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diff --git a/11108-0.txt b/11108-0.txt new file mode 100644 index 0000000..93588bb --- /dev/null +++ b/11108-0.txt @@ -0,0 +1,5202 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11108 *** + +Aus dem Durchschnitt + +Roman + +von + +Gustav Falke + +Hamburg + +1900 + + + + +Meinem Bruder Albert gewidmet. + + + + +I. + + +Dem undurchdringlichen Nebel des Märzabends war eine Frostnacht gefolgt. +An der Ecke der Gärtnerstraße und des Durchschnitts, in einem östlichen +Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Glätte des übereisten, +abgenutzten Straßendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so +unglücklich gestürzt, daß an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen +Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen +gebrochen. Schweißbedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem +Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer. + +Der Kutscher, ein älterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei. + +"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein +Schlachter drängte sich durch die Menge: + +"Na, Beuthien, is he henn?" + +"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er +warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran, +den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien. + +Der Frager und ein junger kräftiger Mann, dessen frisches, +wettergebräuntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher +aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich. + +"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann. + +"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort. + +In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich +Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an +schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu +zerstreuen. Er ließ seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf +der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der +anderen beharrlich wieder an. + +Hatte das Publikum nur spöttische Mienen, halblaute Scherze für die +heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines +Geschäftskellers, in dem sich eine Weiß- und holländische Warenhandlung +befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch +ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt. + +Die kleine, rundliche Frau war in beständiger Bewegung. Unter Mittelmaß, +kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf +den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermöglichen. + +Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus +dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern. + +"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender +Stimme in das Gewühl hinein. + +"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem +Gelächter der Umstehenden. + +Ein Dienstmädchen suchte, mit unwilligem Ellbogenstoß die Zärtlichkeit +eines Gesellen abwehrend, die Nähe der Geärgerten zu gewinnen. + +"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben, +von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man bloß +mal eben Kartoffel holen." + +"Recht, Fräulein, holen Sie man bloß mal eben Kartoffel", lachte die +Wittfoth. + +Gewandt schlüpfte das Mädchen durch das Gedränge. + +Allmählich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur +Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der +Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der +Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde später zeugte nichts mehr +von dem Vorfall. + +Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpäckchen +beschäftigt, ihr nervöser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu +richten, zu verändern und zu verbessern, als auch schon jenes +Dienstmädchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig +in den Laden trat. + +"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln +rausgesucht?" + +"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten +Haarnadeln einwickelnd. + +"Ich? Ne, wie meinem Sie das?" + +"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind." + +"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man +sich so schon genug." + +"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?" + +"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint +wunder, was sie ist, und muß sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr +was beißt." + +"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl +erheuchelnd. Die andere ließ sich jedoch gemütlich auf dem einzigen +Rohrstuhl an der Tonbank nieder. + +"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nächstens +ißt sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen +Finger in Wasser? I bewahre, könnt ja naß sein". + +"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein. +"Wenn ich die Mutter wäre". + +"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf". + +"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte +eine bezeichnende Handbewegung. + +"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das Mädchen. "Aber Herrjeses! +ich vergeß mir ja ganz. Na, das wird'n schönen Segen geben. Sie hat so +keinen Guten heute". + +Sie riß ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen +"Schüüß Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich +schließend. + +"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher. + + + + +II. + + +Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr +außer einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, daß sie die +Weiß- und holländische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin +kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Geschäft +mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie +sich bald in die neuen Verhältnisse hineingearbeitet. Sie wußte, was sie +wollte. Die Geschäftsreisenden merkten, daß sie der kleinen helläugigen +Frau nichts aufschwätzen konnten und respektierten ihre +Geschäftstüchtigkeit. + +Mehr Mühe und Verdrießlichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mädchen +gemacht, deren sie zwei benötigte, eine Verkäuferin und eine Schneiderin +für die Anfertigung der Dienstmädchenkostüme. + +Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten, +anspruchsvollen Mädchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst +noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau +Caroline Wittfoth ließ sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren". +Sie hatte immer kurzen Prozeß gemacht und, wenn nötig, alle acht Tage +gewechselt, bis sie schließlich die brauchbaren Persönlichkeiten +gefunden und sich in diesem täglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit, +Unordnung und Trägheit soweit geschult und gestählt hatte, daß sie sich +fortan in Respekt zu setzen wußte. + +Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Saß, die Tochter +einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein +zweiundzwanzigjähriges, schwächliches, etwas verwachsenes Mädchen, das +erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende +Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und +erlebte die Genugthuung, daß neuerdings auch einzelne Damen der +Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenröcke, von ihr +anfertigen ließen. + +Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschäftes, +und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem +zweiten jungen Mädchen unterstützt wurde. + +Die achtzehnjährige blühende Blondine mit den großen grauen, blitzenden +Augen wußte ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war +sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und +sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwächen und +Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche Mädchen +durch sein gefälliges, entgegenkommendes Wesen. + +Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine +wärmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid +mit der kränklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese +empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden +Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere +Lebensfreude verurteilten Daseins. + +So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehörigkeit. +Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein +Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im +Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besaß. + +Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mädchen wegen. Der +verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine +aufrichtige Wertschätzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres +feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner +Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verkäuferin +seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken. + +Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wußte +das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu +fesseln. + +Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte +Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu +sagen pflegte. Ihre Schwärmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen. + +Die goldene Brille, die Hermann trug, söhnte sie jedoch wieder etwas mit +seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mädchen, eine +Vorliebe für Augengläser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend. +Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein +bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen +Schutz etwas blöde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an +Glanz und Leben. + +Auch der Umstand, daß die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei +Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal +einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mußte sie +hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und +auskömmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der +Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein +gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon +blond sein und einen schlichten Scheitel tragen. + +Hermann hatte den beiden Mädchen versprochen, sie am ersten Ostertage +spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends +um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nähere zu bereden. +Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und +am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung +sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee +getrunken werden. + +Die Mädchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten +ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind. + +Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an? + +Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich +auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens +Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig. +Auch trug sie nur schwarz. + +Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der +Voraussetzung, daß sie ablehnen würde. Man wußte, daß sie um keinen +Preis an irgend einem Tage ihr Geschäft schloß und etwas darin suchte, +zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen +Hang, die Märtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das +geplagteste war. + +Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung +zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu +schließen. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage hätte +sie noch in jedem Jahre die glänzendsten Geschäfte gemacht. Für sie gäbe +es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren +laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die +Ladenglocke schellte. + +"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die +hastig aufgerissene Thür. "Fräulein Behn will Maß genommen haben." + +Mit Metermaß und ihrem Notizbüchlein folgte Therese. + +Mimi saß am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus +bläulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war beschäftigt, die +dünnen, schmiegsamen Stahlstäbchen in der Taille eines hellen +Mädchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre +etwas großen, aber weichen, schöngeformten Hände, die gut gepflegt +waren, wenn auch nicht jede Spur häuslicher Thätigkeit sich hatte +entfernen lassen. + +Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel. +Die gleichmäßige Bewegung der vollen, rosigen Mädchenhand, an deren +Mittelfinger ein schmächtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt +glänzte, fesselte Hermanns Blick. + +"Wie mögen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fräulein Mimi", sagte +er. + +"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne +aufzusehen. + +"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er. + +"Bin ich das nicht immer?" + +Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen, +der ihm entging. + +In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie +ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in +diese verfängliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der +Gewalt ihrer Reize. + +Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich +schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend. + +Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret +gebrauchte, stieg zu ihm auf. + +Er zog den Duft ein. + +"Ah, Veilchen." + +"Das letzte Tröpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus +mit der Veilchenherrlichkeit." + +"Dann bleiben die Rosen." + +"Wie so?" + +Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange. + +"Wie Feuer." + +Sie schlug nach ihm. + +Sie hatte ihn kräftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem +Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretär aus +Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der +Verdruß der jungen Mädchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der +Wittfoth glänzend genug leuchten. + +Hermann, auf der Verfolgung des Ausreißers, lag bäuchlings auf dem +Fußboden und angelte und fegte pustend und ächzend mit einem langen +hölzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Möbel umher, +als das Zimmer von außen geöffnet und die helle Stimme der Tante laut +wurde: + +"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fräulein." + +Gleichzeitig erschien Fräulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die +Wittfoth die ungewöhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte. + +In größter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln +und Rockschößen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fäden der +Nähstube festgesetzt hatten. + +Schallendes Gelächter begrüßte ihn, in das er notgedrungen einstimmte. + +"Fräulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor. + +Die junge Dame maß den Neffen mit etwas spöttischem Blick, der jenem +entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig +abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der +linken Hand ängstlich von sich abhielt. + +Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der +Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte. + + + + +III. + + +Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen +Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die +Glocken von St. Gertrud die Gläubigen und Erbauungsbedürftigen zum +Gottesdienst riefen. + +Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den +Kirchgängern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, daß sie sie +in zehn Minuten erreichen konnte, versäumte die kleine, lebenslustige, +keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die +Predigt zu hören und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen. + +"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehöre durchaus nicht zu +den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Höheres +haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben +singen und die Orgel dazu spielt." + +Therese begleitete die Tante regelmäßig in die Kirche, besuchte auch +häufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges +Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz +Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle +Angelegenheiten des Herzens, umfaßte sie auch diese Dinge mit großer +Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante, +die auch hier ihre Oberflächlichkeit nicht verleugnete. + +"Ach, ich glaub an gar nichts", erklärte die Wittfoth einmal. "Mir +soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist +noch keiner lebendig wieder runter gekommen". + +Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem +Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach +ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren". + +"Dann könnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich +los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser, +Ihr verbrennt mich gleich". + +Vor der Kirchenthür trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit +ihren Töchtern. + +"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth. + +"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger +ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach. + +Fräulein Lulu musterte mit lässigem Gruß die Toiletten der Tante und +Nichte. + +"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, glätte +schnell die Falten ihres vergnügten rundlichen Gesichts zu +andachtsvollem demütigem Ausdruck und drängte sich mit dem allgemeinen +Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute +Kirche. + +Mimi Kruse hütete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als +ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal +wieder eine Predigt gehört, das heißt, eine solche in den Kauf genommen +zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit +in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode +geworden. + +"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und +entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen +Uebungen. + +Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben +sich auf dem Fensterbrett liegen und überflog den Roman im Feuilleton. +Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Hälfte bei der schnöde verlassenen +Gräfin, die andere Hälfte gehörte dem blauen Kleid, das sie am +Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine +Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren. + +Mimi wollte hübsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntäglichen, +dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den +"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah. + +Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so lästig durch seine +unaufhörliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein beständiges, +verliebtes Anlächeln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint +gewesen. Sie haßte diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann +der Länge nach auf dem Fußboden lag, war er ihr sehr lächerlich +erschienen. + +Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht +"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte +schon an die Chokolade, Törtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag +spendieren würde. + +Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in +kürzeren oder längeren Zwischenräumen die Sonne überzogen. Besorgt sah +sie auf. Es wäre doch zu ärgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten +würde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen? + +Und wirklich fielen jetzt große, schwere Tropfen, denen sich bald +weiche, zerfließende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben. + +Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wütend durch das ganze Zimmer. +Ihre Stirn legte sich in bitterböse Falten, und dem unmutig verzogenen +Mund entfuhr ein derbes Wort. + +Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte +der lose Schnee um die Straßenecken, als wäre es Weihnachtszeit und +nicht Ostern. + +Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein, +in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen +Künstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung +heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die +benäßte, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen +in der Thür stehen. + +"Eine schöne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", näselte er +verschnupft. + +"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klärt sich's noch +auf." + +"Klärt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein." + +"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfügung, gnädiges Fräulein", +scherzte Hermann. + +"Höchst ungnädiges Fräulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr +helles Kleid." + +"Fällt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr +mißgestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu können. Auch Hermann sah +nicht so aus daß man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte +Partie, dachte sie. + +"Meinetwegen laßt uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese. + +"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte +wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die +Wittfoth den Ausschlag gab. + +"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fürchten sich vor Schnee? +Marsch, fort mit Euch!" + +"Man nich so eitel, Fräulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind +noch lange hübsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs +Kleid." + +"Das mein ich auch", bekräftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst +sich schmückt, schmückt sie auch den Garten." + +"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet." + +"Rückert, liebe Tante", belehrte Hermann. + +Die liebe Tante überhörte diese Belehrung und wandte sich an Therese: +"Daß Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weißt, Du bist gleich erkältet. +Und daß Ihr mir fahrt heute Abend, hörst Du Hermann? Die Abendluft ist +so gefährlich." + +Mimi, die sich mürrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt +wieder. Sie lachte über das ganze Gesicht. + +Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschließende schwarze +Plüschjacke, ein schwarzes, langhaariges Müffchen und ein dunkelbraunes +kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel +hatte sie schnell über das blaue Kleid getröstet, und höchst zufrieden +fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre +Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreißendes, +dominierendes in ihrem Wesen. + +Hermann war glücklich über diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und +bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute +sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der +Tante Abschied. + + + + +IV. + + +Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr +Lieblingsgetränk, der zwar für die vollblütige, nervöse Frau das reine +Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau +Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere +Ausdruck für ein gefülltes Kannenmaß. Heute, zur Feier des Festtages, +hatte sie sogar noch für eine Tasse über das gewöhnliche Maß gesorgt, +sich guten Rahm statt der sonst bei ihr üblichen Milch gegönnt und neben +der gefüllten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt. + +Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein großer, +flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufguß auf den Tisch. Wer +dieses Gebäck nicht genug zu würdigen wußte, hatte es mit der kleinen +Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz. + +Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, ließ sich die +Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre +Näharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des +Nachmittags mit gemütlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch +ihren Feiertag haben. Sie mußte sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere +mich nur, daß mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft. + +Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Mädchen nahmen ihr +alle Arbeit ab. Selbst die Küche brauchte sie nicht allein zu besorgen. +Dennoch war sie überzeugt, daß niemand so mit Arbeit überbürdet sei wie +sie. + +Sie war immer in Bewegung und meistens in unnötiger. Sie war überall und +nirgends, bald in der Küche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier +einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden +aus dem Wege räumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft +noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine +Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen +weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" müde war. + +Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem +Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der +duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem +Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefühl überkam +sie. + +Aus einer der über ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang +gedämpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strauß +und dann Ketterers beliebtes Salonstück "Silberfischchen". + +"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgespräch. +Schnutentante war eine vierzehnjährige "höhere Tochter", der sie wegen +ihrer das Normalmaß überschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte. + +Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die +Musik stimmte sie sentimental. Das Gefühl des Alleinseins überkam sie, +die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst. + +Das Wetter draußen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne +Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Höhe mit dem +Trottoir lagen. + +Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen +strahlte so gemütliche Wärme aus. Gott sei Dank, daß sie nicht draußen +"rumzupatschen" brauchte. + +Aber die Musik von oben führte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins +Konzerthaus. Sie hörte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte, +besuchten sie häufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt +Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen". + +Das war lange her. + +Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergnügen. Sie fühlte +sich überflüssig in deren Gesellschaft. + +Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fünfunddreißig Jahre +ein Alter? + +Zu den achtzehnjährigen Backfischen allerdings paßte sie nicht mehr. +Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen +zu rechnen, war es doch noch zu früh. + +Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren muß sich schon +zufrieden geben. Man muß froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen +guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer. + +Was war das doch für ein Gerede damals gewesen, mit dem hübschen +Reisenden von Rosinsky und Söhne. Weil sie höflich gegen Herrn +Bellermann war, sollte sie natürlich Heiratsabsichten haben. Als ob es +nicht ihre Pflicht gewesen wäre, im