summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@pglaf.org>2026-04-26 06:25:37 -0500
committerwww-data <www-data@pglaf.org>2026-04-26 06:25:37 -0500
commite39ffb49b0959ae9ce5d96ab88bbd0c3f43d0e1e (patch)
treef588913e583591b1b8edeb45d072f5c52894555a
parent0ec0bdc5af1157a39d29cbfa03dc728ab4da1068 (diff)
remove oldHEADmain
-rw-r--r--old/12108-8.txt3227
-rw-r--r--old/12108.txt3227
2 files changed, 0 insertions, 6454 deletions
diff --git a/old/12108-8.txt b/old/12108-8.txt
deleted file mode 100644
index 7aecf66..0000000
--- a/old/12108-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,3227 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der Tod in Venedig
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: April 22, 2004 [EBook #12108]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG ***
-
-
-
-
-Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders
-
-
-
-
-Thomas Mann
-
-Der Tod in Venedig
-
-
-
-
-Die Texte folgen den Ausgaben:
-
->Der Tod in Venedig< aus
-
-München, Hyperionverlag Hans von Weber 1912
-
-
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten
-Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem
-Frühlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang
-eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der
-Prinz-Regentenstraße zu München aus, allein einen weiteren Spaziergang
-unternommen. Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben
-jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und
-Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden,
-hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden
-Triebwerks in seinem Innern, jenem »motus animi continuus«, worin
-nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der
-Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden
-Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit
-seiner Kräfte, einmal untertags so nötig war. So hatte er bald nach
-dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, daß Luft und Bewegung ihn
-wieder herstellen und ihm zu einem ersprießlichen Abend verhelfen
-würden.
-
-Es war Anfang Mai und, nach naßkalten Wochen, ein falscher Hochsommer
-eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt,
-war dumpfig wie im August und in der Nähe der Stadt voller Wagen und
-Spaziergänger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere
-Wege ihn geführt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstümlich
-belebten Wirtsgarten überblickt, an dessen Rande einige Droschken und
-Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg
-außerhalb des Parks über die offene Flur genommen und erwartete, da er
-sich müde fühlte und über Föhring Gewitter drohte, am Nördlichen
-Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen
-sollte. Zufällig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von
-Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstraße, deren
-Schienengeleise sich einsam gleißend gegen Schwabing erstreckten,
-noch auf der Föhringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen;
-hinter den Zäunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze,
-Gedächtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Gräberfeld
-bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der
-Aussegnungshalle gegenüber lag schweigend im Abglanz des scheidenden
-Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen
-Schildereien in lichten Farben geschmückt, weist überdies symmetrisch
-angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewählte, das
-jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: »Sie gehen ein in
-die Wohnung Gottes« oder: »Das ewige Licht leuchte ihnen«; und der
-Wartende hatte während einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin
-gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer
-durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen
-Träumereien zurückkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden
-apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann
-bemerkte, dessen nicht ganz gewöhnliche Erscheinung seinen Gedanken
-eine völlig andere Richtung gab.
-
-Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor
-hervorgetreten oder von außen unversehens heran und hinauf gelangt
-war, blieb ungewiß. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu
-vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Mäßig hochgewachsen, mager,
-bartlos und auffallend stumpfnäsig, gehörte der Mann zum rothaarigen
-Typ und besaß dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war
-er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der
-breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem
-Aussehen ein Gepräge des Fremdländischen und Weitherkommenden
-verlieh. Freilich trug er dazu den landesüblichen Rucksack um die
-Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie
-es schien, einen grauen Wetterkragen über dem linken Unterarm, den er
-in die Weiche gestützt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner
-Spitze versehenen Stock, welchen er schräg gegen den Boden stemmte und
-auf dessen Krücke er, bei gekreuzten Füßen, die Hüfte lehnte. Erhobenen
-Hauptes, so daß an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden
-Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit
-farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu
-seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische
-Furchen standen, scharf spähend ins Weite. So--und vielleicht trug
-sein erhöhter und erhöhender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte
-seine Haltung etwas herrisch Überschauendes, Kühnes oder selbst
-Wildes; denn sei es, daß er, geblendet, gegen die untergehende Sonne
-grimassierte oder daß es sich um eine dauernde physiognomische
-Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren völlig
-von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, bis zum
-Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen hervorbleckten.
-
-Wohl möglich, daß Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb
-inquisitiven Musterung des Fremden an Rücksicht hatte fehlen lassen;
-denn plötzlich ward er gewahr, daß jener seinen Blick erwiderte und
-zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig
-gesonnen, die Sache aufs Äußerste zu treiben und den Blick des andern
-zum Abzug zu zwingen, daß Aschenbach, peinlich berührt, sich abwandte
-und einen Gang die Zäune entlang begann, mit dem beiläufigen
-Entschluß, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der
-nächsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der
-Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder
-sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluß im Spiele sein:
-eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz überraschend
-bewußt, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges
-Verlangen in die Ferne, ein Gefühl, so lebhaft, so neu oder doch so
-längst entwöhnt und verlernt, daß er, die Hände auf dem Rücken und den
-Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen
-und Ziel zu prüfen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft
-als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur
-Sinnestäuschung gesteigert. Er sah nämlich, als Beispiel gleichsam für
-alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde
-sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge
-eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter
-dickdunstigem Himmel, feucht, üppig und ungesund, eine von Menschen
-gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Morästen und Schlamm führenden
-Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blättern, so dick
-wie Hände, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und
-abenteuerlich blühendem Pflanzenwerk überwuchert war, sandten haarige
-Palmenschäfte empor, und wunderlich ungestalte Bäume, deren Wurzeln
-dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser
-senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden,
-grünschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schüsseln groß,
-milchweiße Blumen; Vögel von fremder Art, hochschultrig, mit
-unförmigen Schnäbeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und
-blickten unbeweglich zur Seite, während durch ausgedehnte Schilffelder
-ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von
-Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue,
-mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Öde ihn an, die in
-einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben
-schien, zwischen den knotigen Rohrstämmen eines Bambusdickichts
-glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers
-funkeln zu sehen--und fühlte sein Herz pochen vor Entsetzen und
-rätselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem
-Kopfschütteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zäunen der
-Grabsteinmetzereien wieder auf.
-
-Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen wären,
-die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu genießen, das Reisen nicht
-anders denn als eine hygienische Maßregel betrachtet, die gegen Sinn
-und Neigung dann und wann hatte getroffen werden müssen. Zu
-beschäftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europäische
-Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion,
-der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Außenwelt
-zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnügt, die
-heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu rühren, von der
-Oberfläche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht
-gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam
-neigte, seit seine Künstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese
-Besorgnis, die Uhr möchte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan
-und völlig sich selbst gegeben, nicht mehr als bloße Grille von der
-Hand zu weisen war, hatte sein äußeres Dasein sich fast ausschließlich
-auf die schöne Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen
-Landsitz beschränkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die
-regnerischen Sommer verbrachte.
-
-Auch wurde denn, was ihn da eben so spät und plötzlich angewandelt,
-sehr bald durch Vernunft und von jung auf geübte Selbstzucht gemäßigt
-und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, für welches er
-lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu fördern, bevor er aufs Land
-übersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate
-seiner Arbeit entführen würde, schien allzu locker und planwidrig, er
-durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wußte er nur zu wohl,
-aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war.
-Fluchtdrang war sie, daß er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins
-Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbürdung und
-Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstätte eines
-starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn
-und liebte auch fast schon den entnervenden, sich täglich erneuernden
-Kampf zwischen seinem zähen und stolzen, so oft erprobten Willen und
-dieser wachsenden Müdigkeit, von der niemand wissen und die das
-Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der
-Laßheit verraten durfte. Aber verständig schien es, den Bogen nicht
-zu überspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Bedürfnis nicht
-eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die
-Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte
-verlassen müssen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen
-Handstreich sich fügen zu wollen schien. Er prüfte sie aufs neue,
-versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzulösen und ließ
-mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich
-keine außerordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn lähmte, waren
-die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu
-befriedigende Ungenügsamkeit darstellte. Ungenügsamkeit freilich hatte
-schon dem Jüngling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten,
-und um ihretwillen hatte er das Gefühl gezügelt und erkältet, weil er
-wußte, daß es geneigt ist, sich mit einem fröhlichen Ungefähr und mit
-einer halben Vollkommenheit zu begnügen. Rächte sich nun also die
-geknechtete Empfindung, indem sie ihn verließ, indem sie seine Kunst
-fürder zu tragen und zu beflügeln sich weigerte und alle Lust, alles
-Entzücken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm?
-Nicht, daß er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil
-seiner Jahre, daß er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in
-Gelassenheit sicher fühlte. Aber er selbst, während die Nation sie
-ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein
-Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der
-Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug,
-die Freude der genießenden Welt bildeten. Er fürchtete sich vor dem
-Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die
-ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fürchtete
-sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-wände, die
-wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen würden. Und
-so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
-Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer erträglich und
-ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit,
-nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine
-Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im
-liebenswürdigen Süden...
-
-So dachte er, während der Lärm der elektrischen Tram die Ungererstraße
-daher sich näherte, und einsteigend beschloß er, diesen Abend dem
-Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm
-ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin
-folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen
-Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort,
-noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu
-machen war.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs
-von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den
-figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee
-versammelnden Romanteppich, »Maja« mit Namen, wob; der Schöpfer
-jener starken Erzählung, die »Ein Elender« überschrieben ist und einer
-ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit
-jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und
-damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der
-leidenschaftlichen Abhandlung über »Geist und Kunst«, deren
-ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler
-vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive
-und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war
-zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren
-Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter,
-Verwaltungsfunktionäre gewesen, Männer, die im Dienste des Königs, des
-Staates, ihr straffes, anständig karges Leben geführt hatten. Innigere
-Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter
-ihnen verkörpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der
-vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines
-böhmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale
-fremder Rasse in seinem Äußern. Die Vermählung dienstlich nüchterner
-Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen ließ einen
-Künstler und diesen besonderen Künstler erstehen. Da sein ganzes
-Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich
-früh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persönlichen Prägnanz
-seines Tonfalls früh für die Öffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe
-noch Gymnasiast, besaß er einen Namen. Zehn Jahre später hatte
-er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repräsentieren, seinen
-Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn viele
-Ansprüche drängen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein),
-gütig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den
-Strapazen und Wechselfällen der eigentlichen Arbeit, alltäglich eine
-Post zu bewältigen, die Wertzeichen aus aller Herren Ländern trug.
-
-Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent
-geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde,
-fordernde Teilnahme der Wählerischen zugleich zu gewinnen. So, schon
-als Jüngling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die
-außerordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Müßiggang,
-niemals die Fahrlässigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein
-fünfunddreißigstes Jahr in Wien erkrankte, äußerte ein feiner Beobachter
-über ihn in Gesellschaft: »Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so
-gelebt«--und der Sprecher schloß die Finger seiner Linken fest zur
-Faust--; »niemals so«--und er ließ die geöffnete Hand bequem
-von der Lehne des Sessels hängen. Das traf zu; und das
-Tapfer-Sittliche daran war, daß seine Natur von nichts weniger als
-robuster Verfassung und zur ständigen Anspannung nur berufen, nicht
-eigentlich geboren war.
-
-Ärztliche Fürsorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen
-und auf häuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft
-war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen müssen, daß er
-einem Geschlecht angehörte, in dem nicht das Talent, wohl aber die
-physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner
-Erfüllung bedarf,--einem Geschlechte, das früh sein Bestes zu geben
-pflegt und in dem das Können es selten zu Jahren bringt. Aber sein
-Lieblingswort war »Durchhalten«,--er sah in seinem Friedrich-Roman
-nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der
-Inbegriff-leitend-tätiger Tugend erschien. Auch wünschte er sehnlichst,
-alt zu werden, denn er hatte von jeher dafür gehalten, daß wahrhaft
-groß, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Künstlertum zu nennen
-sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen
-charakteristisch fruchtbar zu sein.
-
-Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten
-Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er höchlich der
-Zucht,--und Zucht war ja zum Glücke sein eingeborenes Erbteil von
-väterlicher Seite. Mit vierzig, mit fünfzig Jahren wie schon in einem
-Alter, wo andere verschwenden, schwärmen, die Ausführung großer Pläne
-getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stürzen
-kalten Wassers über Brust und Rücken und brachte dann, ein Paar hoher
-Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Häupten des Manuskripts, die
-Kräfte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbrünstig
-gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war
-verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner
-Moralität, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen,
-in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, für das Erzeugnis
-gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, während sie vielmehr
-in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Größe
-emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte
-vortrefflich waren, weil ihr Schöpfer mit einer Willensdauer und
-Zähigkeit, derjenigen ähnlich, die seine Heimatprovinz eroberte,
-jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten
-und an die eigentliche Herstellung ausschließlich seine stärksten und
-würdigsten Stunden gewandt hatte.
-
-Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und
-tiefe Wirkung zu üben vermöge, muß eine tiefe Verwandtschaft, ja
-Übereinstimmung zwischen dem persönlichen Schicksal seines Urhebers
-und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die
-Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit
-entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzüge daran zu
-entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der
-eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwägbares, ist Sympathie.
-Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar
-ausgesprochen, daß beinahe alles Große, was dastehe, als ein Trotzdem
-dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche,
-Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei.
-Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war
-geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schlüssel zu seinem
-Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die
-äußere Gebärde seiner eigentümlichsten Figuren war?
-
-Über den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen
-wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte
-schon frühzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: daß er die
-Konzeption »einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit«
-sei, »die in stolzer Scham die Zähne aufeinanderbeißt und ruhig
-dasteht, während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen«.
-Das war schön, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu
-passivischen Prägung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual
-bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein
-positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schönste
-Sinnbild, wenn nicht der Kunst überhaupt, so doch gewiß der in Rede
-stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzählte Welt, sah man
-die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine
-innere Unterhöhlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt
-verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Häßlichkeit, die es
-vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja,
-sich zur Herrschaft im Reiche der Schönheit aufzuschwingen; die
-bleiche Ohnmacht, welche aus den glühenden Tiefen des Geistes die
-Kraft holt, ein ganzes übermütiges Volk zu Füßen des Kreuzes, zu
-_ihren_ Füßen niederzuwerfen; die liebenswürdige Haltung im leeren und
-strengen Dienste der Form; das falsche, gefährliche Leben, die rasch
-entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betrügers: betrachtete
-man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man
-zweifeln, ob es überhaupt einen anderen Heroismus gäbe, als denjenigen
-der Schwäche. Welches Heldentum aber jedenfalls wäre zeitgemäßer als
-dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der
-Erschöpfung arbeiten, der Überbürdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch
-Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmächtig
-von Wuchs und spröde von Mitteln, durch Willensverzückung und kluge
-Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Größe
-abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und
-sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich
-bestätigt, erhoben, besungen darin, sie wußten ihm Dank, sie
-verkündeten seinen Namen.
-
-Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von
-ihr, war er öffentlich gestrauchelt, hatte Mißgriffe getan, sich
-bloßgestellt, Verstöße gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort
-und Werk. Aber er hatte die Würde gewonnen, nach welcher, wie er
-behauptete, jedem großen Talente ein natürlicher Drang und Stachel
-eingeboren ist, ja, man kann sagen, daß seine ganze Entwicklung ein
-bewußter und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie
-zurücklassender Aufstieg zur Würde gewesen war.
-
-Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet
-das Ergötzen der bürgerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte
-Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach
-war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Jüngling.
-Er hatte dem Geiste gefrönt, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben,
-Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent
-verdächtigt, die Kunst verraten,--ja, während seine Bildwerke die
-gläubig Genießenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der
-jugendliche Künstler, die Zwanzigjährigen durch seine Zynismen über
-das fragwürdige Wesen der Kunst, des Künstlertums selbst in Atem
-gehalten.
-
-Aber es scheint, daß gegen nichts ein edler und tüchtiger Geist sich
-rascher, sich gründlicher abstumpft als gegen den scharfen und
-bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiß ist, daß die schwermütig
-gewissenhafteste Gründlichkeit des Jünglings Seichtheit bedeutet im
-Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes,
-das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darüber
-hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefühl und selbst
-die Leidenschaft im Geringsten zu lähmen, zu entmutigen, zu
-entwürdigen geeignet ist. Wie wäre die berühmte Erzählung vom
-»Elenden« wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen
-den unanständigen Psychologismus der Zeit, verkörpert in der Figur
-jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal
-erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit,
-aus ethischer Velleität, in die Arme eines Unbärtigen treibt und aus
-Tiefe Nichtswürdigkeiten begehen zu dürfen glaubt? Die Wucht des Wortes,
-mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkündete die Abkehr
-von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund,
-die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, daß alles verstehen
-alles verzeihen heiße, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog,
-war jenes »Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit«, auf
-welches ein wenig später in einem der Dialoge des Autors ausdrücklich
-und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame
-Zusammenhänge! War es eine geistige Folge dieser »Wiedergeburt«,
-dieser neuen Würde und Strenge, daß man um dieselbe Zeit ein fast
-übermäßiges Erstarken seines Schönheitssinnes beobachtete, jene
-adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmäßigkeit der Formgebung,
-welche seinen Produkten fortan ein so sinnfälliges, ja gewolltes
-Gepräge der Meisterlichkeit und Klassizität verlieh? Aber moralische
-Entschlossenheit jenseits des Wissens, der auflösenden und hemmenden
-Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine
-sittliche Vereinfältigung der Welt und der Seele und also auch ein
-Erstarken zum Bösen, Verbotenen, zum sittlich Unmöglichen? Und hat
-Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich
-zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich
-aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische
-Gleichgültigkeit in sich schließt, ja, wesentlich bestrebt ist, das
-Moralische unter ihr stolzes und unumschränktes Szepter zu beugen?
-
-Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte
-nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem
-Massenzutrauen einer weiten Öffentlichkeit begleitet wird, als jene,
-die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes
-vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu
-spotten geneigt, wenn ein großes Talent dem libertinischen
-Puppenstande entwächst, die Würde des Geistes ausdrucksvoll
-wahrzunehmen sich gewöhnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt,
-die voll unberatener, hart selbständiger Leiden und Kämpfe war und es
-zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz,
-Genuß ist übrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas
-Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs
-Vorführungen ein, sein Stil entriet in späteren Jahren der
-unmittelbaren Kühnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er
-wandelte sich ins Mustergültig-Feststehende, Geschliffen-Herkömmliche,
-Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Überlieferung es
-von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus
-seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, daß die
-Unterrichtsbehörde ausgewählte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen
-Schullesebücher übernahm. Es war ihm innerlich gemäß, und er lehnte
-nicht ab, als ein deutscher Fürst, soeben zum Throne gelangt, dem
-Dichter des »Friedrich« zu seinem fünfzigsten Geburtstag den
-persönlichen Adel verlieh.
-
-Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und
-dort wählte er frühzeitig München zum dauernden Wohnsitz und lebte
-dort in bürgerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen
-Einzelfällen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter
-mit einem Mädchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer
-Glücksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war
-ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.
-
-Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgröße, brünett,
-rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu groß im Verhältnis zu der
-fast zierlichen Gestalt. Sein rückwärts gebürstetes Haar, am Scheitel
-gelichtet, an den Schläfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine
-hohe, zerklüftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bügel einer
-Goldbrille mit randlosen Gläsern schnitt in die Wurzel der
-gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war groß, oft schlaff,
-oft plötzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und
-gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende
-Schicksale schienen über dies meist leidend seitwärts geneigte Haupt
-hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier
-jene physiognomische Durchbildung übernommen hatte, welche sonst das
-Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren
-die blitzenden Repliken des Gesprächs zwischen Voltaire und dem Könige
-über den Krieg geboren; diese Augen, müde und tief durch die Gläser
-blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjährigen
-Krieges gesehen. Auch persönlich genommen ist ja die Kunst ein
-erhöhtes Leben. Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie gräbt
-in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginärer und geistiger
-Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei klösterlicher Stille des
-äußeren Daseins, auf die Dauer eine Verwöhntheit, Überfeinerung,
-Müdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster
-Leidenschaften und Genüsse sie kaum hervorzubringen vermag.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Mehrere Geschäfte weltlicher und literarischer Natur hielten den
-Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in München
-zurück. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum
-Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und
-Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig
-Stunden verweilte und sich am nächstfolgenden Morgen nach Pola
-einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose,
-welches jedoch rasch zu erreichen wäre, und so nahm er Aufenthalt auf
-einer seit einigen Jahren gerühmten Insel der Adria, unfern der
-istrischen Küste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten
-redendem Landvolk und schön zerrissenen Klippenpartien dort, wo das
-Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche,
-geschlossen österreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes
-ruhevoll innigen Verhältnisses zum Meere, das nur ein sanfter,
-sandiger Strand gewährt, verdrossen ihn, ließen ihn nicht das
-Bewußtsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein
-Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte
-ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und
-auf einmal, zugleich überraschend und selbstverständlich, stand ihm
-sein Ziel vor Augen. Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, das
-märchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aber
-das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte
-er reisen wollen. Er säumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kündigen.
-Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein
-geschwindes Motorboot ihn und sein Gepäck in dunstiger Frühe über die
-Wasser in den Kriegshafen zurück, und er ging dort nur an Land, um
-sogleich über einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu
-beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.
-
-Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalität, veraltet,
-rußig und düster. In einer höhlenartigen, künstlich erleuchteten Koje
-des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes
-von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender
-Höflichkeit genötigt wurde, saß hinter einem Tische, den Hut schief in
-der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein
-ziegenbärtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen
-Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschäftsgebaren die
-Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine
-ausstellte. »Nach Venedig!« wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem
-er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines
-schräg geneigten Tintenfasses stieß. »Nach Venedig erster Klasse! Sie
-sind bedient, mein Herr!« Und er schrieb große Krähenfüße, streute aus
-einer Büchse blauen Sand auf die Schrift, ließ ihn in eine tönerne
-Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern
-und schrieb aufs neue. »Ein glücklich gewähltes Reiseziel!« schwatzte
-er unterdessen. »Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von
-unwiderstehlicher Anziehungskraft für den Gebildeten, ihrer Geschichte
-sowohl wie ihrer gegenwärtigen Reize wegen!« Die glatte Raschheit
-seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete,
-hatten etwas Betäubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der
-Reisende möchte in seinem Entschluß, nach Venedig zu fahren, noch
-wankend werden. Er kassierte eilig und ließ mit Croupiergewandtheit
-den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.
-»Gute Unterhaltung, mein Herr!« sagte er mit schauspielerischer
-Verbeugung. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu befördern... Meine Herren!«
-rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschäft im
-flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung
-verlangt hätte. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurück.
-
-Einen Arm auf die Brüstung gelehnt, betrachtete er das müßige Volk,
-das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die
-Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Männer und
-Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Bündel als Sitze
-benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des
-ersten Verdecks, Polenser Handelsgehülfen, wie es schien, die sich in
-angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie
-machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen,
-schwatzten, lachten, genossen selbstgefällig das eigene Gebärdenspiel
-und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschäften
-die Hafenstraße entlang gingen und den Feiernden mit dem Stöckchen
-drohten, über das Geländer gebeugt, zungengeläufige Spottreden nach.
-Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
-Krawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimme
-an Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach
-ihn genauer ins Auge gefaßt, als er mit einer Art von Entsetzen
-erkannte, daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht
-zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der
-Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen
-Strohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes
-Schnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes und
-vollzähliges Gebiß, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und
-seine Hände, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines
-Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner
-Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wußten, bemerkten sie nicht, daß er
-alt war, daß er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug,
-zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverständlich und
-gewohnheitsmäßig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte,
-behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine
-neckischen Rippenstöße. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine
-Stirn mit der Hand und schloß die Augen, die heiß waren, da er zu
-wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz
-gewöhnlich an, als beginne eine träumerische Entfremdung, eine
-Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht
-Einhalt zu tun wäre, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und
-aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch berührte ihn
-das Gefühl des Schwimmens, und mit unvernünftigem Erschrecken
-aufsehend, gewahrte er, daß der schwere und düstere Körper des
-Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer löste. Zollweise, unter dem
-Vorwärts-und Rückwärtsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der
-Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand,
-und nach schwerfälligen Manövern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet
-dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite
-hinüber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und
-ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.
-
-Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren
-zurückgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen
-Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen
-von Nässe, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
-Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen
-begann.
-
-In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schoße, ruhte der Reisende,
-und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen
-aufgehört; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war
-vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die
-ungeheure Scheibe des öden Meeres; aber im leeren, ungegliederten
-Raume fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit, und wir dämmern im
-Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der
-Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebärden,
-mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er
-schlief ein.
-
-Um Mittag nötigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen
-Speisesaal, auf den die Türen der Schlafkojen mündeten, zu Häupten
-eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehülfen,
-einschließlich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitän
-pokulierten, die bestellte Mahlzeit nähme. Sie war armselig, und er
-beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen:
-ob er denn nicht über Venedig sich erhellen wollte.
-
-Er hatte nicht anders gedacht, als daß dies geschehen müsse, denn
-stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer
-blieben trüb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und
-er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu
-erreichen, als er, zu Lande sich nähernd, je angetroffen hatte. Er
-stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er
-gedachte des schwermütig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die
-Kuppeln und Glockentürme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen
-waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an
-Ehrfurcht, Glück und Trauer zu maßvollem Gesange geworden, und von
-schon gestalteter Empfindung mühelos bewegt, prüfte er sein ernstes
-und müdes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein
-spätes Abenteuer des Gefühles dem fahrenden Müßiggänger vielleicht
-noch vorbehalten sein könne.
-
-Da tauchte zur Rechten die flache Küste auf, Fischerboote belebten das
-Meer, die Bäderinsel erschien, der Dampfer ließ sie zur Linken, glitt
-verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt
-ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt
-er ganz, da die Barke des Sanitätsdienstes erwartet werden mußte.
-
-Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es
-nicht; man hatte keine Eile und fühlte sich doch von Ungeduld
-getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von
-den militärischen Hornsignalen, die aus der Gegend der öffentlichen
-Gärten her über das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom
-Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drüben exerzierenden
-Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand
-den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend
-gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die
-jugendlich rüstigen Stand zu halten vermocht, er war kläglich
-betrunken. Verblödeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden
-Fingern, schwankte er, mühsam das Gleichgewicht haltend, auf der
-Stelle, vom Rausche vorwärts und rückwärts gezogen. Da er beim ersten
-Schritte gefallen wäre, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte
-er einen jammervollen Übermut, hielt jeden, der sich ihm näherte, am
-Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten,
-runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich
-zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah
-ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefühl von
-Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht
-zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu
-entstellen; ein Gefühl, dem nachzuhängen freilich die Umstände ihn
-abhielten, da eben die stampfende Tätigkeit der Maschine aufs neue
-begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch
-den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder,
-den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition
-phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken
-nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des
-Palastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw' und Heiligem am
-Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, den
-Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, daß
-zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine
-Hintertür betreten heiße, und daß man nicht anders als wie nun er, als
-zu Schiffe, als über das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Städte
-erreichen sollte.
-
-Die Maschine stoppte, Gondeln drängten herzu, die Fallreepstreppe ward
-herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres
-Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen,
-daß er eine Gondel wünsche, die ihn und sein Gepäck zur Station jener
-kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido
-verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt
-sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserfläche hinab, wo
-die Gondelführer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch
-gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit
-Mühsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
-So sieht er sich minutenlang außerstande, den Zudringlichkeiten des
-schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel
-antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. »Wir wünschen den
-glücklichsten Aufenthalt«, meckert er unter Kratzfüßen. »Man empfiehlt
-sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer
-Exzellenz!« Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt die
-Mundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubt
-sich empor. »Unsere Komplimente«, lallt er, zwei Fingerspitzen am
-Munde, »unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem
-schönsten Liebchen...« Und plötzlich fällt ihm das falsche Obergebiß
-vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. »Dem
-Liebchen, dem feinen Liebchen«, hörte er in girrenden, hohlen und
-behinderten Lauten in seinem Rücken, während er, am Strickgeländer
-sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.
-
-Wer hätte nicht einen flüchtigen Schauder, eine geheime Scheu und
-Beklommenheit zu bekämpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach
-langer Entwöhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das
-seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommen
-und so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge
-sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in
-plätschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre
-und düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man
-bemerkt, daß der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz
-lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, üppigste,
-der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr,
-als er zu Füßen des Gondoliers, seinem Gepäck gegenüber, das am
-Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die
-Ruderer zankten immer noch, rauh, unverständlich, mit drohenden
-Gebärden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre
-Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkörpern, über der Flut zu zerstreuen.
-Es war warm hier im Hafen. Lau angerührt vom Hauch des Scirocco, auf
-dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloß der Reisende die
-Augen im Genuß einer so ungewohnten als süßen Lässigkeit. Die Fahrt
-wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen! In leisem
-Schwanken fühlte er sich dem Gedränge, dem Stimmengewirr entgleiten.
-
-Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das
-Plätschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den
-Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze
-hellebardenartig bewehrt über dem Wasser stand und noch ein Drittes,
-ein Reden, ein Raunen,--das Flüstern des Gondoliers, der zwischen den
-Zähnen, stoßweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepreßt
-waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter
-Befremdung gewahrte er, daß um ihn her die Lagune sich weitete und
-seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, daß
-er nicht allzu sehr ruhen dürfe, sondern auf den Vollzug seines
-Willens ein wenig bedacht sein müsse.
-
---Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung
-rückwärts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.
