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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11108 ***
+
+Aus dem Durchschnitt
+
+Roman
+
+von
+
+Gustav Falke
+
+Hamburg
+
+1900
+
+
+
+
+Meinem Bruder Albert gewidmet.
+
+
+
+
+I.
+
+
+Dem undurchdringlichen Nebel des Märzabends war eine Frostnacht gefolgt.
+An der Ecke der Gärtnerstraße und des Durchschnitts, in einem östlichen
+Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glätte des übereisten,
+abgenutzten Straßendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so
+unglücklich gestürzt, daß an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen
+Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen
+gebrochen. Schweißbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem
+Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.
+
+Der Kutscher, ein älterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.
+
+"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein
+Schlachter drängte sich durch die Menge:
+
+"Na, Beuthien, is he henn?"
+
+"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er
+warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran,
+den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.
+
+Der Frager und ein junger kräftiger Mann, dessen frisches,
+wettergebräuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher
+aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.
+
+"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.
+
+"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.
+
+In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich
+Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an
+schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu
+zerstreuen. Er ließ seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf
+der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der
+anderen beharrlich wieder an.
+
+Hatte das Publikum nur spöttische Mienen, halblaute Scherze für die
+heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines
+Geschäftskellers, in dem sich eine Weiß- und holländische Warenhandlung
+befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch
+ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.
+
+Die kleine, rundliche Frau war in beständiger Bewegung. Unter Mittelmaß,
+kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf
+den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermöglichen.
+
+Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus
+dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.
+
+"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender
+Stimme in das Gewühl hinein.
+
+"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem
+Gelächter der Umstehenden.
+
+Ein Dienstmädchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoß die Zärtlichkeit
+eines Gesellen abwehrend, die Nähe der Geärgerten zu gewinnen.
+
+"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben,
+von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloß
+mal eben Kartoffel holen."
+
+"Recht, Fräulein, holen Sie man bloß mal eben Kartoffel", lachte die
+Wittfoth.
+
+Gewandt schlüpfte das Mädchen durch das Gedränge.
+
+Allmählich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur
+Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der
+Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der
+Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde später zeugte nichts mehr
+von dem Vorfall.
+
+Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpäckchen
+beschäftigt, ihr nervöser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu
+richten, zu verändern und zu verbessern, als auch schon jenes
+Dienstmädchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig
+in den Laden trat.
+
+"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln
+rausgesucht?"
+
+"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten
+Haarnadeln einwickelnd.
+
+"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"
+
+"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind."
+
+"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man
+sich so schon genug."
+
+"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"
+
+"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint
+wunder, was sie ist, und muß sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr
+was beißt."
+
+"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl
+erheuchelnd. Die andere ließ sich jedoch gemütlich auf dem einzigen
+Rohrstuhl an der Tonbank nieder.
+
+"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nächstens
+ißt sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen
+Finger in Wasser? I bewahre, könnt ja naß sein".
+
+"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.
+"Wenn ich die Mutter wäre".
+
+"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".
+
+"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte
+eine bezeichnende Handbewegung.
+
+"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das Mädchen. "Aber Herrjeses!
+ich vergeß mir ja ganz. Na, das wird'n schönen Segen geben. Sie hat so
+keinen Guten heute".
+
+Sie riß ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen
+"Schüüß Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich
+schließend.
+
+"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr
+außer einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, daß sie die
+Weiß- und holländische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin
+kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Geschäft
+mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie
+sich bald in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet. Sie wußte, was sie
+wollte. Die Geschäftsreisenden merkten, daß sie der kleinen helläugigen
+Frau nichts aufschwätzen konnten und respektierten ihre
+Geschäftstüchtigkeit.
+
+Mehr Mühe und Verdrießlichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mädchen
+gemacht, deren sie zwei benötigte, eine Verkäuferin und eine Schneiderin
+für die Anfertigung der Dienstmädchenkostüme.
+
+Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten,
+anspruchsvollen Mädchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst
+noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau
+Caroline Wittfoth ließ sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren".
+Sie hatte immer kurzen Prozeß gemacht und, wenn nötig, alle acht Tage
+gewechselt, bis sie schließlich die brauchbaren Persönlichkeiten
+gefunden und sich in diesem täglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit,
+Unordnung und Trägheit soweit geschult und gestählt hatte, daß sie sich
+fortan in Respekt zu setzen wußte.
+
+Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Saß, die Tochter
+einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein
+zweiundzwanzigjähriges, schwächliches, etwas verwachsenes Mädchen, das
+erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende
+Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und
+erlebte die Genugthuung, daß neuerdings auch einzelne Damen der
+Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenröcke, von ihr
+anfertigen ließen.
+
+Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschäftes,
+und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem
+zweiten jungen Mädchen unterstützt wurde.
+
+Die achtzehnjährige blühende Blondine mit den großen grauen, blitzenden
+Augen wußte ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war
+sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und
+sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwächen und
+Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche Mädchen
+durch sein gefälliges, entgegenkommendes Wesen.
+
+Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine
+wärmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid
+mit der kränklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese
+empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden
+Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere
+Lebensfreude verurteilten Daseins.
+
+So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehörigkeit.
+Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein
+Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im
+Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besaß.
+
+Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mädchen wegen. Der
+verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine
+aufrichtige Wertschätzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres
+feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner
+Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verkäuferin
+seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.
+
+Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wußte
+das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu
+fesseln.
+
+Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte
+Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu
+sagen pflegte. Ihre Schwärmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.
+
+Die goldene Brille, die Hermann trug, söhnte sie jedoch wieder etwas mit
+seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mädchen, eine
+Vorliebe für Augengläser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend.
+Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein
+bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen
+Schutz etwas blöde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an
+Glanz und Leben.
+
+Auch der Umstand, daß die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei
+Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal
+einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mußte sie
+hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und
+auskömmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der
+Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein
+gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon
+blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.
+
+Hermann hatte den beiden Mädchen versprochen, sie am ersten Ostertage
+spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends
+um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nähere zu bereden.
+Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und
+am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung
+sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee
+getrunken werden.
+
+Die Mädchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten
+ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind.
+
+Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?
+
+Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich
+auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens
+Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.
+Auch trug sie nur schwarz.
+
+Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der
+Voraussetzung, daß sie ablehnen würde. Man wußte, daß sie um keinen
+Preis an irgend einem Tage ihr Geschäft schloß und etwas darin suchte,
+zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen
+Hang, die Märtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das
+geplagteste war.
+
+Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung
+zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu
+schließen. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage hätte
+sie noch in jedem Jahre die glänzendsten Geschäfte gemacht. Für sie gäbe
+es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren
+laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die
+Ladenglocke schellte.
+
+"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die
+hastig aufgerissene Thür. "Fräulein Behn will Maß genommen haben."
+
+Mit Metermaß und ihrem Notizbüchlein folgte Therese.
+
+Mimi saß am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus
+bläulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war beschäftigt, die
+dünnen, schmiegsamen Stahlstäbchen in der Taille eines hellen
+Mädchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre
+etwas großen, aber weichen, schöngeformten Hände, die gut gepflegt
+waren, wenn auch nicht jede Spur häuslicher Thätigkeit sich hatte
+entfernen lassen.
+
+Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel.
+Die gleichmäßige Bewegung der vollen, rosigen Mädchenhand, an deren
+Mittelfinger ein schmächtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt
+glänzte, fesselte Hermanns Blick.
+
+"Wie mögen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fräulein Mimi", sagte
+er.
+
+"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne
+aufzusehen.
+
+"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.
+
+"Bin ich das nicht immer?"
+
+Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen,
+der ihm entging.
+
+In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie
+ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in
+diese verfängliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der
+Gewalt ihrer Reize.
+
+Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich
+schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.
+
+Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret
+gebrauchte, stieg zu ihm auf.
+
+Er zog den Duft ein.
+
+"Ah, Veilchen."
+
+"Das letzte Tröpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus
+mit der Veilchenherrlichkeit."
+
+"Dann bleiben die Rosen."
+
+"Wie so?"
+
+Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.
+
+"Wie Feuer."
+
+Sie schlug nach ihm.
+
+Sie hatte ihn kräftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem
+Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretär aus
+Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der
+Verdruß der jungen Mädchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der
+Wittfoth glänzend genug leuchten.
+
+Hermann, auf der Verfolgung des Ausreißers, lag bäuchlings auf dem
+Fußboden und angelte und fegte pustend und ächzend mit einem langen
+hölzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Möbel umher,
+als das Zimmer von außen geöffnet und die helle Stimme der Tante laut
+wurde:
+
+"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fräulein."
+
+Gleichzeitig erschien Fräulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die
+Wittfoth die ungewöhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.
+
+In größter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln
+und Rockschößen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fäden der
+Nähstube festgesetzt hatten.
+
+Schallendes Gelächter begrüßte ihn, in das er notgedrungen einstimmte.
+
+"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.
+
+Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem
+entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig
+abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der
+linken Hand ängstlich von sich abhielt.
+
+Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
+Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen
+Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die
+Glocken von St. Gertrud die Gläubigen und Erbauungsbedürftigen zum
+Gottesdienst riefen.
+
+Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den
+Kirchgängern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, daß sie sie
+in zehn Minuten erreichen konnte, versäumte die kleine, lebenslustige,
+keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die
+Predigt zu hören und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.
+
+"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehöre durchaus nicht zu
+den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Höheres
+haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben
+singen und die Orgel dazu spielt."
+
+Therese begleitete die Tante regelmäßig in die Kirche, besuchte auch
+häufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges
+Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz
+Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle
+Angelegenheiten des Herzens, umfaßte sie auch diese Dinge mit großer
+Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante,
+die auch hier ihre Oberflächlichkeit nicht verleugnete.
+
+"Ach, ich glaub an gar nichts", erklärte die Wittfoth einmal. "Mir
+soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist
+noch keiner lebendig wieder runter gekommen".
+
+Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem
+Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach
+ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".
+
+"Dann könnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich
+los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser,
+Ihr verbrennt mich gleich".
+
+Vor der Kirchenthür trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit
+ihren Töchtern.
+
+"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.
+
+"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger
+ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.
+
+Fräulein Lulu musterte mit lässigem Gruß die Toiletten der Tante und
+Nichte.
+
+"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glätte
+schnell die Falten ihres vergnügten rundlichen Gesichts zu
+andachtsvollem demütigem Ausdruck und drängte sich mit dem allgemeinen
+Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute
+Kirche.
+
+Mimi Kruse hütete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als
+ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal
+wieder eine Predigt gehört, das heißt, eine solche in den Kauf genommen
+zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit
+in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode
+geworden.
+
+"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und
+entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen
+Uebungen.
+
+Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben
+sich auf dem Fensterbrett liegen und überflog den Roman im Feuilleton.
+Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Hälfte bei der schnöde verlassenen
+Gräfin, die andere Hälfte gehörte dem blauen Kleid, das sie am
+Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine
+Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.
+
+Mimi wollte hübsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntäglichen,
+dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den
+"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.
+
+Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so lästig durch seine
+unaufhörliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein beständiges,
+verliebtes Anlächeln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint
+gewesen. Sie haßte diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann
+der Länge nach auf dem Fußboden lag, war er ihr sehr lächerlich
+erschienen.
+
+Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht
+"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte
+schon an die Chokolade, Törtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag
+spendieren würde.
+
+Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in
+kürzeren oder längeren Zwischenräumen die Sonne überzogen. Besorgt sah
+sie auf. Es wäre doch zu ärgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten
+würde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?
+
+Und wirklich fielen jetzt große, schwere Tropfen, denen sich bald
+weiche, zerfließende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.
+
+Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wütend durch das ganze Zimmer.
+Ihre Stirn legte sich in bitterböse Falten, und dem unmutig verzogenen
+Mund entfuhr ein derbes Wort.
+
+Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte
+der lose Schnee um die Straßenecken, als wäre es Weihnachtszeit und
+nicht Ostern.
+
+Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein,
+in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen
+Künstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung
+heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die
+benäßte, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen
+in der Thür stehen.
+
+"Eine schöne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", näselte er
+verschnupft.
+
+"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klärt sich's noch
+auf."
+
+"Klärt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."
+
+"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfügung, gnädiges Fräulein",
+scherzte Hermann.
+
+"Höchst ungnädiges Fräulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr
+helles Kleid."
+
+"Fällt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr
+mißgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu können. Auch Hermann sah
+nicht so aus daß man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte
+Partie, dachte sie.
+
+"Meinetwegen laßt uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.
+
+"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte
+wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die
+Wittfoth den Ausschlag gab.
+
+"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fürchten sich vor Schnee?
+Marsch, fort mit Euch!"
+
+"Man nich so eitel, Fräulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind
+noch lange hübsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs
+Kleid."
+
+"Das mein ich auch", bekräftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst
+sich schmückt, schmückt sie auch den Garten."
+
+"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."
+
+"Rückert, liebe Tante", belehrte Hermann.
+
+Die liebe Tante überhörte diese Belehrung und wandte sich an Therese:
+"Daß Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weißt, Du bist gleich erkältet.
+Und daß Ihr mir fahrt heute Abend, hörst Du Hermann? Die Abendluft ist
+so gefährlich."
+
+Mimi, die sich mürrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt
+wieder. Sie lachte über das ganze Gesicht.
+
+Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschließende schwarze
+Plüschjacke, ein schwarzes, langhaariges Müffchen und ein dunkelbraunes
+kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel
+hatte sie schnell über das blaue Kleid getröstet, und höchst zufrieden
+fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre
+Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreißendes,
+dominierendes in ihrem Wesen.
+
+Hermann war glücklich über diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und
+bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute
+sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der
+Tante Abschied.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr
+Lieblingsgetränk, der zwar für die vollblütige, nervöse Frau das reine
+Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau
+Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere
+Ausdruck für ein gefülltes Kannenmaß. Heute, zur Feier des Festtages,
+hatte sie sogar noch für eine Tasse über das gewöhnliche Maß gesorgt,
+sich guten Rahm statt der sonst bei ihr üblichen Milch gegönnt und neben
+der gefüllten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt.
+
+Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein großer,
+flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguß auf den Tisch. Wer
+dieses Gebäck nicht genug zu würdigen wußte, hatte es mit der kleinen
+Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz.
+
+Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, ließ sich die
+Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre
+Näharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des
+Nachmittags mit gemütlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch
+ihren Feiertag haben. Sie mußte sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere
+mich nur, daß mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft.
+
+Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Mädchen nahmen ihr
+alle Arbeit ab. Selbst die Küche brauchte sie nicht allein zu besorgen.
+Dennoch war sie überzeugt, daß niemand so mit Arbeit überbürdet sei wie
+sie.
+
+Sie war immer in Bewegung und meistens in unnötiger. Sie war überall und
+nirgends, bald in der Küche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier
+einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden
+aus dem Wege räumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft
+noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine
+Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen
+weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" müde war.
+
+Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem
+Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der
+duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem
+Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam
+sie.
+
+Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang
+gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß
+und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen".
+
+"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch.
+Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen
+ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.
+
+Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die
+Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie,
+die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.
+
+Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
+Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem
+Trottoir lagen.
+
+Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen
+strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen
+"rumzupatschen" brauchte.
+
+Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
+Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
+besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
+Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".
+
+Das war lange her.
+
+Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte
+sich überflüssig in deren Gesellschaft.
+
+Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre
+ein Alter?
+
+Zu den achtzehnjährigen Backfischen allerdings paßte sie nicht mehr.
+Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen
+zu rechnen, war es doch noch zu früh.
+
+Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muß sich schon
+zufrieden geben. Man muß froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen
+guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.
+
+Was war das doch für ein Gerede damals gewesen, mit dem hübschen
+Reisenden von Rosinsky und Söhne. Weil sie höflich gegen Herrn
+Bellermann war, sollte sie natürlich Heiratsabsichten haben. Als ob es
+nicht ihre Pflicht gewesen wäre, im Beginn ihrer Geschäftsthätigkeit
+sich mit Kunden und Lieferanten auf möglichst guten Fuß zu stellen.
