diff options
Diffstat (limited to '12075-0.txt')
| -rw-r--r-- | 12075-0.txt | 3064 |
1 files changed, 3064 insertions, 0 deletions
diff --git a/12075-0.txt b/12075-0.txt new file mode 100644 index 0000000..58d67e4 --- /dev/null +++ b/12075-0.txt @@ -0,0 +1,3064 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12075 *** + +Kriegsbüchlein + +für unsere Kinder + + +Von + +Agnes Sapper + + +1914 + + + + +Meinen lieben Enkeln + + Theo + Otto + Eduard + +gewidmet im Kriegsjahr 1914 + + + + +Inhaltsverzeichnis + + +Heimkehr aus Österreich +Der 4. August +Das Pfarrhaus in Ostpreußen +Die Konservenbüchsen +Zu welcher Fahne? +Der kleine Franzos +In Gefangenschaft +Der junge Professor +Allerlei Kriegsbilder + + + + +Die Heimreise aus Österreich + + +„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut, +wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der +Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen +österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten +Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von +zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine +Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt +und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die +Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer +Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen +Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende +Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig +war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch +Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre +wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er +war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig +gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die +Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm, +und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach +Paris nach Hinterrohrbach zu reisen! + +Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war +es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles +Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große +Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange +Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter +ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte. + +„Herrlich ist's!“ + +Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die +Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die +Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne +Landschaft hinausschaute. + +Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem +Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen, +konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere +Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den +Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen, +in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam. + +Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die +Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen +Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag +ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die +Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken +versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte +in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht +in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen +und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für +Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang +sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir +vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte +die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie +wohnten. + +Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem +Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal, +immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man +auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde +im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen +Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur +sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut +euch um, es wird immer schöner.“ + +Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und +plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des +Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der +Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama. + +So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund +riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder +herunter!“ + +Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein +die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen, +friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene +Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen +in ihren Städten beschäftigte. + +Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt, +das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an, +und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die +nächsten Wochen. + +Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich +doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten +eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft +hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen +Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und +arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften. +Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der +Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit +einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied +genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen +die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um +und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“ + +„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“ + +„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten +nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien +ziehen.“ + +Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe +von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im +Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern +angeschlagen gewesen.“ + +„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten. + +„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“ + +„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher +Lärm sein.“ + +Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden: +Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch +gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“ + +Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging +weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für +sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den +Krieg.“ + +Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt +heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch +keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies +alles wahr wäre!“ + +Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich +dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die +Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen +ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der +Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es +wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles +beisammen.“ + +Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen +Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam +von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß +Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt! +Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen! + +Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem +Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme +noch für einen Tag nach Hause.“ + +Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur +Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“ +Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben +über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_! +Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater, +der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der +älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb +der sich herum? + +Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen +Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder +verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der +Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins +eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir +müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell, +schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins +Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon +wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht! +Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn +auf einen Tag an?“ + +Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen +an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den +Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich +anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich +vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch +gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in +den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über +das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen, +abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der +sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den +Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es +kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach +der Bahn zu bestellen.“ + +In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat +angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich: +‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“ +Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll +einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts +zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war +nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel +Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie +müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen +Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde +müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen, +und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr +in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus. + +Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der +begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland +aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen, +das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse +Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge, +was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen. +Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und +daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig +brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die +Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es +wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden +Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor +neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen. + +Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her; +ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie +aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es +sei schon angespannt. + +Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der +Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen, +nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus +den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht +kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit +Bauernburschen auf einen Leiterwagen! + +Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die +Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der +frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie +dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem +Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und +Kamm, die sie vergessen hatten! + +Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem +fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß +schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er +sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den +erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei +nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los. +Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde, +verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen +und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts +fuhren sie hinaus in den Krieg. + +Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der +Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in +einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen +und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft +fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand +und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an +dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr +weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine +Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie +sich drauf und das kleine Fräulein auch.“ + +Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen +den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das +Verstehen schwer. + +„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die +jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes. + +„Muß er sich in Wien stellen?“ + +„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“ + +„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk +allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich +zusammen, die können's machen!“ + +Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand. +Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte: +„Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz +sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun +ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine +Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die +Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster +holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch +die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und +Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt +sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen +die Grüße. + +Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich +jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war, +hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich +ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber +sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war! + +Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich +an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt +hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber +Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten +in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen, +klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat +drei Stunden Verspätung!“ + +Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das +geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das +ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten +im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren +etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist +kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben +müssen als das!“ + +Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach +einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum +Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen +Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder +an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu +bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im +dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen +Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen, +diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen. +Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden +Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran +gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den +Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf. + +„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit! +Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten, +baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter +nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu +drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber +dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der +Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt. + +„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl. + +„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten +ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich +geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah +von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen +Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder +zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie +übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden, +ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden. + +Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen +Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein +unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen +wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und +wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“ + +Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“ + +Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz +gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die +Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da +plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein +starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es +zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang +eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst +hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend. +„Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist +denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht +nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt. +Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen, +sonst wären wir nicht herein gekommen.