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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11075 ***
+
+Der Mann im Nebel
+
+Roman
+
+von
+
+Gustav Falke
+
+Hamburg 1916
+
+
+
+
+
+Seinen lieben Freunden
+Karl Ernst Knodt
+und
+Frau Käthe
+herzlichst zugeeignet
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+
+
+
+1.
+
+
+Liebster Doktor!
+
+Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor führt mich mein
+Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorüber, und ich
+werfe betrübte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schön war's da
+oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenüber
+auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem bücherbeladenen Tisch eine Tasse
+Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, über
+Literatur, Kunst und tausend Sachen.
+
+Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man
+diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer
+etwas waschfrauenmässigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden
+Sprechweise.
+
+Und das einzige Likörglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer
+ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund:
+
+"Is nich'n hübsches Glas? Is aus Travemünde. Hab ich selbst mitgebracht.
+Hübsches Glas. Ist es nich? Aus Travemünde. Hab'n Schwester da, wissen
+Sie. Ja, 'n Schwester."
+
+Sie lässt bestens grüssen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen
+Zöllner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau
+Kontrolleur gibt viel auf das Solide.
+
+Na, in Punkto Solidität. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zöllner wird
+uns über sein.
+
+Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine
+Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie über meinen letzten Roman schrieben,
+hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist
+doch nichts mit diesem nüchternen Realismus. Ich möchte nun endlich mal
+schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen.
+
+Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles mögliche.
+Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Porträt
+von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei
+Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkämpfe mit sich
+aufführt. Ihre gefährlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer
+daraus wird.
+
+Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfüber in
+die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es
+bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn
+wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Müdigkeit,
+Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine
+neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der
+Wintererde.
+
+Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne,
+liegen auf dem Rücken und hören die Mittagsmusik des bocksbeinigen
+Gottes, während ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei
+anhöre.
+
+Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb für Sie wieder ausgrub, weil es
+gerade hierherpasst. Etwas Böcklin-Nietzsche mit einem Stich ins
+Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehörig.
+
+Herzlichst
+
+Ihr Gerd Gerdsen.
+
+ * * * * *
+
+
+Tanz.
+
+Pan bläst. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der
+Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden
+Blondhaares freuen werden.
+
+Komm auf die Wiese!
+
+Blumen werden sich unter unsere Füsse drängen und aufgescheuchte
+Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge,
+leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt.
+
+Wir wollen tanzen zu diesen Tönen. Und die Wiese tanzt, und der Wald
+tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die
+bräutlichen Birken mit den jungfräulichen Gewändern aus Silberseide.
+
+Und die weissen Lämmer auf der blauen Himmelswiese werden hüpfen,
+umeinander hüpfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Flöte des Hirten.
+
+Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen
+auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender,
+glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in
+unserer nackten Schönheit und in unserer nackten Freude.
+
+Komm, komm! Pan bläst.
+
+Die Bocksfüsse übereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten,
+Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen.
+
+Wir aber tanzen vor ihm, nackt, über Blumen, zwei weisse Schmetterlinge,
+trunken in Lust, trunken in nackter Lust.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Lieber Gerdsen!
+
+Herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr
+Plan ist vorzüglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfügung,
+Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber
+einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans.
+Sie wissen, wie sehr ich ihn schätze, hochwerte, diesen Realismus:
+künstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des
+treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und
+ohne den es nicht gehen würde. Aber selbst dieser Humor macht diese
+misera plebs, diese Kellerleute, Käsekrämer und Ladenmädchen nicht auf
+die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen
+machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Höhenmenschen. Was wollen Sie
+Dünger karren, statt uns Edelgewächse zu ziehen.
+
+Könnt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen,
+ohnmächtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnügen, dem
+einzigen, was Ersatz für mangelnde Produktivität gibt, die Natur, die
+uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin,
+die Zerstörerin, die am grössten ist, wenn sie tötet. Das ist es, was
+ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre
+Gleichgültigkeit! ihre völlige Verachtung des Menschen!
+
+Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen müssen wir mal zusammen.
+
+Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften,
+diese sanften Hügel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser
+täglich Brot gib uns heute. Amen.
+
+Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den
+Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und über allem der Gendarm.
+
+Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art
+Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschlüsse aufkommen
+lässt, Hans der Träumer!
+
+Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht
+dieser ekelhafte Stadtpöbel, keine öde Sozialdemokraterei, diese
+Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit
+zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht.
+
+Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel;
+was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus für zehn, zwanzig
+Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Hält sie länger vor
+als das Öl, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben,
+dass wir's wegwerfen können.
+
+Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer,
+zwischen den Schären Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares
+Südseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saëns. Danse
+macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Möven schreien, oder die
+Affen.
+
+Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige.
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu
+gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt hätte, er
+würde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen
+Schulhause leben, würde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker.
+Er liebte weite Horizonte, Grösse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte
+das Meer.
+
+Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des
+niedrigen Schulhauses mit dem kleinen bäuerischen Vorgarten voll greller
+Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz
+traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng,
+kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach,
+die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine
+Schule.
+
+Und dann die Familie des Lehrers!
+
+Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave,
+einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie
+hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten
+gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tür gefahren. Auf ein paar
+Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber
+er versprach zu räumen, wenn sie das Quartier besser vermieten könnten.
+
+Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so
+nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war.
+
+Ja, was war er? Eigentlich nichts.
+
+Aber das hätten sie nicht verstanden, er fühlte instinktiv, dass diese
+Leute von seiner Jugend irgend eine nützliche Tätigkeit verlangen
+würden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es
+genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen,
+besann sich aber und sagte Schriftsteller.
+
+"Sie schreiben wohl für Blätter?"
+
+"Ja, für Blätter."
+
+Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und
+der Lehrer sagte nochmal:
+
+"So, f--ff--für die Blätter."
+
+Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die
+widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedächtig zögernd wieder
+entliess.
+
+Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen,
+hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern,
+weil es zu heiss war und er sich müde und unlustig fühlte. Und nun war
+er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewöhnt und liess es gehen,
+wie es ging.
+
+Tagsüber lag er auf dem Rücken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen
+Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geräusch, das ihm einigermassen
+den eintönigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er drängte sich
+mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf
+schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter
+den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prächtig gefunden hatte
+wie hier, ausgenommen natürlich in Dänemark, seinem geliebten Dänemark.
+Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen
+in der grünen Wildnis, die ihn in Kopfhöhe überdachte, in unmittelbarer
+Berührung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser
+grünen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl.
+
+Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee
+geführt, die ein paar Stunden von hier ihre schläfrigen Wellen auf den
+Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.
+
+Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf
+dem Rücken im warmen Sand gelegen, die kühle Seeluft geatmet, Verse
+gemacht und an ein kleines Mädchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken,
+die nicht tief herkamen, die aber hartnäckig waren.
+
+Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschäftigt
+hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin
+er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen
+zitternden Luft tanzte.
