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-The Project Gutenberg EBook of Gladius Dei; Schwere Stunde, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Gladius Dei; Schwere Stunde
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: April 15, 2004 [EBook #12053]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GLADIUS DEI; SCHWERE STUNDE ***
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-
-Produced by Martin Agren, Tim Sneath and PG Distributed Proofreaders
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-Thomas Mann
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-GLADIUS DEI
-
-- und -
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-SCHWERE STUNDE
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-Die Texte folgen den Ausgaben:
-
-'Gladius Dei' aus »Tristan. Sechs Novellen.« Berlin, S. Fischer Verlag
-1903
-
-'Schwere Stunde' aus »Das Wunderkind. Novellen.« Berlin, S. Fischer
-Verlag [1914] (= Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane, Jg. 6,
-Bd. 6)
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- * * * * *
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-
-GLADIUS DEI
-
-
-1
-
-München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen
-Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den
-springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte
-sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und
-lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem
-Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages.
-
-Vogelgeschwätz und heimlicher Jubel über allen Gassen. ...Und auf
-Plätzen und Zeilen rollt, wallt und summt das unüberstürzte und
-amüsante Treiben der schönen und gemächlichen Stadt. Reisende aller
-Nationen kutschieren in den kleinen, langsamen Droschken umher, indem
-sie rechts und links in wahlloser Neugier an den Wänden der Häuser
-hinaufschauen, und steigen die Freitreppen der Museen hinan...
-
-Viele Fenster stehen geöffnet, und aus vielen klingt Musik auf
-die Straßen hinaus, Übungen auf dem Klavier, der Geige oder dem
-Violoncell, redliche und wohlgemeinte dilettantische Bemühungen. Im
-'Odeon' aber wird, wie man vernimmt, an mehreren Flügeln ernstlich
-studiert.
-
-Junge Leute, die das Nothung-Motiv pfeifen und abends die Hintergründe
-des modernen Schauspielhauses füllen, wandern, literarische
-Zeitschriften in den Seitentaschen ihrer Jacketts, in der Universität
-und der Staatsbibliothek aus und ein. Vor der Akademie der bildenden
-Künste, die ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem
-Siegestor ausbreitet, hält eine Hofkarosse. Und auf der Höhe der Rampe
-stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske
-Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.
-
-Lässigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Straßenzügen des
-Nordens... Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt
-dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Künstler, runde
-Hütchen auf den Hinterköpfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock,
-unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen,
-gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung
-wirken zu lassen, und sehen den kleinen Mädchen nach, diesem hübschen,
-untersetzten Typus mit den brünetten Haarbandeaux, den etwas zu
-großen Füßen und den unbedenklichen Sitten. ...Jedes fünfte Haus
-läßt Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken. Manchmal tritt
-ein Kunstbau aus der Reihe der bürgerlichen hervor, das Werk eines
-phantasievollen jungen Architekten, breit und flachbogig, mit bizarrer
-Ornamentik, voll Witz und Stil. Und plötzlich ist irgendwo die Tür
-an einer allzu langweiligen Fassade von einer kecken Improvisation
-umrahmt, von fließenden Linien und sonnigen Farben, Bacchanten, Nixen,
-rosigen Nacktheiten...
-
-Es ist stets aufs neue ergötzlich, vor den Auslagen der
-Kunstschreinereien und der Basare für moderne Luxusartikel zu
-verweilen. Wieviel phantasievoller Komfort, wieviel linearer Humor in
-der Gestalt aller Dinge! Überall sind die kleinen Skulptur-, Rahmen-
-und Antiquitätenhandlungen verstreut, aus deren Schaufenstern dir
-die Büsten der florentinischen Quattrocento-Frauen voll einer edlen
-Pikanterie entgegenschauen. Und der Besitzer des kleinsten und
-billigsten dieser Läden spricht dir von Donatello und Mino da
-Fiesole, als habe er das Vervielfältigungsrecht von ihnen persönlich
-empfangen...
-
-Aber dort oben am Odeonsplatz, angesichts der gewaltigen Loggia, vor
-der sich die geräumige Mosaikfläche ausbreitet, und schräg gegenüber
-dem Palast des Regenten drängen sich die Leute um die breiten
-Fenster und Schaukästen des großen Kunstmagazins, des weitläufigen
-Schönheitsgeschäftes von M. Blüthenzweig. Welche freudige Pracht der
-Auslage! Reproduktionen von Meisterwerken aus allen Galerien der Erde,
-eingefaßt in kostbare, raffiniert getönte und ornamentierte Rahmen
-in einem Geschmack von preziöser Einfachheit; Abbildungen moderner
-Gemälde, sinnenfroher Phantasieen, in denen die Antike auf eine
-humorvolle und realistische Weise wiedergeboren zu sein scheint; die
-Plastik der Renaissance in vollendeten Abgüssen; nackte Bronzeleiber
-und zerbrechliche Ziergläser; irdene Vasen von steilem Stil, die
-aus Bädern von Metalldämpfen in einem schillernden Farbenmantel
-hervorgegangen sind; Prachtbände, Triumphe der neuen
-Ausstattungskunst, Werke modischer Lyriker, gehüllt in einen
-dekorativen und vornehmen Prunk; dazwischen die Porträts von
-Künstlern, Musikern, Philosophen, Schauspielern, Dichtern, der
-Volksneugier nach Persönlichem ausgehängt... In dem ersten Fenster,
-der anstoßenden Buchhandlung zunächst, steht auf einer Staffelei
-ein großes Bild, vor dem die Menge sich staut: eine wertvolle, in
-rotbraunem Tone ausgeführte Photographie in breitem, altgoldenem
-Rahmen, ein aufsehenerregendes Stück, eine Nachbildung des Clous der
-großen internationalen Ausstellung des Jahres, zu deren Besuch an
-den Litfaßsäulen, zwischen Konzertprospekten und künstlerisch
-ausgestatteten Empfehlungen von Toilettenmitteln, archaisierende und
-wirksame Plakate einladen.
-
-Blick um dich, sich in die Fenster der Buchläden. Deinen Augen
-begegnen Titel wie 'Die Wohnungskunst seit der Renaissance',
-'Die Erziehung des Farbensinnes', 'Die Renaissance im modernen
-Kunstgewerbe', 'Das Buch als Kunstwerk', 'Die dekorative Kunst',
-'Der Hunger nach Kunst'--und du mußt wissen, daß diese Weckschriften
-tausendfach gekauft und gelesen werden, und daß abends über
-ebendieselben Gegenstände vor vollen Sälen geredet wird...
-
-Hast du Glück, so begegnet dir eine der berühmten Frauen in Person,
-die man durch das Medium der Kunst zu schauen gewohnt ist, eine jener
-reichen und schönen Damen von künstlich hergestelltem tizianischen
-Blond und im Brillantenschmuck, deren betörenden Zügen durch die Hand
-eines genialen Porträtisten die Ewigkeit zuteil geworden ist, und von
-deren Liebesleben die Stadt spricht--Königinnen der Künstlerfeste im
-Karneval, ein wenig geschminkt, ein wenig gemalt, voll einer edlen
-Pikanterie, gefallsüchtig und anbetungswürdig. Und sieh, dort fährt
-ein großer Maler mit seiner Geliebten in einem Wagen die Ludwigstraße
-hinauf. Man zeigt sich das Gefährt, man bleibt stehen und blickt den
-beiden nach. Viele Leute grüßen. Und es fehlt nicht viel, daß die
-Schutzleute Front machen.
-
-Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt
-ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt. Eine
-allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine
-allseitige, fleißige und hingebungsvolle Übung und Propaganda in ihrem
-Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form,
-der Sinne, der Schönheit obwaltet... München leuchtete.
-
-
-
-2
-
-Es schritt ein Jüngling die Schellingstraße hinan; er schritt,
-umklingelt von den Radfahrern, in der Mitte des Holzpflasters der
-breiten Fassade der Ludwigskirche entgegen. Sah man ihn an, so war
-es, als ob ein Schatten über die Sonne ginge oder über das Gemüt eine
-Erinnerung an schwere Stunden. Liebte er die Sonne nicht, die die
-schöne Stadt in Festglanz tauchte? Warum hielt er in sich gekehrt und
-abgewandt die Augen zu Boden gerichtet, indes er wandelte?
-
-Er trug keinen Hut, woran bei der Kostümfreiheit der leichtgemuten
-Stadt keine Seele Anstoß nahm, sondern hatte statt dessen die Kapuze
-seines weiten, schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, die seine
-niedrige, eckig vorspringende Stirn beschattete, seine Ohren bedeckte
-und seine hageren Wangen umrahmte. Welcher Gewissensgram, welche
-Skrupeln und welche Mißhandlungen seiner selbst hatten diese Wangen so
-auszuhöhlen vermocht? Ist es nicht schauerlich, an solchem Sonnentage
-den Kummer in den Wangenhöhlen eines Menschen wohnen zu sehen? Seine
-dunklen Brauen verdickten sich stark an der schmalen Wurzel seiner
-Nase, die groß und gehöckert aus dem Gesichte hervorsprang, und
-seine Lippen waren stark und wulstig. Wenn er seine ziemlich nahe
-beieinanderliegenden braunen Augen erhob, bildeten sich Querfalten
-auf seiner kantigen Stirn. Er blickte mit einem Ausdruck von Wissen,
-Begrenztheit und Leiden. Im Profil gesehen, glich dieses Gesicht genau
-einem alten Bildnis von Möncheshand, aufbewahrt zu Florenz in einer
-engen und harten Klosterzelle, aus welcher einstmals ein furchtbarer
-und niederschmetternder Protest gegen das Leben und seinen Triumph
-erging...
-
-Hieronymus schritt die Schellingstraße hinan, schritt langsam und
-fest, indes er seinen weiten Mantel von innen mit beiden Händen
-zusammenhielt. Zwei kleine Mädchen, zwei dieser hübschen, untersetzten
-Wesen mit den Haarbandeaux, den zu großen Füßen und den unbedenklichen
-Sitten, die Arm in Arm und abenteuerlustig an ihm vorüberschlenderten,
-stießen sich an und lachten, legten sich vornüber und gerieten ins
-Laufen vor Lachen über seine Kapuze und sein Gesicht. Aber er achtete
-dessen nicht. Gesenkten Hauptes und ohne nach rechts oder links zu
-blicken, überschritt er die Ludwigstraße und stieg die Stufen der
-Kirche hinan.
-
-Die großen Flügel der Mitteltür standen weit geöffnet. In der
-geweihten Dämmerung, kühl, dumpfig und mit Opferrauch geschwängert,
-war irgendwo fern ein schwaches, rötliches Glühen bemerkbar. Ein altes
-Weib mit blutigen Augen erhob sich von einer Betbank und schleppte
-sich an Krücken zwischen den Säulen hindurch. Sonst war die Kirche
-leer.
-
-Hieronymus benetzte sich Stirn und Brust am Becken, beugte das Knie
-vor dem Hochaltar und blieb dann im Mittelschiffe stehen. War es
-nicht, als sei seine Gestalt gewachsen, hier drinnen? Aufrecht und
-unbeweglich, mit frei erhobenem Haupte stand er da, seine große,
-gehöckerte Nase schien mit einem herrischen Ausdruck über den starken
-Lippen hervorzuspringen, und seine Augen waren nicht mehr zu Boden
-gerichtet, sondern blickten kühn und geradeswegs ins Weite, zu dem
-Kruzifix auf dem Hochaltar hinüber. So verharrte er reglos eine
-Weile; dann beugte er zurücktretend aufs neue das Knie und verließ die
-Kirche.
-
-Er schritt die Ludwigstraße hinauf, langsam und fest, gesenkten
-Hauptes, inmitten des breiten, ungepflasterten Fahrdammes, entgegen
-der gewaltigen Loggia mit ihren Statuen. Aber auf dem Odeonsplatze
-angelangt, blickte er auf, so daß sich Querfalten auf seiner kantigen
-Stirne bildeten, und hemmte seine Schritte: aufmerksam gemacht durch
-die Menschenansammlung vor den Auslagen der großen Kunsthandlung, des
-weitläufigen Schönheitsgeschäftes von M. Blüthenzweig.
-
-Die Leute gingen von Fenster zu Fenster, zeigten sich die
-ausgestellten Schätze und tauschten ihre Meinungen aus, indes einer
-über des anderen Schulter blickte. Hieronymus mischte sich unter sie
-und begann auch seinerseits alle diese Dinge zu betrachten, alles in
-Augenschein zu nehmen, Stück für Stück.
-
-Er sah die Nachbildungen von Meisterwerken aus allen Galerieen
-der Erde, die kostbaren Rahmen in ihrer simplen Bizarrerie, die
-Renaissanceplastik, die Bronzeleiber und Ziergläser, die schillernden
-Vasen, den Buchschmuck und die Porträts der Künstler, Musiker,
-Philosophen, Schauspieler, Dichter, sah alles an und wandte an jeden
-Gegenstand einen Augenblick. Indem er seinen Mantel von innen mit
-beiden Händen fest zusammenhielt, drehte er seinen von der Kapuze
-bedeckten Kopf in kleinen, kurzen Wendungen von einer Sache zur
-nächsten, und unter seinen dunklen, an der Nasenwurzel stark sich
-verdichtenden Brauen, die er emporzog, blickten seine Augen mit einem
-befremdeten, stumpfen und kühl erstaunten Ausdruck auf jedes Ding eine
-Weile. So erreichte er das erste Fenster, dasjenige, unter dem das
-aufsehenerregende Bild sich befand, blickte eine Zeitlang den vor ihm
-sich drängenden Leuten über die Schultern und gelangte endlich nach
-vorn, dicht an die Auslage heran.
-
-Die große, rötlichbraune Photographie stand, mit äußerstem Geschmack
-in Altgold gerahmt, auf einer Staffelei inmitten des Fensterraumes.
-Es war eine Madonna, eine durchaus modern empfundene, von jeder
-Konvention freie Arbeit. Die Gestalt der heiligen Gebärerin war von
-berückender Weiblichkeit, entblößt und schön. Ihre großen, schwülen
-Augen waren dunkel umrändert, und ihre delikat und seltsam lächelnden
-Lippen standen halb geöffnet. Ihre schmalen, ein wenig nervös und
-krampfhaft gruppierten Finger umfaßten die Hüfte des Kindes, eines
-nackten Knaben von distinguierter und fast primitiver Schlankheit,
-der mit ihrer Brust spielte und dabei seine Augen mit einem klugen
-Seitenblick auf den Beschauer gerichtet hielt.
-
-Zwei andere Jünglinge standen neben Hieronymus und unterhielten sich
-über das Bild, zwei junge Männer mit Büchern unter dem Arm, die
-sie aus der Staatsbibliothek geholt hatten oder dorthin brachten,
-humanistisch gebildete Leute, beschlagen in Kunst und Wissenschaft.
-
-»Der Kleine hat es gut, hol' mich der Teufel!« sagte der eine.
-
-»Und augenscheinlich hat er die Absicht, einen neidisch zu machen«,
-versetzte der andere... »Ein bedenkliches Weib!«
-
-»Ein Weib zum Rasendwerden! Man wird ein wenig irre am Dogma von der
-unbefleckten Empfängnis...«
-
-»Ja, ja, sie macht einen ziemlich berührten Eindruck... Hast du das
-Original gesehen?«
-
-»Selbstverständlich. Ich war ganz angegriffen. Sie wirkt in der Farbe
-noch weit aphrodisischer... besonders die Augen.«
-
-»Die Ähnlichkeit ist eigentlich doch ausgesprochen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Kennst du nicht das Modell? Er hat doch seine kleine Putzmacherin
-dazu benützt. Es ist beinahe Porträt, nur stark ins Gebiet des
-Korrupten hinaufstilisiert... Die Kleine ist harmloser.«
-
-»Das hoffe ich. Das Leben wäre allzu anstrengend, wenn es viele gäbe,
-wie diese mater amata...«
-
-»Die Pinakothek hat es angekauft.«
-
-»Wahrhaftig? Sieh da! Sie wußte wohl übrigens, was sie tat. Die
-Behandlung des Fleisches und der Linienfluß des Gewandes ist wirklich
-eminent.«
-
-»Ja, ein unglaublich begabter Kerl.«
-
-»Kennst du ihn?«
-
-»Ein wenig. Er wird Karriere machen, das ist sicher. Er war schon
-zweimal beim Regenten zur Tafel...«
-
-Das letzte sprachen sie, während sie anfingen, voneinander Abschied zu
-nehmen.
