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+The Project Gutenberg eBook, Aus dem Durchschnitt, by Gustav Falke
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Aus dem Durchschnitt
+
+Author: Gustav Falke
+
+Release Date: February 16, 2004 [eBook #11108]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM DURCHSCHNITT***
+
+
+E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders
+
+
+
+Aus dem Durchschnitt
+
+Roman
+
+von
+
+Gustav Falke
+
+Hamburg
+
+1900
+
+
+
+
+Meinem Bruder Albert gewidmet.
+
+
+
+
+I.
+
+
+Dem undurchdringlichen Nebel des Maerzabends war eine Frostnacht gefolgt.
+An der Ecke der Gaertnerstrasse und des Durchschnitts, in einem oestlichen
+Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glaette des uebereisten,
+abgenutzten Strassendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so
+ungluecklich gestuerzt, dass an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen
+Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen
+gebrochen. Schweissbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem
+Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.
+
+Der Kutscher, ein aelterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.
+
+"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein
+Schlachter draengte sich durch die Menge:
+
+"Na, Beuthien, is he henn?"
+
+"To'n Duebel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er
+warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran,
+den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.
+
+Der Frager und ein junger kraeftiger Mann, dessen frisches,
+wettergebraeuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher
+aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.
+
+"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.
+
+"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.
+
+In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich
+Mitleid, Neugier und Lust am Unglueck die Wage. Auch fehlte es nicht an
+schlechten Witzen. Vergeblich bemuehte sich ein Schutzmann, die Menge zu
+zerstreuen. Er liess seinen Aerger dafuer an den Kindern aus, aber die auf
+der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der
+anderen beharrlich wieder an.
+
+Hatte das Publikum nur spoettische Mienen, halblaute Scherze fuer die
+heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines
+Geschaeftskellers, in dem sich eine Weiss- und hollaendische Warenhandlung
+befand, um so energischer bemueht, den Mann der Ordnung wenigstens durch
+ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.
+
+Die kleine, rundliche Frau war in bestaendiger Bewegung. Unter Mittelmass,
+kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf
+den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermoeglichen.
+
+Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus
+dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.
+
+"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender
+Stimme in das Gewuehl hinein.
+
+"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurueck, unter dem
+Gelaechter der Umstehenden.
+
+Ein Dienstmaedchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoss die Zaertlichkeit
+eines Gesellen abwehrend, die Naehe der Geaergerten zu gewinnen.
+
+"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur fuer'n Groschen Haarnadeln haben,
+von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloss
+mal eben Kartoffel holen."
+
+"Recht, Fraeulein, holen Sie man bloss mal eben Kartoffel", lachte die
+Wittfoth.
+
+Gewandt schluepfte das Maedchen durch das Gedraenge.
+
+Allmaehlich verlor sich die Menge. Das gestuerzte Tier ward bis zur
+Ankunft des Frohnes durch uebergeworfene Decken dem Anblick der
+Voruebergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der
+Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde spaeter zeugte nichts mehr
+von dem Vorfall.
+
+Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpaeckchen
+beschaeftigt, ihr nervoeser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu
+richten, zu veraendern und zu verbessern, als auch schon jenes
+Dienstmaedchen, mit der gefuellten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig
+in den Laden trat.
+
+"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln
+rausgesucht?"
+
+"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten
+Haarnadeln einwickelnd.
+
+"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"
+
+"Na, ich meine man, weil Sie so vergnuegt sind."
+
+"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man
+sich so schon genug."
+
+"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"
+
+"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint
+wunder, was sie ist, und muss sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr
+was beisst."
+
+"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefuehl
+erheuchelnd. Die andere liess sich jedoch gemuetlich auf dem einzigen
+Rohrstuhl an der Tonbank nieder.
+
+"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Naechstens
+isst sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen
+Finger in Wasser? I bewahre, koennt ja nass sein".
+
+"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.
+"Wenn ich die Mutter waere".
+
+"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".
+
+"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte
+eine bezeichnende Handbewegung.
+
+"Dreimal auf'n Tag und duechtig", eiferte das Maedchen. "Aber Herrjeses!
+ich vergess mir ja ganz. Na, das wird'n schoenen Segen geben. Sie hat so
+keinen Guten heute".
+
+Sie riss ihre Kartoffelkiepe an sich und stuerzte mit einem vertraulichen
+"Schueuess Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thuer hinter sich
+schliessend.
+
+"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr
+ausser einer geringfuegigen Pension soviel hinterlassen hatte, dass sie die
+Weiss- und hollaendische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin
+kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingefuehrte Geschaeft
+mit Glueck fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie
+sich bald in die neuen Verhaeltnisse hineingearbeitet. Sie wusste, was sie
+wollte. Die Geschaeftsreisenden merkten, dass sie der kleinen hellaeugigen
+Frau nichts aufschwaetzen konnten und respektierten ihre
+Geschaeftstuechtigkeit.
+
+Mehr Muehe und Verdriesslichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Maedchen
+gemacht, deren sie zwei benoetigte, eine Verkaeuferin und eine Schneiderin
+fuer die Anfertigung der Dienstmaedchenkostueme.
+
+Sie hatte viel wechseln muessen. Die meistens ungebildeten,
+anspruchsvollen Maedchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst
+noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau
+Caroline Wittfoth liess sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren".
+Sie hatte immer kurzen Prozess gemacht und, wenn noetig, alle acht Tage
+gewechselt, bis sie schliesslich die brauchbaren Persoenlichkeiten
+gefunden und sich in diesem taeglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit,
+Unordnung und Traegheit soweit geschult und gestaehlt hatte, dass sie sich
+fortan in Respekt zu setzen wusste.
+
+Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Sass, die Tochter
+einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein
+zweiundzwanzigjaehriges, schwaechliches, etwas verwachsenes Maedchen, das
+erkenntlichen Charakters die Fuersorge der Tante durch hingebende
+Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und
+erlebte die Genugthuung, dass neuerdings auch einzelne Damen der
+Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenroecke, von ihr
+anfertigen liessen.
+
+Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschaeftes,
+und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem
+zweiten jungen Maedchen unterstuetzt wurde.
+
+Die achtzehnjaehrige bluehende Blondine mit den grossen grauen, blitzenden
+Augen wusste ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war
+sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und
+sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwaechen und
+Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das huebsche Maedchen
+durch sein gefaelliges, entgegenkommendes Wesen.
+
+Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine
+waermere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmuetig, fuehlte sie Mitleid
+mit der kraenklichen, in einer freudlosen Jugend Verkuemmerten, und diese
+empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden
+Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere
+Lebensfreude verurteilten Daseins.
+
+So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehoerigkeit.
+Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein
+Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im
+Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besass.
+
+Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Maedchen wegen. Der
+verwandtschaftlichen Freundschaft fuer Therese gesellte sich eine
+aufrichtige Wertschaetzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres
+feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner
+Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der huebschen Verkaeuferin
+seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.
+
+Mimi hatte keinen gluehenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wusste
+das und verwandte alle kleinen Kuenste der Koketterie, um ihn an sich zu
+fesseln.
+
+Das gutmuetige, etwas fade, von einem duennen blonden Bart umrahmte
+Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu
+sagen pflegte. Ihre Schwaermerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.
+
+Die goldene Brille, die Hermann trug, soehnte sie jedoch wieder etwas mit
+seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Maedchen, eine
+Vorliebe fuer Augenglaeser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend.
+Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein
+bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen
+Schutz etwas bloede in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an
+Glanz und Leben.
+
+Auch der Umstand, dass die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei
+Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal
+einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so musste sie
+hierzu triftige Gruende haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und
+auskoemmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der
+Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein
+gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafuer durfte er schon
+blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.
+
+Hermann hatte den beiden Maedchen versprochen, sie am ersten Ostertage
+spazieren zu fuehren, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends
+um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Naehere zu bereden.
+Man wollte bei guenstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und
+am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung
+sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee
+getrunken werden.
+
+Die Maedchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten
+ein Vergnuegen wurde, freute sich wie ein Kind.
+
+Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?
+
+Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich
+auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens
+Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.
+Auch trug sie nur schwarz.
+
+Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der
+Voraussetzung, dass sie ablehnen wuerde. Man wusste, dass sie um keinen
+Preis an irgend einem Tage ihr Geschaeft schloss und etwas darin suchte,
+zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte ueberhaupt einen
+Hang, die Maertyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das
+geplagteste war.
+
+Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entruestet die Zumutung
+zurueckwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu
+schliessen. Sie hatte tausend Gruende dagegen. Gerade an diesem Tage haette
+sie noch in jedem Jahre die glaenzendsten Geschaefte gemacht. Fuer sie
+gaebe es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren
+laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die
+Ladenglocke schellte.
+
+"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die
+hastig aufgerissene Thuer. "Fraeulein Behn will Mass genommen haben."
+
+Mit Metermass und ihrem Notizbuechlein folgte Therese.
+
+Mimi sass am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus
+blaeulichem Milchglas dicht vor sich gerueckt und war beschaeftigt, die
+duennen, schmiegsamen Stahlstaebchen in der Taille eines hellen
+Maedchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre
+etwas grossen, aber weichen, schoengeformten Haende, die gut gepflegt
+waren, wenn auch nicht jede Spur haeuslicher Thaetigkeit sich hatte
+entfernen lassen.
+
+Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers fuehrte sie die Nadel.
+Die gleichmaessige Bewegung der vollen, rosigen Maedchenhand, an deren
+Mittelfinger ein schmaechtiger Ring mit einem falschen gruenen Stein matt
+glaenzte, fesselte Hermanns Blick.
+
+"Wie moegen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fraeulein Mimi", sagte
+er.
+
+"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne
+aufzusehen.
+
+"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.
+
+"Bin ich das nicht immer?"
+
+Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen,
+der ihm entging.
+
+In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie
+ihm heute doppelt verfuehrerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in
+diese verfaengliche Unterhaltung geraten, fuehlte er sich ganz in der
+Gewalt ihrer Reize.
+
+Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich
+schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.
+
+Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfuem, das sie jedoch diskret
+gebrauchte, stieg zu ihm auf.
+
+Er zog den Duft ein.
+
+"Ah, Veilchen."
+
+"Das letzte Troepfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus
+mit der Veilchenherrlichkeit."
+
+"Dann bleiben die Rosen."
+
+"Wie so?"
+
+Er beruehrte mit dem Ruecken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.
+
+"Wie Feuer."
+
+Sie schlug nach ihm.
+
+Sie hatte ihn kraeftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem
+Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretaer aus
+Eichenholz, dessen Messingringe und Schluessellochumkleidungen der
+Verdruss der jungen Maedchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der
+Wittfoth glaenzend genug leuchten.
+
+Hermann, auf der Verfolgung des Ausreissers, lag baeuchlings auf dem
+Fussboden und angelte und fegte pustend und aechzend mit einem langen
+hoelzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Moebel umher,
+als das Zimmer von aussen geoeffnet und die helle Stimme der Tante laut
+wurde:
+
+"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fraeulein."
+
+Gleichzeitig erschien Fraeulein Behn in dem Rahmen der Thuer, noch ehe die
+Wittfoth die ungewoehnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.
+
+In groesster Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln
+und Rockschoessen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Faeden der
+Naehstube festgesetzt hatten.
+
+Schallendes Gelaechter begruesste ihn, in das er notgedrungen einstimmte.
+
+"Fraeulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.
+
+Die junge Dame mass den Neffen mit etwas spoettischem Blick, der jenem
+entging, da er bei seinem demuetigen Ritterdienst die Brille vorsichtig
+abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der
+linken Hand aengstlich von sich abhielt.
+
+Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
+Kleiderbuerste an die Reinigung ihres Vetters machte.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kuehlen
+Festtag. Voller Sonnenschein lag ueber der herben Fruehlandschaft, als die
+Glocken von St. Gertrud die Glaeubigen und Erbauungsbeduerftigen zum
+Gottesdienst riefen.
+
+Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den
+Kirchgaengern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, dass sie sie
+in zehn Minuten erreichen konnte, versaeumte die kleine, lebenslustige,
+keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die
+Predigt zu hoeren und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.
+
+"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehoere durchaus nicht zu
+den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Hoeheres
+haben. Und fuer mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben
+singen und die Orgel dazu spielt."
+
+Therese begleitete die Tante regelmaessig in die Kirche, besuchte auch
+haeufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges
+Herzensbeduerfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz
+Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle
+Angelegenheiten des Herzens, umfasste sie auch diese Dinge mit grosser
+Innigkeit und fuehlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante,
+die auch hier ihre Oberflaechlichkeit nicht verleugnete.
+
+"Ach, ich glaub an gar nichts", erklaerte die Wittfoth einmal. "Mir
+soll's auch einerlei sein. Sterben muessen wir alle, und von oben ist
+noch keiner lebendig wieder runter gekommen".
+
+Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem
+Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach
+ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".
+
+"Dann koennt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich
+los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser,
+Ihr verbrennt mich gleich".
+
+Vor der Kirchenthuer trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit
+ihren Toechtern.
+
+"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.
+
+"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger
+ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.
+
+Fraeulein Lulu musterte mit laessigem Gruss die Toiletten der Tante und
+Nichte.
+
+"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glaette
+schnell die Falten ihres vergnuegten rundlichen Gesichts zu
+andachtsvollem demuetigem Ausdruck und draengte sich mit dem allgemeinen
+Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute
+Kirche.
+
+Mimi Kruse huetete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als
+ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal
+wieder eine Predigt gehoert, das heisst, eine solche in den Kauf genommen
+zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit
+in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode
+geworden.
+
+"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und
+entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen
+Uebungen.
+
+Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben
+sich auf dem Fensterbrett liegen und ueberflog den Roman im Feuilleton.
+Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Haelfte bei der schnoede verlassenen
+Graefin, die andere Haelfte gehoerte dem blauen Kleid, das sie am
+Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine
+Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.
+
+Mimi wollte huebsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntaeglichen,
+dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den
+"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.
+
+Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so laestig durch seine
+unaufhoerliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein bestaendiges,
+verliebtes Anlaecheln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint
+gewesen. Sie hasste diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann
+der Laenge nach auf dem Fussboden lag, war er ihr sehr laecherlich
+erschienen.
+
+Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht
+"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte
+schon an die Chokolade, Toertchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag
+spendieren wuerde.
+
+Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in
+kuerzeren oder laengeren Zwischenraeumen die Sonne ueberzogen. Besorgt sah
+sie auf. Es waere doch zu aergerlich, wenn sich das Wetter nicht halten
+wuerde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?
+
+Und wirklich fielen jetzt grosse, schwere Tropfen, denen sich bald
+weiche, zerfliessende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.
+
+Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wuetend durch das ganze Zimmer.
+Ihre Stirn legte sich in bitterboese Falten, und dem unmutig verzogenen
+Mund entfuhr ein derbes Wort.
+
+Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte
+der lose Schnee um die Strassenecken, als waere es Weihnachtszeit und
+nicht Ostern.
+
+Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein,
+in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen
+Kuenstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung
+heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die
+benaesste, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen
+in der Thuer stehen.
+
+"Eine schoene Bescherung, meine Damen, der reine Winter", naeselte er
+verschnupft.
+
+"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klaert sich's noch
+auf."
+
+"Klaert sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."
+
+"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfuegung, gnaediges Fraeulein",
+scherzte Hermann.
+
+"Hoechst ungnaediges Fraeulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr
+helles Kleid."
+
+"Faellt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr
+missgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu koennen. Auch Hermann sah
+nicht so aus dass man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte
+Partie, dachte sie.
+
+"Meinetwegen lasst uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.
+
+"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte
+wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die
+Wittfoth den Ausschlag gab.
+
+"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fuerchten sich vor Schnee?
+Marsch, fort mit Euch!"
+
+"Man nich so eitel, Fraeulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind
+noch lange huebsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs
+Kleid."
+
+"Das mein ich auch", bekraeftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst
+sich schmueckt, schmueckt sie auch den Garten."
+
+"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."
+
+"Rueckert, liebe Tante", belehrte Hermann.
+
+Die liebe Tante ueberhoerte diese Belehrung und wandte sich an Therese:
+"Dass Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weisst, Du bist gleich erkaeltet.
+Und dass Ihr mir fahrt heute Abend, hoerst Du Hermann? Die Abendluft ist
+so gefaehrlich."
+
+Mimi, die sich muerrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt
+wieder. Sie lachte ueber das ganze Gesicht.
+
+Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschliessende schwarze
+Plueschjacke, ein schwarzes, langhaariges Mueffchen und ein dunkelbraunes
+kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel
+hatte sie schnell ueber das blaue Kleid getroestet, und hoechst zufrieden
+fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre
+Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreissendes,
+dominierendes in ihrem Wesen.
+
+Hermann war gluecklich ueber diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und
+bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute
+sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der
+Tante Abschied.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr
+Lieblingsgetraenk, der zwar fuer die vollbluetige, nervoese Frau das reine
+Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau
+Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere
+Ausdruck fuer ein gefuelltes Kannenmass. Heute, zur Feier des Festtages,
+hatte sie sogar noch fuer eine Tasse ueber das gewoehnliche Mass gesorgt,
+sich guten Rahm statt der sonst bei ihr ueblichen Milch gegoennt und neben
+der gefuellten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt.
+
+Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein grosser,
+flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguss auf den Tisch. Wer
+dieses Gebaeck nicht genug zu wuerdigen wusste, hatte es mit der kleinen
+Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz.
+
+Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, liess sich die
+Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre
+Naeharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des
+Nachmittags mit gemuetlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch
+ihren Feiertag haben. Sie musste sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere
+mich nur, dass mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft.
+
+Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Maedchen nahmen ihr
+alle Arbeit ab. Selbst die Kueche brauchte sie nicht allein zu besorgen.
+Dennoch war sie ueberzeugt, dass niemand so mit Arbeit ueberbuerdet sei wie
+sie.
+
+Sie war immer in Bewegung und meistens in unnoetiger. Sie war ueberall und
+nirgends, bald in der Kueche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier
+einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden
+aus dem Wege raeumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft
+noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine
+Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen
+weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" muede war.
+
+Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem
+Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der
+duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem
+Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefuehl ueberkam
+sie.
+
+Aus einer der ueber ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang
+gedaempftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauss
+und dann Ketterers beliebtes Salonstueck "Silberfischchen".
+
+"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespraech.
+Schnutentante war eine vierzehnjaehrige "hoehere Tochter", der sie wegen
+ihrer das Normalmass ueberschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.
+
+Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die
+Musik stimmte sie sentimental. Das Gefuehl des Alleinseins ueberkam sie,
+die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.
+
+Das Wetter draussen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
+Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Hoehe mit dem
+Trottoir lagen.
+
+Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen
+strahlte so gemuetliche Waerme aus. Gott sei Dank, dass sie nicht draussen
+"rumzupatschen" brauchte.
+
+Aber die Musik von oben fuehrte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
+Konzerthaus. Sie hoerte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
+besuchten sie haeufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
+Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".
+
+Das war lange her.
+
+Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnuegen. Sie fuehlte
+sich ueberfluessig in deren Gesellschaft.
+
+Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fuenfunddreissig Jahre
+ein Alter?
+
+Zu den achtzehnjaehrigen Backfischen allerdings passte sie nicht mehr.
+Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen
+zu rechnen, war es doch noch zu frueh.
+
+Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muss sich schon
+zufrieden geben. Man muss froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen
+guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.
+
+Was war das doch fuer ein Gerede damals gewesen, mit dem huebschen
+Reisenden von Rosinsky und Soehne. Weil sie hoeflich gegen Herrn
+Bellermann war, sollte sie natuerlich Heiratsabsichten haben. Als ob es
+nicht ihre Pflicht gewesen waere, im Beginn ihrer Geschaeftsthaetigkeit
+sich mit Kunden und Lieferanten auf moeglichst guten Fuss zu stellen.
+
+Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der,
+bald jener, den sie koedern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen
+sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person,
+sondern von ihrem Geschaeft zu reden. Als ob sie nicht immer noch
+ansehnlich genug sei.