+
+Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte
+auch gar zu wüst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur
+darüber hinweg kommen. So ein Abschied für immer ist keine Kleinigkeit.
+Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die
+Nerven. Erst dies Verhältnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz,
+Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er
+hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen müssen. Der untersuchte ihn
+gründlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem
+Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter
+nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen.
+Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: höchstens zwei Glas!
+
+Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte
+recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre
+leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,
+das seiner Natur gemäss wäre. Und das war ja sein einziges Streben, sich
+mal ausleben zu können, ein paar Jahre nur, ganz souverän, keinem willig
+und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der
+Gesundheit. Es käme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre früher oder
+später abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die
+Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wünschen einzurichten. Zehn
+Jahre würde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen
+Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann
+sich mit dem zu beschäftigen, was nach zehn Jahren sein könnte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten
+Buchen, die dem Schulhause gegenüber ihre hohen teilweise abgestorbenen
+Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geräumigen Rundplatz
+einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an
+dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer
+Viertelstunde Wegs vor dem hügeligen Hochwald lagerte.
+
+Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von
+Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Füssen
+niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen
+Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die
+weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen
+und einen Teil der häuslichen Tätigkeit hierherverlegten.
+
+Randers ärgerte sich über diese Verunzierung des hübschen Waldplatzes,
+diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen
+grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders
+erboste, hatte er wütend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter
+sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen
+eines jungen weissstämmigen Birkenbäumchens. Randers hätte das Fähnlein
+gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu mühsam, darum aufzustehen.
+
+Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel".
+Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den
+Blättern des Buches einen Zittertanz aufführten und die Buchstaben mit
+hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her störten ihn. Auch
+das Schwärmen der Bienen belästigte ihn. Es war ein ununterbrochenes
+Summen um ihn. Aus den Stöcken des Lehrers kamen sie, über die Blumen
+des Gartens und die Honigträger am Grabenrand der Landstrasse her, nach
+dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerblüte und hundert andere
+süsse Schüsseln lockten.
+
+Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten
+immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurück, den er heute morgen
+beantwortet hatte.
+
+Ja das könnte etwas werden! Das würde ihm Spass machen. Spass? Nein,
+durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu
+berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grübeln über sich und sein
+Schicksal, und ging hier einen Weg zurück und da einen anderen, um auf
+die Anfänge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen.
+Und die Wege führten ihn zurück in die Kindheit, in das kleine
+Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das väterliche Pfarrhaus vor sich, mit
+den wilden Rosen um Tür und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn
+und dem grossen Küchengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das
+bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern,
+den ganzen farbigen Herbstgarten.
+
+Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Äpfel
+reif waren? Oder waren es nicht die Äpfel, sondern nur die Aussicht auf
+die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese
+Erinnerung so wert machte?
+
+Die Kronen der alten krummästigen Bäume ragten über den niedrigen Deich
+hinüber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den
+Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten
+Pappel, lustiger und höher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war
+und so hoch über der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See
+hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefühl romantischer Einsamkeit mit
+süssen Schauern aufgegangen.
+
+Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Träumen überlassen,
+Träumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Länder, auf
+einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren.
+
+Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese
+Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in
+Pappelhöhe über der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles
+übersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der
+Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des
+alten Jönksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck
+Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz
+umdrehte, die Hütte des alten Jönksen, nur durch zwei andere Hütten vom
+Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten über die
+kleinen Nachbargärten hinweg in Jönksens Garten sehen, wo immer Wäsche
+hing, Wäsche, für die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie
+war von Inge Jönksen da hingehängt. Inge, die fünfzehnjährige Inge
+Jönksen! Das war seine erste Liebe gewesen.
+
+Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind
+bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter
+dem Zaun des väterlichen Gartens stand und hinüberlugte, wo Inges
+blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und
+grobe blaue Wollhemden, dicke graue Strümpfe, und verwaschene Schürzen,
+alles vielfach gepflickt und gestopft, über die Wäscheleine klammerten.
+
+Aber am schönsten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot
+hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den
+Kurs änderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das
+war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen,
+als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen
+werden, schnell die Köpfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!"
+
+O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schönen Zeit
+erzählen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern.
+Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glücklichen
+Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten für Gerd
+Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen für
+den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner späteren
+Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge
+Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die
+Pappel; ja die vor allem! Merkwürdig, er sah immer diese Pappel vor
+sich, als wäre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast,
+um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.
+
+Und dann die Schnapsflasche des alten Jönksen. Brrr! Er erinnerte sich
+noch des ersten Schluckes und seiner höllischen Wirkung. Auch diese
+Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie
+gehörte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen
+bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bäche und
+Bächlein, die zusammenflossen zu dem einen rätselhaften Gewässer voller
+Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie
+Henning Randers nannte.
+
+Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte
+ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann würde es etwas
+werden, wovor jeder die Augen aufreissen würde, und er selbst wollte mit
+einer wehmütigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen
+Freude über diese Selbstprostituierung.
+
+Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu
+sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen
+Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg
+hinauf. Einen Augenblick zögerte er beim ersten Jägersteig, der in das
+Buschwerk abbog und dessen dunkle Öffnung ihn so einladend ansah, aber
+er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe
+Furchen eingegraben hatten.
+
+Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese
+vorgerückte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und
+gelben Löwenzahn, und roten und weissen Klee, und Männertreu und wilde
+Stiefmütterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen
+Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und überall am
+Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und überall Bienen und
+Schmetterlinge.
+
+Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas
+zurückgeblieben war und fast noch ganz in Blüte stand, gaukelte ein
+Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers
+blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden,
+lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn,
+wie sich Schmetterlinge und Bienen die süssen Tropfen streitig machten.
+Es war ein ähnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei
+Jungen balgten. Wer ist der stärkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so,
+zeig's ihm!
+
+So stand er und sah lächelnd in diese Flügelschlacht.
+
+Es war ein beständiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefächel
+aller dieser weissen Flügel über den weissen Blüten in der hellen
+weissen Sonne blendete ihn zuletzt.
+
+Es war ganz still. Man hörte nichts als das anheimelnde Summen der
+Bienen. Hin und wieder das Geräusch knackender Zweige, wenn ein
+Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den
+entfernten Weiden her das gedämpfte Brüllen der Rinder.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfäller.
+
+Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben,
+deren weitüberhängende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu
+sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel
+schwammen. Im Schilfgürtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien,
+leuchtend in dem saftigen Grün um sie her.
+
+Randers kämpfte mit der Lust eine besonders prächtige Lilie zu pflücken,
+als Claus Mumm heranschlürfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.
+
+Der Alte ging gebückt unter einer Last dürren Zweigholzes und gestützt
+auf einem derben Knüppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er
+rückte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmütze und sah mit scheuem
+Blick aus den kleinen, trüben, rotumränderten Augen zu Randers auf. Ein
+stummer unterwürfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte
+unter mehr als unter der Last des seinem mürben Rücken aufgeladenen
+Holzes.
