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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:38:50 -0700
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+Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kriegsbüchlein für unsere Kinder
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: April 18, 2004 [EBook #12075]
+
+Language: german
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBüCHLEIN FüR UNSERE KINDER ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Kriegsbüchlein
+
+für unsere Kinder
+
+
+Von
+
+Agnes Sapper
+
+
+1914
+
+
+
+
+Meinen lieben Enkeln
+
+ Theo
+ Otto
+ Eduard
+
+gewidmet im Kriegsjahr 1914
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+Heimkehr aus Österreich
+Der 4. August
+Das Pfarrhaus in Ostpreußen
+Die Konservenbüchsen
+Zu welcher Fahne?
+Der kleine Franzos
+In Gefangenschaft
+Der junge Professor
+Allerlei Kriegsbilder
+
+
+
+
+Die Heimreise aus Österreich
+
+
+„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
+wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der
+Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
+österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten
+Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
+zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
+Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt
+und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
+Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer
+Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
+Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende
+Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig
+war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch
+Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre
+wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
+war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig
+gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die
+Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm,
+und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
+Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
+
+Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war
+es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
+Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große
+Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange
+Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter
+ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
+
+„Herrlich ist's!“
+
+Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
+Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die
+Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne
+Landschaft hinausschaute.
+
+Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
+Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
+konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere
+Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
+Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen,
+in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.
+
+Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die
+Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
+Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag
+ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die
+Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken
+versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte
+in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht
+in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
+und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für
+Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang
+sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir
+vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte
+die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie
+wohnten.
+
+Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem
+Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
+immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
+auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde
+im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen
+Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur
+sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
+euch um, es wird immer schöner.“
+
+Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
+plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des
+Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
+Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
+
+So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund
+riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
+herunter!“
+
+Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein
+die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
+friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
+Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen
+in ihren Städten beschäftigte.
+
+Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt,
+das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
+und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die
+nächsten Wochen.
+
+Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich
+doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten
+eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
+hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen
+Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
+arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
+Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der
+Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
+einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
+genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen
+die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
+und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“
+
+„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“
+
+„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten
+nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
+ziehen.“
+
+Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
+von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
+Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern
+angeschlagen gewesen.“
+
+„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.
+
+„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“
+
+„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher
+Lärm sein.“
+
+Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden:
+Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
+gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“
+
+Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging
+weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für
+sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den
+Krieg.“
+
+Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt
+heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
+keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies
+alles wahr wäre!“
+
+Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich
+dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die
+Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
+ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
+Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es
+wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
+beisammen.“
+
+Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
+Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam
+von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß
+Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt!
+Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
+
+Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem
+Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme
+noch für einen Tag nach Hause.“
+
+Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur
+Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“
+Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben
+über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_!
+Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
+der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
+älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb
+der sich herum?
+
+Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
+Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
+verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
+Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins
+eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir
+müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell,
+schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins
+Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon
+wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
+Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
+auf einen Tag an?“
+
+Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen
+an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den
+Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich
+anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
+vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
+gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in
+den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über
+das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen,
+abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
+sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
+Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
+kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
+der Bahn zu bestellen.“
+
+In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat
+angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich:
+‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“
+Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
+einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts
+zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war
+nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel
+Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
+müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
+Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde
+müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
+und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr
+in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.
+
+Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
+begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
+aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
+das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
+Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge,
+was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
+Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und
+daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig
+brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die
+Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
+wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden
+Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor
+neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.
+
+Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
+ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
+aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es
+sei schon angespannt.
+
+Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der
+Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
+nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus
+den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
+kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
+Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
+
+Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
+Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
+frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie
+dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem
+Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
+Kamm, die sie vergessen hatten!
+
+Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
+fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß
+schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
+sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den
+erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei
+nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
+Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
+verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen
+und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts
+fuhren sie hinaus in den Krieg.
+
+Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der
+Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in
+einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen
+und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
+fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
+und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an
+dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr
+weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
+Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie
+sich drauf und das kleine Fräulein auch.“
+
+Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
+den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
+Verstehen schwer.
+
+„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die
+jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
+
+„Muß er sich in Wien stellen?“
+
+„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“
+
+„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
+allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich
+zusammen, die können's machen!“
+
+Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand.
+Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte:
+„Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
+sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun
+ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
+Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die
+Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster
+holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
+die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
+Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
+sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
+die Grüße.
+
+Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich
+jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war,
+hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
+ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
+sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
+
+Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich
+an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
+hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber
+Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
+in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen,
+klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat
+drei Stunden Verspätung!“
+
+Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das
+geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
+ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten
+im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren
+etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist
+kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
+müssen als das!“
+
+Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
+einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum
+Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen
+Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
+an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu
+bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
+dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen
+Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen,
+diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
+Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
+Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran
+gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
+Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
+
+„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
+Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten,
+baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
+nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu
+drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
+dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der
+Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
+
+„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.
+
+„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten
+ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich
+geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
+von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
+Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder
+zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie
+übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
+ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
+
+Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
+Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
+unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen
+wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und
+wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“
+
+Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“
+
+Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz
+gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die
+Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
+plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein
+starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es
+zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
+eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst
+hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend.
+„Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist
+denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht
+nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
+Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
+sonst wären wir nicht herein gekommen.“
+
+„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
+hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“
+
+„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
+hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“
+
+Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist
+nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind
+Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
+schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
+des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das
+Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
+einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“
+
+Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren
+Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden
+sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll
+eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
+Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
+lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
+angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem
+war zu lesen:
+
+ Serbien
+ Du mußt sterbien!
+
+Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch
+Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“
+rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.
+
+So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in
+dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter
+entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
+ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters
+volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
+und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
+Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt
+noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten
+befördert.
+
+Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
+ebenso überfüllten Zug.
+
+Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in
+den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich
+unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
+sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann
+gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
+Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe,
+bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt
+ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
+her, Karl!“
+
+„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß
+wir jetzt kommen?“
+
+„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon
+erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
+am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
+erhalten?“
+
+„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“
+
+„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
+Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
+nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt.
+Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit
+zwei Tagen.“
+
+„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“
+
+„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
+scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze
+Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
+werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
+lassen.“
+
+Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber
+weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser
+als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“
+
+Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist
+ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
+denn amtlich mitgeteilt?“
+
+„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
+keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
+müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du
+hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
+daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“
+
+Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen
+siebzehn Jahren!“
+
+„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
+Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich
+gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
+ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
+der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“
+
+„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“
+
+„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
+die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie
+heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
+war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich
+mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
+so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie
+gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“
+
+„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“
+
+Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den
+Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
+bekommen!“
+
+Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
+ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben
+Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen
+kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“
+
+„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
+Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt
+von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“
+
+ * * * * *
+
+Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
+Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in
+liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein,
+ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs
+Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!
+
+
+
+
+Der 4. August
+
+
+Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
+Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder
+abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien
+hier bleiben.
+
+Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein
+reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im
+siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle
+Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und
+ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
+überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der
+Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
+sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles
+ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon
+vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes
+miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung
+fast Tränen.
+
+Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
+zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.
+
+Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz
+anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
+habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
+vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
+ihrem Regiment einberufen waren.
+
+Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des
+königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
+Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
+versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
+Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
+viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber
+das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
+den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform
+erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in
+Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
+sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
+Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte
+unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit
+schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
+von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im
+Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten,
+stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
+Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell
+die nötigen Beschlüsse fassen.
+
+Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der
+Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das
+gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine
+Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände
+der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und
+dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.
+
+Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der
+Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob
+der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
+vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.
+
+Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den
+Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
+angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer
+den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt,
+man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.
+
+Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
+ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
+muß ich noch was Lustiges erzählen.
+
+Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ
+der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
+z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
+diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
+wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
+sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
+Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
+Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
+Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
+Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“
+
+Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung
+für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man,
+wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können.
+
+Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.
+
+Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen
+Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
+unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
+wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und
+Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen
+die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere
+Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
+Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
+Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
+hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein
+gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie
+es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
+Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne
+Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht
+länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst
+die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit
+reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes
+verteidigen müssen.
+
+Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend
+sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
+„Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
+ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und
+von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und
+der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das _ganze_
+deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die
+Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle
+andern Parteien.
+
+Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
+großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die
+Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch
+durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben
+bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
+einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
+Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
+„Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“
+
+Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der
+Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
+einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag,
+der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage
+Deutschlands sein.“
+
+Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er
+sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere
+eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
+hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward
+Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war.“
+
+Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern
+werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag
+lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
+Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
+streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt,
+und das finde ich ganz natürlich.
+
+Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
+einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese
+Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie
+Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.
+
+Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand
+sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht.
+Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie
+würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.
+
+Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
+viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
+wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
+nicht gern anvertraut.
+
+Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht
+auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen,
+als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu
+habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
+erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es
+dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er
+damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
+sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
+als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“
+
+Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
+Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei
+den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
+den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!
+
+
+
+
+Das Pfarrhaus in Ostpreußen.
+
+
+In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende
+Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten
+Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen
+Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
+Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das
+Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die
+Verwüstung des Landes.
+
+Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
+Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.
+
+Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
+hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir
+können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen?
+Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und
+wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“
+
+Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet
+waren, auch der Pfarrer.
+
+„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine
+Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
+da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
+Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“
+
+Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
+sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
+aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.
+
+Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete
+die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten,
+daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.
+
+Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“
+sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres
+Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
+preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in
+Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
+überzeugt.“
+
+„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“
+
+„Wenn ihr geht, ja.“
+
+„Und wenn wir nicht gehen?“
+
+„Dann werde ich bei euch bleiben.“
+
+Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau,
+die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
+unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
+„Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht
+schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
+gleich heute, sonst ist es zu spät!“
+
+Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es
+nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
+großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
+Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
+dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
+herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
+Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“
+
+Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den
+Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
+fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von
+ihrer Heimat.
+
+So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß
+Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“
+
+Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
+der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen
+kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
+deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem
+Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
+betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch
+dafür.“
+
+„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
+erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
+deutschen Truppen stehen.“
+
+Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
+Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
+dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.
+
+Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
+seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns
+trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“
+
+„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
+habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
+zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein
+Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
+kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
+Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst,
+keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
+dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
+bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
+mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
+trennen müssen.“
+
+„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
+rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
+bis in den Tod.“
+
+Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern
+flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
+Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem
+entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.
+
+Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag
+war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag.
+Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
+hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
+Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
+der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
+Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von
+weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer
+Trupp ist hinter uns her!“
+
+Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde
+kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen.
+
+„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“
+
+„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was
+wird nun über uns kommen?“
+
+„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre
+schließen?“
+
+„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon
+in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
+Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
+brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
+Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
+Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
+wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“
+
+„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
+Worte hörte.
+
+„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den
+Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“
+
+Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
+wie für Gäste.
+
+In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß
+herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
+sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.
+
+„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
+Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten
+gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich
+nach.“
+
+„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den
+Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“
+
+Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
+Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.
+
+Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die
+Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache
+ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei
+Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder
+sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
+Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.
+
+Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es
+abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich
+schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der
+Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe
+weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich
+vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
+machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
+russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch
+gedeckt!“
+
+Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
+dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
+noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände
+segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die
+Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.
+
+„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die
+beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch,
+aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
+Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu.
+
+Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten.
+Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer,
+es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
+Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
+Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
+Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
+waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.
+
+Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
+was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
+beste.
+
+Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
+aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer
+Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und
+lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
+erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
+sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die
+Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.
+
+So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
+ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze
+Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht
+hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
+Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
+weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole
+und schoß den Wirt nieder.
+
+Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
+am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
+einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die
+Soldaten nicht im Haus dulden wollten.
+
+Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten
+beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
+die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.
+
+Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
+seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
+trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
+des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
+Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer
+läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe
+verboten haben?“
+
+„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das
+Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden
+die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu
+Grabe getragen werden.“
+
+Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben:
+„Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das
+Leben kosten!“
+
+Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
+versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem
+Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
+ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten.
+Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von
+ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick
+überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
+Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
+drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
+wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern
+unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
+der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe
+nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
+„das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten
+sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
+fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden.
+Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige
+dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und
+der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.
+
+Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer,
+niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
+hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen
+sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
+Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.
+
+Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das
+Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber
+nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
+geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu
+bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
+wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
+sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof
+zurück käme.
+
+Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl
+darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
+Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen
+nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre
+zu.
+
+„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
+Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei
+diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
+dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
+Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und
+Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße.
+Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in
+das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck
+mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh
+schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb
+so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!
+
+Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der
+lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
+so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
+Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
+unmöglich schien.
+
+Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
+Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in
+die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
+würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der
+Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein
+an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
+auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.
+
+Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
+durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.
+
+„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt
+komme nur gleich, der Tee wird kalt!“
+
+Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
+transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
+Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
+einzigen Sorge: der Tee würde kalt.
+
+Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie
+ängstlich.
+
+„Du weißt wohl von gar nichts?“
+
+„Nein, wo warst du denn?“
+
+„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
+Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
+Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an
+unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
+gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der
+Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben
+gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
+meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr
+zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
+Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für
+mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
+Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“
+
+„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte
+sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden;
+aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.
+
+Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.
+
+Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen
+sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
+Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich;
+keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
+Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
+einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:
+
+„Nur fort, nur fort!“
+
+Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
+Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und
+Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften
+mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.
+
+Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
+anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man
+schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche,
+bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit
+schwerer Sorge in die Zukunft sahen.
+
+Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
+geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen
+und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den
+engen Straßen.
+
+Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden
+in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und
+Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.
+
+Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
+Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
+sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet
+wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
+konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
+Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
+Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
+Hand der Feinde gerettet würde.
+
+Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst
+_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
+Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.
+
+Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!
+
+Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
+Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
+Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
+untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
+Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald
+wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid
+versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
+der dem Leid ein Ende gemacht.
+
+Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen
+zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der
+Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
+Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
+wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
+glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
+verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!
+
+
+
+
+Die Konservenbüchsen.
+
+
+In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner
+Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben
+Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber
+sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
+sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich
+kommen.“
+
+Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah
+aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. „Jetzt kommt sie!“
+rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
+Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
+es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
+trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen
+wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
+hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen
+gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung
+glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so
+schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
+unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand
+und rief dem Vater zu: „_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend
+Mann gefangen_.“--„Wirklich? gib her, Georg!“ Der Vater verschwand im
+Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
+auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten
+sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
+Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte
+beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die
+Jungen folgten ihr. „Das hätte ich so gerne noch gehört,“ sagte
+Georg, „was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
+Konservenbüchsen.“--„Was für Büchsen sind denn das?“ fragte der kleine
+Hans.--„Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und
+Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie
+gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher
+weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für
+den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
+Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt
+30 Pfennig mit.“
+
+Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem
+Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und
+gewogen. „Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
+Pfennig,“ sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem
+Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
+Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem
+Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
+diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg
+gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. „Und eine
+Schokoladestange für fünf Pfennig,“ sagte er; bekam sie, ging hinaus,
+ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
+Gewissen dabei; „wegen der fünf Pfennig“. Er war schon mit Essen fertig,
+als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. „Komm, der Vater ist
+allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor.“ Bald
+standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: „Unter den
+Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
+zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen
+angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und
+Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber
+eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß
+sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser
+Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
+russischen Volk herrscht.“
+
+„Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
+nicht!“ rief die Frau empört.--„Ja es ist unglaublich!“--„Was denn,
+Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch,“ drängte
+der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die
+Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.
+
+„Begreifst nicht?“ sagte die Mutter, „wenn ich dir einen Nickel gebe und
+sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
+Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der
+russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
+gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die
+Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch
+und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen
+getan und haben sie zugelötet.“
+
+„Die Russen haben das getan?“ fragte Hans, der mit größter Spannung
+zugehört hatte.
+
+„Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
+ehrlich.“
+
+„Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?“ fragte Hans wieder,
+„ich möchte auch ein Deutscher werden.“
+
+Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
+Blondkopf: „Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
+bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!“
+Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört,
+daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf
+Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade
+ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
+„Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
+Deutscher, gelt Mutter?“ sagte er, „nur natürlich so etwas, wie mit den
+Büchsen, darf er nicht tun!“ Der Vater blickte von der Zeitung auf und
+sah Georg an. „Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an,“ sagte
+er, „es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
+Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter.“
+
+„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“
+beharrte Georg.
+
+„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
+die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon
+als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
+soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
+erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
+auch das andere nicht können.“
+
+Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so
+etwas tun, wie es die Russen getan hatten?
+
+„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in
+sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“
+
+„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade
+dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“
+
+„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte
+doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so
+besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite
+wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die
+Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben
+wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas
+davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir
+sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir
+sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
+Büchsen, gelt du?“--„Ja, Vater!“--„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“
+rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über
+die Russen und über die Russenart!“
+
+
+
+
+Zu welcher Fahne?
+
+
+Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
+des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
+Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie
+ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder,
+zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später
+war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute
+Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit
+drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein
+Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris
+leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache
+vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann,
+der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und
+Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen
+Altersgenossen zur Schule.
+
+Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
+und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.
+
+In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
+Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten
+sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre
+Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem
+eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.
+
+Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer
+Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er
+darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja
+Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei
+Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu
+zweifeln.
+
+Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im
+Kriegsfall einberufen werden.
+
+„Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel,“ meinte der Direktor; „Sie
+dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden.
+Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die
+Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie
+ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen,
+wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde.“
+
+Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine
+drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
+Salon erwartete ihn seine Frau.
+
+„Wie spät du heimkommst,“ klagte sie. „Das kann doch nicht so weiter
+gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der
+Herrn übernimmst, die abgereist sind.“--„Ich muß es ja nicht umsonst
+tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
+Gehalt angeboten.“
+
+„O wie fein!“ rief Frau Kolmann, „den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
+ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den
+Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
+Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?“--„Bitte, laß uns
+nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in
+der Stimmung auszugehen.“
+
+„Schade,“ sagte die junge Frau, „wie kann einer nicht in guter Stimmung
+sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber
+ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
+wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der
+Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
+auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
+gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren,
+so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe
+es heute erst im Figaro gelesen.“
+
+„Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!“
+
+„Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
+der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
+Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
+einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg
+fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie
+anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei
+nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
+an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt.“
+
+„Ja, wie geht es ihnen?“
+
+Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige,
+schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich
+seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der
+Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.
+
+Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank.
+Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
+Frau und Kindern mit den Worten: „Auf Wiedersehen um zwei Uhr.“ Zärtlich
+küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen,
+ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
+lockte. Sie wurde eben von der „Bonne“ in ein weißes Kleid gesteckt und
+streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick
+hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
+Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine
+hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
+„Es ist der Krieg!“ rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
+nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: „Es ist der Krieg!“
+
+Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß
+die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
+eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
+erklärt.
+
+Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er
+wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
+mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier
+Worte: „Es ist der Krieg!“ Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
+hinhielt. Sie las es. „Also wirklich?“ Nun mußte auch sie an den Krieg
+glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las,
+was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
+Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl
+den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
+und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische
+Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. „Papa,“ fragte Paul--er redete
+französisch--„Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
+Engländer halten zu uns, ist das wahr?“--„Zu uns?“ Der Vater sah seinen
+Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und
+also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch
+und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem
+Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
+sprechen. „Bitte Papa, sage mir's!“ wiederholte Paul, „hält England zu
+uns?“
+
+„Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen,“ sagte Herr Kolmann
+ausweichend.--„Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
+haben die auch Freunde?“
+
+„Ja, Österreich geht mit Deutschland.“
+
+„Papa, wer wird's gewinnen?“
+
+„Wir, Paul,“ sagte der Vater und er dachte dabei „wir Deutschen“, aber
+er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
+forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins
+Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.
+
+Die Eltern blieben allein zurück. „Paul meint, wir seien Franzosen,“
+sagte Kolmann. „Das ist ja nur gut,“ entgegnete seine Frau, „Elsaß kommt
+nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz
+Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
+Frankreich übergehen.“
+
+„Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
+und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
+wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr,
+wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge
+zur französischen Fahne?“
+
+„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte
+sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja
+schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In
+sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.
+
+„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend.
+
+Er schwieg.
+
+„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich.
+
+Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du
+es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
+dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die
+Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir
+alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
+Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der
+französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal
+vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“
+
+„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
+unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben
+wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
+Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“
+
+„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete
+er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.
+
+„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es
+doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“
+
+„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur
+deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl
+ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
+brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
+rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist
+das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem
+edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
+All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
+hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!“--
+
+Charlotte stand ergriffen.
+
+In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
+Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin
+gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
+gefangen, dem soll es schlecht gehen!“
+
+„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten
+eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung
+verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.
+
+„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
+hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
+besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“
+
+Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
+noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein
+freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht
+verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“
+
+„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir
+können ja mittags alles besprechen.“
+
+Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten
+Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
+Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
+Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte,
+wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem
+Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
+Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
+es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt
+angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor.
+
+Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
+Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie
+sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß
+sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
+Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
+nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
+überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und
+jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr
+ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
+Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn
+sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
+auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer.
+Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
+Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen.
+Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im
+Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort
+mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul
+ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
+Befehle gab.
+
+„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
+ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht
+sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig,
+und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“
+
+„Das kommt vom Krieg, Kind.“
+
+„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
+wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
+Elsässer. Wie ist das eigentlich?“
+
+„Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber.“
+
+„Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da
+stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer
+habe, wohin muß ich sie stellen?“
+
+Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. „Bitte,
+sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
+Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote,
+das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?“
+
+Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es
+klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
+anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
+könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. „Ich
+wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen,“ sagte Herr Frank.
+„Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun.
+Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
+Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch
+fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug
+sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
+zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
+Sie?“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Kolmann; „vielleicht--ich weiß nicht; was
+macht Ihre Frau?“
+
+„Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
+sehen, ihnen kein Wort gönnen.“
+
+„Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
+Ihren Kindern?“
+
+„Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
+das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach
+Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr
+Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns
+unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle
+Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im
+stolzen, sieggekrönten Vaterland!“ Er drückte ihr die Hand zum Abschied
+und ging.
+
+Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen,
+einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr,
+der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen:
+Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
+sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in
+Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der
+Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
+zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen.
+Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück.
+
+„Nun, Paul,“ sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, „was wolltest
+du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie,
+das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu
+Deutschland.“
+
+„So?“ sagte der Knabe nachdenklich, „ja, dann muß ich alles anders
+aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
+müssen oben stehen, damit sie siegen können!“
+
+„Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
+ihn freuen.“
+
+„Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
+Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen
+gehalten.“
+
+„Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!“
+
+ * * * * *
+
+Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
+entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
+verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
+wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
+aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
+verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.
+
+Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht,
+wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten,
+wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
+Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
+Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
+ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
+Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er
+aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem
+Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.
+
+Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
+Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen
+Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
+Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da
+sagte sich Kolmann: „Hilf dir selbst!“ Mit viel Geld, mit guten und
+bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten
+Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
+Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.
+
+Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
+in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der
+boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß,
+während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
+weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
+in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der
+Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
+„Mein Kind, mein Kind!“, der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
+Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren
+oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.
+
+Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit,
+irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
+kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle
+Einrichtungen; es war Krieg.
+
+Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
+Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten
+Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen:
+„Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam
+sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern
+wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus
+gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
+aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau
+Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“
+schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine
+Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren
+kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
+mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
+und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
+sagen.“--„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter
+hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre
+Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr
+Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
+wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
+wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen
+Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.
+
+Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
+durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
+was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
+Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder
+konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
+vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre,
+die Wehrlosen zu schützen.
+
+Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So
+Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie
+Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
+werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
+behandelte!
+
+Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
+gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von
+da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck
+vollends hinüber kämen.
+
+Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
+ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der
+Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und
+Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
+standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder
+abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren
+Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
+auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu
+Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
+wiedergewonnenes deutsches Vaterland!
+
+ * * * * *
+
+Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg
+eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
+in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine
+Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
+er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch
+Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das
+verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
+Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und
+auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
+nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer
+gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
+Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen
+sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?
+
+Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
+tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
+verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
+sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
+dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die
+sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
+Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
+nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich,
+beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem
+sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen
+derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer
+wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
+bedrückte.
+
+Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
+schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer
+kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand
+außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
+es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote
+ging.
+
+„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich
+wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf
+Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
+eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
+Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren
+Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
+solchen suchen.“
+
+Es folgte eine Liste. Sie begann:
+
+ „Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
+ in Berlin, Passauerstraße 6.“
+
+ „Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
+ Gullasch in Heinrichswalde.“
+
+ „Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
+ Elsaß.“
+
+ „Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
+ Grau Donalus, Fasanenstraße.“
+
+ „Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im
+ Elsaß.“
+
+So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.
+
+„Ja,“ sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, „an diese Zeitung
+wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben.“ Er stand auf, das
+Schreibzeug zu holen.
+
+Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: „Liebster, höre
+nur: ‚Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
+Walfischgasse 3, bei Frau Peter.‘ Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
+Herzensmann, lies!“
+
+Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
+den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden
+war. „Er sucht uns!“ rief Frau Kolmann bewegt, „‚gesucht von ihrem Sohn‘
+heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese
+Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht
+vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?“
+
+„Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!“
+
+Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
+Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen,
+sei unnötig.
+
+„Also wird ihn Frau Peter bringen,“ schloß Frau Kolmann, „denn allein
+kann das Kind doch nicht reisen.“
+
+Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
+abgereist.
+
+Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam.
+
+Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
+die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
+Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte
+sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß,
+hob die Kleine auf den Arm und rief: „Ich kann sie ganz nach Hause
+tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch
+immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
+in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau
+Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser.“
+
+„War sie gut, die Frau Peter?“
+
+„O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
+niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich
+Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der
+Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
+ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
+mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
+angefahren: „So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!“ Da ist
+der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
+so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
+Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
+angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte
+sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und
+ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
+in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen.“
+
+Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen.
+
+Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
+die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein
+Bruder Emil wundern. „Uns gefällt es gar nicht“; sagte er, „wir haben
+doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!“
+
+Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und
+die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut
+hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
+im Gegenteil.
+
+Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
+als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
+Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich
+wieder da war.
+
+„Der Papa geht jetzt in den Krieg,“ erklärte Emil.
+
+„Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
+Mama so grob gestoßen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
+geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
+gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straßburg reisen--es tue mir
+niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
+hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weißt du, die
+Nähmaschine haben wir natürlich nicht gleich ganz bezahlen müssen, die
+muß monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
+Peter nicht etwas schicken?“
+
+„Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?“ fragte der Vater lächelnd.
+
+Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: „Fünfzig Mark! Aber wenn du ihr
+zehn schicken könntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!“
+
+„Wir schicken ihr fünfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
+für deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
+reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch später nie vergessen.“
+
+Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glück an diesem
+Abend.
+
+Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
+wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglückendes
+Wiedersehen folgen?
+
+Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.
+
+
+
+
+Der kleine Franzos.
+
+
+Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
+gar schnell auf den großen Straßen, die nach Paris führen, vorwärts.
+
+Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
+unsere Hauptstädte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
+eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mußten, wie
+unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze französische
+Bevölkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfaßt. Männer und
+Frauen ließen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
+Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
+sie heimtückisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Häusern
+heraus.
+
+Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
+ein Dorf einzögen, dürfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
+sollten sich hüten und wenn künftig nur auch _ein_ Schuß fiele, so würde
+das ganze Dorf verbrannt.
+
+Aber die Wut und der Haß waren zu groß; auch glaubten die Leute nicht,
+daß unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Männer, die keine Waffen
+trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein würden. Man
+hatte ihnen so viel vorgelogen, daß sie meinten, die Deutschen seien
+grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, daß sie wie Meuchelmörder
+aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
+die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schießen, und das
+geschah.
+
+So kam es, daß eine ganze Anzahl von Dörfern niederbrannten. Viele der
+Bewohner flüchteten in die nächsten Orte und erzählten dort die
+Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzählten sie nicht, daß sie
+selbst an diesem Unglück schuld waren. So wurde die Angst vor den
+Deutschen und der Haß gegen sie immer größer.