“ + +„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat, +hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“ + +„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt +hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“ + +Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist +nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind +Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz +schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden +des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das +Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch +einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“ + +Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren +Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden +sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll +eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den +Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders +lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen +angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem +war zu lesen: + + Serbien + Du mußt sterbien! + +Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch +Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“ +rufen, fuhr man an dem Zug vorüber. + +So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in +dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter +entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen +ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters +volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig +und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja +Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt +noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten +befördert. + +Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen +ebenso überfüllten Zug. + +Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in +den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich +unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie +sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann +gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des +Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe, +bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt +ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur +her, Karl!“ + +„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß +wir jetzt kommen?“ + +„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon +erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden +am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht +erhalten?“ + +„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“ + +„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen. +Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt +nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt. +Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit +zwei Tagen.“ + +„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“ + +„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es +scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze +Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr +werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein +lassen.“ + +Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber +weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser +als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“ + +Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist +ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es +denn amtlich mitgeteilt?“ + +„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur +keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir +müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du +hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter, +daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“ + +Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen +siebzehn Jahren!“ + +„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der +Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich +gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur, +ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte +der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“ + +„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“ + +„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris, +die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie +heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das +war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich +mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn +so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie +gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“ + +„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“ + +Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den +Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr +bekommen!“ + +Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt +ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben +Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen +kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“ + +„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen +Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt +von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“ + + * * * * * + +Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah +Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in +liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein, +ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs +Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg! + + + + +Der 4. August + + +Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der +Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder +abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien +hier bleiben. + +Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein +reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im +siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle +Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und +ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz +überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der +Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir +sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles +ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon +vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes +miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung +fast Tränen. + +Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges +zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen. + +Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz +anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem +habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast +vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu +ihrem Regiment einberufen waren. + +Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des +königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat, +Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten +versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin +Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht +viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber +das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an +den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform +erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in +Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte +sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter +Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte +unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit +schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er +von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im +Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten, +stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam. +Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell +die nötigen Beschlüsse fassen. + +Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der +Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das +gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine +Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände +der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und +dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten. + +Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der +Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob +der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon +vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen. + +Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den +Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne +angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer +den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt, +man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan. + +Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das +ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher +muß ich noch was Lustiges erzählen. + +Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ +der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie +z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter +diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht +wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack, +sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der +Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen +Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten +Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem +Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“ + +Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung +für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man, +wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können. + +Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung. + +Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen +Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so +unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts +wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und +Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen +die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere +Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der +Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen +Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug +hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein +gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie +es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die +Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne +Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht +länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst +die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit +reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes +verteidigen müssen. + +Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend +sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief: +„Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr +ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und +von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und +der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das _ganze_ +deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die +Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle +andern Parteien. + +Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso +großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die +Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch +durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben +bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht +einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im +Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte: +„Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“ + +Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der +Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal +einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag, +der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage +Deutschlands sein.“ + +Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er +sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere +eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser +hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward +Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war.“ + +Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern +werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag +lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im +Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir +streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt, +und das finde ich ganz natürlich. + +Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch +einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese +Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie +Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen. + +Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand +sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht. +Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie +würden dieses Unrecht schwer büßen müssen. + +Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht +viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm +wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern +nicht gern anvertraut. + +Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht +auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen, +als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu +habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah +erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es +dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er +damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut +sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst, +als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“ + +Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu +Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei +den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an +den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen! + + + + +Das Pfarrhaus in Ostpreußen. + + +In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende +Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten +Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen +Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach +Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das +Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die +Verwüstung des Landes. + +Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und +Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat. + +Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen +hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir +können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen? +Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und +wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“ + +Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet +waren, auch der Pfarrer. + +„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine +Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen; +da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins +Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“ + +Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor +sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt, +aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas. + +Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete +die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten, +daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte. + +Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“ +sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres +Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten +preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in +Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich +überzeugt.“ + +„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“ + +„Wenn ihr geht, ja.“ + +„Und wenn wir nicht gehen?“ + +„Dann werde ich bei euch bleiben.“ + +Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau, +die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt +unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme: +„Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht +schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen, +gleich heute, sonst ist es zu spät!