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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Der Mann im Nebel + +Author: Gustav Falke + +Release Date: February 13, 2004 [eBook #11075] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** + + +E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders + + + +Der Mann im Nebel + +Roman + +von + +Gustav Falke + +Hamburg 1916 + + + + + +Seinen lieben Freunden +Karl Ernst Knodt +und +Frau Käthe +herzlichst zugeeignet + + + + +Erstes Buch + + + + +1. + + +Liebster Doktor! + +Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor führt mich mein +Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorüber, und ich +werfe betrübte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schön war's da +oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenüber +auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem bücherbeladenen Tisch eine Tasse +Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, über +Literatur, Kunst und tausend Sachen. + +Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man +diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer +etwas waschfrauenmässigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden +Sprechweise. + +Und das einzige Likörglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer +ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund: + +"Is nich'n hübsches Glas? Is aus Travemünde. Hab ich selbst mitgebracht. +Hübsches Glas. Ist es nich? Aus Travemünde. Hab'n Schwester da, wissen +Sie. Ja, 'n Schwester." + +Sie lässt bestens grüssen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen +Zöllner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau +Kontrolleur gibt viel auf das Solide. + +Na, in Punkto Solidität. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zöllner wird +uns über sein. + +Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine +Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie über meinen letzten Roman schrieben, +hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist +doch nichts mit diesem nüchternen Realismus. Ich möchte nun endlich mal +schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen. + +Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles mögliche. +Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Porträt +von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei +Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkämpfe mit sich +aufführt. Ihre gefährlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer +daraus wird. + +Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfüber in +die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es +bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn +wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Müdigkeit, +Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine +neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der +Wintererde. + +Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne, +liegen auf dem Rücken und hören die Mittagsmusik des bocksbeinigen +Gottes, während ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei +anhöre. + +Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb für Sie wieder ausgrub, weil es +gerade hierherpasst. Etwas Böcklin-Nietzsche mit einem Stich ins +Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehörig. + +Herzlichst + +Ihr Gerd Gerdsen. + + * * * * * + + +Tanz. + +Pan bläst. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der +Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden +Blondhaares freuen werden. + +Komm auf die Wiese! + +Blumen werden sich unter unsere Füsse drängen und aufgescheuchte +Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge, +leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt. + +Wir wollen tanzen zu diesen Tönen. Und die Wiese tanzt, und der Wald +tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die +bräutlichen Birken mit den jungfräulichen Gewändern aus Silberseide. + +Und die weissen Lämmer auf der blauen Himmelswiese werden hüpfen, +umeinander hüpfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Flöte des Hirten. + +Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen +auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender, +glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in +unserer nackten Schönheit und in unserer nackten Freude. + +Komm, komm! Pan bläst. + +Die Bocksfüsse übereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten, +Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen. + +Wir aber tanzen vor ihm, nackt, über Blumen, zwei weisse Schmetterlinge, +trunken in Lust, trunken in nackter Lust. + + + + +2. + + +Lieber Gerdsen! + +Herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr +Plan ist vorzüglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfügung, +Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber +einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans. +Sie wissen, wie sehr ich ihn schätze, hochwerte, diesen Realismus: +künstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des +treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und +ohne den es nicht gehen würde. Aber selbst dieser Humor macht diese +misera plebs, diese Kellerleute, Käsekrämer und Ladenmädchen nicht auf +die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen +machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Höhenmenschen. Was wollen Sie +Dünger karren, statt uns Edelgewächse zu ziehen. + +Könnt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen, +ohnmächtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnügen, dem +einzigen, was Ersatz für mangelnde Produktivität gibt, die Natur, die +uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin, +die Zerstörerin, die am grössten ist, wenn sie tötet. Das ist es, was +ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre +Gleichgültigkeit! ihre völlige Verachtung des Menschen! + +Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen müssen wir mal zusammen. + +Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften, +diese sanften Hügel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser +täglich Brot gib uns heute. Amen. + +Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den +Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und über allem der Gendarm. + +Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art +Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschlüsse aufkommen +lässt, Hans der Träumer! + +Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht +dieser ekelhafte Stadtpöbel, keine öde Sozialdemokraterei, diese +Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit +zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht. + +Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel; +was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus für zehn, zwanzig +Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Hält sie länger vor +als das Öl, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben, +dass wir's wegwerfen können. + +Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer, +zwischen den Schären Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares +Südseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saëns. Danse +macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Möven schreien, oder die +Affen. + +Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige. + +Ihr Randers. + + + + +3. + + +Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu +gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt hätte, er +würde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen +Schulhause leben, würde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker. +Er liebte weite Horizonte, Grösse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte +das Meer. + +Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des +niedrigen Schulhauses mit dem kleinen bäuerischen Vorgarten voll greller +Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz +traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng, +kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach, +die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine +Schule. + +Und dann die Familie des Lehrers! + +Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave, +einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie +hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten +gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tür gefahren. Auf ein paar +Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber +er versprach zu räumen, wenn sie das Quartier besser vermieten könnten. + +Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so +nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war. + +Ja, was war er? Eigentlich nichts. + +Aber das hätten sie nicht verstanden, er fühlte instinktiv, dass diese +Leute von seiner Jugend irgend eine nützliche Tätigkeit verlangen +würden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es +genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen, +besann sich aber und sagte Schriftsteller. + +"Sie schreiben wohl für Blätter?" + +"Ja, für Blätter." + +Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und +der Lehrer sagte nochmal: + +"So, f--ff--für die Blätter." + +Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die +widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedächtig zögernd wieder +entliess. + +Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen, +hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern, +weil es zu heiss war und er sich müde und unlustig fühlte. Und nun war +er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewöhnt und liess es gehen, +wie es ging. + +Tagsüber lag er auf dem Rücken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen +Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geräusch, das ihm einigermassen +den eintönigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er drängte sich +mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf +schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter +den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prächtig gefunden hatte +wie hier, ausgenommen natürlich in Dänemark, seinem geliebten Dänemark. +Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen +in der grünen Wildnis, die ihn in Kopfhöhe überdachte, in unmittelbarer +Berührung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser +grünen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl. + +Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee +geführt, die ein paar Stunden von hier ihre schläfrigen Wellen auf den +Sand des flachen, langweiligen Strandes warf. + +Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf +dem Rücken im warmen Sand gelegen, die kühle Seeluft geatmet, Verse +gemacht und an ein kleines Mädchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken, +die nicht tief herkamen, die aber hartnäckig waren. + +Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschäftigt +hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin +er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen +zitternden Luft tanzte. + +Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte +auch gar zu wüst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur +darüber hinweg kommen. So ein Abschied für immer ist keine Kleinigkeit. +Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die +Nerven. Erst dies Verhältnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz, +Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er +hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen müssen. Der untersuchte ihn +gründlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem +Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter +nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen. +Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: höchstens zwei Glas! + +Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte +recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre +leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben, +das seiner Natur gemäss wäre. Und das war ja sein einziges Streben, sich +mal ausleben zu können, ein paar Jahre nur, ganz souverän, keinem willig +und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der +Gesundheit. Es käme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre früher oder +später abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die +Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wünschen einzurichten. Zehn +Jahre würde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen +Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann +sich mit dem zu beschäftigen, was nach zehn Jahren sein könnte. + + + + +4. + + +Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten +Buchen, die dem Schulhause gegenüber ihre hohen teilweise abgestorbenen +Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geräumigen Rundplatz +einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an +dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer +Viertelstunde Wegs vor dem hügeligen Hochwald lagerte. + +Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von +Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Füssen +niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen +Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die +weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen +und einen Teil der häuslichen Tätigkeit hierherverlegten. + +Randers ärgerte sich über diese Verunzierung des hübschen Waldplatzes, +diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen +grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders +erboste, hatte er wütend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter +sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen +eines jungen weissstämmigen Birkenbäumchens. Randers hätte das Fähnlein +gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu mühsam, darum aufzustehen. + +Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel". +Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den +Blättern des Buches einen Zittertanz aufführten und die Buchstaben mit +hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her störten ihn. Auch +das Schwärmen der Bienen belästigte ihn. Es war ein ununterbrochenes +Summen um ihn. Aus den Stöcken des Lehrers kamen sie, über die Blumen +des Gartens und die Honigträger am Grabenrand der Landstrasse her, nach +dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerblüte und hundert andere +süsse Schüsseln lockten. + +Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten +immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurück, den er heute morgen +beantwortet hatte. + +Ja das könnte etwas werden! Das würde ihm Spass machen. Spass? Nein, +durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu +berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grübeln über sich und sein +Schicksal, und ging hier einen Weg zurück und da einen anderen, um auf +die Anfänge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen. +Und die Wege führten ihn zurück in die Kindheit, in das kleine +Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das väterliche Pfarrhaus vor sich, mit +den wilden Rosen um Tür und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn +und dem grossen Küchengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das +bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern, +den ganzen farbigen Herbstgarten. + +Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Äpfel +reif waren? Oder waren es nicht die Äpfel, sondern nur die Aussicht auf +die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese +Erinnerung so wert machte? + +Die Kronen der alten krummästigen Bäume ragten über den niedrigen Deich +hinüber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den +Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten +Pappel, lustiger und höher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war +und so hoch über der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See +hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefühl romantischer Einsamkeit mit +süssen Schauern aufgegangen. + +Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Träumen überlassen, +Träumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Länder, auf +einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren. + +Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese +Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in +Pappelhöhe über der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles +übersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der +Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des +alten Jönksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck +Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz +umdrehte, die Hütte des alten Jönksen, nur durch zwei andere Hütten vom +Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten über die +kleinen Nachbargärten hinweg in Jönksens Garten sehen, wo immer Wäsche +hing, Wäsche, für die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie +war von Inge Jönksen da hingehängt. Inge, die fünfzehnjährige Inge +Jönksen! Das war seine erste Liebe gewesen. + +Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind +bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter +dem Zaun des väterlichen Gartens stand und hinüberlugte, wo Inges +blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und +grobe blaue Wollhemden, dicke graue Strümpfe, und verwaschene Schürzen, +alles vielfach gepflickt und gestopft, über die Wäscheleine klammerten. + +Aber am schönsten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot +hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den +Kurs änderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das +war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen, +als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen +werden, schnell die Köpfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!" + +O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schönen Zeit +erzählen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern. +Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glücklichen +Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten für Gerd +Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen für +den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner späteren +Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge +Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die +Pappel; ja die vor allem! Merkwürdig, er sah immer diese Pappel vor +sich, als wäre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast, +um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte. + +Und dann die Schnapsflasche des alten Jönksen. Brrr! Er erinnerte sich +noch des ersten Schluckes und seiner höllischen Wirkung. Auch diese +Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie +gehörte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen +bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bäche und +Bächlein, die zusammenflossen zu dem einen rätselhaften Gewässer voller +Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie +Henning Randers nannte. + +Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte +ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann würde es etwas +werden, wovor jeder die Augen aufreissen würde, und er selbst wollte mit +einer wehmütigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen +Freude über diese Selbstprostituierung. + +Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu +sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen +Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg +hinauf. Einen Augenblick zögerte er beim ersten Jägersteig, der in das +Buschwerk abbog und dessen dunkle Öffnung ihn so einladend ansah, aber +er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe +Furchen eingegraben hatten. + +Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese +vorgerückte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und +gelben Löwenzahn, und roten und weissen Klee, und Männertreu und wilde +Stiefmütterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen +Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und überall am +Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und überall Bienen und +Schmetterlinge. + +Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas +zurückgeblieben war und fast noch ganz in Blüte stand, gaukelte ein +Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers +blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden, +lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn, +wie sich Schmetterlinge und Bienen die süssen Tropfen streitig machten. +Es war ein ähnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei +Jungen balgten. Wer ist der stärkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so, +zeig's ihm! + +So stand er und sah lächelnd in diese Flügelschlacht. + +Es war ein beständiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefächel +aller dieser weissen Flügel über den weissen Blüten in der hellen +weissen Sonne blendete ihn zuletzt. + +Es war ganz still. Man hörte nichts als das anheimelnde Summen der +Bienen. Hin und wieder das Geräusch knackender Zweige, wenn ein +Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den +entfernten Weiden her das gedämpfte Brüllen der Rinder. + + + + +5. + + +Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfäller. + +Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben, +deren weitüberhängende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu +sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel +schwammen. Im Schilfgürtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien, +leuchtend in dem saftigen Grün um sie her. + +Randers kämpfte mit der Lust eine besonders prächtige Lilie zu pflücken, +als Claus Mumm heranschlürfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte. + +Der Alte ging gebückt unter einer Last dürren Zweigholzes und gestützt +auf einem derben Knüppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er +rückte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmütze und sah mit scheuem +Blick aus den kleinen, trüben, rotumränderten Augen zu Randers auf. Ein +stummer unterwürfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte +unter mehr als unter der Last des seinem mürben Rücken aufgeladenen +Holzes. + +"Dag Mumm, wo geit?" + +Der Alte blieb stehen. + +"Na, woans is dat? hebben Se noch nix hürt?" + +"Ne Herr! He sitt ja nu erst." + +Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrüstig, pfeifend. +Eine traurige, gedrückte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken +Augen passte. + +"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers + +Ein kurzer Aufblick der müden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten +sich die alten Beine in schlürfende Bewegung. Es lag etwas +Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen. + +"Adjüs Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht +sinken." + +Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzählt, dessen einziger +Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe +Erzählung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestört. Nachher waren +sie nicht wieder darauf zurückgekommen. Jetzt war Randersens Neugier +durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er +nicht ausfragen mögen. + +Es war ein Mädchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die +unverständliche Tat eines überall beliebten, unbescholtenen Burschen. +Ein Rätsel. Um eine ältere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind +von ihm trug, erfüllen zu können, hatte er den Mord begangen. Warum +tötete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin? + +Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der +Fall interessierte ihn. Es war etwas für seinen psychologischen +Spürsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem +Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine +Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne +Bauernnovelle für die Feinschmecker. + +Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas. +Was wollte er nicht alles. Er würde auch diesmal nicht über den Plan +hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskönner. Aber einerlei, +vielleicht glückte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen +Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzählte +so nett umständlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur +Verzweiflung bringen musste, aber für den Psychologen gerade das rechte +war, weil es ihm Fäden in die Hand gab. + +Auf hügeligen Wegen hatte Randers allmählich auch den Hochwald +durchquert. Der schmale Waldstieg mündete durch einen Wallausschnitt in +einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus, +ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrünen Hafers, +dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdächer, ein ganzes Dorf. Ganz +hinten Wald, lang ausgestreckt. + +Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu +können. + +"Ob man weiter geht?" sagte er laut. + +Eine heisse Luft lag über den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel +spannte sich wolkenlos darüber. + +Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie +hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen. + +"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim +Brutgeschäft. Diese grosse Muttertätigkeit." Es lag ein leiser +Widerwille im Ton. + +"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebären. Sinnlos, zwecklos. +Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur." + +Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurück in +den Wald. Da draussen war ein Schweissduft über der üppigen +Kornlandschaft. Mühseliges Sichabrackern ums tägliche Brot. + +Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht. + +Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von +dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Füssen +aufraschelte und die dürren Zweigabfälle knackten. + +Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand. + +Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen +gesprochen hatte. In der Nähe des Lohteiches sollte er sein. + +Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an +Busch, voller roter, reifer Früchte. Er naschte. Er gab nicht viel um +dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hängen sehen, +ohne zu pflücken, wahllos, wie sie ihm am nächsten hingen. + +Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rücken. Der Boden war +stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen +nur wenige grosse Bäume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein +grosses Stück Himmel. Es hing nur ein einziges Wölkchen da oben, wie +vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum. + + + + +6. + + +Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschränkt, und +starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten +Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Röckchen von Schullehrers +Christine. + +Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pflücken +würde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus +dem die Fünfzehnjährige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren, +schwarzen Zöpfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch, +kernig, gesund. + +Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das hübsche Ding leiden. +Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie +mit etwas onkelhafter Güte behandelte. + +Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in später Abendstunde neben ihm +vor der Haustür stand, ein Gewitter hatte sie länger wach gehalten, da +hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm +aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschämte wortkarge Gegenrede +gewusst. + +Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem +wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf +sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt hätte er +sie zeichnen können, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Röckchen +mit dem verschämten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Füsse in +den Holzpantoffeln, die grauen, groben Strümpfe um die vollen festen +Waden. + +Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht +mal darüber. Nur ein flüchtiges Lächeln, ein leises vergnügtes +Schmunzeln ging über sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um +besser sehen zu können, nickte er wie zur Bestätigung eines +unausgesprochenen Gedankens. + +Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in +Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen +Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren +gepflückt haben, sie standen überall reichlich, freilich nirgend so wie +hier. + +Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pflücken. + +Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten. +Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten über die Schulter +zurück. Immer, wenn sie sich tiefer bückte, fiel wieder eine nach vorne. +Zuletzt liess sie sie hängen, wie sie wollten. + +Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr +würde und einen Schrecken bekäme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte +Probe gestellt. Die Kleine suchte gründlich Busch für Busch ab und +entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr +aus und klatschte laut in die Hände. + +Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit +grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht ängstlich. Sie war +augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine +Furcht. + +Wenn nun ein andrer hier läge? + +Sie war doch schon in dem Alter. + +Und dann gingen ihm flüchtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen +durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm. + +Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins +Gesicht. + +"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte +aber vergnügt über den Spass und kam gleich zu ihm hin. + +"Sehen Sie mal, so viele." + +Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefüllten Topf hin. Er +fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das +Gefäss