+
+Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der,
+bald jener, den sie ködern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen
+sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person,
+sondern von ihrem Geschäft zu reden. Als ob sie nicht immer noch
+ansehnlich genug sei.
+
+Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Müller und Lenze, der
+großen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal
+hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mußte sehen, daß Herr Pohlenz auf
+die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die
+Alster, als daß sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten,
+kalten Händen schauderte ihr.
+
+Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht
+hatte. Zwar nahm sie es damals für Scherz und nahm es auch noch dafür.
+Aber gesetzt, er hätte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den
+Pomadenhengst mit den Leichenhänden.
+
+Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese
+Heiratsgedanken? Sie mußte über sich selbst lachen.
+
+Sie füllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein längliches Stück
+Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.
+
+Sie hörte am schweren Auftreten, daß männliche Kundschaft sie beehrte.
+
+Es war der junge Beuthien, der sonntäglich gekleidet vor der Tonbank
+stand.
+
+Er bat um einen neuen Halskragen.
+
+"Welche Nummer, Herr Beuthien?"
+
+Ja, wenn er das wüßte, lachte er. Seine Kragen wären ihm zu eng
+geworden. "Dat kniept all bannig".
+
+Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er paßte sie unbeholfen an.
+Da er sich nicht entschließen konnte, half sie ihm und legte eigenhändig
+einen Kragen um seinen Hals.
+
+"De paßt", empfahl sie.
+
+Als er gewählt hatte, mußte sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen
+widerspenstigen Hornknöpfe durch die neuen steifen Knopflöcher zu
+drücken. Seine großen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.
+
+Sie hatte Mühe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart
+kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn höher, und sie bewunderte
+seinen braunen kräftigen Hals.
+
+Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestüm zu Werke, so daß das
+Halsband riß.
+
+"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mör".
+
+Verlegen besah er den Schaden. Aber es ließ sich nichts daran ändern,
+und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.
+
+Sein verlegener Aerger rührte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie
+neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu
+reparieren.
+
+Sie nötigte ihn in die Stube. Zögernd folgte er und nahm mit etwas
+umständlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, während sie ihr
+Nähzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.
+
+Ein Blick auf die Straße zeigte ihr, daß im Parterre gegenüber Lulu
+Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.
+
+"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und ließ die Rouleaux
+herunter, um jener einen Einblick zu versperren.
+
+Beuthien schien ihre Bemerkung überhört zu haben.
+
+Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee
+anzubieten.
+
+"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den
+Kuchenteller zu.
+
+Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig,
+als er mit seinem Kaffee.
+
+Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und
+stillte ihre Neugier.
+
+Als er gesprächig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu
+sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten
+Se woll gliek?"
+
+"Ja", antwortete er scherzend. "Wülln Se min Fru sin?"
+
+"Da föhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.
+
+"Un mit söß", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.
+
+Schwerfällig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, daß er ein
+wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rücken der linken Hand langsam
+über die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.
+
+Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurückgab griff er nach ihrer
+Hand und legte den Arm um ihre Taille.
+
+"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreißend. "So wiet sünd wi ja
+woll noch nich".
+
+Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flüchtende
+zu erhaschen.
+
+"Nichts für ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spaß muß
+sind, sagt der Berliner".
+
+"All wo's hin gehört", sagte sie pikiert.
+
+"Na, denn nich", brummte er gekränkt und fragte, was er schuldig sei.
+Aber sie wollte für die kleine Mühe nichts haben.
+
+"Se föhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versöhnlich gestimmt.
+
+"Na, dann besten Dank und fröhlich Fest".
+
+Er gab ihr die Hand, und sein kräftiger Druck zwang ihr ein leises Au
+ab.
+
+Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb
+noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner
+kräftigen Finger längst verzogen hatten.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Therese und Mimi waren spät nach Hause gekommen, hatten die Vorwürfe der
+Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes
+Veilchensträußchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann
+gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.
+
+Beim Frühkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten
+aus. Sie hatten sich "himmlisch" amüsiert, wie Mimi versicherte. Hermann
+sei "zu nett" gewesen. Sie wußte, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen
+loben hörte.
+
+Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Torte bei Homann, hatte man zu
+Fuß den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurücklegen müssen, da alle
+Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters überfüllt waren. Auch dort
+hatte man nur mit Mühe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales
+erwischen können. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnügler
+schnell von der Straße in die Lokale, und auch der große Saal des
+Ludwigschen Etablissements war bald überfüllt.
+
+Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfänglicher der Musik
+des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rücksicht auf
+das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natürlich ein
+Straußischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche
+Art von Trübsinn und Verstimmung.
+
+Wie immer zog das hübsche Mädchen die Blicke der näher sitzenden Herren
+auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrüßte man von weitem. Hermann, um nicht
+aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswürdigkeit
+verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluß des Konzertes, die Mädchen
+zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo
+man vorzüglich aß und vor allen Dingen ungestört genießen konnte.
+Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war
+jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu
+entledigen.
+
+Die Wittfoth hatte den fröhlichen Berichten der Mädchen nichts
+entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf
+der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wußte nicht den rechten Ton zu
+finden und begnügte sich, eine große Zufriedenheit zu erheucheln, daß
+sie doch einmal einen ruhigen, ungestörten Nachmittag ganz für sich
+allein gehabt hätte. Zuletzt aber mußte sie doch wenigstens so viel
+verraten, daß der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.
+
+"Der schöne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.
+
+"Ist er eigentlich so schön?" meinte Therese, während die Tante, ohne
+auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abräumte, mit mehr
+Geklapper, als sonst ihre Art war.
+
+Mimi erklärte Beuthien für einen ganz ansehnlichen Mann. Für Köchinnen,
+setzte sie hinzu, und ließ durchblicken, daß ihre Ansprüche höher
+gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zügen und lobte dagegen das
+ehrliche, gutmütige Gesicht seines Vaters.
+
+Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in
+Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich früh auf den Weg, und Nichte und
+Tante blieben allein.
+
+Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den
+Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter
+freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern
+gewünscht hatte. Man sah und hörte ihm an, wie glücklich ihn die
+Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine
+Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, überreichte, anscheinend
+wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weiße und bestimmte die
+übrig bleibende tiefrote für "Fräulein Kruse".
+
+Auch ein Buch, von dem er dem Mädchen gesprochen hatte, lieferte er ab:
+Rückerts Liebesfrühling.
+
+"Liebesfrühling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was
+auf einbilden", meinte die Wittfoth.
+
+Sie stand dem Verhältnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmädchen
+nicht blind gegenüber. Es amüsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei,
+die zu nichts Ernstlichem führen würde. Keinem würde das Herz dabei
+brechen, am allerwenigsten dem Mädchen. Uebrigens wollte sie
+gelegentlich mit Hermann darüber reden.
+
+Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blätterte mechanisch
+darin.
+
+"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die
+Nähmaschine.
+
+"Und Du?" fragte Hermann.
+
+"Du weißt, ich schwärme für Gedichte".
+
+"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll
+Liebe."
+
+Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kümmerlichen
+Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Töpfen auf dem Fensterbrett
+standen.
+
+"Werft doch die elenden Stöcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts
+darnach."
+
+"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.
+
+Sie hatte wieder ihre gewöhnliche, gelbblasse, kränkliche Farbe.
+
+Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwächlich
+vorgekommen, wie in diesem Augenblick.
+
+"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde.
+Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."
+
+"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.
+
+"Luft und Licht sind Euch beiden nötig ", eiferte er. "Also steckt die
+Nase man mal hinaus."
+
+Er reichte ihr die Hand zum Abschied.
+
+"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger
+Betrübnis.
+
+"Meine Freunde warten", erklärte er.
+
+"Kommst Du bald wieder?" bat sie.
+
+Er versprach es.
+
+"Adieu, liebe Tante", rief er über den Korridor in die Küche hinein, wo
+die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.
+
+Therese gab ihm das Geleit bis an die Thür. Lange sah sie ihm nach.
+
+Auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt, las sie im Liebesfrühling,
+brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der
+Sache zu sein.
+
+Sie wußte ja, das Buch war eigentlich für Mimi bestimmt.
+
+Mimi und Gedichte!
+
+Was waren der alle schönen Gefühle und erhabenen Gedanken. Was war ihr
+überhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfähige
+Kurmacher.
+
+Mimi war ein gutes Mädchen, aber leicht und oberflächlich. Und
+anspruchsvoll war sie.
+
+Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverständlich
+gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krösus.
+
+Therese hatte tausend Gründe gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter
+und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.
+
+Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie
+an. Er galt ihr für gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem
+unwissenden, früh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mädchen.
+
+"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins
+Zimmer tretend.
+
+"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.
+
+Bei Behns drüben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die
+Familie kehrte von einer Ausfahrt zurück.
+
+Die Wittfoth stürzte ans Fenster.
+
+"Die können's. Immer nobel."
+
+Fräulein Lulu verließ als letzte etwas langsam den Wagen.
+
+"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."
+
+Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon,
+schwieg.
+
+"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl
+seit acht Tagen keine frischen Strümpfe angezogen."
+
+"So?" zweifelte Therese.
+
+"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.
+
+"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mädchen.
+
+"Na, jedenfalls würd' ich mich schämen, mit solchen Strümpfen
+auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen
+Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen,
+etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach
+Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr
+ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je
+weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom
+Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren
+oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise
+Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.
+
+Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter
+Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den
+Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die
+Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein.
+
+Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre
+Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer
+auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen
+schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.
+
+Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus
+zurückgekehrt.
+
+Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche
+Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum
+Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter,
+arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es
+nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so
+spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten
+mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen.
+
+Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer
+hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren
+Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.
+
+"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach
+seiner Art."
+
+Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der
+wollte er höher hinaus.
+
+Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber
+beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte
+für seine Lulu einen "Herrn".
+
+Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von
+Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen
+von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und
+zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht
+und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied
+"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie
+jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen
+Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem
+Dienstmädchen, teilte.
+
+Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf
+dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.
+
+Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer
+Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und
+gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in
+Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch
+war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog.
+
+Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas
+zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen
+Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen,
+eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare
+und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes
+machten sie jedem Manne interessant.
+
+Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins
+Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung
+kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie
+höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.
+
+Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie,
+der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen
+ihrer überdrüssig geworden.
+
+Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer
+ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch
+keine so große Eile.
+
+"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.
+
+"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god".
+
+"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern
+is man krütsch".
+
+"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn
+wesen."
+
+"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.
+
+Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch
+manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit
+vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit
+zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.
+
+Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes
+Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei
+Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der
+mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft
+eröffnet hatte.
+
+Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu
+im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten
+Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis
+allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu
+weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das
+Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.
+
+Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war
+die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die
+Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber
+nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.
+
+Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt
+das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien.
+
+So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus
+zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie
+durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu
+bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin
+und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie
+garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete
+junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen
+einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter
+eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna,
+das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und
+andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der
+Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines
+siegesüberdrüssigen Don Juans.
+
+Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie.
+
+Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den
+Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe
+auszugleichen.
+
+Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm
+Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte
+die gekränkte Eitelkeit.
+
+Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu
+einer fast krankhaften Leidenschaft.
+
+Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am
+Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf.
+
+Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie
+er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.
+
+Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm
+nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch.
+
+Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna,
+er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen
+lassen, wie jede andere Lise.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Früher als sonst stellte sich der Frühling ein. Dem späten, aber immer
+noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Sträuchern im März
+schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im
+April zuversichtlich heraus.
+
+Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grüner Hauch über Busch und Baum. Es
+gab schon einzelne heiße Tage, an denen der Ueberzieher lästig wurde,
+und man an die Sommergarderobe dachte.
+
+Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth öffnete ihr die Thür
+ihres Kellergewölbes. Mit der zunehmenden Wärme stand diese den ganzen
+Tag auf. Fräulein Mimi hatte dann ihren beständigen Sitz hinter der
+Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden
+konnte.
+
+Die Dienstmädchen, die jetzt durch die immer geöffnete Thür bequem "mal
+vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzärmeligen
+Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen
+Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.
+
+An der Ecke gegenüber, beim Gastwirt Tetje Jürgens, der unter dem
+Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frühstückskeller" seit
+Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflüglern.
+Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen
+"Stehseidel" weiter.
+
+Es war Frühling, sonnenwarmer Frühling.
+
+Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem
+Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der
+Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten,
+glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem
+Wintergetränk zum sommerlichen Trunk kühlen Augustinerbräus
+bewerkstelligen.
+
+Im Winter pflegte er allabendlich in dem geräumigen, gemütlichen
+Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen
+Steifen zu trinken.
+
+Einmal in der Woche hielt er eine längere Skatsitzung ab.
+
+Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saßen die Frauen und
+Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche
+Brauselimonade, während sich die Männer und Väter im Gastzimmer beim
+Spiel erhitzten.
+
+Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der
+Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde
+Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem
+Mittwoch war in den hintern Sälen großes Tanzvergnügen. Da sprachen die
+Köchinnen und Dienstmädchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur
+einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum
+Abendbrot.
+
+Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar,
+geführt von sonntäglich geputzten jungen Burschen.
+
+Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde
+an der Thür absetzend, drängten sich zu einem kurzen Rundtanz in den
+Saal. Hausknechte traten im Vorübergehen ein, Kutscher ließen ihre
+Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den
+Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluß im Saal vor,
+oder sie nahmen von den draußen stehenden die erste beste mit hinein. Es
+gab immer neugierige oder schüchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit
+oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie
+vor einem Bienenkorb. Ein beständiges Kommen und Gehen.
+
+Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes
+Mädchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem über
+alles geliebten Walzer entgegeneilte.
+
+Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier
+etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine
+rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise
+geschmückt.
+
+"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgäste an.
+
+"Ne, ne, lat man", sträubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden
+unschlüssig nach.
+
+Ein hübsches Dienstmädchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weißer
+Schürze mit Spitzenlätzchen, nickte ihm im Vorübergehen wie einem alten
+Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluß zu bestimmen, und er
+folgte ihr schnell.
+
+Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor
+Tanzlust, Neid und Eifersucht.
+
+Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthür gedrängt und kam nun mit
+glühenden Wangen und leuchtenden Augen zurück.
+
+"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz.
+
+"Du? Dummes Gör! Töf, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter.
+
+Die Kleine wurde etwas bestürzt.
+
+"Es war man bloß Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich
+wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein".
+
+Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt.
+
+"Wie gemein", sagte sie naserümpfend.
+
+"Ach Du", warf ihr die Kleine verächtlich über die Schulter zu.
+
+"Daß Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen,
+die am nächsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend.
+
+"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein
+geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende
+Frau.
+
+Lulu, die es hörte, errötete.
+
+"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unerträglich hier",
+sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, daß man
+an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte.
+
+Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spöttisches Echo an jenem Tisch
+ungezogener Grünschnäbel.
+
+"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand
+auf.
+
+Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten,
+ließ sie gewähren.
+
+Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedrängt. Jenes hübsche
+Dienstmädchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr
+vorüber.
+
+"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Briefträger nach. Aber
+Marie hörte nicht.
+
+Lulu, entrüstet über den Stoß, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien,
+eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal
+zurückkommen. Von neuen Ankömmlingen am Weiterschreiten gehindert, mußte
+sie ihn herankommen lassen. Sie berührten sich im Vorübergehen, aber er
+sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen.
+
+Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurück.
+
+Ihre Lampe war nicht gefüllt, und sie ließ ihren Aerger an Anna aus.
+
+"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das
+Mädchen.
+
+"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange
+der verdutzten Ungehorsamen.
+
+Ohne ein Wort zu wagen, erfüllte die Gemaßregelte Lulus Befehle.
+
+Diese plötzliche Energie des sonst so gleichmütigen, phlegmatischen
+Fräuleins imponierte ihr so, daß sie verstummte. Nur in der Küche ballte
+sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde später vor
+Wut in Thränen aus.