“ + +Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es +nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der +großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach +Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen, +dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich +herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste +Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“ + +Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den +Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie +fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von +ihrer Heimat. + +So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß +Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“ + +Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder +der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen +kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen +deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem +Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer +betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch +dafür.“ + +„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken +erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die +deutschen Truppen stehen.“ + +Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere +Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und +dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln. + +Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer +seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns +trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“ + +„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich +habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch +zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein +Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich +kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren +Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst, +keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf +dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu +bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will +mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns +trennen müssen.“ + +„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das +rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir +bis in den Tod.“ + +Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern +flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der +Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem +entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen. + +Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag +war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag. +Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers +hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille +Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst +der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine +Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von +weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer +Trupp ist hinter uns her!“ + +Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde +kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen. + +„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“ + +„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was +wird nun über uns kommen?“ + +„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre +schließen?“ + +„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon +in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie +Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt +brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine +Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im +Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf, +wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“ + +„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige +Worte hörte. + +„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den +Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“ + +Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch +wie für Gäste. + +In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß +herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben +sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln. + +„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung. +Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten +gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich +nach.“ + +„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den +Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“ + +Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die +Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser. + +Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die +Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache +ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei +Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder +sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten. +Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort. + +Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es +abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich +schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der +Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe +weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich +vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer +machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in +russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch +gedeckt!“ + +Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit +dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum +noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände +segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die +Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur. + +„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die +beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch, +aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch, +Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu. + +Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten. +Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer, +es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen +Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die +Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die +Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie +waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens. + +Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte, +was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs +beste. + +Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau +aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer +Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und +lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten +erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau +sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die +Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden. + +So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten +ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze +Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht +hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den +Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er +weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole +und schoß den Wirt nieder. + +Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und +am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin +einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die +Soldaten nicht im Haus dulden wollten. + +Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten +beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um +die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen. + +Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als +seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs +trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor +des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das +Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer +läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe +verboten haben?“ + +„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das +Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden +die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu +Grabe getragen werden.“ + +Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben: +„Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das +Leben kosten!“ + +Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und +versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem +Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim +ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten. +Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von +ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick +überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem +Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie +drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der +wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern +unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in +der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe +nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache, +„das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten +sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt +fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden. +Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige +dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und +der Kosak gehorchte seinem Gefangenen. + +Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer, +niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber +hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen +sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem +Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten. + +Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das +Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber +nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter +geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu +bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch +wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug +sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof +zurück käme. + +Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl +darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre +Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen +nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre +zu. + +„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene +Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei +diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte; +dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in +Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und +Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße. +Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in +das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck +mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh +schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb +so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein! + +Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der +lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er +so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar? +Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher +unmöglich schien. + +Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese +Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in +die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee +würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der +Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein +an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete +auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte. + +Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten, +durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr. + +„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt +komme nur gleich, der Tee wird kalt!“ + +Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien +transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und +Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der +einzigen Sorge: der Tee würde kalt. + +Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie +ängstlich. + +„Du weißt wohl von gar nichts?“ + +„Nein, wo warst du denn?“ + +„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine +Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde. +Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an +unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's +gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der +Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben +gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an +meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr +zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer +Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für +mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze +Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“ + +„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte +sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden; +aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten. + +Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen. + +Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen +sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt. +Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich; +keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des +Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen +einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging: + +„Nur fort, nur fort!“ + +Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine +Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und +Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften +mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben. + +Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz +anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man +schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche, +bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit +schwerer Sorge in die Zukunft sahen. + +Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen +geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen +und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den +engen Straßen. + +Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden +in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und +Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft. + +Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und +Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch +sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet +wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner +konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen +Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht. +Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der +Hand der Feinde gerettet würde. + +Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst +_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen +Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite. + +Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland! + +Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des +Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser +Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde +untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen +Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald +wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid +versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott, +der dem Leid ein Ende gemacht. + +Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen +zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der +Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte +Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir +wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so +glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb +verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen! + + + + +Die Konservenbüchsen. + + +In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner +Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben +Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber +sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und +sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich +kommen.“ + +Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah +aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. „Jetzt kommt sie!“ +rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die +Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie +es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm +trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen +wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man +hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen +gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung +glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so +schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon +unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand +und rief dem Vater zu: „_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend +Mann gefangen_.“--„Wirklich? gib her, Georg!