+
+"Dag Mumm, wo geit?"
+
+Der Alte blieb stehen.
+
+"Na, woans is dat? hebben Se noch nix hürt?"
+
+"Ne Herr! He sitt ja nu erst."
+
+Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrüstig, pfeifend.
+Eine traurige, gedrückte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken
+Augen passte.
+
+"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers
+
+Ein kurzer Aufblick der müden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten
+sich die alten Beine in schlürfende Bewegung. Es lag etwas
+Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.
+
+"Adjüs Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht
+sinken."
+
+Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzählt, dessen einziger
+Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe
+Erzählung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestört. Nachher waren
+sie nicht wieder darauf zurückgekommen. Jetzt war Randersens Neugier
+durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er
+nicht ausfragen mögen.
+
+Es war ein Mädchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die
+unverständliche Tat eines überall beliebten, unbescholtenen Burschen.
+Ein Rätsel. Um eine ältere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind
+von ihm trug, erfüllen zu können, hatte er den Mord begangen. Warum
+tötete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?
+
+Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der
+Fall interessierte ihn. Es war etwas für seinen psychologischen
+Spürsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem
+Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine
+Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne
+Bauernnovelle für die Feinschmecker.
+
+Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas.
+Was wollte er nicht alles. Er würde auch diesmal nicht über den Plan
+hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskönner. Aber einerlei,
+vielleicht glückte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen
+Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzählte
+so nett umständlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur
+Verzweiflung bringen musste, aber für den Psychologen gerade das rechte
+war, weil es ihm Fäden in die Hand gab.
+
+Auf hügeligen Wegen hatte Randers allmählich auch den Hochwald
+durchquert. Der schmale Waldstieg mündete durch einen Wallausschnitt in
+einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus,
+ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrünen Hafers,
+dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdächer, ein ganzes Dorf. Ganz
+hinten Wald, lang ausgestreckt.
+
+Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu
+können.
+
+"Ob man weiter geht?" sagte er laut.
+
+Eine heisse Luft lag über den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel
+spannte sich wolkenlos darüber.
+
+Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie
+hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.
+
+"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim
+Brutgeschäft. Diese grosse Muttertätigkeit." Es lag ein leiser
+Widerwille im Ton.
+
+"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebären. Sinnlos, zwecklos.
+Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur."
+
+Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurück in
+den Wald. Da draussen war ein Schweissduft über der üppigen
+Kornlandschaft. Mühseliges Sichabrackern ums tägliche Brot.
+
+Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.
+
+Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von
+dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Füssen
+aufraschelte und die dürren Zweigabfälle knackten.
+
+Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.
+
+Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen
+gesprochen hatte. In der Nähe des Lohteiches sollte er sein.
+
+Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an
+Busch, voller roter, reifer Früchte. Er naschte. Er gab nicht viel um
+dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hängen sehen,
+ohne zu pflücken, wahllos, wie sie ihm am nächsten hingen.
+
+Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rücken. Der Boden war
+stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen
+nur wenige grosse Bäume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein
+grosses Stück Himmel. Es hing nur ein einziges Wölkchen da oben, wie
+vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschränkt, und
+starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten
+Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Röckchen von Schullehrers
+Christine.
+
+Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pflücken
+würde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus
+dem die Fünfzehnjährige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren,
+schwarzen Zöpfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch,
+kernig, gesund.
+
+Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das hübsche Ding leiden.
+Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie
+mit etwas onkelhafter Güte behandelte.
+
+Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in später Abendstunde neben ihm
+vor der Haustür stand, ein Gewitter hatte sie länger wach gehalten, da
+hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm
+aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschämte wortkarge Gegenrede
+gewusst.
+
+Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem
+wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf
+sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt hätte er
+sie zeichnen können, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Röckchen
+mit dem verschämten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Füsse in
+den Holzpantoffeln, die grauen, groben Strümpfe um die vollen festen
+Waden.
+
+Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht
+mal darüber. Nur ein flüchtiges Lächeln, ein leises vergnügtes
+Schmunzeln ging über sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um
+besser sehen zu können, nickte er wie zur Bestätigung eines
+unausgesprochenen Gedankens.
+
+Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in
+Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen
+Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren
+gepflückt haben, sie standen überall reichlich, freilich nirgend so wie
+hier.
+
+Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pflücken.
+
+Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten.
+Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten über die Schulter
+zurück. Immer, wenn sie sich tiefer bückte, fiel wieder eine nach vorne.
+Zuletzt liess sie sie hängen, wie sie wollten.
+
+Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr
+würde und einen Schrecken bekäme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte
+Probe gestellt. Die Kleine suchte gründlich Busch für Busch ab und
+entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr
+aus und klatschte laut in die Hände.
+
+Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit
+grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht ängstlich. Sie war
+augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine
+Furcht.
+
+Wenn nun ein andrer hier läge?
+
+Sie war doch schon in dem Alter.
+
+Und dann gingen ihm flüchtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen
+durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm.
+
+Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins
+Gesicht.
+
+"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte
+aber vergnügt über den Spass und kam gleich zu ihm hin.
+
+"Sehen Sie mal, so viele."
+
+Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefüllten Topf hin. Er
+fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das
+Gefäss zurückzog.
+
+"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie.
+
+Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den
+Topf bequem, leicht schüttelnd, dass ihm die losen Beeren in die
+geöffneten Hände rollten.
+
+"Noch'n paar," drängte sie, aber er wollte nicht mehr.
+
+"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er.
+
+Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschämt an. Aber sie
+lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust hätte. Er
+rückte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genügte. Sie
+setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an
+zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute wäre, und ob er
+schon lange hier läge, und ob er über den Fuchsberg gekommen wäre oder
+am Lohteich längs.
+
+Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn
+neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwähnung des Lohteichs brachte ihn
+wieder davon ab und auf den alten Mumm.
+
+"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm für eine
+Mordgeschichte?"
+
+"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie.
+
+"Der hat seine Braut ermordet, was?"
+
+"Ja, die eine."
+
+"Die eine?" fragte er.
+
+Er musste lachen.
+
+"Hat er denn mehr gehabt?"
+
+Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen
+entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der
+Sache wegen.
+
+"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er.
+
+"Etwas weiter längs."
+
+Sie zeigte mit der Hand nach links:
+
+"Im Schreiberholz; wissen Sie?"
+
+Er wusste.
+
+"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie.
+
+"Wenn er es getan hat."
+
+"Möchten Sie das wohl sehen?"
+
+"Möchtest du das?"
+
+Sie besann sich einen Augenblick, während ihre Augen sich vergrösserten.
+
+"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas
+Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Lügen. Er merkte es wohl.
+Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste.
+
+Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade
+recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine
+Unterhaltung für sie?
+
+Er wälzte sich mit einer Schwenkung näher und lag jetzt auf dem Bauche,
+die Ellenbogen aufgestützt und, die Hände gefaltet.