-
-»Sieht man dich heute abend im Theater?« fragte der eine. »Der
-dramatische Verein gibt Macchiavelli's 'Mandragola' zum besten.«
-
-»Oh, bravo. Davon kann man sich Spaß versprechen. Ich hatte vor, ins
-Künstlervarieté zu gehen, aber es ist wahrscheinlich, daß ich den
-wackeren Nicolò schließlich vorziehe. Auf Wiedersehen...«
-
-Sie trennten sich, traten zurück und gingen nach rechts und links
-auseinander. Neue Leute rückten an ihre Stelle und betrachteten das
-erfolgreiche Bild. Aber Hieronymus stand unbeweglich an seinem Platze;
-er stand mit vorgestrecktem Kopfe, und man sah, wie seine Hände, mit
-denen er auf der Brust seinen Mantel von innen zusammenhielt, sich
-krampfhaft ballten. Seine Brauen waren nicht mehr mit jenem kühl und
-ein wenig gehässig erstaunten Ausdruck emporgezogen, sie hatten sich
-gesenkt und verfinstert, seine Wangen, von der schwarzen Kapuze halb
-bedeckt, schienen tiefer ausgehöhlt als vordem, und seine dicken
-Lippen waren ganz bleich. Langsam neigte sein Kopf sich tiefer und
-tiefer, so daß er schließlich seine Augen ganz von unten herauf starr
-auf das Kunstwerk gerichtet hielt. Die Flügel seiner großen Nase
-bebten.
-
-In dieser Haltung verblieb er wohl eine Viertelstunde. Die Leute um
-ihn her lösten sich ab, er aber wich nicht vom Platze. Endlich drehte
-er sich langsam, langsam auf den Fußballen herum und ging fort.
-
-
-
-3
-
-Aber das Bild der Madonna ging mit ihm. Immerdar, mochte er nun in
-seinem engen und harten Kämmerlein weilen oder in den kühlen Kirchen
-knieen, stand es vor seiner empörten Seele, mit schwülen, umränderten
-Augen, mit rätselhaft lächelnden Lippen, entblößt und schön. Und kein
-Gebet vermochte es zu verscheuchen.
-
-In der dritten Nacht aber geschah es, daß ein Befehl und Ruf aus der
-Höhe an Hieronymus erging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben
-gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schönheitsdünkel.
-Vergebens wendete er, Mosen gleich, seine blöde Zunge vor;
-Gottes Wille blieb unerschütterlich und verlangte laut von seiner
-Zaghaftigkeit diesen Opfergang unter die lachenden Feinde.
-
-Da machte er sich auf am Vormittage und ging, weil Gott es wollte,
-den Weg zur Kunsthandlung, zum großen Schönheitsgeschäft von M.
-Blüthenzweig. Er trug die Kapuze über dem Kopf und hielt seinen Mantel
-von innen mit beiden Händen zusammen, indes er wandelte.
-
-
-
-4
-
-Es war schwül geworden; der Himmel war fahl, und ein Gewitter drohte.
-Wiederum belagerte viel Volks die Fenster der Kunsthandlung, besonders
-aber dasjenige, in dem das Madonnenbild sich befand. Hieronymus warf
-nur einen kurzen Blick dorthin; dann drückte er die Klinke der mit
-Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glastür. »Gott will es!«
-sagte er und trat in den Laden.
-
-Ein junges Mädchen, das irgendwo an einem Pult in einem großen Buche
-geschrieben hatte, ein hübsches, brünettes Wesen mit Haarbandeaux und
-zu großen Füßen, trat auf ihn zu und fragte freundlich, was ihm zu
-Diensten stehe.
-
-»Ich danke Ihnen«, sagte Hieronymus leise und blickte ihr, Querfalten
-in seiner kantigen Stirn, ernst in die Augen. »Nicht Sie will ich
-sprechen, sondern den Inhaber des Geschäftes, Herrn Blüthenzweig.«
-
-Ein wenig zögernd zog sie sich von ihm zurück und nahm ihre
-Beschäftigung wieder auf. Er stand inmitten des Ladens.
-
-Alles, was draußen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es
-war hier drinnen zwanzigfach zu Häuf getürmt und üppig ausgebreitet:
-eine Fülle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack
-und Schönheit. Hieronymus blickte langsam nach beiden Seiten, und dann
-zog er die Falten seines schwarzen Mantels fester um sich zusammen.
-
-Es waren mehrere Leute im Laden anwesend. An einem der breiten Tische,
-die sich quer durch den Raum zogen, saß ein Herr in gelbem Anzug und
-mit schwarzem Ziegenbart und betrachtete eine Mappe mit französischen
-Zeichnungen, über die er manchmal ein meckerndes Lachen vernehmen
-ließ. Ein junger Mensch mit einem Aspekt von Schlechtbezahltheit
-und Pflanzenkost bediente ihn, indem er neue Mappen zur Ansicht
-herbeischleppte. Dem meckernden Herrn schräg gegenüber prüfte eine
-vornehme alte Dame moderne Kunststickereien, große Fabelblumen in
-blassen Tönen, die auf langen, steifen Stielen senkrecht nebeneinander
-standen. Auch um sie bemühte sich ein Angestellter des Geschäfts.
-An einem zweiten Tische saß, die Reisemütze auf dem Kopfe und die
-Holzpfeife im Munde, nachlässig ein Engländer. Durabel gekleidet,
-glatt rasiert, kalt und unbestimmten Alters, wählte er unter Bronzen,
-die Herr Blüthenzweig ihm persönlich herzutrug. Die ziere Gestalt
-eines nackten kleinen Mädchens, welche, unreif und zart gegliedert,
-ihre Händchen in koketter Keuschheit auf der Brust kreuzte, hielt er
-am Kopfe erfaßt und musterte sie eingehend, indem er sie langsam um
-sich selbst drehte.
-
-Herr Blüthenzweig, ein Mann mit kurzem braunen Vollbart und blanken
-Augen von ebenderselben Farbe, bewegte sich händereibend um ihn herum,
-indem er das kleine Mädchen mit allen Vokabeln pries, deren er habhaft
-werden konnte.
-
-»Hundertfünfzig Mark, Sir«, sagte er auf englisch; »Münchener Kunst,
-Sir. Sehr lieblich in der Tat. Voller Reiz, wissen Sie. Es ist
-die Grazie selbst, Sir. Wirklich äußerst hübsch, niedlich und
-bewunderungswürdig.« Hierauf fiel ihm noch etwas ein und er sagte:
-»Höchst anziehend und verlockend.« Dann fing er wieder von vorne an.
-
-Seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe, so daß er beständig
-in einem leicht fauchenden Geräusch in seinen Schnurrbart schnüffelte.
-Manchmal näherte er sich dabei dem Käufer in gebückter Haltung, als
-beröche er ihn. Als Hieronymus eintrat, untersuchte Herr Blüthenzweig
-ihn flüchtig in eben dieser Weise, widmete sich aber alsbald wieder
-dem Engländer.
-
-Die vornehme Dame hatte ihre Wahl getroffen und verließ den Laden. Ein
-neuer Herr trat ein. Herr Blüthenzweig beroch ihn kurz, als wollte er
-so den Grad seiner Kauffähigkeit erkunden, und überließ es der jungen
-Buchhalterin, ihn zu bedienen. Der Herr erstand nur eine Fayencebüste
-Piero's, Sohn des prächtigen Medici, und entfernte sich wieder.
-Auch der Engländer begann nun aufzubrechen. Er hatte sich das kleine
-Mädchen zu eigen gemacht und ging unter den Verbeugungen Herrn
-Blüthenzweigs. Dann wandte sich der Kunsthändler zu Hieronymus und
-stellte sich vor ihn hin.
-
-»Sie wünschen...« fragte er ohne viel Demut.
-
-Hieronymus hielt seinen Mantel von innen mit beiden Händen zusammen
-und blickte Herrn Blüthenzweig fast ohne mit der Wimper zu zucken ins
-Gesicht. Er trennte langsam seine dicken Lippen und sagte:
-
-»Ich komme zu Ihnen wegen des Bildes in jenem Fenster dort, der
-großen Photographie, der Madonna.«--Seine Stimme war belegt und
-modulationslos.
-
-»Jawohl, ganz recht«, sagte Herr Blüthenzweig lebhaft und begann,
-sich die Hände zu reiben: »Siebenzig Mark im Rahmen, mein Herr. Es ist
-unveränderlich ... eine erstklassige Reproduktion. Höchst anziehend
-und reizvoll.«
-
-Hieronymus schwieg. Er neigte seinen Kopf in der Kapuze und sank ein
-wenig in sich zusammen, während der Kunsthändler sprach; dann richtete
-er sich wieder auf und sagte:
-
-»Ich bemerke Ihnen im voraus, daß ich nicht in der Lage, noch
-überhaupt willens bin, irgend etwas zu kaufen. Es tut mir leid, Ihre
-Erwartungen enttäuschen zu müssen. Ich habe Mitleid mit Ihnen, wenn
-Ihnen das Schmerz bereitet. Aber erstens bin ich arm, und zweitens
-liebe ich die Dinge nicht, die Sie feilhalten. Nein, kaufen kann ich
-nichts.«
-
-»Nicht ... also nicht«, sagte Herr Blüthenzweig und schnüffelte stark.
-»Nun, darf ich fragen...«
-
-»Wie ich Sie zu kennen glaube«, fuhr Hieronymus fort, »so verachten
-Sie mich darum, daß ich nicht imstande bin, Ihnen etwas abzukaufen...«
-
-»Hm ...« sagte Herr Blüthenzweig. »Nicht doch! Nur ...«
-
-»Dennoch bitte ich Sie, mir Gehör zu schenken und meinen Worten
-Gewicht beizulegen.«
-
-»Gewicht beizulegen. Hm. Darf ich fragen ...«
-
-»Sie dürfen fragen«, sagte Hieronymus, »und ich werde Ihnen antworten.
-Ich bin gekommen, Sie zu bitten, daß Sie jenes Bild, die große
-Photographie, die Madonna, sogleich aus Ihrem Fenster entfernen und
-sie niemals wieder zur Schau stellen.«
-
-Herr Blüthenzweig blickte eine Weile stumm in Hieronymus' Gesicht, mit
-einem Ausdruck, als forderte er ihn auf, über seine abenteuerlichen
-Worte in Verlegenheit zu geraten. Da dies aber keineswegs geschah, so
-schnüffelte er heftig und brachte hervor:
-
-»Wollen Sie die Güte haben, mir mitzuteilen, ob Sie hier in
-irgendeiner amtlichen Eigenschaft stehen, die Sie befugt, mir
-Vorschriften zu machen, oder was Sie eigentlich herführt...«
-
-»O nein«, antwortete Hieronymus; »ich habe weder Amt noch Würde von
-Staates wegen. Die Macht ist nicht auf meiner Seite, Herr. Was mich
-herführt, ist allein mein Gewissen.«
-
-Herr Blüthenzweig bewegte nach Worten suchend den Kopf hin und her,
-blies heftig mit der Nase in seinen Schnurrbart und rang mit der
-Sprache. Endlich sagte er:
-
-»Ihr Gewissen ... Nun, so wollen Sie gefälligst ... Notiz davon
-nehmen ... daß Ihr Gewissen für uns eine ... eine gänzlich belanglose
-Einrichtung ist!«--
-
-Damit drehte er sich um, ging schnell zu seinem Pult im Hintergrunde
-des Ladens und begann zu schreiben. Die beiden Ladendiener lachten von
-Herzen. Auch das hübsche Fräulein kicherte über ihrem Kontobuche. Was
-den gelben Herrn mit dem schwarzen Ziegenbart betraf, so zeigte es
-sich, daß er ein Fremder war, denn er verstand augenscheinlich nichts
-von dem Gespräch, sondern fuhr fort, sich mit den französischen
-Zeichnungen zu beschäftigen, wobei er von Zeit zu Zeit sein meckerndes
-Lachen vernehmen ließ.--
-
-»Wollen Sie den Herrn abfertigen«, sagte Herr Blüthenzweig über die
-Schulter hinweg zu seinem Gehilfen. Dann schrieb er weiter. Der junge
-Mensch mit dem Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost trat
-auf Hieronymus zu, indem er sich des Lachens zu enthalten trachtete,
-und auch der andere Verkäufer näherte sich.
-
-»Können wir Ihnen sonst irgendwie dienlich sein?« fragte der
-Schlechtbezahlte sanft. Hieronymus hielt unverwandt seinen leidenden,
-stumpfen und dennoch durchdringenden Blick auf ihn gerichtet.
-
-»Nein«, sagte er, »sonst können Sie es nicht. Ich bitte Sie, das
-Madonnenbild unverzüglich aus dem Fenster zu entfernen, und zwar für
-immer.«
-
-»Oh ... Warum?«
-
-»Es ist die heilige Mutter Gottes...« sagte Hieronymus gedämpft.
-
-»Allerdings ... Sie hören ja aber, daß Herr Blüthenzweig nicht geneigt
-ist, Ihren Wunsch zu erfüllen.«
-
-»Man muß bedenken, daß es die heilige Mutter Gottes ist«, sagte
-Hieronymus, und sein Kopf zitterte.
-
-»Das ist richtig.--Und weiter? Darf man keine Madonnen ausstellen?
-Darf man keine malen?«
-
-»Nicht so! Nicht so!« sagte Hieronymus beinahe flüsternd, indem er
-sich hoch emporrichtete und mehrmals heftig den Kopf schüttelte.
-Seine kantige Stirn unter der Kapuze war ganz von langen und tiefen
-Querfalten durchfurcht. »Sie wissen sehr wohl, daß es das Laster
-selbst ist, das ein Mensch dort gemalt hat ... die entblößte Wollust!
-Von zwei schlichten und unbewußten Leuten, die dieses Madonnenbild
-betrachteten, habe ich mit meinen Ohren gehört, daß es sie an dem
-Dogma der unbefleckten Empfängnis irremache...«
-
-»Oh, erlauben Sie, nicht darum handelt es sich«, sagte der junge
-Verkäufer überlegen lächelnd. Er schrieb in seinen Mußestunden eine
-Broschüre über die moderne Kunstbewegung und war sehr wohl imstande,
-ein gebildetes Gespräch zu führen.
-
-»Das Bild ist ein Kunstwerk«, fuhr er fort, »und man muß den Maßstab
-daranlegen, der ihm gebührt. Es hat allerseits den größten Beifall
-gehabt. Der Staat hat es angekauft...«
-
-»Ich weiß, daß der Staat es angekauft hat«, sagte Hieronymus. »Ich
-weiß auch, daß der Maler zweimal beim Regenten gespeist hat. Das Volk
-spricht davon, und Gott weiß, wie es sich die Tatsache deutet, daß
-jemand für ein solches Werk zum hochgeehrten Manne wird. Wovon
-legt diese Tatsache Zeugnis ab? Von der Blindheit der Welt, einer
-Blindheit, die unfaßlich ist, wenn sie nicht auf schamloser Heuchelei
-beruht. Dieses Gebilde ist aus Sinnenlust entstanden und wird in
-Sinnenlust genossen ... ist dies wahr oder nicht? Antworten Sie;
-antworten auch Sie, Herr Blüthenzweig!«
-
-Eine Pause trat ein. Hieronymus schien allen Ernstes eine Antwort zu
-verlangen und blickte mit seinen leidenden und durchdringenden Augen
-abwechselnd auf die beiden Verkäufer, die ihn neugierig und verdutzt
-anstarrten, und auf Herrn Blüthenzweigs runden Rücken. Es herrschte
-Stille. Nur der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart ließ, über die
-französischen Zeichnungen gebeugt, sein meckerndes Lachen vernehmen.
-
-»Es _ist_ wahr!« fuhr Hieronymus fort, und in seiner belegten Stimme
-bebte eine tiefe Entrüstung ... »Sie wagen nicht, es zu leugnen! Wie
-aber ist es dann möglich, den Verfertiger dieses Gebildes im Ernste zu
-feiern, als habe er der Menschheit ideale Güter um eines vermehrt? Wie
-ist es dann möglich, davor zu stehen, sich unbedenklich dem schnöden
-Genüsse hinzugeben, den es verursacht, und sein Gewissen mit dem Worte
-Schönheit zum Schweigen zu bringen, ja, sich ernstlich einzureden,
-man überlasse sich dabei einem edlen, erlesenen und höchst
-menschenwürdigen Zustande? Ist dies ruchlose Unwissenheit oder
-verworfene Heuchelei? Mein Verstand steht still an dieser Stelle ...
-er steht still vor der absurden Tatsache, daß ein Mensch durch die
-dumme und zuversichtliche Entfaltung seiner tierischen Triebe auf
-Erden zu höchstem Ruhme gelangen kann!... Schönheit ... Was ist
-Schönheit? Wodurch wird die Schönheit zutage getrieben und worauf
-wirkt sie? Es ist unmöglich, dies nicht zu wissen, Herr Blüthenzweig!