“ Der Vater verschwand im +Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch, +auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten +sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte +Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte +beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die +Jungen folgten ihr. „Das hätte ich so gerne noch gehört,“ sagte +Georg, „was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den +Konservenbüchsen.“--„Was für Büchsen sind denn das?“ fragte der kleine +Hans.--„Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und +Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie +gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher +weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für +den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar +Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt +30 Pfennig mit.“ + +Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem +Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und +gewogen. „Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30 +Pfennig,“ sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem +Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden +Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem +Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf +diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg +gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. „Und eine +Schokoladestange für fünf Pfennig,“ sagte er; bekam sie, ging hinaus, +ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes +Gewissen dabei; „wegen der fünf Pfennig“. Er war schon mit Essen fertig, +als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. „Komm, der Vater ist +allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor.“ Bald +standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: „Unter den +Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich +zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen +angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und +Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber +eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß +sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser +Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im +russischen Volk herrscht.“ + +„Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen +nicht!“ rief die Frau empört.--„Ja es ist unglaublich!“--„Was denn, +Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch,“ drängte +der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die +Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte. + +„Begreifst nicht?“ sagte die Mutter, „wenn ich dir einen Nickel gebe und +sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir +Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der +russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten +gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die +Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch +und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen +getan und haben sie zugelötet.“ + +„Die Russen haben das getan?“ fragte Hans, der mit größter Spannung +zugehört hatte. + +„Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind +ehrlich.“ + +„Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?“ fragte Hans wieder, +„ich möchte auch ein Deutscher werden.“ + +Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den +Blondkopf: „Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt +bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!“ +Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört, +daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf +Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade +ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher. +„Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein +Deutscher, gelt Mutter?“ sagte er, „nur natürlich so etwas, wie mit den +Büchsen, darf er nicht tun!“ Der Vater blickte von der Zeitung auf und +sah Georg an. „Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an,“ sagte +er, „es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen +Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter.“ + +„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“ +beharrte Georg. + +„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit, +die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon +als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum +soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich +erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird +auch das andere nicht können.“ + +Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so +etwas tun, wie es die Russen getan hatten? + +„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in +sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“ + +„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade +dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“ + +„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte +doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so +besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite +wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die +Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben +wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas +davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir +sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir +sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den +Büchsen, gelt du?“--„Ja, Vater!“--„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“ +rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über +die Russen und über die Russenart!“ + + + + +Zu welcher Fahne? + + +Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit +des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt +Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie +ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder, +zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später +war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute +Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit +drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein +Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris +leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache +vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann, +der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und +Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen +Altersgenossen zur Schule. + +Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli +und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris. + +In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge +Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten +sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre +Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem +eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück. + +Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer +Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er +darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja +Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei +Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu +zweifeln. + +Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im +Kriegsfall einberufen werden. + +„Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel,“ meinte der Direktor; „Sie +dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden. +Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die +Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie +ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen, +wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde.“ + +Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine +drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen +Salon erwartete ihn seine Frau. + +„Wie spät du heimkommst,“ klagte sie. „Das kann doch nicht so weiter +gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der +Herrn übernimmst, die abgereist sind.“--„Ich muß es ja nicht umsonst +tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten +Gehalt angeboten.“ + +„O wie fein!“ rief Frau Kolmann, „den doppelten Gehalt! Ja, dann werde +ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den +Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins +Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?“--„Bitte, laß uns +nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in +der Stimmung auszugehen.“ + +„Schade,“ sagte die junge Frau, „wie kann einer nicht in guter Stimmung +sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber +ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht +wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der +Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und +auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich +gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren, +so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe +es heute erst im Figaro gelesen.“ + +„Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!“ + +„Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein: +der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg. +Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch, +einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg +fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie +anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei +nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr +an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt.“ + +„Ja, wie geht es ihnen?“ + +Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige, +schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich +seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der +Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude. + +Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank. +Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von +Frau und Kindern mit den Worten: „Auf Wiedersehen um zwei Uhr.“ Zärtlich +küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen, +ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen +lockte. Sie wurde eben von der „Bonne“ in ein weißes Kleid gesteckt und +streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick +hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der +Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine +hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot: +„Es ist der Krieg!“ rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum +nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: „Es ist der Krieg!“ + +Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß +die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen +eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg +erklärt. + +Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er +wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich +mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier +Worte: „Es ist der Krieg!“ Sie griff nach dem Blatt, das er ihr +hinhielt. Sie las es. „Also wirklich?“ Nun mußte auch sie an den Krieg +glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las, +was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern +Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl +den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander +und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische +Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. „Papa,“ fragte Paul--er redete +französisch--„Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die +Engländer halten zu uns, ist das wahr?“--„Zu uns?“ Der Vater sah seinen +Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und +also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch +und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem +Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu +sprechen. „Bitte Papa, sage mir's!“ wiederholte Paul, „hält England zu +uns?“ + +„Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen,“ sagte Herr Kolmann +ausweichend.--„Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder +haben die auch Freunde?“ + +„Ja, Österreich geht mit Deutschland.“ + +„Papa, wer wird's gewinnen?“ + +„Wir, Paul,“ sagte der Vater und er dachte dabei „wir Deutschen“, aber +er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er +forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins +Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen. + +Die Eltern blieben allein zurück. „Paul meint, wir seien Franzosen,“ +sagte Kolmann. „Das ist ja nur gut,“ entgegnete seine Frau, „Elsaß kommt +nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz +Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu +Frankreich übergehen.“ + +„Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht, +und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben, +wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr, +wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge +zur französischen Fahne?“ + +„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte +sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja +schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In +sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach. + +„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend. + +Er schwieg. + +„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich. + +Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du +es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine +dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die +Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir +alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde +Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der +französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal +vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“ + +„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir +unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben +wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in +Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“ + +„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete +er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum. + +„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es +doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“ + +„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur +deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl +ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu +brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer +rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist +das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem +edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui! +All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich +hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!“-- + +Charlotte stand ergriffen. + +In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten +Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin +gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir +gefangen, dem soll es schlecht gehen!“ + +„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten +eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung +verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen. + +„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht +hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am +besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“ + +Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur +noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein +freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht +verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“ + +„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir +können ja mittags alles besprechen.“ + +Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten +Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der +Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr +Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte, +wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem +Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser +Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte, +es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt +angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor. + +Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre +Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie +sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß +sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der +Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich +nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann +überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und +jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr +ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die +Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn +sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen +auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer. +Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten! +Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen. +Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im +Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort +mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul +ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute +Befehle gab. + +„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich +ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht +sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig, +und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“ + +„Das kommt vom Krieg, Kind.