+
+Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten
+Unmutes ihre Gemütsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf
+keinen guten Fuß mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores"
+gelehrt zu haben.
+
+Daß die Geschlagene die Züchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum
+erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.
+
+Es war ihr, als hätte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen
+anderen Mädchen gerächt, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens
+Umgang und Freundschaft genossen.
+
+Sie lachte einmal im Genuß dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf.
+Am liebsten hätte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die
+Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gör. Sie hätte
+sie knuffen mögen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.
+
+Anna hatte eigentlich die ihr zugefügte Schmach mit einer Kündigung
+beantworten wollen, besann sich aber mit Rücksicht auf die gute
+Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.
+
+Im Stillen nährte sie von jetzt an einen glühenden Haß auf Lulu, der sie
+so viel als möglich aus dem Wege ging.
+
+Zwei Tage später war Lulu im Laden der Wittfoth zufällig Zeuge, wie
+jenes Mädchen, Beuthiens Tänzerin, erzählte, daß sie am Mittwoch mit dem
+jungen Fuhrmannssohn getanzt hätte.
+
+"Das is aber'n Flotten", schwärmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".
+
+Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzählte sie weiter, im Ottensener
+Park. Leider aber hätte ihre Madam großen Kaffee, und so könne sie nicht
+fort.
+
+"Und er bat mir doch so herzlich", schloß sie bedauernd.
+
+Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich
+niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park.
+
+Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten
+verwirklichen könnte. Sie war wie besessen von der Idee.
+
+Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen
+leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein würde. Allein getraute
+sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Mädchen, eine
+Mäntelnäherin in einem großen Altonaer Konfektionsgeschäft, irgend
+einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles
+konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen.
+
+Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme für
+ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach.
+
+Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter
+Aufregung dem Sonntag entgegen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit
+Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tänzer getroffen. Er
+hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte
+seinen Gruß kokett erwidert.
+
+"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre
+Freundinnen drängten sich neugierig an sie.
+
+"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen,"
+erzählte sie.
+
+"Das lügst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.
+
+"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."
+
+Ungläubig trennte man sich.
+
+Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschönen
+Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreißen hatte sie schon
+Mut, aber wenn man sie dort sähe, es ihrem Vater hinterbrächte?
+
+Sie suchte mit Beuthien näher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst
+zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spülen der
+Droschken oder bei sonstiger Beschäftigung, so blieb sie keck stehen und
+redete ihn an.
+
+Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Bürste nach ihr
+gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schürze naß gemacht," schalt
+sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nächsten Tag dachte sie, ob
+er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.
+
+Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen
+dreizehnjährigen Lümmel von Jungen, einen Schüler der Mittelschule. Aber
+Bernhard Prüßnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich
+keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch
+eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."
+
+Beuthien amüsierte sich über das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl,
+daß jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte
+Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.
+
+"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem
+Reinigungswerk auf der Straße zusah.
+
+"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die
+hat's faustdick hinter den Ohren."
+
+Er lachte.
+
+"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer
+Pause, in der sie mit anscheinend großem Interesse beobachtete, wie er
+das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen ließ, es waschend
+und schmierend.
+
+"Gewiß, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.
+
+"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, paßt
+mir immer auf."
+
+"Dann bring sie mit," scherzte er.
+
+Lulu war entrüstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld
+überbrachte.
+
+"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"
+
+"Das kannst Du thun," antwortete Paula möglichst gleichgiltig. "Dann
+sag' ich Papa, daß Du Anna geschlagen hast."
+
+Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."
+
+Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorübergehen: "Paula, ist es
+wirklich wahr, mit Beuthien?"
+
+"Was denn?"
+
+"Ach Du weißt ja, was ich meine."
+
+"Ich lüg nicht so wie Du."
+
+Zu jeder andern Zeit wäre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung
+geblieben. Diesmal hörte Lulu sie kaum.
+
+Eine halbe Stunde später war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter
+dem Rücken der Schwester auf die Sache zurückkam. "Wenn Du's Vater
+sagst, hau ich Dich," flüsterte sie.
+
+Jetzt hätte Lulu gar zu gerne die gehörige Antwort gegeben, aber um die
+Mutter nicht aufmerksam zu machen, mußte sie auch diese angenehme
+Eröffnung stillschweigend entgegennehmen.
+
+Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester höchst gleichgiltig. Ihr
+jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wäre obendrein
+unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuß, konnte sie
+ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.
+
+Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum
+Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlüssel nicht zu
+vergessen. Man wolle recht vergnügt sein, und es würde voraussichtlich
+spät werden.
+
+"Dat is doch nett von Lene Kröger, dat se noch an Di denkt," meinte
+Mutter Behn. "Se war immer so'n lütt anghänglich Deern. Wat schenkst Du
+ehr denn?"
+
+Lulu entschloß sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade,
+die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei
+kleinen Aufmerksamkeiten gegen das hübsche Mädchen, obgleich er sich mit
+Rücksicht auf Therese immer noch Zurückhaltung auferlegte. Sein gutes
+Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer
+Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die
+Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die
+Geliebte länger als fünf Minuten alleine zu sprechen.
+
+Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben,
+sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzählen, wenn er ihr
+eine Blume oder ein Fläschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich
+genötigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht
+zurückzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des
+Verliebten den für Mimi bestimmten Gegenständen noch irgend einen
+kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, daß er sie
+auszeichnen wollte.
+
+Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den häßlichen grünen
+Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden müssen. Ein solches
+Wertstück konnte er ihr unmöglich öffentlich überreichen, ohne die
+Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen
+entschuldigt.
+
+Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude
+entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbündeten der goldenen
+Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine höchst annehmbare
+Partie, ein Verehrer, den man warm halten mußte. Sie fand ihn schon
+ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so übel.
+
+Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den
+beiden Mädchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner
+gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit störend empfand, war ihm der
+lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu
+verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht
+gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmädchen seiner Tante.
+
+Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.
+
+Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter
+Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der
+Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf
+den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu
+werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer
+gerührt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.
+
+Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem
+Rathausmarkt die Pferdebahn verließen, um eine Droschke erster Klasse
+anzurufen. Mimi, entzückt über Hermanns Gentilität, strahlte vor
+Vergnügen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefährts
+zurückgelehnt, wie eine Dame durch die Straßen rollte.
+
+Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Büste kam in dem
+straff anliegenden schwarzen Jäckchen, das sich wirkungsvoll von dem
+schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schönsten Geltung. Eigenhändig
+hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch
+gesteckt. Ein leichtes Strohhütchen, nur mit weißen, duftigen Spitzen
+garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.
+
+Hermann, der auch seine kleinen Schwächen besaß, hatte Mimis Vorliebe
+für das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war
+nun alle paar Minuten beschäftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit
+seinen bismarckfarbenen Händen--er trug mit Vorliebe diese
+Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese
+Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten
+gewiß in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine
+Ladenmamsell.
+
+Unterwegs entschloß man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnügen
+bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem
+eine halbe Stunde weiter elbabwärts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von
+da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurückkehren
+und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschließen.
+
+Aber ein Blick in den Vergnügungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte
+Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf
+Hermanns Vorschlag, dem nächstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park,
+einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fühlen und ohne
+Furcht gesehen zu werden, der höchste Vorteil einer großen Stadt, unter
+die Tänzer mischen durfte.
+
+Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der
+Umweg war ihnen willkommen.
+
+Es war schon dämmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und
+Knicks, oder auf schmalen Fußsteigen an Wiesenrändern, ohne einen
+Menschen zu treffen.
+
+Mimi war sehr aufgeräumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung.
+Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Gräben
+zu drängen, kitzelte sich mit langhalmigen Gräsern unter die Nase und
+trieb allerlei Kindereien.
+
+Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht
+heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hübsch vor.
+
+Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine
+eigentümliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren
+Narrheiten.
+
+Gab es eine passendere Gelegenheit für ihn, sich auszusprechen? Forderte
+ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen
+würden?
+
+Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige
+Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des
+Weges genötigt, hinter ihr.
+
+"Sehen Sie, die blühen schon," rief sie plötzlich, stehen bleibend, und
+zeigte auf einen schwankenden, überhängenden Weißdornzweig, an dem die
+ersten Knospen sich erschlossen hatten.
+
+Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und
+streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.
+
+Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich
+vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem
+Zweig.
+
+Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken,
+jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er
+umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen
+Kuß auf den Mund.
+
+Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht,
+und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses
+Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser
+unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die
+feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen
+ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.
+
+Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen.
+Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem
+Gesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte,
+zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war.
+
+Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit
+hinweg zu kommen.
+
+"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen,
+peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".
+
+"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.
+
+"Ganz gewiß", beteuerte sie.
+
+Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus.
+
+"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.
+
+"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glücklich, sie ihre gute Laune
+wieder gewinnen zu sehen.
+
+"Sind Sie mir böse"? fragte er, sich ihr nähernd.
+
+"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fürchte sie eine
+neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.
+
+Nun wurde auch Hermann ärgerlich. Hatte sie sich nicht frei und
+ausgelassen genug benommen, daß er auch seinerseits sich wohl vergessen
+konnte?
+
+"Wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Kruse", sagte er verletzt, "so
+bringe ich Sie bis zur nächsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren
+so vergnügt, und ich bitte Sie um Verzeihung".
+
+Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet.
+Er hätte freilich den Kuß unterwegs lassen können, aber so tragisch war
+doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von
+der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer für den
+Rest des Abends zu entledigen?
+
+"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur
+Antwort.
+
+"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lüftete den
+Hut.
+
+Sie zögerte und bohrte die Spitze ihres weißen Spitzenschirmes in den
+tiefen weichen Sand.
+
+"Sie sind abscheulich!" stieß sie plötzlich hervor. Sie zog die
+Unterlippe unter die Oberlippe, und Thränen standen ihr in den Augen.
+
+Sofort war er gerührt.
+
+"Aber liebes Fräulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er
+legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.
+
+Zum Schein sich sträubend, mit der behandschuhten Rechten eine große
+Thräne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schämte sich,
+und ein noch halb mit dem Weinen kämpfendes Lachen förderte einen
+drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.
+
+Dieser komische Laut gab Anlaß zu erneutem Lachen, und der Friede war
+geschlossen.
+
+Sie hätte sich jetzt noch einmal von ihm küssen lassen, aber er ging
+sittsam neben ihr her.
+
+Der Umweg erwies sich größer, als Hermann ihn geschätzt hatte, und es
+herrschte völliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den
+bebauten Weg einbog, der nach dem erwähnten Tanzlokal führte. Die
+Straßenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende
+Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen
+Lampen.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Früher bei den kleinen
+Bürgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten
+sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung
+durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der
+jungen tanzlustigen Welt.
+
+Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und
+Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum größten Teil aus
+Näherinnen, Schneiderinnen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin
+und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die
+sonst in St. Pauli, der fröhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres
+Feld für ihre Thätigkeit fanden.
+
+Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche
+unter lichtdämpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten
+ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grün angestrichenen
+Pfählen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden
+Drahtbögen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.
+
+In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grünen Anstrich
+versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populäre Musikstücke vor.
+
+Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der
+vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich
+abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermüdeten
+Ankömmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die
+gedämpften Klänge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es
+war voll drin, und sie mußten eine Weile stehen, bis sie an einem
+Seitentisch Platz fanden.
+
+Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe
+abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem
+solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den
+tanzlustigen Paaren.
+
+Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal
+anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen
+schmächtigen Tänzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.
+
+Er war erstaunt.
+
+"Ist das nicht die von drüben?" fragte er Mimi.
+
+Sie folgte seinem Blick.
+
+"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"
+
+"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.
+
+"Aber die"?, meinte Mimi.
+
+Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brünette, die
+unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht
+die Achseln zucken, worauf ein breites, spöttisches Grinsen das
+sinnliche gutmütige Gesicht der anderen keineswegs verschönte.
+
+"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi
+entdeckt und ihr mit erstaunt in die Höhe gezogenen Brauen einen
+verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verständnisvolles
+Lächeln folgen ließ. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin
+los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.
+
+"Um Gotteswillen, Fräulein, erzählen Sie nichts," bat sie ängstlich.
+"Mein Vater schlägt mich tot."
+
+"Sein Sie ohne Sorge", tröstete Mimi. "Eine Krähe hackt der anderen die
+Augen nicht aus".
+
+Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch.
+Schöne Seelen finden sich".
+
+"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kühlung fächelnd, hinzu und
+entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.
+
+Ein semmelblonder, überhöflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in
+singendem, sächselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und
+Hermann mußte wohl oder übel ebenso höflich gewähren.
+
+Da Lulu ohne Tänzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer.
+Sie war höchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte
+sie keinen Verrat mehr zu befürchten.
+
+Hermann, selbst ein guter Tänzer, hatte selten eine so gute Tänzerin
+gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.
+
+Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses
+sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie
+selbst auch.
+
+Sie sah vorteilhaft aus und wußte sich lebhaft und zwanglos zu
+unterhalten.
+
+Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar
+auf.
+
+"Suchen Sie jemand, Fräulein", fragte er.
+
+"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.
+
+Einen Augenblick vergaß Hermann über Lulu Mimi und den Semmelblonden,
+bis sie beim Anschließen vor ihm zu stehen kamen und er sich über die
+singenden Komplimente des Sachsen ärgerte, um so mehr, als Mimi in
+heiterster Laune auf das fade Geschwätz einging.
+
+Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenüber, die
+befremdet diese Veränderung bemerkte.
+
+Auf einmal ging ein Flüstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich
+hier und da ein Mädchenkopf nach dem Eingang des Saales.
+
+"Der schöne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.
+
+"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tänzerin.
+
+Lulu war ganz blaß geworden und schien seine Frage überhört zu haben.
+
+Mimi aber wandte sich lächelnd um.
+
+"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.
+
+"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurück.
+
+"Der schöne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie
+doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte
+ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nähe des Saaleingangs.
+
+"Ach", rief Hermann. "Gewiß, das ist also der schöne Wilhelm? Na, jeder
+nach seinem Gusto. Die Damen müssen's wissen."
+
+"Aber sind Sie nicht wohl, Fräulein?" wandte er sich erschrocken an
+Lulu.
+
+"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch
+wie zur Kühlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen,
+Herr Heinecke?"
+
+Sie hatte seinen Arm fahren lassen.
+
+"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas
+erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.
+
+"Laß man, Cäsar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl
+wieder werden."
+
+Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus sofort
+Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen.
+Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen
+Freude, der Erfüllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe
+zu sein.
+
+Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?
+
+Sonderbar. Oder----
+
+Ein überlegenes Lächeln flog über sein hübsches Gesicht. Die vielen
+begehrlichen Mädchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen
+Platz zu verändern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald
+wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespräch
+mit der Freundin.
+
+Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mädchen zu, ließ Lulu fast
+unbeachtet und forderte Lene Kröger zum Walzer auf.
+
+Lulu biß sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurück. Sie war
+kreideweiß geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nähe, und sie
+war froh, sich setzen zu können.
+
+Lene Kröger hatte mit einem jungfräulichen Erröten Beuthiens Arm
+genommen, vergebens bemüht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese
+unerwartete Aufforderung geschmeichelt fühlte. Mit zusammengekniffenen
+Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.
+
+Lene Kröger galt früher für die beste Tänzerin in diesen Kreisen, eine
+Schwester von ihr war sogar Solotänzerin beim Ballett der Zentralhalle.
+
+Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie graziös die hagere, eckige Person
+sich zu wiegen verstand.
+
+Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!
+
+Beuthien schien kein Ende finden zu können. Und wie die Lene lachte. Er
+sprach in einem fort mit ihr.
+
+Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurück. Mit einer
+kurzen, nachlässigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung
+schleuderte Beuthien das lange Mädchen förmlich auf seinen Sitz zurück.