-
---Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends
-umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter
-ihm, auf erhöhtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es
-war ein Mann von ungefälliger, ja brutaler Physiognomie, seemännisch
-blau gekleidet, mit einer gelben Schärpe gegürtet und einen formlosen
-Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann, verwegen schief auf
-dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart
-unter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nicht
-italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmächtig von
-Leibesbeschaffenheit, so daß man ihn für seinen Beruf nicht sonderlich
-geschickt geglaubt hätte, führte er das Ruder, bei jedem Schlage den
-ganzen Körper einsetzend, mit großer Energie. Ein paarmal zog er vor
-Anstrengung die Lippen zurück und entblößte seine weißen Zähne. Die
-rötlichen Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hinweg, indem er
-bestimmten, fast groben Tones erwiderte:
-
---Sie fahren zum Lido.
-
-Aschenbach entgegnete:
-
---Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San
-Marco übersetzen zu lassen. Ich wünsche den Vaporetto zu benutzen.
-
---Sie können den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.
-
---Und warum nicht?
-
---Weil der Vaporetto kein Gepäck befördert.
-
-Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die
-schroffe, überhebliche, einem Fremden gegenüber so wenig landesübliche
-Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte:
-
---Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepäck in Verwahrung
-geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plätscherte,
-das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann
-wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zähnen mit sich selbst.
-
-Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmäßigen,
-unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel,
-seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er übrigens ruhen durfte, wenn
-er sich nicht empörte. Hatte er nicht gewünscht, daß die Fahrt lange,
-daß sie immer dauern möge? Es war das Klügste, den Dingen ihren Lauf
-zu lassen, und es war hauptsächlich höchst angenehm. Ein Bann der
-Trägheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen,
-schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlägen
-des eigenmächtigen Gondoliers in seinem Rücken. Die Vorstellung, einem
-Verbrecher in die Hände gefallen zu sein, streifte träumerisch
-Aschenbachs Sinn,--unvermögend, seine Gedanken zu tätiger Abwehr
-aufzurufen. Verdrießlicher schien die Möglichkeit, daß alles auf
-simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefühl oder
-Stolz, die Erinnerung gleichsam, daß man dem vorbeugen müsse,
-vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:
-
---Was fordern Sie für die Fahrt?
-
-Und über ihn hinsehend antwortete der Gondolier:
-
---Sie werden bezahlen.
-
-Es stand fest, was hierauf zurückzugeben war. Aschenbach sagte
-mechanisch:
-
---Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren,
-wohin ich nicht will.
-
---Sie wollen zum Lido.
-
---Aber nicht mit Ihnen.
-
---Ich fahre Sie gut.
-
-Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du
-fährst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast
-und mich hinterrücks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides
-schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen
-geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit
-musikalischen Wegelagerern, Männern und Weibern, die zur Guitarre,
-zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren
-und die Stille über den Wassern mit ihrer gewinnsüchtigen
-Fremdenpoesie erfüllten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen
-Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Flüstern des
-Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stoßweise und abgerissen mit
-sich selber sprach.
-
-So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt
-fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Hände auf dem Rücken,
-die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab.
-Aschenbach verließ am Stege die Gondel, unterstützt von jenem Alten,
-der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle
-ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinüber in das
-der Dampferbrücke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den
-Ruderer nach Gutdünken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er
-kehrt zurück, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und
-Gondel und Gondolier sind verschwunden.
-
---Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein
-schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnädiger Herr. Er ist der
-einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben
-hierher telephoniert. Er sah, daß er erwartet wurde. Da hat er sich
-fortgemacht.
-
-Aschenbach zuckte die Achseln.
-
---Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin.
-Aschenbach warf Münzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepäck ins
-Bäder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die
-weißblühende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden
-Seiten, quer über die Insel zum Strande läuft.
-
-Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus
-und begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office. Da
-er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverständnis
-empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd höflicher
-Mann mit schwarzem Schnurrbart und in französisch geschnittenem
-Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies
-ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz möblierten Raum,
-den man mit starkduftenden Blumen geschmückt hatte und dessen hohe
-Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewährten. Er trat an eines
-davon, nachdem der Angestellte sich zurückgezogen, und während man
-hinter ihm sein Gepäck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte,
-blickte er hinaus auf den nachmittäglich menschenarmen Strand und die
-unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in
-ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.
-
-Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich
-verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine
-Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von
-Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem
-Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun wären, beschäftigen
-ihn über Gebühr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam,
-Erlebnis, Abenteuer, Gefühl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das
-gewagt und befremdend Schöne, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber
-auch das Verkehrte, das Unverhältnismäßige, das Absurde und
-Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der
-gräßliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpönte,
-um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemüt des
-Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne
-eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch
-grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl
-eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen grüßte er das Meer mit den
-Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu
-wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das
-Zimmermädchen einige Anordnungen zur Vervollständigung seiner
-Bequemlichkeit und ließ sich von dem grün gekleideten Schweizer, der
-den Lift bediente, ins Erdgeschoß hinunterfahren.
-
-Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und
-verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf
-das Hotel Excelsior. Als er zurückkehrte, schien es schon an der
-Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau,
-nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewöhnt war, und
-fand sich trotzdem ein wenig verfrüht in der Halle ein, wo er einen
-großen Teil der Hotelgäste, fremd untereinander und in gespielter
-gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung
-des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, ließ
-sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die
-sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen
-Weise unterschied.
-
-Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf.
-Gedämpft, vermischten sich die Laute der großen Sprachen. Der
-weltgültige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, faßte äußerlich
-die Spielarten des Menschlichen zu anständiger Einheit zusammen. Man
-sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige
-russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit französischen
-Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der
-Nähe ward polnisch gesprochen.
-
-Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer
-Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei
-junge Mädchen, fünfzehn-bis siebzehnjährig, wie es schien, und ein
-langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen
-bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war. Sein
-Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar
-umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem
-Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische
-Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war
-es von so einmalig-persönlichem Reiz, daß der Schauende weder in Natur
-noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben
-glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsätzlicher Kontrast
-zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die
-Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung
-der drei Mädchen, von denen die Älteste für erwachsen gelten konnte,
-war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmäßig
-klösterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nüchtern und gewollt
-unkleidsam von Schnitt, mit weißen Fallkrägen als einziger Aufhellung,
-unterdrückte und verhinderte jede Gefälligkeit der Gestalt. Das glatt
-und fest an den Kopf geklebte Haar ließ die Gesichter nonnenhaft leer
-und nichtssagend erscheinen. Gewiß, es war eine Mutter, die hier
-waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die
-pädagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Mädchen gegenüber geboten
-schien. Weichheit und Zärtlichkeit bestimmten ersichtlich seine
-Existenz. Man hatte sich gehütet, die Schere an sein schönes Haar zu
-legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über die
-Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm,
-dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen
-Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten,
-verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten
-Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen den
-Betrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den andern
-gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels
-gestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer
-Haltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete
-Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. War
-er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbein
-gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er
-einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer
-Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem
-Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren,
-Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer
-Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.
-
-Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, daß die Mahlzeit
-bereit sei. Allmählich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastür
-in den Speisesaal. Nachzügler, vom Vestibül, von den Lifts kommend,
-gingen vorüber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die
-jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in
-tiefem Sessel behaglich aufgehoben und übrigens das Schöne vor Augen,
-wartete mit ihnen.
-
-Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem
-Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen
-Brauen schob sie ihren Stuhl zurück und verneigte sich, als eine große
-Frau, grau-weiß gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmückt, die
-Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kühl und gemessen, die
-Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres
-Kleides von jener Einfachheit, die überall da den Geschmack bestimmt,
-wo Frömmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie hätte die
-Frau eines hohen deutschen Beamten sein können. Etwas von
-phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren
-Schmuck, der in der Tat kaum schätzbar war und aus Ohrgehängen, sowie
-einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengroßer, mild schimmernder
-Perlen bestand.
-
-Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuß
-über die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurückhaltenden Lächeln
-ihres gepflegten, doch etwas müden und spitznäsigen Gesichtes über
-ihre Köpfe hinwegblickte und einige Worte in französischer Sprache an
-die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastür. Die Geschwister
-folgten ihr: die Mädchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen
-die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er
-sich um, bevor er die Schwelle überschritt, und da niemand sonst mehr
-in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentümlich dämmergrauen
-Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in
-Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.
-
-Was er gesehen, war gewiß in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man
-war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet,
-sie ehrerbietig begrüßt und beim Eintritt in den Saal gebräuchliche
-Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdrücklich, mit
-einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung
-dargestellt, daß Aschenbach sich sonderbar ergriffen fühlte. Er
-zögerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den
-Speisesaal hinüber und ließ sich sein Tischchen anweisen, das, wie er
-mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem
-der polnischen Familie entfernt war.
-
-Müde und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich während der
-langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann
-nach über die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmäßige mit
-dem Individuellen eingehen müsse, damit menschliche Schönheit
-entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der
-Kunst und fand am Ende, daß seine Gedanken und Funde gewissen
-scheinbar glücklichen Einflüsterungen des Traumes glichen, die sich
-bei ernüchtertem Sinn als vollständig schal und untauglich erweisen.
-Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem
-abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die
-Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich
-belebtem Schlaf.
-
-Das Wetter ließ sich am folgenden Tage nicht günstiger an. Landwind
-ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe,
-verschrumpft gleichsam, mit nüchtern nahem Horizont und so weit vom
-Strande zurückgetreten, daß es mehrere Reihen langer Sandbänke
-freiließ. Als Aschenbach sein Fenster öffnete, glaubte er den fauligen
-Geruch der Lagune zu spüren.
-
-Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an
-Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Frühlingswochen
-hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer
-geschädigt, daß er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen müssen.
-Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck
-in den Schläfen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den
-Aufenthalt zu wechseln würde lästig sein; wenn aber der Wind nicht
-umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit
-nicht völlig aus. Um neun Uhr frühstückte er in dem hierfür
-vorbehaltenen Büfettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.
-
-In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der
-großen Hotels gehört. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen
-umher. Ein Klappern des Teegerätes, ein halbgeflüstertes Wort war
-alles, was man vernahm. In einem Winkel, schräg gegenüber der Tür und
-zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen
-Mädchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu
-geglättet und mit geröteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern
-mit kleinen weißen Fallkrägen und Manschetten saßen sie da und
-reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem
-Frühstück fast fertig. Der Knabe fehlte.
-
-Aschenbach lächelte. Nun kleiner Phäake! dachte er. Du scheinst vor
-diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu genießen. Und plötzlich
-aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:
-
-»Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.«
-
-Er frühstückte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit
-gezogener Tressenmütze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und
-öffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, daß
-er dem Eintritt des Langschläfers noch beiwohnte, den man dort drüben
-erwartete.
-
-Er kam durch die Glastür und ging in der Stille schräg durch den Raum
-zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des
-Oberkörpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des
-weißbeschuhten Fußes von außerordentlicher Anmut, sehr leicht,
-zugleich zart und stolz und verschönt noch durch die kindliche
-Verschämtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung
-in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Lächelnd, mit einem
-halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen
-Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil
-zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak über die wahrhaft
-gottähnliche Schönheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen
-leichten Blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem Waschstoff mit
-rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen
-weißen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht
-einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,
-ruhte die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt
-des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und
-ernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden
-Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.
-
-Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmännisch kühlen Billigung,
-in welche Künstler zuweilen einem Meisterwerk gegenüber ihr Entzücken,
-ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig,
-erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du
-bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des
-Personals durch die Halle, die große Terrasse hinab und gerade aus
-über den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgäste. Er ließ
-sich von dem barfüßigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse
-und Strohhut dort unten als Bademeister tätig zeigte, die gemietete
-Strandhütte zuweisen, ließ Tisch und Sessel hinaus auf die sandig
-bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem
-Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand
-gezogen hatte.
-
-Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich genießender Kultur am
-Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war
-die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern,
-bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschränkt, auf den
-Sandbänken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen
-Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der
-Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden saß, gab
-es spielende Bewegung und träg hingestreckte Ruhe, Besuche und
-Geplauder, sorgfältige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die
-keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoß. Vorn auf dem feuchten
-und festen Sande lustwandelten Einzelne in weißen Bademänteln, in
-weiten, starkfarbigen Hemdgewändern. Eine vielfältige Sandburg zur
-Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den
-Farben aller Länder besteckt. Verkäufer von Muscheln, Kuchen und
-Früchten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Hütten,
-die quer zur Reihe der übrigen und zum Meere standen und auf dieser
-Seite einen Abschluß des Strandes bildeten, kampierte eine russische
-Familie: Männer mit Bärten und großen Zähnen, mürbe und träge Frauen,
-ein baltisches Fräulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen
-der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmütig-häßliche Kinder, eine
-alte Magd im Kopftuch und mit zärtlich unterwürfigen Sklavenmanieren.
-Dankbar genießend lebten sie dort, riefen unermüdlich die Namen der
-unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger
-italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie
-Zuckerwerk kauften, küßten einander auf die Wangen und kümmerten sich
-um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.
-
-Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wäre es besser? Und die
-Hände im Schoß gefaltet, ließ er seine Augen sich in den Weiten des
-Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen
-im eintönigen Dunst der Raumeswüste. Er liebte das Meer aus tiefen
-Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der
-von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des
-Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,
-seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischen
-Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. Am
-Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das
-Vortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form des
-Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, ward
-plötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen
-Gestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten
-einholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von links
-kommend vor ihm im Sande vorüberging. Er ging barfuß, zum Waten
-bereit, die schlanken Beine bis über die Knie entblößt, langsam, aber
-so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz
-gewöhnt, und schaute sich nach den querstehenden Hütten um. Kaum aber
-hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer
-Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein
-Gesicht überzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward
-emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes
-Zerren, daß die Wange zerriß, und seine Brauen waren so schwer
-gerunzelt, daß unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und
-böse und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses führten. Er
-blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurück, tat dann mit der
-Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und ließ die Feinde im
-Rücken.
-
-Eine Art Zartgefühl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham,
-veranlaßte Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen
-hätte; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt
-es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu
-machen. Er war aber erheitert und erschüttert zugleich, das heißt:
-beglückt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmütigste
-Stück Leben,--er stellte das Göttlich-Nichtssagende in menschliche
-Beziehungen; er ließ ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur
-Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen;
-und er verlieh der ohnehin durch Schönheit bedeutenden Gestalt des
-Halbwüchsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn
-über seine Jahre ernst zu nehmen.
-
-Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine
-helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den
-um die Sandburg beschäftigten Gespielen grüßend anzukündigen suchte.
-Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform
-seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer
-gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu können, als zwei
-melodische Silben wie »Adgio« oder öfter noch »Adgiu« mit rufend
-gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in
-seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen
-und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.
-
-Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem
-Füllfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach
-einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die
-genießenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch
-gleichgültige Tätigkeit zu versäumen. Er warf das Schreibzeug
-beiseite, er kehrte zum Meere zurück, und nicht lange, so wandte er,
-abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an
-der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und
-Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.
-
-Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht
-zu verfehlen. Mit anderen beschäftigt, eine alte Planke als Brücke
-über den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit
-dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit
-ihm ungefähr zehn Genossen, Knaben und Mädchen, von seinem Alter und
-einige jünger, die in Zungen, polnisch, französisch und auch in
-Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am
-öftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer
-namentlich, Pole gleich ihm, ein stämmiger Bursche, der ähnlich wie
-»Jaschu« gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem
-Gürtelanzug, schien sein nächster Vasall und Freund. Sie gingen, als
-für diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand
-entlang, und der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, küßte den Schönen.
-
-Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. »Dir aber rat
-ich Kritobulos«, dachte er lächelnd, »geh ein Jahr auf Reisen! Denn
-soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung.« Und dann frühstückte
-er große, vollreife Erdbeeren, die er von einem Händler erstand. Es
-war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des
-Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Trägheit fesselte den Geist,
-indes die Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung der
-Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei,
-der ungefähr »Adgio« lautete, schien dem ernsten Mann eine
-angemessene, vollkommen ausfüllende Aufgabe und Beschäftigung. Und mit
-Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, daß »Tadzio«
-gemeint sein müsse, die Abkürzung von »Tadeusz« und im Anrufe »Tadziu«
-lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren
-hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte,
-weit draußen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus.
-Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach
-ihm von den Hütten, stießen wiederum diesen Namen aus, der den Strand
-beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten,
-seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süßes und Wildes hatte:
-»Tadziu, Tadziu!« Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit
-den Beinen zu Schaum schlagend, zurückgeworfenen Kopfes durch die
-Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und
-herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend
-aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann:
-Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie
-Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von
-der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf
-diesen in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, daß
-es hier gut sei und daß er bleiben wolle.
-
-Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in sein
-weißes Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den
-Kopf auf den bloßen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht
-betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergaß er fast
-niemals, daß jener dort lag und daß es ihn nur eine leichte Wendung
-des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu
-erblicken. Beinahe schien es ihm, als säße er hier, um den Ruhenden zu
-behüten,--mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch in
-beständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten,
-nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung
-dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die
-Schönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz.
-
-Nach Mittag verließ er den Strand, kehrte ins Hotel zurück und ließ
-sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen längere
-Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein müdes und
-scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und
-daran, daß Viele ihn auf den Straßen kannten und ehrerbietig
-betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekrönten
-Wortes willen,--rief alle, äußeren Erfolge seines Talentes auf, die
-ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung.
-Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem
-Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, drängte
-junges Volk, das gleichfalls vom Frühstück kam, ihm nach in das
-schwebende Kämmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe
-bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, daß dieser ihn nicht in
-bildmäßigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner
-Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von
-irgend jemandem, und während er mit unbeschreiblich lieblichem Lächeln
-antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rückwärts,
-mit niedergeschlagenen Augen. Schönheit macht schamhaft, dachte
-Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch
-bemerkt, daß Tadzios Zähne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig
-und blaß, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentümlich spröder
-Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsüchtigen. Er ist sehr zart,
-er ist kränklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt
-werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft über ein Gefühl
-der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken
-begleitete.
-
-Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag
-mit dem Vaporetto über die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg
-aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner
-hiesigen Tagesordnung gemäß, einen Spaziergang durch die Straßen an.
-Es war jedoch dieser Gang, der einen völligen Umschwung seiner
-Stimmung, seiner Entschlüsse herbeiführte.
-
-Eine widerliche Schwüle lag in den Gassen, die Luft war so dick, daß
-die Gerüche, die aus Wohnungen, Läden, Garküchen quollen, Öldunst,
-Wolken von Parfüm und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu
-zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur
-langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belästigte den
-Spaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, desto
-quälender bemächtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die
-Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich
-Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. Die
-Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das
-Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschäftsgassen über
-Brücken in die Gänge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
-üblen Ausdünstungen der Kanäle verleideten das Atmen. Auf stillem
-Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Örtlichkeiten,
-die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
-trocknete er die Stirn und sah ein, daß er reisen müsse.
-
-Zum zweitenmal und nun endgültig war es erwiesen, daß diese Stadt bei
-dieser Witterung ihm höchst schädlich war. Eigensinniges Ausharren
-erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes
-ganz ungewiß. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause
-zurückzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war
-bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,
-und anderwärts fanden sie sich ohne die böse Zutat der Lagune und
-ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht
-weit von Triest, das man ihm rühmlich genannt hatte. Warum nicht
-dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel
-sich noch lohne. Er erklärte sich für entschlossen und stand auf. Am
-nächsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und ließ sich durch das
-trübe Labyrinth der Kanäle, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die
-von Löwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an
-trauernden Palastfassaden, die große Firmenschilder im Abfall
-schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mühe,
-dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und
-Glasbläsereien im Bunde stand, versuchte überall, ihn zu Besichtigung
-und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig
-ihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderische
-Geschäftsgeist der gesunkenen Königin das seine, den Sinn wieder
-verdrießlich zu ernüchtern.
-
-Ins Hotel zurückgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die
-Erklärung ab, daß unvorhergesehene Umstände ihn nötigten, morgen früh
-abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste
-und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem
-Schaukelstuhl auf der rückwärtigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,
-machte er sein Gepäck vollkommen zur Abreise fertig.
-
-Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn
-beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster öffnete, war der Himmel
-bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann
-auch schon seine Reue. War diese Kündigung nicht überstürzt und
-irrtümlich, die Handlung eines kranken und unmaßgeblichen Zustandes
-gewesen? Hätte er sie ein wenig zurückbehalten, hätte er es, ohne so
-rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die
-venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so
-stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich
-dem gestrigen bevor. Zu spät. Nun mußte er fortfahren, zu wollen, was
-er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum
-Frühstück ins Erdgeschoß hinab.
-
-Der Büfettraum war, als er eintrat, noch leer von Gästen. Einzelne
-kamen, während er saß und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am
-Munde, sah er die polnischen Mädchen nebst ihrer Begleiterin sich
-einfinden; streng und morgenfrisch, mit geröteten Augen schritten sie
-zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf näherte sich ihm der
-Portier mit gezogener Mütze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil
-stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu
-bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal
-der Gesellschaft zum Bahnhof befördern werde. Die Zeit dränge.
---Aschenbach fand, daß sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine
-Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er ärgerte sich an der
-Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und
-bedeutete dem Portier, daß er in Ruhe zu frühstücken wünsche. Der Mann
-zog sich zögernd zurück, um nach fünf Minuten wieder aufzutreten.
-Unmöglich, daß der Wagen länger warte. Dann möge er fahren und seinen
-Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur
-gegebenen Zeit das öffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge
-um sein Fortkommen ihm selber zu überlassen. Der Angestellte verbeugte
-sich. Aschenbach, froh, die lästigen Mahnungen abgewehrt zu haben,
-beendete seinen Imbiß ohne Eile, ja ließ sich sogar noch vom Kellner
-Tagesblätter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er
-aufstand. Es fügte sich, daß im selben Augenblick Tadzio durch die
-Glastür hereinkam.
-
-Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,
-schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen
-nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und
-voll zu ihm aufzuschlagen und war vorüber. Adieu, Tadzio! dachte
-Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das
-Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,
-fügte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte
-Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im französischen
-Gehrock verabschiedet und verließ das Hotel zu Fuß, wie er gekommen,
-um sich, gefolgt von dem Handgepäck tragenden Hausdiener, durch die
-weiß blühende Allee quer über die Insel zur Dampferbrücke zu begeben.
-Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine
-Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.
-
-Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei, den
-großen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf der Rundbank am Buge, den Arm
-aufs Geländer gestützt, mit der Hand die Augen beschattend. Die
-öffentlichen Gärten blieben zurück, die Piazzetta eröffnete sich noch
-einmal in fürstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die große
-Flucht der Paläste, und als die Wasserstraße sich wendete, erschien
-des Rialto prächtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende
-schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt,
-diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn
-so sehr gedrängt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlich
-schmerzlichen Zügen. War es möglich, daß er nicht gewußt, nicht
-bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen
-ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns
-gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer
-Seelennot, so bitter, daß sie ihm mehrmals Tränen in die Augen trieb,
-und von der er sich sagte, daß er sie unmöglich habe vorhersehen
-können. Was er als so schwer erträglich, ja, zuweilen als völlig
-unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, daß er Venedig nie
-wieder sehen solle, daß dies ein Abschied für immer sei. Denn da sich
-zum zweiten Male gezeigt hatte, daß die Stadt ihn krank mache, da er
-sie zum zweiten Male jäh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie
-ja fortan als einen ihm unmöglichen und verbotenen Aufenthalt zu
-betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen
-sinnlos gewesen wäre. Ja, er empfand, daß, wenn er jetzt abreise,
-Scham und Trotz ihn hindern müßten, die geliebte Stadt je wieder zu
-sehen, der gegenüber er zweimal körperlich versagt hatte; und dieser
-Streitfall zwischen seelischer Neigung und körperlichem Vermögen
-schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische
-Niederlage so schmählich, so um jeden Preis hintanzuhalten, daß er die
-leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne
-ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.
-
-Unterdessen nähert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz
-und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise dünkt dem
-Gequälten unmöglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen
-betritt er die Station. Es ist sehr spät, er hat keinen Augenblick zu
-verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es
-nicht. Aber die Zeit drängt, sie geißelt ihn vorwärts; er eilt, sich
-sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach
-dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch
-zeigt sich und meldet, der große Koffer sei aufgegeben. Schon
-aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem
-hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten
-kommt zu Tage, daß der Koffer, schon im Gepäckbeförderungs-Amt des
-Hotels »Excelsior« zusammen mit anderer, fremder Bagage, in völlig
-falsche Richtung geleitet wurde.
-
-Aschenbach hatte Mühe, die Miene zu bewahren, die unter diesen
-Umständen einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine
-unglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seine
-Brust. Der Angestellte stürzte davon, um möglicherweise den Koffer
-noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter
-Dinge zurück. Da erklärte denn Aschenbach, daß er ohne sein Gepäck
-nicht zu reisen wünsche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen
-des Stückes im Bäderhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das
-Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,
-es liege vor der Tür. Er bestimmte in italienischer Suade den
-Schalterbeamten, den gelösten Fahrschein zurückzunehmen, er schwor,
-daß depeschiert werden, daß nichts gespart und versäumt werden solle,
-um den Koffer in Bälde zurückzugewinnen, und--so fand das Seltsame
-statt, daß der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am
-Bahnhof, sich wieder im Großen Kanal auf dem Rückweg zum Lido sah.
-
-Wunderlich unglaubhaftes, beschämendes, komisch traumartiges
-Abenteuer: Stätten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf
-immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurückverschlagen, in
-derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig
-behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoß das kleine,
-eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der
-Maske ärgerlicher Resignation die ängstlich-übermütige Erregung eines
-entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine
-Brust bewegt von Lachen über dies Mißgeschick, das, wie er sich sagte,
-ein Sonntagskind nicht gefälliger hätte heimsuchen können. Es waren
-Erklärungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so
-sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglück verhütet, ein
-schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zu
-lassen geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebige
-Zeit wieder sein... Täuschte ihn übrigens die rasche Fahrt oder kam
-wirklich zum Überfluß der Wind nun dennoch vom Meere her?
-
-Die Wellen schlugen gegen die betonierten Wände des schmalen Kanals,
-der durch die Insel zum Hotel »Excelsior« gelegt ist. Ein automobiler
-Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und führte ihn oberhalb des
-gekräuselten Meeres auf geradem Wege zum Bäder-Hotel. Der kleine
-schnurrbärtige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begrüßung die
-Freitreppe herab.
-
-Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn äußerst
-peinlich für ihn und das Institut, billigte aber mit Überzeugung
-Aschenbachs Entschluß, das Gepäckstück hier zu erwarten. Freilich sei
-sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich
-zur Verfügung. »Pas de chance, monsieur«, sagte der schweizerische
-Liftführer lächelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Flüchtling
-wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und
-Einrichtung fast vollkommen glich.
-
-Ermüdet, betäubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, ließ er
-sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in
-einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine
-blaßgrüne Färbung angenommen, die Luft schien dünner und reiner, der
-Strand mit seinen Hütten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch
-grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hände im Schoß gefaltet,
-zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschüttelnd unzufrieden über seinen
-Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wünsche. So saß er wohl eine
-Stunde, ruhend und gedankenlos träumend. Um Mittag erblickte er
-Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere
-her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel
-zurückkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Höhe sofort, bevor er
-ihn eigentlich ins Auge gefaßt, und wollte etwas denken, wie: »Sieh,
-Tadzio, da bist ja auch du wieder!« Aber im gleichen Augenblick fühlte
-er, wie der lässige Gruß vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und
-verstummte,--fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
-Schmerz seiner Seele und erkannte, daß ihm um Tadzios willen der
-Abschied so schwer geworden war.
-
-Er saß ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte
-in sich hinein. Seine Züge waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein
-aufmerksames, neugierig geistreiches Lächeln spannte seinen Mund. Dann
-hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff über die Lehne des
-Sessels hinabhängenden Armen eine langsam drehende und hebende
-Bewegung, die Handflächen vorwärts kehrend, so, als deute er ein
-Öffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen
-heißende, gelassen aufnehmende Gebärde.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Nun lenkte Tag für Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein
-gluthauchendes Viergespann durch die Räume des Himmels und sein gelbes
-Gelock flatterte im zugleich ausstürmenden Ostwind. Weißlich seidiger
-Glanz lag auf den Weiten des träge wallenden Pontos. Der Sand glühte.
-Unter der silbrig flirrenden Bläue des Äthers waren rostfarbene
-Segeltücher vor den Strandhütten ausgespannt, und auf dem scharf
-umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die
-Vormittagsstunden. Aber köstlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen
-des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen
-schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise
-heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die
-freudige Gewähr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Muße und
-geschmückt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Möglichkeiten
-lieblichen Zufalls.
-
-Der Gast, den ein so gefügiges Mißgeschick hier festgehalten, war weit
-entfernt, in der Rückgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem
-Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden
-und zu den Mahlzeiten im großen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen
-müssen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem
-Zimmer niedersetzte, packte er gründlich aus und füllte Schrank und
-Schubfächer mit dem Seinen, entschlossen zu vorläufig unabsehbarem
-Verweilen, vergnügt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug
-verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an
-seinem Tischchen zeigen zu können.