“ + +„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil +wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien +Elsässer. Wie ist das eigentlich?“ + +„Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber.“ + +„Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da +stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer +habe, wohin muß ich sie stellen?“ + +Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. „Bitte, +sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe. +Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote, +das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?“ + +Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es +klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der +anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen +könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. „Ich +wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen,“ sagte Herr Frank. +„Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun. +Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem +Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch +fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug +sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird +zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen +Sie?“ + +„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Kolmann; „vielleicht--ich weiß nicht; was +macht Ihre Frau?“ + +„Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr +sehen, ihnen kein Wort gönnen.“ + +„Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit +Ihren Kindern?“ + +„Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn +das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach +Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr +Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns +unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle +Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im +stolzen, sieggekrönten Vaterland!“ Er drückte ihr die Hand zum Abschied +und ging. + +Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen, +einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr, +der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen: +Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte +sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in +Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der +Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen +zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen. +Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück. + +„Nun, Paul,“ sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, „was wolltest +du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie, +das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu +Deutschland.“ + +„So?“ sagte der Knabe nachdenklich, „ja, dann muß ich alles anders +aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und +müssen oben stehen, damit sie siegen können!“ + +„Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird +ihn freuen.“ + +„Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den +Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen +gehalten.“ + +„Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!“ + + * * * * * + +Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine +entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen +verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen, +wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In +aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit +verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen. + +Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht, +wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten, +wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den +Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die +Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte +ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich, +Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er +aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem +Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung. + +Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die +Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen +Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das +Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da +sagte sich Kolmann: „Hilf dir selbst!“ Mit viel Geld, mit guten und +bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten +Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die +Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte. + +Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar +in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der +boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß, +während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul +weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich +in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der +Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei: +„Mein Kind, mein Kind!“, der aus dem Wagen drang, in dem die Familie +Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren +oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt. + +Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit, +irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter, +kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle +Einrichtungen; es war Krieg. + +Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine +Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten +Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen: +„Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam +sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern +wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus +gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte, +aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau +Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“ +schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine +Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren +kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn +mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen +und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost +sagen.“--„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter +hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre +Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr +Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest, +wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er +wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen +Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden. + +Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug +durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert, +was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen +Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder +konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie +vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre, +die Wehrlosen zu schützen. + +Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So +Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie +Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen +werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam +behandelte! + +Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze +gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von +da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck +vollends hinüber kämen. + +Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat +ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der +Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und +Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen, +standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder +abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren +Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es +auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu +Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr +wiedergewonnenes deutsches Vaterland! + + * * * * * + +Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg +eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon +in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine +Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war +er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch +Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das +verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen. +Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und +auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch +nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer +gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das +Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen +sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen? + +Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und +tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im +verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen +sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus +dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die +sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine +Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam, +nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich, +beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem +sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen +derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer +wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief +bedrückte. + +Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder +schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer +kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand +außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint, +es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote +ging. + +„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich +wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf +Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt +eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die +Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren +Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach +solchen suchen.“ + +Es folgte eine Liste. Sie begann: + + „Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz + in Berlin, Passauerstraße 6.“ + + „Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer + Gullasch in Heinrichswalde.“ + + „Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im + Elsaß.“ + + „Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von + Grau Donalus, Fasanenstraße.“ + + „Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im + Elsaß.“ + +So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte. + +„Ja,“ sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, „an diese Zeitung +wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben.“ Er stand auf, das +Schreibzeug zu holen. + +Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: „Liebster, höre +nur: ‚Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm, +Walfischgasse 3, bei Frau Peter.‘ Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr? +Herzensmann, lies!“ + +Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus +den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden +war. „Er sucht uns!“ rief Frau Kolmann bewegt, „‚gesucht von ihrem Sohn‘ +heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese +Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht +vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?“ + +„Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!“ + +Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die +Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen, +sei unnötig. + +„Also wird ihn Frau Peter bringen,“ schloß Frau Kolmann, „denn allein +kann das Kind doch nicht reisen.“ + +Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon +abgereist. + +Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam. + +Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an +die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein +Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte +sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß, +hob die Kleine auf den Arm und rief: „Ich kann sie ganz nach Hause +tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch +immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama, +in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau +Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser.“ + +„War sie gut, die Frau Peter?“ + +„O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf +niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich +Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der +Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur +ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade +mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn +angefahren: „So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!“ Da ist +der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe +so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach +Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns +angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte +sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und +ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige +in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen.“ + +Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen. + +Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er +die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein +Bruder Emil wundern. „Uns gefällt es gar nicht“; sagte er, „wir haben +doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!“ + +Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und +die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut +hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet, +im Gegenteil. + +Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer +als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der +Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich +wieder da war. + +„Der Papa geht jetzt in den Krieg,“ erklärte Emil. + +„Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die +Mama so grob gestoßen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden +geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat +gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straßburg reisen--es tue mir +niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir +hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weißt du, die +Nähmaschine haben wir natürlich nicht gleich ganz bezahlen müssen, die +muß monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau +Peter nicht etwas schicken?“ + +„Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?“ fragte der Vater lächelnd. + +Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: „Fünfzig Mark! Aber wenn du ihr +zehn schicken könntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!“ + +„Wir schicken ihr fünfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie +für deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau +reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch später nie vergessen.“ + +Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glück an diesem +Abend. + +Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie +wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglückendes +Wiedersehen folgen? + +Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander. + + + + +Der kleine Franzos. + + +Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es +gar schnell auf den großen Straßen, die nach Paris führen, vorwärts. + +Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf +unsere Hauptstädte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land +eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mußten, wie +unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze französische +Bevölkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfaßt. Männer und +Frauen ließen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der +Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen +sie heimtückisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Häusern +heraus. + +Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in +ein Dorf einzögen, dürfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner +sollten sich hüten und wenn künftig nur auch _ein_ Schuß fiele, so würde +das ganze Dorf verbrannt. + +Aber die Wut und der Haß waren zu groß; auch glaubten die Leute nicht, +daß unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Männer, die keine Waffen +trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein würden. Man +hatte ihnen so viel vorgelogen, daß sie meinten, die Deutschen seien +grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, daß sie wie Meuchelmörder +aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben +die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schießen, und das +geschah. + +So kam es, daß eine ganze Anzahl von Dörfern niederbrannten. Viele der +Bewohner flüchteten in die nächsten Orte und erzählten dort die +Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzählten sie nicht, daß sie +selbst an diesem Unglück schuld waren. So wurde die Angst vor den +Deutschen und der Haß gegen sie immer größer. + +Ein großes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde +auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem +geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Häusern rings +herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am +Abend ein; aber sie ließen auch die französischen Familien ruhig in +ihren Häusern. + +So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten +einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa +neunjährigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus +und war artig gegen seine Großeltern. „Komm doch einmal her zu mir!