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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Der Tod in Venedig - -Author: Thomas Mann - -Release Date: April 22, 2004 [EBook #12108] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG *** - - - - -Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders - - - - -Thomas Mann - -Der Tod in Venedig - - - - -Die Texte folgen den Ausgaben: - ->Der Tod in Venedig< aus - -München, Hyperionverlag Hans von Weber 1912 - - - - - - -Erstes Kapitel - - -Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten -Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem -Frühlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang -eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der -Prinz-Regentenstraße zu München aus, allein einen weiteren Spaziergang -unternommen. Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben -jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und -Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, -hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden -Triebwerks in seinem Innern, jenem »motus animi continuus«, worin -nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der -Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden -Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit -seiner Kräfte, einmal untertags so nötig war. So hatte er bald nach -dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, daß Luft und Bewegung ihn -wieder herstellen und ihm zu einem ersprießlichen Abend verhelfen -würden. - -Es war Anfang Mai und, nach naßkalten Wochen, ein falscher Hochsommer -eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt, -war dumpfig wie im August und in der Nähe der Stadt voller Wagen und -Spaziergänger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere -Wege ihn geführt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstümlich -belebten Wirtsgarten überblickt, an dessen Rande einige Droschken und -Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg -außerhalb des Parks über die offene Flur genommen und erwartete, da er -sich müde fühlte und über Föhring Gewitter drohte, am Nördlichen -Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen -sollte. Zufällig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von -Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstraße, deren -Schienengeleise sich einsam gleißend gegen Schwabing erstreckten, -noch auf der Föhringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen; -hinter den Zäunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze, -Gedächtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Gräberfeld -bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der -Aussegnungshalle gegenüber lag schweigend im Abglanz des scheidenden -Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen -Schildereien in lichten Farben geschmückt, weist überdies symmetrisch -angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewählte, das -jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: »Sie gehen ein in -die Wohnung Gottes« oder: »Das ewige Licht leuchte ihnen«; und der -Wartende hatte während einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin -gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer -durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen -Träumereien zurückkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden -apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann -bemerkte, dessen nicht ganz gewöhnliche Erscheinung seinen Gedanken -eine völlig andere Richtung gab. - -Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor -hervorgetreten oder von außen unversehens heran und hinauf gelangt -war, blieb ungewiß. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu -vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Mäßig hochgewachsen, mager, -bartlos und auffallend stumpfnäsig, gehörte der Mann zum rothaarigen -Typ und besaß dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war -er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der -breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem -Aussehen ein Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden -verlieh. Freilich trug er dazu den landesüblichen Rucksack um die -Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie -es schien, einen grauen Wetterkragen über dem linken Unterarm, den er -in die Weiche gestützt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner -Spitze versehenen Stock, welchen er schräg gegen den Boden stemmte und -auf dessen Krücke er, bei gekreuzten Füßen, die Hüfte lehnte. Erhobenen -Hauptes, so daß an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden -Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit -farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu -seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische -Furchen standen, scharf spähend ins Weite. So--und vielleicht trug -sein erhöhter und erhöhender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte -seine Haltung etwas herrisch Überschauendes, Kühnes oder selbst -Wildes; denn sei es, daß er, geblendet, gegen die untergehende Sonne -grimassierte oder daß es sich um eine dauernde physiognomische -Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig -von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, bis zum -Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen hervorbleckten. - -Wohl möglich, daß Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb -inquisitiven Musterung des Fremden an Rücksicht hatte fehlen lassen; -denn plötzlich ward er gewahr, daß jener seinen Blick erwiderte und -zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig -gesonnen, die Sache aufs Äußerste zu treiben und den Blick des andern -zum Abzug zu zwingen, daß Aschenbach, peinlich berührt, sich abwandte -und einen Gang die Zäune entlang begann, mit dem beiläufigen -Entschluß, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der -nächsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der -Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder -sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluß im Spiele sein: -eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz überraschend -bewußt, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges -Verlangen in die Ferne, ein Gefühl, so lebhaft, so neu oder doch so -längst entwöhnt und verlernt, daß er, die Hände auf dem Rücken und den -Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen -und Ziel zu prüfen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft -als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur -Sinnestäuschung gesteigert. Er sah nämlich, als Beispiel gleichsam für -alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde -sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge -eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter -dickdunstigem Himmel, feucht, üppig und ungesund, eine von Menschen -gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Morästen und Schlamm führenden -Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blättern, so dick -wie Hände, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und -abenteuerlich blühendem Pflanzenwerk überwuchert war, sandten haarige -Palmenschäfte empor, und wunderlich ungestalte Bäume, deren Wurzeln -dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser -senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden, -grünschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schüsseln groß, -milchweiße Blumen; Vögel von fremder Art, hochschultrig, mit -unförmigen Schnäbeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und -blickten unbeweglich zur Seite, während durch ausgedehnte Schilffelder -ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von -Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue, -mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Öde ihn an, die in -einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben -schien, zwischen den knotigen Rohrstämmen eines Bambusdickichts -glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers -funkeln zu sehen--und fühlte sein Herz pochen vor Entsetzen und -rätselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem -Kopfschütteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zäunen der -Grabsteinmetzereien wieder auf. - -Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen wären, -die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu genießen, das Reisen nicht -anders denn als eine hygienische Maßregel betrachtet, die gegen Sinn -und Neigung dann und wann hatte getroffen werden müssen. Zu -beschäftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europäische -Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion, -der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Außenwelt -zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnügt, die -heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu rühren, von der -Oberfläche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht -gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam -neigte, seit seine Künstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese -Besorgnis, die Uhr möchte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan -und völlig sich selbst gegeben, nicht mehr als bloße Grille von der -Hand zu weisen war, hatte sein äußeres Dasein sich fast ausschließlich -auf die schöne Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen -Landsitz beschränkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die -regnerischen Sommer verbrachte. - -Auch wurde denn, was ihn da eben so spät und plötzlich angewandelt, -sehr bald durch Vernunft und von jung auf geübte Selbstzucht gemäßigt -und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, für welches er -lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu fördern, bevor er aufs Land -übersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate -seiner Arbeit entführen würde, schien allzu locker und planwidrig, er -durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wußte er nur zu wohl, -aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war. -Fluchtdrang war sie, daß er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins -Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbürdung und -Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstätte eines -starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn -und liebte auch fast schon den entnervenden, sich täglich erneuernden -Kampf zwischen seinem zähen und stolzen, so oft erprobten Willen und -dieser wachsenden Müdigkeit, von der niemand wissen und die das -Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der -Laßheit verraten durfte. Aber verständig schien es, den Bogen nicht -zu überspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Bedürfnis nicht -eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die -Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte -verlassen müssen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen -Handstreich sich fügen zu wollen schien. Er prüfte sie aufs neue, -versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzulösen und ließ -mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich -keine außerordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn lähmte, waren -die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu -befriedigende Ungenügsamkeit darstellte. Ungenügsamkeit freilich hatte -schon dem Jüngling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten, -und um ihretwillen hatte er das Gefühl gezügelt und erkältet, weil er -wußte, daß es geneigt ist, sich mit einem fröhlichen Ungefähr und mit -einer halben Vollkommenheit zu begnügen. Rächte sich nun also die -geknechtete Empfindung, indem sie ihn verließ, indem sie seine Kunst -fürder zu tragen und zu beflügeln sich weigerte und alle Lust, alles -Entzücken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm? -Nicht, daß er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil -seiner Jahre, daß er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in -Gelassenheit sicher fühlte. Aber er selbst, während die Nation sie -ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein -Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der -Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug, -die Freude der genießenden Welt bildeten. Er fürchtete sich vor dem -Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die -ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fürchtete -sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-wände, die -wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen würden. Und -so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei, -Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer erträglich und -ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit, -nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine -Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im -liebenswürdigen Süden... - -So dachte er, während der Lärm der elektrischen Tram die Ungererstraße -daher sich näherte, und einsteigend beschloß er, diesen Abend dem -Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm -ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin -folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen -Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort, -noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu -machen war. - - - - -Zweites Kapitel - - -Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs -von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den -figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee -versammelnden Romanteppich, »Maja« mit Namen, wob; der Schöpfer -jener starken Erzählung, die »Ein Elender« überschrieben ist und einer -ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit -jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und -damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der -leidenschaftlichen Abhandlung über »Geist und Kunst«, deren -ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler -vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive -und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war -zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren -Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter, -Verwaltungsfunktionäre gewesen, Männer, die im Dienste des Königs, des -Staates, ihr straffes, anständig karges Leben geführt hatten. Innigere -Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter -ihnen verkörpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der -vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines -böhmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale -fremder Rasse in seinem Äußern. Die Vermählung dienstlich nüchterner -Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen ließ einen -Künstler und diesen besonderen Künstler erstehen. Da sein ganzes -Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich -früh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persönlichen Prägnanz -seines Tonfalls früh für die Öffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe -noch Gymnasiast, besaß er einen Namen. Zehn Jahre später hatte -er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repräsentieren, seinen -Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn viele -Ansprüche drängen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein), -gütig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den -Strapazen und Wechselfällen der eigentlichen Arbeit, alltäglich eine -Post zu bewältigen, die Wertzeichen aus aller Herren Ländern trug. - -Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent -geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, -fordernde Teilnahme der Wählerischen zugleich zu gewinnen. So, schon -als Jüngling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die -außerordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Müßiggang, -niemals die Fahrlässigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein -fünfunddreißigstes Jahr in Wien erkrankte, äußerte ein feiner Beobachter -über ihn in Gesellschaft: »Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so -gelebt«--und der Sprecher schloß die Finger seiner Linken fest zur -Faust--; »niemals so«--und er ließ die geöffnete Hand bequem -von der Lehne des Sessels hängen. Das traf zu; und das -Tapfer-Sittliche daran war, daß seine Natur von nichts weniger als -robuster Verfassung und zur ständigen Anspannung nur berufen, nicht -eigentlich geboren war. - -Ärztliche Fürsorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen -und auf häuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft -war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen müssen, daß er -einem Geschlecht angehörte, in dem nicht das Talent, wohl aber die -physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner -Erfüllung bedarf,--einem Geschlechte, das früh sein Bestes zu geben -pflegt und in dem das Können es selten zu Jahren bringt. Aber sein -Lieblingswort war »Durchhalten«,--er sah in seinem Friedrich-Roman -nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der -Inbegriff-leitend-tätiger Tugend erschien. Auch wünschte er sehnlichst, -alt zu werden, denn er hatte von jeher dafür gehalten, daß wahrhaft -groß, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Künstlertum zu nennen -sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen -charakteristisch fruchtbar zu sein. - -Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten -Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er höchlich der -Zucht,--und Zucht war ja zum Glücke sein eingeborenes Erbteil von -väterlicher Seite. Mit vierzig, mit fünfzig Jahren wie schon in einem -Alter, wo andere verschwenden, schwärmen, die Ausführung großer Pläne -getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stürzen -kalten Wassers über Brust und Rücken und brachte dann, ein Paar hoher -Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Häupten des Manuskripts, die -Kräfte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbrünstig -gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war -verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner -Moralität, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen, -in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, für das Erzeugnis -gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, während sie vielmehr -in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Größe -emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte -vortrefflich waren, weil ihr Schöpfer mit einer Willensdauer und -Zähigkeit, derjenigen ähnlich, die seine Heimatprovinz eroberte, -jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten -und an die eigentliche Herstellung ausschließlich seine stärksten und -würdigsten Stunden gewandt hatte. - -Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und -tiefe Wirkung zu üben vermöge, muß eine tiefe Verwandtschaft, ja -Übereinstimmung zwischen dem persönlichen Schicksal seines Urhebers -und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die -Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit -entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzüge daran zu -entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der -eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwägbares, ist Sympathie. -Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar -ausgesprochen, daß beinahe alles Große, was dastehe, als ein Trotzdem -dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche, -Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei. -Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war -geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schlüssel zu seinem -Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die -äußere Gebärde seiner eigentümlichsten Figuren war? - -Über den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen -wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte -schon frühzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: daß er die -Konzeption »einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit« -sei, »die in stolzer Scham die Zähne aufeinanderbeißt und ruhig -dasteht, während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen«. -Das war schön, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu -passivischen Prägung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual -bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein -positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schönste -Sinnbild, wenn nicht der Kunst überhaupt, so doch gewiß der in Rede -stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzählte Welt, sah man -die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine -innere Unterhöhlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt -verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Häßlichkeit, die es -vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja, -sich zur Herrschaft im Reiche der Schönheit aufzuschwingen; die -bleiche Ohnmacht, welche aus den glühenden Tiefen des Geistes die -Kraft holt, ein ganzes übermütiges Volk zu Füßen des Kreuzes, zu -_ihren_ Füßen niederzuwerfen; die liebenswürdige Haltung im leeren und -strengen Dienste der Form; das falsche, gefährliche Leben, die rasch -entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betrügers: betrachtete -man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man -zweifeln, ob es überhaupt einen anderen Heroismus gäbe, als denjenigen -der Schwäche. Welches Heldentum aber jedenfalls wäre zeitgemäßer als -dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der -Erschöpfung arbeiten, der Überbürdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch -Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmächtig -von Wuchs und spröde von Mitteln, durch Willensverzückung und kluge -Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Größe -abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und -sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich -bestätigt, erhoben, besungen darin, sie wußten ihm Dank, sie -verkündeten seinen Namen. - -Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von -ihr, war er öffentlich gestrauchelt, hatte Mißgriffe getan, sich -bloßgestellt, Verstöße gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort -und Werk. Aber er hatte die Würde gewonnen, nach welcher, wie er -behauptete, jedem großen Talente ein natürlicher Drang und Stachel -eingeboren ist, ja, man kann sagen, daß seine ganze Entwicklung ein -bewußter und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie -zurücklassender Aufstieg zur Würde gewesen war. - -Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet -das Ergötzen der bürgerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte -Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach -war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Jüngling. -Er hatte dem Geiste gefrönt, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, -Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent -verdächtigt, die Kunst verraten,--ja, während seine Bildwerke die -gläubig Genießenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der -jugendliche Künstler, die Zwanzigjährigen durch seine Zynismen über -das fragwürdige Wesen der Kunst, des Künstlertums selbst in Atem -gehalten. - -Aber es scheint, daß gegen nichts ein edler und tüchtiger Geist sich -rascher, sich gründlicher abstumpft als gegen den scharfen und -bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiß ist, daß die schwermütig -gewissenhafteste Gründlichkeit des Jünglings Seichtheit bedeutet im -Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, -das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darüber -hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefühl und selbst -die Leidenschaft im Geringsten zu lähmen, zu entmutigen, zu -entwürdigen geeignet ist. Wie wäre die berühmte Erzählung vom -»Elenden« wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen -den unanständigen Psychologismus der Zeit, verkörpert in der Figur -jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal -erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, -aus ethischer Velleität, in die Arme eines Unbärtigen treibt und aus -Tiefe Nichtswürdigkeiten begehen zu dürfen glaubt? Die Wucht des Wortes, -mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkündete die Abkehr -von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, -die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, daß alles verstehen -alles verzeihen heiße, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, -war jenes »Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit«, auf -welches ein wenig später in einem der Dialoge des Autors ausdrücklich -und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame -Zusammenhänge! War es eine geistige Folge dieser »Wiedergeburt«, -dieser neuen Würde und Strenge, daß man um dieselbe Zeit ein fast -übermäßiges Erstarken seines Schönheitssinnes beobachtete, jene -adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmäßigkeit der Formgebung, -welche seinen Produkten fortan ein so sinnfälliges, ja gewolltes -Gepräge der Meisterlichkeit und Klassizität verlieh? Aber moralische -Entschlossenheit jenseits des Wissens, der auflösenden und hemmenden -Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine -sittliche Vereinfältigung der Welt und der Seele und also auch ein -Erstarken zum Bösen, Verbotenen, zum sittlich Unmöglichen? Und hat -Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich -zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich -aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische -Gleichgültigkeit in sich schließt, ja, wesentlich bestrebt ist, das -Moralische unter ihr stolzes und unumschränktes Szepter zu beugen? - -Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte -nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem -Massenzutrauen einer weiten Öffentlichkeit begleitet wird, als jene, -die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes -vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu -spotten geneigt, wenn ein großes Talent dem libertinischen -Puppenstande entwächst, die Würde des Geistes ausdrucksvoll -wahrzunehmen sich gewöhnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, -die voll unberatener, hart selbständiger Leiden und Kämpfe war und es -zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz, -Genuß ist übrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas -Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs -Vorführungen ein, sein Stil entriet in späteren Jahren der -unmittelbaren Kühnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er -wandelte sich ins Mustergültig-Feststehende, Geschliffen-Herkömmliche, -Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Überlieferung es -von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus -seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, daß die -Unterrichtsbehörde ausgewählte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen -Schullesebücher übernahm. Es war ihm innerlich gemäß, und er lehnte -nicht ab, als ein deutscher Fürst, soeben zum Throne gelangt, dem -Dichter des »Friedrich« zu seinem fünfzigsten Geburtstag den -persönlichen Adel verlieh. - -Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und -dort wählte er frühzeitig München zum dauernden Wohnsitz und lebte -dort in bürgerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen -Einzelfällen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter -mit einem Mädchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer -Glücksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war -ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen. - -Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgröße, brünett, -rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu groß im Verhältnis zu der -fast zierlichen Gestalt. Sein rückwärts gebürstetes Haar, am Scheitel -gelichtet, an den Schläfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine -hohe, zerklüftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bügel einer -Goldbrille mit randlosen Gläsern schnitt in die Wurzel der -gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war groß, oft schlaff, -oft plötzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und -gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende -Schicksale schienen über dies meist leidend seitwärts geneigte Haupt -hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier -jene physiognomische Durchbildung übernommen hatte, welche sonst das -Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren -die blitzenden Repliken des Gesprächs zwischen Voltaire und dem Könige -über den Krieg geboren; diese Augen, müde und tief durch die Gläser -blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjährigen -Krieges gesehen. Auch persönlich genommen ist ja die Kunst ein -erhöhtes Leben. Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie gräbt -in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginärer und geistiger -Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei klösterlicher Stille des -äußeren Daseins, auf die Dauer eine Verwöhntheit, Überfeinerung, -Müdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster -Leidenschaften und Genüsse sie kaum hervorzubringen vermag. - - - - -Drittes Kapitel - - -Mehrere Geschäfte weltlicher und literarischer Natur hielten den -Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in München -zurück. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum -Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und -Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig -Stunden verweilte und sich am nächstfolgenden Morgen nach Pola -einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose, -welches jedoch rasch zu erreichen wäre, und so nahm er Aufenthalt auf -einer seit einigen Jahren gerühmten Insel der Adria, unfern der -istrischen Küste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten -redendem Landvolk und schön zerrissenen Klippenpartien dort, wo das -Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche, -geschlossen österreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes -ruhevoll innigen Verhältnisses zum Meere, das nur ein sanfter, -sandiger Strand gewährt, verdrossen ihn, ließen ihn nicht das -Bewußtsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein -Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte -ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und -auf einmal, zugleich überraschend und selbstverständlich, stand ihm -sein Ziel vor Augen. Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, das -märchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aber -das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte -er reisen wollen. Er säumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kündigen. -Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein -geschwindes Motorboot ihn und sein Gepäck in dunstiger Frühe über die -Wasser in den Kriegshafen zurück, und er ging dort nur an Land, um -sogleich über einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu -beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag. - -Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalität, veraltet, -rußig und düster. In einer höhlenartigen, künstlich erleuchteten Koje -des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes -von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender -Höflichkeit genötigt wurde, saß hinter einem Tische, den Hut schief in -der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein -ziegenbärtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen -Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschäftsgebaren die -Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine -ausstellte. »Nach Venedig!« wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem -er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines -schräg geneigten Tintenfasses stieß. »Nach Venedig erster Klasse! Sie -sind bedient, mein Herr!« Und er schrieb große Krähenfüße, streute aus -einer Büchse blauen Sand auf die Schrift, ließ ihn in eine tönerne -Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern -und schrieb aufs neue. »Ein glücklich gewähltes Reiseziel!« schwatzte -er unterdessen. »Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von -unwiderstehlicher Anziehungskraft für den Gebildeten, ihrer Geschichte -sowohl wie ihrer gegenwärtigen Reize wegen!« Die glatte Raschheit -seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete, -hatten etwas Betäubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der -Reisende möchte in seinem Entschluß, nach Venedig zu fahren, noch -wankend werden. Er kassierte eilig und ließ mit Croupiergewandtheit -den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen. -»Gute Unterhaltung, mein Herr!« sagte er mit schauspielerischer -Verbeugung. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu befördern... Meine Herren!« -rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschäft im -flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung -verlangt hätte. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurück. - -Einen Arm auf die Brüstung gelehnt, betrachtete er das müßige Volk, -das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die -Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Männer und -Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Bündel als Sitze -benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des -ersten Verdecks, Polenser Handelsgehülfen, wie es schien, die sich in -angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie -machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen, -schwatzten, lachten, genossen selbstgefällig das eigene Gebärdenspiel -und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschäften -die Hafenstraße entlang gingen und den Feiernden mit dem Stöckchen -drohten, über das Geländer gebeugt, zungengeläufige Spottreden nach. -Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter -Krawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimme -an Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach -ihn genauer ins Auge gefaßt, als er mit einer Art von Entsetzen -erkannte, daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht -zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der -Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen -Strohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes -Schnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes und -vollzähliges Gebiß, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und -seine Hände, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines -Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner -Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wußten, bemerkten sie nicht, daß er -alt war, daß er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug, -zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverständlich und -gewohnheitsmäßig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte, -behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine -neckischen Rippenstöße. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine -Stirn mit der Hand und schloß die Augen, die heiß waren, da er zu -wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz -gewöhnlich an, als beginne eine träumerische Entfremdung, eine -Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht -Einhalt zu tun wäre, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und -aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch berührte ihn -das Gefühl des Schwimmens, und mit unvernünftigem Erschrecken -aufsehend, gewahrte er, daß der schwere und düstere Körper des -Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer löste. Zollweise, unter dem -Vorwärts-und Rückwärtsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der -Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand, -und nach schwerfälligen Manövern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet -dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite -hinüber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und -ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte. - -Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren -zurückgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen -Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen -von Nässe, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte. -Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen -begann. - -In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schoße, ruhte der Reisende, -und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen -aufgehört; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war -vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die -ungeheure Scheibe des öden Meeres; aber im leeren, ungegliederten -Raume fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit, und wir dämmern im -Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der -Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebärden, -mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er -schlief ein. - -Um Mittag nötigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen -Speisesaal, auf den die Türen der Schlafkojen mündeten, zu Häupten -eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehülfen, -einschließlich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitän -pokulierten, die bestellte Mahlzeit nähme. Sie war armselig, und er -beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen: -ob er denn nicht über Venedig sich erhellen wollte. - -Er hatte nicht anders gedacht, als daß dies geschehen müsse, denn -stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer -blieben trüb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und -er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu -erreichen, als er, zu Lande sich nähernd, je angetroffen hatte. Er -stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er -gedachte des schwermütig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die -Kuppeln und Glockentürme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen -waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an -Ehrfurcht, Glück und Trauer zu maßvollem Gesange geworden, und von -schon gestalteter Empfindung mühelos bewegt, prüfte er sein ernstes -und müdes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein -spätes Abenteuer des Gefühles dem fahrenden Müßiggänger vielleicht -noch vorbehalten sein könne. - -Da tauchte zur Rechten die flache Küste auf, Fischerboote belebten das -Meer, die Bäderinsel erschien, der Dampfer ließ sie zur Linken, glitt -verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt -ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt -er ganz, da die Barke des Sanitätsdienstes erwartet werden mußte. - -Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es -nicht; man hatte keine Eile und fühlte sich doch von Ungeduld -getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von -den militärischen Hornsignalen, die aus der Gegend der öffentlichen -Gärten her über das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom -Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drüben exerzierenden -Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand -den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend -gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die -jugendlich rüstigen Stand zu halten vermocht, er war kläglich -betrunken. Verblödeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden -Fingern, schwankte er, mühsam das Gleichgewicht haltend, auf der -Stelle, vom Rausche vorwärts und rückwärts gezogen. Da er beim ersten -Schritte gefallen wäre, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte -er einen jammervollen Übermut, hielt jeden, der sich ihm näherte, am -Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten, -runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich -zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah -ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefühl von -Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht -zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu -entstellen; ein Gefühl, dem nachzuhängen freilich die Umstände ihn -abhielten, da eben die stampfende Tätigkeit der Maschine aufs neue -begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch -den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder, -den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition -phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken -nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des -Palastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw' und Heiligem am -Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, den -Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, daß -zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine -Hintertür betreten heiße, und daß man nicht anders als wie nun er, als -zu Schiffe, als über das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Städte -erreichen sollte. - -Die Maschine stoppte, Gondeln drängten herzu, die Fallreepstreppe ward -herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres -Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen, -daß er eine Gondel wünsche, die ihn und sein Gepäck zur Station jener -kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido -verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt -sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserfläche hinab, wo -die Gondelführer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch -gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit -Mühsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird. -So sieht er sich minutenlang außerstande, den Zudringlichkeiten des -schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel -antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. »Wir wünschen den -glücklichsten Aufenthalt«, meckert er unter Kratzfüßen. »Man empfiehlt -sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer -Exzellenz!« Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt die -Mundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubt -sich empor. »Unsere Komplimente«, lallt er, zwei Fingerspitzen am -Munde, »unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem -schönsten Liebchen...