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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Aus dem Durchschnitt + +Author: Gustav Falke + +Release Date: February 16, 2004 [eBook #11108] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM DURCHSCHNITT*** + + +E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders + + + +Aus dem Durchschnitt + +Roman + +von + +Gustav Falke + +Hamburg + +1900 + + + + +Meinem Bruder Albert gewidmet. + + + + +I. + + +Dem undurchdringlichen Nebel des Maerzabends war eine Frostnacht gefolgt. +An der Ecke der Gaertnerstrasse und des Durchschnitts, in einem oestlichen +Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glaette des uebereisten, +abgenutzten Strassendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so +ungluecklich gestuerzt, dass an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen +Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen +gebrochen. Schweissbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem +Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer. + +Der Kutscher, ein aelterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei. + +"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein +Schlachter draengte sich durch die Menge: + +"Na, Beuthien, is he henn?" + +"To'n Duebel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er +warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran, +den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien. + +Der Frager und ein junger kraeftiger Mann, dessen frisches, +wettergebraeuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher +aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich. + +"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann. + +"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort. + +In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich +Mitleid, Neugier und Lust am Unglueck die Wage. Auch fehlte es nicht an +schlechten Witzen. Vergeblich bemuehte sich ein Schutzmann, die Menge zu +zerstreuen. Er liess seinen Aerger dafuer an den Kindern aus, aber die auf +der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der +anderen beharrlich wieder an. + +Hatte das Publikum nur spoettische Mienen, halblaute Scherze fuer die +heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines +Geschaeftskellers, in dem sich eine Weiss- und hollaendische Warenhandlung +befand, um so energischer bemueht, den Mann der Ordnung wenigstens durch +ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt. + +Die kleine, rundliche Frau war in bestaendiger Bewegung. Unter Mittelmass, +kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf +den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermoeglichen. + +Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus +dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern. + +"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender +Stimme in das Gewuehl hinein. + +"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurueck, unter dem +Gelaechter der Umstehenden. + +Ein Dienstmaedchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoss die Zaertlichkeit +eines Gesellen abwehrend, die Naehe der Geaergerten zu gewinnen. + +"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur fuer'n Groschen Haarnadeln haben, +von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloss +mal eben Kartoffel holen." + +"Recht, Fraeulein, holen Sie man bloss mal eben Kartoffel", lachte die +Wittfoth. + +Gewandt schluepfte das Maedchen durch das Gedraenge. + +Allmaehlich verlor sich die Menge. Das gestuerzte Tier ward bis zur +Ankunft des Frohnes durch uebergeworfene Decken dem Anblick der +Voruebergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der +Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde spaeter zeugte nichts mehr +von dem Vorfall. + +Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpaeckchen +beschaeftigt, ihr nervoeser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu +richten, zu veraendern und zu verbessern, als auch schon jenes +Dienstmaedchen, mit der gefuellten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig +in den Laden trat. + +"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln +rausgesucht?" + +"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten +Haarnadeln einwickelnd. + +"Ich? Ne, wie meinem Sie das?" + +"Na, ich meine man, weil Sie so vergnuegt sind." + +"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man +sich so schon genug." + +"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?" + +"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint +wunder, was sie ist, und muss sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr +was beisst." + +"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefuehl +erheuchelnd. Die andere liess sich jedoch gemuetlich auf dem einzigen +Rohrstuhl an der Tonbank nieder. + +"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Naechstens +isst sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen +Finger in Wasser? I bewahre, koennt ja nass sein". + +"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein. +"Wenn ich die Mutter waere". + +"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf". + +"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte +eine bezeichnende Handbewegung. + +"Dreimal auf'n Tag und duechtig", eiferte das Maedchen. "Aber Herrjeses! +ich vergess mir ja ganz. Na, das wird'n schoenen Segen geben. Sie hat so +keinen Guten heute". + +Sie riss ihre Kartoffelkiepe an sich und stuerzte mit einem vertraulichen +"Schueuess Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thuer hinter sich +schliessend. + +"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher. + + + + +II. + + +Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr +ausser einer geringfuegigen Pension soviel hinterlassen hatte, dass sie die +Weiss- und hollaendische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin +kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingefuehrte Geschaeft +mit Glueck fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie +sich bald in die neuen Verhaeltnisse hineingearbeitet. Sie wusste, was sie +wollte. Die Geschaeftsreisenden merkten, dass sie der kleinen hellaeugigen +Frau nichts aufschwaetzen konnten und respektierten ihre +Geschaeftstuechtigkeit. + +Mehr Muehe und Verdriesslichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Maedchen +gemacht, deren sie zwei benoetigte, eine Verkaeuferin und eine Schneiderin +fuer die Anfertigung der Dienstmaedchenkostueme. + +Sie hatte viel wechseln muessen. Die meistens ungebildeten, +anspruchsvollen Maedchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst +noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau +Caroline Wittfoth liess sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren". +Sie hatte immer kurzen Prozess gemacht und, wenn noetig, alle acht Tage +gewechselt, bis sie schliesslich die brauchbaren Persoenlichkeiten +gefunden und sich in diesem taeglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit, +Unordnung und Traegheit soweit geschult und gestaehlt hatte, dass sie sich +fortan in Respekt zu setzen wusste. + +Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Sass, die Tochter +einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein +zweiundzwanzigjaehriges, schwaechliches, etwas verwachsenes Maedchen, das +erkenntlichen Charakters die Fuersorge der Tante durch hingebende +Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und +erlebte die Genugthuung, dass neuerdings auch einzelne Damen der +Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenroecke, von ihr +anfertigen liessen. + +Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschaeftes, +und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem +zweiten jungen Maedchen unterstuetzt wurde. + +Die achtzehnjaehrige bluehende Blondine mit den grossen grauen, blitzenden +Augen wusste ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war +sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und +sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwaechen und +Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das huebsche Maedchen +durch sein gefaelliges, entgegenkommendes Wesen. + +Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine +waermere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmuetig, fuehlte sie Mitleid +mit der kraenklichen, in einer freudlosen Jugend Verkuemmerten, und diese +empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden +Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere +Lebensfreude verurteilten Daseins. + +So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehoerigkeit. +Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein +Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im +Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besass. + +Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Maedchen wegen. Der +verwandtschaftlichen Freundschaft fuer Therese gesellte sich eine +aufrichtige Wertschaetzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres +feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner +Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der huebschen Verkaeuferin +seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken. + +Mimi hatte keinen gluehenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wusste +das und verwandte alle kleinen Kuenste der Koketterie, um ihn an sich zu +fesseln. + +Das gutmuetige, etwas fade, von einem duennen blonden Bart umrahmte +Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu +sagen pflegte. Ihre Schwaermerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen. + +Die goldene Brille, die Hermann trug, soehnte sie jedoch wieder etwas mit +seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Maedchen, eine +Vorliebe fuer Augenglaeser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend. +Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein +bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen +Schutz etwas bloede in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an +Glanz und Leben. + +Auch der Umstand, dass die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei +Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal +einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so musste sie +hierzu triftige Gruende haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und +auskoemmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der +Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein +gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafuer durfte er schon +blond sein und einen schlichten Scheitel tragen. + +Hermann hatte den beiden Maedchen versprochen, sie am ersten Ostertage +spazieren zu fuehren, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends +um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Naehere zu bereden. +Man wollte bei guenstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und +am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung +sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee +getrunken werden. + +Die Maedchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten +ein Vergnuegen wurde, freute sich wie ein Kind. + +Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an? + +Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich +auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens +Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig. +Auch trug sie nur schwarz. + +Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der +Voraussetzung, dass sie ablehnen wuerde. Man wusste, dass sie um keinen +Preis an irgend einem Tage ihr Geschaeft schloss und etwas darin suchte, +zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte ueberhaupt einen +Hang, die Maertyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das +geplagteste war. + +Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entruestet die Zumutung +zurueckwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu +schliessen. Sie hatte tausend Gruende dagegen. Gerade an diesem Tage haette +sie noch in jedem Jahre die glaenzendsten Geschaefte gemacht. Fuer sie +gaebe es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren +laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die +Ladenglocke schellte. + +"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die +hastig aufgerissene Thuer. "Fraeulein Behn will Mass genommen haben." + +Mit Metermass und ihrem Notizbuechlein folgte Therese. + +Mimi sass am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus +blaeulichem Milchglas dicht vor sich gerueckt und war beschaeftigt, die +duennen, schmiegsamen Stahlstaebchen in der Taille eines hellen +Maedchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre +etwas grossen, aber weichen, schoengeformten Haende, die gut gepflegt +waren, wenn auch nicht jede Spur haeuslicher Thaetigkeit sich hatte +entfernen lassen. + +Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers fuehrte sie die Nadel. +Die gleichmaessige Bewegung der vollen, rosigen Maedchenhand, an deren +Mittelfinger ein schmaechtiger Ring mit einem falschen gruenen Stein matt +glaenzte, fesselte Hermanns Blick. + +"Wie moegen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fraeulein Mimi", sagte +er. + +"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne +aufzusehen. + +"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er. + +"Bin ich das nicht immer?" + +Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen, +der ihm entging. + +In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie +ihm heute doppelt verfuehrerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in +diese verfaengliche Unterhaltung geraten, fuehlte er sich ganz in der +Gewalt ihrer Reize. + +Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich +schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend. + +Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfuem, das sie jedoch diskret +gebrauchte, stieg zu ihm auf. + +Er zog den Duft ein. + +"Ah, Veilchen." + +"Das letzte Troepfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus +mit der Veilchenherrlichkeit." + +"Dann bleiben die Rosen." + +"Wie so?" + +Er beruehrte mit dem Ruecken der rechten Hand sanft ihre linke Wange. + +"Wie Feuer." + +Sie schlug nach ihm. + +Sie hatte ihn kraeftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem +Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretaer aus +Eichenholz, dessen Messingringe und Schluessellochumkleidungen der +Verdruss der jungen Maedchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der +Wittfoth glaenzend genug leuchten. + +Hermann, auf der Verfolgung des Ausreissers, lag baeuchlings auf dem +Fussboden und angelte und fegte pustend und aechzend mit einem langen +hoelzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Moebel umher, +als das Zimmer von aussen geoeffnet und die helle Stimme der Tante laut +wurde: + +"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fraeulein." + +Gleichzeitig erschien Fraeulein Behn in dem Rahmen der Thuer, noch ehe die +Wittfoth die ungewoehnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte. + +In groesster Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln +und Rockschoessen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Faeden der +Naehstube festgesetzt hatten. + +Schallendes Gelaechter begruesste ihn, in das er notgedrungen einstimmte. + +"Fraeulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor. + +Die junge Dame mass den Neffen mit etwas spoettischem Blick, der jenem +entging, da er bei seinem demuetigen Ritterdienst die Brille vorsichtig +abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der +linken Hand aengstlich von sich abhielt. + +Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der +Kleiderbuerste an die Reinigung ihres Vetters machte. + + + + +III. + + +Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kuehlen +Festtag. Voller Sonnenschein lag ueber der herben Fruehlandschaft, als die +Glocken von St. Gertrud die Glaeubigen und Erbauungsbeduerftigen zum +Gottesdienst riefen. + +Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den +Kirchgaengern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, dass sie sie +in zehn Minuten erreichen konnte, versaeumte die kleine, lebenslustige, +keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die +Predigt zu hoeren und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen. + +"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehoere durchaus nicht zu +den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Hoeheres +haben. Und fuer mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben +singen und die Orgel dazu spielt." + +Therese begleitete die Tante regelmaessig in die Kirche, besuchte auch +haeufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges +Herzensbeduerfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz +Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle +Angelegenheiten des Herzens, umfasste sie auch diese Dinge mit grosser +Innigkeit und fuehlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante, +die auch hier ihre Oberflaechlichkeit nicht verleugnete. + +"Ach, ich glaub an gar nichts", erklaerte die Wittfoth einmal. "Mir +soll's auch einerlei sein. Sterben muessen wir alle, und von oben ist +noch keiner lebendig wieder runter gekommen". + +Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem +Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach +ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren". + +"Dann koennt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich +los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser, +Ihr verbrennt mich gleich". + +Vor der Kirchenthuer trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit +ihren Toechtern. + +"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth. + +"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger +ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach. + +Fraeulein Lulu musterte mit laessigem Gruss die Toiletten der Tante und +Nichte. + +"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glaette +schnell die Falten ihres vergnuegten rundlichen Gesichts zu +andachtsvollem demuetigem Ausdruck und draengte sich mit dem allgemeinen +Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute +Kirche. + +Mimi Kruse huetete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als +ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal +wieder eine Predigt gehoert, das heisst, eine solche in den Kauf genommen +zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit +in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode +geworden. + +"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und +entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen +Uebungen. + +Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben +sich auf dem Fensterbrett liegen und ueberflog den Roman im Feuilleton. +Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Haelfte bei der schnoede verlassenen +Graefin, die andere Haelfte gehoerte dem blauen Kleid, das sie am +Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine +Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren. + +Mimi wollte huebsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntaeglichen, +dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den +"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah. + +Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so laestig durch seine +unaufhoerliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein bestaendiges, +verliebtes Anlaecheln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint +gewesen. Sie hasste diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann +der Laenge nach auf dem Fussboden lag, war er ihr sehr laecherlich +erschienen. + +Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht +"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte +schon an die Chokolade, Toertchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag +spendieren wuerde. + +Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in +kuerzeren oder laengeren Zwischenraeumen die Sonne ueberzogen. Besorgt sah +sie auf. Es waere doch zu aergerlich, wenn sich das Wetter nicht halten +wuerde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen? + +Und wirklich fielen jetzt grosse, schwere Tropfen, denen sich bald +weiche, zerfliessende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben. + +Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wuetend durch das ganze Zimmer. +Ihre Stirn legte sich in bitterboese Falten, und dem unmutig verzogenen +Mund entfuhr ein derbes Wort. + +Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte +der lose Schnee um die Strassenecken, als waere es Weihnachtszeit und +nicht Ostern. + +Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein, +in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen +Kuenstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung +heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die +benaesste, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen +in der Thuer stehen. + +"Eine schoene Bescherung, meine Damen, der reine Winter", naeselte er +verschnupft. + +"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klaert sich's noch +auf." + +"Klaert sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein." + +"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfuegung, gnaediges Fraeulein", +scherzte Hermann. + +"Hoechst ungnaediges Fraeulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr +helles Kleid." + +"Faellt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr +missgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu koennen. Auch Hermann sah +nicht so aus dass man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte +Partie, dachte sie. + +"Meinetwegen lasst uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese. + +"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte +wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die +Wittfoth den Ausschlag gab. + +"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fuerchten sich vor Schnee? +Marsch, fort mit Euch!" + +"Man nich so eitel, Fraeulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind +noch lange huebsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs +Kleid." + +"Das mein ich auch", bekraeftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst +sich schmueckt, schmueckt sie auch den Garten." + +"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet." + +"Rueckert, liebe Tante", belehrte Hermann. + +Die liebe Tante ueberhoerte diese Belehrung und wandte sich an Therese: +"Dass Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weisst, Du bist gleich erkaeltet. +Und dass Ihr mir fahrt heute Abend, hoerst Du Hermann? Die Abendluft ist +so gefaehrlich." + +Mimi, die sich muerrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt +wieder. Sie lachte ueber das ganze Gesicht. + +Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschliessende schwarze +Plueschjacke, ein schwarzes, langhaariges Mueffchen und ein dunkelbraunes +kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel +hatte sie schnell ueber das blaue Kleid getroestet, und hoechst zufrieden +fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre +Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreissendes, +dominierendes in ihrem Wesen. + +Hermann war gluecklich ueber diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und +bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute +sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der +Tante Abschied. + + + + +IV. + + +Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr +Lieblingsgetraenk, der zwar fuer die vollbluetige, nervoese Frau das reine +Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau +Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere +Ausdruck fuer ein gefuelltes Kannenmass. Heute, zur Feier des Festtages, +hatte sie sogar noch fuer eine Tasse ueber das gewoehnliche Mass gesorgt, +sich guten Rahm statt der sonst bei ihr ueblichen Milch gegoennt und neben +der gefuellten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt. + +Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein grosser, +flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguss auf den Tisch. Wer +dieses Gebaeck nicht genug zu wuerdigen wusste, hatte es mit der kleinen +Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz. + +Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, liess sich die +Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre +Naeharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des +Nachmittags mit gemuetlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch +ihren Feiertag haben. Sie musste sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere +mich nur, dass mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft. + +Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Maedchen nahmen ihr +alle Arbeit ab. Selbst die Kueche brauchte sie nicht allein zu besorgen. +Dennoch war sie ueberzeugt, dass niemand so mit Arbeit ueberbuerdet sei wie +sie. + +Sie war immer in Bewegung und meistens in unnoetiger. Sie war ueberall und +nirgends, bald in der Kueche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier +einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden +aus dem Wege raeumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft +noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine +Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen +weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" muede war. + +Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem +Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der +duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem +Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefuehl ueberkam +sie. + +Aus einer der ueber ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang +gedaempftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauss +und dann Ketterers beliebtes Salonstueck "Silberfischchen". + +"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespraech. +Schnutentante war eine vierzehnjaehrige "hoehere Tochter", der sie wegen +ihrer das Normalmass ueberschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte. + +Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die +Musik stimmte sie sentimental. Das Gefuehl des Alleinseins ueberkam sie, +die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst. + +Das Wetter draussen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne +Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Hoehe mit dem +Trottoir lagen. + +Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen +strahlte so gemuetliche Waerme aus. Gott sei Dank, dass sie nicht draussen +"rumzupatschen" brauchte. + +Aber die Musik von oben fuehrte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins +Konzerthaus. Sie hoerte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte, +besuchten sie haeufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt +Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen". + +Das war lange her. + +Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnuegen. Sie fuehlte +sich ueberfluessig in deren Gesellschaft. + +Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fuenfunddreissig Jahre +ein Alter? + +Zu den achtzehnjaehrigen Backfischen allerdings passte sie nicht mehr. +Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen +zu rechnen, war es doch noch zu frueh. + +Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muss