zurückzog. + +"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie. + +Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den +Topf bequem, leicht schüttelnd, dass ihm die losen Beeren in die +geöffneten Hände rollten. + +"Noch'n paar," drängte sie, aber er wollte nicht mehr. + +"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er. + +Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschämt an. Aber sie +lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust hätte. Er +rückte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genügte. Sie +setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an +zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute wäre, und ob er +schon lange hier läge, und ob er über den Fuchsberg gekommen wäre oder +am Lohteich längs. + +Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn +neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwähnung des Lohteichs brachte ihn +wieder davon ab und auf den alten Mumm. + +"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm für eine +Mordgeschichte?" + +"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie. + +"Der hat seine Braut ermordet, was?" + +"Ja, die eine." + +"Die eine?" fragte er. + +Er musste lachen. + +"Hat er denn mehr gehabt?" + +Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen +entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der +Sache wegen. + +"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er. + +"Etwas weiter längs." + +Sie zeigte mit der Hand nach links: + +"Im Schreiberholz; wissen Sie?" + +Er wusste. + +"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie. + +"Wenn er es getan hat." + +"Möchten Sie das wohl sehen?" + +"Möchtest du das?" + +Sie besann sich einen Augenblick, während ihre Augen sich vergrösserten. + +"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas +Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Lügen. Er merkte es wohl. +Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste. + +Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade +recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine +Unterhaltung für sie? + +Er wälzte sich mit einer Schwenkung näher und lag jetzt auf dem Bauche, +die Ellenbogen aufgestützt und, die Hände gefaltet. + +Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schürze, und er machte sie darauf +aufmerksam. + +Sie verzog den Mund etwas. + +"Das macht nichts." + +"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's." + +Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe. +Sie bog sich zurück und schlug nach seiner Hand. + +"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem +Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie +es nicht dulden wollte, fing er ihre Hände ein, hielt sie mit einer Hand +umklammert, richtete sich halb auf und berührte etwas unsanft mit dem +Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange. + +Sie kreischte auf und rang mit ihm. + +"Du Racker." + +Er hatte wirklich Mühe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf +einmal riss er sie fest an sich und küsste sie. + +Sie schrie auf und schnellte zurück, als er sie los liess. Sie war mehr +erschrocken als gekränkt, und sah mit einem etwas dümmlichen Lachen auf +ihre Schürze. + +Ihre Schulmädchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst lächerlich. Wie +kam er dazu, dieses Kind zu küssen. Er fühlte das Bedürfnis, sich vor +sich selbst zu entschuldigen. + +"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend. + +"Wofür?" fragte sie patzig. + +"Für das Naschen." + +"Ach Sie!" + +Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem +Schürzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den +Fruchtflecken auf ihrer Backe. + +"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflück auch +fleissig." + +"Wollen Sie schon gehen?" + +Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen hätte, wenn er noch bei +ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging. + +Verdutzt sah sie ihm nach. Enttäuschung malte sich auf dem hübschen +Kindergesicht, Unmut und Übellaunigkeit. Und die Spitze des rechten +Daumens zwischen die festen weissen Zähne geklemmt, stand sie noch eine +ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung, +wo er verschwand. + + + + +7. + + +Mutter Petersen stand vor der Haustür und trieb Randers mit +Händeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspätet, sie warteten schon +auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch. + +Während des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in +seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es +war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren +Form geworden. + + "Liebster Jesu! sei unser Gast + Und segne, was du bescheret hast + Amen!" + +Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart. + +Später war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm würdelos, +unanständig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen +Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser +zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte. + +Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige +Tage lang, als sie hier alle die Köpfe senkten und andachtsvoll auf die +gefalteten Hände in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Löffel in die +Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfältig. Er +tauchte in diese einfältige Frömmigkeit mit unter, es kam ein Gefühl des +Geborgenseins und des Vertrauens über ihn, wie im Elternhaus, und er +empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt +war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe +marionettenhafte stumme Beten. + +Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach, +still, fast demütig. Es lag eine gewisse Würde in seinem Tun. Aber +Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit +strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmässig, im Paradeschritt vor +ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum +Löffel, während ihr Eheherr auch darin eine gemessene Würde bewahrte, +langsam, zögernd nach dem Löffel langte, als schäme er sich, Profanes +und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln. + +Christine machte es nach Kinderart, gründlich, als sagte sie alle Gebete +her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem +zum andern, und nie hörte sie vor den Eltern zu beten auf. + +Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller. + +Randers wusste warum. + +"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses +Gänschen da küssen." Er schämte sich. + +Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er +lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hörend und das +Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hände, das +Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkündete und die Säumigen +von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die +Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den +dumpfen Zustand zwischen Wachen und Träumen zurück, bis er sich +gewaltsam aufraffte und die Müdigkeit abschüttelte. + +Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu +kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen: + + Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen, + Steht mir vor Augen einer Laube Blühen, + Und vor dem Tische unter goldnen Haaren + Seh flutentief ein Auge ich erglühen. + Was trieb es mich, mit Glück und Stern zu sparen + Und mich zu weihen törichtem Bemühen? + Nun schüre ich in Aschen, die vor Jahren + Geglüht, und seh sie in die Winde sprühen. + +Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern +hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer +Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfälle über Kunst und +Literatur, Schuldenberechnungen, Wäschenotizen, und allerlei +gleichgültige Aufzeichnungen für den Tag. Manchmal war ein kräftiges +Urteil quer darüber geschrieben, wie: Unsinn! Blödsinn! Gewäsch! + +Randers hatte eigentlich Notizen für Gerd Gerdsen machen wollen an +diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte +es nun lieber bis morgen lassen. Es träumte sich so nett hier. + +Vom SchülhauseSchulhauselangen abgerissene Töne eines Kirchenliedes, +helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers. + + + + +8. + + +Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten +Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel +und das Fürstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es +her, eine schwarze Wand, die sich gleichmässig vorschob. Eben hatte noch +die Sonne hinter dem Fürstenberg ein rotes Feuer angezündet, und jetzt +war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rührte sich. +Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes +Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zögernd, schwer +auffallend, gleichsam versuchsweise. + +Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene +Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer +seine beiden Kühe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren +Holzpflöcke schleiften über den Kies des Gartens. + +Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die +Holunderbüsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die +Fensterflügel rüttelten in den Angeln und eine Tür schlug zu. + +Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen, +und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom +Gesimse. Drüben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her. + +"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah +es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stürzten aufs +Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hörte ihr +Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgürtel. + +Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches +Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitän auf der Brücke. Der ist blass bis +unter die Mütze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber +wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem +Geländer der Kommandobrücke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt +etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit +heftigen, überredenden Gebärden. Er schüttelt den Kopf, er will nicht +weichen. Nicht vom Platz! + +"Der Held! Der Held der!" + +Randers rief es ganz laut. Er glühte vor Aufregung. Könnte er da oben +stehen. Sein Leben dafür! + +Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind, +und hinein in den brüllenden, schäumenden, herrlichen Mannestod. + +Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in +die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bäume, als Mutter Petersen ins +Zimmer stürzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schönfelde +gegangen, um etwas vom Krämer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem +Unwetter unterwegs. + +"So'n Gör is ja zu dumm!" + +Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen +wollte das nicht dulden. + +"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!" + +Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen +Schirm mitnehmen wolle. Aber er hörte nicht, er lief nur immer darauf +los. + +Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich +hinausgelaufen? + +Er atmete in tiefen Zügen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die +feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen. + +Welch ein, Ächzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen +und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter +Lustgefühl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die +Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gälte es ein +Unglück zu verhüten. Er stürmte nur immer gerade aus und dachte nichts +anderes als: wie köstlich, wie ganz köstlich! + +Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also +doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebüsch geflüchtet. +Sie hatte den roten Rock von hinten über den Kopf genommen, und vorne +aufgehoben und ihre Krämerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen +zu schützen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen +Wollunterröckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der +künstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt. + +Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte. + +"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja +ganz nass!" + +"Ich will dich holen, sie ängstigen sich schon um dich." + +"Was 'n Unsinn!" + +Er stand neben ihr, triefend. + +Was nun? Er hätte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt +wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah +nicht aus, als ob sie sich fürchtete. + +Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die +kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein. + +"Wir können hier doch nicht stehen bleiben," meinte er. + +"Aber es regnet ja noch so." + +Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen könnte; +sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Das kam ihm so lustig vor. +Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu +hatte. Das sah er ihr an. + +"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen +Arm." + +Sie wehrte auch nicht länger ab, sondern lachte herzlich über diesen +Spass. + +"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemüht, mit ihm Takt zu +halten. + +Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas +unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach +vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schön die Blitze seien, und +wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat +gewiss eingeschlagen. + +Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der +stürmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen +rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fühlte jede Bewegung des jungen, +lebenswarmen Körpers. Eine keusche Zärtlichkeit überkam ihn. Er war +jetzt ihr Beschützer. + +"Geht's so? Gehst du auch trocken?" + +"Wunderschön!" + +Er führte sie vorsichtig um jede Pfütze herum, so dass sie über seine +ängstliche Vorsorge lachte. + +"Ich hab doch schon nasse Füsse." + +"Das geht aber nicht." + +"Das macht mir nichts." + +Ihr hübsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus. + +"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?" + +Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte? + +So brachte er sie leidlich trocken nach Haus. + +Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen +und die kühle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer +Hessen. + +Ihm war sonderbar schwül zu Mute. + +Als er endlich einschlief, ängsteten ihn wirre Träume. + +Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck +auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrücktwerden! Er +schlägt danach, er stürzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie +lächelt, er würgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose +Angst. + +Und dann ist es nicht Christine, die er gewürgt hat, sondern die graue +Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit +geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen +leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die +Puppe seiner Schwester. + +Und dazu blitzt es unaufhörlich. + +Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er müsse jetzt nach oben +kommen, es wäre höchste Zeit, das Schiff würde gleich sinken. Und er +stürzt nach oben, stösst die Knie an den harten messingbeschlagenen +Stufen der schmalen Kajütentreppe. Und oben steht der Kapitän auf der +Kommandobrücke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt +immer mit hastigen Stössen nach seinen Händen. Randers sieht seine +Hände an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun +stecken sie dich ein. + +Und das alte blöde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn +mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an. + +Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will +fliehen und kann nicht. Jemand hält seine Beine umklammert. + +In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf +derselben Stelle über dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange +geschlafen haben, keine Viertelstunde. + +Diese wüsten Träume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte! + +Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er +dabei empfunden, als er diesen weissen Hals würgte, dass diese dummen, +glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Höhlen traten. + +Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Können Träume etwas in uns +hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus? + +War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslöste? + +Auslöste? + +Also mussten Mordgelüste in ihm verborgen sein! + +Er meinte nicht auslösen, er meinte es anders. Es war natürlich nichts +als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und +so intensiv wie kaum je beim Wachen. + +Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelüste in uns. Und er +glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte +ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Möglichkeit, wenn auch noch +nicht das Motiv. + +Und er lag und grübelte weiter nach, verbohrte sich hartnäckig darin. + +Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rätselhaft vor. + +Oder konnte Liebe in plötzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein +ganz bestimmtes Gefühl bejahte das in ihm. Aber die Fäden bloss legen, +wie sich das zusammenspinnt. Die allmählichen Übergänge. Es geschieht da +nichts sprungweise. + +Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen! + +Er schlief zuletzt wieder ein über diese Grübeleien. + + + + +9. + + +Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse +standen grosse Pfützen, und im Garten, gerade vor der Haustür, hatte +sich ein kleiner See gebildet. + +Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende +Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren +Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn übers Wasser +lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass +sie das Kommen der Mutter nicht hörte. Auf einmal hatte sie eine +kräftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als hätte er sie selbst bekommen. + +"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!" + +Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurück. Dann hörte er +Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel. + +Wie konnte man ein so grosses Mädchen noch schlagen. Er war erbost +darüber. + +Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Ärger. Christine nahm nicht teil am +Frühstück, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Küche. + +Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschürzt, mit +blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen. +Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glühten. Sie grüsste ihn +sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit. + +Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den +Schlag empfangen hätte. + +Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er. + +Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschämt dastand. Und er +empfand gar nichts für sie. + +Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte +Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am +Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand +hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf +lag über dem Lehrersacker, über der Waldwiese, die mit einem Zipfel den +Landweg berührte, und über der feuchten, schwarzen Gartenerde, den +Reseda-, Astern- und Stiefmütterchenbeeten. + + + + +10. + +(Tagebuchblätter.) + + +Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine +schnurrige Idee. + + * * * * * + +Mit Petersen beim Lehrer in Süssen gewesen. Unterwegs der jungen +Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider +nur ihren Rücken. + +Wer auch so fahren könnte! + +In Süssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hübsche Frau, sauber, +appetitlich. + +War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein +gutmütiger Riese. Streit über das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren +dafür. + +Der Süssener war für die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein +paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jägerlied. Der Koloss polterte +dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte +nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist +ein Stück ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und +Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht +mehr gelten? + +"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vörschriewen, +wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rögen. Dat is min +Religion. Wat wär dat för'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr +mal ännert warden künnt! Häw ik recht?" + +Ich hatte den Mann lieb in seinem beschränkten Eifer. Ja, daran soll man +nicht rühren, oder es fällt alles zusammen. So was muss alt sein, +ehrwürdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den +Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch müssen auch äusserlich alt sein, +abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesättigt mit +dem Parfüm von Familien- und Krankenstuben. + + * * * * * + +Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionär? Adel und Kirche. Obgleich +ich im tiefsten Grunde (lüge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge +nicht glaube. Aber man ist heute so hübsch isoliert damit, so hübsch in +der Minorität. Und Minorität ist vornehm, ist aristokratisch. Majorität +ist der Pöbel. + +Ich könnte aus Opposition gegen den Pöbel in das letzte Kloster gehen. + +In andern Zeiten würde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus +Opposition, aus angeborenem Bedürfnis, mich von der Masse abzusondern, +aus aristokratischen Instinkten. Ich könnte Demokrat werden aus +Aristokratismus. Unsinn! Na! + + * * * * * + +Heute Nacht von Berta geträumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war +nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes +Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anständig und so rührend in +ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hübsche Direktrice mit kärglichem +Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss, +was das sagen will. Und sie war in einem jüdischen Geschäft angestellt. +Nicht, dass sie jemals geklagt hätte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun +mal diese Animosität gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus. + +Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und +Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefühle für das Weib "an den Mann +zu bringen" suchte. + +Sie hatte sogar Mässigkeitseinfluss auf mich. Es war meine +Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte +sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten. +Es wäre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als +ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles +Hinsiechen der Liebe. + +Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter, +eine vornehme Seele. Eine Aristokratin! + +Dieses Denkmal hast du verdient, Berta! + + * * * * * + +Wie wohl fühl ich mich allmählich in diesen einfachen Verhältnissen +hier, und täglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um +den Hals lag und schnürte und schnürte. Es ist die ganze widerliche Lüge +jenes Lebens und Treibens. + +Hier ist alles auf Wahrheit gegründet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und +der Zweck ehrwürdig, weil notwendig und natürlich. Hier hat jeder noch +ein Verhältnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der +Kaufmann, der Krämer, für ein Verhältnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur +Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm +lieber als die gute. + +Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und +Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob +ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem +Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stück seines Ichs hingibt, des +erhaltenen Lohnes würdig! Da hängt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre. + +Und hier der Bauer! Welche Tüchtigkeit, welche Natürlichkeit, welche +innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit! + +Und dann sind hier keine Juden. + +Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort. +Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivität. Wäre Gott ein +Jude, wäre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat +Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein göttlicher Witz! Widerspruch +in sich. + + * * * * * + +Ihr verdreht dem Volk nur die Köpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure +Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und +Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die +Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dünkelhaft. Und sind wir +nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Überall, in Literatur Kunst, +Gesellschaft? Jeder schwätzt über jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen, +Bewunderung, Freude? + +Alles, das Höchste und Grösste wird auf das Allerweltsniveau von Müller +und Schultze herabgeschwätzt, und der Ladenjüngling spricht von Darwin +und Ibsen mit derselben Zungengeläufigkeit wie von der neuesten Mode und +dem grossen Preis von Hamburg. + +Wie kocht es in mir, hör ich so ein Dämchen über die neueste Richtung +räsonieren, oder so einen Krämerkommis über die moderne Malerei. Rede +einmal so dumm weg über ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrümpfe, +gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst, +ihr Geschäftchen schädigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind +vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem +Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf, +sein Brot. + +Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!" + +Es gibt überhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser, +Halbwisser und--Alleswisser natürlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur +unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete. + + * * * * * + +Gestern rote Grütze, heute rote Grütze, morgen rote Grütze, rote Grütze +in alle Ewigkeit. Amen! + +Das Leben geht hier seinen höllisch gleichmässigen Gang. + + * * * * * + +"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man för't Füer wohren und +sik man in acht nähmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr +to weten. All könt wie doch nich klook waren." + +Hest recht, oll Jürs. Wat schall all dat Lihren. + + * * * * * + +Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen. + +"Das v--v--verdirbt die Kinder nur." + +Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnügen daran, wie sie sich +balgten, übereinanderkollerten, Buben und Mädel im Staub der +Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen. + +Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die +Dorfjugend. Köstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr! + +Müssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Süssigkeiten aus dem +Schmutz klauben? Und die grösste Süssigkeit (?), die Liebe, ist sie +nicht eine Sumpfpflanze?