“ +rief der Offizier, der beim Frühstück saß, in französischer Sprache dem +Jungen zu. + +Ohne Scheu folgte der Knabe. + +„Wie heißt du denn?“--„Pierre“. + +„Bist du immer bei den Großeltern?“ + +„Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen +Eltern im nächsten Dorf; dort ist keine Schule.“ + +„So; komm einmal mit mir, Pierre, und führe mich in die Schule!“ + +Ängstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers +hinausgehen. Unter der Türe blickte der Kleine noch einmal zurück und +rief: „Keine Angst, gute Großmama!“ Die Straßen waren noch von Rauch und +Brandgeruch erfüllt; im untern Teil des Dorfes glühten noch die +Brandstätten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei führte der Knabe +den Leutnant zum Schulhaus. Die Türe stand offen. Sie gingen hinein. +Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: „Das +ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hieß: +„Die Ulanen kommen!“ + +„Dann seid ihr alle ausgerissen.“--„Ja.“ + +Der Offizier ging zu der großen Schultafel, die vorn beim Fenster war. +Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier +nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem französischen +Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er +mit großer Schrift in französischer Sprache an: Die deutschen Soldaten +tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die +deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird. + +„So, kannst du das lesen?“ + +„Ja, gut!“ sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das +Geschriebene vor. + +„Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie +kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr +ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns +schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz +gut Freunde?“ Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden +und schlug ein. „Nun so spring, kleiner Kamerad.“ Der Knabe rannte davon +und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die +Schrift lesen. + +Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am +nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der +Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der +kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es +lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber +nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der +Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den +ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er +wollte warnen. + +Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in +das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten +waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen. +Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental +dringen möchte! + +Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre +Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der +großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen +Menschen sahen. + +Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber +einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der +sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an +mit der Arbeit. + +„Nur ein Kind,“ meinte jetzt einer. + +„_Unser Kind_,“ sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie +erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten, +zu: „Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen. +Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!“ + +Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben +entgegen. + +Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten, +was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war +und viele Menschen dabei umgekommen seien. + +Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz +an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts +wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es +machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb +in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum +Atem fand. + +Nun jammerten die Weiber: „Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?“ +Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand +dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus +gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus +dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen. + +„Ja, ja, holt eure Büchsen,“ schrieen die Frauen. + +„Ich hole die von meinem Mann!“ rief Pierre's Mutter und alle liefen in +ihre Häuser. + +Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer +von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt +ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich +noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig. +Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da +griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an: +„Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts, +wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben +sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch +selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben +hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch +gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz +allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen.“ + +„Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes! +Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!“ Da +stampfte der Bub zornig auf den Boden. „Es sind keine Unmenschen, es +ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle +braten in den Flammen unserer Häuser!“ + +Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg. +„Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?“ + +„Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle +zusammengeschrieen.“--„So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen +erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen +kommen.“ + +Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen +auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der +Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt +worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne, +sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: „Da unten kommen sie!“ + +Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf. +Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten. +Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen +oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und +Wiesen ringsum. + +Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große +Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen +würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der +Knabe: „Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich +gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet +französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn +schießt. Sagst du es ihm, Mutter?“ + +„Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er +kommt!“ + +„Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!“ Und +richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen. +Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr +erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt +von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant +erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an +und führte ihn an der Hand. + +Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen +Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte: +„Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen +Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne +haben, werden sie schwerlich auf uns schießen.“ + +Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. „Dort ist meine Mutter,“ sagte +Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den +Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen. + +„Bleib bei mir, kleiner Freund,“ rief der Leutnant und hielt den Knaben +fest. Da sah dieser betroffen auf. + +„Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber +bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben.“ + +Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch +selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den +großen Offizier schützen. + +Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein, +gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein +paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen +zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten. + +Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: „Wir kommen nicht +als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht +feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht, +wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!“ + +Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort: +„Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand +wird etwas Feindseliges tun.“--„Nein, niemand,“ betätigte der Chor der +Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den +bösen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. „Die +Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!“ Die Weiber kreischten auf vor +Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch +gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: „Pardon, es war nur Zufall, +ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben +seine Waffe bei der Hand!“ + +Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig +zu dem Buckligen: „Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis +wir fertig sind.“ Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab. + +„Hände hoch!“ befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände +hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich. + +„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei. +Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei, +bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun +alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen, +Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten +es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie +freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute +nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog +seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die +einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie +„sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die +Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des +Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang +zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den +Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber +wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er +seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch +dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde +nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft +verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen +hatten, von den Leuten. + +Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte +ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse +besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von +diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine +Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre. + +„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde +hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer +Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der +Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie +gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres +Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So, +Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und +dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder +befreien!“ + +Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf +den Buckligen wegen der Pistole. + +Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den +Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl +ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen +dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser +Leben verdanken? + + + + +In Gefangenschaft. + + +Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg +kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm +sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere +hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn +die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es +galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was +die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und +Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre +beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von +allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den +ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam +nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen +Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm +beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen +waren sein Stolz und seine Freude. + +Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung. +Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade _jetzt_ +ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes +Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland +schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche +Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen. + +Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater, +Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem +großen Begeisterungssturm dahin. + +Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die +waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wußte man nicht. +Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der +Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von +seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher. + +„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber +siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen, +da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die +Festung Lüttich erobert!_ + +Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil +daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich +dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung +gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so +schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht +vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer +loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht +großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im +geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit +überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte, +bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann +aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest +gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine +schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der +Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell +zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel +etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten +Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt +wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine +deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts +voneinander. Grüßt ihn.“ + +Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt, +und von Mund zu Mund ging's: _Großer Sieg in Lothringen_, 10000 +Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der +jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den +Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all +den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon +lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als +mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und +nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den +Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem +obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt +kommen, weiß ich nicht.“-- + +Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den +beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim! +Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo +schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit +Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im +Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte +doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen +durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend: +Nichts gefunden. + +Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für +jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der +Vater mit der Verlustliste in der Hand herein. + +Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine +Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und +er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr +werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt +wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer +Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie +nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“ +„Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so, +weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie +wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das +zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie +legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die +Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein +wenig oben bei uns, es ist so schwer!