sich schon +zufrieden geben. Man muss froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen +guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer. + +Was war das doch fuer ein Gerede damals gewesen, mit dem huebschen +Reisenden von Rosinsky und Soehne. Weil sie hoeflich gegen Herrn +Bellermann war, sollte sie natuerlich Heiratsabsichten haben. Als ob es +nicht ihre Pflicht gewesen waere, im Beginn ihrer Geschaeftsthaetigkeit +sich mit Kunden und Lieferanten auf moeglichst guten Fuss zu stellen. + +Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der, +bald jener, den sie koedern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen +sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person, +sondern von ihrem Geschaeft zu reden. Als ob sie nicht immer noch +ansehnlich genug sei. + +Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Mueller und Lenze, der +grossen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal +hatten die Leute ja recht. Ein Blinder musste sehen, dass Herr Pohlenz auf +die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die +Alster, als dass sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten, +kalten Haenden schauderte ihr. + +Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht +hatte. Zwar nahm sie es damals fuer Scherz und nahm es auch noch dafuer. +Aber gesetzt, er haette die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den +Pomadenhengst mit den Leichenhaenden. + +Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese +Heiratsgedanken? Sie musste ueber sich selbst lachen. + +Sie fuellte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein laengliches Stueck +Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging. + +Sie hoerte am schweren Auftreten, dass maennliche Kundschaft sie beehrte. + +Es war der junge Beuthien, der sonntaeglich gekleidet vor der Tonbank +stand. + +Er bat um einen neuen Halskragen. + +"Welche Nummer, Herr Beuthien?" + +Ja, wenn er das wuesste, lachte er. Seine Kragen waeren ihm zu eng +geworden. "Dat kniept all bannig". + +Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er passte sie unbeholfen an. +Da er sich nicht entschliessen konnte, half sie ihm und legte eigenhaendig +einen Kragen um seinen Hals. + +"De passt", empfahl sie. + +Als er gewaehlt hatte, musste sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen +widerspenstigen Hornknoepfe durch die neuen steifen Knopfloecher zu +druecken. Seine grossen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu. + +Sie hatte Muehe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart +kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn hoeher, und sie bewunderte +seinen braunen kraeftigen Hals. + +Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestuem zu Werke, so dass das +Halsband riss. + +"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is moer". + +Verlegen besah er den Schaden. Aber es liess sich nichts daran aendern, +und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern. + +Sein verlegener Aerger ruehrte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie +neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu +reparieren. + +Sie noetigte ihn in die Stube. Zoegernd folgte er und nahm mit etwas +umstaendlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, waehrend sie ihr +Naehzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte. + +Ein Blick auf die Strasse zeigte ihr, dass im Parterre gegenueber Lulu +Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte. + +"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und liess die Rouleaux +herunter, um jener einen Einblick zu versperren. + +Beuthien schien ihre Bemerkung ueberhoert zu haben. + +Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee +anzubieten. + +"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den +Kuchenteller zu. + +Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig, +als er mit seinem Kaffee. + +Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und +stillte ihre Neugier. + +Als er gespraechig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu +sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten +Se woll gliek?" + +"Ja", antwortete er scherzend. "Wuelln Se min Fru sin?" + +"Da foehrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein. + +"Un mit soess", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich. + +Schwerfaellig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, dass er ein +wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Ruecken der linken Hand langsam +ueber die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern. + +Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurueckgab griff er nach ihrer +Hand und legte den Arm um ihre Taille. + +"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreissend. "So wiet suend wi ja +woll noch nich". + +Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich fluechtende +zu erhaschen. + +"Nichts fuer ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spass muss +sind, sagt der Berliner". + +"All wo's hin gehoert", sagte sie pikiert. + +"Na, denn nich", brummte er gekraenkt und fragte, was er schuldig sei. +Aber sie wollte fuer die kleine Muehe nichts haben. + +"Se foehrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versoehnlich gestimmt. + +"Na, dann besten Dank und froehlich Fest". + +Er gab ihr die Hand, und sein kraeftiger Druck zwang ihr ein leises Au +ab. + +Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb +noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner +kraeftigen Finger laengst verzogen hatten. + + + + +V. + + +Therese und Mimi waren spaet nach Hause gekommen, hatten die Vorwuerfe der +Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes +Veilchenstraeusschen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann +gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht. + +Beim Fruehkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten +aus. Sie hatten sich "himmlisch" amuesiert, wie Mimi versicherte. Hermann +sei "zu nett" gewesen. Sie wusste, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen +loben hoerte. + +Nach einer Tasse Kaffee und einem Stueck Torte bei Homann, hatte man zu +Fuss den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zuruecklegen muessen, da alle +Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters ueberfuellt waren. Auch dort +hatte man nur mit Muehe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales +erwischen koennen. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnuegler +schnell von der Strasse in die Lokale, und auch der grosse Saal des +Ludwigschen Etablissements war bald ueberfuellt. + +Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfaenglicher der Musik +des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Ruecksicht auf +das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natuerlich ein +Straussischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche +Art von Truebsinn und Verstimmung. + +Wie immer zog das huebsche Maedchen die Blicke der naeher sitzenden Herren +auf sich. Auch Herrn Pohlenz begruesste man von weitem. Hermann, um nicht +aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswuerdigkeit +verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluss des Konzertes, die Maedchen +zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo +man vorzueglich ass und vor allen Dingen ungestoert geniessen konnte. +Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war +jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu +entledigen. + +Die Wittfoth hatte den froehlichen Berichten der Maedchen nichts +entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf +der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wusste nicht den rechten Ton zu +finden und begnuegte sich, eine grosse Zufriedenheit zu erheucheln, dass +sie doch einmal einen ruhigen, ungestoerten Nachmittag ganz fuer sich +allein gehabt haette. Zuletzt aber musste sie doch wenigstens so viel +verraten, dass der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte. + +"Der schoene Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott. + +"Ist er eigentlich so schoen?" meinte Therese, waehrend die Tante, ohne +auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abraeumte, mit mehr +Geklapper, als sonst ihre Art war. + +Mimi erklaerte Beuthien fuer einen ganz ansehnlichen Mann. Fuer Koechinnen, +setzte sie hinzu, und liess durchblicken, dass ihre Ansprueche hoeher +gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zuegen und lobte dagegen das +ehrliche, gutmuetige Gesicht seines Vaters. + +Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in +Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich frueh auf den Weg, und Nichte und +Tante blieben allein. + +Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den +Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter +freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern +gewuenscht hatte. Man sah und hoerte ihm an, wie gluecklich ihn die +Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine +Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, ueberreichte, anscheinend +wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weisse und bestimmte die +uebrig bleibende tiefrote fuer "Fraeulein Kruse". + +Auch ein Buch, von dem er dem Maedchen gesprochen hatte, lieferte er ab: +Rueckerts Liebesfruehling. + +"Liebesfruehling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was +auf einbilden", meinte die Wittfoth. + +Sie stand dem Verhaeltnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmaedchen +nicht blind gegenueber. Es amuesierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei, +die zu nichts Ernstlichem fuehren wuerde. Keinem wuerde das Herz dabei +brechen, am allerwenigsten dem Maedchen. Uebrigens wollte sie +gelegentlich mit Hermann darueber reden. + +Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blaetterte mechanisch +darin. + +"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die +Naehmaschine. + +"Und Du?" fragte Hermann. + +"Du weisst, ich schwaerme fuer Gedichte". + +"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll +Liebe." + +Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kuemmerlichen +Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Toepfen auf dem Fensterbrett +standen. + +"Werft doch die elenden Stoecke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts +darnach." + +"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie. + +Sie hatte wieder ihre gewoehnliche, gelbblasse, kraenkliche Farbe. + +Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwaechlich +vorgekommen, wie in diesem Augenblick. + +"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde. +Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller." + +"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie. + +"Luft und Licht sind Euch beiden noetig ", eiferte er. "Also steckt die +Nase man mal hinaus." + +Er reichte ihr die Hand zum Abschied. + +"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger +Betruebnis. + +"Meine Freunde warten", erklaerte er. + +"Kommst Du bald wieder?" bat sie. + +Er versprach es. + +"Adieu, liebe Tante", rief er ueber den Korridor in die Kueche hinein, wo +die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte. + +Therese gab ihm das Geleit bis an die Thuer. Lange sah sie ihm nach. + +Auf ihren Platz am Fenster zurueckgekehrt, las sie im Liebesfruehling, +brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der +Sache zu sein. + +Sie wusste ja, das Buch war eigentlich fuer Mimi bestimmt. + +Mimi und Gedichte! + +Was waren der alle schoenen Gefuehle und erhabenen Gedanken. Was war ihr +ueberhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfaehige +Kurmacher. + +Mimi war ein gutes Maedchen, aber leicht und oberflaechlich. Und +anspruchsvoll war sie. + +Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverstaendlich +gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Kroesus. + +Therese hatte tausend Gruende gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter +und Mimi, denn sie liebte ihn selbst. + +Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie +an. Er galt ihr fuer gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem +unwissenden, frueh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Maedchen. + +"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins +Zimmer tretend. + +"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen. + +Bei Behns drueben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die +Familie kehrte von einer Ausfahrt zurueck. + +Die Wittfoth stuerzte ans Fenster. + +"Die koennen's. Immer nobel." + +Fraeulein Lulu verliess als letzte etwas langsam den Wagen. + +"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt." + +Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon, +schwieg. + +"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl +seit acht Tagen keine frischen Struempfe angezogen." + +"So?" zweifelte Therese. + +"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante. + +"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Maedchen. + +"Na, jedenfalls wuerd' ich mich schaemen, mit solchen Struempfen +auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern." + + + + +VI. + + +Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen +Liebling die ihm aehnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen, +etwas beschraenkten Mutter an Verstand weit ueberlegen, genoss sie nach +Kraeften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr +ermoeglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Traegheit aus, je +weniger die unter harter Arbeit gross gewordene Mutter vom +Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren +oft kraenkelnden Frau von dem gutmuetigen Mann in jeder Weise +Erleichterung zu Gebote gestellt wurde. + +Mit Hilfe eines Dienstmaedchens und der zweiten, vierzehnjaehrigen Tochter +Paula, die in allem der Mutter aehnelte, konnte sie recht gut den +Pflichten des schlicht buergerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die +Unterstuetzung der aelteren Tochter angewiesen zu sein. + +Lulu, die frueh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine fuer ihre +Verhaeltnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer +auswaertigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen +schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen. + +Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus +zurueckgekehrt. + +Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unueberwindliche +Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum +Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kraeftig, kerniger als die Mutter, +arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmaedchen um die Wette. Gab es +nichts zu scheuern, putzen, spuelen oder schrapen in der Kueche, so +spielte sie lieber auf der Strasse mit ihren Altersgenossen, am liebsten +mit den Knaben, als hinter den Schulbuechern zu sitzen. + +Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer +hinaufgearbeitet hatte, war vernuenftig genug, die Kleine, ihren +Neigungen und Faehigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken. + +"Die wird noch mal 'ne fixe Koeksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach +seiner Art." + +Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der +wollte er hoeher hinaus. + +Schon zweimal haette Lulu eine anstaendige Partie machen koennen, aber +beide Freier waren kleine Handwerker, Anfaenger, und der alte Behn wollte +fuer seine Lulu einen "Herrn". + +Gluecklich war er, wenn ihm das Maedchen vorspielte. Das Blumenlied von +Gustav Lange, der Kusswalzer von Strauss und die Ouverture zum "Kalifen +von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestuecke. Diese und +zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht +und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populaer gewordenes Lied +"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie +jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen +Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem +Dienstmaedchen, teilte. + +Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinaer geblieben. Auf +dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben. + +Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffaelligen und sah infolge ihrer +Traegheit und Unordnung in jedem neuen Kostuem bald schlampig und +gewoehnlich aus. Gefallsuechtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in +Betreff ihrer aeussern Erscheinung zur Schau. Sie wusste, dass sie huebsch +war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Maenner auf sich zog. + +Ihre mittelgrosse, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas +zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen +Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen, +eigenartig verschleiert glaenzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare +und vor allem der sinnlich muede, luesterne Ausdruck ihres Gesichtes +machten sie jedem Manne interessant. + +Das in der Pension verwoehnte Maedchen hatte nach der Rueckkehr ins +Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Beruehrung +kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu liess deutlich durchblicken, dass sie +hoehere Ansprueche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab. + +Als aber auch bei ihr dann das Liebesbeduerfnis sich einstellte und sie, +der vornehmen Maske muede, Annaeherung suchte, war man in ihren Kreisen +ihrer ueberdruessig geworden. + +Die Mutter war besorgt, die Tochter koennte auf diese Weise ganz leer +ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren haette Lulu noch +keine so grosse Eile. + +"Tid haett se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu. + +"Du mit Din Baron", schalt er, "foer'n Discher is se mi to god". + +"De Hugelmann waer'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern +is man kruetsch". + +"Kann se ok", behauptete er. "Foer'n Discher is se nich in de Pangschohn +wesen." + +"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn. + +Waehrend die Eltern ueber die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch +manchmal viel ueberfluessige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit +vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit +zurueck lag, in ihren Kindertagen entsprungen war. + +Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes +Haeuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei +Jahre frueher verheirateten, aelteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der +mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschaeft +eroeffnet hatte. + +Hier hatten die Kinder, der zehnjaehrige Wilhelm und die neunjaehrige Lulu +im taeglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten +Trennungen, durch Wohnungsveraenderungen bedingt, ueberstand, bis +allmaehlich der intelligentere, vom Glueck beguenstigte Behn einen zu +weiten Vorsprung vor seinem frueheren Schulkameraden gewann und "das +Pensionsfraeulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde. + +Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Strasse vereinigte, war +die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern laengst erkaltet. Die +Vaeter begruessten sich noch gewohnheitsmaessig mit Du, nannten sich aber +nicht mehr beim Vornamen, wie sonst. + +Lulu war natuerlich fuer den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt +das Fraeulein Behn, wie er fuer sie Herr Beuthien. + +So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus +zwingenden Geschaeftsruecksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie +durch vornehme Zurueckhaltung das fruehere Verhaeltnis in Vergessenheit zu +bringen bemueht war, so wenig schien er von der Naehe der Jugendfreundin +und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als haette er sie +garnicht mit auf der Rechnung. Der huebsche, von allen Weibern beachtete +junge Mann schien durchaus keinen grossen Abstand zu empfinden zwischen +einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter +eines fuenffachen Hausbesitzers. Er gruesste sie, wie er ihre Anna, +das Dienstmaedchen, gruesste und die Kraemersfrau oder die Wittfoth und +andere Frauen und Maedchen aus den Geschaefts- und Wohnkellern der +Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen ueberlegenen Herablassung eines +siegesueberdruessigen Don Juans. + +Er war ihr gegenueber entschieden im Vorteil. Das aergerte sie. + +Als es mit der Vornehmheit nicht gluecken wollte, suchte sie den +Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Hoehe +auszugleichen. + +Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm +Fraeulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte +die gekraenkte Eitelkeit. + +Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse fuer ihn zu +einer fast krankhaften Leidenschaft. + +Fuhr er aus, er musste immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiss am +Fenster. Sie lauerte ihm foermlich auf. + +Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wusste bald, wie +er mit Fraeulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz. + +Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm +nicht mehr als hundert andere huebsche Maedchen auch. + +Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen koennte, wie mit der Anna, +er wuerde etwas darum geben. Es waere ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen +lassen, wie jede andere Lise. + + + + +VII. + + +Frueher als sonst stellte sich der Fruehling ein. Dem spaeten, aber immer +noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Straeuchern im Maerz +schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im +April zuversichtlich heraus. + +Ueberall ein Schwellen und Knospen. Gruener Hauch ueber Busch und Baum. Es +gab schon einzelne heisse Tage, an denen der Ueberzieher laestig wurde, +und man an die Sommergarderobe dachte. + +Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth oeffnete ihr die Thuer +ihres Kellergewoelbes. Mit der zunehmenden Waerme stand diese den ganzen +Tag auf. Fraeulein Mimi hatte dann ihren bestaendigen Sitz hinter der +Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden +konnte. + +Die Dienstmaedchen, die jetzt durch die immer geoeffnete Thuer bequem "mal +vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzaermeligen +Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen +Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren. + +An der Ecke gegenueber, beim Gastwirt Tetje Juergens, der unter dem +Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Fruehstueckskeller" seit +Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflueglern. +Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen +"Stehseidel" weiter. + +Es war Fruehling, sonnenwarmer Fruehling. + +Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem +Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der +Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten, +glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem +Wintergetraenk zum sommerlichen Trunk kuehlen Augustinerbraeus +bewerkstelligen. + +Im Winter pflegte er allabendlich in dem geraeumigen, gemuetlichen +Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen +Steifen zu trinken. + +Einmal in der Woche hielt er eine laengere Skatsitzung ab. + +Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft sassen die Frauen und +Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche +Brauselimonade, waehrend sich die Maenner und Vaeter im Gastzimmer beim +Spiel erhitzten. + +Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der +Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde +Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem +Mittwoch war in den hintern Saelen grosses Tanzvergnuegen. Da sprachen die +Koechinnen und Dienstmaedchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur +einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum +Abendbrot. + +Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar, +gefuehrt von sonntaeglich geputzten jungen Burschen. + +Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde +an der Thuer absetzend, draengten sich zu einem kurzen Rundtanz in den +Saal. Hausknechte traten im Voruebergehen ein, Kutscher liessen ihre +Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den +Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluss im Saal vor, +oder sie nahmen von den draussen stehenden die erste beste mit hinein. Es +gab immer neugierige oder schuechterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit +oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie +vor einem Bienenkorb. Ein bestaendiges Kommen und Gehen. + +Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes +Maedchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem ueber +alles geliebten Walzer entgegeneilte. + +Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier +etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine +rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise +geschmueckt. + +"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgaeste an. + +"Ne, ne, lat man", straeubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden +unschluessig nach. + +Ein huebsches Dienstmaedchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weisser +Schuerze mit Spitzenlaetzchen, nickte ihm im Voruebergehen wie einem alten +Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluss zu bestimmen, und er +folgte ihr schnell. + +Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor +Tanzlust, Neid und Eifersucht. + +Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthuer gedraengt und kam nun mit +gluehenden Wangen und leuchtenden Augen zurueck. + +"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz. + +"Du? Dummes Goer! Toef, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter. + +Die Kleine wurde etwas bestuerzt. + +"Es war man bloss Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich +wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein". + +Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt. + +"Wie gemein", sagte sie naseruempfend. + +"Ach Du", warf ihr die Kleine veraechtlich ueber die Schulter zu. + +"Dass Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen, +die am naechsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend. + +"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein +geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende +Frau. + +Lulu, die es hoerte, erroetete. + +"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unertraeglich hier", +sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, dass man +an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte. + +Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spoettisches Echo an jenem Tisch +ungezogener Gruenschnaebel. + +"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand +auf. + +Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten, +liess sie gewaehren. + +Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedraengt. Jenes huebsche +Dienstmaedchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr +vorueber. + +"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Brieftraeger nach. Aber +Marie hoerte nicht. + +Lulu, entruestet ueber den Stoss, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien, +eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal +zurueckkommen. Von neuen Ankoemmlingen am Weiterschreiten gehindert, musste +sie ihn herankommen lassen. Sie beruehrten sich im Voruebergehen, aber er +sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen. + +Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurueck. + +Ihre Lampe war nicht gefuellt, und sie liess ihren Aerger an Anna aus. + +"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das +Maedchen. + +"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange +der verdutzten Ungehorsamen. + +Ohne ein Wort zu wagen, erfuellte die Gemassregelte Lulus Befehle. + +Diese ploetzliche Energie des sonst so gleichmuetigen, phlegmatischen +Fraeuleins imponierte ihr so, dass sie verstummte. Nur in der Kueche ballte +sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde spaeter vor +Wut in Thraenen aus. + +Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten +Unmutes ihre Gemuetsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf +keinen guten Fuss mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores" +gelehrt zu haben. + +Dass die Geschlagene die Zuechtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum +erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten. + +Es war ihr, als haette sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen +anderen Maedchen geraecht, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens +Umgang und Freundschaft genossen. + +Sie lachte einmal im Genuss dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf. +Am liebsten haette sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die +Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Goer. Sie haette +sie knuffen moegen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte. + +Anna hatte eigentlich die ihr zugefuegte Schmach mit einer Kuendigung +beantworten wollen, besann sich aber mit Ruecksicht auf die gute +Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern. + +Im Stillen naehrte sie von jetzt an einen gluehenden Hass auf Lulu, der sie +so viel als moeglich aus dem Wege ging. + +Zwei Tage spaeter war Lulu im Laden der Wittfoth zufaellig Zeuge, wie +jenes Maedchen, Beuthiens Taenzerin, erzaehlte, dass sie am Mittwoch mit +dem jungen Fuhrmannssohn getanzt haette. + +"Das is aber'n Flotten", schwaermte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is". + +Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzaehlte sie weiter, im Ottensener +Park. Leider aber haette ihre Madam grossen Kaffee, und so koenne sie nicht +fort. + +"Und er bat mir doch so herzlich", schloss sie bedauernd. + +Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich +niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park. + +Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten +verwirklichen koennte. Sie war wie besessen von der Idee. + +Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen +leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein wuerde. Allein getraute +sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Maedchen, eine +Maentelnaeherin in einem grossen Altonaer Konfektionsgeschaeft, irgend +einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles +konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen. + +Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme fuer +ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach. + +Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter +Aufregung dem Sonntag entgegen. + + + + +VIII. + + +Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit +Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Taenzer getroffen. Er +hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte +seinen Gruss kokett erwidert. + +"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre +Freundinnen draengten sich neugierig an sie. + +"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen," +erzaehlte sie. + +"Das luegst Du," riefen die andern wie aus einem Munde. + +"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch." + +Unglaeubig trennte man sich. + +Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschoenen +Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreissen hatte sie schon +Mut, aber wenn man sie dort saehe, es ihrem Vater hinterbraechte? + +Sie suchte mit Beuthien naeher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst +zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spuelen der +Droschken oder bei sonstiger Beschaeftigung, so blieb sie keck stehen und +redete ihn an. + +Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Buerste nach ihr +gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schuerze nass gemacht," schalt +sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am naechsten Tag dachte sie, ob +er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm. + +Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen +dreizehnjaehrigen Luemmel von Jungen, einen Schueler der Mittelschule. Aber +Bernhard Pruessnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich +keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch +eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte." + +Beuthien amuesierte sich ueber das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl, +dass jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte +Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt. + +"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem +Reinigungswerk auf der Strasse zusah. + +"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die +hat's faustdick hinter den Ohren." + +Er lachte. + +"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer +Pause, in der sie mit anscheinend grossem Interesse beobachtete, wie er +das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen liess, es waschend +und schmierend. + +"Gewiss, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen. + +"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, passt +mir immer auf." + +"Dann bring sie mit," scherzte er. + +Lulu war entruestet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld +ueberbrachte. + +"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?" + +"Das kannst Du thun," antwortete Paula moeglichst gleichgiltig. "Dann +sag' ich Papa, dass Du Anna geschlagen hast." + +Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich." + +Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Voruebergehen: "Paula, ist es +wirklich wahr, mit Beuthien?" + +"Was denn?" + +"Ach Du weisst ja, was ich meine." + +"Ich lueg nicht so wie Du." + +Zu jeder andern Zeit waere Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung +geblieben. Diesmal hoerte Lulu sie kaum. + +Eine halbe Stunde spaeter war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter +dem Ruecken der Schwester auf die Sache zurueckkam. "Wenn Du's Vater +sagst, hau ich Dich," fluesterte sie. + +Jetzt haette Lulu gar zu gerne die gehoerige Antwort gegeben, aber um die +Mutter nicht aufmerksam zu machen, musste sie auch diese angenehme +Eroeffnung stillschweigend entgegennehmen. + +Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester hoechst gleichgiltig. Ihr +jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, waere obendrein +unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuss, konnte sie +ihr vielleicht noch gute Dienste leisten. + +Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum +Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschluessel nicht zu +vergessen. Man wolle recht vergnuegt sein, und es wuerde voraussichtlich +spaet werden. + +"Dat is doch nett von Lene Kroeger, dat se noch an Di denkt," meinte +Mutter Behn. "Se war immer so'n luett anghaenglich Deern. Wat schenkst Du +ehr denn?" + +Lulu entschloss sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade, +die Lene so sehr liebte, wie sie sagte. + + + + +IX. + + +Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei +kleinen Aufmerksamkeiten gegen das huebsche Maedchen, obgleich er sich mit +Ruecksicht auf Therese immer noch Zurueckhaltung auferlegte. Sein gutes +Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer +Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die +Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die +Geliebte laenger als fuenf Minuten alleine zu sprechen. + +Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben, +sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzaehlen, wenn er ihr +eine Blume oder ein Flaeschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich +genoetigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht +zurueckzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des +Verliebten den fuer Mimi bestimmten Gegenstaenden noch irgend einen +kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, dass er sie +auszeichnen wollte. + +Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den haesslichen gruenen +Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden muessen. Ein solches +Wertstueck konnte er ihr unmoeglich oeffentlich ueberreichen, ohne die +Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen +entschuldigt. + +Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude +entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbuendeten der goldenen +Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine hoechst annehmbare +Partie, ein Verehrer, den man warm halten musste. Sie fand ihn schon +ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so uebel. + +Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den +beiden Maedchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner +gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit stoerend empfand, war ihm der +lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu +verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht +gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmaedchen seiner Tante. + +Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize. + +Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter +Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der +Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf +den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu +werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer +geruehrt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen. + +Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem +Rathausmarkt die Pferdebahn verliessen, um eine Droschke erster Klasse +anzurufen. Mimi, entzueckt ueber Hermanns Gentilitaet, strahlte vor +Vergnuegen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefaehrts +zurueckgelehnt, wie eine Dame durch die Strassen rollte. + +Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Bueste kam in dem +straff anliegenden schwarzen Jaeckchen, das sich wirkungsvoll von dem +schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schoensten Geltung. Eigenhaendig +hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch +gesteckt. Ein leichtes Strohhuetchen, nur mit weissen, duftigen Spitzen +garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich. + +Hermann, der auch seine kleinen Schwaechen besass, hatte Mimis Vorliebe +fuer das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war +nun alle paar Minuten beschaeftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit +seinen bismarckfarbenen Haenden--er trug mit Vorliebe diese +Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese +Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten +gewiss in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine +Ladenmamsell. + +Unterwegs entschloss man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnuegen +bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem +eine halbe Stunde weiter elbabwaerts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von +da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurueckkehren +und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschliessen. + +Aber ein Blick in den Vergnuegungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte +Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf +Hermanns Vorschlag, dem naechstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park, +einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fuehlen und ohne +Furcht gesehen zu werden, der hoechste Vorteil einer grossen Stadt, unter +die Taenzer mischen durfte. + +Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der +Umweg war ihnen willkommen. + +Es war schon daemmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und +Knicks, oder auf schmalen Fusssteigen an Wiesenraendern, ohne einen +Menschen zu treffen. + +Mimi war sehr aufgeraeumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung. +Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Graeben +zu draengen, kitzelte sich mit langhalmigen Graesern unter die Nase und +trieb allerlei Kindereien. + +Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht +heute, auch Hermann. Er kam ihr fast huebsch vor. + +Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine +eigentuemliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren +Narrheiten. + +Gab es eine passendere Gelegenheit fuer ihn, sich auszusprechen? Forderte +ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen +wuerden? + +Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige +Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des +Weges genoetigt, hinter ihr. + +"Sehen Sie, die bluehen schon," rief sie ploetzlich, stehen bleibend, und +zeigte auf einen schwankenden, ueberhaengenden Weissdornzweig, an dem die +ersten Knospen sich erschlossen hatten. + +Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und +streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus. + +Da sie vor ihm stand, musste er sie gewaehren lassen. Aber sie muehte sich +vergeblich, und er griff ueber ihre Schulter weg gleichfalls nach dem +Zweig. + +Wie sie so aneinandergedraengt standen, alles an ihrem schlanken, +jugendkraeftigen Koerper straff gespannt, fasste es ihn mit Gewalt. Er +umfing sie und drueckte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen +Kuss auf den Mund. + +Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht, +und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses +Spazierganges nicht ungern gesehen, so fuehlte sie sich doch bei dieser +unerwarteten Beruehrung ploetzlich ernuechtert. Sein heisser Atem, die +feuchte Waerme seiner breiten, schwuelen Lippen floessten ihr Widerwillen +ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel. + +Scham, Zorn und Bestuerzung liessen sie anfangs auf Sekunden verstummen. +Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem +Gesicht, das sich in jaehem Wechsel zwischen rot und weiss verfaerbte, +zeigte ihm deutlich, dass er zu kuehn gewesen war. + +Betreten suchte er durch einen flauen Scherz ueber die Verlegenheit +hinweg zu kommen. + +"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen, +peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um". + +"Aber Fraeulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er. + +"Ganz gewiss", beteuerte sie. + +Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestuerzt aus. + +"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein. + +"O, das hat niemand gesehen", meinte er, gluecklich, sie ihre gute Laune +wieder gewinnen zu sehen. + +"Sind Sie mir boese"? fragte er, sich ihr naehernd. + +"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fuerchte sie eine +neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift. + +Nun wurde auch Hermann aergerlich. Hatte sie sich nicht frei und +ausgelassen genug benommen, dass er auch seinerseits sich wohl vergessen +konnte? + +"Wenn es Ihnen lieber ist, Fraeulein Kruse", sagte er verletzt, "so +bringe ich Sie bis zur naechsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren +so vergnuegt, und ich bitte Sie um Verzeihung". + +Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet. +Er haette freilich den Kuss unterwegs lassen koennen, aber so tragisch war +doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von +der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer fuer den +Rest des Abends zu entledigen? + +"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur +Antwort. + +"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lueftete den +Hut. + +Sie zoegerte und bohrte die Spitze ihres weissen Spitzenschirmes in den +tiefen weichen Sand. + +"Sie sind abscheulich!" stiess sie ploetzlich hervor. Sie zog die +Unterlippe unter die Oberlippe, und Thraenen standen ihr in den Augen. + +Sofort war er geruehrt. + +"Aber liebes Fraeulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er +legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich. + +Zum Schein sich straeubend, mit der behandschuhten Rechten eine grosse +Thraene von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schaemte sich, +und ein noch halb mit dem Weinen kaempfendes Lachen foerderte einen +drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein. + +Dieser komische Laut gab Anlass zu erneutem Lachen, und der Friede war +geschlossen. + +Sie haette sich jetzt noch einmal von ihm kuessen lassen, aber er ging +sittsam neben ihr her. + +Der Umweg erwies sich groesser, als Hermann ihn geschaetzt hatte, und es +herrschte voelliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den +bebauten Weg einbog, der nach dem erwaehnten Tanzlokal fuehrte. Die +Strassenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende +Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen +Lampen. + + + + +X. + + +Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Frueher bei den kleinen +Buergersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten +sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung +durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der +jungen tanzlustigen Welt. + +Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und +Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum groessten Teil aus +Naeherinnen, Schneiderinnen, Dienstmaedchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin +und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die +sonst in St. Pauli, der froehlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres +Feld fuer ihre Thaetigkeit fanden. + +Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche +unter lichtdaempfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten +ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von gruen angestrichenen +Pfaehlen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden +Drahtboegen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde. + +In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen gruenen Anstrich +versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populaere Musikstuecke vor. + +Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der +vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich +abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermuedeten +Ankoemmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die +gedaempften Klaenge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es +war voll drin, und sie mussten eine Weile stehen, bis sie an einem +Seitentisch Platz fanden. + +Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe +abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem +solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den +tanzlustigen Paaren. + +Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal +anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen +schmaechtigen Taenzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur. + +Er war erstaunt. + +"Ist das nicht die von drueben?" fragte er Mimi. + +Sie folgte seinem Blick. + +"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?" + +"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann. + +"Aber die"?, meinte Mimi. + +Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Bruenette, die +unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht +die Achseln zucken, worauf ein breites, spoettisches Grinsen das +sinnliche gutmuetige Gesicht der anderen keineswegs verschoente. + +"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi +entdeckt und ihr mit erstaunt in die Hoehe gezogenen Brauen einen +verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verstaendnisvolles +Laecheln folgen liess. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin +los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu. + +"Um Gotteswillen, Fraeulein, erzaehlen Sie nichts," bat sie aengstlich. +"Mein Vater schlaegt mich tot." + +"Sein Sie ohne Sorge", troestete Mimi. "Eine Kraehe hackt der anderen die +Augen nicht aus". + +Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch. +Schoene Seelen finden sich". + +"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kuehlung faechelnd, hinzu und +entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken. + +Ein semmelblonder, ueberhoeflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in +singendem, saechselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und +Hermann musste wohl oder uebel ebenso hoeflich gewaehren. + +Da Lulu ohne Taenzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer. +Sie war hoechst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte +sie keinen Verrat mehr zu befuerchten. + +Hermann, selbst ein guter Taenzer, hatte selten eine so gute Taenzerin +gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut. + +Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses +sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie +selbst auch. + +Sie sah vorteilhaft aus und wusste sich lebhaft und zwanglos zu +unterhalten. + +Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar +auf. + +"Suchen Sie jemand, Fraeulein", fragte er. + +"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie. + +Einen Augenblick vergass Hermann ueber Lulu Mimi und den Semmelblonden, +bis sie beim Anschliessen vor ihm zu stehen kamen und er sich ueber die +singenden Komplimente des Sachsen aergerte, um so mehr, als Mimi in +heiterster Laune auf das fade Geschwaetz einging. + +Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenueber, die +befremdet diese Veraenderung bemerkte. + +Auf einmal ging ein Fluestern durch die Reihen, und neugierig wandte sich +hier und da ein Maedchenkopf nach dem Eingang des Saales. + +"Der schoene Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund. + +"Wer?" wandte sich Hermann an seine Taenzerin. + +Lulu war ganz blass geworden und schien seine Frage ueberhoert zu haben. + +Mimi aber wandte sich laechelnd um. + +"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar. + +"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurueck. + +"Der schoene Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie +doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte +ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Naehe des Saaleingangs. + +"Ach", rief Hermann. "Gewiss, das ist also der schoene Wilhelm? Na, jeder +nach seinem Gusto. Die Damen muessen's wissen." + +"Aber sind Sie nicht wohl, Fraeulein?" wandte er sich erschrocken an +Lulu. + +"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch +wie zur Kuehlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen, +Herr Heinecke?" + +Sie hatte seinen Arm fahren lassen. + +"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas +erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt. + +"Lass man, Caesar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl +wieder werden." + +Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhoehten Standpunkt aus sofort +Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen. +Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen +Freude, der Erfuellung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe +zu sein. + +Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war? + +Sonderbar. Oder---- + +Ein ueberlegenes Laecheln flog ueber sein huebsches Gesicht. Die vielen +begehrlichen Maedchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen +Platz zu veraendern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald +wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespraech +mit der Freundin. + +Kurz entschlossen ging er auf die beiden Maedchen zu, liess Lulu fast +unbeachtet und forderte Lene Kroeger zum Walzer auf. + +Lulu biss sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurueck. Sie war +kreideweiss geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Naehe, und sie +war froh, sich setzen zu koennen. + +Lene Kroeger hatte mit einem jungfraeulichen Erroeten Beuthiens Arm +genommen, vergebens bemueht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese +unerwartete Aufforderung geschmeichelt fuehlte. Mit zusammengekniffenen +Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden. + +Lene Kroeger galt frueher fuer die beste Taenzerin in diesen Kreisen, eine +Schwester von ihr war sogar Solotaenzerin beim Ballett der Zentralhalle. + +Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie grazioes die hagere, eckige Person +sich zu wiegen verstand. + +Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach! + +Beuthien schien kein Ende finden zu koennen. Und wie die Lene lachte. Er +sprach in einem fort mit ihr. + +Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurueck. Mit einer +kurzen, nachlaessigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung +schleuderte Beuthien das lange Maedchen foermlich auf seinen Sitz zurueck. + +"Der tanzt aber", stiess Lene hochatmend hervor und faechelte sich mit dem +Taschentuch Kuehlung zu. + +Lulu war dem Weinen nahe. Muehsam bezwang sie sich. + +"Das find ich gemein von Dir", zischte sie. + +"Na nu, was kann ich denn dafuer?" fragte Lene unschuldig. + +Lulu schwieg. + +"Kind, sei doch nicht puetscherig", lachte die gutmuetige Bruenette. "Er +wagte sich nur nich ran." + +Das log sie allerdings, und Lulu brummte: + +"Unsinn." + +"Er kommt noch, pass auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut +tanztest." + +"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekraenkte hastig ins Wort. + +"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht +Dich schon". + +Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinlaender. + +"Mein Gott, was ist das? Rheinlaender?" fragte Lulu bestuerzt. "Den kann +ich nicht." + +"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene. + +Und da war er auch schon. + +"Mein Fraeulein." + +Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick +pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militaerisch vor Lulu +auf. + +Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben. + +Was fiel ihr ein? + +Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das +Blut stroemte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hoerte kaum die Musik. + +Zum Glueck trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloss sich +den promenierenden Paaren an. + +"Auch'n bischen hier, Fraeulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt +denn das?" + +"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend. + +"Nettes Maedchen", lobte er. "Rank und schlank. Schroeder heisst sie?" + +"Kroeger", berichtigte sie. + +Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem +Rhythmus des Rheinlaenders, und sie ueberliess sich aufatmend seiner +Fuehrung. + +"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr waehrend des Tanzes. + +"Meinen Sie?" + +Er hob sie statt einer Antwort mit kraeftigen Schwunge vom Boden, so dass +sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es +schien ihm Vergnuegen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht", +keuchte sie. + +Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so dass sie die Zaehne +zusammenbiss. + +"Hoch geht's hier her, Fraeulein. Das ist mal nicht anders." + +Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefuehl kaempfte ihre Scham nieder. + +"Wenn