-Wie aber ist es denkbar, eine Sache so sehr zu durchschauen und
-nicht angesichts ihrer von Ekel und Gram erfüllt zu werden? Es ist
-verbrecherisch, die Unwissenheit der schamlosen Kinder und kecken
-Unbedenklichen durch die Erhöhung und frevle Anbetung der Schönheit
-zu bestätigen, zu bekräftigen und ihr zur Macht zu verhelfen, denn sie
-sind weit vom Leiden und weiter noch von der Erlösung! ...Du blickst
-schwarz, antworten Sie mir, du, Unbekannter. Das Wissen, sage ich
-Ihnen, ist die tiefste Qual der Welt; aber es ist das Fegefeuer, ohne
-dessen läuternde Pein keines Menschen Seele zum Heile gelangt.
-Nicht kecker Kindersinn und ruchlose Unbefangenheit frommt, Herr
-Blüthenzweig, sondern jene Erkenntnis, in der die Leidenschaften
-unseres eklen Fleisches hinsterben und verlöschen.«
-
-Stillschweigen. Der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart meckerte
-kurz.
-
-»Sie müssen nun wohl gehen«, sagte der Schlechtbezahlte sanft.
-
-Aber Hieronymus machte keineswegs Anstalten, zu gehen. Hoch
-aufgerichtet in seinem Kapuzenmantel, mit brennenden Augen stand er
-inmitten des Kunstladens, und seine dicken Lippen formten mit hartem
-und gleichsam rostigem Klange unaufhaltsam verdammende Worte...
-
-»Kunst! rufen sie, Genuß! Schönheit! Hüllt die Welt in Schönheit ein
-und verleiht jedem Dinge den Adel des Stiles! ...Geht mir, Verruchte!
-Denkt man, mit prunkenden Farben das Elend der Welt zu übertünchen?
-Glaubt man, mit dem Festlärm des üppigen Wohlgeschmacks das Ächzen
-der gequälten Erde übertönen zu können? Ihr irrt, Schamlose! Gott läßt
-sich nicht spotten, und ein Greuel ist in seinen Augen euer frecher
-Götzendienst der gleißenden Oberfläche! ...Du schmähst die Kunst,
-antworten Sie mir, du, Unbekannter. Sie lügen, sage ich Ihnen, ich
-schmähe nicht die Kunst! Die Kunst ist kein gewissenloser Trug, der
-lockend zur Bekräftigung und Bestätigung des Lebens im Fleische reizt!
-Die Kunst ist die heilige Fackel, die barmherzig hineinleuchte in
-alle fürchterlichen Tiefen, in alle scham- und gramvollen Abgründe
-des Daseins; die Kunst ist das göttliche Feuer, das an die Welt gelegt
-werde, damit sie aufflamme und zergehe samt all ihrer Schande und
-Marter in erlösendem Mitleid! ...Nehmen Sie, Herr Blüthenzweig, nehmen
-Sie das Werk des berühmten Malers dort aus Ihrem Fenster ... ja, Sie
-täten gut, es mit einem heißen Feuer zu verbrennen und seine Asche in
-alle Winde zu streuen, in alle vier Winde!...«
-
-Seine unschöne Stimme brach ab. Er hatte einen heftigen Schritt
-rückwärts getan, hatte einen Arm der Umhüllung des schwarzen
-Mantels entrissen, hatte ihn mit leidenschaftlicher Bewegung weit
-hinausgereckt und wies mit einer seltsam verzerrten, krampfhaft auf
-und nieder bebenden Hand auf die Auslage, das Schaufenster, dorthin,
-wo das aufsehenerregende Madonnenbild seinen Platz hatte. In dieser
-herrischen Haltung verharrte er. Seine große, gehöckerte Nase schien
-mit einem befehlshaberischen Ausdruck hervorzuspringen, seine dunklen,
-an der Nasenwurzel stark sich verdickenden Brauen waren so hoch
-emporgezogen, daß die kantige, von der Kapuze beschattete Stirn ganz
-in breiten Querfalten lag, und über seinen Wangenhöhlen hatte sich
-eine hektische Hitze entzündet.
-
-Hier aber wandte Herr Blüthenzweig sich um. Sei es, daß die Zumutung,
-diese Siebenzig-Mark-Reproduktion zu verbrennen, ihn so aufrichtig
-entrüstete, oder daß überhaupt Hieronymus' Reden seine Geduld am Ende
-erschöpft hatten: jedenfalls bot er ein Bild gerechten und starken
-Zornes. Er wies mit dem Federhalter auf die Ladentür, blies mehrere
-Male kurz und erregt mit der Nase in den Schnurrbart, rang mit der
-Sprache und brachte dann mit höchstem Nachdruck hervor:
-
-»Wenn Sie Patron nun nicht augenblicklich von der Bildfläche
-verschwinden, so lasse ich Ihnen durch den Packer den Abgang
-erleichtern, verstehen Sie mich?!«
-
-»Oh, Sie schüchtern mich nicht ein, Sie verjagen mich nicht, Sie
-bringen meine Stimme nicht zum Schweigen!« rief Hieronymus, indem
-er oberhalb der Brust seine Kapuze mit der Faust zusammenraffte
-und furchtlos den Kopf schüttelte... »Ich weiß, daß ich einsam und
-machtlos bin, und dennoch verstumme ich nicht, bis Sie mich hören,
-Herr Blüthenzweig! Nehmen Sie das Bild aus Ihrem Fenster und
-verbrennen Sie es noch heute! Ach, verbrennen Sie nicht dies allein!
-Verbrennen Sie auch diese Statuetten und Büsten, deren Anblick in
-Sünde stürzt, verbrennen Sie diese Vasen und Zierate, diese schamlosen
-Wiedergeburten des Heidentums, diese üppig ausgestatteten Liebesverse!
-Verbrennen Sie alles, was Ihr Laden birgt, Herr Blüthenzweig, denn es
-ist ein Unrat in Gottes Augen! Verbrennen, verbrennen, verbrennen Sie
-es!« rief er außer sich, indem er eine wilde, weite Bewegung rings in
-die Runde vollführte... »Diese Ernte ist reif für den Schnitter ...
-Die Frechheit dieser Zeit durchbricht alle Dämme ... Ich aber sage
-Ihnen...«
-
-»Krauthuber!« ließ Herr Blüthenzweig, einer Tür im Hintergrund
-zugewandt, mit Anstrengung seine Stimme vernehmen... »Kommen Sie
-sofort herein!«
-
-Das, was infolge dieses Befehls auf dem Schauplatze erschien, war ein
-massiges und übergewaltiges Etwas, eine ungeheuerliche und strotzende
-menschliche Erscheinung von schreckeneinflößender Fülle, deren
-schwellende, quellende, gepolsterte Gliedmaßen überall formlos
-ineinander übergingen ... eine unmäßige, langsam über den Boden
-wuchtende und schwer pustende Riesengestalt, genährt mit Malz, ein
-Sohn des Volkes von fürchterlicher Rüstigkeit! Ein fransenartiger
-Seehundsschnauzbart war droben in seinem Angesicht bemerkbar, ein
-gewaltiges, mit Kleister besudeltes Schurzfell bedeckte seinen Leib,
-und die gelben Ärmel seines Hemdes waren von seinen sagenhaften Armen
-zurückgerollt.
-
-»Wollen Sie diesem Herrn die Türe öffnen, Krauthuber«, sagte Herr
-Blüthenzweig, »und, sollte er sie dennoch nicht finden, ihm auf die
-Straße hinausverhelfen.«
-
-»Ha?« sagte der Mann, indem er mit seinen kleinen Elefantenaugen
-abwechselnd Hieronymus und seinen erzürnten Brotherrn betrachtete ...
-Es war ein dumpfer Laut von mühsam zurückgedämmter Kraft. Dann ging
-er, mit seinen Tritten alles um sich her erschütternd, zur Tür und
-öffnete sie.
-
-Hieronymus war sehr bleich geworden. »Verbrennen Sie...« wollte er
-sagen, aber schon fühlte er sich von einer furchtbaren Übermacht
-umgewandt, von einer Körperwucht, gegen die kein Widerstand denkbar
-war, langsam und unaufhaltsam der Tür entgegengedrängt.
-
-»Ich bin schwach...« brachte er hervor. »Mein Fleisch erträgt
-nicht die Gewalt ... es hält nicht stand, nein ... Was beweist das?
-Verbrennen Sie...«
-
-Er verstummte. Er befand sich außerhalb des Kunstladens. Herrn
-Blüthenzweigs riesiger Knecht hatte ihn schließlich mit einem kleinen
-Stoß und Schwung fahren lassen, so daß er, auf eine Hand gestützt,
-seitwärts auf die steinerne Stufe niedergesunken war. Und hinter ihm
-schloß sich klirrend die Glastür.
-
-Er richtete sich empor. Er stand aufrecht und hielt schwer atmend mit
-der einen Faust seine Kapuze oberhalb der Brust zusammengerafft,
-indes er die andere unter dem Mantel hinabhängen ließ. In seinen
-Wangenhöhlen lagerte eine graue Blässe; die Flügel seiner großen,
-gehöckerten Nase blähten und schlössen sich zuckend; seine häßlichen
-Lippen waren zu dem Ausdruck eines verzweifelten Hasses verzerrt, und
-seine Augen, von Glut umzogen, schweiften irr und ekstatisch über den
-schönen Platz.
-
-Er sah nicht die neugierig und lachend auf ihn gerichteten Blicke.
-Er sah auf der Mosaikfläche vor der großen Loggia die Eitelkeiten
-der Welt, die Maskenkostüme der Künstlerfeste, die Zierate,
-Vasen, Schmuckstücke und Stilgegenstände, die nackten Statuen und
-Frauenbüsten, die malerischen Wiedergeburten des Heidentums, die
-Porträts der berühmten Schönheiten von Meisterhand, die üppig
-ausgestatteten Liebesverse und Propagandaschriften der Kunst
-pyramidenartig aufgetürmt und unter dem Jubelgeschrei des durch
-seine furchtbaren Worte geknechteten Volkes in prasselnde Flammen
-aufgehen... Er sah gegen die gelbliche Wolkenwand, die von der
-Theatinerstraße heraufgezogen war und in der es leise donnerte, ein
-breites Feuerschwert stehen, das sich im Schwefellicht über die frohe
-Stadt hinreckte...
-
-»Gladius Dei super terram...« flüsterten seine dicken Lippen, und in
-seinem Kapuzenmantel sich höher emporrichtend, mit einem versteckten
-und krampfigen Schütteln seiner hinabhängenden Faust, murmelte er
-bebend: »Cito et velociter!«
-
-
-
- * * * * *
-
-
-
-SCHWERE STUNDE
-
-
-Er stand vom Schreibtisch auf, von seiner kleinen, gebrechlichen
-Schreibkommode, stand auf wie ein Verzweifelter und ging mit hängendem
-Kopfe in den entgegengesetzten Winkel des Zimmers zum Ofen, der lang
-und schlank war wie eine Säule. Er legte die Hände an die Kacheln,
-aber sie waren fast ganz erkaltet, denn Mitternacht war lange vorbei,
-und so lehnte er, ohne die kleine Wohltat empfangen zu haben, die er
-suchte, den Rücken daran, zog hustend die Schöße seines Schlafrockes
-zusammen, aus dessen Brustaufschlägen das verwaschene Spitzenjabot
-heraushing, und schnob mühsam durch die Nase, um sich ein wenig Luft
-zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewöhnlich.
-
-Das war ein besonderer und unheimlicher Schnupfen, der ihn fast nie
-völlig verließ. Seine Augenlider waren entflammt und die Ränder seiner
-Nasenlöcher ganz wund davon, und in Kopf und Gliedern lag dieser
-Schnupfen ihm wie eine schwere, schmerzliche Trunkenheit. Oder war an
-all der Schlaffheit und Schwere das leidige Zimmergewahrsam schuld,
-das der Arzt nun schon wieder seit Wochen über ihn verhängt hielt?
-Gott wußte, ob er wohl daran tat. Der ewige Katarrh und die Krämpfe in
-Brust und Unterleib mochten es nötig machen, und schlechtes Wetter war
-über Jena, seit Wochen, seit Wochen, das war richtig, ein miserables
-und hassenswertes Wetter, das man in allen Nerven spürte, wüst,
-finster und kalt, und der Dezemberwind heulte im Ofenrohr, verwahrlost
-und gottverlassen, daß es klang nach nächtiger Heide im Sturm und
-Irrsal und heillosem Gram der Seele. Aber gut war sie nicht, diese
-enge Gefangenschaft, nicht gut für die Gedanken und den Rhythmus des
-Blutes, aus dem die Gedanken kamen...
-
-Das sechseckige Zimmer, kahl, nüchtern und unbequem, mit seiner
-geweißten Decke, unter der Tabaksrauch schwebte, seiner schräg
-karierten Tapete, auf der oval gerahmte Silhouetten hingen, und seinen
-vier, fünf dünnbeinigen Möbeln, lag im Lichte der beiden Kerzen,
-die zu Häupten des Manuskripts auf der Schreibkommode brannten. Rote
-Vorhänge hingen über den oberen Rahmen der Fenster, Fähnchen nur,
-symmetrisch geraffte Kattune; aber sie waren rot, von einem warmen,
-sonoren Rot, und er liebte sie und wollte sie niemals missen, weil
-sie etwas von Üppigkeit und Wollust in die unsinnlich-enthaltsame
-Dürftigkeit seines Zimmers brachten...
-
-Er stand am Ofen und blickte mit einem raschen und schmerzlich
-angestrengten Blinzeln hinüber zu dem Werk, von dem er geflohen war,
-dieser Last, diesem Druck, dieser Gewissensqual, diesem Meer, das
-auszutrinken, dieser furchtbaren Aufgabe, die sein Stolz und sein
-Elend, sein Himmel und seine Verdammnis war. Es schleppte sich, es
-stockte, es stand--schon wieder, schon wieder! Das Wetter war schuld
-und sein Katarrh und seine Müdigkeit. Oder das Werk? Die Arbeit
-selbst? Die eine unglückselige und der Verzweiflung geweihte
-Empfängnis war?
-
-Er war aufgestanden, um sich ein wenig Distanz davon zu verschaffen,
-denn so oft bewirkte die räumliche Entfernung vom Manuskript, daß man
-Übersicht gewann, einen weiteren Blick über den Stoff, und Verfügungen
-zu treffen vermochte. Ja, es gab Fälle, wo das Erleichterungsgefühl,
-wenn man sich abwendete von der Stätte des Ringens, begeisternd
-wirkte. Und das war eine unschuldigere Begeisterung, als wenn man
-Likör nahm oder schwarzen, starken Kaffee... Die kleine Tasse stand
-auf dem Tischchen. Wenn sie ihm über das Hemmnis hülfe? Nein,
-nein, nicht mehr! Nicht der Arzt nur, auch ein zweiter noch, ein
-Ansehnlicherer, hatte ihm dergleichen behutsam widerraten: der andere,
-der dort, in Weimar, den er mit einer sehnsüchtigen Feindschaft
-liebte. Der war weise. Der wußte zu leben, zu schaffen; mißhandelte
-sich nicht; war voller Rücksicht gegen sich selbst...
-
-Stille herrschte im Hause. Nur der Wind war hörbar, der die
-Schloßgasse hinuntersauste, und der Regen, wenn er prickelnd gegen die
-Fenster getrieben ward. Alles schlief, der Hauswirt und die Seinen,
-Lotte und die Kinder. Und er stand einsam wach am erkalteten Ofen
-und blinzelte gequält zu dem Werk hinüber, an das seine kranke
-Ungenügsamkeit ihn glauben ließ... Sein weißer Hals ragte lang aus der
-Binde hervor, und zwischen den Schößen des Schlafrocks sah man seine
-nach innen gekrümmten Beine. Sein rotes Haar war aus der hohen und
-zarten Stirn zurückgestrichen, ließ blaß geäderte Buchten über den
-Schläfen frei und bedeckte die Ohren in dünnen Locken. An der Wurzel
-der großen, gebogenen Nase, die unvermittelt in eine weißliche Spitze
-endete, traten die starken Brauen, dunkler als das Haupthaar, nahe
-zusammen, was dem Blick der tiefliegenden, wunden Augen etwas tragisch
-Schauendes gab. Gezwungen, durch den Mund zu atmen, öffnete er die
-dünnen Lippen, und seine Wangen, sommersprossig und von Stubenluft
-fahl, erschlafften und fielen ein...
-
-Nein, es mißlang, und alles war vergebens! Die Armee! Die Armee hätte
-gezeigt werden müssen! Die Armee war die Basis von allem! Da sie nicht
-vors Auge gebracht werden konnte--war die ungeheure Kunst denkbar,
-sie der Einbildung aufzuzwingen? Und der Held war kein Held; er war
-unedel und kalt! Die Anlage war falsch, und die Sprache war falsch,
-und es war ein trockenes und schwungloses Kolleg in Historie, breit,
-nüchtern und für die Schaubühne verloren!