-
-Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann
-gezogen, die weiche und glänzende Milde dieser Lebensführung ihn rasch
-berückt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines
-gepflegten Badelebens an südlichem Strande mit der traulich bereiten
-Nähe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte
-nicht den Genuß. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu
-pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich
-in jüngeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen
-zurück in die hohe Mühsal, den heilig nüchternen Dienst seines
-Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen,
-machte ihn glücklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch
-seiner Hütte, hinträumend über die Bläue des Südmeers, oder bei lauer
-Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom
-Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem groß gestirnten
-Himmel heimwärts zum Lido führte--und die bunten Lichter, die
-schmelzenden Klänge der Serenade blieben zurück,--erinnerte er sich
-seines Landsitzes in den Bergen, der Stätte seines sommerlichen
-Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fürchterliche
-Gewitter am Abend das Licht des Hauses löschten und die Raben, die er
-fütterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es
-ihm wohl, als sei er entrückt ins elysische Land, an die Grenzen der
-Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee
-ist und Winter noch Sturm und strömender Regen, sondern immer sanft
-kühlenden Anhauch Okeanos aufsteigen läßt und in seliger Muße die Tage
-verrinnen, mühelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen
-geweiht.
-
-Viel, fast beständig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein
-beschränkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit
-sich, daß der Schöne ihm tagüber mit kurzen Unterbrechungen nahe war.
-Er sah, er traf ihn überall: in den unteren Räumen des Hotels, auf den
-kühlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurück, im Gepränge des
-Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der
-Zufall ein Übriges tat. Hauptsächlich aber und mit der glücklichsten
-Regelmäßigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte
-Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja,
-diese Gebundenheit des Glückes, diese täglich-gleichmäßig wieder
-anbrechende Gunst der Umstände war es so recht, was ihn mit
-Zufriedenheit und Lebensfreude erfüllte, was ihm den Aufenthalt teuer
-machte und einen Sonnentag so gefällig hinhaltend sich an den anderen
-reihen ließ.
-
-Er war früh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor
-den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiß
-blendend in Morgenträumen lag. Er grüßte menschenfreundlich den
-Wächter der Sperre, grüßte auch vertraulich den barfüßigen Weißbart,
-der ihm die Stätte bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die
-Möbel der Hütte hinaus auf die Plattform gerückt hatte, und ließ sich
-nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur
-Höhe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und
-tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte.
-
-Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von
-rückwärts zwischen den Hütten hervortreten oder fand auch wohl
-plötzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, daß er sein Kommen
-versäumt und daß er schon da war, schon in dem blau und weißen
-Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein
-gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies
-lieblich nichtige, müßig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein
-Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht,
-berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen
-Namen ertönen ließen: »Tadziu! Tadziu!« und zu denen er mit eifrigem
-Gebärdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzählen, was er erlebt, ihnen
-zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen
-und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von
-dem, was er sagte, und mochte es das Alltäglichste sein, es war
-verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben
-Rede zur Musik, eine übermütige Sonne goß verschwenderischen Glanz
-über ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner
-Erscheinung Folie und Hintergrund.
-
-Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen,
-so frei sich darstellenden Körpers, begrüßte freudig jede schon
-vertraute Schönheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten
-Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begrüßen, der
-den Frauen bei der Hütte aufwartete; er lief herbei, lief naß
-vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand
-reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuß auf die Zehenspitzen
-gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Körpers,
-anmutig spannungsvoll, verschämt aus Liebenswürdigkeit, gefallsüchtig
-aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust
-geschlungen, den zart gemeißelten Arm in den Sand gestützt, das Kinn
-in der hohlen Hand; der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, saß kauernd
-bei ihm und tat ihm schön, und nichts konnte bezaubernder sein, als
-das Lächeln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem
-Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein,
-abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Hände
-im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fußballen schaukelnd, und
-träumte ins Blaue, während kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen
-badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die
-Schläfen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen
-Rückgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmaß der Brust
-traten durch die knappe Umhüllung des Rumpfes hervor, seine
-Achselhöhlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen
-glänzten, und ihr bläuliches Geäder ließ seinen Körper wie aus
-klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche
-Präzision des Gedankens war ausgedrückt in diesem gestreckten und
-jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch,
-der, dunkel tätig, dies göttliche Bildwerk ans Licht zu treiben
-vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Künstler, bekannt und vertraut?
-Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll,
-aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im
-Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger
-Schönheit den Menschen darstellte?
-
-Standbild und Spiegel! Seine Augen umfaßten die edle Gestalt dort am
-Rande des Blauen, und in aufschwärmendem Entzücken glaubte er mit
-diesem Blick das Schöne selbst zu begreifen, die Form als
-Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt
-und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold
-zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich,
-ja gierig, hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist
-kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warf uralte,
-seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer
-belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, daß die Sonne unsere
-Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge
-wendet? Sie betäube und bezaubere, hieß es, Verstand und Gedächtnis,
-dergestalt, daß die Seele vor Vergnügen ihres eigentlichen Zustandes
-ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schönsten der
-besonnten Gegenstände hängen bleibe: ja, nur mit Hülfe eines Körpers
-vermöge sie dann noch zu höherer Betrachtung sich zu erheben. Amor
-fürwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfähigen Kindern
-greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der
-Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt
-und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit
-allem Abglanz der Schönheit schmückte und bei deren Anblick wir dann
-wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.
-
-So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus
-Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild.
-Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener
-heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblüten erfüllte Ort, den
-Weihbilder und fromme Gaben schmückten zu Ehren der Nymphen und des
-Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Füßen des breitgeästeten Baums
-über glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft
-abfiel, so, daß man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten
-Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Ältlicher und ein
-Junger, ein Häßlicher und ein Schöner, der Weise beim Liebenswürdigen.
-Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte
-Sokrates den Phaidros über Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem
-heißen Erschrecken, das der Fühlende leidet, wenn sein Auge ein
-Gleichnis der ewigen Schönheit erblickt; sprach ihm von den Begierden
-des Weihelosen und Schlechten, der die Schönheit nicht denken kann,
-wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht fähig ist; sprach
-von der heiligen Angst, die den Edlen befällt, wenn ein gottgleiches
-Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und
-außer sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der
-die Schönheit hat, ja, ihm opfern würde, wie einer Bildsäule, wenn er
-nicht fürchten müßte, den Menschen närrisch zu scheinen. Denn die
-Schönheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswürdig und sichtbar
-zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen,
-welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen können. Oder was
-würde aus uns, wenn das Göttliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und
-Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Würden wir nicht vergehen
-und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die
-Schönheit der Weg des Fühlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel
-nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der
-verschlagene Hofmacher: Dies, daß der Liebende göttlicher sei, als der
-Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen
-zärtlichsten, spöttischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht
-ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht
-entspringt. Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz
-Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein
-pulsender Gedanke, solch genaues Gefühl gehörte und gehorchte dem
-Einsamen damals: nämlich, daß die Natur vor Wonne erschaure, wenn der
-Geist sich huldigend vor der Schönheit neige. Er wünschte plötzlich,
-zu schreiben. Zwar liebt Eros, heißt es, den Müßiggang, und für
-solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war
-die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast
-gleichgültig der Anlaß. Eine Frage, eine Anregung, über ein gewisses
-großes und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich
-bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und
-bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm geläufig, war
-ihm Erlebnis; sein Gelüst, ihn im Licht seines Wortes erglänzen zu
-lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen
-dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des
-Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Körpers
-folgen zu lassen, der ihm göttlich schien, und seine Schönheit ins
-Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Äther
-trug. Nie hatte er die Lust des Wortes süßer empfunden, nie so gewußt,
-daß Eros im Worte sei, wie während der gefährlich köstlichen Stunden,
-in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im
-Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios
-Schönheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener
-Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefühlsspannung
-binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher
-gut, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge,
-nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der
-Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floß, würde sie oftmals
-verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen
-aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Mühe! Seltsam
-zeugender Verkehr des Geistes mit einem Körper! Als Aschenbach seine
-Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fühlte er sich erschöpft,
-ja zerrüttet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer
-Ausschweifung Klage führe.
-
-Es war am folgenden Morgen, daß er, im Begriff das Hotel zu verlassen,
-von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum
-Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre näherte. Der
-Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem,
-der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte,
-heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort,
-seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und drängte sich auf. Der Schöne
-ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte
-seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den
-Hütten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und
-irgend ein Wort, eine freundliche französische Phrase schwebt ihm auf
-den Lippen: da fühlt er, daß sein Herz, vielleicht auch vom schnellen
-Gang, wie ein Hammer schlägt, daß er, so knapp bei Atem, nur gepreßt
-und bebend wird sprechen können; er zögert, er sucht sich zu
-beherrschen, er fürchtet plötzlich, schon zu lange dicht hinter dem
-Schönen zu gehen, fürchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes
-Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht
-gesenkten Hauptes vorüber.
-
-Zu spät! dachte er in diesem Augenblick. Zu spät! Jedoch war es zu
-spät? Dieser Schritt, den zu tun er versäumte, er hätte sehr
-möglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer
-Ernüchterung geführt. Allein es war wohl an dem, daß der Alternde die
-Ernüchterung nicht wollte, daß der Rausch ihm zu teuer war. Wer
-enträtselt Wesen und Gepräge des Künstlertums! Wer begreift die tiefe
-Instinktverschmelzung von Zucht und Zügellosigkeit, worin es beruht!
-Denn heilsame Ernüchterung nicht wollen zu können, ist Zügellosigkeit.
-Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack,
-die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und späte
-Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggründe zu zergliedern und
-zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwäche
-sein Vorhaben nicht ausgeführt habe. Er war verwirrt, er fürchtete,
-daß irgend jemand, wenn auch der Strandwächter nur, seinen Lauf, seine
-Niederlage beobachtet haben möchte, fürchtete sehr die Lächerlichkeit.
-Im übrigen scherzte er bei sich selbst über seine komisch-heilige
-Angst. »Bestürzt«, dachte er, »bestürzt wie ein Hahn, der angstvoll
-seine Flügel im Kampfe hängen läßt. Das ist wahrlich der Gott, der
-beim Anblick des Liebenswürdigen so unseren Mut bricht und unsern
-stolzen Sinn so gänzlich zu Boden drückt...« Er spielte, schwärmte und
-war viel zu hochmütig, um ein Gefühl zu fürchten.
-
-Schon überwachte er nicht mehr den Ablauf der Mußezeit, die er sich
-selber gewährt; der Gedanke an Heimkehr berührte ihn nicht einmal. Er
-hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig
-der möglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der
-Hand, durch beiläufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren,
-daß diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier
-abgestiegen seien. Die Sonne bräunte ihm Antlitz und Hände, der
-erregende Salzhauch stärkte ihn zum Gefühl, und wie er sonst jede
-Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an
-ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so ließ er nun alles, was Sonne,
-Muße und Meerluft ihm an täglicher Kräftigung zuführten,
-hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung.
-
-Sein Schlaf war flüchtig; die köstlich einförmigen Tage waren getrennt
-durch kurze Nächte voll glücklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig
-zurück, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war,
-schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein
-zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines
-Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und
-leicht eingehüllt gegen die Schauer der Frühe setzte er sich ans
-offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle
-Ereignis erfüllte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch
-lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Dämmerblässe; noch
-schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine
-beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplätzen, daß Eos sich von der
-Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, süße Erröten der fernsten
-Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden
-der Schöpfung sich anzeigt. Die Göttin nahte, die
-Jünglingsentführerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem
-Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schönen Orion genoß.
-Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsäglich holdes
-Scheinen und Blühen, kindliche Wolken, verklärt, durchleuchtet,
-schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, bläulichen Duft,
-Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwärts zu schwemmen
-schien, goldene Speere zuckten von unten zur Höhe des Himmels hinauf,
-der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit göttlicher Übergewalt wälzten
-sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden
-Hufen stiegen des Bruders heilige Renner über den Erdkreis empor.
-Angestrahlt von der Pracht des Gottes saß der Einsam-Wache, er schloß
-die Augen und ließ von der Glorie seine Lider küssen. Ehemalige
-Gefühle, frühe, köstliche Drangsale des Herzens, die im strengen
-Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt
-zurückkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Lächeln.
-Er sann, er träumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und
-noch immer lächelnd, mit aufwärts gekehrtem Antlitz, die Hände im
-Schöße gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal.
-
-Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam
-gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der
-auf einmal so sanft und bedeutend, höherer Einflüsterung gleich,
-Schläfe und Ohr umspielte? Weiße Federwölkchen standen in verbreiteten
-Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Götter. Stärkerer Wind
-erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich bäumend, daher,
-Stiere auch wohl, dem Bläulichgelockten gehörig, welche mit Brüllen
-anrennend die Hörner senkten. Zwischen dem Felsengeröll des
-entfernteren Strandes jedoch hüpften die Wellen empor als springende
-Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloß den
-Berückten ein, und sein Herz träumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn
-hinter Venedig die Sonne sank, saß er auf einer Bank im Park, um
-Tadzio zuzuschauen, der sich, weiß gekleidet und farbig gegürtet, auf
-dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnügte, und Hyakinthos war
-es, den er zu sehen glaubte, und der sterben mußte, weil zwei Götter
-ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den
-Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergaß, um
-immer mit dem Schönen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von
-grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing,
-erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem süßen
-Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage...
-
-Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhältnis von Menschen, die
-sich nur mit den Augen kennen,--die täglich, ja stündlich einander
-begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgültiger Fremdheit
-grußlos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene
-Grille genötigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und überreizte
-Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatürlich unterdrückten
-Erkenntnis-und Austauschbedürfnisses und namentlich auch eine Art von
-gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so
-lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein
-Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.
-
-Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft mußte sich notwendig ausbilden
-zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender
-Freude konnte der Ältere feststellen, daß Teilnahme und Aufmerksamkeit
-nicht völlig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schönen,
-niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an
-der Rückseite der Hütten zu benützen, sondern nur noch auf dem
-vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und
-manchmal unnötig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast
-streifend, zur Hütte der Seinen zu schlendern? Wirkte so die
-Anziehung, die Faszination eines überlegenen Gefühls auf seinen zarten
-und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete täglich Tadzios
-Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschäftigt, wenn es sich
-vollzog, und ließ den Schönen scheinbar unbeachtet vorübergehen.
-Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie
-waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und
-würdevollen Miene des Älteren verriet nichts eine innere Bewegung;
-aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in
-seinen Gang kam ein Zögern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich
-wieder auf, und wenn er vorüber war, so schien ein Etwas in seiner
-Haltung auszudrücken, daß nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden.
-
-Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen
-Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im
-großen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen.
-Er erging sich nach Tische, sehr unruhig über ihren Verbleib, in
-Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Füßen der Terrasse, als er
-plötzlich die nonnenähnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier
-Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah.
-Offenbar kamen sie von der Dampferbrücke, nachdem sie aus irgendeinem
-Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kühl gewesen;
-Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Überjacke mit goldenen Knöpfen
-und auf dem Kopf eine zugehörige Mütze. Sonne und Seeluft verbrannten
-ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu
-Beginn; doch schien er blässer heute als sonst, sei es infolge der
-Kühle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine
-ebenmäßigen Brauen zeichneten sich schärfer ab, seine Augen dunkelten
-tief. Er war schöner, als es sich sagen läßt, und Aschenbach empfand
-wie schon oftmals mit Schmerzen, daß das Wort die sinnliche Schönheit
-nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.
-
-Er war der teuren Erscheinung nicht gewärtig gewesen, sie kam
-unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Würde
-zu befestigen. Freude, Überraschung, Bewunderung mochten sich offen
-darin malen, als sein Blick dem des Vermißten begegnete,--und in
-dieser Sekunde geschah es, daß Tadzio lächelte: ihn anlächelte,
-sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich
-im Lächeln erst langsam öffneten. Es war das Lächeln des Narziß, der
-sich über das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte,
-hingezogene Lächeln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen
-Schönheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Lächeln,
-verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden
-Lippen seines Schattens zu küssen, kokett, neugierig und leise
-gequält, betört und betörend.
-
-Der, welcher dies Lächeln empfangen, enteilte damit wie mit einem
-verhängnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschüttert, daß er das
-Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit
-hastigen Schritten das Dunkel des rückwärtigen Parkes suchte.
-Sonderbar entrüstete und zärtliche Vermahnungen entrangen sich ihm:
-»Du darfst so nicht lächeln! Höre, man darf so niemandem lächeln!« Er
-warf sich auf eine Bank, er atmete außer sich den nächtlichen Duft der
-Pflanzen. Und zurückgelehnt, mit hängenden Armen, überwältigt und
-mehrfach von Schauern überlaufen, flüsterte er die stehende Formel der
-Sehnsucht,--unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig
-doch, ehrwürdig auch hier noch: »Ich liebe dich!«
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von
-Aschenbach einige die Außenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.
-Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz
-seines Gasthofes eher ab-als zunähme, und, insbesondere, als ob die
-deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so daß bei Tisch
-und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines
-Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt häufig besuchte, im
-Gespräche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer
-deutschen Familie erwähnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist
-war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: »Sie bleiben, mein
-Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.« Aschenbach sah ihn an.
-»Dem Übel?« wiederholte er. Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt,
-überhörte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklärte
-er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit
-abzulenken.
-
-Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und
-schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den
-polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den
-Weg zur Dampferbrücke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott
-nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen
-auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er plötzlich in
-der Luft ein eigentümliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe
-es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewußtsein zu dringen, seinen Sinn
-berührt,--einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden
-und verdächtige Reinlichkeit erinnerte. Er prüfte und erkannte ihn
-nachdenklich, beendete seinen Imbiß und verließ den Platz auf der dem
-Tempel gegenüberliegenden Seite. In der Enge verstärkte sich der
-Geruch. An den Straßenecken hafteten gedruckte Anschläge, durch welche
-die Bevölkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,
-die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse
-von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanäle
-stadtväterlich gewarnt wurde. Die beschönigende Natur des Erlasses war
-deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Brücken und Plätzen
-beisammen; und der Fremde stand spürend und grübelnd unter ihnen.
-
-Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnüren und falschen
-Amethyst-Geschmeiden in der Türe seines Gewölbes lehnte, bat er um
-Auskunft über den fatalen Geruch. Der Mann maß ihn mit schweren Augen
-und ermunterte sich hastig. »Eine vorbeugende Maßregel, mein Herr!«
-antwortete er mit Gebärdenspiel. »Eine Verfügung der Polizei, die man
-billigen muß. Diese Witterung drückt, der Scirocco ist der Gesundheit
-nicht zuträglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht übertriebene
-Vorsicht...« Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem
-Dampfer, der ihn zum Lido zurücktrug, spürte er jetzt den Geruch des
-keimbekämpfenden Mittels.
-
-Ins Hotel zurückgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum
-Zeitungstisch und hielt in den Blättern Umschau. Er fand in den
-fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Gerüchte,
-führten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und
-bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklärte sich der Abzug des
-deutschen und österreichischen Elementes. Die Angehörigen der übrigen
-Nationen wußten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht
-beunruhigt. »Man soll schweigen!« dachte Aschenbach erregt, indem er
-die Journale auf den Tisch zurückwarf. »Man soll das verschweigen!«
-Aber zugleich füllte sein Herz sich mit Genugtuung über das Abenteuer,
-in welches die Außenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,
-wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags
-nicht gemäß, und jede Lockerung des bürgerlichen Gefüges, jede
-Verwirrung und Heimsuchung der Welt muß ihr willkommen sein, weil sie
-ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand
-Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit über die obrigkeitlich
-bemäntelten Vorgänge in den schmutzigen Gäßchen Venedigs,--dieses
-schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis
-verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn
-der Verliebte besorgte nichts, als daß Tadzio abreisen könnte und
-erkannte nicht ohne Entsetzen, daß er nicht mehr zu leben wissen
-werde, wenn das geschähe.
-
-Neuerdings begnügte er sich nicht damit, Nähe und Anblick des Schönen
-der Tagesregel und dem Glücke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte
-ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am
-Strande; er erriet, daß sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte
-dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Dämmerung des
-Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, über ein Betpult
-gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf
-zerklüftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,
-kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des
-morgenländischen Tempels lastete üppig auf seinen Sinnen. Vorn
-wandelte, hantierte und sang der schwergeschmückte Priester, Weihrauch
-quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flämmchen der Altarkerzen, und
-in den dumpfsüßen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:
-der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah
-Aschenbach, wie der Schöne dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und
-ihn erblickte.
-
-Wenn dann die Menge durch die geöffneten Portale hinausströmte auf den
-leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betörte in
-der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah
-die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf
-zeremoniöse Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich
-heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, daß der Schöne, die
-klösterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch
-das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er
-sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte
-ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.
-
-Er mußte stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mußte in Garküchen
-und Höfe flüchten, um die Umkehrenden vorüber zu lassen; er verlor
-sie, suchte erhitzt und erschöpft nach ihnen über Brücken und in
-schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tödlicher Pein, wenn er
-sie plötzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen möglich war, sich
-entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, daß er litt. Haupt
-und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen
-des Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unter
-seine Füße zu treten.
-
-Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und
-Aschenbach, den, während sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen
-verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestoßen,
-ein Gleiches. Er sprach hastig und gedämpft, wenn er den Ruderer,
-unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener
-Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffällig in einigem
-Abstand zu folgen; und es überrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der
-spitzbübischen Erbötigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben
-Tone versicherte, daß er bedient, daß er gewissenhaft bedient werden
-solle.
-
-So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,
-der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die
-Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fühlte er
-Kummer und Unruhe. Aber sein Führer, als sei er in solchen Aufträgen
-wohl geübt, wußte ihm stets durch schlaue Manöver, durch rasche
-Querfahrten und Abkürzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.
-Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den
-Dunst, der den Himmel schieferig färbte. Wasser schlug glucksend gegen
-Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruß, ward
-fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Übereinkunft
-beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gärten hingen Blütendolden,
-weiß und purpurn, nach Mandeln duftend, über morsches Gemäuer.
-Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trüben ab. Die
-Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf
-kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das
-Weiße der Augen, als sei er blind, ein Altertumshändler, vor seiner
-Spelunke, lud den Vorüberziehenden mit kriecherischen Gebärden zum
-Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betrügen. Das war Venedig, die
-schmeichlerische und verdächtige Schöne,--diese Stadt, halb Märchen,
-halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst
-schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klänge eingab, die
-wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als tränke
-sein Auge dergleichen Üppigkeit, als würde sein Ohr von solchen
-Melodien umworben; er erinnerte sich auch, daß die Stadt krank sei und
-es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spähte ungezügelter aus nach
-der voranschwebenden Gondel.
-
-So wußte und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den
-Gegenstand, der ihn entzündete, ohne Unterlaß zu verfolgen, von ihm
-zu träumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,
-seinem bloßen Schattenbild zärtliche Worte zu geben. Einsamkeit,
-Fremde und das Glück eines späten und tiefen Rausches ermutigten und
-überredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erröten
-durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, daß er, spät abends
-von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schönen
-Zimmertür Halt gemacht, seine Stirn in völliger Trunkenheit an die
-Angel der Tür gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen
-vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt
-und betroffen zu werden.
-
-Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben
-Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestürzung. Auf
-welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natürliche Verdienste ein
-aristokratisches Interesse für seine Abstammung einflößen, war er
-gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren
-zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer
-notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch
-jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen
-in so exotischen Ausschweifungen des Gefühls; gedachte der
-haltungsvollen Strenge, der anständigen Männlichkeit ihres Wesens und
-lächelte schwermütig. Was würden sie sagen? Aber freilich, was hätten
-sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur
-Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, über das
-er selbst einst, im Bürgersinne der Väter, so spöttische
-Jünglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im
-Grunde so ähnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in
-harter Zucht geübt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich
-manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender
-Kampf, für welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der
-Selbstüberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und
-enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild für einen zarten und
-zeitgemäßen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es männlich,
-durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,
-der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise
-besonders gemäß und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Völkern
-vorzüglich in Ansehen gestanden, ja, hieß es nicht, daß er durch
-Tapferkeit in ihren Städten geblüht habe? Zahlreiche Kriegshelden der
-Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung
-galt, die der Gott verhängte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit
-wären gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen
-wären: Fußfälle, Schwüre, inständige Bitten und sklavisches Wesen,
-solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete
-vielmehr noch Lob dafür.
-
-So war des Betörten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stützen,
-seine Würde zu wahren. Aber zugleich wandte er beständig eine spürende
-und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgängen im Innern
-Venedigs zu, jenem Abenteuer der Außenwelt, das mit dem seines Herzens
-dunkel zusammenfloß und seine Leidenschaft mit unbestimmten,
-gesetzlosen Hoffnungen nährte. Versessen darauf, Neues und Sicheres
-über Stand oder Fortschritt des Übels zu erfahren, durchstöberte er in
-den Kaffeehäusern der Stadt die heimatlichen Blätter, da sie vom
-Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.
-Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der
-Erkrankungs-, der Todesfälle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja
-hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der
-Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf völlig
-vereinzelte, von außen eingeschleppte Fälle zurückgeführt. Warnende
-Bedenken, Proteste gegen das gefährliche Spiel der welschen Behörden
-waren eingestreut. Gewißheit war nicht zu erlangen.
-
-Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewußt, an dem
-Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine
-bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfänglichen Fragen
-anzugehen und sie, die zum Schweigen verbündet waren, zur
-ausdrücklichen Lüge zu nötigen. Eines Tages beim Frühstück im großen
-Speisesaal stellte er so den Geschäftsführer zur Rede, jenen kleinen,
-leise auftretenden Menschen im französischen Gehrock, der sich
-grüßend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch
-an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum
-man denn eigentlich, fragte der Gast in lässiger und beiläufiger
-Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig
-desinfiziere?--»Es handelt sich«, antwortete der Schleicher, »um eine
-Maßnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzuträglichkeiten oder
-Störungen der öffentlichen Gesundheit, welche durch die brütende und
-ausnehmend warme Witterung erzeugt werden möchten, pflichtgemäß und
-beizeiten hintanzuhalten.«--»Die Polizei ist zu loben«, erwiderte
-Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen
-empfahl sich der Manager.
-
-Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, daß eine
-kleine Bande von Straßensängern aus der Stadt sich im Vorgarten des
-Gasthofes hören ließ. Sie standen, zwei Männer und zwei Weiber, an dem
-eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weißbeschienenen
-Gesichter zur großen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei
-Kaffee und kühlenden Getränken die volkstümliche Darbietung gefallen
-ließ. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,
-zeigte sich lauschend an den Türen zur Halle. Die russische Familie,
-eifrig und genau im Genuß, hatte sich Rohrstühle in den Garten
-hinabstellen lassen, um den Ausübenden näher zu sein, und saß dort
-dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem
-Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.
-
-Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren
-unter den Händen der Bettelvirtuosen in Tätigkeit. Mit instrumentalen
-Durchführungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das jüngere der
-Weiber, scharf und quäkend von Stimme, sich mit dem süß
-falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.
-Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich
-unzweideutig der andere der Männer, Inhaber der Guitarre und im
-Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch
-begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals löste er
-sich, sein großes Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los
-und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien
-mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem
-Parterre, zeigten sich entzückt über soviel südliche Beweglichkeit und
-ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus
-sich heraus zu gehen.
-
-Aschenbach saß an der Balustrade und kühlte zuweilen die Lippen mit
-einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im
-Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klänge, die vulgären
-und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lähmt
-den wählerischen Sinn und läßt sich allen Ernstes mit Reizen ein,
-welche die Nüchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen
-würde. Seine Züge waren durch die Sprünge des Gauklers zu einem fix
-gewordenen und schon schmerzenden Lächeln verrenkt. Er saß lässig da,
-während eine äußerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs
-Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingeländer.
-
-Er stand dort in dem weißen Gürtelanzug, den er zuweilen zur
-Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,
-den linken Unterarm auf der Brüstung, die Füße gekreuzt, die rechte
-Hand in der tragenden Hüfte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum
-ein Lächeln, nur eine entfernte Neugier, ein höfliches Entgegennehmen
-war, zu den Bänkelsängern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf
-und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schönen Bewegung beider
-Arme den weißen Kittel durch den Ledergürtel hinunter. Manchmal aber
-auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln
-seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zögernd und behutsam
-oder auch rasch und plötzlich, als gelte es eine Überrumpelung, den
-Kopf über die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er
-fand nicht dessen Augen, denn eine schmähliche Besorgnis zwang den
-Verwirrten, seine Blicke ängstlich im Zaum zu halten. Im Grund der
-Terrasse saßen die Frauen, die Tadzio behüteten, und es war dahin
-gekommen, daß der Verliebte fürchten mußte, auffällig geworden und
-beargwöhnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er
-mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,
-zu bemerken gehabt, daß man Tadzio aus seiner Nähe zurückrief, ihn von
-ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus
-entnehmen müssen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen
-wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.
-
-Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo
-begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden
-Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit
-Gesang und sämtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine
-plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wußte. Schmächtig
-gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,
-abgetrennt von den Seinen, den schäbigen Filz im Nacken, so daß ein
-Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer
-Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern
-der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Späße zur Terrasse
-empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner
-Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr
-von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhälter, halb
-Komödiant, brutal und verwegen, gefährlich und unterhaltend. Sein
-Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,
-durch sein Mienenspiel, seine Körperbewegungen, seine Art, andeutend
-zu blinzeln und die Zunge schlüpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,
-etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstößiges. Dem weichen Kragen des
-Sporthemdes, das er zu übrigens städtischer Kleidung trug, entwuchs
-sein hagerer Hals mit auffallend groß und nackt wirkendem Adamsapfel.