Beginn ihrer Geschäftsthätigkeit +sich mit Kunden und Lieferanten auf möglichst guten Fuß zu stellen. + +Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der, +bald jener, den sie ködern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen +sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person, +sondern von ihrem Geschäft zu reden. Als ob sie nicht immer noch +ansehnlich genug sei. + +Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Müller und Lenze, der +großen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal +hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mußte sehen, daß Herr Pohlenz auf +die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die +Alster, als daß sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten, +kalten Händen schauderte ihr. + +Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht +hatte. Zwar nahm sie es damals für Scherz und nahm es auch noch dafür. +Aber gesetzt, er hätte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den +Pomadenhengst mit den Leichenhänden. + +Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese +Heiratsgedanken? Sie mußte über sich selbst lachen. + +Sie füllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein längliches Stück +Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging. + +Sie hörte am schweren Auftreten, daß männliche Kundschaft sie beehrte. + +Es war der junge Beuthien, der sonntäglich gekleidet vor der Tonbank +stand. + +Er bat um einen neuen Halskragen. + +"Welche Nummer, Herr Beuthien?" + +Ja, wenn er das wüßte, lachte er. Seine Kragen wären ihm zu eng +geworden. "Dat kniept all bannig". + +Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er paßte sie unbeholfen an. +Da er sich nicht entschließen konnte, half sie ihm und legte eigenhändig +einen Kragen um seinen Hals. + +"De paßt", empfahl sie. + +Als er gewählt hatte, mußte sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen +widerspenstigen Hornknöpfe durch die neuen steifen Knopflöcher zu +drücken. Seine großen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu. + +Sie hatte Mühe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart +kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn höher, und sie bewunderte +seinen braunen kräftigen Hals. + +Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestüm zu Werke, so daß das +Halsband riß. + +"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mör". + +Verlegen besah er den Schaden. Aber es ließ sich nichts daran ändern, +und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern. + +Sein verlegener Aerger rührte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie +neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu +reparieren. + +Sie nötigte ihn in die Stube. Zögernd folgte er und nahm mit etwas +umständlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, während sie ihr +Nähzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte. + +Ein Blick auf die Straße zeigte ihr, daß im Parterre gegenüber Lulu +Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte. + +"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und ließ die Rouleaux +herunter, um jener einen Einblick zu versperren. + +Beuthien schien ihre Bemerkung überhört zu haben. + +Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee +anzubieten. + +"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den +Kuchenteller zu. + +Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig, +als er mit seinem Kaffee. + +Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und +stillte ihre Neugier. + +Als er gesprächig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu +sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten +Se woll gliek?" + +"Ja", antwortete er scherzend. "Wülln Se min Fru sin?" + +"Da föhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein. + +"Un mit söß", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich. + +Schwerfällig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, daß er ein +wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rücken der linken Hand langsam +über die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern. + +Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurückgab griff er nach ihrer +Hand und legte den Arm um ihre Taille. + +"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreißend. "So wiet sünd wi ja +woll noch nich". + +Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flüchtende +zu erhaschen. + +"Nichts für ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spaß muß +sind, sagt der Berliner". + +"All wo's hin gehört", sagte sie pikiert. + +"Na, denn nich", brummte er gekränkt und fragte, was er schuldig sei. +Aber sie wollte für die kleine Mühe nichts haben. + +"Se föhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder versöhnlich gestimmt. + +"Na, dann besten Dank und fröhlich Fest". + +Er gab ihr die Hand, und sein kräftiger Druck zwang ihr ein leises Au +ab. + +Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb +noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner +kräftigen Finger längst verzogen hatten. + + + + +V. + + +Therese und Mimi waren spät nach Hause gekommen, hatten die Vorwürfe der +Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes +Veilchensträußchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann +gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht. + +Beim Frühkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten +aus. Sie hatten sich "himmlisch" amüsiert, wie Mimi versicherte. Hermann +sei "zu nett" gewesen. Sie wußte, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen +loben hörte. + +Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Torte bei Homann, hatte man zu +Fuß den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurücklegen müssen, da alle +Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters überfüllt waren. Auch dort +hatte man nur mit Mühe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales +erwischen können. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergnügler +schnell von der Straße in die Lokale, und auch der große Saal des +Ludwigschen Etablissements war bald überfüllt. + +Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfänglicher der Musik +des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rücksicht auf +das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natürlich ein +Straußischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche +Art von Trübsinn und Verstimmung. + +Wie immer zog das hübsche Mädchen die Blicke der näher sitzenden Herren +auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrüßte man von weitem. Hermann, um nicht +aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswürdigkeit +verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schluß des Konzertes, die Mädchen +zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo +man vorzüglich aß und vor allen Dingen ungestört genießen konnte. +Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war +jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu +entledigen. + +Die Wittfoth hatte den fröhlichen Berichten der Mädchen nichts +entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf +der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wußte nicht den rechten Ton zu +finden und begnügte sich, eine große Zufriedenheit zu erheucheln, daß +sie doch einmal einen ruhigen, ungestörten Nachmittag ganz für sich +allein gehabt hätte. Zuletzt aber mußte sie doch wenigstens so viel +verraten, daß der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte. + +"Der schöne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott. + +"Ist er eigentlich so schön?" meinte Therese, während die Tante, ohne +auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abräumte, mit mehr +Geklapper, als sonst ihre Art war. + +Mimi erklärte Beuthien für einen ganz ansehnlichen Mann. Für Köchinnen, +setzte sie hinzu, und ließ durchblicken, daß ihre Ansprüche höher +gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zügen und lobte dagegen das +ehrliche, gutmütige Gesicht seines Vaters. + +Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in +Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich früh auf den Weg, und Nichte und +Tante blieben allein. + +Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den +Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter +freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern +gewünscht hatte. Man sah und hörte ihm an, wie glücklich ihn die +Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine +Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, überreichte, anscheinend +wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weiße und bestimmte die +übrig bleibende tiefrote für "Fräulein Kruse". + +Auch ein Buch, von dem er dem Mädchen gesprochen hatte, lieferte er ab: +Rückerts Liebesfrühling. + +"Liebesfrühling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was +auf einbilden", meinte die Wittfoth. + +Sie stand dem Verhältnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmädchen +nicht blind gegenüber. Es amüsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei, +die zu nichts Ernstlichem führen würde. Keinem würde das Herz dabei +brechen, am allerwenigsten dem Mädchen. Uebrigens wollte sie +gelegentlich mit Hermann darüber reden. + +Therese hatte das Buch in Empfang genommen und blätterte mechanisch +darin. + +"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die +Nähmaschine. + +"Und Du?" fragte Hermann. + +"Du weißt, ich schwärme für Gedichte". + +"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll +Liebe." + +Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kümmerlichen +Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Töpfen auf dem Fensterbrett +standen. + +"Werft doch die elenden Stöcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts +darnach." + +"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie. + +Sie hatte wieder ihre gewöhnliche, gelbblasse, kränkliche Farbe. + +Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwächlich +vorgekommen, wie in diesem Augenblick. + +"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde. +Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller." + +"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie. + +"Luft und Licht sind Euch beiden nötig ", eiferte er. "Also steckt die +Nase man mal hinaus." + +Er reichte ihr die Hand zum Abschied. + +"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger +Betrübnis. + +"Meine Freunde warten", erklärte er. + +"Kommst Du bald wieder?" bat sie. + +Er versprach es. + +"Adieu, liebe Tante", rief er über den Korridor in die Küche hinein, wo +die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte. + +Therese gab ihm das Geleit bis an die Thür. Lange sah sie ihm nach. + +Auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt, las sie im Liebesfrühling, +brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der +Sache zu sein. + +Sie wußte ja, das Buch war eigentlich für Mimi bestimmt. + +Mimi und Gedichte! + +Was waren der alle schönen Gefühle und erhabenen Gedanken. Was war ihr +überhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfähige +Kurmacher. + +Mimi war ein gutes Mädchen, aber leicht und oberflächlich. Und +anspruchsvoll war sie. + +Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverständlich +gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krösus. + +Therese hatte tausend Gründe gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter +und Mimi, denn sie liebte ihn selbst. + +Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie +an. Er galt ihr für gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem +unwissenden, früh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mädchen. + +"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins +Zimmer tretend. + +"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen. + +Bei Behns drüben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die +Familie kehrte von einer Ausfahrt zurück. + +Die Wittfoth stürzte ans Fenster. + +"Die können's. Immer nobel." + +Fräulein Lulu verließ als letzte etwas langsam den Wagen. + +"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt." + +Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon, +schwieg. + +"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl +seit acht Tagen keine frischen Strümpfe angezogen." + +"So?" zweifelte Therese. + +"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante. + +"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mädchen. + +"Na, jedenfalls würd' ich mich schämen, mit solchen Strümpfen +auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern." + + + + +VI. + + +Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen +Liebling die ihm ähnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen, +etwas beschränkten Mutter an Verstand weit überlegen, genoß sie nach +Kräften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr +ermöglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trägheit aus, je +weniger die unter harter Arbeit groß gewordene Mutter vom +Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren +oft kränkelnden Frau von dem gutmütigen Mann in jeder Weise +Erleichterung zu Gebote gestellt wurde. + +Mit Hilfe eines Dienstmädchens und der zweiten, vierzehnjährigen Tochter +Paula, die in allem der Mutter ähnelte, konnte sie recht gut den +Pflichten des schlicht bürgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die +Unterstützung der älteren Tochter angewiesen zu sein. + +Lulu, die früh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine für ihre +Verhältnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer +auswärtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen +schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen. + +Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus +zurückgekehrt. + +Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unüberwindliche +Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum +Hauswesen. Hoch aufgeschossen, kräftig, kerniger als die Mutter, +arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmädchen um die Wette. Gab es +nichts zu scheuern, putzen, spülen oder schrapen in der Küche, so +spielte sie lieber auf der Straße mit ihren Altersgenossen, am liebsten +mit den Knaben, als hinter den Schulbüchern zu sitzen. + +Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer +hinaufgearbeitet hatte, war vernünftig genug, die Kleine, ihren +Neigungen und Fähigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken. + +"Die wird noch mal 'ne fixe Köksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach +seiner Art." + +Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der +wollte er höher hinaus. + +Schon zweimal hätte Lulu eine anständige Partie machen können, aber +beide Freier waren kleine Handwerker, Anfänger, und der alte Behn wollte +für seine Lulu einen "Herrn". + +Glücklich war er, wenn ihm das Mädchen vorspielte. Das Blumenlied von +Gustav Lange, der Kußwalzer von Strauß und die Ouverture zum "Kalifen +von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestücke. Diese und +zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht +und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populär gewordenes Lied +"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie +jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen +Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem +Dienstmädchen, teilte. + +Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinär geblieben. Auf +dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben. + +Sie kleidete sich mit einem Hang zum Auffälligen und sah infolge ihrer +Trägheit und Unordnung in jedem neuen Kostüm bald schlampig und +gewöhnlich aus. Gefallsüchtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in +Betreff ihrer äußern Erscheinung zur Schau. Sie wußte, daß sie hübsch +war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Männer auf sich zog. + +Ihre mittelgroße, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas +zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen +Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen, +eigenartig verschleiert glänzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare +und vor allem der sinnlich müde, lüsterne Ausdruck ihres Gesichtes +machten sie jedem Manne interessant. + +Das in der Pension verwöhnte Mädchen hatte nach der Rückkehr ins +Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berührung +kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu ließ deutlich durchblicken, daß sie +höhere Ansprüche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab. + +Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedürfnis sich einstellte und sie, +der vornehmen Maske müde, Annäherung suchte, war man in ihren Kreisen +ihrer überdrüssig geworden. + +Die Mutter war besorgt, die Tochter könnte auf diese Weise ganz leer +ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren hätte Lulu noch +keine so große Eile. + +"Tid hätt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu. + +"Du mit Din Baron", schalt er, "för'n Discher is se mi to god". + +"De Hugelmann wär'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern +is man krütsch". + +"Kann se ok", behauptete er. "För'n Discher is se nich in de Pangschohn +wesen." + +"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn. + +Während die Eltern über die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch +manchmal viel überflüssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit +vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit +zurück lag, in ihren Kindertagen entsprungen war. + +Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes +Häuschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei +Jahre früher verheirateten, älteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der +mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschäft +eröffnet hatte. + +Hier hatten die Kinder, der zehnjährige Wilhelm und die neunjährige Lulu +im täglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten +Trennungen, durch Wohnungsveränderungen bedingt, überstand, bis +allmählich der intelligentere, vom Glück begünstigte Behn einen zu +weiten Vorsprung vor seinem früheren Schulkameraden gewann und "das +Pensionsfräulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde. + +Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Straße vereinigte, war +die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern längst erkaltet. Die +Väter begrüßten sich noch gewohnheitsmäßig mit Du, nannten sich aber +nicht mehr beim Vornamen, wie sonst. + +Lulu war natürlich für den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt +das Fräulein Behn, wie er für sie Herr Beuthien. + +So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus +zwingenden Geschäftsrücksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie +durch vornehme Zurückhaltung das frühere Verhältnis in Vergessenheit zu +bringen bemüht war, so wenig schien er von der Nähe der Jugendfreundin +und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als hätte er sie +garnicht mit auf der Rechnung. Der hübsche, von allen Weibern beachtete +junge Mann schien durchaus keinen großen Abstand zu empfinden zwischen +einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter +eines fünffachen Hausbesitzers. Er grüßte sie, wie er ihre Anna, +das Dienstmädchen, grüßte und die Krämersfrau oder die Wittfoth und +andere Frauen und Mädchen aus den Geschäfts- und Wohnkellern der +Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen überlegenen Herablassung eines +siegesüberdrüssigen Don Juans. + +Er war ihr gegenüber entschieden im Vorteil. Das ärgerte sie. + +Als es mit der Vornehmheit nicht glücken wollte, suchte sie den +Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Höhe +auszugleichen. + +Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm +Fräulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte +die gekränkte Eitelkeit. + +Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse für ihn zu +einer fast krankhaften Leidenschaft. + +Fuhr er aus, er mußte immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewiß am +Fenster. Sie lauerte ihm förmlich auf. + +Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wußte bald, wie +er mit Fräulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz. + +Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm +nicht mehr als hundert andere hübsche Mädchen auch. + +Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen könnte, wie mit der Anna, +er würde etwas darum geben. Es wäre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen +lassen, wie jede andere Lise. + + + + +VII. + + +Früher als sonst stellte sich der Frühling ein. Dem späten, aber immer +noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Sträuchern im März +schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im +April zuversichtlich heraus. + +Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grüner Hauch über Busch und Baum. Es +gab schon einzelne heiße Tage, an denen der Ueberzieher lästig wurde, +und man an die Sommergarderobe dachte. + +Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth öffnete ihr die Thür +ihres Kellergewölbes. Mit der zunehmenden Wärme stand diese den ganzen +Tag auf. Fräulein Mimi hatte dann ihren beständigen Sitz hinter der +Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden +konnte. + +Die Dienstmädchen, die jetzt durch die immer geöffnete Thür bequem "mal +vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzärmeligen +Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen +Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren. + +An der Ecke gegenüber, beim Gastwirt Tetje Jürgens, der unter dem +Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frühstückskeller" seit +Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflüglern. +Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen +"Stehseidel" weiter. + +Es war Frühling, sonnenwarmer Frühling. + +Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem +Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der +Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten, +glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem +Wintergetränk zum sommerlichen Trunk kühlen Augustinerbräus +bewerkstelligen. + +Im Winter pflegte er allabendlich in dem geräumigen, gemütlichen +Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen +Steifen zu trinken. + +Einmal in der Woche hielt er eine längere Skatsitzung ab. + +Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saßen die Frauen und +Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche +Brauselimonade, während sich die Männer und Väter im Gastzimmer beim +Spiel erhitzten. + +Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der +Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde +Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem +Mittwoch war in den hintern Sälen großes Tanzvergnügen. Da sprachen die +Köchinnen und Dienstmädchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur +einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum +Abendbrot. + +Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar, +geführt von sonntäglich geputzten jungen Burschen. + +Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde +an der Thür absetzend, drängten sich zu einem kurzen Rundtanz in den +Saal. Hausknechte traten im Vorübergehen ein, Kutscher ließen ihre +Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den +Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberfluß im Saal vor, +oder sie nahmen von den draußen stehenden die erste beste mit hinein. Es +gab immer neugierige oder schüchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit +oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie +vor einem Bienenkorb. Ein beständiges Kommen und Gehen. + +Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes +Mädchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem über +alles geliebten Walzer entgegeneilte. + +Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier +etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine +rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise +geschmückt. + +"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgäste an. + +"Ne, ne, lat man", sträubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden +unschlüssig nach. + +Ein hübsches Dienstmädchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weißer +Schürze mit Spitzenlätzchen, nickte ihm im Vorübergehen wie einem alten +Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschluß zu bestimmen, und er +folgte ihr schnell. + +Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor +Tanzlust, Neid und Eifersucht. + +Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthür gedrängt und kam nun mit +glühenden Wangen und leuchtenden Augen zurück. + +"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz. + +"Du? Dummes Gör! Töf, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter. + +Die Kleine wurde etwas bestürzt. + +"Es war man bloß Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich +wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein". + +Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt. + +"Wie gemein", sagte sie naserümpfend. + +"Ach Du", warf ihr die Kleine verächtlich über die Schulter zu. + +"Daß Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen, +die am nächsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend. + +"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein +geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende +Frau. + +Lulu, die es hörte, errötete. + +"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unerträglich hier", +sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, daß man +an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte. + +Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spöttisches Echo an jenem Tisch +ungezogener Grünschnäbel. + +"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand +auf. + +Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten, +ließ sie gewähren. + +Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedrängt. Jenes hübsche +Dienstmädchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr +vorüber. + +"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Briefträger nach. Aber +Marie hörte nicht. + +Lulu, entrüstet über den Stoß, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien, +eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal +zurückkommen. Von neuen Ankömmlingen am Weiterschreiten gehindert, mußte +sie ihn herankommen lassen. Sie berührten sich im Vorübergehen, aber er +sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen. + +Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurück. + +Ihre Lampe war nicht gefüllt, und sie ließ ihren Aerger an Anna aus. + +"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das +Mädchen. + +"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange +der verdutzten Ungehorsamen. + +Ohne ein Wort zu wagen, erfüllte die Gemaßregelte Lulus Befehle. + +Diese plötzliche Energie des sonst so gleichmütigen, phlegmatischen +Fräuleins imponierte ihr so, daß sie verstummte. Nur in der Küche ballte +sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde später vor +Wut in Thränen aus. + +Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten +Unmutes ihre Gemütsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf +keinen guten Fuß mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores" +gelehrt zu haben. + +Daß die Geschlagene die Züchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum +erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten. + +Es war ihr, als hätte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen +anderen Mädchen gerächt, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens +Umgang und Freundschaft genossen. + +Sie lachte einmal im Genuß dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf. +Am liebsten hätte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die +Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gör. Sie hätte +sie knuffen mögen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte. + +Anna hatte eigentlich die ihr zugefügte Schmach mit einer Kündigung +beantworten wollen, besann sich aber mit Rücksicht auf die gute +Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern. + +Im Stillen nährte sie von jetzt an einen glühenden Haß auf Lulu, der sie +so viel als möglich aus dem Wege ging. + +Zwei Tage später war Lulu im Laden der Wittfoth zufällig Zeuge, wie +jenes Mädchen, Beuthiens Tänzerin, erzählte, daß sie am Mittwoch mit dem +jungen Fuhrmannssohn getanzt hätte. + +"Das is aber'n Flotten", schwärmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is". + +Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzählte sie weiter, im Ottensener +Park. Leider aber hätte ihre Madam großen Kaffee, und so könne sie nicht +fort. + +"Und er bat mir doch so herzlich", schloß sie bedauernd. + +Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich +niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park. + +Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten +verwirklichen könnte. Sie war wie besessen von der Idee. + +Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen +leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein würde. Allein getraute +sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Mädchen, eine +Mäntelnäherin in einem großen Altonaer Konfektionsgeschäft, irgend +einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles +konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen. + +Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme für +ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach. + +Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter +Aufregung dem Sonntag entgegen. + + + + +VIII. + + +Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit +Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tänzer getroffen. Er +hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte +seinen Gruß kokett erwidert. + +"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre +Freundinnen drängten sich neugierig an sie. + +"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen," +erzählte sie. + +"Das lügst Du," riefen die andern wie aus einem Munde. + +"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch." + +Ungläubig trennte man sich. + +Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschönen +Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreißen hatte sie schon +Mut, aber wenn man sie dort sähe, es ihrem Vater hinterbrächte? + +Sie suchte mit Beuthien näher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst +zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Spülen der +Droschken oder bei sonstiger Beschäftigung, so blieb sie keck stehen und +redete ihn an. + +Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Bürste nach ihr +gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schürze naß gemacht," schalt +sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nächsten Tag dachte sie, ob +er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm. + +Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen +dreizehnjährigen Lümmel von Jungen, einen Schüler der Mittelschule. Aber +Bernhard Prüßnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich +keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch +eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte." + +Beuthien amüsierte sich über das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl, +daß jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte +Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt. + +"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem +Reinigungswerk auf der Straße zusah. + +"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die +hat's faustdick hinter den Ohren." + +Er lachte. + +"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer +Pause, in der sie mit anscheinend großem Interesse beobachtete, wie er +das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen ließ, es waschend +und schmierend. + +"Gewiß, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen. + +"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, paßt +mir immer auf." + +"Dann bring sie mit," scherzte er. + +Lulu war entrüstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld +überbrachte. + +"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?" + +"Das kannst Du thun," antwortete Paula möglichst gleichgiltig. "Dann +sag' ich Papa, daß Du Anna geschlagen hast." + +Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich." + +Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorübergehen: "Paula, ist es +wirklich wahr, mit Beuthien?" + +"Was denn?" + +"Ach Du weißt ja, was ich meine." + +"Ich lüg nicht so wie Du." + +Zu jeder andern Zeit wäre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung +geblieben. Diesmal hörte Lulu sie kaum. + +Eine halbe Stunde später war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter +dem Rücken der Schwester auf die Sache zurückkam. "Wenn Du's Vater +sagst, hau ich Dich," flüsterte sie. + +Jetzt hätte Lulu gar zu gerne die gehörige Antwort gegeben, aber um die +Mutter nicht aufmerksam zu machen, mußte sie auch diese angenehme +Eröffnung stillschweigend entgegennehmen. + +Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester höchst gleichgiltig. Ihr +jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wäre obendrein +unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fuß, konnte sie +ihr vielleicht noch gute Dienste leisten. + +Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum +Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlüssel nicht zu +vergessen. Man wolle recht vergnügt sein, und es würde voraussichtlich +spät werden. + +"Dat is doch nett von Lene Kröger, dat se noch an Di denkt," meinte +Mutter Behn. "Se war immer so'n lütt anghänglich Deern. Wat schenkst Du +ehr denn?" + +Lulu entschloß sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade, +die Lene so sehr liebte, wie sie sagte. + + + + +IX. + + +Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei +kleinen Aufmerksamkeiten gegen das hübsche Mädchen, obgleich er sich mit +Rücksicht auf Therese immer noch Zurückhaltung auferlegte. Sein gutes +Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer +Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die +Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die +Geliebte länger als fünf Minuten alleine zu sprechen. + +Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben, +sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzählen, wenn er ihr +eine Blume oder ein Fläschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich +genötigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht +zurückzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des +Verliebten den für Mimi bestimmten Gegenständen noch irgend einen +kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, daß er sie +auszeichnen wollte. + +Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den häßlichen grünen +Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden müssen. Ein solches +Wertstück konnte er ihr unmöglich öffentlich überreichen, ohne die +Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen +entschuldigt. + +Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude +entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbündeten der goldenen +Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine höchst annehmbare +Partie, ein Verehrer, den man warm halten mußte. Sie fand ihn schon +ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so übel. + +Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den +beiden Mädchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner +gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit störend empfand, war ihm der +lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu +verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht +gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmädchen seiner Tante. + +Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize. + +Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter +Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der +Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf +den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu +werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer +gerührt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen. + +Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem +Rathausmarkt die Pferdebahn verließen, um eine Droschke erster Klasse +anzurufen. Mimi, entzückt über Hermanns Gentilität, strahlte vor +Vergnügen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefährts +zurückgelehnt, wie eine Dame durch die Straßen rollte. + +Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Büste kam in dem +straff anliegenden schwarzen Jäckchen, das sich wirkungsvoll von dem +schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schönsten Geltung. Eigenhändig +hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch +gesteckt. Ein leichtes Strohhütchen, nur mit weißen, duftigen Spitzen +garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich. + +Hermann, der auch seine kleinen Schwächen besaß, hatte Mimis Vorliebe +für das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war +nun alle paar Minuten beschäftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit +seinen bismarckfarbenen Händen--er trug mit Vorliebe diese +Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese +Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten +gewiß in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine +Ladenmamsell. + +Unterwegs entschloß man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergnügen +bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem +eine halbe Stunde weiter elbabwärts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von +da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurückkehren +und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschließen. + +Aber ein Blick in den Vergnügungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte +Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf +Hermanns Vorschlag, dem nächstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park, +einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fühlen und ohne +Furcht gesehen zu werden, der höchste Vorteil einer großen Stadt, unter +die Tänzer mischen durfte. + +Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der +Umweg war ihnen willkommen. + +Es war schon dämmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und +Knicks, oder auf schmalen Fußsteigen an Wiesenrändern, ohne einen +Menschen zu treffen. + +Mimi war sehr aufgeräumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung. +Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Gräben +zu drängen, kitzelte sich mit langhalmigen Gräsern unter die Nase und +trieb allerlei Kindereien. + +Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht +heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hübsch vor. + +Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine +eigentümliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren +Narrheiten. + +Gab es eine passendere Gelegenheit für ihn, sich auszusprechen? Forderte +ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen +würden? + +Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige +Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des +Weges genötigt, hinter ihr. + +"Sehen Sie, die blühen schon," rief sie plötzlich, stehen bleibend, und +zeigte auf einen schwankenden, überhängenden Weißdornzweig, an dem die +ersten Knospen sich erschlossen hatten. + +Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und +streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus. + +Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich +vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem +Zweig. + +Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken, +jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er +umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen +Kuß auf den Mund. + +Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht, +und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses +Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser +unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die +feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen +ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel. + +Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen. +Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem +Gesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte, +zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war. + +Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit +hinweg zu kommen. + +"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen, +peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um". + +"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er. + +"Ganz gewiß", beteuerte sie. + +Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus. + +"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein. + +"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glücklich, sie ihre gute Laune +wieder gewinnen zu sehen. + +"Sind Sie mir böse"? fragte er, sich ihr nähernd. + +"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als fürchte sie eine +neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift. + +Nun wurde auch Hermann ärgerlich. Hatte sie sich nicht frei und +ausgelassen genug benommen, daß er auch seinerseits sich wohl vergessen +konnte? + +"Wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Kruse", sagte er verletzt, "so +bringe ich Sie bis zur nächsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren +so vergnügt, und ich bitte Sie um Verzeihung". + +Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet. +Er hätte freilich den Kuß unterwegs lassen können, aber so tragisch war +doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von +der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer für den +Rest des Abends zu entledigen? + +"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur +Antwort. + +"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lüftete den +Hut. + +Sie zögerte und bohrte die Spitze ihres weißen Spitzenschirmes in den +tiefen weichen Sand. + +"Sie sind abscheulich!" stieß sie plötzlich hervor. Sie zog die +Unterlippe unter die Oberlippe, und Thränen standen ihr in den Augen. + +Sofort war er gerührt. + +"Aber liebes Fräulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er +legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich. + +Zum Schein sich sträubend, mit der behandschuhten Rechten eine große +Thräne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schämte sich, +und ein noch halb mit dem Weinen kämpfendes Lachen förderte einen +drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein. + +Dieser komische Laut gab Anlaß zu erneutem Lachen, und der Friede war +geschlossen. + +Sie hätte sich jetzt noch einmal von ihm küssen lassen, aber er ging +sittsam neben ihr her. + +Der Umweg erwies sich größer, als Hermann ihn geschätzt hatte, und es +herrschte völliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den +bebauten Weg einbog, der nach dem erwähnten Tanzlokal führte. Die +Straßenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende +Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen +Lampen. + + + + +X. + + +Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Früher bei den kleinen +Bürgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten +sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung +durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der +jungen tanzlustigen Welt. + +Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und +Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum größten Teil aus +Näherinnen, Schneiderinnen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin +und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die +sonst in St. Pauli, der fröhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres +Feld für ihre Thätigkeit fanden. + +Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche +unter lichtdämpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten +ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grün angestrichenen +Pfählen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden +Drahtbögen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde. + +In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grünen Anstrich +versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populäre Musikstücke vor. + +Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der +vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich +abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermüdeten +Ankömmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die +gedämpften Klänge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es +war voll drin, und sie mußten eine Weile stehen, bis sie an einem +Seitentisch Platz fanden. + +Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe +abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem +solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den +tanzlustigen Paaren. + +Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal +anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen +schmächtigen Tänzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur. + +Er war erstaunt. + +"Ist das nicht die von drüben?" fragte er Mimi. + +Sie folgte seinem Blick. + +"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?" + +"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann. + +"Aber die"?, meinte Mimi. + +Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brünette, die +unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht +die Achseln zucken, worauf ein breites, spöttisches Grinsen das +sinnliche gutmütige Gesicht der anderen keineswegs verschönte. + +"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi +entdeckt und ihr mit erstaunt in die Höhe gezogenen Brauen einen +verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verständnisvolles +Lächeln folgen ließ. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin +los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu. + +"Um Gotteswillen, Fräulein, erzählen Sie nichts," bat sie ängstlich. +"Mein Vater schlägt mich tot." + +"Sein Sie ohne Sorge", tröstete Mimi. "Eine Krähe hackt der anderen die +Augen nicht aus". + +Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch. +Schöne Seelen finden sich". + +"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Kühlung fächelnd, hinzu und +entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken. + +Ein semmelblonder, überhöflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in +singendem, sächselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und +Hermann mußte wohl oder übel ebenso höflich gewähren. + +Da Lulu ohne Tänzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer. +Sie war höchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte +sie keinen Verrat mehr zu befürchten. + +Hermann, selbst ein guter Tänzer, hatte selten eine so gute Tänzerin +gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut. + +Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses +sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie +selbst auch. + +Sie sah vorteilhaft aus und wußte sich lebhaft und zwanglos zu +unterhalten. + +Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar +auf. + +"Suchen Sie jemand, Fräulein", fragte er. + +"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie. + +Einen Augenblick vergaß Hermann über Lulu Mimi und den Semmelblonden, +bis sie beim Anschließen vor ihm zu stehen kamen und er sich über die +singenden Komplimente des Sachsen ärgerte, um so mehr, als Mimi in +heiterster Laune auf das fade Geschwätz einging. + +Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenüber, die +befremdet diese Veränderung bemerkte. + +Auf einmal ging ein Flüstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich +hier und da ein Mädchenkopf nach dem Eingang des Saales. + +"Der schöne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund. + +"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tänzerin. + +Lulu war ganz blaß geworden und schien seine Frage überhört zu haben. + +Mimi aber wandte sich lächelnd um. + +"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar. + +"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurück. + +"Der schöne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie +doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte +ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nähe des Saaleingangs. + +"Ach", rief Hermann. "Gewiß, das ist also der schöne Wilhelm? Na, jeder +nach seinem Gusto. Die Damen müssen's wissen." + +"Aber sind Sie nicht wohl, Fräulein?" wandte er sich erschrocken an +Lulu. + +"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch +wie zur Kühlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen, +Herr Heinecke?" + +Sie hatte seinen Arm fahren lassen. + +"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas +erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt. + +"Laß man, Cäsar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl +wieder werden." + +Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus sofort +Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen. +Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen +Freude, der Erfüllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe +zu sein. + +Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war? + +Sonderbar. Oder---- + +Ein überlegenes Lächeln flog über sein hübsches Gesicht. Die vielen +begehrlichen Mädchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen +Platz zu verändern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald +wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gespräch +mit der Freundin. + +Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mädchen zu, ließ Lulu fast +unbeachtet und forderte Lene Kröger zum Walzer auf. + +Lulu biß sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurück. Sie war +kreideweiß geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nähe, und sie +war froh, sich setzen zu können. + +Lene Kröger hatte mit einem jungfräulichen Erröten Beuthiens Arm +genommen, vergebens bemüht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese +unerwartete Aufforderung geschmeichelt fühlte. Mit zusammengekniffenen +Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden. + +Lene Kröger galt früher für die beste Tänzerin in diesen Kreisen, eine +Schwester von ihr war sogar Solotänzerin beim Ballett der Zentralhalle. + +Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie graziös die hagere, eckige Person +sich zu wiegen verstand. + +Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach! + +Beuthien schien kein Ende finden zu können. Und wie die Lene lachte. Er +sprach in einem fort mit ihr. + +Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurück. Mit einer +kurzen, nachlässigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung +schleuderte Beuthien das lange Mädchen förmlich auf seinen Sitz zurück. + +"Der tanzt aber", stieß Lene hochatmend hervor und fächelte sich mit dem +Taschentuch Kühlung zu. + +Lulu war dem Weinen nahe. Mühsam bezwang sie sich. + +"Das find ich gemein von Dir", zischte sie. + +"Na nu, was kann ich denn dafür?" fragte Lene unschuldig. + +Lulu schwieg. + +"Kind, sei doch nicht pütscherig", lachte die gutmütige Brünette. "Er +wagte sich nur nich ran." + +Das log sie allerdings, und Lulu brummte: + +"Unsinn." + +"Er kommt noch, paß auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut +tanztest." + +"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekränkte hastig ins Wort. + +"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht +Dich schon". + +Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinländer. + +"Mein Gott, was ist das? Rheinländer?" fragte Lulu bestürzt. "Den kann +ich nicht." + +"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene. + +Und da war er auch schon. + +"Mein Fräulein." + +Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick +pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militärisch vor Lulu +auf. + +Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben. + +Was fiel ihr ein? + +Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das +Blut strömte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hörte kaum die Musik. + +Zum Glück trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schloß sich +den promenierenden Paaren an. + +"Auch'n bischen hier, Fräulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt +denn das?" + +"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend. + +"Nettes Mädchen", lobte er. "Rank und schlank. Schröder heißt sie?" + +"Kröger", berichtigte sie. + +Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem +Rhythmus des Rheinländers, und sie überließ sich aufatmend seiner +Führung. + +"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr während des Tanzes. + +"Meinen Sie?" + +Er hob sie statt einer Antwort mit kräftigen Schwunge vom Boden, so daß +sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es +schien ihm Vergnügen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht", +keuchte sie. + +Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so daß sie die Zähne +zusammenbiß. + +"Hoch geht's hier her, Fräulein. Das ist mal nicht anders." + +Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefühl kämpfte ihre Scham nieder. + +"Wenn der Alte das wüßte", ängstigte er sie. + +"Um Gottes Willen", flüsterte sie, als ständen Aufpasser hinter ihnen. + +"Der