« Und plötzlich fällt ihm das falsche Obergebiß -vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. »Dem -Liebchen, dem feinen Liebchen«, hörte er in girrenden, hohlen und -behinderten Lauten in seinem Rücken, während er, am Strickgeländer -sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm. - -Wer hätte nicht einen flüchtigen Schauder, eine geheime Scheu und -Beklommenheit zu bekämpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach -langer Entwöhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das -seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommen -und so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge -sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in -plätschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre -und düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man -bemerkt, daß der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz -lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, üppigste, -der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr, -als er zu Füßen des Gondoliers, seinem Gepäck gegenüber, das am -Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die -Ruderer zankten immer noch, rauh, unverständlich, mit drohenden -Gebärden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre -Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkörpern, über der Flut zu zerstreuen. -Es war warm hier im Hafen. Lau angerührt vom Hauch des Scirocco, auf -dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloß der Reisende die -Augen im Genuß einer so ungewohnten als süßen Lässigkeit. Die Fahrt -wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen! In leisem -Schwanken fühlte er sich dem Gedränge, dem Stimmengewirr entgleiten. - -Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das -Plätschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den -Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze -hellebardenartig bewehrt über dem Wasser stand und noch ein Drittes, -ein Reden, ein Raunen,--das Flüstern des Gondoliers, der zwischen den -Zähnen, stoßweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepreßt -waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter -Befremdung gewahrte er, daß um ihn her die Lagune sich weitete und -seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, daß -er nicht allzu sehr ruhen dürfe, sondern auf den Vollzug seines -Willens ein wenig bedacht sein müsse. - ---Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung -rückwärts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort. - ---Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends -umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter -ihm, auf erhöhtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es -war ein Mann von ungefälliger, ja brutaler Physiognomie, seemännisch -blau gekleidet, mit einer gelben Schärpe gegürtet und einen formlosen -Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann, verwegen schief auf -dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart -unter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nicht -italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmächtig von -Leibesbeschaffenheit, so daß man ihn für seinen Beruf nicht sonderlich -geschickt geglaubt hätte, führte er das Ruder, bei jedem Schlage den -ganzen Körper einsetzend, mit großer Energie. Ein paarmal zog er vor -Anstrengung die Lippen zurück und entblößte seine weißen Zähne. Die -rötlichen Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hinweg, indem er -bestimmten, fast groben Tones erwiderte: - ---Sie fahren zum Lido. - -Aschenbach entgegnete: - ---Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San -Marco übersetzen zu lassen. Ich wünsche den Vaporetto zu benutzen. - ---Sie können den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr. - ---Und warum nicht? - ---Weil der Vaporetto kein Gepäck befördert. - -Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die -schroffe, überhebliche, einem Fremden gegenüber so wenig landesübliche -Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte: - ---Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepäck in Verwahrung -geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plätscherte, -das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann -wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zähnen mit sich selbst. - -Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmäßigen, -unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, -seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er übrigens ruhen durfte, wenn -er sich nicht empörte. Hatte er nicht gewünscht, daß die Fahrt lange, -daß sie immer dauern möge? Es war das Klügste, den Dingen ihren Lauf -zu lassen, und es war hauptsächlich höchst angenehm. Ein Bann der -Trägheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen, -schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlägen -des eigenmächtigen Gondoliers in seinem Rücken. Die Vorstellung, einem -Verbrecher in die Hände gefallen zu sein, streifte träumerisch -Aschenbachs Sinn,--unvermögend, seine Gedanken zu tätiger Abwehr -aufzurufen. Verdrießlicher schien die Möglichkeit, daß alles auf -simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefühl oder -Stolz, die Erinnerung gleichsam, daß man dem vorbeugen müsse, -vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte: - ---Was fordern Sie für die Fahrt? - -Und über ihn hinsehend antwortete der Gondolier: - ---Sie werden bezahlen. - -Es stand fest, was hierauf zurückzugeben war. Aschenbach sagte -mechanisch: - ---Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren, -wohin ich nicht will. - ---Sie wollen zum Lido. - ---Aber nicht mit Ihnen. - ---Ich fahre Sie gut. - -Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du -fährst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast -und mich hinterrücks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides -schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen -geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit -musikalischen Wegelagerern, Männern und Weibern, die zur Guitarre, -zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren -und die Stille über den Wassern mit ihrer gewinnsüchtigen -Fremdenpoesie erfüllten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen -Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Flüstern des -Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stoßweise und abgerissen mit -sich selber sprach. - -So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt -fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Hände auf dem Rücken, -die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab. -Aschenbach verließ am Stege die Gondel, unterstützt von jenem Alten, -der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle -ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinüber in das -der Dampferbrücke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den -Ruderer nach Gutdünken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er -kehrt zurück, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und -Gondel und Gondolier sind verschwunden. - ---Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein -schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnädiger Herr. Er ist der -einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben -hierher telephoniert. Er sah, daß er erwartet wurde. Da hat er sich -fortgemacht. - -Aschenbach zuckte die Achseln. - ---Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin. -Aschenbach warf Münzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepäck ins -Bäder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die -weißblühende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden -Seiten, quer über die Insel zum Strande läuft. - -Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus -und begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office. Da -er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverständnis -empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd höflicher -Mann mit schwarzem Schnurrbart und in französisch geschnittenem -Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies -ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz möblierten Raum, -den man mit starkduftenden Blumen geschmückt hatte und dessen hohe -Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewährten. Er trat an eines -davon, nachdem der Angestellte sich zurückgezogen, und während man -hinter ihm sein Gepäck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte, -blickte er hinaus auf den nachmittäglich menschenarmen Strand und die -unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in -ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte. - -Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich -verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine -Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von -Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem -Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun wären, beschäftigen -ihn über Gebühr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam, -Erlebnis, Abenteuer, Gefühl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das -gewagt und befremdend Schöne, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber -auch das Verkehrte, das Unverhältnismäßige, das Absurde und -Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der -gräßliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpönte, -um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemüt des -Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne -eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch -grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl -eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen grüßte er das Meer mit den -Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu -wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das -Zimmermädchen einige Anordnungen zur Vervollständigung seiner -Bequemlichkeit und ließ sich von dem grün gekleideten Schweizer, der -den Lift bediente, ins Erdgeschoß hinunterfahren. - -Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und -verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf -das Hotel Excelsior. Als er zurückkehrte, schien es schon an der -Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau, -nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewöhnt war, und -fand sich trotzdem ein wenig verfrüht in der Halle ein, wo er einen -großen Teil der Hotelgäste, fremd untereinander und in gespielter -gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung -des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, ließ -sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die -sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen -Weise unterschied. - -Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf. -Gedämpft, vermischten sich die Laute der großen Sprachen. Der -weltgültige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, faßte äußerlich -die Spielarten des Menschlichen zu anständiger Einheit zusammen. Man -sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige -russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit französischen -Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der -Nähe ward polnisch gesprochen. - -Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer -Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei -junge Mädchen, fünfzehn-bis siebzehnjährig, wie es schien, und ein -langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen -bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war. Sein -Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar -umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem -Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische -Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war -es von so einmalig-persönlichem Reiz, daß der Schauende weder in Natur -noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben -glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsätzlicher Kontrast -zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die -Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung -der drei Mädchen, von denen die Älteste für erwachsen gelten konnte, -war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmäßig -klösterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nüchtern und gewollt -unkleidsam von Schnitt, mit weißen Fallkrägen als einziger Aufhellung, -unterdrückte und verhinderte jede Gefälligkeit der Gestalt. Das glatt -und fest an den Kopf geklebte Haar ließ die Gesichter nonnenhaft leer -und nichtssagend erscheinen. Gewiß, es war eine Mutter, die hier -waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die -pädagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Mädchen gegenüber geboten -schien. Weichheit und Zärtlichkeit bestimmten ersichtlich seine -Existenz. Man hatte sich gehütet, die Schere an sein schönes Haar zu -legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über die -Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm, -dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen -Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten, -verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten -Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen den -Betrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den andern -gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels -gestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer -Haltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete -Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. War -er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbein -gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er -einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer -Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem -Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren, -Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer -Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen. - -Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, daß die Mahlzeit -bereit sei. Allmählich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastür -in den Speisesaal. Nachzügler, vom Vestibül, von den Lifts kommend, -gingen vorüber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die -jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in -tiefem Sessel behaglich aufgehoben und übrigens das Schöne vor Augen, -wartete mit ihnen. - -Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem -Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen -Brauen schob sie ihren Stuhl zurück und verneigte sich, als eine große -Frau, grau-weiß gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmückt, die -Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kühl und gemessen, die -Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres -Kleides von jener Einfachheit, die überall da den Geschmack bestimmt, -wo Frömmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie hätte die -Frau eines hohen deutschen Beamten sein können. Etwas von -phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren -Schmuck, der in der Tat kaum schätzbar war und aus Ohrgehängen, sowie -einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengroßer, mild schimmernder -Perlen bestand. - -Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuß -über die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurückhaltenden Lächeln -ihres gepflegten, doch etwas müden und spitznäsigen Gesichtes über -ihre Köpfe hinwegblickte und einige Worte in französischer Sprache an -die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastür. Die Geschwister -folgten ihr: die Mädchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen -die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er -sich um, bevor er die Schwelle überschritt, und da niemand sonst mehr -in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentümlich dämmergrauen -Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in -Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte. - -Was er gesehen, war gewiß in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man -war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet, -sie ehrerbietig begrüßt und beim Eintritt in den Saal gebräuchliche -Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdrücklich, mit -einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung -dargestellt, daß Aschenbach sich sonderbar ergriffen fühlte. Er -zögerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den -Speisesaal hinüber und ließ sich sein Tischchen anweisen, das, wie er -mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem -der polnischen Familie entfernt war. - -Müde und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich während der -langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann -nach über die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmäßige mit -dem Individuellen eingehen müsse, damit menschliche Schönheit -entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der -Kunst und fand am Ende, daß seine Gedanken und Funde gewissen -scheinbar glücklichen Einflüsterungen des Traumes glichen, die sich -bei ernüchtertem Sinn als vollständig schal und untauglich erweisen. -Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem -abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die -Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich -belebtem Schlaf. - -Das Wetter ließ sich am folgenden Tage nicht günstiger an. Landwind -ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe, -verschrumpft gleichsam, mit nüchtern nahem Horizont und so weit vom -Strande zurückgetreten, daß es mehrere Reihen langer Sandbänke -freiließ. Als Aschenbach sein Fenster öffnete, glaubte er den fauligen -Geruch der Lagune zu spüren. - -Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an -Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Frühlingswochen -hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer -geschädigt, daß er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen müssen. -Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck -in den Schläfen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den -Aufenthalt zu wechseln würde lästig sein; wenn aber der Wind nicht -umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit -nicht völlig aus. Um neun Uhr frühstückte er in dem hierfür -vorbehaltenen Büfettzimmer zwischen Halle und Speisesaal. - -In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der -großen Hotels gehört. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen -umher. Ein Klappern des Teegerätes, ein halbgeflüstertes Wort war -alles, was man vernahm. In einem Winkel, schräg gegenüber der Tür und -zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen -Mädchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu -geglättet und mit geröteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern -mit kleinen weißen Fallkrägen und Manschetten saßen sie da und -reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem -Frühstück fast fertig. Der Knabe fehlte. - -Aschenbach lächelte. Nun kleiner Phäake! dachte er. Du scheinst vor -diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu genießen. Und plötzlich -aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers: - -»Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.« - -Er frühstückte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit -gezogener Tressenmütze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und -öffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, daß -er dem Eintritt des Langschläfers noch beiwohnte, den man dort drüben -erwartete. - -Er kam durch die Glastür und ging in der Stille schräg durch den Raum -zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des -Oberkörpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des -weißbeschuhten Fußes von außerordentlicher Anmut, sehr leicht, -zugleich zart und stolz und verschönt noch durch die kindliche -Verschämtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung -in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Lächelnd, mit einem -halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen -Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil -zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak über die wahrhaft -gottähnliche Schönheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen -leichten Blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem Waschstoff mit -rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen -weißen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht -einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte, -ruhte die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt -des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und -ernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden -Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt. - -Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmännisch kühlen Billigung, -in welche Künstler zuweilen einem Meisterwerk gegenüber ihr Entzücken, -ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig, -erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du -bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des -Personals durch die Halle, die große Terrasse hinab und gerade aus -über den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgäste. Er ließ -sich von dem barfüßigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse -und Strohhut dort unten als Bademeister tätig zeigte, die gemietete -Strandhütte zuweisen, ließ Tisch und Sessel hinaus auf die sandig -bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem -Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand -gezogen hatte. - -Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich genießender Kultur am -Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war -die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern, -bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschränkt, auf den -Sandbänken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen -Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der -Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden saß, gab -es spielende Bewegung und träg hingestreckte Ruhe, Besuche und -Geplauder, sorgfältige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die -keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoß. Vorn auf dem feuchten -und festen Sande lustwandelten Einzelne in weißen Bademänteln, in -weiten, starkfarbigen Hemdgewändern. Eine vielfältige Sandburg zur -Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den -Farben aller Länder besteckt. Verkäufer von Muscheln, Kuchen und -Früchten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Hütten, -die quer zur Reihe der übrigen und zum Meere standen und auf dieser -Seite einen Abschluß des Strandes bildeten, kampierte eine russische -Familie: Männer mit Bärten und großen Zähnen, mürbe und träge Frauen, -ein baltisches Fräulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen -der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmütig-häßliche Kinder, eine -alte Magd im Kopftuch und mit zärtlich unterwürfigen Sklavenmanieren. -Dankbar genießend lebten sie dort, riefen unermüdlich die Namen der -unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger -italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie -Zuckerwerk kauften, küßten einander auf die Wangen und kümmerten sich -um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft. - -Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wäre es besser? Und die -Hände im Schoß gefaltet, ließ er seine Augen sich in den Weiten des -Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen -im eintönigen Dunst der Raumeswüste. Er liebte das Meer aus tiefen -Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der -von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des -Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, -seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischen -Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. Am -Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das -Vortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form des -Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, ward -plötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen -Gestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten -einholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von links -kommend vor ihm im Sande vorüberging. Er ging barfuß, zum Waten -bereit, die schlanken Beine bis über die Knie entblößt, langsam, aber -so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz -gewöhnt, und schaute sich nach den querstehenden Hütten um. Kaum aber -hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer -Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein -Gesicht überzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward -emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes -Zerren, daß die Wange zerriß, und seine Brauen waren so schwer -gerunzelt, daß unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und -böse und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses führten. Er -blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurück, tat dann mit der -Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und ließ die Feinde im -Rücken. - -Eine Art Zartgefühl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham, -veranlaßte Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen -hätte; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt -es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu -machen. Er war aber erheitert und erschüttert zugleich, das heißt: -beglückt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmütigste -Stück Leben,--er stellte das Göttlich-Nichtssagende in menschliche -Beziehungen; er ließ ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur -Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen; -und er verlieh der ohnehin durch Schönheit bedeutenden Gestalt des -Halbwüchsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn -über seine Jahre ernst zu nehmen. - -Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine -helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den -um die Sandburg beschäftigten Gespielen grüßend anzukündigen suchte. -Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform -seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer -gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu können, als zwei -melodische Silben wie »Adgio« oder öfter noch »Adgiu« mit rufend -gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in -seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen -und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu. - -Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem -Füllfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach -einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die -genießenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch -gleichgültige Tätigkeit zu versäumen. Er warf das Schreibzeug -beiseite, er kehrte zum Meere zurück, und nicht lange, so wandte er, -abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an -der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und -Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun. - -Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht -zu verfehlen. Mit anderen beschäftigt, eine alte Planke als Brücke -über den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit -dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit -ihm ungefähr zehn Genossen, Knaben und Mädchen, von seinem Alter und -einige jünger, die in Zungen, polnisch, französisch und auch in -Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am -öftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer -namentlich, Pole gleich ihm, ein stämmiger Bursche, der ähnlich wie -»Jaschu« gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem -Gürtelanzug, schien sein nächster Vasall und Freund. Sie gingen, als -für diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand -entlang, und der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, küßte den Schönen. - -Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. »Dir aber rat -ich Kritobulos«, dachte er lächelnd, »geh ein Jahr auf Reisen! Denn -soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung.« Und dann frühstückte -er große, vollreife Erdbeeren, die er von einem Händler erstand. Es -war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des -Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Trägheit fesselte den Geist, -indes die Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung der -Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei, -der ungefähr »Adgio« lautete, schien dem ernsten Mann eine -angemessene, vollkommen ausfüllende Aufgabe und Beschäftigung. Und mit -Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, daß »Tadzio« -gemeint sein müsse, die Abkürzung von »Tadeusz« und im Anrufe »Tadziu« -lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren -hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, -weit draußen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. -Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach -ihm von den Hütten, stießen wiederum diesen Namen aus, der den Strand -beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten, -seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süßes und Wildes hatte: -»Tadziu, Tadziu!« Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit -den Beinen zu Schaum schlagend, zurückgeworfenen Kopfes durch die -Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und -herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend -aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: -Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie -Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von -der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf -diesen in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, daß -es hier gut sei und daß er bleiben wolle. - -Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in sein -weißes Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den -Kopf auf den bloßen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht -betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergaß er fast -niemals, daß jener dort lag und daß es ihn nur eine leichte Wendung -des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu -erblicken. Beinahe schien es ihm, als säße er hier, um den Ruhenden zu -behüten,--mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch in -beständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten, -nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung -dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die -Schönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz. - -Nach Mittag verließ er den Strand, kehrte ins Hotel zurück und ließ -sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen längere -Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein müdes und -scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und -daran, daß Viele ihn auf den Straßen kannten und ehrerbietig -betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekrönten -Wortes willen,--rief alle, äußeren Erfolge seines Talentes auf, die -ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung. -Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem -Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, drängte -junges Volk, das gleichfalls vom Frühstück kam, ihm nach in das -schwebende Kämmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe -bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, daß dieser ihn nicht in -bildmäßigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner -Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von -irgend jemandem, und während er mit unbeschreiblich lieblichem Lächeln -antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rückwärts, -mit niedergeschlagenen Augen. Schönheit macht schamhaft, dachte -Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch -bemerkt, daß Tadzios Zähne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig -und blaß, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentümlich spröder -Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsüchtigen. Er ist sehr zart, -er ist kränklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt -werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft über ein Gefühl -der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken -begleitete. - -Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag -mit dem Vaporetto über die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg -aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner -hiesigen Tagesordnung gemäß, einen Spaziergang durch die Straßen an. -Es war jedoch dieser Gang, der einen völligen Umschwung seiner -Stimmung, seiner Entschlüsse herbeiführte. - -Eine widerliche Schwüle lag in den Gassen, die Luft war so dick, daß -die Gerüche, die aus Wohnungen, Läden, Garküchen quollen, Öldunst, -Wolken von Parfüm und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu -zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur -langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belästigte den -Spaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, desto -quälender bemächtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die -Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich -Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. Die -Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das -Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschäftsgassen über -Brücken in die Gänge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die -üblen Ausdünstungen der Kanäle verleideten das Atmen. Auf stillem -Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Örtlichkeiten, -die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend, -trocknete er die Stirn und sah ein, daß er reisen müsse. - -Zum zweitenmal und nun endgültig war es erwiesen, daß diese Stadt bei -dieser Witterung ihm höchst schädlich war. Eigensinniges Ausharren -erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes -ganz ungewiß. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause -zurückzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war -bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand, -und anderwärts fanden sie sich ohne die böse Zutat der Lagune und -ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht -weit von Triest, das man ihm rühmlich genannt hatte. Warum nicht -dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel -sich noch lohne. Er erklärte sich für entschlossen und stand auf. Am -nächsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und ließ sich durch das -trübe Labyrinth der Kanäle, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die -von Löwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an -trauernden Palastfassaden, die große Firmenschilder im Abfall -schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mühe, -dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und -Glasbläsereien im Bunde stand, versuchte überall, ihn zu Besichtigung -und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig -ihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderische -Geschäftsgeist der gesunkenen Königin das seine, den Sinn wieder -verdrießlich zu ernüchtern. - -Ins Hotel zurückgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die -Erklärung ab, daß unvorhergesehene Umstände ihn nötigten, morgen früh -abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste -und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem -Schaukelstuhl auf der rückwärtigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging, -machte er sein Gepäck vollkommen zur Abreise fertig. - -Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn -beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster öffnete, war der Himmel -bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann -auch schon seine Reue. War diese Kündigung nicht überstürzt und -irrtümlich, die Handlung eines kranken und unmaßgeblichen Zustandes -gewesen? Hätte er sie ein wenig zurückbehalten, hätte er es, ohne so -rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die -venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so -stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich -dem gestrigen bevor. Zu spät. Nun mußte er fortfahren, zu wollen, was -er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum -Frühstück ins Erdgeschoß hinab. - -Der Büfettraum war, als er eintrat, noch leer von Gästen. Einzelne -kamen, während er saß und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am -Munde, sah er die polnischen Mädchen nebst ihrer Begleiterin sich -einfinden; streng und morgenfrisch, mit geröteten Augen schritten sie -zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf näherte sich ihm der -Portier mit gezogener Mütze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil -stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu -bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal -der Gesellschaft zum Bahnhof befördern werde. Die Zeit dränge. ---Aschenbach fand, daß sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine -Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er ärgerte sich an der -Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und -bedeutete dem Portier, daß er in Ruhe zu frühstücken wünsche. Der Mann -zog sich zögernd zurück, um nach fünf Minuten wieder aufzutreten. -Unmöglich, daß der Wagen länger warte. Dann möge er fahren und seinen -Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur -gegebenen Zeit das öffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge -um sein Fortkommen ihm selber zu überlassen. Der Angestellte verbeugte -sich. Aschenbach, froh, die lästigen Mahnungen abgewehrt zu haben, -beendete seinen Imbiß ohne Eile, ja ließ sich sogar noch vom Kellner -Tagesblätter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er -aufstand. Es fügte sich, daß im selben Augenblick Tadzio durch die -Glastür hereinkam. - -Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden, -schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen -nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und -voll zu ihm aufzuschlagen und war vorüber. Adieu, Tadzio! dachte -Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das -Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach, -fügte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte -Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im französischen -Gehrock verabschiedet und verließ das Hotel zu Fuß, wie er gekommen, -um sich, gefolgt von dem Handgepäck tragenden Hausdiener, durch die -weiß blühende Allee quer über die Insel zur Dampferbrücke zu begeben. -Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine -Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue. - -Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei, den -großen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf der Rundbank am Buge, den Arm -aufs Geländer gestützt, mit der Hand die Augen beschattend. Die -öffentlichen Gärten blieben zurück, die Piazzetta eröffnete sich noch -einmal in fürstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die große -Flucht der Paläste, und als die Wasserstraße sich wendete, erschien -des Rialto prächtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende -schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt, -diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn -so sehr gedrängt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlich -schmerzlichen Zügen. War es möglich, daß er nicht gewußt, nicht -bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen -ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns -gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer -Seelennot, so bitter, daß sie ihm mehrmals Tränen in die Augen trieb, -und von der er sich sagte, daß er sie unmöglich habe vorhersehen -können. Was er als so schwer erträglich, ja, zuweilen als völlig -unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, daß er Venedig nie -wieder sehen solle, daß dies ein Abschied für immer sei. Denn da sich -zum zweiten Male gezeigt hatte, daß die Stadt ihn krank mache, da er -sie zum zweiten Male jäh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie -ja fortan als einen ihm unmöglichen und verbotenen Aufenthalt zu -betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen -sinnlos gewesen wäre. Ja, er empfand, daß, wenn er jetzt abreise, -Scham und Trotz ihn hindern müßten, die geliebte Stadt je wieder zu -sehen, der gegenüber er zweimal körperlich versagt hatte; und dieser -Streitfall zwischen seelischer Neigung und körperlichem Vermögen -schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische -Niederlage so schmählich, so um jeden Preis hintanzuhalten, daß er die -leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne -ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte. - -Unterdessen nähert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz -und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise dünkt dem -Gequälten unmöglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen -betritt er die Station. Es ist sehr spät, er hat keinen Augenblick zu -verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es -nicht. Aber die Zeit drängt, sie geißelt ihn vorwärts; er eilt, sich -sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach -dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch -zeigt sich und meldet, der große Koffer sei aufgegeben. Schon -aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem -hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten -kommt zu Tage, daß der Koffer, schon im Gepäckbeförderungs-Amt des -Hotels »Excelsior« zusammen mit anderer, fremder Bagage, in völlig -falsche Richtung geleitet wurde. - -Aschenbach hatte Mühe, die Miene zu bewahren, die unter diesen -Umständen einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine -unglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seine -Brust. Der Angestellte stürzte davon, um möglicherweise den Koffer -noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter -Dinge zurück. Da erklärte denn Aschenbach, daß er ohne sein Gepäck -nicht zu reisen wünsche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen -des Stückes im Bäderhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das -Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte, -es liege vor der Tür. Er bestimmte in italienischer Suade den -Schalterbeamten, den gelösten Fahrschein zurückzunehmen, er schwor, -daß depeschiert werden, daß nichts gespart und versäumt werden solle, -um den Koffer in Bälde zurückzugewinnen, und--so fand das Seltsame -statt, daß der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am -Bahnhof, sich wieder im Großen Kanal auf dem Rückweg zum Lido sah. - -Wunderlich unglaubhaftes, beschämendes, komisch traumartiges -Abenteuer: Stätten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf -immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurückverschlagen, in -derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig -behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoß das kleine, -eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der -Maske ärgerlicher Resignation die ängstlich-übermütige Erregung eines -entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine -Brust bewegt von Lachen über dies Mißgeschick, das, wie er sich sagte, -ein Sonntagskind nicht gefälliger hätte heimsuchen können. Es waren -Erklärungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so -sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglück verhütet, ein -schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zu -lassen geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebige -Zeit wieder sein... Täuschte ihn übrigens die rasche Fahrt oder kam -wirklich zum Überfluß der Wind nun dennoch vom Meere her? - -Die Wellen schlugen gegen die betonierten Wände des schmalen Kanals, -der durch die Insel zum Hotel »Excelsior« gelegt ist. Ein automobiler -Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und führte ihn oberhalb des -gekräuselten Meeres auf geradem Wege zum Bäder-Hotel. Der kleine -schnurrbärtige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begrüßung die -Freitreppe herab. - -Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn äußerst -peinlich für ihn und das Institut, billigte aber mit Überzeugung -Aschenbachs Entschluß, das Gepäckstück hier zu erwarten. Freilich sei -sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich -zur Verfügung. »Pas de chance, monsieur«, sagte der schweizerische -Liftführer lächelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Flüchtling -wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und -Einrichtung fast vollkommen glich. - -Ermüdet, betäubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, ließ er -sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in -einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine -blaßgrüne Färbung angenommen, die Luft schien dünner und reiner, der -Strand mit seinen Hütten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch -grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hände im Schoß gefaltet, -zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschüttelnd unzufrieden über seinen -Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wünsche. So saß er wohl eine -Stunde, ruhend und gedankenlos träumend. Um Mittag erblickte er -Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere -her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel -zurückkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Höhe sofort, bevor er -ihn eigentlich ins Auge gefaßt, und wollte etwas denken, wie: »Sieh, -Tadzio, da bist ja auch du wieder!