+
+Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Mueller und Lenze, der
+grossen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal
+hatten die Leute ja recht. Ein Blinder musste sehen, dass Herr Pohlenz auf
+die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die
+Alster, als dass sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten,
+kalten Haenden schauderte ihr.
+
+Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht
+hatte. Zwar nahm sie es damals fuer Scherz und nahm es auch noch dafuer.
+Aber gesetzt, er haette die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den
+Pomadenhengst mit den Leichenhaenden.
+
+Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese
+Heiratsgedanken? Sie musste ueber sich selbst lachen.
+
+Sie fuellte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein laengliches Stueck
+Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.
+
+Sie hoerte am schweren Auftreten, dass maennliche Kundschaft sie beehrte.
+
+Es war der junge Beuthien, der sonntaeglich gekleidet vor der Tonbank
+stand.
+
+Er bat um einen neuen Halskragen.
+
+"Welche Nummer, Herr Beuthien?"
+
+Ja, wenn er das wuesste, lachte er. Seine Kragen waeren ihm zu eng
+geworden. "Dat kniept all bannig".
+
+Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er passte sie unbeholfen an.
+Da er sich nicht entschliessen konnte, half sie ihm und legte eigenhaendig
+einen Kragen um seinen Hals.
+
+"De passt", empfahl sie.
+
+Als er gewaehlt hatte, musste sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen
+widerspenstigen Hornknoepfe durch die neuen steifen Knopfloecher zu
+druecken. Seine grossen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.
+
+Sie hatte Muehe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart
+kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn hoeher, und sie bewunderte
+seinen braunen kraeftigen Hals.
+
+Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestuem zu Werke, so dass das
+Halsband riss.
+
+"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is moer".
+
+Verlegen besah er den Schaden. Aber es liess sich nichts daran aendern,
+und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.
+
+Sein verlegener Aerger ruehrte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie
+neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu
+reparieren.
+
+Sie noetigte ihn in die Stube. Zoegernd folgte er und nahm mit etwas
+umstaendlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, waehrend sie ihr
+Naehzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.
+
+Ein Blick auf die Strasse zeigte ihr, dass im Parterre gegenueber Lulu
+Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.
+
+"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und liess die Rouleaux
+herunter, um jener einen Einblick zu versperren.
+
+Beuthien schien ihre Bemerkung ueberhoert zu haben.
+
+Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee
+anzubieten.
+
+"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den
+Kuchenteller zu.
+
+Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig,
+als er mit seinem Kaffee.
+
+Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und
+stillte ihre Neugier.
+
+Als er gespraechig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu
+sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten
+Se woll gliek?"
+
+"Ja", antwortete er scherzend. "Wuelln Se min Fru sin?"
+
+"Da foehrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.
+
+"Un mit soess", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.
+
+Schwerfaellig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, dass er ein
+wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Ruecken der linken Hand langsam
+ueber die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.
+
+Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurueckgab griff er nach ihrer
+Hand und legte den Arm um ihre Taille.
+
+"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreissend. "So wiet suend wi ja
+woll noch nich".
+
+Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich fluechtende
+zu erhaschen.
+
+"Nichts fuer ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spass muss
+sind, sagt der Berliner".
+
+"All wo's hin gehoert", sagte sie pikiert.
+
+"Na, denn nich", brummte er gekraenkt und fragte, was er schuldig sei.
+Aber sie wollte fuer die kleine Muehe nichts haben.
+
+"Se foehrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versoehnlich gestimmt.
+
+"Na, dann besten Dank und froehlich Fest".
+
+Er gab ihr die Hand, und sein kraeftiger Druck zwang ihr ein leises Au
+ab.
+
+Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb
+noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner
+kraeftigen Finger laengst verzogen hatten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Therese und Mimi waren spaet nach Hause gekommen, hatten die Vorwuerfe der
+Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes
+Veilchenstraeusschen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann
+gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.
+
+Beim Fruehkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten
+aus. Sie hatten sich "himmlisch" amuesiert, wie Mimi versicherte. Hermann
+sei "zu nett" gewesen. Sie wusste, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen
+loben hoerte.
+
+Nach einer Tasse Kaffee und einem Stueck Torte bei Homann, hatte man zu
+Fuss den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zuruecklegen muessen, da alle
+Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters ueberfuellt waren. Auch dort
+hatte man nur mit Muehe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales
+erwischen koennen. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnuegler
+schnell von der Strasse in die Lokale, und auch der grosse Saal des
+Ludwigschen Etablissements war bald ueberfuellt.
+
+Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfaenglicher der Musik
+des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Ruecksicht auf
+das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natuerlich ein
+Straussischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche
+Art von Truebsinn und Verstimmung.
+
+Wie immer zog das huebsche Maedchen die Blicke der naeher sitzenden Herren
+auf sich. Auch Herrn Pohlenz begruesste man von weitem. Hermann, um nicht
+aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswuerdigkeit
+verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluss des Konzertes, die Maedchen
+zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo
+man vorzueglich ass und vor allen Dingen ungestoert geniessen konnte.
+Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war
+jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu
+entledigen.
+
+Die Wittfoth hatte den froehlichen Berichten der Maedchen nichts
+entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf
+der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wusste nicht den rechten Ton zu
+finden und begnuegte sich, eine grosse Zufriedenheit zu erheucheln, dass
+sie doch einmal einen ruhigen, ungestoerten Nachmittag ganz fuer sich
+allein gehabt haette. Zuletzt aber musste sie doch wenigstens so viel
+verraten, dass der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.
+
+"Der schoene Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.
+
+"Ist er eigentlich so schoen?" meinte Therese, waehrend die Tante, ohne
+auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abraeumte, mit mehr
+Geklapper, als sonst ihre Art war.
+
+Mimi erklaerte Beuthien fuer einen ganz ansehnlichen Mann. Fuer Koechinnen,
+setzte sie hinzu, und liess durchblicken, dass ihre Ansprueche hoeher
+gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zuegen und lobte dagegen das
+ehrliche, gutmuetige Gesicht seines Vaters.
+
+Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in
+Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich frueh auf den Weg, und Nichte und
+Tante blieben allein.
+
+Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den
+Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter
+freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern
+gewuenscht hatte. Man sah und hoerte ihm an, wie gluecklich ihn die
+Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine
+Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, ueberreichte, anscheinend
+wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weisse und bestimmte die
+uebrig bleibende tiefrote fuer "Fraeulein Kruse".
+
+Auch ein Buch, von dem er dem Maedchen gesprochen hatte, lieferte er ab:
+Rueckerts Liebesfruehling.
+
+"Liebesfruehling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was
+auf einbilden", meinte die Wittfoth.
+
+Sie stand dem Verhaeltnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmaedchen
+nicht blind gegenueber. Es amuesierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei,
+die zu nichts Ernstlichem fuehren wuerde. Keinem wuerde das Herz dabei
+brechen, am allerwenigsten dem Maedchen. Uebrigens wollte sie
+gelegentlich mit Hermann darueber reden.
+
+Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blaetterte mechanisch
+darin.
+
+"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die
+Naehmaschine.
+
+"Und Du?" fragte Hermann.
+
+"Du weisst, ich schwaerme fuer Gedichte".
+
+"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll
+Liebe."
+
+Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kuemmerlichen
+Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Toepfen auf dem Fensterbrett
+standen.
+
+"Werft doch die elenden Stoecke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts
+darnach."
+
+"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.
+
+Sie hatte wieder ihre gewoehnliche, gelbblasse, kraenkliche Farbe.
+
+Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwaechlich
+vorgekommen, wie in diesem Augenblick.
+
+"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde.
+Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."
+
+"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.
+
+"Luft und Licht sind Euch beiden noetig ", eiferte er. "Also steckt die
+Nase man mal hinaus."
+
+Er reichte ihr die Hand zum Abschied.
+
+"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger
+Betruebnis.
+
+"Meine Freunde warten", erklaerte er.
+
+"Kommst Du bald wieder?" bat sie.
+
+Er versprach es.
+
+"Adieu, liebe Tante", rief er ueber den Korridor in die Kueche hinein, wo
+die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.
+
+Therese gab ihm das Geleit bis an die Thuer. Lange sah sie ihm nach.
+
+Auf ihren Platz am Fenster zurueckgekehrt, las sie im Liebesfruehling,
+brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der
+Sache zu sein.
+
+Sie wusste ja, das Buch war eigentlich fuer Mimi bestimmt.
+
+Mimi und Gedichte!
+
+Was waren der alle schoenen Gefuehle und erhabenen Gedanken. Was war ihr
+ueberhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfaehige
+Kurmacher.
+
+Mimi war ein gutes Maedchen, aber leicht und oberflaechlich. Und
+anspruchsvoll war sie.
+
+Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverstaendlich
+gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Kroesus.
+
+Therese hatte tausend Gruende gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter
+und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.
+
+Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie
+an. Er galt ihr fuer gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem
+unwissenden, frueh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Maedchen.
+
+"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins
+Zimmer tretend.
+
+"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.
+
+Bei Behns drueben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die
+Familie kehrte von einer Ausfahrt zurueck.
+
+Die Wittfoth stuerzte ans Fenster.
+
+"Die koennen's. Immer nobel."
+
+Fraeulein Lulu verliess als letzte etwas langsam den Wagen.
+
+"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."
+
+Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon,
+schwieg.
+
+"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl
+seit acht Tagen keine frischen Struempfe angezogen."
+
+"So?" zweifelte Therese.
+
+"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.
+
+"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Maedchen.
+
+"Na, jedenfalls wuerd' ich mich schaemen, mit solchen Struempfen
+auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen
+Liebling die ihm aehnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen,
+etwas beschraenkten Mutter an Verstand weit ueberlegen, genoss sie nach
+Kraeften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr
+ermoeglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Traegheit aus, je
+weniger die unter harter Arbeit gross gewordene Mutter vom
+Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren
+oft kraenkelnden Frau von dem gutmuetigen Mann in jeder Weise
+Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.
+
+Mit Hilfe eines Dienstmaedchens und der zweiten, vierzehnjaehrigen Tochter
+Paula, die in allem der Mutter aehnelte, konnte sie recht gut den
+Pflichten des schlicht buergerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die
+Unterstuetzung der aelteren Tochter angewiesen zu sein.
+
+Lulu, die frueh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine fuer ihre
+Verhaeltnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer
+auswaertigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen
+schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.
+
+Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus
+zurueckgekehrt.
+
+Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unueberwindliche
+Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum
+Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kraeftig, kerniger als die Mutter,
+arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmaedchen um die Wette. Gab es
+nichts zu scheuern, putzen, spuelen oder schrapen in der Kueche, so
+spielte sie lieber auf der Strasse mit ihren Altersgenossen, am liebsten
+mit den Knaben, als hinter den Schulbuechern zu sitzen.
+
+Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer
+hinaufgearbeitet hatte, war vernuenftig genug, die Kleine, ihren
+Neigungen und Faehigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.
+
+"Die wird noch mal 'ne fixe Koeksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach
+seiner Art."
+
+Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der
+wollte er hoeher hinaus.
+
+Schon zweimal haette Lulu eine anstaendige Partie machen koennen, aber
+beide Freier waren kleine Handwerker, Anfaenger, und der alte Behn wollte
+fuer seine Lulu einen "Herrn".
+
+Gluecklich war er, wenn ihm das Maedchen vorspielte. Das Blumenlied von
+Gustav Lange, der Kusswalzer von Strauss und die Ouverture zum "Kalifen
+von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestuecke. Diese und
+zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht
+und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populaer gewordenes Lied
+"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie
+jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen
+Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem
+Dienstmaedchen, teilte.
+
+Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinaer geblieben. Auf
+dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.
+
+Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffaelligen und sah infolge ihrer
+Traegheit und Unordnung in jedem neuen Kostuem bald schlampig und
+gewoehnlich aus. Gefallsuechtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in
+Betreff ihrer aeussern Erscheinung zur Schau. Sie wusste, dass sie huebsch
+war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Maenner auf sich zog.
+
+Ihre mittelgrosse, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas
+zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen
+Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen,
+eigenartig verschleiert glaenzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare
+und vor allem der sinnlich muede, luesterne Ausdruck ihres Gesichtes
+machten sie jedem Manne interessant.
+
+Das in der Pension verwoehnte Maedchen hatte nach der Rueckkehr ins
+Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Beruehrung
+kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu liess deutlich durchblicken, dass sie
+hoehere Ansprueche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.
+
+Als aber auch bei ihr dann das Liebesbeduerfnis sich einstellte und sie,
+der vornehmen Maske muede, Annaeherung suchte, war man in ihren Kreisen
+ihrer ueberdruessig geworden.
+
+Die Mutter war besorgt, die Tochter koennte auf diese Weise ganz leer
+ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren haette Lulu noch
+keine so grosse Eile.
+
+"Tid haett se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.
+
+"Du mit Din Baron", schalt er, "foer'n Discher is se mi to god".
+
+"De Hugelmann waer'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern
+is man kruetsch".
+
+"Kann se ok", behauptete er. "Foer'n Discher is se nich in de Pangschohn
+wesen."
+
+"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.
+
+Waehrend die Eltern ueber die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch
+manchmal viel ueberfluessige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit
+vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit
+zurueck lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.
+
+Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes
+Haeuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei
+Jahre frueher verheirateten, aelteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der
+mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschaeft
+eroeffnet hatte.
+
+Hier hatten die Kinder, der zehnjaehrige Wilhelm und die neunjaehrige Lulu
+im taeglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten
+Trennungen, durch Wohnungsveraenderungen bedingt, ueberstand, bis
+allmaehlich der intelligentere, vom Glueck beguenstigte Behn einen zu
+weiten Vorsprung vor seinem frueheren Schulkameraden gewann und "das
+Pensionsfraeulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.
+
+Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Strasse vereinigte, war
+die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern laengst erkaltet. Die
+Vaeter begruessten sich noch gewohnheitsmaessig mit Du, nannten sich aber
+nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.
+
+Lulu war natuerlich fuer den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt
+das Fraeulein Behn, wie er fuer sie Herr Beuthien.
+
+So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus
+zwingenden Geschaeftsruecksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie
+durch vornehme Zurueckhaltung das fruehere Verhaeltnis in Vergessenheit zu
+bringen bemueht war, so wenig schien er von der Naehe der Jugendfreundin
+und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als haette er sie
+garnicht mit auf der Rechnung. Der huebsche, von allen Weibern beachtete
+junge Mann schien durchaus keinen grossen Abstand zu empfinden zwischen
+einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter
+eines fuenffachen Hausbesitzers. Er gruesste sie, wie er ihre Anna,
+das Dienstmaedchen, gruesste und die Kraemersfrau oder die Wittfoth und
+andere Frauen und Maedchen aus den Geschaefts- und Wohnkellern der
+Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen ueberlegenen Herablassung eines
+siegesueberdruessigen Don Juans.
+
+Er war ihr gegenueber entschieden im Vorteil. Das aergerte sie.
+
+Als es mit der Vornehmheit nicht gluecken wollte, suchte sie den
+Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Hoehe
+auszugleichen.
+
+Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm
+Fraeulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte
+die gekraenkte Eitelkeit.
+
+Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse fuer ihn zu
+einer fast krankhaften Leidenschaft.
+
+Fuhr er aus, er musste immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiss am
+Fenster. Sie lauerte ihm foermlich auf.
+
+Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wusste bald, wie
+er mit Fraeulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.
+
+Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm
+nicht mehr als hundert andere huebsche Maedchen auch.
+
+Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen koennte, wie mit der Anna,
+er wuerde etwas darum geben. Es waere ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen
+lassen, wie jede andere Lise.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Frueher als sonst stellte sich der Fruehling ein. Dem spaeten, aber immer
+noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Straeuchern im Maerz
+schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im
+April zuversichtlich heraus.
+
+Ueberall ein Schwellen und Knospen. Gruener Hauch ueber Busch und Baum. Es
+gab schon einzelne heisse Tage, an denen der Ueberzieher laestig wurde,
+und man an die Sommergarderobe dachte.
+
+Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth oeffnete ihr die Thuer
+ihres Kellergewoelbes. Mit der zunehmenden Waerme stand diese den ganzen
+Tag auf. Fraeulein Mimi hatte dann ihren bestaendigen Sitz hinter der
+Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden
+konnte.
+
+Die Dienstmaedchen, die jetzt durch die immer geoeffnete Thuer bequem "mal
+vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzaermeligen
+Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen
+Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.
+
+An der Ecke gegenueber, beim Gastwirt Tetje Juergens, der unter dem
+Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Fruehstueckskeller" seit
+Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflueglern.
+Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen
+"Stehseidel" weiter.
+
+Es war Fruehling, sonnenwarmer Fruehling.
+
+Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem
+Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der
+Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten,
+glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem
+Wintergetraenk zum sommerlichen Trunk kuehlen Augustinerbraeus
+bewerkstelligen.
+
+Im Winter pflegte er allabendlich in dem geraeumigen, gemuetlichen
+Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen
+Steifen zu trinken.
+
+Einmal in der Woche hielt er eine laengere Skatsitzung ab.
+
+Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft sassen die Frauen und
+Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche
+Brauselimonade, waehrend sich die Maenner und Vaeter im Gastzimmer beim
+Spiel erhitzten.
+
+Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der
+Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde
+Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem
+Mittwoch war in den hintern Saelen grosses Tanzvergnuegen. Da sprachen die
+Koechinnen und Dienstmaedchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur
+einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum
+Abendbrot.
+
+Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar,
+gefuehrt von sonntaeglich geputzten jungen Burschen.
+
+Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde
+an der Thuer absetzend, draengten sich zu einem kurzen Rundtanz in den
+Saal. Hausknechte traten im Voruebergehen ein, Kutscher liessen ihre
+Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den
+Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluss im Saal vor,
+oder sie nahmen von den draussen stehenden die erste beste mit hinein. Es
+gab immer neugierige oder schuechterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit
+oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie
+vor einem Bienenkorb. Ein bestaendiges Kommen und Gehen.
+
+Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes
+Maedchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem ueber
+alles geliebten Walzer entgegeneilte.
+
+Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier
+etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine
+rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise
+geschmueckt.
+
+"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgaeste an.
+
+"Ne, ne, lat man", straeubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden
+unschluessig nach.
+
+Ein huebsches Dienstmaedchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weisser
+Schuerze mit Spitzenlaetzchen, nickte ihm im Voruebergehen wie einem alten
+Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluss zu bestimmen, und er
+folgte ihr schnell.
+
+Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor
+Tanzlust, Neid und Eifersucht.
+
+Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthuer gedraengt und kam nun mit
+gluehenden Wangen und leuchtenden Augen zurueck.
+
+"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz.
+
+"Du? Dummes Goer! Toef, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter.
+
+Die Kleine wurde etwas bestuerzt.
+
+"Es war man bloss Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich
+wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein".
+
+Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt.
+
+"Wie gemein", sagte sie naseruempfend.
+
+"Ach Du", warf ihr die Kleine veraechtlich ueber die Schulter zu.
+
+"Dass Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen,
+die am naechsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend.
+
+"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein
+geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende
+Frau.
+
+Lulu, die es hoerte, erroetete.
+
+"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unertraeglich hier",
+sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, dass man
+an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte.
+
+Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spoettisches Echo an jenem Tisch
+ungezogener Gruenschnaebel.
+
+"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand
+auf.
+
+Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten,
+liess sie gewaehren.
+
+Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedraengt. Jenes huebsche
+Dienstmaedchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr
+vorueber.
+
+"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Brieftraeger nach. Aber
+Marie hoerte nicht.
+
+Lulu, entruestet ueber den Stoss, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien,
+eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal
+zurueckkommen. Von neuen Ankoemmlingen am Weiterschreiten gehindert, musste
+sie ihn herankommen lassen. Sie beruehrten sich im Voruebergehen, aber er
+sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen.
+
+Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurueck.
+
+Ihre Lampe war nicht gefuellt, und sie liess ihren Aerger an Anna aus.
+
+"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das
+Maedchen.
+
+"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange
+der verdutzten Ungehorsamen.
+
+Ohne ein Wort zu wagen, erfuellte die Gemassregelte Lulus Befehle.
