+durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet
+man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische
+Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren
+ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das
+war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es
+charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann,
+will ich etwas näher darauf eingehen.
+
+Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter
+Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber
+wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen
+Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der
+Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen
+dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir
+kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war;
+was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste
+der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen.
+Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit
+mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein
+kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen
+Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten,
+zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot
+vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der
+Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist
+dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer
+der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser;
+dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun
+zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz
+einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen
+Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen
+mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier
+(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.
+
+Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell
+als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber
+erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von
+Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach
+Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die
+vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die
+Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des
+mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen,
+schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit
+Wald bedeckten Inseln.--Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu
+denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda
+und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf
+trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit
+verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude
+sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich
+rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und
+da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht
+vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man
+ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa
+1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische
+Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist.
+Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem
+Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte
+sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber
+Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach
+einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.
+
+Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer
+fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch
+einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr
+zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu
+machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft
+hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige
+Eleganz aus.
+
+Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte
+mit den auf einem Seitentisch servirten "Smörgods" begann. Ich zählte 16
+verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige
+Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der
+Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des
+weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:
+
+ Frukost för Herre 1,25
+ " " Dam 1,--
+
+So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer
+mit Preisunterschied für Herren und Damen.
+
+Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz,
+an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche
+Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff
+füllten. Es sollen sich sogar 80 "Sommerfrischler" auf der großen Insel
+aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen.
+Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr
+Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser
+nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz
+und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch
+zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die
+Bäume--Nadelhölzer und Birken--sind meist niedrig; größere Exemplare
+trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade
+reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte
+bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie
+Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf
+Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns,
+von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1
+Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen
+Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der
+Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns
+nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur
+Finnisch.
+
+Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden
+sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und
+Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig
+lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg.
+Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen;
+die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die
+Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.
+
+Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in
+Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir
+einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es
+gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die
+deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst
+die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen
+Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die
+dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.
+
+Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten
+einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen
+beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte,
+gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem
+cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer
+Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die "Mira" war das erste, das
+überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das
+Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser
+giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier
+verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein
+mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren,
+die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der
+einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen "Salon". Das
+Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist
+aber in Schweden gebraut.
+
+Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle.
+Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran
+geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute
+mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf
+den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im
+Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt
+sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet
+durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür
+beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk.,
+deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die
+Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.
+
+Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff
+besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß
+hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche
+Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar
+erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem
+Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht
+als zum "Raum" gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld
+gespart.
+
+Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das
+Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum
+Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse
+für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum
+Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten
+von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen
+zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.
+
+Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die
+Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer
+Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so
+daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die
+Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im
+Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte
+Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige
+Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch,
+finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen
+sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig
+war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die
+fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr
+in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht
+ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den
+finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.
+
+Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen
+Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
+Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.
+
+Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es
+noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler
+mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und
+Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe
+steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.
+
+Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut,
+um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen
+hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der
+Hauptstraße begegnete.
+
+Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und
+befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der
+Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten.
+Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas
+Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf
+meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland
+vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen
+Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.
+
+Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
+Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich
+mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über
+Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.
+
+Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und
+umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.
+
+
+C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+
+
+1. Nach Helsingör.
+
+Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, "das Land der Griechen mit
+der Seele suchend", so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris,
+sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern
+bloß Finnland, woher ich die "Mira" erwartete, die mich an Bord nehmen
+sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und
+doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von
+Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war
+keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y
+Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit
+Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir
+verabredet, an dem ich die "Mira" erkennen sollte; er wollte mit der
+Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige
+Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich
+sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten--"doch das eine
+war es nicht". Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von
+Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach
+ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 Stunden
+brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag früh um 6
+Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte
+sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den breiten
+Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten Sund, an
+dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch Helsingborg
+auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, spazierte ich am
+Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seeländische
+Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse
+einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte.
+Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu,
+dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die "Fliegenden Blätter" und
+plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor
+allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die
+Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber
+den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik
+nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84
+Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl
+der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst
+kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten),
+Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit
+seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen
+will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat,
+von denen sich allerdings einige mit dem "harten" p schreiben.
+
+Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ
+ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die
+bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in
+gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte,
+schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr
+genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß
+Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich
+ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der
+Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der
+sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir
+nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel
+zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und
+siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit
+mit der heißersehnten "Mira" aufwies. Die äußere Form, lang und schlank,
+die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende
+Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte;
+endlich--und dies Zeichen konnte nicht trügen--der siebenzackige weiße
+Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und
+jetzt--ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer--ich rufe nach
+meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch
+befindet--ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter
+folgt--inzwischen ist der Koffer gekommen--ich suche nach dem Portier,
+um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die
+Teilnahme, die er für mein Schicksal gezeigt--er ist nicht zu finden, da
+soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt--gleichviel, ich muß fort und dem
+Braven schuldig bleiben--ich schicke ihm später den Betrag durch
+Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten!
+Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem
+Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der
+"Mira", die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt
+der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die
+Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei
+schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf),
+und--me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das
+Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine
+halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen
+Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben.
+
+Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke
+und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie
+ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin.
+
+Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa
+zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei
+Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12
+Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem
+erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet.
+Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der
+fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der
+Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen
+Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen
+Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich
+schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich
+aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten.
+
+Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin)
+lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle
+Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle
+Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein),
+tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer
+sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein.
+
+Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man
+überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch
+_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen
+Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf--Deutsche
+schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, seit den
+letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem
+Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix
+bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer der
+Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung
+Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de
+Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften?
+Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht
+übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man
+berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das
+wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen,
+dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren
+sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder.
+
+In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden
+dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in
+zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf
+uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige
+Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen,
+deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens
+Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie
+alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate
+verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen
+Märchenerzähler wohnte.
+
+Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die
+uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie
+dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf
+der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das
+Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von
+Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das
+unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die
+Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der
+mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein
+dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück
+erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach
+greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste.
+
+In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich
+in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet
+landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige
+Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln
+und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch
+einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen
+Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch
+Klopstocks Ode "Rothschilds Gräber" berühmt geworden.
+
+In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die
+Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf
+und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.
+
+
+2. Von Helsingör nach Gent.
+
+Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der
+Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der
+sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,
+die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten
+Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob
+sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern,
+Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des
+Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf
+See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger
+Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!
+Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_
+Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische
+Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des
+Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.
+
+Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner
+Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje
+auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das
+Unglück schreitet bisweilen schnell!
+
+Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des
+Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich,
+obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf
+die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in
+den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von
+Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der
+Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die
+Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang
+entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der
+schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als
+rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob--das zu
+beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang
+gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder,
+und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das
+Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte
+sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen
+Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb
+verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene,
+ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch,
+aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte--es
+mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein--krochen der Kapitän und ich
+wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen.
+Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert,
+verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder
+da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin
+ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten.
+Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten
+wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf,
+tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus
+dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem
+kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie
+immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der
+Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen
+Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten,
+verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen
+Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit
+uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem
+Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er
+manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal
+stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und
+unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest
+angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler
+Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle,
+unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um
+3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen.
+Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster
+geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft
+seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal
+so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren
+Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich
+wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern
+nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und
+hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu
+einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche
+Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein
+anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns.
+Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die
+dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach
+einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei
+Nebel natürlich immer auf "Langsam" arbeitet, wurde auf "Halt" gestellt,
+und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder
+nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß
+verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die
+Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der
+Kapitän meinte, er habe "vollen Dampf" gehabt, sonst wäre er nicht so
+schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe,
+auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu
+verlieren.
+
+Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der
+Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine
+Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,
+Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte
+der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.
+
+In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine
+Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich
+krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er
+nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum
+Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts
+übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an
+allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich
+krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von
+der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr
+schwierig.
+
+Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört.
+Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden
+später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der
+Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4
+Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige,
+kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den
+Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab
+und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich
+wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein
+Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das
+Feuerschiff "Hoek van Holland", wieder nach einigen Stunden das von
+"Schouwensbank" passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste
+entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom
+Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff
+stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir
+hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter,
+der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet.
+Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich
+uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort "Maas",
+das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von
+ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr
+trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See
+nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen
+etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war
+ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre
+verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der
+Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den
+Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache
+spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes
+Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse
+an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller
+jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der
+Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen
+des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde
+erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der
+spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein
+kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge
+im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich
+in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für
+tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich
+Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen
+kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse
+sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und
+Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel
+Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen,
+hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen.
+Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen
+Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden
+de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste
+Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot
+aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein
+großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem
+Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst,
+einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der
+uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen
+Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe
+hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen
+gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die
+ebenfalls in den Genter Kanal wollte.
+
+Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz
+niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den
+Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir
+ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen
+und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11,
+als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in
+die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen.
+Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer
+an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit
+Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks
+begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der
+allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein
+von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen,
+einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als
+Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist
+erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke
+stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht
+verrichteten.
+
+Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken
+Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die
+Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief--es war eine idyllisch-schöne
+Fahrt.
+
+Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser
+Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so
+engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das
+Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig
+mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.
+
+Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision
+statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft
+hatte, wurde gar keine Notiz genommen.
+
+Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das
+Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein
+Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht
+wurde.
+
+
+3. Gent.
+
+Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von
+vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff
+liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen
+Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan,
+In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de
+goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite
+Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude,
+die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der
+Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom
+St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische
+Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat
+moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere
+Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier,
+das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was
+Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in
+deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem
+Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen
+zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.
+
+Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde
+erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen
+einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen
+versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es
+vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß
+es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den
+Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt
+des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich),
+geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der
+herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der
+Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den
+würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier
+verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von
+Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort
+ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu
+baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im
+Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten
+darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile
+zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das
+Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen
+Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr
+aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des
+Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen
+an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen
+stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es
+kühl geworden war, die ganze Nacht durch.--
+
+So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie
+gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang
+gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter
+für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich
+an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt,
+abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal
+populaire; an 4 Tagen Pferderennen!--Gestern, Sonntag, fing die
+Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu
+zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch
+per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz
+(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen
+strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die
+1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der
+Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des
+Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der
+unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir
+fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten
+durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen
+erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem
+Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich
+die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten.
+Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen
+saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere
+Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an
+Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.
+
+Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende
+Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich
+untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei
+Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde.
+Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung,
+daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst
+entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch
+französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen
+sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes
+herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich
+berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig
+arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur
+wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine
+Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist,
+und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich
+redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein
+Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän
+nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger
+Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt
+würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu
+erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in
+Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen
+alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er
+auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen.
+Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen
+wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.
+
+Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das
+Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt
+fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten.
+Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder
+die Leute haben keinen Sinn dafür.
+
+Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2
+verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet,
+und zwar für jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von
+Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12
+Klerikale, 9 Liberale. Die Straßennamen sind vlämisch und französisch
+angeschlagen, wie überhaupt beide Sprachen fast auf allen öffentlichen
+Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann
+versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.
+
+Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die
+Ruinen übrig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mönche, einen Teil
+eines Kreuzganges, viele Gräber und überall, im Garten verstreut, die
+zerschlagenen Säulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und
+besonders in der Revolutionszeit zerstört wurden. Nachher folgten wir
+einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in
+seinem Hause. Er hatte mit Kapitän Brink gewettet, die "Mira" sei schon
+früher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, daß das nicht
+der Fall war, so war er der verlierende Teil.
+
+Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so
+arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot
+pilgerten wir, Kapitän Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom
+Lichte von Tausenden bunter Lämpchen strahlte und in dem Tausende von
+Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schluß wurde die Nationalhymne
+gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er
+wußte nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte
+ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natürlich starr ob dieser
+Unwissenheit.
+
+Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete für
+die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehören, 3 Francs. Das war
+zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche,
+wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr
+begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen
+dauerte.
+
+Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen
+Leipziger, der im Geschäft als Volontär arbeitete, nach der Place
+d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prächtige Illumination
+und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es
+war ein gewaltiges Gedränge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten
+Platze; rings umher waren Eßwaren zum Verkauf ausgestellt, deren die
+Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und
+Cafés ringsum saß man beim Bier oder anderen Getränken. Es wurde immer
+nur auf beschränkten Stellen des großen Platzes getanzt, da die
+promenierende Menschenmenge den größeren Teil einnahm. Ab und zu zogen
+Scharen von 10, 20 oder 30 Männern und Frauen vorbei und sangen Lieder,
+einige Male hörte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir
+auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da
+die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nächte durchfährt.
+Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl
+bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten
+oder gar Schlägereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern
+noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten
+Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspüren.
+
+Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag
+gethan, und unsere Ladung blieb unangerührt im Schiff.
+
+
+4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.
+
+Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag früh
+gingen wir bei häßlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter
+ist zwar nicht gefährlich, aber höchst unangenehm, da man nicht auf Deck
+sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten
+Rothschilds und der Königin von England zu sehen, die auf der Schelde
+ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und
+schlingerte heftig. Ich verfügte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und
+blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schönste Seeluft hatte, da bei
+dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen
+machten wir nur 4-5, und von der englischen Küste hielten wir weit ab,
+um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr außer als in dem
+Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich
+immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrücke im
+Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir
+in den prächtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hält am Eingang in
+den Meerbusen der kolossale Baß Rock Wache, ein steil aus dem Meere
+aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Möven
+wie ein Schneegestöber umschwärmen. Zur linken liegt das Städtchen
+Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloßruinen, davon eine ganz mit Epheu
+umwachsen. Bald erschien von Bergen umkränzt die Stadt Edinburg, von der
+wir einige Gebäude, besonders das Schloß, deutlich erkannten. Vor der
+Riesenbrücke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir
+vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um
+8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen
+vollgestopften, schmutzigen Hafen des Städtchens Grangemouth führt. Die
+Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf
+das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel,
+beklopften die Wände ob sie nicht doppelt seien und durchforschten
+selbst den Ofen und den Wasserbehälter des Waschnapfes. Nachts um 12
+schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff.
+Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Säcke feuerfester
+Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch
+Wasserkraft gehoben und dann gestürzt, sodaß sich ihr Inhalt in den
+Schiffsraum ergießt. Das Schiff faßt im ganzen 120 Waggons Kohlen à
+10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (für die Dampfkessel).
+
+
+5. Ausflug ins Schottische Hochland
+
+So häßlich Grangemouth an sich ist, so verlockend grüßen aus der Ferne
+die blauen Berge des Hochlands herüber.
+
+Dienstag früh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr
+wieder zurück. Es giebt eine große Menge feststehender Rundreisekarten
+durchs Hochland; wir wählten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake
+berühmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schönsten
+gehört, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches
+Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt,
+kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schönste Wetter für
+den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Während der
+zweistündigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdüsterte
+sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich
+aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt für die aus Edinburg und
+dem Osten überhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mächtige
+Omnibusse, in deren Innern das Gepäck untergebracht wurde. Auf dem
+Verdeck waren 5 Bänke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich,
+auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren
+luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunächst das Fee
+(Trinkgeld) für den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas überrascht,
+blieb uns doch nichts übrig, als diese Kontribution zu zahlen, von der
+der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser
+selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke,
+blau-gelbgestreifter weißer Weste und grün-blau karrierter Hose, Schwang
+sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwärts
+trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Für
+die Einwohner Callanders muß der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fuß
+über der Landstraße 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich saß
+neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; außerdem
+befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dänen auf dem
+Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der
+eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir
+unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht
+hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die
+Landschaft befriedigte mich anfangs nur mäßig; der langhingestreckte
+Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch
+Länge als Schönheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben
+Ledi (Götterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel
+gehüllt; Wälder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man
+nach den prächtigen Waldszenerien, wie sie Thüringen; und der Harz
+bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so
+gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektüre
+des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es
+beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen
+Roderick Dhu und dem Könige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das
+Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich
+versammelten und vor dem erschreckten König plötzlich aus der Erde
+herauswuchsen; wir passierten die berühmte Bridge of Turk (Eberbrücke)
+und fuhren an dem hübschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die
+Eröffnungsszene des Gedichtes spielt: "The western waves of ebbing day"
+u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpaß Trosachs, der dicht bewaldet
+ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil
+erbaute "Hotel Trosachs", von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des
+Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehört
+zu regnen, und wenn düstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den
+notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehören, so
+hätten wir es nicht besser treffen können. Wir kletterten von unseren
+Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also
+vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen
+herunter tröpfelten, daß wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein
+winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne
+hätte man bei der Kälte etwas Warmes gehabt, doch mußten wir uns mit
+einem Whisky begnügen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen
+verzogen sich in die Kajüte. Wir gehörten zu den ersteren; ich hätte es
+mir nie verzeihen können, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor
+allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen
+nicht so lange wie möglich genossen hätte. Der See dient auch einem sehr
+prosaischen und nützlichen Zwecke: er versorgt die große Stadt Glasgow
+mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man
+freilich vergeblich bei den schottischen Seen.
+
+Nach etwa 1stündiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des
+langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hörte der Regen
+auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach
+abermaliger, etwa 1stündiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond näherten,
+brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde
+warm und merkte wieder, daß man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir
+überall auf den Wiesen und an den Bergabhängen Rinder mit mächtigen
+Hörnern, fast wie Büffel, und Schafe gesehen, die am Körper weiß, am
+Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und große krumme Hörner
+hatten. Sie nährten sich von dem dürftigen Grase, das die Felsen
+bekleidet.
+
+Im "Hotel Inversnaid" hatten wir ein Stündchen Aufenthalt, besichtigten
+den hübschen Wasserfall und frühstückten. Man ißt, was man will und so
+viel man will, und zahlt 3 Shilling.
+
+Um 2 Uhr fuhren wir mit einem großen, sehr elegant eingerichteten
+Dampfer über den Loch Lomond in seiner ganzen Länge von Norden nach
+Süden. Anfangs ist er flußartig schmal, später wird er breit und enthält
+viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer
+derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden
+sich noch mancherlei Sehenswürdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der
+Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte
+öfters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben
+Lomond empor, über 3000' hoch, wohl der höchste Berg der Gegend. Die
+Formen aller dieser Berge sind schroff und kühn und erinnern etwas an
+die Alpen, trotz ihrer geringen Höhe.
+
+Am Südende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr
+wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewöhnlich das
+regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhörlich Kohlen und Eisen an
+die Schiffe, die allen Nationen angehören. Heute dagegen ist es ganz
+still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Läden sind meist
+geschlossen, und viele Hunderte von Ausflüglern sahen wir trotz des
+etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergnügungsorten des
+Meerbusens fahren.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[6] Geschrieben 1893.
+
+
+
+
+VIII.
+
+Der Philosoph von Gravenstein.
+
+
+ Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
+ Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+ Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.
+
+Leonore im Tasso, I, 1.
+
+Ich kenne ein Herzogsschloß, das liegt gar einsam und abseits von den
+breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in
+einem klaren See spiegeln sich seine weißen Mauern. Schilf flüstert am
+Ufer, und glänzende Schwäne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise.
+Gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem
+Halbkreise die freundlichen Häuser eines Fleckens, der denselben Namen
+trägt wie das Schloß: _Gravenstein_, dänisch Graasteen. Wir befinden uns
+nämlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,
+
+ "--wo der dänische Pflüger den Deutschen,
+ Dieser den Dänen versteht--"
+
+wie Johann Heinrich Voß in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede
+zur Iliasübersetzung sagt. Die Ueberschriften über den Läden des Ortes
+lauten denn auch teils dänisch, teils deutsch, und man findet
+"bogbinder", "ikraedder" (Schneider), "Kobbersmed" (Kupferschmied) u.a.
+Vom Flecken aus gewährt das Schloß in seiner Waldumrahmung, besonders
+wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in
+magische Dämmerung taucht, einen überraschend malerischen Anblick,
+obgleich die Bauart höchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm
+und zwei gewaltige Seitenflügel, in deren einem eine nach dem Muster der
+Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in
+ihrer architektonischen Nüchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel
+des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.
+
+Der Schloßpark zeichnet sich durch prächtige alte Buchen aus und birgt
+wunderhübsche lauschige Plätzchen und schattige Gänge, auf denen hie und
+da Gras wächst, so daß man manchmal nicht weiß, ob man in einem Park
+oder einem Walde wandelt. Allmählich geht ersterer ganz in freien Wald
+und Feld über, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese,
+so kommt man unmerklich auf einen Hügel, auf dessen Kuppe ein von
+einzelnen hohen Bäumen geschützter Pavillon zur Rast und zur Umschau
+einladet. Herzogshügel heißt er offiziell, aber jedermann nennt ihn
+Herzenshügel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Füßen des
+Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schloß links, dem
+Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser!
+Das ist die Flensburger Föhrde (dänisch Fjord), ein etwa 30 km langer
+und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief
+einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren
+Südwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenförmig auf
+Hügeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergnügungsdampfer, die die
+Föhrde namentlich im Sommer beleben, würde uns in anderthalb Stunden in
+höchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem
+idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg führen. Allein wir ziehen
+es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu
+genießen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen
+langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Stätte auch
+geschichtliche Weihe verliehen hat.
+
+In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seeräubernest
+bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den
+Trümmern erstand (auf dem "Grauen Steine"). Nach mancherlei Schicksalen
+ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der
+Augustenburger über, deren Gründer Ernst Günther hieß (1609-1689).
+Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28.
+September 1765 _Friedrich Christian (der Jüngere)_ geboren, als Sohn
+Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine,
+einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Plön. In seinem fünften
+Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der
+Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner
+Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Früh wurde der Sinn des Knaben
+auf Schönes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte
+man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen
+Gründen auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dänemark, die
+damals sieben Jahre zählte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen,
+die bei einem etwaigen Aussterben des dänischen Mannesstamms leicht
+eintreten konnten, und Staatsmänner wie Bernstorff und der ältere
+Schimmelmann beförderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst
+nichts wußten. Die Möglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch
+nicht ein.--
+
+Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und
+Augustenburg in ländlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf
+die Wissenschaften. Alle Gymnasialfächer betrieb er eifrigst, und mit
+vorzüglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die
+Universität Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und
+seine beiden jüngeren Brüder. Damals herrschte in Leipzig wie fast
+überall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst
+Platner in anregender, gefälliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog
+denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der
+Pädagoge Weisse, dem er seine späteren Neigungen für das Erziehungswesen
+verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und
+Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.
+
+Nach anderthalbjährigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze
+Besuche an den Höfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte
+der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schloß am Meer zurück und setzte
+den Winter durch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften fort. Im
+nächsten Jahre reiste er nach der dänischen Hauptstadt, um die Braut,
+die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wußte, kennen zu
+lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die
+Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich
+gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des
+lebenslustigen, heiteren, schönen Mädchens bedeutend auseinander. Dem
+fortgesetzten Einflusse des geistig überlegenen Mannes, zu dem sie
+anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr
+seinen Gesichtskreis zu erschließen, sie für seine Ideen zu bilden. Und
+als sie ein Jahr später (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde
+reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.
+
+Das neuvermählte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem
+jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im
+Staatsrate übertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um
+das höhere Schul- und Universitätswesen umzugestalten, erhielt er den
+Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und
+Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Fürsten seltenen Sachkennntnis
+der wichtigen Sache. Die berühmtesten Gelehrten Dänemarks lernte er bei
+dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der
+wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Ländchens. Seine
+Ansichten über die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in
+der dänischen Minerva von 1795 veröffentlicht wurde, der mir aber leider
+nicht zugänglich geworden ist. Nach Einführung des Lehrplans an einer
+Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden häufig
+bei. Als im Jahre 1805 eine vollständige Regierungs-Abteilung für das
+höhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben
+und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel
+nicht führte.
+
+Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber für alles Schöne
+begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen unterstützt, zu seiner
+Ausbildung größere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich
+gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner
+Rückkehr nach Dänemark den Werken des Dichters überall Eingang zu
+verschaffen. Die dänische Literatur stand damals in engster Beziehung
+zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden
+literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dänischen Publikum
+lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der
+viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte.
+Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jüngere, lernten
+Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher plötzlich die Kunde
+von dem Tode des verehrten Mannes nach Dänemark drang, vereinigten sich
+die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebäk, einem Fischerdorfe
+am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch
+heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, überarbeitet, schwer krank. Da
+beschlossen die beiden begüterten Freunde, ihn auf einige Jahre--aus den
+ursprünglich beabsichtigten drei wurden fünf--der drückendsten Not zu
+entreißen durch ein jährliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine für
+jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb
+einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit
+unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthält
+und begründet. "Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander
+verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!" Sie bitten ihn
+in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu
+Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an,
+lassen ihm jedoch völlige Freiheit, seine Muße zu genießen, wo er will.
+
+Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er
+später die "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" an den
+Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden.
+Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer
+Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen
+erschien und später Ausnahme in die "Sämtlichen Werke" fand. Der
+Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford
+herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die
+vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der
+materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man
+denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten,
+weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch
+an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.
+
+Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
+Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
+Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
+seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches
+Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!
+
+Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29
+jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab
+verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen
+Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum
+Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit
+von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die
+allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der
+Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des
+deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark
+einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies
+vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs--der 1808 den
+dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren
+seinen geistesschwachen Vater vertreten--gegen den Herzog nahm zu, als
+die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine
+Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder
+Friedrich Christians. Als dieser plötzlich--ob an Gift, weiß man
+nicht--1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog,
+dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den
+dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls
+Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte.
+Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag
+bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer
+Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen
+der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten;
+endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe.
+Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun
+aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen
+Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark
+losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark
+aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche
+beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.
+
+Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König
+wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen
+förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu
+"schützen". Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen
+Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf
+Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder
+beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian
+August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem
+Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt
+geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin
+des Königs Christian VIII. von Dänemark.
+
+In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine
+staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die
+Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen
+Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der
+dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die
+Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der
+Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb
+Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne
+"die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit
+männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre
+und Pflicht zu beobachten". Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das
+in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner
+bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und
+umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.
+
+
+
+
+IX.
+
+Marsberg.
+
+Auch eine Sommerfrische.
+
+
+Wir wollten in die Sommerfrische--so viel stand fest. Hierin waren meine
+Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir _mußten!_ Alle
+unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische--eine Familie nach
+Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach Eschwege. Wenn
+wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, als "hätten
+wirs nicht dazu!" Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die
+Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen,
+namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem
+Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir
+wollten in die Sommerfrische.
+
+Ich ging hin und kaufte mir "Tinten und Feder und Papier". _Eine_ Feder,
+aber _zwölf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere
+Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich
+doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden,
+bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl
+selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch--den ich selbst
+besaß--und Bädekers Rheinlande--den mir ein befreundeter, edeldenkender
+Buchhändler auf einen Tag lieh--freilich unter der Bedingung, ihn sofort
+zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden sollte, denn es war nur
+dieses eine Exemplar auf Lager--also ich nahm den kleinen, grünen
+Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und studierte und studierte. Ich
+habe schon viel studiert in meinem Leben, z.B. auf der Universität, aber
+so hat nur weder im metaphysischen Kolleg beim alten Strümpell in
+Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei Eucken in Jena der Kopf
+gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so harmlosen Bücher. Denn
+da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine immer einladender als
+die andere. Preisend mit viel schönen Reden registrierten die Verfasser
+alles, was nur irgend Anspruch auf diese ehrenvolle Bezeichnung erheben
+konnte, von Godesberg am Rhein und Manderscheid in der Eifel bis
+Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. Rheinland und Westfalen sollte und
+mußte es sein, lieber noch letzteres, denn mein Grundsatz ist derselbe
+wie der des alten Geheimrat Goethe:
+
+ Willst du immer weiter schweifen?