+
+Ein großes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
+auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
+geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Häusern rings
+herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
+Abend ein; aber sie ließen auch die französischen Familien ruhig in
+ihren Häusern.
+
+So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
+einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
+neunjährigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
+und war artig gegen seine Großeltern. „Komm doch einmal her zu mir!“
+rief der Offizier, der beim Frühstück saß, in französischer Sprache dem
+Jungen zu.
+
+Ohne Scheu folgte der Knabe.
+
+„Wie heißt du denn?“--„Pierre“.
+
+„Bist du immer bei den Großeltern?“
+
+„Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
+Eltern im nächsten Dorf; dort ist keine Schule.“
+
+„So; komm einmal mit mir, Pierre, und führe mich in die Schule!“
+
+Ängstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
+hinausgehen. Unter der Türe blickte der Kleine noch einmal zurück und
+rief: „Keine Angst, gute Großmama!“ Die Straßen waren noch von Rauch und
+Brandgeruch erfüllt; im untern Teil des Dorfes glühten noch die
+Brandstätten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei führte der Knabe
+den Leutnant zum Schulhaus. Die Türe stand offen. Sie gingen hinein.
+Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: „Das
+ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hieß:
+„Die Ulanen kommen!“
+
+„Dann seid ihr alle ausgerissen.“--„Ja.“
+
+Der Offizier ging zu der großen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
+Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
+nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem französischen
+Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
+mit großer Schrift in französischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
+tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
+deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.
+
+„So, kannst du das lesen?“
+
+„Ja, gut!“ sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
+Geschriebene vor.
+
+„Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie
+kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr
+ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
+schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
+gut Freunde?“ Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden
+und schlug ein. „Nun so spring, kleiner Kamerad.“ Der Knabe rannte davon
+und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die
+Schrift lesen.
+
+Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am
+nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
+Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
+kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es
+lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber
+nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
+Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den
+ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
+wollte warnen.
+
+Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in
+das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
+waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
+Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental
+dringen möchte!
+
+Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
+Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der
+großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen
+Menschen sahen.
+
+Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
+einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
+sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an
+mit der Arbeit.
+
+„Nur ein Kind,“ meinte jetzt einer.
+
+„_Unser Kind_,“ sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
+erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
+zu: „Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
+Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!“
+
+Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben
+entgegen.
+
+Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
+was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war
+und viele Menschen dabei umgekommen seien.
+
+Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz
+an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
+wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es
+machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
+in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum
+Atem fand.
+
+Nun jammerten die Weiber: „Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?“
+Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
+dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus
+gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
+dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen.
+
+„Ja, ja, holt eure Büchsen,“ schrieen die Frauen.
+
+„Ich hole die von meinem Mann!“ rief Pierre's Mutter und alle liefen in
+ihre Häuser.
+
+Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer
+von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt
+ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich
+noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig.
+Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
+griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an:
+„Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
+wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
+sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
+selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben
+hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
+gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
+allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen.“
+
+„Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
+Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!“ Da
+stampfte der Bub zornig auf den Boden. „Es sind keine Unmenschen, es
+ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle
+braten in den Flammen unserer Häuser!“
+
+Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
+„Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?“
+
+„Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle
+zusammengeschrieen.“--„So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen
+erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen
+kommen.“
+
+Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
+auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
+Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt
+worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne,
+sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: „Da unten kommen sie!“
+
+Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
+Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten.
+Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen
+oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und
+Wiesen ringsum.
+
+Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große
+Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
+würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der
+Knabe: „Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
+gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
+französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn
+schießt. Sagst du es ihm, Mutter?“
+
+„Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er
+kommt!“
+
+„Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!“ Und
+richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
+Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
+erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
+von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
+erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
+und führte ihn an der Hand.
+
+Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
+Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte:
+„Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
+Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
+haben, werden sie schwerlich auf uns schießen.“
+
+Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. „Dort ist meine Mutter,“ sagte
+Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den
+Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.
+
+„Bleib bei mir, kleiner Freund,“ rief der Leutnant und hielt den Knaben
+fest. Da sah dieser betroffen auf.
+
+„Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
+bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben.“
+
+Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch
+selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den
+großen Offizier schützen.
+
+Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
+gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein
+paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
+zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten.
+
+Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: „Wir kommen nicht
+als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht
+feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
+wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!“
+
+Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
+„Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand
+wird etwas Feindseliges tun.“--„Nein, niemand,“ betätigte der Chor der
+Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
+bösen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. „Die
+Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!“ Die Weiber kreischten auf vor
+Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
+gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: „Pardon, es war nur Zufall,
+ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
+seine Waffe bei der Hand!“
+
+Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
+zu dem Buckligen: „Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
+wir fertig sind.“ Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab.
+
+„Hände hoch!“ befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände
+hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.
+
+„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei.
+Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei,
+bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun
+alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen,
+Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten
+es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie
+freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute
+nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
+seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die
+einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
+„sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die
+Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des
+Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
+zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
+Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber
+wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
+seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch
+dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
+nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
+verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
+hatten, von den Leuten.
+
+Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
+ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse
+besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
+diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine
+Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.
+
+„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde
+hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
+Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der
+Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie
+gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres
+Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So,
+Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
+dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
+befreien!“
+
+Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf
+den Buckligen wegen der Pistole.
+
+Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
+Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
+ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen
+dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
+Leben verdanken?
+
+
+
+
+In Gefangenschaft.
+
+
+Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
+kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm
+sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere
+hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn
+die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es
+galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was
+die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und
+Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
+beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
+allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
+ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam
+nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
+Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm
+beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen
+waren sein Stolz und seine Freude.
+
+Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung.
+Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade _jetzt_
+ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes
+Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland
+schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
+Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.
+
+Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater,
+Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
+großen Begeisterungssturm dahin.
+
+Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die
+waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wußte man nicht.
+Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
+Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von
+seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.
+
+„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber
+siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen,
+da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
+Festung Lüttich erobert!_
+
+Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
+daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich
+dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung
+gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so
+schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht
+vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer
+loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht
+großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im
+geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
+überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte,
+bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
+aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest
+gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine
+schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der
+Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell
+zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel
+etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
+Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
+wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine
+deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
+voneinander. Grüßt ihn.“
+
+Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
+und von Mund zu Mund ging's: _Großer Sieg in Lothringen_, 10000
+Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der
+jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den
+Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all
+den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
+lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
+mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
+nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
+Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
+obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt
+kommen, weiß ich nicht.“--
+
+Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
+beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
+Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
+schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
+Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
+Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte
+doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
+durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
+Nichts gefunden.
+
+Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für
+jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
+Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.
+
+Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine
+Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und
+er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
+werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt
+wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
+Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie
+nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“
+„Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
+weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie
+wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
+zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie
+legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
+Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein
+wenig oben bei uns, es ist so schwer!“
+
+Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
+langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig
+machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.
+
+Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang
+habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
+hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
+vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme,
+saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf
+Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen,
+spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
+Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
+Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und
+Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von
+Lutz?“
+
+Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
+er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang
+nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
+Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“--„Also
+doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.--„Aber er lebt doch und ist
+gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“
+
+„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
+deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
+ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
+Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und
+bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief
+angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
+ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle.
+Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
+Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch
+für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer
+Sohn und Bruder Lutz.“
+
+Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von
+Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar
+nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“--„Ja, es ist
+ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für
+seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“--„Aber doch
+fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber
+kann doch kein Zweifel sein.“
+
+„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“
+
+Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da
+leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag
+haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“
+
+„Warum?“
+
+„Er möchte sie doch haben!“--„Da nimm!“
+
+Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
+fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.
+
+„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch
+gedacht!“--„Nur sachte, sachte!“
+
+Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich
+gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
+spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:
+
+ Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
+ sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs
+ Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im
+ Frieden.
+
+Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
+wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
+bewegt.
+
+„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft,
+ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
+ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
+Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht
+existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum
+Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
+herausbringen!“
+
+Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die
+geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
+zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
+_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
+das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und
+sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern
+ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu
+arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut
+einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht,
+und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die
+Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
+schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“
+
+So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
+Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
+Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen
+Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
+wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
+manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los.
+Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es
+auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.
+
+Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
+großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
+sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt
+wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet
+und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.
+
+Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
+Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu
+schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
+nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
+Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit
+feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.
+
+Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den
+Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
+sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
+seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel
+zu tragen.
+
+Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
+Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
+in ihnen noch nach: „_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_,
+was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut,
+seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie
+am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas
+mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte
+ich noch etwas _helfen_.“
+
+Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört
+hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können.
+Was meinst du?“--„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
+Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
+ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen
+Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen
+Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform
+stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch
+deinen Mann noch hergeben.“
+
+„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“
+
+„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
+bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem
+Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
+kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
+ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben,
+sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
+Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte
+Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art
+beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung
+unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“
+
+„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
+die Gefangenen gut.“
+
+„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische
+gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
+worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
+unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
+worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
+aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und
+verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
+Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“
+
+Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das
+gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du
+kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich
+will die Trennung tragen.“
+
+„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie
+weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.
+
+Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
+große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
+ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht
+schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
+„Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“
+
+Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!
+
+
+
+
+Der junge Professor
+
+
+Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch
+wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg
+ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts
+lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
+wenn es gar keinen Krieg gäbe!
+
+Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer
+Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
+geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es
+in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
+der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
+sich hatte.
+
+In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen
+Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
+den künftigen Soldaten Deutschlands!
+
+Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
+jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß
+ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
+drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
+auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch
+nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs
+Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen.
+
+Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere
+Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders
+eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen
+Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium
+lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten
+in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war
+auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer
+untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es
+waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
+hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
+lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
+Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
+würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
+dem Latein anfangen?
+
+Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das,
+was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
+auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu
+diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
+Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
+Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
+schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich!
+
+„Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
+wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu
+nennen?“
+
+Da brüllten sie durcheinander: „In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen,
+Namur, Maubeuge, Brüssel!“
+
+Einer rief: „Paris!“
+
+„Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!“
+
+„Aber soviel wie besiegt ist's!“
+
+„Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über
+was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?“
+
+„Über die Grausamkeit,“ rief einer.
+
+„Ja, ich meine aber etwas anderes.“
+
+„Über das, daß sie gegen uns Krieg führen,“ meinte ein kindliches
+Bürschlein.
+
+„Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
+eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat.“
+
+Jetzt kam es vielen zumal: „Über die Lügen.“
+
+„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
+sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
+diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
+mehr als die Wahrheit.“
+
+Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun
+Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte
+von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
+erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an
+die Pflicht wie unsere Soldaten!“
+
+Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer;
+etwas vom Krieg war hereingeweht.
+
+Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
+bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über
+den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
+er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.
+
+„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als
+er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
+oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
+Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir
+nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
+Schule vorbeigekommen sind.“--„Die gehören auch nicht herein ins
+Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu.
+
+Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen
+hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen
+Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht
+läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine
+Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn
+Rektor darüber sprechen.“
+
+Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
+Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er
+es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon
+verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander
+aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
+miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
+Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
+Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
+ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser
+Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
+Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander
+davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
+verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
+der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
+einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
+nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr
+alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die
+Ehre zu erweisen!“
+
+Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
+bewegt von der Ehrung.
+
+„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines
+Vaters?“
+
+„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
+er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
+seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein
+Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
+verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
+mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
+seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß,
+diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
+auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht
+sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins
+Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
+bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen
+Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
+die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
+aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
+zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in
+der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
+ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
+einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
+Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
+noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße
+schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
+er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten
+haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei
+Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und
+haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“
+
+Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
+berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld
+begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
+gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
+seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre
+für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
+Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
+ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich
+auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener
+Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.
+
+Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
+diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den
+letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
+hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch
+nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
+gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
+einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des
+Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
+nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
+beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören,
+reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser
+Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
+noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied
+mehr, nur deutsche Kameraden?‘“
+
+„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das
+gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse.
+
+Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
+Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag.
+Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und
+Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
+nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler
+an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft
+verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch
+unter den Buben. Verstanden?“
+
+Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind
+hochmütig.“--„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
+nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
+den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
+Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_
+Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig
+sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“--„Ja, ja!“ das kam allen
+aus dem Herzen.
+
+Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
+auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber
+liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
+Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen
+Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
+Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
+fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
+„Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
+Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
+abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein
+großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen,
+Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.
+
+„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und
+umdrängten ihren Lehrer.
+
+„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
+schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
+Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er
+weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor,
+ich, meine drei Brüder sind im Feld!“
+
+Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: „Von mir vier Brüder!“
+
+Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der
+Volksschüler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
+dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über
+die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so
+lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und
+einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten,
+und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer
+verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
+andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese
+beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften.
+
+Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
+Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
+gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
+Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer
+acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der
+freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen
+ihrer Angehörigen.
+
+Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein
+Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen „Emden“ berichtete; diesmal
+waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
+derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
+hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon
+ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
+werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen
+mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
+Zeitungen voll waren.
+
+Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große
+Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer
+Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der
+vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
+Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
+schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
+sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte
+spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
+Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
+gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
+möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
+gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:
+
+ Die Toten.
+
+ Herr Gott, nun schließ den Himmel auf,
+ Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
+ Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
+ Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
+ Wir können sie nicht mehr schmücken,
+ Nicht mehr die Hände drücken
+ Den vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ Herr Gott, nun trockne selber du
+ Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh'
+ Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
+ Führ alles Dunkle zum Licht hinaus.
+ Dieweil wir Eltern und Frauen
+ In zuckender Wehmut schauen
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
+ Seinen gefallenen Heldenstand
+ Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
+ Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
+ Weil doch ihr herrliches Leben
+ Für uns zum Opfer gegeben
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ _Georg Merkel._
+
+Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor
+Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
+war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler,
+daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
+begraben sei.
+
+Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
+Lateinschüler an und sagte: „Die Eltern von Professor Jahn haben mir
+erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: ‚Grüßt
+mir meine Buben!‘ Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
+denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat ‚sein
+herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!‘“
+
+
+
+
+Allerlei Kriegsbilder
+
+nach Briefen und Zeitungen.
+
+
+Der Turmbau zu Babel.
+
+
+Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über
+das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die
+Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und
+Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
+auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte:
+„Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen
+werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
+finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
+vorlesen, was da steht.“
+
+Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
+der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es
+sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
+Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
+vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
+zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum
+Schaden gereichen werde.
+
+
+Erbprinz Luitpold.
+
+Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
+glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
+tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
+man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
+mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
+schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
+an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.
+
+Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
+nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: „Jetzt ist
+nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln.“
+
+Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
+in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
+dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
+„Königliche Hoheit“ oder ein Schüler mit „Sie“ anredete, so verbat er
+sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
+Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
+überall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
+Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen.
+Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
+mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
+folgenden Gedicht festgehalten:
+
+ Auch ein junger Königsprosse,
+ Dem der Sinn nach „Dienen“ stand,
+ Steigt von seiner Väter Schlosse,
+ Bietet freudig seine Hand.
+
+ Zu der ungewohnten Mühe
+ Auf dem Feld im Sonnenbrand,
+ Gleich den Andern spät und frühe,
+ Tapfer in der Reih' er stand.
+
+ Schweigend schau'n die Berge nieder,
+ Dunkel liegt der Königssee,
+ Nirgends tönen frohe Lieder,
+ Auf der Welt rings lastet Weh.
+
+ Zarter, lieber Königsknabe,
+ Banges Ahnen faßt mich an,
+ Daß du dort zu deinem Grabe
+ Selbst den Spatenstich getan!
+
+ Denn indes dein Heldenvater
+ Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
+ Hat dich kleinen Erntehelfer
+ Schnitter Tod hinweggerafft.
+
+ Mag des Helden Herz erschauern,
+ Da von fern dies Wort er spricht:
+ „Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
+ Handeln heischt allein die Pflicht!“
+
+ Doch indes er weiter lenken
+ Muß das Schicksal der Armee,
+ Sehnend wird er heimwärts denken,
+ Manche Nacht in tiefen Weh:
+
+ Deine Mutter mußt ich geben
+ Längst der Erde schon zurück,
+ Doch sie ließ von ihrem Leben
+ Mir in dir ein köstlich Stück.
+
+ Nun auch dieses hingeschwunden,
+ Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich!
+ Ringsum bluten tausend wunden--
+ _Eine_ weiß ich, die traf _mich_.
+
+ _Johanna Klemm_
+
+
+Kein Standesunterschied.
+
+Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie
+dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
+das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
+ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
+Wasser herbeigeschleppt hatte. „Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
+übrig?“ fragte er bescheiden, „ich habe seit vier Wochen keines bekommen
+können.“--„Ja, hier haben Sie ein Hemd,“ entgegnete der Verteiler, sah
+sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
+ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor.
+
+Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
+Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
+viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu
+tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
+unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf,
+mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die
+Verwundeten Karten schrieben. „Was sind das für Kameraden?“ fragte er.
+
+„Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz
+Adalbert und Prinz August.“
+
+
+Der Hornist.
+
+Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment
+stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte
+Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
+Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die
+Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
+Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.
+
+
+Der Lokomotivführer.
+
+Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit
+Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
+davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
+schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine
+wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein
+guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete
+er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der
+ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
+mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft
+gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.
+
+
+Das Extrablatt.
+
+In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine
+Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die
+Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
+gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen
+dieser Klasse einen Brief des Inhalts: „Es kostet uns unser ganzes
+Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen
+immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen.“
+
+Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
+nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.
+
+
+Die allgemein verständliche Sprache.
+
+Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
+eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
+essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
+sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
+sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre
+doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den
+französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in
+die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
+wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt
+ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den
+Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht
+ein Huhn im Topf.
+
+
+Die Gefangenen.
+
+Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
+seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er
+morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
+schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
+waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
+sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.
+
+
+Der Generaloberst v. Hindenburg.
+
+Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte
+und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
+Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
+bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
+geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat.
+
+Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
+längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
+Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die
+masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im
+Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er
+gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
+Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
+auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar
+bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
+Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
+wollte _seine_ Seen, _seine_ Sümpfe, die er alle persönlich kannte,
+anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte,
+agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen
+und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
+nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe
+lassen werde.
+
+Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
+geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee
+ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
+waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
+Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren,
+daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich
+der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich
+gewordene Ausruf: „Heuer gehen wir baden!“ Denn sie wußten, daß da alles
+vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
+angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
+Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen
+einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
+bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
+Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.
+
+Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
+Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg
+eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere
+schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
+werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.
+
+Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen
+waren, jetzt wurde es ernst.
+
+Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen
+seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
+zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
+Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
+als er ankam, war alles vorbereitet.
+
+Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
+und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.
+
+Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
+ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
+großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich
+allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
+rühmt er: „Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
+bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
+auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste
+geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd,
+tapfer und zäh.“
+
+Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen
+Zuversicht:
+
+ _Wir werden siegen_!
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBüCHLEIN FüR UNSERE KINDER ***
+
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+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/old/12075-0.zip b/old/12075-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..f15bd8f
--- /dev/null
+++ b/old/12075-0.zip
Binary files differ
diff --git a/old/12075-8.txt b/old/12075-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..ae88c5d
--- /dev/null
+++ b/old/12075-8.txt
@@ -0,0 +1,3481 @@
+Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kriegsbüchlein für unsere Kinder
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: April 18, 2004 [EBook #12075]
+
+Language: german
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBÜCHLEIN FÜR UNSERE KINDER ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Kriegsbüchlein
+
+für unsere Kinder
+
+
+Von
+
+Agnes Sapper
+
+
+1914
+
+
+
+
+Meinen lieben Enkeln
+
+ Theo
+ Otto
+ Eduard
+
+gewidmet im Kriegsjahr 1914
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+Heimkehr aus Österreich
+Der 4. August
+Das Pfarrhaus in Ostpreußen
+Die Konservenbüchsen
+Zu welcher Fahne?
+Der kleine Franzos
+In Gefangenschaft
+Der junge Professor
+Allerlei Kriegsbilder
+
+
+
+
+Die Heimreise aus Österreich
+
+
+"Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
+wie wollen wir die vier Wochen genießen!" Frau Lißmann stand auf der
+Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
+österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten
+Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
+zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
+Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt
+und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
+Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer
+Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
+Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende
+Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig
+war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch
+Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre
+wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
+war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig
+gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die
+Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm,
+und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
+Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
+
+Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war
+es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
+Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große
+Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange
+Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter
+ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
+
+"Herrlich ist's!"
+
+Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
+Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die
+Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne
+Landschaft hinausschaute.
+
+Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
+Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
+konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere
+Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
+Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen,
+in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.
+
+Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die
+Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
+Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag
+ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die
+Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken
+versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte
+in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht
+in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
+und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für
+Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang
+sehen konnten. "Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir
+vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns," sagte
+die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie
+wohnten.
+
+Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem
+Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
+immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
+auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde
+im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen
+Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. "Nur
+sachte voran," mahnte die Mutter, "wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
+euch um, es wird immer schöner."
+
+Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
+plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des
+Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
+Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
+
+So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund
+riefen: "Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
+herunter!"
+
+Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein
+die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
+friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
+Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen
+in ihren Städten beschäftigte.
+
+Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt,
+das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
+und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die
+nächsten Wochen.
+
+Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich
+doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten
+eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
+hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen
+Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
+arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
+Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der
+Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
+einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
+genommen. "B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder," riefen ihnen
+die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
+und rief fröhlich zurück: "Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!"
+
+"Hast du gehört, Mutter?" rief Karl, "die ziehen in den Krieg!"
+
+"Ja, offenbar," sagte die Mutter, "aber es hieß doch, die Tiroler müßten
+nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
+ziehen."
+
+Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
+von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
+Vorbeigehen hörten sie sagen: "In Kufstein ist es schon vorgestern
+angeschlagen gewesen."
+
+"Was denn?" fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.
+
+"Daß die Russen den Krieg erklärt haben."
+
+"Nein, wirklich?" sagte Frau Lißmann zweifelnd; "es wird ein falscher
+Lärm sein."
+
+Nun redeten alle zusammen: "Gestern ist's bekannt gemacht worden:
+Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
+gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst."
+
+Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging
+weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: "Es ist hart für
+sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den
+Krieg."
+
+Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. "Kommt, Kinder, kommt
+heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
+keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies
+alles wahr wäre!"
+
+Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich
+dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: "Küß die
+Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
+ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
+Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es
+wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
+beisammen."
+
+Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
+Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam
+von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: "Bin einberufen, muß
+Philipp heimschicken." Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt!
+Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
+
+Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem
+Einjährigen: "Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme
+noch für einen Tag nach Hause."
+
+Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur
+Österreich, auch Deutschland machte mobil? "Die Zeitungen her, Kinder!"
+Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben
+über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_!
+Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
+der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
+älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb
+der sich herum?
+
+Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
+Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
+verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
+Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins
+eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: "Kinder, wir
+müssen heimreisen so rasch wie möglich!"--"Ja, Mutter, schnell,
+schnell," rief Lisbeth ängstlich. "Die Brüder können ja gar nicht ins
+Haus herein!" Karl war nicht so schnell gefaßt. "Jetzt sollen wir schon
+wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
+Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
+auf einen Tag an?"
+
+Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen
+an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den
+Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich
+anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
+vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
+gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in
+den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über
+das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen,
+abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
+sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
+Nachtzug nach München erreichen. "Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
+kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
+der Bahn zu bestellen."
+
+In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat
+angeschlagen. "Sieh, Mutter," sagte Karl, "vom Kaiser von Österreich:
+'An meine Völker!' Das möchte ich lesen."--"So lies, ich gehe zum Wirt."
+Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
+einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts
+zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war
+nichts zu machen. "Aber dann gewiß?" fragte Frau Lißmann. "Um wieviel
+Uhr können wir wohl abfahren?" Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
+müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
+Bescheid sagen. "Um neun Uhr vielleicht."--"So spät?"--Ja, die Pferde
+müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
+und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr
+in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.
+
+Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
+begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
+aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
+das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
+Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge,
+was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
+Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und
+daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig
+brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die
+Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
+wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden
+Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor
+neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.
+
+Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
+ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
+aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es
+sei schon angespannt.
+
+Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. "Jawohl, wir kommen, der
+Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
+nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!" Die Kinder fuhren aus
+den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
+kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
+Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
+
+Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
+Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
+frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie
+dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem
+Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
+Kamm, die sie vergessen hatten!
+
+Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
+fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß
+schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
+sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den
+erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei
+nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
+Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
+verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen
+und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts
+fuhren sie hinaus in den Krieg.
+
+Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der
+Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in
+einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen
+und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
+fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
+und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an
+dem "Hopsen". Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr
+weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
+Pferdedecke, die langte er herunter. "Frau," sagte er, "da setzen Sie
+sich drauf und das kleine Fräulein auch."
+
+Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
+den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
+Verstehen schwer.
+
+"Mein Sohn muß auch mit in den Krieg," sagte Frau Lißmann und sah die
+jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
+
+"Muß er sich in Wien stellen?"
+
+"Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern."
+
+"Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
+allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich
+zusammen, die können's machen!"
+
+Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand.
+Vom Wagen aus wurde er angerufen: "Steig ein, Kamerad!" Der Wirt murrte:
+"Sind so schon genug!" Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
+sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun
+ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
+Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die
+Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster
+holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
+die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
+Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
+sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
+die Grüße.
+
+Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich
+jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war,
+hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
+ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
+sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
+
+Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich
+an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
+hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber
+Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
+in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen,
+klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: "Nichts zu eilen, der Zug hat
+drei Stunden Verspätung!"
+
+Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! "Nun, das
+geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
+ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!" Da erhob ein älterer Herr mitten
+im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren
+etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: "Meine Herren, das ist
+kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
+müssen als das!"
+
+Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
+einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum
+Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen
+Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
+an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu
+bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
+dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen
+Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen,
+diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
+Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
+Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran
+gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
+Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
+
+"Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
+Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!" Sie drängten,
+baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
+nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu
+drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
+dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der
+Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
+
+"Allein käme ich schon durch," versicherte Karl.
+
+"So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten
+ihnen von Herzen Glück in den Krieg!" Der Knabe schlängelte sich
+geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
+von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
+Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder
+zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie
+übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
+ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
+
+Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
+Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
+unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen
+wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und
+wo sie hinein wollten, hieß es: "Voll, übervoll!"
+
+Die Beamten trösteten: "In drei Stunden kommt wieder ein Zug."
+
+Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz
+gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die
+Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
+plötzlich hörte sie eine Stimme: "Nur herein, es geht schon noch!" Ein
+starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es
+zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
+eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst
+hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend.
+"Gottlob!" rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. "Wo ist
+denn mein Hut?" fragte Karl, "man hat ihn mir vom Kopf gerissen!" "Macht
+nichts," tröstete die Mutter, "das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
+Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
+sonst wären wir nicht herein gekommen."
+
+"Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
+hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?"
+
+"Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
+hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken."
+
+Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: "Da ist
+nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind
+Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
+schaffen" und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
+des Ganges. "So, nun nehmen Sie Platz," sagte er freundlich. "Für das
+Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
+einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen."
+
+Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren
+Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden
+sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll
+eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
+Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
+lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
+angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem
+war zu lesen:
+
+ Serbien
+ Du mußt sterbien!
+
+Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: 'Hier werden noch
+Kriegserklärungen angenommen.' Unter Lachen und lautem "Heil, Heil"
+rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.
+
+So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in
+dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter
+entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
+ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters
+volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
+und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
+Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt
+noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten
+befördert.
+
+Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
+ebenso überfüllten Zug.
+
+Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in
+den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich
+unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
+sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann
+gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
+Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe,
+bekannte, fröhliche Stimme rief: "Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt
+ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
+her, Karl!"