Segen", meinte er bezeichnend. + +So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er ließ Lulu nicht von sich +und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr. + +Sie, überglücklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer +gesprächiger und munterer. Sie ließ sich von ihm mit Bier traktieren, er +lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und +eine gemütliche Vertraulichkeit stellte sich ein. + +"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem +Tisch vorüber ging, wo die Drei sich gütlich thaten. + +"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?" + +"Gewiß", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht. +Ich kenne meine Pappenheimer." + +Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflächlich und war +nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen +Droschkenkutscher in solcher Intimität auf dem Tanzboden zu treffen, +denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu +die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und +konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer +noch, und Hermann mußte nachgeben. + +Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergnügen. Es wollte +ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und +"Häringsbändigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war +chokiert, daß Mimi an solchen "Herren" überhaupt Gefallen fand und sie +auf gleiche Stufe mit ihm stellte. + +Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer +in dem Mädchen, das ihn überraschte. Seine Leidenschaft hätte Kuß auf +Kuß gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg +gegangen wäre. + +Einen Handkuß hatte er während eines Walzers sich erlaubt, und er war +ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit +ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu +bringen. Welche Tanzwut! + +Endlich hatte er sie zum Gehen überredet. Als er ihr in der Garderobe +behilflich war, kostete es ihm Mühe, sich in Gegenwart der +Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nähe und das +Veilchenparfüm, das ihrem schwarzen Jäckchen entströmte. + +"Wir nehmen eine Droschke", entschied er. + +"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark." + +"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der +Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der +Heldenthat vom Feldweg drängte? Er wollte sich aussprechen, noch heute. + +Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten. + +Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort. + +Mimi sah ihm erschrocken zu. + +Er stürzte in den Saal zurück und kam blaß und verstört wieder. Das +Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstück und +einiges Silbergeld, fünf bis sechs Mark, wie er schätzte. + +Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln, +bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts übrig, als +sich vorläufig in den Verlust zu fügen. + +Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel +Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafür keinem Pfennig. + +"Haben Sie Geld bei sich, Fräulein?" fragte er zögernd. + +Sie errötete heftig. + +"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen. + +Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte. +Was half es, man mußte es versuchen. Unmöglich konnte man den weiten Weg +von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fuß gehen. + +Lulu war erfreut über diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu +verpflichten. + +Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstücken abzuzählen. + +"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein +Portemonnaie und wog es protzig in der Linken. + +"Bitte nehmen Sie", drängte er Hermann ein Zehnmarkstück auf. "Wir sehen +uns ja wieder." + +Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Gefälligkeit an, aber um +nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange. + +Das war ein unerfreulicher Schluß des Tages. Es war keine Aussicht +vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das +Vergnügen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte, +stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust, +da hieß es, bis zum nächsten Ersten sich sehr einschränken. Es ging so +schon bis hart an die Grenze seiner pekuniären Kräfte, seine Liebe +kostete ihm viel. + +Mimi wurde in der Pferdebahn müde und gähnte ein paar mal herzhaft. +Hermann konnte nicht über seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute +er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi +zu nennen. Er war mit einmal sehr ernüchtert, und Mimi kam ihm, wie sie +sich schläfrig in die Ecke des Wagens drückte, sehr unvorteilhaft vor. + +Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren +Dank für den "wunderschönen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen +wieder auf. + +Ach was, dachte er. Es war doch schön. Der Kuß zwischen den Hecken fiel +ihm ein. + +"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den +Griff der Ladenthür berührte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen +hatte. + +Eine Sekunde sah sie ihn verständnislos an. Er umfaßte sie, und halb +müde, halb in gutherziger Aufwallung, ließ sie es geschehen, daß er sie +küßte. + + + + +XI. + + +Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil +Pohlenz, von der Firma Müller und Lenze, ohne Probenkoffer, im +Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacés und modernstem Cylinder in einer +Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth +angehalten. + +Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Räuspern und Fußscharren +einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis +ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der große, altväterische +Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen, +daß der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Höflichkeit die +Wand streifte und mit einem weißen Aermel die "gute" Stube erreichte. + +Das hatte willkommenen Anlaß gegeben, im Verlauf der +Reinigungsbemühungen die beiderseitige Verlegenheit zu überwinden. + +Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend, +mit schmachtendem Blick über das goldene Pincenez hinweg, hatte dann +Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Füßen gelegt, "nach reiflicher +Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, daß sie zusammen glücklich +werden würden". + +Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, daß sie in +ihrem fünfjährigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzüge der Ehe zu +schätzen verlernt hatte, und ließ durchblicken, daß die gebotene +Gelegenheit zur Rückkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung +nicht unwert erschien. + +Herrn Pohlenzens kaufmännische Tüchtigkeit würde unbedingt das Geschäft +ungeahntem Glanz entgegenführen, das Kapital von sechstausend Mark, das +er mitbrächte, wäre nicht zu verachten, und was "das Uebrige" +anbelangte, so fühle sie sich ungemein geschmeichelt und wäre überzeugt, +daß gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme das erhoffte Glück verbürgen +würden. + +Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung +über allen Zweifel, und "Rücksichtnahme, mein Gott, Rücksichten müßten +wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen". + +Nachdem man noch eine Viertelstunde über das Glück der Ehe im +allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im +besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte, +mußte Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem +inhaltsschweren Schritt zu drängen. Acht Wochen Bedenkzeit möge er ihr +gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt, +sie wisse die Ehre zu schätzen. + +Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drängen. Acht Wochen wäre zwar eine +lange Zeit, "wenn es sich um das Glück eines Lebens handelt". Hierbei +unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen +Besichtigung, als überlegte er, ob derselbe auch diese Prüfungszeit +überstehen würde. + +Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche +Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie +Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wäre denn doch immer "derjenige, +welcher". + +Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch +immerhin für einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck +durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen. + +Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles muß man +selbst denken", ein Gros Perlmutterknöpfe, kleinste Nummer. Dann trennte +man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg +angestellt hatte, mit verbindlichem Händedruck. + +Der vertröstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke +geöffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rücken ihre Rechte +heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte. + +In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, für immer? + +Jedenfalls würde sie sich das in den acht Wochen noch gründlich +überlegen. + +Die beiden Mädchen, die schon lange über Herrn Pohlenzens spekulatives +Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten +keinen Augenblick Zweifel darüber gehegt, welche geschäftlichen +Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von +Müller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte. + +Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke +der Mädchen mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln deren Vermutungen +betätigte. + +"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schüttelnd vor Heiterkeit. +Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wußte, wie die +Wittfoth über ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser +Knirps, dieser Pomadenhengst. + +"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie. + +"Na, na!" neckte Therese. + +"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi. + +Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wußte +sie nun doch zur Genüge, daß zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres +Verhältnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr +der beiden hatte nach jenem, für Hermann so "teueren" Sonntag die +bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer +Eifersüchtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug +und hatte nicht nur Therese gegenüber Andeutungen gemacht, sondern auch +ihren Neffen einmal selbst vorgenommen. + +Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewährte +Gutenachtkuß versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte, +war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine. + +So hielt er denn auch der Tante gegenüber nicht hinter dem Berg. Es sei +seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte +er sicher zu sein. Von Michaelis an erführe sein Gehalt die planmäßige +Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des +Mädchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die +Entscheidung stellen. + +Frau Caroline hatte keine Gründe dagegen, hielt es aber doch für ihre +Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen. + +Eigentlich berührte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine +andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine +Doppelverlobung verursachen würde. Tante und Neffe, Prinzipalin und +Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das würde etwas für die Nachbarn +sein. + +Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch +sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach. + +Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen über die Küsserei geärgert. +Sie war höchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann +gegenüber benehmen? + +An und für sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so +unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie +auf Hermann gemacht. + +War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nähe, war es ihr immer, als müßte +er sie jeden Augenblick umfassen und küssen. Gewöhnlich suchte sie sich +den Rücken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem +Bann, wenn sie ihn hinter sich wußte, allein mit ihm, und wie ein Wunsch +nach verbotenen Früchten stieg es heiß in ihr auf. + +Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese +und der Prinzipalin gegenüber. Sie wäre auch noch eher darüber weg +gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden +hätte. Aber das war jetzt alles so peinlich. + +Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer +Liebenswürdigkeit, die sie den andern gegenüber in Verlegenheit setzen +mußte. + +Daß er jetzt ihr gehörte, ganz, daß sie nur die Hand nach ihm +auszustrecken brauchte, war ihr über jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang +mußte er sich erklären. Was dann? + +Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefühl, das sie für ihn +empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder +gesunde Mann einflößte, der heiratsfähig und im Besitz seiner graden +Glieder war. Liebe war das nicht. + +Ueber die Liebe hatte sie überhaupt ihre eigenen Gedanken. + +Wie hatte sie im vorigen Jahr für den braunen, schwarzbärtigen +Postsekretär in der Neustraße geschwärmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn +noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr +nicht gebrochen. + +Und der hübsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf, +und der dunkeläugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer +so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Für jeden +hatte ihr Herz schneller geschlagen, als für Hermann. + +Ob das Liebe war? + +Dann war es nichts Beständiges, die Liebe, und jedenfalls nichts +Unentbehrliches zum Heiraten. + +Freilich, sie möchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt, +wie es in den Büchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt. + +"Du meine Wonne, Du mein Schmerz." + +Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schön vor, so wie sie +auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit +Gefühl, daß man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und +lese es nicht nur. + +Aber die Dichter und Romanschreiber übertreiben immer. + +Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefühlen. + +Und das mochte sie auch an Hermann nicht, daß er manchmal so sentimental +sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was +Therese gerade so "reizend" an ihm fand. + +Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit +thäte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wären, fiele ihr das +vielleicht nicht mehr so auf. + +Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prüfte oft in Gedanken, wie sich das +ausnähme; es schien ihr nicht übel zu klingen. + + + + +XII. + + +Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annäherung auf dem +Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit +genommen. + +Lulus Angst, ihr Abenteuer möchte durch irgend einen Zufall ihrer +Familie verraten werden, wurde bald eingeschläfert. Lange Nachgedanken +und ängstliche Sorgen lagen überhaupt nicht in ihrer Natur. + +Und wie viel größere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren. + +Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin, +das Pensionsfräulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab +zu ziehen. Aber auch ihre Person ließ ihn nicht kalt. War er auch nicht +verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal +etwas anderes und besseres als Stine und Mine. + +Und im Hintergrund stand bei ihm auch die Überlegung; wer weiß, wie es +kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie. + +Freilich, es war höchst unwahrscheinlich, daß der alte Behn sie ihm +jemals geben würde. + +Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf +aus. + +Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie +ihrer Neigung für den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre +gewöhnliche Natur sich für die Verbildung, für die aufgedrungene +Überfeinerung rächen wollte. + +Leichter, als die erste Wiederannäherung, war die Fortsetzung des +Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschränkt in ihrem Thun und +Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er +bestimmte. + +Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie +ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu +lange aus, so daß er über die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und +den Fuhrlohn abliefern mußte, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht +kärglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermöglichten sie, da auch er +in nötigen Fällen nicht mit dem Gelde zurückhielt, gelegentlich weitere +Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit +parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraßen in schon ländlicher +Gegend sich sicher fühlten. + +Lulus ruhige, träge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause +jeden Verdacht nieder zu halten. + +Sie war nicht leicht aus ihrer täglichen Art und Weise zu bringen. Zu +statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem häufig an Kopfschmerzen +leidenden, verwöhnten Mädchen, das sich in den Jahren seiner größten +Entwickelung viel zu wenig Körperbewegung machte, tägliches, womöglich +mehrstündiges Spazierengehen empfohlen hatte. + +So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die +schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten +Tochter als wohlthätige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergänge, ohne +zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten. + +Schuldbewußt, jeden Anlaß zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in +ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender, +nachgiebiger. + +Anna, die seit jener thätlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg +gegen Lulu geführt hatte, war plötzlich entlassen worden. + +"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft. + +"Se is rinfull'n," hieß es bei den Kolleginnen der Gekündigten. + +Die offizielle Behnsche Erklärung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner +Tochter nicht vertragen können." + +Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mädchen vom Lande, +kam für Lulu nicht in Frage. Ihrer Autorität konnte von der Seite kein +Angriff drohen. + +Die Hauptsache für sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten. + +Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tänzer hatte keine Abnahme +erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mädchen eine willkommene +Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefügiger zu machen. + +"Ich sag's Paula," drohte er, und ängstlich gab sie nach. + +Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen +zu können, hatte schließlich Mut gefaßt und sich an einem unbewachten +Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem +Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der +Hoffnung, Beuthien dort zu treffen. + +Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prüßnitz, +der mit einem älteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war. + +Der Erkennung war eine hastige Begrüßung gefolgt. + +"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula. + +"Kostet das was?" + +"Ich habe zwanzig Pfennige, hier." + +Sie steckte ihm das Geld zu, und dann stürzten sie sich unter die +Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heißen Wangen. + +"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hüpfte wie ein +junger Hahn und stieß sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er +sie stehen ließ, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht +tanzen. + +Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand +heftig am Ellbogen zerrte. + +"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder." + +Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermißten von dem untrüglichen +Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flüchtling sofort hier +vermutet hatte. + +Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das +größere, ihr überlegene Mädchen ihr einschärfte, kam es nun zwar nicht +an den Tag, aber auf irgend eine für Paula unbegreifliche und nie +aufgeklärte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung +seiner Jüngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung +ihres frühzeitigen Unternehmungsgeistes. + +Paula, wütend auf den unbekannten Verräter, bezichtigte unter zwanzig +anderen auch Lulu der Schändlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese, +der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im +Entdeckungsfalle warten würde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu +sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte überhaupt +nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig." + +Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se +ward ja ok ümmer öller und verstänniger", meinte sie. + + + + +XIII. + + +Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch +häuserlosen Straße in seine Droschke aufgenommen. Es war ein +verabredetes Rendezvous, und da Lulus Börse gerade gut gefüllt war, +wollte man längere Zeit zusammen bleiben. + +Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straßen fuhren, wo eine +unliebsame Begegnung zu befürchten war, saß Lulu tief zurückgelehnt in +dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf +die Straße vermeidend. Erst weiter draußen wagte sie, das Verdeck des +Coupees zurückschlagen zu lassen. + +Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drüber hinaus, auf einer +menschenleeren Feldstraße stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun +pflegte, mit ihm, an seinem Arm hängend, neben dem gemächlich bummelnden +Braunen her. + +Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer +Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen, +oder in die Droschke zurückzuschlüpfen. + +Beuthien wußte in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen +durfte, einzukehren. + +Lulu war zu allem bereit. + +Es war ein wunderschöner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne +lästig zu sein, über den grünen, vielversprechenden Saaten. + +Lulu war sehr heiter. + +Die stille, wohlthuende Ruhe hier draußen wiegte alle ihre Bedenken ein. + +Auch Beuthien war aufgeräumt. Er ließ bald ihren Arm fahren und legte +vertraulich den seinen um ihre Hüfte. Und sie ließ sich seine derben +Scherze und zeitweiligen Zärtlichkeiten gefallen. + +Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum +einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die +jedoch mit ihren grünen Holzstäben und grüngestrichenen Tischen und +Bänken etwas Trauliches, Einladendes hatten. + +Der Wirt, ein ordinär aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron, +brachte zwei Gläser Bier dorthin, fuhr einmal träge mit seiner +unsauberen blauen Schürze über den bestaubten Tisch und suchte eine +Unterhaltung anzuknüpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, daß +er bald davon abstand. + +Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und +schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, weiß und braun gefleckter +Hühnerhund blinzelte mit müden Blicken aus den triefenden, von Fliegen +gequälten Augen aus seiner Hütte zu ihnen herüber. + +Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch +des nahen Hühnerstalles wurde ihnen lästig. + +Lulu sah sich nach einem andern Platz um. + +Hinter dem Garten zog sich ein spärliches Wäldchen an dem Rand einer +Wiese hin, größtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur +einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glänzenden weißen +Stämmen hervorhoben. + +Ein halbvermorschtes Brett führte über einen ausgetrockneten Graben in +das Holz hinein. + +Nach einigem Zaudern, aus Rücksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit +aufgeschürztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis. + +Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift, +hatten Beeren gesucht, Kränze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln +der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloßen Füßen in dem kühlen, +schlammigen Wasser der Gräben und Pfützen gewatet. + +Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus. + +Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf, +und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich. + +Sie drängte sich vor ihn. + +Uebermütig faßte er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so +schnell, daß sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam. + +Sie schrie auf und riß sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen +sie einen Augenblick unter Gelächter und Gekreisch um einander herum. + +"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie +rangen mit einander. Seine Kräfte, mit denen er bisher nur gespielt +hatte, gebrauchend, hob er sie plötzlich hoch vom Boden und nahm sie wie +ein Kind auf den Arm. + +Zappelnd bemühte sie sich, wieder festen Fuß zu fassen. Aber er zwang +sie. + +"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er +sprach überhaupt während dieser ganzen Balgerei nur platt. + +"Laß mich", keuchte sie. + +Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heißen, +verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig, +schwer atmend, ließ sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen. + + + + +XIV. + + +Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom +Geschäft zurückzuziehen, es seinem Sohn zu überlassen. Er hatte keine +rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem. + +Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot +war, also seit ungefähr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante +der Verstorbenen ihm die Wirtschaft führte. + +Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann würde +er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde, +und der jungen Schwiegertochter, die natürlich das Regiment beanspruchen +würde, ärgerliche Tage haben. + +Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man +älter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da +Freunde dem noch immer rüstigen Mann oft, teils im Scherz, teils im +Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem +Gedanken vertraut gemacht. + +Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm +vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht +daran glaubend, daß noch einmal etwas daraus werden könnte. + +Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem +Glatteis gestürzten Braunen, gänzlich die Lust am Geschäft verlor, hing +er doch ernstlicher solchen Zukunftsträumen nach. + +Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie +Frau Caroline Wittfoth. Das wäre noch eine Partie. + +Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu. +Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen. + +Das gute Geschäft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl +daraus. Wenn er die zehntausend Mark, über