+
+Diese ploetzliche Energie des sonst so gleichmuetigen, phlegmatischen
+Fraeuleins imponierte ihr so, dass sie verstummte. Nur in der Kueche ballte
+sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde spaeter vor
+Wut in Thraenen aus.
+
+Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten
+Unmutes ihre Gemuetsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf
+keinen guten Fuss mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores"
+gelehrt zu haben.
+
+Dass die Geschlagene die Zuechtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum
+erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.
+
+Es war ihr, als haette sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen
+anderen Maedchen geraecht, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens
+Umgang und Freundschaft genossen.
+
+Sie lachte einmal im Genuss dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf.
+Am liebsten haette sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die
+Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Goer. Sie haette
+sie knuffen moegen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.
+
+Anna hatte eigentlich die ihr zugefuegte Schmach mit einer Kuendigung
+beantworten wollen, besann sich aber mit Ruecksicht auf die gute
+Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.
+
+Im Stillen naehrte sie von jetzt an einen gluehenden Hass auf Lulu, der sie
+so viel als moeglich aus dem Wege ging.
+
+Zwei Tage spaeter war Lulu im Laden der Wittfoth zufaellig Zeuge, wie
+jenes Maedchen, Beuthiens Taenzerin, erzaehlte, dass sie am Mittwoch mit
+dem jungen Fuhrmannssohn getanzt haette.
+
+"Das is aber'n Flotten", schwaermte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".
+
+Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzaehlte sie weiter, im Ottensener
+Park. Leider aber haette ihre Madam grossen Kaffee, und so koenne sie nicht
+fort.
+
+"Und er bat mir doch so herzlich", schloss sie bedauernd.
+
+Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich
+niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park.
+
+Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten
+verwirklichen koennte. Sie war wie besessen von der Idee.
+
+Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen
+leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein wuerde. Allein getraute
+sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Maedchen, eine
+Maentelnaeherin in einem grossen Altonaer Konfektionsgeschaeft, irgend
+einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles
+konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen.
+
+Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme fuer
+ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach.
+
+Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter
+Aufregung dem Sonntag entgegen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit
+Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Taenzer getroffen. Er
+hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte
+seinen Gruss kokett erwidert.
+
+"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre
+Freundinnen draengten sich neugierig an sie.
+
+"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen,"
+erzaehlte sie.
+
+"Das luegst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.
+
+"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."
+
+Unglaeubig trennte man sich.
+
+Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschoenen
+Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreissen hatte sie schon
+Mut, aber wenn man sie dort saehe, es ihrem Vater hinterbraechte?
+
+Sie suchte mit Beuthien naeher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst
+zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spuelen der
+Droschken oder bei sonstiger Beschaeftigung, so blieb sie keck stehen und
+redete ihn an.
+
+Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Buerste nach ihr
+gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schuerze nass gemacht," schalt
+sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am naechsten Tag dachte sie, ob
+er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.
+
+Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen
+dreizehnjaehrigen Luemmel von Jungen, einen Schueler der Mittelschule. Aber
+Bernhard Pruessnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich
+keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch
+eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."
+
+Beuthien amuesierte sich ueber das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl,
+dass jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte
+Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.
+
+"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem
+Reinigungswerk auf der Strasse zusah.
+
+"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die
+hat's faustdick hinter den Ohren."
+
+Er lachte.
+
+"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer
+Pause, in der sie mit anscheinend grossem Interesse beobachtete, wie er
+das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen liess, es waschend
+und schmierend.
+
+"Gewiss, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.
+
+"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, passt
+mir immer auf."
+
+"Dann bring sie mit," scherzte er.
+
+Lulu war entruestet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld
+ueberbrachte.
+
+"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"
+
+"Das kannst Du thun," antwortete Paula moeglichst gleichgiltig. "Dann
+sag' ich Papa, dass Du Anna geschlagen hast."
+
+Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."
+
+Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Voruebergehen: "Paula, ist es
+wirklich wahr, mit Beuthien?"
+
+"Was denn?"
+
+"Ach Du weisst ja, was ich meine."
+
+"Ich lueg nicht so wie Du."
+
+Zu jeder andern Zeit waere Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung
+geblieben. Diesmal hoerte Lulu sie kaum.
+
+Eine halbe Stunde spaeter war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter
+dem Ruecken der Schwester auf die Sache zurueckkam. "Wenn Du's Vater
+sagst, hau ich Dich," fluesterte sie.
+
+Jetzt haette Lulu gar zu gerne die gehoerige Antwort gegeben, aber um die
+Mutter nicht aufmerksam zu machen, musste sie auch diese angenehme
+Eroeffnung stillschweigend entgegennehmen.
+
+Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester hoechst gleichgiltig. Ihr
+jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, waere obendrein
+unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuss, konnte sie
+ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.
+
+Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum
+Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschluessel nicht zu
+vergessen. Man wolle recht vergnuegt sein, und es wuerde voraussichtlich
+spaet werden.
+
+"Dat is doch nett von Lene Kroeger, dat se noch an Di denkt," meinte
+Mutter Behn. "Se war immer so'n luett anghaenglich Deern. Wat schenkst Du
+ehr denn?"
+
+Lulu entschloss sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade,
+die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei
+kleinen Aufmerksamkeiten gegen das huebsche Maedchen, obgleich er sich mit
+Ruecksicht auf Therese immer noch Zurueckhaltung auferlegte. Sein gutes
+Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer
+Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die
+Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die
+Geliebte laenger als fuenf Minuten alleine zu sprechen.
+
+Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben,
+sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzaehlen, wenn er ihr
+eine Blume oder ein Flaeschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich
+genoetigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht
+zurueckzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des
+Verliebten den fuer Mimi bestimmten Gegenstaenden noch irgend einen
+kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, dass er sie
+auszeichnen wollte.
+
+Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den haesslichen gruenen
+Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden muessen. Ein solches
+Wertstueck konnte er ihr unmoeglich oeffentlich ueberreichen, ohne die
+Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen
+entschuldigt.
+
+Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude
+entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbuendeten der goldenen
+Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine hoechst annehmbare
+Partie, ein Verehrer, den man warm halten musste. Sie fand ihn schon
+ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so uebel.
+
+Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den
+beiden Maedchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner
+gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit stoerend empfand, war ihm der
+lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu
+verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht
+gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmaedchen seiner Tante.
+
+Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.
+
+Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter
+Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der
+Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf
+den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu
+werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer
+geruehrt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.
+
+Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem
+Rathausmarkt die Pferdebahn verliessen, um eine Droschke erster Klasse
+anzurufen. Mimi, entzueckt ueber Hermanns Gentilitaet, strahlte vor
+Vergnuegen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefaehrts
+zurueckgelehnt, wie eine Dame durch die Strassen rollte.
+
+Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Bueste kam in dem
+straff anliegenden schwarzen Jaeckchen, das sich wirkungsvoll von dem
+schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schoensten Geltung. Eigenhaendig
+hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch
+gesteckt. Ein leichtes Strohhuetchen, nur mit weissen, duftigen Spitzen
+garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.
+
+Hermann, der auch seine kleinen Schwaechen besass, hatte Mimis Vorliebe
+fuer das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war
+nun alle paar Minuten beschaeftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit
+seinen bismarckfarbenen Haenden--er trug mit Vorliebe diese
+Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese
+Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten
+gewiss in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine
+Ladenmamsell.
+
+Unterwegs entschloss man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnuegen
+bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem
+eine halbe Stunde weiter elbabwaerts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von
+da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurueckkehren
+und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschliessen.
+
+Aber ein Blick in den Vergnuegungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte
+Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf
+Hermanns Vorschlag, dem naechstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park,
+einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fuehlen und ohne
+Furcht gesehen zu werden, der hoechste Vorteil einer grossen Stadt, unter
+die Taenzer mischen durfte.
+
+Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der
+Umweg war ihnen willkommen.
+
+Es war schon daemmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und
+Knicks, oder auf schmalen Fusssteigen an Wiesenraendern, ohne einen
+Menschen zu treffen.
+
+Mimi war sehr aufgeraeumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung.
+Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Graeben
+zu draengen, kitzelte sich mit langhalmigen Graesern unter die Nase und
+trieb allerlei Kindereien.
+
+Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht
+heute, auch Hermann. Er kam ihr fast huebsch vor.
+
+Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine
+eigentuemliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren
+Narrheiten.
+
+Gab es eine passendere Gelegenheit fuer ihn, sich auszusprechen? Forderte
+ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen
+wuerden?
+
+Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige
+Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des
+Weges genoetigt, hinter ihr.
+
+"Sehen Sie, die bluehen schon," rief sie ploetzlich, stehen bleibend, und
+zeigte auf einen schwankenden, ueberhaengenden Weissdornzweig, an dem die
+ersten Knospen sich erschlossen hatten.
+
+Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und
+streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.
+
+Da sie vor ihm stand, musste er sie gewaehren lassen. Aber sie muehte sich
+vergeblich, und er griff ueber ihre Schulter weg gleichfalls nach dem
+Zweig.
+
+Wie sie so aneinandergedraengt standen, alles an ihrem schlanken,
+jugendkraeftigen Koerper straff gespannt, fasste es ihn mit Gewalt. Er
+umfing sie und drueckte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen
+Kuss auf den Mund.
+
+Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht,
+und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses
+Spazierganges nicht ungern gesehen, so fuehlte sie sich doch bei dieser
+unerwarteten Beruehrung ploetzlich ernuechtert. Sein heisser Atem, die
+feuchte Waerme seiner breiten, schwuelen Lippen floessten ihr Widerwillen
+ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.
+
+Scham, Zorn und Bestuerzung liessen sie anfangs auf Sekunden verstummen.
+Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem
+Gesicht, das sich in jaehem Wechsel zwischen rot und weiss verfaerbte,
+zeigte ihm deutlich, dass er zu kuehn gewesen war.
+
+Betreten suchte er durch einen flauen Scherz ueber die Verlegenheit
+hinweg zu kommen.
+
+"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen,
+peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".
+
+"Aber Fraeulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.
+
+"Ganz gewiss", beteuerte sie.
+
+Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestuerzt aus.
+
+"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.
+
+"O, das hat niemand gesehen", meinte er, gluecklich, sie ihre gute Laune
+wieder gewinnen zu sehen.
+
+"Sind Sie mir boese"? fragte er, sich ihr naehernd.
+
+"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fuerchte sie eine
+neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.
+
+Nun wurde auch Hermann aergerlich. Hatte sie sich nicht frei und
+ausgelassen genug benommen, dass er auch seinerseits sich wohl vergessen
+konnte?
+
+"Wenn es Ihnen lieber ist, Fraeulein Kruse", sagte er verletzt, "so
+bringe ich Sie bis zur naechsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren
+so vergnuegt, und ich bitte Sie um Verzeihung".
+
+Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet.
+Er haette freilich den Kuss unterwegs lassen koennen, aber so tragisch war
+doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von
+der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer fuer den
+Rest des Abends zu entledigen?
+
+"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur
+Antwort.
+
+"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lueftete den
+Hut.
+
+Sie zoegerte und bohrte die Spitze ihres weissen Spitzenschirmes in den
+tiefen weichen Sand.
+
+"Sie sind abscheulich!" stiess sie ploetzlich hervor. Sie zog die
+Unterlippe unter die Oberlippe, und Thraenen standen ihr in den Augen.
+
+Sofort war er geruehrt.
+
+"Aber liebes Fraeulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er
+legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.
+
+Zum Schein sich straeubend, mit der behandschuhten Rechten eine grosse
+Thraene von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schaemte sich,
+und ein noch halb mit dem Weinen kaempfendes Lachen foerderte einen
+drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.
+
+Dieser komische Laut gab Anlass zu erneutem Lachen, und der Friede war
+geschlossen.
+
+Sie haette sich jetzt noch einmal von ihm kuessen lassen, aber er ging
+sittsam neben ihr her.
+
+Der Umweg erwies sich groesser, als Hermann ihn geschaetzt hatte, und es
+herrschte voelliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den
+bebauten Weg einbog, der nach dem erwaehnten Tanzlokal fuehrte. Die
+Strassenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende
+Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen
+Lampen.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Frueher bei den kleinen
+Buergersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten
+sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung
+durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der
+jungen tanzlustigen Welt.
+
+Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und
+Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum groessten Teil aus
+Naeherinnen, Schneiderinnen, Dienstmaedchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin
+und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die
+sonst in St. Pauli, der froehlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres
+Feld fuer ihre Thaetigkeit fanden.
+
+Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche
+unter lichtdaempfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten
+ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von gruen angestrichenen
+Pfaehlen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden
+Drahtboegen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.
+
+In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen gruenen Anstrich
+versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populaere Musikstuecke vor.
+
+Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der
+vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich
+abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermuedeten
+Ankoemmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die
+gedaempften Klaenge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es
+war voll drin, und sie mussten eine Weile stehen, bis sie an einem
+Seitentisch Platz fanden.
+
+Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe
+abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem
+solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den
+tanzlustigen Paaren.
+
+Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal
+anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen
+schmaechtigen Taenzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.
+
+Er war erstaunt.
+
+"Ist das nicht die von drueben?" fragte er Mimi.
+
+Sie folgte seinem Blick.
+
+"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"
+
+"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.
+
+"Aber die"?, meinte Mimi.
+
+Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Bruenette, die
+unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht
+die Achseln zucken, worauf ein breites, spoettisches Grinsen das
+sinnliche gutmuetige Gesicht der anderen keineswegs verschoente.
+
+"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi
+entdeckt und ihr mit erstaunt in die Hoehe gezogenen Brauen einen
+verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verstaendnisvolles
+Laecheln folgen liess. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin
+los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.
+
+"Um Gotteswillen, Fraeulein, erzaehlen Sie nichts," bat sie aengstlich.
+"Mein Vater schlaegt mich tot."
+
+"Sein Sie ohne Sorge", troestete Mimi. "Eine Kraehe hackt der anderen die
+Augen nicht aus".
+
+Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch.
+Schoene Seelen finden sich".
+
+"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kuehlung faechelnd, hinzu und
+entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.
+
+Ein semmelblonder, ueberhoeflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in
+singendem, saechselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und
+Hermann musste wohl oder uebel ebenso hoeflich gewaehren.
+
+Da Lulu ohne Taenzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer.
+Sie war hoechst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte
+sie keinen Verrat mehr zu befuerchten.
+
+Hermann, selbst ein guter Taenzer, hatte selten eine so gute Taenzerin
+gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.
+
+Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses
+sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie
+selbst auch.
+
+Sie sah vorteilhaft aus und wusste sich lebhaft und zwanglos zu
+unterhalten.
+
+Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar
+auf.
+
+"Suchen Sie jemand, Fraeulein", fragte er.
+
+"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.
+
+Einen Augenblick vergass Hermann ueber Lulu Mimi und den Semmelblonden,
+bis sie beim Anschliessen vor ihm zu stehen kamen und er sich ueber die
+singenden Komplimente des Sachsen aergerte, um so mehr, als Mimi in
+heiterster Laune auf das fade Geschwaetz einging.
+
+Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenueber, die
+befremdet diese Veraenderung bemerkte.
+
+Auf einmal ging ein Fluestern durch die Reihen, und neugierig wandte sich
+hier und da ein Maedchenkopf nach dem Eingang des Saales.
+
+"Der schoene Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.
+
+"Wer?" wandte sich Hermann an seine Taenzerin.
+
+Lulu war ganz blass geworden und schien seine Frage ueberhoert zu haben.
+
+Mimi aber wandte sich laechelnd um.
+
+"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.
+
+"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurueck.
+
+"Der schoene Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie
+doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte
+ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Naehe des Saaleingangs.
+
+"Ach", rief Hermann. "Gewiss, das ist also der schoene Wilhelm? Na, jeder
+nach seinem Gusto. Die Damen muessen's wissen."
+
+"Aber sind Sie nicht wohl, Fraeulein?" wandte er sich erschrocken an
+Lulu.
+
+"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch
+wie zur Kuehlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen,
+Herr Heinecke?"
+
+Sie hatte seinen Arm fahren lassen.
+
+"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas
+erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.
+
+"Lass man, Caesar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl
+wieder werden."
+
+Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhoehten Standpunkt aus sofort
+Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen.
+Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen
+Freude, der Erfuellung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe
+zu sein.
+
+Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?
+
+Sonderbar. Oder----
+
+Ein ueberlegenes Laecheln flog ueber sein huebsches Gesicht. Die vielen
+begehrlichen Maedchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen
+Platz zu veraendern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald
+wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespraech
+mit der Freundin.
+
+Kurz entschlossen ging er auf die beiden Maedchen zu, liess Lulu fast
+unbeachtet und forderte Lene Kroeger zum Walzer auf.
+
+Lulu biss sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurueck. Sie war
+kreideweiss geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Naehe, und sie
+war froh, sich setzen zu koennen.
+
+Lene Kroeger hatte mit einem jungfraeulichen Erroeten Beuthiens Arm
+genommen, vergebens bemueht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese
+unerwartete Aufforderung geschmeichelt fuehlte. Mit zusammengekniffenen
+Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.
+
+Lene Kroeger galt frueher fuer die beste Taenzerin in diesen Kreisen, eine
+Schwester von ihr war sogar Solotaenzerin beim Ballett der Zentralhalle.
+
+Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie grazioes die hagere, eckige Person
+sich zu wiegen verstand.
+
+Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!
+
+Beuthien schien kein Ende finden zu koennen. Und wie die Lene lachte. Er
+sprach in einem fort mit ihr.
+
+Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurueck. Mit einer
+kurzen, nachlaessigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung
+schleuderte Beuthien das lange Maedchen foermlich auf seinen Sitz zurueck.
+
+"Der tanzt aber", stiess Lene hochatmend hervor und faechelte sich mit dem
+Taschentuch Kuehlung zu.
+
+Lulu war dem Weinen nahe. Muehsam bezwang sie sich.
+
+"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.
+
+"Na nu, was kann ich denn dafuer?" fragte Lene unschuldig.
+
+Lulu schwieg.
+
+"Kind, sei doch nicht puetscherig", lachte die gutmuetige Bruenette. "Er
+wagte sich nur nich ran."
+
+Das log sie allerdings, und Lulu brummte:
+
+"Unsinn."
+
+"Er kommt noch, pass auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut
+tanztest."
+
+"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekraenkte hastig ins Wort.
+
+"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht
+Dich schon".
+
+Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinlaender.
+
+"Mein Gott, was ist das? Rheinlaender?" fragte Lulu bestuerzt. "Den kann
+ich nicht."
+
+"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.
+
+Und da war er auch schon.
+
+"Mein Fraeulein."
+
+Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick
+pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militaerisch vor Lulu
+auf.
+
+Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.
+
+Was fiel ihr ein?
+
+Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das
+Blut stroemte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hoerte kaum die Musik.
+
+Zum Glueck trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloss sich
+den promenierenden Paaren an.
+
+"Auch'n bischen hier, Fraeulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt
+denn das?"
+
+"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.
+
+"Nettes Maedchen", lobte er. "Rank und schlank. Schroeder heisst sie?"
+
+"Kroeger", berichtigte sie.
+
+Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem
+Rhythmus des Rheinlaenders, und sie ueberliess sich aufatmend seiner
+Fuehrung.
+
+"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr waehrend des Tanzes.
+
+"Meinen Sie?"
+
+Er hob sie statt einer Antwort mit kraeftigen Schwunge vom Boden, so dass
+sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es
+schien ihm Vergnuegen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht",
+keuchte sie.
+
+Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so dass sie die Zaehne
+zusammenbiss.
+
+"Hoch geht's hier her, Fraeulein. Das ist mal nicht anders."
+
+Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefuehl kaempfte ihre Scham nieder.
+
+"Wenn der Alte das wuesste", aengstigte er sie.
+
+"Um Gottes Willen", fluesterte sie, als staenden Aufpasser hinter ihnen.
+
+"Der Segen", meinte er bezeichnend.
+
+So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er liess Lulu nicht von sich
+und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.