« Aber im gleichen Augenblick fühlte -er, wie der lässige Gruß vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und -verstummte,--fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den -Schmerz seiner Seele und erkannte, daß ihm um Tadzios willen der -Abschied so schwer geworden war. - -Er saß ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte -in sich hinein. Seine Züge waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein -aufmerksames, neugierig geistreiches Lächeln spannte seinen Mund. Dann -hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff über die Lehne des -Sessels hinabhängenden Armen eine langsam drehende und hebende -Bewegung, die Handflächen vorwärts kehrend, so, als deute er ein -Öffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen -heißende, gelassen aufnehmende Gebärde. - - - - -Viertes Kapitel - - -Nun lenkte Tag für Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein -gluthauchendes Viergespann durch die Räume des Himmels und sein gelbes -Gelock flatterte im zugleich ausstürmenden Ostwind. Weißlich seidiger -Glanz lag auf den Weiten des träge wallenden Pontos. Der Sand glühte. -Unter der silbrig flirrenden Bläue des Äthers waren rostfarbene -Segeltücher vor den Strandhütten ausgespannt, und auf dem scharf -umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die -Vormittagsstunden. Aber köstlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen -des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen -schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise -heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die -freudige Gewähr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Muße und -geschmückt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Möglichkeiten -lieblichen Zufalls. - -Der Gast, den ein so gefügiges Mißgeschick hier festgehalten, war weit -entfernt, in der Rückgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem -Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden -und zu den Mahlzeiten im großen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen -müssen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem -Zimmer niedersetzte, packte er gründlich aus und füllte Schrank und -Schubfächer mit dem Seinen, entschlossen zu vorläufig unabsehbarem -Verweilen, vergnügt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug -verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an -seinem Tischchen zeigen zu können. - -Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann -gezogen, die weiche und glänzende Milde dieser Lebensführung ihn rasch -berückt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines -gepflegten Badelebens an südlichem Strande mit der traulich bereiten -Nähe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte -nicht den Genuß. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu -pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich -in jüngeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen -zurück in die hohe Mühsal, den heilig nüchternen Dienst seines -Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen, -machte ihn glücklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch -seiner Hütte, hinträumend über die Bläue des Südmeers, oder bei lauer -Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom -Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem groß gestirnten -Himmel heimwärts zum Lido führte--und die bunten Lichter, die -schmelzenden Klänge der Serenade blieben zurück,--erinnerte er sich -seines Landsitzes in den Bergen, der Stätte seines sommerlichen -Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fürchterliche -Gewitter am Abend das Licht des Hauses löschten und die Raben, die er -fütterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es -ihm wohl, als sei er entrückt ins elysische Land, an die Grenzen der -Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee -ist und Winter noch Sturm und strömender Regen, sondern immer sanft -kühlenden Anhauch Okeanos aufsteigen läßt und in seliger Muße die Tage -verrinnen, mühelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen -geweiht. - -Viel, fast beständig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein -beschränkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit -sich, daß der Schöne ihm tagüber mit kurzen Unterbrechungen nahe war. -Er sah, er traf ihn überall: in den unteren Räumen des Hotels, auf den -kühlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurück, im Gepränge des -Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der -Zufall ein Übriges tat. Hauptsächlich aber und mit der glücklichsten -Regelmäßigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte -Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja, -diese Gebundenheit des Glückes, diese täglich-gleichmäßig wieder -anbrechende Gunst der Umstände war es so recht, was ihn mit -Zufriedenheit und Lebensfreude erfüllte, was ihm den Aufenthalt teuer -machte und einen Sonnentag so gefällig hinhaltend sich an den anderen -reihen ließ. - -Er war früh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor -den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiß -blendend in Morgenträumen lag. Er grüßte menschenfreundlich den -Wächter der Sperre, grüßte auch vertraulich den barfüßigen Weißbart, -der ihm die Stätte bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die -Möbel der Hütte hinaus auf die Plattform gerückt hatte, und ließ sich -nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur -Höhe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und -tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte. - -Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von -rückwärts zwischen den Hütten hervortreten oder fand auch wohl -plötzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, daß er sein Kommen -versäumt und daß er schon da war, schon in dem blau und weißen -Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein -gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies -lieblich nichtige, müßig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein -Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht, -berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen -Namen ertönen ließen: »Tadziu! Tadziu!« und zu denen er mit eifrigem -Gebärdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzählen, was er erlebt, ihnen -zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen -und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von -dem, was er sagte, und mochte es das Alltäglichste sein, es war -verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben -Rede zur Musik, eine übermütige Sonne goß verschwenderischen Glanz -über ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner -Erscheinung Folie und Hintergrund. - -Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen, -so frei sich darstellenden Körpers, begrüßte freudig jede schon -vertraute Schönheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten -Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begrüßen, der -den Frauen bei der Hütte aufwartete; er lief herbei, lief naß -vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand -reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuß auf die Zehenspitzen -gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Körpers, -anmutig spannungsvoll, verschämt aus Liebenswürdigkeit, gefallsüchtig -aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust -geschlungen, den zart gemeißelten Arm in den Sand gestützt, das Kinn -in der hohlen Hand; der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, saß kauernd -bei ihm und tat ihm schön, und nichts konnte bezaubernder sein, als -das Lächeln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem -Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein, -abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Hände -im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fußballen schaukelnd, und -träumte ins Blaue, während kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen -badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die -Schläfen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen -Rückgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmaß der Brust -traten durch die knappe Umhüllung des Rumpfes hervor, seine -Achselhöhlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen -glänzten, und ihr bläuliches Geäder ließ seinen Körper wie aus -klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche -Präzision des Gedankens war ausgedrückt in diesem gestreckten und -jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch, -der, dunkel tätig, dies göttliche Bildwerk ans Licht zu treiben -vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Künstler, bekannt und vertraut? -Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll, -aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im -Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger -Schönheit den Menschen darstellte? - -Standbild und Spiegel! Seine Augen umfaßten die edle Gestalt dort am -Rande des Blauen, und in aufschwärmendem Entzücken glaubte er mit -diesem Blick das Schöne selbst zu begreifen, die Form als -Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt -und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold -zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich, -ja gierig, hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist -kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warf uralte, -seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer -belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, daß die Sonne unsere -Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge -wendet? Sie betäube und bezaubere, hieß es, Verstand und Gedächtnis, -dergestalt, daß die Seele vor Vergnügen ihres eigentlichen Zustandes -ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schönsten der -besonnten Gegenstände hängen bleibe: ja, nur mit Hülfe eines Körpers -vermöge sie dann noch zu höherer Betrachtung sich zu erheben. Amor -fürwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfähigen Kindern -greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der -Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt -und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit -allem Abglanz der Schönheit schmückte und bei deren Anblick wir dann -wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten. - -So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus -Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild. -Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener -heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblüten erfüllte Ort, den -Weihbilder und fromme Gaben schmückten zu Ehren der Nymphen und des -Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Füßen des breitgeästeten Baums -über glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft -abfiel, so, daß man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten -Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Ältlicher und ein -Junger, ein Häßlicher und ein Schöner, der Weise beim Liebenswürdigen. -Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte -Sokrates den Phaidros über Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem -heißen Erschrecken, das der Fühlende leidet, wenn sein Auge ein -Gleichnis der ewigen Schönheit erblickt; sprach ihm von den Begierden -des Weihelosen und Schlechten, der die Schönheit nicht denken kann, -wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht fähig ist; sprach -von der heiligen Angst, die den Edlen befällt, wenn ein gottgleiches -Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und -außer sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der -die Schönheit hat, ja, ihm opfern würde, wie einer Bildsäule, wenn er -nicht fürchten müßte, den Menschen närrisch zu scheinen. Denn die -Schönheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswürdig und sichtbar -zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen, -welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen können. Oder was -würde aus uns, wenn das Göttliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und -Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Würden wir nicht vergehen -und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die -Schönheit der Weg des Fühlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel -nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der -verschlagene Hofmacher: Dies, daß der Liebende göttlicher sei, als der -Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen -zärtlichsten, spöttischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht -ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht -entspringt. Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz -Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein -pulsender Gedanke, solch genaues Gefühl gehörte und gehorchte dem -Einsamen damals: nämlich, daß die Natur vor Wonne erschaure, wenn der -Geist sich huldigend vor der Schönheit neige. Er wünschte plötzlich, -zu schreiben. Zwar liebt Eros, heißt es, den Müßiggang, und für -solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war -die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast -gleichgültig der Anlaß. Eine Frage, eine Anregung, über ein gewisses -großes und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich -bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und -bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm geläufig, war -ihm Erlebnis; sein Gelüst, ihn im Licht seines Wortes erglänzen zu -lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen -dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des -Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Körpers -folgen zu lassen, der ihm göttlich schien, und seine Schönheit ins -Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Äther -trug. Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewußt, -daß Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden, -in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im -Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios -Schönheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener -Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung -binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher -gut, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge, -nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der -Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würde sie oftmals -verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen -aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Mühe! Seltsam -zeugender Verkehr des Geistes mit einem Körper! Als Aschenbach seine -Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fühlte er sich erschöpft, -ja zerrüttet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer -Ausschweifung Klage führe. - -Es war am folgenden Morgen, daß er, im Begriff das Hotel zu verlassen, -von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum -Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre näherte. Der -Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem, -der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte, -heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort, -seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und drängte sich auf. Der Schöne -ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte -seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den -Hütten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und -irgend ein Wort, eine freundliche französische Phrase schwebt ihm auf -den Lippen: da fühlt er, daß sein Herz, vielleicht auch vom schnellen -Gang, wie ein Hammer schlägt, daß er, so knapp bei Atem, nur gepreßt -und bebend wird sprechen können; er zögert, er sucht sich zu -beherrschen, er fürchtet plötzlich, schon zu lange dicht hinter dem -Schönen zu gehen, fürchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes -Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht -gesenkten Hauptes vorüber. - -Zu spät! dachte er in diesem Augenblick. Zu spät! Jedoch war es zu -spät? Dieser Schritt, den zu tun er versäumte, er hätte sehr -möglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer -Ernüchterung geführt. Allein es war wohl an dem, daß der Alternde die -Ernüchterung nicht wollte, daß der Rausch ihm zu teuer war. Wer -enträtselt Wesen und Gepräge des Künstlertums! Wer begreift die tiefe -Instinktverschmelzung von Zucht und Zügellosigkeit, worin es beruht! -Denn heilsame Ernüchterung nicht wollen zu können, ist Zügellosigkeit. -Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack, -die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und späte -Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggründe zu zergliedern und -zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwäche -sein Vorhaben nicht ausgeführt habe. Er war verwirrt, er fürchtete, -daß irgend jemand, wenn auch der Strandwächter nur, seinen Lauf, seine -Niederlage beobachtet haben möchte, fürchtete sehr die Lächerlichkeit. -Im übrigen scherzte er bei sich selbst über seine komisch-heilige -Angst. »Bestürzt«, dachte er, »bestürzt wie ein Hahn, der angstvoll -seine Flügel im Kampfe hängen läßt. Das ist wahrlich der Gott, der -beim Anblick des Liebenswürdigen so unseren Mut bricht und unsern -stolzen Sinn so gänzlich zu Boden drückt...« Er spielte, schwärmte und -war viel zu hochmütig, um ein Gefühl zu fürchten. - -Schon überwachte er nicht mehr den Ablauf der Mußezeit, die er sich -selber gewährt; der Gedanke an Heimkehr berührte ihn nicht einmal. Er -hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig -der möglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der -Hand, durch beiläufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren, -daß diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier -abgestiegen seien. Die Sonne bräunte ihm Antlitz und Hände, der -erregende Salzhauch stärkte ihn zum Gefühl, und wie er sonst jede -Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an -ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so ließ er nun alles, was Sonne, -Muße und Meerluft ihm an täglicher Kräftigung zuführten, -hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung. - -Sein Schlaf war flüchtig; die köstlich einförmigen Tage waren getrennt -durch kurze Nächte voll glücklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig -zurück, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war, -schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein -zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines -Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und -leicht eingehüllt gegen die Schauer der Frühe setzte er sich ans -offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle -Ereignis erfüllte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch -lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Dämmerblässe; noch -schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine -beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplätzen, daß Eos sich von der -Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, süße Erröten der fernsten -Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden -der Schöpfung sich anzeigt. Die Göttin nahte, die -Jünglingsentführerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem -Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schönen Orion genoß. -Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsäglich holdes -Scheinen und Blühen, kindliche Wolken, verklärt, durchleuchtet, -schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, bläulichen Duft, -Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwärts zu schwemmen -schien, goldene Speere zuckten von unten zur Höhe des Himmels hinauf, -der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit göttlicher Übergewalt wälzten -sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden -Hufen stiegen des Bruders heilige Renner über den Erdkreis empor. -Angestrahlt von der Pracht des Gottes saß der Einsam-Wache, er schloß -die Augen und ließ von der Glorie seine Lider küssen. Ehemalige -Gefühle, frühe, köstliche Drangsale des Herzens, die im strengen -Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt -zurückkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Lächeln. -Er sann, er träumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und -noch immer lächelnd, mit aufwärts gekehrtem Antlitz, die Hände im -Schöße gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal. - -Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam -gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der -auf einmal so sanft und bedeutend, höherer Einflüsterung gleich, -Schläfe und Ohr umspielte? Weiße Federwölkchen standen in verbreiteten -Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Götter. Stärkerer Wind -erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich bäumend, daher, -Stiere auch wohl, dem Bläulichgelockten gehörig, welche mit Brüllen -anrennend die Hörner senkten. Zwischen dem Felsengeröll des -entfernteren Strandes jedoch hüpften die Wellen empor als springende -Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloß den -Berückten ein, und sein Herz träumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn -hinter Venedig die Sonne sank, saß er auf einer Bank im Park, um -Tadzio zuzuschauen, der sich, weiß gekleidet und farbig gegürtet, auf -dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnügte, und Hyakinthos war -es, den er zu sehen glaubte, und der sterben mußte, weil zwei Götter -ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den -Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergaß, um -immer mit dem Schönen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von -grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing, -erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem süßen -Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage... - -Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhältnis von Menschen, die -sich nur mit den Augen kennen,--die täglich, ja stündlich einander -begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgültiger Fremdheit -grußlos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene -Grille genötigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und überreizte -Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatürlich unterdrückten -Erkenntnis-und Austauschbedürfnisses und namentlich auch eine Art von -gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so -lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein -Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis. - -Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft mußte sich notwendig ausbilden -zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender -Freude konnte der Ältere feststellen, daß Teilnahme und Aufmerksamkeit -nicht völlig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schönen, -niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an -der Rückseite der Hütten zu benützen, sondern nur noch auf dem -vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und -manchmal unnötig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast -streifend, zur Hütte der Seinen zu schlendern? Wirkte so die -Anziehung, die Faszination eines überlegenen Gefühls auf seinen zarten -und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete täglich Tadzios -Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschäftigt, wenn es sich -vollzog, und ließ den Schönen scheinbar unbeachtet vorübergehen. -Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie -waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und -würdevollen Miene des Älteren verriet nichts eine innere Bewegung; -aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in -seinen Gang kam ein Zögern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich -wieder auf, und wenn er vorüber war, so schien ein Etwas in seiner -Haltung auszudrücken, daß nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden. - -Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen -Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im -großen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen. -Er erging sich nach Tische, sehr unruhig über ihren Verbleib, in -Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Füßen der Terrasse, als er -plötzlich die nonnenähnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier -Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah. -Offenbar kamen sie von der Dampferbrücke, nachdem sie aus irgendeinem -Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kühl gewesen; -Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Überjacke mit goldenen Knöpfen -und auf dem Kopf eine zugehörige Mütze. Sonne und Seeluft verbrannten -ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu -Beginn; doch schien er blässer heute als sonst, sei es infolge der -Kühle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine -ebenmäßigen Brauen zeichneten sich schärfer ab, seine Augen dunkelten -tief. Er war schöner, als es sich sagen läßt, und Aschenbach empfand -wie schon oftmals mit Schmerzen, daß das Wort die sinnliche Schönheit -nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag. - -Er war der teuren Erscheinung nicht gewärtig gewesen, sie kam -unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Würde -zu befestigen. Freude, Überraschung, Bewunderung mochten sich offen -darin malen, als sein Blick dem des Vermißten begegnete,--und in -dieser Sekunde geschah es, daß Tadzio lächelte: ihn anlächelte, -sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich -im Lächeln erst langsam öffneten. Es war das Lächeln des Narziß, der -sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, -hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen -Schönheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Lächeln, -verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden -Lippen seines Schattens zu küssen, kokett, neugierig und leise -gequält, betört und betörend. - -Der, welcher dies Lächeln empfangen, enteilte damit wie mit einem -verhängnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschüttert, daß er das -Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit -hastigen Schritten das Dunkel des rückwärtigen Parkes suchte. -Sonderbar entrüstete und zärtliche Vermahnungen entrangen sich ihm: -»Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln!« Er -warf sich auf eine Bank, er atmete außer sich den nächtlichen Duft der -Pflanzen. Und zurückgelehnt, mit hängenden Armen, überwältigt und -mehrfach von Schauern überlaufen, flüsterte er die stehende Formel der -Sehnsucht,--unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig -doch, ehrwürdig auch hier noch: »Ich liebe dich!« - - - - -Fünftes Kapitel - - -In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von -Aschenbach einige die Außenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen. -Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz -seines Gasthofes eher ab-als zunähme, und, insbesondere, als ob die -deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so daß bei Tisch -und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines -Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt häufig besuchte, im -Gespräche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer -deutschen Familie erwähnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist -war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: »Sie bleiben, mein -Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.« Aschenbach sah ihn an. -»Dem Übel?« wiederholte er. Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt, -überhörte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklärte -er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit -abzulenken. - -Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und -schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den -polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den -Weg zur Dampferbrücke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott -nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen -auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er plötzlich in -der Luft ein eigentümliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe -es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewußtsein zu dringen, seinen Sinn -berührt,--einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden -und verdächtige Reinlichkeit erinnerte. Er prüfte und erkannte ihn -nachdenklich, beendete seinen Imbiß und verließ den Platz auf der dem -Tempel gegenüberliegenden Seite. In der Enge verstärkte sich der -Geruch. An den Straßenecken hafteten gedruckte Anschläge, durch welche -die Bevölkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems, -die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse -von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanäle -stadtväterlich gewarnt wurde. Die beschönigende Natur des Erlasses war -deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Brücken und Plätzen -beisammen; und der Fremde stand spürend und grübelnd unter ihnen. - -Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnüren und falschen -Amethyst-Geschmeiden in der Türe seines Gewölbes lehnte, bat er um -Auskunft über den fatalen Geruch. Der Mann maß ihn mit schweren Augen -und ermunterte sich hastig. »Eine vorbeugende Maßregel, mein Herr!« -antwortete er mit Gebärdenspiel. »Eine Verfügung der Polizei, die man -billigen muß. Diese Witterung drückt, der Scirocco ist der Gesundheit -nicht zuträglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht übertriebene -Vorsicht...« Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem -Dampfer, der ihn zum Lido zurücktrug, spürte er jetzt den Geruch des -keimbekämpfenden Mittels. - -Ins Hotel zurückgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum -Zeitungstisch und hielt in den Blättern Umschau. Er fand in den -fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Gerüchte, -führten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und -bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklärte sich der Abzug des -deutschen und österreichischen Elementes. Die Angehörigen der übrigen -Nationen wußten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht -beunruhigt. »Man soll schweigen!« dachte Aschenbach erregt, indem er -die Journale auf den Tisch zurückwarf. »Man soll das verschweigen!« -Aber zugleich füllte sein Herz sich mit Genugtuung über das Abenteuer, -in welches die Außenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist, -wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags -nicht gemäß, und jede Lockerung des bürgerlichen Gefüges, jede -Verwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein, weil sie -ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand -Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit über die obrigkeitlich -bemäntelten Vorgänge in den schmutzigen Gäßchen Venedigs,--dieses -schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis -verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn -der Verliebte besorgte nichts, als daß Tadzio abreisen könnte und -erkannte nicht ohne Entsetzen, daß er nicht mehr zu leben wissen -werde, wenn das geschähe. - -Neuerdings begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönen -der Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte -ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am -Strande; er erriet, daß sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte -dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Dämmerung des -Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, über ein Betpult -gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf -zerklüftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden, -kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des -morgenländischen Tempels lastete üppig auf seinen Sinnen. Vorn -wandelte, hantierte und sang der schwergeschmückte Priester, Weihrauch -quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flämmchen der Altarkerzen, und -in den dumpfsüßen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen: -der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah -Aschenbach, wie der Schöne dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und -ihn erblickte. - -Wenn dann die Menge durch die geöffneten Portale hinausströmte auf den -leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betörte in -der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah -die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf -zeremoniöse Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich -heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, daß der Schöne, die -klösterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch -das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er -sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte -ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig. - -Er mußte stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mußte in Garküchen -und Höfe flüchten, um die Umkehrenden vorüber zu lassen; er verlor -sie, suchte erhitzt und erschöpft nach ihnen über Brücken und in -schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tödlicher Pein, wenn er -sie plötzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen möglich war, sich -entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, daß er litt. Haupt -und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen -des Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unter -seine Füße zu treten. - -Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und -Aschenbach, den, während sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen -verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestoßen, -ein Gleiches. Er sprach hastig und gedämpft, wenn er den Ruderer, -unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener -Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffällig in einigem -Abstand zu folgen; und es überrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der -spitzbübischen Erbötigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben -Tone versicherte, daß er bedient, daß er gewissenhaft bedient werden -solle. - -So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt, -der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die -Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fühlte er -Kummer und Unruhe. Aber sein Führer, als sei er in solchen Aufträgen -wohl geübt, wußte ihm stets durch schlaue Manöver, durch rasche -Querfahrten und Abkürzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen. -Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den -Dunst, der den Himmel schieferig färbte. Wasser schlug glucksend gegen -Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruß, ward -fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Übereinkunft -beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gärten hingen Blütendolden, -weiß und purpurn, nach Mandeln duftend, über morsches Gemäuer. -Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trüben ab. Die -Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf -kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das -Weiße der Augen, als sei er blind, ein Altertumshändler, vor seiner -Spelunke, lud den Vorüberziehenden mit kriecherischen Gebärden zum -Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betrügen. Das war Venedig, die -schmeichlerische und verdächtige Schöne,--diese Stadt, halb Märchen, -halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst -schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klänge eingab, die -wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als tränke -sein Auge dergleichen Üppigkeit, als würde sein Ohr von solchen -Melodien umworben; er erinnerte sich auch, daß die Stadt krank sei und -es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spähte ungezügelter aus nach -der voranschwebenden Gondel. - -So wußte und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den -Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm -zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, -seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Einsamkeit, -Fremde und das Glück eines späten und tiefen Rausches ermutigten und -überredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erröten -durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, daß er, spät abends -von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schönen -Zimmertür Halt gemacht, seine Stirn in völliger Trunkenheit an die -Angel der Tür gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen -vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt -und betroffen zu werden. - -Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben -Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestürzung. Auf -welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natürliche Verdienste ein -aristokratisches Interesse für seine Abstammung einflößen, war er -gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren -zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer -notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch -jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen -in so exotischen Ausschweifungen des Gefühls; gedachte der -haltungsvollen Strenge, der anständigen Männlichkeit ihres Wesens und -lächelte schwermütig. Was würden sie sagen? Aber freilich, was hätten -sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur -Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, über das -er selbst einst, im Bürgersinne der Väter, so spöttische -Jünglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im -Grunde so ähnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in -harter Zucht geübt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich -manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender -Kampf, für welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der -Selbstüberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und -enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild für einen zarten und -zeitgemäßen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es männlich, -durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros, -der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise -besonders gemäß und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Völkern -vorzüglich in Ansehen gestanden, ja, hieß es nicht, daß er durch -Tapferkeit in ihren Städten geblüht habe? Zahlreiche Kriegshelden der -Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung -galt, die der Gott verhängte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit -wären gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen -wären: Fußfälle, Schwüre, inständige Bitten und sklavisches Wesen, -solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete -vielmehr noch Lob dafür. - -So war des Betörten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stützen, -seine Würde zu wahren. Aber zugleich wandte er beständig eine spürende -und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgängen im Innern -Venedigs zu, jenem Abenteuer der Außenwelt, das mit dem seines Herzens -dunkel zusammenfloß und seine Leidenschaft mit unbestimmten, -gesetzlosen Hoffnungen nährte. Versessen darauf, Neues und Sicheres -über Stand oder Fortschritt des Übels zu erfahren, durchstöberte er in -den Kaffeehäusern der Stadt die heimatlichen Blätter, da sie vom -Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren. -Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der -Erkrankungs-, der Todesfälle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja -hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der -Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf völlig -vereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt. Warnende -Bedenken, Proteste gegen das gefährliche Spiel der welschen Behörden -waren eingestreut. Gewißheit war nicht zu erlangen. - -Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewußt, an dem -Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine -bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfänglichen Fragen -anzugehen und sie, die zum Schweigen verbündet waren, zur -ausdrücklichen Lüge zu nötigen. Eines Tages beim Frühstück im großen -Speisesaal stellte er so den Geschäftsführer zur Rede, jenen kleinen, -leise auftretenden Menschen im französischen Gehrock, der sich -grüßend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch -an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum -man denn eigentlich, fragte der Gast in lässiger und beiläufiger -Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig -desinfiziere?--»Es handelt sich«, antwortete der Schleicher, »um eine -Maßnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzuträglichkeiten oder -Störungen der öffentlichen Gesundheit, welche durch die brütende und -ausnehmend warme Witterung erzeugt werden möchten, pflichtgemäß und -beizeiten hintanzuhalten.