-Sein bleiches, stumpfnäsiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zügen
-schwer auf sein Alter zu schließen war, schien durchpflügt von
-Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines
-beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,
-fast wild zwischen seinen rötlichen Brauen standen. Was jedoch des
-Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die
-Bemerkung, daß die verdächtige Figur auch ihre eigene verdächtige
-Atmosphäre mit sich zu führen schien. Jedesmal nämlich, wenn der
-Refrain wieder einsetzte, unternahm der Sänger unter Faxen und
-grüßendem Handschütteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn
-unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorüberführte, und jedesmal, wenn
-das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Körper ausgehend, ein
-Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.
-
-Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den
-Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen
-herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demütig
-zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfüßen schlich er
-zwischen den Tischen umher, und ein Lächeln tückischer Unterwürfigkeit
-entblößte seine starken Zähne, während doch immer noch die beiden
-Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das
-fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und
-einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Münzen in seinen Filz
-und hütete sich, ihn zu berühren. Die Aufhebung der physischen Distanz
-zwischen dem Komödianten und den Anständigen erzeugt, und war das
-Vergnügen noch so groß, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fühlte sie
-und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu
-Aschenbach und mit ihm der Geruch, über den niemand ringsum sich
-Gedanken zu machen schien.
-
-»Höre!« sagte der Einsame gedämpft und fast mechanisch. »Man
-desinfiziert Venedig. Warum?«--Der Spaßmacher antwortete heiser: »Von
-wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze
-und bei Scirocco. Der Scirocco drückt. Er ist der Gesundheit nicht
-zuträglich...« Er sprach wie verwundert darüber, daß man dergleichen
-fragen könne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der
-Scirocco drücke.--»Es ist also kein Übel in Venedig?« fragte
-Aschenbach sehr leise und zwischen den Zähnen.--Die muskulösen Züge
-des Possenreißers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. »Ein
-Übel? Aber was für ein Übel? Ist der Scirocco ein Übel? Ist
-vielleicht unsere Polizei ein Übel? Sie belieben zu scherzen! Ein
-Übel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Maßregel, verstehen Sie doch!
-Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drückenden
-Witterung...« Er gestikulierte.--»Es ist gut«, sagte Aschenbach
-wiederum kurz und leise und ließ rasch ein ungebührlich bedeutendes
-Geldstück in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den
-Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Bücklingen; aber er
-hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich
-auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein
-geflüstertes Kreuzverhör nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab
-Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.
-Entlassen, kehrte er in den Garten zurück, und, nach einer kurzen
-Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem
-Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.
-
-Es war ein Lied, das jemals gehört zu haben der Einsame sich nicht
-erinnerte; ein dreister Schlager in unverständlichem Dialekt und
-ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmäßig aus
-vollem Halse einfiel. Es hörten hierbei sowohl die Worte wie auch die
-Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb übrig als ein
-rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natürlich behandeltes
-Lachen, das namentlich der Solist mit großem Talent zu täuschendster
-Lebendigkeit zu gestalten wußte. Er hatte bei wiederhergestelltem
-künstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze
-Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschämt zur
-Terrasse emporgesandt, war Hohngelächter. Schon gegen das Ende des
-artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen
-Kitzel zu kämpfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er preßte
-die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen
-Augenblick brach, heulte und platzte das unbändige Lachen aus ihm
-hervor, mit solcher Wahrheit, daß es ansteckend wirkte und sich den
-Zuhörern mitteilte, daß auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und
-nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben
-schien des Sängers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,
-er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich
-ausschütten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger
-hinauf, als gäbe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft
-dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der
-Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Türen.
-
-Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er saß aufgerichtet wie zum
-Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelächter, der
-heraufwehende Hospitalgeruch und die Nähe des Schönen verwoben sich
-ihm zu einem Traumbann, der unzerreißbar und unentrinnbar sein Haupt,
-seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und
-Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinüberzublicken, und indem er es
-tat, durfte er bemerken, daß der Schöne, in Erwiderung seines Blickes
-ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach
-der des Anderen und als vermöge die allgemeine Stimmung nichts über
-ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle
-Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Überwältigendes, daß der
-Grauhaarige sich mit Mühe enthielt, sein Gesicht in den Händen zu
-verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios
-gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine
-Beklemmung der Brust. »Er ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht
-alt werden«, dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher
-Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine
-Fürsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfüllte sein
-Herz.
-
-Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall
-begleitete sie, und ihr Anführer versäumte nicht, noch seinen Abgang
-mit Spaßen auszuschmücken. Seine Kratzfüße, seine Kußhände wurden
-belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draußen
-waren, tat er noch, als renne er rückwärts empfindlich gegen einen
-Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort
-endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,
-richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gästen auf der
-Terrasse frech die Zunge heraus und schlüpfte ins Dunkel. Die
-Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand längst nicht mehr an der
-Balustrade. Aber der Einsame saß noch lange, zum Befremden der
-Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetränkes an seinem Tischchen.
-Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor
-vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche
-und bedeutende Gerätchen auf einmal wieder, als stünde es vor ihm.
-Lautlos und fein rann der rostrot gefärbte Sand durch die gläserne
-Enge, und da er in der oberen Höhlung zur Neige ging, hatte sich dort
-ein kleiner, reißender Strudel gebildet.
-
-Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen
-Schritt zur Versuchung der Außenwelt und diesmal mit allem möglichen
-Erfolge. Er trat nämlich vom Markusplatz in das dort gelegene
-englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld
-gewechselt, richtete er mit der Miene des mißtrauischen Fremden an den
-ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig
-gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe
-bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalität des
-Wesens, die im spitzbübisch behenden Süden so fremd, so merkwürdig
-anmutet. Er fing an: »Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Maßregel
-ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden häufig getroffen,
-um gesundheitsschädlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco
-vorzubeugen...« Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem
-Blicke des Fremden, einem müden und etwas traurigen Blick, der mit
-leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da errötete der
-Engländer. »Dies ist«, fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,
-»die amtliche Erklärung, auf der zu bestehen man hier für gut
-befindet. Ich werde Ihnen sagen, daß noch etwas anderes dahinter
-steckt.« Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache
-die Wahrheit.
-
-Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkte
-Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus
-den warmen Morästen des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem
-mephitischen Odem jener üppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen
-Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,
-hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewöhnlich heftig
-gewütet, hatte östlich nach China, westlich nach Afghanistan und
-Persien übergegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrs
-folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.
-Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zu
-Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers
-Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen
-aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo
-und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien
-und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war
-verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu
-Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den
-ausgemergelten, schwärzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und
-einer Grünwarenhändlerin. Die Fälle wurden verheimlicht. Aber nach
-einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreißig und zwar in
-verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der österreichischen Provinz,
-der sich zu seinem Vergnügen einige Tage in Venedig aufgehalten,
-starb, in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt, unter unzweideutigen
-Anzeichen, und so kam es, daß die ersten Gerüchte von der Heimsuchung
-der Lagunenstadt in deutsche Tagesblätter gelangten. Venedigs
-Obrigkeit ließ antworten, daß die Gesundheitsverhältnisse der Stadt
-nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Maßregeln zur
-Bekämpfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.
-Gemüse, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, fraß das
-Sterben in der Enge der Gäßchen um sich, und die vorzeitig
-eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanäle laulich
-erwärmte, war der Verbreitung besonders günstig. Ja, es schien, als ob
-die Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren, als ob die
-Tenazität und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt hätte. Fälle
-der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen
-starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Übel trat mit
-äußerster Wildheit auf und zeigte häufig jene gefährlichste Form,
-welche »die trockene« benannt ist. Hierbei vermochte der Körper das
-aus den Blutgefäßen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal
-auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und
-erstickte am pechartig zähe gewordenen Blut unter Krämpfen und
-heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch
-nach leichtem Übelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,
-aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni füllten
-sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den
-beiden Waisenhäusern begann es an Platz zu mangeln, und ein
-schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen
-Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor
-allgemeiner Schädigung, die Rücksicht auf die kürzlich eröffnete
-Gemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten, auf die gewaltigen
-Ausfälle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,
-die Geschäfte, das ganze vielfältige Fremdengewerbe bedroht waren,
-zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor
-internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behörde, ihre Politik
-des Verschweigens und des Ableugnens hartnäckig aufrecht zu erhalten.
-Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war
-entrüstet von seinem Posten zurückgetreten und unter der Hand durch
-eine gefügigere Persönlichkeit ersetzt worden. Das Volk wußte das; und
-die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,
-dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,
-brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine
-Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in
-Unmäßigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalität bekundete.
-Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; bösartiges
-Gesindel machte, so hieß es, nachts die Straßen unsicher; räuberische
-Anfälle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal
-hatte sich erwiesen, daß angeblich der Seuche zum Opfer gefallene
-Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem
-Leben geräumt worden waren; und die gewerbsmäßige Liederlichkeit nahm
-aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht
-bekannt und nur im Süden des Landes und im Orient zu Hause gewesen
-waren.
-
-Von diesen Dingen sprach der Engländer das Entscheidende aus. »Sie
-täten gut«, schloß er, »lieber heute als morgen zu reisen. Länger, als
-ein paar Tage noch, kann die Verhängung der Sperre kaum auf sich
-warten lassen.«--»Danke Ihnen«, sagte Aschenbach und verließ das Amt.
-
-Der Platz lag in sonnenloser Schwüle. Unwissende Fremde saßen vor den
-Cafés oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen
-zu, wie die Tiere, wimmelnd, flügelschlagend, einander verdrängend,
-nach den in hohlen Händen dargebotenen Maiskörnern pickten. In
-fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen
-Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen
-im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und
-nieder. Er erwog eine reinigende und anständige Handlung. Er konnte
-heute Abend nach dem Diner der perlengeschmückten Frau sich nähern und
-zu ihr sprechen, was er wörtlich entwarf: »Gestatten Sie dem Fremden,
-Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der
-Eigennutz Ihnen vorenthält. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und
-Ihren Töchtern! Venedig ist verseucht.« Er konnte dann dem Werkzeug
-einer höhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich
-wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fühlte zugleich, daß
-er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu
-wollen. Er würde ihn zurückführen, würde ihn sich selber wiedergeben;
-aber wer außer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich
-zu gehen. Er erinnerte sich eines weißen Bauwerks, geschmückt mit
-abendlich gleißenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das
-Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen
-Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende
-Jünglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke
-an Heimkehr, an Besonnenheit, Nüchternheit, Mühsal und Meisterschaft,
-widerte ihn in solchem Maße, daß sein Gesicht sich zum Ausdruck
-physischer Übelkeit verzerrte. »Man soll schweigen!« flüsterte er
-heftig. Und: »Ich werde schweigen!« Das Bewußtsein seiner
-Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen
-Weines ein müdes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und
-verwahrlosten Stadt, wüst seinem Geiste vorschwebend, entzündete in
-ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft überschreitend, und von
-ungeheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück, von dem er
-vorhin einen Augenblick geträumt, verglichen mit diesen Erwartungen?
-Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenüber den Vorteilen des Chaos?
-Er schwieg und blieb.
-
-In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum
-ein körperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im
-tiefsten Schlaf und in völligster Unabhängigkeit und sinnlicher
-Gegenwart widerfuhr, aber ohne daß er sich außer den Geschehnissen im
-Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr
-seine Seele selbst, und sie brachen von außen herein, seinen
-Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttätig
-niederwerfend, gingen hindurch und ließen seine Existenz, ließen die
-Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurück.
-
-Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach
-dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;
-denn weither näherte sich Getümmel, Getöse, ein Gemisch von Lärm:
-Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und
-ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und
-grauenhaft süß übertönt von tief girrendem, ruchlos beharrlichen
-Flötenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide
-bezauberte. Aber er wußte ein Wort, dunkel, doch das benennend was
-kam: »_Der fremde Gott!_« Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er
-Bergland, ähnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,
-von bewaldeter Höhe, zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmern wälzte
-es sich und stürzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine
-tobende Rotte, und überschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,
-Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd über zu
-lange Fellgewänder, die ihnen vom Gürtel hingen, schüttelten
-Schellentrommeln über ihren stöhnend zurückgeworfenen Häuptern,
-schwangen stiebende Fackelbrände und nackte Dolche, hielten züngelnde
-Schlangen in der Mitte des Leibes erfaßt oder trugen schreiend ihre
-Brüste in beiden Händen. Männer, Hörner über den Stirnen, mit Pelzwerk
-geschürzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und
-Schenkel, ließen eherne Becken erdröhnen und schlugen wütend auf
-Pauken, während glatte Knaben mit umlaubten Stäben Böcke stachelten,
-an deren Hörner sie sich klammerten und von deren Sprüngen sie sich
-jauchzend schleifen ließen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus
-weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, süß und wild zugleich,
-wie kein jemals erhörter: hier klang er auf, in die Lüfte geröhrt, wie
-von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wüstem
-Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und
-ließ ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der
-tiefe, lockende Flötenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend
-Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmaß des äußersten
-Opfers? Groß war sein Abscheu, groß seine Furcht, redlich sein Wille,
-bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden, den Feind des
-gefaßten und würdigen Geistes. Aber der Lärm, das Geheul, vervielfacht
-von hallender Bergwand, wuchs, nahm Überhand, schwoll zu hinreißendem
-Wahnsinn. Dünste bedrängten den Sinn, der beizende Ruch der Böcke,
-Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,
-dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender
-Krankheit. Mit den Paukenschlägen dröhnte sein Herz, sein Gehirn
-kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betäubende Wollust, und seine
-Seele begehrte, sich anzuschließen dem Reigen des Gottes. Das obszöne
-Symbol, riesig, aus Holz, ward enthüllt und erhöht: da heulten sie
-zügelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten
-einander mit geilen Gebärden und buhlenden Händen, lachend und
-ächzend,--stießen die Stachelstäbe einander ins Fleisch und leckten
-das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Träumende
-nun und dem fremden Gotte gehörig. Ja, sie waren er selbst, als sie
-reißend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen
-verschlangen, als auf zerwühltem Moosgrund grenzenlose Vermischung
-begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und
-Raserei des Unterganges.
-
-Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerrüttet und
-kraftlos dem Dämon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden
-Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kümmerte
-ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhütten
-standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies größere Lücken auf,
-und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit
-schien durchgesickert, die Panik, trotz zähen Zusammenhaltens der
-Interessenten, nicht länger hintanzuhalten. Aber die Frau im
-Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Gerüchte nicht zu
-ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu
-weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es
-zuweilen, als könne Flucht und Tod alles störende Leben in der Runde
-entfernen und er allein mit dem Schönen auf dieser Insel
-zurückbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer,
-unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei
-sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle
-Sterben umging, ihm unwürdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche
-ihm aussichtsreich und hinfällig das Sittengesetz.
-
-Wie irgend ein Liebender wünschte er, zu gefallen und empfand bittere
-Angst, daß es nicht möglich sein möchte. Er fügte seinem Anzüge
-jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und
-benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit für seine
-Toilette und kam geschmückt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts
-der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib,
-der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte
-ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlich zu
-erquicken und wiederherzustellen; er besuchte häufig den Coiffeur des
-Hauses.
-
-Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händen des Schwätzers im Stuhle
-zurückgelehnt, betrachtete er gequälten Blickes sein Spiegelbild.
-
-»Grau«, sagte er mit verzerrtem Munde.
-
-»Ein wenig«, antwortete der Mensch. »Nämlich durch Schuld einer
-kleinen Vernachlässigung, einer Indifferenz in äußerlichen Dingen,
-die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch
-nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen
-Personen Vorurteile in Sachen des Natürlichen oder Künstlichen wenig
-angemessen sind. Würde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenüber
-der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zähne erstrecken,
-so würden sie nicht wenig Anstoß erregen. Schließlich sind wir so alt,
-wie unser Geist, unser Herz sich fühlen, und graues Haar bedeutet
-unter Umständen eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmähte
-Korrektur bedeuten würde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht
-auf seine natürliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige
-einfach zurückzugeben?«
-
-»Wie das?« fragte Aschenbach.
-
-Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem
-klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er
-bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rückwärts
-und musterte das behandelte Haupt.
-
-»Es wäre nun nur noch«, sagte er, »die Gesichtshaut ein wenig
-aufzufrischen.«
-
-Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er
-mit immer neu belebter Geschäftigkeit von einer Hantierung zur anderen
-über. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fähig, hoffnungsvoll
-erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich
-entschiedener und ebenmäßiger wölben, den Schnitt seiner Augen sich
-verlängern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich
-heben, sah weiter unten, wo die Haut bräunlich-ledern gewesen, weich
-aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben
-noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die
-Runzeln der Augen unter Crème und Jugendhauch verschwinden,--erblickte
-mit Herzklopfen einen blühenden Jüngling. Der Kosmetiker gab sich
-endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient
-hatte, mit kriechender Höflichkeit dankte. »Eine unbedeutende
-Nachhilfe«, sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Äußeres
-legte. »Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben.« Der Berückte
-ging, traumglücklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot,
-sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.
-
-Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spärlich,
-aber die Luft war feucht, dick und von Fäulnisdünsten erfüllt.
-Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehör, und dem unter der
-Schminke Fiebernden schienen Windgeister üblen Geschlechts im Raume
-ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevögel des Meeres, das des
-Verurteilten Mahl zerwühlt, zernagt und mit Unrat schändet. Denn die
-Schwüle wehrte der Eßlust, und die Vorstellung drängte sich auf, daß
-die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.
-
-Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in
-das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem
-Ortssinn, da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des
-Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht
-mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte
-Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmählicher
-Behutsamkeit genötigt, an Mauern gedrückt, hinter dem Rücken
-Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Müdigkeit,
-der Erschöpfung bewußt, welche Gefühl und immerwährende Spannung
-seinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten. Tadzio ging hinter den
-Seinen, er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwestern in
-der Enge gewöhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er
-zuweilen das Haupt, um sich über die Schulter hinweg der Gefolgschaft
-seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen
-Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht
-von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwärts gelockt, am
-Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner
-unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schließlich dennoch um ihren
-Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brücke
-überschritten, die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und
-seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte
-nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den
-schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung,
-Hinfälligkeit nötigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.
-
-Sein Kopf brannte, sein Körper war mit klebrigem Schweiß bedeckt, sein
-Genick zitterte, ein nicht mehr erträglicher Durst peinigte ihn, er
-sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor
-einem kleinen Gemüseladen kaufte er einige Früchte, Erdbeeren,
-überreife und weiche Ware und aß im Gehen davon. Ein kleiner Platz,
-verlassen, verwunschen anmutend, öffnete sich vor ihm, er erkannte
-ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan
-gefaßt hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, ließ er
-sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war
-still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfälle lagen umher. Unter
-den verwitterten, unregelmäßig hohen Häusern in der Runde erschien
-eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere
-wohnte, und kleinen Löwenbalkonen. Im Erdgeschoß eines anderen befand
-sich eine Apotheke. Warme Windstöße brachten zuweilen Karbolgeruch.
-
-Er saß dort, der Meister, der würdig gewordene Künstler, der Autor des
-»Elenden«, der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der
-trüben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekündigt und das
-Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Überwinder seines
-Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des
-Massenzutrauens sich gewöhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen
-Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden
-angehalten wurden,--er saß dort, seine Lider waren geschlossen, nur
-zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spöttischer und
-betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen,
-kosmetisch aufgehöht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein
-halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.
-
-»Denn die Schönheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schönheit ist
-göttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des
-Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Künstlers zum
-Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, daß derjenige jemals
-Weisheit und wahre Manneswürde gewinnen könne, für den der Weg zum
-Geistigen durch die Sinne führt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle
-dir die Entscheidung frei), daß dies ein gefährlich-lieblicher Weg
-sei, wahrhaft ein Irr-und Sündenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre
-leitet? Denn du mußt wissen, daß wir Dichter den Weg der Schönheit
-nicht gehen können, ohne daß Eros sich zugesellt und sich zum Führer
-aufwirft; ja, mögen wir auch Helden auf unsere Art und züchtige
-Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere
-Erhebung, und unsere Sehnsucht muß Liebe bleiben,--das ist unsere Lust
-und unsere Schande. Siehst du nun wohl, daß wir Dichter nicht weise
-noch würdig sein können? Daß wir notwendig in die Irre gehen,
-notwendig liederlich und Abenteurer des Gefühles bleiben? Die
-Meisterhaltung unseres Styls ist Lüge und Narrentum, unser Ruhm und
-Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns höchst
-lächerlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu
-verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher
-taugen, dem eine unverbesserliche und natürliche Richtung zum Abgrunde
-eingeboren ist? Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen,
-aber wie wir uns auch wenden mögen, er zieht uns an. So sagen wir etwa
-der auflösenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat
-keine Würde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne
-Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der
-Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan
-gilt unser Trachten einzig der Schönheit, das will sagen der
-Einfachheit, Größe und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und
-der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, führen zum Rausch
-und zur Begierde, führen den Edlen vielleicht zu grauenhaftem
-Gefühlsfrevel, den seine eigene schöne Strenge als infam verwirft,
-führen zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich,
-führen sie dahin, denn wir vermögen nicht, uns aufzuschwingen, wir
-vermögen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du
-hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.«
-
- * * * * *
-
-Einige Tage später verließ Gustav von Aschenbach, da er sich leidend
-fühlte, das Bäder-Hotel zu späterer Morgenstunde als gewöhnlich. Er
-hatte mit gewissen, nur halb körperlichen Schwindelanfällen zu
-kämpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit
-begleitet waren, einem Gefühl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von
-dem nicht klar wurde, ob es sich auf die äußere Welt oder auf seine
-eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine große Menge zum
-Transport bereitliegenden Gepäcks, fragte einen Türhüter, wer es sei,
-der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen
-er insgeheim gewärtig gewesen war. Er empfing ihn, ohne daß seine
-verfallenen Gesichtszüge sich verändert hätten, mit jener kurzen
-Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen
-brauchte, beiläufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: »Wann?« Man
-antwortete ihm: »Nach dem Lunch.« Er nickte und ging zum Meere.
-
-Es war unwirtlich dort. Über das weite, flache Gewässer, das den
-Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kräuselnde
-Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Überlebtheit schien über
-dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,
-dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer
-Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am
-Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darüber gebreitet, flatterte
-klatschend im kälteren Winde.
-
-Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte
-sich zur Rechten vor der Hütte der Seinen, und, eine Decke über den
-Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der
-Strandhütten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch
-einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten
-mit Reisevorbereitungen beschäftigt sein, schien regellos und artete
-aus. Jener Stämmige, im Gürtelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem
-Haar, der »Jaschu« gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht
-gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem
-Fall des schwächeren Schönen endete. Aber als ob in der
-Abschiedsstunde das dienende Gefühl des Geringeren sich in grausame
-Roheit verkehre und für eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,
-ließ der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern
-drückte, auf seinem Rücken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den
-Sand, daß Tadzio, ohnedies vom Kampf außer Atem, zu ersticken drohte.
-Seine Versuche, den Lastenden abzuschütteln, waren krampfhaft, sie
-unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als
-ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als
-der Gewalttätige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich,
-richtete sich zur Hälfte auf und saß, auf einen Arm gestützt, mehrere
-Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.
-Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn,
-anfänglich munter, dann bänglich und bittend; er hörte nicht. Der
-Schwarze, den Reue über seine Ausschreitung sogleich erfaßt haben
-mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versöhnen. Eine
-Schulterbewegung wies ihn zurück. Tadzio ging schräg hinunter zum
-Wasser. Er war barfuß und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit
-roter Schleife.
-
-Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer
-Fußspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die
-seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie
-benetzte, durchschritt sie, lässig vordringend, und gelangte zur
-Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite
-zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke
-entblößten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom
-Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den
-Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine höchst abgesonderte
-und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draußen
-im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er
-zur Ausschau stehen. Und plötzlich, wie unter einer Erinnerung, einem
-Impuls, wandte er den Oberkörper, eine Hand in der Hüfte, in schöner
-Drehung aus seiner Grundpositur und blickte über die Schulter zum
-Ufer. Der Schauende dort saß wie er einst gesessen, als zuerst, von
-jener Schwelle zurückgesandt, dieser dämmergraue Blick dem seinen
-begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der
-Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam
-dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so daß seine Augen von
-unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen
-Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche
-und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er,
-die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins
-Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu
-folgen.
-
-Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur
-Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages
-empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem
-Tode.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG ***
-
-***** This file should be named 12108-8.txt or 12108-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- https://www.gutenberg.org/1/2/1/0/12108/
-
-Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-https://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at https://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit https://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including including checks, online payments and credit card
-donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
-eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
-compressed (zipped), HTML and others.
-
-Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
-the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
-VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
-new filenames and etext numbers.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- https://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
-are filed in directories based on their release date. If you want to
-download any of these eBooks directly, rather than using the regular
-search system you may utilize the following addresses and just
-download by the etext year.
-
- https://www.gutenberg.org/etext06
-
- (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
- 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
-
-EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
-filed in a different way. The year of a release date is no longer part
-of the directory path. The path is based on the etext number (which is
-identical to the filename). The path to the file is made up of single
-digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
-example an eBook of filename 10234 would be found at:
-
- https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
-
-or filename 24689 would be found at:
- https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
-
-An alternative method of locating eBooks:
- https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
-
-
diff --git a/old/12108.txt b/old/12108.txt
deleted file mode 100644
index 64c7f24..0000000
--- a/old/12108.txt
+++ /dev/null
@@ -1,3227 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der Tod in Venedig
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: April 22, 2004 [EBook #12108]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ASCII
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG ***
-
-
-
-
-Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders
-
-
-
-
-Thomas Mann
-
-Der Tod in Venedig
-
-
-
-
-Die Texte folgen den Ausgaben:
-
->Der Tod in Venedig< aus
-
-Muenchen, Hyperionverlag Hans von Weber 1912
-
-
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fuenfzigsten
-Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem
-Fruehlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang
-eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der
-Prinz-Regentenstrasse zu Muenchen aus, allein einen weiteren Spaziergang
-unternommen. Ueberreizt von der schwierigen und gefaehrlichen, eben
-jetzt eine hoechste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und
-Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden,
-hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden
-Triebwerks in seinem Innern, jenem "motus animi continuus", worin
-nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der
-Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden
-Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit
-seiner Kraefte, einmal untertags so noetig war. So hatte er bald nach
-dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, dass Luft und Bewegung ihn
-wieder herstellen und ihm zu einem erspriesslichen Abend verhelfen
-wuerden.
-
-Es war Anfang Mai und, nach nasskalten Wochen, ein falscher Hochsommer
-eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt,
-war dumpfig wie im August und in der Naehe der Stadt voller Wagen und
-Spaziergaenger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere
-Wege ihn gefuehrt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstuemlich
-belebten Wirtsgarten ueberblickt, an dessen Rande einige Droschken und
-Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg
-ausserhalb des Parks ueber die offene Flur genommen und erwartete, da er
-sich muede fuehlte und ueber Foehring Gewitter drohte, am Noerdlichen
-Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurueckbringen
-sollte. Zufaellig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von
-Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstrasse, deren
-Schienengeleise sich einsam gleissend gegen Schwabing erstreckten,
-noch auf der Foehringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen;
-hinter den Zaeunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze,
-Gedaechtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Graeberfeld
-bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der
-Aussegnungshalle gegenueber lag schweigend im Abglanz des scheidenden
-Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen
-Schildereien in lichten Farben geschmueckt, weist ueberdies symmetrisch
-angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewaehlte, das
-jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: "Sie gehen ein in
-die Wohnung Gottes" oder: "Das ewige Licht leuchte ihnen"; und der
-Wartende hatte waehrend einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin
-gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer
-durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen
-Traeumereien zurueckkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden
-apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann
-bemerkte, dessen nicht ganz gewoehnliche Erscheinung seinen Gedanken
-eine voellig andere Richtung gab.
-
-Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor
-hervorgetreten oder von aussen unversehens heran und hinauf gelangt
-war, blieb ungewiss. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu
-vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Maessig hochgewachsen, mager,
-bartlos und auffallend stumpfnaesig, gehoerte der Mann zum rothaarigen
-Typ und besass dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war
-er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der
-breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem
-Aussehen ein Gepraege des Fremdlaendischen und Weitherkommenden
-verlieh. Freilich trug er dazu den landesueblichen Rucksack um die
-Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie
-es schien, einen grauen Wetterkragen ueber dem linken Unterarm, den er
-in die Weiche gestuetzt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner
-Spitze versehenen Stock, welchen er schraeg gegen den Boden stemmte und
-auf dessen Kruecke er, bei gekreuzten Fuessen, die Huefte lehnte. Erhobenen
-Hauptes, so dass an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden
-Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit
-farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu
-seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische
-Furchen standen, scharf spaehend ins Weite. So--und vielleicht trug
-sein erhoehter und erhoehender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte
-seine Haltung etwas herrisch Ueberschauendes, Kuehnes oder selbst
-Wildes; denn sei es, dass er, geblendet, gegen die untergehende Sonne
-grimassierte oder dass es sich um eine dauernde physiognomische
-Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren voellig
-von den Zaehnen zurueckgezogen, dergestalt, dass diese, bis zum
-Zahnfleisch blossgelegt, weiss und lang dazwischen hervorbleckten.