die er nach Wilhelms +Abfindung noch verfügen konnte, in dies Geschäft steckte, wäre das Geld +gut angelegt. Und es würde ihm ein guter Fürsprecher bei seiner Werbung +sein. + +Als er nach langem Sinnen zu dem Entschluß gekommen war, es mit Frau +Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie +fängst du das an? + +Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht hätte, der +das zu behaupten wagte. + +Aber dennoch war es so. + +Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam über die +Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der +Lage befinde," nicht hinaus. + +Die Negendank störte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der +Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer +Taubheit schon von seinen Heiratsplänen munkeln hören und war der +entschiedenste Gegner solcher "Verrücktheit". + +So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als +Schreibpult benutzt hatte, und öffnete der Klopfenden. "Dat togt so +bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, daß er sich +einschloß. + +Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jürgens, sein +guter Freund, hatte einen klugen Einfall. + +In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein +Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war +leichter, als durch Tetje Einladungskarten für Beuthien und die +Wittfoth zu erlangen. + +Wie alljährlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die +Gesellschaft ins Grüne führen, und da müßte es doch eigen zugehen, wenn +sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annäherung finden +würde. + +Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm +freudig die Einladung an, die ihr in unauffälliger Weise von Tetjes Frau +überbracht wurde, als diese ein Paar Kindersöckchen für ihr Jüngstes +kaufte. + +So was wäre ihr lange nicht geboten, wann käme sie mal ins Grüne, meinte +die Geschmeichelte. + +Nebenbei war sie glücklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie +nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mädchen eingeladen hatte, +zurücktreten zu können. Sie hatte eine unüberwindliche Furcht vor dem +Wasser. + +In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fähnchen geschmückten Breaks +fuhr die vergnügte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon früh morgens +um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, größtenteils junge +Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Kästen mit ihren Instrumenten +vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das +Festprogramm schloß auch einige Konzertvorträge ein. + +Es machte sich von selbst, daß die paar älteren Leute in der +Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder +Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige +Witwe, zusammengeführt wurden. + +Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes +schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz +war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen +sich ein Sträußchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob. + +"Kieck, wo stuhr se sik höllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jürgens sie beim +Einsteigen gehänselt. + +Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer, +etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weißen +Piquéweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er +sich etwas einbildete. + +Die Fröhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und +sie steigerte sich während der Fahrt unter dem Einfluß des heiteren, +sonnigen Wetters, das einen schönen Festtag versprach. Gesang und +allerlei Neckereien würzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden +Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes +Ziel ihm wenigstens dann und wann mit beängstigender Deutlichkeit vor +Augen schwebte. + +Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft. + +Eine festlich geschmückte Tafel unter hohen Bäumen, mit freiem Blick auf +eine buschumsäumte Wiese, empfing die Gesellschaft. + +Herr Bierwasser, als Präses, begrüßte die Festgenossen mit einer +wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefühlen, die die +Brust eines jeden beseelen müßten, wenn er der Bedeutung dieses Tages +gedächte. + +"Vor fünf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und +Festgenossen, vor fünf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen +zum ersten Mal das Licht der Welt." + +Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall. + +"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich +meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des +Tages Last und Mühe." + +Bravo! Bravo! + +"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine +verehrtesten Gäste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in +den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe +hoch!" + +"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze +Gesellschaft, stehend, die Gläser in der begeistert erhobenen Rechten. + +Es war zu schön. + +Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war +ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was möchte sie für ihr Leben +gern. + +Unter den Bäumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt. +Ein Chocoladenautomat und einer für Cigarren, ein Elektrisierapparat und +einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, während ein benachbarter +Gelegenheit gab, das Körpergewicht vor und nach dem Festmahl zu +bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer +Jüngling witzelte. + +Die Wittfoth stellte fest, daß sie in einem halben Jahr fünf Pfund +zugenommen hätte. Wovon, wüßte sie nicht. Appetit hätte sie gar nicht, +und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht +fände sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei +zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen. + +"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jürgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten +all fett werden, würden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte +Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden". + +Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem +Sonnenschirm. + +Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und +stellte noch manchen jüngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen +großen Händen war ihnen allen überlegen. + +Die Frauenzimmer drängten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln +in allen Nerven schien ihnen Vergnügen zu bereiten. Das war ein +Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran. + +Winchen Studt, eine achtzehnjährige blasse Schönheit mit Stumpfnase, +ließ sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit +Chocolade füttern. Sie war eine wichtige Persönlichkeit heute, denn sie +sollte noch etwas vortragen. + +Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngeräte und eine Bergbahn. + +Namentlich die letztere übte eine große Anziehungskraft auf die Damen +aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in +Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male +unter Gekreisch hin und her. + +Es war zu schön, wirklich zu schön, wie sie alle Augenblicke +versicherte. + +Und dann später das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht +Zithern vorgetragen, erntete den größten Beifall. "Entzückend" spielte +Herr Cäsar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither. + +Die größte Bewunderung aber fand Herr Süß für den Vortrag des beliebten +Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier". + +In allen Gesangvereinen sprach man von dem phänomenalen Baß des Herrn +Süß. + + Wie Orgelton und Glockenklang + Ertönet unseres Süß' Gesang + +hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet. + +Auch Winchen Studt, im weißen Kleid mit Rosaschärpe, deklamierte "Des +Sängers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verständnis und Gefühl. +Besonders der Schluß verursachte den Empfindsameren unter den Hörern +eine leise Gänsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen: +"Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch," mit +bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des +"Sängers." + +Einen solchen Genuß hatte Frau Caroline lange nicht gehabt. + +"Wer hätte das dem Mädchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze, +die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn Süß seine, die war ja woll +was für Pollini." + +Als man den Saal verließ, wartete draußen eine neue Ueberraschung der +Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bäumen +angebracht und gewährten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber +hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins +"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herüber: "Das +ist der Tag des Herrn." + +Den Schluß des Festes machte ein Tänzchen, das jedoch mit einer +Polonaise im Freien, durch das "stickendüstere" Gehölz eröffnet wurde. +Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus +weißem Papier. + +"Wi sünd Hanseaten," erklärte Tetje. + +Wie schön war das alles, wie wunderschön. + + Sonne, Mond und Sterne, + Ich geh mit meiner Laterne. + Aber so ein kleines Licht + Leuchtet in die Ferne nicht. + +Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer +Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, geküßt. Aber es war bemerkt +worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der +Promenierenden. + +Das führende Paar nahm im Übermut den Weg durch einen trockenen Graben. +Das war ein Gespringe und Gehüpfe, ein Gekreisch und ein Gelächter. + +Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Böschung hinunter. +Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid. + +Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab, +o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrängenden. Endlich nötigte er +mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und +weiter ging's unter Lachen und Scherzen. + +Nein, so was Schönes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht +allein mit diesem Urteil. + +Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald. + +"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal +furchtsam. + +"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje. + +Längst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Träume noch +immer die Lampions wie große Leuchtkäfer huschten. + +"Nein, was ich mich gestern amüsiert habe, sagen kann ich es nicht," +sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht +Wochen später, sprach sie noch mit derselben Wärme von diesem +wundervollen Tag, und je weiter er zurücklag, desto geneigter war sie, +ihn als einen der schönsten ihres Lebens zu preisen. + + + + +XV. + + +Auch für Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amüsanter gewesen. + +Hermann hatte sich frühzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen +Gruß mit dem Taschentuch nachwinken zu können. + +Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der +Landungsbrücke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der +Pferdebahn dorthin begeben. + +Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere +Gesellschaft. Ein mittelgroßer Herr mit breitrandigem Panamahut, weißem +Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete +den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr +aufgeräumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen +unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die +Herren lüfteten die Hüte und gaben mit übertriebener, geckenhafter +Höflichkeit den Weg frei. + +"Ah, Fräulein Kruse," rief plötzlich der Herr in Weiß überrascht und mit +schlecht verhehlter Verlegenheit. + +"Fräulein Saß, Sie auch?" wandte er sich an Therese. + +"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi. + +Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die +Begrüßung wurde intimer, man schloß sich aneinander an und wurde nicht +müde, über diese zufällige Begegnung geistvolle Betrachtungen +anzustellen. + +Hermann wäre lieber mit den Mädchen allein geblieben. Er sah voraus, daß +Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein +würde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft +anschließen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen. + +Auch Therese war anfänglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berührt. +Sie gönnte sie ihr ohne Neid und hätte nicht ungern gesehen, sie würde +so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, daß Hermann mehr auf ihre, +Theresens, Gesellschaft angewiesen wäre. Sie sah dem Eifersüchtigen +schon den Mißmut an. + +Seit Hermanns offenem Geständnis der Tante gegenüber, hatte Therese sich +an den Gedanken gewöhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu +betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukämpfen, +ein leises feindliches Gefühl gegen Mimi zu besiegen. + +So ließ auch dieser Erfolg der hübschen Freundin bei der männlichen +Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es +schmerzlich empfand, auch hier wieder zurückstehen zu müssen. Erst als +sie, um nicht ganz übersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und +sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft +treffenden Bemerkungen und witzigen Einfälle aufmerksam wurde, fand auch +sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle +eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte. + +Die ausgeladene Höflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald +erklärt und begründet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen +namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun +spielte der glückliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon +im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitän und Schiffsvolk +eingeschlossen, zu traktieren. + +Hinter der Gloriole des liebenswürdigen Schwerenöters verschwand selbst +in Theresens Augen die komische Figur des vertrösteten Freiers. Selbst +sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi +erklärte, man könne sich doch oft sehr in einem Menschen täuschen. + +Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale, +vielgewundene Este zu einer genußreichen zu machen. Die fetten, im +schönsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache, +wechselnde Reize: Breite Deiche, mit üppigem Pflanzenteppich behangen: +großblättriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige +Schafsgarbe mit ihren weißen Blütenkronen, dazwischen gestreut, wie eine +Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blüten der Butterblume. Auf +grasreichen Wiesen weidende Kühe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der +freundlichen obstreichen Gärten, kichernde rotwangige Landmädchen, die +Kußhände und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus +zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend. + +Ein jüdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den +ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende +Geschäfte zu machen pflege. + +Und in der That verriet das saubere behäbige Aussehen der einzelnen Höfe +sowohl, als der ganzen Dörfer, deren Rückseite sich oft bis hart an das +schilfumrauschte Ufer des Flüßchens erstreckte, gediegenen Wohlstand. + +Selbst Hermann verlor während der Fahrt seine Mißstimmung. Hoffte er +doch auch, sich in Buxtehude mit den Mädchen verabschieden zu können. + +Doch er sah sich getäuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der +Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise +so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler +Gefälligkeiten und Liebenswürdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch +Hermann schließlich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute +Miene zum bösen Spiel machen. + +Schwer genug ward es ihm. Eifersüchtig sah er, wie Herr Pohlenz seine +ganze Aufmerksamkeit Fräulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich +geschmeichelt fühlte. + +Allerdings war sie dann später zartfühlend genug, Herrn Pohlenzens +taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns +ältere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und wählte +seinen Platz so, daß er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen +sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so daß Hermann +auch jetzt noch nicht zur ungeschmälerten Freude an Mimis Gesellschaft +kam. + +Und so blieb es. Auch für den Rest des Tages war Mimi die Königin, der +alles huldigte, und das hübsche Mädchen spielte die ihr zugewiesene +Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache. + +Auf der Rückkehr nach Hamburg änderte sich das Wetter. Ein leichter +Regen fiel, ohne jedoch die fröhliche Gesellschaft vom Deck zu +vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajüte. Die meisten, +erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als +Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine +Gemütlichkeit zu stören. Sie fanden genügenden Schutz hinter der +Kajütenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die +empfindlichere Therese einhüllen konnte. + +Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz +wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine +Trennung. + +"Sie sind meine Gäste, Sie müssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst +fidel." + +Und man blieb zusammen, hörte einige Musikstücke in Hornhardts +Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf +ein Glas Bier zu Mittelstraß, einem beliebten Restaurant, und schloß +endlich zu später Stunde mit einer Tasse Melange in Görbers Café. + + + + +XVI. + + +Einige Tage später sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von +nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe +Wittfoth, hier mit neidischer Geringschätzung, dort mit selbstbewußtem +Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche +gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer +Vertiefung in den Gegenstand, als wäre nun die natürliche Ordnung der +Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum. + +Und man sprach nicht mehr von einem Gerücht. Es war eine Thatsache. Der +alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens" +den nötigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach +kurzem schamhaftem Sträuben, unter Hinweis auf ihr vorgerücktes Alter, +ja gesagt. + +"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glück nicht im Wege +sein." + +So ungefähr lauteten die Schlußworte der kleinen Frau. + +Hiermit war denn auch über den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die +Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder +unschlüssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache +schon mehr für die Ablehnung entschieden hatte. + +Für vierzigtausend Mark jedoch konnte man über Kleinigkeiten schon +hinweg sehen. + +Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch über allerlei hinweg +sähe? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage. + +Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das +Bestechliche, was für Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in +ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Täuschung +hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, daß auch persönliche +Neigung zu Grunde lag. + +Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hörte, fiel +ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der +Verschmähte. + +Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte, +wußte er, was er wollte. + +"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten +Hochachtung und Wertschätzung kann ich mich der Einsicht nicht +verschließen." So oder ähnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes +an die Wittfoth. + +Natürlich wollte er jetzt nicht länger Stadtreisender bei Müller und +Lenze bleiben. Aber bis zur Lösung seines Kontraktes mußte er noch seine +Geschäftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr +peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekränkten, +Verschmähten gegenüber treten, eine Rolle, in welche er sich mit +vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden würde. + +Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth +bedeutend erleichterte. + +Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach +geworden. Schon immer hatte er sich bemüht, dem hübschen Ladenmädchen +der Witwe näher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenüber stets kühl +bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswürdiges Entgegenkommen +in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt. + +Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wußte, +welcher Wind dieses Wetterfähnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja +selbst das Leben nur vom kaufmännischen Standpunkt. Was kostet das? + +Was Mimi Kruse anbelangte, so wußte er jetzt, daß er sie sich "leisten" +konnte, daß seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie +nicht "kaufen?" + +Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit +einem Geschäftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei +Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie +einmal ausführen zu dürfen, erzählte von seinen Zukunftsplänen, ließ +durchblicken, daß er möglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer +Tante erwarten könnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, daß +sie "mit Vergnügen" seine Einladung annahm. + +Von jetzt ab kam Herr Pohlenz häufiger, zur Verwunderung Frau +Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren über die Veranlagung zu +diesem Geschäftseifer des Stadtreisenden blieb. + +Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust, +den Verlust seines "ganzen Lebensglückes," wie er es damals nannte, +ertrug, und war entrüstet über Mimi. + +Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit +diesem Gecken an, weil er Geld hatte. + +Was würde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran +denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden +sollte, an der sie nur vergnügte Gesichter um sich sehen wollte, so +würde sie Hermann schon jetzt die Augen öffnen. Aber nachher sollte er +auch keinen Augenblick länger über Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben. + +Dem Mädchen selbst wagte sie keine Vorwürfe zu machen. Es war ihr +peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrüstete spielen +wollte, sähe es nicht aus, als ob sie sich über den Entgang der +vierzigtausend Mark ärgerte? Wie Neid, Mißgunst? + +Nein, sie ließ der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit +Mimi fertig würde. Im Grunde wäre es ja nur ein Glück, wenn er diese +Person nicht bekäme. + +"Stich hält sie doch nicht," schalt sie bei sich. + +Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mißvergnügte Tage. Mimis +freies Benehmen, ihre Liebenswürdigkeit gegen Pohlenz, über den sie doch +sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgoß, hatten ihn +tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflächlichen +Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen. +Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine +Entschlüsse. + +Dieser faden, beschränkten Krämerseele sollte er weichen? + +Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert +zurück, und glaubte, Mimi durch Vernachlässigung strafen zu können. Aber +diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu +sehen, sich auszusprechen. Doch wann würde er sie bei der Tante einmal +sprechen können, ohne Störung? + +So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten. + +Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht käme? + +Das beste wäre, er spräche sich gleich brieflich mit ihr aus. + +Und so schrieb er denn: + + Liebes Fräulein! + + Die Gefühle, die mich beseelen und die ich nicht länger zum Schweigen + verurteilen kann, drücken mir die Feder in die Hand. Habe ich nötig, + das noch auszusprechen, was Ihnen, ich weiß es, schon lange kein + Geheimnis mehr sein kann? + + Mein ganzes Benehmen gegen Sie muß Ihnen längst bewiesen haben, wie + unaussprechlich ich Sie liebe, und daß es das höchste Ziel meines + Strebens, das Glück meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen + nennen zu dürfen. + + Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines + Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf + denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehört Ihnen, hochverehrtes, + inniggeliebtes Mädchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfällt. + + Verschmähen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie + namenlos glücklich + + Ihren hoffenden + + Hermann Heinecke. + +Als Mimi den Brief las, überkam sie zuerst das Gefühl einer großen +Bestürzung. Nun ward es ernst. + +Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort. + +Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerührt. Er war doch ein guter +Mensch. Namenlos glücklich sollte sie ihn machen. + +Mein Gott, es ist doch etwas Schönes um die Liebe. Sie barg den Brief in +ihrer Tasche und brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus. + +"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei +diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemütes überraschte. + +"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi. + +"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline. + +"Das nicht," war die Antwort. + +"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," tröstete die Wittfoth. + +"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thränen getrocknet +hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem." + +"Na, Fräulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so +schlimm?" + +"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu. + +"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmütig. +"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklärte Mimi. + +Und am selben Abend schrieb sie an Hermann: + + Geehrter Herr Heinecke! + + Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berührt hat, brauche ich + wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewiß, daß Sie + eine Frau so glücklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen + Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich nach reiflicher Erwägung zu dem + Entschluß gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu können, + so gerne ich dieses auch möchte. + + Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Sünde, wenn ich ja sagen + wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen + mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von + mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich + leid, Ihnen weh thun zu müssen, aber es giebt ja noch ganz andere + Mädchen, als ich eine bin, und Sie werden gewiß noch einmal so + glücklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wünscht Ihnen von Herzen + + Ihre Mimi Kruse. + +Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift +ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Höherschrauben