«--»Die Polizei ist zu loben«, erwiderte -Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen -empfahl sich der Manager. - -Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, daß eine -kleine Bande von Straßensängern aus der Stadt sich im Vorgarten des -Gasthofes hören ließ. Sie standen, zwei Männer und zwei Weiber, an dem -eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weißbeschienenen -Gesichter zur großen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei -Kaffee und kühlenden Getränken die volkstümliche Darbietung gefallen -ließ. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office, -zeigte sich lauschend an den Türen zur Halle. Die russische Familie, -eifrig und genau im Genuß, hatte sich Rohrstühle in den Garten -hinabstellen lassen, um den Ausübenden näher zu sein, und saß dort -dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem -Kopftuch, stand ihre alte Sklavin. - -Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren -unter den Händen der Bettelvirtuosen in Tätigkeit. Mit instrumentalen -Durchführungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das jüngere der -Weiber, scharf und quäkend von Stimme, sich mit dem süß -falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat. -Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich -unzweideutig der andere der Männer, Inhaber der Guitarre und im -Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch -begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals löste er -sich, sein großes Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los -und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien -mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem -Parterre, zeigten sich entzückt über soviel südliche Beweglichkeit und -ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus -sich heraus zu gehen. - -Aschenbach saß an der Balustrade und kühlte zuweilen die Lippen mit -einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im -Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge, die vulgären -und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lähmt -den wählerischen Sinn und läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein, -welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen -würde. Seine Züge waren durch die Sprünge des Gauklers zu einem fix -gewordenen und schon schmerzenden Lächeln verrenkt. Er saß lässig da, -während eine äußerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs -Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingeländer. - -Er stand dort in dem weißen Gürtelanzug, den er zuweilen zur -Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie, -den linken Unterarm auf der Brüstung, die Füße gekreuzt, die rechte -Hand in der tragenden Hüfte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum -ein Lächeln, nur eine entfernte Neugier, ein höfliches Entgegennehmen -war, zu den Bänkelsängern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf -und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schönen Bewegung beider -Arme den weißen Kittel durch den Ledergürtel hinunter. Manchmal aber -auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln -seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zögernd und behutsam -oder auch rasch und plötzlich, als gelte es eine Überrumpelung, den -Kopf über die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er -fand nicht dessen Augen, denn eine schmähliche Besorgnis zwang den -Verwirrten, seine Blicke ängstlich im Zaum zu halten. Im Grund der -Terrasse saßen die Frauen, die Tadzio behüteten, und es war dahin -gekommen, daß der Verliebte fürchten mußte, auffällig geworden und -beargwöhnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er -mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco, -zu bemerken gehabt, daß man Tadzio aus seiner Nähe zurückrief, ihn von -ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus -entnehmen müssen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen -wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte. - -Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo -begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden -Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit -Gesang und sämtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine -plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wußte. Schmächtig -gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er, -abgetrennt von den Seinen, den schäbigen Filz im Nacken, so daß ein -Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer -Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern -der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Späße zur Terrasse -empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner -Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr -von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhälter, halb -Komödiant, brutal und verwegen, gefährlich und unterhaltend. Sein -Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde, -durch sein Mienenspiel, seine Körperbewegungen, seine Art, andeutend -zu blinzeln und die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen, -etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstößiges. Dem weichen Kragen des -Sporthemdes, das er zu übrigens städtischer Kleidung trug, entwuchs -sein hagerer Hals mit auffallend groß und nackt wirkendem Adamsapfel. -Sein bleiches, stumpfnäsiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zügen -schwer auf sein Alter zu schließen war, schien durchpflügt von -Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines -beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch, -fast wild zwischen seinen rötlichen Brauen standen. Was jedoch des -Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die -Bemerkung, daß die verdächtige Figur auch ihre eigene verdächtige -Atmosphäre mit sich zu führen schien. Jedesmal nämlich, wenn der -Refrain wieder einsetzte, unternahm der Sänger unter Faxen und -grüßendem Handschütteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn -unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte, und jedesmal, wenn -das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Körper ausgehend, ein -Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor. - -Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den -Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen -herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demütig -zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfüßen schlich er -zwischen den Tischen umher, und ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeit -entblößte seine starken Zähne, während doch immer noch die beiden -Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das -fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und -einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Münzen in seinen Filz -und hütete sich, ihn zu berühren. Die Aufhebung der physischen Distanz -zwischen dem Komödianten und den Anständigen erzeugt, und war das -Vergnügen noch so groß, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fühlte sie -und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu -Aschenbach und mit ihm der Geruch, über den niemand ringsum sich -Gedanken zu machen schien. - -»Höre!« sagte der Einsame gedämpft und fast mechanisch. »Man -desinfiziert Venedig. Warum?«--Der Spaßmacher antwortete heiser: »Von -wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze -und bei Scirocco. Der Scirocco drückt. Er ist der Gesundheit nicht -zuträglich...« Er sprach wie verwundert darüber, daß man dergleichen -fragen könne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der -Scirocco drücke.--»Es ist also kein Übel in Venedig?« fragte -Aschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.--Die muskulösen Züge -des Possenreißers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. »Ein -Übel? Aber was für ein Übel? Ist der Scirocco ein Übel? Ist -vielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie belieben zu scherzen! Ein -Übel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Maßregel, verstehen Sie doch! -Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückenden -Witterung...« Er gestikulierte.--»Es ist gut«, sagte Aschenbach -wiederum kurz und leise und ließ rasch ein ungebührlich bedeutendes -Geldstück in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den -Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Bücklingen; aber er -hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich -auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein -geflüstertes Kreuzverhör nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab -Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es. -Entlassen, kehrte er in den Garten zurück, und, nach einer kurzen -Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem -Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor. - -Es war ein Lied, das jemals gehört zu haben der Einsame sich nicht -erinnerte; ein dreister Schlager in unverständlichem Dialekt und -ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmäßig aus -vollem Halse einfiel. Es hörten hierbei sowohl die Worte wie auch die -Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb übrig als ein -rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natürlich behandeltes -Lachen, das namentlich der Solist mit großem Talent zu täuschendster -Lebendigkeit zu gestalten wußte. Er hatte bei wiederhergestelltem -künstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze -Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschämt zur -Terrasse emporgesandt, war Hohngelächter. Schon gegen das Ende des -artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen -Kitzel zu kämpfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er preßte -die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen -Augenblick brach, heulte und platzte das unbändige Lachen aus ihm -hervor, mit solcher Wahrheit, daß es ansteckend wirkte und sich den -Zuhörern mitteilte, daß auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und -nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben -schien des Sängers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie, -er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich -ausschütten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger -hinauf, als gäbe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft -dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der -Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Türen. - -Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er saß aufgerichtet wie zum -Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelächter, der -heraufwehende Hospitalgeruch und die Nähe des Schönen verwoben sich -ihm zu einem Traumbann, der unzerreißbar und unentrinnbar sein Haupt, -seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und -Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinüberzublicken, und indem er es -tat, durfte er bemerken, daß der Schöne, in Erwiderung seines Blickes -ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach -der des Anderen und als vermöge die allgemeine Stimmung nichts über -ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle -Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Überwältigendes, daß der -Grauhaarige sich mit Mühe enthielt, sein Gesicht in den Händen zu -verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios -gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine -Beklemmung der Brust. »Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht -alt werden«, dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher -Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine -Fürsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte sein -Herz. - -Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall -begleitete sie, und ihr Anführer versäumte nicht, noch seinen Abgang -mit Spaßen auszuschmücken. Seine Kratzfüße, seine Kußhände wurden -belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draußen -waren, tat er noch, als renne er rückwärts empfindlich gegen einen -Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort -endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab, -richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gästen auf der -Terrasse frech die Zunge heraus und schlüpfte ins Dunkel. Die -Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand längst nicht mehr an der -Balustrade. Aber der Einsame saß noch lange, zum Befremden der -Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetränkes an seinem Tischchen. -Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor -vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche -und bedeutende Gerätchen auf einmal wieder, als stünde es vor ihm. -Lautlos und fein rann der rostrot gefärbte Sand durch die gläserne -Enge, und da er in der oberen Höhlung zur Neige ging, hatte sich dort -ein kleiner, reißender Strudel gebildet. - -Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen -Schritt zur Versuchung der Außenwelt und diesmal mit allem möglichen -Erfolge. Er trat nämlich vom Markusplatz in das dort gelegene -englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld -gewechselt, richtete er mit der Miene des mißtrauischen Fremden an den -ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig -gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe -bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalität des -Wesens, die im spitzbübisch behenden Süden so fremd, so merkwürdig -anmutet. Er fing an: »Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Maßregel -ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden häufig getroffen, -um gesundheitsschädlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco -vorzubeugen...« Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem -Blicke des Fremden, einem müden und etwas traurigen Blick, der mit -leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da errötete der -Engländer. »Dies ist«, fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort, -»die amtliche Erklärung, auf der zu bestehen man hier für gut -befindet. Ich werde Ihnen sagen, daß noch etwas anderes dahinter -steckt.« Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache -die Wahrheit. - -Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkte -Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus -den warmen Morästen des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem -mephitischen Odem jener üppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen -Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert, -hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewöhnlich heftig -gewütet, hatte östlich nach China, westlich nach Afghanistan und -Persien übergegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrs -folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen. -Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zu -Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers -Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen -aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo -und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien -und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war -verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu -Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den -ausgemergelten, schwärzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und -einer Grünwarenhändlerin. Die Fälle wurden verheimlicht. Aber nach -einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreißig und zwar in -verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der österreichischen Provinz, -der sich zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig aufgehalten, -starb, in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt, unter unzweideutigen -Anzeichen, und so kam es, daß die ersten Gerüchte von der Heimsuchung -der Lagunenstadt in deutsche Tagesblätter gelangten. Venedigs -Obrigkeit ließ antworten, daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadt -nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Maßregeln zur -Bekämpfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden. -Gemüse, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, fraß das -Sterben in der Enge der Gäßchen um sich, und die vorzeitig -eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanäle laulich -erwärmte, war der Verbreitung besonders günstig. Ja, es schien, als ob -die Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren, als ob die -Tenazität und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt hätte. Fälle -der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen -starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Übel trat mit -äußerster Wildheit auf und zeigte häufig jene gefährlichste Form, -welche »die trockene« benannt ist. Hierbei vermochte der Körper das -aus den Blutgefäßen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal -auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und -erstickte am pechartig zähe gewordenen Blut unter Krämpfen und -heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch -nach leichtem Übelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte, -aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni füllten -sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den -beiden Waisenhäusern begann es an Platz zu mangeln, und ein -schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen -Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor -allgemeiner Schädigung, die Rücksicht auf die kürzlich eröffnete -Gemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten, auf die gewaltigen -Ausfälle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels, -die Geschäfte, das ganze vielfältige Fremdengewerbe bedroht waren, -zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor -internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behörde, ihre Politik -des Verschweigens und des Ableugnens hartnäckig aufrecht zu erhalten. -Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war -entrüstet von seinem Posten zurückgetreten und unter der Hand durch -eine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden. Das Volk wußte das; und -die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit, -dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte, -brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine -Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in -Unmäßigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität bekundete. -Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; bösartiges -Gesindel machte, so hieß es, nachts die Straßen unsicher; räuberische -Anfälle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal -hatte sich erwiesen, daß angeblich der Seuche zum Opfer gefallene -Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem -Leben geräumt worden waren; und die gewerbsmäßige Liederlichkeit nahm -aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht -bekannt und nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesen -waren. - -Von diesen Dingen sprach der Engländer das Entscheidende aus. »Sie -täten gut«, schloß er, »lieber heute als morgen zu reisen. Länger, als -ein paar Tage noch, kann die Verhängung der Sperre kaum auf sich -warten lassen.«--»Danke Ihnen«, sagte Aschenbach und verließ das Amt. - -Der Platz lag in sonnenloser Schwüle. Unwissende Fremde saßen vor den -Cafés oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen -zu, wie die Tiere, wimmelnd, flügelschlagend, einander verdrängend, -nach den in hohlen Händen dargebotenen Maiskörnern pickten. In -fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen -Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen -im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und -nieder. Er erwog eine reinigende und anständige Handlung. Er konnte -heute Abend nach dem Diner der perlengeschmückten Frau sich nähern und -zu ihr sprechen, was er wörtlich entwarf: »Gestatten Sie dem Fremden, -Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der -Eigennutz Ihnen vorenthält. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und -Ihren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Er konnte dann dem Werkzeug -einer höhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich -wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fühlte zugleich, daß -er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu -wollen. Er würde ihn zurückführen, würde ihn sich selber wiedergeben; -aber wer außer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich -zu gehen. Er erinnerte sich eines weißen Bauwerks, geschmückt mit -abendlich gleißenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das -Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen -Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende -Jünglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke -an Heimkehr, an Besonnenheit, Nüchternheit, Mühsal und Meisterschaft, -widerte ihn in solchem Maße, daß sein Gesicht sich zum Ausdruck -physischer Übelkeit verzerrte. »Man soll schweigen!« flüsterte er -heftig. Und: »Ich werde schweigen!« Das Bewußtsein seiner -Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen -Weines ein müdes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und -verwahrlosten Stadt, wüst seinem Geiste vorschwebend, entzündete in -ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und von -ungeheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück, von dem er -vorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen? -Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos? -Er schwieg und blieb. - -In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum -ein körperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im -tiefsten Schlaf und in völligster Unabhängigkeit und sinnlicher -Gegenwart widerfuhr, aber ohne daß er sich außer den Geschehnissen im -Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr -seine Seele selbst, und sie brachen von außen herein, seinen -Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttätig -niederwerfend, gingen hindurch und ließen seine Existenz, ließen die -Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurück. - -Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach -dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten; -denn weither näherte sich Getümmel, Getöse, ein Gemisch von Lärm: -Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und -ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und -grauenhaft süß übertönt von tief girrendem, ruchlos beharrlichen -Flötenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide -bezauberte. Aber er wußte ein Wort, dunkel, doch das benennend was -kam: »_Der fremde Gott!_« Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er -Bergland, ähnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht, -von bewaldeter Höhe, zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmern wälzte -es sich und stürzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine -tobende Rotte, und überschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen, -Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd über zu -lange Fellgewänder, die ihnen vom Gürtel hingen, schüttelten -Schellentrommeln über ihren stöhnend zurückgeworfenen Häuptern, -schwangen stiebende Fackelbrände und nackte Dolche, hielten züngelnde -Schlangen in der Mitte des Leibes erfaßt oder trugen schreiend ihre -Brüste in beiden Händen. Männer, Hörner über den Stirnen, mit Pelzwerk -geschürzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und -Schenkel, ließen eherne Becken erdröhnen und schlugen wütend auf -Pauken, während glatte Knaben mit umlaubten Stäben Böcke stachelten, -an deren Hörner sie sich klammerten und von deren Sprüngen sie sich -jauchzend schleifen ließen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus -weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, süß und wild zugleich, -wie kein jemals erhörter: hier klang er auf, in die Lüfte geröhrt, wie -von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wüstem -Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und -ließ ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der -tiefe, lockende Flötenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend -Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmaß des äußersten -Opfers? Groß war sein Abscheu, groß seine Furcht, redlich sein Wille, -bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden, den Feind des -gefaßten und würdigen Geistes. Aber der Lärm, das Geheul, vervielfacht -von hallender Bergwand, wuchs, nahm Überhand, schwoll zu hinreißendem -Wahnsinn. Dünste bedrängten den Sinn, der beizende Ruch der Böcke, -Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern, -dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender -Krankheit. Mit den Paukenschlägen dröhnte sein Herz, sein Gehirn -kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betäubende Wollust, und seine -Seele begehrte, sich anzuschließen dem Reigen des Gottes. Das obszöne -Symbol, riesig, aus Holz, ward enthüllt und erhöht: da heulten sie -zügelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten -einander mit geilen Gebärden und buhlenden Händen, lachend und -ächzend,--stießen die Stachelstäbe einander ins Fleisch und leckten -das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Träumende -nun und dem fremden Gotte gehörig. Ja, sie waren er selbst, als sie -reißend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen -verschlangen, als auf zerwühltem Moosgrund grenzenlose Vermischung -begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und -Raserei des Unterganges. - -Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerrüttet und -kraftlos dem Dämon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden -Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kümmerte -ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhütten -standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies größere Lücken auf, -und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit -schien durchgesickert, die Panik, trotz zähen Zusammenhaltens der -Interessenten, nicht länger hintanzuhalten. Aber die Frau im -Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Gerüchte nicht zu -ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu -weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es -zuweilen, als könne Flucht und Tod alles störende Leben in der Runde -entfernen und er allein mit dem Schönen auf dieser Insel -zurückbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer, -unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei -sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle -Sterben umging, ihm unwürdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche -ihm aussichtsreich und hinfällig das Sittengesetz. - -Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere -Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzüge -jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und -benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine -Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts -der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, -der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte -ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu -erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des -Hauses. - -Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händen des Schwätzers im Stuhle -zurückgelehnt, betrachtete er gequälten Blickes sein Spiegelbild. - -»Grau«, sagte er mit verzerrtem Munde. - -»Ein wenig«, antwortete der Mensch. »Nämlich durch Schuld einer -kleinen Vernachlässigung, einer Indifferenz in äußerlichen Dingen, -die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch -nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen -Personen Vorurteile in Sachen des Natürlichen oder Künstlichen wenig -angemessen sind. Würde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenüber -der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zähne erstrecken, -so würden sie nicht wenig Anstoß erregen. Schließlich sind wir so alt, -wie unser Geist, unser Herz sich fühlen, und graues Haar bedeutet -unter Umständen eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmähte -Korrektur bedeuten würde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht -auf seine natürliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige -einfach zurückzugeben?« - -»Wie das?« fragte Aschenbach. - -Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem -klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er -bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rückwärts -und musterte das behandelte Haupt. - -»Es wäre nun nur noch«, sagte er, »die Gesichtshaut ein wenig -aufzufrischen.« - -Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er -mit immer neu belebter Geschäftigkeit von einer Hantierung zur anderen -über. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fähig, hoffnungsvoll -erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich -entschiedener und ebenmäßiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich -verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich -heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich -aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben -noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die -Runzeln der Augen unter Crème und Jugendhauch verschwinden,--erblickte -mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling. Der Kosmetiker gab sich -endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient -hatte, mit kriechender Höflichkeit dankte. »Eine unbedeutende -Nachhilfe«, sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Äußeres -legte. »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.« Der Berückte -ging, traumglücklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot, -sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden. - -Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spärlich, -aber die Luft war feucht, dick und von Fäulnisdünsten erfüllt. -Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehör, und dem unter der -Schminke Fiebernden schienen Windgeister üblen Geschlechts im Raume -ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevögel des Meeres, das des -Verurteilten Mahl zerwühlt, zernagt und mit Unrat schändet. Denn die -Schwüle wehrte der Eßlust, und die Vorstellung drängte sich auf, daß -die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien. - -Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in -das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem -Ortssinn, da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des -Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht -mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte -Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmählicher -Behutsamkeit genötigt, an Mauern gedrückt, hinter dem Rücken -Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Müdigkeit, -der Erschöpfung bewußt, welche Gefühl und immerwährende Spannung -seinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten. Tadzio ging hinter den -Seinen, er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwestern in -der Enge gewöhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er -zuweilen das Haupt, um sich über die Schulter hinweg der Gefolgschaft -seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen -Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht -von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwärts gelockt, am -Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner -unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schließlich dennoch um ihren -Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brücke -überschritten, die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und -seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte -nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den -schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung, -Hinfälligkeit nötigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen. - -Sein Kopf brannte, sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt, sein -Genick zitterte, ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn, er -sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor -einem kleinen Gemüseladen kaufte er einige Früchte, Erdbeeren, -überreife und weiche Ware und aß im Gehen davon. Ein kleiner Platz, -verlassen, verwunschen anmutend, öffnete sich vor ihm, er erkannte -ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan -gefaßt hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, ließ er -sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war -still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfälle lagen umher. Unter -den verwitterten, unregelmäßig hohen Häusern in der Runde erschien -eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere -wohnte, und kleinen Löwenbalkonen. Im Erdgeschoß eines anderen befand -sich eine Apotheke. Warme Windstöße brachten zuweilen Karbolgeruch. - -Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, der Autor des -»Elenden«, der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der -trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das -Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines -Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des -Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen -Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden -angehalten wurden,--er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur -zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und -betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, -kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein -halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte. - -»Denn die Schönheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schönheit ist -göttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des -Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Künstlers zum -Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, daß derjenige jemals -Weisheit und wahre Manneswürde gewinnen könne, für den der Weg zum -Geistigen durch die Sinne führt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle -dir die Entscheidung frei), daß dies ein gefährlich-lieblicher Weg -sei, wahrhaft ein Irr-und Sündenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre -leitet? Denn du mußt wissen, daß wir Dichter den Weg der Schönheit -nicht gehen können, ohne daß Eros sich zugesellt und sich zum Führer -aufwirft; ja, mögen wir auch Helden auf unsere Art und züchtige -Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere -Erhebung, und unsere Sehnsucht muß Liebe bleiben,--das ist unsere Lust -und unsere Schande. Siehst du nun wohl, daß wir Dichter nicht weise -noch würdig sein können? Daß wir notwendig in die Irre gehen, -notwendig liederlich und Abenteurer des Gefühles bleiben? Die -Meisterhaltung unseres Styls ist Lüge und Narrentum, unser Ruhm und -Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns höchst -lächerlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu -verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher -taugen, dem eine unverbesserliche und natürliche Richtung zum Abgrunde -eingeboren ist? Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen, -aber wie wir uns auch wenden mögen, er zieht uns an. So sagen wir etwa -der auflösenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat -keine Würde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne -Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der -Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan -gilt unser Trachten einzig der Schönheit, das will sagen der -Einfachheit, Größe und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und -der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, führen zum Rausch -und zur Begierde, führen den Edlen vielleicht zu grauenhaftem -Gefühlsfrevel, den seine eigene schöne Strenge als infam verwirft, -führen zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich, -führen sie dahin, denn wir vermögen nicht, uns aufzuschwingen, wir -vermögen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du -hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.« - - * * * * * - -Einige Tage später verließ Gustav von Aschenbach, da er sich leidend -fühlte, das Bäder-Hotel zu späterer Morgenstunde als gewöhnlich. Er -hatte mit gewissen, nur halb körperlichen Schwindelanfällen zu -kämpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit -begleitet waren, einem Gefühl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von -dem nicht klar wurde, ob es sich auf die äußere Welt oder auf seine -eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine große Menge zum -Transport bereitliegenden Gepäcks, fragte einen Türhüter, wer es sei, -der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen -er insgeheim gewärtig gewesen war. Er empfing ihn, ohne daß seine -verfallenen Gesichtszüge sich verändert hätten, mit jener kurzen -Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen -brauchte, beiläufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: »Wann?« Man -antwortete ihm: »Nach dem Lunch.« Er nickte und ging zum Meere. - -Es war unwirtlich dort. Über das weite, flache Gewässer, das den -Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kräuselnde -Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Überlebtheit schien über -dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen, -dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer -Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am -Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darüber gebreitet, flatterte -klatschend im kälteren Winde. - -Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte -sich zur Rechten vor der Hütte der Seinen, und, eine Decke über den -Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der -Strandhütten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch -einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten -mit Reisevorbereitungen beschäftigt sein, schien regellos und artete -aus. Jener Stämmige, im Gürtelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem -Haar, der »Jaschu« gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht -gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem -Fall des schwächeren Schönen endete. Aber als ob in der -Abschiedsstunde das dienende Gefühl des Geringeren sich in grausame -Roheit verkehre und für eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte, -ließ der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern -drückte, auf seinem Rücken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den -Sand, daß Tadzio, ohnedies vom Kampf außer Atem, zu ersticken drohte. -Seine Versuche, den Lastenden abzuschütteln, waren krampfhaft, sie -unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als -ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als -der Gewalttätige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich, -richtete sich zur Hälfte auf und saß, auf einen Arm gestützt, mehrere -Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen. -Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn, -anfänglich munter, dann bänglich und bittend; er hörte nicht. Der -Schwarze, den Reue über seine Ausschreitung sogleich erfaßt haben -mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versöhnen. Eine -Schulterbewegung wies ihn zurück. Tadzio ging schräg hinunter zum -Wasser. Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit -roter Schleife. - -Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer -Fußspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die -seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie -benetzte, durchschritt sie, lässig vordringend, und gelangte zur -Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite -zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke -entblößten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom -Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den -Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine höchst abgesonderte -und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draußen -im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er -zur Ausschau stehen. Und plötzlich, wie unter einer Erinnerung, einem -Impuls, wandte er den Oberkörper, eine Hand in der Hüfte, in schöner -Drehung aus seiner Grundpositur und blickte über die Schulter zum -Ufer. Der Schauende dort saß wie er einst gesessen, als zuerst, von -jener Schwelle zurückgesandt, dieser dämmergraue Blick dem seinen -begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der -Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam -dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so daß seine Augen von -unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen -Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche -und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er, -die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins -Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu -folgen. - -Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur -Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages -empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem -Tode. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG *** - -***** This file should be named 12108-8.txt or 12108-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/1/2/1/0/12108/ - -Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Der Tod in Venedig - -Author: Thomas Mann - -Release Date: April 22, 2004 [EBook #12108] - -Language: German - -Character set encoding: ASCII - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG *** - - - - -Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders - - - - -Thomas Mann - -Der Tod in Venedig - - - - -Die Texte folgen den Ausgaben: - ->Der Tod in Venedig< aus - -Muenchen, Hyperionverlag Hans von Weber 1912 - - - - - - -Erstes Kapitel - - -Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fuenfzigsten -Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem -Fruehlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang -eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der -Prinz-Regentenstrasse zu Muenchen aus, allein einen weiteren Spaziergang -unternommen. Ueberreizt von der schwierigen und gefaehrlichen, eben -jetzt eine hoechste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und -Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, -hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden -Triebwerks in seinem Innern, jenem "motus animi continuus", worin -nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der -Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden -Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit -seiner Kraefte, einmal untertags so noetig war. So hatte er bald nach -dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung ihn -wieder herstellen und ihm zu einem erspriesslichen Abend verhelfen -wuerden. - -Es war Anfang Mai und, nach nasskalten Wochen, ein falscher Hochsommer -eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt, -war dumpfig wie im August und in der Naehe der Stadt voller Wagen und -Spaziergaenger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere -Wege ihn gefuehrt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstuemlich -belebten Wirtsgarten ueberblickt, an dessen Rande einige Droschken und -Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg -ausserhalb des Parks ueber die offene Flur genommen und erwartete, da er -sich muede fuehlte und ueber Foehring Gewitter drohte, am Noerdlichen -Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurueckbringen -sollte. Zufaellig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von -Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstrasse, deren -Schienengeleise sich einsam gleissend gegen Schwabing erstreckten, -noch auf der Foehringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen; -hinter den Zaeunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze, -Gedaechtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Graeberfeld -bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der -Aussegnungshalle gegenueber lag schweigend im Abglanz des scheidenden -Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen -Schildereien in lichten Farben geschmueckt, weist ueberdies symmetrisch -angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewaehlte, das -jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: "Sie gehen ein in -die Wohnung Gottes" oder: "Das ewige Licht leuchte ihnen"; und der -Wartende hatte waehrend einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin -gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer -durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen -Traeumereien zurueckkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden -apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann -bemerkte, dessen nicht ganz gewoehnliche Erscheinung seinen Gedanken -eine voellig andere Richtung gab. - -Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor -hervorgetreten oder von aussen unversehens heran und hinauf gelangt -war, blieb ungewiss. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu -vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Maessig hochgewachsen, mager, -bartlos und auffallend stumpfnaesig, gehoerte der Mann zum rothaarigen -Typ und besass dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war -er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der -breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem -Aussehen ein Gepraege des Fremdlaendischen und Weitherkommenden -verlieh. Freilich trug er dazu den landesueblichen Rucksack um die -Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie -es schien, einen grauen Wetterkragen ueber dem linken Unterarm, den er -in die Weiche gestuetzt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner -Spitze versehenen Stock, welchen er schraeg gegen den Boden stemmte und -auf dessen Kruecke er, bei gekreuzten Fuessen, die Huefte lehnte. Erhobenen -Hauptes, so dass an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden -Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit -farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu -seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische -Furchen standen, scharf spaehend ins Weite. So--und vielleicht trug -sein erhoehter und erhoehender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte -seine Haltung etwas herrisch Ueberschauendes, Kuehnes oder selbst -Wildes; denn sei es, dass er, geblendet, gegen die untergehende Sonne -grimassierte oder dass es sich um eine dauernde physiognomische -Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren voellig -von den Zaehnen zurueckgezogen, dergestalt, dass diese, bis zum -Zahnfleisch blossgelegt, weiss und lang dazwischen hervorbleckten. - -Wohl moeglich, dass Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb -inquisitiven Musterung des Fremden an Ruecksicht hatte fehlen lassen; -denn ploetzlich ward er gewahr, dass jener seinen Blick erwiderte und -zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig -gesonnen, die Sache aufs Aeusserste zu treiben und den Blick des andern -zum Abzug zu zwingen, dass Aschenbach, peinlich beruehrt, sich abwandte -und einen Gang die Zaeune entlang begann, mit dem beilaeufigen -Entschluss, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der -naechsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der -Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder -sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluss im Spiele sein: -eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz ueberraschend -bewusst, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges -Verlangen in die Ferne, ein Gefuehl, so lebhaft, so neu oder doch so -laengst entwoehnt und verlernt, dass er, die Haende auf dem Ruecken und den -Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen -und Ziel zu pruefen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft -als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur -Sinnestaeuschung gesteigert. Er sah naemlich, als Beispiel gleichsam fuer -alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde -sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge -eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter -dickdunstigem Himmel, feucht, ueppig und ungesund, eine von Menschen -gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Moraesten und Schlamm fuehrenden -Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blaettern, so dick -wie Haende, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und -abenteuerlich bluehendem Pflanzenwerk ueberwuchert war, sandten haarige -Palmenschaefte empor, und wunderlich ungestalte Baeume, deren Wurzeln -dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser -senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden, -gruenschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schuesseln gross, -milchweisse Blumen; Voegel von fremder Art, hochschultrig, mit -unfoermigen Schnaebeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und -blickten unbeweglich zur Seite, waehrend durch ausgedehnte Schilffelder -ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von -Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue, -mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Oede ihn an, die in -einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben -schien, zwischen den knotigen Rohrstaemmen eines Bambusdickichts -glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers -funkeln zu sehen--und fuehlte sein Herz pochen vor Entsetzen und -raetselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem -Kopfschuetteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zaeunen der -Grabsteinmetzereien wieder auf. - -Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen waeren, -die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu geniessen, das Reisen nicht -anders denn als eine hygienische Massregel betrachtet, die gegen Sinn -und Neigung dann und wann hatte getroffen werden muessen. Zu -beschaeftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europaeische -Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion, -der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Aussenwelt -zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnuegt, die -heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu ruehren, von der -Oberflaeche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht -gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam -neigte, seit seine Kuenstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese -Besorgnis, die Uhr moechte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan -und voellig sich selbst gegeben, nicht mehr als blosse Grille von der -Hand zu weisen war, hatte sein aeusseres Dasein sich fast ausschliesslich -auf die schoene Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen -Landsitz beschraenkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die -regnerischen Sommer verbrachte. - -Auch wurde denn, was ihn da eben so spaet und ploetzlich angewandelt, -sehr bald durch Vernunft und von jung auf geuebte Selbstzucht gemaessigt -und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, fuer welches er -lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu foerdern, bevor er aufs Land -uebersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate -seiner Arbeit entfuehren wuerde, schien allzu locker und planwidrig, er -durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wusste er nur zu wohl, -aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war. -Fluchtdrang war sie, dass er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins -Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbuerdung und -Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstaette eines -starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn -und liebte auch fast schon den entnervenden, sich taeglich erneuernden -Kampf zwischen seinem zaehen und stolzen, so oft erprobten Willen und -dieser wachsenden Muedigkeit, von der niemand wissen und die das -Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der -Lassheit verraten durfte. Aber verstaendig schien es, den Bogen nicht -zu ueberspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Beduerfnis nicht -eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die -Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte -verlassen muessen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen -Handstreich sich fuegen zu wollen schien. Er pruefte sie aufs neue, -versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzuloesen und liess -mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich -keine ausserordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn laehmte, waren -die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu -befriedigende Ungenuegsamkeit darstellte. Ungenuegsamkeit freilich hatte -schon dem Juengling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten, -und um ihretwillen hatte er das Gefuehl gezuegelt und erkaeltet, weil er -wusste, dass es geneigt ist, sich mit einem froehlichen Ungefaehr und mit -einer halben Vollkommenheit zu begnuegen. Raechte sich nun also die -geknechtete Empfindung, indem sie ihn verliess, indem sie seine Kunst -fuerder zu tragen und zu befluegeln sich weigerte und alle Lust, alles -Entzuecken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm? -Nicht, dass er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil -seiner Jahre, dass er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in -Gelassenheit sicher fuehlte. Aber er selbst, waehrend die Nation sie -ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein -Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der -Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug, -die Freude der geniessenden Welt bildeten. Er fuerchtete sich vor dem -Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die -ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fuerchtete -sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-waende, die -wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wuerden. Und -so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei, -Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertraeglich und -ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit, -nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine -Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im -liebenswuerdigen Sueden... - -So dachte er, waehrend der Laerm der elektrischen Tram die Ungererstrasse -daher sich naeherte, und einsteigend beschloss er, diesen Abend dem -Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm -ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin -folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen -Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort, -noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu -machen war. - - - - -Zweites Kapitel - - -Der Autor der klaren und maechtigen Prosa-Epopoee vom Leben Friedrichs -von Preussen; der geduldige Kuenstler, der in langem Fleiss den -figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee -versammelnden Romanteppich, "Maja" mit Namen, wob; der Schoepfer -jener starken Erzaehlung, die "Ein Elender" ueberschrieben ist und einer -ganzen dankbaren Jugend die Moeglichkeit sittlicher Entschlossenheit -jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und -damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der -leidenschaftlichen Abhandlung ueber "Geist und Kunst", deren -ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler -vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ueber naive -und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war -zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines hoeheren -Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter, -Verwaltungsfunktionaere gewesen, Maenner, die im Dienste des Koenigs, des -Staates, ihr straffes, anstaendig karges Leben gefuehrt hatten. Innigere -Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter -ihnen verkoerpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der -vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines -boehmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale -fremder Rasse in seinem Aeussern. Die Vermaehlung dienstlich nuechterner -Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen liess einen -Kuenstler und diesen besonderen Kuenstler erstehen. Da sein ganzes -Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich -frueh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persoenlichen Praegnanz -seines Tonfalls frueh fuer die Oeffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe -noch Gymnasiast, besass er einen Namen. Zehn Jahre spaeter hatte -er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repraesentieren, seinen -Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein musste (denn viele -Ansprueche draengen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswuerdigen ein), -guetig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den -Strapazen und Wechselfaellen der eigentlichen Arbeit, alltaeglich eine -Post zu bewaeltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Laendern trug. - -Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent -geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde, -fordernde Teilnahme der Waehlerischen zugleich zu gewinnen. So, schon -als Juengling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die -ausserordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Muessiggang, -niemals die Fahrlaessigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein -fuenfunddreissigstes Jahr in Wien erkrankte, aeusserte ein feiner Beobachter -ueber ihn in Gesellschaft: "Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so -gelebt"--und der Sprecher schloss die Finger seiner Linken fest zur -Faust--; "niemals so"--und er liess die geoeffnete Hand bequem -von der Lehne des Sessels haengen. Das traf zu; und das -Tapfer-Sittliche daran war, dass seine Natur von nichts weniger als -robuster Verfassung und zur staendigen Anspannung nur berufen, nicht -eigentlich geboren war. - -Aerztliche Fuersorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen -und auf haeuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft -war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen muessen, dass er -einem Geschlecht angehoerte, in dem nicht das Talent, wohl aber die -physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner -Erfuellung bedarf,--einem Geschlechte, das frueh sein Bestes zu geben -pflegt und in dem das Koennen es selten zu Jahren bringt. Aber sein -Lieblingswort war "Durchhalten",--er sah in seinem Friedrich-Roman -nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der -Inbegriff-leitend-taetiger Tugend erschien. Auch wuenschte er sehnlichst, -alt zu werden, denn er hatte von jeher dafuer gehalten, dass wahrhaft -gross, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Kuenstlertum zu nennen -sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen -charakteristisch fruchtbar zu sein. - -Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten -Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hoechlich der -Zucht,--und Zucht war ja zum Gluecke sein eingeborenes Erbteil von -vaeterlicher Seite. Mit vierzig, mit fuenfzig Jahren wie schon in einem -Alter, wo andere verschwenden, schwaermen, die Ausfuehrung grosser Plaene -getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stuerzen -kalten Wassers ueber Brust und Ruecken und brachte dann, ein Paar hoher -Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Haeupten des Manuskripts, die -Kraefte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbruenstig -gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war -verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner -Moralitaet, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen, -in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fuer das Erzeugnis -gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, waehrend sie vielmehr -in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Groesse -emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte -vortrefflich waren, weil ihr Schoepfer mit einer Willensdauer und -Zaehigkeit, derjenigen aehnlich, die seine Heimatprovinz eroberte, -jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten -und an die eigentliche Herstellung ausschliesslich seine staerksten und -wuerdigsten Stunden gewandt hatte. - -Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und -tiefe Wirkung zu ueben vermoege, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja -Uebereinstimmung zwischen dem persoenlichen Schicksal seines Urhebers -und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die -Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit -entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzuege daran zu -entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der -eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwaegbares, ist Sympathie. -Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar -ausgesprochen, dass beinahe alles Grosse, was dastehe, als ein Trotzdem -dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Koerperschwaeche, -Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei. -Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war -geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schluessel zu seinem -Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die -aeussere Gebaerde seiner eigentuemlichsten Figuren war? - -Ueber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen -wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte -schon fruehzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: dass er die -Konzeption "einer intellektuellen und juenglinghaften Maennlichkeit" -sei, "die in stolzer Scham die Zaehne aufeinanderbeisst und ruhig -dasteht, waehrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen". -Das war schoen, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu -passivischen Praegung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual -bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein -positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schoenste -Sinnbild, wenn nicht der Kunst ueberhaupt, so doch gewiss der in Rede -stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzaehlte Welt, sah man -die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine -innere Unterhoehlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt -verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Haesslichkeit, die es -vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja, -sich zur Herrschaft im Reiche der Schoenheit aufzuschwingen; die -bleiche Ohnmacht, welche aus den gluehenden Tiefen des Geistes die -Kraft holt, ein ganzes uebermuetiges Volk zu Fuessen des Kreuzes, zu -_ihren_ Fuessen niederzuwerfen; die liebenswuerdige Haltung im leeren und -strengen Dienste der Form; das falsche, gefaehrliche Leben, die rasch -entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betruegers: betrachtete -man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man -zweifeln, ob es ueberhaupt einen anderen Heroismus gaebe, als denjenigen -der Schwaeche. Welches Heldentum aber jedenfalls waere zeitgemaesser als -dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der -Erschoepfung arbeiten, der Ueberbuerdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch -Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmaechtig -von Wuchs und sproede von Mitteln, durch Willensverzueckung und kluge -Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Groesse -abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und -sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich -bestaetigt, erhoben, besungen darin, sie wussten ihm Dank, sie -verkuendeten seinen Namen. - -Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von -ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich -blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort -und Werk. Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er -behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel -eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein -bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie -zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war. - -Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet -das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte -Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach -war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling. -Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben, -Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent -verdaechtigt, die Kunst verraten,--ja, waehrend seine Bildwerke die -glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der -jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber -das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem -gehalten. - -Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich -rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und -bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig -gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im -Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes, -das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber -hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst -die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu -entwuerdigen geeignet ist. Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom -"Elenden" wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen -den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur -jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal -erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit, -aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus -Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt? Die Wucht des Wortes, -mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr -von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund, -die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen -alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog, -war jenes "Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit", auf -welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich -und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame -Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser "Wiedergeburt", -dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast -uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene -adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung, -welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes -Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh? Aber moralische -Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden -Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine -sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein -Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen? Und hat -Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich -zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich -aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische -Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das -Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen? - -Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte -nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem -Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene, -die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes -vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu -spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen -Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll -wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt, -die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es -zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz, -Genuss ist uebrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas -Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs -Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der -unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er -wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche, -Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es -von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus -seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die -Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen -Schullesebuecher uebernahm. Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte -nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem -Dichter des "Friedrich" zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den -persoenlichen Adel verlieh. - -Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und -dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte -dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen -Einzelfaellen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter -mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer -Gluecksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war -ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen. - -Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett, -rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der -fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel -gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine -hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn. Der Buegel einer -Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der -gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff, -oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und -gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende -Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt -hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier -jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das -Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren -die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige -ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser -blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen -Krieges gesehen. Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein -erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt -in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger -Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des -aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung, -Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster -Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag. - - - - -Drittes Kapitel - - -Mehrere Geschaefte weltlicher und literarischer Natur hielten den -Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Muenchen -zurueck. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum -Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und -Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig -Stunden verweilte und sich am naechstfolgenden Morgen nach Pola -einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose, -welches jedoch rasch zu erreichen waere, und so nahm er Aufenthalt auf -einer seit einigen Jahren geruehmten Insel der Adria, unfern der -istrischen Kueste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten -redendem Landvolk und schoen zerrissenen Klippenpartien dort, wo das -Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche, -geschlossen oesterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes -ruhevoll innigen Verhaeltnisses zum Meere, das nur ein sanfter, -sandiger Strand gewaehrt, verdrossen ihn, liessen ihn nicht das -Bewusstsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein -Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte -ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und -auf einmal, zugleich ueberraschend und selbstverstaendlich, stand ihm -sein Ziel vor Augen. Wenn man ueber Nacht das Unvergleichliche, das -maerchenhaft Abweichende zu erreichen wuenschte, wohin ging man? Aber -das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte -er reisen wollen. Er saeumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kuendigen. -Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein -geschwindes Motorboot ihn und sein Gepaeck in dunstiger Fruehe ueber die -Wasser in den Kriegshafen zurueck, und er ging dort nur an Land, um -sogleich ueber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu -beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag. - -Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitaet, veraltet, -russig und duester. In einer hoehlenartigen, kuenstlich erleuchteten Koje -des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes -von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender -Hoeflichkeit genoetigt wurde, sass hinter einem Tische, den Hut schief in -der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein -ziegenbaertiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen -Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschaeftsgebaren die -Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine -ausstellte. "Nach Venedig!" wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem -er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines -schraeg geneigten Tintenfasses stiess. "Nach Venedig erster Klasse! Sie -sind bedient, mein Herr!" Und er schrieb grosse Kraehenfuesse, streute aus -einer Buechse blauen Sand auf die Schrift, liess ihn in eine toenerne -Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern -und schrieb aufs neue. "Ein gluecklich gewaehltes Reiseziel!" schwatzte -er unterdessen. "Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von -unwiderstehlicher Anziehungskraft fuer den Gebildeten, ihrer Geschichte -sowohl wie ihrer gegenwaertigen Reize wegen!" Die glatte Raschheit -seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete, -hatten etwas Betaeubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der -Reisende moechte in seinem Entschluss, nach Venedig zu fahren, noch -wankend werden. Er kassierte eilig und liess mit Croupiergewandtheit -den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen. -"Gute Unterhaltung, mein Herr!" sagte er mit schauspielerischer -Verbeugung. "Es ist mir eine Ehre, Sie zu befoerdern... Meine Herren!" -rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschaeft im -flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung -verlangt haette. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurueck. - -Einen Arm auf die Bruestung gelehnt, betrachtete er das muessige Volk, -das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die -Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Maenner und -Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Buendel als Sitze -benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des -ersten Verdecks, Polenser Handelsgehuelfen, wie es schien, die sich in -angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie -machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen, -schwatzten, lachten, genossen selbstgefaellig das eigene Gebaerdenspiel -und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschaeften -die Hafenstrasse entlang gingen und den Feiernden mit dem Stoeckchen -drohten, ueber das Gelaender gebeugt, zungengelaeufige Spottreden nach. -Einer, in hellgelbem, uebermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter -Krawatte und kuehn aufgebogenem Panama, tat sich mit kraehender Stimme -an Aufgeraeumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach -ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen -erkannte, dass der Juengling falsch war. Er war alt, man konnte nicht -zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der -Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen -Strohhut Peruecke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes -Schnurrbaertchen und die Fliege am Kinn gefaerbt, sein gelbes und -vollzaehliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und -seine Haende, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines -Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner -Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wussten, bemerkten sie nicht, dass er -alt war, dass er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug, -zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverstaendlich und -gewohnheitsmaessig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte, -behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine -neckischen Rippenstoesse. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine -Stirn mit der Hand und schloss die Augen, die heiss waren, da er zu -wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz -gewoehnlich an, als beginne eine traeumerische Entfremdung, eine -Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht -Einhalt zu tun waere, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und -aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch beruehrte ihn -das Gefuehl des Schwimmens, und mit unvernuenftigem Erschrecken -aufsehend, gewahrte er, dass der schwere und duestere Koerper des -Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer loeste. Zollweise, unter dem -Vorwaerts-und Rueckwaertsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der -Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand, -und nach schwerfaelligen Manoevern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet -dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite -hinueber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und -ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte. - -Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren -zurueckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen -Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen -von Naesse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte. -Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen -begann. - -In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schosse, ruhte der Reisende, -und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen -aufgehoert; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war -vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die -ungeheure Scheibe des oeden Meeres; aber im leeren, ungegliederten -Raume fehlt unserem Sinn auch das Mass der Zeit, und wir daemmern im -Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der -Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebaerden, -mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er -schlief ein. - -Um Mittag noetigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen -Speisesaal, auf den die Tueren der Schlafkojen muendeten, zu Haeupten -eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehuelfen, -einschliesslich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitaen -pokulierten, die bestellte Mahlzeit naehme. Sie war armselig, und er -beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen: -ob er denn nicht ueber Venedig sich erhellen wollte. - -Er hatte nicht anders gedacht, als dass dies geschehen muesse, denn -stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer -blieben trueb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und -er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu -erreichen, als er, zu Lande sich naehernd, je angetroffen hatte. Er -stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er -gedachte des schwermuetig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die -Kuppeln und Glockentuerme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen -waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an -Ehrfurcht, Glueck und Trauer zu massvollem Gesange geworden, und von -schon gestalteter Empfindung muehelos bewegt, pruefte er sein ernstes -und muedes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein -spaetes Abenteuer des Gefuehles dem fahrenden Muessiggaenger vielleicht -noch vorbehalten sein koenne. - -Da tauchte zur Rechten die flache Kueste auf, Fischerboote belebten das -Meer, die Baederinsel erschien, der Dampfer liess sie zur Linken, glitt -verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt -ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt -er ganz, da die Barke des Sanitaetsdienstes erwartet werden musste. - -Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es -nicht; man hatte keine Eile und fuehlte sich doch von Ungeduld -getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von -den militaerischen Hornsignalen, die aus der Gegend der oeffentlichen -Gaerten her ueber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom -Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drueben exerzierenden -Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand -den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend -gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die -jugendlich ruestigen Stand zu halten vermocht, er war klaeglich -betrunken. Verbloedeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden -Fingern, schwankte er, muehsam das Gleichgewicht haltend, auf der -Stelle, vom Rausche vorwaerts und rueckwaerts gezogen. Da er beim ersten -Schritte gefallen waere, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte -er einen jammervollen Uebermut, hielt jeden, der sich ihm naeherte, am -Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten, -runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich -zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah -ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefuehl von -Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht -zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu -entstellen; ein Gefuehl, dem nachzuhaengen freilich die Umstaende ihn -abhielten, da eben die stampfende Taetigkeit der Maschine aufs neue -begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch -den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder, -den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition -phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfuerchtigen Blicken -nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des -Palastes und die Seufzerbruecke, die Saeulen mit Loew' und Heiligem am -Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Maerchentempels, den -Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, dass -zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine -Hintertuer betreten heisse, und dass man nicht anders als wie nun er, als -zu Schiffe, als ueber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Staedte -erreichen sollte. - -Die Maschine stoppte, Gondeln draengten herzu, die Fallreepstreppe ward -herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres -Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen, -dass er eine Gondel wuensche, die ihn und sein Gepaeck zur Station jener -kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido -verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt -sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflaeche hinab, wo -die Gondelfuehrer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch -gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit -Muehsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird. -So sieht er sich minutenlang ausserstande, den Zudringlichkeiten des -schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel -antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. "Wir wuenschen den -gluecklichsten Aufenthalt", meckert er unter Kratzfuessen. "Man empfiehlt -sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer -Exzellenz!" Sein Mund waessert, er drueckt die Augen ein, er leckt die -Mundwinkel, und die gefaerbte Bartfliege an seiner Greisenlippe straeubt -sich empor. "Unsere Komplimente", lallt er, zwei Fingerspitzen am -Munde, "unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem -schoensten Liebchen..." Und ploetzlich faellt ihm das falsche Obergebiss -vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. "Dem -Liebchen, dem feinen Liebchen", hoerte er in girrenden, hohlen und -behinderten Lauten in seinem Ruecken, waehrend er, am Strickgelaender -sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm. - -Wer haette nicht einen fluechtigen Schauder, eine geheime Scheu und -Beklommenheit zu bekaempfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach -langer Entwoehnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das -seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unveraendert ueberkommen -und so eigentuemlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Saerge -sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in -plaetschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre -und duesteres Begaengnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man -bemerkt, dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz -lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ueppigste, -der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr, -als er zu Fuessen des Gondoliers, seinem Gepaeck gegenueber, das am -Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die -Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstaendlich, mit drohenden -Gebaerden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre -Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkoerpern, ueber der Flut zu zerstreuen. -Es war warm hier im Hafen. Lau angeruehrt vom Hauch des Scirocco, auf -dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloss der Reisende die -Augen im Genuss einer so ungewohnten als suessen Laessigkeit. Die Fahrt -wird kurz sein, dachte er; moechte sie immer waehren! In leisem -Schwanken fuehlte er sich dem Gedraenge, dem Stimmengewirr entgleiten. - -Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das -Plaetschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den -Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze -hellebardenartig bewehrt ueber dem Wasser stand und noch ein Drittes, -ein Reden, ein Raunen,--das Fluestern des Gondoliers, der zwischen den -Zaehnen, stossweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepresst -waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter -Befremdung gewahrte er, dass um ihn her die Lagune sich weitete und -seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, dass -er nicht allzu sehr ruhen duerfe, sondern auf den Vollzug seines -Willens ein