+
+"Philipp!" riefen sie alle erstaunt, "ja woher hast du denn gewußt, daß
+wir jetzt kommen?"
+
+"Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon
+erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
+am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
+erhalten?"
+
+"Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater."
+
+"Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
+Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
+nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt.
+Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit
+zwei Tagen."
+
+"Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?"
+
+"Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
+scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze
+Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
+werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
+lassen."
+
+Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. "Aber
+weißt du, daß Krieg ist?" fragte Karl. Philipp lachte hell auf. "Besser
+als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!"
+
+Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: "England! Kinder, das ist
+ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
+denn amtlich mitgeteilt?"
+
+"Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
+keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
+müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du
+hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
+daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe."
+
+Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: "Philipp, du mit deinen
+siebzehn Jahren!"
+
+"Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
+Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich
+gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
+ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
+der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut."
+
+"Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?"
+
+"Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
+die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie
+heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
+war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich
+mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
+so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie
+gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben."
+
+"Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!"
+
+Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den
+Bruder ein. "Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
+bekommen!"
+
+Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
+ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: "Mutter, es ist eben
+Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen
+kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!"
+
+"Ich auch," "und ich," riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
+Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: "Die Engländer auch--eine Welt
+von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!"
+
+ * * * * *
+
+Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
+Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in
+liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein,
+ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs
+Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!
+
+
+
+
+Der 4. August
+
+
+Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
+Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder
+abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien
+hier bleiben.
+
+Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein
+reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im
+siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle
+Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und
+ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
+überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der
+Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
+sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles
+ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon
+vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes
+miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung
+fast Tränen.
+
+Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
+zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.
+
+Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz
+anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
+habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
+vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
+ihrem Regiment einberufen waren.
+
+Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des
+königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
+Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
+versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
+Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
+viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber
+das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
+den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform
+erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in
+Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
+sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
+Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte
+unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit
+schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
+von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im
+Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten,
+stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
+Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell
+die nötigen Beschlüsse fassen.
+
+Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der
+Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das
+gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: "Ich kenne keine
+Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Und dann bat er die Vorstände
+der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und
+dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.
+
+Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der
+Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob
+der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
+vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.
+
+Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem "Hoch" auf den
+Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
+angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer
+den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt,
+man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.
+
+Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
+ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
+muß ich noch was Lustiges erzählen.
+
+Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ
+der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
+z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
+diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
+wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
+sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
+Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
+Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
+Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
+Herrn: "Nun aber wollen wir sie dreschen!"
+
+Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung
+für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man,
+wie wir uns das "Dreschen" ausmalen können.
+
+Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.
+
+Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen
+Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
+unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
+wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und
+Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen
+die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere
+Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
+Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
+Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
+hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: "Ein
+gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein." Dann legte er dar, wie
+es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
+Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne
+Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht
+länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst
+die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit
+reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes
+verteidigen müssen.
+
+Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend
+sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
+"Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
+ist das ganze deutsche Volk!" Da brauste es durch den großen Saal und
+von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und
+der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: "das _ganze_
+deutsche Volk!" Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die
+Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle
+andern Parteien.
+
+Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
+großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die
+Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch
+durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben
+bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
+einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
+Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
+"Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich."
+
+Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der
+Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
+einen stürmischen Beifall, als er sagte. "Was uns beschieden sein mag,
+der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage
+Deutschlands sein."
+
+Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er
+sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere
+eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
+hat es ja auch in dem Ausruf: "An mein Volk" gesagt: "Noch nie ward
+Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war."
+
+Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern
+werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag
+lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
+Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
+streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt,
+und das finde ich ganz natürlich.
+
+Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
+einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese
+Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie
+Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.
+
+Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand
+sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht.
+Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie
+würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.
+
+Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
+viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
+wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
+nicht gern anvertraut.
+
+Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht
+auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen,
+als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu
+habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
+erstaunt auf mich und sagte: "Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es
+dasselbe tut, wie unsere Soldaten!" Ich verstand nicht gleich, was er
+damit meinte, bis er sagte: "Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
+sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
+als nur das Nötige, so soll es mich freuen."
+
+Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
+Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei
+den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
+den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!
+
+
+
+
+Das Pfarrhaus in Ostpreußen.
+
+
+In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende
+Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten
+Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen
+Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
+Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das
+Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die
+Verwüstung des Landes.
+
+Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
+Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.
+
+Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
+hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. "Wir
+können nicht," sagten sie zueinander, "wie sollten wir das machen?
+Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und
+wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht."
+
+Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet
+waren, auch der Pfarrer.
+
+"Unser Pfarrer wird auch gehen," sagten sie zu einander, "er hat seine
+Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
+da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
+Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint."
+
+Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
+sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
+aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.
+
+Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete
+die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten,
+daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.
+
+Der Pfarrer riet zur Flucht: "Morgen schon können die Feinde hier sein,"
+sagte er, "und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres
+Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
+preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in
+Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
+überzeugt."
+
+"Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?"
+
+"Wenn ihr geht, ja."
+
+"Und wenn wir nicht gehen?"
+
+"Dann werde ich bei euch bleiben."
+
+Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau,
+die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
+unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
+"Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht
+schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
+gleich heute, sonst ist es zu spät!"
+
+Da wandte einer der Bauern sich an sie: "Frau Pfarrer, ich glaube es
+nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
+großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
+Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
+dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
+herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
+Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben."
+
+Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den
+Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
+fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von
+ihrer Heimat.
+
+So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: "Wir danken auch, daß
+Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer."
+
+Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
+der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen
+kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
+deutete einer der Männer auf die Kinder: "Die haben wir auf dem
+Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
+betrifft, die wäre gern geflohen."--"Ja, und der Herr Pfarrer war auch
+dafür."
+
+"Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
+erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
+deutschen Truppen stehen."
+
+Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
+Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
+dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.
+
+Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
+seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: "Wir müssen uns
+trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen."
+
+"O Johannes!" rief sie, "warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
+habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
+zu deiner Mutter!" Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein
+Herz: "Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
+kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
+Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst,
+keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
+dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
+bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
+mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
+trennen müssen."
+
+"Trennen?" sagte sie, "wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
+rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
+bis in den Tod."
+
+Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern
+flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
+Pfarrfrau: "Sei getreu bis in den Tod." Ruhig und mutig sah sie dem
+entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.
+
+Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag
+war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag.
+Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
+hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
+Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
+der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
+Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von
+weitem hörte man ihren Schreckensruf: "Die Kosaken kommen! Ein ganzer
+Trupp ist hinter uns her!"
+
+Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. "Luise, es wird ernst! Die Feinde
+kommen! Gott sei uns gnädig!" Er wollte den Talar ablegen.
+
+"Behalte ihn an," bat seine Frau, "vielleicht achten sie dies Gewand!"
+
+"Meine gute, kluge Frau!" rief er und drückte sie an sein Herz, "was
+wird nun über uns kommen?"
+
+"Was sollen wir tun?" fragte sie dagegen, "das Hoftor und die Haustüre
+schließen?"
+
+"Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon
+in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
+Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
+brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
+Furcht." Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
+Nebenzimmer spielten: "Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
+wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen."
+
+"Keine Feinde, gelt Vater?" sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
+Worte hörte.
+
+"Hungrige Soldaten," erwiderte dieser ausweichend. "Hilf der Mutter den
+Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine."
+
+Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
+wie für Gäste.
+
+In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß
+herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
+sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.
+
+"Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
+Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten
+gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich
+nach."
+
+"Ei, Mutti," sagte Fickchen, "ich glaube, Maruschka ist bange vor den
+Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung."
+
+Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
+Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.
+
+Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die
+Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache
+ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei
+Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder
+sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
+Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.
+
+Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es
+abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich
+schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der
+Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe
+weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich
+vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
+machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
+russischer Sprache: "Kommt herein, der Tisch ist schon für euch
+gedeckt!"
+
+Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
+dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
+noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände
+segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die
+Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.
+
+"Das ist meine Frau und meine Kinder," sagte der Pfarrer ruhig. Die
+beiden Kleinen traten zutraulich heran. "Meine Frau kann nicht russisch,
+aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
+Luise," fügte er in deutscher Sprache hinzu.
+
+Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten.
+Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer,
+es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
+Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
+Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
+Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
+waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.
+
+Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
+was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
+beste.
+
+Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
+aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer
+Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und
+lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
+erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
+sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die
+Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.
+
+So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
+ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze
+Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht
+hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
+Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
+weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole
+und schoß den Wirt nieder.
+
+Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
+am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
+einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die
+Soldaten nicht im Haus dulden wollten.
+
+Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten
+beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
+die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.
+
+Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
+seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
+trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
+des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
+Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: "Wer
+läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe
+verboten haben?"
+
+"Ach, Herr Pfarrer," sagte die Frau erschreckt, "es ist ja nur das
+Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden
+die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu
+Grabe getragen werden."
+
+Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben:
+"Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das
+Leben kosten!"
+
+Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
+versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem
+Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
+ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten.
+Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von
+ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick
+überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
+Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
+drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
+wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern
+unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
+der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. "Ich habe
+nur getan was meines Amtes ist," sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
+"das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen." Da wechselten
+sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
+fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden.
+Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. "Versündige
+dich nicht," sagte der Pfarrer, "lege es dem Toten auf sein Grab," und
+der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.
+
+Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer,
+niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
+hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen
+sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
+Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.
+
+Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das
+Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber
+nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
+geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu
+bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
+wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
+sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof
+zurück käme.
+
+Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl
+darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
+Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen
+nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre
+zu.
+
+"Tee?" fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
+Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei
+diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
+dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
+Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und
+Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße.
+Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in
+das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck
+mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh
+schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb
+so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!
+
+Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der
+lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
+so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
+Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
+unmöglich schien.
+
+Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
+Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in
+die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
+würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der
+Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein
+an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
+auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.
+
+Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
+durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.
+
+"So, endlich!" sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, "jetzt
+komme nur gleich, der Tee wird kalt!"
+
+Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
+transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
+Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
+einzigen Sorge: der Tee würde kalt.
+
+Sie sah jetzt seine Erregung. "Was ist denn geschehen?" fragte sie
+ängstlich.
+
+"Du weißt wohl von gar nichts?"
+
+"Nein, wo warst du denn?"
+
+"Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
+Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
+Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an
+unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
+gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der
+Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben
+gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
+meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr
+zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
+Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für
+mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
+Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!"
+
+"Ja, Gott Lob und Dank!" Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte
+sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden;
+aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.
+
+Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.
+
+Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen
+sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
+Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich;
+keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
+Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
+einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:
+
+"Nur fort, nur fort!"
+
+Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
+Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und
+Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften
+mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.
+
+Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
+anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man
+schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche,
+bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit
+schwerer Sorge in die Zukunft sahen.
+
+Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
+geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen
+und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den
+engen Straßen.
+
+Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden
+in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und
+Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.
+
+Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
+Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
+sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet
+wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
+konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
+Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
+Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
+Hand der Feinde gerettet würde.
+
+Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst
+_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
+Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.
+
+Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!
+
+Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
+Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
+Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
+untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
+Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald
+wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid
+versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
+der dem Leid ein Ende gemacht.
+
+Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen
+zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der
+Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
+Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
+wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
+glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
+verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!
+
+
+
+
+Die Konservenbüchsen.
+
+
+In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner
+Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben
+Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber
+sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
+sie rief dem Nachbar zu: "Kommt sie noch nicht?"--"Sie muß gleich
+kommen."
+
+Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah
+aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. "Jetzt kommt sie!"
+rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
+Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
+es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
+trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen
+wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
+hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen
+gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung
+glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so
+schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
+unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand
+und rief dem Vater zu: "_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend
+Mann gefangen_."--"Wirklich? gib her, Georg!" Der Vater verschwand im
+Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
+auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten
+sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
+Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte
+beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die
+Jungen folgten ihr. "Das hätte ich so gerne noch gehört," sagte
+Georg, "was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
+Konservenbüchsen."--"Was für Büchsen sind denn das?" fragte der kleine
+Hans.--"Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und
+Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie
+gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher
+weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für
+den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
+Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt
+30 Pfennig mit."
+
+Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem
+Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und
+gewogen. "Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
+Pfennig," sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem
+Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
+Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem
+Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
+diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg
+gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. "Und eine
+Schokoladestange für fünf Pfennig," sagte er; bekam sie, ging hinaus,
+ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
+Gewissen dabei; "wegen der fünf Pfennig". Er war schon mit Essen fertig,
+als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. "Komm, der Vater ist
+allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor." Bald
+standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: "Unter den
+Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
+zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen
+angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und
+Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber
+eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß
+sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser
+Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
+russischen Volk herrscht."
+
+"Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
+nicht!" rief die Frau empört.--"Ja es ist unglaublich!"--"Was denn,
+Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch," drängte
+der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die
+Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.
+
+"Begreifst nicht?" sagte die Mutter, "wenn ich dir einen Nickel gebe und
+sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
+Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der
+russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
+gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die
+Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch
+und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen
+getan und haben sie zugelötet."
+
+"Die Russen haben das getan?" fragte Hans, der mit größter Spannung
+zugehört hatte.
+
+"Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
+ehrlich."
+
+"Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?" fragte Hans wieder,
+"ich möchte auch ein Deutscher werden."
+
+Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
+Blondkopf: "Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
+bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!"
+Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört,
+daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf
+Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade
+ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
+"Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
+Deutscher, gelt Mutter?" sagte er, "nur natürlich so etwas, wie mit den
+Büchsen, darf er nicht tun!" Der Vater blickte von der Zeitung auf und
+sah Georg an. "Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an," sagte
+er, "es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
+Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter."
+
+"Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,"
+beharrte Georg.
+
+"Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
+die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon
+als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
+soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
+erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
+auch das andere nicht können."
+
+Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so
+etwas tun, wie es die Russen getan hatten?
+
+"Gelt, dich drückt etwas," fragte die Mutter ihren Großen, der in
+sichtlichem Unbehagen dastand, "hast was auf dem Gewissen, Georg?"
+
+"Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade
+dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben."
+
+"So, so!" sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte
+doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so
+besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite
+wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die
+Russen. "Ja, ja," sagte er plötzlich und sah hell auf, "die Russen haben
+wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas
+davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir
+sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir
+sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
+Büchsen, gelt du?"--"Ja, Vater!"--"Da drüben ziehen sie die Fahne auf!"
+rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. "Ja, Sieg über
+die Russen und über die Russenart!"
+
+
+
+
+Zu welcher Fahne?
+
+
+Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
+des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
+Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie
+ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder,
+zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später
+war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute
+Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit
+drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein
+Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris
+leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache
+vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann,
+der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und
+Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen
+Altersgenossen zur Schule.
+
+Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
+und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.
+
+In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
+Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten
+sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre
+Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem
+eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.
+
+Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer
+Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er
+darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja
+Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei
+Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu
+zweifeln.
+
+Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im
+Kriegsfall einberufen werden.
+
+"Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel," meinte der Direktor; "Sie
+dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden.
+Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die
+Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie
+ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen,
+wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde."
+
+Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine
+drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
+Salon erwartete ihn seine Frau.
+
+"Wie spät du heimkommst," klagte sie. "Das kann doch nicht so weiter
+gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der
+Herrn übernimmst, die abgereist sind."--"Ich muß es ja nicht umsonst
+tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
+Gehalt angeboten."
+
+"O wie fein!" rief Frau Kolmann, "den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
+ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den
+Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
+Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?"--"Bitte, laß uns
+nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in
+der Stimmung auszugehen."
+
+"Schade," sagte die junge Frau, "wie kann einer nicht in guter Stimmung
+sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber
+ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
+wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der
+Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
+auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
+gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren,
+so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe
+es heute erst im Figaro gelesen."
+
+"Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!"
+
+"Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
+der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
+Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
+einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg
+fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie
+anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei
+nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
+an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt."
+
+"Ja, wie geht es ihnen?"
+
+Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige,
+schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich
+seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der
+Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.
+
+Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank.
+Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
+Frau und Kindern mit den Worten: "Auf Wiedersehen um zwei Uhr." Zärtlich
+küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen,
+ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
+lockte. Sie wurde eben von der "Bonne" in ein weißes Kleid gesteckt und
+streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick
+hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
+Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine
+hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
+"Es ist der Krieg!" rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
+nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: "Es ist der Krieg!"
+
+Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß
+die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
+eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
+erklärt.
+
+Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er
+wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
+mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier
+Worte: "Es ist der Krieg!" Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
+hinhielt. Sie las es. "Also wirklich?" Nun mußte auch sie an den Krieg
+glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las,
+was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
+Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl
+den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
+und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische
+Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. "Papa," fragte Paul--er redete
+französisch--"Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
+Engländer halten zu uns, ist das wahr?"--"Zu uns?" Der Vater sah seinen
+Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und
+also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch
+und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem
+Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
+sprechen. "Bitte Papa, sage mir's!" wiederholte Paul, "hält England zu
+uns?"
+
+"Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen," sagte Herr Kolmann
+ausweichend.--"Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
+haben die auch Freunde?"
+
+"Ja, Österreich geht mit Deutschland."
+
+"Papa, wer wird's gewinnen?"
+
+"Wir, Paul," sagte der Vater und er dachte dabei "wir Deutschen", aber
+er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
+forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins
+Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.
+
+Die Eltern blieben allein zurück. "Paul meint, wir seien Franzosen,"
+sagte Kolmann. "Das ist ja nur gut," entgegnete seine Frau, "Elsaß kommt
+nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz
+Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
+Frankreich übergehen."
+
+"Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
+und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
+wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr,
+wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge
+zur französischen Fahne?"
+
+"Der freilich nicht," sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte
+sie hinzu: "Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja
+schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte." In
+sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.
+
+"Was beunruhigt dich so?" fragte sie teilnehmend.
+
+Er schwieg.
+
+"Sage es mir doch, lieber Freund," bat sie zärtlich.
+
+Da blieb er vor ihr stehen. "Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du
+es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
+dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die
+Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir
+alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
+Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der
+französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal
+vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen."
+
+"Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
+unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben
+wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
+Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!"
+
+"Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer," antwortete
+er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.
+
+"Unsere Großeltern waren noch Franzosen," sagte sie, "so können wir es
+doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?"
+
+"O nichts," sagte er bitter, "nichts als das, daß ich als Soldat zur
+deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl
+ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
+brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
+rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist
+das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem
+edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
+All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
+hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!"--
+
+Charlotte stand ergriffen.
+
+In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
+Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: "Mama, wir sind schon in Berlin
+gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
+gefangen, dem soll es schlecht gehen!"
+
+"Schweigt!" rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten
+eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung
+verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.
+
+"Verzeih," sagte der Mann, "ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
+hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
+besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!"
+
+Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
+noch bitterlicher. Begütigend sagte er: "Ich werde Paul noch ein
+freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht
+verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!"
+
+"Ach, das ist's nicht," sagte sie schluchzend, "aber geh nur jetzt, wir
+können ja mittags alles besprechen."
+
+Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten
+Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
+Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
+Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte,
+wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem
+Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
+Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
+es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt
+angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor.
+
+Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
+Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie
+sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß
+sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
+Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
+nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
+überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und
+jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr
+ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
+Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn
+sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
+auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer.
+Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
+Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen.
+Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im
+Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort
+mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul
+ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
+Befehle gab.
+
+"Mama," sagte er, "die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
+ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht
+sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig,
+und warum ist Papa auch nicht wie sonst?"
+
+"Das kommt vom Krieg, Kind."
+
+"Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
+wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
+Elsässer. Wie ist das eigentlich?"
+
+"Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber."
+
+"Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da
+stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer
+habe, wohin muß ich sie stellen?"
+
+Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. "Bitte,
+sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
+Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote,
+das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?"
+
+Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es
+klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
+anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
+könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. "Ich
+wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen," sagte Herr Frank.
+"Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun.
+Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
+Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch
+fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug
+sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
+zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
+Sie?"
+
+"Ich weiß nicht," sagte Frau Kolmann; "vielleicht--ich weiß nicht; was
+macht Ihre Frau?"
+
+"Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
+sehen, ihnen kein Wort gönnen."
+
+"Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
+Ihren Kindern?"
+
+"Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
+das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach
+Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr
+Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns
+unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle
+Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im
+stolzen, sieggekrönten Vaterland!" Er drückte ihr die Hand zum Abschied
+und ging.
+
+Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen,
+einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr,
+der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen:
+Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
+sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in
+Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der
+Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
+zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen.
+Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück.
+
+"Nun, Paul," sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, "was wolltest
+du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie,
+das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu
+Deutschland."
+
+"So?" sagte der Knabe nachdenklich, "ja, dann muß ich alles anders
+aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
+müssen oben stehen, damit sie siegen können!"
+
+"Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
+ihn freuen."
+
+"Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
+Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen
+gehalten."
+
+"Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!"
+
+ * * * * *
+
+Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
+entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
+verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
+wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
+aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
+verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.
+
+Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht,
+wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten,
+wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
+Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
+Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
+ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
+Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er
+aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem
+Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.
+
+Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
+Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen
+Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
+Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da
+sagte sich Kolmann: "Hilf dir selbst!" Mit viel Geld, mit guten und
+bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten
+Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
+Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.
+
+Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
+in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der
+boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß,
+während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
+weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
+in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der
+Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
+"Mein Kind, mein Kind!", der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
+Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren
+oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.
+
+Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit,
+irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
+kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle
+Einrichtungen; es war Krieg.
+
+Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
+Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten
+Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen:
+"Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?" Schließlich kam
+sie mit der Frage in den richtigen Wagen. "Ja, ja!" riefen Pauls Eltern
+wie aus einem Mund. "Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus
+gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
+aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte." Frau
+Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: "Aber verloren ist er!"
+schluchzte sie laut. "Ich sah noch," fuhr das Fräulein fort, "daß eine
+Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren
+kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
+mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
+und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
+sagen."--"Danke, danke!" Frau Kolmann konnte nichts weiter
+hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre
+Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr
+Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
+wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
+wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen
+Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.
+
+Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
+durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
+was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
+Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder
+konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
+vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre,
+die Wehrlosen zu schützen.
+
+Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So
+Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie
+Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
+werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
+behandelte!
+
+Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
+gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von
+da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck
+vollends hinüber kämen.
+
+Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
+ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der
+Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und
+Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
+standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder
+abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren
+Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
+auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu
+Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
+wiedergewonnenes deutsches Vaterland!
+
+ * * * * *
+
+Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg
+eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
+in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine
+Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
+er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch
+Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das
+verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
+Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und
+auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
+nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer
+gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
+Wort "vermißt" vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen
+sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?
+
+Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
+tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
+verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
+sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
+dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die
+sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
+Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
+nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich,
+beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem
+sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen
+derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer
+wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
+bedrückte.
+
+Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
+schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. "Wer
+kommt so spät noch?" Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand
+außen. "Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
+es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen." Der Bote
+ging.
+
+"Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht," sagte Kolmann, indem er sich
+wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: "Auf
+Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
+eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
+Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren
+Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
+solchen suchen."
+
+Es folgte eine Liste. Sie begann:
+
+ "Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
+ in Berlin, Passauerstraße 6."
+
+ "Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
+ Gullasch in Heinrichswalde."
+
+ "Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
+ Elsaß."
+
+ "Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
+ Grau Donalus, Fasanenstraße."
+
+ "Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im
+ Elsaß."
+
+So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.
+
+"Ja," sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, "an diese Zeitung
+wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben." Er stand auf, das
+Schreibzeug zu holen.
+
+Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: "Liebster, höre
+nur: 'Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
+Walfischgasse 3, bei Frau Peter.' Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
+Herzensmann, lies!"
+
+Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
+den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden
+war. "Er sucht uns!" rief Frau Kolmann bewegt, "'gesucht von ihrem Sohn'
+heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese
+Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht
+vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?"
+
+"Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!"
+
+Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
+Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen,
+sei unnötig.
+
+"Also wird ihn Frau Peter bringen," schloß Frau Kolmann, "denn allein
+kann das Kind doch nicht reisen."
+
+Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
+abgereist.
+
+Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam.
+
+Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
+die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
+Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte
+sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß,
+hob die Kleine auf den Arm und rief: "Ich kann sie ganz nach Hause
+tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch
+immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
+in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau
+Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser."
+
+"War sie gut, die Frau Peter?"
+
+"O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
+niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich
+Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der
+Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
+ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
+mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
+angefahren: "So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!" Da ist
+der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
+so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
+Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
+angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte
+sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und
+ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
+in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen."
+
+Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen.
+
+Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
+die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein
+Bruder Emil wundern. "Uns gefällt es gar nicht"; sagte er, "wir haben
+doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!"
+
+Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und
+die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut
+hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
+im Gegenteil.
+
+Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
+als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
+Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich
+wieder da war.
+
+"Der Papa geht jetzt in den Krieg," erklärte Emil.
+
+"Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
+Mama so grob gestoßen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
+geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
+gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straßburg reisen--es tue mir
+niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
+hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weißt du, die
+Nähmaschine haben wir natürlich nicht gleich ganz bezahlen müssen, die
+muß monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
+Peter nicht etwas schicken?"
+
+"Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?" fragte der Vater lächelnd.
+
+Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: "Fünfzig Mark! Aber wenn du ihr
+zehn schicken könntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!"
+
+"Wir schicken ihr fünfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
+für deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
+reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch später nie vergessen."
+
+Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glück an diesem
+Abend.
+
+Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
+wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglückendes
+Wiedersehen folgen?
+
+Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.
+
+
+
+
+Der kleine Franzos.
+
+
+Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
+gar schnell auf den großen Straßen, die nach Paris führen, vorwärts.
+
+Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
+unsere Hauptstädte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
+eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mußten, wie
+unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze französische
+Bevölkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfaßt. Männer und
+Frauen ließen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
+Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
+sie heimtückisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Häusern
+heraus.
+
+Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
+ein Dorf einzögen, dürfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
+sollten sich hüten und wenn künftig nur auch _ein_ Schuß fiele, so würde
+das ganze Dorf verbrannt.
+
+Aber die Wut und der Haß waren zu groß; auch glaubten die Leute nicht,
+daß unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Männer, die keine Waffen
+trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein würden. Man
+hatte ihnen so viel vorgelogen, daß sie meinten, die Deutschen seien
+grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, daß sie wie Meuchelmörder
+aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
+die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schießen, und das
+geschah.
+
+So kam es, daß eine ganze Anzahl von Dörfern niederbrannten. Viele der
+Bewohner flüchteten in die nächsten Orte und erzählten dort die
+Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzählten sie nicht, daß sie
+selbst an diesem Unglück schuld waren. So wurde die Angst vor den
+Deutschen und der Haß gegen sie immer größer.
+
+Ein großes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
+auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
+geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Häusern rings
+herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
+Abend ein; aber sie ließen auch die französischen Familien ruhig in
+ihren Häusern.
+
+So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
+einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
+neunjährigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
+und war artig gegen seine Großeltern. "Komm doch einmal her zu mir!"
+rief der Offizier, der beim Frühstück saß, in französischer Sprache dem
+Jungen zu.
+
+Ohne Scheu folgte der Knabe.
+
+"Wie heißt du denn?"--"Pierre".
+
+"Bist du immer bei den Großeltern?"
+
+"Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
+Eltern im nächsten Dorf; dort ist keine Schule."
+
+"So; komm einmal mit mir, Pierre, und führe mich in die Schule!"
+
+Ängstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
+hinausgehen. Unter der Türe blickte der Kleine noch einmal zurück und
+rief: "Keine Angst, gute Großmama!" Die Straßen waren noch von Rauch und
+Brandgeruch erfüllt; im untern Teil des Dorfes glühten noch die
+Brandstätten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei führte der Knabe
+den Leutnant zum Schulhaus. Die Türe stand offen. Sie gingen hinein.
+Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: "Das
+ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hieß:
+"Die Ulanen kommen!"
+
+"Dann seid ihr alle ausgerissen."--"Ja."