+ Sieh, das Gute liegt so nah!
+
+Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein
+Gasthaus mit dem lieblichen Namen "Waldesfrieden", und da las ich
+Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von
+Offenbach: "Die Großherzogin von Gerolstein." Dies Großherzogtum hätte
+ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer
+mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag
+noch nicht im Walde gewohnt hatte.
+
+Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl
+der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit
+einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die
+Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig
+harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten.
+Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben
+mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es
+auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht.
+Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter.
+Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger
+entgegen--bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um
+neun Uhr vormittags--und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er
+nichts hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste
+Frage: Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine
+Karte. Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für
+die nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch
+verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht
+einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des
+Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die
+übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im
+Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die--mir bebt die
+Feder vor edlem Zorn--überhaupt nicht antworteten!
+
+Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend
+erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich
+Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im
+Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist
+kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich
+gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen,
+unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach
+diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich
+aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen
+und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen;
+überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache,
+wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten
+Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach.
+Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber
+dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei
+unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit
+auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf
+den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also
+ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine
+Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von
+der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz
+entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte
+nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine
+Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte
+es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein
+überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität
+lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im
+östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise
+angetreten werden.
+
+Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf
+folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine
+Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5
+stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die
+wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe
+Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des
+Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als
+Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In
+Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf
+unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche
+Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen
+Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar
+empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen
+wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch
+Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in
+Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die
+Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
+
+Auf dem Wege zum "Westfälischen Hof" kamen wir an einem Trümmerhaufen
+vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel,
+abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte:
+Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und
+bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu
+entziffernden Inschrift:
+
+ DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN
+ GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.
+
+Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
+Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
+
+Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen
+hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen
+den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben
+zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein
+Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen
+man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat
+Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
+
+Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine
+Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des
+wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung,
+genannt der "Diemelbote", der aber nicht _einmal_ täglich erscheint, wie
+gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat
+Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen
+Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die
+geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.
+
+Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist,
+sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du,
+lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter
+gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß
+hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre
+berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß
+dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier
+zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die
+Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren,
+nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles
+dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich
+habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht
+und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß
+hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er
+ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser
+mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine
+alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig
+gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher--es wäre ein
+Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller heißt er
+und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein Freund
+Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt--in dessen Schaufenster hängen also
+nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei dem andern.
+Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, wie ich
+während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, wenn ich
+vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen "Uhrkenmaker" seinen
+Meister gefunden.[7]
+
+Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen
+Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen
+Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt.
+Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen,
+vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide
+Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von
+der Passion Christi führt hinauf.
+
+Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir
+bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen
+keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler
+und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum
+"Westfälischen Hof" hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und
+da haben wir manchen guten Braten gehabt.
+
+Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach
+Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als
+ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist
+mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man
+kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze
+zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen
+sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller
+Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen
+lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche
+Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die
+Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen
+aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die
+sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von
+dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer
+trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal
+mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.
+
+Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von
+dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand
+anders, bewunderten den "Roland", der aber nicht so riesenhaft wie der
+in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten
+schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch "Freßburg" genannt,
+ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie
+mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus
+denselben Bestandteilen hergestellt ist.
+
+_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist
+wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen
+jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei,
+welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich
+Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz
+eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es
+giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die
+noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen
+Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den
+Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte
+Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein
+Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den
+Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der
+jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen
+unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser
+Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt,
+aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein,
+der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da
+liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei.
+Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher
+denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben
+eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und
+gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!
+
+Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von
+Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag
+nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer
+Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke
+hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte,
+was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche
+Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite
+Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den
+Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist
+nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.
+
+Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich
+von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein
+Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der
+Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von
+Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen,
+insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte
+Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren
+Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen
+verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere
+Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch
+Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das
+herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die
+Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von
+Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in
+Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten
+Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich
+aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte
+also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise
+plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von
+Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon
+gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten;
+ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim
+angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr
+heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar
+Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten,
+ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf
+eine Thür, an der "Komptoir" stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug
+meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser
+lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten
+Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte
+zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte.
+Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten.
+Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der
+Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog
+zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß
+ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch
+ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte
+ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal
+so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte
+mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und
+erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich
+fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter)
+den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte
+den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder
+herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das
+gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren
+Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken
+(wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener
+Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart!
+Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu
+streichen.
+
+Um auch einmal ins "Ausland" zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach
+dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen,
+wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer
+Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen,
+Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und
+Akazien besetzt war--wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der
+sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch
+ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein
+einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das
+Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt)
+auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine
+Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht
+gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das
+verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund,
+keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein
+Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du
+schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem
+Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es
+beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von
+dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so
+heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung!--Ich wandere weiter und
+gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein
+Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen
+Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern
+leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will.
+Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die
+Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß----Nun laß sich
+die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren
+Tannen und Eichen--und du bist in das romantische Land versetzt, von dem
+die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, führen
+hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das Grün?
+Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen des
+Mausoleums die Worte: "In diesen Hafen sammeln wir uns aus den Stürmen
+des Lebens." Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor etwa
+hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die Gitter
+und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; an den
+beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die äußersten
+Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank und träume.
+Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier im
+fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher eine
+Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten
+darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen,
+die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend
+verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die
+breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig
+geschmückten Gewändern zum Ballsaal----Da höre ich in der Ferne das
+Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den
+Zuruf eines Ackerknechtes--das ist die Prosa des modernen Lebens, die
+nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll;
+wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den
+tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein
+Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus,
+voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung----
+
+FUSSNOTEN:
+
+[7] Später verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das
+Kunststück gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den
+Künstler nicht bloßzustellen.
+
+
+
+
+X.
+
+Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8]
+
+
+Frühling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach
+dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch
+das Südsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und
+Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und
+Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich
+mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich
+vom Mississippi nach Westen; verschiedene Gründe ließen mich meinen
+Entschluß ändern, von denen ich hier nur einen erwähnen will: die
+Beschränktheit der Zeit; Ende September 1883 mußte ich mich zum
+Militärdienste stellen.
+
+Donnerstag, 26. April 1883, früh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und
+Sonnabend, 5. Mai, früh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen
+und 9 Nächten ununterbrochener Fahrt. Schnellzüge fahren diese Strecke
+fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten-
+(d.h. Bummel-) Zug, aber dafür auch um 1/3 billiger; ich gab ungefähr
+250 Mark für das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen
+will, thut wohl, den Emigrantenzug zu wählen, trotz mancher
+Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stündiger Fahrt durch
+die hügeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison
+an, einer größeren Stadt, dem Anfangspunkte der "Atchison-Topeka-Santa
+Fe-Eisenbahn", mit welcher ich die nächsten Tage zu fahren hatte;
+zuletzt gings eine Weile dicht am Missourifluß entlang, dessen Wasser
+schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trübt. In Atchison
+war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer
+Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut hätte.
+Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf
+Schnellzügen; doch da ich mit Emigrantenzügen noch nicht näher bekannt
+war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem
+Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein
+Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, daß dies der Schnellzug sei
+und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine
+Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an
+emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch).
+Auf der nächsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in
+tiefster Dunkelheit--es mochte Mitternacht sein--vor einem Holzschuppen,
+aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof erkannte. Ein
+junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, Postbeamter,
+Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte nichts von einer
+Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den ich um Nachtlager
+bat, wies freundlich aber schläfrig auf die Diele, während er sich auf
+eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb nichts übrig, als
+seinem Beispiel zu folgen, und, müde wie ich war, schlief ich, in meinen
+Ueberzieher gewickelt, ganz erträglich. Am andern Tage ziemlich früh kam
+ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt sagte, nicht der meinige
+sei: der käme erst später. Ich ging aber doch heran, fragte und hatte
+grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! Nun ging es quer durch
+Kansas, einen der größten, aber auch langweiligsten Staaten. Alles
+Prairie mit Herden; ab und zu eine Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein
+Baum, kein Strauch, wenig Wasser; nur als Weiden zu brauchen. Das
+"sonnige Kansas" nennen sie es, und außer der Sonne, die manchmal arg
+brennt, ist hier nichts zu haben.
+
+Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die tötlichste
+Langeweile ausgestanden, glücklich hinter uns, und fanden uns am Morgen
+in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte
+Süd-Colorados, am Fuße der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier
+bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn
+Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.
+
+Nicht eben erfreulich berührte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden
+Inhalts: "Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, sodaß der
+Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung für Nachweisung der Thäter."--Es
+konnten sowohl Indianer als auch Weiße gewesen sein; letztere, meist
+verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den
+Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben,
+gelten für raffinierter. Sie überfallen Züge, ermorden die Reisenden und
+nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der
+schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. Öde und
+rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und
+Nadelholz, Geröll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel
+wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwärts in der Ferne die in Schnee
+getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glänzen in der Morgensonne.
+Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen
+brachten Mädchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr
+kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Daß
+es an "Lagerbier" auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.
+
+Wir haben die Grenze von Neu-Mexico überschritten und befinden
+uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem
+anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und
+Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene
+hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkränzt, die
+Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshöhe bis zu 40' und 50'
+wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde,
+nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens
+richten--ich sehe jetzt erst, daß ich der einzige Waffenlose bin. Es ist
+angenehm warm, aber erträglich, obgleich wir viel südlicher als Neapel
+sind; das bewirkt die Höhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage strengte
+das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die
+Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem
+Italiener; es ist ähnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt
+dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da
+ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn
+nicht länger aushält; er will sein Glück in Californien suchen, und wenn
+er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner
+ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der
+weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort
+viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport
+getrieben, und nun in S. José nicht weit von San Francisco eine
+großartige Geflügelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel
+einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in
+Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden:
+Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verständigen kann und froh
+ist, daß ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den
+Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise
+nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca.
+6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher
+nur einige Zahlen und die Münzennamen kannte, wofür er nur
+bereitwilligst seinen glücklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da
+mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus
+dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verließen, um in die
+Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefühl, nach einer
+14tägigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein
+Gefühl, wie es außerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen möglich
+ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden können die Familien sich
+Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bänke durch eine
+einfache Vorrichtung in Lagerstätten (Betten kann man nicht sagen)
+verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem
+Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, während
+der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt täglich;
+daß alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum
+zu erwähnen.
+
+So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heißen drei
+Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch),
+Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische,
+französische, holländische, mexicanische und indianische Namen.
+
+In Las Vegas--wo übrigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts
+dachte--benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine
+aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils
+indianisch und englisch, sehr hübsch gelegen; nicht weit davon das alte
+Santa Fe.
+
+Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)hütten, von Indianern und
+Silbergräbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren
+auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hängt
+ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhüllt
+ein wenig den Körper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals.
+Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein
+kleines Thongefäß, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers
+kein glänzendes Zeugnis ablegt. Eine Verständigung ist kaum möglich, da
+die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch
+radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drückt ihnen
+dafür ein beliebiges Geldstück in die Hand.
+
+Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt überall
+herumlaufen.--Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter
+zu bewundern. Wohl fünf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem
+Zuge her; wir drängten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertönten
+dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rühren schien, denn er
+wandte nicht einmal den Kopf nach uns.
+
+Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Süden; der Fluß
+verdient hier das Beiwort "groß" noch nicht. Das Land rings herum muß
+künstlich bewässert werden.
+
+In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir
+stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Südliche Pacific-Bahn
+benutzend. Die beiden Yankees verließen uns, um mit der Post nach den
+Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld,
+der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft.
+Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot,
+Obst und Californierwein. Viele Kleinhändler sind Deutsche, ebenso sehr
+viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die
+zur Sierra Madre gehörige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei
+Schwestern) hervor.
+
+Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare
+Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der
+Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen,
+Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem
+schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der
+Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Güterwagen
+umher, in dem frohen Gefühl, dem goldenen Staat immer näher zu kommen.
+Mittwoch früh in Yuma, am unteren Coloradofluß gelegen, wo, in Stadt und
+Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind
+fast nackt und zum Teil tätowiert; eine Photographie einer Squaw nahm
+ich zum Andenken mit. Wir überfuhren den Colorado und waren in
+Californien, dessen südlicher Teil, meist wüst und leer, unsere Stimmung
+zunächst etwas herabdrückte; den schönsten Gegensatz dazu bildet die
+Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden
+Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein
+und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34°
+gelegen, die Heilstätte für die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden
+fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die
+Bernardino-Berge, Sonnabend früh sahen wir den Golf von San Francisco
+und fuhren mit dem Dampfer bei strömendem Regen hinüber nach der Stadt
+des ewigen Frühlings.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[8] Vgl. die Anmerkung [2]
+
+
+
+
+XI.
+
+Bordesholm.
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+Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt
+das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist
+nichts davon zu sehen; ein halbstündiger Spaziergang führt uns hin. Der
+glänzende Spiegel eines waldumkränzten Sees taucht auf vor unserem
+Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Häuser herum,
+auf dem höchsten Punkte der hügeligen Gegend erhebt sich die Kirche.
+Gärten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut
+sind. Eigenartige Gebäude neben Bauernhäusern stehen zu beiden Seiten
+der Dorfstraße, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck
+macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500
+Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer
+Oberförsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Gräfin Reventlow aus dem
+altberühmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.