+
+Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schürze, und er machte sie darauf
+aufmerksam.
+
+Sie verzog den Mund etwas.
+
+"Das macht nichts."
+
+"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's."
+
+Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe.
+Sie bog sich zurück und schlug nach seiner Hand.
+
+"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem
+Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie
+es nicht dulden wollte, fing er ihre Hände ein, hielt sie mit einer Hand
+umklammert, richtete sich halb auf und berührte etwas unsanft mit dem
+Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange.
+
+Sie kreischte auf und rang mit ihm.
+
+"Du Racker."
+
+Er hatte wirklich Mühe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf
+einmal riss er sie fest an sich und küsste sie.
+
+Sie schrie auf und schnellte zurück, als er sie los liess. Sie war mehr
+erschrocken als gekränkt, und sah mit einem etwas dümmlichen Lachen auf
+ihre Schürze.
+
+Ihre Schulmädchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst lächerlich. Wie
+kam er dazu, dieses Kind zu küssen. Er fühlte das Bedürfnis, sich vor
+sich selbst zu entschuldigen.
+
+"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend.
+
+"Wofür?" fragte sie patzig.
+
+"Für das Naschen."
+
+"Ach Sie!"
+
+Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem
+Schürzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den
+Fruchtflecken auf ihrer Backe.
+
+"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflück auch
+fleissig."
+
+"Wollen Sie schon gehen?"
+
+Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen hätte, wenn er noch bei
+ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging.
+
+Verdutzt sah sie ihm nach. Enttäuschung malte sich auf dem hübschen
+Kindergesicht, Unmut und Übellaunigkeit. Und die Spitze des rechten
+Daumens zwischen die festen weissen Zähne geklemmt, stand sie noch eine
+ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung,
+wo er verschwand.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Mutter Petersen stand vor der Haustür und trieb Randers mit
+Händeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspätet, sie warteten schon
+auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.
+
+Während des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in
+seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es
+war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren
+Form geworden.
+
+ "Liebster Jesu! sei unser Gast
+ Und segne, was du bescheret hast
+ Amen!"
+
+Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.
+
+Später war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm würdelos,
+unanständig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen
+Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser
+zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.
+
+Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige
+Tage lang, als sie hier alle die Köpfe senkten und andachtsvoll auf die
+gefalteten Hände in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Löffel in die
+Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfältig. Er
+tauchte in diese einfältige Frömmigkeit mit unter, es kam ein Gefühl des
+Geborgenseins und des Vertrauens über ihn, wie im Elternhaus, und er
+empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt
+war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe
+marionettenhafte stumme Beten.
+
+Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach,
+still, fast demütig. Es lag eine gewisse Würde in seinem Tun. Aber
+Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit
+strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmässig, im Paradeschritt vor
+ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum
+Löffel, während ihr Eheherr auch darin eine gemessene Würde bewahrte,
+langsam, zögernd nach dem Löffel langte, als schäme er sich, Profanes
+und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.
+
+Christine machte es nach Kinderart, gründlich, als sagte sie alle Gebete
+her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem
+zum andern, und nie hörte sie vor den Eltern zu beten auf.
+
+Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.
+
+Randers wusste warum.
+
+"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses
+Gänschen da küssen." Er schämte sich.
+
+Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er
+lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hörend und das
+Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hände, das
+Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkündete und die Säumigen
+von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die
+Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den
+dumpfen Zustand zwischen Wachen und Träumen zurück, bis er sich
+gewaltsam aufraffte und die Müdigkeit abschüttelte.
+
+Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu
+kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:
+
+ Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,
+ Steht mir vor Augen einer Laube Blühen,
+ Und vor dem Tische unter goldnen Haaren
+ Seh flutentief ein Auge ich erglühen.
+ Was trieb es mich, mit Glück und Stern zu sparen
+ Und mich zu weihen törichtem Bemühen?
+ Nun schüre ich in Aschen, die vor Jahren
+ Geglüht, und seh sie in die Winde sprühen.
+
+Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern
+hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer
+Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfälle über Kunst und
+Literatur, Schuldenberechnungen, Wäschenotizen, und allerlei
+gleichgültige Aufzeichnungen für den Tag. Manchmal war ein kräftiges
+Urteil quer darüber geschrieben, wie: Unsinn! Blödsinn! Gewäsch!
+
+Randers hatte eigentlich Notizen für Gerd Gerdsen machen wollen an
+diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte
+es nun lieber bis morgen lassen. Es träumte sich so nett hier.
+
+Vom SchülhauseSchulhauselangen abgerissene Töne eines Kirchenliedes,
+helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten
+Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel
+und das Fürstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es
+her, eine schwarze Wand, die sich gleichmässig vorschob. Eben hatte noch
+die Sonne hinter dem Fürstenberg ein rotes Feuer angezündet, und jetzt
+war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rührte sich.
+Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes
+Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zögernd, schwer
+auffallend, gleichsam versuchsweise.
+
+Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene
+Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer
+seine beiden Kühe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren
+Holzpflöcke schleiften über den Kies des Gartens.
+
+Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die
+Holunderbüsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die
+Fensterflügel rüttelten in den Angeln und eine Tür schlug zu.
+
+Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen,
+und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom
+Gesimse. Drüben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.
+
+"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah
+es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stürzten aufs
+Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hörte ihr
+Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgürtel.
+
+Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches
+Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitän auf der Brücke. Der ist blass bis
+unter die Mütze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber
+wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem
+Geländer der Kommandobrücke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt
+etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit
+heftigen, überredenden Gebärden. Er schüttelt den Kopf, er will nicht
+weichen. Nicht vom Platz!
+
+"Der Held! Der Held der!"
+
+Randers rief es ganz laut. Er glühte vor Aufregung. Könnte er da oben
+stehen. Sein Leben dafür!
+
+Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind,
+und hinein in den brüllenden, schäumenden, herrlichen Mannestod.
+
+Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in
+die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bäume, als Mutter Petersen ins
+Zimmer stürzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schönfelde
+gegangen, um etwas vom Krämer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem
+Unwetter unterwegs.
+
+"So'n Gör is ja zu dumm!"
+
+Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen
+wollte das nicht dulden.
+
+"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!"
+
+Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen
+Schirm mitnehmen wolle. Aber er hörte nicht, er lief nur immer darauf
+los.
+
+Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich
+hinausgelaufen?
+
+Er atmete in tiefen Zügen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die
+feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.
+
+Welch ein, Ächzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen
+und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter
+Lustgefühl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die
+Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gälte es ein
+Unglück zu verhüten. Er stürmte nur immer gerade aus und dachte nichts
+anderes als: wie köstlich, wie ganz köstlich!
+
+Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also
+doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebüsch geflüchtet.
+Sie hatte den roten Rock von hinten über den Kopf genommen, und vorne
+aufgehoben und ihre Krämerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen
+zu schützen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen
+Wollunterröckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der
+künstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.