+
+Der Offizier ging zu der großen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
+Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
+nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem französischen
+Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
+mit großer Schrift in französischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
+tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
+deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.
+
+"So, kannst du das lesen?"
+
+"Ja, gut!" sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
+Geschriebene vor.
+
+"Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie
+kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr
+ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
+schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
+gut Freunde?" Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden
+und schlug ein. "Nun so spring, kleiner Kamerad." Der Knabe rannte davon
+und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die
+Schrift lesen.
+
+Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am
+nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
+Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
+kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es
+lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber
+nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
+Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den
+ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
+wollte warnen.
+
+Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in
+das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
+waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
+Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental
+dringen möchte!
+
+Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
+Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der
+großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen
+Menschen sahen.
+
+Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
+einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
+sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an
+mit der Arbeit.
+
+"Nur ein Kind," meinte jetzt einer.
+
+"_Unser Kind_," sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
+erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
+zu: "Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
+Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!"
+
+Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben
+entgegen.
+
+Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
+was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war
+und viele Menschen dabei umgekommen seien.
+
+Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz
+an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
+wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es
+machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
+in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum
+Atem fand.
+
+Nun jammerten die Weiber: "Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?"
+Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
+dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus
+gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
+dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen.
+
+"Ja, ja, holt eure Büchsen," schrieen die Frauen.
+
+"Ich hole die von meinem Mann!" rief Pierre's Mutter und alle liefen in
+ihre Häuser.
+
+Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer
+von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt
+ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich
+noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig.
+Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
+griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an:
+"Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
+wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
+sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
+selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben
+hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
+gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
+allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen."
+
+"Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
+Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!" Da
+stampfte der Bub zornig auf den Boden. "Es sind keine Unmenschen, es
+ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle
+braten in den Flammen unserer Häuser!"
+
+Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
+"Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?"
+
+"Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle
+zusammengeschrieen."--"So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen
+erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen
+kommen."
+
+Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
+auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
+Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt
+worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne,
+sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: "Da unten kommen sie!"
+
+Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
+Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten.
+Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen
+oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und
+Wiesen ringsum.
+
+Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große
+Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
+würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der
+Knabe: "Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
+gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
+französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn
+schießt. Sagst du es ihm, Mutter?"
+
+"Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er
+kommt!"
+
+"Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!" Und
+richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
+Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
+erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
+von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
+erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
+und führte ihn an der Hand.
+
+Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
+Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte:
+"Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
+Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
+haben, werden sie schwerlich auf uns schießen."
+
+Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. "Dort ist meine Mutter," sagte
+Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den
+Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.
+
+"Bleib bei mir, kleiner Freund," rief der Leutnant und hielt den Knaben
+fest. Da sah dieser betroffen auf.
+
+"Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
+bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben."
+
+Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch
+selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den
+großen Offizier schützen.
+
+Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
+gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein
+paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
+zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten.
+
+Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: "Wir kommen nicht
+als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht
+feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
+wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!"
+
+Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
+"Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand
+wird etwas Feindseliges tun."--"Nein, niemand," betätigte der Chor der
+Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
+bösen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. "Die
+Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!" Die Weiber kreischten auf vor
+Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
+gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: "Pardon, es war nur Zufall,
+ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
+seine Waffe bei der Hand!"
+
+Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
+zu dem Buckligen: "Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
+wir fertig sind." Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab.
+
+"Hände hoch!" befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände
+hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.
+
+"Es ist gut," sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei.
+Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei,
+bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun
+alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen,
+Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten
+es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie
+freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute
+nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
+seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die
+einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
+"sein" Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die
+Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des
+Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
+zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
+Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber
+wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
+seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: "Noch mehr, bringe noch
+dies und das!" Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
+nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
+verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
+hatten, von den Leuten.
+
+Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
+ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse
+besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
+diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine
+Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.
+
+"Hier," riefen sie, "hieher bringt ihn!" Der Bucklige wurde
+hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
+Getreidekammer ohne Fenster. "Hier nehmen Sie Platz," sagte der
+Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie
+gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres
+Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. "So,
+Pierre," sagte er, "du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
+dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
+befreien!"
+
+Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf
+den Buckligen wegen der Pistole.
+
+Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
+Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
+ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen
+dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
+Leben verdanken?
+
+
+
+
+In Gefangenschaft.
+
+
+Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
+kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm
+sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere
+hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn
+die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es
+galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was
+die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und
+Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
+beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
+allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
+ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam
+nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
+Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch "seine Buben", obwohl sie ihm
+beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen
+waren sein Stolz und seine Freude.
+
+Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung.
+Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade _jetzt_
+ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes
+Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland
+schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
+Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.
+
+Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater,
+Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
+großen Begeisterungssturm dahin.
+
+Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die
+waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wußte man nicht.
+Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
+Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von
+seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.
+
+"So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen," sagte er. Aber
+siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen,
+da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
+Festung Lüttich erobert!_
+
+Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
+daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: "Ich bin in Lüttich
+dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung
+gelesen von dem Riesengeschütz, der "fleißigen Berta", womit wir so
+schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht
+vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer
+loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht
+großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im
+geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
+überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte,
+bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
+aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest
+gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine
+schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der
+Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell
+zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel
+etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
+Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
+wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine
+deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
+voneinander. Grüßt ihn."
+
+Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
+und von Mund zu Mund ging's: _Großer Sieg in Lothringen_, 10000
+Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der
+jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den
+Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: "Von all
+den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
+lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
+mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
+nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
+Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
+obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt
+kommen, weiß ich nicht."--
+
+Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
+beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
+Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
+schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
+Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
+Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte
+doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
+durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
+Nichts gefunden.
+
+Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für
+jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
+Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.
+
+Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. "Was ist's?" "Keine
+Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt." Und
+er fügte hinzu: "Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
+werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt
+wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
+Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie
+nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren."
+"Ja," sagte Anna, "bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
+weißt du noch, Mutter?" Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie
+wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
+zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie
+legte es weg. "Setze dich, Mutter!" Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
+Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: "Bleibe noch ein
+wenig oben bei uns, es ist so schwer!"
+
+Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
+langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig
+machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.
+
+Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: "Wochenlang
+habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
+hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
+vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme,
+saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf
+Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen,
+spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
+Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
+Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und
+Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von
+Lutz?"
+
+Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
+er hatte einen Brief in der Hand. "Von Lutz," sagte er; aber es klang
+nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
+Tochter antwortete er: "Er ist gesund, aber gefangen ist er!"--"Also
+doch, o Gott, gefangen!" rief die Mutter.--"Aber er lebt doch und ist
+gesund," tröstete Anna; "bitte, Vater, lies seinen Brief vor!"
+
+"Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
+deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
+ist wunderlich." Er las vor: "Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
+Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und
+bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief
+angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
+ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle.
+Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
+Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch
+für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer
+Sohn und Bruder Lutz."
+
+Sie sahen sich alle drei betroffen an. "Der Brief ist gar nicht von
+Lutz!" rief Anna. "Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar
+nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz."--"Ja, es ist
+ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für
+seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken."--"Aber doch
+fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber
+kann doch kein Zweifel sein."
+
+"Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht."
+
+Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da
+leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: "Darf ich den Umschlag
+haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen."
+
+"Warum?"
+
+"Er möchte sie doch haben!"--"Da nimm!"
+
+Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
+fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.
+
+"Da steht etwas geschrieben," rief sie, "ich habe mir's doch
+gedacht!"--"Nur sachte, sachte!"
+
+Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich
+gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
+spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:
+
+ Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
+ sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs
+ Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im
+ Frieden.
+
+Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
+wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
+bewegt.
+
+"Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft,
+ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
+ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
+Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht
+existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum
+Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
+herausbringen!"
+
+Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die
+geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
+zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
+_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
+das Wort: Provence. "In der Provence ist er," rief sie triumphierend und
+sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern
+ihren Spaß gehabt hatte. "Mutter," sagte sie, "du darfst dich nicht zu
+arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut
+einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht,
+und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die
+Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
+schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben."
+
+So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
+Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
+Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen
+Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
+wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
+manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los.
+Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es
+auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.
+
+Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
+großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
+sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt
+wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet
+und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.
+
+Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
+Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu
+schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
+nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
+Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit
+feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.
+
+Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den
+Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
+sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
+seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel
+zu tragen.
+
+Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
+Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
+in ihnen noch nach: "_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_,
+was immer uns auferlegt sein mag." Da fand Herr Schreiber den Mut,
+seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie
+am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: "Pauline, wenn du noch etwas
+mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte
+ich noch etwas _helfen_."
+
+Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört
+hatte. "Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können.
+Was meinst du?"--"Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
+Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
+ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen
+Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen
+Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform
+stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch
+deinen Mann noch hergeben."
+
+"Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?"
+
+"Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
+bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem
+Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
+kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
+ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben,
+sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
+Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte
+Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art
+beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung
+unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?"
+
+"Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
+die Gefangenen gut."
+
+"Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische
+gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
+worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
+unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
+worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
+aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und
+verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
+Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird."
+
+Da erwiderte seine Frau nachdenklich: "Ja, ich glaube, daß dir das
+gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du
+kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich
+will die Trennung tragen."
+
+"An der tragen wir beide gleich schwer," sagte der Mann und fühlte, wie
+weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.
+
+Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
+große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
+ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht
+schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
+"Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim."
+
+Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!
+
+
+
+
+Der junge Professor
+
+
+Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schülern und auch
+wenige von den Lehrern Freude daran. Während der Ferien war der Krieg
+ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hören, nichts reden, nichts
+lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
+wenn es gar keinen Krieg gäbe!
+
+Einer aber freute sich doch darüber. Das war der junge Lateinschullehrer
+Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
+geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prächtig. Aber still war es
+in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
+der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
+sich hatte.
+
+In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die großen
+Kämpfe durchleben und sich über die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
+den künftigen Soldaten Deutschlands!
+
+Er selbst wäre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
+jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glücklich, daß
+ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
+drängte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
+auch unter deinen Jungen etwas fürs Vaterland wirken. Er wußte noch
+nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fürs
+Vaterland glühte, die mußte doch auch die Herzen der Jungen erwärmen.
+
+Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verändert. Mehrere
+Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klaßzimmer waren anders
+eingeteilt; denn man hatte Platz machen müssen für einige Klassen
+Volksschüler. Das große, neue Volksschulgebäude, das nahe dem Gymnasium
+lag, war als Lazarett für Verwundete eingerichtet und die Schüler mußten
+in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschüler war
+auf demselben Stock und gerade gegenüber dem Klassenzimmer
+untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schüler wiederfand. Es
+waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
+hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
+lebhafter als früher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
+Großes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
+würde gewiß etwas über den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
+dem Latein anfangen?
+
+Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schülern über das,
+was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
+auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, daß wir ohne Schuld zu
+diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
+Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
+Engländer, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
+schallte das einzige Wort durch die Klasse: Österreich!
+
+"Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
+wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wißt ihr einen zu
+nennen?"
+
+Da brüllten sie durcheinander: "In Lothringen, Lüttich, in Ostpreußen,
+Namur, Maubeuge, Brüssel!"
+
+Einer rief: "Paris!"
+
+"Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!"
+
+"Aber soviel wie besiegt ist's!"
+
+"Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Über
+was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiß es?"
+
+"Über die Grausamkeit," rief einer.
+
+"Ja, ich meine aber etwas anderes."
+
+"Über das, daß sie gegen uns Krieg führen," meinte ein kindliches
+Bürschlein.
+
+"Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
+eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat."
+
+Jetzt kam es vielen zumal: "Über die Lügen."
+
+"Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
+sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
+diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
+mehr als die Wahrheit."
+
+Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: "Kinder, es ist schon halb neun
+Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte
+von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
+erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an
+die Pflicht wie unsere Soldaten!"
+
+Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer;
+etwas vom Krieg war hereingeweht.
+
+Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
+bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über
+den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
+er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.
+
+"Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?" fragte er, als
+er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
+oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
+Antwort: "Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir
+nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
+Schule vorbeigekommen sind."--"Die gehören auch nicht herein ins
+Gymnasium!" Der ganze Schülerchor stimmte zu.
+
+Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen
+hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen
+Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. "Vielleicht
+läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine
+Volksschulklasse kommt," entgegnete er, "ich werde noch mit dem Herrn
+Rektor darüber sprechen."
+
+Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
+Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er
+es nicht mehr aus. "Macht eure Bücher zu," rief er, "ich will das schon
+verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander
+aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
+miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
+Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
+Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
+ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser
+Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
+Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander
+davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
+verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
+der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
+einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
+nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr
+alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die
+Ehre zu erweisen!"
+
+Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
+bewegt von der Ehrung.
+
+"Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines
+Vaters?"
+
+"Ja," antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
+er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
+seinem Vater etwas zu melden hatten. "Ja, wir haben gehört, daß mein
+Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
+verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
+mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
+seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß,
+diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
+auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht
+sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins
+Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
+bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen
+Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
+die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
+aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
+zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in
+der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
+ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
+einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
+Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
+noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße
+schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
+er gesagt: 'Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.' Seine Soldaten
+haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei
+Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und
+haben das Grab mit Feldblumen bestreut."
+
+Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
+berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. "So liegt er auf dem Schlachtfeld
+begraben," sagte er, "das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
+gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
+seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? 'Wenn ich auf dem Feld der Ehre
+für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
+Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
+ein. Grüßt mir meinen Kaiser.'--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich
+auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener
+Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.
+
+"Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
+diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den
+letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
+hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch
+nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
+gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
+einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des
+Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
+nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
+beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören,
+reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser
+Kaiser hat gesagt: 'Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
+noch Deutsche.' Wollt ihr sagen: 'Wir kennen keinen Klassenunterschied
+mehr, nur deutsche Kameraden?'"
+
+"Ja, bei Gott, das wollen wir." Helmut, der Offizierssohn, hatte das
+gerufen, und das "ja" ging durch die ganze Klasse.
+
+Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
+Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag.
+Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und
+Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
+nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler
+an: "Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft
+verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch
+unter den Buben. Verstanden?"
+
+Einer gab Antwort: "Die wollen gar nichts von uns, die sind
+hochmütig."--"Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
+nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
+den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
+Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_
+Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig
+sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?"--"Ja, ja!" das kam allen
+aus dem Herzen.
+
+Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
+auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber
+liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
+Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen
+Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
+Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
+fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
+"Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
+Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
+abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten." Darauf erfolgte ein
+großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen,
+Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.
+
+"Herr Professor, schicken Sie mich," baten alle Gymnasiasten und
+umdrängten ihren Lehrer.
+
+"Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
+schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
+Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug." Noch ehe er
+weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: "Ich, Herr Professor,
+ich, meine drei Brüder sind im Feld!"
+
+Jetzt ließ sich ein Volksschüler vernehmen: "Von mir vier Brüder!"
+
+Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschüler und der
+Volksschüler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
+dem Gedränge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen über
+die Brüder und wo sie standen; über die Väter, und daß die Briefe so
+lange ausblieben. Da fand es sich, daß einer von der Volksschule und
+einer von dem Lateinschule ihre Brüder in dem gleichen Bataillon hatten,
+und daß sie in den Vogesen gekämpft hatten. Nun lagen sie beide schwer
+verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
+andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle überein, daß diese
+beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen dürften.
+
+Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
+Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
+gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
+Schüler zu sich, deren Angehörige in Belgien fochten. Es waren ihrer
+acht, die sich nicht wenig darüber freuten. Sie wurden bewirtet von der
+freundlichen Mutter des Professors und erzählten aus den Feldpostbriefen
+ihrer Angehörigen.
+
+Und wieder gab es für einen Teil der Schüler ein kleines Fest, als ein
+Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen "Emden" berichtete; diesmal
+waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
+derselben, ein Volksschüler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
+hatte die großen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wußte es schon
+ganz gewiß, daß es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
+werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kühne Unternehmungen
+mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
+Zeitungen voll waren.
+
+Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine große
+Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schüler den Tod ihrer
+Angehörigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschüler, der
+vier Brüder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
+Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
+schweren Kämpfe. Da war große Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
+sagte am Schluß der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermöchte
+spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
+Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
+gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
+möchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
+gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:
+
+ Die Toten.
+
+ Herr Gott, nun schließ den Himmel auf,
+ Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
+ Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
+ Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
+ Wir können sie nicht mehr schmücken,
+ Nicht mehr die Hände drücken
+ Den vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ Herr Gott, nun trockne selber du
+ Die Tränen im Aug', gib Fried' und Ruh'
+ Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
+ Führ alles Dunkle zum Licht hinaus.
+ Dieweil wir Eltern und Frauen
+ In zuckender Wehmut schauen
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
+ Seinen gefallenen Heldenstand
+ Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
+ Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
+ Weil doch ihr herrliches Leben
+ Für uns zum Opfer gegeben
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brüder waren.
+
+ _Georg Merkel._
+
+Zwei Wochen später an einem Montag früh, als die Schüler von Professor
+Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
+war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hörten die Schüler,
+daß ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
+begraben sei.
+
+Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
+Lateinschüler an und sagte: "Die Eltern von Professor Jahn haben mir
+erzählt, daß er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: 'Grüßt
+mir meine Buben!' Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
+denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat 'sein
+herrliches Leben für uns zum Opfer gegeben!'"
+
+
+
+
+Allerlei Kriegsbilder
+
+nach Briefen und Zeitungen.
+
+
+Der Turmbau zu Babel.
+
+
+Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich über
+das Völkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, über die Neger, die
+Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Engländern und
+Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
+auch wirklich über all' diese Herren Herr würden. Der andere sagte:
+"Gerade das Völkergemisch gibt mir die Zuversicht, daß wir siegen
+werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
+finden. Im nächsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
+vorlesen, was da steht."
+
+Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
+der Straße, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er ließ es
+sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
+Kameraden sofort die Stelle über den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
+vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
+zu der beruhigenden Überzeugung, daß das Sprachgewirre den Feinden zum
+Schaden gereichen werde.
+
+
+Erbprinz Luitpold.
+
+Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
+glänzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
+tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
+man dem Sieger zu und wünschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
+mitten in diese Glückwünsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
+schweren Unglücks. Sein ältester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
+an einer Halsentzündung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.
+
+Tief erschüttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
+nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: "Jetzt ist
+nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln."
+
+Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
+in München Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
+dort keinen Vorzug vor anderen Schülern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
+"Königliche Hoheit" oder ein Schüler mit "Sie" anredete, so verbat er
+sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
+Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
+überall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
+Jugend die Bitte, zu helfen und die Männer auf dem Feld zu ersetzen.
+Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
+mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
+folgenden Gedicht festgehalten:
+
+ Auch ein junger Königsprosse,
+ Dem der Sinn nach "Dienen" stand,
+ Steigt von seiner Väter Schlosse,
+ Bietet freudig seine Hand.
+
+ Zu der ungewohnten Mühe
+ Auf dem Feld im Sonnenbrand,
+ Gleich den Andern spät und frühe,
+ Tapfer in der Reih' er stand.
+
+ Schweigend schau'n die Berge nieder,
+ Dunkel liegt der Königssee,
+ Nirgends tönen frohe Lieder,
+ Auf der Welt rings lastet Weh.
+
+ Zarter, lieber Königsknabe,
+ Banges Ahnen faßt mich an,
+ Daß du dort zu deinem Grabe
+ Selbst den Spatenstich getan!
+
+ Denn indes dein Heldenvater
+ Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
+ Hat dich kleinen Erntehelfer
+ Schnitter Tod hinweggerafft.
+
+ Mag des Helden Herz erschauern,
+ Da von fern dies Wort er spricht:
+ "Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
+ Handeln heischt allein die Pflicht!"
+
+ Doch indes er weiter lenken
+ Muß das Schicksal der Armee,
+ Sehnend wird er heimwärts denken,
+ Manche Nacht in tiefen Weh:
+
+ Deine Mutter mußt ich geben
+ Längst der Erde schon zurück,
+ Doch sie ließ von ihrem Leben
+ Mir in dir ein köstlich Stück.
+
+ Nun auch dieses hingeschwunden,
+ Auf, mein Schwert! Fest faß' ich dich!
+ Ringsum bluten tausend wunden--
+ _Eine_ weiß ich, die traf _mich_.
+
+ _Johanna Klemm_
+
+
+Kein Standesunterschied.
+
+Eine Berliner Zeitung hat eine große Menge Liebesgaben gesammelt und sie
+dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
+das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
+ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
+Wasser herbeigeschleppt hatte. "Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
+übrig?" fragte er bescheiden, "ich habe seit vier Wochen keines bekommen
+können."--"Ja, hier haben Sie ein Hemd," entgegnete der Verteiler, sah
+sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
+ein Hemd bat, einen Universitätsprofessor.
+
+Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
+Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
+viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu füllen, Matratzen zu
+tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
+unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswürdige Art auf,
+mit der sie den Schwestern halfen, überall anpackten und für die
+Verwundeten Karten schrieben. "Was sind das für Kameraden?" fragte er.
+
+"Das sind unseres Kaisers Söhne, die uns heute besucht haben, Prinz
+Adalbert und Prinz August."
+
+
+Der Hornist.
+
+Eine feine List gelang einem württembergischen Hornisten. Sein Regiment
+stand im Gefecht mit französischer Infanterie und geriet in bedrängte
+Lage durch die Überzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
+Rasch entschlossen blies er das französische Rückzugssignal. Die
+Franzosen ließen sich täuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
+Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.
+
+
+Der Lokomotivführer.
+
+Ein österreichischer Lokomotivführer hatte einen Eisenbahnzug mit
+Schießvorrat zu befördern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
+davon bekommen und beschoß den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
+schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nähe des Zuges ein und seine
+wertvolle Ladung war äußerst gefährdet. Da kam dem Lokomotivführer ein
+guter Gedanke. Als wieder ein Geschoß in nächster Nähe platzte, öffnete
+er rasch den Dampfhahn, so daß der Dampf mit Gewalt entwich und der
+ganze Zug in einer weißen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
+mußten meinen, ihre Geschosse hätten die Lokomotive in die Luft
+gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.
+
+
+Das Extrablatt.
+
+In einer deutschen Mädchenschule ist der Beschluß gefaßt worden, keine
+Fremdwörter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muß fünf Pfennig in die
+Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
+gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhält von den Mädchen
+dieser Klasse einen Brief des Inhalts: "Es kostet uns unser ganzes
+Taschengeld, wenn Sie täglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir müssen
+immer fünf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen."
+
+Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
+nächsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.
+
+
+Die allgemein verständliche Sprache.
+
+Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
+eingenommenes französisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
+essen gehabt und den stärksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
+sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
+sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wäre
+doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verständigen mit den
+französischen Bauern! Doch man weiß sich zu helfen. Ein Soldat geht in
+die Küche, wo die Bäuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
+wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, füllt
+ihn mit Wasser, hält ihn der Bäuerin unter die Nase, deutet in den
+Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verständnisvoll und bald kocht
+ein Huhn im Topf.
+
+
+Die Gefangenen.
+
+Ein preußischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
+seine Übermüdung ist zu groß. Er fällt um und schläft. Entsetzt fährt er
+morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
+schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
+waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
+sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.
+
+
+Der Generaloberst v. Hindenburg.
+
+Ein Mann von gewaltiger Größe und Stärke, mit einem Angesicht voll Güte
+und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
+Ostpreußens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
+bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
+geschlagen und in die Sümpfe gedrängt hat.
+
+Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
+längst erprobten Pläne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
+Hindenburg die Ansicht, daß, wenn einmal die Russen kämen, sie in die
+masurischen Seen gedrängt werden müßten. Andere Offiziere meinten im
+Gegenteil, die Russen dürften gar nicht in die Nähe der Seen kommen. Er
+gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
+Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
+auftauchte, es gehe nicht an, daß ein so großes Gebiet unfruchtbar
+bleibe: die masurischen Seen müßten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
+Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
+wollte _seine_ Seen, _seine_ Sümpfe, die er alle persönlich kannte,
+anrühren! Er reiste sofort nach Berlin, erklärte, protestierte,
+agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteiführern, zu Kommissionen
+und, als alles nichts nützte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
+nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, daß man die Seen in Ruhe
+lassen werde.
+
+Alljährlich zu den Manövern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
+geschickt. Dort, wie bei allen Manövern, trug der eine Teil der Armee
+ein weißes, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
+waren die Russen, die Weißen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
+Ostpreußen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Übungen erfuhren,
+daß sie gegen Hindenburg zu kämpfen hätten, wiederholte sich alljährlich
+der anläßlich der Übernahme der roten Bänder fast sprichwörtlich
+gewordene Ausruf: "Heuer gehen wir baden!" Denn sie wußten, daß da alles
+vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
+angreifen, oder von rückwärts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
+Ende ist doch immer dasselbe: daß Hindenburg sie in die masurischen Seen
+einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
+bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
+Uniformen zu den Hindenburg-Manövern.
+
+Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
+Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Königsberg
+eine Kanone und ließ sie von früh bis spät aus einer Lache in die andere
+schleppen. Er wußte genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
+werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.
+
+Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manöverübungen gewesen
+waren, jetzt wurde es ernst.
+
+Sobald der Kaiser hörte, daß die Russen in Ostpreußen eingebrochen
+seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
+zeigen. Unverzüglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
+Osten. Schon während der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
+als er ankam, war alles vorbereitet.
+
+Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
+und Geschützen in die masurischen Seen gejagt wurden.
+
+Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
+ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
+großen Männer bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht für sich
+allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
+rühmt er: "Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
+bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
+auch meine Flieger, sie haben schon heldenmütige Aufklärungsdienste
+geleistet. Auch unsere Verbündeten, die Österreicher, sind ausdauernd,
+tapfer und zäh."
+
+Wohl uns, daß wir solches hören dürfen! Es bestärkt uns in der stolzen
+Zuversicht:
+
+ _Wir werden siegen_!
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Kriegsbüchlein für unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBÜCHLEIN FÜR UNSERE KINDER ***
+
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+Produced by Charles Franks and the DP Team
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
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+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+search system you may utilize the following addresses and just
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
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index 0000000..c20f912
--- /dev/null
+++ b/old/12075.txt
@@ -0,0 +1,3481 @@
+Project Gutenberg's Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: April 18, 2004 [EBook #12075]
+
+Language: german
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBUeCHLEIN FUeR UNSERE KINDER ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Kriegsbuechlein
+
+fuer unsere Kinder
+
+
+Von
+
+Agnes Sapper
+
+
+1914
+
+
+
+
+Meinen lieben Enkeln
+
+ Theo
+ Otto
+ Eduard
+
+gewidmet im Kriegsjahr 1914
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+Heimkehr aus Oesterreich
+Der 4. August
+Das Pfarrhaus in Ostpreussen
+Die Konservenbuechsen
+Zu welcher Fahne?
+Der kleine Franzos
+In Gefangenschaft
+Der junge Professor
+Allerlei Kriegsbilder
+
+
+
+
+Die Heimreise aus Oesterreich
+
+
+"Ist das ein koestlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
+wie wollen wir die vier Wochen geniessen!" Frau Lissmann stand auf der
+Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
+oesterreichischen Doerfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei juengsten
+Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
+zehn und ein Maedchen von zwoelf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
+Erfrischung brauchten. Beide hatten im Fruehjahr Scharlachfieber gehabt
+und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
+Pflege. So hatte Herr Lissmann, der in Muenchen Lehrer an einer
+Kunstschule war, fuer diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
+Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewaehlt. Er selbst hatte Ende
+Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein aeltester Sohn Ludwig
+war in Passau, wo er sein Einjaehrigenjahr abdiente. Es blieb noch
+Philipp, der siebzehnjaehrige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der waere
+wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
+war ein etwas leichtsinniger Schueler und hatte im Schuljahr so wenig
+gearbeitet, dass er in den Ferien lernen musste. So uebergaben ihn die
+Eltern einem Lehrer, der alljaehrlich eine Anzahl Ferienschueler aufnahm,
+und Philipp musste sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
+Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
+
+Wieviel hatten all diese Plaene zu ueberlegen gegeben, und welche Muehe war
+es gewesen, fuer die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
+Noetige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die grosse
+Wohnung abzuschliessen und alles gut zu versorgen fuer die lange
+Ferienzeit! Kein Wunder, dass Frau Lissmann jetzt, nachdem all das hinter
+ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
+
+"Herrlich ist's!"