+
+"Der tanzt aber", stieß Lene hochatmend hervor und fächelte sich mit dem
+Taschentuch Kühlung zu.
+
+Lulu war dem Weinen nahe. Mühsam bezwang sie sich.
+
+"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.
+
+"Na nu, was kann ich denn dafür?" fragte Lene unschuldig.
+
+Lulu schwieg.
+
+"Kind, sei doch nicht pütscherig", lachte die gutmütige Brünette. "Er
+wagte sich nur nich ran."
+
+Das log sie allerdings, und Lulu brummte:
+
+"Unsinn."
+
+"Er kommt noch, paß auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut
+tanztest."
+
+"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekränkte hastig ins Wort.
+
+"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht
+Dich schon".
+
+Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinländer.
+
+"Mein Gott, was ist das? Rheinländer?" fragte Lulu bestürzt. "Den kann
+ich nicht."
+
+"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.
+
+Und da war er auch schon.
+
+"Mein Fräulein."
+
+Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick
+pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militärisch vor Lulu
+auf.
+
+Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.
+
+Was fiel ihr ein?
+
+Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das
+Blut strömte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hörte kaum die Musik.
+
+Zum Glück trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloß sich
+den promenierenden Paaren an.
+
+"Auch'n bischen hier, Fräulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt
+denn das?"
+
+"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.
+
+"Nettes Mädchen", lobte er. "Rank und schlank. Schröder heißt sie?"
+
+"Kröger", berichtigte sie.
+
+Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem
+Rhythmus des Rheinländers, und sie überließ sich aufatmend seiner
+Führung.
+
+"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr während des Tanzes.
+
+"Meinen Sie?"
+
+Er hob sie statt einer Antwort mit kräftigen Schwunge vom Boden, so daß
+sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es
+schien ihm Vergnügen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht",
+keuchte sie.
+
+Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so daß sie die Zähne
+zusammenbiß.
+
+"Hoch geht's hier her, Fräulein. Das ist mal nicht anders."
+
+Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefühl kämpfte ihre Scham nieder.
+
+"Wenn der Alte das wüßte", ängstigte er sie.
+
+"Um Gottes Willen", flüsterte sie, als ständen Aufpasser hinter ihnen.
+
+"Der Segen", meinte er bezeichnend.
+
+So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er ließ Lulu nicht von sich
+und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.
+
+Sie, überglücklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer
+gesprächiger und munterer. Sie ließ sich von ihm mit Bier traktieren, er
+lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und
+eine gemütliche Vertraulichkeit stellte sich ein.
+
+"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem
+Tisch vorüber ging, wo die Drei sich gütlich thaten.
+
+"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"
+
+"Gewiß", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht.
+Ich kenne meine Pappenheimer."
+
+Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflächlich und war
+nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen
+Droschkenkutscher in solcher Intimität auf dem Tanzboden zu treffen,
+denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu
+die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und
+konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer
+noch, und Hermann mußte nachgeben.
+
+Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnügen. Es wollte
+ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und
+"Häringsbändigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war
+chokiert, daß Mimi an solchen "Herren" überhaupt Gefallen fand und sie
+auf gleiche Stufe mit ihm stellte.
+
+Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer
+in dem Mädchen, das ihn überraschte. Seine Leidenschaft hätte Kuß auf
+Kuß gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg
+gegangen wäre.
+
+Einen Handkuß hatte er während eines Walzers sich erlaubt, und er war
+ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit
+ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu
+bringen. Welche Tanzwut!
+
+Endlich hatte er sie zum Gehen überredet. Als er ihr in der Garderobe
+behilflich war, kostete es ihm Mühe, sich in Gegenwart der
+Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nähe und das
+Veilchenparfüm, das ihrem schwarzen Jäckchen entströmte.
+
+"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.
+
+"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."
+
+"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der
+Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der
+Heldenthat vom Feldweg drängte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.
+
+Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.
+
+Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.
+
+Mimi sah ihm erschrocken zu.
+
+Er stürzte in den Saal zurück und kam blaß und verstört wieder. Das
+Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstück und
+einiges Silbergeld, fünf bis sechs Mark, wie er schätzte.
+
+Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln,
+bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts übrig, als
+sich vorläufig in den Verlust zu fügen.
+
+Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel
+Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafür keinem Pfennig.
+
+"Haben Sie Geld bei sich, Fräulein?" fragte er zögernd.
+
+Sie errötete heftig.
+
+"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.
+
+Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte.
+Was half es, man mußte es versuchen. Unmöglich konnte man den weiten Weg
+von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuß gehen.
+
+Lulu war erfreut über diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu
+verpflichten.
+
+Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstücken abzuzählen.
+
+"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein
+Portemonnaie und wog es protzig in der Linken.
+
+"Bitte nehmen Sie", drängte er Hermann ein Zehnmarkstück auf. "Wir sehen
+uns ja wieder."
+
+Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefälligkeit an, aber um
+nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.
+
+Das war ein unerfreulicher Schluß des Tages. Es war keine Aussicht
+vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das
+Vergnügen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte,
+stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust,
+da hieß es, bis zum nächsten Ersten sich sehr einschränken. Es ging so
+schon bis hart an die Grenze seiner pekuniären Kräfte, seine Liebe
+kostete ihm viel.
+
+Mimi wurde in der Pferdebahn müde und gähnte ein paar mal herzhaft.
+Hermann konnte nicht über seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute
+er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi
+zu nennen. Er war mit einmal sehr ernüchtert, und Mimi kam ihm, wie sie
+sich schläfrig in die Ecke des Wagens drückte, sehr unvorteilhaft vor.
+
+Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren
+Dank für den "wunderschönen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen
+wieder auf.
+
+Ach was, dachte er. Es war doch schön. Der Kuß zwischen den Hecken fiel
+ihm ein.
+
+"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den
+Griff der Ladenthür berührte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen
+hatte.
+
+Eine Sekunde sah sie ihn verständnislos an. Er umfaßte sie, und halb
+müde, halb in gutherziger Aufwallung, ließ sie es geschehen, daß er sie
+küßte.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil
+Pohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, im
+Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einer
+Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth
+angehalten.
+
+Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren
+einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis
+ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische
+Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen,
+daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die
+Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte.
+
+Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf der
+Reinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden.
+
+Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend,
+mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann
+Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher
+Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich
+werden würden".
+
+Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in
+ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu
+schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene
+Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung
+nicht unwert erschien.
+
+Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft
+ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das
+er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige"
+anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt,
+daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen
+würden.
+
+Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung
+über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten
+wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".
+
+Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im
+allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im
+besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte,
+mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem
+inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr
+gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt,
+sie wisse die Ehre zu schätzen.
+
+Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine
+lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei
+unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen
+Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit
+überstehen würde.
+
+Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche
+Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie
+Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige,
+welcher".
+
+Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch
+immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck
+durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.
+
+Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man
+selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte
+man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg
+angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck.
+
+Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke
+geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte
+heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.
+
+In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer?
+
+Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich
+überlegen.
+
+Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulatives
+Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten
+keinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichen
+Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von
+Müller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.
+
+Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke
+der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen
+betätigte.
+
+"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit.
+Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie die
+Wittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser
+Knirps, dieser Pomadenhengst.
+
+"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.
+
+"Na, na!" neckte Therese.
+
+"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.
+
+Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte
+sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres
+Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr
+der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die
+bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer
+Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug
+und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch
+ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.
+
+Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte
+Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte,
+war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.
+
+So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei
+seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte
+er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige
+Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des
+Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die
+Entscheidung stellen.
+
+Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihre
+Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.
+
+Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine
+andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine
+Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und
+Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn
+sein.
+
+Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch
+sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.
+
+Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert.
+Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann
+gegenüber benehmen?
+
+An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so
+unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie
+auf Hermann gemacht.
+
+War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte
+er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich
+den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem
+Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch
+nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf.
+
+Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese
+und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg
+gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden
+hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich.
+
+Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer
+Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen
+mußte.
+
+Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm
+auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang
+mußte er sich erklären. Was dann?
+
+Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn
+empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder
+gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden
+Glieder war. Liebe war das nicht.
+
+Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken.
+
+Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen
+Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn
+noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr
+nicht gebrochen.
+
+Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf,
+und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer
+so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden
+hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann.
+
+Ob das Liebe war?
+
+Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichts
+Unentbehrliches zum Heiraten.
+
+Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt,
+wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.
+
+"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."
+
+Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie
+auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit
+Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und
+lese es nicht nur.
+
+Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer.
+
+Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen.
+
+Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental
+sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was
+Therese gerade so "reizend" an ihm fand.
+
+Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit
+thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das
+vielleicht nicht mehr so auf.
+
+Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das
+ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem
+Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit
+genommen.
+
+Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer
+Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken
+und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur.
+
+Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.
+
+Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin,
+das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab
+zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht
+verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal
+etwas anderes und besseres als Stine und Mine.
+
+Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es
+kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.
+
+Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm
+jemals geben würde.
+
+Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf
+aus.
+
+Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie
+ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre
+gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene
+Überfeinerung rächen wollte.
+
+Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung des
+Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun und
+Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er
+bestimmte.
+
+Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie
+ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu
+lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und
+den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht
+kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er
+in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere
+Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit
+parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher
+Gegend sich sicher fühlten.
+
+Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause
+jeden Verdacht nieder zu halten.
+
+Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu
+statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen
+leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten
+Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich
+mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte.
+
+So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die
+schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten
+Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne
+zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.
+
+Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in
+ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender,
+nachgiebiger.
+
+Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg
+gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden.
+
+"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.
+
+"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten.
+
+Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner
+Tochter nicht vertragen können."
+
+Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande,
+kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein
+Angriff drohen.
+
+Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.
+
+Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme
+erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene
+Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen.
+
+"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach.
+
+Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen
+zu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachten
+Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem
+Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der
+Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.
+
+Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz,
+der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.
+
+Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt.
+
+"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.
+
+"Kostet das was?"
+
+"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."
+
+Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter die
+Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen.
+
+"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein
+junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er
+sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht
+tanzen.
+
+Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand
+heftig am Ellbogen zerrte.
+
+"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."
+
+Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen
+Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier
+vermutet hatte.
+
+Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das
+größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht
+an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie
+aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung
+seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung
+ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes.
+
+Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig
+anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese,
+der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im
+Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu
+sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt
+nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."
+
+Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se
+ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch
+häuserlosen Straße in seine Droschke aufgenommen. Es war ein
+verabredetes Rendezvous, und da Lulus Börse gerade gut gefüllt war,
+wollte man längere Zeit zusammen bleiben.
+
+Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straßen fuhren, wo eine
+unliebsame Begegnung zu befürchten war, saß Lulu tief zurückgelehnt in
+dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf
+die Straße vermeidend. Erst weiter draußen wagte sie, das Verdeck des
+Coupees zurückschlagen zu lassen.
+
+Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drüber hinaus, auf einer
+menschenleeren Feldstraße stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun
+pflegte, mit ihm, an seinem Arm hängend, neben dem gemächlich bummelnden
+Braunen her.
+
+Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer
+Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen,
+oder in die Droschke zurückzuschlüpfen.
+
+Beuthien wußte in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen
+durfte, einzukehren.
+
+Lulu war zu allem bereit.
+
+Es war ein wunderschöner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne
+lästig zu sein, über den grünen, vielversprechenden Saaten.
+
+Lulu war sehr heiter.
+
+Die stille, wohlthuende Ruhe hier draußen wiegte alle ihre Bedenken ein.
+
+Auch Beuthien war aufgeräumt. Er ließ bald ihren Arm fahren und legte
+vertraulich den seinen um ihre Hüfte. Und sie ließ sich seine derben
+Scherze und zeitweiligen Zärtlichkeiten gefallen.
+
+Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum
+einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die
+jedoch mit ihren grünen Holzstäben und grüngestrichenen Tischen und
+Bänken etwas Trauliches, Einladendes hatten.
+
+Der Wirt, ein ordinär aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron,
+brachte zwei Gläser Bier dorthin, fuhr einmal träge mit seiner
+unsauberen blauen Schürze über den bestaubten Tisch und suchte eine
+Unterhaltung anzuknüpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, daß
+er bald davon abstand.
+
+Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und
+schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiß und braun gefleckter
+Hühnerhund blinzelte mit müden Blicken aus den triefenden, von Fliegen
+gequälten Augen aus seiner Hütte zu ihnen herüber.
+
+Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch
+des nahen Hühnerstalles wurde ihnen lästig.
+
+Lulu sah sich nach einem andern Platz um.
+
+Hinter dem Garten zog sich ein spärliches Wäldchen an dem Rand einer
+Wiese hin, größtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur
+einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glänzenden weißen
+Stämmen hervorhoben.
+
+Ein halbvermorschtes Brett führte über einen ausgetrockneten Graben in
+das Holz hinein.
+
+Nach einigem Zaudern, aus Rücksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit
+aufgeschürztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.
+
+Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift,
+hatten Beeren gesucht, Kränze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln
+der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloßen Füßen in dem kühlen,
+schlammigen Wasser der Gräben und Pfützen gewatet.
+
+Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.
+
+Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf,
+und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.
+
+Sie drängte sich vor ihn.
+
+Uebermütig faßte er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so
+schnell, daß sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.
+
+Sie schrie auf und riß sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen
+sie einen Augenblick unter Gelächter und Gekreisch um einander herum.
+
+"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie
+rangen mit einander. Seine Kräfte, mit denen er bisher nur gespielt
+hatte, gebrauchend, hob er sie plötzlich hoch vom Boden und nahm sie wie
+ein Kind auf den Arm.
+
+Zappelnd bemühte sie sich, wieder festen Fuß zu fassen. Aber er zwang
+sie.
+
+"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er
+sprach überhaupt während dieser ganzen Balgerei nur platt.
+
+"Laß mich", keuchte sie.
+
+Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heißen,
+verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig,
+schwer atmend, ließ sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom
+Geschäft zurückzuziehen, es seinem Sohn zu überlassen. Er hatte keine
+rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.
+
+Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot
+war, also seit ungefähr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante
+der Verstorbenen ihm die Wirtschaft führte.
+
+Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann würde
+er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde,
+und der jungen Schwiegertochter, die natürlich das Regiment beanspruchen
+würde, ärgerliche Tage haben.
+
+Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man
+älter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da
+Freunde dem noch immer rüstigen Mann oft, teils im Scherz, teils im
+Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem
+Gedanken vertraut gemacht.
+
+Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm
+vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht
+daran glaubend, daß noch einmal etwas daraus werden könnte.
+
+Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem
+Glatteis gestürzten Braunen, gänzlich die Lust am Geschäft verlor, hing
+er doch ernstlicher solchen Zukunftsträumen nach.
+
+Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie
+Frau Caroline Wittfoth. Das wäre noch eine Partie.
+
+Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu.
+Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.
+
+Das gute Geschäft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl
+daraus. Wenn er die zehntausend Mark, über die er nach Wilhelms
+Abfindung noch verfügen konnte, in dies Geschäft steckte, wäre das Geld
+gut angelegt. Und es würde ihm ein guter Fürsprecher bei seiner Werbung
+sein.
+
+Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluß gekommen war, es mit Frau
+Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie
+fängst du das an?
+
+Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht hätte, der
+das zu behaupten wagte.
+
+Aber dennoch war es so.
+
+Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam über die
+Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der
+Lage befinde," nicht hinaus.
+
+Die Negendank störte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der
+Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer
+Taubheit schon von seinen Heiratsplänen munkeln hören und war der
+entschiedenste Gegner solcher "Verrücktheit".
+
+So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als
+Schreibpult benutzt hatte, und öffnete der Klopfenden. "Dat togt so
+bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, daß er sich
+einschloß.
+
+Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jürgens, sein
+guter Freund, hatte einen klugen Einfall.
+
+In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein
+Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war
+leichter, als durch Tetje Einladungskarten für Beuthien und die
+Wittfoth zu erlangen.