+
+Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.
+
+"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja
+ganz nass!"
+
+"Ich will dich holen, sie ängstigen sich schon um dich."
+
+"Was 'n Unsinn!"
+
+Er stand neben ihr, triefend.
+
+Was nun? Er hätte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt
+wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah
+nicht aus, als ob sie sich fürchtete.
+
+Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die
+kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.
+
+"Wir können hier doch nicht stehen bleiben," meinte er.
+
+"Aber es regnet ja noch so."
+
+Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen könnte;
+sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Das kam ihm so lustig vor.
+Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu
+hatte. Das sah er ihr an.
+
+"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen
+Arm."
+
+Sie wehrte auch nicht länger ab, sondern lachte herzlich über diesen
+Spass.
+
+"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemüht, mit ihm Takt zu
+halten.
+
+Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas
+unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach
+vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schön die Blitze seien, und
+wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat
+gewiss eingeschlagen.
+
+Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der
+stürmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen
+rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fühlte jede Bewegung des jungen,
+lebenswarmen Körpers. Eine keusche Zärtlichkeit überkam ihn. Er war
+jetzt ihr Beschützer.
+
+"Geht's so? Gehst du auch trocken?"
+
+"Wunderschön!"
+
+Er führte sie vorsichtig um jede Pfütze herum, so dass sie über seine
+ängstliche Vorsorge lachte.
+
+"Ich hab doch schon nasse Füsse."
+
+"Das geht aber nicht."
+
+"Das macht mir nichts."
+
+Ihr hübsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.
+
+"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?"
+
+Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?
+
+So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.
+
+Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen
+und die kühle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer
+Hessen.
+
+Ihm war sonderbar schwül zu Mute.
+
+Als er endlich einschlief, ängsteten ihn wirre Träume.
+
+Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck
+auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrücktwerden! Er
+schlägt danach, er stürzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie
+lächelt, er würgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose
+Angst.
+
+Und dann ist es nicht Christine, die er gewürgt hat, sondern die graue
+Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit
+geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen
+leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die
+Puppe seiner Schwester.
+
+Und dazu blitzt es unaufhörlich.
+
+Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er müsse jetzt nach oben
+kommen, es wäre höchste Zeit, das Schiff würde gleich sinken. Und er
+stürzt nach oben, stösst die Knie an den harten messingbeschlagenen
+Stufen der schmalen Kajütentreppe. Und oben steht der Kapitän auf der
+Kommandobrücke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt
+immer mit hastigen Stössen nach seinen Händen. Randers sieht seine
+Hände an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun
+stecken sie dich ein.
+
+Und das alte blöde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn
+mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.
+
+Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will
+fliehen und kann nicht. Jemand hält seine Beine umklammert.
+
+In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf
+derselben Stelle über dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange
+geschlafen haben, keine Viertelstunde.
+
+Diese wüsten Träume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!
+
+Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er
+dabei empfunden, als er diesen weissen Hals würgte, dass diese dummen,
+glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Höhlen traten.
+
+Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Können Träume etwas in uns
+hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?
+
+War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslöste?
+
+Auslöste?
+
+Also mussten Mordgelüste in ihm verborgen sein!
+
+Er meinte nicht auslösen, er meinte es anders. Es war natürlich nichts
+als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und
+so intensiv wie kaum je beim Wachen.
+
+Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelüste in uns. Und er
+glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte
+ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Möglichkeit, wenn auch noch
+nicht das Motiv.
+
+Und er lag und grübelte weiter nach, verbohrte sich hartnäckig darin.
+
+Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rätselhaft vor.
+
+Oder konnte Liebe in plötzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein
+ganz bestimmtes Gefühl bejahte das in ihm. Aber die Fäden bloss legen,
+wie sich das zusammenspinnt. Die allmählichen Übergänge. Es geschieht da
+nichts sprungweise.
+
+Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!
+
+Er schlief zuletzt wieder ein über diese Grübeleien.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse
+standen grosse Pfützen, und im Garten, gerade vor der Haustür, hatte
+sich ein kleiner See gebildet.
+
+Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende
+Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren
+Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn übers Wasser
+lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass
+sie das Kommen der Mutter nicht hörte. Auf einmal hatte sie eine
+kräftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als hätte er sie selbst bekommen.
+
+"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"
+
+Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurück. Dann hörte er
+Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.
+
+Wie konnte man ein so grosses Mädchen noch schlagen. Er war erbost
+darüber.
+
+Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Ärger. Christine nahm nicht teil am
+Frühstück, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Küche.
+
+Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschürzt, mit
+blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen.
+Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glühten. Sie grüsste ihn
+sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.
+
+Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den
+Schlag empfangen hätte.
+
+Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.
+
+Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschämt dastand. Und er
+empfand gar nichts für sie.
+
+Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte
+Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am
+Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand
+hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf
+lag über dem Lehrersacker, über der Waldwiese, die mit einem Zipfel den
+Landweg berührte, und über der feuchten, schwarzen Gartenerde, den
+Reseda-, Astern- und Stiefmütterchenbeeten.
+
+
+
+
+10.
+
+(Tagebuchblätter.)
+
+
+Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine
+schnurrige Idee.
+
+ * * * * *
+
+Mit Petersen beim Lehrer in Süssen gewesen. Unterwegs der jungen
+Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider
+nur ihren Rücken.
+
+Wer auch so fahren könnte!
+
+In Süssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hübsche Frau, sauber,
+appetitlich.
+
+War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein
+gutmütiger Riese. Streit über das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren
+dafür.
+
+Der Süssener war für die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein
+paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jägerlied. Der Koloss polterte
+dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte
+nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist
+ein Stück ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und
+Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht
+mehr gelten?
+
+"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vörschriewen,
+wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rögen. Dat is min
+Religion. Wat wär dat för'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr
+mal ännert warden künnt! Häw ik recht?"
+
+Ich hatte den Mann lieb in seinem beschränkten Eifer. Ja, daran soll man
+nicht rühren, oder es fällt alles zusammen. So was muss alt sein,
+ehrwürdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den
+Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch müssen auch äusserlich alt sein,
+abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesättigt mit
+dem Parfüm von Familien- und Krankenstuben.
+
+ * * * * *
+
+Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionär? Adel und Kirche. Obgleich
+ich im tiefsten Grunde (lüge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge
+nicht glaube. Aber man ist heute so hübsch isoliert damit, so hübsch in
+der Minorität. Und Minorität ist vornehm, ist aristokratisch. Majorität
+ist der Pöbel.
+
+Ich könnte aus Opposition gegen den Pöbel in das letzte Kloster gehen.
+
+In andern Zeiten würde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus
+Opposition, aus angeborenem Bedürfnis, mich von der Masse abzusondern,
+aus aristokratischen Instinkten. Ich könnte Demokrat werden aus
+Aristokratismus. Unsinn! Na!