+
+Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
+Altane getreten. Wie schoen war's, die Mutter fuer sich zu haben, die
+Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglueckt in die schoene
+Landschaft hinausschaute.
+
+Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
+Doerfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
+konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermissten unsere
+Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
+Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Oertchen,
+in das nur zweimal woechentlich ein Postbote kam.
+
+Eines Morgens brach die Sonne durch, waermte, trocknete und vertrieb die
+Nebel. Die bisher verhuellten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
+Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch fuer den naechsten Tag
+ein grosser Ausflug geplant, und am fruehen Morgen brachen sie auf, die
+Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstoecken bewaffnet, mit Rucksaecken
+versehen. Ihr Ziel war der Bergpass, von dem aus man hinuebersehen konnte
+in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fussgaenger machten das leicht
+in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
+und auf der Passhoehe uebernachten, wo eine einfache Unterkunft fuer
+Sommergaeste war und von wo aus sie am naechsten Morgen den Sonnenaufgang
+sehen konnten. "Wenn es uns gar zu gut gefaellt dort oben, bleiben wir
+vielleicht zweimal ueber Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns," sagte
+die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Baeuerin, bei der sie
+wohnten.
+
+Wie war das schoen fuer unsere drei Sommerfrischler, auf dem
+Bergstraesschen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
+immer naeher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
+auch andere Wanderer, die den schoenen Tag benuetzten. Gegen Mittag wurde
+im Freien getafelt und nach einer laengeren Rast ging es mit frischen
+Kraeften vorwaerts. Die Strasse wurde steiler, der Anstieg muehsamer. "Nur
+sachte voran," mahnte die Mutter, "wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
+euch um, es wird immer schoener."
+
+Je hoeher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
+ploetzlich--die Passhoehe war erreicht--leuchtete das grosse Schneefeld des
+Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
+Unterkunftshuette und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
+
+So grossartig und erhebend war der Anblick, dass sie wie aus _einem_ Mund
+riefen: "Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
+herunter!"
+
+Und so kam es auch. Als einzige Gaeste der munteren Sennerin, die allein
+die Huette bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
+friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
+Gebirgswelt, nichts zu hoeren von dem, was tief unter ihnen die Menschen
+in ihren Staedten beschaeftigte.
+
+Am dritten Tag umwoelkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhuellt,
+das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
+und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere fuer die
+naechsten Wochen.
+
+Als gegen Abend in der Ferne das Doerfchen erschien, freuten sie sich
+doch wieder auf dieses Heim. Endlich mussten ja auch Nachrichten
+eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
+hatten sie sie herbeigewuenscht, fast am meisten den siebzehnjaehrigen
+Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
+arbeiten sollte, waehrend sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
+Nun kamen sie am ersten Haeuschen vorbei; unter der Tuere standen der
+Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
+einem Militaerkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
+genommen. "B'huet Gott, b'huet Gott, kommt g'sund wieder," riefen ihnen
+die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
+und rief froehlich zurueck: "Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!"
+
+"Hast du gehoert, Mutter?" rief Karl, "die ziehen in den Krieg!"
+
+"Ja, offenbar," sagte die Mutter, "aber es hiess doch, die Tiroler muessten
+nicht einruecken. Bloss die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
+ziehen."
+
+Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
+von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
+Vorbeigehen hoerten sie sagen: "In Kufstein ist es schon vorgestern
+angeschlagen gewesen."
+
+"Was denn?" fragte Frau Lissmann und trat zu den Leuten.
+
+"Dass die Russen den Krieg erklaert haben."
+
+"Nein, wirklich?" sagte Frau Lissmann zweifelnd; "es wird ein falscher
+Laerm sein."
+
+Nun redeten alle zusammen: "Gestern ist's bekannt gemacht worden:
+Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
+gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst."
+
+Ein Maedchen stand dabei, das schlug die Schuerze vor die Augen und ging
+weinend ins Haus zurueck. Ihre Eltern sahen ihr nach: "Es ist hart fuer
+sie, am Sonntag haette die Hochzeit sein sollen, nun muss er in den
+Krieg."
+
+Frau Lissmann konnte kaum glauben, was sie hoerte. "Kommt, Kinder, kommt
+heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
+keine gesehen, seit wir hier sind; es waere ja schrecklich, wenn dies
+alles wahr waere!"
+
+Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfaenden! Als sie sich
+dem Haeuschen naeherten, kam ihnen die Baeuerin schon entgegen: "Kuess die
+Hand, gnae' Frau! Gottlob, dass Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
+ausgeschaut. Dass Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
+Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er fuer Sie gebracht. Es
+wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
+beisammen."
+
+Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
+Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lissmann oeffnete, kam
+von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: "Bin einberufen, muss
+Philipp heimschicken." Die Mutter und die Geschwister waren bestuerzt!
+Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
+
+Nun das zweite Telegramm, das kam vom aeltesten Sohn Ludwig, von dem
+Einjaehrigen: "Unser Regiment kommt an die franzoesische Grenze! Ich komme
+noch fuer einen Tag nach Hause."
+
+Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Russland Krieg? Und nicht nur
+Oesterreich, auch Deutschland machte mobil? "Die Zeitungen her, Kinder!"
+Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in grossen Buchstaben
+ueber das ganze Blatt: _Krieg mit Russland! Krieg mit Frankreich_!
+Entsetzt stand Frau Lissmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
+der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
+aelteste Sohn musste sofort mit in den Krieg! Und der juengere, wo trieb
+der sich herum?
+
+Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
+Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
+verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
+Geschichtsstunde gehoert hatte, und nun trat das ploetzlich herein, ins
+eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: "Kinder, wir
+muessen heimreisen so rasch wie moeglich!"--"Ja, Mutter, schnell,
+schnell," rief Lisbeth aengstlich. "Die Brueder koennen ja gar nicht ins
+Haus herein!" Karl war nicht so schnell gefasst. "Jetzt sollen wir schon
+wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
+Koennen wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
+auf einen Tag an?"
+
+Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie fasste sich mit beiden Haenden
+an den Kopf, alle Gedanken musste sie zusammennehmen. Sie holte den
+Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen puenktlich
+anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
+vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
+gar nicht fassen, dass sie so ahnungslos, so vergnuegt und gluecklich in
+den Bergen herumgestiegen war, waehrend ein so grenzenloses Unglueck ueber
+das Vaterland hereinbrach. Aber sie musste nun handeln, musste packen,
+abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
+sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
+Nachtzug nach Muenchen erreichen. "Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
+kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
+der Bahn zu bestellen."
+
+In der Dorfstrasse, an einem Scheunentor, war ein grosses Plakat
+angeschlagen. "Sieh, Mutter," sagte Karl, "vom Kaiser von Oesterreich:
+'An meine Voelker!' Das moechte ich lesen."--"So lies, ich gehe zum Wirt."
+Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
+einberufener Burschen zur Station fahren muessen und konnte erst nachts
+zurueckkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem naechsten Morgen war
+nichts zu machen. "Aber dann gewiss?" fragte Frau Lissmann. "Um wieviel
+Uhr koennen wir wohl abfahren?" Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
+muesste erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
+Bescheid sagen. "Um neun Uhr vielleicht."--"So spaet?"--Ja, die Pferde
+muessten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
+und ihre zwei Soehne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Traenen traten ihr
+in die Augen. Bekuemmert verliess Frau Lissmann das Haus.
+
+Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
+begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
+aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
+das besagte, dass auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
+Oesterreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fuehlte der Junge,
+was das Grosses bedeute; er spuerte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
+Nein, er begriff, dass der Mutter der Boden unter den Fuessen brannte und
+dass sie ungluecklich war, nicht heim zu koennen, wo man sie so noetig
+brauchte. Aber man musste sich bis zum naechsten Morgen gedulden. Die
+Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
+wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Mueden
+Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig ueberlassen, wenn doch vor
+neun Uhr keine Moeglichkeit war, fortzukommen.
+
+Aber um fuenf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
+ihr Mann muesse Burschen zum Fruehzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
+aufsitzen wollten, es waere noch Platz. Aber sie muessten gleich kommen, es
+sei schon angespannt.
+
+Keinen Augenblick besann sich Frau Lissmann. "Jawohl, wir kommen, der
+Wirt soll doch ganz gewiss warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
+nicht kaemmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!" Die Kinder fuhren aus
+den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
+kaemmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
+Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
+
+Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
+Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
+frisch abgekochten Milch, die die Baeurin schnell brachte! Und wie sie
+dann, noch mit dem Fruehstuecksbrot in der Hand, ueber die Dorfstrasse dem
+Wirtshaus zuliefen und die Baeurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
+Kamm, die sie vergessen hatten!
+
+Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
+fuenf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt sass
+schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
+sah, wie Frau Lissmann ratlos am Wagen stand und nicht wusste, wie man den
+erklettern musste. Er half kraeftig nach und so sassen sie bald alle drei
+nebeneinander auf quer herueber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
+Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
+verliessen die Burschen das Doerfchen. Sie waren aus benachbarten Hoefen
+und Weilern zusammengekommen, lauter grosse, kraeftige Leute; guten Muts
+fuhren sie hinaus in den Krieg.
+
+Die Zeit draengte, die Pferde wurden tuechtig angetrieben und der
+Leiterwagen stiess, dass unsere drei leichten Staedter, die noch nie in
+einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Hoehe flogen
+und gar nicht wussten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
+fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
+und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spass an
+dem "Hopsen". Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stossen tat ihr
+weh. Einer der Burschen musste es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
+Pferdedecke, die langte er herunter. "Frau," sagte er, "da setzen Sie
+sich drauf und das kleine Fraeulein auch."
+
+Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
+den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
+Verstehen schwer.
+
+"Mein Sohn muss auch mit in den Krieg," sagte Frau Lissmann und sah die
+jungen Leute warmherzig an, als kuenftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
+
+"Muss er sich in Wien stellen?"
+
+"Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Oesterreichern."
+
+"Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
+allein koennt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Oesterreich
+zusammen, die koennen's machen!"
+
+Auf der Strasse sah man einen Burschen mit dem Militaerkoffer in der Hand.
+Vom Wagen aus wurde er angerufen: "Steig ein, Kamerad!" Der Wirt murrte:
+"Sind so schon genug!" Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
+sprang der Soldat auf; sie rueckten kameradschaftlich zusammen und nun
+ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
+Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen wuerde. Als endlich die
+Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen ueber das Strassenpflaster
+holperte, stimmten die kuenftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
+die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
+Winken gruessten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
+sie natuerlich fuer die Angehoerigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
+die Gruesse.
+
+Das Aussteigen war wieder ein Kunststueck, aber die Burschen kannten sich
+jetzt schon aus und einer, der ein besonders grosser, staemmiger Kerl war,
+hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
+ganz elend und zerschlagen fuehlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
+sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spaet war!
+
+Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge draengte sich
+an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
+hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum groesseren Teil aber
+Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
+in das Draengen und Druecken der Leute, die fuerchteten zu spaet zu kommen,
+klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: "Nichts zu eilen, der Zug hat
+drei Stunden Verspaetung!"
+
+Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entruestung! "Nun, das
+geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
+ein Unfug, eine Ruecksichtslosigkeit!" Da erhob ein aelterer Herr mitten
+im Gedraenge den Arm, man sah unwillkuerlich auf ihn und da das Murren
+etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: "Meine Herren, das ist
+kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
+muessen als das!"
+
+Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
+einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plaetzchen zum
+Ausruhen, eine Gelegenheit zur Staerkung, eine Zeitung mit neuen
+Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
+an die Bahn. Jeder ahnte, dass es schwierig sein wuerde, im Zug Platz zu
+bekommen. Auch Frau Lissmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
+dichten Gedraenge. In ihrer Naehe bemerkte sie die Gruppe der jungen
+Leute, mit denen sie gefahren war, und es ueberkam sie das Verlangen,
+diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
+Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
+Leben mussten sie einsetzen fuers Vaterland. Haette sie doch frueher daran
+gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
+Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
+
+"Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
+Draussen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!" Sie draengten,
+baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
+nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rueckwaerts zu
+draengen. Mit Muehe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
+dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren frueheren Platz in der Naehe der
+Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedraengt.
+
+"Allein kaeme ich schon durch," versicherte Karl.
+
+"So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruss; wir wuenschten
+ihnen von Herzen Glueck in den Krieg!" Der Knabe schlaengelte sich
+geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
+von ferne, wie sie ueberrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
+Ueberbringer freundlich dankte. Der fand sich auch gluecklich wieder
+zurueck und sie freuten sich zusammen ueber die kleine Liebesgabe, die sie
+uebergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
+ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
+
+Endlich--es war heisse Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
+Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
+unbeschreiblicher Laerm, ein beaengstigendes Draengen entstand. Die Wagen
+wurden von den Maennern gestuermt, Frauen und Kinder blieben zurueck, und
+wo sie hinein wollten, hiess es: "Voll, uebervoll!"
+
+Die Beamten troesteten: "In drei Stunden kommt wieder ein Zug."
+
+Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wusste, ob es dann mehr Platz
+gaebe? Frau Lissmann mit den Kindern lief hin und her, ueberall standen die
+Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
+ploetzlich hoerte sie eine Stimme: "Nur herein, es geht schon noch!" Ein
+starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wusste, wie es
+zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
+eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse geloest
+hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurueck lassend.
+"Gottlob!" rief Frau Lissmann, sie zitterte noch vor Erregung. "Wo ist
+denn mein Hut?" fragte Karl, "man hat ihn mir vom Kopf gerissen!" "Macht
+nichts," troestete die Mutter, "das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
+Gottlob, dass wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
+sonst waeren wir nicht herein gekommen."
+
+"Das war ja der grosse Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
+hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?"
+
+"Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
+hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafuer danken."
+
+Ein Mitreisender hatte das Gespraech gehoert, er mischte sich ein: "Da ist
+nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Oesterreicher; wir sind
+Verbuendete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
+schaffen" und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
+des Ganges. "So, nun nehmen Sie Platz," sagte er freundlich. "Fuer das
+Toechterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
+einmal Soldat werden, der uebt sich einstweilen im Stehen."
+
+Langsam fuhr der ueberfuellte Zug. An jeder Station gab es laengeren
+Aufenthalt; eine Menge Einberufene draengten noch herein und immer wurden
+sie mit froehlichen, heiteren Zurufen begruesst. Ein Wiener Zug, schon voll
+eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
+Gueterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
+lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
+angeschrieben, bezeugten die froehliche Stimmung der Krieger. An einem
+war zu lesen:
+
+ Serbien
+ Du musst sterbien!
+
+Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: 'Hier werden noch
+Kriegserklaerungen angenommen.' Unter Lachen und lautem "Heil, Heil"
+rufen, fuhr man an dem Zug vorueber.
+
+So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drueckender wurde es in
+dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablaessig; seine blasse Mutter
+entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
+ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stiess des Vaters
+volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
+und uebelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
+Krieg--man musste sich in alles fuegen, musste froh sein, dass man ueberhaupt
+noch fahren durfte; vom naechsten Tag an wurden nur noch Soldaten
+befoerdert.
+
+Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
+ebenso ueberfuellten Zug.
+
+Wie ein Traum erschien es Frau Lissmann, als sie endlich spaet abends in
+den Muenchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge liessen sich
+unsere mueden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
+sonst warteten hier die Angehoerigen; der Zutritt war fuer jedermann
+gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
+Bahnhofgebaeudes und hier war es, wo ploetzlich eine Stimme, eine liebe,
+bekannte, froehliche Stimme rief: "Mutter, gruess dich Gott, endlich kommt
+ihr! Gebt nur euer Gepaeck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
+her, Karl!"
+
+"Philipp!" riefen sie alle erstaunt, "ja woher hast du denn gewusst, dass
+wir jetzt kommen?"
+
+"Einmal habt ihr doch kommen muessen! Siebenmal habe ich euch schon
+erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
+am Bahnhof. Warum seid ihr so spaet gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
+erhalten?"
+
+"Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater."
+
+"Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
+Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
+nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kaemt.
+Aber daheim ist schon der Tisch fuer euch gedeckt. Naemlich schon seit
+zwei Tagen."
+
+"Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?"
+
+"Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
+scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Oesterreich. Die ganze
+Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
+werdet staunen. Duerft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
+lassen."
+
+Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. "Aber
+weisst du, dass Krieg ist?" fragte Karl. Philipp lachte hell auf. "Besser
+als du. Wisst ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklaert!"
+
+Die Mutter blieb mitten auf der Strasse stehen: "England! Kinder, das ist
+ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
+denn amtlich mitgeteilt?"
+
+"Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
+keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
+muessen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heisses: Alle Mann auf Deck! Du
+hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
+dass ich mich als Freiwilliger gemeldet habe."
+
+Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: "Philipp, du mit deinen
+siebzehn Jahren!"
+
+"Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
+Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen koennen. Ich habe mich
+gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
+ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
+der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut."
+
+"Aber er muss doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?"
+
+"Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
+die Mutter in Oesterreich, da kann ich natuerlich nicht warten, bis sie
+heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
+war ihm recht. Dann fragte er nach dem aerztlichen Zeugnis. Das habe ich
+mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
+so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten koennen, sie
+gehen reissend ab, sind schon kaum mehr zu haben."
+
+"Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!"
+
+Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal fuer den
+Bruder ein. "Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
+bekommen!"
+
+Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
+ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: "Mutter, es ist eben
+Krieg! Und was fuer ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kaempfen
+kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!"
+
+"Ich auch," "und ich," riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
+Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: "Die Englaender auch--eine Welt
+von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurueckhalten!"
+
+ * * * * *
+
+Eine Weile spaeter sassen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
+Philipp nach, der hin und her ging und fuer die erschoepften Reisenden in
+liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnuetzer Schlingel; nein,
+ihr Philipp, der kuenftige Soldat, der sein Leben geben wollte fuers
+Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!
+
+
+
+
+Der 4. August
+
+
+Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
+Grosseltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, musste aber gleich wieder
+abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit ueber die ganzen Ferien
+hier bleiben.
+
+Es ist herrlich hier bei den Grosseltern. Die Grossmutter hat mir ein
+reizendes Maedchenstuebchen eingerichtet und der Grossvater, der im
+siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzaehlt uns viel und kann alle
+Kriegsnachrichten fein erklaeren. Aber noch lieber haetten die Mutter und
+ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
+uebergluecklich, als er uns neulich telegraphierte, er wuerde uns auf der
+Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
+sind noch ganz erfuellt von seinem Besuch und ich will mir alles
+ausschreiben, was er uns erzaehlt hat; ich moechte garnichts davon
+vergessen; denn ich bin stolz und gluecklich, dass der Vater so Grosses
+miterlebt hat, und waehrend er uns erzaehlte, kamen mir vor Begeisterung
+fast Traenen.
+
+Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
+zu einer aussergewoehnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.
+
+Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muss ganz
+anders gewesen sein als in gewoehnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
+habe man angesehen, dass er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
+vollzaehlig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
+ihrem Regiment einberufen waren.
+
+Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eroeffnung im Weissen Saal des
+koeniglichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
+Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
+versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
+Eitel Friedrich sassen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
+viel anders, als es jedesmal bei der Eroeffnung des Reichstags ist. Aber
+das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
+den Krieg, dass der Kaiser in der grauen, feldmarschmaessigen Uniform
+erschien und auch der Kronprinz und die fuenf andern Prinzen, alle in
+Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
+sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
+Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, dass wir durch Jahrzehnte
+unermuedlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und dass nur mit
+schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
+von unserer Bundestreue gegen Oesterreich und von der Feindschaft im
+Osten und Westen, und der Vater sagt, man fuehlte bei dem begeisterten,
+stuermischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
+Am Schluss bat der Kaiser, der Reichstag moechte doch einmuetig und schnell
+die noetigen Beschluesse fassen.
+
+Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewoehnliches: der
+Kaiser sprach noch frei einige persoenliche Worte. Davon habe ich mir das
+gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: "Ich kenne keine
+Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Und dann bat er die Vorstaende
+der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, dass sie mit ihm durch dick und
+duenn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.
+
+Da traten die Praesidenten und die Parteivorstaende, zu denen ja auch der
+Vater gehoert, vor, und gelobten es durch Haendedruck. Ich weiss nicht, ob
+der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
+vorher war, aber ich bin's, das kann ich fuer ganz gewiss sagen.
+
+Und ich begreife so gut, dass alle Anwesenden nach dem "Hoch" auf den
+Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
+angestimmt haben und alle mitsangen. Ich moechte nur gerne wissen, wer
+den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiss es nicht; er sagt,
+man hatte den Eindruck, als haetten es alle zugleich getan.
+
+Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
+ist schade; aber spaeter waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
+muss ich noch was Lustiges erzaehlen.
+
+Als naemlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verliess
+der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
+z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
+diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
+wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
+sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
+Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
+Augenblick an, drueckte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
+Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
+Herrn: "Nun aber wollen wir sie dreschen!"
+
+Dies kraeftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, dass es zur Losung
+fuer den Krieg geworden ist und auf allen moeglichen Postkarten sieht man,
+wie wir uns das "Dreschen" ausmalen koennen.
+
+Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.
+
+Schon gleich der Anfang war grossartig. Von all den umstaendlichen
+Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
+unerquicklich ausfuellen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
+wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Praesident und
+Schriftfuehrern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmuetig standen
+die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, dass ihnen der fruehere
+Praesident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
+Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
+Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
+haette stoeren moegen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: "Ein
+gewaltiges Schicksal bricht ueber Europa herein." Dann legte er dar, wie
+es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
+Russen sich so heimtueckisch benommen haetten und wie die Franzosen ohne
+Kriegserklaerung in die Reichslande eingedrungen seien, so dass wir nicht
+laenger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mussten, weil uns sonst
+die Franzosen von dieser Seite angegriffen haetten. Wir koennten mit
+reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Hoechstes
+verteidigen muessen.
+
+Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreissend
+sei der Schluss gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
+"Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
+ist das ganze deutsche Volk!" Da brauste es durch den grossen Saal und
+von den dicht gefuellten Tribuenen; der Beifall wollte garnicht enden und
+der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: "das _ganze_
+deutsche Volk!" Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er ueber die
+Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stuermisch Beifall riefen, wie alle
+andern Parteien.
+
+Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
+grossartig zu. Ich weiss aber nur noch das eine, dass alles, was die
+Regierung beantragt hatte, einmuetig ohne irgend einen Widerspruch
+durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden fuer die Kriegsausgaben
+bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
+einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
+Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
+"Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich."
+
+Das freute mich am allermeisten. Am Schluss der Sitzung dankte der
+Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
+einen stuermischen Beifall, als er sagte. "Was uns beschieden sein mag,
+der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der groessten Tage
+Deutschlands sein."
+
+Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzaehlte. Er
+sagte, den groessten Sieg haetten wir schon errungen, den ueber unsere
+eigene Uneinigkeit; jetzt koennten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
+hat es ja auch in dem Ausruf: "An mein Volk" gesagt: "Noch nie ward
+Deutschland ueberwunden, wenn es _einig_ war."
+
+Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde aergern
+werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte ueber diesen Reichstag
+lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
+Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
+streiten nur untereinander, wenn es nach aussen nichts zu streiten gibt,
+und das finde ich ganz natuerlich.
+
+Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
+einige Besprechungen, ueber die er aber nichts mitteilen darf. In diese
+Tage fiel die Kriegserklaerung der Englaender. Diese taten, als muessten sie
+Belgien schuetzen und leider deshalb in den Krieg ziehen.
+
+Aber der Vater sagt, man haette gleich gewusst, dass das nur ein Vorwand
+sei und England habe sich durch diese Ausrede nur veraechtlich gemacht.
+Es sei eine grosse Schande, dass sie sich mit den Russen verbuenden und sie
+wuerden dieses Unrecht schwer buessen muessen.
+
+Fuer den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
+viel fuer uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
+wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
+nicht gern anvertraut.
+
+Wenn ich nur schon 18 Jahre alt waere statt 13, dann wuerde ich vielleicht
+auch in manches eingeweiht. Statt dessen muss ich in die Schule gehen,
+als wenn kein Krieg waere. Die Mutter versteht, dass ich keine Lust dazu
+habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
+erstaunt auf mich und sagte: "Ich hoffe doch von meinem Maedel, dass es
+dasselbe tut, wie unsere Soldaten!" Ich verstand nicht gleich, was er
+damit meinte, bis er sagte: "Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
+sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
+als nur das Noetige, so soll es mich freuen."
+
+Da schwieg ich ueber die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
+Hause ist, oder in der Schule, bei den Grosseltern auf dem Land oder bei
+den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
+den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als dass wir Deutsche siegen!
+
+
+
+
+Das Pfarrhaus in Ostpreussen.
+
+
+In Ostpreussen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, bluehende
+Land, das an das riesige russische Reich grenzt, musste den ersten
+Anprall der Feinde aushalten. Wohl kaempften die todesmutigen preussischen
+Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
+Deutschland vorzuruecken; aber Ostpreussen war der Kampfplatz und ehe das
+Volk nur recht wusste, dass der Krieg erklaert sei, begann schon die
+Verwuestung des Landes.
+
+Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
+Hof, Aecker und Vieh besitzt, verlaesst nicht so leicht die Heimat.
+
+Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
+hoerten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. "Wir
+koennen nicht," sagten sie zueinander, "wie sollten wir das machen?
+Wohin? Wovon sollen wir uns ernaehren? Was mit den Kranken anfangen, und
+wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht."
+
+Vom Nachbarort hatte man freilich gehoert, dass viele Familien gefluechtet
+waren, auch der Pfarrer.
+
+"Unser Pfarrer wird auch gehen," sagten sie zu einander, "er hat seine
+Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
+da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
+Pfarrhaus gehen und hoeren, was der Herr Pfarrer meint."
+
+Der Pfarrer sass am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
+sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
+aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.
+
+Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau oeffnete
+die Tuere. Eine ganze Anzahl Maenner und Frauen standen da. Sie sagten,
+dass sie des Herrn Pfarrers Meinung hoeren wollten, ob man fliehen sollte.
+
+Der Pfarrer riet zur Flucht: "Morgen schon koennen die Feinde hier sein,"
+sagte er, "und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Maenner sind unseres
+Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
+preisgegeben. Jetzt koennen wir noch fluechten; die Landsleute in
+Westpreussen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
+ueberzeugt."
+
+"Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?"
+
+"Wenn ihr geht, ja."
+
+"Und wenn wir nicht gehen?"
+
+"Dann werde ich bei euch bleiben."
+
+Einer sah den andern an, sie waren still und ueberlegten. Die Pfarrfrau,
+die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
+unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
+"Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr koennt ja doch Haus und Hof nicht
+schuetzen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
+gleich heute, sonst ist es zu spaet!"
+
+Da wandte einer der Bauern sich an sie: "Frau Pfarrer, ich glaube es
+nicht, dass die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
+grossen Strasse; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
+Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
+dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
+herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
+Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben."