der Alte das wuesste", aengstigte er sie. + +"Um Gottes Willen", fluesterte sie, als staenden Aufpasser hinter ihnen. + +"Der Segen", meinte er bezeichnend. + +So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er liess Lulu nicht von sich +und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr. + +Sie, uebergluecklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer +gespraechiger und munterer. Sie liess sich von ihm mit Bier traktieren, er +lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und +eine gemuetliche Vertraulichkeit stellte sich ein. + +"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem +Tisch vorueber ging, wo die Drei sich guetlich thaten. + +"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?" + +"Gewiss", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht. +Ich kenne meine Pappenheimer." + +Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflaechlich und war +nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen +Droschkenkutscher in solcher Intimitaet auf dem Tanzboden zu treffen, +denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu +die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und +konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer +noch, und Hermann musste nachgeben. + +Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnuegen. Es wollte +ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und +"Haeringsbaendigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war +chokiert, dass Mimi an solchen "Herren" ueberhaupt Gefallen fand und sie +auf gleiche Stufe mit ihm stellte. + +Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer +in dem Maedchen, das ihn ueberraschte. Seine Leidenschaft haette Kuss auf +Kuss gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg +gegangen waere. + +Einen Handkuss hatte er waehrend eines Walzers sich erlaubt, und er war +ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit +ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu +bringen. Welche Tanzwut! + +Endlich hatte er sie zum Gehen ueberredet. Als er ihr in der Garderobe +behilflich war, kostete es ihm Muehe, sich in Gegenwart der +Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Naehe und das +Veilchenparfuem, das ihrem schwarzen Jaeckchen entstroemte. + +"Wir nehmen eine Droschke", entschied er. + +"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark." + +"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der +Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der +Heldenthat vom Feldweg draengte? Er wollte sich aussprechen, noch heute. + +Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten. + +Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort. + +Mimi sah ihm erschrocken zu. + +Er stuerzte in den Saal zurueck und kam blass und verstoert wieder. Das +Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstueck und +einiges Silbergeld, fuenf bis sechs Mark, wie er schaetzte. + +Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln, +bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts uebrig, als +sich vorlaeufig in den Verlust zu fuegen. + +Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel +Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafuer keinem Pfennig. + +"Haben Sie Geld bei sich, Fraeulein?" fragte er zoegernd. + +Sie erroetete heftig. + +"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen. + +Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte. +Was half es, man musste es versuchen. Unmoeglich konnte man den weiten Weg +von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuss gehen. + +Lulu war erfreut ueber diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu +verpflichten. + +Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstuecken abzuzaehlen. + +"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein +Portemonnaie und wog es protzig in der Linken. + +"Bitte nehmen Sie", draengte er Hermann ein Zehnmarkstueck auf. "Wir sehen +uns ja wieder." + +Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefaelligkeit an, aber um +nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange. + +Das war ein unerfreulicher Schluss des Tages. Es war keine Aussicht +vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das +Vergnuegen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte, +stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust, +da hiess es, bis zum naechsten Ersten sich sehr einschraenken. Es ging so +schon bis hart an die Grenze seiner pekuniaeren Kraefte, seine Liebe +kostete ihm viel. + +Mimi wurde in der Pferdebahn muede und gaehnte ein paar mal herzhaft. +Hermann konnte nicht ueber seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute +er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi +zu nennen. Er war mit einmal sehr ernuechtert, und Mimi kam ihm, wie sie +sich schlaefrig in die Ecke des Wagens drueckte, sehr unvorteilhaft vor. + +Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren +Dank fuer den "wunderschoenen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen +wieder auf. + +Ach was, dachte er. Es war doch schoen. Der Kuss zwischen den Hecken fiel +ihm ein. + +"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den +Griff der Ladenthuer beruehrte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen +hatte. + +Eine Sekunde sah sie ihn verstaendnislos an. Er umfasste sie, und halb +muede, halb in gutherziger Aufwallung, liess sie es geschehen, dass er sie +kuesste. + + + + +XI. + + +Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil +Pohlenz, von der Firma Mueller und Lenze, ohne Probenkoffer, im +Gesellschaftsanzug, mit hellen Glaces und modernstem Cylinder in einer +Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth +angehalten. + +Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Raeuspern und Fussscharren +einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis +ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der grosse, altvaeterische +Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen, +dass der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Hoeflichkeit die +Wand streifte und mit einem weissen Aermel die "gute" Stube erreichte. + +Das hatte willkommenen Anlass gegeben, im Verlauf der +Reinigungsbemuehungen die beiderseitige Verlegenheit zu ueberwinden. + +Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend, +mit schmachtendem Blick ueber das goldene Pincenez hinweg, hatte dann +Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Fuessen gelegt, "nach reiflicher +Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, dass sie zusammen gluecklich +werden wuerden". + +Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, dass sie in +ihrem fuenfjaehrigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzuege der Ehe zu +schaetzen verlernt hatte, und liess durchblicken, dass die gebotene +Gelegenheit zur Rueckkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung +nicht unwert erschien. + +Herrn Pohlenzens kaufmaennische Tuechtigkeit wuerde unbedingt das Geschaeft +ungeahntem Glanz entgegenfuehren, das Kapital von sechstausend Mark, das +er mitbraechte, waere nicht zu verachten, und was "das Uebrige" +anbelangte, so fuehle sie sich ungemein geschmeichelt und waere ueberzeugt, +dass gegenseitige Achtung und Ruecksichtnahme das erhoffte Glueck +verbuergen wuerden. + +Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung +ueber allen Zweifel, und "Ruecksichtnahme, mein Gott, Ruecksichten muessten +wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen". + +Nachdem man noch eine Viertelstunde ueber das Glueck der Ehe im +allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im +besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte, +musste Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem +inhaltsschweren Schritt zu draengen. Acht Wochen Bedenkzeit moege er ihr +gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt, +sie wisse die Ehre zu schaetzen. + +Herr Pohlenz wollte durchaus nicht draengen. Acht Wochen waere zwar eine +lange Zeit, "wenn es sich um das Glueck eines Lebens handelt". Hierbei +unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen +Besichtigung, als ueberlegte er, ob derselbe auch diese Pruefungszeit +ueberstehen wuerde. + +Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche +Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie +Mann und Frau vorgekommen, und der Mann waere denn doch immer "derjenige, +welcher". + +Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch +immerhin fuer einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck +durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen. + +Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muss man +selbst denken", ein Gros Perlmutterknoepfe, kleinste Nummer. Dann trennte +man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg +angestellt hatte, mit verbindlichem Haendedruck. + +Der vertroestete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke +geoeffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Ruecken ihre Rechte +heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte. + +In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, fuer immer? + +Jedenfalls wuerde sie sich das in den acht Wochen noch gruendlich +ueberlegen. + +Die beiden Maedchen, die schon lange ueber Herrn Pohlenzens spekulatives +Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten +keinen Augenblick Zweifel darueber gehegt, welche geschaeftlichen +Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von +Mueller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte. + +Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke +der Maedchen mit einem nicht misszuverstehenden Laecheln deren Vermutungen +betaetigte. + +"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schuettelnd vor Heiterkeit. +Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wusste, wie die +Wittfoth ueber ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser +Knirps, dieser Pomadenhengst. + +"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie. + +"Na, na!" neckte Therese. + +"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi. + +Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wusste +sie nun doch zur Genuege, dass zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres +Verhaeltnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr +der beiden hatte nach jenem, fuer Hermann so "teueren" Sonntag die +bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer +Eifersuechtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug +und hatte nicht nur Therese gegenueber Andeutungen gemacht, sondern auch +ihren Neffen einmal selbst vorgenommen. + +Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewaehrte +Gutenachtkuss versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte, +war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine. + +So hielt er denn auch der Tante gegenueber nicht hinter dem Berg. Es sei +seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte +er sicher zu sein. Von Michaelis an erfuehre sein Gehalt die planmaessige +Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des +Maedchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die +Entscheidung stellen. + +Frau Caroline hatte keine Gruende dagegen, hielt es aber doch fuer ihre +Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen. + +Eigentlich beruehrte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine +andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine +Doppelverlobung verursachen wuerde. Tante und Neffe, Prinzipalin und +Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das wuerde etwas fuer die Nachbarn +sein. + +Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch +sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach. + +Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen ueber die Kuesserei geaergert. +Sie war hoechst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann +gegenueber benehmen? + +An und fuer sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so +unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie +auf Hermann gemacht. + +War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Naehe, war es ihr immer, als muesste +er sie jeden Augenblick umfassen und kuessen. Gewoehnlich suchte sie sich +den Ruecken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem +Bann, wenn sie ihn hinter sich wusste, allein mit ihm, und wie ein Wunsch +nach verbotenen Fruechten stieg es heiss in ihr auf. + +Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese +und der Prinzipalin gegenueber. Sie waere auch noch eher darueber weg +gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden +haette. Aber das war jetzt alles so peinlich. + +Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer +Liebenswuerdigkeit, die sie den andern gegenueber in Verlegenheit setzen +musste. + +Dass er jetzt ihr gehoerte, ganz, dass sie nur die Hand nach ihm +auszustrecken brauchte, war ihr ueber jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang +musste er sich erklaeren. Was dann? + +Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefuehl, das sie fuer ihn +empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder +gesunde Mann einfloesste, der heiratsfaehig und im Besitz seiner graden +Glieder war. Liebe war das nicht. + +Ueber die Liebe hatte sie ueberhaupt ihre eigenen Gedanken. + +Wie hatte sie im vorigen Jahr fuer den braunen, schwarzbaertigen +Postsekretaer in der Neustrasse geschwaermt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn +noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr +nicht gebrochen. + +Und der huebsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf, +und der dunkelaeugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer +so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Fuer jeden +hatte ihr Herz schneller geschlagen, als fuer Hermann. + +Ob das Liebe war? + +Dann war es nichts Bestaendiges, die Liebe, und jedenfalls nichts +Unentbehrliches zum Heiraten. + +Freilich, sie moechte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt, +wie es in den Buechern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt. + +"Du meine Wonne, Du mein Schmerz." + +Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schoen vor, so wie sie +auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit +Gefuehl, dass man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und +lese es nicht nur. + +Aber die Dichter und Romanschreiber uebertreiben immer. + +Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefuehlen. + +Und das mochte sie auch an Hermann nicht, dass er manchmal so sentimental +sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was +Therese gerade so "reizend" an ihm fand. + +Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit +thaete ja viel. Wenn sie erst immer zusammen waeren, fiele ihr das +vielleicht nicht mehr so auf. + +Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi pruefte oft in Gedanken, wie sich das +ausnaehme; es schien ihr nicht uebel zu klingen. + + + + +XII. + + +Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annaeherung auf dem +Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit +genommen. + +Lulus Angst, ihr Abenteuer moechte durch irgend einen Zufall ihrer +Familie verraten werden, wurde bald eingeschlaefert. Lange Nachgedanken +und aengstliche Sorgen lagen ueberhaupt nicht in ihrer Natur. + +Und wie viel groessere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren. + +Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin, +das Pensionsfraeulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab +zu ziehen. Aber auch ihre Person liess ihn nicht kalt. War er auch nicht +verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal +etwas anderes und besseres als Stine und Mine. + +Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Ueberlegung; wer weiss, wie es +kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie. + +Freilich, es war hoechst unwahrscheinlich, dass der alte Behn sie ihm +jemals geben wuerde. + +Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf +aus. + +Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie +ihrer Neigung fuer den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre +gewoehnliche Natur sich fuer die Verbildung, fuer die aufgedrungene +Ueberfeinerung raechen wollte. + +Leichter, als die erste Wiederannaeherung, war die Fortsetzung des +Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschraenkt in ihrem Thun und +Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er +bestimmte. + +Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie +ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu +lange aus, so dass er ueber die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und +den Fuhrlohn abliefern musste, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht +kaerglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermoeglichten sie, da auch er +in noetigen Faellen nicht mit dem Gelde zurueckhielt, gelegentlich weitere +Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit +parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstrassen in schon laendlicher +Gegend sich sicher fuehlten. + +Lulus ruhige, traege Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause +jeden Verdacht nieder zu halten. + +Sie war nicht leicht aus ihrer taeglichen Art und Weise zu bringen. Zu +statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem haeufig an Kopfschmerzen +leidenden, verwoehnten Maedchen, das sich in den Jahren seiner groessten +Entwickelung viel zu wenig Koerperbewegung machte, taegliches, womoeglich +mehrstuendiges Spazierengehen empfohlen hatte. + +So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die +schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten +Tochter als wohlthaetige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergaenge, ohne +zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten. + +Schuldbewusst, jeden Anlass zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in +ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender, +nachgiebiger. + +Anna, die seit jener thaetlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg +gegen Lulu gefuehrt hatte, war ploetzlich entlassen worden. + +"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft. + +"Se is rinfull'n," hiess es bei den Kolleginnen der Gekuendigten. + +Die offizielle Behnsche Erklaerung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner +Tochter nicht vertragen koennen." + +Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Maedchen vom Lande, +kam fuer Lulu nicht in Frage. Ihrer Autoritaet konnte von der Seite kein +Angriff drohen. + +Die Hauptsache fuer sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten. + +Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Taenzer hatte keine Abnahme +erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Maedchen eine willkommene +Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefuegiger zu machen. + +"Ich sag's Paula," drohte er, und aengstlich gab sie nach. + +Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen +zu koennen, hatte schliesslich Mut gefasst und sich an einem unbewachten +Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem +Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der +Hoffnung, Beuthien dort zu treffen. + +Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Pruessnitz, +der mit einem aelteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war. + +Der Erkennung war eine hastige Begruessung gefolgt. + +"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula. + +"Kostet das was?" + +"Ich habe zwanzig Pfennige, hier." + +Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stuerzten sie sich unter die +Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heissen Wangen. + +"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er huepfte wie ein +junger Hahn und stiess sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er +sie stehen liess, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht +tanzen. + +Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand +heftig am Ellbogen zerrte. + +"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder." + +Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermissten von dem untrueglichen +Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Fluechtling sofort hier +vermutet hatte. + +Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das +groessere, ihr ueberlegene Maedchen ihr einschaerfte, kam es nun zwar nicht +an den Tag, aber auf irgend eine fuer Paula unbegreifliche und nie +aufgeklaerte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung +seiner Juengsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung +ihres fruehzeitigen Unternehmungsgeistes. + +Paula, wuetend auf den unbekannten Verraeter, bezichtigte unter zwanzig +anderen auch Lulu der Schaendlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese, +der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im +Entdeckungsfalle warten wuerde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu +sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte ueberhaupt +nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig." + +Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se +ward ja ok uemmer oeller und verstaenniger", meinte sie. + + + + +XIII. + + +Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch +haeuserlosen Strasse in seine Droschke aufgenommen. Es war ein +verabredetes Rendezvous, und da Lulus Boerse gerade gut gefuellt war, +wollte man laengere Zeit zusammen bleiben. + +Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Strassen fuhren, wo eine +unliebsame Begegnung zu befuerchten war, sass Lulu tief zurueckgelehnt in +dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf +die Strasse vermeidend. Erst weiter draussen wagte sie, das Verdeck des +Coupees zurueckschlagen zu lassen. + +Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drueber hinaus, auf einer +menschenleeren Feldstrasse stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun +pflegte, mit ihm, an seinem Arm haengend, neben dem gemaechlich bummelnden +Braunen her. + +Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer +Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen, +oder in die Droschke zurueckzuschluepfen. + +Beuthien wusste in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen +durfte, einzukehren. + +Lulu war zu allem bereit. + +Es war ein wunderschoener Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne +laestig zu sein, ueber den gruenen, vielversprechenden Saaten. + +Lulu war sehr heiter. + +Die stille, wohlthuende Ruhe hier draussen wiegte alle ihre Bedenken ein. + +Auch Beuthien war aufgeraeumt. Er liess bald ihren Arm fahren und legte +vertraulich den seinen um ihre Huefte. Und sie liess sich seine derben +Scherze und zeitweiligen Zaertlichkeiten gefallen. + +Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum +einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die +jedoch mit ihren gruenen Holzstaeben und gruengestrichenen Tischen und +Baenken etwas Trauliches, Einladendes hatten. + +Der Wirt, ein ordinaer aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron, +brachte zwei Glaeser Bier dorthin, fuhr einmal traege mit seiner +unsauberen blauen Schuerze ueber den bestaubten Tisch und suchte eine +Unterhaltung anzuknuepfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, dass +er bald davon abstand. + +Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und +schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiss und braun gefleckter +Huehnerhund blinzelte mit mueden Blicken aus den triefenden, von Fliegen +gequaelten Augen aus seiner Huette zu ihnen herueber. + +Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch +des nahen Huehnerstalles wurde ihnen laestig. + +Lulu sah sich nach einem andern Platz um. + +Hinter dem Garten zog sich ein spaerliches Waeldchen an dem Rand einer +Wiese hin, groesstenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur +einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glaenzenden weissen +Staemmen hervorhoben. + +Ein halbvermorschtes Brett fuehrte ueber einen ausgetrockneten Graben in +das Holz hinein. + +Nach einigem Zaudern, aus Ruecksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit +aufgeschuerztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis. + +Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift, +hatten Beeren gesucht, Kraenze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln +der Kuhblume gewunden, oder waren mit blossen Fuessen in dem kuehlen, +schlammigen Wasser der Graeben und Pfuetzen gewatet. + +Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus. + +Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf, +und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich. + +Sie draengte sich vor ihn. + +Uebermuetig fasste er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so +schnell, dass sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam. + +Sie schrie auf und riss sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen +sie einen Augenblick unter Gelaechter und Gekreisch um einander herum. + +"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie +rangen mit einander. Seine Kraefte, mit denen er bisher nur gespielt +hatte, gebrauchend, hob er sie ploetzlich hoch vom Boden und nahm sie wie +ein Kind auf den Arm. + +Zappelnd bemuehte sie sich, wieder festen Fuss zu fassen. Aber er zwang +sie. + +"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er +sprach ueberhaupt waehrend dieser ganzen Balgerei nur platt. + +"Lass mich", keuchte sie. + +Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heissen, +verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig, +schwer atmend, liess sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen. + + + + +XIV. + + +Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom +Geschaeft zurueckzuziehen, es seinem Sohn zu ueberlassen. Er hatte keine +rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem. + +Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot +war, also seit ungefaehr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante +der Verstorbenen ihm die Wirtschaft fuehrte. + +Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann wuerde +er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde, +und der jungen Schwiegertochter, die natuerlich das Regiment beanspruchen +wuerde, aergerliche Tage haben. + +Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man +aelter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da +Freunde dem noch immer ruestigen Mann oft, teils im Scherz, teils im +Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem +Gedanken vertraut gemacht. + +Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm +vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht +daran glaubend, dass noch einmal etwas daraus werden koennte. + +Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem +Glatteis gestuerzten Braunen, gaenzlich die Lust am Geschaeft verlor, hing +er doch ernstlicher solchen Zukunftstraeumen nach. + +Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie +Frau Caroline Wittfoth. Das waere noch eine Partie. + +Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu. +Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen. + +Das gute Geschaeft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl +daraus. Wenn er die zehntausend Mark, ueber die er nach Wilhelms +Abfindung noch verfuegen konnte, in dies Geschaeft steckte, waere das Geld +gut angelegt. Und