-
-Gut, es war also aus. Eine Niederlage. Ein verfehltes Unternehmen.
-Bankerott. Er wollte es Körnern schreiben, dem guten Körner, der an
-ihn glaubte, der in kindischem Vertrauen seinem Genius anhing. Er
-würde höhnen, flehen, poltern--der Freund; würde ihn an den
-Carlos gemahnen, der auch aus Zweifeln und Mühen und Wandlungen
-hervorgegangen und sich am Ende, nach aller Qual, als ein weithin
-Vortreffliches, eine ruhmvolle Tat erwiesen hat. Doch das war anders
-gewesen. Damals war er der Mann noch, eine Sache mit glücklicher Hand
-zu packen und sich den Sieg daraus zu gestalten. Skrupel und Kämpfe?
-O ja. Und krank war er gewesen, wohl kränker als jetzt, ein Darbender,
-Flüchtiger, mit der Welt Zerfallener, gedrückt und im Menschlichen
-bettelarm. Aber jung, ganz jung noch! Jedesmal, wie tief auch gebeugt,
-war sein Geist geschmeidig emporgeschnellt, und nach den Stunden
-des Harms waren die anderen des Glaubens und des inneren Triumphes
-gekommen. Die kamen nicht mehr, kamen kaum noch. Eine Nacht
-der flammenden Stimmung, da man auf einmal in einem genialisch
-leidenschaftlichen Lichte sah, was werden könnte, wenn man immer
-solcher Gnade genießen dürfte, mußte bezahlt werden mit einer Woche
-der Finsternis und der Lähmung. Müde war er, siebenunddreißig erst alt
-und schon am Ende. Der Glaube lebte nicht mehr, der an die Zukunft,
-der im Elend sein Stern gewesen. Und so war es, dies war die
-verzweifelte Wahrheit: Die Jahre der Not und der Nichtigkeit, die er
-für Leidens- und Prüfungsjahre gehalten, sie eigentlich waren reiche
-und fruchtbare Jahre gewesen; und nun, da ein wenig Glück sich
-herniedergelassen, da er aus dem Freibeutertum des Geistes in einige
-Rechtlichkeit und bürgerliche Verbindung eingetreten war, Amt und
-Ehren trug, Weib und Kinder besaß, nun war er erschöpft und fertig.
-Versagen und verzagen--das war's, was übrigblieb.
-
-Er stöhnte, preßte die Hände vor die Augen und ging wie gehetzt durch
-das Zimmer. Was er da eben gedacht, war so furchtbar, daß er nicht an
-der Stelle zu bleiben vermochte, wo ihm der Gedanke gekommen war. Er
-setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ließ die gefalteten Hände
-zwischen den Knien hängen und starrte trüb auf die Diele nieder.
-
-Das Gewissen... wie laut sein Gewissen schrie! Er hatte gesündigt,
-sich versündigt gegen sich selbst in all den Jahren, gegen das zarte
-Instrument seines Körpers. Die Ausschweifungen seines Jugendmutes,
-die durchwachten Nächte, die Tage in tabakrauchiger Stubenluft,
-übergeistig und des Leibes uneingedenk, die Rauschmittel, mit denen er
-sich zur Arbeit gestachelt--das rächte, rächte sich jetzt!
-
-Und rächte es sich, so wollte er den Göttern trotzen, die Schuld
-schickten und dann Strafe verhängten. Er hatte gelebt, wie er leben
-mußte, er hatte nicht Zeit gehabt, weise, nicht Zeit, bedächtig zu
-sein. Hier, an dieser Stelle der Brust, wenn er atmete, hustete,
-gähnte, immer am selben Punkt dieser Schmerz, diese kleine,
-teuflische, stechende, bohrende Mahnung, die nicht schwieg,
-seitdem vor fünf Jahren in Erfurt das Katarrhfieber, jene hitzige
-Brustkrankheit, ihn angefallen--was wollte sie sagen? In Wahrheit, er
-wußte es nur zu gut, was sie meinte--mochte der Arzt sich stellen wie
-er konnte und wollte. Er hatte nicht Zeit, sich mit kluger Schonung
-zu begegnen, mit milder Sittlichkeit hauszuhalten. Was er tun wollte,
-mußte er bald tun, heute noch, schnell... Sittlichkeit? Aber wie kam
-es zuletzt, daß die Sünde gerade, die Hingabe an das Schädliche und
-Verzehrende ihn moralischer dünkte als alle Weisheit und kühle Zucht?
-Nicht sie, nicht die verächtliche Kunst des guten Gewissens waren das
-Sittliche, sondern der Kampf und die Not, die Leidenschaft und der
-Schmerz!
-
-Der Schmerz... Wie das Wort ihm die Brust weitete! Er reckte sich
-auf, verschränkte die Arme; und sein Blick, unter den rötlichen,
-zusammenstehenden Brauen, beseelte sich mit schöner Klage. Man war
-noch nicht elend, ganz elend noch nicht, solange es möglich war,
-seinem Elend eine stolze und edle Benennung zu schenken. Eins war not:
-Der gute Mut, seinem Leben große und schöne Namen zu geben! Das Leid
-nicht auf Stubenluft und Konstipation zurückzuführen! Gesund genug
-sein, um pathetisch sein--um über das Körperliche hinwegsehen,
-hinwegfühlen zu können! Nur hierin naiv sein, wenn auch sonst wissend
-in allem! Glauben, an den Schmerz glauben können... Aber er glaubte
-ja an den Schmerz, so tief, so innig, daß etwas, was unter Schmerzen
-geschah, diesem Glauben zufolge weder nutzlos noch schlecht sein
-konnte. Sein Blick schwang sich zum Manuskript hinüber, und seine Arme
-verschränkten sich fester über der Brust... Das Talent selbst--war
-es nicht Schmerz? Und wenn das dort, das unselige Werk, ihn leiden
-machte, war es nicht in der Ordnung so und fast schon ein gutes
-Zeichen? Es hatte noch niemals gesprudelt, und sein Mißtrauen würde
-erst eigentlich beginnen, wenn es das täte. Nur bei Stümpern und
-Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzufriedenen und Unwissenden,
-die nicht unter dem Druck und der Zucht des Talentes lebten. Denn das
-Talent, meine Herren und Damen dort unten, weithin im Parterre, das
-Talent ist nichts Leichtes, nichts Tändelndes, es ist nicht ohne
-weiteres ein Können. In der Wurzel ist es Bedürfnis, ein kritisches
-Wissen um das Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr Können
-nicht ohne Qual erst schafft und steigert. Und den Größten, den
-Ungenügsamsten ist ihr Talent die schärfste Geißel... Nicht klagen!
-Nicht prahlen! Bescheiden, geduldig denken von dem, was man trug! Und
-wenn nicht ein Tag in der Woche, nicht eine Stunde von Leiden frei
-war--was weiter? Die Lasten und Leistungen, die Anforderungen,
-Beschwerden, Strapazen gering achten, klein sehen,--das war's, was
-groß machte!
-
-Er stand auf, zog die Dose und schnupfte gierig, warf dann die Hände
-auf den Rücken und schritt so heftig durch das Zimmer, daß die Flammen
-der Kerzen im Luftzuge flatterten... Größe! Außerordentlichkeit!
-Welteroberung und Unsterblichkeit des Namens! Was galt alles Glück der
-ewig Unbekannten gegen dies Ziel? Gekannt sein,--gekannt und geliebt
-von den Völkern der Erde! Schwatzet von Ichsucht, die ihr nichts wißt
-von der Süßigkeit dieses Traumes und Dranges! Ichsüchtig ist alles
-Außerordentliche, sofern es leidet. Mögt ihr selbst zusehen, spricht
-es, ihr Sendungslosen, die ihr's auf Erden so viel leichter habt! Und
-der Ehrgeiz spricht: Soll das Leiden umsonst gewesen sein? Groß muß es
-mich machen!...
-
-Die Flügel seiner großen Nase waren gespannt, sein Blick drohte und
-schweifte. Seine Rechte war heftig und tief in den Aufschlag seines
-Schlafrockes geschoben, während die Linke geballt herniederhing.
-Eine fliegende Röte war in seine hageren Wangen getreten, eine
-Lohe, emporgeschlagen aus der Glut seines Künstleregoismus, jener
-Leidenschaft für sein Ich, die unauslöschlich in seiner Tiefe brannte.
-Er kannte ihn wohl, den heimlichen Rausch dieser Liebe. Zuweilen
-brauchte er nur seine Hand zu betrachten, um von einer begeisterten
-Zärtlichkeit für sich selbst erfüllt zu werden, in deren Dienst er
-alles, was ihm an Waffen des Talentes und der Kunst gegeben war, zu
-stellen beschloß. Er durfte es, nichts war unedel daran. Denn tiefer
-noch als diese Ichsucht lebte das Bewußtsein, sich dennoch bei alldem
-im Dienste vor irgend etwas Hohem, ohne Verdienst freilich, sondern
-unter einer Notwendigkeit, uneigennützig zu verzehren und aufzuopfern.
-Und dies war seine Eifersucht: daß niemand größer werde als er, der
-nicht auch tiefer als er um dieses Hohe gelitten.
-
-Niemand!... Er blieb stehen, die Hand über den Augen, den Oberkörper
-halb seitwärts gewandt, ausweichend, fliehend. Aber er fühlte schon
-den Stachel dieses unvermeidlichen Gedankens in seinem Herzen, des
-Gedankens an ihn, den anderen, den Hellen, Tastseligen, Sinnlichen,
-Göttlich-Unbewußten, an den dort, in Weimar, den er mit einer
-sehnsüchtigen Feindschaft liebte... Und wieder, wie stets, in tiefer
-Unruhe, mit Hast und Eifer, fühlte er die Arbeit in sich beginnen, die
-diesem Gedanken folgte: das eigene Wesen und Künstlertum gegen das
-des anderen zu behaupten und abzugrenzen... War er denn größer? Worin?
-Warum? War es ein blutendes Trotzdem, wenn er siegte? Würde je sein
-Erliegen ein tragisches Schauspiel sein? Ein Gott, vielleicht--ein
-Held war er nicht. Aber es war leichter, ein Gott zu sein als ein
-Held!--Leichter... Der andere hatte es leichter! Mit weiser und
-glücklicher Hand Erkennen und Schaffen zu scheiden, das mochte heiter
-und quallos und quellend fruchtbar machen. Aber war Schaffen göttlich,
-so war Erkenntnis Heldentum, und beides war der, ein Gott und ein
-Held, welcher erkennend schuf!
-
-Der Wille zum Schweren... Ahnte man, wieviel Zucht und
-Selbstüberwindung ein Satz, ein strenger Gedanke ihn kostete?
-Denn zuletzt war er unwissend und wenig geschult, ein dumpfer und
-schwärmender Träumer. Es war schwerer, einen Brief des Julius zu
-schreiben, als die beste Szene zu machen,--und war es nicht darum auch
-fast schon das Höhere?--Vom ersten rhythmischen Drange innerer Kunst
-nach Stoff, Materie, Möglichkeit des Ergusses--bis zum Gedanken, zum
-Bilde, zum Worte, zur Zeile: welch Ringen! welch Leidensweg! Wunder
-der Sehnsucht waren seine Werke, der Sehnsucht nach Form, Gestalt,
-Begrenzung, Körperlichkeit, der Sehnsucht hinüber in die klare Welt
-des anderen, der unmittelbar und mit göttlichem Mund die besonnten
-Dinge bei Namen nannte.
-
-Dennoch, und jenem zum Trotz: Wer war ein Künstler, ein Dichter gleich
-ihm, ihm selbst? Wer schuf, wie er, aus dem Nichts, aus der eigenen
-Brust? War nicht als Musik, als reines Urbild des Seins ein Gedicht in
-seiner Seele geboren, lange bevor es sich Gleichnis und Kleid aus der
-Welt der Erscheinungen lieh? Geschichte, Weltweisheit, Leidenschaft:
-Mittel und Vorwände, nicht mehr, für etwas, was wenig mit ihnen
-zu schaffen, was seine Heimat in orphischen Tiefen hatte. Worte,
-Begriffe: Tasten nur, die sein Künstlertum schlug, um ein verborgenes
-Saitenspiel klingen zu machen... Wußte man das? Sie priesen ihn sehr,
-die guten Leute, für die Kraft der Gesinnung, mit welcher er die oder
-jene Taste schlug. Und sein Lieblingswort, sein letztes Pathos, die
-große Glocke, mit der er zu den höchsten Festen der Seele rief, sie
-lockte viele herbei... Freiheit... Mehr und weniger, wahrhaftig,
-begriff er darunter als sie, wenn sie jubelten. Freiheit--was hieß
-das? Ein wenig Bürgerwürde doch nicht vor Fürstenthronen? Laßt ihr
-euch träumen, was alles ein Geist mit dem Worte zu meinen wagt?
-Freiheit wovon? Wovon zuletzt noch? Vielleicht sogar noch vom Glück,
-vom Menschenglück, dieser seidenen Fessel, dieser weichen und holden
-Verpflichtung...
-
-Vom Glück... Seine Lippen zuckten; es war, als kehrte sein Blick sich
-nach innen, und langsam ließ er das Gesicht in die Hände sinken...
-Er war im Nebenzimmer. Bläuliches Licht floß von der Ampel, und der
-geblümte Vorhang verhüllte in stillen Falten das Fenster. Er stand am
-Bette, beugte sich über das süße Haupt auf dem Kissen... Eine schwarze
-Locke ringelte sich über die Wange, die von der Blässe der Perlen
-schien, und die kindlichen Lippen waren im Schlummer geöffnet... Mein
-Weib! Geliebte! Folgtest du meiner Sehnsucht und tratest du zu mir,
-mein Glück zu sein? Du bist es, sei still! Und schlafe! Schlag jetzt
-nicht diese süßen, langschattenden Wimpern auf, um mich anzuschauen,
-so groß und dunkel, wie manchmal, als fragtest und suchtest du mich!
-Bei Gott, bei Gott, ich liebe dich sehr! Ich kann mein Gefühl nur
-zuweilen nicht finden, weil ich oft sehr müde vom Leiden bin und vom
-Ringen mit jener Aufgabe, welche mein Selbst mir stellt. Und ich
-darf nicht allzusehr dein, nie ganz in dir glücklich sein, um
-dessentwillen, was meine Sendung ist...
-
-Er küßte sie, trennte sich von der lieblichen Wärme ihres Schlummers,
-sah um sich, kehrte zurück. Die Glocke mahnte ihn, wie weit schon die
-Nacht vorgeschritten, aber es war auch zugleich, als zeigte sie
-gütig das Ende einer schweren Stunde an. Er atmete auf, seine Lippen
-schlossen sich fest; er ging und ergriff die Feder... Nicht grübeln!
-Er war zu tief, um grübeln zu dürfen! Nicht ins Chaos hinabsteigen,
-sich wenigstens nicht dort aufhalten! Sondern aus dem Chaos, welches
-die Fülle ist, ans Licht emporheben, was fähig und reif ist, Form zu
-gewinnen. Nicht grübeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten,
-fertig werden...
-
-Und es wurde fertig, das Leidenswerk. Es wurde vielleicht nicht gut,
-aber es wurde fertig. Und als es fertig war, siehe, da war es auch
-gut. Und aus seiner Seele, aus Musik und Idee, rangen sich neue Werke
-hervor, klingende und schimmernde Gebilde, die in heiliger Form die
-unendliche Heimat wunderbar ahnen ließen, wie in der Muschel das Meer
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gladius Dei; Schwere Stunde, by Thomas Mann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GLADIUS DEI; SCHWERE STUNDE ***
-
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-
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diff --git a/old/12053.txt b/old/12053.txt
deleted file mode 100644
index 525743e..0000000
--- a/old/12053.txt
+++ /dev/null
@@ -1,1453 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Gladius Dei; Schwere Stunde, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Gladius Dei; Schwere Stunde
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: April 15, 2004 [EBook #12053]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ASCII
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GLADIUS DEI; SCHWERE STUNDE ***
-
-
-
-
-Produced by Martin Agren, Tim Sneath and PG Distributed Proofreaders
-
-
-
-
-
-
-
-
-Thomas Mann
-
-
-GLADIUS DEI
-
-- und -
-
-SCHWERE STUNDE
-
-
-
-
-
-Die Texte folgen den Ausgaben:
-
-'Gladius Dei' aus "Tristan. Sechs Novellen." Berlin, S. Fischer Verlag
-1903
-
-'Schwere Stunde' aus "Das Wunderkind. Novellen." Berlin, S. Fischer
-Verlag [1914] (= Fischers Bibliothek zeitgenoessischer Romane, Jg. 6,
-Bd. 6)
-
-
-
- * * * * *
-
-
-
-GLADIUS DEI
-
-
-1
-
-Muenchen leuchtete. Ueber den festlichen Plaetzen und weissen
-Saeulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den
-springenden Brunnen, Palaesten und Gartenanlagen der Residenz spannte
-sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und
-lichten, umgruenten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem
-Sonnendunst eines ersten, schoenen Junitages.