+
+Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblasste. Wohl legte ihr Mann den
+Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
+fuehlte: es ist umsonst, was er redet, sie koennen sich nicht trennen von
+ihrer Heimat.
+
+So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: "Wir danken auch, dass
+Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer."
+
+Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
+der Pfarrleute. Der Kleine sass in der Schaukel, das fuenfjaehrige Fickchen
+kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
+deutete einer der Maenner auf die Kinder: "Die haben wir auf dem
+Gewissen, wenn sie in die Haende der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
+betrifft, die waere gern geflohen."--"Ja, und der Herr Pfarrer war auch
+dafuer."
+
+"Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
+erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
+deutschen Truppen stehen."
+
+Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
+Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
+dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.
+
+Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
+seine Frau an sich mit grosser, innerer Bewegung: "Wir muessen uns
+trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen."
+
+"O Johannes!" rief sie, "warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
+habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
+zu deiner Mutter!" Sie weinte bitterlich. Er drueckte sie innig an sein
+Herz: "Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
+kann nicht, unmoeglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
+Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie haetten keinen Gottesdienst,
+keinen Zuspruch in Unglueck, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
+dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
+bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
+mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
+trennen muessen."
+
+"Trennen?" sagte sie, "wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
+rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
+bis in den Tod."
+
+Es gelang ihm nicht, sie zu ueberreden, dass sie sich mit den Kindern
+fluechtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
+Pfarrfrau: "Sei getreu bis in den Tod." Ruhig und mutig sah sie dem
+entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.
+
+Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schoener Sonntag
+war angebrochen. Die Kirche fuellte sich wie an einem hohen Festtag.
+Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
+hoeren, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
+Andacht die ganze Kirche erfuellt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
+der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
+Anzahl Leute von der Landstrasse her auf das Dorf zurennen. Schon von
+weitem hoerte man ihren Schreckensruf: "Die Kosaken kommen! Ein ganzer
+Trupp ist hinter uns her!"
+
+Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. "Luise, es wird ernst! Die Feinde
+kommen! Gott sei uns gnaedig!" Er wollte den Talar ablegen.
+
+"Behalte ihn an," bat seine Frau, "vielleicht achten sie dies Gewand!"
+
+"Meine gute, kluge Frau!" rief er und drueckte sie an sein Herz, "was
+wird nun ueber uns kommen?"
+
+"Was sollen wir tun?" fragte sie dagegen, "das Hoftor und die Haustuere
+schliessen?"
+
+"Das hat keinen Wert; sie schlagen die Tueren ein und dringen dann schon
+in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
+Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
+brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
+Furcht." Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
+Nebenzimmer spielten: "Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
+wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen."
+
+"Keine Feinde, gelt Vater?" sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
+Worte hoerte.
+
+"Hungrige Soldaten," erwiderte dieser ausweichend. "Hilf der Mutter den
+Tisch decken, Stuehle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine."
+
+Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
+wie fuer Gaeste.
+
+In diesem Augenblick kam aus der Kueche Maruschka, das Maedchen, totenblass
+herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
+sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.
+
+"Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
+Sieh, dass das Essen recht gut ausfaellt. Man muss den hungrigen Soldaten
+gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Kueche, ich komme gleich
+nach."
+
+"Ei, Mutti," sagte Fickchen, "ich glaube, Maruschka ist bange vor den
+Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung."
+
+Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
+Strassen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Haeuser.
+
+Dann ploetzlich hoerte man von ferne Pferdegetrabe, hoerte ein Signal, die
+Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anfuehrer liess in deutscher Sprache
+ausrufen, dass keiner der Einwohner den Ort verlassen duerfe. Bei
+Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenlaeuten oder
+sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
+Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.
+
+Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schoene Pfarrhaus, obwohl es
+abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam misstrauisch um sich
+schauend durch den Garten auf die Haustuere zu; voran einer, der der
+Anfuehrer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Tuere
+weit auf. Als seine grosse Gestalt im langen, schwarzen Talar ploetzlich
+vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
+machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
+russischer Sprache: "Kommt herein, der Tisch ist schon fuer euch
+gedeckt!"
+
+Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
+dem grossen weissgedeckten Esstisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
+noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Haende
+segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heissen. Die
+Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.
+
+"Das ist meine Frau und meine Kinder," sagte der Pfarrer ruhig. Die
+beiden Kleinen traten zutraulich heran. "Meine Frau kann nicht russisch,
+aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
+Luise," fuegte er in deutscher Sprache hinzu.
+
+Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepaeck ablegten.
+Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anfuehrer,
+es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
+Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
+Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
+Haende. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
+waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.
+
+Was draussen in der Kueche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
+was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
+beste.
+
+Waehrend des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
+aufgetragen: die schoenen Betten im Gastzimmer ueberzog sie mit frischer
+Waesche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die mueden Soldaten hinauf und
+lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
+erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
+sorgte voraus fuer das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, dass die
+Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen wuerden.
+
+So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
+ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wuestes Treiben; das ganze
+Wirtshaus lag voll Kosaken, die assen und tranken bis tief in die Nacht
+hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
+Kellerschluessel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
+weigerte und wehrte sich; ploetzlich zog einer der Soldaten die Pistole
+und schoss den Wirt nieder.
+
+Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
+am fruehen Morgen, waehrend die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
+einen Buben zum Pfarrer, er moechte doch den Toten beerdigen, den die
+Soldaten nicht im Haus dulden wollten.
+
+Der Pfarrer liess sagen, man moege das Grab richten, er werde den Toten
+beerdigen, aber es muesse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
+die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.
+
+Vom Dorf aus brachten vier Traeger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
+seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
+trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
+des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
+Friedhofgloecklein gelaeutet. Der Pfarrer blieb bestuerzt stehen: "Wer
+laeutet? Wisst ihr nicht, dass die Kosaken auch das Laeuten bei Todesstrafe
+verboten haben?"
+
+"Ach, Herr Pfarrer," sagte die Frau erschreckt, "es ist ja nur das
+Sterbegloeckchen! Ich habe den Messner gebeten, dass er laeutet. Das werden
+die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Gelaeute zu
+Grabe getragen werden."
+
+Der Pfarrer hoerte kaum auf sie, er wandte sich an ihren aeltesten Buben:
+"Spring zum Messner! Er soll das Laeuten sein lassen, es kann ihm das
+Leben kosten!"
+
+Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
+versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst ueber dem
+Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
+ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich fuer verraten.
+Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wuetend stuermten ein paar von
+ihnen nach der Kirche. Der Gloeckner wurde in einem Augenblick
+ueberwaeltigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
+Pfarrer, denn der hatte gewiss das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
+drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
+wilden Rotte liefen die Sargtraeger und die Wirtin mit ihren Kindern
+unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
+der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. "Ich habe
+nur getan was meines Amtes ist," sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
+"das Laeuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen." Da wechselten
+sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
+fortzufuehren. Im Augenblick waren ihm die Haende auf den Ruecken gebunden.
+Dabei riss einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. "Versuendige
+dich nicht," sagte der Pfarrer, "lege es dem Toten auf sein Grab," und
+der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.
+
+Sie fuehrten den Gefesselten durch das Dorf. Die Strassen waren leer,
+niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
+hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Strasse und mit Entsetzen
+sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
+Wirtshaus gefuehrt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.
+
+Nur die Pfarrfrau wusste nichts von allem, was geschehen. Zwar ueber das
+Laeuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darueber
+nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
+geworden; sie hoerte sie lebhaft reden und eilte, Fruehstueck fuer sie zu
+bereiten. So frueh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
+wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
+sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, dass ihr Mann wieder vom Friedhof
+zurueck kaeme.
+
+Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie musste sich wohl
+darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
+Sprache gekonnt haette! Sie oeffnete die Tuere; aber die Soldaten schienen
+nicht vor zu haben, zum Fruehstueck zu kommen, sie gingen auf die Haustuere
+zu.
+
+"Tee?" fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
+Tuere war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zoegerten bei
+diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
+dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
+Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Kaes und
+Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Strasse.
+Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklaeren, ging hinauf in
+das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepaeck
+mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mussten sie wohl heute frueh
+schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspaetet und deshalb
+so eilig? O Wonne, diese Gaeste gluecklich los zu sein!
+
+Vom Gastzimmer aus konnte man hinueber blicken nach dem Friedhof. Der
+lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
+so frueh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
+Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
+unmoeglich schien.
+
+Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
+Stille etwas Bedrueckendes. Es froestelte sie. Sie ging wieder hinunter in
+die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die grosse Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
+wuerde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe ueber die Kanne, dass der
+Tee schoen heiss bliebe, bis ihr Mann endlich kaeme. So sass sie ganz allein
+an dem grossen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
+auf ihren treuen Gefaehrten, der doch auch noch kein Fruehstueck hatte.
+
+Jetzt endlich hoerte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
+durch die Flur; die Wohnzimmertuere ging auf--ihr Mann stand vor ihr.
+
+"So, endlich!" sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, "jetzt
+komme nur gleich, der Tee wird kalt!"
+
+Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
+transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
+Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
+einzigen Sorge: der Tee wuerde kalt.
+
+Sie sah jetzt seine Erregung. "Was ist denn geschehen?" fragte sie
+aengstlich.
+
+"Du weisst wohl von gar nichts?"
+
+"Nein, wo warst du denn?"
+
+"Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
+Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
+Gefesselt bin ich vom Friedhof herein gefuehrt worden, ganz nahe an
+unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
+goennen, dass du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Laeuten der
+Sterbeglocke fuer Verrat gehalten; dem Gloeckner hat es das Leben
+gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
+meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiss, Luise; es ist nichts mehr
+zu fuerchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
+Einquartierung. Unsere vier Leute sind fuer mich eingetreten, haben fuer
+mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
+Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!"
+
+"Ja, Gott Lob und Dank!" Die Pfarrfrau war so erschuettert, sie konnte
+sich gar nicht fassen. Freilich fuer diesmal war die Gefahr ueberstanden;
+aber noch heute konnten groessere feindliche Heere das Land ueberfluten.
+
+Aus der Ferne hoerte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.
+
+Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Strasse und wieder kamen
+sie in grosser Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
+Sie wollten fluechten; alle waren einig, so schnell wie nur moeglich;
+keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
+Gloeckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
+einen Schreck eingefloesst, so dass es von Mund zu Mund ging:
+
+"Nur fort, nur fort!"
+
+Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
+Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefuellt, Kranke und
+Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvoegel u. dgl. durften
+mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.
+
+Unterwegs stiess man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
+anders gehaust und Greuel veruebt hatten, bei deren Bericht man
+schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwaerts; aengstliche,
+bekuemmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verliessen und mit
+schwerer Sorge in die Zukunft sahen.
+
+Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
+geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfuellte die Strassen
+und Plaetze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich bruellend in den
+engen Strassen.
+
+Aber es wurde Ordnung geschafft und mit ruehrender Naechstenliebe wurden
+in kurzer Zeit all die armen Fluechtlinge untergebracht, wurde Dach und
+Fach, Arbeit und Verdienst fuer sie geschafft.
+
+Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
+Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
+sie trauerten um das schoene Land, das vom feindlichen Heer verwuestet
+wurde, und um die unglueckseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
+konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
+Ostpreussens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
+Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
+Hand der Feinde gerettet wuerde.
+
+Und der grosse Tag kam; der Retter Ostpreussens erschien: Generaloberst
+_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
+Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.
+
+Was war das fuer ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!
+
+Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
+Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
+Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
+untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
+Fluechtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, dass sie bald
+wieder in die geliebte Heimat zurueck koennten. Alles Schwere, alles Leid
+versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
+der dem Leid ein Ende gemacht.
+
+Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen duerfen
+zurueckzukehren, denn noch immer koennen sich feindliche Einfalle an der
+Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
+Not fuer die Fluechtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
+wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
+gluecklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
+verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!
+
+
+
+
+Die Konservenbuechsen.
+
+
+In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauss unter seiner
+Ladentuere und sah die Strasse hinunter, immer nach einer und derselben
+Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenueber
+sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
+sie rief dem Nachbar zu: "Kommt sie noch nicht?"--"Sie muss gleich
+kommen."
+
+Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der groessere von beiden sah
+aber nebenbei auch immer wieder die Strasse hinunter. "Jetzt kommt sie!"
+rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
+Zeitungsaustraegerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
+es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
+trug. Sie war froh, dass ihr viele Blaetter auf der Strasse abgenommen
+wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
+hatte in der Stadt schon etwas von einem grossen Sieg der Deutschen
+gehoert und war gespannt, ob es auch gewiss wahr sei. Wer seine Zeitung
+gluecklich in Haenden hatte, las sie schon auf der Strasse. Auch Georg, so
+schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
+unterwegs, was mit grossen Buchstaben ueber das ganze Blatt gedruckt stand
+und rief dem Vater zu: "_Grosser Sieg ueber die Russen, sechzigtausend
+Mann gefangen_."--"Wirklich? gib her, Georg!" Der Vater verschwand im
+Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
+auch die Mutter lehnte sich darueber; der Vater las laut und alle freuten
+sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
+Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung musste
+beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Kueche, die
+Jungen folgten ihr. "Das haette ich so gerne noch gehoert," sagte
+Georg, "was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
+Konservenbuechsen."--"Was fuer Buechsen sind denn das?" fragte der kleine
+Hans.--"Blechbuechsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemuese und
+Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen noetig brauchen, wenn sie
+gerade nichts Frisches haben koennen. Der Vater wird schon nachher
+weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Kaes zum Vesper fuer
+den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
+Pfennige mehr sein, wenn es ein schoenes Stueck ist. Ich gebe dir 35 statt
+30 Pfennig mit."
+
+Georg ging mit dem Geld in die naechste Strasse und verlangte in dem
+Warengeschaeft ein Viertelpfund Kaes. Ein Stueck wurde abgeschnitten und
+gewogen. "Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
+Pfennig," sagte die Verkaeuferin. Waehrenddessen hatte Georg auf dem
+Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
+Schokoladestangen erblickt. Das Stueck fuenf Pfennig, stand auf dem
+Kasten. Und fuenf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
+diese fuenf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie waeren ja auch weg
+gewesen, wenn er sie fuer den Kaes ausgegeben haette. "Und eine
+Schokoladestange fuer fuenf Pfennig," sagte er; bekam sie, ging hinaus,
+liess sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
+Gewissen dabei; "wegen der fuenf Pfennig". Er war schon mit Essen fertig,
+als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Kaes ab. "Komm, der Vater ist
+allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor." Bald
+standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: "Unter den
+Gepaeckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
+zur grossen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbuechsen
+angefuellter. Die Buechsen waren verloetet und jede trug die Gewichts- und
+Inhaltsangabe der verschiedenen Gemuese- und Fleischgerichte. Als aber
+eine und dann immer mehr dieser Buechsen geoeffnet wurden, fand sich, dass
+sie, anstatt mit Esswaren, mit Sand und Spaenen gefuellt waren. Dieser
+Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
+russischen Volk herrscht."
+
+"Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
+nicht!" rief die Frau empoert.--"Ja es ist unglaublich!"--"Was denn,
+Mutter, was ist denn so schlimm, erklaere mir's doch," draengte
+der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehoert, aber doch die
+Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.
+
+"Begreifst nicht?" sagte die Mutter, "wenn ich dir einen Nickel gebe und
+sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
+Gutele darum kaufen; gelt das waere nicht recht? Da hat aber der
+russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
+gesagt, sie sollen Buechsen mit Fleisch und Gemuese fuellen fuer die
+Soldaten. Die haben aber das Geld fuer sich behalten, haben kein Fleisch
+und Gemuese gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Buechsen
+getan und haben sie zugeloetet."
+
+"Die Russen haben das getan?" fragte Hans, der mit groesster Spannung
+zugehoert hatte.
+
+"Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
+ehrlich."
+
+"Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?" fragte Hans wieder,
+"ich moechte auch ein Deutscher werden."
+
+Sie lachten ueber den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
+Blondkopf: "Bist schon laengst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
+bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!"
+Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehoert,
+dass der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fuenf
+Pfennig, die fuer den Kaes bestimmt waren, hatte er fuer Schokolade
+ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
+"Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
+Deutscher, gelt Mutter?" sagte er, "nur natuerlich so etwas, wie mit den
+Buechsen, darf er nicht tun!" Der Vater blickte von der Zeitung auf und
+sah Georg an. "Mit der kleinen Unehrlichkeit faengt's allemal an," sagte
+er, "es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
+Pfennig betruegt, so kommt er immer weiter."
+
+"Das ist doch ein Unterschied, auf fuenf Pfennig kommt's doch nicht an,"
+beharrte Georg.
+
+"Auf die Pfennige kaeme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
+die darf eben keinen Flecken haben; da muss sich einer rein halten, schon
+als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
+soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
+erschwindeln kann, als auf fuenf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
+auch das andere nicht koennen."
+
+Jetzt wurde es Georg ganz angst; er wuerde doch nicht spaeter einmal so
+etwas tun, wie es die Russen getan hatten?
+
+"Gelt, dich drueckt etwas," fragte die Mutter ihren Grossen, der in
+sichtlichem Unbehagen dastand, "hast was auf dem Gewissen, Georg?"
+
+"Ja, fuenf Pfennig vom Kaes. Die waren uebrig und ich hab mir Schokolade
+dafuer gekauft und schon gegessen, sonst moecht' ich sie gleich hergeben."
+
+"So, so!" sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehoerte
+doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Waehrend er sich so
+besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodass die erste Seite
+wieder obenauf lag mit der grossen, frohen Siegesnachricht ueber die
+Russen. "Ja, ja," sagte er ploetzlich und sah hell auf, "die Russen haben
+wir besiegt; die ganze Russenart muessen wir unterkriegen; denn etwas
+davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kaempfen dagegen an. Wir
+sehen's jetzt im Krieg, wohin das fuehrt. Ehrliche Deutsche wollen wir
+sein, keinen Fuenfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
+Buechsen, gelt du?"--"Ja, Vater!"--"Da drueben ziehen sie die Fahne auf!"
+rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentuere. "Ja, Sieg ueber
+die Russen und ueber die Russenart!"
+
+
+
+
+Zu welcher Fahne?
+
+
+Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
+des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
+Elsaesser; auch seine Frau stammte aus dem Elsass. In Strassburg hatten sie
+ihren Hausstand gegruendet, dort waren auch ihre beiden aeltesten Kinder,
+zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Spaeter
+war die Familie Kolmann nach Paris uebergesiedelt, wo dem Manne eine gute
+Stelle an einem grossen Bankgeschaeft angeboten war. Sie lebten nun seit
+drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Bruedern noch ein
+Schwesterchen gekommen. Fuer die Elsaesser war das Eingewoehnen in Paris
+leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die franzoesische Sprache
+vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern franzoesisch und jedermann,
+der nicht naeher mit ihnen bekannt war, hielt sie fuer Franzosen. Paul und
+Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den franzoesischen
+Altersgenossen zur Schule.
+
+Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
+und brachte schwere Sorgen und Ueberlegungen fuer viele Deutsche in Paris.
+
+In dem Bankgeschaeft, fuer das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
+Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wussten
+sie doch, dass ihres Bleibens nicht mehr war, und dass sie jeden Tag ihre
+Einberufung erwarten mussten. So verliessen sie Frankreich noch vor dem
+eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurueck.
+
+Der Direktor der Bank, fuer den die ploetzliche Abreise mehrerer
+Angestellter sehr stoerend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, dass er
+darauf rechne, ihn, den Elsaesser, zu behalten. Im Kriegsfall kaeme ja
+Elsass doch wieder an Frankreich. Die Elsaesser wuerden alle gleich bei
+Beginn des Kriegs zu den Franzosen uebergehen; daran sei gar nicht zu
+zweifeln.
+
+Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und wuerde im
+Kriegsfall einberufen werden.
+
+"Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel," meinte der Direktor; "Sie
+duerfen sich nur naturalisieren lassen, das heisst wieder Franzose werden.
+Im uebrigen ist ja immer noch Hoffnung, dass es nicht zum Krieg kommt; die
+Gefahr kann auch wieder vorueber gehen. Einstweilen moechte ich Sie
+ersuchen, moeglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu uebernehmen,
+wofuer ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde."
+
+Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschaeft heim. Seine
+drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
+Salon erwartete ihn seine Frau.
+
+"Wie spaet du heimkommst," klagte sie. "Das kann doch nicht so weiter
+gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, dass du die Arbeit der
+Herrn uebernimmst, die abgereist sind."--"Ich muss es ja nicht umsonst
+tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
+Gehalt angeboten."
+
+"O wie fein!" rief Frau Kolmann, "den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
+ich nicht murren, wenn du spaeter von der Bank kommst; wir werden den
+Abend um so vergnuegter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
+Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?"--"Bitte, lass uns
+nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich muede und gar nicht in
+der Stimmung auszugehen."
+
+"Schade," sagte die junge Frau, "wie kann einer nicht in guter Stimmung
+sein, wenn man ihm unvermutet einen so glaenzenden Gehalt anbietet? Aber
+ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
+wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Esszimmer, der
+Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
+auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
+gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie toericht sie waren,
+so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiss nicht, ich habe
+es heute erst im Figaro gelesen."
+
+"Glaube den franzoesischen Zeitungen nicht, sie luegen!"
+
+"Aber nein, gewiss nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
+der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
+Auch der Koenig von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
+einen europaeischen Krieg zu verhindern. Dass die Franzosen den Krieg
+fuerchten, wissen wir doch ganz gewiss und ebenso, dass die Deutschen nie
+anfangen. Also, wie soll es einen europaeischen Krieg geben? Komm, sei
+nicht so schwarzsichtig, lass dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
+an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt."
+
+"Ja, wie geht es ihnen?"
+
+Die Mutter erzaehlte nun froehlich, dass die kleine Mimi, die einjaehrige,
+schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zaertlich
+seien mit dem kleinen Liebling. Ueber diesem Geplauder wurde auch der
+Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.
+
+Am naechsten Morgen machte sich Kolmann fruehzeitig auf den Weg zur Bank.
+Er wusste, dass viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
+Frau und Kindern mit den Worten: "Auf Wiedersehen um zwei Uhr." Zaertlich
+kuesste er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Fruehstueck sassen,
+ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
+lockte. Sie wurde eben von der "Bonne" in ein weisses Kleid gesteckt und
+streckte verlangend dem Papa die Aermchen entgegen. Nur einen Augenblick
+hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
+Kinderfrau zurueck und verliess eilends das Haus.--Er war noch keine
+hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
+"Es ist der Krieg!" rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
+naechsten Voruebergehenden mit dem Ruf: "Es ist der Krieg!"
+
+Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Haenden das Blatt und las, dass
+die Franzosen ueber die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
+eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
+erklaert.
+
+Da wandte Kolmann seine Schritte zurueck und nach wenigen Minuten war er
+wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
+mit den beiden Knaben am Fruehstueck sass, und sagte auch nur die vier
+Worte: "Es ist der Krieg!" Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
+hinhielt. Sie las es. "Also wirklich?" Nun musste auch sie an den Krieg
+glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Haenden, Paul nahm es auf. Er las,
+was mit grossen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
+Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die grossen Leute nun wohl
+den Krieg fuehren wuerden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
+und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das franzoesische
+Dienstmaedchen im Zimmer nebenan war. "Papa," fragte Paul--er redete
+franzoesisch--"Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
+Englaender halten zu uns, ist das wahr?"--"Zu uns?" Der Vater sah seinen
+Jungen an. Er hatte nie mit ihm darueber gesprochen, dass sie Elsaesser und
+also Deutsche waren, denn er wollte, dass seine Kinder sich ganz heimisch
+und wohl fuehlten unter den franzoesischen Kameraden. Und jetzt, in dem
+Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
+sprechen. "Bitte Papa, sage mir's!" wiederholte Paul, "haelt England zu
+uns?"
+
+"Franzosen, Englaender und Russen halten zusammen," sagte Herr Kolmann
+ausweichend.--"Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
+haben die auch Freunde?"
+
+"Ja, Oesterreich geht mit Deutschland."
+
+"Papa, wer wird's gewinnen?"
+
+"Wir, Paul," sagte der Vater und er dachte dabei "wir Deutschen", aber
+er merkte wohl, dass Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
+forderte den juengeren Bruder auf, mit ihm hinueber zu gehen ins
+Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.
+
+Die Eltern blieben allein zurueck. "Paul meint, wir seien Franzosen,"
+sagte Kolmann. "Das ist ja nur gut," entgegnete seine Frau, "Elsass kommt
+nun sicher wieder an Frankreich. Ich hoerte es neulich erst sagen, ganz
+Elsass freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
+Frankreich uebergehen."
+
+"Was man wuenscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
+und von all den Elsaessern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
+wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weisst du nicht mehr,
+wie er begeistert war fuer das deutsche Heer? Meinst du, dass er ueberginge
+zur franzoesischen Fahne?"
+
+"Der freilich nicht," sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fuegte
+sie hinzu: "Gottlob, dass du nicht in den Krieg musst; es waere ja
+schrecklich, wenn man nicht wuesste, zu wem man halten sollte." In
+sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.
+
+"Was beunruhigt dich so?" fragte sie teilnehmend.
+
+Er schwieg.
+
+"Sage es mir doch, lieber Freund," bat sie zaertlich.
+
+Da blieb er vor ihr stehen. "Ich muss es dir ja freilich sagen, wenn du
+es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
+dreissiger Jahre entheben mich der Militaerpflicht. Mir bleibt nur die
+Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann muessen wir
+alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
+Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehoeren wir kuenftig der
+franzoesischen Nation an. Schon lange habe ich gefuerchtet, dass ich einmal
+vor diesen Entscheid gestellt wuerde, nun ist die Stunde gekommen."
+
+"Aber Liebster, wir koennen uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
+unser reizendes Heim, hier hast du eine glaenzende Stellung; so bleiben
+wir doch natuerlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
+Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das waere doch zu toericht!"
+
+"Ja, ja, ganz recht; es waere toericht und fuer dich zu schwer," antwortete
+er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.
+
+"Unsere Grosseltern waren noch Franzosen," sagte sie, "so koennen wir es
+doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?"
+
+"O nichts," sagte er bitter, "nichts als das, dass ich als Soldat zur
+deutschen Fahne geschworen habe. Und dass es mir ein sonderbares Gefuehl
+ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
+brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
+ruestet, dem ich als junger Mann angehoert habe mit Leib und Seele. Es ist
+das schoenste, beste Heer mit seinen praechtigen Offizieren und seinem
+edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
+All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
+hielt und den ich verehrte--alle duerften mir zurufen: Pfui!"--
+
+Charlotte stand ergriffen.
+
+In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
+Koepfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: "Mama, wir sind schon in Berlin
+gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
+gefangen, dem soll es schlecht gehen!"
+
+"Schweigt!" rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem aeltesten
+eine Ohrfeige. Sehr bestuerzt ueber diese ganz ungewohnte Behandlung
+verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Traenen.
+
+"Verzeih," sagte der Mann, "ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
+hoeren, dass meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
+besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!"
+
+Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
+noch bitterlicher. Beguetigend sagte er: "Ich werde Paul noch ein
+freundliches Wort sagen, ich weiss ja, er hat die Ohrfeige nicht
+verdient. Du musst nicht mehr darueber weinen!"
+
+"Ach, das ist's nicht," sagte sie schluchzend, "aber geh nur jetzt, wir
+koennen ja mittags alles besprechen."