+
+Sie, uebergluecklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer
+gespraechiger und munterer. Sie liess sich von ihm mit Bier traktieren, er
+lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und
+eine gemuetliche Vertraulichkeit stellte sich ein.
+
+"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem
+Tisch vorueber ging, wo die Drei sich guetlich thaten.
+
+"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"
+
+"Gewiss", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht.
+Ich kenne meine Pappenheimer."
+
+Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflaechlich und war
+nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen
+Droschkenkutscher in solcher Intimitaet auf dem Tanzboden zu treffen,
+denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu
+die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und
+konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer
+noch, und Hermann musste nachgeben.
+
+Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnuegen. Es wollte
+ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und
+"Haeringsbaendigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war
+chokiert, dass Mimi an solchen "Herren" ueberhaupt Gefallen fand und sie
+auf gleiche Stufe mit ihm stellte.
+
+Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer
+in dem Maedchen, das ihn ueberraschte. Seine Leidenschaft haette Kuss auf
+Kuss gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg
+gegangen waere.
+
+Einen Handkuss hatte er waehrend eines Walzers sich erlaubt, und er war
+ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit
+ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu
+bringen. Welche Tanzwut!
+
+Endlich hatte er sie zum Gehen ueberredet. Als er ihr in der Garderobe
+behilflich war, kostete es ihm Muehe, sich in Gegenwart der
+Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Naehe und das
+Veilchenparfuem, das ihrem schwarzen Jaeckchen entstroemte.
+
+"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.
+
+"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."
+
+"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der
+Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der
+Heldenthat vom Feldweg draengte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.
+
+Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.
+
+Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.
+
+Mimi sah ihm erschrocken zu.
+
+Er stuerzte in den Saal zurueck und kam blass und verstoert wieder. Das
+Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstueck und
+einiges Silbergeld, fuenf bis sechs Mark, wie er schaetzte.
+
+Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln,
+bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts uebrig, als
+sich vorlaeufig in den Verlust zu fuegen.
+
+Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel
+Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafuer keinem Pfennig.
+
+"Haben Sie Geld bei sich, Fraeulein?" fragte er zoegernd.
+
+Sie erroetete heftig.
+
+"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.
+
+Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte.
+Was half es, man musste es versuchen. Unmoeglich konnte man den weiten Weg
+von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuss gehen.
+
+Lulu war erfreut ueber diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu
+verpflichten.
+
+Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstuecken abzuzaehlen.
+
+"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein
+Portemonnaie und wog es protzig in der Linken.
+
+"Bitte nehmen Sie", draengte er Hermann ein Zehnmarkstueck auf. "Wir sehen
+uns ja wieder."
+
+Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefaelligkeit an, aber um
+nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.
+
+Das war ein unerfreulicher Schluss des Tages. Es war keine Aussicht
+vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das
+Vergnuegen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte,
+stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust,
+da hiess es, bis zum naechsten Ersten sich sehr einschraenken. Es ging so
+schon bis hart an die Grenze seiner pekuniaeren Kraefte, seine Liebe
+kostete ihm viel.
+
+Mimi wurde in der Pferdebahn muede und gaehnte ein paar mal herzhaft.
+Hermann konnte nicht ueber seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute
+er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi
+zu nennen. Er war mit einmal sehr ernuechtert, und Mimi kam ihm, wie sie
+sich schlaefrig in die Ecke des Wagens drueckte, sehr unvorteilhaft vor.
+
+Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren
+Dank fuer den "wunderschoenen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen
+wieder auf.
+
+Ach was, dachte er. Es war doch schoen. Der Kuss zwischen den Hecken fiel
+ihm ein.
+
+"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den
+Griff der Ladenthuer beruehrte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen
+hatte.
+
+Eine Sekunde sah sie ihn verstaendnislos an. Er umfasste sie, und halb
+muede, halb in gutherziger Aufwallung, liess sie es geschehen, dass er sie
+kuesste.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil
+Pohlenz, von der Firma Mueller und Lenze, ohne Probenkoffer, im
+Gesellschaftsanzug, mit hellen Glaces und modernstem Cylinder in einer
+Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth
+angehalten.
+
+Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Raeuspern und Fussscharren
+einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis
+ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der grosse, altvaeterische
+Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen,
+dass der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Hoeflichkeit die
+Wand streifte und mit einem weissen Aermel die "gute" Stube erreichte.
+
+Das hatte willkommenen Anlass gegeben, im Verlauf der
+Reinigungsbemuehungen die beiderseitige Verlegenheit zu ueberwinden.
+
+Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend,
+mit schmachtendem Blick ueber das goldene Pincenez hinweg, hatte dann
+Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Fuessen gelegt, "nach reiflicher
+Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, dass sie zusammen gluecklich
+werden wuerden".
+
+Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, dass sie in
+ihrem fuenfjaehrigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzuege der Ehe zu
+schaetzen verlernt hatte, und liess durchblicken, dass die gebotene
+Gelegenheit zur Rueckkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung
+nicht unwert erschien.
+
+Herrn Pohlenzens kaufmaennische Tuechtigkeit wuerde unbedingt das Geschaeft
+ungeahntem Glanz entgegenfuehren, das Kapital von sechstausend Mark, das
+er mitbraechte, waere nicht zu verachten, und was "das Uebrige"
+anbelangte, so fuehle sie sich ungemein geschmeichelt und waere ueberzeugt,
+dass gegenseitige Achtung und Ruecksichtnahme das erhoffte Glueck
+verbuergen wuerden.
+
+Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung
+ueber allen Zweifel, und "Ruecksichtnahme, mein Gott, Ruecksichten muessten
+wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".
+
+Nachdem man noch eine Viertelstunde ueber das Glueck der Ehe im
+allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im
+besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte,
+musste Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem
+inhaltsschweren Schritt zu draengen. Acht Wochen Bedenkzeit moege er ihr
+gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt,
+sie wisse die Ehre zu schaetzen.
+
+Herr Pohlenz wollte durchaus nicht draengen. Acht Wochen waere zwar eine
+lange Zeit, "wenn es sich um das Glueck eines Lebens handelt". Hierbei
+unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen
+Besichtigung, als ueberlegte er, ob derselbe auch diese Pruefungszeit
+ueberstehen wuerde.
+
+Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche
+Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie
+Mann und Frau vorgekommen, und der Mann waere denn doch immer "derjenige,
+welcher".
+
+Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch
+immerhin fuer einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck
+durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.
+
+Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muss man
+selbst denken", ein Gros Perlmutterknoepfe, kleinste Nummer. Dann trennte
+man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg
+angestellt hatte, mit verbindlichem Haendedruck.
+
+Der vertroestete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke
+geoeffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Ruecken ihre Rechte
+heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.
+
+In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, fuer immer?
+
+Jedenfalls wuerde sie sich das in den acht Wochen noch gruendlich
+ueberlegen.
+
+Die beiden Maedchen, die schon lange ueber Herrn Pohlenzens spekulatives
+Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten
+keinen Augenblick Zweifel darueber gehegt, welche geschaeftlichen
+Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von
+Mueller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.
+
+Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke
+der Maedchen mit einem nicht misszuverstehenden Laecheln deren Vermutungen
+betaetigte.
+
+"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schuettelnd vor Heiterkeit.
+Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wusste, wie die
+Wittfoth ueber ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser
+Knirps, dieser Pomadenhengst.
+
+"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.
+
+"Na, na!" neckte Therese.
+
+"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.
+
+Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wusste
+sie nun doch zur Genuege, dass zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres
+Verhaeltnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr
+der beiden hatte nach jenem, fuer Hermann so "teueren" Sonntag die
+bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer
+Eifersuechtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug
+und hatte nicht nur Therese gegenueber Andeutungen gemacht, sondern auch
+ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.
+
+Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewaehrte
+Gutenachtkuss versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte,
+war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.
+
+So hielt er denn auch der Tante gegenueber nicht hinter dem Berg. Es sei
+seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte
+er sicher zu sein. Von Michaelis an erfuehre sein Gehalt die planmaessige
+Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des
+Maedchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die
+Entscheidung stellen.
+
+Frau Caroline hatte keine Gruende dagegen, hielt es aber doch fuer ihre
+Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.
+
+Eigentlich beruehrte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine
+andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine
+Doppelverlobung verursachen wuerde. Tante und Neffe, Prinzipalin und
+Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das wuerde etwas fuer die Nachbarn
+sein.
+
+Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch
+sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.
+
+Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen ueber die Kuesserei geaergert.
+Sie war hoechst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann
+gegenueber benehmen?
+
+An und fuer sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so
+unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie
+auf Hermann gemacht.
+
+War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Naehe, war es ihr immer, als muesste
+er sie jeden Augenblick umfassen und kuessen. Gewoehnlich suchte sie sich
+den Ruecken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem
+Bann, wenn sie ihn hinter sich wusste, allein mit ihm, und wie ein Wunsch
+nach verbotenen Fruechten stieg es heiss in ihr auf.
+
+Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese
+und der Prinzipalin gegenueber. Sie waere auch noch eher darueber weg
+gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden
+haette. Aber das war jetzt alles so peinlich.
+
+Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer
+Liebenswuerdigkeit, die sie den andern gegenueber in Verlegenheit setzen
+musste.
+
+Dass er jetzt ihr gehoerte, ganz, dass sie nur die Hand nach ihm
+auszustrecken brauchte, war ihr ueber jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang
+musste er sich erklaeren. Was dann?
+
+Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefuehl, das sie fuer ihn
+empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder
+gesunde Mann einfloesste, der heiratsfaehig und im Besitz seiner graden
+Glieder war. Liebe war das nicht.
+
+Ueber die Liebe hatte sie ueberhaupt ihre eigenen Gedanken.
+
+Wie hatte sie im vorigen Jahr fuer den braunen, schwarzbaertigen
+Postsekretaer in der Neustrasse geschwaermt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn
+noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr
+nicht gebrochen.
+
+Und der huebsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf,
+und der dunkelaeugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer
+so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Fuer jeden
+hatte ihr Herz schneller geschlagen, als fuer Hermann.
+
+Ob das Liebe war?
+
+Dann war es nichts Bestaendiges, die Liebe, und jedenfalls nichts
+Unentbehrliches zum Heiraten.
+
+Freilich, sie moechte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt,
+wie es in den Buechern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.
+
+"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."
+
+Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schoen vor, so wie sie
+auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit
+Gefuehl, dass man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und
+lese es nicht nur.
+
+Aber die Dichter und Romanschreiber uebertreiben immer.
+
+Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefuehlen.
+
+Und das mochte sie auch an Hermann nicht, dass er manchmal so sentimental
+sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was
+Therese gerade so "reizend" an ihm fand.
+
+Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit
+thaete ja viel. Wenn sie erst immer zusammen waeren, fiele ihr das
+vielleicht nicht mehr so auf.
+
+Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi pruefte oft in Gedanken, wie sich das
+ausnaehme; es schien ihr nicht uebel zu klingen.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annaeherung auf dem
+Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit
+genommen.
+
+Lulus Angst, ihr Abenteuer moechte durch irgend einen Zufall ihrer
+Familie verraten werden, wurde bald eingeschlaefert. Lange Nachgedanken
+und aengstliche Sorgen lagen ueberhaupt nicht in ihrer Natur.
+
+Und wie viel groessere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.
+
+Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin,
+das Pensionsfraeulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab
+zu ziehen. Aber auch ihre Person liess ihn nicht kalt. War er auch nicht
+verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal
+etwas anderes und besseres als Stine und Mine.
+
+Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Ueberlegung; wer weiss, wie es
+kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.
+
+Freilich, es war hoechst unwahrscheinlich, dass der alte Behn sie ihm
+jemals geben wuerde.
+
+Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf
+aus.
+
+Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie
+ihrer Neigung fuer den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre
+gewoehnliche Natur sich fuer die Verbildung, fuer die aufgedrungene
+Ueberfeinerung raechen wollte.
+
+Leichter, als die erste Wiederannaeherung, war die Fortsetzung des
+Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschraenkt in ihrem Thun und
+Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er
+bestimmte.
+
+Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie
+ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu
+lange aus, so dass er ueber die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und
+den Fuhrlohn abliefern musste, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht
+kaerglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermoeglichten sie, da auch er
+in noetigen Faellen nicht mit dem Gelde zurueckhielt, gelegentlich weitere
+Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit
+parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstrassen in schon laendlicher
+Gegend sich sicher fuehlten.
+
+Lulus ruhige, traege Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause
+jeden Verdacht nieder zu halten.
+
+Sie war nicht leicht aus ihrer taeglichen Art und Weise zu bringen. Zu
+statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem haeufig an Kopfschmerzen
+leidenden, verwoehnten Maedchen, das sich in den Jahren seiner groessten
+Entwickelung viel zu wenig Koerperbewegung machte, taegliches, womoeglich
+mehrstuendiges Spazierengehen empfohlen hatte.
+
+So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die
+schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten
+Tochter als wohlthaetige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergaenge, ohne
+zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.
+
+Schuldbewusst, jeden Anlass zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in
+ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender,
+nachgiebiger.
+
+Anna, die seit jener thaetlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg
+gegen Lulu gefuehrt hatte, war ploetzlich entlassen worden.
+
+"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.
+
+"Se is rinfull'n," hiess es bei den Kolleginnen der Gekuendigten.
+
+Die offizielle Behnsche Erklaerung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner
+Tochter nicht vertragen koennen."
+
+Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Maedchen vom Lande,
+kam fuer Lulu nicht in Frage. Ihrer Autoritaet konnte von der Seite kein
+Angriff drohen.
+
+Die Hauptsache fuer sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.
+
+Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Taenzer hatte keine Abnahme
+erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Maedchen eine willkommene
+Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefuegiger zu machen.
+
+"Ich sag's Paula," drohte er, und aengstlich gab sie nach.
+
+Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen
+zu koennen, hatte schliesslich Mut gefasst und sich an einem unbewachten
+Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem
+Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der
+Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.
+
+Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Pruessnitz,
+der mit einem aelteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.
+
+Der Erkennung war eine hastige Begruessung gefolgt.
+
+"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.
+
+"Kostet das was?"
+
+"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."
+
+Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stuerzten sie sich unter die
+Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heissen Wangen.
+
+"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er huepfte wie ein
+junger Hahn und stiess sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er
+sie stehen liess, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht
+tanzen.
+
+Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand
+heftig am Ellbogen zerrte.
+
+"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."
+
+Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermissten von dem untrueglichen
+Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Fluechtling sofort hier
+vermutet hatte.
+
+Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das
+groessere, ihr ueberlegene Maedchen ihr einschaerfte, kam es nun zwar nicht
+an den Tag, aber auf irgend eine fuer Paula unbegreifliche und nie
+aufgeklaerte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung
+seiner Juengsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung
+ihres fruehzeitigen Unternehmungsgeistes.
+
+Paula, wuetend auf den unbekannten Verraeter, bezichtigte unter zwanzig
+anderen auch Lulu der Schaendlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese,
+der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im
+Entdeckungsfalle warten wuerde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu
+sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte ueberhaupt
+nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."
+
+Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se
+ward ja ok uemmer oeller und verstaenniger", meinte sie.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch
+haeuserlosen Strasse in seine Droschke aufgenommen. Es war ein
+verabredetes Rendezvous, und da Lulus Boerse gerade gut gefuellt war,
+wollte man laengere Zeit zusammen bleiben.
+
+Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Strassen fuhren, wo eine
+unliebsame Begegnung zu befuerchten war, sass Lulu tief zurueckgelehnt in
+dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf
+die Strasse vermeidend. Erst weiter draussen wagte sie, das Verdeck des
+Coupees zurueckschlagen zu lassen.
+
+Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drueber hinaus, auf einer
+menschenleeren Feldstrasse stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun
+pflegte, mit ihm, an seinem Arm haengend, neben dem gemaechlich bummelnden
+Braunen her.
+
+Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer
+Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen,
+oder in die Droschke zurueckzuschluepfen.
+
+Beuthien wusste in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen
+durfte, einzukehren.
+
+Lulu war zu allem bereit.
+
+Es war ein wunderschoener Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne
+laestig zu sein, ueber den gruenen, vielversprechenden Saaten.
+
+Lulu war sehr heiter.
+
+Die stille, wohlthuende Ruhe hier draussen wiegte alle ihre Bedenken ein.
+
+Auch Beuthien war aufgeraeumt. Er liess bald ihren Arm fahren und legte
+vertraulich den seinen um ihre Huefte. Und sie liess sich seine derben
+Scherze und zeitweiligen Zaertlichkeiten gefallen.
+
+Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum
+einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die
+jedoch mit ihren gruenen Holzstaeben und gruengestrichenen Tischen und
+Baenken etwas Trauliches, Einladendes hatten.
+
+Der Wirt, ein ordinaer aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron,
+brachte zwei Glaeser Bier dorthin, fuhr einmal traege mit seiner
+unsauberen blauen Schuerze ueber den bestaubten Tisch und suchte eine
+Unterhaltung anzuknuepfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, dass
+er bald davon abstand.
+
+Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und
+schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiss und braun gefleckter
+Huehnerhund blinzelte mit mueden Blicken aus den triefenden, von Fliegen
+gequaelten Augen aus seiner Huette zu ihnen herueber.
+
+Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch
+des nahen Huehnerstalles wurde ihnen laestig.
+
+Lulu sah sich nach einem andern Platz um.
+
+Hinter dem Garten zog sich ein spaerliches Waeldchen an dem Rand einer
+Wiese hin, groesstenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur
+einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glaenzenden weissen
+Staemmen hervorhoben.
+
+Ein halbvermorschtes Brett fuehrte ueber einen ausgetrockneten Graben in
+das Holz hinein.
+
+Nach einigem Zaudern, aus Ruecksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit
+aufgeschuerztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.
+
+Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift,
+hatten Beeren gesucht, Kraenze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln
+der Kuhblume gewunden, oder waren mit blossen Fuessen in dem kuehlen,
+schlammigen Wasser der Graeben und Pfuetzen gewatet.
+
+Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.
+
+Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf,
+und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.
+
+Sie draengte sich vor ihn.
+
+Uebermuetig fasste er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so
+schnell, dass sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.
+
+Sie schrie auf und riss sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen
+sie einen Augenblick unter Gelaechter und Gekreisch um einander herum.
+
+"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie
+rangen mit einander. Seine Kraefte, mit denen er bisher nur gespielt
+hatte, gebrauchend, hob er sie ploetzlich hoch vom Boden und nahm sie wie
+ein Kind auf den Arm.
+
+Zappelnd bemuehte sie sich, wieder festen Fuss zu fassen. Aber er zwang
+sie.
+
+"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er
+sprach ueberhaupt waehrend dieser ganzen Balgerei nur platt.
+
+"Lass mich", keuchte sie.
+
+Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heissen,
+verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig,
+schwer atmend, liess sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom
+Geschaeft zurueckzuziehen, es seinem Sohn zu ueberlassen. Er hatte keine
+rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.
+
+Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot
+war, also seit ungefaehr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante
+der Verstorbenen ihm die Wirtschaft fuehrte.
+
+Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann wuerde
+er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde,
+und der jungen Schwiegertochter, die natuerlich das Regiment beanspruchen
+wuerde, aergerliche Tage haben.
+
+Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man
+aelter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da
+Freunde dem noch immer ruestigen Mann oft, teils im Scherz, teils im
+Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem
+Gedanken vertraut gemacht.
+
+Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm
+vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht
+daran glaubend, dass noch einmal etwas daraus werden koennte.
+
+Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem
+Glatteis gestuerzten Braunen, gaenzlich die Lust am Geschaeft verlor, hing
+er doch ernstlicher solchen Zukunftstraeumen nach.
+
+Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie
+Frau Caroline Wittfoth. Das waere noch eine Partie.
+
+Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu.
+Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.
+
+Das gute Geschaeft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl
+daraus. Wenn er die zehntausend Mark, ueber die er nach Wilhelms
+Abfindung noch verfuegen konnte, in dies Geschaeft steckte, waere das Geld
+gut angelegt. Und es wuerde ihm ein guter Fuersprecher bei seiner Werbung
+sein.