-
-Vogelgeschwaetz und heimlicher Jubel ueber allen Gassen. ...Und auf
-Plaetzen und Zeilen rollt, wallt und summt das unueberstuerzte und
-amuesante Treiben der schoenen und gemaechlichen Stadt. Reisende aller
-Nationen kutschieren in den kleinen, langsamen Droschken umher, indem
-sie rechts und links in wahlloser Neugier an den Waenden der Haeuser
-hinaufschauen, und steigen die Freitreppen der Museen hinan...
-
-Viele Fenster stehen geoeffnet, und aus vielen klingt Musik auf
-die Strassen hinaus, Uebungen auf dem Klavier, der Geige oder dem
-Violoncell, redliche und wohlgemeinte dilettantische Bemuehungen. Im
-'Odeon' aber wird, wie man vernimmt, an mehreren Fluegeln ernstlich
-studiert.
-
-Junge Leute, die das Nothung-Motiv pfeifen und abends die Hintergruende
-des modernen Schauspielhauses fuellen, wandern, literarische
-Zeitschriften in den Seitentaschen ihrer Jacketts, in der Universitaet
-und der Staatsbibliothek aus und ein. Vor der Akademie der bildenden
-Kuenste, die ihre weissen Arme zwischen der Tuerkenstrasse und dem
-Siegestor ausbreitet, haelt eine Hofkarosse. Und auf der Hoehe der Rampe
-stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske
-Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.
-
-Laessigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Strassenzuegen des
-Nordens... Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt
-dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Kuenstler, runde
-Huetchen auf den Hinterkoepfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock,
-unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen,
-gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung
-wirken zu lassen, und sehen den kleinen Maedchen nach, diesem huebschen,
-untersetzten Typus mit den bruenetten Haarbandeaux, den etwas zu
-grossen Fuessen und den unbedenklichen Sitten. ...Jedes fuenfte Haus
-laesst Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken. Manchmal tritt
-ein Kunstbau aus der Reihe der buergerlichen hervor, das Werk eines
-phantasievollen jungen Architekten, breit und flachbogig, mit bizarrer
-Ornamentik, voll Witz und Stil. Und ploetzlich ist irgendwo die Tuer
-an einer allzu langweiligen Fassade von einer kecken Improvisation
-umrahmt, von fliessenden Linien und sonnigen Farben, Bacchanten, Nixen,
-rosigen Nacktheiten...
-
-Es ist stets aufs neue ergoetzlich, vor den Auslagen der
-Kunstschreinereien und der Basare fuer moderne Luxusartikel zu
-verweilen. Wieviel phantasievoller Komfort, wieviel linearer Humor in
-der Gestalt aller Dinge! Ueberall sind die kleinen Skulptur-, Rahmen-
-und Antiquitaetenhandlungen verstreut, aus deren Schaufenstern dir
-die Buesten der florentinischen Quattrocento-Frauen voll einer edlen
-Pikanterie entgegenschauen. Und der Besitzer des kleinsten und
-billigsten dieser Laeden spricht dir von Donatello und Mino da
-Fiesole, als habe er das Vervielfaeltigungsrecht von ihnen persoenlich
-empfangen...
-
-Aber dort oben am Odeonsplatz, angesichts der gewaltigen Loggia, vor
-der sich die geraeumige Mosaikflaeche ausbreitet, und schraeg gegenueber
-dem Palast des Regenten draengen sich die Leute um die breiten
-Fenster und Schaukaesten des grossen Kunstmagazins, des weitlaeufigen
-Schoenheitsgeschaeftes von M. Bluethenzweig. Welche freudige Pracht der
-Auslage! Reproduktionen von Meisterwerken aus allen Galerien der Erde,
-eingefasst in kostbare, raffiniert getoente und ornamentierte Rahmen
-in einem Geschmack von prezioeser Einfachheit; Abbildungen moderner
-Gemaelde, sinnenfroher Phantasieen, in denen die Antike auf eine
-humorvolle und realistische Weise wiedergeboren zu sein scheint; die
-Plastik der Renaissance in vollendeten Abguessen; nackte Bronzeleiber
-und zerbrechliche Zierglaeser; irdene Vasen von steilem Stil, die
-aus Baedern von Metalldaempfen in einem schillernden Farbenmantel
-hervorgegangen sind; Prachtbaende, Triumphe der neuen
-Ausstattungskunst, Werke modischer Lyriker, gehuellt in einen
-dekorativen und vornehmen Prunk; dazwischen die Portraets von
-Kuenstlern, Musikern, Philosophen, Schauspielern, Dichtern, der
-Volksneugier nach Persoenlichem ausgehaengt... In dem ersten Fenster,
-der anstossenden Buchhandlung zunaechst, steht auf einer Staffelei
-ein grosses Bild, vor dem die Menge sich staut: eine wertvolle, in
-rotbraunem Tone ausgefuehrte Photographie in breitem, altgoldenem
-Rahmen, ein aufsehenerregendes Stueck, eine Nachbildung des Clous der
-grossen internationalen Ausstellung des Jahres, zu deren Besuch an
-den Litfasssaeulen, zwischen Konzertprospekten und kuenstlerisch
-ausgestatteten Empfehlungen von Toilettenmitteln, archaisierende und
-wirksame Plakate einladen.
-
-Blick um dich, sich in die Fenster der Buchlaeden. Deinen Augen
-begegnen Titel wie 'Die Wohnungskunst seit der Renaissance',
-'Die Erziehung des Farbensinnes', 'Die Renaissance im modernen
-Kunstgewerbe', 'Das Buch als Kunstwerk', 'Die dekorative Kunst',
-'Der Hunger nach Kunst'--und du musst wissen, dass diese Weckschriften
-tausendfach gekauft und gelesen werden, und dass abends ueber
-ebendieselben Gegenstaende vor vollen Saelen geredet wird...
-
-Hast du Glueck, so begegnet dir eine der beruehmten Frauen in Person,
-die man durch das Medium der Kunst zu schauen gewohnt ist, eine jener
-reichen und schoenen Damen von kuenstlich hergestelltem tizianischen
-Blond und im Brillantenschmuck, deren betoerenden Zuegen durch die Hand
-eines genialen Portraetisten die Ewigkeit zuteil geworden ist, und von
-deren Liebesleben die Stadt spricht--Koeniginnen der Kuenstlerfeste im
-Karneval, ein wenig geschminkt, ein wenig gemalt, voll einer edlen
-Pikanterie, gefallsuechtig und anbetungswuerdig. Und sieh, dort faehrt
-ein grosser Maler mit seiner Geliebten in einem Wagen die Ludwigstrasse
-hinauf. Man zeigt sich das Gefaehrt, man bleibt stehen und blickt den
-beiden nach. Viele Leute gruessen. Und es fehlt nicht viel, dass die
-Schutzleute Front machen.
-
-Die Kunst blueht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt
-ihr rosenumwundenes Zepter ueber die Stadt hin und laechelt. Eine
-allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine
-allseitige, fleissige und hingebungsvolle Uebung und Propaganda in ihrem
-Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form,
-der Sinne, der Schoenheit obwaltet... Muenchen leuchtete.
-
-
-
-2
-
-Es schritt ein Juengling die Schellingstrasse hinan; er schritt,
-umklingelt von den Radfahrern, in der Mitte des Holzpflasters der
-breiten Fassade der Ludwigskirche entgegen. Sah man ihn an, so war
-es, als ob ein Schatten ueber die Sonne ginge oder ueber das Gemuet eine
-Erinnerung an schwere Stunden. Liebte er die Sonne nicht, die die
-schoene Stadt in Festglanz tauchte? Warum hielt er in sich gekehrt und
-abgewandt die Augen zu Boden gerichtet, indes er wandelte?
-
-Er trug keinen Hut, woran bei der Kostuemfreiheit der leichtgemuten
-Stadt keine Seele Anstoss nahm, sondern hatte statt dessen die Kapuze
-seines weiten, schwarzen Mantels ueber den Kopf gezogen, die seine
-niedrige, eckig vorspringende Stirn beschattete, seine Ohren bedeckte
-und seine hageren Wangen umrahmte. Welcher Gewissensgram, welche
-Skrupeln und welche Misshandlungen seiner selbst hatten diese Wangen so
-auszuhoehlen vermocht? Ist es nicht schauerlich, an solchem Sonnentage
-den Kummer in den Wangenhoehlen eines Menschen wohnen zu sehen? Seine
-dunklen Brauen verdickten sich stark an der schmalen Wurzel seiner
-Nase, die gross und gehoeckert aus dem Gesichte hervorsprang, und
-seine Lippen waren stark und wulstig. Wenn er seine ziemlich nahe
-beieinanderliegenden braunen Augen erhob, bildeten sich Querfalten
-auf seiner kantigen Stirn. Er blickte mit einem Ausdruck von Wissen,
-Begrenztheit und Leiden. Im Profil gesehen, glich dieses Gesicht genau
-einem alten Bildnis von Moencheshand, aufbewahrt zu Florenz in einer
-engen und harten Klosterzelle, aus welcher einstmals ein furchtbarer
-und niederschmetternder Protest gegen das Leben und seinen Triumph
-erging...
-
-Hieronymus schritt die Schellingstrasse hinan, schritt langsam und
-fest, indes er seinen weiten Mantel von innen mit beiden Haenden
-zusammenhielt. Zwei kleine Maedchen, zwei dieser huebschen, untersetzten
-Wesen mit den Haarbandeaux, den zu grossen Fuessen und den unbedenklichen
-Sitten, die Arm in Arm und abenteuerlustig an ihm vorueberschlenderten,
-stiessen sich an und lachten, legten sich vornueber und gerieten ins
-Laufen vor Lachen ueber seine Kapuze und sein Gesicht. Aber er achtete
-dessen nicht. Gesenkten Hauptes und ohne nach rechts oder links zu
-blicken, ueberschritt er die Ludwigstrasse und stieg die Stufen der
-Kirche hinan.
-
-Die grossen Fluegel der Mitteltuer standen weit geoeffnet. In der
-geweihten Daemmerung, kuehl, dumpfig und mit Opferrauch geschwaengert,
-war irgendwo fern ein schwaches, roetliches Gluehen bemerkbar. Ein altes
-Weib mit blutigen Augen erhob sich von einer Betbank und schleppte
-sich an Kruecken zwischen den Saeulen hindurch. Sonst war die Kirche
-leer.
-
-Hieronymus benetzte sich Stirn und Brust am Becken, beugte das Knie
-vor dem Hochaltar und blieb dann im Mittelschiffe stehen. War es
-nicht, als sei seine Gestalt gewachsen, hier drinnen? Aufrecht und
-unbeweglich, mit frei erhobenem Haupte stand er da, seine grosse,
-gehoeckerte Nase schien mit einem herrischen Ausdruck ueber den starken
-Lippen hervorzuspringen, und seine Augen waren nicht mehr zu Boden
-gerichtet, sondern blickten kuehn und geradeswegs ins Weite, zu dem
-Kruzifix auf dem Hochaltar hinueber. So verharrte er reglos eine
-Weile; dann beugte er zuruecktretend aufs neue das Knie und verliess die
-Kirche.
-
-Er schritt die Ludwigstrasse hinauf, langsam und fest, gesenkten
-Hauptes, inmitten des breiten, ungepflasterten Fahrdammes, entgegen
-der gewaltigen Loggia mit ihren Statuen. Aber auf dem Odeonsplatze
-angelangt, blickte er auf, so dass sich Querfalten auf seiner kantigen
-Stirne bildeten, und hemmte seine Schritte: aufmerksam gemacht durch
-die Menschenansammlung vor den Auslagen der grossen Kunsthandlung, des
-weitlaeufigen Schoenheitsgeschaeftes von M. Bluethenzweig.
-
-Die Leute gingen von Fenster zu Fenster, zeigten sich die
-ausgestellten Schaetze und tauschten ihre Meinungen aus, indes einer
-ueber des anderen Schulter blickte. Hieronymus mischte sich unter sie
-und begann auch seinerseits alle diese Dinge zu betrachten, alles in
-Augenschein zu nehmen, Stueck fuer Stueck.
-
-Er sah die Nachbildungen von Meisterwerken aus allen Galerieen
-der Erde, die kostbaren Rahmen in ihrer simplen Bizarrerie, die
-Renaissanceplastik, die Bronzeleiber und Zierglaeser, die schillernden
-Vasen, den Buchschmuck und die Portraets der Kuenstler, Musiker,
-Philosophen, Schauspieler, Dichter, sah alles an und wandte an jeden
-Gegenstand einen Augenblick. Indem er seinen Mantel von innen mit
-beiden Haenden fest zusammenhielt, drehte er seinen von der Kapuze
-bedeckten Kopf in kleinen, kurzen Wendungen von einer Sache zur
-naechsten, und unter seinen dunklen, an der Nasenwurzel stark sich
-verdichtenden Brauen, die er emporzog, blickten seine Augen mit einem
-befremdeten, stumpfen und kuehl erstaunten Ausdruck auf jedes Ding eine
-Weile. So erreichte er das erste Fenster, dasjenige, unter dem das
-aufsehenerregende Bild sich befand, blickte eine Zeitlang den vor ihm
-sich draengenden Leuten ueber die Schultern und gelangte endlich nach
-vorn, dicht an die Auslage heran.
-
-Die grosse, roetlichbraune Photographie stand, mit aeusserstem Geschmack
-in Altgold gerahmt, auf einer Staffelei inmitten des Fensterraumes.
-Es war eine Madonna, eine durchaus modern empfundene, von jeder
-Konvention freie Arbeit. Die Gestalt der heiligen Gebaererin war von
-berueckender Weiblichkeit, entbloesst und schoen. Ihre grossen, schwuelen
-Augen waren dunkel umraendert, und ihre delikat und seltsam laechelnden
-Lippen standen halb geoeffnet. Ihre schmalen, ein wenig nervoes und
-krampfhaft gruppierten Finger umfassten die Huefte des Kindes, eines
-nackten Knaben von distinguierter und fast primitiver Schlankheit,
-der mit ihrer Brust spielte und dabei seine Augen mit einem klugen
-Seitenblick auf den Beschauer gerichtet hielt.
-
-Zwei andere Juenglinge standen neben Hieronymus und unterhielten sich
-ueber das Bild, zwei junge Maenner mit Buechern unter dem Arm, die
-sie aus der Staatsbibliothek geholt hatten oder dorthin brachten,
-humanistisch gebildete Leute, beschlagen in Kunst und Wissenschaft.
-
-"Der Kleine hat es gut, hol' mich der Teufel!" sagte der eine.
-
-"Und augenscheinlich hat er die Absicht, einen neidisch zu machen",
-versetzte der andere... "Ein bedenkliches Weib!"
-
-"Ein Weib zum Rasendwerden! Man wird ein wenig irre am Dogma von der
-unbefleckten Empfaengnis..."
-
-"Ja, ja, sie macht einen ziemlich beruehrten Eindruck... Hast du das
-Original gesehen?"
-
-"Selbstverstaendlich. Ich war ganz angegriffen. Sie wirkt in der Farbe
-noch weit aphrodisischer... besonders die Augen."
-
-"Die Aehnlichkeit ist eigentlich doch ausgesprochen."
-
-"Wieso?"
-
-"Kennst du nicht das Modell? Er hat doch seine kleine Putzmacherin
-dazu benuetzt. Es ist beinahe Portraet, nur stark ins Gebiet des
-Korrupten hinaufstilisiert... Die Kleine ist harmloser."
-
-"Das hoffe ich. Das Leben waere allzu anstrengend, wenn es viele gaebe,
-wie diese mater amata..."
-
-"Die Pinakothek hat es angekauft."
-
-"Wahrhaftig? Sieh da! Sie wusste wohl uebrigens, was sie tat. Die
-Behandlung des Fleisches und der Linienfluss des Gewandes ist wirklich
-eminent."
-
-"Ja, ein unglaublich begabter Kerl."
-
-"Kennst du ihn?"
-
-"Ein wenig. Er wird Karriere machen, das ist sicher. Er war schon
-zweimal beim Regenten zur Tafel..."
-
-Das letzte sprachen sie, waehrend sie anfingen, voneinander Abschied zu
-nehmen.
-
-"Sieht man dich heute abend im Theater?" fragte der eine. "Der
-dramatische Verein gibt Macchiavelli's 'Mandragola' zum besten."
-
-"Oh, bravo. Davon kann man sich Spass versprechen. Ich hatte vor, ins
-Kuenstlervariete zu gehen, aber es ist wahrscheinlich, dass ich den
-wackeren Nicolo schliesslich vorziehe. Auf Wiedersehen..."