+
+Wie alljährlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die
+Gesellschaft ins Grüne führen, und da müßte es doch eigen zugehen, wenn
+sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annäherung finden
+würde.
+
+Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm
+freudig die Einladung an, die ihr in unauffälliger Weise von Tetjes Frau
+überbracht wurde, als diese ein Paar Kindersöckchen für ihr Jüngstes
+kaufte.
+
+So was wäre ihr lange nicht geboten, wann käme sie mal ins Grüne, meinte
+die Geschmeichelte.
+
+Nebenbei war sie glücklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie
+nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mädchen eingeladen hatte,
+zurücktreten zu können. Sie hatte eine unüberwindliche Furcht vor dem
+Wasser.
+
+In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fähnchen geschmückten Breaks
+fuhr die vergnügte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon früh morgens
+um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, größtenteils junge
+Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kästen mit ihren Instrumenten
+vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das
+Festprogramm schloß auch einige Konzertvorträge ein.
+
+Es machte sich von selbst, daß die paar älteren Leute in der
+Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder
+Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige
+Witwe, zusammengeführt wurden.
+
+Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes
+schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz
+war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen
+sich ein Sträußchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.
+
+"Kieck, wo stuhr se sik höllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jürgens sie beim
+Einsteigen gehänselt.
+
+Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer,
+etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weißen
+Piquéweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er
+sich etwas einbildete.
+
+Die Fröhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und
+sie steigerte sich während der Fahrt unter dem Einfluß des heiteren,
+sonnigen Wetters, das einen schönen Festtag versprach. Gesang und
+allerlei Neckereien würzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden
+Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes
+Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beängstigender Deutlichkeit vor
+Augen schwebte.
+
+Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.
+
+Eine festlich geschmückte Tafel unter hohen Bäumen, mit freiem Blick auf
+eine buschumsäumte Wiese, empfing die Gesellschaft.
+
+Herr Bierwasser, als Präses, begrüßte die Festgenossen mit einer
+wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefühlen, die die
+Brust eines jeden beseelen müßten, wenn er der Bedeutung dieses Tages
+gedächte.
+
+"Vor fünf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und
+Festgenossen, vor fünf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen
+zum ersten Mal das Licht der Welt."
+
+Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.
+
+"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich
+meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des
+Tages Last und Mühe."
+
+Bravo! Bravo!
+
+"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine
+verehrtesten Gäste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in
+den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe
+hoch!"
+
+"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze
+Gesellschaft, stehend, die Gläser in der begeistert erhobenen Rechten.
+
+Es war zu schön.
+
+Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war
+ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was möchte sie für ihr Leben
+gern.
+
+Unter den Bäumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt.
+Ein Chocoladenautomat und einer für Cigarren, ein Elektrisierapparat und
+einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, während ein benachbarter
+Gelegenheit gab, das Körpergewicht vor und nach dem Festmahl zu
+bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer
+Jüngling witzelte.
+
+Die Wittfoth stellte fest, daß sie in einem halben Jahr fünf Pfund
+zugenommen hätte. Wovon, wüßte sie nicht. Appetit hätte sie gar nicht,
+und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht
+fände sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei
+zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.
+
+"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jürgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten
+all fett werden, würden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte
+Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".
+
+Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem
+Sonnenschirm.
+
+Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und
+stellte noch manchen jüngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen
+großen Händen war ihnen allen überlegen.
+
+Die Frauenzimmer drängten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln
+in allen Nerven schien ihnen Vergnügen zu bereiten. Das war ein
+Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.
+
+Winchen Studt, eine achtzehnjährige blasse Schönheit mit Stumpfnase,
+ließ sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit
+Chocolade füttern. Sie war eine wichtige Persönlichkeit heute, denn sie
+sollte noch etwas vortragen.
+
+Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeräte und eine Bergbahn.
+
+Namentlich die letztere übte eine große Anziehungskraft auf die Damen
+aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in
+Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male
+unter Gekreisch hin und her.
+
+Es war zu schön, wirklich zu schön, wie sie alle Augenblicke
+versicherte.
+
+Und dann später das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht
+Zithern vorgetragen, erntete den größten Beifall. "Entzückend" spielte
+Herr Cäsar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.
+
+Die größte Bewunderung aber fand Herr Süß für den Vortrag des beliebten
+Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".
+
+In allen Gesangvereinen sprach man von dem phänomenalen Baß des Herrn
+Süß.
+
+ Wie Orgelton und Glockenklang
+ Ertönet unseres Süß' Gesang
+
+hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.
+
+Auch Winchen Studt, im weißen Kleid mit Rosaschärpe, deklamierte "Des
+Sängers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verständnis und Gefühl.
+Besonders der Schluß verursachte den Empfindsameren unter den Hörern
+eine leise Gänsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen:
+"Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch," mit
+bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des
+"Sängers."
+
+Einen solchen Genuß hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.
+
+"Wer hätte das dem Mädchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze,
+die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Süß seine, die war ja woll
+was für Pollini."
+
+Als man den Saal verließ, wartete draußen eine neue Ueberraschung der
+Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bäumen
+angebracht und gewährten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber
+hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins
+"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herüber: "Das
+ist der Tag des Herrn."
+
+Den Schluß des Festes machte ein Tänzchen, das jedoch mit einer
+Polonaise im Freien, durch das "stickendüstere" Gehölz eröffnet wurde.
+Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus
+weißem Papier.
+
+"Wi sünd Hanseaten," erklärte Tetje.
+
+Wie schön war das alles, wie wunderschön.
+
+ Sonne, Mond und Sterne,
+ Ich geh mit meiner Laterne.
+ Aber so ein kleines Licht
+ Leuchtet in die Ferne nicht.
+
+Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer
+Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, geküßt. Aber es war bemerkt
+worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der
+Promenierenden.
+
+Das führende Paar nahm im Übermut den Weg durch einen trockenen Graben.
+Das war ein Gespringe und Gehüpfe, ein Gekreisch und ein Gelächter.
+
+Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Böschung hinunter.
+Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.
+
+Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab,
+o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrängenden. Endlich nötigte er
+mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und
+weiter ging's unter Lachen und Scherzen.
+
+Nein, so was Schönes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht
+allein mit diesem Urteil.
+
+Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.
+
+"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal
+furchtsam.
+
+"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.
+
+Längst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Träume noch
+immer die Lampions wie große Leuchtkäfer huschten.
+
+"Nein, was ich mich gestern amüsiert habe, sagen kann ich es nicht,"
+sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht
+Wochen später, sprach sie noch mit derselben Wärme von diesem
+wundervollen Tag, und je weiter er zurücklag, desto geneigter war sie,
+ihn als einen der schönsten ihres Lebens zu preisen.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Auch für Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amüsanter gewesen.
+
+Hermann hatte sich frühzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen
+Gruß mit dem Taschentuch nachwinken zu können.
+
+Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der
+Landungsbrücke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der
+Pferdebahn dorthin begeben.
+
+Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere
+Gesellschaft. Ein mittelgroßer Herr mit breitrandigem Panamahut, weißem
+Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete
+den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr
+aufgeräumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen
+unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die
+Herren lüfteten die Hüte und gaben mit übertriebener, geckenhafter
+Höflichkeit den Weg frei.
+
+"Ah, Fräulein Kruse," rief plötzlich der Herr in Weiß überrascht und mit
+schlecht verhehlter Verlegenheit.
+
+"Fräulein Saß, Sie auch?" wandte er sich an Therese.
+
+"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.
+
+Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die
+Begrüßung wurde intimer, man schloß sich aneinander an und wurde nicht
+müde, über diese zufällige Begegnung geistvolle Betrachtungen
+anzustellen.
+
+Hermann wäre lieber mit den Mädchen allein geblieben. Er sah voraus, daß
+Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein
+würde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft
+anschließen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.
+
+Auch Therese war anfänglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berührt.
+Sie gönnte sie ihr ohne Neid und hätte nicht ungern gesehen, sie würde
+so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, daß Hermann mehr auf ihre,
+Theresens, Gesellschaft angewiesen wäre. Sie sah dem Eifersüchtigen
+schon den Mißmut an.
+
+Seit Hermanns offenem Geständnis der Tante gegenüber, hatte Therese sich
+an den Gedanken gewöhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu
+betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukämpfen,
+ein leises feindliches Gefühl gegen Mimi zu besiegen.
+
+So ließ auch dieser Erfolg der hübschen Freundin bei der männlichen
+Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es
+schmerzlich empfand, auch hier wieder zurückstehen zu müssen. Erst als
+sie, um nicht ganz übersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und
+sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft
+treffenden Bemerkungen und witzigen Einfälle aufmerksam wurde, fand auch
+sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle
+eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.
+
+Die ausgeladene Höflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald
+erklärt und begründet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen
+namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun
+spielte der glückliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon
+im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitän und Schiffsvolk
+eingeschlossen, zu traktieren.
+
+Hinter der Gloriole des liebenswürdigen Schwerenöters verschwand selbst
+in Theresens Augen die komische Figur des vertrösteten Freiers. Selbst
+sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi
+erklärte, man könne sich doch oft sehr in einem Menschen täuschen.
+
+Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale,
+vielgewundene Este zu einer genußreichen zu machen. Die fetten, im
+schönsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache,
+wechselnde Reize: Breite Deiche, mit üppigem Pflanzenteppich behangen:
+großblättriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige
+Schafsgarbe mit ihren weißen Blütenkronen, dazwischen gestreut, wie eine
+Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blüten der Butterblume. Auf
+grasreichen Wiesen weidende Kühe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der
+freundlichen obstreichen Gärten, kichernde rotwangige Landmädchen, die
+Kußhände und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus
+zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.
+
+Ein jüdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den
+ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende
+Geschäfte zu machen pflege.
+
+Und in der That verriet das saubere behäbige Aussehen der einzelnen Höfe
+sowohl, als der ganzen Dörfer, deren Rückseite sich oft bis hart an das
+schilfumrauschte Ufer des Flüßchens erstreckte, gediegenen Wohlstand.
+
+Selbst Hermann verlor während der Fahrt seine Mißstimmung. Hoffte er
+doch auch, sich in Buxtehude mit den Mädchen verabschieden zu können.
+
+Doch er sah sich getäuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der
+Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise
+so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler
+Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch
+Hermann schließlich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute
+Miene zum bösen Spiel machen.
+
+Schwer genug ward es ihm. Eifersüchtig sah er, wie Herr Pohlenz seine
+ganze Aufmerksamkeit Fräulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich
+geschmeichelt fühlte.
+
+Allerdings war sie dann später zartfühlend genug, Herrn Pohlenzens
+taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns
+ältere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und wählte
+seinen Platz so, daß er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen
+sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so daß Hermann
+auch jetzt noch nicht zur ungeschmälerten Freude an Mimis Gesellschaft
+kam.
+
+Und so blieb es. Auch für den Rest des Tages war Mimi die Königin, der
+alles huldigte, und das hübsche Mädchen spielte die ihr zugewiesene
+Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.
+
+Auf der Rückkehr nach Hamburg änderte sich das Wetter. Ein leichter
+Regen fiel, ohne jedoch die fröhliche Gesellschaft vom Deck zu
+vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajüte. Die meisten,
+erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als
+Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine
+Gemütlichkeit zu stören. Sie fanden genügenden Schutz hinter der
+Kajütenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die
+empfindlichere Therese einhüllen konnte.
+
+Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz
+wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine
+Trennung.
+
+"Sie sind meine Gäste, Sie müssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst
+fidel."
+
+Und man blieb zusammen, hörte einige Musikstücke in Hornhardts
+Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf
+ein Glas Bier zu Mittelstraß, einem beliebten Restaurant, und schloß
+endlich zu später Stunde mit einer Tasse Melange in Görbers Café.
+
+
+
+
+XVI.
+
+
+Einige Tage später sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von
+nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe
+Wittfoth, hier mit neidischer Geringschätzung, dort mit selbstbewußtem
+Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche
+gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer
+Vertiefung in den Gegenstand, als wäre nun die natürliche Ordnung der
+Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.
+
+Und man sprach nicht mehr von einem Gerücht. Es war eine Thatsache. Der
+alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens"
+den nötigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach
+kurzem schamhaftem Sträuben, unter Hinweis auf ihr vorgerücktes Alter,
+ja gesagt.
+
+"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glück nicht im Wege
+sein."
+
+So ungefähr lauteten die Schlußworte der kleinen Frau.
+
+Hiermit war denn auch über den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die
+Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder
+unschlüssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache
+schon mehr für die Ablehnung entschieden hatte.
+
+Für vierzigtausend Mark jedoch konnte man über Kleinigkeiten schon
+hinweg sehen.
+
+Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch über allerlei hinweg
+sähe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.
+
+Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das
+Bestechliche, was für Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in
+ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Täuschung
+hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, daß auch persönliche
+Neigung zu Grunde lag.
+
+Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hörte, fiel
+ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der
+Verschmähte.
+
+Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte,
+wußte er, was er wollte.
+
+"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten
+Hochachtung und Wertschätzung kann ich mich der Einsicht nicht
+verschließen." So oder ähnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes
+an die Wittfoth.
+
+Natürlich wollte er jetzt nicht länger Stadtreisender bei Müller und
+Lenze bleiben. Aber bis zur Lösung seines Kontraktes mußte er noch seine
+Geschäftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr
+peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekränkten,
+Verschmähten gegenüber treten, eine Rolle, in welche er sich mit
+vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden würde.
+
+Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth
+bedeutend erleichterte.
+
+Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach
+geworden. Schon immer hatte er sich bemüht, dem hübschen Ladenmädchen
+der Witwe näher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenüber stets kühl
+bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen
+in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.
+
+Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wußte,
+welcher Wind dieses Wetterfähnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja
+selbst das Leben nur vom kaufmännischen Standpunkt. Was kostet das?
+
+Was Mimi Kruse anbelangte, so wußte er jetzt, daß er sie sich "leisten"
+konnte, daß seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie
+nicht "kaufen?"
+
+Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit
+einem Geschäftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei
+Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie
+einmal ausführen zu dürfen, erzählte von seinen Zukunftsplänen, ließ
+durchblicken, daß er möglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer
+Tante erwarten könnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, daß
+sie "mit Vergnügen" seine Einladung annahm.
+
+Von jetzt ab kam Herr Pohlenz häufiger, zur Verwunderung Frau
+Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren über die Veranlagung zu
+diesem Geschäftseifer des Stadtreisenden blieb.
+
+Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust,
+den Verlust seines "ganzen Lebensglückes," wie er es damals nannte,
+ertrug, und war entrüstet über Mimi.
+
+Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit
+diesem Gecken an, weil er Geld hatte.
+
+Was würde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran
+denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden
+sollte, an der sie nur vergnügte Gesichter um sich sehen wollte, so
+würde sie Hermann schon jetzt die Augen öffnen. Aber nachher sollte er
+auch keinen Augenblick länger über Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.
+
+Dem Mädchen selbst wagte sie keine Vorwürfe zu machen. Es war ihr
+peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrüstete spielen
+wollte, sähe es nicht aus, als ob sie sich über den Entgang der
+vierzigtausend Mark ärgerte? Wie Neid, Mißgunst?
+
+Nein, sie ließ der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit
+Mimi fertig würde. Im Grunde wäre es ja nur ein Glück, wenn er diese
+Person nicht bekäme.
+
+"Stich hält sie doch nicht," schalt sie bei sich.
+
+Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mißvergnügte Tage. Mimis
+freies Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit gegen Pohlenz, über den sie doch
+sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoß, hatten ihn
+tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflächlichen
+Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen.
+Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine
+Entschlüsse.
+
+Dieser faden, beschränkten Krämerseele sollte er weichen?
+
+Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert
+zurück, und glaubte, Mimi durch Vernachlässigung strafen zu können. Aber
+diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu
+sehen, sich auszusprechen. Doch wann würde er sie bei der Tante einmal
+sprechen können, ohne Störung?