+
+Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluss gekommen war, es mit Frau
+Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie
+faengst du das an?
+
+Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht haette, der
+das zu behaupten wagte.
+
+Aber dennoch war es so.
+
+Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam ueber die
+Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der
+Lage befinde," nicht hinaus.
+
+Die Negendank stoerte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der
+Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer
+Taubheit schon von seinen Heiratsplaenen munkeln hoeren und war der
+entschiedenste Gegner solcher "Verruecktheit".
+
+So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als
+Schreibpult benutzt hatte, und oeffnete der Klopfenden. "Dat togt so
+bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, dass er sich
+einschloss.
+
+Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Juergens, sein
+guter Freund, hatte einen klugen Einfall.
+
+In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein
+Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war
+leichter, als durch Tetje Einladungskarten fuer Beuthien und die
+Wittfoth zu erlangen.
+
+Wie alljaehrlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die
+Gesellschaft ins Gruene fuehren, und da muesste es doch eigen zugehen, wenn
+sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annaeherung finden
+wuerde.
+
+Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm
+freudig die Einladung an, die ihr in unauffaelliger Weise von Tetjes Frau
+ueberbracht wurde, als diese ein Paar Kindersoeckchen fuer ihr Juengstes
+kaufte.
+
+So was waere ihr lange nicht geboten, wann kaeme sie mal ins Gruene, meinte
+die Geschmeichelte.
+
+Nebenbei war sie gluecklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie
+nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Maedchen eingeladen hatte,
+zuruecktreten zu koennen. Sie hatte eine unueberwindliche Furcht vor dem
+Wasser.
+
+In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Faehnchen geschmueckten Breaks
+fuhr die vergnuegte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon frueh morgens
+um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, groesstenteils junge
+Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kaesten mit ihren Instrumenten
+vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das
+Festprogramm schloss auch einige Konzertvortraege ein.
+
+Es machte sich von selbst, dass die paar aelteren Leute in der
+Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder
+Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige
+Witwe, zusammengefuehrt wurden.
+
+Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes
+schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz
+war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen
+sich ein Straeusschen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.
+
+"Kieck, wo stuhr se sik hoellt, as'n Hahn", hatte Tetje Juergens sie beim
+Einsteigen gehaenselt.
+
+Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer,
+etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weissen
+Piqueweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er
+sich etwas einbildete.
+
+Die Froehlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und
+sie steigerte sich waehrend der Fahrt unter dem Einfluss des heiteren,
+sonnigen Wetters, das einen schoenen Festtag versprach. Gesang und
+allerlei Neckereien wuerzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden
+Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes
+Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beaengstigender Deutlichkeit vor
+Augen schwebte.
+
+Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.
+
+Eine festlich geschmueckte Tafel unter hohen Baeumen, mit freiem Blick auf
+eine buschumsaeumte Wiese, empfing die Gesellschaft.
+
+Herr Bierwasser, als Praeses, begruesste die Festgenossen mit einer
+wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefuehlen, die die
+Brust eines jeden beseelen muessten, wenn er der Bedeutung dieses Tages
+gedaechte.
+
+"Vor fuenf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und
+Festgenossen, vor fuenf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen
+zum ersten Mal das Licht der Welt."
+
+Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.
+
+"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich
+meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des
+Tages Last und Muehe."
+
+Bravo! Bravo!
+
+"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine
+verehrtesten Gaeste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in
+den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe
+hoch!"
+
+"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze
+Gesellschaft, stehend, die Glaeser in der begeistert erhobenen Rechten.
+
+Es war zu schoen.
+
+Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war
+ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was moechte sie fuer ihr Leben
+gern.
+
+Unter den Baeumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt.
+Ein Chocoladenautomat und einer fuer Cigarren, ein Elektrisierapparat und
+einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, waehrend ein benachbarter
+Gelegenheit gab, das Koerpergewicht vor und nach dem Festmahl zu
+bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer
+Juengling witzelte.
+
+Die Wittfoth stellte fest, dass sie in einem halben Jahr fuenf Pfund
+zugenommen haette. Wovon, wuesste sie nicht. Appetit haette sie gar nicht,
+und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht
+faende sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei
+zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.
+
+"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Juergens, "wenn Sie von's Rumarbeiten
+all fett werden, wuerden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte
+Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".
+
+Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem
+Sonnenschirm.
+
+Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und
+stellte noch manchen juengeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen
+grossen Haenden war ihnen allen ueberlegen.
+
+Die Frauenzimmer draengten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln
+in allen Nerven schien ihnen Vergnuegen zu bereiten. Das war ein
+Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.
+
+Winchen Studt, eine achtzehnjaehrige blasse Schoenheit mit Stumpfnase,
+liess sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit
+Chocolade fuettern. Sie war eine wichtige Persoenlichkeit heute, denn sie
+sollte noch etwas vortragen.
+
+Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeraete und eine Bergbahn.
+
+Namentlich die letztere uebte eine grosse Anziehungskraft auf die Damen
+aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in
+Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male
+unter Gekreisch hin und her.
+
+Es war zu schoen, wirklich zu schoen, wie sie alle Augenblicke
+versicherte.
+
+Und dann spaeter das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht
+Zithern vorgetragen, erntete den groessten Beifall. "Entzueckend" spielte
+Herr Caesar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.
+
+Die groesste Bewunderung aber fand Herr Suess fuer den Vortrag des
+beliebten Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".
+
+In allen Gesangvereinen sprach man von dem phaenomenalen Bass des Herrn
+Suess.
+
+ Wie Orgelton und Glockenklang
+ Ertoenet unseres Suess' Gesang
+
+hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.
+
+Auch Winchen Studt, im weissen Kleid mit Rosaschaerpe, deklamierte "Des
+Saengers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verstaendnis und Gefuehl.
+Besonders der Schluss verursachte den Empfindsameren unter den Hoerern
+eine leise Gaensehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen:
+"Versunken und vergessen, das ist des Saengers Fluch," mit
+bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des
+"Saengers."
+
+Einen solchen Genuss hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.
+
+"Wer haette das dem Maedchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze,
+die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Suess seine, die war ja woll
+was fuer Pollini."
+
+Als man den Saal verliess, wartete draussen eine neue Ueberraschung der
+Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Baeumen
+angebracht und gewaehrten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber
+hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins
+"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herueber: "Das
+ist der Tag des Herrn."
+
+Den Schluss des Festes machte ein Taenzchen, das jedoch mit einer
+Polonaise im Freien, durch das "stickenduestere" Gehoelz eroeffnet wurde.
+Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus
+weissem Papier.
+
+"Wi suend Hanseaten," erklaerte Tetje.
+
+Wie schoen war das alles, wie wunderschoen.
+
+ Sonne, Mond und Sterne,
+ Ich geh mit meiner Laterne.
+ Aber so ein kleines Licht
+ Leuchtet in die Ferne nicht.
+
+Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer
+Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, gekuesst. Aber es war bemerkt
+worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der
+Promenierenden.
+
+Das fuehrende Paar nahm im Uebermut den Weg durch einen trockenen Graben.
+Das war ein Gespringe und Gehuepfe, ein Gekreisch und ein Gelaechter.
+
+Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Boeschung hinunter.
+Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.
+
+Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab,
+o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdraengenden. Endlich noetigte er
+mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und
+weiter ging's unter Lachen und Scherzen.
+
+Nein, so was Schoenes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht
+allein mit diesem Urteil.
+
+Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.
+
+"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal
+furchtsam.
+
+"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.
+
+Laengst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Traeume noch
+immer die Lampions wie grosse Leuchtkaefer huschten.
+
+"Nein, was ich mich gestern amuesiert habe, sagen kann ich es nicht,"
+sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht
+Wochen spaeter, sprach sie noch mit derselben Waerme von diesem
+wundervollen Tag, und je weiter er zuruecklag, desto geneigter war sie,
+ihn als einen der schoensten ihres Lebens zu preisen.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Auch fuer Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amuesanter gewesen.
+
+Hermann hatte sich fruehzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen
+Gruss mit dem Taschentuch nachwinken zu koennen.
+
+Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der
+Landungsbruecke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der
+Pferdebahn dorthin begeben.
+
+Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere
+Gesellschaft. Ein mittelgrosser Herr mit breitrandigem Panamahut, weissem
+Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete
+den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr
+aufgeraeumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen
+unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die
+Herren luefteten die Huete und gaben mit uebertriebener, geckenhafter
+Hoeflichkeit den Weg frei.
+
+"Ah, Fraeulein Kruse," rief ploetzlich der Herr in Weiss ueberrascht und
+mit schlecht verhehlter Verlegenheit.
+
+"Fraeulein Sass, Sie auch?" wandte er sich an Therese.
+
+"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.
+
+Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die
+Begruessung wurde intimer, man schloss sich aneinander an und wurde nicht
+muede, ueber diese zufaellige Begegnung geistvolle Betrachtungen
+anzustellen.
+
+Hermann waere lieber mit den Maedchen allein geblieben. Er sah voraus, dass
+Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein
+wuerde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft
+anschliessen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.
+
+Auch Therese war anfaenglich etwas peinlich von Mimis Triumphen beruehrt.
+Sie goennte sie ihr ohne Neid und haette nicht ungern gesehen, sie wuerde
+so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, dass Hermann mehr auf ihre,
+Theresens, Gesellschaft angewiesen waere. Sie sah dem Eifersuechtigen
+schon den Missmut an.
+
+Seit Hermanns offenem Gestaendnis der Tante gegenueber, hatte Therese sich
+an den Gedanken gewoehnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu
+betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukaempfen,
+ein leises feindliches Gefuehl gegen Mimi zu besiegen.
+
+So liess auch dieser Erfolg der huebschen Freundin bei der maennlichen
+Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es
+schmerzlich empfand, auch hier wieder zurueckstehen zu muessen. Erst als
+sie, um nicht ganz uebersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und
+sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft
+treffenden Bemerkungen und witzigen Einfaelle aufmerksam wurde, fand auch
+sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle
+eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.
+
+Die ausgeladene Hoeflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald
+erklaert und begruendet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen
+namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun
+spielte der glueckliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon
+im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitaen und Schiffsvolk
+eingeschlossen, zu traktieren.
+
+Hinter der Gloriole des liebenswuerdigen Schwerenoeters verschwand selbst
+in Theresens Augen die komische Figur des vertroesteten Freiers. Selbst
+sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi
+erklaerte, man koenne sich doch oft sehr in einem Menschen taeuschen.
+
+Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale,
+vielgewundene Este zu einer genussreichen zu machen. Die fetten, im
+schoensten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache,
+wechselnde Reize: Breite Deiche, mit ueppigem Pflanzenteppich behangen:
+grossblaettriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige
+Schafsgarbe mit ihren weissen Bluetenkronen, dazwischen gestreut, wie eine
+Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blueten der Butterblume. Auf
+grasreichen Wiesen weidende Kuehe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der
+freundlichen obstreichen Gaerten, kichernde rotwangige Landmaedchen, die
+Kusshaende und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus
+zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.
+
+Ein juedischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den
+ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende
+Geschaefte zu machen pflege.
+
+Und in der That verriet das saubere behaebige Aussehen der einzelnen Hoefe
+sowohl, als der ganzen Doerfer, deren Rueckseite sich oft bis hart an das
+schilfumrauschte Ufer des Fluesschens erstreckte, gediegenen Wohlstand.
+
+Selbst Hermann verlor waehrend der Fahrt seine Missstimmung. Hoffte er
+doch auch, sich in Buxtehude mit den Maedchen verabschieden zu koennen.
+
+Doch er sah sich getaeuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der
+Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise
+so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler
+Gefaelligkeiten und Liebenswuerdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch
+Hermann schliesslich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute
+Miene zum boesen Spiel machen.
+
+Schwer genug ward es ihm. Eifersuechtig sah er, wie Herr Pohlenz seine
+ganze Aufmerksamkeit Fraeulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich
+geschmeichelt fuehlte.
+
+Allerdings war sie dann spaeter zartfuehlend genug, Herrn Pohlenzens
+taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns
+aeltere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und waehlte
+seinen Platz so, dass er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen
+sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so dass Hermann
+auch jetzt noch nicht zur ungeschmaelerten Freude an Mimis Gesellschaft
+kam.
+
+Und so blieb es. Auch fuer den Rest des Tages war Mimi die Koenigin, der
+alles huldigte, und das huebsche Maedchen spielte die ihr zugewiesene
+Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.
+
+Auf der Rueckkehr nach Hamburg aenderte sich das Wetter. Ein leichter
+Regen fiel, ohne jedoch die froehliche Gesellschaft vom Deck zu
+vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajuete. Die meisten,
+erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als
+Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine
+Gemuetlichkeit zu stoeren. Sie fanden genuegenden Schutz hinter der
+Kajuetenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die
+empfindlichere Therese einhuellen konnte.
+
+Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz
+wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine
+Trennung.
+
+"Sie sind meine Gaeste, Sie muessen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst
+fidel."
+
+Und man blieb zusammen, hoerte einige Musikstuecke in Hornhardts
+Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf
+ein Glas Bier zu Mittelstrass, einem beliebten Restaurant, und schloss
+endlich zu spaeter Stunde mit einer Tasse Melange in Goerbers Cafe.
+
+
+
+
+XVI.
+
+
+Einige Tage spaeter sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von
+nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe
+Wittfoth, hier mit neidischer Geringschaetzung, dort mit selbstbewusstem
+Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche
+gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer
+Vertiefung in den Gegenstand, als waere nun die natuerliche Ordnung der
+Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.
+
+Und man sprach nicht mehr von einem Geruecht. Es war eine Thatsache. Der
+alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens"
+den noetigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach
+kurzem schamhaftem Straeuben, unter Hinweis auf ihr vorgeruecktes Alter,
+ja gesagt.
+
+"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glueck nicht im Wege
+sein."
+
+So ungefaehr lauteten die Schlussworte der kleinen Frau.
+
+Hiermit war denn auch ueber den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die
+Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder
+unschluessig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache
+schon mehr fuer die Ablehnung entschieden hatte.
+
+Fuer vierzigtausend Mark jedoch konnte man ueber Kleinigkeiten schon
+hinweg sehen.
+
+Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch ueber allerlei hinweg
+saehe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.
+
+Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das
+Bestechliche, was fuer Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in
+ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Taeuschung
+hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, dass auch persoenliche
+Neigung zu Grunde lag.
+
+Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hoerte, fiel
+ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der
+Verschmaehte.
+
+Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte,
+wusste er, was er wollte.
+
+"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten
+Hochachtung und Wertschaetzung kann ich mich der Einsicht nicht
+verschliessen." So oder aehnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes
+an die Wittfoth.
+
+Natuerlich wollte er jetzt nicht laenger Stadtreisender bei Mueller und
+Lenze bleiben. Aber bis zur Loesung seines Kontraktes musste er noch seine
+Geschaeftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr
+peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekraenkten,
+Verschmaehten gegenueber treten, eine Rolle, in welche er sich mit
+vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden wuerde.
+
+Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth
+bedeutend erleichterte.
+
+Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach
+geworden. Schon immer hatte er sich bemueht, dem huebschen Ladenmaedchen
+der Witwe naeher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenueber stets kuehl
+bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswuerdiges Entgegenkommen
+in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.
+
+Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wusste,
+welcher Wind dieses Wetterfaehnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja
+selbst das Leben nur vom kaufmaennischen Standpunkt. Was kostet das?
+
+Was Mimi Kruse anbelangte, so wusste er jetzt, dass er sie sich "leisten"
+konnte, dass seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie
+nicht "kaufen?"
+
+Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit
+einem Geschaeftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei
+Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie
+einmal ausfuehren zu duerfen, erzaehlte von seinen Zukunftsplaenen, liess
+durchblicken, dass er moeglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer
+Tante erwarten koennte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, dass
+sie "mit Vergnuegen" seine Einladung annahm.
+
+Von jetzt ab kam Herr Pohlenz haeufiger, zur Verwunderung Frau
+Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren ueber die Veranlagung zu
+diesem Geschaeftseifer des Stadtreisenden blieb.
+
+Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust,
+den Verlust seines "ganzen Lebensglueckes," wie er es damals nannte,
+ertrug, und war entruestet ueber Mimi.
+
+Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit
+diesem Gecken an, weil er Geld hatte.
+
+Was wuerde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran
+denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden
+sollte, an der sie nur vergnuegte Gesichter um sich sehen wollte, so
+wuerde sie Hermann schon jetzt die Augen oeffnen. Aber nachher sollte er
+auch keinen Augenblick laenger ueber Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.
+
+Dem Maedchen selbst wagte sie keine Vorwuerfe zu machen. Es war ihr
+peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entruestete spielen
+wollte, saehe es nicht aus, als ob sie sich ueber den Entgang der
+vierzigtausend Mark aergerte? Wie Neid, Missgunst?
+
+Nein, sie liess der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit
+Mimi fertig wuerde. Im Grunde waere es ja nur ein Glueck, wenn er diese
+Person nicht bekaeme.
+
+"Stich haelt sie doch nicht," schalt sie bei sich.
+
+Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige missvergnuegte Tage. Mimis
+freies Benehmen, ihre Liebenswuerdigkeit gegen Pohlenz, ueber den sie doch
+sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoss, hatten ihn
+tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflaechlichen
+Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen.
+Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine
+Entschluesse.
+
+Dieser faden, beschraenkten Kraemerseele sollte er weichen?
+
+Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert
+zurueck, und glaubte, Mimi durch Vernachlaessigung strafen zu koennen. Aber
+diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu
+sehen, sich auszusprechen. Doch wann wuerde er sie bei der Tante einmal
+sprechen koennen, ohne Stoerung?
+
+So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.
+
+Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht kaeme?
+
+Das beste waere, er spraeche sich gleich brieflich mit ihr aus.
+
+Und so schrieb er denn:
+
+ Liebes Fraeulein!
+
+ Die Gefuehle, die mich beseelen und die ich nicht laenger zum Schweigen
+ verurteilen kann, druecken mir die Feder in die Hand. Habe ich noetig,
+ das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiss es, schon lange kein
+ Geheimnis mehr sein kann?
+
+ Mein ganzes Benehmen gegen Sie muss Ihnen laengst bewiesen haben, wie
+ unaussprechlich ich Sie liebe, und dass es das hoechste Ziel meines
+ Strebens, das Glueck meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen
+ nennen zu duerfen.
+
+ Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines
+ Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf
+ denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehoert Ihnen, hochverehrtes,
+ inniggeliebtes Maedchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfaellt.
+
+ Verschmaehen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie
+ namenlos gluecklich
+
+ Ihren hoffenden
+
+ Hermann Heinecke.
+
+Als Mimi den Brief las, ueberkam sie zuerst das Gefuehl einer grossen
+Bestuerzung. Nun ward es ernst.
+
+Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.
+
+Sie las zum zweiten Mal und ward nun geruehrt. Er war doch ein guter
+Mensch. Namenlos gluecklich sollte sie ihn machen.
+
+Mein Gott, es ist doch etwas Schoenes um die Liebe. Sie barg den Brief in
+ihrer Tasche und brach in ein unterdruecktes Schluchzen aus.
+
+"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei
+diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemuetes ueberraschte.
+
+"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.
+
+"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.
+
+"Das nicht," war die Antwort.
+
+"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," troestete die Wittfoth.
+
+"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thraenen getrocknet
+hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."
+
+"Na, Fraeulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so
+schlimm?"
+
+"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.
+
+"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmuetig.
+"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklaerte Mimi.
+
+Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:
+
+ Geehrter Herr Heinecke!
+
+ Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben beruehrt hat, brauche ich
+ wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiss, dass Sie
+ eine Frau so gluecklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen
+ Sie es mir bitte nicht uebel, wenn ich nach reiflicher Erwaegung zu dem
+ Entschluss gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu koennen,
+ so gerne ich dieses auch moechte.
+
+ Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Suende, wenn ich ja sagen
+ wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen
+ mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von
+ mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich
+ leid, Ihnen weh thun zu muessen, aber es giebt ja noch ganz andere
+ Maedchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiss noch einmal so
+ gluecklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wuenscht Ihnen von Herzen
+
+ Ihre Mimi Kruse.