-
-Sie trennten sich, traten zurueck und gingen nach rechts und links
-auseinander. Neue Leute rueckten an ihre Stelle und betrachteten das
-erfolgreiche Bild. Aber Hieronymus stand unbeweglich an seinem Platze;
-er stand mit vorgestrecktem Kopfe, und man sah, wie seine Haende, mit
-denen er auf der Brust seinen Mantel von innen zusammenhielt, sich
-krampfhaft ballten. Seine Brauen waren nicht mehr mit jenem kuehl und
-ein wenig gehaessig erstaunten Ausdruck emporgezogen, sie hatten sich
-gesenkt und verfinstert, seine Wangen, von der schwarzen Kapuze halb
-bedeckt, schienen tiefer ausgehoehlt als vordem, und seine dicken
-Lippen waren ganz bleich. Langsam neigte sein Kopf sich tiefer und
-tiefer, so dass er schliesslich seine Augen ganz von unten herauf starr
-auf das Kunstwerk gerichtet hielt. Die Fluegel seiner grossen Nase
-bebten.
-
-In dieser Haltung verblieb er wohl eine Viertelstunde. Die Leute um
-ihn her loesten sich ab, er aber wich nicht vom Platze. Endlich drehte
-er sich langsam, langsam auf den Fussballen herum und ging fort.
-
-
-
-3
-
-Aber das Bild der Madonna ging mit ihm. Immerdar, mochte er nun in
-seinem engen und harten Kaemmerlein weilen oder in den kuehlen Kirchen
-knieen, stand es vor seiner empoerten Seele, mit schwuelen, umraenderten
-Augen, mit raetselhaft laechelnden Lippen, entbloesst und schoen. Und kein
-Gebet vermochte es zu verscheuchen.
-
-In der dritten Nacht aber geschah es, dass ein Befehl und Ruf aus der
-Hoehe an Hieronymus erging, einzuschreiten und seine Stimme zu erheben
-gegen leichtherzige Ruchlosigkeit und frechen Schoenheitsduenkel.
-Vergebens wendete er, Mosen gleich, seine bloede Zunge vor;
-Gottes Wille blieb unerschuetterlich und verlangte laut von seiner
-Zaghaftigkeit diesen Opfergang unter die lachenden Feinde.
-
-Da machte er sich auf am Vormittage und ging, weil Gott es wollte,
-den Weg zur Kunsthandlung, zum grossen Schoenheitsgeschaeft von M.
-Bluethenzweig. Er trug die Kapuze ueber dem Kopf und hielt seinen Mantel
-von innen mit beiden Haenden zusammen, indes er wandelte.
-
-
-
-4
-
-Es war schwuel geworden; der Himmel war fahl, und ein Gewitter drohte.
-Wiederum belagerte viel Volks die Fenster der Kunsthandlung, besonders
-aber dasjenige, in dem das Madonnenbild sich befand. Hieronymus warf
-nur einen kurzen Blick dorthin; dann drueckte er die Klinke der mit
-Plakaten und Kunstzeitschriften verhangenen Glastuer. "Gott will es!"
-sagte er und trat in den Laden.
-
-Ein junges Maedchen, das irgendwo an einem Pult in einem grossen Buche
-geschrieben hatte, ein huebsches, bruenettes Wesen mit Haarbandeaux und
-zu grossen Fuessen, trat auf ihn zu und fragte freundlich, was ihm zu
-Diensten stehe.
-
-"Ich danke Ihnen", sagte Hieronymus leise und blickte ihr, Querfalten
-in seiner kantigen Stirn, ernst in die Augen. "Nicht Sie will ich
-sprechen, sondern den Inhaber des Geschaeftes, Herrn Bluethenzweig."
-
-Ein wenig zoegernd zog sie sich von ihm zurueck und nahm ihre
-Beschaeftigung wieder auf. Er stand inmitten des Ladens.
-
-Alles, was draussen in einzelnen Beispielen zur Schau gestellt war, es
-war hier drinnen zwanzigfach zu Haeuf getuermt und ueppig ausgebreitet:
-eine Fuelle von Farbe, Linie und Form, von Stil, Witz, Wohlgeschmack
-und Schoenheit. Hieronymus blickte langsam nach beiden Seiten, und dann
-zog er die Falten seines schwarzen Mantels fester um sich zusammen.
-
-Es waren mehrere Leute im Laden anwesend. An einem der breiten Tische,
-die sich quer durch den Raum zogen, sass ein Herr in gelbem Anzug und
-mit schwarzem Ziegenbart und betrachtete eine Mappe mit franzoesischen
-Zeichnungen, ueber die er manchmal ein meckerndes Lachen vernehmen
-liess. Ein junger Mensch mit einem Aspekt von Schlechtbezahltheit
-und Pflanzenkost bediente ihn, indem er neue Mappen zur Ansicht
-herbeischleppte. Dem meckernden Herrn schraeg gegenueber pruefte eine
-vornehme alte Dame moderne Kunststickereien, grosse Fabelblumen in
-blassen Toenen, die auf langen, steifen Stielen senkrecht nebeneinander
-standen. Auch um sie bemuehte sich ein Angestellter des Geschaefts.
-An einem zweiten Tische sass, die Reisemuetze auf dem Kopfe und die
-Holzpfeife im Munde, nachlaessig ein Englaender. Durabel gekleidet,
-glatt rasiert, kalt und unbestimmten Alters, waehlte er unter Bronzen,
-die Herr Bluethenzweig ihm persoenlich herzutrug. Die ziere Gestalt
-eines nackten kleinen Maedchens, welche, unreif und zart gegliedert,
-ihre Haendchen in koketter Keuschheit auf der Brust kreuzte, hielt er
-am Kopfe erfasst und musterte sie eingehend, indem er sie langsam um
-sich selbst drehte.
-
-Herr Bluethenzweig, ein Mann mit kurzem braunen Vollbart und blanken
-Augen von ebenderselben Farbe, bewegte sich haendereibend um ihn herum,
-indem er das kleine Maedchen mit allen Vokabeln pries, deren er habhaft
-werden konnte.
-
-"Hundertfuenfzig Mark, Sir", sagte er auf englisch; "Muenchener Kunst,
-Sir. Sehr lieblich in der Tat. Voller Reiz, wissen Sie. Es ist
-die Grazie selbst, Sir. Wirklich aeusserst huebsch, niedlich und
-bewunderungswuerdig." Hierauf fiel ihm noch etwas ein und er sagte:
-"Hoechst anziehend und verlockend." Dann fing er wieder von vorne an.
-
-Seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe, so dass er bestaendig
-in einem leicht fauchenden Geraeusch in seinen Schnurrbart schnueffelte.
-Manchmal naeherte er sich dabei dem Kaeufer in gebueckter Haltung, als
-beroeche er ihn. Als Hieronymus eintrat, untersuchte Herr Bluethenzweig
-ihn fluechtig in eben dieser Weise, widmete sich aber alsbald wieder
-dem Englaender.
-
-Die vornehme Dame hatte ihre Wahl getroffen und verliess den Laden. Ein
-neuer Herr trat ein. Herr Bluethenzweig beroch ihn kurz, als wollte er
-so den Grad seiner Kauffaehigkeit erkunden, und ueberliess es der jungen
-Buchhalterin, ihn zu bedienen. Der Herr erstand nur eine Fayencebueste
-Piero's, Sohn des praechtigen Medici, und entfernte sich wieder.
-Auch der Englaender begann nun aufzubrechen. Er hatte sich das kleine
-Maedchen zu eigen gemacht und ging unter den Verbeugungen Herrn
-Bluethenzweigs. Dann wandte sich der Kunsthaendler zu Hieronymus und
-stellte sich vor ihn hin.
-
-"Sie wuenschen..." fragte er ohne viel Demut.
-
-Hieronymus hielt seinen Mantel von innen mit beiden Haenden zusammen
-und blickte Herrn Bluethenzweig fast ohne mit der Wimper zu zucken ins
-Gesicht. Er trennte langsam seine dicken Lippen und sagte:
-
-"Ich komme zu Ihnen wegen des Bildes in jenem Fenster dort, der
-grossen Photographie, der Madonna."--Seine Stimme war belegt und
-modulationslos.
-
-"Jawohl, ganz recht", sagte Herr Bluethenzweig lebhaft und begann,
-sich die Haende zu reiben: "Siebenzig Mark im Rahmen, mein Herr. Es ist
-unveraenderlich ... eine erstklassige Reproduktion. Hoechst anziehend
-und reizvoll."
-
-Hieronymus schwieg. Er neigte seinen Kopf in der Kapuze und sank ein
-wenig in sich zusammen, waehrend der Kunsthaendler sprach; dann richtete
-er sich wieder auf und sagte:
-
-"Ich bemerke Ihnen im voraus, dass ich nicht in der Lage, noch
-ueberhaupt willens bin, irgend etwas zu kaufen. Es tut mir leid, Ihre
-Erwartungen enttaeuschen zu muessen. Ich habe Mitleid mit Ihnen, wenn
-Ihnen das Schmerz bereitet. Aber erstens bin ich arm, und zweitens
-liebe ich die Dinge nicht, die Sie feilhalten. Nein, kaufen kann ich
-nichts."
-
-"Nicht ... also nicht", sagte Herr Bluethenzweig und schnueffelte stark.
-"Nun, darf ich fragen..."
-
-"Wie ich Sie zu kennen glaube", fuhr Hieronymus fort, "so verachten
-Sie mich darum, dass ich nicht imstande bin, Ihnen etwas abzukaufen..."
-
-"Hm ..." sagte Herr Bluethenzweig. "Nicht doch! Nur ..."
-
-"Dennoch bitte ich Sie, mir Gehoer zu schenken und meinen Worten
-Gewicht beizulegen."
-
-"Gewicht beizulegen. Hm. Darf ich fragen ..."
-
-"Sie duerfen fragen", sagte Hieronymus, "und ich werde Ihnen antworten.
-Ich bin gekommen, Sie zu bitten, dass Sie jenes Bild, die grosse
-Photographie, die Madonna, sogleich aus Ihrem Fenster entfernen und
-sie niemals wieder zur Schau stellen."
-
-Herr Bluethenzweig blickte eine Weile stumm in Hieronymus' Gesicht, mit
-einem Ausdruck, als forderte er ihn auf, ueber seine abenteuerlichen
-Worte in Verlegenheit zu geraten. Da dies aber keineswegs geschah, so
-schnueffelte er heftig und brachte hervor:
-
-"Wollen Sie die Guete haben, mir mitzuteilen, ob Sie hier in
-irgendeiner amtlichen Eigenschaft stehen, die Sie befugt, mir
-Vorschriften zu machen, oder was Sie eigentlich herfuehrt..."
-
-"O nein", antwortete Hieronymus; "ich habe weder Amt noch Wuerde von
-Staates wegen. Die Macht ist nicht auf meiner Seite, Herr. Was mich
-herfuehrt, ist allein mein Gewissen."
-
-Herr Bluethenzweig bewegte nach Worten suchend den Kopf hin und her,
-blies heftig mit der Nase in seinen Schnurrbart und rang mit der
-Sprache. Endlich sagte er:
-
-"Ihr Gewissen ... Nun, so wollen Sie gefaelligst ... Notiz davon
-nehmen ... dass Ihr Gewissen fuer uns eine ... eine gaenzlich belanglose
-Einrichtung ist!"--
-
-Damit drehte er sich um, ging schnell zu seinem Pult im Hintergrunde
-des Ladens und begann zu schreiben. Die beiden Ladendiener lachten von
-Herzen. Auch das huebsche Fraeulein kicherte ueber ihrem Kontobuche. Was
-den gelben Herrn mit dem schwarzen Ziegenbart betraf, so zeigte es
-sich, dass er ein Fremder war, denn er verstand augenscheinlich nichts
-von dem Gespraech, sondern fuhr fort, sich mit den franzoesischen
-Zeichnungen zu beschaeftigen, wobei er von Zeit zu Zeit sein meckerndes
-Lachen vernehmen liess.--
-
-"Wollen Sie den Herrn abfertigen", sagte Herr Bluethenzweig ueber die
-Schulter hinweg zu seinem Gehilfen. Dann schrieb er weiter. Der junge
-Mensch mit dem Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost trat
-auf Hieronymus zu, indem er sich des Lachens zu enthalten trachtete,
-und auch der andere Verkaeufer naeherte sich.
-
-"Koennen wir Ihnen sonst irgendwie dienlich sein?" fragte der
-Schlechtbezahlte sanft. Hieronymus hielt unverwandt seinen leidenden,
-stumpfen und dennoch durchdringenden Blick auf ihn gerichtet.
-
-"Nein", sagte er, "sonst koennen Sie es nicht. Ich bitte Sie, das
-Madonnenbild unverzueglich aus dem Fenster zu entfernen, und zwar fuer
-immer."
-
-"Oh ... Warum?"
-
-"Es ist die heilige Mutter Gottes..." sagte Hieronymus gedaempft.
-
-"Allerdings ... Sie hoeren ja aber, dass Herr Bluethenzweig nicht geneigt
-ist, Ihren Wunsch zu erfuellen."
-
-"Man muss bedenken, dass es die heilige Mutter Gottes ist", sagte
-Hieronymus, und sein Kopf zitterte.
-
-"Das ist richtig.--Und weiter? Darf man keine Madonnen ausstellen?
-Darf man keine malen?"
-
-"Nicht so! Nicht so!" sagte Hieronymus beinahe fluesternd, indem er
-sich hoch emporrichtete und mehrmals heftig den Kopf schuettelte.
-Seine kantige Stirn unter der Kapuze war ganz von langen und tiefen
-Querfalten durchfurcht. "Sie wissen sehr wohl, dass es das Laster
-selbst ist, das ein Mensch dort gemalt hat ... die entbloesste Wollust!
-Von zwei schlichten und unbewussten Leuten, die dieses Madonnenbild
-betrachteten, habe ich mit meinen Ohren gehoert, dass es sie an dem
-Dogma der unbefleckten Empfaengnis irremache..."
-
-"Oh, erlauben Sie, nicht darum handelt es sich", sagte der junge
-Verkaeufer ueberlegen laechelnd. Er schrieb in seinen Mussestunden eine
-Broschuere ueber die moderne Kunstbewegung und war sehr wohl imstande,
-ein gebildetes Gespraech zu fuehren.
-
-"Das Bild ist ein Kunstwerk", fuhr er fort, "und man muss den Massstab
-daranlegen, der ihm gebuehrt. Es hat allerseits den groessten Beifall
-gehabt. Der Staat hat es angekauft..."
-
-"Ich weiss, dass der Staat es angekauft hat", sagte Hieronymus. "Ich
-weiss auch, dass der Maler zweimal beim Regenten gespeist hat. Das Volk
-spricht davon, und Gott weiss, wie es sich die Tatsache deutet, dass
-jemand fuer ein solches Werk zum hochgeehrten Manne wird. Wovon
-legt diese Tatsache Zeugnis ab? Von der Blindheit der Welt, einer
-Blindheit, die unfasslich ist, wenn sie nicht auf schamloser Heuchelei
-beruht. Dieses Gebilde ist aus Sinnenlust entstanden und wird in
-Sinnenlust genossen ... ist dies wahr oder nicht? Antworten Sie;
-antworten auch Sie, Herr Bluethenzweig!"
-
-Eine Pause trat ein. Hieronymus schien allen Ernstes eine Antwort zu
-verlangen und blickte mit seinen leidenden und durchdringenden Augen
-abwechselnd auf die beiden Verkaeufer, die ihn neugierig und verdutzt
-anstarrten, und auf Herrn Bluethenzweigs runden Ruecken. Es herrschte
-Stille. Nur der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart liess, ueber die
-franzoesischen Zeichnungen gebeugt, sein meckerndes Lachen vernehmen.
-
-"Es _ist_ wahr!" fuhr Hieronymus fort, und in seiner belegten Stimme
-bebte eine tiefe Entruestung ... "Sie wagen nicht, es zu leugnen! Wie
-aber ist es dann moeglich, den Verfertiger dieses Gebildes im Ernste zu
-feiern, als habe er der Menschheit ideale Gueter um eines vermehrt? Wie
-ist es dann moeglich, davor zu stehen, sich unbedenklich dem schnoeden
-Genuesse hinzugeben, den es verursacht, und sein Gewissen mit dem Worte
-Schoenheit zum Schweigen zu bringen, ja, sich ernstlich einzureden,
-man ueberlasse sich dabei einem edlen, erlesenen und hoechst
-menschenwuerdigen Zustande? Ist dies ruchlose Unwissenheit oder
-verworfene Heuchelei? Mein Verstand steht still an dieser Stelle ...