+
+ * * * * *
+
+Heute Nacht von Berta geträumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war
+nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes
+Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anständig und so rührend in
+ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hübsche Direktrice mit kärglichem
+Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss,
+was das sagen will. Und sie war in einem jüdischen Geschäft angestellt.
+Nicht, dass sie jemals geklagt hätte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun
+mal diese Animosität gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.
+
+Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und
+Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefühle für das Weib "an den Mann
+zu bringen" suchte.
+
+Sie hatte sogar Mässigkeitseinfluss auf mich. Es war meine
+Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte
+sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten.
+Es wäre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als
+ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles
+Hinsiechen der Liebe.
+
+Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter,
+eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!
+
+Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!
+
+ * * * * *
+
+Wie wohl fühl ich mich allmählich in diesen einfachen Verhältnissen
+hier, und täglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um
+den Hals lag und schnürte und schnürte. Es ist die ganze widerliche Lüge
+jenes Lebens und Treibens.
+
+Hier ist alles auf Wahrheit gegründet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und
+der Zweck ehrwürdig, weil notwendig und natürlich. Hier hat jeder noch
+ein Verhältnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der
+Kaufmann, der Krämer, für ein Verhältnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur
+Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm
+lieber als die gute.
+
+Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und
+Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob
+ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem
+Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stück seines Ichs hingibt, des
+erhaltenen Lohnes würdig! Da hängt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.
+
+Und hier der Bauer! Welche Tüchtigkeit, welche Natürlichkeit, welche
+innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!
+
+Und dann sind hier keine Juden.
+
+Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort.
+Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivität. Wäre Gott ein
+Jude, wäre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat
+Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein göttlicher Witz! Widerspruch
+in sich.
+
+ * * * * *
+
+Ihr verdreht dem Volk nur die Köpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure
+Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und
+Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die
+Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dünkelhaft. Und sind wir
+nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Überall, in Literatur Kunst,
+Gesellschaft? Jeder schwätzt über jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen,
+Bewunderung, Freude?
+
+Alles, das Höchste und Grösste wird auf das Allerweltsniveau von Müller
+und Schultze herabgeschwätzt, und der Ladenjüngling spricht von Darwin
+und Ibsen mit derselben Zungengeläufigkeit wie von der neuesten Mode und
+dem grossen Preis von Hamburg.
+
+Wie kocht es in mir, hör ich so ein Dämchen über die neueste Richtung
+räsonieren, oder so einen Krämerkommis über die moderne Malerei. Rede
+einmal so dumm weg über ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrümpfe,
+gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst,
+ihr Geschäftchen schädigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind
+vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem
+Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf,
+sein Brot.
+
+Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"
+
+Es gibt überhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser,
+Halbwisser und--Alleswisser natürlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur
+unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.
+
+ * * * * *
+
+Gestern rote Grütze, heute rote Grütze, morgen rote Grütze, rote Grütze
+in alle Ewigkeit. Amen!
+
+Das Leben geht hier seinen höllisch gleichmässigen Gang.
+
+ * * * * *
+
+"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man för't Füer wohren und
+sik man in acht nähmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr
+to weten. All könt wie doch nich klook waren."
+
+Hest recht, oll Jürs. Wat schall all dat Lihren.
+
+ * * * * *
+
+Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.
+
+"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."
+
+Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnügen daran, wie sie sich
+balgten, übereinanderkollerten, Buben und Mädel im Staub der
+Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.
+
+Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die
+Dorfjugend. Köstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!
+
+Müssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Süssigkeiten aus dem
+Schmutz klauben? Und die grösste Süssigkeit (?), die Liebe, ist sie
+nicht eine Sumpfpflanze?--
+
+Gott muss keinen Ekel kennen.
+
+ * * * * *
+
+Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem
+Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fürstenberg. Aber zum Teufel, ich
+will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstürme und jede Art Kletterei,
+um möglichst viel auf einmal zu sehen.
+
+Wenn es noch ein Leuchtturm wäre. Oder meine alte Pappel zu Hause.
+
+Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige.
+Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vögel
+gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und
+wieder Wald und Feld, Kühe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von
+einem Knick zum andern. Und das ganze läuft nur darauf hinaus, dass man
+so weit sehen kann, so weit, bis nach Lübeck hin. Und dann die Herzen
+und Pfeile, und die Müllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein
+Fremdenbuch mit albernen Versen.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darüber geht doch
+nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefühl, Einsgefühl
+mit der Natur!
+
+ * * * * *
+
+Diese dumme Küsserei! Es kam so über mich. Und so tolpatschig, wie nur
+ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der
+Zärtlichkeit.
+
+Mancher küsst im Vorbeigehen jedes Mädel, das ihm gerade gefällt, und
+sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so
+naiv, harmlos, wie Blumenpflücken. Bei mir wird immer eine Haupt- und
+Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfällig, nicht leichtherzig, nicht
+leichtsinnig genug.
+
+Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der
+Missdeutung.
+
+Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so
+reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken
+vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine
+etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst
+kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.
+
+ * * * * *
+
+Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam
+expellas furca ...
+
+Ich habe zu lange gefastet!
+
+Übrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie
+keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern
+unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines
+anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen.
+
+Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir
+zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur
+einen Tropfen Blutes vergiessen.
+
+O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns
+nur einmal im Traum beschert.
+
+Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt.
+Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein
+Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.
+
+Armer Mumm!
+
+Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten
+Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen
+ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.
+
+ * * * * *
+
+Übrigens zur Notiz für Gerdsen:
+
+Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame
+auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne
+mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das
+Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend
+und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem
+Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor
+mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art
+Gräberliebe, Gruselliebe.
+
+Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder
+da.
+
+Ob sie nun tot ist?
+
+
+
+
+11.
+
+
+Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen
+liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.
+
+Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues
+hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte
+einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein
+hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und
+schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.
+
+"Der Graf ist oben," sagte Petersen.
+
+"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.
+
+"Ei gewiss!"
+
+Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der
+Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.
+
+Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen
+Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer.
+
+"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.
+
+"Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mütig," sagte Petersen.
+
+Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem
+hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die
+Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen
+absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform
+betraten.
+
+"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die
+schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten
+Blicken.
+
+Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!
+
+Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der
+Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse
+verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen?
+
+Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran.
+
+"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."
+
+Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg.
+
+"Ah, Sie sind es, mein Lieber."
+
+Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte
+Verbeugung.
+
+"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die
+Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."
+
+"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen
+zuzustimmen.
+
+"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich
+gegen den Grafen.
+
+"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein
+wichtiges Versäumnis gut zu machen.
+
+"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu
+haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"
+
+"Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen
+Lebhaftigkeit fort.
+
+"Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land."
+
+Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete
+keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den
+Horizont ab.
+
+Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers;
+so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe,
+immer reserviert.
+
+Aber wo blieb denn die Dame?
+
+Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.
+
+Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.
+
+Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird
+sie schon zum Vorschein kommen.
+
+Aber Petersen zupfte ihn am Arm.