+
+Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift
+ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Hoeherschrauben der
+Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen
+befleckt.
+
+Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr
+Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige
+vergessene U-striche hinein. Dann schloss sie den Brief in ein Couvert.
+Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie oeffnete es wieder.
+
+"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so guetig waren mir zu schenken",
+fuegte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu
+behalten. Nochmals meinen besten Dank fuer alles Gute."
+
+Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.
+
+ Herrn Volksschullehrer
+ Hermann Heinecke
+ p. Adr.: Frau Ww. Thielemann
+ Hierselbst.
+ Raboisen 27, III.
+
+
+
+
+XVII.
+
+
+Das grosse Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt
+Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch fuer alle die
+Strassen, durch welche die teilweise glaenzende Korsofahrt nach und von
+dem Rennplatz ihren Weg nahm.
+
+Auch in der Gaertnerstrasse waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit
+Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stuehle und Schemel vor
+ihre Ladenthuer auf das Trottoir gestellt, fuer sich und die beiden
+Maedchen.
+
+Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war
+ausgeblieben. Er hatte sich ueberhaupt lange nicht bei der Tante sehen
+lassen, zu deren und Theresens grosser Verwunderung. Nur Mimi wusste,
+warum er nicht kam.
+
+Sie fuehlte keine Reue ueber ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich
+nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante
+Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefuehl zur Ruhe
+gelegt, als haette sie etwas Rechtes, etwas Grosses gethan.
+
+Am naechsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefuehl der Neugier: Was
+wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?
+
+Pohlenzens Bemuehungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell
+schoss das neue Verhaeltnis unter dem befruchtenden Segen der
+vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Gruen der alten
+Beziehungen zu Hermann ueberwuchernd und erstickend.
+
+Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz
+angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger
+Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht
+auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.
+
+Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen wuerde? Sie
+wuenschte es beinah. Es waere pikant. Auf jeden Fall wuerde sie an der
+Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.
+
+Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann haette
+sich das nicht leisten koennen, haette auch wohl kaum zu fahren
+verstanden.
+
+Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese moegliche Begegnung
+zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.
+
+Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfaeltig
+beobachtete sie die Insassinnen der vorueberrollenden Equipagen und
+Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlaessig
+zurueckgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.
+
+Pohlenz hatte ihr ein neues Kostuem geschenkt, in dem sie ohne Frage
+gefallen wuerde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine
+Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.
+
+Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und
+geschmeichelt hatte der ueberaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu
+sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin.
+Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden frueher von ihr gelesener
+Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief bruenette Pohlenz mit
+dem grossen Panamahut, dem weissen Roeckchen, eine seiner feinen Cigaretten
+rauchend, eigenhaendig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im
+neuen Kostuem, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurueck.
+
+Da fuhr Hermann vorueber in einer gewoehnlichen Droschke, etwas krumm,
+vornuebergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr
+blass aus, wie uebernaechtig. Auch die drei Herren neben ihm waren
+keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre
+Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.
+
+Wie gewoehnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie moechte sich nicht darin
+unter diese eleganten Equipagen mischen.
+
+Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen,
+neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser
+sehen zu koennen. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu
+begegnen.
+
+Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte
+sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der
+kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja
+nicht unbekannt, dass ihre Bildung keine lueckenlose war, ihr Charakter
+nicht ohne Schwaechen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwaechen. Vom
+Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine
+vollkommene Frau haette ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schoen
+getraeumt, Mimi allmaehlich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden
+guten Anlagen zu wecken.
+
+Der Traum war aus.
+
+Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung
+und ueberredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu
+besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorueberfahren zu sehen.
+Er malte sich eine Begegnung aus: Kuehler, hoeflicher Gruss von seiner
+Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation.
+Maennliche Gefasstheit. Sie erroetend, dann erblassend, mit dem bekannten
+schnippischen Wurf ihres huebschen Koepfchens die Sache schnell und
+geringschaetzig abthuend.
+
+Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben
+zu sollen. Mimi wuerde sich wohl noch besinnen, er muesse ihr Zeit lassen.
+Sie waere auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.
+
+Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur
+edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar
+ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein
+gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und
+glaubte, nicht fuer ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blass,
+traurig, weinend in ihrem engen Stuebchen sitzen, das ihm immer ihrer so
+wenig wuerdig vorgekommen war.
+
+Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht laenger hingeben, seitdem
+ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz
+Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.
+
+Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine
+Beschoenigungen. Warum sich beluegen? Sie war eine Kokette, seiner nicht
+wert. Er musste sie vergessen.
+
+Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an
+der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der
+heftigste Schmerz in ihm.
+
+Mimi sah auch entzueckend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostuem gesehen.
+Es musste ganz neu sein und schien ihm ueber ihre Verhaeltnisse zu gehen.
+Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?
+
+Mimi trug ein enganschliessendes, taubengraues Kleid von vornehmer
+Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmueckte die anmutig volle
+Bueste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weissem Taubenfluegel
+sass kokett auf dem huebschen Blondkopf.
+
+Und nichts von Trauer, Gedruecktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem
+frischen, lebhaften Maedchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose,
+genussfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer
+Lebenslust.
+
+Er musste sich zusammennehmen, damit der aufwuehlende Schmerz ihm keine
+Thraenen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhassten Sieger. Er
+trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Naehe zu kommen.
+
+Die Tribuene verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen
+aus dem Derby zusah. Er gruesste hinauf, ohne von den ganz von der
+Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruss zu erhalten. Nur von
+Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.
+
+Es fiel ihm auf, wie blass das Maedchen aussah, fast leidend.
+
+Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann fluechtig
+am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals
+seine eigenen Gedanken ueber sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er
+hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Maedchen, das sicher
+auch andere Vergnuegungen nicht verschmaehen wuerde, wenn es sich nicht
+fuer zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzboeden zu
+besuchen.
+
+Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere
+Ansicht ueber Lulu. Er hatte immer nur geringschaetzig ueber sie sprechen
+hoeren.
+
+Was stimmte ihn nun auf einmal so guenstig fuer das Maedchen? Wie Mitleid
+ueberkam es ihn. Sie hatte so bedrueckt, so ungluecklich ausgesehen.
+
+Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknuepfend an jenes
+Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhaeltnisses zu Beuthien
+allerlei romantische Vermutungen aufreihend.
+
+Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme
+chez nous, mit vertauschten Rollen.
+
+Es that ihm wohl, eine Leidensgefaehrtin in Lulu zu haben, wenn auch nur
+in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor
+dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefuehls befriedigter Rache.
+
+Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine
+herzlose, oberflaechliche Kokette, eine kaeufliche Dirne.
+
+Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem
+Knopfkraemer.
+
+Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das
+ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und
+Spielen.
+
+Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.
+
+Da ward ihm ein Gruss.
+
+Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein
+halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmaennische Gespraeche mit derben
+Witzen wuerzend.
+
+Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslaenge
+ueberragte, von Hitze und Biergenuss geroetet, stiess ihn ab. Lulus
+Geschmack war ihm unverstaendlich.
+
+Und doch, was wollte er denn?
+
+Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kraefte, vor denen die Weiber
+Respekt haben.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Lulu Behn hatte sich vergeblich gestraeubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie
+hatte Kopfschmerz vorgeschuetzt, ihr haeufiges Uebel, aber der Vater hatte
+es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gaebe sich unterwegs, in
+frischer Luft, am besten.
+
+So gutmuetig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Haerte
+gegen kleine koerperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst
+uebte.
+
+Lulu, um nicht unnoetige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gruenden
+gefaehrlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke
+neben der Mutter ein, waehrend Paula mit dem Vater auf dem Ruecksitz Platz
+nahm.
+
+Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre haeufigen
+heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was
+ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.
+
+Nach jenem Besuch des Horner Waeldchens hatten sie sich erst einmal
+wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schaemte sich vor ihm.
+Dieses eine Mal aber musste sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie
+befuerchtete.
+
+Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschlaege gegeben und die
+Geaengstigte beruhigt.
+
+Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie
+gefasster. Beuthien wuerde sie nicht sitzen lassen, er wuerde sie heiraten.
+
+Heute aber fuhr sie mit der Gewissheit des ihr Bevorstehenden durch die
+bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der
+nach dem Schauplatz seiner That gefuehrt wird.
+
+Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal erroetet war er,
+als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen
+stieg. Und wie gleichmuetig er dort oben auf dem Bock sass, und wie
+sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.
+
+Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen
+schloss und sich erblassend zuruecklehnte.
+
+"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der
+Pferdebahn zurueckfahren."
+
+Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe
+hatte sie geaergert, und sie wollte es ihm nachthun.
+
+Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes
+Waeldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es ueber
+die welligen Felder hinweg.
+
+Ob er hinueber sah?
+
+Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick fuer die Umgebung. Er
+musste seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.
+
+Sie aber musste immer wieder hinueber sehen nach dem schwarzen Fleck
+dahinten, ueber dem jetzt eine einzelne weisse Wolke, wie ein fabelhaftes
+Ungetuem, schwebte.
+
+Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im
+blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.
+
+Ein wunderliches, nie gekanntes Gefuehl der Vereinsamung ueberkam Lulu.
+Muehsam beherrschte sie sich.
+
+"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.
+
+Lulu schrak zusammen.
+
+"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."
+
+Sie wusste es kaum, dass sie bestaendig dort hinueber starrte.
+
+"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das
+frischt ihr auf."
+
+Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurueckschicken, Beuthien
+sollte dann zum Schluss des Rennens zurueckkommen.
+
+Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis waere sie jetzt mit ihm
+allein gefahren.
+
+Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht ueber sie begann sich seit ihrer
+letzten Unterhaltung zu regen.
+
+Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als saehe sie schaerfer,
+wie durch ein Vergroesserungsglas.
+
+Zuerst fielen ihr die vielen Faeltchen unter den Augen auf, und das
+haeufige nervoese Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhoehung auf
+dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte,
+draengte sich ihren Augen foermlich auf. Die breite Hautfalte ueber dem
+kraeftigen gebraeunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen
+Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.
+
+Sie hatte waehrend der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte
+ansehen muessen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.
+
+Wie garstig!
+
+Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem fluechtigen Blick vom Wagen
+aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und
+sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine ueberlegenen
+Kraefte anstrengungslos brauchte, fuehlte sie sich wieder auf seinem Arm,
+wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine gluehende Welle stieg das
+alte Gefuehl fuer ihn wieder in ihr auf.
+
+Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschaeftigt. Die
+vorgeschuetzten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt,
+infolge der Gemuetsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde
+herrschte. So war sie froh, als man sich fuer den Heimweg ruestete.
+
+Auf der Rueckfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur
+lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man
+hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags
+ausgehalten, und das genossene Getraenk hatte namentlich auf Paula seine
+erregende Wirkung nicht verfehlt.
+
+Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu duerfen, und der
+alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes
+fuer sich allein benutzen zu koennen.
+
+Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen
+Anregungen bestaendig im Schwaetzen mit Beuthien, der sich an dem Maedchen
+ergoetzte, das ihn oft mit so eigentuemlichen leuchtenden Blicken
+anblitzte.
+
+"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."
+
+Der grosse, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem
+weissen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem
+runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu
+entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn
+nicht auf die Dauer reizten.
+
+Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten
+Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weissen Strohhutes.
+
+"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.
+
+Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward
+ploetzlich eifersuechtig.
+
+Es war nicht Paula, "das dumme Goer", die sie fuerchtete, aber in der
+Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr moeglicherweise
+von anderer Seite drohen koennte.
+
+Wenn Beuthien sie verliesse?
+
+Wieder kam einer jener Momente ueber sie, wo sie mit grauenhafter
+Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,
+Kutschersfrau.
+
+Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, wuerde ihr Vater ihn zwingen?
+Wuerde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?
+
+Sie schloss die Augen, als koenne sie sich dadurch gegen alles
+Widerwaertige absperren.
+
+Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie
+weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am
+angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen,
+wie es ging.
+
+Aber dann stoerte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer
+"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten
+Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem
+Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre
+Droschke ueberholten, musterten fast auffaellig das blasse Maedchen in der
+weissen, guertelumschlossenen Bluse, das mit so mueden Blicken vor sich
+hinstarrte.
+
+Lulu hatte kein Auge fuer die Herren. Sie war ganz mit sich beschaeftigt.
+Etwas wie Hass auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit
+ihrem naiven Geschwaetz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch
+schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuss in dem verbotenen Garten,
+von dessen Fruechten sie selbst bereits genascht hatte.
+
+Ein haesslicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen,
+hoehnischen Blick aus.
+
+Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.
+
+
+
+
+XIX.
+
+
+Fraeulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn
+Emil Pohlenz bekannt und kuendigte ihre Stellung bei der Wittfoth.
+
+"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was
+zu verheimlichen."
+
+"Es war vorauszusehen", betaetigte Therese. "Wenn sie sich leiden moegen,
+kann man sich ja nur darueber freuen."
+
+"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi,
+bekommen wir schon wieder."
+
+"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschaeft recht
+tuechtig."
+
+"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heisst, vergesslich ist sie
+doch man, und nachraeumen muss man ihr alles."
+
+"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein haesslicher Husten,
+der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quaelte, unterbrach stossweise
+Theresens Worte.
+
+"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau
+Caroline. "Mich aergert man bloss, dass das dumme Ding solch Glueck hat.
+Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine
+auch man bloss. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n
+Teller bringt."
+
+"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende haette ich noch
+Onkel Pohlenz sagen muessen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."
+
+"Mich amuesiert man, dass wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande
+gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.
+
+"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas
+verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, fuer sie war ja
+das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.
+
+Und doch war sie ebenso liebebeduerftig, hatte ein ebenso empfaengliches
+Herz, wie Mimi und die so viel aeltere Tante.
+
+Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger,
+sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.
+
+Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein fuer
+allemal auf Liebesglueck verzichtet, wenigstens sich mit dem begnuegt, das
+auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.
+
+Sie hatte, fast zu fruehzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in
+Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns naechstem Geburtstag
+angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in
+blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem
+Taschenbuch zur Zierde gereichen.
+
+Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen
+Arbeiten ungewohnten Finger geschickt.
+
+Wenn sie ihn doch oefter erfreuen koennte, fuer ihn arbeiten, sich ihm
+nuetzlich erweisen.
+
+Als er neulich einmal, aergerlich ueber seine saumselige Wirtin, der Tante
+einige Struempfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die
+Arbeit abnehmen zu duerfen, und hatte sich in dieser fraulichen
+Thaetigkeit fuer den Geliebten gluecklich gefuehlt.
+
+Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so goennte sie ihn doch nur
+einer Wuerdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall
+gefunden.
+
+Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswuerdigen Eigenschaften
+wegen, zu welchen auch ein ruecksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die
+kraenkliche Freundin gehoerte, aber fuer Hermann schien sie ihr doch nicht
+die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie
+bedenklich.
+
+Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja
+nicht mal fuers Lesen Interesse, und die Buecher waren nun doch einmal
+Hermanns Ruest- und Handwerkszeug.
+
+So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, dass Mimi durch ihre
+Verlobung mit Pohlenz das Verhaeltnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen
+hatte.
+
+Hermann, dieser liebenswuerdige, gescheute, feine Mensch, wuerde gewiss
+bald ein anderes Maedchen finden, das ihn besser zu schaetzen wuesste und
+ihn Mimi vergessen machte.
+
+Sie billigte es, dass er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit
+dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermisste. Wenn
+Mimi erst aus dem Hause waere, wuerde ja wieder alles anders werden. Er
+wuerde sich wieder, wie frueher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie
+belehren und foerdern. Wie freute sie sich darauf.
+
+Die Tante hatte der Verlobten etwas spoettisch gratuliert und allerlei
+Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen
+Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekraenkt ausrief: "Aber
+nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thraenen ausbrach.
+
+"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.
+
+"Mimi vergisst uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns haette
+sie ihr Glueck nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert haette,
+oder Du, Tante haettest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muss uns ewig
+dankbar sein."
+
+Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte,
+sie wuerde Zeit ihres Lebens an die schoenen Jahre zurueckdenken, die sie
+in diesen Raeumen verlebt haette.
+
+"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer
+verlassen hatte.
+
+Mimi erroetete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre
+Brauen.
+
+"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."
+
+"Das muss jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen
+verlangen", versetzte Therese auf dies Gestaendnis. "Eine Ehe ohne Liebe
+denke ich mir entsetzlich."
+
+"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu
+furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--"
+
+"Dann werden Sie auch gewiss gluecklich mit ihm," unterbrach Therese sie
+schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie
+fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht
+daran denken."
+
+"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz
+sagt auch, mit dreitausend Mark moechte er nicht heiraten."
+
+"Das kommt nun auf die Ansprueche an", meinte Therese.
+
+"Natuerlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen,
+wenn er nur will."
+
+"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."
+
+"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe,
+Sie besuchen uns denn auch mal."
+
+
+
+
+XX.
+
+
+Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit
+erklaerlichem Eifer getroffen. Ausser dem unvermeidlichen Platenkuchen
+hatte sie einen Puffer gebacken, gross genug, um die ganze Nachbarschaft
+abfuettern zu koennen. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei
+ihrem Brottraeger einen gefuellten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll
+auch was davon haben", sagte sie.
+
+"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese
+ein.
+
+"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muss sein", erklaerte
+die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."
+
+Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang
+aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermoeglichen. Auch einem
+auswaertigen aelteren Bruder des Braeutigams, der nicht frueher hatte
+abkommen koennen, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.
+
+Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Naehe von Oldesloe, kam denn auch
+schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Fruehzug an, mit ihm ein
+geraeumiger Korb mit Eiern, Wuersten und Speck.
+
+"Min Lowise waer gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau.
+"Aber de Luett is erst veer Wochen, nu Se weten wull."
+
+"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."
+
+"Jau, eenunsoestig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.
+
+"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.
+
+"Neegen Stueck."
+
+"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Kueche hinein. "Denk
+Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."
+
+"Neun?" lautete die verwunderte Rueckfrage.
+
+"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese
+in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnaeckig belaestigte,
+meinte der gutmuetige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da
+koennte sie sich mal ordentlich "rausessen".
+
+"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in
+dieser Hinsicht etwas empfindlich.
+
+"Gloew ick, gloew ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll
+Hosten, de gefoellt mi nich."
+
+"Ja, ich weiss gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante.
+"Das geht nun schon wochenlang so. Wir muessen wirklich mal nach'n Arzt
+schicken."
+
+"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft
+moet se hebben."
+
+"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich uebel",
+setzte er hinzu.
+
+"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thueren und Fenstern," erklaerte
+Therese, "aber meine Erkaeltung vertraegt den Zug nicht."
+
+"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schaedlich. Aber
+frische Luft, de haett noch keenen Minschen umbroegt."
+
+"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer
+gleich sterben, wenn ich nur mal die Thuer aufmach. Mir soll's gleich
+sein. Ich sag nichts mehr."
+
+Nachmittags um fuenf Uhr wurde das Geschaeft geschlossen, das heisst, die
+Vorhaenge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige
+Zugang zur Wohnung durch den Laden fuehrte, musste dieser geoeffnet
+bleiben.
+
+Um nun jede Stoerung durch Kaeufer fern zu halten, hatte Tetje Juergens den
+Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:
+Dieses Geschaeft ist heute von fuenf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung
+der Inhaberin geschlossen.
+
+Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.
+
+Eine grosse Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, dass
+Hermann zugesagt hatte, zu kommen.
+
+Sonst waren nur noch Tetje Juergens nebst Frau Gemahlin gebeten.
+
+Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hiess, versprach am Abend
+nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem
+Maedchen und dem Kellner alleine ueberlassen mochte, fuer den Abend aber
+eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte.
+Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.
+
+Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fuererst entschuldigen lassen muessen. Er
+hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen koennen, da es sich um
+gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurueckzuerwarten.
+
+Frau Caroline hatte keine Muehe gescheut, es ihren Gaesten gemuetlich zu
+machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Faedchen, jede Erinnerung
+an Geschaeft und Arbeit, sorgfaeltig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen
+und Reseda, mit dem Therese schon am fruehen Morgen die Tante ueberrascht
+hatte, prangte in einer weissen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis
+arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der
+Zuckerschale.