-er steht still vor der absurden Tatsache, dass ein Mensch durch die
-dumme und zuversichtliche Entfaltung seiner tierischen Triebe auf
-Erden zu hoechstem Ruhme gelangen kann!... Schoenheit ... Was ist
-Schoenheit? Wodurch wird die Schoenheit zutage getrieben und worauf
-wirkt sie? Es ist unmoeglich, dies nicht zu wissen, Herr Bluethenzweig!
-Wie aber ist es denkbar, eine Sache so sehr zu durchschauen und
-nicht angesichts ihrer von Ekel und Gram erfuellt zu werden? Es ist
-verbrecherisch, die Unwissenheit der schamlosen Kinder und kecken
-Unbedenklichen durch die Erhoehung und frevle Anbetung der Schoenheit
-zu bestaetigen, zu bekraeftigen und ihr zur Macht zu verhelfen, denn sie
-sind weit vom Leiden und weiter noch von der Erloesung! ...Du blickst
-schwarz, antworten Sie mir, du, Unbekannter. Das Wissen, sage ich
-Ihnen, ist die tiefste Qual der Welt; aber es ist das Fegefeuer, ohne
-dessen laeuternde Pein keines Menschen Seele zum Heile gelangt.
-Nicht kecker Kindersinn und ruchlose Unbefangenheit frommt, Herr
-Bluethenzweig, sondern jene Erkenntnis, in der die Leidenschaften
-unseres eklen Fleisches hinsterben und verloeschen."
-
-Stillschweigen. Der gelbe Herr mit dem schwarzen Ziegenbart meckerte
-kurz.
-
-"Sie muessen nun wohl gehen", sagte der Schlechtbezahlte sanft.
-
-Aber Hieronymus machte keineswegs Anstalten, zu gehen. Hoch
-aufgerichtet in seinem Kapuzenmantel, mit brennenden Augen stand er
-inmitten des Kunstladens, und seine dicken Lippen formten mit hartem
-und gleichsam rostigem Klange unaufhaltsam verdammende Worte...
-
-"Kunst! rufen sie, Genuss! Schoenheit! Huellt die Welt in Schoenheit ein
-und verleiht jedem Dinge den Adel des Stiles! ...Geht mir, Verruchte!
-Denkt man, mit prunkenden Farben das Elend der Welt zu uebertuenchen?
-Glaubt man, mit dem Festlaerm des ueppigen Wohlgeschmacks das Aechzen
-der gequaelten Erde uebertoenen zu koennen? Ihr irrt, Schamlose! Gott laesst
-sich nicht spotten, und ein Greuel ist in seinen Augen euer frecher
-Goetzendienst der gleissenden Oberflaeche! ...Du schmaehst die Kunst,
-antworten Sie mir, du, Unbekannter. Sie luegen, sage ich Ihnen, ich
-schmaehe nicht die Kunst! Die Kunst ist kein gewissenloser Trug, der
-lockend zur Bekraeftigung und Bestaetigung des Lebens im Fleische reizt!
-Die Kunst ist die heilige Fackel, die barmherzig hineinleuchte in
-alle fuerchterlichen Tiefen, in alle scham- und gramvollen Abgruende
-des Daseins; die Kunst ist das goettliche Feuer, das an die Welt gelegt
-werde, damit sie aufflamme und zergehe samt all ihrer Schande und
-Marter in erloesendem Mitleid! ...Nehmen Sie, Herr Bluethenzweig, nehmen
-Sie das Werk des beruehmten Malers dort aus Ihrem Fenster ... ja, Sie
-taeten gut, es mit einem heissen Feuer zu verbrennen und seine Asche in
-alle Winde zu streuen, in alle vier Winde!..."
-
-Seine unschoene Stimme brach ab. Er hatte einen heftigen Schritt
-rueckwaerts getan, hatte einen Arm der Umhuellung des schwarzen
-Mantels entrissen, hatte ihn mit leidenschaftlicher Bewegung weit
-hinausgereckt und wies mit einer seltsam verzerrten, krampfhaft auf
-und nieder bebenden Hand auf die Auslage, das Schaufenster, dorthin,
-wo das aufsehenerregende Madonnenbild seinen Platz hatte. In dieser
-herrischen Haltung verharrte er. Seine grosse, gehoeckerte Nase schien
-mit einem befehlshaberischen Ausdruck hervorzuspringen, seine dunklen,
-an der Nasenwurzel stark sich verdickenden Brauen waren so hoch
-emporgezogen, dass die kantige, von der Kapuze beschattete Stirn ganz
-in breiten Querfalten lag, und ueber seinen Wangenhoehlen hatte sich
-eine hektische Hitze entzuendet.
-
-Hier aber wandte Herr Bluethenzweig sich um. Sei es, dass die Zumutung,
-diese Siebenzig-Mark-Reproduktion zu verbrennen, ihn so aufrichtig
-entruestete, oder dass ueberhaupt Hieronymus' Reden seine Geduld am Ende
-erschoepft hatten: jedenfalls bot er ein Bild gerechten und starken
-Zornes. Er wies mit dem Federhalter auf die Ladentuer, blies mehrere
-Male kurz und erregt mit der Nase in den Schnurrbart, rang mit der
-Sprache und brachte dann mit hoechstem Nachdruck hervor:
-
-"Wenn Sie Patron nun nicht augenblicklich von der Bildflaeche
-verschwinden, so lasse ich Ihnen durch den Packer den Abgang
-erleichtern, verstehen Sie mich?!"
-
-"Oh, Sie schuechtern mich nicht ein, Sie verjagen mich nicht, Sie
-bringen meine Stimme nicht zum Schweigen!" rief Hieronymus, indem
-er oberhalb der Brust seine Kapuze mit der Faust zusammenraffte
-und furchtlos den Kopf schuettelte... "Ich weiss, dass ich einsam und
-machtlos bin, und dennoch verstumme ich nicht, bis Sie mich hoeren,
-Herr Bluethenzweig! Nehmen Sie das Bild aus Ihrem Fenster und
-verbrennen Sie es noch heute! Ach, verbrennen Sie nicht dies allein!
-Verbrennen Sie auch diese Statuetten und Buesten, deren Anblick in
-Suende stuerzt, verbrennen Sie diese Vasen und Zierate, diese schamlosen
-Wiedergeburten des Heidentums, diese ueppig ausgestatteten Liebesverse!
-Verbrennen Sie alles, was Ihr Laden birgt, Herr Bluethenzweig, denn es
-ist ein Unrat in Gottes Augen! Verbrennen, verbrennen, verbrennen Sie
-es!" rief er ausser sich, indem er eine wilde, weite Bewegung rings in
-die Runde vollfuehrte... "Diese Ernte ist reif fuer den Schnitter ...
-Die Frechheit dieser Zeit durchbricht alle Daemme ... Ich aber sage
-Ihnen..."
-
-"Krauthuber!" liess Herr Bluethenzweig, einer Tuer im Hintergrund
-zugewandt, mit Anstrengung seine Stimme vernehmen... "Kommen Sie
-sofort herein!"
-
-Das, was infolge dieses Befehls auf dem Schauplatze erschien, war ein
-massiges und uebergewaltiges Etwas, eine ungeheuerliche und strotzende
-menschliche Erscheinung von schreckeneinfloessender Fuelle, deren
-schwellende, quellende, gepolsterte Gliedmassen ueberall formlos
-ineinander uebergingen ... eine unmaessige, langsam ueber den Boden
-wuchtende und schwer pustende Riesengestalt, genaehrt mit Malz, ein
-Sohn des Volkes von fuerchterlicher Ruestigkeit! Ein fransenartiger
-Seehundsschnauzbart war droben in seinem Angesicht bemerkbar, ein
-gewaltiges, mit Kleister besudeltes Schurzfell bedeckte seinen Leib,
-und die gelben Aermel seines Hemdes waren von seinen sagenhaften Armen
-zurueckgerollt.
-
-"Wollen Sie diesem Herrn die Tuere oeffnen, Krauthuber", sagte Herr
-Bluethenzweig, "und, sollte er sie dennoch nicht finden, ihm auf die
-Strasse hinausverhelfen."
-
-"Ha?" sagte der Mann, indem er mit seinen kleinen Elefantenaugen
-abwechselnd Hieronymus und seinen erzuernten Brotherrn betrachtete ...
-Es war ein dumpfer Laut von muehsam zurueckgedaemmter Kraft. Dann ging
-er, mit seinen Tritten alles um sich her erschuetternd, zur Tuer und
-oeffnete sie.
-
-Hieronymus war sehr bleich geworden. "Verbrennen Sie..." wollte er
-sagen, aber schon fuehlte er sich von einer furchtbaren Uebermacht
-umgewandt, von einer Koerperwucht, gegen die kein Widerstand denkbar
-war, langsam und unaufhaltsam der Tuer entgegengedraengt.
-
-"Ich bin schwach..." brachte er hervor. "Mein Fleisch ertraegt
-nicht die Gewalt ... es haelt nicht stand, nein ... Was beweist das?
-Verbrennen Sie..."
-
-Er verstummte. Er befand sich ausserhalb des Kunstladens. Herrn
-Bluethenzweigs riesiger Knecht hatte ihn schliesslich mit einem kleinen
-Stoss und Schwung fahren lassen, so dass er, auf eine Hand gestuetzt,
-seitwaerts auf die steinerne Stufe niedergesunken war. Und hinter ihm
-schloss sich klirrend die Glastuer.
-
-Er richtete sich empor. Er stand aufrecht und hielt schwer atmend mit
-der einen Faust seine Kapuze oberhalb der Brust zusammengerafft,
-indes er die andere unter dem Mantel hinabhaengen liess. In seinen
-Wangenhoehlen lagerte eine graue Blaesse; die Fluegel seiner grossen,
-gehoeckerten Nase blaehten und schloessen sich zuckend; seine haesslichen
-Lippen waren zu dem Ausdruck eines verzweifelten Hasses verzerrt, und
-seine Augen, von Glut umzogen, schweiften irr und ekstatisch ueber den
-schoenen Platz.
-
-Er sah nicht die neugierig und lachend auf ihn gerichteten Blicke.
-Er sah auf der Mosaikflaeche vor der grossen Loggia die Eitelkeiten
-der Welt, die Maskenkostueme der Kuenstlerfeste, die Zierate,
-Vasen, Schmuckstuecke und Stilgegenstaende, die nackten Statuen und
-Frauenbuesten, die malerischen Wiedergeburten des Heidentums, die
-Portraets der beruehmten Schoenheiten von Meisterhand, die ueppig
-ausgestatteten Liebesverse und Propagandaschriften der Kunst
-pyramidenartig aufgetuermt und unter dem Jubelgeschrei des durch
-seine furchtbaren Worte geknechteten Volkes in prasselnde Flammen
-aufgehen... Er sah gegen die gelbliche Wolkenwand, die von der
-Theatinerstrasse heraufgezogen war und in der es leise donnerte, ein
-breites Feuerschwert stehen, das sich im Schwefellicht ueber die frohe
-Stadt hinreckte...
-
-"Gladius Dei super terram..." fluesterten seine dicken Lippen, und in
-seinem Kapuzenmantel sich hoeher emporrichtend, mit einem versteckten
-und krampfigen Schuetteln seiner hinabhaengenden Faust, murmelte er
-bebend: "Cito et velociter!"
-
-
-
- * * * * *
-
-
-
-SCHWERE STUNDE
-
-
-Er stand vom Schreibtisch auf, von seiner kleinen, gebrechlichen
-Schreibkommode, stand auf wie ein Verzweifelter und ging mit haengendem
-Kopfe in den entgegengesetzten Winkel des Zimmers zum Ofen, der lang
-und schlank war wie eine Saeule. Er legte die Haende an die Kacheln,
-aber sie waren fast ganz erkaltet, denn Mitternacht war lange vorbei,
-und so lehnte er, ohne die kleine Wohltat empfangen zu haben, die er
-suchte, den Ruecken daran, zog hustend die Schoesse seines Schlafrockes
-zusammen, aus dessen Brustaufschlaegen das verwaschene Spitzenjabot
-heraushing, und schnob muehsam durch die Nase, um sich ein wenig Luft
-zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewoehnlich.
-
-Das war ein besonderer und unheimlicher Schnupfen, der ihn fast nie
-voellig verliess. Seine Augenlider waren entflammt und die Raender seiner
-Nasenloecher ganz wund davon, und in Kopf und Gliedern lag dieser
-Schnupfen ihm wie eine schwere, schmerzliche Trunkenheit. Oder war an
-all der Schlaffheit und Schwere das leidige Zimmergewahrsam schuld,
-das der Arzt nun schon wieder seit Wochen ueber ihn verhaengt hielt?
-Gott wusste, ob er wohl daran tat. Der ewige Katarrh und die Kraempfe in
-Brust und Unterleib mochten es noetig machen, und schlechtes Wetter war
-ueber Jena, seit Wochen, seit Wochen, das war richtig, ein miserables
-und hassenswertes Wetter, das man in allen Nerven spuerte, wuest,
-finster und kalt, und der Dezemberwind heulte im Ofenrohr, verwahrlost
-und gottverlassen, dass es klang nach naechtiger Heide im Sturm und
-Irrsal und heillosem Gram der Seele. Aber gut war sie nicht, diese
-enge Gefangenschaft, nicht gut fuer die Gedanken und den Rhythmus des
-Blutes, aus dem die Gedanken kamen...
-
-Das sechseckige Zimmer, kahl, nuechtern und unbequem, mit seiner
-geweissten Decke, unter der Tabaksrauch schwebte, seiner schraeg
-karierten Tapete, auf der oval gerahmte Silhouetten hingen, und seinen
-vier, fuenf duennbeinigen Moebeln, lag im Lichte der beiden Kerzen,
-die zu Haeupten des Manuskripts auf der Schreibkommode brannten. Rote
-Vorhaenge hingen ueber den oberen Rahmen der Fenster, Faehnchen nur,
-symmetrisch geraffte Kattune; aber sie waren rot, von einem warmen,
-sonoren Rot, und er liebte sie und wollte sie niemals missen, weil
-sie etwas von Ueppigkeit und Wollust in die unsinnlich-enthaltsame
-Duerftigkeit seines Zimmers brachten...
-
-Er stand am Ofen und blickte mit einem raschen und schmerzlich
-angestrengten Blinzeln hinueber zu dem Werk, von dem er geflohen war,
-dieser Last, diesem Druck, dieser Gewissensqual, diesem Meer, das
-auszutrinken, dieser furchtbaren Aufgabe, die sein Stolz und sein
-Elend, sein Himmel und seine Verdammnis war. Es schleppte sich, es
-stockte, es stand--schon wieder, schon wieder! Das Wetter war schuld
-und sein Katarrh und seine Muedigkeit. Oder das Werk? Die Arbeit
-selbst? Die eine unglueckselige und der Verzweiflung geweihte
-Empfaengnis war?
-
-Er war aufgestanden, um sich ein wenig Distanz davon zu verschaffen,
-denn so oft bewirkte die raeumliche Entfernung vom Manuskript, dass man
-Uebersicht gewann, einen weiteren Blick ueber den Stoff, und Verfuegungen
-zu treffen vermochte. Ja, es gab Faelle, wo das Erleichterungsgefuehl,
-wenn man sich abwendete von der Staette des Ringens, begeisternd
-wirkte. Und das war eine unschuldigere Begeisterung, als wenn man
-Likoer nahm oder schwarzen, starken Kaffee... Die kleine Tasse stand
-auf dem Tischchen. Wenn sie ihm ueber das Hemmnis huelfe? Nein,
-nein, nicht mehr! Nicht der Arzt nur, auch ein zweiter noch, ein
-Ansehnlicherer, hatte ihm dergleichen behutsam widerraten: der andere,
-der dort, in Weimar, den er mit einer sehnsuechtigen Feindschaft
-liebte. Der war weise. Der wusste zu leben, zu schaffen; misshandelte
-sich nicht; war voller Ruecksicht gegen sich selbst...
-
-Stille herrschte im Hause. Nur der Wind war hoerbar, der die
-Schlossgasse hinuntersauste, und der Regen, wenn er prickelnd gegen die
-Fenster getrieben ward. Alles schlief, der Hauswirt und die Seinen,
-Lotte und die Kinder. Und er stand einsam wach am erkalteten Ofen
-und blinzelte gequaelt zu dem Werk hinueber, an das seine kranke
-Ungenuegsamkeit ihn glauben liess... Sein weisser Hals ragte lang aus der
-Binde hervor, und zwischen den Schoessen des Schlafrocks sah man seine
-nach innen gekruemmten Beine. Sein rotes Haar war aus der hohen und
-zarten Stirn zurueckgestrichen, liess blass geaederte Buchten ueber den
-Schlaefen frei und bedeckte die Ohren in duennen Locken. An der Wurzel
-der grossen, gebogenen Nase, die unvermittelt in eine weissliche Spitze
-endete, traten die starken Brauen, dunkler als das Haupthaar, nahe
-zusammen, was dem Blick der tiefliegenden, wunden Augen etwas tragisch
-Schauendes gab. Gezwungen, durch den Mund zu atmen, oeffnete er die
-duennen Lippen, und seine Wangen, sommersprossig und von Stubenluft
-fahl, erschlafften und fielen ein...