+
+"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"
+
+"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.
+
+"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock."
+
+"Ja, ja, ich sehe," log Randers.
+
+Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch
+einen Damensattel.
+
+"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke
+Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz
+herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.
+
+"Die Komtesse," belehrte Petersen.
+
+Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.
+
+Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme!
+
+Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen,
+aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein
+flüchtiger, musternder Blick.
+
+Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.
+
+Wirst du mich vorstellen?
+
+Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt
+zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.
+
+Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen
+und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort
+war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können.
+Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen.
+Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser
+Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein
+norwegisches Berglied.
+
+"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu
+Petersen.
+
+Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte:
+
+"Norwegische Augen?"
+
+"Ja, Fjordaugen," erklärte Randers.
+
+In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und
+der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte,
+seinen Hut lüftend, freundlich Abschied.
+
+Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen
+hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle,
+riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag
+der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal
+klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo
+Steine liegen.
+
+Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte
+nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er
+konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur,
+da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen
+Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen.
+
+Fjordaugen!
+
+Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit
+hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf.
+
+Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess
+sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von
+einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten
+darüber.
+
+Fjordaugen!
+
+Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das
+Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau
+mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell
+darüber hin.
+
+Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!
+
+Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn.
+
+Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den
+Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie
+zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe,
+unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine
+Stürme.
+
+Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied.
+Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief
+und feierlich wie das ruhige Meer.
+
+"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.
+
+Randers schreckte auf.
+
+"Ja, ja," sagte er hastig.
+
+Unten musste Randers durchaus etwas trinken.
+
+Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur
+Schnaps und Bier.
+
+Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers
+trank hastig.
+
+"Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter.
+
+"Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal."
+
+"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.
+
+"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.
+
+"Zu Pferde?"
+
+"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter.
+
+Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm
+Bescheid tun.
+
+Nach dem dritten Glas sagte er:
+
+"Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"
+
+"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein,
+twintig."
+
+"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."
+
+"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und
+Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.
+
+"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend
+gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch."
+
+Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant.
+
+"Äh, ich lach auf die Welt!"
+
+Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een?
+
+"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers.
+"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."
+
+"Ja, es hat was f--f--f--für sich," stotterte Petersen.
+
+Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie
+einen, dem nicht zu trauen ist.
+
+"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend,
+"hab ich nicht recht?"
+
+"Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un
+anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."
+
+"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber
+eine Sache für sich."
+
+"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der
+Lehrer ins Mittel.
+
+"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl,
+dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in
+seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe--na ja, du versteihst mi,
+Petersen."
+
+Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte
+an ihm herum.
+
+"Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einer
+Pause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können."
+
+Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals.
+
+"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de
+Botter dorbi to hebben."
+
+Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort
+zu kommen.
+
+"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr
+Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.
+
+Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:
+
+"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt
+kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+
+
+1.
+
+
+Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehörte zu
+Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fünf Minuten von
+einander entfernt.
+
+Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelöhnerkaten. In
+Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier
+genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte
+sich gesträubt. Aber Randers hatte ihn überredet, mit Worten und mit
+Geld.
+
+Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was
+wollte er hier bei ihnen?
+
+Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.
+
+Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfälschte
+Seeluft. Baden müsse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren
+gäbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.
+
+Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade
+in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Bäder da,
+längs der ganzen Küste.
+
+Von Rosenhagen führte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene
+Ufer, schlängelte sich eine Strecke daran hin und führte dann allmählich
+zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er
+machte gewöhnlich den Umweg über Rixdorf, ging durch den Park, wozu er
+sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das
+grosse, zum Schlossgut gehörende Roggenfeld bis zum kleinen
+Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhöhe
+erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab.
+
+Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich
+eine schöne, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit
+waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es
+herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, höchstens in der Ferne ein
+weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er,
+die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbäder. Und dies
+reine absolute Naturgefühl, sich so den spielenden Wellen überlassen zu
+können, Welle mit den Wellen sein, oder der stählende Kampf mit ihnen.
+Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab
+es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht
+einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses frühe Morgenbad, wenn
+die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte.
+
+Tagsüber ging er viel spazieren, gewöhnlich in der Richtung durch den
+Rixdorfer Park. Der Weg war so viel hübscher als nach der Rosenhagener
+Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen!
+
+"Uns Fräulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das berührte ihn so
+patriarchalisch.
+
+Abends sass Randers mit den Tagelöhnern im Krug. Er hatte gleich in den
+ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und
+hatte sein Vergnügen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig,
+dass es mit ihm nicht ganz richtig sein könne.
+
+"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand hätt he ja. Aber wat will
+he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht
+hochmütig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein
+Zehnpfennigstück für die Kinder übrig.
+
+Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute
+hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen?
+Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen
+konnte.
+
+Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides
+im Park gesehen, sie über breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll
+begrüsst und hatte einen verwunderten Gruss zurückerhalten.
+
+Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er
+in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den
+Kätnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus;
+ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus.
+
+Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen
+gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der
+Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie
+eine Windmühle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar
+Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte
+er vorwärts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang
+mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem
+alten dänischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermüdlich und mit einer
+tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren,
+ingrimmigen Brüllen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er
+Kopfschmerzen.
+
+Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor
+allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er
+ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er
+musste doch vorsichtig sein.
+
+Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte während der Zeit Fides
+zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er
+hielt es jetzt an der Zeit und für seine Pflicht, seinen Besuch im
+Schloss zu machen. Was müssen sie denken, dass du dich hier längere Zeit
+aufhältst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park
+betreten zu dürfen, und es nicht einmal für der Mühe wert hältst, deine
+Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal
+vorgestellt. Man wird dich für einen Flegel halten.
+
+Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum
+andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue
+Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm
+ihn deshalb in die Hand.
+
+Sein wichtiges Vorhaben prägte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die
+Frauen in den Katentüren sahen ihm länger nach als sonst, die Kinder
+hörten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter
+ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit für sie.
+
+Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen
+Gespräch, mit einer häufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem
+Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase.
+
+Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmädchen auf der Koppel.
+
+Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen.
+Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefühl, als
+ob er sie geniere.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Dank für Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts
+mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu
+Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Nächstens
+davon.
+
+Feudales Weib! Hocharistokratisch, Dänenblut! Die ganze Familie
+_hocharistokratisch_, immens reich.
+
+Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Dänemark verzweigt.
+
+Es ist nichts mit den Direktricen. Überhaupt alle anderen
+Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von
+Geschlechtern her.
+
+Augen wie ein Märchen. Nordseeaugen! Das macht das Dänische.
+
+Herrgott, was für ein betrunkener Brief!
+
+Nächstens mehr von Ihrem
+
+R.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Liebster Doktor!
+
+Hat Ihr Dämon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin geführt? Der
+Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel
+zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre
+Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne.