-
-Wohl moeglich, dass Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb
-inquisitiven Musterung des Fremden an Ruecksicht hatte fehlen lassen;
-denn ploetzlich ward er gewahr, dass jener seinen Blick erwiderte und
-zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig
-gesonnen, die Sache aufs Aeusserste zu treiben und den Blick des andern
-zum Abzug zu zwingen, dass Aschenbach, peinlich beruehrt, sich abwandte
-und einen Gang die Zaeune entlang begann, mit dem beilaeufigen
-Entschluss, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der
-naechsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der
-Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder
-sonst irgendein physischer oder seelischer Einfluss im Spiele sein:
-eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz ueberraschend
-bewusst, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges
-Verlangen in die Ferne, ein Gefuehl, so lebhaft, so neu oder doch so
-laengst entwoehnt und verlernt, dass er, die Haende auf dem Ruecken und den
-Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen
-und Ziel zu pruefen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft
-als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur
-Sinnestaeuschung gesteigert. Er sah naemlich, als Beispiel gleichsam fuer
-alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde
-sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge
-eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter
-dickdunstigem Himmel, feucht, ueppig und ungesund, eine von Menschen
-gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Moraesten und Schlamm fuehrenden
-Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blaettern, so dick
-wie Haende, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und
-abenteuerlich bluehendem Pflanzenwerk ueberwuchert war, sandten haarige
-Palmenschaefte empor, und wunderlich ungestalte Baeume, deren Wurzeln
-dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser
-senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden,
-gruenschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schuesseln gross,
-milchweisse Blumen; Voegel von fremder Art, hochschultrig, mit
-unfoermigen Schnaebeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und
-blickten unbeweglich zur Seite, waehrend durch ausgedehnte Schilffelder
-ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von
-Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue,
-mephitische Odem dieser geilen und untauglichen Oede ihn an, die in
-einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben
-schien, zwischen den knotigen Rohrstaemmen eines Bambusdickichts
-glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers
-funkeln zu sehen--und fuehlte sein Herz pochen vor Entsetzen und
-raetselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem
-Kopfschuetteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zaeunen der
-Grabsteinmetzereien wieder auf.
-
-Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen waeren,
-die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu geniessen, das Reisen nicht
-anders denn als eine hygienische Massregel betrachtet, die gegen Sinn
-und Neigung dann und wann hatte getroffen werden muessen. Zu
-beschaeftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europaeische
-Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion,
-der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Aussenwelt
-zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begnuegt, die
-heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu ruehren, von der
-Oberflaeche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht
-gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam
-neigte, seit seine Kuenstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese
-Besorgnis, die Uhr moechte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan
-und voellig sich selbst gegeben, nicht mehr als blosse Grille von der
-Hand zu weisen war, hatte sein aeusseres Dasein sich fast ausschliesslich
-auf die schoene Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen
-Landsitz beschraenkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die
-regnerischen Sommer verbrachte.
-
-Auch wurde denn, was ihn da eben so spaet und ploetzlich angewandelt,
-sehr bald durch Vernunft und von jung auf geuebte Selbstzucht gemaessigt
-und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, fuer welches er
-lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu foerdern, bevor er aufs Land
-uebersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate
-seiner Arbeit entfuehren wuerde, schien allzu locker und planwidrig, er
-durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wusste er nur zu wohl,
-aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war.
-Fluchtdrang war sie, dass er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins
-Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbuerdung und
-Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagsstaette eines
-starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn
-und liebte auch fast schon den entnervenden, sich taeglich erneuernden
-Kampf zwischen seinem zaehen und stolzen, so oft erprobten Willen und
-dieser wachsenden Muedigkeit, von der niemand wissen und die das
-Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der
-Lassheit verraten durfte. Aber verstaendig schien es, den Bogen nicht
-zu ueberspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Beduerfnis nicht
-eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die
-Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte
-verlassen muessen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen
-Handstreich sich fuegen zu wollen schien. Er pruefte sie aufs neue,
-versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzuloesen und liess
-mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich
-keine ausserordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn laehmte, waren
-die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu
-befriedigende Ungenuegsamkeit darstellte. Ungenuegsamkeit freilich hatte
-schon dem Juengling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten,
-und um ihretwillen hatte er das Gefuehl gezuegelt und erkaeltet, weil er
-wusste, dass es geneigt ist, sich mit einem froehlichen Ungefaehr und mit
-einer halben Vollkommenheit zu begnuegen. Raechte sich nun also die
-geknechtete Empfindung, indem sie ihn verliess, indem sie seine Kunst
-fuerder zu tragen und zu befluegeln sich weigerte und alle Lust, alles
-Entzuecken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm?
-Nicht, dass er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil
-seiner Jahre, dass er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in
-Gelassenheit sicher fuehlte. Aber er selbst, waehrend die Nation sie
-ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein
-Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der
-Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug,
-die Freude der geniessenden Welt bildeten. Er fuerchtete sich vor dem
-Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die
-ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; fuerchtete
-sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-waende, die
-wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wuerden. Und
-so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
-Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertraeglich und
-ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit,
-nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine
-Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im
-liebenswuerdigen Sueden...
-
-So dachte er, waehrend der Laerm der elektrischen Tram die Ungererstrasse
-daher sich naeherte, und einsteigend beschloss er, diesen Abend dem
-Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm
-ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin
-folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen
-Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort,
-noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu
-machen war.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Der Autor der klaren und maechtigen Prosa-Epopoee vom Leben Friedrichs
-von Preussen; der geduldige Kuenstler, der in langem Fleiss den
-figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee
-versammelnden Romanteppich, "Maja" mit Namen, wob; der Schoepfer
-jener starken Erzaehlung, die "Ein Elender" ueberschrieben ist und einer
-ganzen dankbaren Jugend die Moeglichkeit sittlicher Entschlossenheit
-jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und
-damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der
-leidenschaftlichen Abhandlung ueber "Geist und Kunst", deren
-ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler
-vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ueber naive
-und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war
-zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines hoeheren
-Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter,
-Verwaltungsfunktionaere gewesen, Maenner, die im Dienste des Koenigs, des
-Staates, ihr straffes, anstaendig karges Leben gefuehrt hatten. Innigere
-Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter
-ihnen verkoerpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der
-vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines
-boehmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale
-fremder Rasse in seinem Aeussern. Die Vermaehlung dienstlich nuechterner
-Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen liess einen
-Kuenstler und diesen besonderen Kuenstler erstehen. Da sein ganzes
-Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich
-frueh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persoenlichen Praegnanz
-seines Tonfalls frueh fuer die Oeffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe
-noch Gymnasiast, besass er einen Namen. Zehn Jahre spaeter hatte
-er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu repraesentieren, seinen
-Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein musste (denn viele
-Ansprueche draengen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswuerdigen ein),
-guetig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den
-Strapazen und Wechselfaellen der eigentlichen Arbeit, alltaeglich eine
-Post zu bewaeltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Laendern trug.
-
-Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent
-geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde,
-fordernde Teilnahme der Waehlerischen zugleich zu gewinnen. So, schon
-als Juengling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die
-ausserordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Muessiggang,
-niemals die Fahrlaessigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein
-fuenfunddreissigstes Jahr in Wien erkrankte, aeusserte ein feiner Beobachter
-ueber ihn in Gesellschaft: "Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so
-gelebt"--und der Sprecher schloss die Finger seiner Linken fest zur
-Faust--; "niemals so"--und er liess die geoeffnete Hand bequem
-von der Lehne des Sessels haengen. Das traf zu; und das
-Tapfer-Sittliche daran war, dass seine Natur von nichts weniger als
-robuster Verfassung und zur staendigen Anspannung nur berufen, nicht
-eigentlich geboren war.
-
-Aerztliche Fuersorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen
-und auf haeuslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft
-war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen muessen, dass er
-einem Geschlecht angehoerte, in dem nicht das Talent, wohl aber die
-physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner
-Erfuellung bedarf,--einem Geschlechte, das frueh sein Bestes zu geben
-pflegt und in dem das Koennen es selten zu Jahren bringt. Aber sein
-Lieblingswort war "Durchhalten",--er sah in seinem Friedrich-Roman
-nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der
-Inbegriff-leitend-taetiger Tugend erschien. Auch wuenschte er sehnlichst,
-alt zu werden, denn er hatte von jeher dafuer gehalten, dass wahrhaft
-gross, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Kuenstlertum zu nennen
-sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen
-charakteristisch fruchtbar zu sein.
-
-Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten
-Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hoechlich der
-Zucht,--und Zucht war ja zum Gluecke sein eingeborenes Erbteil von
-vaeterlicher Seite. Mit vierzig, mit fuenfzig Jahren wie schon in einem
-Alter, wo andere verschwenden, schwaermen, die Ausfuehrung grosser Plaene
-getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Stuerzen
-kalten Wassers ueber Brust und Ruecken und brachte dann, ein Paar hoher
-Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Haeupten des Manuskripts, die
-Kraefte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbruenstig
-gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war
-verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner
-Moralitaet, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen,
-in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fuer das Erzeugnis
-gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, waehrend sie vielmehr
-in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Groesse
-emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte
-vortrefflich waren, weil ihr Schoepfer mit einer Willensdauer und
-Zaehigkeit, derjenigen aehnlich, die seine Heimatprovinz eroberte,
-jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten
-und an die eigentliche Herstellung ausschliesslich seine staerksten und
-wuerdigsten Stunden gewandt hatte.
-
-Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und
-tiefe Wirkung zu ueben vermoege, muss eine tiefe Verwandtschaft, ja
-Uebereinstimmung zwischen dem persoenlichen Schicksal seines Urhebers
-und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die
-Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit
-entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzuege daran zu
-entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der
-eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwaegbares, ist Sympathie.
-Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar
-ausgesprochen, dass beinahe alles Grosse, was dastehe, als ein Trotzdem
-dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Koerperschwaeche,
-Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei.
-Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war
-geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schluessel zu seinem
-Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die
-aeussere Gebaerde seiner eigentuemlichsten Figuren war?
-
-Ueber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen
-wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte
-schon fruehzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: dass er die
-Konzeption "einer intellektuellen und juenglinghaften Maennlichkeit"
-sei, "die in stolzer Scham die Zaehne aufeinanderbeisst und ruhig
-dasteht, waehrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen".
-Das war schoen, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu
-passivischen Praegung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual
-bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein
-positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schoenste
-Sinnbild, wenn nicht der Kunst ueberhaupt, so doch gewiss der in Rede
-stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzaehlte Welt, sah man
-die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine
-innere Unterhoehlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt
-verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Haesslichkeit, die es
-vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja,
-sich zur Herrschaft im Reiche der Schoenheit aufzuschwingen; die
-bleiche Ohnmacht, welche aus den gluehenden Tiefen des Geistes die
-Kraft holt, ein ganzes uebermuetiges Volk zu Fuessen des Kreuzes, zu
-_ihren_ Fuessen niederzuwerfen; die liebenswuerdige Haltung im leeren und
-strengen Dienste der Form; das falsche, gefaehrliche Leben, die rasch
-entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betruegers: betrachtete
-man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man
-zweifeln, ob es ueberhaupt einen anderen Heroismus gaebe, als denjenigen
-der Schwaeche. Welches Heldentum aber jedenfalls waere zeitgemaesser als
-dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der
-Erschoepfung arbeiten, der Ueberbuerdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch
-Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmaechtig
-von Wuchs und sproede von Mitteln, durch Willensverzueckung und kluge
-Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Groesse
-abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und
-sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich
-bestaetigt, erhoben, besungen darin, sie wussten ihm Dank, sie
-verkuendeten seinen Namen.
-
-Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von
-ihr, war er oeffentlich gestrauchelt, hatte Missgriffe getan, sich
-blossgestellt, Verstoesse gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort
-und Werk. Aber er hatte die Wuerde gewonnen, nach welcher, wie er
-behauptete, jedem grossen Talente ein natuerlicher Drang und Stachel
-eingeboren ist, ja, man kann sagen, dass seine ganze Entwicklung ein
-bewusster und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie
-zuruecklassender Aufstieg zur Wuerde gewesen war.
-
-Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet
-das Ergoetzen der buergerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte
-Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach
-war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Juengling.
-Er hatte dem Geiste gefroent, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben,
-Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent
-verdaechtigt, die Kunst verraten,--ja, waehrend seine Bildwerke die
-glaeubig Geniessenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der
-jugendliche Kuenstler, die Zwanzigjaehrigen durch seine Zynismen ueber
-das fragwuerdige Wesen der Kunst, des Kuenstlertums selbst in Atem
-gehalten.
-
-Aber es scheint, dass gegen nichts ein edler und tuechtiger Geist sich
-rascher, sich gruendlicher abstumpft als gegen den scharfen und
-bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewiss ist, dass die schwermuetig
-gewissenhafteste Gruendlichkeit des Juenglings Seichtheit bedeutet im
-Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes,
-das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darueber
-hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefuehl und selbst
-die Leidenschaft im Geringsten zu laehmen, zu entmutigen, zu
-entwuerdigen geeignet ist. Wie waere die beruehmte Erzaehlung vom
-"Elenden" wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen
-den unanstaendigen Psychologismus der Zeit, verkoerpert in der Figur
-jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal
-erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit,
-aus ethischer Velleitaet, in die Arme eines Unbaertigen treibt und aus
-Tiefe Nichtswuerdigkeiten begehen zu duerfen glaubt? Die Wucht des Wortes,
-mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkuendete die Abkehr
-von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund,
-die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, dass alles verstehen
-alles verzeihen heisse, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog,
-war jenes "Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit", auf
-welches ein wenig spaeter in einem der Dialoge des Autors ausdruecklich
-und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame
-Zusammenhaenge! War es eine geistige Folge dieser "Wiedergeburt",
-dieser neuen Wuerde und Strenge, dass man um dieselbe Zeit ein fast
-uebermaessiges Erstarken seines Schoenheitssinnes beobachtete, jene
-adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmaessigkeit der Formgebung,
-welche seinen Produkten fortan ein so sinnfaelliges, ja gewolltes
-Gepraege der Meisterlichkeit und Klassizitaet verlieh? Aber moralische
-Entschlossenheit jenseits des Wissens, der aufloesenden und hemmenden
-Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine
-sittliche Vereinfaeltigung der Welt und der Seele und also auch ein
-Erstarken zum Boesen, Verbotenen, zum sittlich Unmoeglichen? Und hat
-Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich
-zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich
-aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische
-Gleichgueltigkeit in sich schliesst, ja, wesentlich bestrebt ist, das
-Moralische unter ihr stolzes und unumschraenktes Szepter zu beugen?
-
-Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte
-nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem
-Massenzutrauen einer weiten Oeffentlichkeit begleitet wird, als jene,
-die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes
-vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu
-spotten geneigt, wenn ein grosses Talent dem libertinischen
-Puppenstande entwaechst, die Wuerde des Geistes ausdrucksvoll
-wahrzunehmen sich gewoehnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt,
-die voll unberatener, hart selbstaendiger Leiden und Kaempfe war und es
-zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz,
-Genuss ist uebrigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas
-Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs
-Vorfuehrungen ein, sein Stil entriet in spaeteren Jahren der
-unmittelbaren Kuehnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er
-wandelte sich ins Mustergueltig-Feststehende, Geschliffen-Herkoemmliche,
-Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die Ueberlieferung es
-von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus
-seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, dass die
-Unterrichtsbehoerde ausgewaehlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen
-Schullesebuecher uebernahm. Es war ihm innerlich gemaess, und er lehnte
-nicht ab, als ein deutscher Fuerst, soeben zum Throne gelangt, dem
-Dichter des "Friedrich" zu seinem fuenfzigsten Geburtstag den
-persoenlichen Adel verlieh.
-
-Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und
-dort waehlte er fruehzeitig Muenchen zum dauernden Wohnsitz und lebte
-dort in buergerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen
-Einzelfaellen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter
-mit einem Maedchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer
-Gluecksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war
-ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.
-
-Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgroesse, bruenett,
-rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu gross im Verhaeltnis zu der
-fast zierlichen Gestalt. Sein rueckwaerts gebuerstetes Haar, am Scheitel
-gelichtet, an den Schlaefen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine
-hohe, zerklueftete und gleichsam narbige Stirn. Der Buegel einer
-Goldbrille mit randlosen Glaesern schnitt in die Wurzel der
-gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gross, oft schlaff,
-oft ploetzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und
-gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende
-Schicksale schienen ueber dies meist leidend seitwaerts geneigte Haupt
-hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier
-jene physiognomische Durchbildung uebernommen hatte, welche sonst das
-Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren
-die blitzenden Repliken des Gespraechs zwischen Voltaire und dem Koenige
-ueber den Krieg geboren; diese Augen, muede und tief durch die Glaeser
-blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjaehrigen
-Krieges gesehen. Auch persoenlich genommen ist ja die Kunst ein
-erhoehtes Leben. Sie beglueckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie graebt
-in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginaerer und geistiger
-Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei kloesterlicher Stille des
-aeusseren Daseins, auf die Dauer eine Verwoehntheit, Ueberfeinerung,
-Muedigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster
-Leidenschaften und Genuesse sie kaum hervorzubringen vermag.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Mehrere Geschaefte weltlicher und literarischer Natur hielten den
-Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Muenchen
-zurueck. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum
-Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und
-Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig
-Stunden verweilte und sich am naechstfolgenden Morgen nach Pola
-einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose,
-welches jedoch rasch zu erreichen waere, und so nahm er Aufenthalt auf
-einer seit einigen Jahren geruehmten Insel der Adria, unfern der
-istrischen Kueste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten
-redendem Landvolk und schoen zerrissenen Klippenpartien dort, wo das
-Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche,
-geschlossen oesterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes
-ruhevoll innigen Verhaeltnisses zum Meere, das nur ein sanfter,
-sandiger Strand gewaehrt, verdrossen ihn, liessen ihn nicht das
-Bewusstsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein
-Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte
-ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und
-auf einmal, zugleich ueberraschend und selbstverstaendlich, stand ihm
-sein Ziel vor Augen. Wenn man ueber Nacht das Unvergleichliche, das
-maerchenhaft Abweichende zu erreichen wuenschte, wohin ging man? Aber
-das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte
-er reisen wollen. Er saeumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kuendigen.
-Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein
-geschwindes Motorboot ihn und sein Gepaeck in dunstiger Fruehe ueber die
-Wasser in den Kriegshafen zurueck, und er ging dort nur an Land, um
-sogleich ueber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu
-beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.
-
-Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitaet, veraltet,
-russig und duester. In einer hoehlenartigen, kuenstlich erleuchteten Koje
-des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes
-von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender
-Hoeflichkeit genoetigt wurde, sass hinter einem Tische, den Hut schief in
-der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein
-ziegenbaertiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen
-Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschaeftsgebaren die
-Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine
-ausstellte. "Nach Venedig!" wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem
-er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines
-schraeg geneigten Tintenfasses stiess. "Nach Venedig erster Klasse! Sie
-sind bedient, mein Herr!" Und er schrieb grosse Kraehenfuesse, streute aus
-einer Buechse blauen Sand auf die Schrift, liess ihn in eine toenerne
-Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern
-und schrieb aufs neue. "Ein gluecklich gewaehltes Reiseziel!" schwatzte
-er unterdessen. "Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von
-unwiderstehlicher Anziehungskraft fuer den Gebildeten, ihrer Geschichte
-sowohl wie ihrer gegenwaertigen Reize wegen!" Die glatte Raschheit
-seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete,
-hatten etwas Betaeubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der
-Reisende moechte in seinem Entschluss, nach Venedig zu fahren, noch
-wankend werden. Er kassierte eilig und liess mit Croupiergewandtheit
-den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.
-"Gute Unterhaltung, mein Herr!" sagte er mit schauspielerischer
-Verbeugung. "Es ist mir eine Ehre, Sie zu befoerdern... Meine Herren!"
-rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschaeft im
-flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung
-verlangt haette. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurueck.
-
-Einen Arm auf die Bruestung gelehnt, betrachtete er das muessige Volk,
-das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die
-Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Maenner und
-Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Buendel als Sitze
-benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des
-ersten Verdecks, Polenser Handelsgehuelfen, wie es schien, die sich in
-angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie
-machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen,
-schwatzten, lachten, genossen selbstgefaellig das eigene Gebaerdenspiel
-und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschaeften
-die Hafenstrasse entlang gingen und den Feiernden mit dem Stoeckchen
-drohten, ueber das Gelaender gebeugt, zungengelaeufige Spottreden nach.
-Einer, in hellgelbem, uebermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
-Krawatte und kuehn aufgebogenem Panama, tat sich mit kraehender Stimme
-an Aufgeraeumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach
-ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen
-erkannte, dass der Juengling falsch war. Er war alt, man konnte nicht
-zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der
-Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen
-Strohhut Peruecke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes
-Schnurrbaertchen und die Fliege am Kinn gefaerbt, sein gelbes und
-vollzaehliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und
-seine Haende, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines
-Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner
-Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wussten, bemerkten sie nicht, dass er
-alt war, dass er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug,
-zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverstaendlich und
-gewohnheitsmaessig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte,
-behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine
-neckischen Rippenstoesse. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine
-Stirn mit der Hand und schloss die Augen, die heiss waren, da er zu
-wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz
-gewoehnlich an, als beginne eine traeumerische Entfremdung, eine
-Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht
-Einhalt zu tun waere, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und
-aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch beruehrte ihn
-das Gefuehl des Schwimmens, und mit unvernuenftigem Erschrecken
-aufsehend, gewahrte er, dass der schwere und duestere Koerper des
-Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer loeste. Zollweise, unter dem
-Vorwaerts-und Rueckwaertsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der
-Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand,
-und nach schwerfaelligen Manoevern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet
-dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite
-hinueber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und
-ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.
-
-Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren
-zurueckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen
-Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen
-von Naesse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
-Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen
-begann.
-
-In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schosse, ruhte der Reisende,
-und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen
-aufgehoert; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war
-vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die
-ungeheure Scheibe des oeden Meeres; aber im leeren, ungegliederten
-Raume fehlt unserem Sinn auch das Mass der Zeit, und wir daemmern im
-Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der
-Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebaerden,
-mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er
-schlief ein.
-
-Um Mittag noetigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen
-Speisesaal, auf den die Tueren der Schlafkojen muendeten, zu Haeupten
-eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehuelfen,
-einschliesslich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitaen
-pokulierten, die bestellte Mahlzeit naehme. Sie war armselig, und er
-beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen:
-ob er denn nicht ueber Venedig sich erhellen wollte.
-
-Er hatte nicht anders gedacht, als dass dies geschehen muesse, denn
-stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer
-blieben trueb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und
-er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu
-erreichen, als er, zu Lande sich naehernd, je angetroffen hatte. Er
-stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er
-gedachte des schwermuetig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die
-Kuppeln und Glockentuerme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen
-waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an
-Ehrfurcht, Glueck und Trauer zu massvollem Gesange geworden, und von
-schon gestalteter Empfindung muehelos bewegt, pruefte er sein ernstes
-und muedes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein
-spaetes Abenteuer des Gefuehles dem fahrenden Muessiggaenger vielleicht
-noch vorbehalten sein koenne.
-
-Da tauchte zur Rechten die flache Kueste auf, Fischerboote belebten das
-Meer, die Baederinsel erschien, der Dampfer liess sie zur Linken, glitt
-verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt
-ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt
-er ganz, da die Barke des Sanitaetsdienstes erwartet werden musste.
-
-Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es
-nicht; man hatte keine Eile und fuehlte sich doch von Ungeduld
-getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von
-den militaerischen Hornsignalen, die aus der Gegend der oeffentlichen
-Gaerten her ueber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom
-Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drueben exerzierenden
-Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand
-den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend
-gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die
-jugendlich ruestigen Stand zu halten vermocht, er war klaeglich
-betrunken. Verbloedeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden
-Fingern, schwankte er, muehsam das Gleichgewicht haltend, auf der
-Stelle, vom Rausche vorwaerts und rueckwaerts gezogen. Da er beim ersten
-Schritte gefallen waere, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte
-er einen jammervollen Uebermut, hielt jeden, der sich ihm naeherte, am
-Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten,
-runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich
-zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah
-ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefuehl von
-Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht
-zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu
-entstellen; ein Gefuehl, dem nachzuhaengen freilich die Umstaende ihn
-abhielten, da eben die stampfende Taetigkeit der Maschine aufs neue
-begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch
-den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder,
-den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition
-phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfuerchtigen Blicken
-nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des
-Palastes und die Seufzerbruecke, die Saeulen mit Loew' und Heiligem am
-Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Maerchentempels, den
-Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, dass
-zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine
-Hintertuer betreten heisse, und dass man nicht anders als wie nun er, als
-zu Schiffe, als ueber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Staedte
-erreichen sollte.
-
-Die Maschine stoppte, Gondeln draengten herzu, die Fallreepstreppe ward
-herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres
-Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen,
-dass er eine Gondel wuensche, die ihn und sein Gepaeck zur Station jener
-kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido
-verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt
-sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflaeche hinab, wo
-die Gondelfuehrer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch
-gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit
-Muehsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
-So sieht er sich minutenlang ausserstande, den Zudringlichkeiten des
-schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel
-antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. "Wir wuenschen den
-gluecklichsten Aufenthalt", meckert er unter Kratzfuessen. "Man empfiehlt
-sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer
-Exzellenz!" Sein Mund waessert, er drueckt die Augen ein, er leckt die
-Mundwinkel, und die gefaerbte Bartfliege an seiner Greisenlippe straeubt
-sich empor. "Unsere Komplimente", lallt er, zwei Fingerspitzen am
-Munde, "unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem
-schoensten Liebchen..." Und ploetzlich faellt ihm das falsche Obergebiss
-vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. "Dem
-Liebchen, dem feinen Liebchen", hoerte er in girrenden, hohlen und
-behinderten Lauten in seinem Ruecken, waehrend er, am Strickgelaender
-sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.
-
-Wer haette nicht einen fluechtigen Schauder, eine geheime Scheu und
-Beklommenheit zu bekaempfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach
-langer Entwoehnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das
-seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unveraendert ueberkommen
-und so eigentuemlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Saerge
-sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in
-plaetschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre
-und duesteres Begaengnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man
-bemerkt, dass der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz
-lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ueppigste,
-der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr,
-als er zu Fuessen des Gondoliers, seinem Gepaeck gegenueber, das am
-Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die
-Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstaendlich, mit drohenden
-Gebaerden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre
-Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkoerpern, ueber der Flut zu zerstreuen.
-Es war warm hier im Hafen. Lau angeruehrt vom Hauch des Scirocco, auf
-dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloss der Reisende die
-Augen im Genuss einer so ungewohnten als suessen Laessigkeit. Die Fahrt
-wird kurz sein, dachte er; moechte sie immer waehren! In leisem
-Schwanken fuehlte er sich dem Gedraenge, dem Stimmengewirr entgleiten.
-
-Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das
-Plaetschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den
-Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze
-hellebardenartig bewehrt ueber dem Wasser stand und noch ein Drittes,
-ein Reden, ein Raunen,--das Fluestern des Gondoliers, der zwischen den
-Zaehnen, stossweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepresst
-waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter
-Befremdung gewahrte er, dass um ihn her die Lagune sich weitete und
-seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, dass
-er nicht allzu sehr ruhen duerfe, sondern auf den Vollzug seines
-Willens ein wenig bedacht sein muesse.
-
---Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung
-rueckwaerts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.
-
---Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends
-umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter
-ihm, auf erhoehtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es
-war ein Mann von ungefaelliger, ja brutaler Physiognomie, seemaennisch
-blau gekleidet, mit einer gelben Schaerpe geguertet und einen formlosen
-Strohhut, dessen Geflecht sich aufzuloesen begann, verwegen schief auf
-dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart
-unter der kurz aufgeworfenen Nase liessen ihn durchaus nicht
-italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmaechtig von
-Leibesbeschaffenheit, so dass man ihn fuer seinen Beruf nicht sonderlich
-geschickt geglaubt haette, fuehrte er das Ruder, bei jedem Schlage den
-ganzen Koerper einsetzend, mit grosser Energie. Ein paarmal zog er vor
-Anstrengung die Lippen zurueck und entbloesste seine weissen Zaehne. Die
-roetlichen Brauen gerunzelt, blickte er ueber den Gast hinweg, indem er
-bestimmten, fast groben Tones erwiderte:
-
---Sie fahren zum Lido.
-
-Aschenbach entgegnete:
-
---Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San
-Marco uebersetzen zu lassen. Ich wuensche den Vaporetto zu benutzen.
-
---Sie koennen den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.
-
---Und warum nicht?
-
---Weil der Vaporetto kein Gepaeck befoerdert.
-
-Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die
-schroffe, ueberhebliche, einem Fremden gegenueber so wenig landesuebliche
-Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte:
-
---Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepaeck in Verwahrung
-geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plaetscherte,
-das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann
-wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zaehnen mit sich selbst.
-
-Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmaessigen,
-unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel,
-seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er uebrigens ruhen durfte, wenn
-er sich nicht empoerte. Hatte er nicht gewuenscht, dass die Fahrt lange,
-dass sie immer dauern moege? Es war das Kluegste, den Dingen ihren Lauf
-zu lassen, und es war hauptsaechlich hoechst angenehm. Ein Bann der
-Traegheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen,
-schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlaegen
-des eigenmaechtigen Gondoliers in seinem Ruecken. Die Vorstellung, einem
-Verbrecher in die Haende gefallen zu sein, streifte traeumerisch
-Aschenbachs Sinn,--unvermoegend, seine Gedanken zu taetiger Abwehr
-aufzurufen. Verdriesslicher schien die Moeglichkeit, dass alles auf
-simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefuehl oder
-Stolz, die Erinnerung gleichsam, dass man dem vorbeugen muesse,
-vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:
-
---Was fordern Sie fuer die Fahrt?
-
-Und ueber ihn hinsehend antwortete der Gondolier:
-
---Sie werden bezahlen.
-
-Es stand fest, was hierauf zurueckzugeben war. Aschenbach sagte
-mechanisch:
-
---Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren,
-wohin ich nicht will.
-
---Sie wollen zum Lido.
-
---Aber nicht mit Ihnen.