+
+Da verlief er das Haus, ging durch die Strassen zwischen der aufgeregten
+Menge hindurch, hoerte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
+Bank ein grosses Gedraenge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
+Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hoerte,
+wie er die Aengstlichen zu beruhigen suchte. Sein spaetes Kommen musste dem
+Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
+Beamte moechte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
+es sei doch gut gewesen, dass er ihm schon gestern doppelten Gehalt
+angeboten hatte. So etwas schlaegt keiner aus--meinte der Direktor.
+
+Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
+Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und froehlich wie
+sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, dass
+sie moeglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
+Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
+nachdenken zu koennen. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
+ueberlassen; er hatte alles fuer die Familie aufs beste eingerichtet und
+jederzeit gewusst, was geschehen musste. Nur heute nicht. Es war ihr
+ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
+Ohrfeige, die kam doch nur daher, dass er es nicht ertragen konnte, wenn
+sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
+auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinueber zum deutschen Heer.
+Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
+Bei dem blossen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Fuessen.
+Waehrend sie so in der Stille darueber nachdachte, glaubte sie im
+Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hoeren. Aber der war doch wohl fort
+mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem grossen Tisch stand Paul
+ganz allein, eifrig beschaeftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
+Befehle gab.
+
+"Mama," sagte er, "die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
+ganz still im Zimmer spielen wuerde. Sie meinte, es werde dir schon recht
+sein, und wir wollten dich nicht stoeren. Mama, warum bist du so traurig,
+und warum ist Papa auch nicht wie sonst?"
+
+"Das kommt vom Krieg, Kind."
+
+"Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
+wir alle Deutsch koennten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
+Elsaesser. Wie ist das eigentlich?"
+
+"Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darueber."
+
+"Das will ich auch nicht, nur wissen moechte ich es, Mama. Sieh, da
+stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsaesser
+habe, wohin muss ich sie stellen?"
+
+Er sah auf und wunderte sich, dass die Mutter keine Antwort gab. "Bitte,
+sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
+Sieh, da ist unsere franzoesische Fahne und hier die schwarzweiss-rote,
+das ist die deutsche. Zu welcher gehoeren die Elsaesser?"
+
+Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von aussen Hilfe. Es
+klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
+anfragte, ob er sie in so frueher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
+koennte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. "Ich
+wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen," sagte Herr Frank.
+"Meine Frau laesst Sie herzlich gruessen, sie hat alle Haende voll zu tun.
+Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
+Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tueckisch
+fallen die Feinde von allen Seiten ueber Deutschland her! In Lug und Trug
+sind sie verbuendet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
+zurueckbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
+Sie?"
+
+"Ich weiss nicht," sagte Frau Kolmann; "vielleicht--ich weiss nicht; was
+macht Ihre Frau?"
+
+"Meine Frau draengt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
+sehen, ihnen kein Wort goennen."
+
+"Aber was wird aus Ihrem Geschaeft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
+Ihren Kindern?"
+
+"Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
+das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, dass wir nach
+Deutschland muessen, und wenn es auch nur waere, um mit ihm zu leiden. Ihr
+Mann denkt sicher ebenso. Ich muss gehen, gruessen Sie ihn. Wir treffen uns
+unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen fuer alle
+Freundschaft. Vielleicht fuehrt uns das Leben noch einmal zusammen im
+stolzen, sieggekroenten Vaterland!" Er drueckte ihr die Hand zum Abschied
+und ging.
+
+Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurueckgelassen,
+einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfuellte und ihr,
+der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie gross war das, zu sagen:
+Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
+sich geschaemt, dem Freund nur auszusprechen, dass sie daran daechte, in
+Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr muesste ihr Mann sich schaemen, er, der
+Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
+zurueckbleiben! Alle Unsicherheit und Schwaeche war von ihr gewichen.
+Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurueck.
+
+"Nun, Paul," sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, "was wolltest
+du wissen? Wohin die Elsaesser gehoeren? Zu den _Deutschen_ gehoeren sie,
+das musst du doch wissen! Wir sind Elsaesser und Elsass gehoert zu
+Deutschland."
+
+"So?" sagte der Knabe nachdenklich, "ja, dann muss ich alles anders
+aufstellen; dann muessen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
+muessen oben stehen, damit sie siegen koennen!"
+
+"Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
+ihn freuen."
+
+"Das haettest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
+Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekaempft und zu den Franzosen
+gehalten."
+
+"Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!"
+
+ * * * * *
+
+Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
+entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
+verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
+wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
+aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
+verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.
+
+Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsaesser, die nicht,
+wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich uebertreten wollten,
+wandte sich der groesste Hass der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
+Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
+Miete fuers ganze Jahr; die Koechin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
+ihren Lohn und verliess sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
+Speisen abzugeben, und der Gepaecktraeger kehrte den Ruecken, als er
+aufgefordert wurde, das Gepaeck zu besorgen. Die Leute aus dem
+Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.
+
+Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
+Achseln und erklaerten, sie koennten nichts machen. Auf dem deutschen
+Konsulat waren alle Raeume ueberfuellt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
+Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Maedchen, die Schutz suchten. Da
+sagte sich Kolmann: "Hilf dir selbst!" Mit viel Geld, mit guten und
+boesen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, dass er am naechsten
+Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
+Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.
+
+Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
+in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedraenge, bei der
+boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, dass,
+waehrend die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
+weggestossen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
+in Bewegung setzte. Niemand kuemmerte sich um den Jammer der
+Zurueckbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
+"Mein Kind, mein Kind!", der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
+Kolmann davon fuhr. Sie wussten nicht, war ihr geliebtes Kind ueberfahren
+oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.
+
+Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Moeglichkeit,
+irgend etwas zu tun fuer das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
+kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfuegung, feindselig waren alle
+Einrichtungen; es war Krieg.
+
+Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
+Mitreisende, ein junges deutsches Maedchen, das in einem der hintersten
+Wagen gewesen, draengte sich allmaehlich vor und fragte in jedem Wagen:
+"Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?" Schliesslich kam
+sie mit der Frage in den richtigen Wagen. "Ja, ja!" riefen Pauls Eltern
+wie aus einem Mund. "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich vom Fenster aus
+gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
+aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte." Frau
+Kolmann stuerzten die Traenen aus den Augen: "Aber verloren ist er!"
+schluchzte sie laut. "Ich sah noch," fuhr das Fraeulein fort, "dass eine
+Frau, es schien mir eine einfache deutsche Buergersfrau, die mit ihren
+kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
+muetterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
+und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
+sagen."--"Danke, danke!" Frau Kolmann konnte nichts weiter
+hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden ueber ihre
+Traenen. Es war doch schon ein Trost fuer die Eltern, dass sie wussten, ihr
+Kind war nicht unter die Raeder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
+wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
+wirklich nach Deutschland, so wuerden Eltern und Kind sich auf allen
+Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.
+
+Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
+durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
+was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
+Trunk Wasser, keinen Schluck Milch fuer die kleinen, schreienden Kinder
+konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
+vom Poebel beschimpft, ohne dass es irgend einem Beamten eingefallen waere,
+die Wehrlosen zu schuetzen.
+
+Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehaessig zeigte. So
+Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, dass sie
+Paris den Ruecken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
+werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
+behandelte!
+
+Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
+gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mussten alle aussteigen und von
+da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepaeck
+vollends hinueber kaemen.
+
+Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
+ihnen deutsche Herzensguete entgegen. Man hatte den Strom der
+Vertriebenen erwartet und fuer die Nacht Unterkunft bereitet. Maenner und
+Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
+standen bereit, sie zu empfangen. Den todmueden Muettern wurden die Kinder
+abgenommen und mit warmer Milch gelabt, fuer die Erwachsenen waren
+Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
+auch waren, alle bekamen Obdach und Lager fuer die Nacht. Manche waren zu
+Traenen geruehrt ueber diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
+wiedergewonnenes deutsches Vaterland!
+
+ * * * * *
+
+Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Strassburg
+eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
+in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren muessen. Er brachte seine
+Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
+er daheim. Unermuedlich waren in dieser Zeit seine Bemuehungen, durch
+Anfragen bei Behoerden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen ueber das
+verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
+Bahn, Post und Telegraph waren fast nur fuer das Militaer zu haben und
+auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
+nehmen. Schon waren grosse Schlachten geschlagen und viele Opfer
+gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
+Wort "vermisst" vor. Wie konnte man verlangen, dass alle sich bemuehen
+sollten, nach dem einen kleinen Vermissten zu forschen?
+
+Das grosse Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
+tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
+verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
+sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
+dem grossen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; fuer die kurze Zeit, die
+sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
+Haeuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
+nach den glaenzenden Pariser Verhaeltnissen. Sie waren gluecklich,
+beisammen zu sein, aber im stillen fuerchteten sie beide den Tag, an dem
+sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzaehligen
+derselbe Abschied bevorstand, so fuehlten sie, dass es ihnen schwerer
+wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
+bedrueckte.
+
+Eines Abends sassen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
+schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke stoerte die Stille. "Wer
+kommt so spaet noch?" Herr Kolmann ging zu oeffnen. Ein Brieftraeger stand
+aussen. "Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
+es koennte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen." Der Bote
+ging.
+
+"Gewiss eine erfreuliche Kriegsnachricht," sagte Kolmann, indem er sich
+wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: "Auf
+Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
+eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
+Kriegswirren--namentlich in Ostpreussen und im Elsass--von ihren
+Angehoerigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
+solchen suchen."
+
+Es folgte eine Liste. Sie begann:
+
+ "Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
+ in Berlin, Passauerstrasse 6."
+
+ "Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
+ Gullasch in Heinrichswalde."
+
+ "Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
+ Elsass."
+
+ "Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
+ Grau Donalus, Fasanenstrasse."
+
+ "Dienstmaedchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Muehlhausen im
+ Elsass."
+
+So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.
+
+"Ja," sagte Herr Kolmann, indem er die Liste ueberflog, "an diese Zeitung
+wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben." Er stand auf, das
+Schreibzeug zu holen.
+
+Im selben Augenblick stiess seine Frau einen Schrei aus: "Liebster, hoere
+nur: 'Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
+Walfischgasse 3, bei Frau Peter.' Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
+Herzensmann, lies!"
+
+Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
+den wenigen Worten herausfanden, dass ihr geliebtes Kind wieder gefunden
+war. "Er sucht uns!" rief Frau Kolmann bewegt, "'gesucht von ihrem Sohn'
+heisst es. Wer hat ihm nur geholfen, dass er diesen Ausweg fand? O diese
+Frau Peter, die moechte ich in Gold fassen! Waere nur schon die Nacht
+vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?"
+
+"Zuerst telegraphieren, morgen in aller Fruehe!"
+
+Am naechsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
+Eltern, dass Paul gesund sei und gleich abreisen wuerde; ihn abzuholen,
+sei unnoetig.
+
+"Also wird ihn Frau Peter bringen," schloss Frau Kolmann, "denn allein
+kann das Kind doch nicht reisen."
+
+Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
+abgereist.
+
+Die Zuege gingen so unregelmaessig, man wusste nie, wann einer kam.
+
+Aber Frau Kolmann machte unermuedlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
+die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
+Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und kuesste
+sie, lachte vor Glueck und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuss,
+hob die Kleine auf den Arm und rief: "Ich kann sie ganz nach Hause
+tragen. Unseren Kleinen, weisst du, den von Frau Peter, habe ich auch
+immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
+in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Naehmaschine, da kann Frau
+Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser."
+
+"War sie gut, die Frau Peter?"
+
+"O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
+niemand hinueber, der nicht auf dem Pass genannt ist. Da hat sie mich
+Johann genannt, weil so ihr Kleiner heisst und auf dem Pass stand. Der
+Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
+ein Kind auf dem Pass. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
+moerderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
+angefahren: "So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!" Da ist
+der Beamte ordentlich zurueckgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
+so lachen muessen, dass ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
+Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
+angenommen und uns ein Stuebchen und Arbeit verschafft. Fuer mich haette
+sie eine Familie gewusst, die mich aufgenommen haette, aber Frau Peter und
+ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
+in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen."
+
+Immerzu erzaehlte Paul; sein Herz war uebervoll von all den Erlebnissen.
+
+Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
+die Zimmer, die ihm schoen und gross vorkamen. Darueber musste sich sein
+Bruder Emil wundern. "Uns gefaellt es gar nicht"; sagte er, "wir haben
+doch in Paris eine schoenere Wohnung gehabt!"
+
+Aber Paul liess sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschoen vor, und
+die Mutter war froh darueber. Sie merkte es aus allem: in grosser Armut
+hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
+im Gegenteil.
+
+Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
+als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
+Vater zog ihn so warm an sein Herz, dass die alte Vertraulichkeit gleich
+wieder da war.
+
+"Der Papa geht jetzt in den Krieg," erklaerte Emil.
+
+"Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
+Mama so grob gestossen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
+geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
+gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Strassburg reisen--es tue mir
+niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
+hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weisst du, die
+Naehmaschine haben wir natuerlich nicht gleich ganz bezahlen muessen, die
+muss monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
+Peter nicht etwas schicken?"
+
+"Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?" fragte der Vater laechelnd.
+
+Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: "Fuenfzig Mark! Aber wenn du ihr
+zehn schicken koenntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!"
+
+"Wir schicken ihr fuenfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
+fuer deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
+reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch spaeter nie vergessen."
+
+Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glueck an diesem
+Abend.
+
+Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
+wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglueckendes
+Wiedersehen folgen?
+
+Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.
+
+
+
+
+Der kleine Franzos.
+
+
+Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
+gar schnell auf den grossen Strassen, die nach Paris fuehren, vorwaerts.
+
+Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
+unsere Hauptstaedte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
+eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mussten, wie
+unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze franzoesische
+Bevoelkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfasst. Maenner und
+Frauen liessen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
+Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
+sie heimtueckisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Haeusern
+heraus.
+
+Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
+ein Dorf einzoegen, duerfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
+sollten sich hueten und wenn kuenftig nur auch _ein_ Schuss fiele, so wuerde
+das ganze Dorf verbrannt.
+
+Aber die Wut und der Hass waren zu gross; auch glaubten die Leute nicht,
+dass unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Maenner, die keine Waffen
+trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein wuerden. Man
+hatte ihnen so viel vorgelogen, dass sie meinten, die Deutschen seien
+grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, dass sie wie Meuchelmoerder
+aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
+die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schiessen, und das
+geschah.
+
+So kam es, dass eine ganze Anzahl von Doerfern niederbrannten. Viele der
+Bewohner fluechteten in die naechsten Orte und erzaehlten dort die
+Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzaehlten sie nicht, dass sie
+selbst an diesem Unglueck schuld waren. So wurde die Angst vor den
+Deutschen und der Hass gegen sie immer groesser.
+
+Ein grosses Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
+auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
+geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Haeusern rings
+herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
+Abend ein; aber sie liessen auch die franzoesischen Familien ruhig in
+ihren Haeusern.
+
+So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
+einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
+neunjaehrigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
+und war artig gegen seine Grosseltern. "Komm doch einmal her zu mir!"
+rief der Offizier, der beim Fruehstueck sass, in franzoesischer Sprache dem
+Jungen zu.
+
+Ohne Scheu folgte der Knabe.
+
+"Wie heisst du denn?"--"Pierre".
+
+"Bist du immer bei den Grosseltern?"
+
+"Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
+Eltern im naechsten Dorf; dort ist keine Schule."
+
+"So; komm einmal mit mir, Pierre, und fuehre mich in die Schule!"
+
+Aengstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
+hinausgehen. Unter der Tuere blickte der Kleine noch einmal zurueck und
+rief: "Keine Angst, gute Grossmama!" Die Strassen waren noch von Rauch und
+Brandgeruch erfuellt; im untern Teil des Dorfes gluehten noch die
+Brandstaetten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei fuehrte der Knabe
+den Leutnant zum Schulhaus. Die Tuere stand offen. Sie gingen hinein.
+Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: "Das
+ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hiess:
+"Die Ulanen kommen!"
+
+"Dann seid ihr alle ausgerissen."--"Ja."
+
+Der Offizier ging zu der grossen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
+Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
+nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem franzoesischen
+Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
+mit grosser Schrift in franzoesischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
+tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
+deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.
+
+"So, kannst du das lesen?"
+
+"Ja, gut!" sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
+Geschriebene vor.
+
+"Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und dass sie
+kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, dass es wahr
+ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
+schoss? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
+gut Freunde?" Er streckte dem Buerschchen die Hand hin. Es hat verstanden
+und schlug ein. "Nun so spring, kleiner Kamerad." Der Knabe rannte davon
+und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mussten die
+Schrift lesen.
+
+Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militaer zu warten, am
+naechsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
+Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
+kleine Pierre vorausgeeilt in das Doerfchen, wo seine Eltern lebten. Es
+lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der grossen Strasse, aber
+nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
+Soldaten sich dorthin wenden wuerde? Er liess sich nicht von den
+aengstlichen Grosseltern zurueckhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
+wollte warnen.
+
+Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Doerfern, war schon in
+das abgelegene Oertchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
+waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
+Die einzige Hoffnung war, dass die Flut nicht bis in das Seitental
+dringen moechte!
+
+Unwillkuerlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
+Felder bestellten, unzaehlige Male nach dem Weg hinunter, der von der
+grossen Strasse ab zu ihnen fuehrte und beruhigt waren sie, dass sie keinen
+Menschen sahen.
+
+Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
+einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
+sich vorwaerts bewegte und der allmaehlich groesser wurde. Da hielten sie an
+mit der Arbeit.
+
+"Nur ein Kind," meinte jetzt einer.
+
+"_Unser Kind_," sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
+erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
+zu: "Pierre kommt und wie er laeuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
+Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!"
+
+Da legten sie alle ihr Geraete aus der Hand und gingen dem Knaben
+entgegen.
+
+Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
+was er zu Berichten wusste. Dass das untere Dorf in Brand geschossen war
+und viele Menschen dabei umgekommen seien.
+
+Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hoerten ihn nicht ganz
+an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
+wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wusste doch, wie man es
+machen musste, damit die Haeuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
+in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, dass er noch gluehte und kaum
+Atem fand.
+
+Nun jammerten die Weiber: "Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?"
+Die Maenner waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
+dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stiess wilde, drohende Flueche aus
+gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
+dem Heuschober an der Strasse wollte er sie niederknallen.
+
+"Ja, ja, holt eure Buechsen," schrieen die Frauen.
+
+"Ich hole die von meinem Mann!" rief Pierre's Mutter und alle liefen in
+ihre Haeuser.
+
+Waeren die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es waere vielleicht einer
+von ihnen getroffen worden, und ganz gewiss waeren die Bauernhoefe mitsamt
+ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glueck zeigten sich
+noch keine Deutschen und allmaehlich beruhigten sich die Leute ein wenig.
+Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
+griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Haenden und flehte sie an:
+"Mutter, ich schwoere dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
+wenn ihr nicht schiesst! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
+sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
+selbst dabei, wie es der Offizier an die grosse Schultafel geschrieben
+hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
+gefruehstueckt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
+allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen."
+
+"Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
+Hoert man doch immer, dass sie die Kinder aufspiessen, die Unmenschen!" Da
+stampfte der Bub zornig auf den Boden. "Es sind keine Unmenschen, es
+ist verlogen! Aber natuerlich, wenn ihr schiesst, dann koennen wir alle
+braten in den Flammen unserer Haeuser!"
+
+Jetzt staunte die Mutter ueber ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
+"Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?"
+
+"Sie haben mich ja nicht hoeren wollen, haben alle
+zusammengeschrieen."--"So komm mit, Pierre, komm, du musst es ihnen allen
+erzaehlen; mach schnell, schnell, dass sie's hoeren, ehe die Deutschen
+kommen."
+
+Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
+auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
+Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespiesst
+worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen koenne,
+sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: "Da unten kommen sie!"
+
+Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
+Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich fuehrten.
+Wie gebannt standen die Leute; wussten nicht, sollten sie davonlaufen
+oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Naehe, Felder und
+Wiesen ringsum.
+
+Als die Feinde naeher kamen, zogen sie sich alle in das naechste grosse
+Bauernhaus zurueck und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
+wuerde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Ploetzlich rief der
+Knabe: "Seht ihr den grossen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
+gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
+franzoesisch. Dem kann man gleich sagen, dass von uns niemand auf ihn
+schiesst. Sagst du es ihm, Mutter?"
+
+"Wie werde ich den Offizier anreden, ich fuerchte mich zu Tode, wenn er
+kommt!"
+
+"Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!" Und
+richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
+Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
+erstaunt sein, dass hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
+von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
+erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
+und fuehrte ihn an der Hand.
+
+Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
+Leuten die Bekanntschaft erklaerte und ahnte nicht, dass er sagte:
+"Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
+Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
+haben, werden sie schwerlich auf uns schiessen."
+
+Nun kamen sie den Haeusern ganz nahe. "Dort ist meine Mutter," sagte
+Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geaengstigten, dass Pierre den
+Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.
+
+"Bleib bei mir, kleiner Freund," rief der Leutnant und hielt den Knaben
+fest. Da sah dieser betroffen auf.
+
+"Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
+bis ich das weiss, musst du bei mir bleiben."
+
+Das kluge Buerschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wusste er doch
+selbst, dass dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine musste den
+grossen Offizier schuetzen.
+
+Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
+gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentuere auf, sah vor sich ein
+paar Maenner und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
+zu schreien, wie wenn sie schon am Spiess steckten.
+
+Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: "Wir kommen nicht
+als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekruemmt, wenn ihr nicht
+feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
+wird sofort auf euch geschossen und die Haeuser verbrannt!"
+
+Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
+"Mein Kleiner hat uns schon gesagt, dass der Herr so gut ist und niemand
+wird etwas Feindseliges tun."--"Nein, niemand," betaetigte der Chor der
+Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
+boesen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. "Die
+Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!" Die Weiber kreischten auf vor
+Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
+gelegt und laechelnd entschuldigte er sich: "Pardon, es war nur Zufall,
+ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
+seine Waffe bei der Hand!"
+
+Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
+zu dem Buckligen: "Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
+wir fertig sind." Ein Wink und die Soldaten fuehrten den Buckligen ab.
+
+"Haende hoch!" befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Haende
+hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.
+
+"Es ist gut," sagte der Offizier und liess seinen kleinen Kameraden frei.
+Dann erklaerte er den Leuten in freundlichem Ton, dass er gekommen sei,
+bei ihnen Lebensmittel einzukaufen fuer die Soldaten. Sie sollten nun
+alle aus ihren Haeusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemuesen,
+Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren koennten und sollten
+es an den Wagen bringen. Es wuerde alles gut bezahlt werden, was sie
+freiwillig braechten; nur wer nichts braechte, dem wuerden seine Leute
+nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
+seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodass sie die ersten waren, die
+einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
+"sein" Offizier alles bar zahlte. Allmaehlich kamen aus allen Haeusern die
+Frauen mit Vorraeten und fuellten den Wagen. Auch aus dem Haus des
+Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
+zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
+Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mussten. Er aber
+wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
+seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: "Noch mehr, bringe noch
+dies und das!" Die leerte Kueche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
+nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
+verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
+hatten, von den Leuten.
+
+Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
+ihnen noch waehrend sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Buechse
+besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
+diesen noch einmal in das Haus zurueck, suchten, machten da und dort eine
+Tuere auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.
+
+"Hier," riefen sie, "hieher bringt ihn!" Der Bucklige wurde
+hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
+Getreidekammer ohne Fenster. "Hier nehmen Sie Platz," sagte der
+Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, gluecklich, dass er nicht, wie
+gefuerchtet, fortgefuehrt wurde. Die Kammertuere hatte ein grosses, schweres
+Schloss, der Offizier schloss zu und schob den Schluessel ein. "So,
+Pierre," sagte er, "du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
+dann darfst du den Schluessel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
+befreien!"
+
+Da lachte Pierre laut auf vor Vergnuegen, denn er hatte einen Grimm auf
+den Buckligen wegen der Pistole.
+
+Froehlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
+Proviantwagen, hatten ihren Spass mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
+ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen waere? Und die von oben sahen
+dem Zug nach und dachten: Wer weiss, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
+Leben verdanken?
+
+
+
+
+In Gefangenschaft.
+
+
+Als in die Familie des Buchhaendlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
+kam, da wussten Vater und Mutter, dass ihre beiden Soehne Lutz und Wilhelm
+sofort mit mussten. Denn der eine stand eben beim Militaer, der andere
+hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kraeftige Leute; wenn
+die nicht ausziehen wuerden, wer dann? Darueber war also kein Zweifel! Es
+galt nur, so schnell wie moeglich alles zu bedenken und zuzuruesten, was
+die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermuedlich taetig und
+Anna, die 14jaehrige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
+beiden Brueder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
+allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
+ganzen Tag in seinem Geschaeft, einer grossen Buchhandlung, taetig war, kam
+nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
+Soehnen zu sein; er nannte sie immer noch "seine Buben", obwohl sie ihm
+beide ueber den Kopf gewachsen waren. Die tuechtigen, jungen Burschen
+waren sein Stolz und seine Freude.
+
+Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklaerung.
+Wohl wussten sie: der Krieg ist ein Unglueck; aber dass er gerade _jetzt_
+ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhoertes
+Glueck! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstuermten, das Vaterland
+schuetzen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
+Aufgabe, keine grossartigere konnte das Leben bringen.
+
+Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; fuer Vater,
+Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
+grossen Begeisterungssturm dahin.
+
+Und dann wurde es ploetzlich still; der erste Abend ohne die Brueder! Die
+waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wusste man nicht.
+Aber die Zurueckgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
+Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzaehlte jetzt mehr von
+seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.
+
+"So glaenzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen," sagte er. Aber
+siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausruecken der Truppe vergangen,
+da verkuendete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
+Festung Luettich erobert!_
+
+Das war ein glaenzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
+daran. Bald kam ein Brief voll Glueck und Stolz: "Ich bin in Luettich
+dabei gewesen und habe mitgekaempft! Ihr habt gewiss in der Zeitung
+gelesen von dem Riesengeschuetz, der "fleissigen Berta", womit wir so
+schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr koennt Euch nicht
+vorstellen, was das fuer ein Hoellenlaerm ist, wenn unser grosser Brummer
+loslegt und wie der Boden wankt von der Erschuetterung. Und ist es nicht
+grossartig, dass niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschuetz? Ganz im
+geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
+ueberrascht worden. Es ging aber heiss her und es waren schwere Gefechte,
+bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
+aber war's schoen! Anna, einmal haette ich dich hergewuenscht, du haettest
+gelacht, wenn du gesehen haettest, wie ein paar von uns eine
+schwarz-weiss-rote Flagge zusammen naehten, denn es war keine bei der
+Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stueck aus einer schnell
+zerschnittenen belgischen Hose, zum weissen ein Handtuch, der rote fiel
+etwas duenn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
+Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
+wurde. Es kann nichts Schoeneres geben, als nach hartem Kampf eine
+deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
+voneinander. Gruesst ihn."
+
+Kaum zwei Wochen spaeter laeuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
+und von Mund zu Mund ging's: _Grosser Sieg in Lothringen_, 10000
+Franzosen gefangen, 50 Geschuetze erobert. Diesmal war es Lutz, der
+jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, dass er den
+Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: "Von all
+den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
+lesen und hoeren. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
+mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
+nichts Beglueckenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
+Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
+obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hoeren. Wohin wir jetzt
+kommen, weiss ich nicht."--
+
+Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
+beiden Bruedern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
+Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
+schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
+Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
+Geschaeft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Soehne und suchte
+doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
+durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
+Nichts gefunden.
+
+Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschaeftigt fuer
+jeden der Brueder ein Paeckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
+Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.