+
+Das, was uns eigentlich hergeführt hat--_die Klosterkirche_--haben wir
+unter Führung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht.
+Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit
+auf sich, von einer Größe und einer Regelmäßigkeit, wie sie selten zum
+zweiten Mal in Deutschland zu finden sein dürfte. Die Aeste sind mit
+eisernen Stäben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last
+nicht zu tragen vermöchten, sondern zusammenbrechen würden. Das Alter
+des Riesenbaumes schätzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine
+Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt;
+allein die ganze Studentenschaft würde doch nicht hinreichen, den Platz
+unter demselben auszufüllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender
+Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrührt:
+
+ "Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,
+ Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.
+ Größeres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands
+ Wiedergeburt zum Reich. Künde den Enkeln das Wort!"
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+März 24. 1873.
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+Wenige Schritte davon ragt die altehrwürdige Klosterkirche der
+Augustiner empor. Außen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter,
+epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier
+im Norden üblich. Statt eines Turmes überragt nur ein Dachreiter das
+Gebäude.
+
+Ursprünglich war das Augustinerkloster zu Neumünster--Niegenmünster, wie
+eine lateinische Inschrift besagt--gegründet. Allein dort an der
+Heerstraße, die den jütischen Norden mit Hamburg und Lübeck verbindet,
+den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die
+abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name
+hindeutet. Denn Bordesholm lag früher im See und wurde allmählich durch
+starke Dämme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das
+übrigens die mönchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern
+vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine
+Gelehrtenschule verbunden. In den Stürmen des 30jährigen Krieges löste
+sie sich auf und erstand später wieder als Universität in Kiel;
+wenigstens wurden die Einkünfte des Gymnasiums zur Gründung derselben
+verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in den
+80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen "Alma
+mater" reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof
+(ohne den Ort selbst zu berühren) eine jene alte Verbindung berührende
+Ansprache entgegen.
+
+Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt,
+einen höchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Stühle
+und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trägt
+keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brüggemann'sche Altarbild, eine
+Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu
+Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige
+daranstoßende Kapellen; Gräber von Angehörigen des weitverzweigten
+Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das
+auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zählt.
+
+Ein weißer Marmorsarkophag, den vier Löwen bewachen, birgt die Gebeine
+Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des
+russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es
+einer kurzen geschichtlichen Erörterung für diejenigen Leser, denen die
+schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht geläufig ist.
+
+Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Könige von Dänemark (aus dem
+Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Könige, sondern
+von den Landständen freiwillig zu Herzögen erwählt. In der dritten
+Generation teilten zwei Brüder (Christian und Adolf) die Herrschaft in
+den Herzogtümern, von denen der erstere zugleich König und Herzog, der
+letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie führte den Namen
+_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der
+Herzöge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ gründeten jeder ein besonderes
+Haus: _Friedrich_ das ältere (russische), Christian August, Bischof von
+Lübeck, das jüngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von
+Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei
+Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter
+Peters des Großen von Rußland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum
+Großfürsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt.
+1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein
+wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwörung, an deren
+Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn,
+der Kaiser Paul I., fiel durch Mörderhand (1801). Dessen Ururenkel ist
+der jetzige Kaiser Nikolaus II.
+
+In einer andern Kapelle ruht in einem mächtigen, grauen Marmorsarkophage
+Georg Ludwig, der Stifter der großherzoglich-oldenburgischen Linie. Er
+ist ein Sohn jenes oben erwähnten Gründers der _jüngeren_
+gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829
+großherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf
+Friedrich, wurde zum König von Schweden erwählt, seine Nachkommen saßen
+bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron,
+Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und später der französische
+General Bernadotte zum Könige gewählt. Außer diesen beiden wichtigsten
+Denkmälern erwähnen wir noch das des Königs Friedrich I. ([Symbol:
+gestorben] 1533) und seiner Gemahlin Anna. Die Messingsärge mit den
+lebensgroßen Figuren des Paares sollen ein Nürnberger Werk sein,
+vielleicht von Peter Bischer. Zu den Füßen der Dame schmiegt sich ein
+Hündchen.--Wer suchte wohl in diesem abgeschiedenen, weltfremden
+Dörfchen Holsteins den Ahnen des Herrschers des ungeheuren Zarenreiches!
+Schon diese eine Sehenswürdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms
+reichlich, und doch wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht
+aufgesucht, ja, ist den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt.
+Treten wir aus der hohen, dämmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns
+gegenüber den eigentlichen Klostergebäuden, die jetzt als Wohnungen und
+Amtsstuben des Landrats und des Oberförsters dienen. Ueber der Thür
+befindet sich eine Inschrift folgenden Inhalts:
+
+"In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog
+Friedrich I. und König Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich
+und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den
+Befehl zum Einmarsch in Schleswig."
+
+Steigen wir zum Schluß auf den kleinen Glockenturm, so übersehen wir
+noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische
+Personen in sich gesehen hat und Zeuge so großer Ereignisse gewesen ist.
+Ein reiches Mönchskloster des Mittelalters, die Grabstätte mächtiger
+Fürstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlösung des
+meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer
+Vorzeit Gericht gehalten wurde--alles das vereinigt das kleine
+Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben,
+die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters
+gemahnt:
+
+"States fall, arts fade, but Nature does not die."
+
+FUSSNOTEN:
+
+[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.
+
+[10] König von Dänemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des
+berüchtigten Stockholmer Blutbades.
+
+
+
+
+XII.
+
+Auf Seeland.
+
+
+I.
+
+Zu König Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sängerin, die ihn
+durch ihre Lieder entzückte. Der König--so meldet die Sage von der
+Entstehung der Insel Seeland--verlieh ihr zum Lohne für ihren Gesang so
+viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflügen könnte. Wie
+erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das
+Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stück Land aus dem Boden herauspflügte
+und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen ließ, wo es als "Seeland" stehen
+blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von
+Seeland trennt, während an der Stelle, wo das Land weggepflügt war, ein
+großer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen
+seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seeländischen Küste erkennen.
+
+Wer möglichst schnell einen großen Teil der Hauptschönheiten der
+Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem
+eingerichteten Raddampfer, der in dreistündiger Fahrt von Kopenhagen gen
+Nord bis Helsingör und nach dem gegenüberliegenden schwedischen
+Helsingborg fährt. Er bleibt der seeländischen Küste immer so nahe, daß
+man sie deutlich und in aller Muße sehen kann, während die schwedische
+Küste rechts in blauer Ferne herüberschimmert.
+
+Durch den belebten Hafen hindurch schäumte unser Dampfer "Gylfe", vorbei
+an den Anlegeplätzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts
+blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den
+Mauern der Festung "Tre kroner" brachen sich die Wellen und spritzten
+weit hinauf. An der grünen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den
+breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler,
+vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der
+Marmorkirche und das große goldene Kreuz der Frauenkirche, das über dem
+Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.
+
+An der seeländischen Küste drängt sich Landhaus an Landhaus, Villa an
+Villa, bis nach dem berühmten Badeort _Klampenborg_, dessen Häuser in
+dem Waldesgrün in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist
+das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und
+den Vorteil hat, dem Treiben und Lärmen der Großstadt noch mehr entrückt
+zu sein. Ein Münchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen
+des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekränzten,
+villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen
+Seelands, nur daß hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.
+
+Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in
+Dänemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Engländern.
+Hauptsächlich ist Norddeutschland bis Thüringen hinauf vertreten; von
+den Mundarten hört man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie
+gewöhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an
+Einheimische zu halten. Sie sind meist höflich und geben gern Auskunft,
+natürlich in deutscher Sprache, welche die einigermaßen Gebildeten
+verstehen und manchmal sogar fließend sprechen. Die Frauen freilich
+weniger als die Männer; sie neigen mehr zum Französischen, das vor dem
+Deutschen und Englischen in den höheren Mädchenschulen betrieben wird.
+
+Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklärte uns, was wir
+wußten und nicht wußten. Wir passierten gerade die schwedische Insel
+Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde
+emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, daß da einst Tycho de
+Brahe ein schloßartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die
+Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die
+Frau war eine Kapitänsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen
+Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingör, zwischen Malmö und
+Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160
+Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und
+Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr
+Mann führe, erwiderte sie: "Er fährt auf dem größten 'Creaturschiff'
+zwischen Kopenhagen und England." Creatur heißt Vieh; an Viehwagen auf
+der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.
+
+Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorüber sind, wird die Küste einsamer;
+anstatt eleganter und bevölkerter Badeorte mit Hotels und Landhäusern
+sieht man einsame Fischerdörfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo
+man aber dieselbe große Natur hat, nur etwas billiger.
+
+Die dänische und schwedische Küste nähern sich einander immer mehr; bei
+Vedbäk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns
+Helsingör nähern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingör,
+taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Türmen und
+Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend
+bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in
+der That vorzüglich zum Sundwächter. Friedrich II. begann den Bau,
+Christian IV., der Gegner Tillys im 30jährigen Kriege, vollendete ihn.
+Von hier aus ließ die dänische Regierung von den durchfahrenden Schiffen
+den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen
+zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lästigen Abgabe mit
+einem Male entledigten.
+
+Nach 2-1/2stündiger Fahrt waren wir in Helsingör angekommen; wir sparten
+uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft für später auf
+und fuhren zunächst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinüber.
+Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt über die
+engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der
+Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten
+Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht
+geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen,
+weißen Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen.
+Mancher, der auf der ganzen Fahrt fröhlich und harmlos dreingeschaut
+hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den "Sundzoll",
+freilich nicht in klingender Münze. Der Blick, der sich in das weite
+Kattegat eröffnet, prägt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider
+nicht das Glück, daß das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit
+zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt großartig sein.
+Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes
+wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang
+auf den günstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit
+die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung.
+
+Zurück nach der Küste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhäuser für
+Deutschland, ist Kronborg für Dänemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und
+trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur
+alten Herrlichkeit zurückzuführen. Tief unten im Gewölbe der Meerburg
+schläft der Schutzgeist des dänischen Volkes, Holger Danske, der in
+Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschützt. Auf die
+Wiederherstellung der ehemaligen Größe und Macht Dänemarks warten die
+Dänen bis jetzt freilich vergebens.
+
+Hat man die Zugbrücken und Wälle hinter sich, mit denen das Schloß vom
+Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der
+Danebrog weht: eine weiße Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die
+Mündungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen
+sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der
+Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorüberschreitet. Bei
+Mondscheinbeleuchtung wäre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache
+war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und
+Schloß fiel, ließ keine Gespenster aufkommen.
+
+Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Führer zeigt das
+Zimmer, in welchem die Königin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians
+VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang
+gefangen saß, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen
+Dache des südwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von
+der Terrasse.
+
+Ein offener Einspänner führte uns am Meeresstrande hin nach dem 6
+Kilometer entfernten Seebade Hellebäk. Diese Tour gehört zu den
+lohnendsten, die man auf Seeland überhaupt machen kann. Zur Rechten hat
+man fortwährend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die
+gegenüberliegende schwedische Küste, auf welcher sich das reizende
+Lustschloß Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen
+Königspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des
+Reisenden wahrhaft überrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen
+schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfällt, von der
+schäumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmäßigen Formen, seinem
+Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an
+südliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen
+nicht.
+
+Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in
+Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten
+wir in Marienlyst dafür--sein Grab sehen! Für 65 Oere kann es jeder
+besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, daß hier und nirgend
+anders der unglückliche Dänenprinz ruht. Eine Säule bezeichnet die
+Stätte. Wir schüttelten den Staub von unseren Füßen und suchten
+schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der
+anwesenden Engländerinnen bemächtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges
+Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem
+angenehmen Seebade Marienlyst ("Marienlust") verlustig, hatten dafür
+aber um so mehr Zeit für das Fischerdorf Hellebäk. Ein gutes Hotel mit
+allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, daß auch hier die alte
+einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebäk, ein beliebter
+Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer
+Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dünen, Sand und starken
+Wellenschlag. Lange, mit weißen Schaumkronen bedeckte Wogen treiben
+ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen.
+Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhören, der immer
+derselbe und bei aller Eintönigkeit doch immer neu und süß dem Ohre ist,
+das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben
+und die Nordsee auch bei Mondschein zu genießen; denn von morgen ab--das
+wußten wir--würden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein
+setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere
+der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der
+seeländischen Buchenwälder gelegenen Königsschlösser, waren für heute
+unser Ziel. Da ich wußte, welche Fülle von Werken der Architektur,
+Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein würde,
+so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der ländlichen Natur
+zu stärken und zu erfrischen.
+
+Die Fahrt durch das nordöstliche Seeland von Hällebek bis Gurre gleicht
+einer Fahrt durch einen Park: hügelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen,
+Feld und Weideplätze, auf denen sich Kühe und Schafe und selbst Pferde
+tummeln; hier ein Häuschen, von mächtigen Buchen oder Fichten beschützt,
+mit einem Vorgärtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor
+spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze;
+dort ein Complex von Häusern, eine Art Dorf, aber überall zwischen den
+einzelnen Gebäuden noch Raum für Gärten, Feld und etwas Wald; denn der
+Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, für sich
+zu wohnen, wie Tacitus erzählt und wie man es in urgermanischen Ländern,
+Schleswig-Holstein, Westfalen, Dänemark noch jetzt als Regel beobachten
+kann.
+
+Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebäk, trafen
+wir ein größeres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee
+gelegen; jetzt ein stiller Ort. Früher lebte hier König Waldemar III.
+mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schloß, von
+welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber
+mitten im See gestanden haben. Der König liebte diese Gegend so, daß er
+öfters sagte: "Wenn Gott mir Gurre ewig gönnen wollte, so würde ich alle
+Ansprüche auf sein Himmelreich aufgeben." Volkssagen leben noch im Munde
+der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der König hatte geschworen,
+seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde
+kam zur Königin und prophezeite ihr, daß, wenn der König sich ihr in
+Liebe näherte, Schweden an Dänemark kommen solle. Da schlich sich
+Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher
+Margarete, die Große genannt, welche durch die kalmarische Union die
+Prophezeiung verwirklichte.--
+
+Um Mitternacht soll der König, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit
+Gefolge über Wälder und Seen jagen.
+
+Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis
+Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen
+Seiten ab und läßt keinen Ausweg erblicken. "Dicht über uns", so
+schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seeländischen Wald,
+"zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint.
+Man kann das kleine Geschöpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hört
+es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Häupten sich weiter
+bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hört man das
+zärtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und
+lauscht, so kann man tief drinnen in den Wäldern eine versteckte Quelle
+plätschern hören. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen
+träumenden See. Seine Fläche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit
+weißen Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende
+Blätterdach durchdringen. Die schlanken Stämme, die gekrümmten Zweige,
+das grüne Blättergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu
+trinken--alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und
+bezaubert durch seine unzerstörbare Ruhe."
+
+An einen solchen, aber weit größeren See kamen wir jetzt; der Wald hörte
+auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Fläche des
+Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glänzen die weißen
+Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie,
+wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo
+der Kaiser von Rußland, der König von Griechenland und andere Verwandte
+des Dänenkönigs oft und gern in stiller Zurückgezogenheit wohnen.
+
+Welchem Stile das 1720 nach dem dänisch-schwedischen Frieden gebaute
+Schloß angehört, wäre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches
+Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Das
+Schönste am Schloß ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist
+ursprünglich ein Stück eingehegten Waldes, mit mächtigen Buchen und
+Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen
+gehen strahlenförmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich
+der Park hinzieht, so daß man von dem Platze vor dem Schloß den See
+durchblitzen sieht. Eine Allee heißt "Sukkenes-Allee" (Seufzerweg); in
+einer anderen, "Normandsdalen" genannt, stehen 70 lebensgroße Figuren
+ohne eigentlich künstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als
+sie die Beschäftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der
+verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fär-Oer, also
+gewissermaßen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem
+Schlosse liegt der "Marmorgarten", in italienischem Stil, voller
+Marmorstatuen, den stärksten Gegensatz zu dem freien, nicht künstlich
+beengten Waldparke bildend.
+
+Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzählte uns der
+Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, daß Kaiser
+Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten
+Möbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten
+Nußbaummöbeln, enthaltend ein großes Gemälde aus Maria Theresias Zeit;
+ein türkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit
+weißlackierten, goldverzierten Möbeln, mit grüner Seide bezogen. Die
+übrigen Zimmer uns aufzuzählen erließen wir dem eifrigen Manne und
+benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen
+Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer
+wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende
+Wasserfläche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen
+brausend an das Ufer.
+
+Am nördlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist,
+früher ein Bernhardinerkloster, von welchem spärliche Trümmer
+ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom "Grib
+Skov" begrenzt; das soll der schönste Wald in ganz Dänemark sein;
+dorthin kamen wir aber nicht.
+
+
+II.
+
+Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles
+einfach, idyllisch, ländlich-gemütlich; hier alles prächtig, prunkend,
+architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurückgelegt
+hat, taucht plötzlich aus dem Walde eine majestätische Burg mit Thürmen
+und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten
+hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand früher das Schloß
+Hillerödsholm (Holm-Insel), welches König Friedrich II. umbauen ließ und
+nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik
+sagt, auf freiem Felde in der Nähe desselben, wurde Christian IV.
+geboren, der eine solche Vorliebe für seine Geburtsstätte faßte, daß er
+beschloß, an Stelle des einfachen Gebäudes ein prächtige Burg zu
+errichten. Seine Hofleute verspotteten den großartigen Plan und nannten
+ihn eine Kinderlaune, Christian führte ihn jedoch mit fremden
+Baumeistern aus (1620) und ließ, den Spöttern zur Strafe, am Portal
+Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf
+drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem
+Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschloß Friedrichs VII., der sich hier
+mit seiner dritten Gemahlin, der Gräfin Danner, häufig aufhielt. In der
+Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte daß Schloß nieder; man muß
+gestehen, über den dänischen Schlössern waltet ein Unstern! Fast alle
+Schätze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen
+berühmter Männer, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige
+Beiträge kam eine so große Summe zusammen, daß man alsbald den
+Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere
+ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Säle und Gemächer sind
+vollendet. Das größte Verdienst bei der Wiederherstellung von
+Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen
+erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jährlich fortlaufende,
+zur Verfügung stellte.
+
+Das Schloß ist nicht bewohnt, sondern dient als dänisches
+Nationalmuseum, als Ergänzung der kulturhistorischen und
+ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den
+beiden oberen Stockwerken sieht man Gemälde aus Dänemarks Geschichte,
+von verschiedenem künstlerischen Werte, aber historisch alle von
+Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemälde
+von Lorenz Fröhlich, die von uns im Anfange erwähnte Sage von dem
+Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft
+der holländischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von
+Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von
+1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und
+einer verschwenderischen Fülle von Gold und Farbenglanz; so besonders
+die Perle des Ganzen: der große Rittersaal, der alles Aehnliche
+überbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsäle und der
+Münchener Königsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfällige
+Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fühlen und wünschen, daß das
+von außen wie für die Ewigkeit gebaute Schloß auch im Innern
+entsprechend geschmückt wäre. Ueberladen! muß man immer wieder ausrufen;
+Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck für den Beschauer.
+"Bierbrauerkunst" nannte es ein feinfühlender Mann unwillig, obwohl
+etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die
+Schloßkirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt
+wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz,
+mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste
+in der Schloßkirche, die übrigens den Bewohnern von Hilleröd als
+allsonntägliche Andachtsstätte dient, ist sicherlich die Betkammer des
+Königs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von
+Professor Bloch geschmückt, die künstlerischen Wert haben. Sie stellen
+die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkündigung bis zur
+Auferstehung. Als vollendetes Gemälde gilt "Christus in Gethsemane",
+1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der für
+seine vielfachen Verdienste um die Förderung von Kunst und Wissenschaft
+bei der 400jährigen Jubelfeier der Universität Kopenhagen zum Doktor
+ernannt wurde.
+
+Der Küster, der uns herumführte, erklärte uns die vielen, in den
+Fensternischen hängenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des
+Elephantenordens und der Großkreuze des Danebrogordens. Unter den
+letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I.,
+Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn
+Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des höchsten dänischen
+Ehrenzeichens, sei, verneinte der Küster ironisch lächelnd, indem er
+hinzufügte, daß das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864
+erhalten.
+
+Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingör und andere
+Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_
+einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von
+ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze,
+bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen können:
+den alten, romanischen Dom mit den Königsgräbern. Wie zu Speyer die
+deutschen Kaiser, zu St. Denis die französischen Könige, so liegen zu
+Roskilde die dänischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf
+bezieht sich die Ode Klopstocks: "Rothschilds Gräber"; Rothschild ist
+Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst
+denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun,
+sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Königs (auch Hroar
+geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt.
+Eine Quelle der Gegend trägt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite
+Quelle heißt Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand
+lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weißem Sande und
+giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine
+Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.
+
+In der Nähe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die
+eigentliche Königsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die
+Wiege der heidnisch-dänischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen
+zwölf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge
+(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Könige; hier wurden
+Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzüge beschlossen; hier
+walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an
+kolossalen Grabhügeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Fluß, die Leire-Aa
+(Aa-Fluß), schlängelt sich durch die Buchenwälder von Leire, in welchen
+noch heute ein "Hellige Lund" (heiliger Hain) existiert, mit "Herthadal"
+und "Herthasee". Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die
+zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Kühen bespannten Wagen
+segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden
+die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.
+
+Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach
+Roskilde und damit beginnt die 500jährige Blütezeit des Ortes; Roskilde
+soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der
+Große, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft über den ganzen
+skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der
+Mittelpunkt der geistlichen Regierung.
+
+Im Jahre 1438 rief der dänische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann
+von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von
+den Schweden als König anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die
+Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich günstigere Lage
+Kopenhagens, direkt an der See, gegenüber Schweden, bewogen haben
+mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank
+schnell von seiner Höhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles
+Städtchen mit 5000-6000 Einwohnern.
+
+Die Lage ist anmutig: an der südlichsten Spitze einer tiefen
+Meereseinbuchtung, der Roskilder Föhrde, auf welcher
+Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.
+Herrlicher Buchenwald auf Anhöhen und im Thal und Wasser machen auch
+hier, wie überall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.
+
+Der alte lustige "Graver" (Küster) zeigte uns das Innere des mächtigen,
+in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein großes Mausoleum: 31
+Könige und Königinnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene
+haben ihre Stätte meist über der Erde, in teilweise prächtig
+ausgestatteten Kapellen; diese müssen sich mit einfachen, unterirdischen
+Kammern begnügen, wo die schmucklosen Särge stehen. An jedem Pfeiler ist
+eine Königsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn ([Symbol:
+gestorben] 985) am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die späteren
+Könige haben ihre Denkmäler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter
+dem Altar steht der Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei
+nordischen Reiche beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die
+Marmorstatue der Königin, ähnlich den Denkmälern Luisens und Friedrich
+Wilhelms III. in Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und
+Christian III. Die schönste Kapelle ist die Christians IV. mit dem
+Standbilde des Königs von Thorwaldsen und Frescogemälden von Marstrand.
+Die letztverstorbenen Glieder des Königshauses, Friedrich VII. und
+Caroline Amalie, geborene Prinzessin von Augustenburg, sind in der
+Kapelle Friedrichs V. beigesetzt.
+
+Es ist für den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und
+Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwährend
+wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigeführt, daß
+sie regelmäßig abwechseln, so daß auf einen Christian ein Friedrich
+folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen
+Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Städten
+und Schlössern sind so häufig mit diesen Namen zusammengesetzt, daß
+Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und
+Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und
+Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia,
+und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad,
+Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmäler in Kopenhagen,
+die meist Königen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer
+auseinander zu halten.
+
+Als der Küster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hörte, daß wir
+aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dänemark
+Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet
+die armen Flensburger als Märtyrer der guten dänischen Sache, die unter
+der preußischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht
+zu, allein der Küster ließ uns keine Zeit, ihn darüber aufzuklären,
+sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann
+wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen
+Kranz mit rotweißer Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine
+Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren
+sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als
+unterdrückte Landsleute, und die Bande zwischen den dänisch denkenden
+und fühlenden Nordschleswigern und Dänemark waren dadurch wieder fester
+geworden. Uebrigens sind die dänisch Gesinnten gerade in der Stadt
+Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der
+Bevölkerung bedauert die Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche.
+
+Nachdem wir die Grabkapellen zum größten Teile besichtigt hatten, ließen
+wir noch einmal das majestätische Domgewölbe und den herrlichen Chor auf
+uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen
+Gewölbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine höhe von 12-1/2
+Meter. Die Länge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die
+beiden Westtürme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des
+Chores 60 Meter. In dem nördlichen Turm der Façade befindet sich die
+große Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mißt.
+
+Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber
+Saxo Grammaticus ([Symbol: gestorben] 1207), der die alten Sagen vom
+dänischen Tell aufgezeichnet hat.
+
+An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des
+1363 gestorbenen 19jährigen Sohnes des Königs Waldemar, des Bruders der
+berühmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten.
+In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischöfe zu sehen,
+darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke
+(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist.
+Bemerkenswert ist noch das künstliche Uhrwerk, welches aus dem 15.
+Jahrhundert stammt, das einzige in Dänemark, sowie die spätgothischen
+Chorstühle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten
+und Neuen Testament darstellt.
+
+Fährt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man
+nach dem Schlosse Jägerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit König
+Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Gräfin Danner, einer ehemaligen
+Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen
+ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem
+ehrwürdigen Königsdom zu Roskilde beigesetzt werden.
+
+
+
+
+XIII.
+
+Friedrichsruh[11]
+
+
+Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu
+fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu
+Fuß nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den
+Vorteil, ein gutes Stück des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen
+Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten
+Fußpfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende
+Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mächtige Farrenkräuter,
+hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bäumen sind Nistkästen für Vögel
+angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bächlein, die Aue, murmelt unten
+und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den
+Baumstämmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken
+ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den
+sogenannten "Mummeln".
+
+Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht
+aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes
+Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _"Verboten!"_, welches
+hier, in des Fürsten eigenstem Spaziergebiet, öfters wiederkehrt.
+
+Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen
+einer Lichtung hoher, dunkler Bäume ein helles Gebäude: das Schloß. In
+welchem Stil es erbaut ist, wäre schwer zu sagen; es ist ein einfaches
+Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da
+Häuschen, in welchen Beamte des Fürsten wohnen; auch einige Pensionen
+für Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich
+ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb
+parkartigen Charakter trägt. Nur nach der Eisenbahn- und
+Landstraßenseite zu sind Schloß und engerer Park mit einer hohen, roten
+Mauer umgeben, die Staub, Lärm und allzu neugierige Augen abhalten soll.
+Die Bemerkung in Griebens Reiseführer durch Hamburg und Umgebung, daß
+"die Wohnung des Fürsten unzugänglich" sei (S. 130), ist dahin zu
+berichtigen, daß sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks
+beschränkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst
+wäre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glücklicherweise
+nicht, denn sobald wir den Schloßverwalter, wenn auch nicht mühelos,
+aufgetrieben hatten--obgleich er sich meist im Schloß aufhält, hat er
+seine Wohnung nicht dort--begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen
+Räume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im
+ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer,
+für den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei
+seinem vorjährigen Besuche hier.