der +Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen +befleckt. + +Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr +Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige +vergessene U-striche hinein. Dann schloß sie den Brief in ein Couvert. +Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie öffnete es wieder. + +"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gütig waren mir zu schenken", +fügte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu +behalten. Nochmals meinen besten Dank für alles Gute." + +Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift. + + Herrn Volksschullehrer + Hermann Heinecke + p. Adr.: Frau Ww. Thielemann + Hierselbst. + Raboisen 27, III. + + + + +XVII. + + +Das große Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt +Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch für alle die +Straßen, durch welche die teilweise glänzende Korsofahrt nach und von +dem Rennplatz ihren Weg nahm. + +Auch in der Gärtnerstraße waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit +Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Stühle und Schemel vor +ihre Ladenthür auf das Trottoir gestellt, für sich und die beiden +Mädchen. + +Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war +ausgeblieben. Er hatte sich überhaupt lange nicht bei der Tante sehen +lassen, zu deren und Theresens großer Verwunderung. Nur Mimi wußte, +warum er nicht kam. + +Sie fühlte keine Reue über ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich +nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante +Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefühl zur Ruhe +gelegt, als hätte sie etwas Rechtes, etwas Großes gethan. + +Am nächsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefühl der Neugier: Was +wird er wohl sagen? Was wird er nun thun? + +Pohlenzens Bemühungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell +schoß das neue Verhältnis unter dem befruchtenden Segen der +vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grün der alten +Beziehungen zu Hermann überwuchernd und erstickend. + +Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz +angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger +Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht +auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht. + +Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen würde? Sie +wünschte es beinah. Es wäre pikant. Auf jeden Fall würde sie an der +Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren. + +Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann hätte +sich das nicht leisten können, hätte auch wohl kaum zu fahren +verstanden. + +Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mögliche Begegnung +zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus. + +Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfältig +beobachtete sie die Insassinnen der vorüberrollenden Equipagen und +Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlässig +zurückgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend. + +Pohlenz hatte ihr ein neues Kostüm geschenkt, in dem sie ohne Frage +gefallen würde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine +Aufmerksamkeit" von ihm angenommen. + +Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und +geschmeichelt hatte der überaus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu +sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin. +Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden früher von ihr gelesener +Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brünette Pohlenz mit +dem großen Panamahut, dem weißen Röckchen, eine seiner feinen Cigaretten +rauchend, eigenhändig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im +neuen Kostüm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurück. + +Da fuhr Hermann vorüber in einer gewöhnlichen Droschke, etwas krumm, +vornübergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr +blaß aus, wie übernächtig. Auch die drei Herren neben ihm waren +keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre +Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte. + +Wie gewöhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie möchte sich nicht darin +unter diese eleganten Equipagen mischen. + +Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen, +neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser +sehen zu können. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu +begegnen. + +Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte +sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der +kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja +nicht unbekannt, daß ihre Bildung keine lückenlose war, ihr Charakter +nicht ohne Schwächen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwächen. Vom +Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine +vollkommene Frau hätte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schön +geträumt, Mimi allmählich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden +guten Anlagen zu wecken. + +Der Traum war aus. + +Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung +und überredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu +besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorüberfahren zu sehen. +Er malte sich eine Begegnung aus: Kühler, höflicher Gruß von seiner +Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation. +Männliche Gefaßtheit. Sie errötend, dann erblassend, mit dem bekannten +schnippischen Wurf ihres hübschen Köpfchens die Sache schnell und +geringschätzig abthuend. + +Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben +zu sollen. Mimi würde sich wohl noch besinnen, er müsse ihr Zeit lassen. +Sie wäre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen. + +Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur +edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar +ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein +gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und +glaubte, nicht für ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken blaß, +traurig, weinend in ihrem engen Stübchen sitzen, das ihm immer ihrer so +wenig würdig vorgekommen war. + +Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht länger hingeben, seitdem +ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz +Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben. + +Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine +Beschönigungen. Warum sich belügen? Sie war eine Kokette, seiner nicht +wert. Er mußte sie vergessen. + +Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an +der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der +heftigste Schmerz in ihm. + +Mimi sah auch entzückend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostüm gesehen. +Es musste ganz neu sein und schien ihm über ihre Verhältnisse zu gehen. +Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen? + +Mimi trug ein enganschließendes, taubengraues Kleid von vornehmer +Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmückte die anmutig volle +Büste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weißem Taubenflügel saß +kokett auf dem hübschen Blondkopf. + +Und nichts von Trauer, Gedrücktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem +frischen, lebhaften Mädchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose, +genußfreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer +Lebenslust. + +Er mußte sich zusammennehmen, damit der aufwühlende Schmerz ihm keine +Thränen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaßten Sieger. Er +trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nähe zu kommen. + +Die Tribüne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen +aus dem Derby zusah. Er grüßte hinauf, ohne von den ganz von der +Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengruß zu erhalten. Nur von +Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick. + +Es fiel ihm auf, wie blaß das Mädchen aussah, fast leidend. + +Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flüchtig +am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals +seine eigenen Gedanken über sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er +hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mädchen, das sicher +auch andere Vergnügungen nicht verschmähen würde, wenn es sich nicht für +zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzböden zu besuchen. + +Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere +Ansicht über Lulu. Er hatte immer nur geringschätzig über sie sprechen +hören. + +Was stimmte ihn nun auf einmal so günstig für das Mädchen? Wie Mitleid +überkam es ihn. Sie hatte so bedrückt, so unglücklich ausgesehen. + +Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknüpfend an jenes +Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhältnisses zu Beuthien +allerlei romantische Vermutungen aufreihend. + +Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme +chez nous, mit vertauschten Rollen. + +Es that ihm wohl, eine Leidensgefährtin in Lulu zu haben, wenn auch nur +in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor +dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefühls befriedigter Rache. + +Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine +herzlose, oberflächliche Kokette, eine käufliche Dirne. + +Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem +Knopfkrämer. + +Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das +ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und +Spielen. + +Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu. + +Da ward ihm ein Gruß. + +Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein +halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmännische Gespräche mit derben +Witzen würzend. + +Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslänge +überragte, von Hitze und Biergenuß gerötet, stieß ihn ab. Lulus +Geschmack war ihm unverständlich. + +Und doch, was wollte er denn? + +Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Kräfte, vor denen die Weiber +Respekt haben. + + + + +XVIII. + + +Lulu Behn hatte sich vergeblich gesträubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie +hatte Kopfschmerz vorgeschützt, ihr häufiges Uebel, aber der Vater hatte +es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gäbe sich unterwegs, in +frischer Luft, am besten. + +So gutmütig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Härte +gegen kleine körperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst +übte. + +Lulu, um nicht unnötige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Gründen +gefährlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke +neben der Mutter ein, während Paula mit dem Vater auf dem Rücksitz Platz +nahm. + +Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre häufigen +heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was +ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst. + +Nach jenem Besuch des Horner Wäldchens hatten sie sich erst einmal +wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schämte sich vor ihm. +Dieses eine Mal aber mußte sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie +befürchtete. + +Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschläge gegeben und die +Geängstigte beruhigt. + +Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie +gefaßter. Beuthien würde sie nicht sitzen lassen, er würde sie heiraten. + +Heute aber fuhr sie mit der Gewißheit des ihr Bevorstehenden durch die +bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der +nach dem Schauplatz seiner That geführt wird. + +Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errötet war er, +als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen +stieg. Und wie gleichmütig er dort oben auf dem Bock saß, und wie +sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte. + +Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen +schloß und sich erblassend zurücklehnte. + +"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der +Pferdebahn zurückfahren." + +Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe +hatte sie geärgert, und sie wollte es ihm nachthun. + +Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes +Wäldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es über +die welligen Felder hinweg. + +Ob er hinüber sah? + +Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick für die Umgebung. Er +mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten. + +Sie aber mußte immer wieder hinüber sehen nach dem schwarzen Fleck +dahinten, über dem jetzt eine einzelne weiße Wolke, wie ein fabelhaftes +Ungetüm, schwebte. + +Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im +blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean. + +Ein wunderliches, nie gekanntes Gefühl der Vereinsamung überkam Lulu. +Mühsam beherrschte sie sich. + +"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula. + +Lulu schrak zusammen. + +"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so." + +Sie wußte es kaum, daß sie beständig dort hinüber starrte. + +"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das +frischt ihr auf." + +Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurückschicken, Beuthien +sollte dann zum Schluß des Rennens zurückkommen. + +Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wäre sie jetzt mit ihm +allein gefahren. + +Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht über sie begann sich seit ihrer +letzten Unterhaltung zu regen. + +Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als sähe sie schärfer, +wie durch ein Vergrößerungsglas. + +Zuerst fielen ihr die vielen Fältchen unter den Augen auf, und das +häufige nervöse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhöhung auf +dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte, +drängte sich ihren Augen förmlich auf. Die breite Hautfalte über dem +kräftigen gebräunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen +Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales. + +Sie hatte während der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte +ansehen müssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes. + +Wie garstig! + +Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flüchtigen Blick vom Wagen +aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und +sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine überlegenen +Kräfte anstrengungslos brauchte, fühlte sie sich wieder auf seinem Arm, +wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glühende Welle stieg das +alte Gefühl für ihn wieder in ihr auf. + +Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschäftigt. Die +vorgeschützten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt, +infolge der Gemütsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde +herrschte. So war sie froh, als man sich für den Heimweg rüstete. + +Auf der Rückfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur +lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man +hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags +ausgehalten, und das genossene Getränk hatte namentlich auf Paula seine +erregende Wirkung nicht verfehlt. + +Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu dürfen, und der +alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes +für sich allein benutzen zu können. + +Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen +Anregungen beständig im Schwätzen mit Beuthien, der sich an dem Mädchen +ergötzte, das ihn oft mit so eigentümlichen leuchtenden Blicken +anblitzte. + +"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit." + +Der große, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem +weißen, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem +runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu +entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn +nicht auf die Dauer reizten. + +Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten +Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weißen Strohhutes. + +"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot. + +Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward +plötzlich eifersüchtig. + +Es war nicht Paula, "das dumme Gör", die sie fürchtete, aber in der +Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr möglicherweise +von anderer Seite drohen könnte. + +Wenn Beuthien sie verließe? + +Wieder kam einer jener Momente über sie, wo sie mit grauenhafter +Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau, +Kutschersfrau. + +Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, würde ihr Vater ihn zwingen? +Würde er ihn als Schwiegersohn anerkennen? + +Sie schloß die Augen, als könne sie sich dadurch gegen alles +Widerwärtige absperren. + +Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie +weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am +angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen, +wie es ging. + +Aber dann störte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer +"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten +Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem +Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre +Droschke überholten, musterten fast auffällig das blasse Mädchen in der +weißen, gürtelumschlossenen Bluse, das mit so müden Blicken vor sich +hinstarrte. + +Lulu hatte kein Auge für die Herren. Sie war ganz mit sich beschäftigt. +Etwas wie Haß auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit +ihrem naiven Geschwätz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch +schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fuß in dem verbotenen Garten, +von dessen Früchten sie selbst bereits genascht hatte. + +Ein häßlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen, +höhnischen Blick aus. + +Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt. + + + + +XIX. + + +Fräulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn +Emil Pohlenz bekannt und kündigte ihre Stellung bei der Wittfoth. + +"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was +zu verheimlichen." + +"Es war vorauszusehen", betätigte Therese. "Wenn sie sich leiden mögen, +kann man sich ja nur darüber freuen." + +"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi, +bekommen wir schon wieder." + +"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschäft recht +tüchtig." + +"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heißt, vergeßlich ist sie +doch man, und nachräumen muß man ihr alles." + +"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein häßlicher Husten, +der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt quälte, unterbrach stoßweise +Theresens Worte. + +"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau +Caroline. "Mich ärgert man bloß, daß das dumme Ding solch Glück hat. +Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine +auch man bloß. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n +Teller bringt." + +"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende hätte ich noch +Onkel Pohlenz sagen müssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber." + +"Mich amüsiert man, daß wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande +gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth. + +"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas +verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, für sie war ja +das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen. + +Und doch war sie ebenso liebebedürftig, hatte ein ebenso empfängliches +Herz, wie Mimi und die so viel ältere Tante. + +Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger, +sanfter Flamme, sich selbst verzehrend. + +Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein für +allemal auf Liebesglück verzichtet, wenigstens sich mit dem begnügt, das +auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag. + +Sie hatte, fast zu frühzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in +Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nächstem Geburtstag +angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in +blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem +Taschenbuch zur Zierde gereichen. + +Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen +Arbeiten ungewohnten Finger geschickt. + +Wenn sie ihn doch öfter erfreuen könnte, für ihn arbeiten, sich ihm +nützlich erweisen. + +Als er neulich einmal, ärgerlich über seine saumselige Wirtin, der Tante +einige Strümpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die +Arbeit abnehmen zu dürfen, und hatte sich in dieser fraulichen +Thätigkeit für den Geliebten glücklich gefühlt. + +Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gönnte sie ihn doch nur +einer Würdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall +gefunden. + +Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften +wegen, zu welchen auch ein rücksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die +kränkliche Freundin gehörte, aber für Hermann schien sie ihr doch nicht +die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie +bedenklich. + +Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja +nicht mal fürs Lesen Interesse, und die Bücher waren nun doch einmal +Hermanns Rüst- und Handwerkszeug. + +So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, daß Mimi durch ihre +Verlobung mit Pohlenz das Verhältnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen +hatte. + +Hermann, dieser liebenswürdige, gescheute, feine Mensch, würde gewiß +bald ein anderes Mädchen finden, das ihn besser zu schätzen wüßte und +ihn Mimi vergessen machte. + +Sie billigte es, daß er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit +dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermißte. Wenn +Mimi erst aus dem Hause wäre, würde ja wieder alles anders werden. Er +würde sich wieder, wie früher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie +belehren und fördern. Wie freute sie sich darauf. + +Die Tante hatte der Verlobten etwas spöttisch gratuliert und allerlei +Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen +Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekränkt ausrief: "Aber +nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thränen ausbrach. + +"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert. + +"Mimi vergißt uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns hätte +sie ihr Glück nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert hätte, +oder Du, Tante hättest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi muß uns ewig +dankbar sein." + +Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte, +sie würde Zeit ihres Lebens an die schönen Jahre zurückdenken, die sie +in diesen Räumen verlebt hätte. + +"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer +verlassen hatte. + +Mimi errötete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre +Brauen. + +"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten." + +"Das muß jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen +verlangen", versetzte Therese auf dies Geständnis. "Eine Ehe ohne Liebe +denke ich mir entsetzlich." + +"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu +furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--" + +"Dann werden Sie auch gewiß glücklich mit ihm," unterbrach Therese sie +schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie +fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht +daran denken." + +"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz +sagt auch, mit dreitausend Mark möchte er nicht heiraten." + +"Das kommt nun auf die Ansprüche an", meinte Therese. + +"Natürlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen, +wenn er nur will." + +"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi." + +"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe, +Sie besuchen uns denn auch mal." + + + + +XX. + + +Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit +erklärlichem Eifer getroffen. Außer dem unvermeidlichen Platenkuchen +hatte sie einen Puffer gebacken, groß genug, um die ganze Nachbarschaft +abfüttern zu können. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei +ihrem Brotträger einen gefüllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll +auch was davon haben", sagte sie. + +"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese +ein. + +"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen muß sein", erklärte +die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht." + +Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang +aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermöglichen. Auch einem +auswärtigen älteren Bruder des Bräutigams, der nicht früher hatte +abkommen können, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern. + +Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nähe von Oldesloe, kam denn auch +schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frühzug an, mit ihm ein +geräumiger Korb mit Eiern, Würsten und Speck. + +"Min Lowise wär gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau. +"Aber de Lütt is erst veer Wochen, nu Se weten wull." + +"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller." + +"Jau, eenunsöstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich. + +"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline. + +"Neegen Stück." + +"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Küche hinein. "Denk +Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder." + +"Neun?" lautete die verwunderte Rückfrage. + +"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese +in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnäckig belästigte, +meinte der gutmütige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da +könnte sie sich mal ordentlich "rausessen". + +"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in +dieser Hinsicht etwas empfindlich. + +"Glöw ick, glöw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll +Hosten, de geföllt mi nich." + +"Ja, ich weiß gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante. +"Das geht nun schon wochenlang so. Wir müssen wirklich mal nach'n Arzt +schicken." + +"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft +möt se hebben." + +"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich übel", +setzte er hinzu. + +"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thüren und Fenstern," erklärte +Therese, "aber meine Erkältung verträgt den Zug nicht." + +"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schädlich. Aber +frische Luft, de hätt noch keenen Minschen umbrögt." + +"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer +gleich sterben, wenn ich nur mal die Thür aufmach. Mir soll's gleich +sein. Ich sag nichts mehr." + +Nachmittags um fünf Uhr wurde das Geschäft geschlossen, das heißt, die +Vorhänge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige +Zugang zur Wohnung durch den Laden führte, mußte dieser geöffnet +bleiben. + +Um nun jede Störung durch Käufer fern zu halten, hatte Tetje Jürgens den +Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift: +Dieses Geschäft ist heute von fünf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung +der Inhaberin geschlossen. + +Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch. + +Eine große Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, daß +Hermann zugesagt hatte, zu kommen. + +Sonst waren nur noch Tetje Jürgens nebst Frau Gemahlin gebeten. + +Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hieß, versprach am Abend +nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem +Mädchen und dem Kellner alleine überlassen mochte, für den Abend aber +eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte. +Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen. + +Auch Wilhelm Beuthien hatte sich fürerst entschuldigen lassen müssen. Er +hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen können, da es sich um +gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurückzuerwarten. + +Frau Caroline hatte keine Mühe gescheut, es ihren Gästen gemütlich zu +machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fädchen, jede Erinnerung +an Geschäft und Arbeit, sorgfältig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen +und Reseda, mit dem Therese schon am frühen Morgen die Tante überrascht +hatte, prangte in einer weißen Biskuitvase inmitten der in einem Kreis +arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der +Zuckerschale. + +Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der +Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab, +von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehäkelten Sofaschoner, +Hermanns größter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die +Tante einmal an diesem hohen Festtag sämtliche Sitzmöbel mit solchem +Zierat behangen hatte. + +Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte +mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein +geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weißen Rosen, das der +galante Bräutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem +Spiegelschrank stand protzend ein mächtiger Strauß buntfarbiger +Georginen, den Onkel Martin seinem ländlichen Garten entnommen hatte. +Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wassergläsern kleinere Bouquets +und ein vom Krämer gespendetes rosagarniertes Blumenkörbchen. Der +praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas +thun zu müssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen +Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes +"!Viel Glück und Heil!" + +Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres +Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefüllt, die Hermann hatte +besorgen müssen. + +Als die kleine Gesellschaft, außer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch +versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit +Spitzen und Schleifen garniert. + +Ein allgemeines Ah des Entzückens empfing die wundervoll duftende Gabe. + +Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, öffnete das beigegebene +parfümierte Couvert. + +"Mit herzlichem Glückwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von +der kleinen Elfenbeinkarte ab. + +"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung überreichte +er das Bouquet, dessen lautester und unermüdlicher Bewunderer. + +Therese beobachtete ihn still. + +Nachdem die Angriffskräfte auf die Kuchenberge erschöpft waren und auch +die Unterhaltung über Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten +Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen +Skat vor. Er sah wohl, daß die lange Zeit bis zum Abendessen sonst +unerfüllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen +würde. + +Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurück. Der +Cigarrenschrank wurde geöffnet, und Therese stellte einige Flaschen +Löwenbier zur Hand. + +Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Häkeln, Albumbesehen und +Küchengesprächen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und +Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten +Unterhaltungsstoffes. + +Die Krämersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater +gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern hätte doch wahrhaftig +andere Pflichten. + +Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich, +Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehört, für einen +ganzen Pfennig Korinthen. Daß die Person sich nicht schämte. "Und dabei +thut solch Volk, als ständen sie mit'n Bürgermeister auf Du und Du." + +Und als nun Frau Jürgens die "Behnsch" erwähnte, geriet Frau Caroline in +eine kreiselnde Beweglichkeit. + +"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehört?" "Nu lassen Sie +sich aber mal erzählen." So schwirrte es durcheinander. + +Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprächen +vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung, +in ihrem Urteil über Welt und Menschen übereinstimmten. + +Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie +sich jedoch sehr abgespannt fühlte und ihres Hustens wegen nicht viel +sprechen wollte, ließ sie häufig fünf gerade sein und schwieg. + +Auch das überlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhörigkeit bedingt, +griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als nötig in der +Küche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann +besonders vom Glück begünstigt wurde. + +Auch einige Käufer, die sich von den herabgelassenen Vorhängen nicht +hatten abschrecken lassen, beschäftigten sie zeitweilig. + +Endlich kam auch Tetje Jürgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden +nahmen die Plätze der Brüder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu +den Damen zurück. + +Die Gesellschaft erhielt allmählich einen immer nüchterneren Anstrich, +hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, daß man zur +Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, überging. + +Mit einigem Geräusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer. + +Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen +dem kalten Aufschnitt und der süßen Speise geschickt aufgestellt und +jedem Teller ein Extrasträußchen beigelegt. + +Auf dem Sofa saß das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin +mit Frau Jürgens, links von dem Bräutigam Tante Tille und Tetje Jürgens, +neben diesem Therese, Wilhelm gegenüber, dem sein Platz neben Frau +Jürgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch, +zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt +des Mundschenken übertragen worden. + +Frau Caroline hatte für guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der +sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzüglich +und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung. + +Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede +auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich, +mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret +die Frauen, sie flechten und weben". + +Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf +aufmerksam gemacht werden mußte, daß ihr das Hoch gelte. Wilhelm +Beuthien, der im übrigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, ließ die +Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas. + +Er möchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen +wünschen, daß es ihnen immer gut gehen möge, "in truge Fründschaft un +Leev, un mit Gottes Segen." + +"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Gläser aneinander +klangen. + +Die Stimmung ward immer gemütlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich +zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrüderschaft getrunken. + +Tetje Jürgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll söte +Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein +in der Küche gekühlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten. + +Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, löste sich allmählich die +Zunge, da Hermann ihm fleißig einschenkte, und er rückte mit allerlei +gewagten Anekdoten und Rätseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger +noch überbieten zu müssen glaubte. + +Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine +Wahrnehmung zu. + +Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die +Achsel. + +Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt +von ihm, die Terrine hinaus. + +"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls. + +"In min Köök hebbt Se nix to söken", drängte die Wittfoth ihn zurück und +schloß die Thür. + +Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der +Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante +noch aufgefundenen Rumflasche. + +Triumphierend trugen sie die neue Füllung auf den Tisch. + +Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas. + +"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "für die Damens +vielleicht noch 'n bischen zu feurig." + +Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das +bräutliche Glück und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen +Augen. + +"Nu Musik", meinte sie. + +"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik möten wie hebben." + +Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt. + +"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hieß es, und Wilhelm mußte seine +Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rückte Tische und +Stühle zusammen und rollte den Teppich auf. + +Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann +den Spreewalzer zu spielen. + +Das Brautpaar eröffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau +Jürgens, und Tetje zerrte die sich sträubende Tante Tille einmal durchs +Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jürgens. +Therese aber stand, an den Thürpfosten gelehnt, und sah, das +Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit müde +flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fühlte sich sehr +elend, klagte aber nicht, um die Fröhlichkeit nicht zu stören. Ihr Kopf +schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu +dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen +Räumen reizten. + +Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mußte sich aber noch +vorher, von Abspannung überwältigt, zurückziehen. + +Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe +legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwätzigkeit +quälend. + + + + +XXI. + + +Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er +pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser +stellte er den Erfolg seiner Kur gewöhnlich schon in den ersten Wochen +nach seiner Rückkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand. + +Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof +gegeben. + +Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefühl, als wäre ein +Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich +aber schon am nächsten thöricht. Wie lange konnte sie es denn noch +verbergen? Ueber kurz oder lang mußte es zu Tage kommen, selbst wenn die +Mutter blind wäre. + +Wilhelm wich ihr gänzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annäherung +versucht, ihm auf der Straße aufgepaßt. Aber er hatte es ja so leicht, +sie von seinem Bock aus zu übersehen, sie, schneller fahrend, hinter +sich zu lassen. + +Wollte er sich von ihr zurückziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr +getrieben? + +Ihr schwindelte bei dem Gedanken. + +Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu +können. + +Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine +Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen +Uebersichergehenlassen. + +Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemächtigte sich ihrer +eine um so tiefere Niedergeschlagenheit. + +Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verändertes Wesen nicht entgehen, +die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens +nicht verborgen bleiben. + +Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend, +beobachtend verhielt. + +Lulu, mit der Feinfühligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der +Mutter wohl an, daß diese sie erraten hatte. + +Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen? + +Es drängte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob +immer wieder Einsprache, unterstützt durch die Feigheit. + +Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fuß gestanden, daß sie +nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfühlen, Verständnis, erwarten und +beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegönnt, +und sollte sich nun so vor ihr demütigen. + +Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos +beklagte, daß Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte. + +"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafür kaufe." + +Im Grunde aber ärgerte sich die Kleine sehr über Beuthien, dessen +Benehmen sie sich nicht zu deuten wußte. Sie hatte sich etwas darauf +eingebildet, daß er sie bisher überhaupt beachtet hatte. Es war ihr +heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er über sie hinweg, wie über jedes +andere Schulmädchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich +verschüchtert zurückzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das +verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie +verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in +dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer +Entdeckungen. + +"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal gequält. "Was geht +Dich Beuthien an." + +Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu +können, daß diese keine Ahnung von ihrem Verhältnis zu Beuthien hatte. + +Um so größer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drängte sich das +Geständnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurück. Und +doch, irgend jemand mußte sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es +nicht mehr tragen. + +Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das +Mädchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin +Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffsstützig." + +Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schämte sie sich denn nicht, sich +so gemein mit dem Dienstmädchen zu machen? + +Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung +aus der Hand nahm. + +Frau Behn war ihrer Sache gewiß geworden und konnte nicht länger +schweigen. + +Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus. + +Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach +in Thränen aus. + +"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch. + +Lulu schwieg. Die Mutter schüttelte sie heftig am Arm. + +"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?" + +Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mußte sie sich schelten lassen? + +Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau +plötzlich über die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten +Groll der Mutter die Riegel öffnete. Sie bebte vor Zorn. + +"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten." + +Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie. + +"Das ist gemein", fuhr Lulu auf. + +"Was ist gemein?" Die Mutter rückte ihr fast auf den Leib. "Was ist +gemein? Du, Du!" + +Ein tiefes Erblassen, ein röchelndes Nachatemringen, ein unsicheres +Umhertasten mit den Händen, und schwer sank Lulu an dem neben ihr +stehenden Stuhl hin zu Boden. + +Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!" + +Sie riß die Thür auf und rief nach Minna und nach Wasser. + +Das Mädchen brachte das Verlangte erstaunt. + +"Is Fräulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmächtige auf +den kleinen Lederdivan betten. + +"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Füer nich utgahn, +hörst Du?" + +Und Minna sah nach dem Herdfeuer, während Frau Behn der sich erholenden +Lulu sanft über Stirn und Scheitel strich. + +"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem +Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak." + +Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgesöhnt, hatten sich +wieder gefunden. + + + + +XXII. + + +Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem, +unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schüttelfrost +erwacht. + +Frau Caroline war sehr besorgt. + +Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag über +allein im Geschäft sein würde, denn das neue Fräulein sollte erst am +andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, daß Therese das Bett +verließ. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen. + +Ein Kind aus der Nachbarschaft übernahm gern, für zwanzig Pfennig +Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine +Lungenentzündung. Therese müsse unter allen Umständen im Bett bleiben. +Warum man nicht schon früher geschickt hätte. Auch dürfe die Kranke auf +keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die +übrigen Räume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer +an. + +Frau Caroline war untröstlich und quälte Therese mit lautem Lamentieren. + +Die gutmütige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge +zu vergrößern und über kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern. + +"Was fang ich an. Wie sollen wir die Möbel umsetzen? Ich kann das nicht. +Ich kann den schweren Schrank nicht tragen." + +Therese beruhigte sie, daß man Hilfe finden würde, niemand mute ihr zu, +den schweren Schrank eigenhändig ins andere Zimmer zu tragen. + +"Und wenn die Frieda uns nun sitzen läßt", jammerte die Tante weiter. +"Was soll ich anfangen. Alle Hände voll zu thun, und keine Hilfe." + +"Warum sollte Fräulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" tröstete die +Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unnötige Sorgen." + +"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett. +Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Küche sieht schon +aus, daß ich mir die Augen aus'n Kopf schäme. Kein Stück ist rein." + +Therese schwieg. Sie wußte, daß in solchen Stunden mit der umständlichen +Frau nicht zu reden war. + +Natürlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater +Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Möbel als treuer Bräutigam und +Helfer in der Not, und auch Fräulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine +kleine schwarzäugige, bleichsüchtige Brünette, mit Anlagen zur +Korpulenz. + +Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden +Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlägerig zu finden. Er kam in +der Folge öfter, und sie ließ es zuletzt zu, daß er vor ihrem Bett saß. + +Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei +ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er +unterstützte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah +sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu +Flecken vergrößern. + +Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig +Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen +geschlichen, wäre heftig zum Ausbruch gekommen, und es würde wohl +schnell zu Ende gehen. + +Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt +gesagt, da er sie genügend kannte, um zu wissen, daß sie sich +unverständigen, die Kranke schädigenden Gefühlsausbrüchen hingeben +würde. + +Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand +einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung +dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte +sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und +Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch +Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um +Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang +eines solchen Leidens naiv zu eröffnen. + +Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst. + +Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen +Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung. + +"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder +rauskriegen. Sei man ruhig." + +"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter +noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch +die schönsten Tage. + +Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen +Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze +der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den +Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue +Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren +unfreundliche, fast herbstliche Tage. + +Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen, +gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen +glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen. + +Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau +drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße +hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein. + +Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von +ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und +das Parterre des Behnschen Hauses begnügen. + +So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte, +namentlich mit Lulu. + +Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm +Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese +konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte. + +Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch +unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal +etwas von ihr gehört. + +Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt, +hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine +tiefe, echte Neigung von ihm gewesen. + +Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie +daran. + +Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war +doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie +jetzt übrig gehabt haben. + +Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher +rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte +Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte +sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen. + +Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei, +seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders +werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht: +wenn du nun stirbst? + +Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch +ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen, +und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe +Stimmung aufkommen ließ. + +Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt. + +Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im +Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie, +um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme. + +"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag länger, und ich bin fertig." + +"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu. + +Fräulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war +natürlich "die Schlechteste, die man hätte kriegen können, zu nichts zu +gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschälen." + +"Hätten wir doch Mimi noch", klagte die Tante. + +"Wärst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede +Minute muß man sich ärgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge +ja wohl alles zu Grunde." + +"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht +mehr dauern", tröstete Therese. + +"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr +aus. Ich bin am ganzen Körper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht, +lege ich mich auch noch hin." + +Das klang gerade nicht sehr aufheiternd für Therese. Aber wenn diese die +Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder +in der Küche mit Tellern unsanft umherstoßen hörte, war sie über Nerven +und Glieder der Tante beruhigt. + + + + +XXIII. + + +Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn +sofort seine Kur und reiste zurück. + +Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die +Begrüßung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzählen, die +Frau hatte in ihrem Brief mit genügender Ausführlichkeit berichtet. + +Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Straße +hinausgestarrt, das untrügliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm, +als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?" + +"In ehr Stuv, Johannes." + +"Ik will se nich sehn", stieß er hervor. "Nich vor Ogen." + +Wie tief auch die Geschichte an ihm fraß, so war es doch fast mehr noch +die soziale, als die moralische Seite, worüber er nicht hinwegkommen +konnte. + +Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen, +den ehemaligen Schulkameraden überflügelt zu haben, er, der Umhertreiber +und Thunichtgut von damals, den fleißigen, ordentlichen Musterschüler. + +Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel +aufgestellt worden, wie oft hatte es geheißen. Das wird noch mal ein +tüchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes. + +Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und +Umsicht, während Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht +weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte. + +So waren sie allmählich auseinander gekommen. Jeder mied den andern, +geniert durch das Mißverhältnis der Lebensstellungen. + +Nun mußte so etwas zwischen ihren Familien vorfallen. + +Wilhelm mußte seine Pflicht gegen Lulu erfüllen, da gab es keinen +Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es +ward ihm schwer, furchtbar schwer. + +Er hatte sich für Lulu einen andern gewünscht, als diesen Kutscher, +diesen Liebling der Dienstmädchen. + +Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt? + +Wenn der Bursche sich nun weigern würde, sein Vergehen zu sühnen, was +dann? Unmöglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber +so weit würde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann +und würde seinem Sohn schon ins Gewissen reden. + +Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder +umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal. + +Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang, +wie einem furchtsamen Schuljungen. + +Und er hätte doch im Zorn die Straße hinunterstürmen und alles kurz und +klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan hätte, wenn er beim +Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wäre. + +Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen +Stockwerk über der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeöffnete +Stallthür, Wilhelm beschäftigt, das Pferdegeschirr zu putzen. + +Der Anblick des Sünders weckte seinen Grimm. Am liebsten hätte er sich +gleich auf ihn gestürzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen, +ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze +Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf. + +Heftig stieß er oben die Thür auf, gegen die rasselnde