-
---Ich fahre Sie gut.
-
-Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du
-faehrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast
-und mich hinterruecks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides
-schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen
-geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit
-musikalischen Wegelagerern, Maennern und Weibern, die zur Guitarre,
-zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren
-und die Stille ueber den Wassern mit ihrer gewinnsuechtigen
-Fremdenpoesie erfuellten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen
-Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Fluestern des
-Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stossweise und abgerissen mit
-sich selber sprach.
-
-So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt
-fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Haende auf dem Ruecken,
-die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab.
-Aschenbach verliess am Stege die Gondel, unterstuetzt von jenem Alten,
-der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle
-ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinueber in das
-der Dampferbruecke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den
-Ruderer nach Gutduenken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er
-kehrt zurueck, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und
-Gondel und Gondolier sind verschwunden.
-
---Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein
-schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnaediger Herr. Er ist der
-einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben
-hierher telephoniert. Er sah, dass er erwartet wurde. Da hat er sich
-fortgemacht.
-
-Aschenbach zuckte die Achseln.
-
---Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin.
-Aschenbach warf Muenzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepaeck ins
-Baeder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die
-weissbluehende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden
-Seiten, quer ueber die Insel zum Strande laeuft.
-
-Er betrat das weitlaeufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus
-und begab sich durch die grosse Halle und die Vorhalle ins Office. Da
-er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverstaendnis
-empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd hoeflicher
-Mann mit schwarzem Schnurrbart und in franzoesisch geschnittenem
-Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies
-ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz moeblierten Raum,
-den man mit starkduftenden Blumen geschmueckt hatte und dessen hohe
-Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewaehrten. Er trat an eines
-davon, nachdem der Angestellte sich zurueckgezogen, und waehrend man
-hinter ihm sein Gepaeck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte,
-blickte er hinaus auf den nachmittaeglich menschenarmen Strand und die
-unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in
-ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.
-
-Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich
-verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine
-Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von
-Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem
-Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun waeren, beschaeftigen
-ihn ueber Gebuehr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam,
-Erlebnis, Abenteuer, Gefuehl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das
-gewagt und befremdend Schoene, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber
-auch das Verkehrte, das Unverhaeltnismaessige, das Absurde und
-Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der
-graessliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpoente,
-um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemuet des
-Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne
-eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch
-grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl
-eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen gruesste er das Meer mit den
-Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu
-wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das
-Zimmermaedchen einige Anordnungen zur Vervollstaendigung seiner
-Bequemlichkeit und liess sich von dem gruen gekleideten Schweizer, der
-den Lift bediente, ins Erdgeschoss hinunterfahren.
-
-Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und
-verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf
-das Hotel Excelsior. Als er zurueckkehrte, schien es schon an der
-Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau,
-nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewoehnt war, und
-fand sich trotzdem ein wenig verfrueht in der Halle ein, wo er einen
-grossen Teil der Hotelgaeste, fremd untereinander und in gespielter
-gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung
-des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, liess
-sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die
-sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen
-Weise unterschied.
-
-Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf.
-Gedaempft, vermischten sich die Laute der grossen Sprachen. Der
-weltgueltige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, fasste aeusserlich
-die Spielarten des Menschlichen zu anstaendiger Einheit zusammen. Man
-sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige
-russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit franzoesischen
-Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der
-Naehe ward polnisch gesprochen.
-
-Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer
-Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei
-junge Maedchen, fuenfzehn-bis siebzehnjaehrig, wie es schien, und ein
-langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen
-bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schoen war. Sein
-Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar
-umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem
-Ausdruck von holdem und goettlichem Ernst, erinnerte an griechische
-Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war
-es von so einmalig-persoenlichem Reiz, dass der Schauende weder in Natur
-noch bildender Kunst etwas aehnlich Gegluecktes angetroffen zu haben
-glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsaetzlicher Kontrast
-zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die
-Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung
-der drei Maedchen, von denen die Aelteste fuer erwachsen gelten konnte,
-war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmaessig
-kloesterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nuechtern und gewollt
-unkleidsam von Schnitt, mit weissen Fallkraegen als einziger Aufhellung,
-unterdrueckte und verhinderte jede Gefaelligkeit der Gestalt. Das glatt
-und fest an den Kopf geklebte Haar liess die Gesichter nonnenhaft leer
-und nichtssagend erscheinen. Gewiss, es war eine Mutter, die hier
-waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die
-paedagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Maedchen gegenueber geboten
-schien. Weichheit und Zaertlichkeit bestimmten ersichtlich seine
-Existenz. Man hatte sich gehuetet, die Schere an sein schoenes Haar zu
-legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, ueber die
-Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostuem,
-dessen bauschige Aermel sich nach unten verengerten und die feinen
-Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Haende knapp umspannten,
-verlieh mit seinen Schnueren, Maschen und Stickereien der zarten
-Gestalt etwas Reiches und Verwoehntes. Er sass, im Halbprofil gegen den
-Betrachtenden, einen Fuss im schwarzen Lackschuh vor den andern
-gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels
-gestuetzt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer
-Haltung von laessigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete
-Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewoehnt schienen. War
-er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiss wie Elfenbein
-gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er
-einfach ein verzaerteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer
-Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem
-Kuenstlernaturell ist ein ueppiger und verraeterischer Hang eingeboren,
-Schoenheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer
-Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.
-
-Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, dass die Mahlzeit
-bereit sei. Allmaehlich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastuer
-in den Speisesaal. Nachzuegler, vom Vestibuel, von den Lifts kommend,
-gingen vorueber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die
-jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in
-tiefem Sessel behaglich aufgehoben und uebrigens das Schoene vor Augen,
-wartete mit ihnen.
-
-Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem
-Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen
-Brauen schob sie ihren Stuhl zurueck und verneigte sich, als eine grosse
-Frau, grau-weiss gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmueckt, die
-Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kuehl und gemessen, die
-Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres
-Kleides von jener Einfachheit, die ueberall da den Geschmack bestimmt,
-wo Froemmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie haette die
-Frau eines hohen deutschen Beamten sein koennen. Etwas von
-phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren
-Schmuck, der in der Tat kaum schaetzbar war und aus Ohrgehaengen, sowie
-einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengrosser, mild schimmernder
-Perlen bestand.
-
-Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuss
-ueber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurueckhaltenden Laecheln
-ihres gepflegten, doch etwas mueden und spitznaesigen Gesichtes ueber
-ihre Koepfe hinwegblickte und einige Worte in franzoesischer Sprache an
-die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastuer. Die Geschwister
-folgten ihr: die Maedchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen
-die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er
-sich um, bevor er die Schwelle ueberschritt, und da niemand sonst mehr
-in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentuemlich daemmergrauen
-Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in
-Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.
-
-Was er gesehen, war gewiss in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man
-war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet,
-sie ehrerbietig begruesst und beim Eintritt in den Saal gebraeuchliche
-Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdruecklich, mit
-einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung
-dargestellt, dass Aschenbach sich sonderbar ergriffen fuehlte. Er
-zoegerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den
-Speisesaal hinueber und liess sich sein Tischchen anweisen, das, wie er
-mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem
-der polnischen Familie entfernt war.
-
-Muede und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich waehrend der
-langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann
-nach ueber die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmaessige mit
-dem Individuellen eingehen muesse, damit menschliche Schoenheit
-entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der
-Kunst und fand am Ende, dass seine Gedanken und Funde gewissen
-scheinbar gluecklichen Einfluesterungen des Traumes glichen, die sich
-bei ernuechtertem Sinn als vollstaendig schal und untauglich erweisen.
-Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem
-abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die
-Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich
-belebtem Schlaf.
-
-Das Wetter liess sich am folgenden Tage nicht guenstiger an. Landwind
-ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe,
-verschrumpft gleichsam, mit nuechtern nahem Horizont und so weit vom
-Strande zurueckgetreten, dass es mehrere Reihen langer Sandbaenke
-freiliess. Als Aschenbach sein Fenster oeffnete, glaubte er den fauligen
-Geruch der Lagune zu spueren.
-
-Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an
-Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Fruehlingswochen
-hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer
-geschaedigt, dass er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen muessen.
-Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck
-in den Schlaefen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den
-Aufenthalt zu wechseln wuerde laestig sein; wenn aber der Wind nicht
-umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit
-nicht voellig aus. Um neun Uhr fruehstueckte er in dem hierfuer
-vorbehaltenen Buefettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.
-
-In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der
-grossen Hotels gehoert. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen
-umher. Ein Klappern des Teegeraetes, ein halbgefluestertes Wort war
-alles, was man vernahm. In einem Winkel, schraeg gegenueber der Tuer und
-zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen
-Maedchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu
-geglaettet und mit geroeteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern
-mit kleinen weissen Fallkraegen und Manschetten sassen sie da und
-reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem
-Fruehstueck fast fertig. Der Knabe fehlte.
-
-Aschenbach laechelte. Nun kleiner Phaeake! dachte er. Du scheinst vor
-diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu geniessen. Und ploetzlich
-aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:
-
-"Oft veraenderten Schmuck und warme Baeder und Ruhe."
-
-Er fruehstueckte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit
-gezogener Tressenmuetze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und
-oeffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, dass
-er dem Eintritt des Langschlaefers noch beiwohnte, den man dort drueben
-erwartete.
-
-Er kam durch die Glastuer und ging in der Stille schraeg durch den Raum
-zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des
-Oberkoerpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des
-weissbeschuhten Fusses von ausserordentlicher Anmut, sehr leicht,
-zugleich zart und stolz und verschoent noch durch die kindliche
-Verschaemtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung
-in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Laechelnd, mit einem
-halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen
-Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil
-zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak ueber die wahrhaft
-gottaehnliche Schoenheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen
-leichten Blusenanzug aus blau und weiss gestreiftem Waschstoff mit
-rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen
-weissen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht
-einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,
-ruhte die Bluete des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt
-des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und
-ernsten Brauen, Schlaefen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden
-Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.
-
-Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmaennisch kuehlen Billigung,
-in welche Kuenstler zuweilen einem Meisterwerk gegenueber ihr Entzuecken,
-ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig,
-erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du
-bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des
-Personals durch die Halle, die grosse Terrasse hinab und gerade aus
-ueber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgaeste. Er liess
-sich von dem barfuessigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse
-und Strohhut dort unten als Bademeister taetig zeigte, die gemietete
-Strandhuette zuweisen, liess Tisch und Sessel hinaus auf die sandig
-bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem
-Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand
-gezogen hatte.
-
-Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich geniessender Kultur am
-Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war
-die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern,
-bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschraenkt, auf den
-Sandbaenken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen
-Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der
-Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden sass, gab
-es spielende Bewegung und traeg hingestreckte Ruhe, Besuche und
-Geplauder, sorgfaeltige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die
-keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoss. Vorn auf dem feuchten
-und festen Sande lustwandelten Einzelne in weissen Bademaenteln, in
-weiten, starkfarbigen Hemdgewaendern. Eine vielfaeltige Sandburg zur
-Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den
-Farben aller Laender besteckt. Verkaeufer von Muscheln, Kuchen und
-Fruechten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Huetten,
-die quer zur Reihe der uebrigen und zum Meere standen und auf dieser
-Seite einen Abschluss des Strandes bildeten, kampierte eine russische
-Familie: Maenner mit Baerten und grossen Zaehnen, muerbe und traege Frauen,
-ein baltisches Fraeulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen
-der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmuetig-haessliche Kinder, eine
-alte Magd im Kopftuch und mit zaertlich unterwuerfigen Sklavenmanieren.
-Dankbar geniessend lebten sie dort, riefen unermuedlich die Namen der
-unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger
-italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie
-Zuckerwerk kauften, kuessten einander auf die Wangen und kuemmerten sich
-um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.
-
-Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo waere es besser? Und die
-Haende im Schoss gefaltet, liess er seine Augen sich in den Weiten des
-Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen
-im eintoenigen Dunst der Raumeswueste. Er liebte das Meer aus tiefen
-Gruenden: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Kuenstlers, der
-von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des
-Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,
-seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verfuehrerischen
-Hange zum Ungegliederten, Masslosen, Ewigen, zum Nichts. Am
-Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das
-Vortreffliche mueht; und ist nicht das Nichts eine Form des
-Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere traeumte, ward
-ploetzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen
-Gestalt ueberschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten
-einholte und sammelte, da war es der schoene Knabe, der von links
-kommend vor ihm im Sande vorueberging. Er ging barfuss, zum Waten
-bereit, die schlanken Beine bis ueber die Knie entbloesst, langsam, aber
-so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz
-gewoehnt, und schaute sich nach den querstehenden Huetten um. Kaum aber
-hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer
-Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein
-Gesicht ueberzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward
-emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes
-Zerren, dass die Wange zerriss, und seine Brauen waren so schwer
-gerunzelt, dass unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und
-boese und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses fuehrten. Er
-blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurueck, tat dann mit der
-Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und liess die Feinde im
-Ruecken.
-
-Eine Art Zartgefuehl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham,
-veranlasste Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen
-haette; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt
-es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu
-machen. Er war aber erheitert und erschuettert zugleich, das heisst:
-beglueckt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmuetigste
-Stueck Leben,--er stellte das Goettlich-Nichtssagende in menschliche
-Beziehungen; er liess ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur
-Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen;
-und er verlieh der ohnehin durch Schoenheit bedeutenden Gestalt des
-Halbwuechsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn
-ueber seine Jahre ernst zu nehmen.
-
-Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine
-helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den
-um die Sandburg beschaeftigten Gespielen gruessend anzukuendigen suchte.
-Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform
-seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer
-gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu koennen, als zwei
-melodische Silben wie "Adgio" oder oefter noch "Adgiu" mit rufend
-gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in
-seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen
-und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.
-
-Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem
-Fuellfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach
-einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die
-geniessenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch
-gleichgueltige Taetigkeit zu versaeumen. Er warf das Schreibzeug
-beiseite, er kehrte zum Meere zurueck, und nicht lange, so wandte er,
-abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an
-der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und
-Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.
-
-Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht
-zu verfehlen. Mit anderen beschaeftigt, eine alte Planke als Bruecke
-ueber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit
-dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit
-ihm ungefaehr zehn Genossen, Knaben und Maedchen, von seinem Alter und
-einige juenger, die in Zungen, polnisch, franzoesisch und auch in
-Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am
-oeftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer
-namentlich, Pole gleich ihm, ein staemmiger Bursche, der aehnlich wie
-"Jaschu" gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem
-Guertelanzug, schien sein naechster Vasall und Freund. Sie gingen, als
-fuer diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand
-entlang, und der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, kuesste den Schoenen.
-
-Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. "Dir aber rat
-ich Kritobulos", dachte er laechelnd, "geh ein Jahr auf Reisen! Denn
-soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung." Und dann fruehstueckte
-er grosse, vollreife Erdbeeren, die er von einem Haendler erstand. Es
-war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des
-Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Traegheit fesselte den Geist,
-indes die Sinne die ungeheure und betaeubende Unterhaltung der
-Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei,
-der ungefaehr "Adgio" lautete, schien dem ernsten Mann eine
-angemessene, vollkommen ausfuellende Aufgabe und Beschaeftigung. Und mit
-Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, dass "Tadzio"
-gemeint sein muesse, die Abkuerzung von "Tadeusz" und im Anrufe "Tadziu"
-lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren
-hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte,
-weit draussen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus.
-Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach
-ihm von den Huetten, stiessen wiederum diesen Namen aus, der den Strand
-beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten,
-seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Suesses und Wildes hatte:
-"Tadziu, Tadziu!" Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit
-den Beinen zu Schaum schlagend, zurueckgeworfenen Kopfes durch die
-Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormaennlich hold und
-herb, mit triefenden Locken und schoen wie ein zarter Gott, herkommend
-aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann:
-Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie
-Dichterkunde von anfaenglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von
-der Geburt der Goetter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf
-diesen in seinem Innern antoenenden Gesang; und abermals dachte er, dass
-es hier gut sei und dass er bleiben wolle.
-
-Spaeter lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehuellt in sein
-weisses Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den
-Kopf auf den blossen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht
-betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergass er fast
-niemals, dass jener dort lag und dass es ihn nur eine leichte Wendung
-des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswuerdige zu
-erblicken. Beinahe schien es ihm, als saesse er hier, um den Ruhenden zu
-behueten,--mit eigenen Angelegenheiten beschaeftigt und dabei doch in
-bestaendiger Wachsamkeit fuer das edle Menschenbild dort zur Rechten,
-nicht weit von ihm. Und eine vaeterliche Huld, die geruehrte Hinneigung
-dessen, der sich opfernd im Geiste das Schoene zeugt, zu dem, der die
-Schoenheit hat, erfuellte und bewegte sein Herz.
-
-Nach Mittag verliess er den Strand, kehrte ins Hotel zurueck und liess
-sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen laengere
-Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein muedes und
-scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und
-daran, dass Viele ihn auf den Strassen kannten und ehrerbietig
-betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekroenten
-Wortes willen,--rief alle, aeusseren Erfolge seines Talentes auf, die
-ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung.
-Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem
-Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, draengte
-junges Volk, das gleichfalls vom Fruehstueck kam, ihm nach in das
-schwebende Kaemmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe
-bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, dass dieser ihn nicht in
-bildmaessigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner
-Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von
-irgend jemandem, und waehrend er mit unbeschreiblich lieblichem Laecheln
-antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rueckwaerts,
-mit niedergeschlagenen Augen. Schoenheit macht schamhaft, dachte
-Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch
-bemerkt, dass Tadzios Zaehne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig
-und blass, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentuemlich sproeder
-Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsuechtigen. Er ist sehr zart,
-er ist kraenklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt
-werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft ueber ein Gefuehl
-der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken
-begleitete.
-
-Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag
-mit dem Vaporetto ueber die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg
-aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner
-hiesigen Tagesordnung gemaess, einen Spaziergang durch die Strassen an.
-Es war jedoch dieser Gang, der einen voelligen Umschwung seiner
-Stimmung, seiner Entschluesse herbeifuehrte.
-
-Eine widerliche Schwuele lag in den Gassen, die Luft war so dick, dass
-die Gerueche, die aus Wohnungen, Laeden, Garkuechen quollen, Oeldunst,
-Wolken von Parfuem und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu
-zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur
-langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belaestigte den
-Spaziergaenger, statt ihn zu unterhalten. Je laenger er ging, desto
-quaelender bemaechtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die
-Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich
-Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiss brach ihm aus. Die
-Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das
-Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschaeftsgassen ueber
-Bruecken in die Gaenge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
-ueblen Ausduenstungen der Kanaele verleideten das Atmen. Auf stillem
-Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Oertlichkeiten,
-die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
-trocknete er die Stirn und sah ein, dass er reisen muesse.
-
-Zum zweitenmal und nun endgueltig war es erwiesen, dass diese Stadt bei
-dieser Witterung ihm hoechst schaedlich war. Eigensinniges Ausharren
-erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes
-ganz ungewiss. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause
-zurueckzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war
-bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,
-und anderwaerts fanden sie sich ohne die boese Zutat der Lagune und
-ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht
-weit von Triest, das man ihm ruehmlich genannt hatte. Warum nicht
-dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel
-sich noch lohne. Er erklaerte sich fuer entschlossen und stand auf. Am
-naechsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und liess sich durch das
-truebe Labyrinth der Kanaele, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die
-von Loewenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an
-trauernden Palastfassaden, die grosse Firmenschilder im Abfall
-schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Muehe,
-dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und
-Glasblaesereien im Bunde stand, versuchte ueberall, ihn zu Besichtigung
-und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig
-ihren Zauber zu ueben begann, so tat der beutelschneiderische
-Geschaeftsgeist der gesunkenen Koenigin das seine, den Sinn wieder
-verdriesslich zu ernuechtern.
-
-Ins Hotel zurueckgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die
-Erklaerung ab, dass unvorhergesehene Umstaende ihn noetigten, morgen frueh
-abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste
-und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem
-Schaukelstuhl auf der rueckwaertigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,
-machte er sein Gepaeck vollkommen zur Abreise fertig.
-
-Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn
-beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster oeffnete, war der Himmel
-bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann
-auch schon seine Reue. War diese Kuendigung nicht ueberstuerzt und
-irrtuemlich, die Handlung eines kranken und unmassgeblichen Zustandes
-gewesen? Haette er sie ein wenig zurueckbehalten, haette er es, ohne so
-rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die
-venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so
-stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich
-dem gestrigen bevor. Zu spaet. Nun musste er fortfahren, zu wollen, was
-er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum
-Fruehstueck ins Erdgeschoss hinab.
-
-Der Buefettraum war, als er eintrat, noch leer von Gaesten. Einzelne
-kamen, waehrend er sass und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am
-Munde, sah er die polnischen Maedchen nebst ihrer Begleiterin sich
-einfinden; streng und morgenfrisch, mit geroeteten Augen schritten sie
-zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf naeherte sich ihm der
-Portier mit gezogener Muetze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil
-stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu
-bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal
-der Gesellschaft zum Bahnhof befoerdern werde. Die Zeit draenge.
---Aschenbach fand, dass sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine
-Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er aergerte sich an der
-Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und
-bedeutete dem Portier, dass er in Ruhe zu fruehstuecken wuensche. Der Mann
-zog sich zoegernd zurueck, um nach fuenf Minuten wieder aufzutreten.
-Unmoeglich, dass der Wagen laenger warte. Dann moege er fahren und seinen
-Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur
-gegebenen Zeit das oeffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge
-um sein Fortkommen ihm selber zu ueberlassen. Der Angestellte verbeugte
-sich. Aschenbach, froh, die laestigen Mahnungen abgewehrt zu haben,
-beendete seinen Imbiss ohne Eile, ja liess sich sogar noch vom Kellner
-Tagesblaetter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er
-aufstand. Es fuegte sich, dass im selben Augenblick Tadzio durch die
-Glastuer hereinkam.
-
-Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,
-schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen
-nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und
-voll zu ihm aufzuschlagen und war vorueber. Adieu, Tadzio! dachte
-Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das
-Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,
-fuegte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte
-Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im franzoesischen
-Gehrock verabschiedet und verliess das Hotel zu Fuss, wie er gekommen,
-um sich, gefolgt von dem Handgepaeck tragenden Hausdiener, durch die
-weiss bluehende Allee quer ueber die Insel zur Dampferbruecke zu begeben.
-Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine
-Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.
-
-Es war die vertraute Fahrt ueber die Lagune, an San Marco vorbei, den
-grossen Kanal hinauf. Aschenbach sass auf der Rundbank am Buge, den Arm
-aufs Gelaender gestuetzt, mit der Hand die Augen beschattend. Die
-oeffentlichen Gaerten blieben zurueck, die Piazzetta eroeffnete sich noch
-einmal in fuerstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die grosse
-Flucht der Palaeste, und als die Wasserstrasse sich wendete, erschien
-des Rialto praechtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende
-schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphaere der Stadt,
-diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn
-so sehr gedraengt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zaertlich
-schmerzlichen Zuegen. War es moeglich, dass er nicht gewusst, nicht
-bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen
-ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns
-gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer
-Seelennot, so bitter, dass sie ihm mehrmals Traenen in die Augen trieb,
-und von der er sich sagte, dass er sie unmoeglich habe vorhersehen
-koennen. Was er als so schwer ertraeglich, ja, zuweilen als voellig
-unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, dass er Venedig nie
-wieder sehen solle, dass dies ein Abschied fuer immer sei. Denn da sich
-zum zweiten Male gezeigt hatte, dass die Stadt ihn krank mache, da er
-sie zum zweiten Male jaeh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie
-ja fortan als einen ihm unmoeglichen und verbotenen Aufenthalt zu
-betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen
-sinnlos gewesen waere. Ja, er empfand, dass, wenn er jetzt abreise,
-Scham und Trotz ihn hindern muessten, die geliebte Stadt je wieder zu
-sehen, der gegenueber er zweimal koerperlich versagt hatte; und dieser
-Streitfall zwischen seelischer Neigung und koerperlichem Vermoegen
-schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische
-Niederlage so schmaehlich, so um jeden Preis hintanzuhalten, dass er die
-leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne
-ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.
-
-Unterdessen naehert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz
-und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise duenkt dem
-Gequaelten unmoeglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen
-betritt er die Station. Es ist sehr spaet, er hat keinen Augenblick zu
-verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es
-nicht. Aber die Zeit draengt, sie geisselt ihn vorwaerts; er eilt, sich
-sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach
-dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch
-zeigt sich und meldet, der grosse Koffer sei aufgegeben. Schon
-aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem
-hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten
-kommt zu Tage, dass der Koffer, schon im Gepaeckbefoerderungs-Amt des
-Hotels "Excelsior" zusammen mit anderer, fremder Bagage, in voellig
-falsche Richtung geleitet wurde.
-
-Aschenbach hatte Muehe, die Miene zu bewahren, die unter diesen
-Umstaenden einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine
-unglaubliche Heiterkeit erschuetterte von innen fast krampfhaft seine
-Brust. Der Angestellte stuerzte davon, um moeglicherweise den Koffer
-noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter
-Dinge zurueck. Da erklaerte denn Aschenbach, dass er ohne sein Gepaeck
-nicht zu reisen wuensche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen
-des Stueckes im Baederhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das
-Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,
-es liege vor der Tuer. Er bestimmte in italienischer Suade den
-Schalterbeamten, den geloesten Fahrschein zurueckzunehmen, er schwor,
-dass depeschiert werden, dass nichts gespart und versaeumt werden solle,
-um den Koffer in Baelde zurueckzugewinnen, und--so fand das Seltsame
-statt, dass der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am
-Bahnhof, sich wieder im Grossen Kanal auf dem Rueckweg zum Lido sah.
-
-Wunderlich unglaubhaftes, beschaemendes, komisch traumartiges
-Abenteuer: Staetten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf
-immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurueckverschlagen, in
-derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig
-behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoss das kleine,
-eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der
-Maske aergerlicher Resignation die aengstlich-uebermuetige Erregung eines
-entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine
-Brust bewegt von Lachen ueber dies Missgeschick, das, wie er sich sagte,
-ein Sonntagskind nicht gefaelliger haette heimsuchen koennen. Es waren
-Erklaerungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so
-sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglueck verhuetet, ein
-schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Ruecken zu
-lassen geglaubt hatte, eroeffnete sich ihm wieder, war auf beliebige
-Zeit wieder sein... Taeuschte ihn uebrigens die rasche Fahrt oder kam
-wirklich zum Ueberfluss der Wind nun dennoch vom Meere her?
-
-Die Wellen schlugen gegen die betonierten Waende des schmalen Kanals,
-der durch die Insel zum Hotel "Excelsior" gelegt ist. Ein automobiler
-Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und fuehrte ihn oberhalb des
-gekraeuselten Meeres auf geradem Wege zum Baeder-Hotel. Der kleine
-schnurrbaertige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begruessung die
-Freitreppe herab.
-
-Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn aeusserst
-peinlich fuer ihn und das Institut, billigte aber mit Ueberzeugung
-Aschenbachs Entschluss, das Gepaeckstueck hier zu erwarten. Freilich sei
-sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich
-zur Verfuegung. "Pas de chance, monsieur", sagte der schweizerische
-Liftfuehrer laechelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Fluechtling
-wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und
-Einrichtung fast vollkommen glich.
-
-Ermuedet, betaeubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, liess er
-sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in
-einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine
-blassgruene Faerbung angenommen, die Luft schien duenner und reiner, der
-Strand mit seinen Huetten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch
-grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Haende im Schoss gefaltet,
-zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschuettelnd unzufrieden ueber seinen
-Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wuensche. So sass er wohl eine
-Stunde, ruhend und gedankenlos traeumend. Um Mittag erblickte er
-Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere
-her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel
-zurueckkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Hoehe sofort, bevor er
-ihn eigentlich ins Auge gefasst, und wollte etwas denken, wie: "Sieh,
-Tadzio, da bist ja auch du wieder!" Aber im gleichen Augenblick fuehlte
-er, wie der laessige Gruss vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und
-verstummte,--fuehlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
-Schmerz seiner Seele und erkannte, dass ihm um Tadzios willen der
-Abschied so schwer geworden war.
-
-Er sass ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte
-in sich hinein. Seine Zuege waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein
-aufmerksames, neugierig geistreiches Laecheln spannte seinen Mund. Dann
-hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff ueber die Lehne des
-Sessels hinabhaengenden Armen eine langsam drehende und hebende
-Bewegung, die Handflaechen vorwaerts kehrend, so, als deute er ein
-Oeffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen
-heissende, gelassen aufnehmende Gebaerde.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Nun lenkte Tag fuer Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein
-gluthauchendes Viergespann durch die Raeume des Himmels und sein gelbes
-Gelock flatterte im zugleich ausstuermenden Ostwind. Weisslich seidiger
-Glanz lag auf den Weiten des traege wallenden Pontos. Der Sand gluehte.
-Unter der silbrig flirrenden Blaeue des Aethers waren rostfarbene
-Segeltuecher vor den Strandhuetten ausgespannt, und auf dem scharf
-umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die
-Vormittagsstunden. Aber koestlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen
-des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen
-schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise
-heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die
-freudige Gewaehr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Musse und
-geschmueckt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Moeglichkeiten
-lieblichen Zufalls.
-
-Der Gast, den ein so gefuegiges Missgeschick hier festgehalten, war weit
-entfernt, in der Rueckgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem
-Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden
-und zu den Mahlzeiten im grossen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen
-muessen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem
-Zimmer niedersetzte, packte er gruendlich aus und fuellte Schrank und
-Schubfaecher mit dem Seinen, entschlossen zu vorlaeufig unabsehbarem
-Verweilen, vergnuegt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug
-verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an
-seinem Tischchen zeigen zu koennen.