-- + +Gott muss keinen Ekel kennen. + + * * * * * + +Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem +Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fürstenberg. Aber zum Teufel, ich +will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstürme und jede Art Kletterei, +um möglichst viel auf einmal zu sehen. + +Wenn es noch ein Leuchtturm wäre. Oder meine alte Pappel zu Hause. + +Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige. +Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vögel +gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und +wieder Wald und Feld, Kühe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von +einem Knick zum andern. Und das ganze läuft nur darauf hinaus, dass man +so weit sehen kann, so weit, bis nach Lübeck hin. Und dann die Herzen +und Pfeile, und die Müllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein +Fremdenbuch mit albernen Versen. + + * * * * * + +Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darüber geht doch +nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefühl, Einsgefühl +mit der Natur! + + * * * * * + +Diese dumme Küsserei! Es kam so über mich. Und so tolpatschig, wie nur +ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der +Zärtlichkeit. + +Mancher küsst im Vorbeigehen jedes Mädel, das ihm gerade gefällt, und +sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so +naiv, harmlos, wie Blumenpflücken. Bei mir wird immer eine Haupt- und +Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfällig, nicht leichtherzig, nicht +leichtsinnig genug. + +Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der +Missdeutung. + +Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so +reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm. + + * * * * * + +Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken +vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine +etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst +kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen. + + * * * * * + +Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam +expellas furca ... + +Ich habe zu lange gefastet! + +Übrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie +keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern +unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines +anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen. + +Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir +zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur +einen Tropfen Blutes vergiessen. + +O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns +nur einmal im Traum beschert. + +Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt. +Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein +Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust. + +Armer Mumm! + +Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten +Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen +ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie. + + * * * * * + +Übrigens zur Notiz für Gerdsen: + +Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame +auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne +mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das +Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend +und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem +Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor +mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art +Gräberliebe, Gruselliebe. + +Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder +da. + +Ob sie nun tot ist? + + + + +11. + + +Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen +liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm. + +Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues +hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte +einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein +hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und +schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen. + +"Der Graf ist oben," sagte Petersen. + +"Darf man denn hinauf?" fragte Randers. + +"Ei gewiss!" + +Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der +Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an. + +Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen +Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer. + +"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er. + +"Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mütig," sagte Petersen. + +Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem +hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die +Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen +absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform +betraten. + +"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die +schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten +Blicken. + +Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel! + +Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der +Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse +verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen? + +Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran. + +"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute." + +Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg. + +"Ah, Sie sind es, mein Lieber." + +Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte +Verbeugung. + +"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die +Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft." + +"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen +zuzustimmen. + +"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich +gegen den Grafen. + +"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein +wichtiges Versäumnis gut zu machen. + +"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu +haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?" + +"Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen +Lebhaftigkeit fort. + +"Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land." + +Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete +keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den +Horizont ab. + +Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; +so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, +immer reserviert. + +Aber wo blieb denn die Dame? + +Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst. + +Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung. + +Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird +sie schon zum Vorschein kommen. + +Aber Petersen zupfte ihn am Arm. + +"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?" + +"Ja," sagte Randers, sah aber nichts. + +"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock." + +"Ja, ja, ich sehe," log Randers. + +Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch +einen Damensattel. + +"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke +Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz +herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt. + +"Die Komtesse," belehrte Petersen. + +Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen. + +Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme! + +Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, +aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein +flüchtiger, musternder Blick. + +Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an. + +Wirst du mich vorstellen? + +Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt +zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei. + +Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen +und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort +war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können. +Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen. +Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser +Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein +norwegisches Berglied. + +"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu +Petersen. + +Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte: + +"Norwegische Augen?" + +"Ja, Fjordaugen," erklärte Randers. + +In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und +der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte, +seinen Hut lüftend, freundlich Abschied. + +Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen +hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, +riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag +der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal +klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo +Steine liegen. + +Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte +nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er +konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, +da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen +Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen. + +Fjordaugen! + +Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit +hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf. + +Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess +sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von +einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten +darüber. + +Fjordaugen! + +Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das +Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau +mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell +darüber hin. + +Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht! + +Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn. + +Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den +Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie +zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe, +unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine +Stürme. + +Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. +Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief +und feierlich wie das ruhige Meer. + +"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen. + +Randers schreckte auf. + +"Ja, ja," sagte er hastig. + +Unten musste Randers durchaus etwas trinken. + +Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur +Schnaps und Bier. + +Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers +trank hastig. + +"Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter. + +"Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal." + +"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers. + +"Anderthalb Stunden," sagte Petersen. + +"Zu Pferde?" + +"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter. + +Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm +Bescheid tun. + +Nach dem dritten Glas sagte er: + +"Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?" + +"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein, +twintig." + +"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all." + +"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und +Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt. + +"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend +gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch." + +Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant. + +"Äh, ich lach auf die Welt!" + +Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een? + +"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers. +"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her." + +"Ja, es hat was f--f--f--für sich," stotterte Petersen. + +Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie +einen, dem nicht zu trauen ist. + +"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, +"hab ich nicht recht?" + +"Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un +anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek." + +"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber +eine Sache für sich." + +"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der +Lehrer ins Mittel. + +"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl, +dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in +seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe--na ja, du versteihst mi, +Petersen." + +Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte +an ihm herum. + +"Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einer +Pause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können." + +Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals. + +"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de +Botter dorbi to hebben." + +Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort +zu kommen. + +"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr +Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit. + +Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an: + +"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt +kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!" + + * * * * * + + + + +Zweites Buch + + + + +1. + + +Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehörte zu +Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fünf Minuten von +einander entfernt. + +Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelöhnerkaten. In +Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier +genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte +sich gesträubt. Aber Randers hatte ihn überredet, mit Worten und mit +Geld. + +Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was +wollte er hier bei ihnen? + +Seeluft geniessen und baden, sagte Randers. + +Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfälschte +Seeluft. Baden müsse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren +gäbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche. + +Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade +in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Bäder da, +längs der ganzen Küste. + +Von Rosenhagen führte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene +Ufer, schlängelte sich eine Strecke daran hin und führte dann allmählich +zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er +machte gewöhnlich den Umweg über Rixdorf, ging durch den Park, wozu er +sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das +grosse, zum Schlossgut gehörende Roggenfeld bis zum kleinen +Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhöhe +erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab. + +Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich +eine schöne, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit +waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es +herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, höchstens in der Ferne ein +weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er, +die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbäder. Und dies +reine absolute Naturgefühl, sich so den spielenden Wellen überlassen zu +können, Welle mit den Wellen sein, oder der stählende Kampf mit ihnen. +Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab +es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht +einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses frühe Morgenbad, wenn +die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte. + +Tagsüber ging er viel spazieren, gewöhnlich in der Richtung durch den +Rixdorfer Park. Der Weg war so viel hübscher als nach der Rosenhagener +Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen! + +"Uns Fräulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das berührte ihn so +patriarchalisch. + +Abends sass Randers mit den Tagelöhnern im Krug. Er hatte gleich in den +ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und +hatte sein Vergnügen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig, +dass es mit ihm nicht ganz richtig sein könne. + +"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand hätt he ja. Aber wat will +he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht +hochmütig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein +Zehnpfennigstück für die Kinder übrig. + +Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute +hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen? +Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen +konnte. + +Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides +im Park gesehen, sie über breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll +begrüsst und hatte einen verwunderten Gruss zurückerhalten. + +Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er +in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den +Kätnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus; +ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus. + +Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen +gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der +Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie +eine Windmühle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar +Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte +er vorwärts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang +mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem +alten dänischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermüdlich und mit einer +tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren, +ingrimmigen Brüllen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er +Kopfschmerzen. + +Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor +allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er +ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er +musste doch vorsichtig sein. + +Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte während der Zeit Fides +zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er +hielt es jetzt an der Zeit und für seine Pflicht, seinen Besuch im +Schloss zu machen. Was müssen sie denken, dass du dich hier längere Zeit +aufhältst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park +betreten zu dürfen, und es nicht einmal für der Mühe wert hältst, deine +Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal +vorgestellt. Man wird dich für einen Flegel halten. + +Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum +andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue +Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm +ihn deshalb in die Hand. + +Sein wichtiges Vorhaben prägte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die +Frauen in den Katentüren sahen ihm länger nach als sonst, die Kinder +hörten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter +ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit für sie. + +Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen +Gespräch, mit einer häufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem +Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase. + +Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmädchen auf der Koppel. + +Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen. +Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefühl, als +ob er sie geniere. + + + + +2. + + +Randers an Gerdsen. + +Dank für Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts +mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu +Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Nächstens +davon. + +Feudales Weib! Hocharistokratisch, Dänenblut! Die ganze Familie +_hocharistokratisch_, immens reich. + +Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Dänemark verzweigt. + +Es ist nichts mit den Direktricen. Überhaupt alle anderen +Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von +Geschlechtern her. + +Augen wie ein Märchen. Nordseeaugen! Das macht das Dänische. + +Herrgott, was für ein betrunkener Brief! + +Nächstens mehr von Ihrem + +R. + + + + +3. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Liebster Doktor! + +Hat Ihr Dämon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin geführt? Der +Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel +zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre +Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne. + +Sie führen doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman +des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel für +ihn, ein Kuriositätenkabinett für den Leser und eine Kurzweil für seinen +Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine +Psychologie allein reicht Ihnen gegenüber nicht aus, Sie müssen mir +helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch +davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions? + +Übrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch +unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel über +Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es +war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen für den +unglücklichen Autokraten, und nicht nur für den Gemahl der dänischen +Dagmar. Wie einträchtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie +der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im +Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie einträchtig stand +dieses Bild neben dem Porträt der--Dolgorucki! + +Sie _müssen_ einen Tropfen Dänenblut in Ihren Adern beherbergen und auch +einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern +delektiert haben. Dänischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenüber +sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen +auf die Knute. Das heisst, Sie würden vor der Anwendung zurückschrecken, +aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher +Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es nötig wäre, und +sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen. + +Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man +versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Fäden, die +ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe +daraus. + +Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu +einem Kirgisen oder Tataren. + +Mit der Liebe, die der Gelehrte für den Schmetterling hat, den er für +seine Sammlung aufspiesst, bin ich + +Ihr getreuer + +Gerd Gerdsen. + + + + +4. + + +Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatür. Draussen +band der Gärtner einen Zweig prächtiger Maréchal Niel, der sich unter +der Last der Blüten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben +liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die +in den Garten hinabführte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die +Brust und gurrten. + +Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen +Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein, +machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und +funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den +Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt. +Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen +Ringel- und Kräusellöckchen über der Stirne sahen ganz goldig aus. Und +die bunte Seide in ihrem Körbchen, die fast vollendete Stickerei im +Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen. + +Der süsse Duft der Rosen drang durch die offene Tür und erfüllte den +ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flügel sass und phantasierte. + +Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit +starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken +bändigen, sass er da; die Hände waren in rastloser Bewegung, eine +eigenartige, steigende Bewegung, storchartig. + +Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische +Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glühenden +Flüssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in +wirren Selbstgesprächen verzehrte. + +Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht +mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen +übergegangen, dann hatte sie leise gelächelt. Ihr verwöhntes, geschultes +Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer +naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber +ermüdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden, +schlüpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmässige Forte +heftiger, böser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen, +tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stören, ihn nicht kränken. Es war +das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flügel gesetzt hatte +und seine Versicherung, er könne nicht spielen, Lügen strafte. Er hatte +sich bisher immer nur begnügt, ihr zuzuhören, im Schaukelstuhl liegend, +die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich +gegen die Aussenwelt absperrend. + +Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat +in die Veranda hinaus. Sofort hörte er auf. Er hatte ihren Schatten +durchs Zimmer gleiten sehen. Er fühlte es, dass sie ging, fühlte es +körperlich. + +Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter +sich hörte. Sie wandte sich um, mit lächelndem, fragenden Blick. + +"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequält mit meinem Unsinn." + +"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmütig, +etwas verlegen. + +"Nicht der Rede wert, gnädigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir +gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht." + +"In alle Tiefen," scherzte sie. + +Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog +einen vollen Zweig zu sich herab und sog den süssen Duft ein. Die Zweige +schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit üppigen gelben +Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden +Scheitels, das in der Sonne einen rötlichen Glanz annahm und ihn an das +Familienporträt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond, +derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte. +Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges +war in den Zügen der dänischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter +schenkte und starb. + +In dieser schlanken Mädchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze +durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzückend sah sie in dem +leichten, hellblauen Kleid aus. Der Ärmel war leicht zurückgefallen, als +sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei +aller Fülle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz. + +Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang +machen wollten. + +Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zögerte drinnen +einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den +Blicken. + +In der Veranda fand er seine Mütze, eine schon etwas mitgenommene, einst +weisse Strandmütze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm +Kinn, obgleich das schönste Wetter war und nur ein ganz schwaches +Lüftchen wehte. + +"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich +finde es hässlich." + +"O," sagte er leicht errötend. "Mögen Sie es nicht? Ich finde, es sieht +so--männlich aus." + +Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck. + +Sie lachte. + +"Was ist denn da männliches dabei?" + +"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklärte er. "Bei den +Kapitänen und nachher bei den Militärs. Ich denke dabei immer an einen +Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als sässe nun mit der Mütze auch der +Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!" + +Sie lachte wieder. + +"Fürchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm." + +"Aber es weht ja gar nicht." + +"Das macht ja nichts." + +"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem +Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht." + +"So dürfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich +getroffen fühlte. + +Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm +das Band unters Kinn gezogen hatte. + +"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so +kleinen Äusserlichkeiten Luft. Der unterdrückte Seemann in mir." + +Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemännisches, +wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das +Pincenez! + +Aber er erzählte ihr, dass es sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur See +zu gehen, Kapitän zu werden, aber dass ihn die Umstände, vor allem seine +Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrängt hätten. + +"Ein bebrillter Seemann, wie lächerlich!" rief er aus. + +Aber dann entwarf er ein glänzendes Bild von dem Leben eines Seemannes, +von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte +sich an seinen grossen Worten. + +"Sie, als Aristokratin, müssen mir das nachempfinden können, Komtesse," +eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des +Kapitäns." + +Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen +heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter +Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hörte aus dem Klang seiner Stimme +den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht. + +Er hatte das Sturmband nicht gelöst. Sie freute sich darüber. Er war +wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen +Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden +Kritik wegblasen. + +Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen, +geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mützenschirm +beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als +stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass +er doch männlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie +konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrücke +denken, den Südwester auf, oder die goldbordierte Mütze des Kommandeurs, +natürlich mit dem Sturmband unterm Kinn. + +Aber was daran so aristokratisch wäre, fragte sie. + +"Vor allem die Exklusivität seiner Stellung, seine absolute +Souveränität. Er ist Herr über Leben und Tod. Alle Verantwortung trägt +er allein. Welch ein Gefühl für einen Mann! Welch ein Kraft- und +Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das +Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht +das Meer, er fürchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf, +wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem +Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Männlichkeit, in +seiner Grösse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!" + +Sie lächelte über seinen Eifer, aber sie hörte ihm aufmerksam zu und +streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick. + +Aber er hatte ihr Lächeln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und +gutmütig. + +Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er +wollte es von ihr bestätigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen +das so wunderhübsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein +Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind." + +Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig +durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem +Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel +leuchtete. Ein Paar Möwen kreisten bis übers Feld. + +Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Ähre nach der andern +und zerpflückte sie. + +Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee. + +"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dünen, oder oben +in den norwegischen Schären?" + +"Was Sie für Einfälle haben. Warum gerade ein Blockhaus?" + +"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in +grauer Wildnis. Aber innen muss es natürlich behaglich sein." + +"Kienruss und Tran, und gedörrte Fische an den Wänden," spottete sie. + +Er lachte. + +"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable. +Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen +Chopin." + +"Ich?" + +"Ja, wäre das nicht schön? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die +Natur. Musik, Bücher--" + +"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn. + +"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergänge in +den Dünen, am Abendstrand." + +"Und wenn wir heimkommen, schälen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rösten +einen Seehund am Spiess und kochen Tee." + +"Sie spotten wieder." + +Er war wirklich etwas gereizt. + +Sie lachte hell heraus. + +"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Nötigste +denke. Sie wären imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen." + +"Die soll ja auch da sein." + +"Dann hört sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments. +Ja, ich will es mir doch überlegen. Es wäre mal etwas anderes. Am Ende +fänden sich noch welche, die sich anschlössen." + +"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur +zu zweien." + +"Nur wir beide?" + +Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu +sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm! + + + + +5. + + +Randers überlegte, ob es nicht besser wäre, er reiste ab. Wollte er +warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er +sie doch nicht. + +Er würde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wäre, keinen +Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz +besonderen Ansichten über Mesalliancen. Er hatte Grundsätze, die eine +Ehe mit ihr ausschlossen. + +Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte. + +Vorläufig war das ja auch noch keine Liebe, nur ästhetisches Gefallen, +Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen. + +Gestern, zwischen den Ähren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne +getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den +warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die graziöse +Biegung des Halses--er hatte eine Ähre nach der andern gerupft und die +Körner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrücken. + +Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck. + +Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eröffnet werden, der Graf hatte +ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut. + +"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so plötzlich +abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gründe. Da gab +es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach +Flucht aus, oder nach Gleichgültigkeit. Also noch ein paar Tage, ein +paar Jagdtage. Dann aber weg von hier! + +Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag +ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in +Grashof verloren. + +Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war +es nicht Wahnsinn, sich ohne vernünftigen Grund in diesen Krug +einzupferchen? + + + + +6. + + +Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hörte es unterwegs von den +Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot. + +Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot +kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so für das Segeln. +Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat. + +Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte, +unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hübschen, braunen Augen und +einem etwas groben und lebhaften Teint. + +"Sieht die gesund aus," dachte er. + +"Fräulein Krüger," stellte Fides vor. + +Also nichts Adeliges. + +Eine leise Enttäuschung. + +Das Fräulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus +ihren Blicken: "Also das ist er?" + +"Ich habe Fräulein Krüger von Ihnen erzählt," sagte Fides gleich. + +Randers verbeugte sich. + +"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das +Fräulein. + +"Das nicht gerade." + +"Ich meinte das." + +Sie sah Fides fragend an. + +"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er +nicht anders sagen. "Ich reise überhaupt zu meiner Erholung oder +Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist." + +"Der Herr Doktor schwärmt für die See," sagte Fides. + +"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fräulein. + +Wie gewöhnlich sie sich ausdrückt, dachte Randers. Und ihre Stimme +klingt wie eine verrostete Schiffsglocke. + +"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnädiges Fräulein?" + +"Ja, haben Sie es gesehen?" + +"Ich hörte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?" + +"Mein Bruder." + +Beide Damen unterdrückten mühsam ein Lächeln. Er nannte sie Fräulein und +fragte nach ihrem Herrn Gemahl. + +"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde über und über rot. + +"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein +Kapitän an ihm verloren gegangen." + +War das Spott? + +Er lächelte etwas gezwungen. + +"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein +ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke. + +"Wenn Sie erlauben, es würde mich sehr interessieren." + +"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krüger?" fragte Fides. +"Er würde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hört +sie gerne loben." + +"Ja, das ist seine schwache Seite," bekräftigte das Fräulein. + +"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus +noch nicht entschlossen, aber es kam plötzlich über ihn, er musste es +sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnähme. "So plötzlich?" rief Fides. +Sie schien ernstlich überrascht. + +"Aber warum so schnell? Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte, +Sie wollten die Jagd mitmachen?" + +"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er. + +"Sehen Sie," rief sie triumphierend. + +Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl, +selbst in der Gegenwart der Fremden. + +"Papa hat übrigens Ihr Wort," sagte Fides. + +"Dann freilich." + +Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den +jungen Gutsbesitzer, einen grossen schönen Mann, schlank, muskulös, mit +gutmütigem, wettergebräunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann. +Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig +Unschöne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft +und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prächtige Reihen +weisser, fester Zähne. + +Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der +junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung: + +"Er kann ein Segeltau durchbeissen." + +"Was meinen Sie?" fragte Fides. + +Randers erschrak und wurde rot. + +Hatte er es denn laut gesagt? + +"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann." + +Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte: + +"Was Sie für sonderbare Einfälle haben." + +Die Jacht war wirklich sehr hübsch. Sie war ganz weiss angestrichen, +hatte eine kleine Kajüte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen +Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe. + +"Ein hübscher Name," sagte Randers. + +"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklärte Herr Krüger. "Es läuft +seine zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde." + +Er sprach hauptsächlich zu Randers und schien ihn für einen grossen +Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich +nicht blossstellen wollte. + +Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er hätte +es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es +nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder +einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand. + +Sie hatten beide gleiche Mützen auf, weisse Schirmmützen, und sie hatten +beide das Sturmband unterm Kinn. + +Ob Fides darauf achtete? + +Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben +hätte, er hätte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er +getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See +hinausgeträumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen. + +"Bis nach Grossenbrode." + +"Da hätten Sie ja gleich zu uns herüber kommen können," meinte Fräulein +Krüger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?" + +"Nein." + +"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit +dem Boot zurück. Ich hole Sie auch ab." + +"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im +Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen." + +Herr Krüger lachte gutmütig, halb geschmeichelt, halb bescheiden +abweisend. + +"Lassen Sie gut sein, lieber Krüger. Alles was recht ist. Durchaus +musterhaft," sagte der Graf. + +Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hübscher Kerl. Was hat +er für Zähne! Und obendrein hat er eine Jacht! + +Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne zu +schieben. Was er wohl für ein Gesicht machen würde? + +Randers musste lachen. + +Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden. +Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein +Schiffstau zwischen die Zähne schieben würde. Er durfte ihn zuletzt gar +nicht mehr ansehen. + +Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers +sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine +Mustermenschen leiden. + +Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also überflüssig. +Mochten sie unter sich bleiben! + + + + +7. + + +Als die Jacht zwei Stunden später gegen den Wind weit in die See +hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach. + +Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drückte. Wie ein +Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem +tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es +ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht über die +Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts. + +Wenn sie umschlüge? + +Ob sie schwimmen könnten? + +Bei diesem Wellengang würde es ihnen nichts nützen und in dieser +Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es würde +ihm nichts nützen, er würde hinunter müssen. + +"Dann kann er Fides nicht heiraten." + +Randers sagte das ganz laut. + +Er verfolgte jede Bewegung der Jacht. + +Jetzt legten sie um. + +"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf. + +Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer +zu. + +Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen +Zähne. Lachte vielleicht über ihn, über eine Bemerkung der rostigen +Schiffsglocke über ihn. Vielleicht sprachen sie auch über Fides. Sie +waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz +herüber. Übrigens kein übler Geschmack von dem jungen Mann. + +Aber zum Teufel! Was waren das für Gedanken? War er denn eifersüchtig? +Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten? + +Und dann, wie lächerlich! Die schönen Zähne und die Musterwirtschaft +machten den jungen Mann noch nicht ebenbürtig. + +Komtesse Fides Bruckner und Herr Krüger, Gutsbesitzer auf Fehmarn. + +Die Jacht lief jetzt wieder seewärts. Randers kletterte die steile +Uferhöhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht länger nachgaffen. + +"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut. + +Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinüber, kletterte +über ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig längs einer +Weide, wo ein paar Kätnerkühe lagen und wiederkäuten. Wie dumm die Tiere +glotzten. + +Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach. + +Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren. + +"Glückliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte +Zufriedenheit." + +Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfüssiger Bengel, den das laute +Sprechen anlockte. + +"Sind dat din Köh?" fragte Randers. + +"Nee." + +"Hört de to 'n Haf?" + +"Nee." + +"Wen hört se denn?" + +"Peemöller sin." + +"Wat deihst du hier denn?" + +Der Junge wandte sich verlegen ab. + +"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?" + +Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg. + +Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter. + +Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er. + +Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen +den hohen Parkbäumen herüber. + +Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit +ihr über die Sassnitzer zu sprechen. + +Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage +entschuldigt hätte. + +Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine +Laube hinter dem Hause. + +Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten. + +Sch, sch, jagte er sie. + +Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die +Hälse und blinzelten ihn an. + +Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch. + + + + +8. + + +Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune. +Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt. + +Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend. +Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend +blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten +auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben +zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit +all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen +auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der +Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der +Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe +in die grosse Tonne. + +Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber +gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche +Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften, +zufriedenen, dankbaren Stimmung. + +Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter +durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte +endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann +doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht. + +Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen +des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem +Lichte ihrer Augen. + +Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war +wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine +Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen +gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die +plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne +Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht +geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als +sie selbst sein wolle? + +Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel +kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig +immer wieder auf den Geburtsadel zurück. + +"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind +die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis +zur Blüte getrieben." + +"Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein. + +Aber Randers liess sich nicht irre machen. + +"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die +vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz +verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine +höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf +sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes, +Zerstörendes, Nivellierendes." + +"Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas +spöttisch ein. + +Ihr Spott kränkte und reizte ihn. + +"Ja," sagte er. + +"Auch bis zur letzten Konsequenz?" + +"Ja, wie so?" + +"Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?" + +"Nein." + +Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr +beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht +ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und +ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus +nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt +konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme +einer norwegischen Hirtin. + +Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt. + +"Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen, +Komtesse." + +Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von den +Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden. + +"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?" + +"Sie waren nie in Norwegen?" + +"Nein." + +"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen +den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren +Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, +die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über +dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem +Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein +kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die +Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so +sagen, wie es ist." + +"Und das alles finden Sie in meines Augen?" + +Sie lächelte und sie errötete. + +"Und in Ihrer Stimme," sagte er. + +"Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben." + +Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen. + +Dann nach einer Pause: + +"Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen." + +Also doch, dachte Fides. + +"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim." + +"Also Kirchenaugen," lachte sie. + +"Ja, Kirchenaugen." + +Der Ausdruck gefiel ihm. + +"Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er. + +"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin? +Nein, ich hatte nicht die Ehre." + +"Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?" + +"Nun, ich bitte!" + +Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen. + +"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses +stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle +Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt +darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?" + +"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie. + +"Sie vergessen die Künstlerin." + +"Wenn es nur das wäre." + +"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--" + +"Also." + +Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz +mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte. + +"Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er. + +Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit. + +"Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie. + +"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu +denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein +wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend +blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in +diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen +Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen." + +"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht, +Verse zu machen," sagte Fides. + + + + +9. + + +Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur +hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig, +und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines +zersprengten Heeres. + +"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche +Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so +verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus +unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten +Schleier darüber decken?" + +Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen das +Instrument. + +"Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie +wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern +kann man doch nicht wohnen." + +"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser +eigenstes, höchstes und feinstes Leben--" + +"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit +der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben +wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung." + +"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?" + +"Dann resigniert man eben." + +"Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung." + +"Das versteh ich nicht." + +"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum +besitzen, in der Einbildung." + +"Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?" + +Er zuckte die Achseln. + +"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er. + +"Oder Eroberer." + +Er sah sie gross an. + +"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?" + +"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der +Philosophie genügen lassen." + +"Also." + +Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte. + +"Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor. + +"Aber man will doch schliesslich besitzen." + +"Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod." + +"Ist das von Ihnen?" + +"Wie so?" + +"Das klingt wie aus einem Gedicht." + +"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf +ihre Bemerkung nicht eingehend. + +"Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie. + +"Ja." + +"Sprechen Sie aus Erfahrung?" + +Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser. +Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten? + +"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er. + +"Also doch." + +"Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen." + +"Also Streit um des Kaisers Bart." + +"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den +Totentanz." + +"Ihr ewiger Totentanz." + +Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung +zum Tanz". + +Er schüttelte missbilligend den Kopf. + +Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene +Verandatür und sah in den windbewegten Park hinaus. + +Ob sie es gemerkt hatte? + +Sie hielt mitten im Stück auf. + +"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen." + + + + +10. + + +Der nächste Tag war ein Sonntag. + +Ob er mit in die Kirche wolle? + +Ja. + +Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, +obgleich sie kein Wort darüber verlor. + +Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen +Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären. +Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre +aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem +Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie +hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und +hinausexperimentiert? + +Den Weg zum Christentum freilich fände er wohl nicht wieder zurück. Aber +das Göttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor +Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genügte deshalb noch lange +nicht für Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand +bekommen, ein Seil, woran er sich längs tasten konnte. Und dieses Seil +war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun +gar ein Weib ohne Religion! Natürlich liebte er nicht die Betschwestern. +Aber er hasste diese "aufgeklärten," wissenschaftlichen, bebrillten +Blaustrümpfe. + +Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine +festgegründete Überzeugung, nicht etwa eine augenblickliche, +sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die +Kirche besuchte. + +Er war durchaus unabhängig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner +Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im +Kirchenstuhl sass, mit gleichmässiger, stiller Aufmerksamkeit der +Predigt folgte und unbekümmert um seine Anwesenheit laut und innig die +Choräle mitsang. + +Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schüchtern +seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war +ihm, als trüge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als hätte sie +ihn an der Hand gefasst, als fühlte er eine treue, sichere Hand, die ihn +einen ruhigen, sonntäglich schönen Weg führte, dorthin, wo Friede war +und Glück und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefühl der +Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten, +innigen Verse des alten Paul Fleming mit. + + Lass dich nur ja nichts dauern + Mit Trauern! + Sei stille! + Wie Gott es fügt, + So sei vergnügt, + Mein Wille. + + Was willst du heute sorgen + Auf morgen? + Der Eine + Steht allem für; + Der gibt auch dir + Das deine. + + Sei nur in allem Handeln + Ohn Wandeln, + Steh feste! + Was Gott beschleusst, + Das ist und heisst + Das Beste. + +Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass +diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als +hätte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen +gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefühl der +Zugehörigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester. + +Dies war der schönste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er +trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch während der ganzen +Rückfahrt, und er hielt es zärtlich wie einen geliebten Gegenstand. + +Das war der schönste Tag! + + + + +11. + + +Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis +es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all +diesem trennen können? + +Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische +Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer +geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmöglichkeit! + +Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn +beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen +Auseinandersetzungen über die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz +vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen würde. Er glaube dieses +Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dächte zu aristokratisch, um +ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr +zeige, würde er abreisen. + +Und Gerdsen schrieb: + +"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich würde noch +mehr Worte darüber verlieren, wenn mir irgendwie über den Ausgang Ihrer +jetzigen kleinen 'Episode' bange wäre. Übrigens wissen Sie, dass ich +Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen bürgerliche Auffrischung +kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine +Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft +zweifeln. + +"Ich wünsche Ihnen ein gesundes Verhältnis mit einem Bauernmädel. Ich +würde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine ländliche, urbäuerliche +Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten +norwegischen Schären, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nähme +und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kräftigem Besen +auskehrte. + +"Nichts für ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts +nützt. Sie müssen nun so verbraucht werden." + +"Sie haben recht," schrieb Randers zurück, "Es ist alles Unsinn! Ich +werde überhaupt nicht heiraten." + + + + +12. + + +"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen +beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu +finden. + +"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er. +"Hier ist es." + +"Das da?" + +"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es +Ihnen gefallen wird." + +"Da bin ich doch auch neugierig." + +"Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen," setzte sie scherzend +hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt +Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten." + +"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen. +Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas +daraus werden." + +"Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik +geheilt würden." + +Er lachte. + +Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich +mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren +Stuhl zurück und hörte ihm zu. + +"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, +in dem wilden Lister Dünengebirge." + +Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde +Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei +überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein. + +Und ich bin der Herr im Hause! + +Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern +Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer +eigensten, inneren Natur. + +Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende +Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur. + +Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit +dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen +Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die +Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen. + +Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in +ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann +spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind +verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, +Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf" +und "Edward". Wie das wohl über die Heide klingen wird: + + Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, + Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, + Edward! Edward! + +Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die +jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer +mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze +zusammenwächst. + +Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle +gemäss sind. + +Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, +und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen +Akkord. + +Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden. + +Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu +beredt fast, so dass wir zu reden beginnen. + +Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben +mit Rosmer doch zur Liebe geführt! + +Ihre Lippen zucken verächtlich. + +Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie +das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem +Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über +sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst +würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! +Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben. + +Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige +lange! + +Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen! + +Was sagen Sie zu Edele Lyhne? + +Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung +nicht. + +Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter +schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, +die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür +kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale +Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe! + +Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln. + +Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen +sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige +Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie! + +Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein. + +Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne +herauf. + +Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben +schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der +ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen +empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner +Möwenschrei! + +Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an +meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und +geisterhaft weiss wie Marmorstein! + +Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe. + +Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt! + +Und dann schreiten wir stumm hernieder. + +Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon +stundenlang in ihrem Zimmer wob! + +Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und +schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen +Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den +andern Korb schicke ich ihr hinauf. + +Eine halbe Stunde später ist sie unten. + +Sie Böser, wie gut Sie sind. + +Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände. + +Wie gut Sie sind! + +Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie +spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld +bedrücke. + +Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! +und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich +auf der meinen. + +Und nun, Lieber, wollen wir hinaus! + +Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu +Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie +wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe. + +Sie schweigt! + +Nun, was sagen Sie? + +Warum ein dritter in unserm Beisammensein? + +Und ihre Augen leuchten weich. + +Nun, wie Sie wollen! + +Und ihre Stimme klingt plötzlich hart. + +Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen. + +Ich weiss nicht, was sie will! + +Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem +andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben +lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen +mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen." + +"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns, +als Randers schloss. + +Er lachte und zuckte die Achseln. + +"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an," +sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben." + +"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental +binden." + +"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der +sich unmögliche Verhältnisse erträumt." + +"Sagen Sie das nicht." + +"Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen." + +"Ist es nicht schön?" + +"Sie sind ein Dichter." + +"Nicht doch!" + +"Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen." + +"Sehen Sie!" + + + + +13. + + +Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden. + +Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu, +dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie, +du meinst es nicht ernst? Du würdest nicht nach Fanö gehen und Jolanthe +einem andern überlassen? + +Ganz gewiss, meine Gnädigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie +nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre +Anerkennung für meine Standhaftigkeit bezeigen? + +Eine Tugendrose? + +Er pflückte einen grossen Feldstrauss, allerlei Gräser und letzte +Sommerblumen, reifende Haselnüsse und einen Zweig fast schon schwarzer +Brombeeren und brachte ihn Fides. + +"Für die Rosen," sagte er. + +"Wie schön! Ich danke Ihnen." + + + + +14. + +(Tagebuchblätter.) + + +Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar überzähligen Cognacs +und Pschorrs und Kaffees. Ich fühle mich jetzt ganz wohl. In Grashof +kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trüge man +einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wüsten Träume. + +Etwas macht auch ihre Nähe. Etwas? Vielleicht alles? + +Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhältnis. +So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quälende Begehren. In +der Abwesenheit ein Gefühl stiller Freude, dass sie in der Nähe ist, in +erreichbarer Nähe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges, +Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer +Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres +harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe. +Eine Art herzlichen Freundschaftsgefühls. Freude. + +Sie ist Musik für mich. + + * * * * * + +Eine Ehe auf solcher Basis. Das wäre etwas für mich. Aber es würde +schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches +Verhältnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir +schon. Ich bin zu ästhetisch für diese Art Liebe. Also auch für die Ehe. + + * * * * * + +Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das +Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein +Urteil über ihre Musik. Ich höre alles hinein. + +Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine +Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schön gehört +zu haben. + +Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen. +Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt. + +Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des +aristokratischen Salons, die zu ihr gehört. Und nun gar Weber oder +Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie! + + * * * * * + +Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir +schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke für die Aristokratie +und meiner kategorischen Erklärung, dass eine Mesalliance gegen meine +Grundsätze wäre, muss er mich natürlich für ungefährlich halten. + +Sie können ruhig schlafen, Herr Graf. + + * * * * * + +Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr über die +Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spöttisch. Sie +ist zu gesund für meine Philosophie. + +(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt +bist. Hm!) + +(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht +verliebt. + +Der Beweis ist geglückt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht +in sie verlieben.) + + * * * * * + +Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der +vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehört. Ob wirklich etwas dran +ist, dass mein Urgrossvater mütterlicherseits von Adel war, alter +kurländischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte +Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige +Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen +Adern. + +Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Künstlerblut, +Zigeunerblut, und in dieser trüben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine +aristokratische Blutkügelchen. + +Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich hätte +wohl Lust, mich einmal gründlich zur Ader zu lassen. + + * * * * * + + Traum, Schaum. + Träume sind Schäume, hier wie dort + Hört man solch überkluges Wort, + Aber dem Leben farbleuchtenden Saum + Leiht nur goldener Traum wie Schaum. + + Träume sind Schäume! + O jugendlich Schäumen. + Schäume sind Träume! + O jugendlich Träumen. + Schäumendes Kräfteüberfliessen, + Träumendes Seele in Seele sich giessen. + + Träume sind Schäume, + Wen sie verlassen, + Dem müsste das Leben farblos erblassen. + Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum, + Bricht sich goldene Frucht vom Baum. + + * * * * * + +Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben wäre? Nicht aus +irgend welchen besonderen Gründen, sondern einzig, weil ich nicht zur +Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei! + +Aber warum reise ich nicht ab? + +Über den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt, +mit einer Bürgerlichen. Ich hätte es ihr auch nie vergeben. Frau Krüger +oder gar Madam Krüger.-- + +Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersüchtig, ohne +verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der +eifersüchtig ist. + + * * * * * + +Als sie sich die Rose in den Gürtel steckte und auf den Stuhl stieg, um +sich besser im Spiegel sehen zu können. + +Diese ganz entzückende Naivität, diese natürlichste, kindlichste, +unschuldigste Eitelkeit! + +Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie +darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.-- + +Ich hielt ihre Hand länger als schicklich in meiner, als ich ihr +herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie übersah es +einfach. + + * * * * * + +La rose d'amour. + + An ihrem Kleid blüht eine dunkle Rose, + Entschürzt den Schoss zu wundersamem Duft, + Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose, + Die weisse Mädchenbrust zur weichen Gruft. + O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose, + Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft, + Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose, + Verküssen möge Leben, Licht und Luft. + +(Wäre ich verliebt, würde ich dieses Gedicht nicht haben machen können. +Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notdürftig +entschuldigt werden könnte.) + + * * * * * + +Gehört nicht eine gewisse Kälte des Herzens dazu, um Dichter sein zu +können? + +Unsinn! + +Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur +des Herzens haben, nur soviel Feuer als nötig, um der Phantasie warme +Füsse zu machen? + +Gibt es eine Phantasie des Herzens? + +Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides +zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn. + + * * * * * + +Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon +wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch +abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben +zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es +fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen +Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was können +ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird +ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk. + +Übrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein +Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen +wird. Oder doch mal? Da drüben? + +Wenn man dann sehend wird, zurückblicken kann--Herrgott! Alle diese +Irrgänge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da hättest du den Weg +gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den +Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du wärst heil +durchs Leben gekommen. + + * * * * * + +Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andächtig. + +Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen +denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten. + +Küssten sich. + +Wir selbst sassen ganz ehrbar und züchtiglich neben einander, und ich +meckerte in ihren schönen Alt hinein. + +Sie hatte die Führung, ich folgte wie ein Lämmlein der Hirtin. + +Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich hübsche +Sopranstimme da, die über diesem misstönigen Gemecker, Gebrumm und +Gepfeife schwebte, wie eine weisse Möwe über ein schmutziges +missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Wände, die Sonne +draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen über diesen +alten und jungen Köpfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen +Nummern der Choräle. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen, +weisshaarigen Pastor Weidenbusch.-- + +Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche +gewesen. + + * * * * * + +Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie +keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem +nüchternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber +unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getünchten Wände atmen Poesie, +diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem +vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel. + +Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den +Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem städtischen +Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen? + +Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbürger, diese abgerackerten +Tagelöhner, Männer und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Bedürfnis +hierher führt, Sonntag für Sonntag; diese ganze Atmosphäre von Arbeit, +Genügsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich +diesen schmucklosen Wänden mit und leiht ihnen einen rührenden Glanz. +Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fühlt sich wohl hier und +bleibt, auch wenn der Küster abschliesst. + + * * * * * + +Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden +kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist +die Zeit oft zu kurz dazu. + +Und auf dem Sterbebett. + + * * * * * + +So hoch stehen, dass man religiös wird! + +Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen nötig hat. Da beugt man +sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren. + +Oder Einsamkeitsgefühl? Grauen vor der Einsamkeit? + + * * * * * + +Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig! + + * * * * * + +Es war kühn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss +nun, wie ich es meine. Es wäre Wahnsinn, zu glauben, sie könne sich auf +so was einlassen. Die Künstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohémienne. +Und das gehört dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es +aushalten würde. + + * * * * * + +Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr, +mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und +unvorsichtig war es von dir, zu erröten, als da ihr den Feldstrauss +brachtest! + +Aber ich will nicht! + + + + +15. + + +Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es +war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war +auch da und sie wärmte noch. + +Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten +segelten über das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war +längst im Speicher. Ein paar Krähen hüpften auf den kahlen Schollen, +flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder. + +Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem +schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bücken, +ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er +hatte seinen Rock zugeknöpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so +scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den +Rücken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu können. + +Fides fröstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten über +das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft. + +Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange +nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem +Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tür schliessen. Zwei +vertrocknete Waldmeisterkränze hingen an einem Nagel, und der welke Duft +machte die Atmosphäre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster +liessen nur ein gedämpftes Licht herein und verstärkten das Gefühl der +Abgeschlossenheit. + +Fides hatte ein Vergnügen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die +See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grün zu sehen. Sie +wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal, +dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug +in die Stadt. + +Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wäre +sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer. + +"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter über?" meinte Randers. "Ich +denke mir das so schön." + +"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam." + +"Das ist doch schön." + +"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch käme. Aber es ist ja gar nichts +Gescheites in der Nähe, kein Umgang, der einem zusagte." + +"Sie sollten mit nach Sylt kommen." + +"Ja, das wäre was. Aber Papa tut's nicht." + +"Auf ein paar Wochen nur." + +"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche +Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir +denken, wie Sie sich wegsehnen von hier." + +Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder +gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte, +die Kirchen, sah sich von ihr in eine höhere Geselligkeit eingeführt, in +die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eröffneten sich ihm, +wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wünschte! Dass sie +es wünschte und aussprach! Das machte ihn ganz glücklich. + +"Wie gerne würde ich mit in die Stadt gehen," sagte er. + +"Aber?" fragte sie, da er zögerte. + +"Diese Idee kommt zu plötzlich, so überraschend," sagte er langsam und +unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen. + +"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem plötzlichen Entschluss. "Das +ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!" + +Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervös, und verzweifelte +Blicke nach den Fenstern werfend, als wäre es ihm zu schwül hier. + +Fides sass auf dem roten Plüschkissen, auf der einzigen langen, +lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem +kleinen Borkentisch. + +"Ich hatte mir das so schön gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht +sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer. + +Sie hatte das gedacht? Schon früher daran gedacht? Hatte es sich +ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall? + +"Ja, aber meine liebe gnädigste Komtesse, ich täte es so gerne, schon +allein, da Sie es wünschen--" + +"Aber ich bitte Sie, meine Wünsche! Sie sollen durchaus nicht das +geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt +gesehnt--" + +"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie +wüssten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen, +die ich hier verlebte." + +"Ja, es war recht hübsch. Aber es wird doch jetzt schon recht +unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt." + +Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein plötzliches Umschlagen der +Stimmung. + +"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervös," sagte sie und +stand auf. "Was haben Sie für eine Unruhe! Sie können gewiss die Zeit +nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch." + +Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton. + +"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers. + +"Wie so?" + +Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre, +verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lächeln herauszuhelfen, aber +es misslang. + +"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor +mir selbst--vor all diesen--diesen Unmöglichkeiten." + +Er rannte wieder auf und ab, während sie angelegentlich durch das rote +Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an +die Scheibe gedrängt. + +Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte. + +"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie +schwieg, und es klang fast verzweifelt. + +Er sah sie an, aber sie rührte sich immer noch nicht. + +Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er +über die Blässe ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen. + +Und plötzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine +tiefe Röte überflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie +schlug die Hände vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie +leise: + +"Warum quälen Sie mich so?" + +"Fides!" rief er. + +Aber sie eilte an ihm vorüber, liess sich auf die Bank fallen, legte den +Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hände drückend, weinte sie +krampfhaft. + +"Fides!" + +Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand, +erhob sich wieder und sprach, über sie hingebeugt, auf sie ein. + +"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse. +Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides." + +Und wieder lag er vor ihr auf den Knien. + + + + +16. + + +Es regnete, regnete immer stärker, der ganze Himmel schien sich auflösen +zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem beständigen +Angriff der Wassermassen nicht halten, löste sich und fiel auf die +aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und +grossen Pfützen. + +Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers +wegschwemmen. + +Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass +rann in Strömen und kleinen Bächen von seinem Regenrock, sammelte sich +auf seiner weissen, durchweichten Mütze, rieselte über deren schwarzen +Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel +und Beinkleider ganz kotig waren. + +Aber er lief immer drauf los. + +War das nicht der Weg nach Süssen? + +Aber es war ja gleichgültig. Er wollte ja nur seinem "Glück" entlaufen, +diesem wunderlichen Glück, das ihn quälte, ihn ängstigte, sich wie eine +eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glühender Nagel sich ihm ins +Hirn bohrte. O, wie er glücklich war! + +Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut? +Und eine köstliche Zukunft? + +Schwiegersohn des Grafen Bruckner! + +Was würden sie alle für Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der +Randers! + +Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr +annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafür bieten? Aus +eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine beständige, alles +wettmachende Liebe? + +Würde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der +Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben können, einen +simpeln Bürgerlichen ohne Stellung und Vermögen zu nehmen, weil er ihr +gefiel. + +Sie würde ihn lieb haben und füttern! + +Hatte er denn gar keinen Stolz mehr? + +Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er könnte +es nicht übers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne +Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war +er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren. + +In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht +fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man +sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn +doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefühl, Anstand, +Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das +theoretische Konzept. + +Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu +lösen. Pfui Teufel, wie gemein! + +Also es ihr sagen, noch hier, heute noch! + +Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tür, morgen wollten sie zusammen +abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte, +um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen. + +So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht! +Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie +nun zusammen gewesen. + +Am besten wäre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus. + +Und so lange sollte er schauspielern? Lügen? + +Müde und abgespannt, durchnässt und beschmutzt kam er wieder im Schloss +an. + +Fides war in ihrem Zimmer, beschäftigt, mit der Zofe die letzten Koffer +und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer +letzten geschäftlichen Unterredung mit dem Verwalter. + +Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten hätte +er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war +noch früh, kaum sechs Uhr. + +In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und +ging in den Salon hinunter. + +Ein graues, trübes DämmeDämmerlichtschte darin. + +Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblätter klebten +an den nassem Scheiben. + +Vom Tisch waren alle Mappen und Bücher abgeräumt, die schweren +Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag +schon ein Hauch von Unwohnlichkeit über dem halbdunklen Raum. Nur die +grosse japanesische Vase, die der Gärtner erst gestern mit frischen +Chrysanthemen gefüllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsäule, und die +grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie +verbannte Schönheiten auf einer einsamen öden Insel. + +Der Blüthner war geöffnet. + +Ob Fides gespielt hatte? + +Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler +Silberreif, den sie der vielen Anhängsel wegen beim Spielen ablegte. + +Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin. + +Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie +nachgaben und ein paar leise Diskanttöne wie klagend durchs Zimmer +klangen. + +Er lächelte, musste lächeln. + +Wie nervös er war! + +Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch. + +Er rückte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im +Bass, leise, unrhythmisch. Die Töne rannen, krochen durcheinander, wie +brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Töne taten ihm wohl. Er konnte +sich nicht genug tun, da unten herumzuwühlen. Aber allmählich löste sich +ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm +unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest, +hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, überrollte ihn mit +stürmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken +schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie förmlich: +lass mich los, lass mich los! + +Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak +zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf. + +Fides? + +Er starrte sie an, wie eine Erscheinung. + +Sie lachte laut auf. + +"Der arme Flügel. Ist das dein Abschied von ihm?" + +Er lachte gezwungen. + +"Es war wohl wüst?" + +"Aber sehr. Alle Wände zittern vor Angst." + +Er stand etwas beschämt auf, und sie schloss schnell das Instrument. + +"Der hat genug für dieses Jahr," scherzte sie. + +"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?" + +Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre +Wangen glühten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen. + +"Wie ungemütlich ist es hier schon," sagte sie. + +"Und dieses Wetter heute. Wären wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar +keine Ruhe mehr." + +Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen +gemütlichen Eckplatz gab, und erzählte ihm von ihren Kasten und Koffern, +und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen hätte, und +plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen +wollten. Ob er sich auch so darauf freue. + +"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drückte sie ganz leise. + +Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten. + +Aber er wünschte, es wäre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie +belogen! Es war ihm plötzlich, als ob etwas in ihm kalt würde. Eine +Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein +wunderliches Gefühl der Starre, wie ein eisiger Hauch. + +Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getötet. + +Es war aus. Er fühlte es. + +Leise liess er ihre Hand los. + +Es war aus. + + + + +17. + + +Es war fünf Uhr morgens. Randers öffnete das Fenster. Es war noch alles +dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den +Wirtschaftsgebäuden her kündigten verschiedene Geräusche an, dass die +Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein +Knecht ging mit einer Laterne über den Hof. + +Es war ein kühler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon während der +Nacht aufgehört. Aber von den Bäumen und Büschen tropfte es noch in +schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem +durchweichten Erdreich auf. + +Randers war blass und überwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch +geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den +Kleidern gekommen. Er kühlte sich Stirn und Augen mit einem nassen +Schwamm, trank hastig ein paar Gläser Wasser und stand dann mitten im +Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden. + +Mit einem Ruck ermannte er sich. + +"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel." + +Er lachte. Ein bitteres, hässliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und +den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter. + +Ein Hausmädchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er früh +aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See +hinunter. + +Aber heute war es doch reichlich früh. + +Er fand die Hintertür geöffnet und kam ungesehen ins Freie. + +Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus. + +Er konnte sie nicht sehen. + +Ob sie wohl schon wachte? + +Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf, +sondern auf einem Wiesenweg hinten herum. + +Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnäpse, um sich +zu erwärmen, und gab einen Brief fürs Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in +einer Stunde, sowie es hell würde, abzuliefern. + +Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend. + +Dann ging er nach Süssen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac +und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac +stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von +Heiligenhafen nach Kiel führe, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot +gerade noch erreichen. + + * * * * * + + + + +Drittes Buch + + + + +1. + + +Randers an Gerdsen. + +Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass +ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines +Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, können Sie daraus +ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht +ausreichten. Es mussten _Betäubungen_ sein. Alkohol! + +Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich +reinigt: Die Natur. Die See. + +Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein +Betäubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann. +Fördert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe höher, eine Stufe +hinaus aus meinem Gefängnis? Ist sie nicht nur Gefängnisarbeit eines +Sklaven, der sich nützlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht +ein Betäubungsmittel hat? + +Aber ich will mich nicht betäuben. Das ist so feige, so philiströs, so +dumm, so unwürdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betäubt +alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das +Leben erträglich machen, so müssen es Rauschmittel sein. Sie kennen +diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln! +Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur. + +Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhöhtes +Leben, bei mir Bekämpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole? +Puff, weg damit! Aber können Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben +täglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf +das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnüren, ihm einen Stein auf +den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trägt und nicht zu +sehr wächst, ihm die Füsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall +kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quält man so sein Leben? + +Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar. +Es gibt für mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die, +langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmünden. + +Ich habe allerlei für Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein +versiegeltes Paket zurück. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie +überhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich für meine Person entbinde +Sie davon. Wir müssten eigentlich täglich zusammen arbeiten, und das +widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wühlen, es bringt doch auch so +seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die +mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes +Pulver. Aber mündlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder +vor Scham das Wichtigste nur eben berührt, das ist, als sollte man sich +in Gegenwart eines andern nackt ausziehen. + +Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen +Tick. Und auf die Natur! Erklären Sie beides aus seinem ästhetischen +Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu +an innerer Berufung. Er ist nur ästhetischer Genüssling. Der Natur +gegenüber reicht das ja aus, daher fühlt er sich bei ihr am wohlsten. +Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive +Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe, +das ihn allein ästhetisch reizt, allein für ihn in Betracht kommt. Na, +Sie werden es schon machen. + +Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von +früher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion! + +Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus. + +Ihr Randers. + +P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine +augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein älteres +Stimmungsstück, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilübung, +die Sie vielleicht als Beweisstück für meine unzureichende +Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen +Seite hin brauchen können. Übrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer +bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu +dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt überlegt, ändern +lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als +"Dokumente", als Belege für mein Halb- oder Garnichtskönnen. Wenn Sie +sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht! + + * * * * * + + Was für ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht, + Dass ich in meinen Tränen bin erwacht? + Was für ein Traum doch war's? + Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt, + Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt? + Ist's nicht dein Bild? + Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand + Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt? + Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei? + Zerriss es denn auf ewig, jenes Band, + Das dich und mich zu schönstem Bund umwand? + Zerriss es ganz? + So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut, + Ein einsam Kissen, feucht von meiner Tränenflut? + So bleibt mir nichts? + + * * * * * + +Friedenstraum. + + In stillen, tagesabgeschiednen Nächten, + Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht, + Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten, + Gespenstisch Flüstern ob der Heide spricht, + Dann hör ich auf, zu hadern und zu rechten, + Wenn goldner Friede sternhernieder bricht, + Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schächten + Endlich ein trautes, stilles Dämmerlicht. + + * * * * * + +Vogelkönigtum. + + Vogel, du bist der König der Welt, + Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefällt. + Fliegst in die freien Lüfte, + Fliegst über Berg, über Meer, über Feld, + Vogel du freier, du Herrscher der Welt. + + Überall darf der Himmel dir blauen, + Überall darfst du die Welt erschauen, + Überall lässt du die Woge dich grüssen, + Himmelentstürzt dir die Brust von ihr küssen; + Täglich eroberst du neu dir, ein Held, + Vogel, du freier, zu eigen die Welt. + + * * * * * + +Wie es sein sollte! + + Was ist das Glück? Ein niedres kleines Haus, + Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben; + Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus, + Und Hände winken, lassen mich nicht bleiben; + Vom Strande tönt der Nordsee dumpf Gebraus, + Die Sonne blinkert golden in den Scheiben, + Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein, + Wir sind mit unsrem goldnen Glück allein. + + * * * * * + +Einsame Weihnachten. + + +Gestern überkam mich die Weihnachtsstimmung mit übermächtiger Gewalt. +"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf; +Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grässliches Getute +erträglich? War es nur diese unverwüstliche Melodie, dieses schönste +aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes +erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier +geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen +Lippen. + +Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnächtige Stimmung ist +mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genügen lassen, denn +ich würde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der +fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich +ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende, +glitzernde Einsamkeit der ländlichen Umgegend. + +Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es +hernieder; in glitzernden Sternen stäubt es fein, so fein herab. Will +sich ein Geheimnis, beglückend, beseligend, auf die Erde betten? Leise +Klänge klingen mit. Oder ist's Täuschung? Klingt der Schnee in +herniederrieselnden Tönen unhörbar fast und doch so deutlich, weich, so +wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine märchenweisse, schmale +Frauenhand herniederlastet? + +Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft. +Zwischen den langausgesponnenen Schneefäden dringt es wie von +schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine +Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthüllen möchte. + +Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dämmerung hat begonnen. Ich bin weit +hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am +verdüsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am +Weihnachtsabend trübe und ewig novemberhaft der dunkle Strom? + +Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die +Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus +Tannen aufgebaut, jäh stürzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten +umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade +verlaufenden, dunkelgrünen Wände überblicken. Stille, lautlose Stille, +umfängt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer +Krähenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens, +aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee. + +Aber da saust es plötzlich zwischen den Stämmen heran! Ein schwaches +Klingelgeläute! Stärker und stärker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet +steigt aus ihren Nüstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse, +kräftige Männergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende +Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes +Schlittendröhnen! + +Vorbei! + +Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den +heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt. + +Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustürklingeln eine +stürzende Schar, und immer wieder die Enttäuschung. Aber endlich ist er +angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den +scharrenden Absätzen; in der geöffneten Tür heisst eine schöne Frau den +Schwager willkommen; die Kinder umdrängen den Onkel mit freudigem Lärm, +und das Jubeln will kein Ende nehmen. + +Und wieder läutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens +tiefem, tiefem Grunde" läutet die Vergangenheit empor. Immer mächtiger +fluten und überschwemmen mich die Klänge. Und da wandelt sie mir nah +zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die fröhliche, +selige Kinderzeit. + +Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen +Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei +Brüder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grüsst uns aus der +Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer +ein dichter Garten seine grünen Kränze schlingt. Endlich sind wir daheim +bei Vater und Mutter. Es weihnachtet überall. Von Kuchen und Marzipan, +von Pfeffernüssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strömt ein würziger +Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtüberfrorenen Fenstern +hasten die Mädchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei. + +Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen +brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit. +Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hält das Gefährt. +Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Händchen an +den Grosseltern empor. + +Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen. +Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das +Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schüchtern mit im Chor. Und +dann tun sich die Türen weit auf, und vor uns flutet und flimmert der +schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit; +fröhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim! + +Ich habe mich in lichte Träume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich +weiss nur zu wohl, dass sie sich trüber und trüber spinnen werden. +Wollen nicht schon einsame, schweigende Gräber aus der Ferne +herüberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht. + +Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter: +dunkler dräuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stämmen der +Schnee, denn die Dämmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat +ihren sternenbesteckten Mantel über die stille Erde ausgebreitet. Und +doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre +geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen führt noch etwas anderes, +Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist +es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es +der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe läuten sie den +heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und +trägt ihn über den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen +diese Töne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang. +Alles grüblerische Denken erlischt; nur ein beglücktes Empfinden, nur +der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht. + +Hat ihn je ein Dichter voll auszuschöpfen vermocht, so dass allein sein +Wort den mächtigen Zauber ans Licht beschwor? + +Das Weihnachtsevangelium fällt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von +der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rührend auch die +herzenseinfältigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und +es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hüteten ihre Herde bei +Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn +umleuchtete sie." + +Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht, +die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze +Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Händels ebenso +einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr +loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in +Tönen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rührt, +und aus der Höhe herniedersäuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie +der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal +im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde +herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und +knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche +Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden +blickenden Augen--ein Weihnachtsmärchen in der Weihenacht unter den +Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie. + +Und mir--mir rinnen die Tränen von den Wangen herab--aber himmlische, +heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der +Weihnacht. + + + + +2. + + +Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hörnum lag im +Schutz des mächtigen Dünenwalles ein kleines einstöckiges Blockhaus. Ein +leidenschaftlicher Seehundsjäger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit +Jahren stand es unbenutzt. + +Das war etwas für Randers. Er erhielt das Häuschen für einen Spottpreis. +Es war auch ärmlich genug für einen längeren Aufenthalt, nur für einen +anspruchslosen Jäger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein +grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen +Holzstiege erreichbar, noch eine geräumige Kammer unter dem spitzen +Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand +sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf +der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte. + +Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen +Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war +geräumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz, +vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier +Stühle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst +nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus +Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren nötig. Die alten waren +ganz erblindet und rissig. + +In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast +mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen +Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine +Garderobe und nachträglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen +Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit +Vorhängen versehen. + +Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die +erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er +unterdrückte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht +hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom +Gärtner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen +Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts für ein +geringes erstanden hatte. + +Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben +im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am +Morgen aber lachte er über die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus. + + + + +3. + + +Randers fühlte sich geborgen. Vorläufig, vielleicht, dass es mit der +Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug wäre. Nun, dann war ja +Norwegen da, die Schären und Fjords. Und immer so weiter, bis in die +letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rückzug war er ja doch. + +Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er +würde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was +ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen +Streich gespielt. Er hatte das Glück in Händen gehabt und hatte es von +sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glück mehr war. + +Seine Natur war auf das Unmögliche gestellt. Er trug sich mit Idealen, +die verwirklicht, ihn unglücklich machen müssten. Weil er halb war, +grossmäulich im Wollen, kleinmütig im Ausführen. + +Ach ja, seine schönen Theorieen! + +Dass alles Halbe ausgerottet werden müsste, dass die Halben mit Gewalt +expediert werden müssten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt +bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine, +die sich verwirklichen liess. Und da würde er seinen Mann stellen. Ja, +es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz +sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich +beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmütigkeit diesen Todesgang +gehen? + +Das war ja gerade das Köstliche, gab ja gerade dem Leben diesen +seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen über dem Grabe, dieses letzte +Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen, +den du schlürfst, kommst du dem Nichts näher. + +Aber ausleben, nicht absterben! + +Randers war den Rantumern schon von früher bekannt. Er war oft auf Sylt +gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hörnum bis List hinauf, kannte man +den "langen Doktor". + +Die Leute freuten sich seiner Anhänglichkeit an ihre Insel und freuten +sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie +auch über ihn. Er war doch noch immer der alte verrückte Kerl. Und +Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden +"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schätzen. Und dass er anders war +als andere, das machte ihm ja selbst den grössten Spass, das war ja sein +Stolz. Er war ja überall der Andere gewesen. Überall "deplaciert". Hier +war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus +der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute, +die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel +handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen +hatte. Auch eine Möwe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen, +dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Möwen. + +Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurück. Dann waren ihm +die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darüber +weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt. + +Er sah braun aus, wie der älteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war +er doch stündlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm +Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Mütze wie eine +aufgescheuchte Möwe aus den Dünen auf. Von Hörnum bis List hatte er alte +Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine +"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der +plötzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen +Schleier hüllte. + + + + +4. + + +So war es Winter geworden und war wieder Frühling geworden. Das einsame +Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stürme, die +über die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schädel", wie +Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tägliche Verkehr mit den gesunden +Insulanern, denen er sich in der langen Winteröde immer mehr +angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die +flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen, +die ihn vernünftig gemacht hatte? + +Abend für Abend hatte er während des langen Winters in der Rantumer +Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln +lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr +kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie +allein waren, dafür mal von ihm küssen. Weiter ging's nicht. Er hatte +seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein. + +Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer, +wenn andere Leute den Christbaum anzünden. Und er hatte sich ein +Bäumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmückt und ins +Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend für Abend bis in die +Neujahrsnacht leuchten. + +Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf +den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen +geblitzt. Aber er hatte sie plötzlich weggejagt, sie versäume gewiss was +in der Wirtschaft. + +"Durchaus nicht." + +"Ja, doch! Geh." + +Und er schob sie fast zur Tür hinaus. + +Nein, das wäre doch. Unterm Tannenbaum! + +Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, löschte die Lichter +und ging in sein Zimmer hinunter. + +Nachts träumte er von Moiken. + + + + +5. + + +Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die +Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedürfnis danach. Er war etwas +enttäuscht, beim Leuchtturmwärter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von +Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen +zurückgezogen, er wollte es ja so. + + + + +6. + + +Gerdsen an Randers. + +Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Hätten Sie doch noch +drei Tage gewartet. Ich kam früher zurück, als ich dachte. Schade! Nun +folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach +List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden +werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versäumen Sie nicht, +mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem +stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles dürfte Sekt +rechtfertigen. + +Ihr Gerdsen. + + +Gerdsen an Randers. + +Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo +stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trümmern Ihres Blockhauses? +Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe, +Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es +wäre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich +weitertasten könnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie +angewiesen wäre. Als "Fachmann" müsste mir nun freilich schon klar sein, +wie das Gebäude zu krönen ist. Aus dem, was ich habe, müsste ich schon +als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens +ist, die Konsequenzen ziehen können. Ja, ich müsste jetzt Ihnen Ihre +künftigen Wege zeigen können. Aber ich will's Ihnen allein überlassen +und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht +heraustreten. + +Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie +Lügen. Also leben Sie fleissig à la Randers und führen Ihr Tagebuch für +mich weiter. + +Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans +vermehren wird. Mich würd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur +Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die +friesischen Holzpantoffeln führe. + +Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie +sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen +keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman +ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ältlichen +Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche führt. Also! + +Ihr Gerdsen. + + + +7. + + +Randers an Gerdsen. + +Dank für Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit +der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder +"Stütze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des +Zeitvertreibs wegen und um dem Mädel einen Spass zu machen. Genügt Ihnen +das für den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren +"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen +zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgültig geworden. Täten +Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich würde Sie +bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es +jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand. +Und damit viel Glück! Möcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen. + +Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer + +Ihr getreuer + +Randers. + + + + +8. + +(Tagebuchblätter.) + + +Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der +des Ozeans. Dieser grosszügige Wellengang seiner Melodie. Der hätte uns +eine Ozeansymphonie schenken müssen. + +Dass alle unsere Grössten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller, +Beethoven. + +Byron, der kannte das Meer! + +Und Böcklin kennt es! + + * * * * * + +Wie organisch die Phantasiegebilde Böcklins sind, sehe ich an Thoma, +diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfüsser +nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Böcklinscher Faun, der +ist echt. + + * * * * * + +Ich sehe die Natur böcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das +macht, Böcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat +sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist böcklinisch. Nie +erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre. +Aber Böcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nähe des +Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den +Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Böcklin. Oder die kleinen +schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise +heranspült, eine Möwe ruhte sich auf dem grössten Stein: Klinger +zeichnet so was auch, ganz köstlich. Aber die Natur erinnert mich nie +an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger. + +Böcklin: Monolog! Klinger: Dialog! + +Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Künstlers +gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespräch. +Der Künstler hat geistreiche Antworten, Einwände, auch mal einen Witz. +Er ist nicht--rein. Wohlverstanden! + + * * * * * + +Welcher Blödsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht über allen Zeiten, +ist _immer_ und _nie_ modern. + + * * * * * + +Nordsee. + + Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen, + Er packt das Meer und zerrt es an den Mähnen. + Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen, + Viel tausend Rosse blecken mit den Zähnen; + und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen + Der Gott hernieder seine Peitschensträhnen; + Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen, + Den Griesbart greinend ich hintüberlehnen. + + * * * * * + +Non est. + + In dieser grenzenlosen Einsamkeit + Blüht neu in mir ein reineres Gefühl, + Und aus dem Zwang der innern Qual befreit, + Lausch ich der Wellen plätscherndem Gespühl; + Und vor mir fliegt ein weisses Mädchenkleid, + Es drängt der Locken wirrendes Gewühl, + Und wie das Sternenlicht im Schaum versprüht, + Seh ich ein Augenpaar, das mir erglüht. + + * * * * * + +Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quält? Mir ist diese ganze Idee mit +dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemühen, oder +es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse +Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger +auch. + + * * * * * + +Moiken. Aber nein! + +Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stück Mensch. Isst, +trinkt, schläft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie. +Daran könnte sich eigentlich der Mann genügen lassen. Aber da hapert's. +Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhäuser baut, Blumen +in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch +Mann? + + * * * * * + +Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spürt, sich zu ersäufen! Ich kann +mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung über +sich selbst zu grübeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhängnis! + + * * * * * + +Des Leuchtturmwärters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die +Einsamkeit, die ihm Lebensbedürfnis ist. Er war früher Musiker bei der +Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrückt! Natürlich! Ich aber verstehe +ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags +nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es +ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lässt, so oder so. +Sie tut mir übrigens leid. + + * * * * * + +Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen, +Leuchtturmwächter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder +versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert +sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, führt mich ganz auf mich +selbst zurück. Ich möchte nach jeder Musik, die mich völlig ergriffen +hat, in die Einsamkeit. + + * * * * * + +Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne +Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches +Gemüt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die +Wagschale zu werfen hat, findet Töne, die einen den ganzen Geistreichtum +der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Töne aber +stammen aus einer Welt, für deren Seligkeiten alle Päpste und Könige +dieser Welt ihre Kronen und Throne geben würden. + + * * * * * + +Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen. + + * * * * * + +Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen +können, diese göttliche Freude, diese fröhliche Göttlichkeit, wiegt das +nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein +versprengter Tropfen des heiligen Öls traf. Wollen, wollen und nicht +können. Glühen, aber es wollen keine Flammen werden. + + * * * * * + +Das denk ich mir die grösste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das, +was in einem glühte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine +Nächte und Träume wiedererkennen, seine gebärenden, schmerzlichen +Nächte. + + * * * * * + +Wenn ich von Fides träume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen +zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glüht in einem sanften +Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie +allmählich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin +wegrückt. Wie die Entfernung wächst, ihre Gestalt undeutlicher wird, +wächst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme +versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal +vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Küsse von +Moikens Lippen. + + + + +9. + + +Im Rantumer Krug waren Gäste eingekehrt. Moiken hatte alle Hände voll zu +tun, als auch Randers nach einer langen Dünenwanderung etwas ermüdet +eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Männer von Rantum beim +Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen +Polstermöbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern. + +Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf hättest du auch +Appetit. + +Aber dann nahm ihn natürlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um +diese Zeit? + +Er stand ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür, zwischen den beiden +Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um. + +Das war ja Jens Petersen Dirks. + +"Tag, Herr Dirks!" + +Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flüchtigen Blick auf +ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn +verwundert ansah. + +Moiken kam aus der Küche mit einem Teller voll Butterbrot für die +Rantumer. + +"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als +notwendig war. + +Er ging händereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Füsse +hätte. + +Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf. + +"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?" + +Er ging ins andere Zimmer. + +"Gnädiges Fräulein erlauben?" + +Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen +und liess sich an einem Nebentisch nieder. + +Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm +hinüber. + +"Warm heute draussen, gnädiges Fräulein." + +Es klang beinah hastig. + +Sie hatte gerad ein Stückchen Brot in den Mund geschoben und konnte +nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr +sagte. + +Randers sprang sofort auf. + +"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er. + +"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die +Fremde. + +Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurück. + +"Wer ist denn das?" fragte er Moiken. + +Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenüber. + +Sie zuckte mit den Achseln. + +"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer hätten, wo sie +allein essen könnte." + +"Schon lange hier?" + +"Halbe Stunde vielleicht." + +"Will sie noch weiter?" + +Moiken wusste das nicht. + +Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geräusch im Nebenzimmer. +Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie +schenkte sich ein.