es wuerde ihm ein guter Fuersprecher bei seiner Werbung +sein. + +Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluss gekommen war, es mit Frau +Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie +faengst du das an? + +Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht haette, der +das zu behaupten wagte. + +Aber dennoch war es so. + +Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam ueber die +Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der +Lage befinde," nicht hinaus. + +Die Negendank stoerte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der +Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer +Taubheit schon von seinen Heiratsplaenen munkeln hoeren und war der +entschiedenste Gegner solcher "Verruecktheit". + +So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als +Schreibpult benutzt hatte, und oeffnete der Klopfenden. "Dat togt so +bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, dass er sich +einschloss. + +Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Juergens, sein +guter Freund, hatte einen klugen Einfall. + +In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein +Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war +leichter, als durch Tetje Einladungskarten fuer Beuthien und die +Wittfoth zu erlangen. + +Wie alljaehrlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die +Gesellschaft ins Gruene fuehren, und da muesste es doch eigen zugehen, wenn +sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annaeherung finden +wuerde. + +Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm +freudig die Einladung an, die ihr in unauffaelliger Weise von Tetjes Frau +ueberbracht wurde, als diese ein Paar Kindersoeckchen fuer ihr Juengstes +kaufte. + +So was waere ihr lange nicht geboten, wann kaeme sie mal ins Gruene, meinte +die Geschmeichelte. + +Nebenbei war sie gluecklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie +nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Maedchen eingeladen hatte, +zuruecktreten zu koennen. Sie hatte eine unueberwindliche Furcht vor dem +Wasser. + +In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Faehnchen geschmueckten Breaks +fuhr die vergnuegte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon frueh morgens +um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, groesstenteils junge +Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kaesten mit ihren Instrumenten +vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das +Festprogramm schloss auch einige Konzertvortraege ein. + +Es machte sich von selbst, dass die paar aelteren Leute in der +Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder +Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige +Witwe, zusammengefuehrt wurden. + +Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes +schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz +war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen +sich ein Straeusschen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob. + +"Kieck, wo stuhr se sik hoellt, as'n Hahn", hatte Tetje Juergens sie beim +Einsteigen gehaenselt. + +Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer, +etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weissen +Piqueweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er +sich etwas einbildete. + +Die Froehlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und +sie steigerte sich waehrend der Fahrt unter dem Einfluss des heiteren, +sonnigen Wetters, das einen schoenen Festtag versprach. Gesang und +allerlei Neckereien wuerzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden +Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes +Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beaengstigender Deutlichkeit vor +Augen schwebte. + +Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft. + +Eine festlich geschmueckte Tafel unter hohen Baeumen, mit freiem Blick auf +eine buschumsaeumte Wiese, empfing die Gesellschaft. + +Herr Bierwasser, als Praeses, begruesste die Festgenossen mit einer +wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefuehlen, die die +Brust eines jeden beseelen muessten, wenn er der Bedeutung dieses Tages +gedaechte. + +"Vor fuenf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und +Festgenossen, vor fuenf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen +zum ersten Mal das Licht der Welt." + +Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall. + +"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich +meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des +Tages Last und Muehe." + +Bravo! Bravo! + +"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine +verehrtesten Gaeste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in +den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe +hoch!" + +"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze +Gesellschaft, stehend, die Glaeser in der begeistert erhobenen Rechten. + +Es war zu schoen. + +Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war +ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was moechte sie fuer ihr Leben +gern. + +Unter den Baeumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt. +Ein Chocoladenautomat und einer fuer Cigarren, ein Elektrisierapparat und +einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, waehrend ein benachbarter +Gelegenheit gab, das Koerpergewicht vor und nach dem Festmahl zu +bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer +Juengling witzelte. + +Die Wittfoth stellte fest, dass sie in einem halben Jahr fuenf Pfund +zugenommen haette. Wovon, wuesste sie nicht. Appetit haette sie gar nicht, +und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht +faende sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei +zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen. + +"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Juergens, "wenn Sie von's Rumarbeiten +all fett werden, wuerden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte +Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden". + +Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem +Sonnenschirm. + +Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und +stellte noch manchen juengeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen +grossen Haenden war ihnen allen ueberlegen. + +Die Frauenzimmer draengten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln +in allen Nerven schien ihnen Vergnuegen zu bereiten. Das war ein +Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran. + +Winchen Studt, eine achtzehnjaehrige blasse Schoenheit mit Stumpfnase, +liess sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit +Chocolade fuettern. Sie war eine wichtige Persoenlichkeit heute, denn sie +sollte noch etwas vortragen. + +Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeraete und eine Bergbahn. + +Namentlich die letztere uebte eine grosse Anziehungskraft auf die Damen +aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in +Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male +unter Gekreisch hin und her. + +Es war zu schoen, wirklich zu schoen, wie sie alle Augenblicke +versicherte. + +Und dann spaeter das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht +Zithern vorgetragen, erntete den groessten Beifall. "Entzueckend" spielte +Herr Caesar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither. + +Die groesste Bewunderung aber fand Herr Suess fuer den Vortrag des +beliebten Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier". + +In allen Gesangvereinen sprach man von dem phaenomenalen Bass des Herrn +Suess. + + Wie Orgelton und Glockenklang + Ertoenet unseres Suess' Gesang + +hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet. + +Auch Winchen Studt, im weissen Kleid mit Rosaschaerpe, deklamierte "Des +Saengers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verstaendnis und Gefuehl. +Besonders der Schluss verursachte den Empfindsameren unter den Hoerern +eine leise Gaensehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen: +"Versunken und vergessen, das ist des Saengers Fluch," mit +bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des +"Saengers." + +Einen solchen Genuss hatte Frau Caroline lange nicht gehabt. + +"Wer haette das dem Maedchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze, +die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Suess seine, die war ja woll +was fuer Pollini." + +Als man den Saal verliess, wartete draussen eine neue Ueberraschung der +Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Baeumen +angebracht und gewaehrten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber +hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins +"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herueber: "Das +ist der Tag des Herrn." + +Den Schluss des Festes machte ein Taenzchen, das jedoch mit einer +Polonaise im Freien, durch das "stickenduestere" Gehoelz eroeffnet wurde. +Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus +weissem Papier. + +"Wi suend Hanseaten," erklaerte Tetje. + +Wie schoen war das alles, wie wunderschoen. + + Sonne, Mond und Sterne, + Ich geh mit meiner Laterne. + Aber so ein kleines Licht + Leuchtet in die Ferne nicht. + +Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer +Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, gekuesst. Aber es war bemerkt +worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der +Promenierenden. + +Das fuehrende Paar nahm im Uebermut den Weg durch einen trockenen Graben. +Das war ein Gespringe und Gehuepfe, ein Gekreisch und ein Gelaechter. + +Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Boeschung hinunter. +Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid. + +Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab, +o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdraengenden. Endlich noetigte er +mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und +weiter ging's unter Lachen und Scherzen. + +Nein, so was Schoenes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht +allein mit diesem Urteil. + +Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald. + +"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal +furchtsam. + +"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje. + +Laengst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Traeume noch +immer die Lampions wie grosse Leuchtkaefer huschten. + +"Nein, was ich mich gestern amuesiert habe, sagen kann ich es nicht," +sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht +Wochen spaeter, sprach sie noch mit derselben Waerme von diesem +wundervollen Tag, und je weiter er zuruecklag, desto geneigter war sie, +ihn als einen der schoensten ihres Lebens zu preisen. + + + + +XV. + + +Auch fuer Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amuesanter gewesen. + +Hermann hatte sich fruehzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen +Gruss mit dem Taschentuch nachwinken zu koennen. + +Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der +Landungsbruecke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der +Pferdebahn dorthin begeben. + +Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere +Gesellschaft. Ein mittelgrosser Herr mit breitrandigem Panamahut, weissem +Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete +den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr +aufgeraeumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen +unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die +Herren luefteten die Huete und gaben mit uebertriebener, geckenhafter +Hoeflichkeit den Weg frei. + +"Ah, Fraeulein Kruse," rief ploetzlich der Herr in Weiss ueberrascht und +mit schlecht verhehlter Verlegenheit. + +"Fraeulein Sass, Sie auch?" wandte er sich an Therese. + +"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi. + +Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die +Begruessung wurde intimer, man schloss sich aneinander an und wurde nicht +muede, ueber diese zufaellige Begegnung geistvolle Betrachtungen +anzustellen. + +Hermann waere lieber mit den Maedchen allein geblieben. Er sah voraus, dass +Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein +wuerde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft +anschliessen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen. + +Auch Therese war anfaenglich etwas peinlich von Mimis Triumphen beruehrt. +Sie goennte sie ihr ohne Neid und haette nicht ungern gesehen, sie wuerde +so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, dass Hermann mehr auf ihre, +Theresens, Gesellschaft angewiesen waere. Sie sah dem Eifersuechtigen +schon den Missmut an. + +Seit Hermanns offenem Gestaendnis der Tante gegenueber, hatte Therese sich +an den Gedanken gewoehnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu +betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukaempfen, +ein leises feindliches Gefuehl gegen Mimi zu besiegen. + +So liess auch dieser Erfolg der huebschen Freundin bei der maennlichen +Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es +schmerzlich empfand, auch hier wieder zurueckstehen zu muessen. Erst als +sie, um nicht ganz uebersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und +sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft +treffenden Bemerkungen und witzigen Einfaelle aufmerksam wurde, fand auch +sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle +eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte. + +Die ausgeladene Hoeflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald +erklaert und begruendet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen +namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun +spielte der glueckliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon +im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitaen und Schiffsvolk +eingeschlossen, zu traktieren. + +Hinter der Gloriole des liebenswuerdigen Schwerenoeters verschwand selbst +in Theresens Augen die komische Figur des vertroesteten Freiers. Selbst +sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi +erklaerte, man koenne sich doch oft sehr in einem Menschen taeuschen. + +Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale, +vielgewundene Este zu einer genussreichen zu machen. Die fetten, im +schoensten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache, +wechselnde Reize: Breite Deiche, mit ueppigem Pflanzenteppich behangen: +grossblaettriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige +Schafsgarbe mit ihren weissen Bluetenkronen, dazwischen gestreut, wie eine +Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blueten der Butterblume. Auf +grasreichen Wiesen weidende Kuehe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der +freundlichen obstreichen Gaerten, kichernde rotwangige Landmaedchen, die +Kusshaende und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus +zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend. + +Ein juedischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den +ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende +Geschaefte zu machen pflege. + +Und in der That verriet das saubere behaebige Aussehen der einzelnen Hoefe +sowohl, als der ganzen Doerfer, deren Rueckseite sich oft bis hart an das +schilfumrauschte Ufer des Fluesschens erstreckte, gediegenen Wohlstand. + +Selbst Hermann verlor waehrend der Fahrt seine Missstimmung. Hoffte er +doch auch, sich in Buxtehude mit den Maedchen verabschieden zu koennen. + +Doch er sah sich getaeuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der +Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise +so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler +Gefaelligkeiten und Liebenswuerdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch +Hermann schliesslich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute +Miene zum boesen Spiel machen. + +Schwer genug ward es ihm. Eifersuechtig sah er, wie Herr Pohlenz seine +ganze Aufmerksamkeit Fraeulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich +geschmeichelt fuehlte. + +Allerdings war sie dann spaeter zartfuehlend genug, Herrn Pohlenzens +taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns +aeltere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und waehlte +seinen Platz so, dass er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen +sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so dass Hermann +auch jetzt noch nicht zur ungeschmaelerten Freude an Mimis Gesellschaft +kam. + +Und so blieb es. Auch fuer den Rest des Tages war Mimi die Koenigin, der +alles huldigte, und das huebsche Maedchen spielte die ihr zugewiesene +Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache. + +Auf der Rueckkehr nach Hamburg aenderte sich das Wetter. Ein leichter +Regen fiel, ohne jedoch die froehliche Gesellschaft vom Deck zu +vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajuete. Die meisten, +erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als +Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine +Gemuetlichkeit zu stoeren. Sie fanden genuegenden Schutz hinter der +Kajuetenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die +empfindlichere Therese einhuellen konnte. + +Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz +wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine +Trennung. + +"Sie sind meine Gaeste, Sie muessen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst +fidel." + +Und man blieb zusammen, hoerte einige Musikstuecke in Hornhardts +Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf +ein Glas Bier zu Mittelstrass, einem beliebten Restaurant, und schloss +endlich zu spaeter Stunde mit einer Tasse Melange in Goerbers Cafe. + + + + +XVI. + + +Einige Tage spaeter sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von +nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe +Wittfoth, hier mit neidischer Geringschaetzung, dort mit selbstbewusstem +Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche +gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer +Vertiefung in den Gegenstand, als waere nun die natuerliche Ordnung der +Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum. + +Und man sprach nicht mehr von einem Geruecht. Es war eine Thatsache. Der +alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens" +den noetigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach +kurzem schamhaftem Straeuben, unter Hinweis auf ihr vorgeruecktes Alter, +ja gesagt. + +"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glueck nicht im Wege +sein." + +So ungefaehr lauteten die Schlussworte der kleinen Frau. + +Hiermit war denn auch ueber den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die +Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder +unschluessig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache +schon mehr fuer die Ablehnung entschieden hatte. + +Fuer vierzigtausend Mark jedoch konnte man ueber Kleinigkeiten schon +hinweg sehen. + +Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch ueber allerlei hinweg +saehe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage. + +Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das +Bestechliche, was fuer Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in +ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Taeuschung +hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, dass auch persoenliche +Neigung zu Grunde lag. + +Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hoerte, fiel +ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der +Verschmaehte. + +Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte, +wusste er, was er wollte. + +"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten +Hochachtung und Wertschaetzung kann ich mich der Einsicht nicht +verschliessen." So oder aehnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes +an die Wittfoth. + +Natuerlich wollte er jetzt nicht laenger Stadtreisender bei Mueller und +Lenze bleiben. Aber bis zur Loesung seines Kontraktes musste er noch seine +Geschaeftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr +peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekraenkten, +Verschmaehten gegenueber treten, eine Rolle, in welche er sich mit +vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden wuerde. + +Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth +bedeutend erleichterte. + +Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach +geworden. Schon immer hatte er sich bemueht, dem huebschen Ladenmaedchen +der Witwe naeher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenueber stets kuehl +bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswuerdiges Entgegenkommen +in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt. + +Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wusste, +welcher Wind dieses Wetterfaehnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja +selbst das Leben nur vom kaufmaennischen Standpunkt. Was kostet das? + +Was Mimi Kruse anbelangte, so wusste er jetzt, dass er sie sich "leisten" +konnte, dass seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie +nicht "kaufen?" + +Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit +einem Geschaeftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei +Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie +einmal ausfuehren zu duerfen, erzaehlte von seinen Zukunftsplaenen, liess +durchblicken, dass er moeglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer +Tante erwarten koennte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, dass +sie "mit Vergnuegen" seine Einladung annahm. + +Von jetzt ab kam Herr Pohlenz haeufiger, zur Verwunderung Frau +Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren ueber die Veranlagung zu +diesem Geschaeftseifer des Stadtreisenden blieb. + +Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust, +den Verlust seines "ganzen Lebensglueckes," wie er es damals nannte, +ertrug, und war entruestet ueber Mimi. + +Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit +diesem Gecken an, weil er Geld hatte. + +Was wuerde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran +denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden +sollte, an der sie nur vergnuegte Gesichter um sich sehen wollte, so +wuerde sie Hermann schon jetzt die Augen oeffnen. Aber nachher sollte er +auch keinen Augenblick laenger ueber Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben. + +Dem Maedchen selbst wagte sie keine Vorwuerfe zu machen. Es war ihr +peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entruestete spielen +wollte, saehe es nicht aus, als ob sie sich ueber den Entgang der +vierzigtausend Mark aergerte? Wie Neid, Missgunst? + +Nein, sie liess der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit +Mimi fertig wuerde. Im Grunde waere es ja nur ein Glueck, wenn er diese +Person nicht bekaeme. + +"Stich haelt sie doch nicht," schalt sie bei sich. + +Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige missvergnuegte Tage. Mimis +freies Benehmen, ihre Liebenswuerdigkeit gegen Pohlenz, ueber den sie doch +sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoss, hatten ihn +tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflaechlichen +Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen. +Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine +Entschluesse. + +Dieser faden, beschraenkten Kraemerseele sollte er weichen? + +Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert +zurueck, und glaubte, Mimi durch Vernachlaessigung strafen zu koennen. Aber +diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu +sehen, sich auszusprechen. Doch wann wuerde er sie bei der Tante einmal +sprechen koennen, ohne Stoerung? + +So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten. + +Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht kaeme? + +Das beste waere, er spraeche sich gleich brieflich mit ihr aus. + +Und so schrieb er denn: + + Liebes Fraeulein! + + Die Gefuehle, die mich beseelen und die ich nicht laenger zum Schweigen + verurteilen kann, druecken mir die Feder in die Hand. Habe ich noetig, + das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiss es, schon lange kein + Geheimnis mehr sein kann? + + Mein ganzes Benehmen gegen Sie muss Ihnen laengst bewiesen haben, wie + unaussprechlich ich Sie liebe, und dass es das hoechste Ziel meines + Strebens, das Glueck meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen + nennen zu duerfen. + + Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines + Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf + denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehoert Ihnen, hochverehrtes, + inniggeliebtes Maedchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfaellt. + + Verschmaehen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie + namenlos gluecklich + + Ihren hoffenden + + Hermann Heinecke. + +Als Mimi den Brief las, ueberkam sie zuerst das Gefuehl einer grossen +Bestuerzung. Nun ward es ernst. + +Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort. + +Sie las zum zweiten Mal und ward nun geruehrt. Er war doch ein guter +Mensch. Namenlos gluecklich sollte sie ihn machen. + +Mein Gott, es ist doch etwas Schoenes um die Liebe. Sie barg den Brief in +ihrer Tasche und brach in ein unterdruecktes Schluchzen aus. + +"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei +diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemuetes ueberraschte. + +"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi. + +"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline. + +"Das nicht," war die Antwort. + +"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," troestete die Wittfoth. + +"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thraenen getrocknet +hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem." + +"Na, Fraeulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so +schlimm?" + +"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu. + +"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmuetig. +"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklaerte Mimi. + +Und am selben Abend schrieb sie an Hermann: + + Geehrter Herr Heinecke! + + Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben beruehrt hat, brauche ich + wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiss, dass Sie + eine Frau so gluecklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen + Sie es mir bitte nicht uebel, wenn ich nach reiflicher Erwaegung zu dem + Entschluss gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu koennen, + so gerne ich dieses auch moechte. + + Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Suende, wenn ich ja sagen + wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen + mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von + mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich + leid, Ihnen weh thun zu muessen, aber es giebt ja noch ganz andere + Maedchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiss noch einmal so + gluecklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wuenscht Ihnen von Herzen + + Ihre Mimi Kruse. + +Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift +ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Hoeherschrauben der +Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen +befleckt. + +Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr +Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige +vergessene U-striche hinein. Dann schloss sie den Brief in ein Couvert. +Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie oeffnete es wieder. + +"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so guetig waren mir zu schenken", +fuegte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu +behalten. Nochmals meinen besten Dank fuer alles Gute." + +Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift. + + Herrn Volksschullehrer + Hermann Heinecke + p. Adr.: Frau Ww. Thielemann + Hierselbst. + Raboisen 27, III. + + + + +XVII. + + +Das grosse Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt +Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch fuer alle die +Strassen, durch welche die teilweise glaenzende Korsofahrt nach und von +dem Rennplatz ihren Weg nahm. + +Auch in der Gaertnerstrasse waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit +Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stuehle und Schemel vor +ihre Ladenthuer auf das Trottoir gestellt, fuer sich und die beiden +Maedchen. + +Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war +ausgeblieben. Er hatte sich ueberhaupt lange nicht bei der Tante sehen +lassen, zu deren und Theresens grosser Verwunderung. Nur Mimi wusste, +warum er nicht kam. + +Sie fuehlte keine Reue ueber ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich +nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante +Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefuehl zur Ruhe +gelegt, als haette sie etwas Rechtes, etwas Grosses gethan. + +Am naechsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefuehl der Neugier: Was +wird er wohl sagen? Was wird er nun thun? + +Pohlenzens Bemuehungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell +schoss das neue Verhaeltnis unter dem befruchtenden Segen der +vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Gruen der alten +Beziehungen zu Hermann ueberwuchernd und erstickend. + +Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz +angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger +Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht +auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht. + +Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen wuerde? Sie +wuenschte es beinah. Es waere pikant. Auf jeden Fall wuerde sie an der +Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren. + +Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann haette +sich das nicht leisten koennen, haette auch wohl kaum zu fahren +verstanden. + +Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese moegliche Begegnung +zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus. + +Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfaeltig +beobachtete sie die Insassinnen der vorueberrollenden Equipagen und +Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlaessig +zurueckgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend. + +Pohlenz hatte ihr ein neues Kostuem geschenkt, in dem sie ohne Frage +gefallen wuerde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine +Aufmerksamkeit" von ihm angenommen. + +Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und +geschmeichelt hatte der ueberaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu +sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin. +Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden frueher von ihr gelesener +Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief bruenette Pohlenz mit +dem grossen Panamahut, dem weissen Roeckchen, eine seiner feinen Cigaretten +rauchend, eigenhaendig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im +neuen Kostuem, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurueck. + +Da fuhr Hermann vorueber in einer gewoehnlichen Droschke, etwas krumm, +vornuebergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr +blass aus, wie uebernaechtig. Auch die drei Herren neben ihm waren +keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre +Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte. + +Wie gewoehnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie moechte sich nicht darin +unter diese eleganten Equipagen mischen. + +Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen, +neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser +sehen zu koennen. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu +begegnen. + +Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte +sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der +kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja +nicht unbekannt, dass ihre Bildung keine lueckenlose war, ihr Charakter +nicht ohne Schwaechen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwaechen. Vom +Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine +vollkommene Frau haette ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schoen +getraeumt, Mimi allmaehlich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden +guten Anlagen zu wecken. + +Der Traum war aus. + +Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung +und ueberredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu +besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorueberfahren zu sehen. +Er malte sich eine Begegnung aus: Kuehler, hoeflicher Gruss von seiner +Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation. +Maennliche Gefasstheit. Sie erroetend, dann erblassend, mit dem bekannten +schnippischen Wurf ihres huebschen Koepfchens die Sache schnell und +geringschaetzig abthuend. + +Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben +zu sollen. Mimi wuerde sich wohl noch besinnen, er muesse ihr Zeit lassen. +Sie waere auch gar zu wenig vorbereitet gewesen. + +Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur +edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar +ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein +gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und +glaubte, nicht fuer ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blass, +traurig, weinend in ihrem engen Stuebchen sitzen, das ihm immer ihrer so +wenig wuerdig vorgekommen war. + +Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht laenger hingeben, seitdem +ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz +Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben. + +Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine +Beschoenigungen. Warum sich beluegen? Sie war eine Kokette, seiner nicht +wert. Er musste sie vergessen. + +Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an +der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der +heftigste Schmerz in ihm. + +Mimi sah auch entzueckend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostuem gesehen. +Es musste ganz neu sein und schien ihm ueber ihre Verhaeltnisse zu gehen. +Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen? + +Mimi trug ein enganschliessendes, taubengraues Kleid von vornehmer +Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmueckte die anmutig volle +Bueste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weissem Taubenfluegel +sass kokett auf dem huebschen Blondkopf. + +Und nichts von Trauer, Gedruecktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem +frischen, lebhaften Maedchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose, +genussfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer +Lebenslust. + +Er musste sich zusammennehmen, damit der aufwuehlende Schmerz ihm keine +Thraenen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhassten Sieger. Er +trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Naehe zu kommen. + +Die Tribuene verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen +aus dem Derby zusah. Er gruesste hinauf, ohne von den ganz von der +Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruss zu erhalten. Nur von +Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick. + +Es fiel ihm auf, wie blass das Maedchen aussah, fast leidend. + +Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann fluechtig +am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals +seine eigenen Gedanken ueber sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er +hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Maedchen, das sicher +auch andere Vergnuegungen nicht verschmaehen wuerde, wenn es sich nicht +fuer zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzboeden zu +besuchen. + +Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere +Ansicht ueber Lulu. Er hatte immer nur geringschaetzig ueber sie sprechen +hoeren. + +Was stimmte ihn nun auf einmal so guenstig fuer das Maedchen? Wie Mitleid +ueberkam es ihn. Sie hatte so bedrueckt, so ungluecklich ausgesehen. + +Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknuepfend an jenes +Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhaeltnisses zu Beuthien +allerlei romantische Vermutungen aufreihend. + +Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme +chez nous, mit vertauschten Rollen. + +Es that ihm wohl, eine Leidensgefaehrtin in Lulu zu haben, wenn auch nur +in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor +dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefuehls befriedigter Rache. + +Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine +herzlose, oberflaechliche Kokette, eine kaeufliche Dirne. + +Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem +Knopfkraemer. + +Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das +ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und +Spielen. + +Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu. + +Da ward ihm ein Gruss. + +Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein +halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmaennische Gespraeche mit derben +Witzen wuerzend. + +Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslaenge +ueberragte, von Hitze und Biergenuss geroetet, stiess ihn ab. Lulus +Geschmack war ihm unverstaendlich. + +Und doch, was wollte er denn? + +Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kraefte, vor denen die Weiber +Respekt haben. + + + + +XVIII. + + +Lulu Behn hatte sich vergeblich gestraeubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie +hatte Kopfschmerz vorgeschuetzt, ihr haeufiges Uebel, aber der Vater hatte +es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gaebe sich unterwegs, in +frischer Luft, am besten. + +So gutmuetig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Haerte +gegen kleine koerperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst +uebte. + +Lulu, um nicht unnoetige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gruenden +gefaehrlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke +neben der Mutter ein, waehrend Paula mit dem Vater auf dem Ruecksitz Platz +nahm. + +Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre haeufigen +heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was +ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst. + +Nach jenem Besuch des Horner Waeldchens hatten sie sich erst einmal +wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schaemte sich vor ihm. +Dieses eine Mal aber musste sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie +befuerchtete. + +Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschlaege gegeben und die +Geaengstigte beruhigt. + +Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie +gefasster. Beuthien wuerde sie nicht sitzen lassen, er wuerde sie heiraten. + +Heute aber fuhr sie mit der Gewissheit des ihr Bevorstehenden durch die +bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der +nach dem Schauplatz seiner That gefuehrt wird. + +Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal erroetet war er, +als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen +stieg. Und wie gleichmuetig er dort oben auf dem Bock sass, und wie +sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte. + +Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen +schloss und sich erblassend zuruecklehnte. + +"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der +Pferdebahn zurueckfahren." + +Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe +hatte sie geaergert, und sie wollte es ihm nachthun. + +Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes +Waeldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es ueber +die welligen Felder hinweg. + +Ob er hinueber sah? + +Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick fuer die Umgebung. Er +musste seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten. + +Sie aber musste immer wieder hinueber sehen nach dem schwarzen Fleck +dahinten, ueber dem jetzt eine einzelne weisse Wolke, wie ein fabelhaftes +Ungetuem, schwebte. + +Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im +blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean. + +Ein wunderliches, nie gekanntes Gefuehl der Vereinsamung ueberkam Lulu. +Muehsam beherrschte sie sich. + +"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula. + +Lulu schrak zusammen. + +"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so." + +Sie wusste es kaum, dass sie bestaendig dort hinueber starrte. + +"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das +frischt ihr auf." + +Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurueckschicken, Beuthien +sollte dann zum Schluss des Rennens zurueckkommen. + +Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis waere sie jetzt mit ihm +allein gefahren. + +Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht ueber sie begann sich seit ihrer +letzten Unterhaltung zu regen. + +Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als saehe sie schaerfer, +wie durch ein Vergroesserungsglas. + +Zuerst fielen ihr die vielen Faeltchen unter den Augen auf, und das +haeufige nervoese Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhoehung auf +dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte, +draengte sich ihren Augen foermlich auf. Die breite Hautfalte ueber dem +kraeftigen gebraeunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen +Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales. + +Sie hatte waehrend der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte +ansehen muessen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes. + +Wie garstig! + +Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem fluechtigen Blick vom Wagen +aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und +sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine ueberlegenen +Kraefte anstrengungslos brauchte, fuehlte sie sich wieder auf seinem Arm, +wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine gluehende Welle stieg das +alte Gefuehl fuer ihn wieder in ihr auf. + +Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschaeftigt. Die +vorgeschuetzten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt, +infolge der Gemuetsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde +herrschte. So war sie froh, als man sich fuer den Heimweg ruestete. + +Auf der Rueckfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur +lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man +hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags +ausgehalten, und das genossene Getraenk hatte namentlich auf Paula seine +erregende Wirkung nicht verfehlt. + +Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu duerfen, und der +alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes +fuer sich allein benutzen zu koennen. + +Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen +Anregungen bestaendig im Schwaetzen mit Beuthien, der sich an dem Maedchen +ergoetzte, das ihn oft mit so eigentuemlichen leuchtenden Blicken +anblitzte. + +"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit." + +Der grosse, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem +weissen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem +runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu +entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn +nicht auf die Dauer reizten. + +Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten +Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weissen Strohhutes. + +"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot. + +Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward +ploetzlich eifersuechtig. + +Es war nicht Paula, "das dumme Goer", die sie fuerchtete, aber in der +Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr moeglicherweise +von anderer Seite drohen koennte. + +Wenn Beuthien sie verliesse? + +Wieder kam einer jener Momente ueber sie, wo sie mit grauenhafter +Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau, +Kutschersfrau. + +Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, wuerde ihr Vater ihn zwingen? +Wuerde er ihn als Schwiegersohn anerkennen? + +Sie schloss die Augen, als koenne sie sich dadurch gegen alles +Widerwaertige absperren. + +Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie +weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am +angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen, +wie es ging. + +Aber dann stoerte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer +"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten +Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem +Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre +Droschke ueberholten, musterten fast auffaellig das blasse Maedchen in der +weissen, guertelumschlossenen Bluse, das mit so mueden Blicken vor sich +hinstarrte. + +Lulu hatte kein Auge fuer die Herren. Sie war ganz mit sich beschaeftigt. +Etwas wie Hass auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit +ihrem naiven Geschwaetz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch +schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuss in dem verbotenen Garten, +von dessen Fruechten sie selbst bereits genascht hatte. + +Ein haesslicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen, +hoehnischen Blick aus. + +Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt. + + + + +XIX. + + +Fraeulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn +Emil Pohlenz bekannt und kuendigte ihre Stellung bei der Wittfoth. + +"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was +zu verheimlichen." + +"Es war vorauszusehen", betaetigte Therese. "Wenn sie sich leiden moegen, +kann man sich ja nur darueber freuen." + +"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi, +bekommen wir schon wieder." + +"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschaeft recht +tuechtig." + +"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heisst, vergesslich ist sie +doch man, und nachraeumen muss man ihr alles." + +"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein haesslicher Husten, +der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quaelte, unterbrach stossweise +Theresens Worte. + +"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau +Caroline. "Mich aergert man bloss, dass das dumme Ding solch Glueck hat. +Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine +auch man bloss. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n +Teller bringt." + +"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende haette ich noch +Onkel Pohlenz sagen muessen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber." + +"Mich amuesiert man, dass wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande +gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth. + +"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas +verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, fuer sie war ja +das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen. + +Und doch war sie ebenso liebebeduerftig, hatte ein ebenso empfaengliches +Herz, wie Mimi und die so viel aeltere Tante. + +Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger, +sanfter Flamme, sich selbst verzehrend. + +Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein fuer +allemal auf Liebesglueck verzichtet, wenigstens sich mit dem begnuegt, das +auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag. + +Sie hatte, fast zu fruehzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in +Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns naechstem Geburtstag +angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in +blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem +Taschenbuch zur Zierde gereichen. + +Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen +Arbeiten ungewohnten Finger geschickt. + +Wenn sie ihn doch oefter erfreuen koennte, fuer ihn arbeiten, sich ihm +nuetzlich erweisen. + +Als er neulich einmal, aergerlich ueber seine saumselige Wirtin, der Tante +einige Struempfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die +Arbeit abnehmen zu duerfen, und hatte sich in dieser fraulichen +Thaetigkeit fuer den Geliebten gluecklich gefuehlt. + +Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so goennte sie ihn doch nur +einer Wuerdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall +gefunden. + +Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswuerdigen Eigenschaften +wegen, zu welchen auch ein ruecksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die +kraenkliche Freundin gehoerte, aber fuer Hermann schien sie ihr doch nicht +die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie +bedenklich. + +Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja +nicht mal fuers Lesen Interesse, und die Buecher waren nun doch einmal +Hermanns Ruest- und Handwerkszeug. + +So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, dass Mimi durch ihre +Verlobung mit Pohlenz das Verhaeltnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen +hatte. + +Hermann, dieser liebenswuerdige, gescheute, feine Mensch, wuerde gewiss +bald ein anderes Maedchen finden, das ihn besser zu schaetzen wuesste und +ihn Mimi vergessen machte. + +Sie billigte es, dass er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit +dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermisste. Wenn +Mimi erst aus dem Hause waere, wuerde ja wieder alles anders werden. Er +wuerde sich wieder, wie frueher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie +belehren und foerdern. Wie freute sie sich darauf. + +Die Tante hatte der Verlobten etwas spoettisch gratuliert und allerlei +Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen +Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekraenkt ausrief: "Aber +nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thraenen ausbrach. + +"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert. + +"Mimi vergisst uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns haette +sie ihr Glueck nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert haette, +oder Du, Tante haettest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muss uns ewig +dankbar sein." + +Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte, +sie wuerde Zeit ihres Lebens an die schoenen Jahre zurueckdenken, die sie +in diesen Raeumen verlebt haette. + +"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer +verlassen hatte. + +Mimi erroetete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre +Brauen. + +"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten." + +"Das muss jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen +verlangen", versetzte Therese auf dies Gestaendnis. "Eine Ehe ohne Liebe +denke ich mir entsetzlich." + +"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu +furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--" + +"Dann werden Sie auch gewiss gluecklich mit ihm," unterbrach Therese sie +schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie +fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht +daran denken." + +"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz +sagt auch, mit dreitausend Mark moechte er nicht heiraten." + +"Das kommt nun auf die Ansprueche an", meinte Therese. + +"Natuerlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen, +wenn er nur will." + +"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi." + +"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe, +Sie besuchen uns denn auch mal." + + + + +XX. + + +Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit +erklaerlichem Eifer getroffen. Ausser dem unvermeidlichen Platenkuchen +hatte sie einen Puffer gebacken, gross genug, um die ganze Nachbarschaft +abfuettern zu koennen. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei +ihrem Brottraeger einen gefuellten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll +auch was davon haben", sagte sie. + +"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese +ein. + +"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muss sein", erklaerte +die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht." + +Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang +aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermoeglichen. Auch einem +auswaertigen aelteren Bruder des Braeutigams, der nicht frueher hatte +abkommen koennen, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern. + +Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Naehe von Oldesloe, kam denn auch +schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Fruehzug an, mit ihm ein +geraeumiger Korb mit Eiern, Wuersten und Speck. + +"Min Lowise waer gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau. +"Aber de Luett is erst veer Wochen, nu Se weten wull." + +"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller." + +"Jau, eenunsoestig is 'n Oeller", meinte er bedenklich. + +"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline. + +"Neegen Stueck." + +"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Kueche hinein. "Denk +Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder." + +"Neun?" lautete die verwunderte Rueckfrage. + +"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese +in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnaeckig belaestigte, +meinte der gutmuetige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da +koennte sie sich mal ordentlich "rausessen". + +"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in +dieser Hinsicht etwas empfindlich. + +"Gloew ick, gloew ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll +Hosten, de gefoellt mi nich." + +"Ja, ich weiss gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante. +"Das geht nun schon wochenlang so. Wir muessen wirklich mal nach'n Arzt +schicken." + +"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft +moet se hebben." + +"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich uebel", +setzte er hinzu. + +"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thueren und Fenstern," erklaerte +Therese, "aber meine Erkaeltung vertraegt den Zug nicht." + +"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schaedlich. Aber +frische Luft, de haett noch keenen Minschen umbroegt." + +"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer +gleich sterben, wenn ich nur mal die Thuer aufmach. Mir soll's gleich +sein. Ich sag nichts mehr." + +Nachmittags um fuenf Uhr wurde das Geschaeft geschlossen, das heisst, die +Vorhaenge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige +Zugang zur Wohnung durch den Laden fuehrte, musste dieser geoeffnet +bleiben. + +Um nun jede Stoerung durch Kaeufer fern zu halten, hatte Tetje Juergens den +Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift: +Dieses Geschaeft ist heute von fuenf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung +der Inhaberin geschlossen. + +Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch. + +Eine grosse Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, dass +Hermann zugesagt hatte, zu kommen. + +Sonst waren nur noch Tetje Juergens nebst Frau Gemahlin gebeten. + +Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hiess, versprach am Abend +nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem +Maedchen und dem Kellner alleine ueberlassen mochte, fuer den Abend aber +eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte. +Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen. + +Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fuererst entschuldigen lassen muessen. Er +hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen koennen, da es sich um +gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurueckzuerwarten. + +Frau Caroline hatte keine Muehe gescheut, es ihren Gaesten gemuetlich zu +machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Faedchen, jede Erinnerung +an Geschaeft und Arbeit, sorgfaeltig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen +und Reseda, mit dem Therese schon am fruehen Morgen die Tante ueberrascht +hatte, prangte in einer weissen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis +arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der +Zuckerschale. + +Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der +Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab, +von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehaekelten Sofaschoner, +Hermanns groesster Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die +Tante einmal an diesem hohen Festtag saemtliche Sitzmoebel mit solchem +Zierat behangen hatte. + +Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte +mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein +geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weissen Rosen, das der +galante Braeutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem +Spiegelschrank stand protzend ein maechtiger Strauss buntfarbiger +Georginen, den Onkel Martin seinem laendlichen Garten entnommen hatte. +Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wasserglaesern kleinere Bouquets +und ein vom Kraemer gespendetes rosagarniertes Blumenkoerbchen. Der +praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas +thun zu muessen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen +Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes +"!Viel Glueck und Heil!" + +Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres +Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefuellt, die Hermann hatte +besorgen muessen. + +Als die kleine Gesellschaft, ausser Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch +versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit +Spitzen und Schleifen garniert. + +Ein allgemeines Ah des Entzueckens empfing die wundervoll duftende Gabe. + +Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, oeffnete das beigegebene +parfuemierte Couvert. + +"Mit herzlichem Glueckwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von +der kleinen Elfenbeinkarte ab. + +"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung ueberreichte +er das Bouquet, dessen lautester und unermuedlicher Bewunderer. + +Therese beobachtete ihn still. + +Nachdem die Angriffskraefte auf die Kuchenberge erschoepft waren und auch +die Unterhaltung ueber Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten +Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen +Skat vor. Er sah wohl, dass die lange Zeit bis zum Abendessen sonst +unerfuellbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen +wuerde. + +Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurueck. Der +Cigarrenschrank wurde geoeffnet, und Therese stellte einige Flaschen +Loewenbier zur Hand. + +Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Haekeln, Albumbesehen und +Kuechengespraechen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und +Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten +Unterhaltungsstoffes. + +Die Kraemersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater +gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern haette doch wahrhaftig +andere Pflichten. + +Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich, +Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehoert, fuer einen +ganzen Pfennig Korinthen. Dass die Person sich nicht schaemte. "Und dabei +thut solch Volk, als staenden sie mit'n Buergermeister auf Du und Du." + +Und als nun Frau Juergens die "Behnsch" erwaehnte, geriet Frau Caroline in +eine kreiselnde Beweglichkeit. + +"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehoert?" "Nu lassen Sie +sich aber mal erzaehlen." So schwirrte es durcheinander. + +Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gespraechen +vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung, +in ihrem Urteil ueber Welt und Menschen uebereinstimmten. + +Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie +sich jedoch sehr abgespannt fuehlte und ihres Hustens wegen nicht viel +sprechen wollte, liess sie haeufig fuenf gerade sein und schwieg. + +Auch das ueberlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhoerigkeit bedingt, +griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als noetig in der +Kueche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann +besonders vom Glueck beguenstigt wurde. + +Auch einige Kaeufer, die sich von den herabgelassenen Vorhaengen nicht +hatten abschrecken lassen, beschaeftigten sie zeitweilig. + +Endlich kam auch Tetje Juergens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden +nahmen die Plaetze der Brueder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu +den Damen zurueck. + +Die Gesellschaft erhielt allmaehlich einen immer nuechterneren Anstrich, +hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, dass man zur +Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, ueberging. + +Mit einigem Geraeusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer. + +Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen +dem kalten Aufschnitt und der suessen Speise geschickt aufgestellt und +jedem Teller ein Extrastraeusschen beigelegt. + +Auf dem Sofa sass das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin +mit Frau Juergens, links von dem Braeutigam Tante Tille und Tetje Juergens, +neben diesem Therese, Wilhelm gegenueber, dem sein Platz neben Frau +Juergens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch, +zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt +des Mundschenken uebertragen worden. + +Frau Caroline hatte fuer guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der +sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzueglich +und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung. + +Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede +auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich, +mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret +die Frauen, sie flechten und weben". + +Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf +aufmerksam gemacht werden musste, dass ihr das Hoch gelte. Wilhelm +Beuthien, der im uebrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, liess die +Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas. + +Er moechte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen +wuenschen, dass es ihnen immer gut gehen moege, "in truge Fruendschaft un +Leev, un mit Gottes Segen." + +"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Glaeser aneinander +klangen. + +Die Stimmung ward immer gemuetlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich +zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbruederschaft getrunken. + +Tetje Juergens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll soete +Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein +in der Kueche gekuehlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten. + +Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, loeste sich allmaehlich die +Zunge, da Hermann ihm fleissig einschenkte, und er rueckte mit allerlei +gewagten Anekdoten und Raetseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger +noch ueberbieten zu muessen glaubte. + +Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine +Wahrnehmung zu. + +Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die +Achsel. + +Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt +von ihm, die Terrine hinaus. + +"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls. + +"In min Koeoek hebbt Se nix to soeken", draengte die Wittfoth ihn zurueck +und schloss die Thuer. + +Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der +Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante +noch aufgefundenen Rumflasche. + +Triumphierend trugen sie die neue Fuellung auf den Tisch. + +Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas. + +"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "fuer die Damens +vielleicht noch 'n bischen zu feurig." + +Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das +braeutliche Glueck und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen +Augen. + +"Nu Musik", meinte sie. + +"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik moeten wie hebben." + +Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt. + +"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hiess es, und Wilhelm musste seine +Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rueckte Tische und +Stuehle zusammen und rollte den Teppich auf. + +Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann +den Spreewalzer zu spielen. + +Das Brautpaar eroeffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau +Juergens, und Tetje zerrte die sich straeubende Tante Tille einmal durchs +Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Juergens. +Therese aber stand, an den Thuerpfosten gelehnt, und sah, das +Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit muede +flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fuehlte sich sehr +elend, klagte aber nicht, um die Froehlichkeit nicht zu stoeren. Ihr Kopf +schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu +dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen +Raeumen reizten. + +Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, musste sich aber noch +vorher, von Abspannung ueberwaeltigt, zurueckziehen. + +Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe +legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwaetzigkeit +quaelend. + + + + +XXI. + + +Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er +pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser +stellte er den Erfolg seiner Kur gewoehnlich schon in den ersten Wochen +nach seiner Rueckkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand. + +Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof +gegeben. + +Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefuehl, als waere ein +Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich +aber schon am naechsten thoericht. Wie lange konnte sie es denn noch +verbergen? Ueber kurz oder lang musste es zu Tage kommen, selbst wenn die +Mutter blind waere. + +Wilhelm wich ihr gaenzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annaeherung +versucht, ihm auf der Strasse aufgepasst. Aber er hatte es ja so leicht, +sie von seinem Bock aus zu uebersehen, sie, schneller fahrend, hinter +sich zu lassen. + +Wollte er sich von ihr zurueckziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr +getrieben? + +Ihr schwindelte bei dem Gedanken. + +Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu +koennen. + +Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine +Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen +Uebersichergehenlassen. + +Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemaechtigte sich ihrer +eine um so tiefere Niedergeschlagenheit. + +Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus veraendertes Wesen nicht entgehen, +die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens +nicht verborgen bleiben. + +Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend, +beobachtend verhielt. + +Lulu, mit der Feinfuehligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der +Mutter wohl an, dass diese sie erraten hatte. + +Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen? + +Es draengte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob +immer wieder Einsprache, unterstuetzt durch die Feigheit. + +Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuss gestanden, dass sie +nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfuehlen, Verstaendnis, erwarten und +beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegoennt, +und sollte sich nun so vor ihr demuetigen. + +Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos +beklagte, dass Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte. + +"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafuer kaufe." + +Im Grunde aber aergerte sich die Kleine sehr ueber Beuthien, dessen +Benehmen sie sich nicht zu deuten wusste. Sie hatte sich etwas darauf +eingebildet, dass er sie bisher ueberhaupt beachtet hatte. Es war ihr +heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er ueber sie hinweg, wie ueber jedes +andere Schulmaedchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich +verschuechtert zurueckzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das +verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie +verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in +dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer +Entdeckungen. + +"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequaelt. "Was geht +Dich Beuthien an." + +Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu +koennen, dass diese keine Ahnung von ihrem Verhaeltnis zu Beuthien hatte. + +Um so groesser war ihre Angst vor der Mutter. Immer draengte sich das +Gestaendnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurueck. Und +doch, irgend jemand musste sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es +nicht mehr tragen. + +Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das +Maedchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin +Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstuetzig." + +Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schaemte sie sich denn nicht, sich +so gemein mit dem Dienstmaedchen zu machen? + +Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung +aus der Hand nahm. + +Frau Behn war ihrer Sache gewiss geworden und konnte nicht laenger +schweigen. + +Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus. + +Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach +in Thraenen aus. + +"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch. + +Lulu schwieg. Die Mutter schuettelte sie heftig am Arm. + +"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?" + +Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind musste sie sich schelten lassen? + +Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau +ploetzlich ueber die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten +Groll der Mutter die Riegel oeffnete. Sie bebte vor Zorn. + +"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten." + +Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie. + +"Das ist gemein", fuhr Lulu auf. + +"Was ist gemein?" Die Mutter rueckte ihr fast auf den Leib. "Was ist +gemein? Du, Du!" + +Ein tiefes Erblassen, ein roechelndes Nachatemringen, ein unsicheres +Umhertasten mit den Haenden, und schwer sank Lulu an dem neben ihr +stehenden Stuhl hin zu Boden. + +Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!" + +Sie riss die Thuer auf und rief nach Minna und nach Wasser. + +Das Maedchen brachte das Verlangte erstaunt. + +"Is Fraeulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmaechtige auf +den kleinen Lederdivan betten. + +"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Fueer nich utgahn, +hoerst Du?" + +Und Minna sah nach dem Herdfeuer, waehrend Frau Behn der sich erholenden +Lulu sanft ueber Stirn und Scheitel strich. + +"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem +Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak." + +Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesoehnt, hatten sich +wieder gefunden. + + + + +XXII. + + +Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem, +unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schuettelfrost +erwacht. + +Frau Caroline war sehr besorgt. + +Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag ueber +allein im Geschaeft sein wuerde, denn das neue Fraeulein sollte erst am +andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, dass Therese das Bett +verliess. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen. + +Ein Kind aus der Nachbarschaft uebernahm gern, fuer zwanzig Pfennig +Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine +Lungenentzuendung. Therese muesse unter allen Umstaenden im Bett bleiben. +Warum man nicht schon frueher geschickt haette. Auch duerfe die Kranke auf +keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die +uebrigen Raeume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer +an. + +Frau Caroline war untroestlich und quaelte Therese mit lautem Lamentieren. + +Die gutmuetige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge +zu vergroessern und ueber kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern. + +"Was fang ich an. Wie sollen wir die Moebel umsetzen? Ich kann das nicht. +Ich kann den schweren Schrank nicht tragen." + +Therese beruhigte sie, dass man Hilfe finden wuerde, niemand mute ihr zu, +den schweren Schrank eigenhaendig ins andere Zimmer zu tragen. + +"Und wenn die Frieda uns nun sitzen laesst", jammerte die Tante weiter. +"Was soll ich anfangen. Alle Haende voll zu thun, und keine Hilfe." + +"Warum sollte Fraeulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" troestete die +Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnoetige Sorgen." + +"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett. +Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Kueche sieht schon +aus, dass ich mir die Augen aus'n Kopf schaeme. Kein Stueck ist rein." + +Therese schwieg. Sie wusste, dass in solchen Stunden mit der umstaendlichen +Frau nicht zu reden war. + +Natuerlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater +Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Moebel als treuer Braeutigam und +Helfer in der Not, und auch Fraeulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine +kleine schwarzaeugige, bleichsuechtige Bruenette, mit Anlagen zur +Korpulenz. + +Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden +Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlaegerig zu finden. Er kam in +der Folge oefter, und sie liess es zuletzt zu, dass er vor ihrem Bett sass. + +Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei +ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er +unterstuetzte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah +sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu +Flecken vergroessern. + +Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig +Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen +geschlichen, waere heftig zum Ausbruch gekommen, und es wuerde wohl +schnell zu Ende gehen. + +Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt +gesagt, da er sie genuegend kannte, um zu wissen, dass sie sich +unverstaendigen, die Kranke schaedigenden Gefuehlsausbruechen hingeben +wuerde. + +Frau Caroline erzaehlte ueberhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand +einen Schnupfen, so wusste sie unbedingt Faelle von toetlicher Ausartung +dieser an sich gefahrlosen Erkaeltung. Bei einem Sterbefall erinnerte +sie sich eines halben Dutzend anderer und wusste Ursache, Verlauf und +Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch +Lungenentzuendungsfaelle schwerer Art hatte sie genuegend erlebt, um +Therese die angenehme Aussicht auf moeglicherweise ungluecklichen Ausgang +eines solchen Leidens naiv zu eroeffnen. + +Natuerlich nahm sie Theresens Fall nicht fuer so ernst. + +Durch ihr Geschaeft, durch die Einfuehrung und Anleitung des neuen +Fraeuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Taeuschung. + +"Der Husten muss austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder +rauskriegen. Sei man ruhig." + +"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schoene Wetter +noch geniessen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch +die schoensten Tage. + +Vorlaeufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen +Bezirk griesgraemlicheren Vettern ueberlassen zu haben. Statt der Hitze +der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den +Sommer in Hamburg schmaelert. Bestaendige Westwinde trieben immer neue +Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschlaege. Es waren +unfreundliche, fast herbstliche Tage. + +Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen, +gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen +glitzernden Boegen, Strahlen und Tropfen. + +Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das truebselige Grau +drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, ueber die Strasse +huepfte, zu ihr ins Zimmer hinein. + +Wie gern haette sie ein Stueck Himmel gesehen, aber sie musste sich von +ihrem Bett aus mit der beschraenkten Aussicht auf das Strassenpflaster und +das Parterre des Behnschen Hauses begnuegen. + +So kam es, dass sie sich haeufiger mit dessen Bewohnern beschaeftigte, +namentlich mit Lulu. + +Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm +Beuthien ein Verhaeltnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese +konnte es nicht glauben. Mimi uebertrieb immer, wenn sie erzaehlte. + +Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken liess. Es war doch +unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne haette sie einmal +etwas von ihr gehoert. + +Hermann schien doch besser ueber den Schmerz, den Mimi ihm zugefuegt, +hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine +tiefe, echte Neigung von ihm gewesen. + +Ob er einer solchen ueberhaupt faehig war? Keinen Augenblick zweifelte sie +daran. + +Wie thoericht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war +doch gut so. Er wuerde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit fuer sie +jetzt uebrig gehabt haben. + +Wie freute Therese sich auf sein naechstes Kommen, auf das sie sicher +rechnen durfte. Er vergass sie nie, und sie fuehlte wohl, es war echte +Teilnahme, was ihn zu ihr fuehrte, nicht kaltes Pflichtgefuehl. Das machte +sie gluecklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen. + +Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei, +seines Mitleids nicht mehr beduerfe, koennte das alles wieder anders +werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht: +wenn du nun stirbst? + +Aber nur wie ein fluechtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch +ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeintraechtigen, +und es war ein Glueck, dass auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine truebe +Stimmung aufkommen liess. + +Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschaeftigt. + +Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im +Bett liegen musste. "Die Hausthuer klingelt nur einmal am Tag", sagte sie, +um anzudeuten, dass die Ladenglocke ueberhaupt nicht zum Schweigen kaeme. + +"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag laenger, und ich bin fertig." + +"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu. + +Fraeulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war +natuerlich "die Schlechteste, die man haette kriegen koennen, zu nichts zu +gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschaelen." + +"Haetten wir doch Mimi noch", klagte die Tante. + +"Waerst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede +Minute muss man sich aergern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge +ja wohl alles zu Grunde." + +"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht +mehr dauern", troestete Therese. + +"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr +aus. Ich bin am ganzen Koerper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht, +lege ich mich auch noch hin." + +Das klang gerade nicht sehr aufheiternd fuer Therese. Aber wenn diese die +Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder +in der Kueche mit Tellern unsanft umherstossen hoerte, war sie ueber Nerven +und Glieder der Tante beruhigt. + + + + +XXIII. + + +Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn +sofort seine Kur und reiste zurueck. + +Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die +Begruessung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzaehlen, die +Frau hatte in ihrem Brief mit genuegender Ausfuehrlichkeit berichtet. + +Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Strasse +hinausgestarrt, das untruegliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm, +als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?" + +"In ehr Stuv, Johannes." + +"Ik will se nich sehn", stiess er hervor. "Nich vor Ogen." + +Wie tief auch die Geschichte an ihm frass, so war es doch fast mehr noch +die soziale, als die moralische Seite, worueber er nicht hinwegkommen +konnte. + +Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen, +den ehemaligen Schulkameraden ueberfluegelt zu haben, er, der Umhertreiber +und Thunichtgut von damals, den fleissigen, ordentlichen Musterschueler. + +Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel +aufgestellt worden, wie oft hatte es geheissen. Das wird noch mal ein +tuechtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes. + +Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und +Umsicht, waehrend Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht +weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte. + +So waren sie allmaehlich auseinander gekommen. Jeder mied den andern, +geniert durch das Missverhaeltnis der Lebensstellungen. + +Nun musste so etwas zwischen ihren Familien vorfallen. + +Wilhelm musste seine Pflicht gegen Lulu erfuellen, da gab es keinen +Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es +ward ihm schwer, furchtbar schwer. + +Er hatte sich fuer Lulu einen andern gewuenscht, als diesen Kutscher, +diesen Liebling der Dienstmaedchen. + +Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt? + +Wenn der Bursche sich nun weigern wuerde, sein Vergehen zu suehnen, was +dann? Unmoeglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber +so weit wuerde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann +und wuerde seinem Sohn schon ins Gewissen reden. + +Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder +umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal. + +Die Kehle war ihm wie zugeschnuert, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang, +wie einem furchtsamen Schuljungen. + +Und er haette doch im Zorn die Strasse hinunterstuermen und alles kurz und +klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan haette, wenn er beim +Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen waere. + +Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen +Stockwerk ueber der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeoeffnete +Stallthuer, Wilhelm beschaeftigt, das Pferdegeschirr zu putzen. + +Der Anblick des Suenders weckte seinen Grimm. Am liebsten haette er sich +gleich auf ihn gestuerzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen, +ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze +Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf. + +Heftig stiess er oben die Thuer auf, gegen die rasselnde Schutzkette. + +Tante Tille, in altmodischer weisser Haube, die