-
-Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann
-gezogen, die weiche und glaenzende Milde dieser Lebensfuehrung ihn rasch
-berueckt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines
-gepflegten Badelebens an suedlichem Strande mit der traulich bereiten
-Naehe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte
-nicht den Genuss. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu
-pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich
-in juengeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen
-zurueck in die hohe Muehsal, den heilig nuechternen Dienst seines
-Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen,
-machte ihn gluecklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch
-seiner Huette, hintraeumend ueber die Blaeue des Suedmeers, oder bei lauer
-Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom
-Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem gross gestirnten
-Himmel heimwaerts zum Lido fuehrte--und die bunten Lichter, die
-schmelzenden Klaenge der Serenade blieben zurueck,--erinnerte er sich
-seines Landsitzes in den Bergen, der Staette seines sommerlichen
-Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, fuerchterliche
-Gewitter am Abend das Licht des Hauses loeschten und die Raben, die er
-fuetterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es
-ihm wohl, als sei er entrueckt ins elysische Land, an die Grenzen der
-Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee
-ist und Winter noch Sturm und stroemender Regen, sondern immer sanft
-kuehlenden Anhauch Okeanos aufsteigen laesst und in seliger Musse die Tage
-verrinnen, muehelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen
-geweiht.
-
-Viel, fast bestaendig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein
-beschraenkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit
-sich, dass der Schoene ihm tagueber mit kurzen Unterbrechungen nahe war.
-Er sah, er traf ihn ueberall: in den unteren Raeumen des Hotels, auf den
-kuehlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurueck, im Gepraenge des
-Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der
-Zufall ein Uebriges tat. Hauptsaechlich aber und mit der gluecklichsten
-Regelmaessigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte
-Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja,
-diese Gebundenheit des Glueckes, diese taeglich-gleichmaessig wieder
-anbrechende Gunst der Umstaende war es so recht, was ihn mit
-Zufriedenheit und Lebensfreude erfuellte, was ihm den Aufenthalt teuer
-machte und einen Sonnentag so gefaellig hinhaltend sich an den anderen
-reihen liess.
-
-Er war frueh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor
-den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer weiss
-blendend in Morgentraeumen lag. Er gruesste menschenfreundlich den
-Waechter der Sperre, gruesste auch vertraulich den barfuessigen Weissbart,
-der ihm die Staette bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die
-Moebel der Huette hinaus auf die Plattform gerueckt hatte, und liess sich
-nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur
-Hoehe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und
-tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte.
-
-Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von
-rueckwaerts zwischen den Huetten hervortreten oder fand auch wohl
-ploetzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, dass er sein Kommen
-versaeumt und dass er schon da war, schon in dem blau und weissen
-Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein
-gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies
-lieblich nichtige, muessig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein
-Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht,
-berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen
-Namen ertoenen liessen: "Tadziu! Tadziu!" und zu denen er mit eifrigem
-Gebaerdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzaehlen, was er erlebt, ihnen
-zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen
-und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von
-dem, was er sagte, und mochte es das Alltaeglichste sein, es war
-verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben
-Rede zur Musik, eine uebermuetige Sonne goss verschwenderischen Glanz
-ueber ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner
-Erscheinung Folie und Hintergrund.
-
-Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen,
-so frei sich darstellenden Koerpers, begruesste freudig jede schon
-vertraute Schoenheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten
-Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begruessen, der
-den Frauen bei der Huette aufwartete; er lief herbei, lief nass
-vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand
-reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fuss auf die Zehenspitzen
-gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Koerpers,
-anmutig spannungsvoll, verschaemt aus Liebenswuerdigkeit, gefallsuechtig
-aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust
-geschlungen, den zart gemeisselten Arm in den Sand gestuetzt, das Kinn
-in der hohlen Hand; der, welcher "Jaschu" gerufen wurde, sass kauernd
-bei ihm und tat ihm schoen, und nichts konnte bezaubernder sein, als
-das Laecheln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem
-Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein,
-abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Haende
-im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fussballen schaukelnd, und
-traeumte ins Blaue, waehrend kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen
-badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die
-Schlaefen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen
-Rueckgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichmass der Brust
-traten durch die knappe Umhuellung des Rumpfes hervor, seine
-Achselhoehlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen
-glaenzten, und ihr blaeuliches Geaeder liess seinen Koerper wie aus
-klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche
-Praezision des Gedankens war ausgedrueckt in diesem gestreckten und
-jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch,
-der, dunkel taetig, dies goettliche Bildwerk ans Licht zu treiben
-vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Kuenstler, bekannt und vertraut?
-Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll,
-aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im
-Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger
-Schoenheit den Menschen darstellte?
-
-Standbild und Spiegel! Seine Augen umfassten die edle Gestalt dort am
-Rande des Blauen, und in aufschwaermendem Entzuecken glaubte er mit
-diesem Blick das Schoene selbst zu begreifen, die Form als
-Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt
-und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold
-zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich,
-ja gierig, hiess der alternde Kuenstler ihn willkommen. Sein Geist
-kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedaechtnis warf uralte,
-seiner Jugend ueberlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer
-belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, dass die Sonne unsere
-Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge
-wendet? Sie betaeube und bezaubere, hiess es, Verstand und Gedaechtnis,
-dergestalt, dass die Seele vor Vergnuegen ihres eigentlichen Zustandes
-ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schoensten der
-besonnten Gegenstaende haengen bleibe: ja, nur mit Huelfe eines Koerpers
-vermoege sie dann noch zu hoeherer Betrachtung sich zu erheben. Amor
-fuerwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfaehigen Kindern
-greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der
-Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt
-und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit
-allem Abglanz der Schoenheit schmueckte und bei deren Anblick wir dann
-wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.
-
-So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus
-Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild.
-Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener
-heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblueten erfuellte Ort, den
-Weihbilder und fromme Gaben schmueckten zu Ehren der Nymphen und des
-Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Fuessen des breitgeaesteten Baums
-ueber glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft
-abfiel, so, dass man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten
-Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein Aeltlicher und ein
-Junger, ein Haesslicher und ein Schoener, der Weise beim Liebenswuerdigen.
-Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte
-Sokrates den Phaidros ueber Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem
-heissen Erschrecken, das der Fuehlende leidet, wenn sein Auge ein
-Gleichnis der ewigen Schoenheit erblickt; sprach ihm von den Begierden
-des Weihelosen und Schlechten, der die Schoenheit nicht denken kann,
-wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht faehig ist; sprach
-von der heiligen Angst, die den Edlen befaellt, wenn ein gottgleiches
-Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und
-ausser sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der
-die Schoenheit hat, ja, ihm opfern wuerde, wie einer Bildsaeule, wenn er
-nicht fuerchten muesste, den Menschen naerrisch zu scheinen. Denn die
-Schoenheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswuerdig und sichtbar
-zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen,
-welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen koennen. Oder was
-wuerde aus uns, wenn das Goettliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und
-Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Wuerden wir nicht vergehen
-und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die
-Schoenheit der Weg des Fuehlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel
-nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der
-verschlagene Hofmacher: Dies, dass der Liebende goettlicher sei, als der
-Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen
-zaertlichsten, spoettischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht
-ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht
-entspringt. Glueck des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz
-Gefuehl, ist das Gefuehl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein
-pulsender Gedanke, solch genaues Gefuehl gehoerte und gehorchte dem
-Einsamen damals: naemlich, dass die Natur vor Wonne erschaure, wenn der
-Geist sich huldigend vor der Schoenheit neige. Er wuenschte ploetzlich,
-zu schreiben. Zwar liebt Eros, heisst es, den Muessiggang, und fuer
-solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war
-die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast
-gleichgueltig der Anlass. Eine Frage, eine Anregung, ueber ein gewisses
-grosses und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich
-bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und
-bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm gelaeufig, war
-ihm Erlebnis; sein Geluest, ihn im Licht seines Wortes erglaenzen zu
-lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen
-dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des
-Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Koerpers
-folgen zu lassen, der ihm goettlich schien, und seine Schoenheit ins
-Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum Aether
-trug. Nie hatte er die Lust des Wortes suesser empfunden, nie so gewusst,
-dass Eros im Worte sei, wie waehrend der gefaehrlich koestlichen Stunden,
-in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im
-Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios
-Schoenheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener
-Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefuehlsspannung
-binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher
-gut, dass die Welt nur das schoene Werk, nicht auch seine Urspruenge,
-nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der
-Quellen, aus denen dem Kuenstler Eingebung floss, wuerde sie oftmals
-verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen
-aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Muehe! Seltsam
-zeugender Verkehr des Geistes mit einem Koerper! Als Aschenbach seine
-Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fuehlte er sich erschoepft,
-ja zerruettet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer
-Ausschweifung Klage fuehre.
-
-Es war am folgenden Morgen, dass er, im Begriff das Hotel zu verlassen,
-von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum
-Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre naeherte. Der
-Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem,
-der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte,
-heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort,
-seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und draengte sich auf. Der Schoene
-ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte
-seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den
-Huetten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und
-irgend ein Wort, eine freundliche franzoesische Phrase schwebt ihm auf
-den Lippen: da fuehlt er, dass sein Herz, vielleicht auch vom schnellen
-Gang, wie ein Hammer schlaegt, dass er, so knapp bei Atem, nur gepresst
-und bebend wird sprechen koennen; er zoegert, er sucht sich zu
-beherrschen, er fuerchtet ploetzlich, schon zu lange dicht hinter dem
-Schoenen zu gehen, fuerchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes
-Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht
-gesenkten Hauptes vorueber.
-
-Zu spaet! dachte er in diesem Augenblick. Zu spaet! Jedoch war es zu
-spaet? Dieser Schritt, den zu tun er versaeumte, er haette sehr
-moeglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer
-Ernuechterung gefuehrt. Allein es war wohl an dem, dass der Alternde die
-Ernuechterung nicht wollte, dass der Rausch ihm zu teuer war. Wer
-entraetselt Wesen und Gepraege des Kuenstlertums! Wer begreift die tiefe
-Instinktverschmelzung von Zucht und Zuegellosigkeit, worin es beruht!
-Denn heilsame Ernuechterung nicht wollen zu koennen, ist Zuegellosigkeit.
-Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack,
-die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und spaete
-Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggruende zu zergliedern und
-zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwaeche
-sein Vorhaben nicht ausgefuehrt habe. Er war verwirrt, er fuerchtete,
-dass irgend jemand, wenn auch der Strandwaechter nur, seinen Lauf, seine
-Niederlage beobachtet haben moechte, fuerchtete sehr die Laecherlichkeit.
-Im uebrigen scherzte er bei sich selbst ueber seine komisch-heilige
-Angst. "Bestuerzt", dachte er, "bestuerzt wie ein Hahn, der angstvoll
-seine Fluegel im Kampfe haengen laesst. Das ist wahrlich der Gott, der
-beim Anblick des Liebenswuerdigen so unseren Mut bricht und unsern
-stolzen Sinn so gaenzlich zu Boden drueckt..." Er spielte, schwaermte und
-war viel zu hochmuetig, um ein Gefuehl zu fuerchten.
-
-Schon ueberwachte er nicht mehr den Ablauf der Mussezeit, die er sich
-selber gewaehrt; der Gedanke an Heimkehr beruehrte ihn nicht einmal. Er
-hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig
-der moeglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der
-Hand, durch beilaeufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren,
-dass diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier
-abgestiegen seien. Die Sonne braeunte ihm Antlitz und Haende, der
-erregende Salzhauch staerkte ihn zum Gefuehl, und wie er sonst jede
-Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an
-ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so liess er nun alles, was Sonne,
-Musse und Meerluft ihm an taeglicher Kraeftigung zufuehrten,
-hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung.
-
-Sein Schlaf war fluechtig; die koestlich einfoermigen Tage waren getrennt
-durch kurze Naechte voll gluecklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig
-zurueck, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war,
-schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein
-zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines
-Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und
-leicht eingehuellt gegen die Schauer der Fruehe setzte er sich ans
-offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle
-Ereignis erfuellte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch
-lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Daemmerblaesse; noch
-schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine
-beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnplaetzen, dass Eos sich von der
-Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, suesse Erroeten der fernsten
-Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden
-der Schoepfung sich anzeigt. Die Goettin nahte, die
-Juenglingsentfuehrerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem
-Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schoenen Orion genoss.
-Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsaeglich holdes
-Scheinen und Bluehen, kindliche Wolken, verklaert, durchleuchtet,
-schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, blaeulichen Duft,
-Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwaerts zu schwemmen
-schien, goldene Speere zuckten von unten zur Hoehe des Himmels hinauf,
-der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit goettlicher Uebergewalt waelzten
-sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden
-Hufen stiegen des Bruders heilige Renner ueber den Erdkreis empor.
-Angestrahlt von der Pracht des Gottes sass der Einsam-Wache, er schloss
-die Augen und liess von der Glorie seine Lider kuessen. Ehemalige
-Gefuehle, fruehe, koestliche Drangsale des Herzens, die im strengen
-Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt
-zurueckkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Laecheln.
-Er sann, er traeumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und
-noch immer laechelnd, mit aufwaerts gekehrtem Antlitz, die Haende im
-Schoesse gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal.
-
-Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam
-gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der
-auf einmal so sanft und bedeutend, hoeherer Einfluesterung gleich,
-Schlaefe und Ohr umspielte? Weisse Federwoelkchen standen in verbreiteten
-Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Goetter. Staerkerer Wind
-erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich baeumend, daher,
-Stiere auch wohl, dem Blaeulichgelockten gehoerig, welche mit Bruellen
-anrennend die Hoerner senkten. Zwischen dem Felsengeroell des
-entfernteren Strandes jedoch huepften die Wellen empor als springende
-Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schloss den
-Berueckten ein, und sein Herz traeumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn
-hinter Venedig die Sonne sank, sass er auf einer Bank im Park, um
-Tadzio zuzuschauen, der sich, weiss gekleidet und farbig geguertet, auf
-dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergnuegte, und Hyakinthos war
-es, den er zu sehen glaubte, und der sterben musste, weil zwei Goetter
-ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den
-Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara vergass, um
-immer mit dem Schoenen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von
-grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing,
-erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem suessen
-Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage...
-
-Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhaeltnis von Menschen, die
-sich nur mit den Augen kennen,--die taeglich, ja stuendlich einander
-begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgueltiger Fremdheit
-grusslos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene
-Grille genoetigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und ueberreizte
-Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatuerlich unterdrueckten
-Erkenntnis-und Austauschbeduerfnisses und namentlich auch eine Art von
-gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so
-lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein
-Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.
-
-Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft musste sich notwendig ausbilden
-zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender
-Freude konnte der Aeltere feststellen, dass Teilnahme und Aufmerksamkeit
-nicht voellig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schoenen,
-niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an
-der Rueckseite der Huetten zu benuetzen, sondern nur noch auf dem
-vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und
-manchmal unnoetig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast
-streifend, zur Huette der Seinen zu schlendern? Wirkte so die
-Anziehung, die Faszination eines ueberlegenen Gefuehls auf seinen zarten
-und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete taeglich Tadzios
-Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschaeftigt, wenn es sich
-vollzog, und liess den Schoenen scheinbar unbeachtet voruebergehen.
-Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie
-waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und
-wuerdevollen Miene des Aelteren verriet nichts eine innere Bewegung;
-aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in
-seinen Gang kam ein Zoegern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich
-wieder auf, und wenn er vorueber war, so schien ein Etwas in seiner
-Haltung auszudruecken, dass nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden.
-
-Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen
-Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im
-grossen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen.
-Er erging sich nach Tische, sehr unruhig ueber ihren Verbleib, in
-Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Fuessen der Terrasse, als er
-ploetzlich die nonnenaehnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier
-Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah.
-Offenbar kamen sie von der Dampferbruecke, nachdem sie aus irgendeinem
-Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl kuehl gewesen;
-Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-Ueberjacke mit goldenen Knoepfen
-und auf dem Kopf eine zugehoerige Muetze. Sonne und Seeluft verbrannten
-ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu
-Beginn; doch schien er blaesser heute als sonst, sei es infolge der
-Kuehle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine
-ebenmaessigen Brauen zeichneten sich schaerfer ab, seine Augen dunkelten
-tief. Er war schoener, als es sich sagen laesst, und Aschenbach empfand
-wie schon oftmals mit Schmerzen, dass das Wort die sinnliche Schoenheit
-nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.
-
-Er war der teuren Erscheinung nicht gewaertig gewesen, sie kam
-unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Wuerde
-zu befestigen. Freude, Ueberraschung, Bewunderung mochten sich offen
-darin malen, als sein Blick dem des Vermissten begegnete,--und in
-dieser Sekunde geschah es, dass Tadzio laechelte: ihn anlaechelte,
-sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich
-im Laecheln erst langsam oeffneten. Es war das Laecheln des Narziss, der
-sich ueber das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte,
-hingezogene Laecheln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen
-Schoenheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Laecheln,
-verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden
-Lippen seines Schattens zu kuessen, kokett, neugierig und leise
-gequaelt, betoert und betoerend.
-
-Der, welcher dies Laecheln empfangen, enteilte damit wie mit einem
-verhaengnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschuettert, dass er das
-Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit
-hastigen Schritten das Dunkel des rueckwaertigen Parkes suchte.
-Sonderbar entruestete und zaertliche Vermahnungen entrangen sich ihm:
-"Du darfst so nicht laecheln! Hoere, man darf so niemandem laecheln!" Er
-warf sich auf eine Bank, er atmete ausser sich den naechtlichen Duft der
-Pflanzen. Und zurueckgelehnt, mit haengenden Armen, ueberwaeltigt und
-mehrfach von Schauern ueberlaufen, fluesterte er die stehende Formel der
-Sehnsucht,--unmoeglich hier, absurd, verworfen, laecherlich und heilig
-doch, ehrwuerdig auch hier noch: "Ich liebe dich!"
-
-
-
-
-Fuenftes Kapitel
-
-
-In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von
-Aschenbach einige die Aussenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.
-Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz
-seines Gasthofes eher ab-als zunaehme, und, insbesondere, als ob die
-deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so dass bei Tisch
-und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines
-Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt haeufig besuchte, im
-Gespraeche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer
-deutschen Familie erwaehnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist
-war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: "Sie bleiben, mein
-Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Uebel." Aschenbach sah ihn an.
-"Dem Uebel?" wiederholte er. Der Schwaetzer verstummte, tat beschaeftigt,
-ueberhoerte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklaerte
-er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit
-abzulenken.
-
-Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und
-schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den
-polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den
-Weg zur Dampferbruecke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott
-nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen
-auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er ploetzlich in
-der Luft ein eigentuemliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe
-es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewusstsein zu dringen, seinen Sinn
-beruehrt,--einen suesslich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden
-und verdaechtige Reinlichkeit erinnerte. Er pruefte und erkannte ihn
-nachdenklich, beendete seinen Imbiss und verliess den Platz auf der dem
-Tempel gegenueberliegenden Seite. In der Enge verstaerkte sich der
-Geruch. An den Strassenecken hafteten gedruckte Anschlaege, durch welche
-die Bevoelkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,
-die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse
-von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanaele
-stadtvaeterlich gewarnt wurde. Die beschoenigende Natur des Erlasses war
-deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Bruecken und Plaetzen
-beisammen; und der Fremde stand spuerend und gruebelnd unter ihnen.
-
-Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnueren und falschen
-Amethyst-Geschmeiden in der Tuere seines Gewoelbes lehnte, bat er um
-Auskunft ueber den fatalen Geruch. Der Mann mass ihn mit schweren Augen
-und ermunterte sich hastig. "Eine vorbeugende Massregel, mein Herr!"
-antwortete er mit Gebaerdenspiel. "Eine Verfuegung der Polizei, die man
-billigen muss. Diese Witterung drueckt, der Scirocco ist der Gesundheit
-nicht zutraeglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht uebertriebene
-Vorsicht..." Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem
-Dampfer, der ihn zum Lido zuruecktrug, spuerte er jetzt den Geruch des
-keimbekaempfenden Mittels.
-
-Ins Hotel zurueckgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum
-Zeitungstisch und hielt in den Blaettern Umschau. Er fand in den
-fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Geruechte,
-fuehrten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und
-bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklaerte sich der Abzug des
-deutschen und oesterreichischen Elementes. Die Angehoerigen der uebrigen
-Nationen wussten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht
-beunruhigt. "Man soll schweigen!" dachte Aschenbach erregt, indem er
-die Journale auf den Tisch zurueckwarf. "Man soll das verschweigen!"
-Aber zugleich fuellte sein Herz sich mit Genugtuung ueber das Abenteuer,
-in welches die Aussenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,
-wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags
-nicht gemaess, und jede Lockerung des buergerlichen Gefueges, jede
-Verwirrung und Heimsuchung der Welt muss ihr willkommen sein, weil sie
-ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand
-Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit ueber die obrigkeitlich
-bemaentelten Vorgaenge in den schmutzigen Gaesschen Venedigs,--dieses
-schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis
-verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn
-der Verliebte besorgte nichts, als dass Tadzio abreisen koennte und
-erkannte nicht ohne Entsetzen, dass er nicht mehr zu leben wissen
-werde, wenn das geschaehe.
-
-Neuerdings begnuegte er sich nicht damit, Naehe und Anblick des Schoenen
-der Tagesregel und dem Gluecke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte
-ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am
-Strande; er erriet, dass sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte
-dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Daemmerung des
-Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, ueber ein Betpult
-gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf
-zerklueftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,
-kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des
-morgenlaendischen Tempels lastete ueppig auf seinen Sinnen. Vorn
-wandelte, hantierte und sang der schwergeschmueckte Priester, Weihrauch
-quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flaemmchen der Altarkerzen, und
-in den dumpfsuessen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:
-der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah
-Aschenbach, wie der Schoene dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und
-ihn erblickte.
-
-Wenn dann die Menge durch die geoeffneten Portale hinausstroemte auf den
-leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betoerte in
-der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah
-die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf
-zeremonioese Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich
-heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, dass der Schoene, die
-kloesterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch
-das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er
-sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte
-ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.
-
-Er musste stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, musste in Garkuechen
-und Hoefe fluechten, um die Umkehrenden vorueber zu lassen; er verlor
-sie, suchte erhitzt und erschoepft nach ihnen ueber Bruecken und in
-schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten toedlicher Pein, wenn er
-sie ploetzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen moeglich war, sich
-entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, dass er litt. Haupt
-und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen
-des Daemons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Wuerde unter
-seine Fuesse zu treten.
-
-Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und
-Aschenbach, den, waehrend sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen
-verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestossen,
-ein Gleiches. Er sprach hastig und gedaempft, wenn er den Ruderer,
-unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener
-Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffaellig in einigem
-Abstand zu folgen; und es ueberrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der
-spitzbuebischen Erboetigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben
-Tone versicherte, dass er bedient, dass er gewissenhaft bedient werden
-solle.
-
-So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,
-der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die
-Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fuehlte er
-Kummer und Unruhe. Aber sein Fuehrer, als sei er in solchen Auftraegen
-wohl geuebt, wusste ihm stets durch schlaue Manoever, durch rasche
-Querfahrten und Abkuerzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.
-Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den
-Dunst, der den Himmel schieferig faerbte. Wasser schlug glucksend gegen
-Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gruss, ward
-fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer Uebereinkunft
-beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Gaerten hingen Bluetendolden,
-weiss und purpurn, nach Mandeln duftend, ueber morsches Gemaeuer.
-Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trueben ab. Die
-Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf
-kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das
-Weisse der Augen, als sei er blind, ein Altertumshaendler, vor seiner
-Spelunke, lud den Vorueberziehenden mit kriecherischen Gebaerden zum
-Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betruegen. Das war Venedig, die
-schmeichlerische und verdaechtige Schoene,--diese Stadt, halb Maerchen,
-halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst
-schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klaenge eingab, die
-wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als traenke
-sein Auge dergleichen Ueppigkeit, als wuerde sein Ohr von solchen
-Melodien umworben; er erinnerte sich auch, dass die Stadt krank sei und
-es aus Gewinnsucht verheimliche, und er spaehte ungezuegelter aus nach
-der voranschwebenden Gondel.
-
-So wusste und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den
-Gegenstand, der ihn entzuendete, ohne Unterlass zu verfolgen, von ihm
-zu traeumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,
-seinem blossen Schattenbild zaertliche Worte zu geben. Einsamkeit,
-Fremde und das Glueck eines spaeten und tiefen Rausches ermutigten und
-ueberredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Erroeten
-durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, dass er, spaet abends
-von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schoenen
-Zimmertuer Halt gemacht, seine Stirn in voelliger Trunkenheit an die
-Angel der Tuer gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen
-vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt
-und betroffen zu werden.
-
-Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben
-Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestuerzung. Auf
-welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natuerliche Verdienste ein
-aristokratisches Interesse fuer seine Abstammung einfloessen, war er
-gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren
-zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer
-notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch
-jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen
-in so exotischen Ausschweifungen des Gefuehls; gedachte der
-haltungsvollen Strenge, der anstaendigen Maennlichkeit ihres Wesens und
-laechelte schwermuetig. Was wuerden sie sagen? Aber freilich, was haetten
-sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur
-Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, ueber das
-er selbst einst, im Buergersinne der Vaeter, so spoettische
-Juenglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im
-Grunde so aehnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in
-harter Zucht geuebt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich
-manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender
-Kampf, fuer welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der
-Selbstueberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und
-enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild fuer einen zarten und
-zeitgemaessen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es maennlich,
-durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,
-der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise
-besonders gemaess und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Voelkern
-vorzueglich in Ansehen gestanden, ja, hiess es nicht, dass er durch
-Tapferkeit in ihren Staedten geblueht habe? Zahlreiche Kriegshelden der
-Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung
-galt, die der Gott verhaengte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit
-waeren gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen
-waeren: Fussfaelle, Schwuere, instaendige Bitten und sklavisches Wesen,
-solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete
-vielmehr noch Lob dafuer.
-
-So war des Betoerten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu stuetzen,
-seine Wuerde zu wahren. Aber zugleich wandte er bestaendig eine spuerende
-und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgaengen im Innern
-Venedigs zu, jenem Abenteuer der Aussenwelt, das mit dem seines Herzens
-dunkel zusammenfloss und seine Leidenschaft mit unbestimmten,
-gesetzlosen Hoffnungen naehrte. Versessen darauf, Neues und Sicheres
-ueber Stand oder Fortschritt des Uebels zu erfahren, durchstoeberte er in
-den Kaffeehaeusern der Stadt die heimatlichen Blaetter, da sie vom
-Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.
-Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der
-Erkrankungs-, der Todesfaelle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja
-hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der
-Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf voellig
-vereinzelte, von aussen eingeschleppte Faelle zurueckgefuehrt. Warnende
-Bedenken, Proteste gegen das gefaehrliche Spiel der welschen Behoerden
-waren eingestreut. Gewissheit war nicht zu erlangen.
-
-Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewusst, an dem
-Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine
-bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfaenglichen Fragen
-anzugehen und sie, die zum Schweigen verbuendet waren, zur
-ausdruecklichen Luege zu noetigen. Eines Tages beim Fruehstueck im grossen
-Speisesaal stellte er so den Geschaeftsfuehrer zur Rede, jenen kleinen,
-leise auftretenden Menschen im franzoesischen Gehrock, der sich
-gruessend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch
-an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum
-man denn eigentlich, fragte der Gast in laessiger und beilaeufiger
-Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig
-desinfiziere?--"Es handelt sich", antwortete der Schleicher, "um eine
-Massnahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzutraeglichkeiten oder
-Stoerungen der oeffentlichen Gesundheit, welche durch die bruetende und
-ausnehmend warme Witterung erzeugt werden moechten, pflichtgemaess und
-beizeiten hintanzuhalten."--"Die Polizei ist zu loben", erwiderte
-Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen
-empfahl sich der Manager.
-
-Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, dass eine
-kleine Bande von Strassensaengern aus der Stadt sich im Vorgarten des
-Gasthofes hoeren liess. Sie standen, zwei Maenner und zwei Weiber, an dem
-eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weissbeschienenen
-Gesichter zur grossen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei
-Kaffee und kuehlenden Getraenken die volkstuemliche Darbietung gefallen
-liess. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,
-zeigte sich lauschend an den Tueren zur Halle. Die russische Familie,
-eifrig und genau im Genuss, hatte sich Rohrstuehle in den Garten
-hinabstellen lassen, um den Ausuebenden naeher zu sein, und sass dort
-dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem
-Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.
-
-Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren
-unter den Haenden der Bettelvirtuosen in Taetigkeit. Mit instrumentalen
-Durchfuehrungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das juengere der
-Weiber, scharf und quaekend von Stimme, sich mit dem suess
-falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.
-Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich
-unzweideutig der andere der Maenner, Inhaber der Guitarre und im
-Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch
-begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals loeste er
-sich, sein grosses Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los
-und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien
-mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem
-Parterre, zeigten sich entzueckt ueber soviel suedliche Beweglichkeit und
-ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus
-sich heraus zu gehen.