+
+Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. "Was ist's?" "Keine
+Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermisst." Und
+er fuegte hinzu: "Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
+werdet euch erinnern, dass erst kuerzlich in einem Artikel ausgefuehrt
+wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
+Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschliessen, weil sie
+nicht gleich die Moeglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurueckzukehren."
+"Ja," sagte Anna, "bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
+weisst du noch, Mutter?" Vater und Tochter hatten dasselbe Gefuehl: sie
+wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
+zitterte aber so sehr in ihren Haenden, dass sie nicht lesen konnte. Sie
+legte es weg. "Setze dich, Mutter!" Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
+Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: "Bleibe noch ein
+wenig oben bei uns, es ist so schwer!"
+
+Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
+langen, schweren Zeiten der Ungewissheit, die nun folgte. Gegenseitig
+machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.
+
+Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: "Wochenlang
+habe ich nichts von euch gehoert, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
+hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
+vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben fuer unser Regiment. Warme,
+saubere Hemden! Ihr wisst nicht, was das fuer eine Wonne ist! Ich und fuenf
+Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weissen,
+spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
+Villa eines verwuesteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
+Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwaesche, in Zigarren und
+Wuersten und sagen tausend Dank fuer alle Liebesgaben. Was wisst ihr von
+Lutz?"
+
+Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
+er hatte einen Brief in der Hand. "Von Lutz," sagte er; aber es klang
+nicht froehlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
+Tochter antwortete er: "Er ist gesund, aber gefangen ist er!"--"Also
+doch, o Gott, gefangen!" rief die Mutter.--"Aber er lebt doch und ist
+gesund," troestete Anna; "bitte, Vater, lies seinen Brief vor!"
+
+"Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
+deshalb ist er in einem unnatuerlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
+ist wunderlich." Er las vor: "Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
+Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe ueber nichts zu klagen und
+bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die aussen auf dem Brief
+angegeben sein wird. Ich wuesste so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
+ist hier eine schoene Gegend und waermer als bei uns. Ich gruesse Euch alle.
+Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
+Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir gruessen. Hebt auch
+fuer meine Markensammlung die franzoesischen Marken gut auf. Euer treuer
+Sohn und Bruder Lutz."
+
+Sie sahen sich alle drei betroffen an. "Der Brief ist gar nicht von
+Lutz!" rief Anna. "Die Leute, die wir gruessen sollen, kennen wir ja gar
+nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz."--"Ja, es ist
+ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewoehnliche Marken fuer
+seine Sammlung wollen. Es sind vier Fuenfcentimes-Marken."--"Aber doch
+fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darueber
+kann doch kein Zweifel sein."
+
+"Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht."
+
+Sie schwiegen alle drei und gruebelten ueber den merkwuerdigen Brief. Da
+leuchtete es ploetzlich in Annas Gesicht auf: "Darf ich den Umschlag
+haben, Vater? Ich moechte die Marken abloesen."
+
+"Warum?"
+
+"Er moechte sie doch haben!"--"Da nimm!"
+
+Mit grosser Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
+fingen an sich zu loesen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.
+
+"Da steht etwas geschrieben," rief sie, "ich habe mir's doch
+gedacht!"--"Nur sachte, sachte!"
+
+Alle drei waren in hoechster Spannung, bis die vier Marken gluecklich
+geloest waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
+spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:
+
+ Duerfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
+ sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fuers
+ Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Froehliches Wiedersehen im
+ Frieden.
+
+Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
+wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
+bewegt.
+
+"Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte ploetzlich Anna lebhaft,
+ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
+ich soll seine Gruesse ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
+Valentin und die andern Herrschaften gruessen, die doch gar nicht
+existieren? Das bedeutet etwas. Die Brueder und ich haben ja frueher zum
+Spass oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
+herausbringen!"
+
+Da sass sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach ueber die
+geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
+zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
+_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
+das Wort: Provence. "In der Provence ist er," rief sie triumphierend und
+sie lachte froehlich, wie in der gluecklichen Zeit, wo sie mit den Bruedern
+ihren Spass gehabt hatte. "Mutter," sagte sie, "du darfst dich nicht zu
+arg bekuemmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er haette doch ebensogut
+einfache Namen waehlen koennen. Aber das hat ihm nun gerade Spass gemacht,
+und ich kann mir denken, wie er gelacht hat ueber den Pater, die
+Excellenz und gar ueber das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
+schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben."
+
+So kam es, dass Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
+Gefangenschaft wussten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
+Wochen der Unsicherheit. Sie wussten nun doch, wo sie mit ihren treuen
+Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
+wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
+manchem, der fuers Vaterland in den Krieg zieht, faellt dies traurige Los.
+Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, moechte es
+auch das Schwerste sein, willig muss es ertragen werden.
+
+Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
+grosser Transport von franzoesischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
+sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgefuehrt
+wurden auf den Schiessberg, wo grosse hoelzerne Baracken fuer sie errichtet
+und mit starkem Stacheldraht umzaeunt waren.
+
+Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
+Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mussten dabei zu
+schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
+nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
+Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder hasserfuellt mit
+feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.
+
+Dennoch beschaeftigten sich die Gedanken des Buchhaendlers immer mit den
+Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
+sich nicht entschliessen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
+seiner Frau sehr schwer fallen wuerde, und sie hatte doch schon so viel
+zu tragen.
+
+Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
+Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
+in ihnen noch nach: "_Helfen_, wo wir irgend helfen koennen, _tragen_,
+was immer uns auferlegt sein mag." Da fand Herr Schreiber den Mut,
+seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, waehrend er sie
+am Arm durch die dunkelnden Strassen fuehrte: "Pauline, wenn du noch etwas
+mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so koennte
+ich noch etwas _helfen_."
+
+Auch sie war noch erfuellt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehoert
+hatte. "Natuerlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend koennen.
+Was meinst du?"--"Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
+Jahre noch brauchen koennte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
+ich bekam den Bescheid, dass dies bei meiner frueheren militaerischen
+Stellung wohl sein koennte und dass meine gute Kenntnis der franzoesischen
+Sprache hierfuer wertvoll waere. So wuerden sie mich also wieder in Uniform
+stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also muesstest du auch
+deinen Mann noch hergeben."
+
+"Koenntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?"
+
+"Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
+bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, dass ich mit meinem
+Dienst bei franzoesischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
+kann. Unter den franzoesischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
+ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluss ausueben,
+sogar waehrend der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
+Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzufloessen durch gerechte
+Behandlung und ihnen ein besseres Verstaendnis fuer deutsche Art
+beizubringen, so koennte das guten Einfluss ausueben auf die Behandlung
+unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmoeglich?"
+
+"Ich nicht, ich gewiss nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
+die Gefangenen gut."
+
+"Gut, was heisst gut? Neulich erzaehlte mir jemand, dass elf franzoesische
+gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
+worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
+unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
+worden, sonst haetten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
+aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns laecherlich und
+veraechtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
+Charakter auftritt, kann _die_ Guete zeigen, die nicht missbraucht wird."
+
+Da erwiderte seine Frau nachdenklich: "Ja, ich glaube, dass dir das
+gelingen wuerde; du koenntest da Gutes wirken. Du _koenntest_ nicht, du
+kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurueck, zu helfen, ich
+will die Trennung tragen."
+
+"An der tragen wir beide gleich schwer," sagte der Mann und fuehlte, wie
+weh ihm der Abschied tun wuerde, den er doch freiwillig auf sich nahm.
+
+Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
+grosse Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
+ersten Male zu zweien am Tisch sassen und ihre Vereinsamung so recht
+schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
+"Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim."
+
+Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Ueberraschungen ist der Krieg!
+
+
+
+
+Der junge Professor
+
+
+Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schuelern und auch
+wenige von den Lehrern Freude daran. Waehrend der Ferien war der Krieg
+ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hoeren, nichts reden, nichts
+lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
+wenn es gar keinen Krieg gaebe!
+
+Einer aber freute sich doch darueber. Das war der junge Lateinschullehrer
+Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
+geliebter Sohn, und die drei verstanden sich praechtig. Aber still war es
+in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
+der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
+sich hatte.
+
+In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die grossen
+Kaempfe durchleben und sich ueber die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
+den kuenftigen Soldaten Deutschlands!
+
+Er selbst waere ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
+jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren gluecklich, dass
+ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
+draengte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
+auch unter deinen Jungen etwas fuers Vaterland wirken. Er wusste noch
+nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz fuers
+Vaterland gluehte, die musste doch auch die Herzen der Jungen erwaermen.
+
+Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles veraendert. Mehrere
+Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klasszimmer waren anders
+eingeteilt; denn man hatte Platz machen muessen fuer einige Klassen
+Volksschueler. Das grosse, neue Volksschulgebaeude, das nahe dem Gymnasium
+lag, war als Lazarett fuer Verwundete eingerichtet und die Schueler mussten
+in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschueler war
+auf demselben Stock und gerade gegenueber dem Klassenzimmer
+untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schueler wiederfand. Es
+waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
+hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
+lebhafter als frueher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
+Grosses erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
+wuerde gewiss etwas ueber den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
+dem Latein anfangen?
+
+Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schuelern ueber das,
+was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
+auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, dass wir ohne Schuld zu
+diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
+Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
+Englaender, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
+schallte das einzige Wort durch die Klasse: Oesterreich!
+
+"Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
+wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wisst ihr einen zu
+nennen?"
+
+Da bruellten sie durcheinander: "In Lothringen, Luettich, in Ostpreussen,
+Namur, Maubeuge, Bruessel!"
+
+Einer rief: "Paris!"
+
+"Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!"
+
+"Aber soviel wie besiegt ist's!"
+
+"Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! Ueber
+was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer weiss es?"
+
+"Ueber die Grausamkeit," rief einer.
+
+"Ja, ich meine aber etwas anderes."
+
+"Ueber das, dass sie gegen uns Krieg fuehren," meinte ein kindliches
+Buerschlein.
+
+"Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
+eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat."
+
+Jetzt kam es vielen zumal: "Ueber die Luegen."
+
+"Jawohl, sie luegen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
+sonst manchmal uebertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
+diesem Krieg abgewoehnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
+mehr als die Wahrheit."
+
+Ploetzlich unterbrach sich der Lehrer: "Kinder, es ist schon halb neun
+Uhr, schnell die Buecher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich moechte
+von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
+erzaehlt ihr mir dann. Jetzt muss gelernt werden und zwar fest. Stramm an
+die Pflicht wie unsere Soldaten!"
+
+Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militaerischer;
+etwas vom Krieg war hereingeweht.
+
+Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
+bei seinen Schuelern bleiben. Als er nach der Pause zurueckkam und ueber
+den grossen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
+er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schueler.
+
+"Seid ihr die ganze Zeit ueber im Schulzimmer geblieben?" fragte er, als
+er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
+oft den Sprecher fuer die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
+Antwort: "Draussen ist ein ganzer Haufen Volksschueler; da koennen wir
+nicht hinaus. Wir haben oft Haendel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
+Schule vorbeigekommen sind."--"Die gehoeren auch nicht herein ins
+Gymnasium!" Der ganze Schuelerchor stimmte zu.
+
+Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darueber gesprochen
+hatte, es werde schwierig sein, dass sich die Schueler der verschiedenen
+Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. "Vielleicht
+laesst es sich so einrichten, dass auf unser Stockwerk keine
+Volksschulklasse kommt," entgegnete er, "ich werde noch mit dem Herrn
+Rektor darueber sprechen."
+
+Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
+Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluss hielt er
+es nicht mehr aus. "Macht eure Buecher zu," rief er, "ich will das schon
+verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir muessen uns doch erst miteinander
+aussprechen. Wir gehoeren zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
+miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
+Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
+Kriege, die wir ganz kuehl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
+ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Haeuser, in unser
+Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
+Wirkung gezeigt. So duerfen wir uns auch die Zeit goennen, miteinander
+davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
+verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
+der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
+einen schoeneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
+nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, dass ihr
+alle aufsteht, um eurem Mitschueler die Teilnahme und seinem Vater die
+Ehre zu erweisen!"
+
+Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
+bewegt von der Ehrung.
+
+"Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Naeheres gehoert ueber den Tod deines
+Vaters?"
+
+"Ja," antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
+er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
+seinem Vater etwas zu melden hatten. "Ja, wir haben gehoert, dass mein
+Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
+verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
+mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
+seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoss,
+diesmal an den Kopf. Er stuerzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
+auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebuesch, dass ihn der Feind nicht
+saehe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mussten sie wieder ins
+Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
+bis der Feind zurueckgedraengt und geschlagen war. Man konnte die vielen
+Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
+die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
+aus ihrer Truppe, dass sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
+zu suchen, obwohl es fast unmoeglich schien in dem fremden Gelaende und in
+der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
+ihnen, dass sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
+einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
+Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
+noch erfahren, dass die Schlacht gewonnen war, und hat uns Gruesse
+schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
+er gesagt: 'Lasst mich auf dem Schlachtfeld begraben.' Seine Soldaten
+haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darueber abgegeben. Aus zwei
+Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mussten, ein Kreuz gemacht und
+haben das Grab mit Feldblumen bestreut."
+
+Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
+berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. "So liegt er auf dem Schlachtfeld
+begraben," sagte er, "das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
+gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
+seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? 'Wenn ich auf dem Feld der Ehre
+fuer Deutschlands Groesse fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
+Fuerstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
+ein. Gruesst mir meinen Kaiser.'--Seht, so schreibt ein Fuerst. So mag sich
+auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter troesten, wenn ihr gefallener
+Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.
+
+"Nun aber moechte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
+diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehoert haben, den
+letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
+hat ihn nach stundenlangen Kaempfen, selbst todmuede und durchnaesst noch
+nachts gesucht, gestaerkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
+gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
+einmal Volksschueler. In der Schlacht, im fuerchterlichsten Ernst des
+Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
+nun moechte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
+beweisen, dass wir Deutsche alle Brueder sind, alle zusammen gehoeren,
+reich und arm, vornehm und gering, Lateinschueler und Volksschueler! Unser
+Kaiser hat gesagt: 'Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
+noch Deutsche.' Wollt ihr sagen: 'Wir kennen keinen Klassenunterschied
+mehr, nur deutsche Kameraden?'"
+
+"Ja, bei Gott, das wollen wir." Helmut, der Offizierssohn, hatte das
+gerufen, und das "ja" ging durch die ganze Klasse.
+
+Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
+Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenueber lag.
+Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein aelterer, erfahrener Mann und
+Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
+naechsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschueler
+an: "Haltet Frieden mit den Lateinschuelern, die alberne Feindschaft
+verbitte ich mir. Wenn draussen Krieg ist, muss im Land Frieden sein, auch
+unter den Buben. Verstanden?"
+
+Einer gab Antwort: "Die wollen gar nichts von uns, die sind
+hochmuetig."--"Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
+nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
+den Hochmuetigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
+Neid; weil sie alle zusammen _eine_ grosse Aufgabe haben und nur _einen_
+Wunsch: dass wir siegen. Siegen koennen wir nur, wenn wir alle einig
+sind. Und siegen muessen wir doch oder nicht?"--"Ja, ja!" das kam allen
+aus dem Herzen.
+
+Um zehn Uhr, waehrend der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
+auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschueler des gegenueber
+liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
+Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geraeumigen
+Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
+Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
+fremd einander gegenueberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
+"Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
+Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
+abschicken, dass sie nachschauen und dann berichten." Darauf erfolgte ein
+grosses Hallo, natuerlich waeren am liebsten alle davon gesprungen,
+Volksschueler und Lateinschueler, die einen so gut wie die andern.
+
+"Herr Professor, schicken Sie mich," baten alle Gymnasiasten und
+umdraengten ihren Lehrer.
+
+"Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
+schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
+Brueder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug." Noch ehe er
+weiterreden konnte, rief ein kleines Buerschlein: "Ich, Herr Professor,
+ich, meine drei Brueder sind im Feld!"
+
+Jetzt liess sich ein Volksschueler vernehmen: "Von mir vier Brueder!"
+
+Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschueler und der
+Volksschueler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
+dem Gedraenge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen ueber
+die Brueder und wo sie standen; ueber die Vaeter, und dass die Briefe so
+lange ausblieben. Da fand es sich, dass einer von der Volksschule und
+einer von dem Lateinschule ihre Brueder in dem gleichen Bataillon hatten,
+und dass sie in den Vogesen gekaempft hatten. Nun lagen sie beide schwer
+verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
+andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle ueberein, dass diese
+beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen duerften.
+
+Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
+Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
+gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
+Schueler zu sich, deren Angehoerige in Belgien fochten. Es waren ihrer
+acht, die sich nicht wenig darueber freuten. Sie wurden bewirtet von der
+freundlichen Mutter des Professors und erzaehlten aus den Feldpostbriefen
+ihrer Angehoerigen.
+
+Und wieder gab es fuer einen Teil der Schueler ein kleines Fest, als ein
+Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen "Emden" berichtete; diesmal
+waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
+derselben, ein Volksschueler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
+hatte die grossen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wusste es schon
+ganz gewiss, dass es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
+werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so kuehne Unternehmungen
+mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
+Zeitungen voll waren.
+
+Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine grosse
+Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schueler den Tod ihrer
+Angehoerigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschueler, der
+vier Brueder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
+Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
+schweren Kaempfe. Da war grosse Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
+sagte am Schluss der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermoechte
+spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
+Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
+gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
+moechte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
+gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:
+
+ Die Toten.
+
+ Herr Gott, nun schliess den Himmel auf,
+ Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
+ Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
+ Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
+ Wir koennen sie nicht mehr schmuecken,
+ Nicht mehr die Haende druecken
+ Den vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brueder waren.
+
+ Herr Gott, nun trockne selber du
+ Die Traenen im Aug', gib Fried' und Ruh'
+ Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
+ Fuehr alles Dunkle zum Licht hinaus.
+ Dieweil wir Eltern und Frauen
+ In zuckender Wehmut schauen
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brueder waren.
+
+ Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
+ Seinen gefallenen Heldenstand
+ Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
+ Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
+ Weil doch ihr herrliches Leben
+ Fuer uns zum Opfer gegeben
+ Die vielen, vielen Scharen,
+ Die unsre Brueder waren.
+
+ _Georg Merkel._
+
+Zwei Wochen spaeter an einem Montag frueh, als die Schueler von Professor
+Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
+war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hoerten die Schueler,
+dass ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
+begraben sei.
+
+Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
+Lateinschueler an und sagte: "Die Eltern von Professor Jahn haben mir
+erzaehlt, dass er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: 'Gruesst
+mir meine Buben!' Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
+denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat 'sein
+herrliches Leben fuer uns zum Opfer gegeben!'"
+
+
+
+
+Allerlei Kriegsbilder
+
+nach Briefen und Zeitungen.
+
+
+Der Turmbau zu Babel.
+
+
+Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich ueber
+das Voelkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, ueber die Neger, die
+Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Englaendern und
+Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
+auch wirklich ueber all' diese Herren Herr wuerden. Der andere sagte:
+"Gerade das Voelkergemisch gibt mir die Zuversicht, dass wir siegen
+werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
+finden. Im naechsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
+vorlesen, was da steht."
+
+Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
+der Strasse, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er liess es
+sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
+Kameraden sofort die Stelle ueber den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
+vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
+zu der beruhigenden Ueberzeugung, dass das Sprachgewirre den Feinden zum
+Schaden gereichen werde.
+
+
+Erbprinz Luitpold.
+
+Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
+glaenzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
+tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
+man dem Sieger zu und wuenschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
+mitten in diese Glueckwuensche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
+schweren Ungluecks. Sein aeltester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
+an einer Halsentzuendung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.
+
+Tief erschuettert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
+nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: "Jetzt ist
+nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln."
+
+Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
+in Muenchen Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
+dort keinen Vorzug vor anderen Schuelern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
+"Koenigliche Hoheit" oder ein Schueler mit "Sie" anredete, so verbat er
+sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
+Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
+ueberall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
+Jugend die Bitte, zu helfen und die Maenner auf dem Feld zu ersetzen.
+Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
+mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
+folgenden Gedicht festgehalten:
+
+ Auch ein junger Koenigsprosse,
+ Dem der Sinn nach "Dienen" stand,
+ Steigt von seiner Vaeter Schlosse,
+ Bietet freudig seine Hand.
+
+ Zu der ungewohnten Muehe
+ Auf dem Feld im Sonnenbrand,
+ Gleich den Andern spaet und fruehe,
+ Tapfer in der Reih' er stand.
+
+ Schweigend schau'n die Berge nieder,
+ Dunkel liegt der Koenigssee,
+ Nirgends toenen frohe Lieder,
+ Auf der Welt rings lastet Weh.
+
+ Zarter, lieber Koenigsknabe,
+ Banges Ahnen fasst mich an,
+ Dass du dort zu deinem Grabe
+ Selbst den Spatenstich getan!
+
+ Denn indes dein Heldenvater
+ Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
+ Hat dich kleinen Erntehelfer
+ Schnitter Tod hinweggerafft.
+
+ Mag des Helden Herz erschauern,
+ Da von fern dies Wort er spricht:
+ "Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
+ Handeln heischt allein die Pflicht!"
+
+ Doch indes er weiter lenken
+ Muss das Schicksal der Armee,
+ Sehnend wird er heimwaerts denken,
+ Manche Nacht in tiefen Weh:
+
+ Deine Mutter musst ich geben
+ Laengst der Erde schon zurueck,
+ Doch sie liess von ihrem Leben
+ Mir in dir ein koestlich Stueck.
+
+ Nun auch dieses hingeschwunden,
+ Auf, mein Schwert! Fest fass' ich dich!
+ Ringsum bluten tausend wunden--
+ _Eine_ weiss ich, die traf _mich_.
+
+ _Johanna Klemm_
+
+
+Kein Standesunterschied.
+
+Eine Berliner Zeitung hat eine grosse Menge Liebesgaben gesammelt und sie
+dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
+das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
+ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
+Wasser herbeigeschleppt hatte. "Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
+uebrig?" fragte er bescheiden, "ich habe seit vier Wochen keines bekommen
+koennen."--"Ja, hier haben Sie ein Hemd," entgegnete der Verteiler, sah
+sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
+ein Hemd bat, einen Universitaetsprofessor.
+
+Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
+Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
+viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu fuellen, Matratzen zu
+tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
+unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswuerdige Art auf,
+mit der sie den Schwestern halfen, ueberall anpackten und fuer die
+Verwundeten Karten schrieben. "Was sind das fuer Kameraden?" fragte er.
+
+"Das sind unseres Kaisers Soehne, die uns heute besucht haben, Prinz
+Adalbert und Prinz August."
+
+
+Der Hornist.
+
+Eine feine List gelang einem wuerttembergischen Hornisten. Sein Regiment
+stand im Gefecht mit franzoesischer Infanterie und geriet in bedraengte
+Lage durch die Ueberzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
+Rasch entschlossen blies er das franzoesische Rueckzugssignal. Die
+Franzosen liessen sich taeuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
+Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.
+
+
+Der Lokomotivfuehrer.
+
+Ein oesterreichischer Lokomotivfuehrer hatte einen Eisenbahnzug mit
+Schiessvorrat zu befoerdern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
+davon bekommen und beschoss den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
+schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Naehe des Zuges ein und seine
+wertvolle Ladung war aeusserst gefaehrdet. Da kam dem Lokomotivfuehrer ein
+guter Gedanke. Als wieder ein Geschoss in naechster Naehe platzte, oeffnete
+er rasch den Dampfhahn, so dass der Dampf mit Gewalt entwich und der
+ganze Zug in einer weissen Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
+mussten meinen, ihre Geschosse haetten die Lokomotive in die Luft
+gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.
+
+
+Das Extrablatt.
+
+In einer deutschen Maedchenschule ist der Beschluss gefasst worden, keine
+Fremdwoerter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, muss fuenf Pfennig in die
+Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
+gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhaelt von den Maedchen
+dieser Klasse einen Brief des Inhalts: "Es kostet uns unser ganzes
+Taschengeld, wenn Sie taeglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir muessen
+immer fuenf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen."
+
+Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
+naechsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.
+
+
+Die allgemein verstaendliche Sprache.
+
+Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
+eingenommenes franzoesisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
+essen gehabt und den staerksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
+sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
+sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn waere
+doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verstaendigen mit den
+franzoesischen Bauern! Doch man weiss sich zu helfen. Ein Soldat geht in
+die Kueche, wo die Baeuerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
+wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, fuellt
+ihn mit Wasser, haelt ihn der Baeuerin unter die Nase, deutet in den
+Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verstaendnisvoll und bald kocht
+ein Huhn im Topf.
+
+
+Die Gefangenen.
+
+Ein preussischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
+seine Uebermuedung ist zu gross. Er faellt um und schlaeft. Entsetzt faehrt er
+morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
+schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
+waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
+sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.
+
+
+Der Generaloberst v. Hindenburg.
+
+Ein Mann von gewaltiger Groesse und Staerke, mit einem Angesicht voll Guete
+und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
+Ostpreussens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
+bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
+geschlagen und in die Suempfe gedraengt hat.
+
+Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
+laengst erprobten Plaene. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
+Hindenburg die Ansicht, dass, wenn einmal die Russen kaemen, sie in die
+masurischen Seen gedraengt werden muessten. Andere Offiziere meinten im
+Gegenteil, die Russen duerften gar nicht in die Naehe der Seen kommen. Er
+gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
+Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
+auftauchte, es gehe nicht an, dass ein so grosses Gebiet unfruchtbar
+bleibe: die masurischen Seen muessten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
+Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
+wollte _seine_ Seen, _seine_ Suempfe, die er alle persoenlich kannte,
+anruehren! Er reiste sofort nach Berlin, erklaerte, protestierte,
+agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteifuehrern, zu Kommissionen
+und, als alles nichts nuetzte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
+nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, dass man die Seen in Ruhe
+lassen werde.
+
+Alljaehrlich zu den Manoevern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
+geschickt. Dort, wie bei allen Manoevern, trug der eine Teil der Armee
+ein weisses, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
+waren die Russen, die Weissen wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
+Ostpreussen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den Uebungen erfuhren,
+dass sie gegen Hindenburg zu kaempfen haetten, wiederholte sich alljaehrlich
+der anlaesslich der Uebernahme der roten Baender fast sprichwoertlich
+gewordene Ausruf: "Heuer gehen wir baden!" Denn sie wussten, dass da alles
+vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
+angreifen, oder von rueckwaerts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
+Ende ist doch immer dasselbe: dass Hindenburg sie in die masurischen Seen
+einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
+bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
+Uniformen zu den Hindenburg-Manoevern.
+
+Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
+Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Koenigsberg
+eine Kanone und liess sie von frueh bis spaet aus einer Lache in die andere
+schleppen. Er wusste genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
+werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.
+
+Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manoeveruebungen gewesen
+waren, jetzt wurde es ernst.
+
+Sobald der Kaiser hoerte, dass die Russen in Ostpreussen eingebrochen
+seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
+zeigen. Unverzueglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
+Osten. Schon waehrend der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
+als er ankam, war alles vorbereitet.
+
+Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
+und Geschuetzen in die masurischen Seen gejagt wurden.
+
+Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
+ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
+grossen Maenner bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht fuer sich
+allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
+ruehmt er: "Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
+bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
+auch meine Flieger, sie haben schon heldenmuetige Aufklaerungsdienste
+geleistet. Auch unsere Verbuendeten, die Oesterreicher, sind ausdauernd,
+tapfer und zaeh."
+
+Wohl uns, dass wir solches hoeren duerfen! Es bestaerkt uns in der stolzen
+Zuversicht:
+
+ _Wir werden siegen_!
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Kriegsbuechlein fuer unsere Kinder, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBUeCHLEIN FUeR UNSERE KINDER ***
+
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
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+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
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