wenig bedacht sein muesse. - ---Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung -rueckwaerts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort. - ---Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends -umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter -ihm, auf erhoehtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es -war ein Mann von ungefaelliger, ja brutaler Physiognomie, seemaennisch -blau gekleidet, mit einer gelben Schaerpe geguertet und einen formlosen -Strohhut, dessen Geflecht sich aufzuloesen begann, verwegen schief auf -dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart -unter der kurz aufgeworfenen Nase liessen ihn durchaus nicht -italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmaechtig von -Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn fuer seinen Beruf nicht sonderlich -geschickt geglaubt haette, fuehrte er das Ruder, bei jedem Schlage den -ganzen Koerper einsetzend, mit grosser Energie. Ein paarmal zog er vor -Anstrengung die Lippen zurueck und entbloesste seine weissen Zaehne. Die -roetlichen Brauen gerunzelt, blickte er ueber den Gast hinweg, indem er -bestimmten, fast groben Tones erwiderte: - ---Sie fahren zum Lido. - -Aschenbach entgegnete: - ---Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San -Marco uebersetzen zu lassen. Ich wuensche den Vaporetto zu benutzen. - ---Sie koennen den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr. - ---Und warum nicht? - ---Weil der Vaporetto kein Gepaeck befoerdert. - -Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die -schroffe, ueberhebliche, einem Fremden gegenueber so wenig landesuebliche -Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte: - ---Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepaeck in Verwahrung -geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plaetscherte, -das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann -wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zaehnen mit sich selbst. - -Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmaessigen, -unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel, -seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er uebrigens ruhen durfte, wenn -er sich nicht empoerte. Hatte er nicht gewuenscht, dass die Fahrt lange, -dass sie immer dauern moege? Es war das Kluegste, den Dingen ihren Lauf -zu lassen, und es war hauptsaechlich hoechst angenehm. Ein Bann der -Traegheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen, -schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlaegen -des eigenmaechtigen Gondoliers in seinem Ruecken. Die Vorstellung, einem -Verbrecher in die Haende gefallen zu sein, streifte traeumerisch -Aschenbachs Sinn,--unvermoegend, seine Gedanken zu taetiger Abwehr -aufzurufen. Verdriesslicher schien die Moeglichkeit, dass alles auf -simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefuehl oder -Stolz, die Erinnerung gleichsam, dass man dem vorbeugen muesse, -vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte: - ---Was fordern Sie fuer die Fahrt? - -Und ueber ihn hinsehend antwortete der Gondolier: - ---Sie werden bezahlen. - -Es stand fest, was hierauf zurueckzugeben war. Aschenbach sagte -mechanisch: - ---Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren, -wohin ich nicht will. - ---Sie wollen zum Lido. - ---Aber nicht mit Ihnen. - ---Ich fahre Sie gut. - -Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du -faehrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast -und mich hinterruecks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides -schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen -geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit -musikalischen Wegelagerern, Maennern und Weibern, die zur Guitarre, -zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren -und die Stille ueber den Wassern mit ihrer gewinnsuechtigen -Fremdenpoesie erfuellten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen -Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Fluestern des -Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stossweise und abgerissen mit -sich selber sprach. - -So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt -fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Haende auf dem Ruecken, -die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab. -Aschenbach verliess am Stege die Gondel, unterstuetzt von jenem Alten, -der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle -ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinueber in das -der Dampferbruecke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den -Ruderer nach Gutduenken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er -kehrt zurueck, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und -Gondel und Gondolier sind verschwunden. - ---Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein -schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnaediger Herr. Er ist der -einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben -hierher telephoniert. Er sah, dass er erwartet wurde. Da hat er sich -fortgemacht. - -Aschenbach zuckte die Achseln. - ---Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin. -Aschenbach warf Muenzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepaeck ins -Baeder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die -weissbluehende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden -Seiten, quer ueber die Insel zum Strande laeuft. - -Er betrat das weitlaeufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus -und begab sich durch die grosse Halle und die Vorhalle ins Office. Da -er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverstaendnis -empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd hoeflicher -Mann mit schwarzem Schnurrbart und in franzoesisch geschnittenem -Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies -ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz moeblierten Raum, -den man mit starkduftenden Blumen geschmueckt hatte und dessen hohe -Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewaehrten. Er trat an eines -davon, nachdem der Angestellte sich zurueckgezogen, und waehrend man -hinter ihm sein Gepaeck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte, -blickte er hinaus auf den nachmittaeglich menschenarmen Strand und die -unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in -ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte. - -Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich -verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine -Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von -Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem -Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun waeren, beschaeftigen -ihn ueber Gebuehr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam, -Erlebnis, Abenteuer, Gefuehl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das -gewagt und befremdend Schoene, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber -auch das Verkehrte, das Unverhaeltnismaessige, das Absurde und -Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der -graessliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpoente, -um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemuet des -Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne -eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch -grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl -eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen gruesste er das Meer mit den -Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu -wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das -Zimmermaedchen einige Anordnungen zur Vervollstaendigung seiner -Bequemlichkeit und liess sich von dem gruen gekleideten Schweizer, der -den Lift bediente, ins Erdgeschoss hinunterfahren. - -Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und -verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf -das Hotel Excelsior. Als er zurueckkehrte, schien es schon an der -Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau, -nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewoehnt war, und -fand sich trotzdem ein wenig verfrueht in der Halle ein, wo er einen -grossen Teil der Hotelgaeste, fremd untereinander und in gespielter -gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung -des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, liess -sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die -sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen -Weise unterschied. - -Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf. -Gedaempft, vermischten sich die Laute der grossen Sprachen. Der -weltgueltige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, fasste aeusserlich -die Spielarten des Menschlichen zu anstaendiger Einheit zusammen. Man -sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige -russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit franzoesischen -Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der -Naehe ward polnisch gesprochen. - -Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer -Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei -junge Maedchen, fuenfzehn-bis siebzehnjaehrig, wie es schien, und ein -langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen -bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schoen war. Sein -Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar -umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem -Ausdruck von holdem und goettlichem Ernst, erinnerte an griechische -Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war -es von so einmalig-persoenlichem Reiz, dass der Schauende weder in Natur -noch bildender Kunst etwas aehnlich Gegluecktes angetroffen zu haben -glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsaetzlicher Kontrast -zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die -Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung -der drei Maedchen, von denen die Aelteste fuer erwachsen gelten konnte, -war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmaessig -kloesterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nuechtern und gewollt -unkleidsam von Schnitt, mit weissen Fallkraegen als einziger Aufhellung, -unterdrueckte und verhinderte jede Gefaelligkeit der Gestalt. Das glatt -und fest an den Kopf geklebte Haar liess die Gesichter nonnenhaft leer -und nichtssagend erscheinen. Gewiss, es war eine Mutter, die hier -waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die -paedagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Maedchen gegenueber geboten -schien. Weichheit und Zaertlichkeit bestimmten ersichtlich seine -Existenz. Man hatte sich gehuetet, die Schere an sein schoenes Haar zu -legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, ueber die -Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostuem, -dessen bauschige Aermel sich nach unten verengerten und die feinen -Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Haende knapp umspannten, -verlieh mit seinen Schnueren, Maschen und Stickereien der zarten -Gestalt etwas Reiches und Verwoehntes. Er sass, im Halbprofil gegen den -Betrachtenden, einen Fuss im schwarzen Lackschuh vor den andern -gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels -gestuetzt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer -Haltung von laessigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete -Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewoehnt schienen. War -er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiss wie Elfenbein -gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er -einfach ein verzaerteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer -Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem -Kuenstlernaturell ist ein ueppiger und verraeterischer Hang eingeboren, -Schoenheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer -Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen. - -Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, dass die Mahlzeit -bereit sei. Allmaehlich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastuer -in den Speisesaal. Nachzuegler, vom Vestibuel, von den Lifts kommend, -gingen vorueber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die -jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in -tiefem Sessel behaglich aufgehoben und uebrigens das Schoene vor Augen, -wartete mit ihnen. - -Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem -Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen -Brauen schob sie ihren Stuhl zurueck und verneigte sich, als eine grosse -Frau, grau-weiss gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmueckt, die -Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kuehl und gemessen, die -Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres -Kleides von jener Einfachheit, die ueberall da den Geschmack bestimmt, -wo Froemmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie haette die -Frau eines hohen deutschen Beamten sein koennen. Etwas von -phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren -Schmuck, der in der Tat kaum schaetzbar war und aus Ohrgehaengen, sowie -einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengrosser, mild schimmernder -Perlen bestand. - -Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuss -ueber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurueckhaltenden Laecheln -ihres gepflegten, doch etwas mueden und spitznaesigen Gesichtes ueber -ihre Koepfe hinwegblickte und einige Worte in franzoesischer Sprache an -die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastuer. Die Geschwister -folgten ihr: die Maedchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen -die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er -sich um, bevor er die Schwelle ueberschritt, und da niemand sonst mehr -in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentuemlich daemmergrauen -Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in -Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte. - -Was er gesehen, war gewiss in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man -war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet, -sie ehrerbietig begruesst und beim Eintritt in den Saal gebraeuchliche -Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdruecklich, mit -einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung -dargestellt, dass Aschenbach sich sonderbar ergriffen fuehlte. Er -zoegerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den -Speisesaal hinueber und liess sich sein Tischchen anweisen, das, wie er -mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem -der polnischen Familie entfernt war. - -Muede und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich waehrend der -langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann -nach ueber die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmaessige mit -dem Individuellen eingehen muesse, damit menschliche Schoenheit -entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der -Kunst und fand am Ende, dass seine Gedanken und Funde gewissen -scheinbar gluecklichen Einfluesterungen des Traumes glichen, die sich -bei ernuechtertem Sinn als vollstaendig schal und untauglich erweisen. -Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem -abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die -Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich -belebtem Schlaf. - -Das Wetter liess sich am folgenden Tage nicht guenstiger an. Landwind -ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe, -verschrumpft gleichsam, mit nuechtern nahem Horizont und so weit vom -Strande zurueckgetreten, dass es mehrere Reihen langer Sandbaenke -freiliess. Als Aschenbach sein Fenster oeffnete, glaubte er den fauligen -Geruch der Lagune zu spueren. - -Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an -Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Fruehlingswochen -hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer -geschaedigt, dass er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen muessen. -Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck -in den Schlaefen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den -Aufenthalt zu wechseln wuerde laestig sein; wenn aber der Wind nicht -umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit -nicht voellig aus. Um neun Uhr fruehstueckte er in dem hierfuer -vorbehaltenen Buefettzimmer zwischen Halle und Speisesaal. - -In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der -grossen Hotels gehoert. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen -umher. Ein Klappern des Teegeraetes, ein halbgefluestertes Wort war -alles, was man vernahm. In einem Winkel, schraeg gegenueber der Tuer und -zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen -Maedchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu -geglaettet und mit geroeteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern -mit kleinen weissen Fallkraegen und Manschetten sassen sie da und -reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem -Fruehstueck fast fertig. Der Knabe fehlte. - -Aschenbach laechelte. Nun kleiner Phaeake! dachte er. Du scheinst vor -diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu geniessen. Und ploetzlich -aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers: - -"Oft veraenderten Schmuck und warme Baeder und Ruhe." - -Er fruehstueckte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit -gezogener Tressenmuetze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und -oeffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, dass -er dem Eintritt des Langschlaefers noch beiwohnte, den man dort drueben -erwartete. - -Er kam durch die Glastuer und ging in der Stille schraeg durch den Raum -zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des -Oberkoerpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des -weissbeschuhten Fusses von ausserordentlicher Anmut, sehr leicht, -zugleich zart und stolz und verschoent noch durch die kindliche -Verschaemtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung -in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Laechelnd, mit einem -halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen -Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil -zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak ueber die wahrhaft -gottaehnliche Schoenheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen -leichten Blusenanzug aus blau und weiss gestreiftem Waschstoff mit -rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen -weissen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht -einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte, -ruhte die Bluete des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt -des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und -ernsten Brauen, Schlaefen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden -Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt. - -Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmaennisch kuehlen Billigung, -in welche Kuenstler zuweilen einem Meisterwerk gegenueber ihr Entzuecken, -ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig, -erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du -bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des -Personals durch die Halle, die grosse Terrasse hinab und gerade aus -ueber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgaeste. Er liess -sich von dem barfuessigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse -und Strohhut dort unten als Bademeister taetig zeigte, die gemietete -Strandhuette zuweisen, liess Tisch und Sessel hinaus auf die sandig -bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem -Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand -gezogen hatte. - -Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich geniessender Kultur am -Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war -die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern, -bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschraenkt, auf den -Sandbaenken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen -Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der -Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden sass, gab -es spielende Bewegung und traeg hingestreckte Ruhe, Besuche und -Geplauder, sorgfaeltige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die -keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoss. Vorn auf dem feuchten -und festen Sande lustwandelten Einzelne in weissen Bademaenteln, in -weiten, starkfarbigen Hemdgewaendern. Eine vielfaeltige Sandburg zur -Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den -Farben aller Laender besteckt. Verkaeufer von Muscheln, Kuchen und -Fruechten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Huetten, -die quer zur Reihe der uebrigen und zum Meere standen und auf dieser -Seite einen Abschluss des Strandes bildeten, kampierte eine russische -Familie: Maenner mit Baerten und grossen Zaehnen, muerbe und traege Frauen, -ein baltisches Fraeulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen -der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmuetig-haessliche Kinder, eine -alte Magd im Kopftuch und mit zaertlich unterwuerfigen Sklavenmanieren. -Dankbar geniessend lebten sie dort, riefen unermuedlich die Namen der -unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger -italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie -Zuckerwerk kauften, kuessten einander auf die Wangen und kuemmerten sich -um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft. - -Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo waere es besser? Und die -Haende im Schoss gefaltet, liess er seine Augen sich in den Weiten des -Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen -im eintoenigen Dunst der Raumeswueste. Er liebte das Meer aus tiefen -Gruenden: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Kuenstlers, der -von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des -Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen, -seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verfuehrerischen -Hange zum Ungegliederten, Masslosen, Ewigen, zum Nichts. Am -Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das -Vortreffliche mueht; und ist nicht das Nichts eine Form des -Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere traeumte, ward -ploetzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen -Gestalt ueberschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten -einholte und sammelte, da war es der schoene Knabe, der von links -kommend vor ihm im Sande vorueberging. Er ging barfuss, zum Waten -bereit, die schlanken Beine bis ueber die Knie entbloesst, langsam, aber -so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz -gewoehnt, und schaute sich nach den querstehenden Huetten um. Kaum aber -hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer -Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein -Gesicht ueberzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward -emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes -Zerren, dass die Wange zerriss, und seine Brauen waren so schwer -gerunzelt, dass unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und -boese und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses fuehrten. Er -blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurueck, tat dann mit der -Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und liess die Feinde im -Ruecken. - -Eine Art Zartgefuehl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham, -veranlasste Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen -haette; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt -es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu -machen. Er war aber erheitert und erschuettert zugleich, das heisst: -beglueckt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmuetigste -Stueck Leben,--er stellte das Goettlich-Nichtssagende in menschliche -Beziehungen; er liess ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur -Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen; -und er verlieh der ohnehin durch Schoenheit bedeutenden Gestalt des -Halbwuechsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn -ueber seine Jahre ernst zu nehmen. - -Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine -helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den -um die Sandburg beschaeftigten Gespielen gruessend anzukuendigen suchte. -Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform -seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer -gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu koennen, als zwei -melodische Silben wie "Adgio" oder oefter noch "Adgiu" mit rufend -gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in -seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen -und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu. - -Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem -Fuellfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach -einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die -geniessenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch -gleichgueltige Taetigkeit zu versaeumen. Er warf das Schreibzeug -beiseite, er kehrte zum Meere zurueck, und nicht lange, so wandte er, -abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an -der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und -Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun. - -Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht -zu verfehlen. Mit anderen beschaeftigt, eine alte Planke als Bruecke -ueber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit -dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit -ihm ungefaehr zehn Genossen, Knaben und Maedchen, von seinem Alter und -einige juenger, die in Zungen, polnisch, franzoesisch und auch in -Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am -oeftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer -namentlich, Pole gleich ihm, ein staemmiger Bursche, der aehnlich wie -"Jaschu" gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem -Guertelanzug, schien sein naechster Vasall und Freund. Sie gingen, als -fuer diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand -entlang, und der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, kuesste den Schoenen. - -Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. "Dir aber rat -ich Kritobulos", dachte er laechelnd, "geh ein Jahr auf Reisen! Denn -soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung." Und dann fruehstueckte -er grosse, vollreife Erdbeeren, die er von einem Haendler erstand. Es -war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des -Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Traegheit fesselte den Geist, -indes die Sinne die ungeheure und betaeubende Unterhaltung der -Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei, -der ungefaehr "Adgio" lautete, schien dem ernsten Mann eine -angemessene, vollkommen ausfuellende Aufgabe und Beschaeftigung. Und mit -Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, dass "Tadzio" -gemeint sein muesse, die Abkuerzung von "Tadeusz" und im Anrufe "Tadziu" -lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren -hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, -weit draussen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. -Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach -ihm von den Huetten, stiessen wiederum diesen Namen aus, der den Strand -beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten, -seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Suesses und Wildes hatte: -"Tadziu, Tadziu!" Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit -den Beinen zu Schaum schlagend, zurueckgeworfenen Kopfes durch die -Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormaennlich hold und -herb, mit triefenden Locken und schoen wie ein zarter Gott, herkommend -aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: -Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie -Dichterkunde von anfaenglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von -der Geburt der Goetter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf -diesen in seinem Innern antoenenden Gesang; und abermals dachte er, dass -es hier gut sei und dass er bleiben wolle. - -Spaeter lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehuellt in sein -weisses Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den -Kopf auf den blossen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht -betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast -niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur eine leichte Wendung -des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswuerdige zu -erblicken. Beinahe schien es ihm, als saesse er hier, um den Ruhenden zu -behueten,--mit eigenen Angelegenheiten beschaeftigt und dabei doch in -bestaendiger Wachsamkeit fuer das edle Menschenbild dort zur Rechten, -nicht weit von ihm. Und eine vaeterliche Huld, die geruehrte Hinneigung -dessen, der sich opfernd im Geiste das Schoene zeugt, zu dem, der die -Schoenheit hat, erfuellte und bewegte sein Herz. - -Nach Mittag verliess er den Strand, kehrte ins Hotel zurueck und liess -sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen laengere -Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein muedes und -scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und -daran, dass Viele ihn auf den Strassen kannten und ehrerbietig -betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekroenten -Wortes willen,--rief alle, aeusseren Erfolge seines Talentes auf, die -ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung. -Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem -Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, draengte -junges Volk, das gleichfalls vom Fruehstueck kam, ihm nach in das -schwebende Kaemmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe -bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, dass dieser ihn nicht in -bildmaessigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner -Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von -irgend jemandem, und waehrend er mit unbeschreiblich lieblichem Laecheln -antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rueckwaerts, -mit niedergeschlagenen Augen. Schoenheit macht schamhaft, dachte -Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch -bemerkt, dass Tadzios Zaehne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig -und blass, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentuemlich sproeder -Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsuechtigen. Er ist sehr zart, -er ist kraenklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt -werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft ueber ein Gefuehl -der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken -begleitete. - -Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag -mit dem Vaporetto ueber die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg -aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner -hiesigen Tagesordnung gemaess, einen Spaziergang durch die Strassen an. -Es war jedoch dieser Gang, der einen voelligen Umschwung seiner -Stimmung, seiner Entschluesse herbeifuehrte. - -Eine widerliche Schwuele lag in den Gassen, die Luft war so dick, dass -die Gerueche, die aus Wohnungen, Laeden, Garkuechen quollen, Oeldunst, -Wolken von Parfuem und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu -zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur -langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belaestigte den -Spaziergaenger, statt ihn zu unterhalten. Je laenger er ging, desto -quaelender bemaechtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die -Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich -Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiss brach ihm aus. Die -Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das -Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschaeftsgassen ueber -Bruecken in die Gaenge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die -ueblen Ausduenstungen der Kanaele verleideten das Atmen. Auf stillem -Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Oertlichkeiten, -die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend, -trocknete er die Stirn und sah ein, dass er reisen muesse. - -Zum zweitenmal und nun endgueltig war es erwiesen, dass diese Stadt bei -dieser Witterung ihm hoechst schaedlich war. Eigensinniges Ausharren -erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes -ganz ungewiss. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause -zurueckzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war -bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand, -und anderwaerts fanden sie sich ohne die boese Zutat der Lagune und -ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht -weit von Triest, das man ihm ruehmlich genannt hatte. Warum nicht -dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel -sich noch lohne. Er erklaerte sich fuer entschlossen und stand auf. Am -naechsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und liess sich durch das -truebe Labyrinth der Kanaele, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die -von Loewenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an -trauernden Palastfassaden, die grosse Firmenschilder im Abfall -schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Muehe, -dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und -Glasblaesereien im Bunde stand, versuchte ueberall, ihn zu Besichtigung -und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig -ihren Zauber zu ueben begann, so tat der beutelschneiderische -Geschaeftsgeist der gesunkenen Koenigin das seine, den Sinn wieder -verdriesslich zu ernuechtern. - -Ins Hotel zurueckgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die -Erklaerung ab, dass unvorhergesehene Umstaende ihn noetigten, morgen frueh -abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste -und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem -Schaukelstuhl auf der rueckwaertigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging, -machte er sein Gepaeck vollkommen zur Abreise fertig. - -Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn -beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster oeffnete, war der Himmel -bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann -auch schon seine Reue. War diese Kuendigung nicht ueberstuerzt und -irrtuemlich, die Handlung eines kranken und unmassgeblichen Zustandes -gewesen? Haette er sie ein wenig zurueckbehalten, haette er es, ohne so -rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die -venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so -stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich -dem gestrigen bevor. Zu spaet. Nun musste er fortfahren, zu wollen, was -er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum -Fruehstueck ins Erdgeschoss hinab. - -Der Buefettraum war, als er eintrat, noch leer von Gaesten. Einzelne -kamen, waehrend er sass und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am -Munde, sah er die polnischen Maedchen nebst ihrer Begleiterin sich -einfinden; streng und morgenfrisch, mit geroeteten Augen schritten sie -zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf naeherte sich ihm der -Portier mit gezogener Muetze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil -stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu -bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal -der Gesellschaft zum Bahnhof befoerdern werde. Die Zeit draenge. ---Aschenbach fand, dass sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine -Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er aergerte sich an der -Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und -bedeutete dem Portier, dass er in Ruhe zu fruehstuecken wuensche. Der Mann -zog sich zoegernd zurueck, um nach fuenf Minuten wieder aufzutreten. -Unmoeglich, dass der Wagen laenger warte. Dann moege er fahren und seinen -Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur -gegebenen Zeit das oeffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge -um sein Fortkommen ihm selber zu ueberlassen. Der Angestellte verbeugte -sich. Aschenbach, froh, die laestigen Mahnungen abgewehrt zu haben, -beendete seinen Imbiss ohne Eile, ja liess sich sogar noch vom Kellner -Tagesblaetter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er -aufstand. Es fuegte sich, dass im selben Augenblick Tadzio durch die -Glastuer hereinkam. - -Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden, -schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen -nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und -voll zu ihm aufzuschlagen und war vorueber. Adieu, Tadzio! dachte -Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das -Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach, -fuegte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte -Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im franzoesischen -Gehrock verabschiedet und verliess das Hotel zu Fuss, wie er gekommen, -um sich, gefolgt von dem Handgepaeck tragenden Hausdiener, durch die -weiss bluehende Allee quer ueber die Insel zur Dampferbruecke zu begeben. -Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine -Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue. - -Es war die vertraute Fahrt ueber die Lagune, an San Marco vorbei, den -grossen Kanal hinauf. Aschenbach sass auf der Rundbank am Buge, den Arm -aufs Gelaender gestuetzt, mit der Hand die Augen beschattend. Die -oeffentlichen Gaerten blieben zurueck, die Piazzetta eroeffnete sich noch -einmal in fuerstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die grosse -Flucht der Palaeste, und als die Wasserstrasse sich wendete, erschien -des Rialto praechtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende -schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphaere der Stadt, -diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn -so sehr gedraengt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zaertlich -schmerzlichen Zuegen. War es moeglich, dass er nicht gewusst, nicht -bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen -ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns -gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer -Seelennot, so bitter, dass sie ihm mehrmals Traenen in die Augen trieb, -und von der er sich sagte, dass er sie unmoeglich habe vorhersehen -koennen. Was er als so schwer ertraeglich, ja, zuweilen als voellig -unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, dass er Venedig nie -wieder sehen solle, dass dies ein Abschied fuer immer sei. Denn da sich -zum zweiten Male gezeigt hatte, dass die Stadt ihn krank mache, da er -sie zum zweiten Male jaeh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie -ja fortan als einen ihm unmoeglichen und verbotenen Aufenthalt zu -betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen -sinnlos gewesen waere. Ja, er empfand, dass, wenn er jetzt abreise, -Scham und Trotz ihn hindern muessten, die geliebte Stadt je wieder zu -sehen, der gegenueber er zweimal koerperlich versagt hatte; und dieser -Streitfall zwischen seelischer Neigung und koerperlichem Vermoegen -schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische -Niederlage so schmaehlich, so um jeden Preis hintanzuhalten, dass er die -leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne -ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte. - -Unterdessen naehert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz -und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise duenkt dem -Gequaelten unmoeglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen -betritt er die Station. Es ist sehr spaet, er hat keinen Augenblick zu -verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es -nicht. Aber die Zeit draengt, sie geisselt ihn vorwaerts; er eilt, sich -sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach -dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch -zeigt sich und meldet, der grosse Koffer sei aufgegeben. Schon -aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem -hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten -kommt zu Tage, dass der Koffer, schon im Gepaeckbefoerderungs-Amt des -Hotels "Excelsior" zusammen mit anderer, fremder Bagage, in voellig -falsche Richtung geleitet wurde. - -Aschenbach hatte Muehe, die Miene zu bewahren, die unter diesen -Umstaenden einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine -unglaubliche Heiterkeit erschuetterte von innen fast krampfhaft seine -Brust. Der Angestellte stuerzte davon, um moeglicherweise den Koffer -noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter -Dinge zurueck. Da erklaerte denn Aschenbach, dass er ohne sein Gepaeck -nicht zu reisen wuensche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen -des Stueckes im Baederhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das -Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte, -es liege vor der Tuer. Er bestimmte in italienischer Suade den -Schalterbeamten, den geloesten Fahrschein zurueckzunehmen, er schwor, -dass depeschiert werden, dass nichts gespart und versaeumt werden solle, -um den Koffer in Baelde zurueckzugewinnen, und--so fand das Seltsame -statt, dass der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am -Bahnhof, sich wieder im Grossen Kanal auf dem Rueckweg zum Lido sah. - -Wunderlich unglaubhaftes, beschaemendes, komisch traumartiges -Abenteuer: Staetten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf -immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurueckverschlagen, in -derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig -behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoss das kleine, -eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der -Maske aergerlicher Resignation die aengstlich-uebermuetige Erregung eines -entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine -Brust bewegt von Lachen ueber dies Missgeschick, das, wie er sich sagte, -ein Sonntagskind nicht gefaelliger haette heimsuchen koennen. Es waren -Erklaerungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so -sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglueck verhuetet, ein -schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Ruecken zu -lassen geglaubt hatte, eroeffnete sich ihm wieder, war auf beliebige -Zeit wieder sein... Taeuschte ihn uebrigens die rasche Fahrt oder kam -wirklich zum Ueberfluss der Wind nun dennoch vom Meere her? - -Die Wellen schlugen gegen die betonierten Waende des schmalen Kanals, -der durch die Insel zum Hotel "Excelsior" gelegt ist. Ein automobiler -Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und fuehrte ihn oberhalb des -gekraeuselten Meeres auf geradem Wege zum Baeder-Hotel. Der kleine -schnurrbaertige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begruessung die -Freitreppe herab. - -Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn aeusserst -peinlich fuer ihn und das Institut, billigte aber mit Ueberzeugung -Aschenbachs Entschluss, das Gepaeckstueck hier zu erwarten. Freilich sei -sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich -zur Verfuegung. "Pas de chance, monsieur", sagte der schweizerische -Liftfuehrer laechelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Fluechtling -wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und -Einrichtung fast vollkommen glich. - -Ermuedet, betaeubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, liess er -sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in -einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine -blassgruene Faerbung angenommen, die Luft schien duenner und reiner, der -Strand mit seinen Huetten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch -grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Haende im Schoss gefaltet, -zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschuettelnd unzufrieden ueber seinen -Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wuensche. So sass er wohl eine -Stunde, ruhend und gedankenlos traeumend. Um Mittag erblickte er -Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere -her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel -zurueckkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Hoehe sofort, bevor er -ihn eigentlich ins Auge gefasst, und wollte etwas denken, wie: "Sieh, -Tadzio, da bist ja auch du wieder!" Aber im gleichen Augenblick fuehlte -er, wie der laessige Gruss vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und -verstummte,--fuehlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den -Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der -Abschied so schwer geworden war. - -Er sass ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte -in sich hinein. Seine Zuege waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein -aufmerksames, neugierig geistreiches Laecheln spannte seinen Mund. Dann -hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff ueber die Lehne des -Sessels hinabhaengenden Armen eine langsam drehende und hebende -Bewegung, die Handflaechen vorwaerts kehrend, so, als deute er ein -Oeffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen -heissende, gelassen aufnehmende Gebaerde. - - - - -Viertes Kapitel - - -Nun lenkte Tag fuer Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein -gluthauchendes Viergespann durch die Raeume des Himmels und sein gelbes -Gelock flatterte im zugleich ausstuermenden Ostwind. Weisslich seidiger -Glanz lag auf den Weiten des traege wallenden Pontos. Der Sand gluehte. -Unter der silbrig flirrenden Blaeue des Aethers waren rostfarbene -Segeltuecher vor den Strandhuetten ausgespannt, und auf dem scharf -umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die -Vormittagsstunden. Aber koestlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen -des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen -schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise -heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die -freudige Gewaehr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Musse und -geschmueckt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Moeglichkeiten -lieblichen Zufalls. - -Der Gast, den ein so gefuegiges Missgeschick hier festgehalten, war weit -entfernt, in der Rueckgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem -Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden -und zu den Mahlzeiten im grossen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen -muessen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem -Zimmer niedersetzte, packte er gruendlich aus und fuellte Schrank und -Schubfaecher mit dem Seinen, entschlossen zu vorlaeufig unabsehbarem -Verweilen, vergnuegt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug -verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an -seinem Tischchen zeigen zu koennen. - -Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann -gezogen, die weiche und glaenzende Milde dieser Lebensfuehrung ihn rasch -berueckt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines -gepflegten Badelebens an suedlichem Strande mit der traulich bereiten -Naehe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte -nicht den Genuss. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu -pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich -in juengeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen -zurueck in die hohe Muehsal, den heilig nuechternen Dienst seines -Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen, -machte ihn gluecklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch -seiner Huette, hintraeumend ueber die Blaeue des Suedmeers, oder bei lauer -Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom -Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem gross gestirnten -Himmel heimwaerts zum Lido fuehrte--und die bunten Lichter, die -schmelzenden Klaenge der Serenade blieben zurueck,--erinnerte er sich -seines Landsitzes in den Bergen, der Staette seines sommerlichen -Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fuerchterliche -Gewitter am Abend das Licht des Hauses loeschten und die Raben, die er -fuetterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es -ihm wohl, als sei er entrueckt ins elysische Land, an die Grenzen der -Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee -ist und Winter noch Sturm und stroemender Regen, sondern immer sanft -kuehlenden Anhauch Okeanos aufsteigen laesst und in seliger Musse die Tage -verrinnen, muehelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen -geweiht. - -Viel, fast bestaendig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein -beschraenkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit -sich, dass der Schoene ihm tagueber mit kurzen Unterbrechungen nahe war. -Er sah, er traf ihn ueberall: in den unteren Raeumen des Hotels, auf den -kuehlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurueck, im Gepraenge des -Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der -Zufall ein Uebriges tat. Hauptsaechlich aber und mit der gluecklichsten -Regelmaessigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte -Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja, -diese Gebundenheit des Glueckes, diese taeglich-gleichmaessig wieder -anbrechende Gunst der Umstaende war es so recht, was ihn mit -Zufriedenheit und Lebensfreude erfuellte, was ihm den Aufenthalt teuer -machte und einen Sonnentag so gefaellig hinhaltend sich an den anderen -reihen liess. - -Er war frueh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor -den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiss -blendend in Morgentraeumen lag. Er gruesste menschenfreundlich den -Waechter der Sperre, gruesste auch vertraulich den barfuessigen Weissbart, -der ihm die Staette bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die -Moebel der Huette hinaus auf die Plattform gerueckt hatte, und liess sich -nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur -Hoehe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und -tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte. - -Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von -rueckwaerts zwischen den Huetten hervortreten oder fand auch wohl -ploetzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, dass er sein Kommen -versaeumt und dass er schon da war, schon in dem blau und weissen -Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein -gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies -lieblich nichtige, muessig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein -Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht, -berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen -Namen ertoenen liessen: "Tadziu! Tadziu!" und zu denen er mit eifrigem -Gebaerdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzaehlen, was er erlebt, ihnen -zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen -und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von -dem, was er sagte, und mochte es das Alltaeglichste sein, es war -verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben -Rede zur Musik, eine uebermuetige Sonne goss verschwenderischen Glanz -ueber ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner -Erscheinung Folie und Hintergrund. - -Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen, -so frei sich darstellenden Koerpers, begruesste freudig jede schon -vertraute Schoenheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten -Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begruessen, der -den Frauen bei der Huette aufwartete; er lief herbei, lief nass -vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand -reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuss auf die Zehenspitzen -gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Koerpers, -anmutig spannungsvoll, verschaemt aus Liebenswuerdigkeit, gefallsuechtig -aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust -geschlungen, den zart gemeisselten Arm in den Sand gestuetzt, das Kinn -in der hohlen Hand; der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, sass kauernd -bei ihm und tat ihm schoen, und nichts konnte bezaubernder sein, als -das Laecheln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem -Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein, -abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Haende -im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fussballen schaukelnd, und -traeumte ins Blaue, waehrend kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen -badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die -Schlaefen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen -Rueckgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmass der Brust -traten durch die knappe Umhuellung des Rumpfes hervor, seine -Achselhoehlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen -glaenzten, und ihr blaeuliches Geaeder liess seinen Koerper wie aus -klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche -Praezision des Gedankens war ausgedrueckt in diesem gestreckten und -jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch, -der, dunkel taetig, dies goettliche Bildwerk ans Licht zu treiben -vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Kuenstler, bekannt und vertraut? -Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll, -aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im -Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger -Schoenheit den Menschen darstellte? - -Standbild und Spiegel! Seine Augen umfassten die edle Gestalt dort am -Rande des Blauen, und in aufschwaermendem Entzuecken glaubte er mit -diesem Blick das Schoene selbst zu begreifen, die Form als -Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt -und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold -zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich, -ja gierig, hiess der alternde Kuenstler ihn willkommen. Sein Geist -kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedaechtnis warf uralte, -seiner Jugend ueberlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer -belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, dass die Sonne unsere -Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge -wendet? Sie betaeube und bezaubere, hiess es, Verstand und Gedaechtnis, -dergestalt, dass die Seele vor Vergnuegen ihres eigentlichen Zustandes -ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schoensten der -besonnten Gegenstaende haengen bleibe: ja, nur mit Huelfe eines Koerpers -vermoege sie dann noch zu hoeherer Betrachtung sich zu erheben. Amor -fuerwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfaehigen Kindern -greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der -Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt -und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit -allem Abglanz der Schoenheit schmueckte und bei deren Anblick wir dann -wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten. - -So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus -Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild. -Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener -heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblueten erfuellte Ort, den -Weihbilder und fromme Gaben schmueckten zu Ehren der Nymphen und des -Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Fuessen des breitgeaesteten Baums -ueber glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft -abfiel, so, dass man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten -Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Aeltlicher und ein -Junger, ein Haesslicher und ein Schoener, der Weise beim Liebenswuerdigen. -Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte -Sokrates den Phaidros ueber Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem -heissen Erschrecken, das der Fuehlende leidet, wenn sein Auge ein -Gleichnis der ewigen Schoenheit erblickt; sprach ihm von den Begierden -des Weihelosen und Schlechten, der die Schoenheit nicht denken kann, -wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht faehig ist; sprach -von der heiligen Angst, die den Edlen befaellt, wenn ein gottgleiches -Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und -ausser sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der -die Schoenheit hat, ja, ihm opfern wuerde, wie einer Bildsaeule, wenn er -nicht fuerchten muesste, den Menschen naerrisch zu scheinen. Denn die -Schoenheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswuerdig und sichtbar -zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen, -welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen koennen. Oder was -wuerde aus uns, wenn das Goettliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und -Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Wuerden wir nicht vergehen -und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die -Schoenheit der Weg des Fuehlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel -nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der -verschlagene Hofmacher: Dies, dass der Liebende goettlicher sei, als der -Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen -zaertlichsten, spoettischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht -ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht -entspringt. Glueck des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz -Gefuehl, ist das Gefuehl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein -pulsender Gedanke, solch genaues Gefuehl gehoerte und gehorchte dem -Einsamen damals: naemlich, dass die Natur vor Wonne erschaure, wenn der -Geist sich huldigend vor der Schoenheit neige. Er wuenschte ploetzlich, -zu schreiben. Zwar liebt Eros, heisst es, den Muessiggang, und fuer -solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war -die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast -gleichgueltig der Anlass. Eine Frage, eine Anregung, ueber ein gewisses -grosses und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich -bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und -bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm gelaeufig, war -ihm Erlebnis; sein Geluest, ihn im Licht seines Wortes erglaenzen zu -lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen -dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des -Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Koerpers -folgen zu lassen, der ihm goettlich schien, und seine Schoenheit ins -Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Aether -trug. Nie hatte er die Lust des Wortes suesser empfunden, nie so gewusst, -dass Eros im Worte sei, wie waehrend der gefaehrlich koestlichen Stunden, -in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im -Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios -Schoenheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener -Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefuehlsspannung -binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher -gut, dass die Welt nur das schoene Werk, nicht auch seine Urspruenge, -nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der -Quellen, aus denen dem Kuenstler Eingebung floss, wuerde sie oftmals -verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen -aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Muehe! Seltsam -zeugender Verkehr des Geistes mit einem Koerper! Als Aschenbach seine -Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fuehlte er sich erschoepft, -ja zerruettet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer -Ausschweifung Klage fuehre. - -Es war am folgenden Morgen, dass er, im Begriff das Hotel zu verlassen, -von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum -Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre naeherte. Der -Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem, -der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte, -heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort, -seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und draengte sich auf. Der Schoene -ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte -seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den -Huetten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und -irgend ein Wort, eine freundliche franzoesische Phrase schwebt ihm auf -den Lippen: da fuehlt er, dass sein Herz, vielleicht auch vom schnellen -Gang, wie ein Hammer schlaegt, dass er, so knapp bei Atem, nur gepresst -und bebend wird sprechen koennen; er zoegert, er sucht sich zu -beherrschen, er fuerchtet ploetzlich, schon zu lange dicht hinter dem -Schoenen zu gehen, fuerchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes -Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht -gesenkten Hauptes vorueber. - -Zu spaet! dachte er in diesem Augenblick. Zu spaet! Jedoch war es zu -spaet? Dieser Schritt, den zu tun er versaeumte, er haette sehr -moeglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer -Ernuechterung gefuehrt. Allein es war wohl an dem, dass der Alternde die -Ernuechterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war. Wer -entraetselt Wesen und Gepraege des Kuenstlertums! Wer begreift die tiefe -Instinktverschmelzung von Zucht und Zuegellosigkeit, worin es beruht! -Denn heilsame Ernuechterung nicht wollen zu koennen, ist Zuegellosigkeit. -Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack, -die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und spaete -Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggruende zu zergliedern und -zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwaeche -sein Vorhaben nicht ausgefuehrt habe. Er war verwirrt, er fuerchtete, -dass irgend jemand, wenn auch der Strandwaechter nur, seinen Lauf, seine -Niederlage beobachtet haben moechte, fuerchtete sehr die Laecherlichkeit. -Im uebrigen scherzte er bei sich selbst ueber seine komisch-heilige -Angst. "Bestuerzt", dachte er, "bestuerzt wie ein Hahn, der angstvoll -seine Fluegel im Kampfe haengen laesst. Das ist wahrlich der Gott, der -beim Anblick des Liebenswuerdigen so unseren Mut bricht und unsern -stolzen Sinn so gaenzlich zu Boden drueckt..." Er spielte, schwaermte und -war viel zu hochmuetig, um ein Gefuehl zu fuerchten. - -Schon ueberwachte er nicht mehr den Ablauf der Mussezeit, die er sich -selber gewaehrt; der Gedanke an Heimkehr beruehrte ihn nicht einmal. Er -hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig -der moeglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der -Hand, durch beilaeufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren, -dass diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier -abgestiegen seien. Die Sonne braeunte ihm Antlitz und Haende, der -erregende Salzhauch staerkte ihn zum Gefuehl, und wie er sonst jede -Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an -ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so liess er nun alles, was Sonne, -Musse und Meerluft ihm an taeglicher Kraeftigung zufuehrten, -hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung. - -Sein Schlaf war fluechtig; die koestlich einfoermigen Tage waren getrennt -durch kurze Naechte voll gluecklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig -zurueck, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war, -schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein -zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines -Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und -leicht eingehuellt gegen die Schauer der Fruehe setzte er sich ans -offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle -Ereignis erfuellte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch -lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Daemmerblaesse; noch -schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine -beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplaetzen, dass Eos sich von der -Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, suesse Erroeten der fernsten -Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden -der Schoepfung sich anzeigt. Die Goettin nahte, die -Juenglingsentfuehrerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem -Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schoenen Orion genoss. -Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsaeglich holdes -Scheinen und Bluehen, kindliche Wolken, verklaert, durchleuchtet, -schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, blaeulichen Duft, -Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwaerts zu schwemmen -schien, goldene Speere zuckten von unten zur Hoehe des Himmels hinauf, -der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit goettlicher Uebergewalt waelzten -sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden -Hufen stiegen des Bruders heilige Renner ueber den Erdkreis empor. -Angestrahlt von der Pracht des Gottes sass der Einsam-Wache, er schloss -die Augen und liess von der Glorie seine Lider kuessen. Ehemalige -Gefuehle, fruehe, koestliche Drangsale des Herzens, die im strengen -Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt -zurueckkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Laecheln. -Er sann, er traeumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und -noch immer laechelnd, mit aufwaerts gekehrtem Antlitz, die Haende im -Schoesse gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal. - -Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam -gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der -auf einmal so sanft und bedeutend, hoeherer Einfluesterung gleich, -Schlaefe und Ohr umspielte? Weisse Federwoelkchen standen in verbreiteten -Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Goetter. Staerkerer Wind -erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich baeumend, daher, -Stiere auch wohl, dem Blaeulichgelockten gehoerig, welche mit Bruellen -anrennend die Hoerner senkten. Zwischen dem Felsengeroell des -entfernteren Strandes jedoch huepften die Wellen empor als springende -Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloss den -Berueckten ein, und sein Herz traeumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn -hinter Venedig die Sonne sank, sass er auf einer Bank im Park, um -Tadzio zuzuschauen, der sich, weiss gekleidet und farbig geguertet, auf -dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnuegte, und Hyakinthos war -es, den er zu sehen glaubte, und der sterben musste, weil zwei Goetter -ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den -Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergass, um -immer mit dem Schoenen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von -grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing, -erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem suessen -Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage... - -Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhaeltnis von Menschen, die -sich nur mit den Augen kennen,--die taeglich, ja stuendlich einander -begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgueltiger Fremdheit -grusslos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene -Grille genoetigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und ueberreizte -Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatuerlich unterdrueckten -Erkenntnis-und Austauschbeduerfnisses und namentlich auch eine Art von -gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so -lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein -Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis. - -Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft musste sich notwendig ausbilden -zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender -Freude konnte der Aeltere feststellen, dass Teilnahme und Aufmerksamkeit -nicht voellig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schoenen, -niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an -der Rueckseite der Huetten zu benuetzen, sondern nur noch auf dem -vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und -manchmal unnoetig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast -streifend, zur Huette der Seinen zu schlendern? Wirkte so die -Anziehung, die Faszination eines ueberlegenen Gefuehls auf seinen zarten -und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete taeglich Tadzios -Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschaeftigt, wenn es sich -vollzog, und liess den Schoenen scheinbar unbeachtet voruebergehen. -Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie -waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und -wuerdevollen Miene des Aelteren verriet nichts eine innere Bewegung; -aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in -seinen Gang kam ein Zoegern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich -wieder auf, und wenn er vorueber war, so schien ein Etwas in seiner -Haltung auszudruecken, dass nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden. - -Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen -Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im -grossen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen. -Er erging sich nach Tische, sehr unruhig ueber ihren Verbleib, in -Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Fuessen der Terrasse, als er -ploetzlich die nonnenaehnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier -Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah. -Offenbar kamen sie von der Dampferbruecke, nachdem sie aus irgendeinem -Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kuehl gewesen; -Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Ueberjacke mit goldenen Knoepfen -und auf dem Kopf eine zugehoerige Muetze. Sonne und Seeluft verbrannten -ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu -Beginn; doch schien er blaesser heute als sonst, sei es infolge der -Kuehle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine -ebenmaessigen Brauen zeichneten sich schaerfer ab, seine Augen dunkelten -tief. Er war schoener, als es sich sagen laesst, und Aschenbach empfand -wie schon oftmals mit Schmerzen, dass das Wort die sinnliche Schoenheit -nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag. - -Er war der teuren Erscheinung nicht gewaertig gewesen, sie kam -unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Wuerde -zu befestigen. Freude, Ueberraschung, Bewunderung mochten sich offen -darin malen, als sein Blick dem des Vermissten begegnete,--und in -dieser Sekunde geschah es, dass Tadzio laechelte: ihn anlaechelte, -sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich -im Laecheln erst langsam oeffneten. Es war das Laecheln des Narziss, der -sich ueber das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte, -hingezogene Laecheln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen -Schoenheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Laecheln, -verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden -Lippen seines Schattens zu kuessen, kokett, neugierig und leise -gequaelt, betoert und betoerend. - -Der, welcher dies Laecheln empfangen, enteilte damit wie mit einem -verhaengnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschuettert, dass er das -Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit -hastigen Schritten das Dunkel des rueckwaertigen Parkes suchte. -Sonderbar entruestete und zaertliche Vermahnungen entrangen sich ihm: -"Du darfst so nicht laecheln! Hoere, man darf so niemandem laecheln!" Er -warf sich auf eine Bank, er atmete ausser sich den naechtlichen Duft der -Pflanzen. Und zurueckgelehnt, mit haengenden Armen, ueberwaeltigt und -mehrfach von Schauern ueberlaufen, fluesterte er die stehende Formel der -Sehnsucht,--unmoeglich hier, absurd, verworfen, laecherlich und heilig -doch, ehrwuerdig auch hier noch: "Ich liebe dich!" - - - - -Fuenftes Kapitel - - -In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von -Aschenbach einige die Aussenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen. -Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz -seines Gasthofes eher ab-als zunaehme, und, insbesondere, als ob die -deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so dass bei Tisch -und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines -Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt haeufig besuchte, im -Gespraeche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer -deutschen Familie erwaehnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist -war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: "Sie bleiben, mein -Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Uebel." Aschenbach sah ihn an. -"Dem Uebel?" wiederholte er. Der Schwaetzer verstummte, tat beschaeftigt, -ueberhoerte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklaerte -er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit -abzulenken. - -Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und -schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den -polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den -Weg zur Dampferbruecke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott -nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen -auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er ploetzlich in -der Luft ein eigentuemliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe -es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewusstsein zu dringen, seinen Sinn -beruehrt,--einen suesslich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden -und verdaechtige Reinlichkeit erinnerte. Er pruefte und erkannte ihn -nachdenklich, beendete seinen Imbiss und verliess den Platz auf der dem -Tempel gegenueberliegenden Seite. In der Enge verstaerkte sich der -Geruch. An den Strassenecken hafteten gedruckte Anschlaege, durch welche -die Bevoelkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems, -die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse -von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanaele -stadtvaeterlich gewarnt wurde. Die beschoenigende Natur des Erlasses war -deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Bruecken und Plaetzen -beisammen; und der Fremde stand spuerend und gruebelnd unter ihnen. - -Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnueren und falschen -Amethyst-Geschmeiden in der Tuere seines Gewoelbes lehnte, bat er um -Auskunft ueber den fatalen Geruch. Der Mann mass ihn mit schweren Augen -und ermunterte sich hastig. "Eine vorbeugende Massregel, mein Herr!" -antwortete er mit Gebaerdenspiel. "Eine Verfuegung der Polizei, die man -billigen muss. Diese Witterung drueckt, der Scirocco ist der Gesundheit -nicht zutraeglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht uebertriebene -Vorsicht..." Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem -Dampfer, der ihn zum Lido zuruecktrug, spuerte er jetzt den Geruch des -keimbekaempfenden Mittels. - -Ins Hotel zurueckgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum -Zeitungstisch und hielt in den Blaettern Umschau. Er fand in den -fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Geruechte, -fuehrten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und -bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklaerte sich der Abzug des -deutschen und oesterreichischen Elementes. Die Angehoerigen der uebrigen -Nationen wussten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht -beunruhigt. "Man soll schweigen!" dachte Aschenbach erregt, indem er -die Journale auf den Tisch zurueckwarf. "Man soll das verschweigen!" -Aber zugleich fuellte sein Herz sich mit Genugtuung ueber das Abenteuer, -in welches die Aussenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist, -wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags -nicht gemaess, und jede Lockerung des buergerlichen Gefueges, jede -Verwirrung und Heimsuchung der Welt muss ihr willkommen sein, weil sie -ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand -Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit ueber die obrigkeitlich -bemaentelten Vorgaenge in den schmutzigen Gaesschen Venedigs,--dieses -schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis -verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn -der Verliebte besorgte nichts, als dass Tadzio abreisen koennte und -erkannte nicht ohne Entsetzen, dass er nicht mehr zu leben wissen -werde, wenn das geschaehe. - -Neuerdings begnuegte er sich nicht damit, Naehe und Anblick des Schoenen -der Tagesregel und dem Gluecke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte -ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am -Strande; er erriet, dass sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte -dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Daemmerung des -Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, ueber ein Betpult -gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf -zerklueftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden, -kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des -morgenlaendischen Tempels lastete ueppig auf seinen Sinnen. Vorn -wandelte, hantierte und sang der schwergeschmueckte Priester, Weihrauch -quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flaemmchen der Altarkerzen, und -in den dumpfsuessen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen: -der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah -Aschenbach, wie der Schoene dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und -ihn erblickte. - -Wenn dann die Menge durch die geoeffneten Portale hinausstroemte auf den -leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betoerte in -der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah -die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf -zeremonioese Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich -heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, dass der Schoene, die -kloesterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch -das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er -sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte -ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig. - -Er musste stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, musste in Garkuechen -und Hoefe fluechten, um die Umkehrenden vorueber zu lassen; er verlor -sie, suchte erhitzt und erschoepft nach ihnen ueber Bruecken und in -schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten toedlicher Pein, wenn er -sie ploetzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen moeglich war, sich -entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, dass er litt. Haupt -und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen -des Daemons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Wuerde unter -seine Fuesse zu treten. - -Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und -Aschenbach, den, waehrend sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen -verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestossen, -ein Gleiches. Er sprach hastig und gedaempft, wenn er den Ruderer, -unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener -Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffaellig in einigem -Abstand zu folgen; und es ueberrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der -spitzbuebischen Erboetigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben -Tone versicherte, dass er bedient, dass er gewissenhaft bedient werden -solle. - -So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt, -der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die -Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fuehlte er -Kummer und Unruhe. Aber sein Fuehrer, als sei er in solchen Auftraegen -wohl geuebt, wusste ihm stets durch schlaue Manoever, durch rasche -Querfahrten und Abkuerzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen. -Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den -Dunst, der den Himmel schieferig faerbte. Wasser schlug glucksend gegen -Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruss, ward -fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Uebereinkunft -beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gaerten hingen Bluetendolden, -weiss und purpurn, nach Mandeln duftend, ueber morsches Gemaeuer. -Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trueben ab. Die -Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf -kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das -Weisse der Augen, als sei er blind, ein Altertumshaendler, vor seiner -Spelunke, lud den Vorueberziehenden mit kriecherischen Gebaerden zum -Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betruegen. Das war Venedig, die -schmeichlerische und verdaechtige Schoene,--diese Stadt, halb Maerchen, -halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst -schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klaenge eingab, die -wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als traenke -sein Auge dergleichen Ueppigkeit, als wuerde sein Ohr von solchen -Melodien umworben; er erinnerte sich auch, dass die Stadt krank sei und -es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spaehte ungezuegelter aus nach -der voranschwebenden Gondel. - -So wusste und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den -Gegenstand, der ihn entzuendete, ohne Unterlass zu verfolgen, von ihm -zu traeumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden, -seinem blossen Schattenbild zaertliche Worte zu geben. Einsamkeit, -Fremde und das Glueck eines spaeten und tiefen Rausches ermutigten und -ueberredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erroeten -durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, dass er, spaet abends -von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schoenen -Zimmertuer Halt gemacht, seine Stirn in voelliger Trunkenheit an die -Angel der Tuer gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen -vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt -und betroffen zu werden. - -Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben -Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestuerzung. Auf -welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natuerliche Verdienste ein -aristokratisches Interesse fuer seine Abstammung einfloessen, war er -gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren -zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer -notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch -jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen -in so exotischen Ausschweifungen des Gefuehls; gedachte der -haltungsvollen Strenge, der anstaendigen Maennlichkeit ihres Wesens und -laechelte schwermuetig. Was wuerden sie sagen? Aber freilich, was haetten -sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur -Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, ueber das -er selbst einst, im Buergersinne der Vaeter, so spoettische -Juenglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im -Grunde so aehnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in -harter Zucht geuebt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich -manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender -Kampf, fuer welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der -Selbstueberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und -enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild fuer einen zarten und -zeitgemaessen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es maennlich, -durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros, -der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise -besonders gemaess und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Voelkern -vorzueglich in Ansehen gestanden, ja, hiess es nicht, dass er durch -Tapferkeit in ihren Staedten geblueht habe? Zahlreiche Kriegshelden der -Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung -galt, die der Gott verhaengte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit -waeren gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen -waeren: Fussfaelle, Schwuere, instaendige Bitten und sklavisches Wesen, -solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete -vielmehr noch Lob dafuer. - -So war des Betoerten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stuetzen, -seine Wuerde zu wahren. Aber zugleich wandte er bestaendig eine spuerende -und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgaengen im Innern -Venedigs zu, jenem Abenteuer der Aussenwelt, das mit dem seines Herzens -dunkel zusammenfloss und seine Leidenschaft mit unbestimmten, -gesetzlosen Hoffnungen naehrte. Versessen darauf, Neues und Sicheres -ueber Stand oder Fortschritt des Uebels zu erfahren, durchstoeberte er in -den Kaffeehaeusern der Stadt die heimatlichen Blaetter, da sie vom -Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren. -Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der -Erkrankungs-, der Todesfaelle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja -hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der -Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf voellig -vereinzelte, von aussen eingeschleppte Faelle zurueckgefuehrt. Warnende -Bedenken, Proteste gegen das gefaehrliche Spiel der welschen Behoerden -waren eingestreut. Gewissheit war nicht zu erlangen. - -Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewusst, an dem -Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine -bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfaenglichen Fragen -anzugehen und sie, die zum Schweigen verbuendet waren, zur -ausdruecklichen Luege zu noetigen. Eines Tages beim Fruehstueck im grossen -Speisesaal stellte er so den Geschaeftsfuehrer zur Rede, jenen kleinen, -leise auftretenden Menschen im franzoesischen Gehrock, der sich -gruessend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch -an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum -man denn eigentlich, fragte der Gast in laessiger und beilaeufiger -Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig -desinfiziere?