-
-Aschenbach sass an der Balustrade und kuehlte zuweilen die Lippen mit
-einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im
-Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klaenge, die vulgaeren
-und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft laehmt
-den waehlerischen Sinn und laesst sich allen Ernstes mit Reizen ein,
-welche die Nuechternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen
-wuerde. Seine Zuege waren durch die Spruenge des Gauklers zu einem fix
-gewordenen und schon schmerzenden Laecheln verrenkt. Er sass laessig da,
-waehrend eine aeusserste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs
-Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingelaender.
-
-Er stand dort in dem weissen Guertelanzug, den er zuweilen zur
-Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,
-den linken Unterarm auf der Bruestung, die Fuesse gekreuzt, die rechte
-Hand in der tragenden Huefte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum
-ein Laecheln, nur eine entfernte Neugier, ein hoefliches Entgegennehmen
-war, zu den Baenkelsaengern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf
-und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schoenen Bewegung beider
-Arme den weissen Kittel durch den Lederguertel hinunter. Manchmal aber
-auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln
-seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zoegernd und behutsam
-oder auch rasch und ploetzlich, als gelte es eine Ueberrumpelung, den
-Kopf ueber die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er
-fand nicht dessen Augen, denn eine schmaehliche Besorgnis zwang den
-Verwirrten, seine Blicke aengstlich im Zaum zu halten. Im Grund der
-Terrasse sassen die Frauen, die Tadzio behueteten, und es war dahin
-gekommen, dass der Verliebte fuerchten musste, auffaellig geworden und
-beargwoehnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er
-mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,
-zu bemerken gehabt, dass man Tadzio aus seiner Naehe zurueckrief, ihn von
-ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus
-entnehmen muessen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen
-wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.
-
-Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo
-begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden
-Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit
-Gesang und saemtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine
-plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wusste. Schmaechtig
-gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,
-abgetrennt von den Seinen, den schaebigen Filz im Nacken, so dass ein
-Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer
-Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern
-der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Spaesse zur Terrasse
-empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner
-Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr
-von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhaelter, halb
-Komoediant, brutal und verwegen, gefaehrlich und unterhaltend. Sein
-Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,
-durch sein Mienenspiel, seine Koerperbewegungen, seine Art, andeutend
-zu blinzeln und die Zunge schluepfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,
-etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstoessiges. Dem weichen Kragen des
-Sporthemdes, das er zu uebrigens staedtischer Kleidung trug, entwuchs
-sein hagerer Hals mit auffallend gross und nackt wirkendem Adamsapfel.
-Sein bleiches, stumpfnaesiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zuegen
-schwer auf sein Alter zu schliessen war, schien durchpfluegt von
-Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines
-beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,
-fast wild zwischen seinen roetlichen Brauen standen. Was jedoch des
-Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die
-Bemerkung, dass die verdaechtige Figur auch ihre eigene verdaechtige
-Atmosphaere mit sich zu fuehren schien. Jedesmal naemlich, wenn der
-Refrain wieder einsetzte, unternahm der Saenger unter Faxen und
-gruessendem Handschuetteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn
-unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorueberfuehrte, und jedesmal, wenn
-das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Koerper ausgehend, ein
-Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.
-
-Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den
-Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen
-herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demuetig
-zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfuessen schlich er
-zwischen den Tischen umher, und ein Laecheln tueckischer Unterwuerfigkeit
-entbloesste seine starken Zaehne, waehrend doch immer noch die beiden
-Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das
-fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und
-einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Muenzen in seinen Filz
-und huetete sich, ihn zu beruehren. Die Aufhebung der physischen Distanz
-zwischen dem Komoedianten und den Anstaendigen erzeugt, und war das
-Vergnuegen noch so gross, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fuehlte sie
-und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu
-Aschenbach und mit ihm der Geruch, ueber den niemand ringsum sich
-Gedanken zu machen schien.
-
-"Hoere!" sagte der Einsame gedaempft und fast mechanisch. "Man
-desinfiziert Venedig. Warum?"--Der Spassmacher antwortete heiser: "Von
-wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze
-und bei Scirocco. Der Scirocco drueckt. Er ist der Gesundheit nicht
-zutraeglich..." Er sprach wie verwundert darueber, dass man dergleichen
-fragen koenne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der
-Scirocco druecke.--"Es ist also kein Uebel in Venedig?" fragte
-Aschenbach sehr leise und zwischen den Zaehnen.--Die muskuloesen Zuege
-des Possenreissers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. "Ein
-Uebel? Aber was fuer ein Uebel? Ist der Scirocco ein Uebel? Ist
-vielleicht unsere Polizei ein Uebel? Sie belieben zu scherzen! Ein
-Uebel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Massregel, verstehen Sie doch!
-Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drueckenden
-Witterung..." Er gestikulierte.--"Es ist gut", sagte Aschenbach
-wiederum kurz und leise und liess rasch ein ungebuehrlich bedeutendes
-Geldstueck in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den
-Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Buecklingen; aber er
-hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich
-auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein
-gefluestertes Kreuzverhoer nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab
-Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.
-Entlassen, kehrte er in den Garten zurueck, und, nach einer kurzen
-Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem
-Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.
-
-Es war ein Lied, das jemals gehoert zu haben der Einsame sich nicht
-erinnerte; ein dreister Schlager in unverstaendlichem Dialekt und
-ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmaessig aus
-vollem Halse einfiel. Es hoerten hierbei sowohl die Worte wie auch die
-Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb uebrig als ein
-rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natuerlich behandeltes
-Lachen, das namentlich der Solist mit grossem Talent zu taeuschendster
-Lebendigkeit zu gestalten wusste. Er hatte bei wiederhergestelltem
-kuenstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze
-Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschaemt zur
-Terrasse emporgesandt, war Hohngelaechter. Schon gegen das Ende des
-artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen
-Kitzel zu kaempfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er presste
-die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen
-Augenblick brach, heulte und platzte das unbaendige Lachen aus ihm
-hervor, mit solcher Wahrheit, dass es ansteckend wirkte und sich den
-Zuhoerern mitteilte, dass auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und
-nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben
-schien des Saengers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,
-er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich
-ausschuetten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger
-hinauf, als gaebe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft
-dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der
-Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Tueren.
-
-Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er sass aufgerichtet wie zum
-Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelaechter, der
-heraufwehende Hospitalgeruch und die Naehe des Schoenen verwoben sich
-ihm zu einem Traumbann, der unzerreissbar und unentrinnbar sein Haupt,
-seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und
-Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinueberzublicken, und indem er es
-tat, durfte er bemerken, dass der Schoene, in Erwiderung seines Blickes
-ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach
-der des Anderen und als vermoege die allgemeine Stimmung nichts ueber
-ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle
-Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, Ueberwaeltigendes, dass der
-Grauhaarige sich mit Muehe enthielt, sein Gesicht in den Haenden zu
-verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios
-gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine
-Beklemmung der Brust. "Er ist kraenklich, er wird wahrscheinlich nicht
-alt werden", dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher
-Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine
-Fuersorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfuellte sein
-Herz.
-
-Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall
-begleitete sie, und ihr Anfuehrer versaeumte nicht, noch seinen Abgang
-mit Spassen auszuschmuecken. Seine Kratzfuesse, seine Kusshaende wurden
-belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon draussen
-waren, tat er noch, als renne er rueckwaerts empfindlich gegen einen
-Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort
-endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,
-richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gaesten auf der
-Terrasse frech die Zunge heraus und schluepfte ins Dunkel. Die
-Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand laengst nicht mehr an der
-Balustrade. Aber der Einsame sass noch lange, zum Befremden der
-Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetraenkes an seinem Tischchen.
-Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor
-vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche
-und bedeutende Geraetchen auf einmal wieder, als stuende es vor ihm.
-Lautlos und fein rann der rostrot gefaerbte Sand durch die glaeserne
-Enge, und da er in der oberen Hoehlung zur Neige ging, hatte sich dort
-ein kleiner, reissender Strudel gebildet.
-
-Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen
-Schritt zur Versuchung der Aussenwelt und diesmal mit allem moeglichen
-Erfolge. Er trat naemlich vom Markusplatz in das dort gelegene
-englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld
-gewechselt, richtete er mit der Miene des misstrauischen Fremden an den
-ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig
-gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe
-bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalitaet des
-Wesens, die im spitzbuebisch behenden Sueden so fremd, so merkwuerdig
-anmutet. Er fing an: "Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Massregel
-ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden haeufig getroffen,
-um gesundheitsschaedlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco
-vorzubeugen..." Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem
-Blicke des Fremden, einem mueden und etwas traurigen Blick, der mit
-leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da erroetete der
-Englaender. "Dies ist", fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,
-"die amtliche Erklaerung, auf der zu bestehen man hier fuer gut
-befindet. Ich werde Ihnen sagen, dass noch etwas anderes dahinter
-steckt." Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache
-die Wahrheit.
-
-Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstaerkte
-Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus
-den warmen Moraesten des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem
-mephitischen Odem jener ueppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen
-Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,
-hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewoehnlich heftig
-gewuetet, hatte oestlich nach China, westlich nach Afghanistan und
-Persien uebergegriffen und, den Hauptstrassen des Karawanenverkehrs
-folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.
-Aber waehrend Europa zitterte, das Gespenst moechte von dort aus und zu
-Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern uebers
-Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhaefen
-aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo
-und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien
-und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war
-verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu
-Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den
-ausgemergelten, schwaerzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und
-einer Gruenwarenhaendlerin. Die Faelle wurden verheimlicht. Aber nach
-einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreissig und zwar in
-verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der oesterreichischen Provinz,
-der sich zu seinem Vergnuegen einige Tage in Venedig aufgehalten,
-starb, in sein Heimatstaedtchen zurueckgekehrt, unter unzweideutigen
-Anzeichen, und so kam es, dass die ersten Geruechte von der Heimsuchung
-der Lagunenstadt in deutsche Tagesblaetter gelangten. Venedigs
-Obrigkeit liess antworten, dass die Gesundheitsverhaeltnisse der Stadt
-nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Massregeln zur
-Bekaempfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.
-Gemuese, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, frass das
-Sterben in der Enge der Gaesschen um sich, und die vorzeitig
-eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanaele laulich
-erwaermte, war der Verbreitung besonders guenstig. Ja, es schien, als ob
-die Seuche eine Neubelebung ihrer Kraefte erfahren, als ob die
-Tenazitaet und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt haette. Faelle
-der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen
-starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das Uebel trat mit
-aeusserster Wildheit auf und zeigte haeufig jene gefaehrlichste Form,
-welche "die trockene" benannt ist. Hierbei vermochte der Koerper das
-aus den Blutgefaessen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal
-auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und
-erstickte am pechartig zaehe gewordenen Blut unter Kraempfen und
-heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch
-nach leichtem Uebelbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,
-aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fuellten
-sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den
-beiden Waisenhaeusern begann es an Platz zu mangeln, und ein
-schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen
-Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor
-allgemeiner Schaedigung, die Ruecksicht auf die kuerzlich eroeffnete
-Gemaeldeausstellung in den oeffentlichen Gaerten, auf die gewaltigen
-Ausfaelle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,
-die Geschaefte, das ganze vielfaeltige Fremdengewerbe bedroht waren,
-zeigte sich maechtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor
-internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behoerde, ihre Politik
-des Verschweigens und des Ableugnens hartnaeckig aufrecht zu erhalten.
-Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war
-entruestet von seinem Posten zurueckgetreten und unter der Hand durch
-eine gefuegigere Persoenlichkeit ersetzt worden. Das Volk wusste das; und
-die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,
-dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,
-brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine
-Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in
-Unmaessigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalitaet bekundete.
-Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; boesartiges
-Gesindel machte, so hiess es, nachts die Strassen unsicher; raeuberische
-Anfaelle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal
-hatte sich erwiesen, dass angeblich der Seuche zum Opfer gefallene
-Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem
-Leben geraeumt worden waren; und die gewerbsmaessige Liederlichkeit nahm
-aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht
-bekannt und nur im Sueden des Landes und im Orient zu Hause gewesen
-waren.
-
-Von diesen Dingen sprach der Englaender das Entscheidende aus. "Sie
-taeten gut", schloss er, "lieber heute als morgen zu reisen. Laenger, als
-ein paar Tage noch, kann die Verhaengung der Sperre kaum auf sich
-warten lassen."--"Danke Ihnen", sagte Aschenbach und verliess das Amt.
-
-Der Platz lag in sonnenloser Schwuele. Unwissende Fremde sassen vor den
-Cafes oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen
-zu, wie die Tiere, wimmelnd, fluegelschlagend, einander verdraengend,
-nach den in hohlen Haenden dargebotenen Maiskoernern pickten. In
-fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen
-Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen
-im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und
-nieder. Er erwog eine reinigende und anstaendige Handlung. Er konnte
-heute Abend nach dem Diner der perlengeschmueckten Frau sich naehern und
-zu ihr sprechen, was er woertlich entwarf: "Gestatten Sie dem Fremden,
-Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der
-Eigennutz Ihnen vorenthaelt. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und
-Ihren Toechtern! Venedig ist verseucht." Er konnte dann dem Werkzeug
-einer hoehnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich
-wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fuehlte zugleich, dass
-er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu
-wollen. Er wuerde ihn zurueckfuehren, wuerde ihn sich selber wiedergeben;
-aber wer ausser sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich
-zu gehen. Er erinnerte sich eines weissen Bauwerks, geschmueckt mit
-abendlich gleissenden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das
-Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen
-Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende
-Juenglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke
-an Heimkehr, an Besonnenheit, Nuechternheit, Muehsal und Meisterschaft,
-widerte ihn in solchem Masse, dass sein Gesicht sich zum Ausdruck
-physischer Uebelkeit verzerrte. "Man soll schweigen!" fluesterte er
-heftig. Und: "Ich werde schweigen!" Das Bewusstsein seiner
-Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen
-Weines ein muedes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und
-verwahrlosten Stadt, wuest seinem Geiste vorschwebend, entzuendete in
-ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft ueberschreitend, und von
-ungeheuerlicher Suessigkeit. Was war ihm das zarte Glueck, von dem er
-vorhin einen Augenblick getraeumt, verglichen mit diesen Erwartungen?
-Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenueber den Vorteilen des Chaos?
-Er schwieg und blieb.
-
-In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum
-ein koerperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im
-tiefsten Schlaf und in voelligster Unabhaengigkeit und sinnlicher
-Gegenwart widerfuhr, aber ohne dass er sich ausser den Geschehnissen im
-Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr
-seine Seele selbst, und sie brachen von aussen herein, seinen
-Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewalttaetig
-niederwerfend, gingen hindurch und liessen seine Existenz, liessen die
-Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurueck.
-
-Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach
-dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;
-denn weither naeherte sich Getuemmel, Getoese, ein Gemisch von Laerm:
-Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und
-ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und
-grauenhaft suess uebertoent von tief girrendem, ruchlos beharrlichen
-Floetenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide
-bezauberte. Aber er wusste ein Wort, dunkel, doch das benennend was
-kam: "_Der fremde Gott!_" Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er
-Bergland, aehnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,
-von bewaldeter Hoehe, zwischen Staemmen und moosigen Felstruemmern waelzte
-es sich und stuerzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine
-tobende Rotte, und ueberschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,
-Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd ueber zu
-lange Fellgewaender, die ihnen vom Guertel hingen, schuettelten
-Schellentrommeln ueber ihren stoehnend zurueckgeworfenen Haeuptern,
-schwangen stiebende Fackelbraende und nackte Dolche, hielten zuengelnde
-Schlangen in der Mitte des Leibes erfasst oder trugen schreiend ihre
-Brueste in beiden Haenden. Maenner, Hoerner ueber den Stirnen, mit Pelzwerk
-geschuerzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und
-Schenkel, liessen eherne Becken erdroehnen und schlugen wuetend auf
-Pauken, waehrend glatte Knaben mit umlaubten Staeben Boecke stachelten,
-an deren Hoerner sie sich klammerten und von deren Spruengen sie sich
-jauchzend schleifen liessen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus
-weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, suess und wild zugleich,
-wie kein jemals erhoerter: hier klang er auf, in die Luefte geroehrt, wie
-von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wuestem
-Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und
-liess ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der
-tiefe, lockende Floetenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend
-Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unmass des aeussersten
-Opfers? Gross war sein Abscheu, gross seine Furcht, redlich sein Wille,
-bis zuletzt das Seine zu schuetzen gegen den Fremden, den Feind des
-gefassten und wuerdigen Geistes. Aber der Laerm, das Geheul, vervielfacht
-von hallender Bergwand, wuchs, nahm Ueberhand, schwoll zu hinreissendem
-Wahnsinn. Duenste bedraengten den Sinn, der beizende Ruch der Boecke,
-Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,
-dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender
-Krankheit. Mit den Paukenschlaegen droehnte sein Herz, sein Gehirn
-kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betaeubende Wollust, und seine
-Seele begehrte, sich anzuschliessen dem Reigen des Gottes. Das obszoene
-Symbol, riesig, aus Holz, ward enthuellt und erhoeht: da heulten sie
-zuegelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten
-einander mit geilen Gebaerden und buhlenden Haenden, lachend und
-aechzend,--stiessen die Stachelstaebe einander ins Fleisch und leckten
-das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Traeumende
-nun und dem fremden Gotte gehoerig. Ja, sie waren er selbst, als sie
-reissend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen
-verschlangen, als auf zerwuehltem Moosgrund grenzenlose Vermischung
-begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und
-Raserei des Unterganges.
-
-Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerruettet und
-kraftlos dem Daemon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden
-Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kuemmerte
-ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhuetten
-standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies groessere Luecken auf,
-und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit
-schien durchgesickert, die Panik, trotz zaehen Zusammenhaltens der
-Interessenten, nicht laenger hintanzuhalten. Aber die Frau im
-Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Geruechte nicht zu
-ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu
-weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es
-zuweilen, als koenne Flucht und Tod alles stoerende Leben in der Runde
-entfernen und er allein mit dem Schoenen auf dieser Insel
-zurueckbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer,
-unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei
-sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle
-Sterben umging, ihm unwuerdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche
-ihm aussichtsreich und hinfaellig das Sittengesetz.
-
-Wie irgend ein Liebender wuenschte er, zu gefallen und empfand bittere
-Angst, dass es nicht moeglich sein moechte. Er fuegte seinem Anzuege
-jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und
-benutzte Parfuems, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit fuer seine
-Toilette und kam geschmueckt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts
-der suessen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib,
-der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszuege stuerzte
-ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich koerperlich zu
-erquicken und wiederherzustellen; er besuchte haeufig den Coiffeur des
-Hauses.
-
-Im Frisiermantel, unter den pflegenden Haenden des Schwaetzers im Stuhle
-zurueckgelehnt, betrachtete er gequaelten Blickes sein Spiegelbild.
-
-"Grau", sagte er mit verzerrtem Munde.
-
-"Ein wenig", antwortete der Mensch. "Naemlich durch Schuld einer
-kleinen Vernachlaessigung, einer Indifferenz in aeusserlichen Dingen,
-die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch
-nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen
-Personen Vorurteile in Sachen des Natuerlichen oder Kuenstlichen wenig
-angemessen sind. Wuerde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenueber
-der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zaehne erstrecken,
-so wuerden sie nicht wenig Anstoss erregen. Schliesslich sind wir so alt,
-wie unser Geist, unser Herz sich fuehlen, und graues Haar bedeutet
-unter Umstaenden eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmaehte
-Korrektur bedeuten wuerde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht
-auf seine natuerliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige
-einfach zurueckzugeben?"
-
-"Wie das?" fragte Aschenbach.
-
-Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem
-klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er
-bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rueckwaerts
-und musterte das behandelte Haupt.
-
-"Es waere nun nur noch", sagte er, "die Gesichtshaut ein wenig
-aufzufrischen."
-
-Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er
-mit immer neu belebter Geschaeftigkeit von einer Hantierung zur anderen
-ueber. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht faehig, hoffnungsvoll
-erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich
-entschiedener und ebenmaessiger woelben, den Schnitt seiner Augen sich
-verlaengern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich
-heben, sah weiter unten, wo die Haut braeunlich-ledern gewesen, weich
-aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben
-noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die
-Runzeln der Augen unter Creme und Jugendhauch verschwinden,--erblickte
-mit Herzklopfen einen bluehenden Juengling. Der Kosmetiker gab sich
-endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient
-hatte, mit kriechender Hoeflichkeit dankte. "Eine unbedeutende
-Nachhilfe", sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs Aeusseres
-legte. "Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben." Der Berueckte
-ging, traumgluecklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot,
-sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.
-
-Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und spaerlich,
-aber die Luft war feucht, dick und von Faeulnisduensten erfuellt.
-Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehoer, und dem unter der
-Schminke Fiebernden schienen Windgeister ueblen Geschlechts im Raume
-ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevoegel des Meeres, das des
-Verurteilten Mahl zerwuehlt, zernagt und mit Unrat schaendet. Denn die
-Schwuele wehrte der Esslust, und die Vorstellung draengte sich auf, dass
-die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.
-
-Auf den Spuren des Schoenen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in
-das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem
-Ortssinn, da die Gaesschen, Gewaesser, Bruecken und Plaetzchen des
-Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht
-mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte
-Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmaehlicher
-Behutsamkeit genoetigt, an Mauern gedrueckt, hinter dem Ruecken
-Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Muedigkeit,
-der Erschoepfung bewusst, welche Gefuehl und immerwaehrende Spannung
-seinem Koerper, seinem Geiste zugefuegt hatten. Tadzio ging hinter den
-Seinen, er liess der Pflegerin und den nonnenaehnlichen Schwestern in
-der Enge gewoehnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er
-zuweilen das Haupt, um sich ueber die Schulter hinweg der Gefolgschaft
-seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentuemlich daemmergrauen
-Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht
-von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwaerts gelockt, am
-Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner
-unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schliesslich dennoch um ihren
-Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewoelbte Bruecke
-ueberschritten, die Hoehe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und
-seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte
-nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den
-schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung,
-Hinfaelligkeit noetigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.
-
-Sein Kopf brannte, sein Koerper war mit klebrigem Schweiss bedeckt, sein
-Genick zitterte, ein nicht mehr ertraeglicher Durst peinigte ihn, er
-sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor
-einem kleinen Gemueseladen kaufte er einige Fruechte, Erdbeeren,
-ueberreife und weiche Ware und ass im Gehen davon. Ein kleiner Platz,
-verlassen, verwunschen anmutend, oeffnete sich vor ihm, er erkannte
-ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan
-gefasst hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, liess er
-sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war
-still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abfaelle lagen umher. Unter
-den verwitterten, unregelmaessig hohen Haeusern in der Runde erschien
-eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere
-wohnte, und kleinen Loewenbalkonen. Im Erdgeschoss eines anderen befand
-sich eine Apotheke. Warme Windstoesse brachten zuweilen Karbolgeruch.
-
-Er sass dort, der Meister, der wuerdig gewordene Kuenstler, der Autor des
-"Elenden", der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der
-trueben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekuendigt und das
-Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, Ueberwinder seines
-Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des
-Massenzutrauens sich gewoehnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen
-Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden
-angehalten wurden,--er sass dort, seine Lider waren geschlossen, nur
-zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spoettischer und
-betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen,
-kosmetisch aufgehoeht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein
-halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.
-
-"Denn die Schoenheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schoenheit ist
-goettlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des
-Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Kuenstlers zum
-Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, dass derjenige jemals
-Weisheit und wahre Manneswuerde gewinnen koenne, fuer den der Weg zum
-Geistigen durch die Sinne fuehrt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle
-dir die Entscheidung frei), dass dies ein gefaehrlich-lieblicher Weg
-sei, wahrhaft ein Irr-und Suendenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre
-leitet? Denn du musst wissen, dass wir Dichter den Weg der Schoenheit
-nicht gehen koennen, ohne dass Eros sich zugesellt und sich zum Fuehrer
-aufwirft; ja, moegen wir auch Helden auf unsere Art und zuechtige
-Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere
-Erhebung, und unsere Sehnsucht muss Liebe bleiben,--das ist unsere Lust
-und unsere Schande. Siehst du nun wohl, dass wir Dichter nicht weise
-noch wuerdig sein koennen? Dass wir notwendig in die Irre gehen,
-notwendig liederlich und Abenteurer des Gefuehles bleiben? Die
-Meisterhaltung unseres Styls ist Luege und Narrentum, unser Ruhm und
-Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns hoechst
-laecherlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu
-verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher
-taugen, dem eine unverbesserliche und natuerliche Richtung zum Abgrunde
-eingeboren ist? Wir moechten ihn wohl verleugnen und Wuerde gewinnen,
-aber wie wir uns auch wenden moegen, er zieht uns an. So sagen wir etwa
-der aufloesenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat
-keine Wuerde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne
-Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der
-Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan
-gilt unser Trachten einzig der Schoenheit, das will sagen der
-Einfachheit, Groesse und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und
-der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, fuehren zum Rausch
-und zur Begierde, fuehren den Edlen vielleicht zu grauenhaftem
-Gefuehlsfrevel, den seine eigene schoene Strenge als infam verwirft,
-fuehren zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich,
-fuehren sie dahin, denn wir vermoegen nicht, uns aufzuschwingen, wir
-vermoegen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du
-hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du."
-
- * * * * *
-
-Einige Tage spaeter verliess Gustav von Aschenbach, da er sich leidend
-fuehlte, das Baeder-Hotel zu spaeterer Morgenstunde als gewoehnlich. Er
-hatte mit gewissen, nur halb koerperlichen Schwindelanfaellen zu
-kaempfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit
-begleitet waren, einem Gefuehl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von
-dem nicht klar wurde, ob es sich auf die aeussere Welt oder auf seine
-eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine grosse Menge zum
-Transport bereitliegenden Gepaecks, fragte einen Tuerhueter, wer es sei,
-der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen
-er insgeheim gewaertig gewesen war. Er empfing ihn, ohne dass seine
-verfallenen Gesichtszuege sich veraendert haetten, mit jener kurzen
-Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen
-brauchte, beilaeufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: "Wann?" Man
-antwortete ihm: "Nach dem Lunch." Er nickte und ging zum Meere.
-
-Es war unwirtlich dort. Ueber das weite, flache Gewaesser, das den
-Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kraeuselnde
-Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, Ueberlebtheit schien ueber
-dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,
-dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer
-Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am
-Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darueber gebreitet, flatterte
-klatschend im kaelteren Winde.
-
-Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte
-sich zur Rechten vor der Huette der Seinen, und, eine Decke ueber den
-Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der
-Strandhuetten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch
-einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten
-mit Reisevorbereitungen beschaeftigt sein, schien regellos und artete
-aus. Jener Staemmige, im Guertelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem
-Haar, der "Jaschu" gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht
-gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem
-Fall des schwaecheren Schoenen endete. Aber als ob in der
-Abschiedsstunde das dienende Gefuehl des Geringeren sich in grausame
-Roheit verkehre und fuer eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,
-liess der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern
-drueckte, auf seinem Ruecken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den
-Sand, dass Tadzio, ohnedies vom Kampf ausser Atem, zu ersticken drohte.
-Seine Versuche, den Lastenden abzuschuetteln, waren krampfhaft, sie
-unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als
-ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als
-der Gewalttaetige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich,
-richtete sich zur Haelfte auf und sass, auf einen Arm gestuetzt, mehrere
-Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.
-Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn,
-anfaenglich munter, dann baenglich und bittend; er hoerte nicht. Der
-Schwarze, den Reue ueber seine Ausschreitung sogleich erfasst haben
-mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu versoehnen. Eine
-Schulterbewegung wies ihn zurueck. Tadzio ging schraeg hinunter zum
-Wasser. Er war barfuss und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit
-roter Schleife.
-
-Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer
-Fussspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die
-seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie
-benetzte, durchschritt sie, laessig vordringend, und gelangte zur
-Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite
-zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke
-entbloessten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom
-Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den
-Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine hoechst abgesonderte
-und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort draussen
-im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er
-zur Ausschau stehen. Und ploetzlich, wie unter einer Erinnerung, einem
-Impuls, wandte er den Oberkoerper, eine Hand in der Huefte, in schoener
-Drehung aus seiner Grundpositur und blickte ueber die Schulter zum
-Ufer. Der Schauende dort sass wie er einst gesessen, als zuerst, von
-jener Schwelle zurueckgesandt, dieser daemmergraue Blick dem seinen
-begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der
-Bewegung des draussen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam
-dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so dass seine Augen von
-unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen
-Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche
-und liebliche Psychagog dort draussen ihm laechle, ihm winke; als ob er,
-die Hand aus der Huefte loesend, hinausdeute, voranschwebe ins
-Verheissungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu
-folgen.
-
-Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur
-Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages
-empfing eine respektvoll erschuetterte Welt die Nachricht von seinem
-Tode.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG ***
-
-***** This file should be named 12108.txt or 12108.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- https://www.gutenberg.org/1/2/1/0/12108/
-
-Produced by Ari J Joki and PG Distributed Proofreaders
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License (available with this file or online at
-https://gutenberg.org/license).
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at https://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit https://pglaf.org
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including including checks, online payments and credit card
-donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
-eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
-compressed (zipped), HTML and others.
-
-Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
-the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
-VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
-new filenames and etext numbers.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- https://www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
-are filed in directories based on their release date. If you want to
-download any of these eBooks directly, rather than using the regular
-search system you may utilize the following addresses and just
-download by the etext year.
-
- https://www.gutenberg.org/etext06
-
- (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
- 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
-
-EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
-filed in a different way. The year of a release date is no longer part
-of the directory path. The path is based on the etext number (which is
-identical to the filename). The path to the file is made up of single
-digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
-example an eBook of filename 10234 would be found at:
-
- https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
-
-or filename 24689 would be found at:
- https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
-
-An alternative method of locating eBooks:
- https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
-
-