+
+Die Führung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns
+überall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft
+war, erklärte der Verwalter, ein früherer Schuhmacher, der seit einer
+langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht.
+
+Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den
+_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das
+Geschenk eines Tischlers. Von den Sprüchen, die denselben zieren, führe
+ich folgenden an:
+
+ Wenn einer kam und Ränke spann,
+ Dann setztest du den Hobel an,
+ Dann flogen auch die Spähne gleich;
+ Gott schütz' den Kaiser und das Reich!
+
+In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch:
+
+ Das Wegekraut sollt stehen lan;
+ Hüt dich, Jung', sind Nesseln dran!
+
+Ein mächtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Göttinger
+Universität zum Ministerjubiläum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen
+äußerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrauß und andere derartige
+Erinnerungen ziehen das Auge auf sich.
+
+Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Porträt, 1877 vom Engländer Heily
+gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein
+Modell des Niederwalddenkmals, gegenüber ein Löwe in Bronze, von
+Braunschweiger Bürgern zum Gedächtnisse Heinrichs des Löwen gewidmet;
+ein großer, schön geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von
+Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885.
+
+Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und
+Büffelhörnern geschmückt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus
+Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Büffelkopf, ein
+Elengeweih aus Ostpreußen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das
+Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet.
+
+Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schließt sich
+an. Einige Landschaften hängen an der Wand: Chiemsee, Königssee,
+Wildbadgastein, ein Seestück; aber herrlicher als die Gemälde im Saal
+ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine
+smaragdgrüne Wiese, von der sich schlängelnden Aue durchströmt,
+eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein überaus
+liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt!
+
+Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmückt,
+400 Jahre zurückreichend. Charakteristisch der Urgroßvater des Fürsten,
+ein Jägersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon
+Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwähnt eine blaue Vase, kurz
+vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der
+Vorderseite trägt sie das Bild des Kaisers, auf der Rückseite das
+kaiserliche Palais in Berlin mit dem berühmten Eckfenster. Hier wie im
+nächsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft,
+der andre vom Sultan herrührend. Im zweiten Salon Bismarck als junger
+Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so
+groß ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstück: der Kampf bei
+Mars-la-Tour, mit den beiden Söhnen des Fürsten mitten im Gefecht. Ueber
+dem Klaviere Friedrich der Große, daneben friedlich Maria Theresia und
+Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers,
+bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet.
+
+Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das
+_Boudoir der Fürsten_. Die Wände sind zwar ebenfalls, wie überall, in
+Grau gehalten, die Decke in Weiß; allein ein traulicherer, anheimelnder
+Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die
+eine Wand, während an den übrigen besonders die Photographie des Fürsten
+(als Kürassier) und das Oelbild der Gräfin Rantzau hervorragen.--Durch
+einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit
+dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: "In trinitate
+robur", gelangen wir in das _Schlafgemach der Fürstin_, mit einem
+Kruzifix, dem Bilde des Fürsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh
+im Winter, durch ein äußerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des
+Fürsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Fürstin und des
+Sohnes Wilhelm.
+
+Hieran stößt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses:
+_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den
+Wänden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde,
+Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch
+eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders
+fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die
+Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen
+folgende Worte: "Auf diesem Tisch ist der Präliminarfriede zwischen
+Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de
+Provence Nr. 14 unterzeichnet worden."
+
+Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bücherei_. Sie ist nicht
+reichhaltig; wenige hundert Bände. Zu wissen, welche Bücher ein großer
+Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt,
+scheint mir nicht unwichtig. Ich führe deshalb einige Büchertitel an.
+Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von
+Lassalle, überhaupt eine große Anzahl nationalökonomischer Werke;
+Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter,
+darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl
+Wörterbücher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a.
+
+Das prächtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berühmten
+Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe,
+Monsieur Thiers, Moltke (eine Büste mit Lorbeerkranz). Vier
+Familienbilder hängen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der
+Mitte unten die Fürstin, darüber die Gräfin Rantzau, letztere in Oel
+gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir
+Deutsche fürchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in
+gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit
+je einem passenden Ausspruch, wie: "Ich habe keine Zeit müde zu sein,"
+"Lerne leiden ohne zu klagen" und andern. Eine kunstvoll geschnitzte,
+hölzerne Truhe enthält sämtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I.
+erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell
+des Denkmals des Großen Kurfürsten; in der Ecke ein Schirmständer aus
+Hirschgeweihen.
+
+Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine
+Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretärs des Fürsten.
+Außer den Photographieen des Berliner Kongresses und der
+Konstantinopeler Botschaftersitzung fällt ins Auge eine Kreidezeichnung
+Lenbachs, den Fürsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse,
+Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenständen verwendet.
+
+Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schloß Friedrichsruh.
+
+Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen
+doppelt würzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame,
+schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstöcke sehen
+in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebäude,
+von niemand gestört, und stiegen endlich auf den Altan, der eine
+ähnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch
+lauschiges Plätzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der
+Vögel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das
+einzige Geräusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen
+Getöse durch die Mauer und die Bäume abgedämpft wird. Ein wundervoller
+Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte
+sich über die graue Wolkenwand; und ohne abergläubisch zu sein, war ich
+geneigt, ihn für ein glückliches Zeichen fortdauernden Friedens zu
+halten. Möchte dieser Glaube nicht trügen!
+
+FUSSNOTEN:
+
+[11] 1869 geschrieben
+
+
+
+
+XIV.
+
+Ein Nachmittag bei den Karthäusern.
+
+
+Was ist das für ein Gebäude? fragte ich den liebenswürdigen Vikar Z.,
+der mir gegenüber im Coupé saß. Wir hatten eine Tagestour nach der vom
+Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und
+befanden uns auf der Rückkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen.
+Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke
+Düsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der
+Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer
+umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebäuden mit einer Kirche in
+der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmäßig gebauter Häuschen,
+an denen keine Fenster zu sehen waren.
+
+Das ist das Karthäuserkloster "Hain"; es ist das einzige in Deutschland,
+erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden
+ist vom heiligen Bruno von Köln gestiftet, der sich 1084 mit sechs
+Genossen in der Einöde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben
+widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein.
+Die Karthäuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten
+strenge Fasten und Schweigen und beschäftigen sich mit Handarbeit. Sie
+üben Gastfreiheit und Wohlthätigkeit und haben teilweise eine höhere
+Bildung.
+
+Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, können wir das Kloster einmal
+besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache
+abgemacht. Acht Tage später dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge
+(Schnellzüge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch
+1/4 Stunde bis zur Karthause hat.
+
+Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster öffnete sich, und der Bruder
+Pförtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstände wurden wir
+eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weißem
+Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in
+freundlichster und gefälligster Weise wohl über eine Stunde lang
+herumführte.
+
+Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit
+Parkettfußboden, an den Wänden Oelgemälde, Heilige darstellend, darunter
+in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und
+betrachtet gedankenvoll einen Schädel. In dem Augenblick, als wir
+eintraten, verließ gerade die Brüderschar den Raum, einer leise hinter
+dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir
+vorbeikamen, war durch Gerüste der eben darin beschäftigten Handwerker
+versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der
+Kapitelsaal, an dessen Wänden sich Bänke herumziehen, auf denen die
+Brüder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden:
+in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, während
+sonst jeder Mönch in seiner Zelle ißt.
+
+Diese Einzelwohnungen der Brüder waren für uns natürlich der
+interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche
+Zelle durften wir, der Störung wegen, nicht betreten; allein es stand
+gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgeschoß zwei Räume,
+im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel
+davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte
+lächelnd der Führer: Sie müssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des
+ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen
+hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und
+Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl
+und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer
+Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hängt eine
+Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der
+Glocke. Auch die Tagesordnung hängt an der Wand; sehr lang, sehr streng.
+Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet,
+körperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die
+Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch;
+zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brüder, die wir zu
+Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag
+gegessen; gemeinsame Spaziergänge außerhalb der Klostermauern finden
+häufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben.
+Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke
+zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur
+Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis
+halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht,
+Karthäuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden.
+Dann erst, nach dieser langen Selbstprüfung, fällt der Würfel, und
+nachher giebt es freilich kein "Zurück" mehr.
+
+Hinter jedem Häuschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mönch Obst und
+Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, über die kein Blick
+dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil
+augenblicklich die pflegende Hand fehlt.
+
+Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen
+Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang
+zurück, der so schön kühl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt
+wäre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorüber, auch an der
+Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis
+bedurft hätte.
+
+Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder
+zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles
+scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt
+Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der
+voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern,
+einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der
+Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke
+Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern
+köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder
+Bienenvater verkauft.
+
+Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur
+(Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause
+(der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in
+Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der
+dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.
+
+Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich
+ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie
+während der Jahre 1875-90 geruht.
+
+Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte
+reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind
+meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben
+entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine
+Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein
+Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte
+seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer
+für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein
+Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere
+Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem
+Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso
+fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit.
+Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.
+
+Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den
+Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein
+gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ
+uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns
+zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.
+
+An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der
+Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,
+alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,
+uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem
+Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die
+Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem
+Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen
+Gefährten daraus vor.
+
+Da schreibt einer:
+
+ Wo sind Fried und Ruh
+ Und Herzensglück zu Hause?
+ Ich weiß es genau:
+ Hier in der Karthause.
+ Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.
+
+Ein anderer:
+
+ Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!
+ Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.
+
+Den Schluß eines längeren Gedichtes bilden die Verse:
+
+ Drum pflege nicht den Leib zu sehr,
+ Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!
+ Hast du die Seele treu gepflegt,
+ Du bangst nicht, wenn die Stunde schlägt.
+
+Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber
+nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen
+schattenlosen Weg nach Düsseldorf.
+
+Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:
+
+Härzlichen Dank für die gute Bedinung!
+
+Ein echter Dichterfürst thut sich kund in den kurzen aber markigen
+Versen:
+
+ Besten Dank
+ Für den guten Trank.
+
+Ein Trappist schreibt:
+
+ Gratias intimo ex corde
+ Carissimi Confratres Cartusiae
+ Oremus pro invicem.
+
+ (Name)
+ Trappista.
+
+Sehr anmutend fand ich die Eintragung:
+
+ Die zufriedenen und glücklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen
+ mich an die Wahrheit des Spruchs denken:
+
+ Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;
+ Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.
+
+ (Rüdert.)
+
+Eine enttäuschte Angehörige des schönen Geschlechts, dem der Zutritt
+verboten ist, schreibt:
+
+ Leider hab' ich nichts gesehen,
+ Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.
+
+ Frau X.
+
+Endlich noch zwei lateinische Sprüche:
+
+ Cartusis clara
+ Eras mihi praeclara
+ Eris mihi cara!
+
+und
+
+ O beata solitudo,
+ O sola beatitudo!
+
+Eigentümlich bewegt verließen wir die Karthause. Der Pförtner grüßte
+freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder draußen im
+heißen Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings außerhalb
+der Klostermauern angepflanzt. Die Stämmchen sind kaum mannshoch. Ich
+mußte an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grün versunken
+sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorüberziehenden
+Wanderer verkündigen wird, daß dort die Karthause träumt----
+
+
+
+
+XV.
+
+Eisenberg.[12]
+
+
+Wer Thüringen als Tourist bereist, begnügt sich gewöhnlich mit
+Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber
+auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern
+pflegen, werden Eisenberg kaum berühren. Die meisten, wenn sie
+aufrichtig sind, werden sogar bekennen, daß sie kaum davon gehört haben.
+Um von mir selber zu reden, so hörte ich den Namen zuerst in Jena, wo
+ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden
+von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden
+Städten besteht nicht. Dagegen führt von der Hauptlinie, der im
+Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange
+Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn
+Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hübsch gelegene Dörfer,
+wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; plötzlich erscheint
+auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Städtchens, eine Anzahl
+villenartiger Gebäude, das Gymnasium und das Schloß. Ueberall begrenzen
+höhere Berge den Blick; Gärten umschließen die Häuser; rechts am Abhange
+dehnt sich der sogenannte "Nasse Wald" mit vielen Promenaden aus. Vom
+höchsten Punkte desselben übersieht man mehr von der Stadt als wir, die
+wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang über den
+Bergrücken, der in die Hochebene übergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das
+_Schloß_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet außer der prächtigen, in
+etwas überladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine
+Gründung fällt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon
+bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schloß dem
+_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz.
+Am 7. März 1677 zog _Christian_ in das Schloß ein, das ihm nebst dem
+Fürstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des
+Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schloß
+"Christiansburg." Seine Hauptbeschäftigung bildete die Alchimie, und er
+ließ sich ein Laboratorium in dem hübschen, von ihm angelegten
+Schloßgarten bauen, von dem nur noch ein Stück Mauer steht, von den
+älteren Einwohnern der Stadt "'s Läbbetoorchen" genannt. Bei den
+deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen
+"Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz" bekannt. In einem
+ausführlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und
+Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung
+mit den Nachbarstädten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war
+jedoch die Gründung des _Lyceums, späteren Gymnasiums_, das der Stadt
+ihr Gepräge aufdrückte. Was für Jena die Universität, ist für Eisenberg
+in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermählt; seine
+einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von
+Holstein-Glücksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm
+war die Selbständigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere
+Thüringische Staaten und gehört jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt
+liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg
+bewohnt das Schloß im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des
+Hauses.
+
+Bei Gelegenheit der 200jährigen Jubelfeier der Gründung des
+Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein
+Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph
+_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant
+anschließend, besonders in Belgien und Spanien Anhänger gefunden hat.
+Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in München vergeblich seine
+Existenz zu begründen versuchte, im Elend gestorben.
+
+Der Schloßgarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schönen Laubgang
+und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte
+"Thälchen."
+
+Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von
+zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thäler die Stadt; auf der dritten
+(West)-Seite hängt sie mit der Hochfläche zusammen. So liegt sie
+gewissermaßen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will
+Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von
+Eisenberg ist überreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus
+prächtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das
+Mühlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht über eine kahle
+Hochebene; plötzlich öffnet sich zu Füßen ein idyllisches Thal,
+durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrüne Wiesen
+und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermühlen. Einige von diesen nehmen
+auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmühle. Am oberen
+Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein
+größeres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen
+Kirche von wundervollen Verhältnissen. Nach der Richtung von Jena zu
+gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See
+gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt
+Bürgel, bekannt durch Töpferfabrikation, und in der Nähe _Thalbürgel_,
+mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den
+hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde,
+von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe
+einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Bürgel borgte
+er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von
+dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er "die Geschwister", in denen er
+sich sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte;
+freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und
+Geschichte begünstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen.
+Allein das Angedeutete mag genügen, um die Aufmerksamkeit auf diesen
+östlichen Winkel des schönen Thüringerlandes zu lenken.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg
+
+
+
+
+XVI.
+
+Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]
+
+
+Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe
+ich für meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile
+eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische
+Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Römerberg
+ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare
+diese Straßen und Plätze, die von ihrem alten Gepräge wenig verloren
+haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mächtigen
+Turmpyramide, wo die Kaiser gekrönt wurden; da ist das Grab Kaiser
+Günthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die
+Kurfürsten ihr Amt ausübten. Durch eine ziemlich schmale Straße (den
+"Markt") ging der Krönungszug dann nach dem altertümlichen Rathause,
+"Römer" genannt, in dessen gewölbtem Saale das Festessen stattfand,
+während draußen, auf dem Römerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse
+am Spieße gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und
+weißer Wein floß.
+
+Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfüßergasse und
+sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich über den Kornmarkt, den
+großen Hirschgraben, den Goetheplatz, Roßmarkt, bis zum Weidenhof auf
+der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in
+die Außenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.
+
+Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt
+aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in großem
+Halbkreise und enthält die komfortabelsten Häuser und Villen, in denen
+die Herren Müller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie
+sie alle heißen, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der
+Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prächtigen Schulpaläste, an
+denen Frankfurt so reich ist--alles das und noch vieles andere ist in
+dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, große,
+schöne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit
+mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten
+lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde
+_Goetheviertel_.
+
+Nicht nur den geistigen, sondern auch den räumlichen Mittelpunkt bildet
+_Goethes Vaterhaus_, am großen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein
+dreistöckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein geräumiges,
+bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es
+bestand ursprünglich aus zwei Häusern, die miteinander verbunden wurden.
+Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den
+Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine,
+damals sechsjährige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im
+wesentlichen unverändert geblieben. Ueber der Thür ist eine Marmortafel
+angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das
+Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des
+Dichters Geburt gewissermaßen prophetisch auf den Beruf desselben
+hinwies. Darunter die nüchterne Inschrift: "Goethes Vaterhaus,
+Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen."
+
+Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegründeten "Freien Deutschen
+Hochstifts", einer wissenschaftlichen und künstlerischen Gesellschaft,
+die ihre Mitglieder in allen Städten Deutschlands, ja bis in die
+entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie
+veranstaltet im Winter Vorträge von Frankfurter und auswärtigen
+Gelehrten und arbeitet außerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und
+neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine
+deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die
+Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre
+verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine
+mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser
+Sektionen erscheinen jährlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches
+durch Legat in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens kam, läßt sich
+zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und möglichst getreue
+Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.
+
+Treten wir ein, so finden wir im Erdgeschoß rechts ein
+Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich
+aufhält, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere
+Erkundigung, daß jährlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir
+zufällig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren
+Angehörigen freien Eintritt.
+
+Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als
+Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie
+Unterhaltungsblätter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Eßzimmer.
+Hinter dem mächtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts
+herrührt, spielte sich jene ergötzliche Scene ab, die Goethe am Schluß
+des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzählt. Da
+Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen
+Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wußten
+sich die Kinder--Wolfgang und Cornelia--das Buch heimlich zu verschaffen
+und zu lesen. "Es war an einem Sonnabend Abend im Winter--der Vater ließ
+sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags früh sich zur Kirche
+bequemlich anziehen zu können-, wir saßen auf einem Schemel hinter dem
+Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere herkömmlichen
+Flüche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen
+Händen zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an und
+rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:
+
+ Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst
+ Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.
+ Hilf mir! Ich leide die Pein des rächenden, ewigen Todes!
+ Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich hassen!
+
+Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit fürchterlicher
+Stimme, rief sie die folgenden Worte: "O, ich bin wie zermalmt!"
+
+Der gute Chirurgus erschrak und goß dem Vater das Seifenbecken in die
+Brust. Da gab es einen großen Aufstand und eine strenge Untersuchung
+ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, das hätte entstehen
+können, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wäre. Um allen
+Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern
+teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Hexameter angerichtet
+hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs neue hätte verrufen
+und verbannen sollen."
+
+Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit
+Eisengeländer führt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der
+Königsleutnant über ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die
+Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts
+abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des
+Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des
+_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von
+und über Goethe, die fortwährend ergänzt wird. Wie wenig sie dem Ideal
+einiger Vollständigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, daß
+allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfaßt.
+
+Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemäldezimmer, links des
+alten Rats Arbeitszimmer nebst Bücherei, rechts Frau Goethes Zimmer,
+dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter
+Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hängt unter
+Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstäblich: "Getauffte
+hierüben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr.
+Johann Caspar Göthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestät würcklicher Rat: einen
+Sohn, Johann Wolffgang."
+
+Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines
+Hauslehrers. Es würde zu weit führen, alle Sehenswürdigkeiten
+aufzuzählen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige
+heraus.
+
+Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann
+und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine
+Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber
+mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Großmutter den
+Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergötzte, daß er es
+zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und
+ausführlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gießener
+Doktordissertation des alten Goethe "Electa de aditiore heroditatis",
+die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen
+Heimgängen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie
+eine große Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf
+Goethe und seine Familie bezüglich.
+
+Ueber das "Gartenzimmer", welches jetzt verschwunden ist und dem
+Hausflur Platz gemacht hat, möchte ich eine bezeichnende Stelle aus
+Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedächtnis zurückrufen. Sie steht
+im ersten Buche und lautet:
+
+"Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer
+nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den
+Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich
+heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch
+sehnsüchtiger Aufenthalt. Ueber jene Gärten hinaus, über Stadtmauern und
+Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich
+nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewöhnlich meine
+Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden
+Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug
+sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln
+und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich
+ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, so
+erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer
+daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten
+Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in
+der Folge noch deutlicher zeigte."
+
+Ein Garten gehörte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
+und klein. An dem Brunnen, der mit einem Löwenkopf verziert ist, hat die
+Königin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
+Frankfurt.
+
+Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem
+baumbepflanzten Goetheplatz (früher "Stadtallee") die Kolossalfigur des
+Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz
+seiner Geburtsstätte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rücken
+kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mächtige
+Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist
+mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmückt. Tasso und Faust,
+Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Götz und Egmont, Mignon und
+der Harfner, der Erlkönig und die Braut von Korinth--alle diese
+wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers
+Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde,
+sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende
+Victoria.
+
+Am Roßmarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem
+imposanten Gebäude der "Germania" ein anderer prächtiger Neubau, der auf
+roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trägt: "Zum goldenen
+Brunnen". In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten
+Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie
+mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: "Die Frau Rätin könne
+nicht kommen, sie müsse alleweile sterben."
+
+Wenige Schritte weiter, über den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht
+der "Weidenhof", ein großes, von verschiedenen Geschäften eingenommenes
+Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An
+dieser Stelle stand der Gasthof "Zum Weidenhof", der Frau Witwe
+Schellhorn gehörig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach
+Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und
+mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das
+Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar
+ließ er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat,
+von Karl VII. zu dieser Würde erhoben. Unser Goethe scheint seinen
+Großvater väterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwähnt er
+ihn kaum.
+
+Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem
+reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfüßergasse und
+Kornmarkt zusammentreffen.
+
+Dort lag das Barfüßergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht,
+Goethes Lehrer im Hebräischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der
+kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gänge, die in
+Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und
+winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im
+vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umständlich auseinandersetzt.
+Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als "eine der originellsten
+Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unförmlich, ohne
+verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Perücke. Sein über
+siebenzigjähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln
+verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch
+immer leuchtend und geistreich waren". Der satirische Lucian war fast
+der einzige Schriftsteller, den er las und schätzte, und alles, was er
+sagte und schrieb, würzte er mit beißenden Ingredienzien.
+
+Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als
+ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends
+um 6 Uhr zu ihm und fühlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die
+Klingelthür hinter mir schloß und ich nun den langen, düstern
+Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an
+einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam
+nie von seiner Seite.
+
+In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. "Eines
+Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als
+einen auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis
+et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich
+mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die
+Schaumünzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und
+reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich
+andere diese einem Nichtschulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung
+fanden."
+
+Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jüngling später
+in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schönemann,
+die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter
+zusammen,--Goethes Braut, dasjenige Mädchen, welches er nach seinem
+eigenen Geständnis Eckermann gegenüber am innigsten geliebt hat. Die
+erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]
+
+ "--es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines
+ Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18]
+ Handelshause gegeben wurde. Es war schon spät, doch weil ich alles
+ aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewöhnlich anständig
+ angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das
+ eigentliche, geräumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich;
+ ein Flügel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige
+ Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und
+ Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flügels, um ihre
+ Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu können; sie hatte etwas
+ Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie
+ nötigte, waren ungezwungen und leicht.
+
+ Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenüber;
+ wir begrüßten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon
+ angegangen. Am Schlusse trat ich etwas näher und sagte einiges
+ Verbindliche, wie sehr es mich freue, daß die erste Bekanntschaft
+ mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe.--Ich will
+ nicht leugnen, daß ich eine Anziehungskraft von der sanftesten Art
+ zu empfinden glaubte.--Ich verfehlte nicht, nach schicklichen
+ Pausen meinen Besuch zu wiederholen.--
+
+ (17. Buch.)--Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit, sich
+ zu sehen, trat nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen
+ Abend bis in die Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht
+ hätte entschließen können, sie in ihren Zirkeln zu sehen!--"
+
+Wie das Verhältnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf
+Betreiben der Verwandten der Braut gelöst, die den jungen Goethe für
+keine sichere Partie hielten. Lili heiratete später Herrn v. Dürkheim,
+einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr
+Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister
+Goethe in Weimar.
+
+Das eigentliche Goetheviertel hätten wir somit durchschritten und das
+Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den
+Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes
+gefallen ist.
+
+In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte
+Goethes Großvater mütterlicherseits, Textor, der hochansehnliche
+Schultheiß oder Bürgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz
+der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. "Die vielfachen
+Bemühungen", erzählt der Enkel von ihm, "welche nötig sind, um einen
+schönen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, ließ er sich niemals
+verdrießen. Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume
+fächerartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum
+der Früchte zu befördern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen,
+Hyazinthen und verwandten Gewächsen, sowie die Sorge für Aufbewahrung
+derselben überließ er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie
+emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten
+beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schützen, jene
+altertümlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte
+jährlich in Triplo überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals
+mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock und auf
+dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmütze, sodaß er eine mittlere
+Person zwischen Alcinous und Laertes hätte vorstellen können.
+
+Alles, was ihn umgab, war altertümlich. In seiner getäfelten Stube habe
+ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich
+mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines
+unverbrüchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.
+
+Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis empfanden,
+bis zum höchsten steigerte, war die Ueberzeugung, daß derselbe die Gabe
+der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein
+Schicksal betrafen.--Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich
+eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige
+Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt".
+
+Die Friedbergergasse stößt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in
+eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat
+man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des
+Bankiers Bethmann, dessen Haus den größten Kunstschatz Frankfurts birgt:
+die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes.
+In einer Ecke, in der Nähe der unscheinbaren, demnächst umzuhauenden
+Peterskirche ruhen sie; über ihnen rauschen die Linden, pfeifen die
+Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des
+Friedhofes sich riesengroß ausrichtende Christus am Kreuze.
+
+Draußen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger
+Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Fürst Lichnowski und
+Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte
+Gärten, darunter der seines Großvaters, des oben schon erwähnten
+Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten
+der stillen Gaußstraße mögen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten,
+die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens
+Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hörte Rat Goethe die Schlacht
+bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren
+Ausgang im Goetheschen Hause so ergötzliche, halb komische, halb
+gefährliche Szenen mit dem Königsleutnant hervorrief.
+
+Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe
+fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie,
+wenn wir die Stätten gesehen haben, an denen sich das Erzählte
+großenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an
+Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind;
+denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte
+Anwendung:
+
+ "Wer den Dichter will verstehn,
+ Muß in Dichters Lande gehn!"
+
+FUSSNOTEN:
+
+[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.
+
+[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Königsleutnant selber.
+
+[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens.
+Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.
+
+[16] Man findet auch die Schreibweise Goethé mit Accent, und so spricht
+jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu
+langen macht.
+
+[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.
+
+[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach
+heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.
+
+
+
+
+XVII.
+
+Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.
+
+
+Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wächst, um so
+auffallender ist der Mangel an einer gemeinverständlichen Beschreibung
+der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhältnisse, die das
+Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit
+meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines
+Freundes Kapitän Brink. Die Kriegsmarine und die großen
+Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden
+hier nicht berücksichtigt.