+
+Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der
+Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,
+von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehaekelten Sofaschoner,
+Hermanns groesster Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die
+Tante einmal an diesem hohen Festtag saemtliche Sitzmoebel mit solchem
+Zierat behangen hatte.
+
+Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte
+mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein
+geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weissen Rosen, das der
+galante Braeutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem
+Spiegelschrank stand protzend ein maechtiger Strauss buntfarbiger
+Georginen, den Onkel Martin seinem laendlichen Garten entnommen hatte.
+Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wasserglaesern kleinere Bouquets
+und ein vom Kraemer gespendetes rosagarniertes Blumenkoerbchen. Der
+praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas
+thun zu muessen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen
+Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes
+"!Viel Glueck und Heil!"
+
+Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres
+Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefuellt, die Hermann hatte
+besorgen muessen.
+
+Als die kleine Gesellschaft, ausser Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch
+versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit
+Spitzen und Schleifen garniert.
+
+Ein allgemeines Ah des Entzueckens empfing die wundervoll duftende Gabe.
+
+Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, oeffnete das beigegebene
+parfuemierte Couvert.
+
+"Mit herzlichem Glueckwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von
+der kleinen Elfenbeinkarte ab.
+
+"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung ueberreichte
+er das Bouquet, dessen lautester und unermuedlicher Bewunderer.
+
+Therese beobachtete ihn still.
+
+Nachdem die Angriffskraefte auf die Kuchenberge erschoepft waren und auch
+die Unterhaltung ueber Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten
+Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen
+Skat vor. Er sah wohl, dass die lange Zeit bis zum Abendessen sonst
+unerfuellbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen
+wuerde.
+
+Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurueck. Der
+Cigarrenschrank wurde geoeffnet, und Therese stellte einige Flaschen
+Loewenbier zur Hand.
+
+Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Haekeln, Albumbesehen und
+Kuechengespraechen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und
+Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten
+Unterhaltungsstoffes.
+
+Die Kraemersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater
+gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern haette doch wahrhaftig
+andere Pflichten.
+
+Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich,
+Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehoert, fuer einen
+ganzen Pfennig Korinthen. Dass die Person sich nicht schaemte. "Und dabei
+thut solch Volk, als staenden sie mit'n Buergermeister auf Du und Du."
+
+Und als nun Frau Juergens die "Behnsch" erwaehnte, geriet Frau Caroline in
+eine kreiselnde Beweglichkeit.
+
+"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehoert?" "Nu lassen Sie
+sich aber mal erzaehlen." So schwirrte es durcheinander.
+
+Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gespraechen
+vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung,
+in ihrem Urteil ueber Welt und Menschen uebereinstimmten.
+
+Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie
+sich jedoch sehr abgespannt fuehlte und ihres Hustens wegen nicht viel
+sprechen wollte, liess sie haeufig fuenf gerade sein und schwieg.
+
+Auch das ueberlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhoerigkeit bedingt,
+griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als noetig in der
+Kueche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann
+besonders vom Glueck beguenstigt wurde.
+
+Auch einige Kaeufer, die sich von den herabgelassenen Vorhaengen nicht
+hatten abschrecken lassen, beschaeftigten sie zeitweilig.
+
+Endlich kam auch Tetje Juergens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden
+nahmen die Plaetze der Brueder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu
+den Damen zurueck.
+
+Die Gesellschaft erhielt allmaehlich einen immer nuechterneren Anstrich,
+hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, dass man zur
+Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, ueberging.
+
+Mit einigem Geraeusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.
+
+Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen
+dem kalten Aufschnitt und der suessen Speise geschickt aufgestellt und
+jedem Teller ein Extrastraeusschen beigelegt.
+
+Auf dem Sofa sass das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin
+mit Frau Juergens, links von dem Braeutigam Tante Tille und Tetje Juergens,
+neben diesem Therese, Wilhelm gegenueber, dem sein Platz neben Frau
+Juergens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch,
+zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt
+des Mundschenken uebertragen worden.
+
+Frau Caroline hatte fuer guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der
+sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzueglich
+und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.
+
+Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede
+auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich,
+mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret
+die Frauen, sie flechten und weben".
+
+Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf
+aufmerksam gemacht werden musste, dass ihr das Hoch gelte. Wilhelm
+Beuthien, der im uebrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, liess die
+Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.
+
+Er moechte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen
+wuenschen, dass es ihnen immer gut gehen moege, "in truge Fruendschaft un
+Leev, un mit Gottes Segen."
+
+"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Glaeser aneinander
+klangen.
+
+Die Stimmung ward immer gemuetlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich
+zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbruederschaft getrunken.
+
+Tetje Juergens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll soete
+Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein
+in der Kueche gekuehlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.
+
+Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, loeste sich allmaehlich die
+Zunge, da Hermann ihm fleissig einschenkte, und er rueckte mit allerlei
+gewagten Anekdoten und Raetseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger
+noch ueberbieten zu muessen glaubte.
+
+Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine
+Wahrnehmung zu.
+
+Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die
+Achsel.
+
+Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt
+von ihm, die Terrine hinaus.
+
+"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.
+
+"In min Koeoek hebbt Se nix to soeken", draengte die Wittfoth ihn zurueck
+und schloss die Thuer.
+
+Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der
+Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante
+noch aufgefundenen Rumflasche.
+
+Triumphierend trugen sie die neue Fuellung auf den Tisch.
+
+Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.
+
+"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "fuer die Damens
+vielleicht noch 'n bischen zu feurig."
+
+Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das
+braeutliche Glueck und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen
+Augen.
+
+"Nu Musik", meinte sie.
+
+"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik moeten wie hebben."
+
+Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.
+
+"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hiess es, und Wilhelm musste seine
+Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rueckte Tische und
+Stuehle zusammen und rollte den Teppich auf.
+
+Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann
+den Spreewalzer zu spielen.
+
+Das Brautpaar eroeffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau
+Juergens, und Tetje zerrte die sich straeubende Tante Tille einmal durchs
+Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Juergens.
+Therese aber stand, an den Thuerpfosten gelehnt, und sah, das
+Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit muede
+flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fuehlte sich sehr
+elend, klagte aber nicht, um die Froehlichkeit nicht zu stoeren. Ihr Kopf
+schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu
+dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen
+Raeumen reizten.
+
+Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, musste sich aber noch
+vorher, von Abspannung ueberwaeltigt, zurueckziehen.
+
+Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe
+legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwaetzigkeit
+quaelend.
+
+
+
+
+XXI.
+
+
+Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er
+pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser
+stellte er den Erfolg seiner Kur gewoehnlich schon in den ersten Wochen
+nach seiner Rueckkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.
+
+Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof
+gegeben.
+
+Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefuehl, als waere ein
+Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich
+aber schon am naechsten thoericht. Wie lange konnte sie es denn noch
+verbergen? Ueber kurz oder lang musste es zu Tage kommen, selbst wenn die
+Mutter blind waere.
+
+Wilhelm wich ihr gaenzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annaeherung
+versucht, ihm auf der Strasse aufgepasst. Aber er hatte es ja so leicht,
+sie von seinem Bock aus zu uebersehen, sie, schneller fahrend, hinter
+sich zu lassen.
+
+Wollte er sich von ihr zurueckziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr
+getrieben?
+
+Ihr schwindelte bei dem Gedanken.
+
+Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu
+koennen.
+
+Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine
+Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen
+Uebersichergehenlassen.
+
+Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemaechtigte sich ihrer
+eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.
+
+Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus veraendertes Wesen nicht entgehen,
+die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens
+nicht verborgen bleiben.
+
+Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend,
+beobachtend verhielt.
+
+Lulu, mit der Feinfuehligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der
+Mutter wohl an, dass diese sie erraten hatte.
+
+Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?
+
+Es draengte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob
+immer wieder Einsprache, unterstuetzt durch die Feigheit.
+
+Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuss gestanden, dass sie
+nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfuehlen, Verstaendnis, erwarten und
+beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegoennt,
+und sollte sich nun so vor ihr demuetigen.
+
+Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos
+beklagte, dass Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.
+
+"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafuer kaufe."
+
+Im Grunde aber aergerte sich die Kleine sehr ueber Beuthien, dessen
+Benehmen sie sich nicht zu deuten wusste. Sie hatte sich etwas darauf
+eingebildet, dass er sie bisher ueberhaupt beachtet hatte. Es war ihr
+heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er ueber sie hinweg, wie ueber jedes
+andere Schulmaedchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich
+verschuechtert zurueckzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das
+verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie
+verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in
+dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer
+Entdeckungen.
+
+"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequaelt. "Was geht
+Dich Beuthien an."
+
+Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu
+koennen, dass diese keine Ahnung von ihrem Verhaeltnis zu Beuthien hatte.
+
+Um so groesser war ihre Angst vor der Mutter. Immer draengte sich das
+Gestaendnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurueck. Und
+doch, irgend jemand musste sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es
+nicht mehr tragen.
+
+Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das
+Maedchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin
+Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstuetzig."
+
+Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schaemte sie sich denn nicht, sich
+so gemein mit dem Dienstmaedchen zu machen?
+
+Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung
+aus der Hand nahm.
+
+Frau Behn war ihrer Sache gewiss geworden und konnte nicht laenger
+schweigen.
+
+Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.
+
+Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach
+in Thraenen aus.
+
+"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.
+
+Lulu schwieg. Die Mutter schuettelte sie heftig am Arm.
+
+"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"
+
+Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind musste sie sich schelten lassen?
+
+Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau
+ploetzlich ueber die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten
+Groll der Mutter die Riegel oeffnete. Sie bebte vor Zorn.
+
+"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."
+
+Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.
+
+"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.
+
+"Was ist gemein?" Die Mutter rueckte ihr fast auf den Leib. "Was ist
+gemein? Du, Du!"
+
+Ein tiefes Erblassen, ein roechelndes Nachatemringen, ein unsicheres
+Umhertasten mit den Haenden, und schwer sank Lulu an dem neben ihr
+stehenden Stuhl hin zu Boden.
+
+Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"
+
+Sie riss die Thuer auf und rief nach Minna und nach Wasser.
+
+Das Maedchen brachte das Verlangte erstaunt.
+
+"Is Fraeulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmaechtige auf
+den kleinen Lederdivan betten.
+
+"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Fueer nich utgahn,
+hoerst Du?"
+
+Und Minna sah nach dem Herdfeuer, waehrend Frau Behn der sich erholenden
+Lulu sanft ueber Stirn und Scheitel strich.
+
+"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem
+Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."
+
+Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesoehnt, hatten sich
+wieder gefunden.
+
+
+
+
+XXII.
+
+
+Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,
+unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schuettelfrost
+erwacht.
+
+Frau Caroline war sehr besorgt.
+
+Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag ueber
+allein im Geschaeft sein wuerde, denn das neue Fraeulein sollte erst am
+andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, dass Therese das Bett
+verliess. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.
+
+Ein Kind aus der Nachbarschaft uebernahm gern, fuer zwanzig Pfennig
+Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine
+Lungenentzuendung. Therese muesse unter allen Umstaenden im Bett bleiben.
+Warum man nicht schon frueher geschickt haette. Auch duerfe die Kranke auf
+keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die
+uebrigen Raeume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer
+an.
+
+Frau Caroline war untroestlich und quaelte Therese mit lautem Lamentieren.
+
+Die gutmuetige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge
+zu vergroessern und ueber kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.
+
+"Was fang ich an. Wie sollen wir die Moebel umsetzen? Ich kann das nicht.
+Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."
+
+Therese beruhigte sie, dass man Hilfe finden wuerde, niemand mute ihr zu,
+den schweren Schrank eigenhaendig ins andere Zimmer zu tragen.
+
+"Und wenn die Frieda uns nun sitzen laesst", jammerte die Tante weiter.
+"Was soll ich anfangen. Alle Haende voll zu thun, und keine Hilfe."
+
+"Warum sollte Fraeulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" troestete die
+Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnoetige Sorgen."
+
+"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.
+Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Kueche sieht schon
+aus, dass ich mir die Augen aus'n Kopf schaeme. Kein Stueck ist rein."
+
+Therese schwieg. Sie wusste, dass in solchen Stunden mit der umstaendlichen
+Frau nicht zu reden war.
+
+Natuerlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater
+Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Moebel als treuer Braeutigam und
+Helfer in der Not, und auch Fraeulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine
+kleine schwarzaeugige, bleichsuechtige Bruenette, mit Anlagen zur
+Korpulenz.
+
+Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden
+Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlaegerig zu finden. Er kam in
+der Folge oefter, und sie liess es zuletzt zu, dass er vor ihrem Bett sass.
+
+Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei
+ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er
+unterstuetzte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah
+sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu
+Flecken vergroessern.
+
+Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig
+Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen
+geschlichen, waere heftig zum Ausbruch gekommen, und es wuerde wohl
+schnell zu Ende gehen.
+
+Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt
+gesagt, da er sie genuegend kannte, um zu wissen, dass sie sich
+unverstaendigen, die Kranke schaedigenden Gefuehlsausbruechen hingeben
+wuerde.
+
+Frau Caroline erzaehlte ueberhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand
+einen Schnupfen, so wusste sie unbedingt Faelle von toetlicher Ausartung
+dieser an sich gefahrlosen Erkaeltung. Bei einem Sterbefall erinnerte
+sie sich eines halben Dutzend anderer und wusste Ursache, Verlauf und
+Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch
+Lungenentzuendungsfaelle schwerer Art hatte sie genuegend erlebt, um
+Therese die angenehme Aussicht auf moeglicherweise ungluecklichen Ausgang
+eines solchen Leidens naiv zu eroeffnen.
+
+Natuerlich nahm sie Theresens Fall nicht fuer so ernst.
+
+Durch ihr Geschaeft, durch die Einfuehrung und Anleitung des neuen
+Fraeuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Taeuschung.
+
+"Der Husten muss austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder
+rauskriegen. Sei man ruhig."
+
+"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schoene Wetter
+noch geniessen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch
+die schoensten Tage.
+
+Vorlaeufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen
+Bezirk griesgraemlicheren Vettern ueberlassen zu haben. Statt der Hitze
+der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den
+Sommer in Hamburg schmaelert. Bestaendige Westwinde trieben immer neue
+Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschlaege. Es waren
+unfreundliche, fast herbstliche Tage.
+
+Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,
+gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen
+glitzernden Boegen, Strahlen und Tropfen.
+
+Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das truebselige Grau
+drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, ueber die Strasse
+huepfte, zu ihr ins Zimmer hinein.
+
+Wie gern haette sie ein Stueck Himmel gesehen, aber sie musste sich von
+ihrem Bett aus mit der beschraenkten Aussicht auf das Strassenpflaster und
+das Parterre des Behnschen Hauses begnuegen.
+
+So kam es, dass sie sich haeufiger mit dessen Bewohnern beschaeftigte,
+namentlich mit Lulu.
+
+Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm
+Beuthien ein Verhaeltnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese
+konnte es nicht glauben. Mimi uebertrieb immer, wenn sie erzaehlte.
+
+Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken liess. Es war doch
+unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne haette sie einmal
+etwas von ihr gehoert.
+
+Hermann schien doch besser ueber den Schmerz, den Mimi ihm zugefuegt,
+hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine
+tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.
+
+Ob er einer solchen ueberhaupt faehig war? Keinen Augenblick zweifelte sie
+daran.
+
+Wie thoericht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war
+doch gut so. Er wuerde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit fuer sie
+jetzt uebrig gehabt haben.
+
+Wie freute Therese sich auf sein naechstes Kommen, auf das sie sicher
+rechnen durfte. Er vergass sie nie, und sie fuehlte wohl, es war echte
+Teilnahme, was ihn zu ihr fuehrte, nicht kaltes Pflichtgefuehl. Das machte
+sie gluecklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.
+
+Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,
+seines Mitleids nicht mehr beduerfe, koennte das alles wieder anders
+werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:
+wenn du nun stirbst?
+
+Aber nur wie ein fluechtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch
+ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeintraechtigen,
+und es war ein Glueck, dass auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine truebe
+Stimmung aufkommen liess.
+
+Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschaeftigt.
+
+Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im
+Bett liegen musste. "Die Hausthuer klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,
+um anzudeuten, dass die Ladenglocke ueberhaupt nicht zum Schweigen kaeme.
+
+"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag laenger, und ich bin fertig."
+
+"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.
+
+Fraeulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war
+natuerlich "die Schlechteste, die man haette kriegen koennen, zu nichts zu
+gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschaelen."
+
+"Haetten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.
+
+"Waerst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede
+Minute muss man sich aergern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge
+ja wohl alles zu Grunde."
+
+"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht
+mehr dauern", troestete Therese.
+
+"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr
+aus. Ich bin am ganzen Koerper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,
+lege ich mich auch noch hin."
+
+Das klang gerade nicht sehr aufheiternd fuer Therese. Aber wenn diese die
+Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder
+in der Kueche mit Tellern unsanft umherstossen hoerte, war sie ueber Nerven
+und Glieder der Tante beruhigt.
+
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn
+sofort seine Kur und reiste zurueck.
+
+Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die
+Begruessung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzaehlen, die
+Frau hatte in ihrem Brief mit genuegender Ausfuehrlichkeit berichtet.
+
+Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Strasse
+hinausgestarrt, das untruegliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm,
+als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"
+
+"In ehr Stuv, Johannes."
+
+"Ik will se nich sehn", stiess er hervor. "Nich vor Ogen."
+
+Wie tief auch die Geschichte an ihm frass, so war es doch fast mehr noch
+die soziale, als die moralische Seite, worueber er nicht hinwegkommen
+konnte.
+
+Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen,
+den ehemaligen Schulkameraden ueberfluegelt zu haben, er, der Umhertreiber
+und Thunichtgut von damals, den fleissigen, ordentlichen Musterschueler.
+
+Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel
+aufgestellt worden, wie oft hatte es geheissen. Das wird noch mal ein
+tuechtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.
+
+Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und
+Umsicht, waehrend Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht
+weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.
+
+So waren sie allmaehlich auseinander gekommen. Jeder mied den andern,
+geniert durch das Missverhaeltnis der Lebensstellungen.
+
+Nun musste so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.
+
+Wilhelm musste seine Pflicht gegen Lulu erfuellen, da gab es keinen
+Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es
+ward ihm schwer, furchtbar schwer.
+
+Er hatte sich fuer Lulu einen andern gewuenscht, als diesen Kutscher,
+diesen Liebling der Dienstmaedchen.
+
+Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?
+
+Wenn der Bursche sich nun weigern wuerde, sein Vergehen zu suehnen, was
+dann? Unmoeglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber
+so weit wuerde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann
+und wuerde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.
+
+Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder
+umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.
+
+Die Kehle war ihm wie zugeschnuert, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang,
+wie einem furchtsamen Schuljungen.
+
+Und er haette doch im Zorn die Strasse hinunterstuermen und alles kurz und
+klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan haette, wenn er beim
+Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen waere.
+
+Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen
+Stockwerk ueber der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeoeffnete
+Stallthuer, Wilhelm beschaeftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.
+
+Der Anblick des Suenders weckte seinen Grimm. Am liebsten haette er sich
+gleich auf ihn gestuerzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen,
+ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze
+Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.
+
+Heftig stiess er oben die Thuer auf, gegen die rasselnde Schutzkette.
+
+Tante Tille, in altmodischer weisser Haube, die sie nur des Nachts
+ablegte, ein Butterbrot in der Hand, oeffnete ihm.
+
+"Meine Guete, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se suend fort?"
+
+Er fragte nach Beuthien.
+
+"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.
+
+Der alte Beuthien sass auf dem kleinen, abgenutzten Rosshaarsofa vor dem
+mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und liess sich es anscheinend gut
+schmecken.