+
+So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.
+
+Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht käme?
+
+Das beste wäre, er spräche sich gleich brieflich mit ihr aus.
+
+Und so schrieb er denn:
+
+ Liebes Fräulein!
+
+ Die Gefühle, die mich beseelen und die ich nicht länger zum Schweigen
+ verurteilen kann, drücken mir die Feder in die Hand. Habe ich nötig,
+ das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiß es, schon lange kein
+ Geheimnis mehr sein kann?
+
+ Mein ganzes Benehmen gegen Sie muß Ihnen längst bewiesen haben, wie
+ unaussprechlich ich Sie liebe, und daß es das höchste Ziel meines
+ Strebens, das Glück meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen
+ nennen zu dürfen.
+
+ Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines
+ Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf
+ denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehört Ihnen, hochverehrtes,
+ inniggeliebtes Mädchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfällt.
+
+ Verschmähen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie
+ namenlos glücklich
+
+ Ihren hoffenden
+
+ Hermann Heinecke.
+
+Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großen
+Bestürzung. Nun ward es ernst.
+
+Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.
+
+Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guter
+Mensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen.
+
+Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in
+ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.
+
+"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei
+diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte.
+
+"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.
+
+"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.
+
+"Das nicht," war die Antwort.
+
+"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth.
+
+"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet
+hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."
+
+"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so
+schlimm?"
+
+"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.
+
+"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig.
+"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi.
+
+Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:
+
+ Geehrter Herr Heinecke!
+
+ Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich
+ wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie
+ eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen
+ Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem
+ Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können,
+ so gerne ich dieses auch möchte.
+
+ Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen
+ wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen
+ mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von
+ mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich
+ leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere
+ Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so
+ glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen
+
+ Ihre Mimi Kruse.
+
+Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift
+ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der
+Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen
+befleckt.
+
+Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr
+Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige
+vergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert.
+Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder.
+
+"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken",
+fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu
+behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute."
+
+Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.
+
+ Herrn Volksschullehrer
+ Hermann Heinecke
+ p. Adr.: Frau Ww. Thielemann
+ Hierselbst.
+ Raboisen 27, III.
+
+
+
+
+XVII.
+
+
+Das große Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt
+Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch für alle die
+Straßen, durch welche die teilweise glänzende Korsofahrt nach und von
+dem Rennplatz ihren Weg nahm.
+
+Auch in der Gärtnerstraße waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit
+Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stühle und Schemel vor
+ihre Ladenthür auf das Trottoir gestellt, für sich und die beiden
+Mädchen.
+
+Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war
+ausgeblieben. Er hatte sich überhaupt lange nicht bei der Tante sehen
+lassen, zu deren und Theresens großer Verwunderung. Nur Mimi wußte,
+warum er nicht kam.
+
+Sie fühlte keine Reue über ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich
+nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante
+Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefühl zur Ruhe
+gelegt, als hätte sie etwas Rechtes, etwas Großes gethan.
+
+Am nächsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefühl der Neugier: Was
+wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?
+
+Pohlenzens Bemühungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell
+schoß das neue Verhältnis unter dem befruchtenden Segen der
+vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grün der alten
+Beziehungen zu Hermann überwuchernd und erstickend.
+
+Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz
+angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger
+Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht
+auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.
+
+Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen würde? Sie
+wünschte es beinah. Es wäre pikant. Auf jeden Fall würde sie an der
+Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.
+
+Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann hätte
+sich das nicht leisten können, hätte auch wohl kaum zu fahren
+verstanden.
+
+Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mögliche Begegnung
+zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.
+
+Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfältig
+beobachtete sie die Insassinnen der vorüberrollenden Equipagen und
+Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlässig
+zurückgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.
+
+Pohlenz hatte ihr ein neues Kostüm geschenkt, in dem sie ohne Frage
+gefallen würde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine
+Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.
+
+Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und
+geschmeichelt hatte der überaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu
+sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin.
+Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden früher von ihr gelesener
+Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brünette Pohlenz mit
+dem großen Panamahut, dem weißen Röckchen, eine seiner feinen Cigaretten
+rauchend, eigenhändig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im
+neuen Kostüm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurück.
+
+Da fuhr Hermann vorüber in einer gewöhnlichen Droschke, etwas krumm,
+vornübergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr
+blaß aus, wie übernächtig. Auch die drei Herren neben ihm waren
+keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre
+Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.
+
+Wie gewöhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie möchte sich nicht darin
+unter diese eleganten Equipagen mischen.
+
+Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen,
+neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser
+sehen zu können. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu
+begegnen.
+
+Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte
+sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der
+kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja
+nicht unbekannt, daß ihre Bildung keine lückenlose war, ihr Charakter
+nicht ohne Schwächen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwächen. Vom
+Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine
+vollkommene Frau hätte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schön
+geträumt, Mimi allmählich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden
+guten Anlagen zu wecken.
+
+Der Traum war aus.
+
+Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung
+und überredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu
+besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorüberfahren zu sehen.
+Er malte sich eine Begegnung aus: Kühler, höflicher Gruß von seiner
+Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation.
+Männliche Gefaßtheit. Sie errötend, dann erblassend, mit dem bekannten
+schnippischen Wurf ihres hübschen Köpfchens die Sache schnell und
+geringschätzig abthuend.
+
+Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben
+zu sollen. Mimi würde sich wohl noch besinnen, er müsse ihr Zeit lassen.
+Sie wäre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.
+
+Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur
+edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar
+ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein
+gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und
+glaubte, nicht für ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blaß,
+traurig, weinend in ihrem engen Stübchen sitzen, das ihm immer ihrer so
+wenig würdig vorgekommen war.
+
+Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht länger hingeben, seitdem
+ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz
+Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.
+
+Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine
+Beschönigungen. Warum sich belügen? Sie war eine Kokette, seiner nicht
+wert. Er mußte sie vergessen.
+
+Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an
+der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der
+heftigste Schmerz in ihm.
+
+Mimi sah auch entzückend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostüm gesehen.
+Es musste ganz neu sein und schien ihm über ihre Verhältnisse zu gehen.
+Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?
+
+Mimi trug ein enganschließendes, taubengraues Kleid von vornehmer
+Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmückte die anmutig volle
+Büste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weißem Taubenflügel saß
+kokett auf dem hübschen Blondkopf.
+
+Und nichts von Trauer, Gedrücktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem
+frischen, lebhaften Mädchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose,
+genußfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer
+Lebenslust.
+
+Er mußte sich zusammennehmen, damit der aufwühlende Schmerz ihm keine
+Thränen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaßten Sieger. Er
+trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nähe zu kommen.
+
+Die Tribüne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen
+aus dem Derby zusah. Er grüßte hinauf, ohne von den ganz von der
+Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruß zu erhalten. Nur von
+Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.
+
+Es fiel ihm auf, wie blaß das Mädchen aussah, fast leidend.
+
+Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flüchtig
+am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals
+seine eigenen Gedanken über sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er
+hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mädchen, das sicher
+auch andere Vergnügungen nicht verschmähen würde, wenn es sich nicht für
+zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzböden zu besuchen.
+
+Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere
+Ansicht über Lulu. Er hatte immer nur geringschätzig über sie sprechen
+hören.
+
+Was stimmte ihn nun auf einmal so günstig für das Mädchen? Wie Mitleid
+überkam es ihn. Sie hatte so bedrückt, so unglücklich ausgesehen.
+
+Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknüpfend an jenes
+Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhältnisses zu Beuthien
+allerlei romantische Vermutungen aufreihend.
+
+Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme
+chez nous, mit vertauschten Rollen.
+
+Es that ihm wohl, eine Leidensgefährtin in Lulu zu haben, wenn auch nur
+in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor
+dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefühls befriedigter Rache.
+
+Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine
+herzlose, oberflächliche Kokette, eine käufliche Dirne.
+
+Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem
+Knopfkrämer.
+
+Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das
+ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und
+Spielen.
+
+Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.
+
+Da ward ihm ein Gruß.
+
+Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein
+halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmännische Gespräche mit derben
+Witzen würzend.
+
+Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslänge
+überragte, von Hitze und Biergenuß gerötet, stieß ihn ab. Lulus
+Geschmack war ihm unverständlich.
+
+Und doch, was wollte er denn?
+
+Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kräfte, vor denen die Weiber
+Respekt haben.
+
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie
+hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte
+es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in
+frischer Luft, am besten.
+
+So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte
+gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst
+übte.
+
+Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen
+gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke
+neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz
+nahm.
+
+Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen
+heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was
+ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.
+
+Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal
+wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm.
+Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie
+befürchtete.
+
+Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und die
+Geängstigte beruhigt.
+
+Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie
+gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten.
+
+Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die
+bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der
+nach dem Schauplatz seiner That geführt wird.
+
+Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er,
+als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen
+stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie
+sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.
+
+Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen
+schloß und sich erblassend zurücklehnte.
+
+"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der
+Pferdebahn zurückfahren."
+
+Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe
+hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun.
+
+Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes
+Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über
+die welligen Felder hinweg.
+
+Ob er hinüber sah?
+
+Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er
+mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.
+
+Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck
+dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes
+Ungetüm, schwebte.
+
+Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im
+blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.
+
+Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu.
+Mühsam beherrschte sie sich.
+
+"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.
+
+Lulu schrak zusammen.
+
+"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."
+
+Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte.
+
+"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das
+frischt ihr auf."
+
+Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien
+sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen.
+
+Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm
+allein gefahren.
+
+Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer
+letzten Unterhaltung zu regen.
+
+Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer,
+wie durch ein Vergrößerungsglas.
+
+Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das
+häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf
+dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte,
+drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem
+kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen
+Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.
+
+Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte
+ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.
+
+Wie garstig!
+
+Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen
+aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und
+sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen
+Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm,
+wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das
+alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf.
+
+Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die
+vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt,
+infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde
+herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete.
+
+Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur
+lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man
+hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags
+ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine
+erregende Wirkung nicht verfehlt.
+
+Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der
+alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes
+für sich allein benutzen zu können.
+
+Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen
+Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen
+ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken
+anblitzte.
+
+"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."
+
+Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem
+weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem
+runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu
+entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn
+nicht auf die Dauer reizten.
+
+Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten
+Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes.
+
+"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.
+
+Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward
+plötzlich eifersüchtig.
+
+Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der
+Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise
+von anderer Seite drohen könnte.
+
+Wenn Beuthien sie verließe?
+
+Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafter
+Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,
+Kutschersfrau.
+
+Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen?
+Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?
+
+Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen alles
+Widerwärtige absperren.
+
+Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie
+weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am
+angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen,
+wie es ging.
+
+Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer
+"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten
+Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem
+Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre
+Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der
+weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich
+hinstarrte.
+
+Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt.
+Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit
+ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch
+schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten,
+von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte.
+
+Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen,
+höhnischen Blick aus.
+
+Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.
+
+
+
+
+XIX.
+
+
+Fräulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn
+Emil Pohlenz bekannt und kündigte ihre Stellung bei der Wittfoth.
+
+"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was
+zu verheimlichen."
+
+"Es war vorauszusehen", betätigte Therese. "Wenn sie sich leiden mögen,
+kann man sich ja nur darüber freuen."
+
+"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi,
+bekommen wir schon wieder."
+
+"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschäft recht
+tüchtig."
+
+"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heißt, vergeßlich ist sie
+doch man, und nachräumen muß man ihr alles."
+
+"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein häßlicher Husten,
+der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quälte, unterbrach stoßweise
+Theresens Worte.
+
+"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau
+Caroline. "Mich ärgert man bloß, daß das dumme Ding solch Glück hat.
+Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine
+auch man bloß. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n
+Teller bringt."
+
+"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende hätte ich noch
+Onkel Pohlenz sagen müssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."
+
+"Mich amüsiert man, daß wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande
+gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.
+
+"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas
+verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, für sie war ja
+das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.
+
+Und doch war sie ebenso liebebedürftig, hatte ein ebenso empfängliches
+Herz, wie Mimi und die so viel ältere Tante.
+
+Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger,
+sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.
+
+Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein für
+allemal auf Liebesglück verzichtet, wenigstens sich mit dem begnügt, das
+auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.
+
+Sie hatte, fast zu frühzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in
+Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nächstem Geburtstag
+angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in
+blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem
+Taschenbuch zur Zierde gereichen.
+
+Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen
+Arbeiten ungewohnten Finger geschickt.
+
+Wenn sie ihn doch öfter erfreuen könnte, für ihn arbeiten, sich ihm
+nützlich erweisen.
+
+Als er neulich einmal, ärgerlich über seine saumselige Wirtin, der Tante
+einige Strümpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die
+Arbeit abnehmen zu dürfen, und hatte sich in dieser fraulichen
+Thätigkeit für den Geliebten glücklich gefühlt.
+
+Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gönnte sie ihn doch nur
+einer Würdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall
+gefunden.
+
+Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften
+wegen, zu welchen auch ein rücksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die
+kränkliche Freundin gehörte, aber für Hermann schien sie ihr doch nicht
+die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie
+bedenklich.
+
+Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja
+nicht mal fürs Lesen Interesse, und die Bücher waren nun doch einmal
+Hermanns Rüst- und Handwerkszeug.
+
+So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, daß Mimi durch ihre
+Verlobung mit Pohlenz das Verhältnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen
+hatte.
+
+Hermann, dieser liebenswürdige, gescheute, feine Mensch, würde gewiß
+bald ein anderes Mädchen finden, das ihn besser zu schätzen wüßte und
+ihn Mimi vergessen machte.
+
+Sie billigte es, daß er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit
+dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermißte. Wenn
+Mimi erst aus dem Hause wäre, würde ja wieder alles anders werden. Er
+würde sich wieder, wie früher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie
+belehren und fördern. Wie freute sie sich darauf.
+
+Die Tante hatte der Verlobten etwas spöttisch gratuliert und allerlei
+Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen
+Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekränkt ausrief: "Aber
+nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thränen ausbrach.
+
+"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.
+
+"Mimi vergißt uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns hätte
+sie ihr Glück nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert hätte,
+oder Du, Tante hättest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muß uns ewig
+dankbar sein."
+
+Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte,
+sie würde Zeit ihres Lebens an die schönen Jahre zurückdenken, die sie
+in diesen Räumen verlebt hätte.
+
+"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer
+verlassen hatte.
+
+Mimi errötete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre
+Brauen.
+
+"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."
+
+"Das muß jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen
+verlangen", versetzte Therese auf dies Geständnis. "Eine Ehe ohne Liebe
+denke ich mir entsetzlich."
+
+"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu
+furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--"
+
+"Dann werden Sie auch gewiß glücklich mit ihm," unterbrach Therese sie
+schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie
+fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht
+daran denken."
+
+"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz
+sagt auch, mit dreitausend Mark möchte er nicht heiraten."
+
+"Das kommt nun auf die Ansprüche an", meinte Therese.
+
+"Natürlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen,
+wenn er nur will."
+
+"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."
+
+"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe,
+Sie besuchen uns denn auch mal."
+
+
+
+
+XX.
+
+
+Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit
+erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen
+hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft
+abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei
+ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll
+auch was davon haben", sagte sie.
+
+"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese
+ein.
+
+"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte
+die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."
+
+Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang
+aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem
+auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte
+abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.
+
+Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch
+schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein
+geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck.
+
+"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau.
+"Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."
+
+"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."
+
+"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.
+
+"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.
+
+"Neegen Stück."
+
+"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "Denk
+Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."
+
+"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage.
+
+"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese
+in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte,
+meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da
+könnte sie sich mal ordentlich "rausessen".
+
+"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in
+dieser Hinsicht etwas empfindlich.
+
+"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll
+Hosten, de geföllt mi nich."
+
+"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante.
+"Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt
+schicken."
+
+"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft
+möt se hebben."
+
+"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel",
+setzte er hinzu.
+
+"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärte
+Therese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht."
+
+"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber
+frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt."