sie nur des Nachts +ablegte, ein Butterbrot in der Hand, oeffnete ihm. + +"Meine Guete, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se suend fort?" + +Er fragte nach Beuthien. + +"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein. + +Der alte Beuthien sass auf dem kleinen, abgenutzten Rosshaarsofa vor dem +mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und liess sich es anscheinend gut +schmecken. + +Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich moebliert, +in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die grossgebluemten, mit +selbstgehaekelten Spitzen eingefassten Kattungardinen und der niedrige, +braune Kachelofen gaben dem Raum etwas hoechst gemuetliches. Der frisch +gescheuerte Fussboden zeugte von groesster Reinlichkeit. Auch die beiden +billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in +schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels, +fuegten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der +abgeblaetterten Vergoldung und dem grossen Spliss in der untern linken Ecke +des Glases, stoerte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen. + +Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu +einer imponierenden Erscheinung aufrichten. + +Erstaunt empfing ihn Beuthien. + +"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend. + +"Suend wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurueck. + +"Ja, wat is?" + +Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloss die Thuer wieder. +"Wat is, Behn?" + +Kurz, heftig, stiess Behn seine Anklage heraus. + +Beuthien war starr. + +"Din Lulu?" + +Einen Augenblick sassen sich die beiden Maenner stumm gegenueber. + +Beuthien stand auf. + +"He sall kamen, gliek." + +Behn hielt ihn zurueck. + +"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien. + +"Ne, ne, he sall man kamen." + +Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wusste er sofort, was seiner +wartete. Aber er war nicht feige. + +Er gruesste unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an. + +"Segg em dat suelfst", sagte sein Vater. + +"He weett't woll all", bebte Behn, wuetend ueber Wilhelms Ruhe. + +"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemuetlich +zu werden. + +"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Faeusten. + +Wilhelm wich nicht zurueck. + +"Ik lat mi nich schimpen", drohte er. + +Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend, +der aber schleuderte sie heftig zurueck. + +"Du buest ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der +kreideweiss wurde. + +"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden. +"Woans hest Du Din Fru kregen?" + +"Dat is wat anners", keuchte Behn. + +"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se +heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten." + +Wilhelm erklaerte, er wuesste was recht waere, aber er koennte seine +Pflicht nicht thun. + +"Wat?" rief Behn. + +"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm. + +"Du kannst nich?" + +"Ne, ik kann nich." + +"Is se Di nich god nog mehr?" hoehnte Behn bitter. + +Wilhelm zoegerte lange mit der Antwort. + +"Ik haew all 'n Kind", stiess er endlich hervor. + + + + +XXIV. + + +Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das fruehere Behnsche Maedchen, war die +Mutter seines Kindes. + +Behn hatte es uebernommen, dieser ihre aelteren Rechte auf Wilhelm +abzukaufen. + +Er fand das Maedchen in einem Keller bei Hoekersleuten einquartiert, in +einem engen, dumpfigen Raum. In einem grossen Waeschekorb lag das erst +vierzehn Tage alte Kind, haesslich, klein, eine Fruehgeburt. + +Anna schaemte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hoerte, +um was es sich handelte, eine keckere Haltung an. + +Lulu, der hochmuetigen, goennte sie ihr Unglueck. Sie trug ihr noch immer +die Misshandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten? +Nie! + +Aber schliesslich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe +zufrieden zu stellen. + +Die Ruecksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das +ohne sorgfaeltigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren +ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien. + +Welch ein Vermoegen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch +gezaehlt, zehn Hundert Markscheine. + +So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier +bekommen, als Wilhelm war. + +Dieser war froh, dass alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn +durchaus heiraten, so war ihm Lulu natuerlich lieber, als Anna. + +Lulu erfuhr durch ihre Mutter, dass Beuthien sie heiraten werde. + +"Vadder haett sik vel Moeh geben", setzte die einfaeltige Frau hinzu. +"Dusend Mark haett em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin." + +"Fuer Geld?" rief Lulu. + +"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie. +Und dann erzaehlte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte +mit Anna. + +Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden. + +Also Anna haette sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande +bewahrt blieb. Und das Maedchen wusste natuerlich nun alles, empfand +Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an. + +Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrueckte die +Gewissheit, dass Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern +gehalten hatte, als er sie ins Unglueck riss. + +Wer sagte ihr, dass Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte +sie zeit ihres Lebens verbunden sein. + +Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten +Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm. + +Alle seine Fehler, seine Roheiten draengten sich ploetzlich in ihr +Bewusstsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich +verloren. + +Sie kam sich wie besudelt vor. + +Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Kueche der Nachbarhaeuser sehen. + +Jene Koechin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper +Geschaeftigkeit auf dem Fensterbrett den Moerser handhabte, wie oft mochte +sie in seinen Armen gelegen haben. + +Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende +Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht +vielleicht alle schon mit seinen Zaertlichkeiten bedacht? + +Es war ihr, als saehen alle zu ihr herueber, in ihr Fenster hinein, +hoehnisch, vertraut: Wir gehoeren zusammen, Fraeulein. + +Sicher sprach man jetzt ueberall von ihrer Schande. Wuerde Anna schweigen, +Anna, die sicher noch ihren alten Hass hegte? + +Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen. +Hiess das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen? + +Mochte Beuthien doch das Maedchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus +dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, fuer sich, fuer das Kind, oder +sterben. + +Es war das erste Mal, dass der Gedanke an den Tod ihr kam. + +Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die +Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn. + +Natuerlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber +nachher, hat man es nicht mehr ertragen koennen, dann weinen sie ihre +Heuchelthraenen. + +Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung +in die Alster, und alles ist gut. + +Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen. + +Sie kuehlte sich am Waschtisch Augen und Stirn. + +Bei dem Blinken des Wassers musste sie immer an die Alster denken. + +Ein Sprung in die Alster. + +Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr +vor Augen. Sie schuettelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf. +Wer zwang sie denn? Sie war ja frei. + +Als die Mutter sie so muede und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas +in die Luft zu gehen. Sie muesse sich Bewegung machen, auch des Kindes +wegen. + +Lulu wehrte ab. + +Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte +sie begleiten, meinte die Mutter. + +Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein, +nickte Lulu. + +"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter. + + + + +XXV. + + +Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen, +als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Naechste dazu". + +Frau Caroline stellte sich voellig auf den Standpunkt der Moral. Sie +verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich fuer eine +anstaendige Frau geziemte, und haette sicher an beiden kein gutes Haar +gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre +sittliche Entruestung etwas gemildert haette. + +Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu ueber die Achseln angesehn +gefuehlt. Nun rueckte sie jener gegenueber gar in den Rang einer +Schwiegermutter auf. + +Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior wuerde es nun heissen. + +Meine Schwiegertochter Lulu. + +Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht +nannte Lulu sie gar Mama. + +"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu +Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glueck, dass +noch alles so gut ablaeuft." + +Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden +Kraefte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als +bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wusste sie, dass sie +sterben wuerde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah +wiederholt an der Zimmerdecke Maeuse. + +Das bedeutete den nahen Tod. + +Therese wollte sonst nicht fuer aberglaeubisch gelten. Kartenlegen, +Besprechen und anderen Altweiberunsinn belaechelte und verspottete sie. +Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her +ehrfurchtsvollen Schauder abgenoetigt. So weit erstreckte sich ihre +Aufklaerung nicht. Dass der Tod entfernter Personen sich oftmals +ankuendigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren, +geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis fuer +erwiesen. + +Die Tante, der sie ihren Traum erzaehlte, hatte erst ein ganz bestuerztes +Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn" +auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an +dergleichen Vorbedeutungen glaubte. + +Hermann gegenueber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal, +gespraechsweise machte sie doch Andeutungen. + +"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand, +streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und +gesund, Resi." + +Als sie unglaeubig den Kopf schuettelte, sagte er wiederholt "Unsinn, +Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus. + +Das sagte ihr genug. + +Aber sie blieb ruhig und heiter. + +Sie haette vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, dass sie den Tod so +ruhig erwarten koennte. Kein Zagen, kein Graun. + +Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen +wiederkommen zu koennen erklaerte, war ihr auf einmal so bange geworden, +so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als wuerde sie ihn nie wiedersehen, +als muesste sie ihn mit Gewalt zurueckhalten. + +Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle +Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese wuerde die "Krisis" +ueberstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare +Vorstellung davon zu machen. + +Vielleicht wuerde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewusstsein +gekommen sein, wenn nicht ihre persoenlichen Angelegenheiten sie gar so +sehr in Anspruch genommen haetten. + +Die geschaeftlichen Obliegenheiten lagen thatsaechlich fast allein auf +ihren Schultern, da Fraeulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte. + +Dazu kamen die Heiratsgedanken. + +Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon +allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die +"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf. + +Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Maedchen, die in +ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren. +Sie stand ja als so nahe Verwandte des Suenders mitten in der Aktion, und +von je her war sie nie gluecklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit +dazu gehoerte." + +Als kuenftige Schwiegermutter der ins Unglueck geratenen, bewahrte sie +natuerlich allen Ausfragern gegenueber die noetige Zurueckhaltung, und half +durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier +abenteuerlicher Geruechte um diesen pikanten Vorfall zu weben. + +Wie erschrak sie, als Mutter Behn frueh morgens, um sechs Uhr, mit der +aengstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe. + +"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen." + +"Meine Guete, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts +passiert?" + +Die Gemuesefrau von nebenan kam. "Hebben Se all huert? Behns ehr Lulu is +furt." + +Ein Dienstmaedchen aus der Gaertnerstrasse wollte "man bloss mal auf'n +Augenblick einsehen". + +"Nu is se ja woll utrueckt", meinte sie. "Wat'n Upstand." + +Auch der alte Beuthien kam ganz verstoert. + +"Line, Line, wat'n Stueck--wat'n Stueck." + +Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hoerte sie. + +Fraeulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung gluehenden Wangen +immer neben der Wittfoth. + +"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie. + +"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die +Schuerzen gesaeumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig +sein." + +Damit schuettelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab. + +Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster. + +"Dod?" fragte die Wittfoth. + +Beuthien gab mit dem Daumen ueber die rechte Schulter hinweg die Richtung +an: "In'n Kanal." + +"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muss ich mich erst +mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren." + +Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her. + +"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll. +Was sie nu wohl wieder hat." + +Damit haftete sie ueber den Korridor, steckte aber im Voruebereilen den +Kopf durch die Thuer des Arbeitszimmers: + +"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und +man ja nicht zu breit, hoeren Sie?" + + + + +XXVI. + + +Der alte Behn sass in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die +Ellbogen aufgestuetzt, das Gesicht mit den Haenden bedeckend. + +Schon geraume Zeit sass er so da. + +Es war eine schwuele Luft in dem kleinen Raum. + +Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich +vielfarbig in den Kristallflaechen des Tintenfasses und des +Briefbeschwerers. + +Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die +Fensterscheiben flog, war das einzige Geraeusch in der drueckenden Stille. + +Draussen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedaempfte Stimmen, ein +Geraeusch, als wuerde ein schwerer Gegenstand transportiert. + +Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt. + +Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren. + +Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das fluesternde Sprechen, das +Klingen der Korridorthuer, und wieder die dumpfe Stille. + +Noch immer sass Behn in unveraenderter Stellung, wie schlafend. + +Da wurde leise die Thuer geoeffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn +rief nach ihm. + +Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des +Mannes, aber er ruehrte sich nicht. + +Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter. + +"Johannes!" + +Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten +Faeuste, und der grosse starke Mann schluchzte wie ein Kind. + +"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise. + +Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schaemte er sich seiner Thraenen. + +Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf +einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch, +den Tintenwischer, die Sandbuechse, tastete an sich herum, als suche er +etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der +geduldigen Frau. + +"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte +Zimmer eintreten wollte. + +Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie +die Eltern die beste Stube betraten, mit fluechtigem Blick einen Teil +des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet. + +Sie beugte sich nachher zum Schluesselloch hinunter, sah aber nichts, als +den breiten Ruecken des Vaters. + +Ihre Gedanken waren in grosser Erregung. Lulu tot. Unfassbar schien es +ihr. + +Es war das erste Mal, dass der Tod Paula so nahe trat. + +Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thraenen abgepresst. +Seine Augen waren noch rot und heiss vom Weinen, eine trockene, stechende +Hitze in den Lidern. + +Jetzt, nach dem ersten Gefuehlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem +Recht. + +Paula haette gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter +wollte es nicht leiden. + +Wenn der Vater sich doch nur mal ruehren wollte, dachte sie, am +Schluesselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen +konnte. + +Ob wohl viele Kraenze kommen wuerden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen +Pomp eines Begraebnisses vor sich. + +Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am naechsten +Sonntag war. + +Ob man ihn wohl feiern wuerde? + +Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf +eingeladen. Clara wuerde ihr eine Papeterie schenken, das wusste sie +schon. + +Wie haesslich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag wuerde. + +Ploetzlich fuhr sie vom Schluesselloch zurueck. Die Thuer ward hastig +aufgestossen, und der Vater, blass, zitternd, trat schnell heraus. + +"Water, flink, Water", aechzte er. + +Minna stuerzte aus der Kueche und stiess unsanft mit Paula zusammen. + +Doch der alte Behn war schon in der Kueche, ehe die Maedchen recht +begriffen, was er wollte. + +Die Stirn gegen die Wand gestuetzt, kaempfte er mit einem erstickenden +Wuergen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handruecken den kalten +Schweiss von Stirn und Backen wischend. + +So traf ihn der Brieftraeger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt +durch die nachlaessig geschlossene Thuer in die Wohnung gelangt war. + +Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus. + +"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend. + +"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Brieftraeger. "So gewitterig +heute." + +Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab. + +"Is di beter, Johannes?" + +Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen. + +"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung foer dat Klaveerstimmen." + +Der Brieftraeger, noch ohne Ahnung von dem Unglueck, das die Familie +betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Strasse, durch ein Maedchen +des Nachbarhauses. + +Er hatte auch fuer Frau Caroline Wittfoth einen Brief. + +Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut. +"Brieftraeger!" + +Er musste noch ein zweites Mal rufen, bevor Fraeulein Frieda erschrocken +erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen +balancierend. + +Beide ausgestreckten Haende zur Hoehe der Ohren erhebend, bedeutete sie +ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein. + +"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert. + +"Unser Fraeulein is tot." + +"Fraeulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?" + +"Schwindsucht", fluesterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles +Verbrechen. + +Mit bedauerndem Kopfschuetteln entfernte er sich. + +Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock. + +Fraeulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das +Gewuenschte zu finden war, und holte die Wittfoth. + +Frau Caroline erschien, verweint, mit geroeteter Nase, das Taschentuch in +der Hand. + +"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzaehlte sie auf den +fragenden Blick der Kaeuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von +gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes +Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Haende voll zu thun. +Ich weiss auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht." + +"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehoert hatte. "Mit so'n +Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang." + +"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik soegg Se den Unnerrock rut." + + + + +XXVII. + + +Zwei Tage spaeter hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des +Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter. + +Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel +vier Kraenze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre +goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kraenze frisch +besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf +den Blaettern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblueten +und dem dunklen Gruen der Kranzgewinde. + +Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge. + +Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen, +das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Waescheschatzes, +in der Hand. + +Nachdem sie alles Nebensaechliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu +kommen pflegte, ueberwunden hatte, die Stoerung ihres Hauswesens, die +Beeintraechtigung des Geschaeftes, die Wahl eines Trauerkostuemes, ob Crepe +oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige +Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen. + +Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit +niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag +zuruecklegte, den Fraeulein Frieda oeffnete. + +Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr +winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur +eine schwarze Moire-Schuerze angelegt, die Frau Caroline fuer diesen Zweck +noch in letzer Mintute dem Schuerzenkasten entnahm. + +"Der Leute wegen." + +Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu +entfernen. + +"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fraeulein", fluesterte sie aus der +Droschke heraus dem Maedchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock +kommt, wissen Sie ja Bescheid." + +Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem +Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins roetliche schillerndem +Cylinder. + +In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt, +damit nicht nur ein einziger Wagen folgte. + +Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die +ungern zu dritt in einer Droschke gefahren waere. + +"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt +Unglueck. Gewoehnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade +Zahl, das ist besser." + +Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die +Schwaechen seiner Tante zu schonen. + +War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet +gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschuettert. Er hatte alle seine +freie Zeit der Tante zur Verfuegung gestellt und ihr alle Vorbereitungen +und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen. + +Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufaellige Entdeckung, dass +er dem Herzen der Verstorbenen naeher gestanden haben mochte, als sie ihn +hatte merken lassen. + +Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem +Naehkoerbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat, +ein Geschenk, das er ihr ungefaehr vor einem Jahre gemacht hatte. + +"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklaerte die Tante. "Und noch etwas +fuer Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es +zum Geburtstag haben." + +Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkraenzte Monogramm +Hermanns. + +Geruehrt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner +Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begraebnis noch +in die Wohnung der Tante zurueckzukehren. + +Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus +dem Behnschen Hause den reichgeschmueckten Sarg hinaus. + +Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen ueberstroemte die +Strasse, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren. + +In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Strasse hinauf. + +Nur wenige, fluechtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens. +Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begraebnis. + +Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man +besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger +Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen. + +Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenueberhaeuftem Sarg +aus, der Zauber des Graesslichen, der Reiz des Ungluecks umstrickte die +Seelen. + +Der Wind warf den Staub unter die Menge, ueber den Sarg, ueber die Kraenze, +trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief +herabhaengenden Trauermaentel der Pferde wie Segel auf. + +Die zwoelf Traeger, in ihren althergebrachten Pompgewaendern, mit weisser +Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der +Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zuegel, und der +Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor ueber den linken Arm +tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung +setzte. + +Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine +ploetzliche Verkehrsstoerung wieder zum Halten zwang. + +Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen +hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht. + +Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein ungluecklicher Zufall, liess +das leichte Gefaehrt mit dem schweren Lastwagen zusammenstossen. Das +zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden +gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker +stand in groesster Verlegenheit bei dem gestuerzten Fuchs, der wild +ausschlagend, alle Bemuehungen, ihn aufzurichten, vereitelte. + +Daneben stand, blass, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der +Angst den kuehnen Sprung von ihrem gefaehrlichen Wagensitz gewagt hatte. + +Hermann hatte aus seinem Coupe heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen +vermeint. + +Schnell zog er sich in den schuetzenden Versteck des tiefen Fonds zurueck. +Keine Erinnerung haette ihm heute peinlicher sein koennen als diese. Sie +brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmuetige Stimmung. +Die Augen schliessend, traeumte er in der langsam ueber das stossende +Pflaster holpernden Droschke von jenem Fruehlingsabendgang zwischen den +Weissdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Kuessen. + +Mit schrillem Missklang intonierte in einer Nebenstrasse eine Drehorgel +einen neuerdings beliebten Operettenwalzer. + +Hermann schrak aus seinem Brueten auf. + +Wie gemein waren diese Klaenge. + +Ein Strassenjunge sang im hoechsten Diskant zu den Melodien des +Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis +zur naechsten Strassenecke hoerte Hermann den Gesang des Bengels. + +Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehoert? War es +damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen. + +Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie, +summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im +Walzerrhythmus: + + "Meine Liebste ist in Bremen, + Ist 'ne Selterwasserdirn." + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM DURCHSCHNITT*** + + +******* This file should be named 11108.txt or 11108.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/1/1/0/11108 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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