+
+Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich moebliert,
+in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die grossgebluemten, mit
+selbstgehaekelten Spitzen eingefassten Kattungardinen und der niedrige,
+braune Kachelofen gaben dem Raum etwas hoechst gemuetliches. Der frisch
+gescheuerte Fussboden zeugte von groesster Reinlichkeit. Auch die beiden
+billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in
+schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels,
+fuegten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der
+abgeblaetterten Vergoldung und dem grossen Spliss in der untern linken Ecke
+des Glases, stoerte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.
+
+Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu
+einer imponierenden Erscheinung aufrichten.
+
+Erstaunt empfing ihn Beuthien.
+
+"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.
+
+"Suend wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurueck.
+
+"Ja, wat is?"
+
+Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloss die Thuer wieder.
+"Wat is, Behn?"
+
+Kurz, heftig, stiess Behn seine Anklage heraus.
+
+Beuthien war starr.
+
+"Din Lulu?"
+
+Einen Augenblick sassen sich die beiden Maenner stumm gegenueber.
+
+Beuthien stand auf.
+
+"He sall kamen, gliek."
+
+Behn hielt ihn zurueck.
+
+"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.
+
+"Ne, ne, he sall man kamen."
+
+Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wusste er sofort, was seiner
+wartete. Aber er war nicht feige.
+
+Er gruesste unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.
+
+"Segg em dat suelfst", sagte sein Vater.
+
+"He weett't woll all", bebte Behn, wuetend ueber Wilhelms Ruhe.
+
+"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemuetlich
+zu werden.
+
+"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Faeusten.
+
+Wilhelm wich nicht zurueck.
+
+"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.
+
+Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend,
+der aber schleuderte sie heftig zurueck.
+
+"Du buest ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der
+kreideweiss wurde.
+
+"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden.
+"Woans hest Du Din Fru kregen?"
+
+"Dat is wat anners", keuchte Behn.
+
+"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se
+heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."
+
+Wilhelm erklaerte, er wuesste was recht waere, aber er koennte seine
+Pflicht nicht thun.
+
+"Wat?" rief Behn.
+
+"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.
+
+"Du kannst nich?"
+
+"Ne, ik kann nich."
+
+"Is se Di nich god nog mehr?" hoehnte Behn bitter.
+
+Wilhelm zoegerte lange mit der Antwort.
+
+"Ik haew all 'n Kind", stiess er endlich hervor.
+
+
+
+
+XXIV.
+
+
+Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das fruehere Behnsche Maedchen, war die
+Mutter seines Kindes.
+
+Behn hatte es uebernommen, dieser ihre aelteren Rechte auf Wilhelm
+abzukaufen.
+
+Er fand das Maedchen in einem Keller bei Hoekersleuten einquartiert, in
+einem engen, dumpfigen Raum. In einem grossen Waeschekorb lag das erst
+vierzehn Tage alte Kind, haesslich, klein, eine Fruehgeburt.
+
+Anna schaemte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hoerte,
+um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.
+
+Lulu, der hochmuetigen, goennte sie ihr Unglueck. Sie trug ihr noch immer
+die Misshandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten?
+Nie!
+
+Aber schliesslich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe
+zufrieden zu stellen.
+
+Die Ruecksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das
+ohne sorgfaeltigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren
+ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.
+
+Welch ein Vermoegen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch
+gezaehlt, zehn Hundert Markscheine.
+
+So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier
+bekommen, als Wilhelm war.
+
+Dieser war froh, dass alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn
+durchaus heiraten, so war ihm Lulu natuerlich lieber, als Anna.
+
+Lulu erfuhr durch ihre Mutter, dass Beuthien sie heiraten werde.
+
+"Vadder haett sik vel Moeh geben", setzte die einfaeltige Frau hinzu.
+"Dusend Mark haett em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."
+
+"Fuer Geld?" rief Lulu.
+
+"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie.
+Und dann erzaehlte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte
+mit Anna.
+
+Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.
+
+Also Anna haette sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande
+bewahrt blieb. Und das Maedchen wusste natuerlich nun alles, empfand
+Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.
+
+Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrueckte die
+Gewissheit, dass Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern
+gehalten hatte, als er sie ins Unglueck riss.
+
+Wer sagte ihr, dass Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte
+sie zeit ihres Lebens verbunden sein.
+
+Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten
+Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.
+
+Alle seine Fehler, seine Roheiten draengten sich ploetzlich in ihr
+Bewusstsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich
+verloren.
+
+Sie kam sich wie besudelt vor.
+
+Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Kueche der Nachbarhaeuser sehen.
+
+Jene Koechin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper
+Geschaeftigkeit auf dem Fensterbrett den Moerser handhabte, wie oft mochte
+sie in seinen Armen gelegen haben.
+
+Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende
+Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht
+vielleicht alle schon mit seinen Zaertlichkeiten bedacht?
+
+Es war ihr, als saehen alle zu ihr herueber, in ihr Fenster hinein,
+hoehnisch, vertraut: Wir gehoeren zusammen, Fraeulein.
+
+Sicher sprach man jetzt ueberall von ihrer Schande. Wuerde Anna schweigen,
+Anna, die sicher noch ihren alten Hass hegte?
+
+Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen.
+Hiess das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?
+
+Mochte Beuthien doch das Maedchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus
+dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, fuer sich, fuer das Kind, oder
+sterben.
+
+Es war das erste Mal, dass der Gedanke an den Tod ihr kam.
+
+Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die
+Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.
+
+Natuerlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber
+nachher, hat man es nicht mehr ertragen koennen, dann weinen sie ihre
+Heuchelthraenen.
+
+Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung
+in die Alster, und alles ist gut.
+
+Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.
+
+Sie kuehlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.
+
+Bei dem Blinken des Wassers musste sie immer an die Alster denken.
+
+Ein Sprung in die Alster.
+
+Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr
+vor Augen. Sie schuettelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf.
+Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.
+
+Als die Mutter sie so muede und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas
+in die Luft zu gehen. Sie muesse sich Bewegung machen, auch des Kindes
+wegen.
+
+Lulu wehrte ab.
+
+Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte
+sie begleiten, meinte die Mutter.
+
+Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein,
+nickte Lulu.
+
+"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.
+
+
+
+
+XXV.
+
+
+Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen,
+als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Naechste dazu".
+
+Frau Caroline stellte sich voellig auf den Standpunkt der Moral. Sie
+verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich fuer eine
+anstaendige Frau geziemte, und haette sicher an beiden kein gutes Haar
+gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre
+sittliche Entruestung etwas gemildert haette.
+
+Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu ueber die Achseln angesehn
+gefuehlt. Nun rueckte sie jener gegenueber gar in den Rang einer
+Schwiegermutter auf.
+
+Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior wuerde es nun heissen.
+
+Meine Schwiegertochter Lulu.
+
+Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht
+nannte Lulu sie gar Mama.
+
+"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu
+Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glueck, dass
+noch alles so gut ablaeuft."
+
+Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden
+Kraefte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als
+bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wusste sie, dass sie
+sterben wuerde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah
+wiederholt an der Zimmerdecke Maeuse.
+
+Das bedeutete den nahen Tod.
+
+Therese wollte sonst nicht fuer aberglaeubisch gelten. Kartenlegen,
+Besprechen und anderen Altweiberunsinn belaechelte und verspottete sie.
+Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her
+ehrfurchtsvollen Schauder abgenoetigt. So weit erstreckte sich ihre
+Aufklaerung nicht. Dass der Tod entfernter Personen sich oftmals
+ankuendigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren,
+geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis fuer
+erwiesen.
+
+Die Tante, der sie ihren Traum erzaehlte, hatte erst ein ganz bestuerztes
+Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn"
+auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an
+dergleichen Vorbedeutungen glaubte.
+
+Hermann gegenueber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal,
+gespraechsweise machte sie doch Andeutungen.
+
+"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand,
+streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und
+gesund, Resi."
+
+Als sie unglaeubig den Kopf schuettelte, sagte er wiederholt "Unsinn,
+Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.
+
+Das sagte ihr genug.
+
+Aber sie blieb ruhig und heiter.
+
+Sie haette vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, dass sie den Tod so
+ruhig erwarten koennte. Kein Zagen, kein Graun.
+
+Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen
+wiederkommen zu koennen erklaerte, war ihr auf einmal so bange geworden,
+so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als wuerde sie ihn nie wiedersehen,
+als muesste sie ihn mit Gewalt zurueckhalten.
+
+Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle
+Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese wuerde die "Krisis"
+ueberstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare
+Vorstellung davon zu machen.
+
+Vielleicht wuerde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewusstsein
+gekommen sein, wenn nicht ihre persoenlichen Angelegenheiten sie gar so
+sehr in Anspruch genommen haetten.
+
+Die geschaeftlichen Obliegenheiten lagen thatsaechlich fast allein auf
+ihren Schultern, da Fraeulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.
+
+Dazu kamen die Heiratsgedanken.
+
+Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon
+allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die
+"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.
+
+Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Maedchen, die in
+ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren.
+Sie stand ja als so nahe Verwandte des Suenders mitten in der Aktion, und
+von je her war sie nie gluecklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit
+dazu gehoerte."
+
+Als kuenftige Schwiegermutter der ins Unglueck geratenen, bewahrte sie
+natuerlich allen Ausfragern gegenueber die noetige Zurueckhaltung, und half
+durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier
+abenteuerlicher Geruechte um diesen pikanten Vorfall zu weben.
+
+Wie erschrak sie, als Mutter Behn frueh morgens, um sechs Uhr, mit der
+aengstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.
+
+"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."
+
+"Meine Guete, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts
+passiert?"
+
+Die Gemuesefrau von nebenan kam. "Hebben Se all huert? Behns ehr Lulu is
+furt."
+
+Ein Dienstmaedchen aus der Gaertnerstrasse wollte "man bloss mal auf'n
+Augenblick einsehen".
+
+"Nu is se ja woll utrueckt", meinte sie. "Wat'n Upstand."
+
+Auch der alte Beuthien kam ganz verstoert.
+
+"Line, Line, wat'n Stueck--wat'n Stueck."
+
+Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hoerte sie.
+
+Fraeulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung gluehenden Wangen
+immer neben der Wittfoth.
+
+"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.
+
+"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die
+Schuerzen gesaeumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig
+sein."
+
+Damit schuettelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.
+
+Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.
+
+"Dod?" fragte die Wittfoth.
+
+Beuthien gab mit dem Daumen ueber die rechte Schulter hinweg die Richtung
+an: "In'n Kanal."
+
+"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muss ich mich erst
+mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."
+
+Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.
+
+"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll.
+Was sie nu wohl wieder hat."
+
+Damit haftete sie ueber den Korridor, steckte aber im Voruebereilen den
+Kopf durch die Thuer des Arbeitszimmers:
+
+"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und
+man ja nicht zu breit, hoeren Sie?"
+
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Der alte Behn sass in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die
+Ellbogen aufgestuetzt, das Gesicht mit den Haenden bedeckend.
+
+Schon geraume Zeit sass er so da.
+
+Es war eine schwuele Luft in dem kleinen Raum.
+
+Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich
+vielfarbig in den Kristallflaechen des Tintenfasses und des
+Briefbeschwerers.
+
+Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die
+Fensterscheiben flog, war das einzige Geraeusch in der drueckenden Stille.
+
+Draussen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedaempfte Stimmen, ein
+Geraeusch, als wuerde ein schwerer Gegenstand transportiert.
+
+Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.
+
+Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.
+
+Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das fluesternde Sprechen, das
+Klingen der Korridorthuer, und wieder die dumpfe Stille.
+
+Noch immer sass Behn in unveraenderter Stellung, wie schlafend.
+
+Da wurde leise die Thuer geoeffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn
+rief nach ihm.
+
+Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des
+Mannes, aber er ruehrte sich nicht.
+
+Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.
+
+"Johannes!"
+
+Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten
+Faeuste, und der grosse starke Mann schluchzte wie ein Kind.
+
+"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.
+
+Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schaemte er sich seiner Thraenen.
+
+Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf
+einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch,
+den Tintenwischer, die Sandbuechse, tastete an sich herum, als suche er
+etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der
+geduldigen Frau.
+
+"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte
+Zimmer eintreten wollte.
+
+Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie
+die Eltern die beste Stube betraten, mit fluechtigem Blick einen Teil
+des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.
+
+Sie beugte sich nachher zum Schluesselloch hinunter, sah aber nichts, als
+den breiten Ruecken des Vaters.
+
+Ihre Gedanken waren in grosser Erregung. Lulu tot. Unfassbar schien es
+ihr.
+
+Es war das erste Mal, dass der Tod Paula so nahe trat.
+
+Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thraenen abgepresst.
+Seine Augen waren noch rot und heiss vom Weinen, eine trockene, stechende
+Hitze in den Lidern.
+
+Jetzt, nach dem ersten Gefuehlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem
+Recht.
+
+Paula haette gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter
+wollte es nicht leiden.
+
+Wenn der Vater sich doch nur mal ruehren wollte, dachte sie, am
+Schluesselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen
+konnte.
+
+Ob wohl viele Kraenze kommen wuerden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen
+Pomp eines Begraebnisses vor sich.
+
+Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am naechsten
+Sonntag war.
+
+Ob man ihn wohl feiern wuerde?
+
+Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf
+eingeladen. Clara wuerde ihr eine Papeterie schenken, das wusste sie
+schon.
+
+Wie haesslich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag wuerde.
+
+Ploetzlich fuhr sie vom Schluesselloch zurueck. Die Thuer ward hastig
+aufgestossen, und der Vater, blass, zitternd, trat schnell heraus.
+
+"Water, flink, Water", aechzte er.
+
+Minna stuerzte aus der Kueche und stiess unsanft mit Paula zusammen.
+
+Doch der alte Behn war schon in der Kueche, ehe die Maedchen recht
+begriffen, was er wollte.
+
+Die Stirn gegen die Wand gestuetzt, kaempfte er mit einem erstickenden
+Wuergen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handruecken den kalten
+Schweiss von Stirn und Backen wischend.
+
+So traf ihn der Brieftraeger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt
+durch die nachlaessig geschlossene Thuer in die Wohnung gelangt war.
+
+Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.
+
+"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.
+
+"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Brieftraeger. "So gewitterig
+heute."
+
+Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.
+
+"Is di beter, Johannes?"
+
+Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.
+
+"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung foer dat Klaveerstimmen."
+
+Der Brieftraeger, noch ohne Ahnung von dem Unglueck, das die Familie
+betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Strasse, durch ein Maedchen
+des Nachbarhauses.
+
+Er hatte auch fuer Frau Caroline Wittfoth einen Brief.
+
+Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut.
+"Brieftraeger!"
+
+Er musste noch ein zweites Mal rufen, bevor Fraeulein Frieda erschrocken
+erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen
+balancierend.
+
+Beide ausgestreckten Haende zur Hoehe der Ohren erhebend, bedeutete sie
+ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.
+
+"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.
+
+"Unser Fraeulein is tot."
+
+"Fraeulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"
+
+"Schwindsucht", fluesterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles
+Verbrechen.
+
+Mit bedauerndem Kopfschuetteln entfernte er sich.
+
+Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.
+
+Fraeulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das
+Gewuenschte zu finden war, und holte die Wittfoth.
+
+Frau Caroline erschien, verweint, mit geroeteter Nase, das Taschentuch in
+der Hand.
+
+"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzaehlte sie auf den
+fragenden Blick der Kaeuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von
+gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes
+Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Haende voll zu thun.
+Ich weiss auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."
+
+"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehoert hatte. "Mit so'n
+Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."
+
+"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik soegg Se den Unnerrock rut."
+
+
+
+
+XXVII.
+
+
+Zwei Tage spaeter hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des
+Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.
+
+Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel
+vier Kraenze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre
+goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kraenze frisch
+besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf
+den Blaettern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblueten
+und dem dunklen Gruen der Kranzgewinde.
+
+Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.
+
+Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen,
+das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Waescheschatzes,
+in der Hand.
+
+Nachdem sie alles Nebensaechliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu
+kommen pflegte, ueberwunden hatte, die Stoerung ihres Hauswesens, die
+Beeintraechtigung des Geschaeftes, die Wahl eines Trauerkostuemes, ob Crepe
+oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige
+Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.
+
+Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit
+niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag
+zuruecklegte, den Fraeulein Frieda oeffnete.
+
+Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr
+winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur
+eine schwarze Moire-Schuerze angelegt, die Frau Caroline fuer diesen Zweck
+noch in letzer Mintute dem Schuerzenkasten entnahm.
+
+"Der Leute wegen."
+
+Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu
+entfernen.
+
+"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fraeulein", fluesterte sie aus der
+Droschke heraus dem Maedchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock
+kommt, wissen Sie ja Bescheid."
+
+Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem
+Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins roetliche schillerndem
+Cylinder.
+
+In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt,
+damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.
+
+Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die
+ungern zu dritt in einer Droschke gefahren waere.
+
+"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt
+Unglueck. Gewoehnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade
+Zahl, das ist besser."
+
+Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die
+Schwaechen seiner Tante zu schonen.
+
+War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet
+gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschuettert. Er hatte alle seine
+freie Zeit der Tante zur Verfuegung gestellt und ihr alle Vorbereitungen
+und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.
+
+Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufaellige Entdeckung, dass
+er dem Herzen der Verstorbenen naeher gestanden haben mochte, als sie ihn
+hatte merken lassen.
+
+Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem
+Naehkoerbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat,
+ein Geschenk, das er ihr ungefaehr vor einem Jahre gemacht hatte.
+
+"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklaerte die Tante. "Und noch etwas
+fuer Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es
+zum Geburtstag haben."
+
+Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkraenzte Monogramm
+Hermanns.
+
+Geruehrt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner
+Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begraebnis noch
+in die Wohnung der Tante zurueckzukehren.
+
+Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus
+dem Behnschen Hause den reichgeschmueckten Sarg hinaus.
+
+Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen ueberstroemte die
+Strasse, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.
+
+In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Strasse hinauf.
+
+Nur wenige, fluechtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens.
+Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begraebnis.
+
+Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man
+besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger
+Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.
+
+Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenueberhaeuftem Sarg
+aus, der Zauber des Graesslichen, der Reiz des Ungluecks umstrickte die
+Seelen.
+
+Der Wind warf den Staub unter die Menge, ueber den Sarg, ueber die Kraenze,
+trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief
+herabhaengenden Trauermaentel der Pferde wie Segel auf.
+
+Die zwoelf Traeger, in ihren althergebrachten Pompgewaendern, mit weisser
+Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der
+Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zuegel, und der
+Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor ueber den linken Arm
+tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung
+setzte.
+
+Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine
+ploetzliche Verkehrsstoerung wieder zum Halten zwang.
+
+Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen
+hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.
+
+Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein ungluecklicher Zufall, liess
+das leichte Gefaehrt mit dem schweren Lastwagen zusammenstossen. Das
+zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden
+gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker
+stand in groesster Verlegenheit bei dem gestuerzten Fuchs, der wild
+ausschlagend, alle Bemuehungen, ihn aufzurichten, vereitelte.
+
+Daneben stand, blass, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der
+Angst den kuehnen Sprung von ihrem gefaehrlichen Wagensitz gewagt hatte.
+
+Hermann hatte aus seinem Coupe heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen
+vermeint.
+
+Schnell zog er sich in den schuetzenden Versteck des tiefen Fonds zurueck.
+Keine Erinnerung haette ihm heute peinlicher sein koennen als diese. Sie
+brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmuetige Stimmung.
+Die Augen schliessend, traeumte er in der langsam ueber das stossende
+Pflaster holpernden Droschke von jenem Fruehlingsabendgang zwischen den
+Weissdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Kuessen.
+
+Mit schrillem Missklang intonierte in einer Nebenstrasse eine Drehorgel
+einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.
+
+Hermann schrak aus seinem Brueten auf.
+
+Wie gemein waren diese Klaenge.
+
+Ein Strassenjunge sang im hoechsten Diskant zu den Melodien des
+Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis
+zur naechsten Strassenecke hoerte Hermann den Gesang des Bengels.
+
+Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehoert? War es
+damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.
+
+Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie,
+summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im
+Walzerrhythmus:
+
+ "Meine Liebste ist in Bremen,
+ Ist 'ne Selterwasserdirn."
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM DURCHSCHNITT***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
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