Schutzkette. + +Tante Tille, in altmodischer weißer Haube, die sie nur des Nachts +ablegte, ein Butterbrot in der Hand, öffnete ihm. + +"Meine Güte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se sünd fort?" + +Er fragte nach Beuthien. + +"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein. + +Der alte Beuthien saß auf dem kleinen, abgenutzten Roßhaarsofa vor dem +mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und ließ sich es anscheinend gut +schmecken. + +Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich möbliert, +in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die großgeblümten, mit +selbstgehäkelten Spitzen eingefaßten Kattungardinen und der niedrige, +braune Kachelofen gaben dem Raum etwas höchst gemütliches. Der frisch +gescheuerte Fußboden zeugte von größter Reinlichkeit. Auch die beiden +billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in +schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels, +fügten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der +abgeblätterten Vergoldung und dem großen Spliß in der untern linken Ecke +des Glases, störte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen. + +Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu +einer imponierenden Erscheinung aufrichten. + +Erstaunt empfing ihn Beuthien. + +"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend. + +"Sünd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurück. + +"Ja, wat is?" + +Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schloß die Thür wieder. +"Wat is, Behn?" + +Kurz, heftig, stieß Behn seine Anklage heraus. + +Beuthien war starr. + +"Din Lulu?" + +Einen Augenblick saßen sich die beiden Männer stumm gegenüber. + +Beuthien stand auf. + +"He sall kamen, gliek." + +Behn hielt ihn zurück. + +"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien. + +"Ne, ne, he sall man kamen." + +Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wußte er sofort, was seiner +wartete. Aber er war nicht feige. + +Er grüßte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an. + +"Segg em dat sülfst", sagte sein Vater. + +"He weett't woll all", bebte Behn, wütend über Wilhelms Ruhe. + +"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemütlich +zu werden. + +"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fäusten. + +Wilhelm wich nicht zurück. + +"Ik lat mi nich schimpen", drohte er. + +Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend, +der aber schleuderte sie heftig zurück. + +"Du büst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der +kreideweiß wurde. + +"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden. +"Woans hest Du Din Fru kregen?" + +"Dat is wat anners", keuchte Behn. + +"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se +heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten." + +Wilhelm erklärte, er wüßte was recht wäre, aber er könnte seine Pflicht +nicht thun. + +"Wat?" rief Behn. + +"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm. + +"Du kannst nich?" + +"Ne, ik kann nich." + +"Is se Di nich god nog mehr?" höhnte Behn bitter. + +Wilhelm zögerte lange mit der Antwort. + +"Ik häw all 'n Kind", stieß er endlich hervor. + + + + +XXIV. + + +Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frühere Behnsche Mädchen, war die +Mutter seines Kindes. + +Behn hatte es übernommen, dieser ihre älteren Rechte auf Wilhelm +abzukaufen. + +Er fand das Mädchen in einem Keller bei Hökersleuten einquartiert, in +einem engen, dumpfigen Raum. In einem großen Wäschekorb lag das erst +vierzehn Tage alte Kind, häßlich, klein, eine Frühgeburt. + +Anna schämte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hörte, +um was es sich handelte, eine keckere Haltung an. + +Lulu, der hochmütigen, gönnte sie ihr Unglück. Sie trug ihr noch immer +die Mißhandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten? +Nie! + +Aber schließlich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe +zufrieden zu stellen. + +Die Rücksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das +ohne sorgfältigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren +ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien. + +Welch ein Vermögen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch +gezählt, zehn Hundert Markscheine. + +So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier +bekommen, als Wilhelm war. + +Dieser war froh, daß alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn +durchaus heiraten, so war ihm Lulu natürlich lieber, als Anna. + +Lulu erfuhr durch ihre Mutter, daß Beuthien sie heiraten werde. + +"Vadder hätt sik vel Möh geben", setzte die einfältige Frau hinzu. +"Dusend Mark hätt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin." + +"Für Geld?" rief Lulu. + +"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie. +Und dann erzählte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte +mit Anna. + +Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden. + +Also Anna hätte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande +bewahrt blieb. Und das Mädchen wußte natürlich nun alles, empfand +Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an. + +Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrückte die +Gewißheit, daß Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern +gehalten hatte, als er sie ins Unglück riß. + +Wer sagte ihr, daß Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte +sie zeit ihres Lebens verbunden sein. + +Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten +Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm. + +Alle seine Fehler, seine Roheiten drängten sich plötzlich in ihr +Bewußtsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich +verloren. + +Sie kam sich wie besudelt vor. + +Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Küche der Nachbarhäuser sehen. + +Jene Köchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper +Geschäftigkeit auf dem Fensterbrett den Mörser handhabte, wie oft mochte +sie in seinen Armen gelegen haben. + +Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende +Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht +vielleicht alle schon mit seinen Zärtlichkeiten bedacht? + +Es war ihr, als sähen alle zu ihr herüber, in ihr Fenster hinein, +höhnisch, vertraut: Wir gehören zusammen, Fräulein. + +Sicher sprach man jetzt überall von ihrer Schande. Würde Anna schweigen, +Anna, die sicher noch ihren alten Haß hegte? + +Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen. +Hieß das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen? + +Mochte Beuthien doch das Mädchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus +dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, für sich, für das Kind, oder +sterben. + +Es war das erste Mal, daß der Gedanke an den Tod ihr kam. + +Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die +Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn. + +Natürlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber +nachher, hat man es nicht mehr ertragen können, dann weinen sie ihre +Heuchelthränen. + +Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung +in die Alster, und alles ist gut. + +Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen. + +Sie kühlte sich am Waschtisch Augen und Stirn. + +Bei dem Blinken des Wassers mußte sie immer an die Alster denken. + +Ein Sprung in die Alster. + +Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr +vor Augen. Sie schüttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf. +Wer zwang sie denn? Sie war ja frei. + +Als die Mutter sie so müde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas +in die Luft zu gehen. Sie müsse sich Bewegung machen, auch des Kindes +wegen. + +Lulu wehrte ab. + +Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte +sie begleiten, meinte die Mutter. + +Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein, +nickte Lulu. + +"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter. + + + + +XXV. + + +Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen, +als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nächste dazu". + +Frau Caroline stellte sich völlig auf den Standpunkt der Moral. Sie +verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich für eine +anständige Frau geziemte, und hätte sicher an beiden kein gutes Haar +gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre +sittliche Entrüstung etwas gemildert hätte. + +Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu über die Achseln angesehn +gefühlt. Nun rückte sie jener gegenüber gar in den Rang einer +Schwiegermutter auf. + +Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior würde es nun heißen. + +Meine Schwiegertochter Lulu. + +Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht +nannte Lulu sie gar Mama. + +"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu +Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glück, daß +noch alles so gut abläuft." + +Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden +Kräfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als +bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wußte sie, daß sie +sterben würde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah +wiederholt an der Zimmerdecke Mäuse. + +Das bedeutete den nahen Tod. + +Therese wollte sonst nicht für abergläubisch gelten. Kartenlegen, +Besprechen und anderen Altweiberunsinn belächelte und verspottete sie. +Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her +ehrfurchtsvollen Schauder abgenötigt. So weit erstreckte sich ihre +Aufklärung nicht. Daß der Tod entfernter Personen sich oftmals +ankündigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren, +geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis für +erwiesen. + +Die Tante, der sie ihren Traum erzählte, hatte erst ein ganz bestürztes +Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn" +auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an +dergleichen Vorbedeutungen glaubte. + +Hermann gegenüber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal, +gesprächsweise machte sie doch Andeutungen. + +"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand, +streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und +gesund, Resi." + +Als sie ungläubig den Kopf schüttelte, sagte er wiederholt "Unsinn, +Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus. + +Das sagte ihr genug. + +Aber sie blieb ruhig und heiter. + +Sie hätte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, daß sie den Tod so +ruhig erwarten könnte. Kein Zagen, kein Graun. + +Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen +wiederkommen zu können erklärte, war ihr auf einmal so bange geworden, +so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als würde sie ihn nie wiedersehen, +als müßte sie ihn mit Gewalt zurückhalten. + +Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle +Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese würde die "Krisis" +überstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare +Vorstellung davon zu machen. + +Vielleicht würde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewußtsein +gekommen sein, wenn nicht ihre persönlichen Angelegenheiten sie gar so +sehr in Anspruch genommen hätten. + +Die geschäftlichen Obliegenheiten lagen thatsächlich fast allein auf +ihren Schultern, da Fräulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte. + +Dazu kamen die Heiratsgedanken. + +Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon +allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die +"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf. + +Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mädchen, die in +ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren. +Sie stand ja als so nahe Verwandte des Sünders mitten in der Aktion, und +von je her war sie nie glücklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit +dazu gehörte." + +Als künftige Schwiegermutter der ins Unglück geratenen, bewahrte sie +natürlich allen Ausfragern gegenüber die nötige Zurückhaltung, und half +durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier +abenteuerlicher Gerüchte um diesen pikanten Vorfall zu weben. + +Wie erschrak sie, als Mutter Behn früh morgens, um sechs Uhr, mit der +ängstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe. + +"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen." + +"Meine Güte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts +passiert?" + +Die Gemüsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hürt? Behns ehr Lulu is +furt." + +Ein Dienstmädchen aus der Gärtnerstraße wollte "man bloß mal auf'n +Augenblick einsehen". + +"Nu is se ja woll utrückt", meinte sie. "Wat'n Upstand." + +Auch der alte Beuthien kam ganz verstört. + +"Line, Line, wat'n Stück--wat'n Stück." + +Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hörte sie. + +Fräulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glühenden Wangen +immer neben der Wittfoth. + +"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie. + +"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die +Schürzen gesäumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig +sein." + +Damit schüttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab. + +Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster. + +"Dod?" fragte die Wittfoth. + +Beuthien gab mit dem Daumen über die rechte Schulter hinweg die Richtung +an: "In'n Kanal." + +"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da muß ich mich erst +mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren." + +Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her. + +"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll. +Was sie nu wohl wieder hat." + +Damit haftete sie über den Korridor, steckte aber im Vorübereilen den +Kopf durch die Thür des Arbeitszimmers: + +"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und +man ja nicht zu breit, hören Sie?" + + + + +XXVI. + + +Der alte Behn saß in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die +Ellbogen aufgestützt, das Gesicht mit den Händen bedeckend. + +Schon geraume Zeit saß er so da. + +Es war eine schwüle Luft in dem kleinen Raum. + +Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich +vielfarbig in den Kristallflächen des Tintenfasses und des +Briefbeschwerers. + +Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die +Fensterscheiben flog, war das einzige Geräusch in der drückenden Stille. + +Draußen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedämpfte Stimmen, ein +Geräusch, als würde ein schwerer Gegenstand transportiert. + +Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt. + +Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren. + +Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flüsternde Sprechen, das +Klingen der Korridorthür, und wieder die dumpfe Stille. + +Noch immer saß Behn in unveränderter Stellung, wie schlafend. + +Da wurde leise die Thür geöffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn +rief nach ihm. + +Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des +Mannes, aber er rührte sich nicht. + +Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter. + +"Johannes!" + +Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten +Fäuste, und der große starke Mann schluchzte wie ein Kind. + +"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise. + +Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schämte er sich seiner Thränen. + +Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf +einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch, +den Tintenwischer, die Sandbüchse, tastete an sich herum, als suche er +etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der +geduldigen Frau. + +"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte +Zimmer eintreten wollte. + +Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie +die Eltern die beste Stube betraten, mit flüchtigem Blick einen Teil +des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet. + +Sie beugte sich nachher zum Schlüsselloch hinunter, sah aber nichts, als +den breiten Rücken des Vaters. + +Ihre Gedanken waren in großer Erregung. Lulu tot. Unfaßbar schien es +ihr. + +Es war das erste Mal, daß der Tod Paula so nahe trat. + +Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thränen abgepreßt. +Seine Augen waren noch rot und heiß vom Weinen, eine trockene, stechende +Hitze in den Lidern. + +Jetzt, nach dem ersten Gefühlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem +Recht. + +Paula hätte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter +wollte es nicht leiden. + +Wenn der Vater sich doch nur mal rühren wollte, dachte sie, am +Schlüsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen +konnte. + +Ob wohl viele Kränze kommen würden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen +Pomp eines Begräbnisses vor sich. + +Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nächsten +Sonntag war. + +Ob man ihn wohl feiern würde? + +Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf +eingeladen. Clara würde ihr eine Papeterie schenken, das wußte sie +schon. + +Wie häßlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag würde. + +Plötzlich fuhr sie vom Schlüsselloch zurück. Die Thür ward hastig +aufgestoßen, und der Vater, blaß, zitternd, trat schnell heraus. + +"Water, flink, Water", ächzte er. + +Minna stürzte aus der Küche und stieß unsanft mit Paula zusammen. + +Doch der alte Behn war schon in der Küche, ehe die Mädchen recht +begriffen, was er wollte. + +Die Stirn gegen die Wand gestützt, kämpfte er mit einem erstickenden +Würgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrücken den kalten +Schweiß von Stirn und Backen wischend. + +So traf ihn der Briefträger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt +durch die nachlässig geschlossene Thür in die Wohnung gelangt war. + +Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus. + +"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend. + +"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Briefträger. "So gewitterig +heute." + +Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab. + +"Is di beter, Johannes?" + +Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen. + +"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung för dat Klaveerstimmen." + +Der Briefträger, noch ohne Ahnung von dem Unglück, das die Familie +betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Straße, durch ein Mädchen +des Nachbarhauses. + +Er hatte auch für Frau Caroline Wittfoth einen Brief. + +Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut. +"Briefträger!" + +Er mußte noch ein zweites Mal rufen, bevor Fräulein Frieda erschrocken +erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen +balancierend. + +Beide ausgestreckten Hände zur Höhe der Ohren erhebend, bedeutete sie +ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein. + +"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert. + +"Unser Fräulein is tot." + +"Fräulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?" + +"Schwindsucht", flüsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles +Verbrechen. + +Mit bedauerndem Kopfschütteln entfernte er sich. + +Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock. + +Fräulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das +Gewünschte zu finden war, und holte die Wittfoth. + +Frau Caroline erschien, verweint, mit geröteter Nase, das Taschentuch in +der Hand. + +"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzählte sie auf den +fragenden Blick der Käuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von +gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes +Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hände voll zu thun. +Ich weiß auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht." + +"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehört hatte. "Mit so'n +Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang." + +"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sögg Se den Unnerrock rut." + + + + +XXVII. + + +Zwei Tage später hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des +Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter. + +Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel +vier Kränze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre +goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Kränze frisch +besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf +den Blättern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblüten +und dem dunklen Grün der Kranzgewinde. + +Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge. + +Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen, +das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wäscheschatzes, +in der Hand. + +Nachdem sie alles Nebensächliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu +kommen pflegte, überwunden hatte, die Störung ihres Hauswesens, die +Beeinträchtigung des Geschäftes, die Wahl eines Trauerkostümes, ob Crépe +oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige +Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen. + +Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit +niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag +zurücklegte, den Fräulein Frieda öffnete. + +Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr +winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur +eine schwarze Moiré-Schürze angelegt, die Frau Caroline für diesen Zweck +noch in letzer Mintute dem Schürzenkasten entnahm. + +"Der Leute wegen." + +Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu +entfernen. + +"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Fräulein", flüsterte sie aus der +Droschke heraus dem Mädchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock +kommt, wissen Sie ja Bescheid." + +Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem +Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rötliche schillerndem +Cylinder. + +In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt, +damit nicht nur ein einziger Wagen folgte. + +Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die +ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wäre. + +"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt +Unglück. Gewöhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade +Zahl, das ist besser." + +Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die +Schwächen seiner Tante zu schonen. + +War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet +gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschüttert. Er hatte alle seine +freie Zeit der Tante zur Verfügung gestellt und ihr alle Vorbereitungen +und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen. + +Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufällige Entdeckung, daß +er dem Herzen der Verstorbenen näher gestanden haben mochte, als sie ihn +hatte merken lassen. + +Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem +Nähkörbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat, +ein Geschenk, das er ihr ungefähr vor einem Jahre gemacht hatte. + +"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklärte die Tante. "Und noch etwas +für Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es +zum Geburtstag haben." + +Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkränzte Monogramm +Hermanns. + +Gerührt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner +Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begräbnis noch +in die Wohnung der Tante zurückzukehren. + +Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus +dem Behnschen Hause den reichgeschmückten Sarg hinaus. + +Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen überströmte die +Straße, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren. + +In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Straße hinauf. + +Nur wenige, flüchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens. +Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begräbnis. + +Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man +besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger +Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen. + +Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenüberhäuftem Sarg +aus, der Zauber des Gräßlichen, der Reiz des Unglücks umstrickte die +Seelen. + +Der Wind warf den Staub unter die Menge, über den Sarg, über die Kränze, +trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief +herabhängenden Trauermäntel der Pferde wie Segel auf. + +Die zwölf Träger, in ihren althergebrachten Pompgewändern, mit weißer +Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der +Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zügel, und der +Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor über den linken Arm +tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung +setzte. + +Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine +plötzliche Verkehrsstörung wieder zum Halten zwang. + +Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen +hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht. + +Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglücklicher Zufall, ließ +das leichte Gefährt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoßen. Das +zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden +gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker +stand in größter Verlegenheit bei dem gestürzten Fuchs, der wild +ausschlagend, alle Bemühungen, ihn aufzurichten, vereitelte. + +Daneben stand, blaß, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der +Angst den kühnen Sprung von ihrem gefährlichen Wagensitz gewagt hatte. + +Hermann hatte aus seinem Coupé heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen +vermeint. + +Schnell zog er sich in den schützenden Versteck des tiefen Fonds zurück. +Keine Erinnerung hätte ihm heute peinlicher sein können als diese. Sie +brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmütige Stimmung. +Die Augen schließend, träumte er in der langsam über das stoßende +Pflaster holpernden Droschke von jenem Frühlingsabendgang zwischen den +Weißdornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Küssen. + +Mit schrillem Mißklang intonierte in einer Nebenstraße eine Drehorgel +einen neuerdings beliebten Operettenwalzer. + +Hermann schrak aus seinem Brüten auf. + +Wie gemein waren diese Klänge. + +Ein Straßenjunge sang im höchsten Diskant zu den Melodien des +Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis +zur nächsten Straßenecke hörte Hermann den Gesang des Bengels. + +Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehört? War es +damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen. + +Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie, +summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im +Walzerrhythmus: + + "Meine Liebste ist in Bremen, + Ist 'ne Selterwasserdirn." + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11108 *** |