--"Es handelt sich", antwortete der Schleicher, "um eine -Massnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzutraeglichkeiten oder -Stoerungen der oeffentlichen Gesundheit, welche durch die bruetende und -ausnehmend warme Witterung erzeugt werden moechten, pflichtgemaess und -beizeiten hintanzuhalten."--"Die Polizei ist zu loben", erwiderte -Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen -empfahl sich der Manager. - -Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, dass eine -kleine Bande von Strassensaengern aus der Stadt sich im Vorgarten des -Gasthofes hoeren liess. Sie standen, zwei Maenner und zwei Weiber, an dem -eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weissbeschienenen -Gesichter zur grossen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei -Kaffee und kuehlenden Getraenken die volkstuemliche Darbietung gefallen -liess. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office, -zeigte sich lauschend an den Tueren zur Halle. Die russische Familie, -eifrig und genau im Genuss, hatte sich Rohrstuehle in den Garten -hinabstellen lassen, um den Ausuebenden naeher zu sein, und sass dort -dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem -Kopftuch, stand ihre alte Sklavin. - -Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren -unter den Haenden der Bettelvirtuosen in Taetigkeit. Mit instrumentalen -Durchfuehrungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das juengere der -Weiber, scharf und quaekend von Stimme, sich mit dem suess -falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat. -Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich -unzweideutig der andere der Maenner, Inhaber der Guitarre und im -Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch -begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals loeste er -sich, sein grosses Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los -und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien -mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem -Parterre, zeigten sich entzueckt ueber soviel suedliche Beweglichkeit und -ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus -sich heraus zu gehen. - -Aschenbach sass an der Balustrade und kuehlte zuweilen die Lippen mit -einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im -Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klaenge, die vulgaeren -und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft laehmt -den waehlerischen Sinn und laesst sich allen Ernstes mit Reizen ein, -welche die Nuechternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen -wuerde. Seine Zuege waren durch die Spruenge des Gauklers zu einem fix -gewordenen und schon schmerzenden Laecheln verrenkt. Er sass laessig da, -waehrend eine aeusserste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs -Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingelaender. - -Er stand dort in dem weissen Guertelanzug, den er zuweilen zur -Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie, -den linken Unterarm auf der Bruestung, die Fuesse gekreuzt, die rechte -Hand in der tragenden Huefte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum -ein Laecheln, nur eine entfernte Neugier, ein hoefliches Entgegennehmen -war, zu den Baenkelsaengern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf -und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schoenen Bewegung beider -Arme den weissen Kittel durch den Lederguertel hinunter. Manchmal aber -auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln -seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zoegernd und behutsam -oder auch rasch und ploetzlich, als gelte es eine Ueberrumpelung, den -Kopf ueber die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er -fand nicht dessen Augen, denn eine schmaehliche Besorgnis zwang den -Verwirrten, seine Blicke aengstlich im Zaum zu halten. Im Grund der -Terrasse sassen die Frauen, die Tadzio behueteten, und es war dahin -gekommen, dass der Verliebte fuerchten musste, auffaellig geworden und -beargwoehnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er -mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco, -zu bemerken gehabt, dass man Tadzio aus seiner Naehe zurueckrief, ihn von -ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus -entnehmen muessen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen -wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte. - -Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo -begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden -Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit -Gesang und saemtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine -plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wusste. Schmaechtig -gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er, -abgetrennt von den Seinen, den schaebigen Filz im Nacken, so dass ein -Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer -Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern -der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Spaesse zur Terrasse -empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner -Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr -von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhaelter, halb -Komoediant, brutal und verwegen, gefaehrlich und unterhaltend. Sein -Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde, -durch sein Mienenspiel, seine Koerperbewegungen, seine Art, andeutend -zu blinzeln und die Zunge schluepfrig im Mundwinkel spielen zu lassen, -etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstoessiges. Dem weichen Kragen des -Sporthemdes, das er zu uebrigens staedtischer Kleidung trug, entwuchs -sein hagerer Hals mit auffallend gross und nackt wirkendem Adamsapfel. -Sein bleiches, stumpfnaesiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zuegen -schwer auf sein Alter zu schliessen war, schien durchpfluegt von -Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines -beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch, -fast wild zwischen seinen roetlichen Brauen standen. Was jedoch des -Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die -Bemerkung, dass die verdaechtige Figur auch ihre eigene verdaechtige -Atmosphaere mit sich zu fuehren schien. Jedesmal naemlich, wenn der -Refrain wieder einsetzte, unternahm der Saenger unter Faxen und -gruessendem Handschuetteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn -unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorueberfuehrte, und jedesmal, wenn -das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Koerper ausgehend, ein -Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor. - -Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den -Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen -herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demuetig -zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfuessen schlich er -zwischen den Tischen umher, und ein Laecheln tueckischer Unterwuerfigkeit -entbloesste seine starken Zaehne, waehrend doch immer noch die beiden -Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das -fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und -einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Muenzen in seinen Filz -und huetete sich, ihn zu beruehren. Die Aufhebung der physischen Distanz -zwischen dem Komoedianten und den Anstaendigen erzeugt, und war das -Vergnuegen noch so gross, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fuehlte sie -und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu -Aschenbach und mit ihm der Geruch, ueber den niemand ringsum sich -Gedanken zu machen schien. - -"Hoere!" sagte der Einsame gedaempft und fast mechanisch. "Man -desinfiziert Venedig. Warum?"--Der Spassmacher antwortete heiser: "Von -wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze -und bei Scirocco. Der Scirocco drueckt. Er ist der Gesundheit nicht -zutraeglich..." Er sprach wie verwundert darueber, dass man dergleichen -fragen koenne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der -Scirocco druecke.--"Es ist also kein Uebel in Venedig?" fragte -Aschenbach sehr leise und zwischen den Zaehnen.--Die muskuloesen Zuege -des Possenreissers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. "Ein -Uebel? Aber was fuer ein Uebel? Ist der Scirocco ein Uebel? Ist -vielleicht unsere Polizei ein Uebel? Sie belieben zu scherzen! Ein -Uebel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Massregel, verstehen Sie doch! -Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drueckenden -Witterung..." Er gestikulierte.--"Es ist gut", sagte Aschenbach -wiederum kurz und leise und liess rasch ein ungebuehrlich bedeutendes -Geldstueck in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den -Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Buecklingen; aber er -hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich -auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein -gefluestertes Kreuzverhoer nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab -Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es. -Entlassen, kehrte er in den Garten zurueck, und, nach einer kurzen -Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem -Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor. - -Es war ein Lied, das jemals gehoert zu haben der Einsame sich nicht -erinnerte; ein dreister Schlager in unverstaendlichem Dialekt und -ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmaessig aus -vollem Halse einfiel. Es hoerten hierbei sowohl die Worte wie auch die -Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb uebrig als ein -rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natuerlich behandeltes -Lachen, das namentlich der Solist mit grossem Talent zu taeuschendster -Lebendigkeit zu gestalten wusste. Er hatte bei wiederhergestelltem -kuenstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze -Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschaemt zur -Terrasse emporgesandt, war Hohngelaechter. Schon gegen das Ende des -artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen -Kitzel zu kaempfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er presste -die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen -Augenblick brach, heulte und platzte das unbaendige Lachen aus ihm -hervor, mit solcher Wahrheit, dass es ansteckend wirkte und sich den -Zuhoerern mitteilte, dass auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und -nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben -schien des Saengers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie, -er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich -ausschuetten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger -hinauf, als gaebe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft -dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der -Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Tueren. - -Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er sass aufgerichtet wie zum -Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelaechter, der -heraufwehende Hospitalgeruch und die Naehe des Schoenen verwoben sich -ihm zu einem Traumbann, der unzerreissbar und unentrinnbar sein Haupt, -seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und -Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinueberzublicken, und indem er es -tat, durfte er bemerken, dass der Schoene, in Erwiderung seines Blickes -ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach -der des Anderen und als vermoege die allgemeine Stimmung nichts ueber -ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle -Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Ueberwaeltigendes, dass der -Grauhaarige sich mit Muehe enthielt, sein Gesicht in den Haenden zu -verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios -gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine -Beklemmung der Brust. "Er ist kraenklich, er wird wahrscheinlich nicht -alt werden", dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher -Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine -Fuersorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfuellte sein -Herz. - -Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall -begleitete sie, und ihr Anfuehrer versaeumte nicht, noch seinen Abgang -mit Spassen auszuschmuecken. Seine Kratzfuesse, seine Kusshaende wurden -belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draussen -waren, tat er noch, als renne er rueckwaerts empfindlich gegen einen -Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort -endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab, -richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gaesten auf der -Terrasse frech die Zunge heraus und schluepfte ins Dunkel. Die -Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand laengst nicht mehr an der -Balustrade. Aber der Einsame sass noch lange, zum Befremden der -Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetraenkes an seinem Tischchen. -Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor -vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche -und bedeutende Geraetchen auf einmal wieder, als stuende es vor ihm. -Lautlos und fein rann der rostrot gefaerbte Sand durch die glaeserne -Enge, und da er in der oberen Hoehlung zur Neige ging, hatte sich dort -ein kleiner, reissender Strudel gebildet. - -Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen -Schritt zur Versuchung der Aussenwelt und diesmal mit allem moeglichen -Erfolge. Er trat naemlich vom Markusplatz in das dort gelegene -englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld -gewechselt, richtete er mit der Miene des misstrauischen Fremden an den -ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig -gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe -bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalitaet des -Wesens, die im spitzbuebisch behenden Sueden so fremd, so merkwuerdig -anmutet. Er fing an: "Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Massregel -ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden haeufig getroffen, -um gesundheitsschaedlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco -vorzubeugen..." Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem -Blicke des Fremden, einem mueden und etwas traurigen Blick, der mit -leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da erroetete der -Englaender. "Dies ist", fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort, -"die amtliche Erklaerung, auf der zu bestehen man hier fuer gut -befindet. Ich werde Ihnen sagen, dass noch etwas anderes dahinter -steckt." Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache -die Wahrheit. - -Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstaerkte -Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus -den warmen Moraesten des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem -mephitischen Odem jener ueppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen -Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert, -hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewoehnlich heftig -gewuetet, hatte oestlich nach China, westlich nach Afghanistan und -Persien uebergegriffen und, den Hauptstrassen des Karawanenverkehrs -folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen. -Aber waehrend Europa zitterte, das Gespenst moechte von dort aus und zu -Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern uebers -Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhaefen -aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo -und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien -und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war -verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu -Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den -ausgemergelten, schwaerzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und -einer Gruenwarenhaendlerin. Die Faelle wurden verheimlicht. Aber nach -einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreissig und zwar in -verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der oesterreichischen Provinz, -der sich zu seinem Vergnuegen einige Tage in Venedig aufgehalten, -starb, in sein Heimatstaedtchen zurueckgekehrt, unter unzweideutigen -Anzeichen, und so kam es, dass die ersten Geruechte von der Heimsuchung -der Lagunenstadt in deutsche Tagesblaetter gelangten. Venedigs -Obrigkeit liess antworten, dass die Gesundheitsverhaeltnisse der Stadt -nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Massregeln zur -Bekaempfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden. -Gemuese, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, frass das -Sterben in der Enge der Gaesschen um sich, und die vorzeitig -eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanaele laulich -erwaermte, war der Verbreitung besonders guenstig. Ja, es schien, als ob -die Seuche eine Neubelebung ihrer Kraefte erfahren, als ob die -Tenazitaet und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt haette. Faelle -der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen -starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Uebel trat mit -aeusserster Wildheit auf und zeigte haeufig jene gefaehrlichste Form, -welche "die trockene" benannt ist. Hierbei vermochte der Koerper das -aus den Blutgefaessen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal -auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und -erstickte am pechartig zaehe gewordenen Blut unter Kraempfen und -heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch -nach leichtem Uebelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte, -aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fuellten -sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den -beiden Waisenhaeusern begann es an Platz zu mangeln, und ein -schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen -Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor -allgemeiner Schaedigung, die Ruecksicht auf die kuerzlich eroeffnete -Gemaeldeausstellung in den oeffentlichen Gaerten, auf die gewaltigen -Ausfaelle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels, -die Geschaefte, das ganze vielfaeltige Fremdengewerbe bedroht waren, -zeigte sich maechtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor -internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behoerde, ihre Politik -des Verschweigens und des Ableugnens hartnaeckig aufrecht zu erhalten. -Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war -entruestet von seinem Posten zurueckgetreten und unter der Hand durch -eine gefuegigere Persoenlichkeit ersetzt worden. Das Volk wusste das; und -die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit, -dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte, -brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine -Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in -Unmaessigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalitaet bekundete. -Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; boesartiges -Gesindel machte, so hiess es, nachts die Strassen unsicher; raeuberische -Anfaelle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal -hatte sich erwiesen, dass angeblich der Seuche zum Opfer gefallene -Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem -Leben geraeumt worden waren; und die gewerbsmaessige Liederlichkeit nahm -aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht -bekannt und nur im Sueden des Landes und im Orient zu Hause gewesen -waren. - -Von diesen Dingen sprach der Englaender das Entscheidende aus. "Sie -taeten gut", schloss er, "lieber heute als morgen zu reisen. Laenger, als -ein paar Tage noch, kann die Verhaengung der Sperre kaum auf sich -warten lassen."--"Danke Ihnen", sagte Aschenbach und verliess das Amt. - -Der Platz lag in sonnenloser Schwuele. Unwissende Fremde sassen vor den -Cafes oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen -zu, wie die Tiere, wimmelnd, fluegelschlagend, einander verdraengend, -nach den in hohlen Haenden dargebotenen Maiskoernern pickten. In -fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen -Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen -im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und -nieder. Er erwog eine reinigende und anstaendige Handlung. Er konnte -heute Abend nach dem Diner der perlengeschmueckten Frau sich naehern und -zu ihr sprechen, was er woertlich entwarf: "Gestatten Sie dem Fremden, -Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der -Eigennutz Ihnen vorenthaelt. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und -Ihren Toechtern! Venedig ist verseucht." Er konnte dann dem Werkzeug -einer hoehnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich -wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fuehlte zugleich, dass -er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu -wollen. Er wuerde ihn zurueckfuehren, wuerde ihn sich selber wiedergeben; -aber wer ausser sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich -zu gehen. Er erinnerte sich eines weissen Bauwerks, geschmueckt mit -abendlich gleissenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das -Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen -Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende -Juenglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke -an Heimkehr, an Besonnenheit, Nuechternheit, Muehsal und Meisterschaft, -widerte ihn in solchem Masse, dass sein Gesicht sich zum Ausdruck -physischer Uebelkeit verzerrte. "Man soll schweigen!" fluesterte er -heftig. Und: "Ich werde schweigen!" Das Bewusstsein seiner -Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen -Weines ein muedes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und -verwahrlosten Stadt, wuest seinem Geiste vorschwebend, entzuendete in -ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft ueberschreitend, und von -ungeheuerlicher Suessigkeit. Was war ihm das zarte Glueck, von dem er -vorhin einen Augenblick getraeumt, verglichen mit diesen Erwartungen? -Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenueber den Vorteilen des Chaos? -Er schwieg und blieb. - -In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum -ein koerperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im -tiefsten Schlaf und in voelligster Unabhaengigkeit und sinnlicher -Gegenwart widerfuhr, aber ohne dass er sich ausser den Geschehnissen im -Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr -seine Seele selbst, und sie brachen von aussen herein, seinen -Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttaetig -niederwerfend, gingen hindurch und liessen seine Existenz, liessen die -Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurueck. - -Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach -dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten; -denn weither naeherte sich Getuemmel, Getoese, ein Gemisch von Laerm: -Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und -ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und -grauenhaft suess uebertoent von tief girrendem, ruchlos beharrlichen -Floetenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide -bezauberte. Aber er wusste ein Wort, dunkel, doch das benennend was -kam: "_Der fremde Gott!_" Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er -Bergland, aehnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht, -von bewaldeter Hoehe, zwischen Staemmen und moosigen Felstruemmern waelzte -es sich und stuerzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine -tobende Rotte, und ueberschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen, -Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd ueber zu -lange Fellgewaender, die ihnen vom Guertel hingen, schuettelten -Schellentrommeln ueber ihren stoehnend zurueckgeworfenen Haeuptern, -schwangen stiebende Fackelbraende und nackte Dolche, hielten zuengelnde -Schlangen in der Mitte des Leibes erfasst oder trugen schreiend ihre -Brueste in beiden Haenden. Maenner, Hoerner ueber den Stirnen, mit Pelzwerk -geschuerzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und -Schenkel, liessen eherne Becken erdroehnen und schlugen wuetend auf -Pauken, waehrend glatte Knaben mit umlaubten Staeben Boecke stachelten, -an deren Hoerner sie sich klammerten und von deren Spruengen sie sich -jauchzend schleifen liessen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus -weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, suess und wild zugleich, -wie kein jemals erhoerter: hier klang er auf, in die Luefte geroehrt, wie -von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wuestem -Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und -liess ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der -tiefe, lockende Floetenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend -Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmass des aeussersten -Opfers? Gross war sein Abscheu, gross seine Furcht, redlich sein Wille, -bis zuletzt das Seine zu schuetzen gegen den Fremden, den Feind des -gefassten und wuerdigen Geistes. Aber der Laerm, das Geheul, vervielfacht -von hallender Bergwand, wuchs, nahm Ueberhand, schwoll zu hinreissendem -Wahnsinn. Duenste bedraengten den Sinn, der beizende Ruch der Boecke, -Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern, -dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender -Krankheit. Mit den Paukenschlaegen droehnte sein Herz, sein Gehirn -kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betaeubende Wollust, und seine -Seele begehrte, sich anzuschliessen dem Reigen des Gottes. Das obszoene -Symbol, riesig, aus Holz, ward enthuellt und erhoeht: da heulten sie -zuegelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten -einander mit geilen Gebaerden und buhlenden Haenden, lachend und -aechzend,--stiessen die Stachelstaebe einander ins Fleisch und leckten -das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Traeumende -nun und dem fremden Gotte gehoerig. Ja, sie waren er selbst, als sie -reissend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen -verschlangen, als auf zerwuehltem Moosgrund grenzenlose Vermischung -begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und -Raserei des Unterganges. - -Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerruettet und -kraftlos dem Daemon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden -Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kuemmerte -ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhuetten -standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies groessere Luecken auf, -und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit -schien durchgesickert, die Panik, trotz zaehen Zusammenhaltens der -Interessenten, nicht laenger hintanzuhalten. Aber die Frau im -Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Geruechte nicht zu -ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu -weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es -zuweilen, als koenne Flucht und Tod alles stoerende Leben in der Runde -entfernen und er allein mit dem Schoenen auf dieser Insel -zurueckbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer, -unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei -sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle -Sterben umging, ihm unwuerdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche -ihm aussichtsreich und hinfaellig das Sittengesetz. - -Wie irgend ein Liebender wuenschte er, zu gefallen und empfand bittere -Angst, dass es nicht moeglich sein moechte. Er fuegte seinem Anzuege -jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und -benutzte Parfuems, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit fuer seine -Toilette und kam geschmueckt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts -der suessen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, -der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszuege stuerzte -ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich koerperlich zu -erquicken und wiederherzustellen; er besuchte haeufig den Coiffeur des -Hauses. - -Im Frisiermantel, unter den pflegenden Haenden des Schwaetzers im Stuhle -zurueckgelehnt, betrachtete er gequaelten Blickes sein Spiegelbild. - -"Grau", sagte er mit verzerrtem Munde. - -"Ein wenig", antwortete der Mensch. "Naemlich durch Schuld einer -kleinen Vernachlaessigung, einer Indifferenz in aeusserlichen Dingen, -die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch -nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen -Personen Vorurteile in Sachen des Natuerlichen oder Kuenstlichen wenig -angemessen sind. Wuerde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenueber -der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zaehne erstrecken, -so wuerden sie nicht wenig Anstoss erregen. Schliesslich sind wir so alt, -wie unser Geist, unser Herz sich fuehlen, und graues Haar bedeutet -unter Umstaenden eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmaehte -Korrektur bedeuten wuerde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht -auf seine natuerliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige -einfach zurueckzugeben?" - -"Wie das?" fragte Aschenbach. - -Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem -klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er -bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rueckwaerts -und musterte das behandelte Haupt. - -"Es waere nun nur noch", sagte er, "die Gesichtshaut ein wenig -aufzufrischen." - -Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er -mit immer neu belebter Geschaeftigkeit von einer Hantierung zur anderen -ueber. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht faehig, hoffnungsvoll -erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich -entschiedener und ebenmaessiger woelben, den Schnitt seiner Augen sich -verlaengern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich -heben, sah weiter unten, wo die Haut braeunlich-ledern gewesen, weich -aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben -noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die -Runzeln der Augen unter Creme und Jugendhauch verschwinden,--erblickte -mit Herzklopfen einen bluehenden Juengling. Der Kosmetiker gab sich -endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient -hatte, mit kriechender Hoeflichkeit dankte. "Eine unbedeutende -Nachhilfe", sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Aeusseres -legte. "Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben." Der Berueckte -ging, traumgluecklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot, -sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden. - -Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spaerlich, -aber die Luft war feucht, dick und von Faeulnisduensten erfuellt. -Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehoer, und dem unter der -Schminke Fiebernden schienen Windgeister ueblen Geschlechts im Raume -ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevoegel des Meeres, das des -Verurteilten Mahl zerwuehlt, zernagt und mit Unrat schaendet. Denn die -Schwuele wehrte der Esslust, und die Vorstellung draengte sich auf, dass -die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien. - -Auf den Spuren des Schoenen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in -das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem -Ortssinn, da die Gaesschen, Gewaesser, Bruecken und Plaetzchen des -Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht -mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte -Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmaehlicher -Behutsamkeit genoetigt, an Mauern gedrueckt, hinter dem Ruecken -Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Muedigkeit, -der Erschoepfung bewusst, welche Gefuehl und immerwaehrende Spannung -seinem Koerper, seinem Geiste zugefuegt hatten. Tadzio ging hinter den -Seinen, er liess der Pflegerin und den nonnenaehnlichen Schwestern in -der Enge gewoehnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er -zuweilen das Haupt, um sich ueber die Schulter hinweg der Gefolgschaft -seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentuemlich daemmergrauen -Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht -von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwaerts gelockt, am -Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner -unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schliesslich dennoch um ihren -Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewoelbte Bruecke -ueberschritten, die Hoehe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und -seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte -nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den -schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung, -Hinfaelligkeit noetigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen. - -Sein Kopf brannte, sein Koerper war mit klebrigem Schweiss bedeckt, sein -Genick zitterte, ein nicht mehr ertraeglicher Durst peinigte ihn, er -sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor -einem kleinen Gemueseladen kaufte er einige Fruechte, Erdbeeren, -ueberreife und weiche Ware und ass im Gehen davon. Ein kleiner Platz, -verlassen, verwunschen anmutend, oeffnete sich vor ihm, er erkannte -ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan -gefasst hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, liess er -sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war -still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfaelle lagen umher. Unter -den verwitterten, unregelmaessig hohen Haeusern in der Runde erschien -eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere -wohnte, und kleinen Loewenbalkonen. Im Erdgeschoss eines anderen befand -sich eine Apotheke. Warme Windstoesse brachten zuweilen Karbolgeruch. - -Er sass dort, der Meister, der wuerdig gewordene Kuenstler, der Autor des -"Elenden", der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der -trueben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekuendigt und das -Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Ueberwinder seines -Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des -Massenzutrauens sich gewoehnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen -Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden -angehalten wurden,--er sass dort, seine Lider waren geschlossen, nur -zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spoettischer und -betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen, -kosmetisch aufgehoeht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein -halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte. - -"Denn die Schoenheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schoenheit ist -goettlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des -Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Kuenstlers zum -Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, dass derjenige jemals -Weisheit und wahre Manneswuerde gewinnen koenne, fuer den der Weg zum -Geistigen durch die Sinne fuehrt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle -dir die Entscheidung frei), dass dies ein gefaehrlich-lieblicher Weg -sei, wahrhaft ein Irr-und Suendenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre -leitet? Denn du musst wissen, dass wir Dichter den Weg der Schoenheit -nicht gehen koennen, ohne dass Eros sich zugesellt und sich zum Fuehrer -aufwirft; ja, moegen wir auch Helden auf unsere Art und zuechtige -Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere -Erhebung, und unsere Sehnsucht muss Liebe bleiben,--das ist unsere Lust -und unsere Schande. Siehst du nun wohl, dass wir Dichter nicht weise -noch wuerdig sein koennen? Dass wir notwendig in die Irre gehen, -notwendig liederlich und Abenteurer des Gefuehles bleiben? Die -Meisterhaltung unseres Styls ist Luege und Narrentum, unser Ruhm und -Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns hoechst -laecherlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu -verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher -taugen, dem eine unverbesserliche und natuerliche Richtung zum Abgrunde -eingeboren ist? Wir moechten ihn wohl verleugnen und Wuerde gewinnen, -aber wie wir uns auch wenden moegen, er zieht uns an. So sagen wir etwa -der aufloesenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat -keine Wuerde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne -Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der -Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan -gilt unser Trachten einzig der Schoenheit, das will sagen der -Einfachheit, Groesse und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und -der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, fuehren zum Rausch -und zur Begierde, fuehren den Edlen vielleicht zu grauenhaftem -Gefuehlsfrevel, den seine eigene schoene Strenge als infam verwirft, -fuehren zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich, -fuehren sie dahin, denn wir vermoegen nicht, uns aufzuschwingen, wir -vermoegen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du -hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du." - - * * * * * - -Einige Tage spaeter verliess Gustav von Aschenbach, da er sich leidend -fuehlte, das Baeder-Hotel zu spaeterer Morgenstunde als gewoehnlich. Er -hatte mit gewissen, nur halb koerperlichen Schwindelanfaellen zu -kaempfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit -begleitet waren, einem Gefuehl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von -dem nicht klar wurde, ob es sich auf die aeussere Welt oder auf seine -eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine grosse Menge zum -Transport bereitliegenden Gepaecks, fragte einen Tuerhueter, wer es sei, -der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen -er insgeheim gewaertig gewesen war. Er empfing ihn, ohne dass seine -verfallenen Gesichtszuege sich veraendert haetten, mit jener kurzen -Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen -brauchte, beilaeufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: "Wann?" Man -antwortete ihm: "Nach dem Lunch." Er nickte und ging zum Meere. - -Es war unwirtlich dort. Ueber das weite, flache Gewaesser, das den -Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kraeuselnde -Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Ueberlebtheit schien ueber -dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen, -dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer -Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am -Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darueber gebreitet, flatterte -klatschend im kaelteren Winde. - -Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte -sich zur Rechten vor der Huette der Seinen, und, eine Decke ueber den -Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der -Strandhuetten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch -einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten -mit Reisevorbereitungen beschaeftigt sein, schien regellos und artete -aus. Jener Staemmige, im Guertelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem -Haar, der "Jaschu" gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht -gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem -Fall des schwaecheren Schoenen endete. Aber als ob in der -Abschiedsstunde das dienende Gefuehl des Geringeren sich in grausame -Roheit verkehre und fuer eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte, -liess der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern -drueckte, auf seinem Ruecken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den -Sand, dass Tadzio, ohnedies vom Kampf ausser Atem, zu ersticken drohte. -Seine Versuche, den Lastenden abzuschuetteln, waren krampfhaft, sie -unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als -ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als -der Gewalttaetige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich, -richtete sich zur Haelfte auf und sass, auf einen Arm gestuetzt, mehrere -Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen. -Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn, -anfaenglich munter, dann baenglich und bittend; er hoerte nicht. Der -Schwarze, den Reue ueber seine Ausschreitung sogleich erfasst haben -mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versoehnen. Eine -Schulterbewegung wies ihn zurueck. Tadzio ging schraeg hinunter zum -Wasser. Er war barfuss und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit -roter Schleife. - -Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer -Fussspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die -seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie -benetzte, durchschritt sie, laessig vordringend, und gelangte zur -Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite -zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke -entbloessten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom -Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den -Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine hoechst abgesonderte -und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draussen -im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er -zur Ausschau stehen. Und ploetzlich, wie unter einer Erinnerung, einem -Impuls, wandte er den Oberkoerper, eine Hand in der Huefte, in schoener -Drehung aus seiner Grundpositur und blickte ueber die Schulter zum -Ufer. Der Schauende dort sass wie er einst gesessen, als zuerst, von -jener Schwelle zurueckgesandt, dieser daemmergraue Blick dem seinen -begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der -Bewegung des draussen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam -dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so dass seine Augen von -unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen -Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche -und liebliche Psychagog dort draussen ihm laechle, ihm winke; als ob er, -die Hand aus der Huefte loesend, hinausdeute, voranschwebe ins -Verheissungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu -folgen. - -Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur -Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages -empfing eine respektvoll erschuetterte Welt die Nachricht von seinem -Tode. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG *** - -***** This file should be named 12108.txt or 12108.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/1/2/1/0/12108/ - -Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -https://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. - - -Section 3. 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Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at https://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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