+
+"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer
+gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich
+sein. Ich sag nichts mehr."
+
+Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, die
+Vorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige
+Zugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnet
+bleiben.
+
+Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens den
+Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:
+Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung
+der Inhaberin geschlossen.
+
+Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.
+
+Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daß
+Hermann zugesagt hatte, zu kommen.
+
+Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten.
+
+Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend
+nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem
+Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber
+eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte.
+Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.
+
+Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er
+hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um
+gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten.
+
+Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu
+machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung
+an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen
+und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht
+hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis
+arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der
+Zuckerschale.
+
+Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der
+Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,
+von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner,
+Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die
+Tante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchem
+Zierat behangen hatte.
+
+Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte
+mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein
+geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der
+galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem
+Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger
+Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte.
+Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets
+und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der
+praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas
+thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen
+Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes
+"!Viel Glück und Heil!"
+
+Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres
+Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte
+besorgen müssen.
+
+Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch
+versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit
+Spitzen und Schleifen garniert.
+
+Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe.
+
+Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene
+parfümierte Couvert.
+
+"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von
+der kleinen Elfenbeinkarte ab.
+
+"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte
+er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer.
+
+Therese beobachtete ihn still.
+
+Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch
+die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten
+Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen
+Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst
+unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen
+würde.
+
+Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. Der
+Cigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige Flaschen
+Löwenbier zur Hand.
+
+Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen und
+Küchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und
+Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten
+Unterhaltungsstoffes.
+
+Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater
+gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig
+andere Pflichten.
+
+Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich,
+Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen
+ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei
+thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du."
+
+Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in
+eine kreiselnde Beweglichkeit.
+
+"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie
+sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander.
+
+Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen
+vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung,
+in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten.
+
+Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie
+sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel
+sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg.
+
+Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt,
+griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der
+Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann
+besonders vom Glück begünstigt wurde.
+
+Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht
+hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig.
+
+Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden
+nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu
+den Damen zurück.
+
+Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich,
+hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur
+Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging.
+
+Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.
+
+Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen
+dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und
+jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt.
+
+Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin
+mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens,
+neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau
+Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch,
+zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt
+des Mundschenken übertragen worden.
+
+Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der
+sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich
+und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.
+
+Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede
+auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich,
+mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret
+die Frauen, sie flechten und weben".
+
+Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf
+aufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. Wilhelm
+Beuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ die
+Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.
+
+Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen
+wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un
+Leev, un mit Gottes Segen."
+
+"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander
+klangen.
+
+Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich
+zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken.
+
+Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte
+Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein
+in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.
+
+Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die
+Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei
+gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger
+noch überbieten zu müssen glaubte.
+
+Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine
+Wahrnehmung zu.
+
+Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die
+Achsel.
+
+Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt
+von ihm, die Terrine hinaus.
+
+"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.
+
+"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und
+schloß die Thür.
+
+Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der
+Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante
+noch aufgefundenen Rumflasche.
+
+Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch.
+
+Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.
+
+"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens
+vielleicht noch 'n bischen zu feurig."
+
+Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das
+bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen
+Augen.
+
+"Nu Musik", meinte sie.
+
+"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben."
+
+Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.
+
+"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seine
+Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische und
+Stühle zusammen und rollte den Teppich auf.
+
+Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann
+den Spreewalzer zu spielen.
+
+Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau
+Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs
+Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens.
+Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das
+Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde
+flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr
+elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf
+schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu
+dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen
+Räumen reizten.
+
+Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch
+vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen.
+
+Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe
+legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit
+quälend.
+
+
+
+
+XXI.
+
+
+Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er
+pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser
+stellte er den Erfolg seiner Kur gewöhnlich schon in den ersten Wochen
+nach seiner Rückkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.
+
+Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof
+gegeben.
+
+Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefühl, als wäre ein
+Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich
+aber schon am nächsten thöricht. Wie lange konnte sie es denn noch
+verbergen? Ueber kurz oder lang mußte es zu Tage kommen, selbst wenn die
+Mutter blind wäre.
+
+Wilhelm wich ihr gänzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annäherung
+versucht, ihm auf der Straße aufgepaßt. Aber er hatte es ja so leicht,
+sie von seinem Bock aus zu übersehen, sie, schneller fahrend, hinter
+sich zu lassen.
+
+Wollte er sich von ihr zurückziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr
+getrieben?
+
+Ihr schwindelte bei dem Gedanken.
+
+Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu
+können.
+
+Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine
+Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen
+Uebersichergehenlassen.
+
+Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemächtigte sich ihrer
+eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.
+
+Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verändertes Wesen nicht entgehen,
+die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens
+nicht verborgen bleiben.
+
+Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend,
+beobachtend verhielt.
+
+Lulu, mit der Feinfühligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der
+Mutter wohl an, daß diese sie erraten hatte.
+
+Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?
+
+Es drängte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob
+immer wieder Einsprache, unterstützt durch die Feigheit.
+
+Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuß gestanden, daß sie
+nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfühlen, Verständnis, erwarten und
+beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegönnt,
+und sollte sich nun so vor ihr demütigen.
+
+Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos
+beklagte, daß Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.
+
+"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafür kaufe."
+
+Im Grunde aber ärgerte sich die Kleine sehr über Beuthien, dessen
+Benehmen sie sich nicht zu deuten wußte. Sie hatte sich etwas darauf
+eingebildet, daß er sie bisher überhaupt beachtet hatte. Es war ihr
+heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er über sie hinweg, wie über jedes
+andere Schulmädchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich
+verschüchtert zurückzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das
+verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie
+verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in
+dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer
+Entdeckungen.
+
+"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequält. "Was geht
+Dich Beuthien an."
+
+Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu
+können, daß diese keine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Beuthien hatte.
+
+Um so größer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drängte sich das
+Geständnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurück. Und
+doch, irgend jemand mußte sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es
+nicht mehr tragen.
+
+Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das
+Mädchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin
+Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstützig."
+
+Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schämte sie sich denn nicht, sich
+so gemein mit dem Dienstmädchen zu machen?
+
+Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung
+aus der Hand nahm.
+
+Frau Behn war ihrer Sache gewiß geworden und konnte nicht länger
+schweigen.
+
+Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.
+
+Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach
+in Thränen aus.
+
+"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.
+
+Lulu schwieg. Die Mutter schüttelte sie heftig am Arm.
+
+"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"
+
+Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mußte sie sich schelten lassen?
+
+Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau
+plötzlich über die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten
+Groll der Mutter die Riegel öffnete. Sie bebte vor Zorn.
+
+"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."
+
+Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.
+
+"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.
+
+"Was ist gemein?" Die Mutter rückte ihr fast auf den Leib. "Was ist
+gemein? Du, Du!"
+
+Ein tiefes Erblassen, ein röchelndes Nachatemringen, ein unsicheres
+Umhertasten mit den Händen, und schwer sank Lulu an dem neben ihr
+stehenden Stuhl hin zu Boden.
+
+Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"
+
+Sie riß die Thür auf und rief nach Minna und nach Wasser.
+
+Das Mädchen brachte das Verlangte erstaunt.
+
+"Is Fräulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmächtige auf
+den kleinen Lederdivan betten.
+
+"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Füer nich utgahn,
+hörst Du?"
+
+Und Minna sah nach dem Herdfeuer, während Frau Behn der sich erholenden
+Lulu sanft über Stirn und Scheitel strich.
+
+"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem
+Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."
+
+Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesöhnt, hatten sich
+wieder gefunden.
+
+
+
+
+XXII.
+
+
+Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,
+unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost
+erwacht.
+
+Frau Caroline war sehr besorgt.
+
+Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über
+allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am
+andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett
+verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.
+
+Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig
+Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine
+Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben.
+Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf
+keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die
+übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer
+an.
+
+Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren.
+
+Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge
+zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.
+
+"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht.
+Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."
+
+Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu,
+den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen.
+
+"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter.
+"Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe."
+
+"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die
+Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen."
+
+"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.
+Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon
+aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein."
+
+Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen
+Frau nicht zu reden war.
+
+Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater
+Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und
+Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine
+kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur
+Korpulenz.
+
+Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden
+Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in
+der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß.
+
+Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei
+ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er
+unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah
+sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu
+Flecken vergrößern.
+
+Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig
+Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen
+geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl
+schnell zu Ende gehen.
+
+Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt
+gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich
+unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben
+würde.
+
+Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand
+einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung
+dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte
+sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und
+Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch
+Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um
+Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang
+eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.
+
+Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.
+
+Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen
+Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.
+
+"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder
+rauskriegen. Sei man ruhig."
+
+"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter
+noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch
+die schönsten Tage.
+
+Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen
+Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze
+der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den
+Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue
+Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren
+unfreundliche, fast herbstliche Tage.
+
+Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,
+gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen
+glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.
+
+Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau
+drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße
+hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.
+
+Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von
+ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und
+das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.
+
+So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte,
+namentlich mit Lulu.
+
+Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm
+Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese
+konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.
+
+Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch
+unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal
+etwas von ihr gehört.
+
+Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt,
+hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine
+tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.
+
+Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie
+daran.
+
+Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war
+doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie
+jetzt übrig gehabt haben.
+
+Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher
+rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte
+Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte
+sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.
+
+Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,
+seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders
+werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:
+wenn du nun stirbst?
+
+Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch
+ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen,
+und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe
+Stimmung aufkommen ließ.
+
+Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.
+
+Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im
+Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,
+um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.
+
+"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig."
+
+"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.
+
+Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war
+natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu
+gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen."
+
+"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.
+
+"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede
+Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge
+ja wohl alles zu Grunde."
+
+"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht
+mehr dauern", tröstete Therese.
+
+"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr
+aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,
+lege ich mich auch noch hin."
+
+Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die
+Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder
+in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven
+und Glieder der Tante beruhigt.
+
+
+
+
+XXIII.
+
+
+Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn
+sofort seine Kur und reiste zurück.
+
+Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die
+Begrüßung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzählen, die
+Frau hatte in ihrem Brief mit genügender Ausführlichkeit berichtet.
+
+Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Straße
+hinausgestarrt, das untrügliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm,
+als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"
+
+"In ehr Stuv, Johannes."
+
+"Ik will se nich sehn", stieß er hervor. "Nich vor Ogen."
+
+Wie tief auch die Geschichte an ihm fraß, so war es doch fast mehr noch
+die soziale, als die moralische Seite, worüber er nicht hinwegkommen
+konnte.
+
+Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen,
+den ehemaligen Schulkameraden überflügelt zu haben, er, der Umhertreiber
+und Thunichtgut von damals, den fleißigen, ordentlichen Musterschüler.
+
+Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel
+aufgestellt worden, wie oft hatte es geheißen. Das wird noch mal ein
+tüchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.
+
+Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und
+Umsicht, während Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht
+weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.
+
+So waren sie allmählich auseinander gekommen. Jeder mied den andern,
+geniert durch das Mißverhältnis der Lebensstellungen.
+
+Nun mußte so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.
+
+Wilhelm mußte seine Pflicht gegen Lulu erfüllen, da gab es keinen
+Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es
+ward ihm schwer, furchtbar schwer.
+
+Er hatte sich für Lulu einen andern gewünscht, als diesen Kutscher,
+diesen Liebling der Dienstmädchen.
+
+Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?
+
+Wenn der Bursche sich nun weigern würde, sein Vergehen zu sühnen, was
+dann? Unmöglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber
+so weit würde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann
+und würde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.
+
+Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder
+umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.
+
+Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang,
+wie einem furchtsamen Schuljungen.
+
+Und er hätte doch im Zorn die Straße hinunterstürmen und alles kurz und
+klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan hätte, wenn er beim
+Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wäre.
+
+Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen
+Stockwerk über der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeöffnete
+Stallthür, Wilhelm beschäftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.
+
+Der Anblick des Sünders weckte seinen Grimm. Am liebsten hätte er sich
+gleich auf ihn gestürzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen,
+ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze
+Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.
+
+Heftig stieß er oben die Thür auf, gegen die rasselnde Schutzkette.
+
+Tante Tille, in altmodischer weißer Haube, die sie nur des Nachts
+ablegte, ein Butterbrot in der Hand, öffnete ihm.
+
+"Meine Güte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se sünd fort?"
+
+Er fragte nach Beuthien.
+
+"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.
+
+Der alte Beuthien saß auf dem kleinen, abgenutzten Roßhaarsofa vor dem
+mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und ließ sich es anscheinend gut
+schmecken.
+
+Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich möbliert,
+in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die großgeblümten, mit
+selbstgehäkelten Spitzen eingefaßten Kattungardinen und der niedrige,
+braune Kachelofen gaben dem Raum etwas höchst gemütliches. Der frisch
+gescheuerte Fußboden zeugte von größter Reinlichkeit. Auch die beiden
+billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in
+schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels,
+fügten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der
+abgeblätterten Vergoldung und dem großen Spliß in der untern linken Ecke
+des Glases, störte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.
+
+Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu
+einer imponierenden Erscheinung aufrichten.
+
+Erstaunt empfing ihn Beuthien.
+
+"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.
+
+"Sünd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurück.
+
+"Ja, wat is?"
+
+Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloß die Thür wieder.
+"Wat is, Behn?"
+
+Kurz, heftig, stieß Behn seine Anklage heraus.
+
+Beuthien war starr.
+
+"Din Lulu?"
+
+Einen Augenblick saßen sich die beiden Männer stumm gegenüber.
+
+Beuthien stand auf.
+
+"He sall kamen, gliek."
+
+Behn hielt ihn zurück.
+
+"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.
+
+"Ne, ne, he sall man kamen."
+
+Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wußte er sofort, was seiner
+wartete. Aber er war nicht feige.
+
+Er grüßte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.
+
+"Segg em dat sülfst", sagte sein Vater.
+
+"He weett't woll all", bebte Behn, wütend über Wilhelms Ruhe.
+
+"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemütlich
+zu werden.
+
+"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fäusten.
+
+Wilhelm wich nicht zurück.
+
+"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.
+
+Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend,
+der aber schleuderte sie heftig zurück.
+
+"Du büst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der
+kreideweiß wurde.
+
+"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden.
+"Woans hest Du Din Fru kregen?"
+
+"Dat is wat anners", keuchte Behn.
+
+"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se
+heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."
+
+Wilhelm erklärte, er wüßte was recht wäre, aber er könnte seine Pflicht
+nicht thun.
+
+"Wat?" rief Behn.
+
+"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.
+
+"Du kannst nich?"
+
+"Ne, ik kann nich."
+
+"Is se Di nich god nog mehr?" höhnte Behn bitter.
+
+Wilhelm zögerte lange mit der Antwort.
+
+"Ik häw all 'n Kind", stieß er endlich hervor.
+
+
+
+
+XXIV.
+
+
+Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frühere Behnsche Mädchen, war die
+Mutter seines Kindes.
+
+Behn hatte es übernommen, dieser ihre älteren Rechte auf Wilhelm
+abzukaufen.
+
+Er fand das Mädchen in einem Keller bei Hökersleuten einquartiert, in
+einem engen, dumpfigen Raum. In einem großen Wäschekorb lag das erst
+vierzehn Tage alte Kind, häßlich, klein, eine Frühgeburt.
+
+Anna schämte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hörte,
+um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.
+
+Lulu, der hochmütigen, gönnte sie ihr Unglück. Sie trug ihr noch immer
+die Mißhandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten?
+Nie!
+
+Aber schließlich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe
+zufrieden zu stellen.
+
+Die Rücksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das
+ohne sorgfältigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren
+ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.
+
+Welch ein Vermögen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch
+gezählt, zehn Hundert Markscheine.
+
+So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier
+bekommen, als Wilhelm war.
+
+Dieser war froh, daß alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn
+durchaus heiraten, so war ihm Lulu natürlich lieber, als Anna.
+
+Lulu erfuhr durch ihre Mutter, daß Beuthien sie heiraten werde.
+
+"Vadder hätt sik vel Möh geben", setzte die einfältige Frau hinzu.