“ + +Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den +langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig +machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge. + +Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang +habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post +hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu +vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme, +saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf +Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen, +spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten +Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in +Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und +Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von +Lutz?“ + +Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf; +er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang +nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und +Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“--„Also +doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.--„Aber er lebt doch und ist +gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“ + +„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und +deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches +ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in +Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und +bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief +angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es +ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle. +Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz +Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch +für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer +Sohn und Bruder Lutz.“ + +Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von +Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar +nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“--„Ja, es ist +ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für +seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“--„Aber doch +fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber +kann doch kein Zweifel sein.“ + +„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“ + +Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da +leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag +haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“ + +„Warum?“ + +„Er möchte sie doch haben!“--„Da nimm!“ + +Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken +fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter. + +„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch +gedacht!“--„Nur sachte, sachte!“ + +Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich +gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit +spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes: + + Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir + sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs + Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im + Frieden. + +Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder +wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief +bewegt. + +„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft, +ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja, +ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel +Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht +existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum +Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas +herausbringen!“ + +Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die +geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben +zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz +_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben +das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und +sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern +ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu +arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut +einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht, +und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die +Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen +schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“ + +So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der +Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen +Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen +Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt +wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben; +manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los. +Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es +auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden. + +Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein +großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief, +sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt +wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet +und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren. + +Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die +Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu +schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie +nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden +Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit +feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen. + +Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den +Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte +sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das +seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel +zu tragen. + +Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein +Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen +in ihnen noch nach: „_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_, +was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut, +seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie +am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas +mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte +ich noch etwas _helfen_.“ + +Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört +hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können. +Was meinst du?“--„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner +Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und +ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen +Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen +Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform +stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch +deinen Mann noch hergeben.“ + +„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“ + +„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten +bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem +Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen +kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in +ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben, +sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen. +Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte +Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art +beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung +unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“ + +„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann +die Gefangenen gut.“ + +„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische +gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt +worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern +unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt +worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist +aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und +verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem +Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“ + +Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das +gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du +kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich +will die Trennung tragen.“ + +„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie +weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm. + +Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die +große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum +ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht +schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete: +„Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“ + +Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg! + + + + +Der junge Professor + + +Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch +wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg +ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts +lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie +wenn es gar keinen Krieg gäbe! + +Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer +Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger, +geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es +in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende +der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um +sich hatte. + +In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen +Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen, +den künftigen Soldaten Deutschlands! + +Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis +jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß +ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn +drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du +auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch +nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs +Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen. + +Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere +Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders +eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen +Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium +lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten +in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war +auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer +untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es +waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt +hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und +lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so +Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der +würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit +dem Latein anfangen? + +Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das, +was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte +auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu +diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den +Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben, +Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da +schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich! + +„Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen +wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu +nennen?“ + +Da brüllten sie durcheinander: „In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen, +Namur, Maubeuge, Brüssel!“ + +Einer rief: „Paris!“ + +„Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!“ + +„Aber soviel wie besiegt ist's!“ + +„Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über +was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?“ + +„Über die Grausamkeit,“ rief einer. + +„Ja, ich meine aber etwas anderes.“ + +„Über das, daß sie gegen uns Krieg führen,“ meinte ein kindliches +Bürschlein. + +„Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir +eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat.“ + +Jetzt kam es vielen zumal: „Über die Lügen.“ + +„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer +sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in +diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht +mehr als die Wahrheit.“ + +Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun +Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte +von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das +erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an +die Pflicht wie unsere Soldaten!“ + +Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer; +etwas vom Krieg war hereingeweht. + +Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht +bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über +den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf +er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler. + +„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als +er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der +oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige +Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir +nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer +Schule vorbeigekommen sind.“--„Die gehören auch nicht herein ins +Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu. + +Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen +hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen +Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht +läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine +Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn +Rektor darüber sprechen.“ + +Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei +Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er +es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon +verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander +aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr +miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben. +Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern +Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist +ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser +Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine +Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander +davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater +verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in +der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber +einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es +nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr +alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die +Ehre zu erweisen!“ + +Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief +bewegt von der Ehrung. + +„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines +Vaters?“ + +„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie +er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die +seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein +Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm +verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete, +mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit +seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß, +diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn +auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht +sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins +Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht, +bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen +Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber +die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei +aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier +zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in +der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte +ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf +einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein +Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch +noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße +schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat +er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten +haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei +Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und +haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“ + +Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters +berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld +begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr +gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in +seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre +für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner +Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden +ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich +auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener +Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht. + +Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn +diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den +letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer +hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch +nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett +gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle +einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des +Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und +nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit +beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören, +reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser +Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur +noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied +mehr, nur deutsche Kameraden?