-
-Nein, es misslang, und alles war vergebens! Die Armee! Die Armee haette
-gezeigt werden muessen! Die Armee war die Basis von allem! Da sie nicht
-vors Auge gebracht werden konnte--war die ungeheure Kunst denkbar,
-sie der Einbildung aufzuzwingen? Und der Held war kein Held; er war
-unedel und kalt! Die Anlage war falsch, und die Sprache war falsch,
-und es war ein trockenes und schwungloses Kolleg in Historie, breit,
-nuechtern und fuer die Schaubuehne verloren!
-
-Gut, es war also aus. Eine Niederlage. Ein verfehltes Unternehmen.
-Bankerott. Er wollte es Koernern schreiben, dem guten Koerner, der an
-ihn glaubte, der in kindischem Vertrauen seinem Genius anhing. Er
-wuerde hoehnen, flehen, poltern--der Freund; wuerde ihn an den
-Carlos gemahnen, der auch aus Zweifeln und Muehen und Wandlungen
-hervorgegangen und sich am Ende, nach aller Qual, als ein weithin
-Vortreffliches, eine ruhmvolle Tat erwiesen hat. Doch das war anders
-gewesen. Damals war er der Mann noch, eine Sache mit gluecklicher Hand
-zu packen und sich den Sieg daraus zu gestalten. Skrupel und Kaempfe?
-O ja. Und krank war er gewesen, wohl kraenker als jetzt, ein Darbender,
-Fluechtiger, mit der Welt Zerfallener, gedrueckt und im Menschlichen
-bettelarm. Aber jung, ganz jung noch! Jedesmal, wie tief auch gebeugt,
-war sein Geist geschmeidig emporgeschnellt, und nach den Stunden
-des Harms waren die anderen des Glaubens und des inneren Triumphes
-gekommen. Die kamen nicht mehr, kamen kaum noch. Eine Nacht
-der flammenden Stimmung, da man auf einmal in einem genialisch
-leidenschaftlichen Lichte sah, was werden koennte, wenn man immer
-solcher Gnade geniessen duerfte, musste bezahlt werden mit einer Woche
-der Finsternis und der Laehmung. Muede war er, siebenunddreissig erst alt
-und schon am Ende. Der Glaube lebte nicht mehr, der an die Zukunft,
-der im Elend sein Stern gewesen. Und so war es, dies war die
-verzweifelte Wahrheit: Die Jahre der Not und der Nichtigkeit, die er
-fuer Leidens- und Pruefungsjahre gehalten, sie eigentlich waren reiche
-und fruchtbare Jahre gewesen; und nun, da ein wenig Glueck sich
-herniedergelassen, da er aus dem Freibeutertum des Geistes in einige
-Rechtlichkeit und buergerliche Verbindung eingetreten war, Amt und
-Ehren trug, Weib und Kinder besass, nun war er erschoepft und fertig.
-Versagen und verzagen--das war's, was uebrigblieb.
-
-Er stoehnte, presste die Haende vor die Augen und ging wie gehetzt durch
-das Zimmer. Was er da eben gedacht, war so furchtbar, dass er nicht an
-der Stelle zu bleiben vermochte, wo ihm der Gedanke gekommen war. Er
-setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, liess die gefalteten Haende
-zwischen den Knien haengen und starrte trueb auf die Diele nieder.
-
-Das Gewissen... wie laut sein Gewissen schrie! Er hatte gesuendigt,
-sich versuendigt gegen sich selbst in all den Jahren, gegen das zarte
-Instrument seines Koerpers. Die Ausschweifungen seines Jugendmutes,
-die durchwachten Naechte, die Tage in tabakrauchiger Stubenluft,
-uebergeistig und des Leibes uneingedenk, die Rauschmittel, mit denen er
-sich zur Arbeit gestachelt--das raechte, raechte sich jetzt!
-
-Und raechte es sich, so wollte er den Goettern trotzen, die Schuld
-schickten und dann Strafe verhaengten. Er hatte gelebt, wie er leben
-musste, er hatte nicht Zeit gehabt, weise, nicht Zeit, bedaechtig zu
-sein. Hier, an dieser Stelle der Brust, wenn er atmete, hustete,
-gaehnte, immer am selben Punkt dieser Schmerz, diese kleine,
-teuflische, stechende, bohrende Mahnung, die nicht schwieg,
-seitdem vor fuenf Jahren in Erfurt das Katarrhfieber, jene hitzige
-Brustkrankheit, ihn angefallen--was wollte sie sagen? In Wahrheit, er
-wusste es nur zu gut, was sie meinte--mochte der Arzt sich stellen wie
-er konnte und wollte. Er hatte nicht Zeit, sich mit kluger Schonung
-zu begegnen, mit milder Sittlichkeit hauszuhalten. Was er tun wollte,
-musste er bald tun, heute noch, schnell... Sittlichkeit? Aber wie kam
-es zuletzt, dass die Suende gerade, die Hingabe an das Schaedliche und
-Verzehrende ihn moralischer duenkte als alle Weisheit und kuehle Zucht?
-Nicht sie, nicht die veraechtliche Kunst des guten Gewissens waren das
-Sittliche, sondern der Kampf und die Not, die Leidenschaft und der
-Schmerz!
-
-Der Schmerz... Wie das Wort ihm die Brust weitete! Er reckte sich
-auf, verschraenkte die Arme; und sein Blick, unter den roetlichen,
-zusammenstehenden Brauen, beseelte sich mit schoener Klage. Man war
-noch nicht elend, ganz elend noch nicht, solange es moeglich war,
-seinem Elend eine stolze und edle Benennung zu schenken. Eins war not:
-Der gute Mut, seinem Leben grosse und schoene Namen zu geben! Das Leid
-nicht auf Stubenluft und Konstipation zurueckzufuehren! Gesund genug
-sein, um pathetisch sein--um ueber das Koerperliche hinwegsehen,
-hinwegfuehlen zu koennen! Nur hierin naiv sein, wenn auch sonst wissend
-in allem! Glauben, an den Schmerz glauben koennen... Aber er glaubte
-ja an den Schmerz, so tief, so innig, dass etwas, was unter Schmerzen
-geschah, diesem Glauben zufolge weder nutzlos noch schlecht sein
-konnte. Sein Blick schwang sich zum Manuskript hinueber, und seine Arme
-verschraenkten sich fester ueber der Brust... Das Talent selbst--war
-es nicht Schmerz? Und wenn das dort, das unselige Werk, ihn leiden
-machte, war es nicht in der Ordnung so und fast schon ein gutes
-Zeichen? Es hatte noch niemals gesprudelt, und sein Misstrauen wuerde
-erst eigentlich beginnen, wenn es das taete. Nur bei Stuempern und
-Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzufriedenen und Unwissenden,
-die nicht unter dem Druck und der Zucht des Talentes lebten. Denn das
-Talent, meine Herren und Damen dort unten, weithin im Parterre, das
-Talent ist nichts Leichtes, nichts Taendelndes, es ist nicht ohne
-weiteres ein Koennen. In der Wurzel ist es Beduerfnis, ein kritisches
-Wissen um das Ideal, eine Ungenuegsamkeit, die sich ihr Koennen
-nicht ohne Qual erst schafft und steigert. Und den Groessten, den
-Ungenuegsamsten ist ihr Talent die schaerfste Geissel... Nicht klagen!
-Nicht prahlen! Bescheiden, geduldig denken von dem, was man trug! Und
-wenn nicht ein Tag in der Woche, nicht eine Stunde von Leiden frei
-war--was weiter? Die Lasten und Leistungen, die Anforderungen,
-Beschwerden, Strapazen gering achten, klein sehen,--das war's, was
-gross machte!
-
-Er stand auf, zog die Dose und schnupfte gierig, warf dann die Haende
-auf den Ruecken und schritt so heftig durch das Zimmer, dass die Flammen
-der Kerzen im Luftzuge flatterten... Groesse! Ausserordentlichkeit!
-Welteroberung und Unsterblichkeit des Namens! Was galt alles Glueck der
-ewig Unbekannten gegen dies Ziel? Gekannt sein,--gekannt und geliebt
-von den Voelkern der Erde! Schwatzet von Ichsucht, die ihr nichts wisst
-von der Suessigkeit dieses Traumes und Dranges! Ichsuechtig ist alles
-Ausserordentliche, sofern es leidet. Moegt ihr selbst zusehen, spricht
-es, ihr Sendungslosen, die ihr's auf Erden so viel leichter habt! Und
-der Ehrgeiz spricht: Soll das Leiden umsonst gewesen sein? Gross muss es
-mich machen!...
-
-Die Fluegel seiner grossen Nase waren gespannt, sein Blick drohte und
-schweifte. Seine Rechte war heftig und tief in den Aufschlag seines
-Schlafrockes geschoben, waehrend die Linke geballt herniederhing.
-Eine fliegende Roete war in seine hageren Wangen getreten, eine
-Lohe, emporgeschlagen aus der Glut seines Kuenstleregoismus, jener
-Leidenschaft fuer sein Ich, die unausloeschlich in seiner Tiefe brannte.
-Er kannte ihn wohl, den heimlichen Rausch dieser Liebe. Zuweilen
-brauchte er nur seine Hand zu betrachten, um von einer begeisterten
-Zaertlichkeit fuer sich selbst erfuellt zu werden, in deren Dienst er
-alles, was ihm an Waffen des Talentes und der Kunst gegeben war, zu
-stellen beschloss. Er durfte es, nichts war unedel daran. Denn tiefer
-noch als diese Ichsucht lebte das Bewusstsein, sich dennoch bei alldem
-im Dienste vor irgend etwas Hohem, ohne Verdienst freilich, sondern
-unter einer Notwendigkeit, uneigennuetzig zu verzehren und aufzuopfern.
-Und dies war seine Eifersucht: dass niemand groesser werde als er, der
-nicht auch tiefer als er um dieses Hohe gelitten.
-
-Niemand!... Er blieb stehen, die Hand ueber den Augen, den Oberkoerper
-halb seitwaerts gewandt, ausweichend, fliehend. Aber er fuehlte schon
-den Stachel dieses unvermeidlichen Gedankens in seinem Herzen, des
-Gedankens an ihn, den anderen, den Hellen, Tastseligen, Sinnlichen,
-Goettlich-Unbewussten, an den dort, in Weimar, den er mit einer
-sehnsuechtigen Feindschaft liebte... Und wieder, wie stets, in tiefer
-Unruhe, mit Hast und Eifer, fuehlte er die Arbeit in sich beginnen, die
-diesem Gedanken folgte: das eigene Wesen und Kuenstlertum gegen das
-des anderen zu behaupten und abzugrenzen... War er denn groesser? Worin?
-Warum? War es ein blutendes Trotzdem, wenn er siegte? Wuerde je sein
-Erliegen ein tragisches Schauspiel sein? Ein Gott, vielleicht--ein
-Held war er nicht. Aber es war leichter, ein Gott zu sein als ein
-Held!--Leichter... Der andere hatte es leichter! Mit weiser und
-gluecklicher Hand Erkennen und Schaffen zu scheiden, das mochte heiter
-und quallos und quellend fruchtbar machen. Aber war Schaffen goettlich,
-so war Erkenntnis Heldentum, und beides war der, ein Gott und ein
-Held, welcher erkennend schuf!
-
-Der Wille zum Schweren... Ahnte man, wieviel Zucht und
-Selbstueberwindung ein Satz, ein strenger Gedanke ihn kostete?
-Denn zuletzt war er unwissend und wenig geschult, ein dumpfer und
-schwaermender Traeumer. Es war schwerer, einen Brief des Julius zu
-schreiben, als die beste Szene zu machen,--und war es nicht darum auch
-fast schon das Hoehere?--Vom ersten rhythmischen Drange innerer Kunst
-nach Stoff, Materie, Moeglichkeit des Ergusses--bis zum Gedanken, zum
-Bilde, zum Worte, zur Zeile: welch Ringen! welch Leidensweg! Wunder
-der Sehnsucht waren seine Werke, der Sehnsucht nach Form, Gestalt,
-Begrenzung, Koerperlichkeit, der Sehnsucht hinueber in die klare Welt
-des anderen, der unmittelbar und mit goettlichem Mund die besonnten
-Dinge bei Namen nannte.
-
-Dennoch, und jenem zum Trotz: Wer war ein Kuenstler, ein Dichter gleich
-ihm, ihm selbst? Wer schuf, wie er, aus dem Nichts, aus der eigenen
-Brust? War nicht als Musik, als reines Urbild des Seins ein Gedicht in
-seiner Seele geboren, lange bevor es sich Gleichnis und Kleid aus der
-Welt der Erscheinungen lieh? Geschichte, Weltweisheit, Leidenschaft:
-Mittel und Vorwaende, nicht mehr, fuer etwas, was wenig mit ihnen
-zu schaffen, was seine Heimat in orphischen Tiefen hatte. Worte,
-Begriffe: Tasten nur, die sein Kuenstlertum schlug, um ein verborgenes
-Saitenspiel klingen zu machen... Wusste man das? Sie priesen ihn sehr,
-die guten Leute, fuer die Kraft der Gesinnung, mit welcher er die oder
-jene Taste schlug. Und sein Lieblingswort, sein letztes Pathos, die
-grosse Glocke, mit der er zu den hoechsten Festen der Seele rief, sie
-lockte viele herbei... Freiheit... Mehr und weniger, wahrhaftig,
-begriff er darunter als sie, wenn sie jubelten. Freiheit--was hiess
-das? Ein wenig Buergerwuerde doch nicht vor Fuerstenthronen? Lasst ihr
-euch traeumen, was alles ein Geist mit dem Worte zu meinen wagt?
-Freiheit wovon? Wovon zuletzt noch? Vielleicht sogar noch vom Glueck,
-vom Menschenglueck, dieser seidenen Fessel, dieser weichen und holden
-Verpflichtung...
-
-Vom Glueck... Seine Lippen zuckten; es war, als kehrte sein Blick sich
-nach innen, und langsam liess er das Gesicht in die Haende sinken...
-Er war im Nebenzimmer. Blaeuliches Licht floss von der Ampel, und der
-gebluemte Vorhang verhuellte in stillen Falten das Fenster. Er stand am
-Bette, beugte sich ueber das suesse Haupt auf dem Kissen... Eine schwarze
-Locke ringelte sich ueber die Wange, die von der Blaesse der Perlen
-schien, und die kindlichen Lippen waren im Schlummer geoeffnet... Mein
-Weib! Geliebte! Folgtest du meiner Sehnsucht und tratest du zu mir,
-mein Glueck zu sein? Du bist es, sei still! Und schlafe! Schlag jetzt
-nicht diese suessen, langschattenden Wimpern auf, um mich anzuschauen,
-so gross und dunkel, wie manchmal, als fragtest und suchtest du mich!
-Bei Gott, bei Gott, ich liebe dich sehr! Ich kann mein Gefuehl nur
-zuweilen nicht finden, weil ich oft sehr muede vom Leiden bin und vom
-Ringen mit jener Aufgabe, welche mein Selbst mir stellt. Und ich
-darf nicht allzusehr dein, nie ganz in dir gluecklich sein, um
-dessentwillen, was meine Sendung ist...
-
-Er kuesste sie, trennte sich von der lieblichen Waerme ihres Schlummers,
-sah um sich, kehrte zurueck. Die Glocke mahnte ihn, wie weit schon die
-Nacht vorgeschritten, aber es war auch zugleich, als zeigte sie
-guetig das Ende einer schweren Stunde an. Er atmete auf, seine Lippen
-schlossen sich fest; er ging und ergriff die Feder... Nicht gruebeln!
-Er war zu tief, um gruebeln zu duerfen! Nicht ins Chaos hinabsteigen,
-sich wenigstens nicht dort aufhalten! Sondern aus dem Chaos, welches
-die Fuelle ist, ans Licht emporheben, was faehig und reif ist, Form zu
-gewinnen. Nicht gruebeln: Arbeiten! Begrenzen, ausschalten, gestalten,
-fertig werden...
-
-Und es wurde fertig, das Leidenswerk. Es wurde vielleicht nicht gut,
-aber es wurde fertig. Und als es fertig war, siehe, da war es auch
-gut. Und aus seiner Seele, aus Musik und Idee, rangen sich neue Werke
-hervor, klingende und schimmernde Gebilde, die in heiliger Form die
-unendliche Heimat wunderbar ahnen liessen, wie in der Muschel das Meer
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gladius Dei; Schwere Stunde, by Thomas Mann
-
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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