+"Dusend Mark hätt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."
+
+"Für Geld?" rief Lulu.
+
+"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie.
+Und dann erzählte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte
+mit Anna.
+
+Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.
+
+Also Anna hätte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande
+bewahrt blieb. Und das Mädchen wußte natürlich nun alles, empfand
+Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.
+
+Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrückte die
+Gewißheit, daß Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern
+gehalten hatte, als er sie ins Unglück riß.
+
+Wer sagte ihr, daß Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte
+sie zeit ihres Lebens verbunden sein.
+
+Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten
+Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.
+
+Alle seine Fehler, seine Roheiten drängten sich plötzlich in ihr
+Bewußtsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich
+verloren.
+
+Sie kam sich wie besudelt vor.
+
+Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Küche der Nachbarhäuser sehen.
+
+Jene Köchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper
+Geschäftigkeit auf dem Fensterbrett den Mörser handhabte, wie oft mochte
+sie in seinen Armen gelegen haben.
+
+Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende
+Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht
+vielleicht alle schon mit seinen Zärtlichkeiten bedacht?
+
+Es war ihr, als sähen alle zu ihr herüber, in ihr Fenster hinein,
+höhnisch, vertraut: Wir gehören zusammen, Fräulein.
+
+Sicher sprach man jetzt überall von ihrer Schande. Würde Anna schweigen,
+Anna, die sicher noch ihren alten Haß hegte?
+
+Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen.
+Hieß das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?
+
+Mochte Beuthien doch das Mädchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus
+dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, für sich, für das Kind, oder
+sterben.
+
+Es war das erste Mal, daß der Gedanke an den Tod ihr kam.
+
+Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die
+Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.
+
+Natürlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber
+nachher, hat man es nicht mehr ertragen können, dann weinen sie ihre
+Heuchelthränen.
+
+Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung
+in die Alster, und alles ist gut.
+
+Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.
+
+Sie kühlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.
+
+Bei dem Blinken des Wassers mußte sie immer an die Alster denken.
+
+Ein Sprung in die Alster.
+
+Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr
+vor Augen. Sie schüttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf.
+Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.
+
+Als die Mutter sie so müde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas
+in die Luft zu gehen. Sie müsse sich Bewegung machen, auch des Kindes
+wegen.
+
+Lulu wehrte ab.
+
+Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte
+sie begleiten, meinte die Mutter.
+
+Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein,
+nickte Lulu.
+
+"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.
+
+
+
+
+XXV.
+
+
+Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen,
+als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nächste dazu".
+
+Frau Caroline stellte sich völlig auf den Standpunkt der Moral. Sie
+verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich für eine
+anständige Frau geziemte, und hätte sicher an beiden kein gutes Haar
+gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre
+sittliche Entrüstung etwas gemildert hätte.
+
+Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu über die Achseln angesehn
+gefühlt. Nun rückte sie jener gegenüber gar in den Rang einer
+Schwiegermutter auf.
+
+Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior würde es nun heißen.
+
+Meine Schwiegertochter Lulu.
+
+Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht
+nannte Lulu sie gar Mama.
+
+"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu
+Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glück, daß
+noch alles so gut abläuft."
+
+Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden
+Kräfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als
+bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wußte sie, daß sie
+sterben würde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah
+wiederholt an der Zimmerdecke Mäuse.
+
+Das bedeutete den nahen Tod.
+
+Therese wollte sonst nicht für abergläubisch gelten. Kartenlegen,
+Besprechen und anderen Altweiberunsinn belächelte und verspottete sie.
+Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her
+ehrfurchtsvollen Schauder abgenötigt. So weit erstreckte sich ihre
+Aufklärung nicht. Daß der Tod entfernter Personen sich oftmals
+ankündigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren,
+geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis für
+erwiesen.
+
+Die Tante, der sie ihren Traum erzählte, hatte erst ein ganz bestürztes
+Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn"
+auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an
+dergleichen Vorbedeutungen glaubte.
+
+Hermann gegenüber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal,
+gesprächsweise machte sie doch Andeutungen.
+
+"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand,
+streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und
+gesund, Resi."
+
+Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, sagte er wiederholt "Unsinn,
+Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.
+
+Das sagte ihr genug.
+
+Aber sie blieb ruhig und heiter.
+
+Sie hätte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, daß sie den Tod so
+ruhig erwarten könnte. Kein Zagen, kein Graun.
+
+Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen
+wiederkommen zu können erklärte, war ihr auf einmal so bange geworden,
+so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als würde sie ihn nie wiedersehen,
+als müßte sie ihn mit Gewalt zurückhalten.
+
+Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle
+Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese würde die "Krisis"
+überstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare
+Vorstellung davon zu machen.
+
+Vielleicht würde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewußtsein
+gekommen sein, wenn nicht ihre persönlichen Angelegenheiten sie gar so
+sehr in Anspruch genommen hätten.
+
+Die geschäftlichen Obliegenheiten lagen thatsächlich fast allein auf
+ihren Schultern, da Fräulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.
+
+Dazu kamen die Heiratsgedanken.
+
+Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon
+allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die
+"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.
+
+Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mädchen, die in
+ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren.
+Sie stand ja als so nahe Verwandte des Sünders mitten in der Aktion, und
+von je her war sie nie glücklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit
+dazu gehörte."
+
+Als künftige Schwiegermutter der ins Unglück geratenen, bewahrte sie
+natürlich allen Ausfragern gegenüber die nötige Zurückhaltung, und half
+durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier
+abenteuerlicher Gerüchte um diesen pikanten Vorfall zu weben.
+
+Wie erschrak sie, als Mutter Behn früh morgens, um sechs Uhr, mit der
+ängstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.
+
+"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."
+
+"Meine Güte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts
+passiert?"
+
+Die Gemüsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hürt? Behns ehr Lulu is
+furt."
+
+Ein Dienstmädchen aus der Gärtnerstraße wollte "man bloß mal auf'n
+Augenblick einsehen".
+
+"Nu is se ja woll utrückt", meinte sie. "Wat'n Upstand."
+
+Auch der alte Beuthien kam ganz verstört.
+
+"Line, Line, wat'n Stück--wat'n Stück."
+
+Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hörte sie.
+
+Fräulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glühenden Wangen
+immer neben der Wittfoth.
+
+"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.
+
+"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die
+Schürzen gesäumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig
+sein."
+
+Damit schüttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.
+
+Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.
+
+"Dod?" fragte die Wittfoth.
+
+Beuthien gab mit dem Daumen über die rechte Schulter hinweg die Richtung
+an: "In'n Kanal."
+
+"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muß ich mich erst
+mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."
+
+Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.
+
+"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll.
+Was sie nu wohl wieder hat."
+
+Damit haftete sie über den Korridor, steckte aber im Vorübereilen den
+Kopf durch die Thür des Arbeitszimmers:
+
+"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und
+man ja nicht zu breit, hören Sie?"
+
+
+
+
+XXVI.
+
+
+Der alte Behn saß in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die
+Ellbogen aufgestützt, das Gesicht mit den Händen bedeckend.
+
+Schon geraume Zeit saß er so da.
+
+Es war eine schwüle Luft in dem kleinen Raum.
+
+Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich
+vielfarbig in den Kristallflächen des Tintenfasses und des
+Briefbeschwerers.
+
+Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die
+Fensterscheiben flog, war das einzige Geräusch in der drückenden Stille.
+
+Draußen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedämpfte Stimmen, ein
+Geräusch, als würde ein schwerer Gegenstand transportiert.
+
+Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.
+
+Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.
+
+Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flüsternde Sprechen, das
+Klingen der Korridorthür, und wieder die dumpfe Stille.
+
+Noch immer saß Behn in unveränderter Stellung, wie schlafend.
+
+Da wurde leise die Thür geöffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn
+rief nach ihm.
+
+Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des
+Mannes, aber er rührte sich nicht.
+
+Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.
+
+"Johannes!"
+
+Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten
+Fäuste, und der große starke Mann schluchzte wie ein Kind.
+
+"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.
+
+Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schämte er sich seiner Thränen.
+
+Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf
+einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch,
+den Tintenwischer, die Sandbüchse, tastete an sich herum, als suche er
+etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der
+geduldigen Frau.
+
+"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte
+Zimmer eintreten wollte.
+
+Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie
+die Eltern die beste Stube betraten, mit flüchtigem Blick einen Teil
+des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.
+
+Sie beugte sich nachher zum Schlüsselloch hinunter, sah aber nichts, als
+den breiten Rücken des Vaters.
+
+Ihre Gedanken waren in großer Erregung. Lulu tot. Unfaßbar schien es
+ihr.
+
+Es war das erste Mal, daß der Tod Paula so nahe trat.
+
+Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thränen abgepreßt.
+Seine Augen waren noch rot und heiß vom Weinen, eine trockene, stechende
+Hitze in den Lidern.
+
+Jetzt, nach dem ersten Gefühlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem
+Recht.
+
+Paula hätte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter
+wollte es nicht leiden.
+
+Wenn der Vater sich doch nur mal rühren wollte, dachte sie, am
+Schlüsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen
+konnte.
+
+Ob wohl viele Kränze kommen würden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen
+Pomp eines Begräbnisses vor sich.
+
+Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nächsten
+Sonntag war.
+
+Ob man ihn wohl feiern würde?
+
+Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf
+eingeladen. Clara würde ihr eine Papeterie schenken, das wußte sie
+schon.
+
+Wie häßlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag würde.
+
+Plötzlich fuhr sie vom Schlüsselloch zurück. Die Thür ward hastig
+aufgestoßen, und der Vater, blaß, zitternd, trat schnell heraus.
+
+"Water, flink, Water", ächzte er.
+
+Minna stürzte aus der Küche und stieß unsanft mit Paula zusammen.
+
+Doch der alte Behn war schon in der Küche, ehe die Mädchen recht
+begriffen, was er wollte.
+
+Die Stirn gegen die Wand gestützt, kämpfte er mit einem erstickenden
+Würgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrücken den kalten
+Schweiß von Stirn und Backen wischend.
+
+So traf ihn der Briefträger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt
+durch die nachlässig geschlossene Thür in die Wohnung gelangt war.
+
+Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.
+
+"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.
+
+"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Briefträger. "So gewitterig
+heute."
+
+Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.
+
+"Is di beter, Johannes?"
+
+Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.
+
+"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung för dat Klaveerstimmen."
+
+Der Briefträger, noch ohne Ahnung von dem Unglück, das die Familie
+betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Straße, durch ein Mädchen
+des Nachbarhauses.
+
+Er hatte auch für Frau Caroline Wittfoth einen Brief.
+
+Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut.
+"Briefträger!"
+
+Er mußte noch ein zweites Mal rufen, bevor Fräulein Frieda erschrocken
+erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen
+balancierend.
+
+Beide ausgestreckten Hände zur Höhe der Ohren erhebend, bedeutete sie
+ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.
+
+"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.
+
+"Unser Fräulein is tot."
+
+"Fräulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"
+
+"Schwindsucht", flüsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles
+Verbrechen.
+
+Mit bedauerndem Kopfschütteln entfernte er sich.
+
+Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.
+
+Fräulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das
+Gewünschte zu finden war, und holte die Wittfoth.
+
+Frau Caroline erschien, verweint, mit geröteter Nase, das Taschentuch in
+der Hand.
+
+"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzählte sie auf den
+fragenden Blick der Käuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von
+gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes
+Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hände voll zu thun.
+Ich weiß auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."
+
+"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehört hatte. "Mit so'n
+Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."
+
+"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sögg Se den Unnerrock rut."
+
+
+
+
+XXVII.
+
+
+Zwei Tage später hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des
+Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.
+
+Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel
+vier Kränze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre
+goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kränze frisch
+besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf
+den Blättern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblüten
+und dem dunklen Grün der Kranzgewinde.
+
+Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.
+
+Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen,
+das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wäscheschatzes,
+in der Hand.
+
+Nachdem sie alles Nebensächliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu
+kommen pflegte, überwunden hatte, die Störung ihres Hauswesens, die
+Beeinträchtigung des Geschäftes, die Wahl eines Trauerkostümes, ob Crépe
+oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige
+Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.
+
+Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit
+niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag
+zurücklegte, den Fräulein Frieda öffnete.
+
+Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr
+winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur
+eine schwarze Moiré-Schürze angelegt, die Frau Caroline für diesen Zweck
+noch in letzer Mintute dem Schürzenkasten entnahm.
+
+"Der Leute wegen."
+
+Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu
+entfernen.
+
+"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fräulein", flüsterte sie aus der
+Droschke heraus dem Mädchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock
+kommt, wissen Sie ja Bescheid."
+
+Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem
+Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rötliche schillerndem
+Cylinder.
+
+In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt,
+damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.
+
+Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die
+ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wäre.
+
+"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt
+Unglück. Gewöhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade
+Zahl, das ist besser."
+
+Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die
+Schwächen seiner Tante zu schonen.
+
+War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet
+gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschüttert. Er hatte alle seine
+freie Zeit der Tante zur Verfügung gestellt und ihr alle Vorbereitungen
+und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.
+
+Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufällige Entdeckung, daß
+er dem Herzen der Verstorbenen näher gestanden haben mochte, als sie ihn
+hatte merken lassen.
+
+Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem
+Nähkörbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat,
+ein Geschenk, das er ihr ungefähr vor einem Jahre gemacht hatte.
+
+"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklärte die Tante. "Und noch etwas
+für Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es
+zum Geburtstag haben."
+
+Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkränzte Monogramm
+Hermanns.
+
+Gerührt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner
+Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begräbnis noch
+in die Wohnung der Tante zurückzukehren.
+
+Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus
+dem Behnschen Hause den reichgeschmückten Sarg hinaus.
+
+Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen überströmte die
+Straße, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.
+
+In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Straße hinauf.
+
+Nur wenige, flüchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens.
+Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begräbnis.
+
+Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man
+besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger
+Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.
+
+Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenüberhäuftem Sarg
+aus, der Zauber des Gräßlichen, der Reiz des Unglücks umstrickte die
+Seelen.
+
+Der Wind warf den Staub unter die Menge, über den Sarg, über die Kränze,
+trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief
+herabhängenden Trauermäntel der Pferde wie Segel auf.
+
+Die zwölf Träger, in ihren althergebrachten Pompgewändern, mit weißer
+Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der
+Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zügel, und der
+Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor über den linken Arm
+tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung
+setzte.
+
+Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine
+plötzliche Verkehrsstörung wieder zum Halten zwang.
+
+Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen
+hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.
+
+Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglücklicher Zufall, ließ
+das leichte Gefährt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoßen. Das
+zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden
+gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker
+stand in größter Verlegenheit bei dem gestürzten Fuchs, der wild
+ausschlagend, alle Bemühungen, ihn aufzurichten, vereitelte.
+
+Daneben stand, blaß, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der
+Angst den kühnen Sprung von ihrem gefährlichen Wagensitz gewagt hatte.
+
+Hermann hatte aus seinem Coupé heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen
+vermeint.
+
+Schnell zog er sich in den schützenden Versteck des tiefen Fonds zurück.
+Keine Erinnerung hätte ihm heute peinlicher sein können als diese. Sie
+brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmütige Stimmung.
+Die Augen schließend, träumte er in der langsam über das stoßende
+Pflaster holpernden Droschke von jenem Frühlingsabendgang zwischen den
+Weißdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Küssen.
+
+Mit schrillem Mißklang intonierte in einer Nebenstraße eine Drehorgel
+einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.
+
+Hermann schrak aus seinem Brüten auf.
+
+Wie gemein waren diese Klänge.
+
+Ein Straßenjunge sang im höchsten Diskant zu den Melodien des
+Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis
+zur nächsten Straßenecke hörte Hermann den Gesang des Bengels.
+
+Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehört? War es
+damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.
+
+Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie,
+summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im
+Walzerrhythmus:
+
+ "Meine Liebste ist in Bremen,
+ Ist 'ne Selterwasserdirn."
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11108 ***