‘“ + +„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das +gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse. + +Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den +Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag. +Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und +Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am +nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler +an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft +verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch +unter den Buben. Verstanden?“ + +Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind +hochmütig.“--„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch +nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber +den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der +Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_ +Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig +sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“--„Ja, ja!“ das kam allen +aus dem Herzen. + +Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn +auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber +liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und +Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen +Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem +Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch +fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an: +„Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen. +Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch +abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein +großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen, +Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern. + +„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und +umdrängten ihren Lehrer. + +„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so +schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre +Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er +weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor, +ich, meine drei Brüder sind im Feld!“ + +Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: „Von mir vier Brüder!“ + +Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der +Volksschüler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in +dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über +die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so +lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und +einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten, +und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer +verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der +andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese +beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften. + +Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden +Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten, +gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die +Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer +acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der +freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen +ihrer Angehörigen. + +Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein +Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen „Emden“ berichtete; diesmal +waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer +derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen, +hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon +ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen +werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen +mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle +Zeitungen voll waren. + +Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große +Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer +Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der +vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen. +Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die +schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn +sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte +spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von +Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es +gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich +möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer +gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor: + + Die Toten. + + Herr Gott, nun schließ den Himmel auf, + Es kommen die Toten, die Toten zuhauf, + Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg, + Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg! + Wir können sie nicht mehr schmücken, + Nicht mehr die Hände drücken + Den vielen, vielen Scharen, + Die unsre Brüder waren. + + Herr Gott, nun trockne selber du + Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh' + Dem wunden Herzen, dem stillen Haus, + Führ alles Dunkle zum Licht hinaus. + Dieweil wir Eltern und Frauen + In zuckender Wehmut schauen + Die vielen, vielen Scharen, + Die unsre Brüder waren. + + Herr Gott, nun segne dem deutschen Land + Seinen gefallenen Heldenstand + Gib _allen_ freudigen Opfergeist, + Der auch im _Frieden_ sich stark erweist, + Weil doch ihr herrliches Leben + Für uns zum Opfer gegeben + Die vielen, vielen Scharen, + Die unsre Brüder waren. + + _Georg Merkel._ + +Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor +Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn +war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler, +daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und +begraben sei. + +Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der +Lateinschüler an und sagte: „Die Eltern von Professor Jahn haben mir +erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: ‚Grüßt +mir meine Buben!‘ Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu; +denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat ‚sein +herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!‘“ + + + + +Allerlei Kriegsbilder + +nach Briefen und Zeitungen. + + +Der Turmbau zu Babel. + + +Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über +das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die +Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und +Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir +auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte: +„Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen +werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu +finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und +vorlesen, was da steht.“ + +Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf +der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es +sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem +Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11, +vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere +zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum +Schaden gereichen werde. + + +Erbprinz Luitpold. + +Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem +glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner +tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte +man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber +mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines +schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte +an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden. + +Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich +nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: „Jetzt ist +nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln.“ + +Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte +in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte +dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit +„Königliche Hoheit“ oder ein Schüler mit „Sie“ anredete, so verbat er +sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen. +Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie +überall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die +Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen. +Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer +mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem +folgenden Gedicht festgehalten: + + Auch ein junger Königsprosse, + Dem der Sinn nach „Dienen“ stand, + Steigt von seiner Väter Schlosse, + Bietet freudig seine Hand. + + Zu der ungewohnten Mühe + Auf dem Feld im Sonnenbrand, + Gleich den Andern spät und frühe, + Tapfer in der Reih' er stand. + + Schweigend schau'n die Berge nieder, + Dunkel liegt der Königssee, + Nirgends tönen frohe Lieder, + Auf der Welt rings lastet Weh. + + Zarter, lieber Königsknabe, + Banges Ahnen faßt mich an, + Daß du dort zu deinem Grabe + Selbst den Spatenstich getan! + + Denn indes dein Heldenvater + Sieg auf Sieg der Welt verschafft, + Hat dich kleinen Erntehelfer + Schnitter Tod hinweggerafft. + + Mag des Helden Herz erschauern, + Da von fern dies Wort er spricht: + „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern, + Handeln heischt allein die Pflicht!“ + + Doch indes er weiter lenken + Muß das Schicksal der Armee, + Sehnend wird er heimwärts denken, + Manche Nacht in tiefen Weh: + + Deine Mutter mußt ich geben + Längst der Erde schon zurück, + Doch sie ließ von ihrem Leben + Mir in dir ein köstlich Stück. + + Nun auch dieses hingeschwunden, + Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich! + Ringsum bluten tausend wunden-- + _Eine_ weiß ich, die traf _mich_. + + _Johanna Klemm_ + + +Kein Standesunterschied. + +Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie +dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen, +das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich +ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll +Wasser herbeigeschleppt hatte. „Haben Sie vielleicht noch ein Hemd +übrig?“ fragte er bescheiden, „ich habe seit vier Wochen keines bekommen +können.“--„Ja, hier haben Sie ein Hemd,“ entgegnete der Verteiler, sah +sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um +ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor. + +Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein +Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab +viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu +tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm +unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf, +mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die +Verwundeten Karten schrieben. „Was sind das für Kameraden?“ fragte er. + +„Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz +Adalbert und Prinz August.“ + + +Der Hornist. + +Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment +stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte +Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr. +Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die +Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt. +Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet. + + +Der Lokomotivführer. + +Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit +Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht +davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war, +schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine +wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein +guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete +er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der +ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne +mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft +gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet. + + +Das Extrablatt. + +In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine +Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die +Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark +gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen +dieser Klasse einen Brief des Inhalts: „Es kostet uns unser ganzes +Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen +immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen.“ + +Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom +nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt. + + +Die allgemein verständliche Sprache. + +Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben +eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu +essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die +sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl +sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre +doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den +französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in +die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung, +wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt +ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den +Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht +ein Huhn im Topf. + + +Die Gefangenen. + +Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber +seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er +morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er +schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend +waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen +sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut. + + +Der Generaloberst v. Hindenburg. + +Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte +und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter +Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er +bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee +geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat. + +Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner +längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v. +Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die +masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im +Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er +gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz +Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee +auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar +bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer +Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man +wollte _seine_ Seen, _seine_ Sümpfe, die er alle persönlich kannte, +anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte, +agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen +und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange +nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe +lassen werde. + +Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen +geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee +ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten +waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten +Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren, +daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich +der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich +gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles +vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn +angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das +Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen +einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee +bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten +Uniformen zu den Hindenburg-Manövern. + +Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die +Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg +eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere +schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert +werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt. + +Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen +waren, jetzt wurde es ernst. + +Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen +seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu +zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach +Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und +als er ankam, war alles vorbereitet. + +Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden +und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden. + +Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind +ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich +großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich +allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee +rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General +bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind +auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste +geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd, +tapfer und zäh.“ + +Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen +Zuversicht: + + _Wir werden siegen_! + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12075 *** |