+
+
+_Vorbildung der Seeleute, Prüfungen, Seeämter._
+
+Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und
+Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer
+gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule,
+worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich
+zum einjährigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijähriger
+praktischer Thätigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer
+und abermaligem vier- bis fünfmonatlichen Aufenthalt auf der
+Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls
+er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er während seiner
+Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist "Schiffer", während
+"Kapitän" auf die Kriegsmarine[19] beschränkt ist. Doch es ist üblich,
+jeden Führer eines Schiffes "Kapitän" anzureden. Die Sprache an Bord ist
+durchweg die plattdeutsche.
+
+In einer Anzahl Seestädte befinden sich _Seeämter_, die _Seeunfälle_ zu
+untersuchen haben. Der Vorsitzende muß die Fähigkeit zum Richteramt
+haben, mindestens zwei der Beisitzer müssen die Befähigung als
+Seeschiffer besitzen und müssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche
+ernannter Kommissar fungiert als Ankläger. Die höhere Instanz bildet das
+Oberseeamt in Berlin.
+
+
+_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._
+
+Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt.
+Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die
+Segel befestigt sind) heißen _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie
+sie in Rußland üblich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_;
+hat der Fockmast[20] Rahen, so heißt das Schiff _Dreimastschoner mit
+voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heißen
+_Schonerbriggs_. Doch faßt man diese sämtlichen Schiffe, bei denen das
+Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen
+_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat,
+heißt _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben
+wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch
+Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine
+einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den
+Schnitt ihres Körpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur
+Frachtbeförderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum
+Schnellsegeln bestimmt. Man nennt übrigens Vergnügungskutter auch
+Jachten; es giebt solche bis zur Größe der Kaiserjacht "Hohenzollern".
+
+So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus größten Teil
+aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den
+Dampfern übertroffen.
+
+Als Beispiel diene uns ein mittelgroßer Frachtdampfer, die Flensburger
+"Mira". Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Rußland und Schweden
+nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den
+Ostseehäfen zu bringen; sie ist auch öfters für die Mittelmeerfahrt
+verwendet worden.
+
+Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fuß lang und 31 Fuß[21]
+breit. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen
+die Stunde, kann jedoch durch stürmisches Wetter auf ein Nichts
+reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10
+Fuß. Die "Mira" faßt 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, außer 150 Tons
+Kohlen für eigenen Bedarf, wovon täglich etwa 8 verbraucht werden, und
+ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500
+Pferdekräfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitän, dem 1. und 2.
+Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen,
+2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu
+verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie
+können später Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer
+Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.
+
+Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren
+Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei
+Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt
+nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, außerdem aber die
+Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthält. Das Deck ist ein
+unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend höher als Vorder-
+und Hinterteil. Es enthält die Kombüse (-Küche), Kartenhaus, Salon,
+Kabinen des Kapitäns und der Steuerleute, die Messe (-Eßzimmer der
+Steuerleute und Maschinisten), sowie gewöhnlich eine Passagierkajüte.
+Noch höher liegt die Kommandobrücke mit dem Steuerapparat. Die
+Schlafräume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des
+Schiffes, unter der _Back_ (erhöhter Vorteil des Schiffes). Das
+Hinterteil heißt _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen
+Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe
+keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so
+wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge
+dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge
+einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier
+eingeschaltet sein, daß die Ausdrücke des Schiffswesens keineswegs
+englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern daß die meisten
+gute alte deutsche (natürlich plattdeutsche) Wörter sind.
+
+Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weiße Petroleum-Laterne
+oder Lampe, links an der Kommandobrücke eine rote und rechts eine grüne
+angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heißt Steuerbord, die linke
+Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser
+auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang
+ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen
+Gewässern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die größte
+Aufmerksamkeit notwendig.
+
+
+_Leben an Bord._
+
+Das Leben an Bord spielt sich in regelmäßiger Weise ab. Der Tag zerfällt
+in 7 Wachen, die abwechselnd geführt werden und je 4 Stunden dauern, mit
+Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies
+geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben
+nachmittags Wache haben. Die nächsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet.
+Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr
+früh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso
+ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke
+geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr
+sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schläge werden _Glasen_ genannt; der
+Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf
+Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke
+kenntlich gemacht, die für die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die
+Eßzeiten und die Ablösung der Wachen.
+
+Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder
+nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.
+
+Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt
+verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem
+komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der "Mira"
+befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.
+
+Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer
+messingenen Schraube mit 4 Flügeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde
+nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange
+herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, während die
+Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht
+sich die Schraube und überträgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das
+Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewöhnlichen Uhr versehen ist;
+auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurückgelegten Seemeilen
+ablegen. Dieses Logg hängt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.
+
+Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr
+stürmischem Wetter werden hölzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in
+welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.
+
+Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde)
+nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen
+oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen
+befördert werden.
+
+Bei Unsicherheit über die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist
+ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In
+dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben
+und man einen Anhalt über die Art des Grund und Bodens erhält. Das Lot
+wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natürlich nicht
+in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhört.
+
+
+_Windstärke, Seezeichen, Verständigung auf See, sonstige
+Eigentümlichkeiten._
+
+Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle für die _Windstärken_
+aufgestellt, die allgemein angenommen ist:
+
+ Windstille = 0
+ Sehr leichter Wind = 1
+ Leichter " = 2
+ Schwacher " = 3
+ Mäßiger " = 4
+ Frischer " = 5
+ Starker " = 6
+ Steifer " = 7
+ Stürmischer " = 8
+ Sturm = 9
+ Starker Sturm = 10
+ Heftiger " = 11
+ Orkan = 12
+
+An den Küsten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttürmen oder
+auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese
+Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:
+_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmäßiger Stärke.
+_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmäßigen
+Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstärkere Blinke
+zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben
+können. _Blinkfeuer_ sind weiße oder farbige Feuer, welche durch
+gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmählich zu- und
+abnehmender Lichtstärke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer,
+Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m.
+
+Seezeichen sind schwimmende Körper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem
+Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt:
+kegelförmig, kugelförmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten
+Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit Ästen versehene Bäume,
+die in den Grund gesteckt werden und natürlich nur in ganz flachen
+Gewässern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit
+einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird,
+der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefüllt,
+das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke
+versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tönen gebracht wird.
+Sämtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_
+eingetragen.
+
+Die _Verständigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu
+Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze
+komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen
+800 Seiten stark, enthält sämtliche vorkommende Wörter und Sätze;
+beispielsweise: "Ich wünsche etwas mitzuteilen." "Woher kommen Sie?"
+"Ich habe einen Brief für Sie." "Ich bin auf Grund." "Können Sie nur
+einen Maschinisten verschaffen?" "Die Küste ist gefährlich."--Mit den 18
+Flaggen lassen sich 78612 Wörter, Namen, Zahlen und Sätze bilden, die
+von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.
+
+Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die größeren
+Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen möglichst gleichartige
+Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den
+seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich
+eine Anzahl deutscher Flußnamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe,
+Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl
+ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland,
+Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf
+o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander
+entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur
+Sternennamen, und zwar solche, die auf "a" enden: Capella, Wega, Gemma,
+Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer
+Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie:
+Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewöhnlich
+Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der
+Dampfer gehört, schon von weitem erkennt.
+
+An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art
+Schiffsadreßbuch, in welchem sämtliche Schiffe der Erde mit Angabe
+statistischer Notizen über Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen
+u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines
+Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr nützlichen
+Buche über alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will
+ich erwähnen, daß wir im Genter Hafen einst eine sehr altertümlich
+aussehende hölzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschäftigt
+war. Mein Kapitän meinte, sie müsse ziemlich alt sein. Wir schlugen in
+Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte
+sich heraus 1829! Ein solches Alter hätten wir ihm denn doch nicht
+zugetraut; es war übrigens so vielfach ausgebessert, daß von dem
+ursprünglichen Holz kaum noch etwas übrig war. Die heutigen Schiffe,
+besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter
+bei weitem nicht.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwähnt: Es
+entspricht der Unterleutnant zur See--dem Leutnant, der Leutnant zur
+See--dem Oberleutnant, der Kapitänleutnant--dem Hauptmann, der
+Korvettenkapitän--dem Major, der Kapitän zur See--dem Oberst, der
+Konteradmiral--dem Generalmajor, der Vizeadmiral--dem Generalleutnant,
+der kommandierende Admiral--dem kommandierenden General.
+
+[20] Der vordere Mast heißt Fockmast, der mittlere Großmast, der hintere
+Besanmast.
+
+[21] Die Fuß und die Meilen werden nach englischen Maß gerechnet. 1 Fuß
+engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+Oberhausen.
+
+
+ "Tausend fleißge Hände regen,
+ Helfen sich in munterm Bund;
+ Und in feurigem Bewegen
+ Werden alle Kräfte kund."
+
+Schiller
+
+Als Oberhausen gegründet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher,
+an welchem dieser Flüsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte
+sie an seine Ufer haben, keiner gönnte sie dem andern. Da sprach der
+liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen könnt, so bekommt sie niemand.
+Und so geschah es, daß Oberhausen an keinem der drei Flüsse liegt,
+sondern mitten dazwischen; doch so, daß jeder leicht und schnell zu
+erreichen ist.
+
+Von allen Rheinlandstädten ist Oberhausen die jüngste. Wo jetzt eine
+rührige Bevölkerung von über 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor
+einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblühende Haide. Feierte
+doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jährigen Bestehens!
+Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden,
+amerikanisch mutet auch die Anlage der Straßen an. Schnurgrade, lang und
+außergewöhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber
+Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei,
+teilweise sogar drei Reihen Bäumen bepflanzt. So macht die Stadt einen
+überaus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der
+eigentlichen Geschäftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser
+Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstraße die
+Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Häusern und zahlreichen
+großstädtischen Läden und Bazaren eingefaßt. An ihr liegt auch der
+Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist.
+Bäume umgeben den vollständig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf
+dem die Wochenmärkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine
+schlanke Säule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die
+Mülheimerstraße gruppieren sich die Straßen des Villenviertels: die
+Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straßen.
+Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und
+verbinden sie mit anderen Städten z.B. Essen und Mülheim.
+
+Mehr als manche Großstadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als
+Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt;
+direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstädten Europas,
+über Oberhausen gehen die Linien Köln-Berlin, Köln-Hamburg,
+Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Süddeutschland und andere. Wenn
+auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt über Oberhausen über
+Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet
+ist, so kommen doch täglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und
+D-Züge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu
+gedenken der Güterzüge. Der Bahnhof mit seinen drei geräumigen Hallen
+und hübschen Wartesälen würde mancher Großstadt zur Zierde gereichen.
+
+Vom Bahnhof führt die Schwartzstraße nach der Mülheimerstraße. An der
+Schwartzstraße, nach dem verdienstvollen früheren Bürgermeister Schwartz
+so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde
+von Walter Petersen in Düsseldorf und das Realgymnasium, an der
+Elsestraße die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene höhere
+Mädchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder
+Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstraße
+architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prächtige
+Badeanstalt, in deren großem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport
+gehuldigt wird--eine Einrichtung, die man in Hunderten von Mittelstädten
+vergeblich suchen würde.
+
+Es versteht sich von selbst, daß Oberhausen in erster Linie der
+Industrie sein fabelhaftes Aufblühen verdankt. Und doch merkt man in der
+Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die
+unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende
+Gutehoffnungshütte, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Mit ihren
+13000 Angestellten ist sie eines der großartigsten Werke, das überhaupt
+existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, daß die Hütte über
+60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a.
+gebaut Brücken über den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den
+Nord-Ostsee-Kanal, die sämtlichen Brücken der Gotthard-Bahn, die
+mächtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen
+Fabriken sind noch zu erwähnen die Zinkweißhütte, die Glasfabrik, die
+Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen "Konkordia" und
+"Oberhausen".
+
+Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I.
+geschmückte Kaisergarten, eine städtische Anlage, die vor einigen Jahren
+von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwährend verschönert wird.
+Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruheplätzen und einen großen
+Teich, der zu Bootfahrten einlädt, bietet er einen erquickenden und
+angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherfluß getrennt, schließt sich
+an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin
+liegt Schloß Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.
+
+Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige
+hübsche Punkte, so das auf einem Hügel gelegene freundliche Dorf
+Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schloß
+Fürstenberg, den Kahlenberg bei Mülheim und die großen Waldungen bei
+Duisburg. Die Großstädte Düsseldorf und Essen sind in kaum einer halben
+Stunde, Köln in einer Stunde, die Seeküste (Scheveningen) in drei
+Stunden zu erreichen.
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichnis.
+
+
+ Widmung
+ Vorwort
+ I. Ueber das Reisen
+ (Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen)
+ II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878)
+ III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt
+ IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwälder und zu den Geysers
+ V. Glensund (Ein Land- und See-bild)
+ VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag
+ VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira".
+ A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
+ Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
+ 1. Riga
+ 2. Aus der livländischen Schweiz
+ 3. Von Riga nach der Insel Walcheren
+ 4. Middelburg
+ 5. Bad Domburg
+ B. Von Korsör nach Haparanda
+ C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland.
+ 1. Nach Helsingör
+ 2. Von Helsingör nach Gent
+ 3. Gent
+ 4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth
+ 5. Ausflug nach dem schottischen Hochland
+ VIII. Der Philosoph von Gravenstein
+ IX. Marsberg
+ X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn
+ XI. Bordesholm
+ XII. Auf Seeland
+ XIII. Friedrichsruh
+ XIV. Ein Nachmittag bei den Karthäusern
+ XV. Eisenberg
+ XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt
+ XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine
+XVIII. Oberhausen
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco
+by Ernst Wasserzieher
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO ***
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
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