-- + +Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das +Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war. + +Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurückrief, so schien ihm etwas von +einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen. + +Er winkte Moiken heran. + +"Wo wohnt sie in Wenningstedt?" + +Moiken wusste von nichts. + +"Können Sie nicht mal fragen?" + +Moiken antwortete nicht darauf. + +Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen +sich an, als sässen sie weit getrennt. + +Nach fünf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tür zugemacht. Die +Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die +ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein +gewisser Trotz, oder war es Nervosität, hatte ihn dabei beharren lassen. + +Jetzt ärgerte er sich. Was wird sie von dir denken? + +Aber dann lächelte er. + +Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein +braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von +ihr, nicht einmal ob sie hübsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie +Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles, +genügt, dich so aufzuregen. + +"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in +die Küche hinein, deren Tür Moiken immer offen liess. + +"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurück. + +Er ging an das Büffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den +leichten; er brauchte drei Streichhölzchen, bis sie endlich brannte. + +Die Rantumer erhoben sich geräuschvoll und gingen. + +Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen würde? Das +wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten +sollte. + +Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre +ins Nebenzimmer. + +"Gnädiges Fräulein gestatten?" + +Sie war ein klein wenig verwirrt in die Höhe gefahren. Vielleicht hatte +sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert? + +Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond. + +Das sah Randers flüchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt, +die hier aufgehängt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der +Karte, während hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde; +ungeduldig, nervös, wie es ihm schien. + +Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der +Karte stehen bleiben. + +"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lärmend, gnädiges Fräulein," sagte +er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man +spricht sehr laut hier." + +"Ja, das merkte ich schon." + +"Gnädiges Fräulein sind schon lange auf der Insel?" + +"Seit ein paar Tagen." + +"Gnädiges Fräulein gestatten?" + +Er zog einen Stuhl heran. + +Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich. + +"Sie wohnen in Westerland?" + +"Westerland? Nein." + +Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der +Tür. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas. + +"Sie befehlen?" + +Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein. + +"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde. + +Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte +zurückzuziehen. + +Er war blutrot und ärgerte sich. + +Er war gehörig abgeblitzt. + +Was jetzt? + +Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem +Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung. + +Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel +umlegen. + +"Famose Figur," dachte Randers, über die Zeitung hinwegsehend. +"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit." + +Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden +eben bis an die Nasenspitze. + +Randers stand auf. + +Mit diesem königlichen Wuchs musste er sich messen. + +Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie +er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder +Maiblume? + +Ihr Haar, im Nacken leicht gekräuselt, war ganz goldig, da gerade die +Sonne drauf fiel. + +Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kätzchen. +Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rücken. Das gefleckte +kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfötchens in den Sand. Dem +konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amüsierten ihn die +Kätzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schönen Fremden +war, deren Regenmantel hinter seinem Rücken rauschte. + +Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des +Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tür. Er sah ihr einen +Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den +Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin +verschwand. + +Dann erst trat er vor die Haustüre, ging denselben Weg, blieb stehen, +sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dünen +ein. + + + + +10. + + +Randers ging am Aussenstrand. + +Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie. + +Oder auch nicht. + +Eigentlich hätte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein +das Recht, an der Wattenseite zu gehen. + +Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht änglichst +in solchen Sachen. Warum gerade jetzt? + +Er kletterte zweimal auf die Dünen hinauf und hielt Rundschau. Aber +keine Spur von einer Dame. Ein paar Dünenschafe jagte er auf, das war +alles. + +Du bist ein Narr! + +Vielleicht ist sie längst wieder auf dem Rückweg. + +Aber er lief doch bis Hörnum Odde, ganz bis an die äusserste Spitze. Er +war tatsächlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot während der +Ebbe dem Fussgänger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm. +Er nahm seine Mütze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig +war; sie war so schön weiss gewesen, leuchtend. + +"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mütze wieder auf, +schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter. + +Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte +er mit seinen langen Armen, als wäre er besonders unternehmungslustig. +Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in +Westerland eine neue Mütze kaufen solle. Ja, das wollte er! + +Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so +heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen. + +"Winterstürme wichen dem Wonnemond." + +Als er nach Rantum zurückkehrte, hörte er, die Dame sei nach einer +halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dünen hineingegangen und +wäre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurückgegangen. + +Randers lächelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht +so sehr ärgerlich. Nur etwas müde war er geworden und beschloss +infolgedessen, die Mütze erst morgen zu kaufen. + +Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte: + +"Was sagen Sie zu der Mütze?" + +Moiken wusste nicht, was er wollte. + +"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er. + +"Die ist noch lange gut," meinte Moiken. + +Randers setzte die Mütze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor +den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer. + +"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!" + +Er warf die Mütze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die +Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag. + +Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast +gespendet hatte. + +Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr +breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm +gewöhnlicher als sonst vor: + +"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er. + +Er duzte sie oft. + +"Schlafen?" fragte sie verwundert. + +"Du hast ja Punsch getrunken." + +Sie lachte laut auf. + +"Ach, das tut mir nichts." + +"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?" + +"Sie glauben auch wohl." + +"Na, na!" + +"Aber was ich sage!" + +Sie war wirklich entrüstet. + +Er lachte gutmütig. + +"Lass gut sein. Ich scherz ja nur." + +Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das +wirklich ein wenig glühte, zwischen beide Hände zu nehmen. + +Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem +Schraubstock. + +"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach +hinten. + +"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er. + +Aber es wurden zwei. + + + + +11. + + +Ausleben, nicht absterben! + +Randers kaufte beim Gärtner in Westerland ein paar rote Astern und +stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lächelte dabei, +ein wenig spöttisch: + +"Ob sie wohl kommen wird?" + +Aber es ward aus dem Lächeln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln. + +Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel +musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dünennest, +und der Sturm darüber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien. + +Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dünenwildnis ging sie neben +ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschäumten Strandes lag sie +an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er +sich abends müde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann +die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier +einsamen Wände, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer +auf das eine zurückwiesen: Wo bleibt sie? + +War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in +die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art +Verrücktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebäude von +Dünen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das +Weib, wie er es träumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt? + + + + +12. + + +Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige +Trübung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war völlige +Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut. +Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mützen auf, +ohne die sie ihm nie einen Besuch machten. + +Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und +war ärgerlich, trotz der schönen neuen weissen Mütze. Etwas auch gerade +infolge dieser Mütze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand +sich mit der Zeit alle seine Schwächen ein. Er wusste auch jetzt ganz +gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der +alten schmutzigen Mütze herumliefe. + +Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich +gemacht. + +Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in +Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und +wohin sie heute morgen gegangen war. + +Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und +durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt möglicherweise bis Mai +oder gar Juni verlängern könne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und +frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte +sie erst einmal fest gemietet. + +So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand, +dass er ihr nach Kämpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie +wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich ärgerlich. Die Insel +war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufällig" zu treffen. Es +könnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, während dessen sie immer +zwischen den Dünen hinter einander herliefen, um einander herum, nur +durch einen Sandhügel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide störten +vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den +er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nächsten Düne einen +Schrecken ein. Ja, das war alles möglich. + +Der Gedanke machte ihn ganz nervös. Er würde sie nie treffen, wenn er +nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel übernachtete und sich +ihr morgen beim Frühstückskaffee vorstellte. + +Fräulein Lorenzen aus Tönning. Randers war in Tönning bekannt. Da war +der reiche Weinhändler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete +Töchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhändler hatte einen +Bruder in Hamburg, einen Reeder. + +Randers war geneigt, die Dame für Fräulein Lorenzen aus Hamburg zu +halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter. +Patrizierblut. Alter Hanseatenadel. + +Randers lag in der Sonne und ärgerte sich. Er lag auf dem Rücken, die +Mütze übers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf +den rötlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er +eine Handvoll Sand und warf sie über den Rand der Terrasse in die Luft. +Dann wälzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand +durch die hohle Rechte auf den Rücken der linken Hand rieseln, mit +unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Plötzlich nahm er ganze +Hände voll Sand und warf sie über die Terrasse in die Tiefe, immer mehr, +immer schneller, der grosse Junge, der er war. + + + + +13. + + +Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlürfte seinen Kaffee +auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hörte. Sie +beklagte sich beim Wirt halb ärgerlich, halb belustigt, dass sie sich +umkleiden müsse. Irgend jemand hätte sie vom rotem Kliff herab mit Sand +förmlich überschüttet. + +Randers war betrübt, entsetzt. Er unterdrückte einen Fluch. + +Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens. + +Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der würde ihm natürlich die +grosse Neuigkeit erzählen. Fräulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was +sollte er dazu sagen, für ein Gesicht machen? Er würde sich verraten, +sie erführe es, und es wäre aus, alles aus! Adieu! + +Er schwang sich über die niedere Brüstung der Veranda und lief in die +Heide hinaus. + + + + +14. + + +Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt +ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an +diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht, +der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz plötzlich erhoben hatte! Der +Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem +weisslichen Nebelmeer ertrunken. + +Dumm! sagte Randers laut. + +Ob er in den Krug ginge? Dahin fände er auch durch den Nebel. + +Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er könnte auch zu +Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und +der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes." + +Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf: + +"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach +siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach +einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprünglichen +Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedürfnis, die alte Hülle, +die ihn bedrückte, zu zerbrechen und ihr als ein gänzlich neuer Mensch +zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrübt, von allen +Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verführerische Vision +eines zukünftigen Daseins, in dem er, erlöst von allen verhängnisvollen +Eigenschaften, von aller äusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum, +die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale sähe und vor sich das ganze +weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn +das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch +unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt +hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?" + +Das hielt ihn. + +Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen. + +Das neue Leben von diesem Weibe? + +Er wollte gerade die Fensterläden schliessen als es draussen klopfte. +Der wackelige Türgriff klirrte, und die Tür knarrte, als würde sie +zögernd geöffnet. + +Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah +erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fräulein Lorenzens. + +"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier plötzlich ein Licht +aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich +nicht zurecht." + +"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt. + +Sie lachte. + +"Höchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht." + +Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnässt vom +Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste +gefallen sein. + +"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal +gestolpert." + +"Sie haben sich doch nicht verletzt?" + +Sie besah ihre Hände, die ohne Handschuhe waren. + +"Ein paar Schrammen," lachte sie. + +"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie können in +dem Nebel nicht weiter." + +"O danke, bemühen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme." + +"Es klärt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin." + +"Wenn es sich noch aufklärt, und Sie erlauben, dass ich verweile?" + +Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder. + +Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen. + +"Mein Blockhaus," sagte er. + +"Das ist ja märchenhaft. Sie wohnen hier?" + +"Seit dem Herbst." + +"Das muss köstlich sein." + +"Wenn man Einsamkeit liebt." + +Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Sünde +vom roten Kliff fiel ihm plötzlich ein. + +"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie, +"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine +Badegäste kommen." + +"Ja, die Badegäste!" + +"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden länger hier +hausen?" + +"So lange es mir gefällt." + +"Und ganz allein?" + +Er zuckte die Achseln. + +"Was soll man machen? Die schönste Einsamkeit ist freilich die zu +zweien." + +"Meinen Sie?" + +Er lächelte etwas verlegen. + +"Einsamkeit will sprechen," sagte er. + +Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen +flüchtigen Blick auf den Titel. + +"Mögen Sie den?" fragte sie. + +"Sie nicht?" + +"Nein. Er quält mich. Er füttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt +eine Rose, einen Strauss, aber man schüttet einem nicht einen Waschkorb +voll Rosen über den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen +angenehm zu ersticken." + +Er lachte. + +"Sie haben nicht unrecht." + +Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem +Fenster. + +"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlässt?" + +"Übernachten Sie in Rantum." + +"Kann man denn das?" + +"Gewiss!" + +Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker, +undurchdringlicher Nebel. + +"Er ist stärker geworden," sagte er. + +Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse. + +"Es ist nicht weit bis Rantum?" + +"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell." + +"Entsetzlich!" + +Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei. + +"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber +wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein +Fremdenzimmer, ganz komfortable." + +Er war ganz rot. + +"Aber nein," rief sie ungläubig aus. + +"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe +geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedürfen könnten, +wenigstens für eine Nacht." + +Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja". + +"Welch ein Abenteuer!" + +"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er. + + + + +15. + +(Tagebuchblätter.) + + +Der Strandvogt, dieser Hüne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel +seiner Frau zu stehen. Wenigstens überlässt er ihr das Regiment. Die +schwerfällige Kraft räumt der rührigen, feineren Intelligenz freiwillig +das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei +einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kürzeren, denn +seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fäuste ihn durchzusetzen. +Eigentlich ein sehr glückliches Verhältnis. + + * * * * * + +War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung +sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder +nachsehen, was noch zusammenhält von dem Kasten. Wie die Säcke rutschten +die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich +alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war +halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg. + +Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den stärksten Sturm +mit der Gewalt seiner Lungen überbrüllend. Es ist doch etwas herrliches +um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit +verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der stärkste +Mann der Welt! Preisochse! + + * * * * * + +Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prächtiger, himmelblauer +Tag. Die See gleisst. Ganz köstlicher Anblick, diese gleissende See, ein +flüssiges Metall. Von Hörnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten +in der See, wie sie über die Sandbank schäumt. + +Böcklinsche Meerweiber natürlich darin, weisse Leiber, in der Sonne +leuchtend, triefende Arme, Gelächter, wie wenn Wellen über Muscheln +spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurück, balgen +sich, toll ausgelassen. + +O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton, +urfrische Sinnesfreude. + + * * * * * + +Famoses Weib. Muss doch aufspüren, wo sie sich eingenistet hat. Diese +Figur, diese imponierende Zurückhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen +Regeln. + + * * * * * + +Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hörnum, sitzt sie natürlich in +List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten. + + * * * * * + +Fräulein Lorenzen aus Tönning. Sie will bleiben, so lange es ihr +gefällt, will Einsamkeit. Fräulein Lorenzen aus Tönning, ich suche Sie, +wir gehören zusammen. + + * * * * * + +Natürlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie +nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein +Dieb übern Zaun.-- + +Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich träume nur, und nur von ihr. Es +ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschäftigt, +einen ausfüllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er +das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem +Lotteriegewinn. + + * * * * * + +Wenn man so im Dünensand liegt, der Wind geht über einen weg, und um +einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die +tausend feinen Körnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt +nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so +blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlägt. +Und plötzlich fängt der Magen an zu knurren, will nicht länger so +liegen, hat Hunger. Aber man hält's eine Weile aus, man liegt gerade so +schön, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross +wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen. + + * * * * * + +Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran +herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlägt +die Zähne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in +den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der +Strandhafer hält's fest, das Land wächst, die Dünen wachsen, und der +Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal +wild, brüllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer +weisser Bart weht über den Dünenkamm. + +Trutz blanker Hans! + + * * * * * + +Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wälze mich schlaflos, steh +auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schläft Fräulein Helga +Lorenzen aus Tönning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges +Kichern. + +Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spät +für Wenningstedt. Gott sei Dank! + +Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz +unbefangen. Diese schönen Hände. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber +manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der +Seele aufsteigen. + +Also nicht Tönning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tönning. Reiche +Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen +Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt +berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Übrigens ist sie +mündig und wird über Vermögen zu verfügen haben. Gefällt mir ausnehmend, +dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf +eigenen Füssen, Ibsenweib. + + * * * * * + +Fräulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt täglich. Ist das ein +Mädchen! Sie hat Vermögen und will vorläufig "ohne Engagement" leben; +Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nächstes Jahr +will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit. + + + + +16. + + +Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Füssen im +Sand. Überall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher. + +Helga hatte mit einem Stückchen Muschelkalk Randers Profil auf ein +grösseres Schieferstück mehr gekratzt als gezeichnet. + +"Getroffen?" + +Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab. + +Er lachte. + +"Aber nein!" + +Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kräftigem Wurf +nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin. + +"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr +Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt." + +"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das +Meer? Man schämt sich hier seiner Unzulänglichkeiten mehr als anderswo." + +"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern +gemacht hatte und die er gerne vorgelesen hätte. Jetzt verging ihm der +Mut dazu. + +"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurück?" fragte er. + +"Nein, es ist nicht mein Beruf." + +"Sollten Sie sich nicht täuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--" + +"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie +Ihnen gestern überzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen überhaupt. Aber +sehen Sie, es treibt mich nicht, hält mich nicht. Ich habe mir selbst +den Beweis geben wollen, dass ich etwas könne, etwas war es auch Trotz +gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss +man ganz gehören, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht +dabei verlieren will." + +Er schwieg einen Augenblick. + +"Aber Sie sind doch eine Künstlernatur," sagte er dann. + +"Weil ich eine Seele habe?" + +"Sie haben doch auch Talent." + +"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine +lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere würden +zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Häuschen mit allerlei +Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Häuschen, ich will ein +Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht." + +"Sie sind zu bescheiden." + +"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht +nötig," setzte sie leiser hinzu. + +"Aber Naturen wie Sie müssen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!" + +"Das sagen Sie?" + +Es klang wie Spott. + +Er errötete. + +"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht." + +"Und wer trägt die Schuld?" + +"Ich selbst natürlich." + +Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand. + +"Etwas natürlich auch die Verhältnisse," setzte er hinzu. + +"Die muss man meistern." + +"Das geht nicht immer." + +"Man muss wissen, was man will und was man kann. + +"Und wenn man was will, was man nicht kann?" + +"Das ist ja ein grosses Unglück." + +"Man kann nichts dafür." + +"Na--" + +Sie brach kurz ab. + +"Sie meinen doch?" fragte er. + +"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man +ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier +wirkst du, hier ist dein Land." + +"Wenn aber diese Erkenntnis zu spät kommt?" + +"Was nennen Sie zu spät?" + +"Nun, so in meinen Jahren." + +"Freilich, im Greisenalter." + +Sie lachte spöttisch, und er stimmte herzlich ein. + +"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas +boshaft. + +"Dass ich nicht kann, was ich möchte? Ja." + +"Was möchten Sie denn?" + +Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz: + +"Heiraten." + +Sie lachte laut auf. + +"Und warum können Sie es nicht?" + +"Weil ich keine Frau finde." + +"Die Ihrer wert ist?" + +"Die zu mir passt." + +"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?" + +"Ja wenn ich das nur wüsste." + + + + +17. + + +Randers an Gerdsen. + +Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Für heute nur diese +Anfrage. Ein neues Kapitel fängt an!! + + + + +18. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Lassen Sie endlich von sich hören? Ihr Schweigen war mir rätselhaft. + +Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman +zuliebe und stürzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Ärmster das +alles bewältigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie +sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer +Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die +Künstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann würde +ich mir weitere Materialien erbitten. + +Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen, +"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie +Ihr Blockhaus bauen würden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten +Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschütterten Leser vor die +Füsse werfen sollen. Eine Blockhausgefährtin aus Fleisch und Bein zu +sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch +Wirklichkeit geworden. + +Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hören. Der Roman stockt. Ich +brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise +deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden? + +Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als +Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes +Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass +er schon schlechtere Bücher gelesen hat. In Zukunft bin ich übrigens +vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall wäre etwas für das +Genie eines Cervantes oder für die Psychologie eines Dostojewsky. + +Mit Herz und Hirn Ihr + +G. Gerdsen. + + + + +19. + + +Randers an Gerdsen. + +Nur ein paar Dankeszeilen für Ihren Brief, lieber Freund, der meine +wunderliche Stimmung noch bunter macht. + +Alle Erklärungen nächstens. Halten Sie mich nicht für den +oberflächlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht +wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie +spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen +Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die +Tragik eines solchen Charakters! + +Was ist überhaupt das Leben anders, als ein beständiger Kampf gegen +Windmühlen. + +Übrigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihre +Rettung. Soll man nicht an höhere Lenkung glauben? Diese "verrückte" +Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihr +das Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel? + +Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning. +Klingt das nicht hübsch zusammen, was? + +Herzlichst + +Ihr Randers. + + + + +20. + + +Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas +Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Körbe voll. Er +hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten +in der Wohnstube verstreut, über alle Möbel, und über den Fussboden. + +Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der +Leute wegen? der Rantumer? + +"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung +angenommen. + +Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren +Füssen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah, +mit einem glücklichen, gerührten Lächeln auf ihn zukam, der Veilchen +nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise: + +"Wie lieb habe ich Sie." + +Ein flammendes Rot überflog sie, verging aber schnell. + +Sie lächelte. + +"Wie gut Sie sind." + +"Weil ich Sie so liebe?" + +Sie legte den Finger auf den Mund. + +"Seien Sie nicht töricht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein." + +Er küsste ihr die Hand. + +Nachher gingen sie auf die Dünen hinauf. + +Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und +musste auf dem Dünenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es. + +Da gab er ihr seinen Arm. + +Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah. + +Die Möwen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Nähe. + +"Da drüben liegt Schottland," sagte Helga. + +"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er. + +Sein Herz war voll. Er spürte den Veilchenduft, der von ihrem Gürtel +aufstieg, von dem Sträusschen, das sie dort befestigt hatte. + +Er hätte sie an sich reissen mögen. + +Drüben liegt Schottland. + +Er verstand sie wohl. + +"Wir wollen gute Kameraden sein." + +Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor. + +"Wie denken Sie über Jolanthe?" fragte er. + +"Die Ärmste," sagte Helga. + +"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers. + +"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie +leichthin. + + + + +21. + + +Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler. +Randers stiess mit ihr an. + +"In Schönheit sterben," sagte er. + +"In Schönheit leben," antwortete sie. + +"Aber dann in Schönheit sterben," beharrte er. + +"Wie's kommt." + +"Das sagen Sie, Hedda Gabler?" + +"Ich bin keine Hedda Gabler." + +"Aber möchten Sie denn nicht--" + +"In Schönheit sterben?" + +Sie lachte. + +"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut +gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die +Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt +doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben +mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schönes dabei? Kraft und +Willen zu neuem Leben haben, das wäre schön. Das andere ist am Ende nur +ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der +Verzweiflung." + +"Unter Umständen--" + +"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen +zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach +sich wegzublasen." + +"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist." + +"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg räumen. Ich billige das +sogar. Aber wir wollen da nicht von Schönheit reden. Er erleichtert +sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut +bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt." + +"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht." + +Sie zuckte die Achseln. + +"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben." + +Es war ein köstlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom +Sterben ruhen. Sie gingen in die Dünen und waren still und froh +miteinander. + +Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schönheit leben!" Ja, +mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie lächelte. Sie +liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz +überzeugt, dass es ihm möglich sei. Und er lachte so laut und fröhlich +und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Mütze in den +Nacken, dass die ganze, hohe, gebräunte Stirn frei wurde. + +Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen +sie auf Nora. + +"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers. + +"Wollt ich?" + +"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden +Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und +hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind +wird Ihren Schal fangen, und die Möwen werden Ihren Pas folgen, der Tanz +über dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein." + +So bat er, beredt und von ihrer Schönheit in einen Rausch versetzt, der +ihn zum Dichter machte. + +Und Helga erhob sich zum Tanz. + +"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora. + +Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequältes Weib, das +Betäubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und +Gleiten und Auf- und Niederschnellen. + +Sie ist zu gross für Nora, dachte Randers. + +"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga. + +"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers. + +"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen +tanzen möchte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das möchte ich +Ihnen tanzen können." + +Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte über die Heide, kam in +Feuer, ward geschmeidig, verjüngte sich vor seinen Augen, tanzte um den +Kopf des Täufers. Und ein Wolkenschatten hüllte sie ein. Und der Wind +wehte frischer und rang mit ihr und löste eine ihrer schweren blonden +Flechten. + +Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an. + +Und die Wolke zog vorüber, und die Sonne liess Helgas Schatten über die +Heide tanzen. Und eine Möwe wiegte sich, leuchtend, über Salome, +umkreiste sie und schoss plötzlich wie ein zuckender Blitz davon. + +"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Hände, sprang auf und auf +die ihm entgegen Taumelnde zu. + +Helga glühte, lächelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Dünenbett und +fächelte sich Kühlung zu. + +"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich möcht's +können. Mit Genie tanzen." + +"Sie können's," rief er warm. + +"Nein, nein. Es ist nichts." + +"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie lächelnd hinzu. + +"Meiner steht Ihnen zur Verfügung," sagte Randers. + +"Sie sind kein Johannis." + +Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fühlte sich +verwundet. + +"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er. + +"Was wollte Salome mit ihm?" + +"Sie liebte ihn." + +"Nun also. Aber ich müsste diese Liebe empfinden, nicht nur +schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie +ersetzt." + +"Und waren Sie nie--" + +"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund." + +Er sah sie forschend an. + +Sprach sie die Wahrheit? + +"Und wie müsste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--" + +"Männlich!" + +"Ja, wie?" + +"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Füssen +und Herr über sich." + +Randers wurde rot, glühte vor Scham. + +"Der ideale Mann," sagte er. + +Sie sah sein Erröten, und ein warmes Gefühl für ihn stieg in ihr auf. + +"Ideal?" sagte sie. "Solche Männer gibt es genug. In allen Ständen, Gott +sei Dank!" + +"Aber Sie wollen doch auch etwas höheres, geistigeres. Der brave Mann an +sich--" + +"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Köstlich! +Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natürlich nicht. Sonst +könnte man sich unter zehn braven Männern nicht gerade in den einen +verlieben." + +"Da ist's also doch noch etwas anderes." + +"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Dümmste von den zehn. + +"Nun werden Sie flach." + +"Liebe ist blind." + +"Auch eine Flachheit." + +"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen." + +"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe wäre Genie." + +"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfäden, wach im Traum und immer +närrisch." + + + + +22. + + +Randers an Gerdsen. + +Lieber Freund! + +Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf. + +Mir ist es, wie die Witterung eines Verhängnisses. Und hier, wo ich +gesunden wollte! + +Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe! +Kein Mord dieser Liebe. + +Sie _müssen_ sie kennen lernen. + +Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Grösse, +einer Strenge. Rühr mich nicht an! Geist und Verstand. Güte. +Schönheitsbedürfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung. + +Sie hat wunderbar schöne Hände, gross und voll, aber weich, und hat +einen so warmen festen Druck. Hände zum Festhalten: Du bist mein! + +Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, überlegt, aber es zittert +immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese +klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes +zittert. + +Sie teilt sans gêne mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Träume +haben sich erfüllt. + +O, diese Stunden am Strand, in den Dünen. Und zu Hause, wenn wir lesen. +Sie liest, na, eben als Künstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda +Gabler, Rebekka West, Nora. Sie würde keine unwahre Ehe ertragen. +Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr +aufzwingen wollte. + +Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir! + +Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie müssen sie Grieg singen +hören. Jeder Ton Leidenschaft. + +Ihr Randers. + + + + +23. + +(Tagebuchblätter.) + + +Strandbegehren. + + In stiller, milder Düneneinsamkeit + Bin spät am Abend ich dahingegangen, + Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid, + Und süss im Herzen brannte das Verlangen. + Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit, + So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen. + Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit + Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen. + + * * * * * + + Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage, + Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Küssen. + + * * * * * + +So hat Desdemona zu den Füssen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern +gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen +Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich +imponieren? Ihr, die aussieht, als würde sie das Kühnste mit mir teilen? + +Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen +es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum +Mohren von Venedig. + + * * * * * + +Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Küsse für +sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie +es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die +Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurückgeschreckt vor jeder unreinen +Berührung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich +quält, in Reue quält und etwas in sich zerstört fühlt--ob sie es +versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist? + + * * * * * + +Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin +überlegen. Sie interessiert sich für mich. Vielleicht, wenn ich auch +noch schwarz wäre wie Desdemonas Mohr-- + + * * * * * + +Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung +über unser Zusammenleben gemacht. Denken mögen sie ihr Teil und unter +sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts +merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte: +"ist sie denn garnicht ängstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist +doch so ganz einsam und weit weg." + +Ob er Hintergedanken hatte? + +Mannsleute haben immer Hintergedanken. + + * * * * * + +Ach, lüge dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil +sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkämpft +sein will. + +Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nüchternheit des +Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalität. Und doch dies +Künstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie +würde sich in einem Kreis moralfester Predigerstöchter wohl fühlen +können. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht +Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend +woher hat, das zurückgedämmt, gefangen gehalten wird von der +Tabaksfabrikantennüchternheit väterlicherseits in ihr. + + + + +24. + + +Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie +musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe +dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hören. + +Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an +Seite durch die Abenddünen gingen, um noch einen letzten Blick auf die +See zu werfen. + +Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen. + +"Bitte! Hier in den Dünen, von den Dünen herab. Da oben, aufs Meer +hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond +einen silbernen Gürtel geliehen." + +"Es ist schön." + +Sie stiegen langsam auf den höchsten Kamm. + +"Hier," bat er. + +Helga lächelte. + +Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Füssen +geworfen und sah aufs Meer hinaus. + +Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse +Herzblut: + +Ich liebe dich! + +Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf. + +Sie stand zitternd, wollte wehren. + +Aber er umschlang sie, riss sie an sich, küsste sie. Seine ganze +Leidenschaft wachte auf. Und sie, überrascht, überwältigt, unter der +Glut seiner Küsse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre +Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der +Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten +aneinander, einten sich. + +Und sie küssten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der +wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung +brachte. + +Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht erglühten sie aneinander +und küssten sich. + +Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus +und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, küssten den Strand und +starben, küssten und starben. + + + + +25. + + +Randers stürmte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen +hinaus. + +Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie +schlafen nach diesem Abend? + +Aber es war oben alles still gewesen. + +Säe schlief, schlief noch. + +Schlief doch. + +Aber ihn trieb es hinaus. + +Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie, +die jetzt sein war, die er nicht lassen würde, nicht wieder von sich +lassen. Endlich das Glück, das grosse Glück! + +Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken. +Nur das eine selige Gefühl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glück, +deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst. + +In Schönheit leben! + +Ja, mit ihr in Schönheit! + +Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama +erhabener Natur, starre, schweigende Bergöde, Palmenwälder, rauschende +Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen +allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele. +Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte, +schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darüber, alles +umspannend, der glänzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefühls, +tränenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war +alles das Glück, das endliche grosse Glück. + +Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestürmt. Diese +köstliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten +Rillen mit glänzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden +Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkühle, aber +doch glänzend in Erwartung des Tages. + +Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde +Morgenschönheit. Es kam eine Kraft über ihn, eine Fröhlichkeit und ein +Stolz. + +Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen über die +Sandbank schäumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des +Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend. + +Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo +die Wellen jauchzten, sein Glück ans Meer tragen, es hinausrufen, dem +dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den +hundert Meermädchen, die sich da lachend ihre nächtlichen Meerträume +erzählten und mit den weissen Armen nach den Möwen griffen, die mit +ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten. + +Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen +weichflugigen Seevögel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder, +flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder +geräuschlos auf den Sand. + +Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die +Füsse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glänzender Schaum +längs des ganzen Wattenrandes. + +Und die Sonne kam. + +Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Bläschen schillernd und +sprühend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Mütze vom Kopf +und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob. + +Und dann fing er an zu singen, jenes alte dänische Heldenlied, das er +damals auf den nächtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und +singend wich er vor den Wellen zurück, sang und freute sich der +heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurück. Bis es ihn +plötzlich überfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Möwen sah, +die unruhig wurden und ins Watt zurückzogen. Und er erschrak. + +Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch +schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefüllt hatte, ganz rot +glühte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser +Erregung. Er wandte sich seitwärts. Er musste auf dem nächsten Weg den +Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der +heranrollenden Flut längs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half +nichts. + +Er zog Schuh und Strümpfe aus, zog die Beinkleider über die Knie hinauf +und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis über die Knöchel. Es +war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen. +Vielleicht musste er nachher noch laufen. + +Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste, +dass nur grösste Kaltblütigkeit und Umsicht ihn retten würde. Und es war +ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man würde vom Strand aus ihn sehen. Und +zuletzt, er war ein guter Schwimmer. + +Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen füllten +sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war. + +Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getön. Das Meer kam, um wieder +Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehörte das Watt. Es drang in +die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbänken, +umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem mächtigen, +schillernden Leib. + +Randers lief an einem breiten Priel längs und konnte keine Furt finden. +Er lief zurück, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom wälzte +sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken +Hans in die gierigen Zähne. + +Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis +über die Hüften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah. + +Drüben lief er weiter, nackt, um erst einen gehörigen Vorsprung zu +gewinnen. Er schätzte die Entfernung bis zum Ufer. + +Eine Viertelstunde noch. + +"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick +aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne. + +Alles sah so fröhlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das +rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen. + +Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen +Nacht, die nicht endet. + +Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das +Unheimliche. + +Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das strömte von allen Seiten +zusammen, überholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein, +warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen +Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen. + +Randers blieb ruhig. Das Terrain längs der Küste kannte er. Es war da +noch einmal tief. Das Wasser würde ihm vielleicht bis an den Hals gehen, +er würde schwimmen müssen. + +Schwimmen bei der Flut? + +Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln +und werfen. Aber seine Arme waren geübt, und irgendwo würde er festen +Fuss fassen. + +Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden, +rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste +er's wagen. + +Alles ab! Ganz nackt, die Zähne zusammen, jede Muskel krampfhaft +gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen, +strandlängs, und wieder zurück, wieder abseits, sah die Entfernung +zwischen sich und dem Strand wachsen. + +Er warf sich auf den Rücken, schöpfte Atem, warf sich wieder herum und +begann den Kampf aufs neue. + +Und es gelang ihm. Er fühlte festen Boden unter den Füssen, taumelte +mechanisch weiter, fühlte sich ohnmächtig werden und fiel kraftlos +vornüber. + +Eine blaugrüne, schaumgekrönte, wogende See rollte über dem Watt. Die +Möwen kreisten darüber und leuchteten in der Sonne, schossen herab, +neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden +Laut wieder auf. + +Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing +schlaff herab, und mit den Füssen spielte noch die Flut und warf sie hin +und her. + +Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief +sie nach Hülfe. + + + + +26. + + +Randers war noch sehr elend nach den Fiebernächten, mit denen er Helga +erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand +umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn +bis ans Herz fror. + +"Sie dürfen nicht gehen," sagte er. + +"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die +Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen." + +"Fieberträume," rief er. + +"Quälen Sie mich nicht so," sagte sie leise. + +Da liess er ihre Hand los. + +"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her. + +Eine heisse Welle überflutete für einen Augenblick ihr Gesicht. + +"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb +haben." + +"Nie." + +"Kennen Sie sich so schlecht?" + +"Helga, nun quälen Sie mich." + +"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie quälen muss, wo sie beglücken +möchte." + +"Helga." + +Er lag zu ihren Füssen. + +"Henning. Nicht. Stehen Sie auf." + +Er umklammerte ihre beiden Hände und küsste sie. + +"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er. + +Sie löste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie tröstend über +seinen Scheitel. + +Dann beugte sie sich zu ihm und küsste seine Stirne. + +"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann." + +"Es ist Ihr letztes?" + +"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese +ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir dürfen nicht einem +Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns +jetzt auch stark sein." + +Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurück und begrub das +Gesicht in die Hände. + +Leise ging Helga hinaus. + + + + +27. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Lieber Freund! + +Ein Geständnis aus melancholischem Herzen. Während ich an Ihrem Roman +arbeite und mich mit Ihren Amouren abquäle, stecke ich selbst darin, +bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche, +verspätete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie +empfunden habe. Ein Kind, eine Schülerin, mir in ein paar Jahren +heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele +zum Klingen bringend, die bisher ruhten. + +Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Geständnis in +treuem Herzen. + + +Märchen. + + In deiner lieben Nähe + Bin ich so glücklich. Ich mein, + Ich müsste wieder der wilde + Selige Knabe sein. + + Das macht deiner süssen Jugend + Sonniger Frühlingshauch, + Ich hab dich so lieb, und draussen + Blühen die Rosen ja auch. + + O Traum der goldenen Tage. + Herz, es war einmal.-- + Abendwolken wandern + Über mein Jugendtal. + + * * * * * + +Fromm. + + Der Mond scheint auf mein Lager, + Ich schlafe nicht, + Meine gefalteten Hände ruhen + In seinem Licht. + Meine Seele ist still. Sie kehrte + Von Gott zurück. + Und mein Herz hat nur einen Gedanken: + Dich und dein Glück. + + * * * * * + +Ja, mein tägliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Glücks auf den +blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjährigen Kindes! Und das +Köstlichste: + + * * * * * + + Ein treues Herz, + Das ihr nur schlägt, + Und dem auch sie, + Herz an Herz, + Entgegenglüht, + In Liebe entgegen: + Mein! + Mein Glück! + +Sie wissen, wie ich Frau und Kinder lieb habe. Sie verstehen aber auch, +wie man trotzdem--es ist Schicksal, man kann nichts dagegen machen. +Dulden und überwinden. + +Ihnen aber, der Sie frei sind, wünsche ich von Herzen, dass Sie einmal +die Ruhe in der Liebe finden, das über alle Leidenschaft herausgehobene +Glück: Du bist mein und ich bin dein! Vielleicht sind Sie ja schon auf +dem Weg, und das letzte Kapitel unseres Romans wird ein fröhlicher +Festgesang. + +Inzwischen erhebe uns Gobinaus Wort, nach dem die Grösse der Seele darin +besteht, dass sie nicht zerbricht. + +Und so tapfer durch den Tag bis ans Ende. Jede Schuld vergrössere und +stärke unsere Sehnsucht nach Licht und Güte. Jede Niederlage werde uns +eine Stufe zum Sieg. + +Ihr Gerd Gerdsen. + + + + +28. + + +"Überwinden." + +Randers lächelte müde. + +Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat. + +Und doch, du hast recht, alter Freund. Überwinden. + +Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder. + +Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er +presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl. + +Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschlüssig vor +Helgas Zimmer, die Hand auf dem Türgriff. + +"Leer," sagte er leise, "alles leer.--Nein, ich will nicht--das +nicht.--" + +Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die +Dünen. + +Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den +Strand, stieg aus den feuchten Dünentälern, wallte wie ein leichter +Rauch über die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und +Tümpel. + +Randers achtete nicht darauf. Ihn fröstelte, ein Fieberschauer +schüttelte ihn. Aber er ging weiter. + +Wohin? + +Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen, +wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten +begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs plötzlich wie aus der Erde neben ihm +auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr +plötzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich +selbst verkriechen. + +"Schatten! Gespenster!" + +Randers sagte es ganz laut. + +"Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich höhnt. Ein Nichts. Ein +Spuk. Ein Nebel." + +Was war das? + +Gesang? + +Deutlich hörte er es. Tiefe, orgelartige Töne. + +Die Brandung. Der Wind. + +Es wuchs. + +Das waren nicht Wind und Wellen. + +Er steckte sich die Finger in beide Ohren. + +Es sang, sauste und brauste. + +"Du bist krank." + +Er sagte es laut, ruhig. + +Das Wort befreite ihn. + +Krank! + +Er lachte, lachte laut und hart auf. + +"Krank! Warst du je gesund?" + +Und dann fiel er, schlug lang hin, war über irgend etwas gestolpert. + +Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er +aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie kühl. Wie köstlich +kühl. + +Helgas Hand. + +Ihr Kuss. + +Wie kalt ihre Hand war; eiskalt. + +"Was quälen Sie mich so." + +Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine +Qual für andere. + +Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Quälend und +gequält. + +Er erhob sich, taumelte weiter und wäre beinahe wieder hingestolpert. + +Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt. + +Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht +weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tümpel, in +denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem +Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige, +schlammige Wasser. + +Dann würde er ersticken. + +Elendig zu Grunde gehen. + +Er erinnerte sich mit einmal eines Tümpels hier in den Dünen, worauf er +eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals +mit dem Stock, aber sie hielt sich ängstlich in der Mitte des Tümpels, +er konnte sie nicht erreichen. + +Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er +als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt. +Vor allem die Hunde. + +Inge Jönksen, wie kam er plötzlich auf Inge Jönksen? + +Er sah sie die Wäsche aufhängen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus. +Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau +hielt. + +Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm +vorüber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen. + +Sein ganzes, verpfuschtes Leben. + +Fides, seine Flucht aus Rixdorf. + +Warum quälen Sie mich so.-- + +Sie, sie hätte ihn gerettet. + +Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir. + +Stark sein, Mann sein, in Schönheit leben. + +Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schönheit sterben. Nein, erbärmlich, +jämmerlich davonlaufen. + +Fides! + +Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend über dem kleinen +Tisch des Pavillons lag. + +Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Füssen, +umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Hände, ihre beiden Hände. + +Wie kalt sie waren. + +Eiskalt. + + * * * * * + +Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Dünenkraut. Aus der rechten +Schläfe sickerte Blut. + +Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder über +ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen. + +Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Dünen hinauf +und zogen sich langsam wieder zurück. Lange, feuchte Haare flatterten. +Todblasse Gesichter öffneten grosse traurige Augen, erzitterten, +verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts. + +Aber über dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern. + +Ende. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** + + +******* This file should be named 11075-8.txt or 11075-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/1/0/7/11075 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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