+
+Sie führen doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman
+des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel für
+ihn, ein Kuriositätenkabinett für den Leser und eine Kurzweil für seinen
+Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine
+Psychologie allein reicht Ihnen gegenüber nicht aus, Sie müssen mir
+helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch
+davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions?
+
+Übrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch
+unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel über
+Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es
+war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen für den
+unglücklichen Autokraten, und nicht nur für den Gemahl der dänischen
+Dagmar. Wie einträchtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie
+der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im
+Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie einträchtig stand
+dieses Bild neben dem Porträt der--Dolgorucki!
+
+Sie _müssen_ einen Tropfen Dänenblut in Ihren Adern beherbergen und auch
+einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern
+delektiert haben. Dänischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenüber
+sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen
+auf die Knute. Das heisst, Sie würden vor der Anwendung zurückschrecken,
+aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher
+Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es nötig wäre, und
+sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen.
+
+Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man
+versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Fäden, die
+ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe
+daraus.
+
+Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu
+einem Kirgisen oder Tataren.
+
+Mit der Liebe, die der Gelehrte für den Schmetterling hat, den er für
+seine Sammlung aufspiesst, bin ich
+
+Ihr getreuer
+
+Gerd Gerdsen.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatür. Draussen
+band der Gärtner einen Zweig prächtiger Maréchal Niel, der sich unter
+der Last der Blüten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben
+liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die
+in den Garten hinabführte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die
+Brust und gurrten.
+
+Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen
+Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein,
+machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und
+funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den
+Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt.
+Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen
+Ringel- und Kräusellöckchen über der Stirne sahen ganz goldig aus. Und
+die bunte Seide in ihrem Körbchen, die fast vollendete Stickerei im
+Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.
+
+Der süsse Duft der Rosen drang durch die offene Tür und erfüllte den
+ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flügel sass und phantasierte.
+
+Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit
+starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken
+bändigen, sass er da; die Hände waren in rastloser Bewegung, eine
+eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.
+
+Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische
+Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glühenden
+Flüssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in
+wirren Selbstgesprächen verzehrte.
+
+Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht
+mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen
+übergegangen, dann hatte sie leise gelächelt. Ihr verwöhntes, geschultes
+Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer
+naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber
+ermüdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden,
+schlüpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmässige Forte
+heftiger, böser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen,
+tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stören, ihn nicht kränken. Es war
+das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flügel gesetzt hatte
+und seine Versicherung, er könne nicht spielen, Lügen strafte. Er hatte
+sich bisher immer nur begnügt, ihr zuzuhören, im Schaukelstuhl liegend,
+die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich
+gegen die Aussenwelt absperrend.
+
+Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat
+in die Veranda hinaus. Sofort hörte er auf. Er hatte ihren Schatten
+durchs Zimmer gleiten sehen. Er fühlte es, dass sie ging, fühlte es
+körperlich.
+
+Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter
+sich hörte. Sie wandte sich um, mit lächelndem, fragenden Blick.
+
+"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequält mit meinem Unsinn."
+
+"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmütig,
+etwas verlegen.
+
+"Nicht der Rede wert, gnädigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir
+gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."
+
+"In alle Tiefen," scherzte sie.
+
+Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog
+einen vollen Zweig zu sich herab und sog den süssen Duft ein. Die Zweige
+schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit üppigen gelben
+Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden
+Scheitels, das in der Sonne einen rötlichen Glanz annahm und ihn an das
+Familienporträt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond,
+derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte.
+Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges
+war in den Zügen der dänischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter
+schenkte und starb.
+
+In dieser schlanken Mädchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze
+durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzückend sah sie in dem
+leichten, hellblauen Kleid aus. Der Ärmel war leicht zurückgefallen, als
+sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei
+aller Fülle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.
+
+Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang
+machen wollten.
+
+Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zögerte drinnen
+einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den
+Blicken.
+
+In der Veranda fand er seine Mütze, eine schon etwas mitgenommene, einst
+weisse Strandmütze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm
+Kinn, obgleich das schönste Wetter war und nur ein ganz schwaches
+Lüftchen wehte.
+
+"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich
+finde es hässlich."
+
+"O," sagte er leicht errötend. "Mögen Sie es nicht? Ich finde, es sieht
+so--männlich aus."
+
+Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.
+
+Sie lachte.
+
+"Was ist denn da männliches dabei?"
+
+"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklärte er. "Bei den
+Kapitänen und nachher bei den Militärs. Ich denke dabei immer an einen
+Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als sässe nun mit der Mütze auch der
+Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"
+
+Sie lachte wieder.
+
+"Fürchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."
+
+"Aber es weht ja gar nicht."
+
+"Das macht ja nichts."
+
+"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem
+Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."
+
+"So dürfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich
+getroffen fühlte.
+
+Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm
+das Band unters Kinn gezogen hatte.
+
+"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so
+kleinen Äusserlichkeiten Luft. Der unterdrückte Seemann in mir."
+
+Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemännisches,
+wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das
+Pincenez!
+
+Aber er erzählte ihr, dass es sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur See
+zu gehen, Kapitän zu werden, aber dass ihn die Umstände, vor allem seine
+Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrängt hätten.
+
+"Ein bebrillter Seemann, wie lächerlich!" rief er aus.
+
+Aber dann entwarf er ein glänzendes Bild von dem Leben eines Seemannes,
+von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte
+sich an seinen grossen Worten.
+
+"Sie, als Aristokratin, müssen mir das nachempfinden können, Komtesse,"
+eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des
+Kapitäns."
+
+Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen
+heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter
+Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hörte aus dem Klang seiner Stimme
+den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.
+
+Er hatte das Sturmband nicht gelöst. Sie freute sich darüber. Er war
+wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen
+Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden
+Kritik wegblasen.
+
+Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen,
+geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mützenschirm
+beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als
+stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass
+er doch männlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie
+konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrücke
+denken, den Südwester auf, oder die goldbordierte Mütze des Kommandeurs,
+natürlich mit dem Sturmband unterm Kinn.
+
+Aber was daran so aristokratisch wäre, fragte sie.
+
+"Vor allem die Exklusivität seiner Stellung, seine absolute
+Souveränität. Er ist Herr über Leben und Tod. Alle Verantwortung trägt
+er allein. Welch ein Gefühl für einen Mann! Welch ein Kraft- und
+Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das
+Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht
+das Meer, er fürchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf,
+wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem
+Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Männlichkeit, in
+seiner Grösse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"
+
+Sie lächelte über seinen Eifer, aber sie hörte ihm aufmerksam zu und
+streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.
+
+Aber er hatte ihr Lächeln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und
+gutmütig.
+
+Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er
+wollte es von ihr bestätigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen
+das so wunderhübsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein
+Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."
+
+Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig
+durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem
+Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel
+leuchtete. Ein Paar Möwen kreisten bis übers Feld.
+
+Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Ähre nach der andern
+und zerpflückte sie.
+
+Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.
+
+"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dünen, oder oben
+in den norwegischen Schären?"
+
+"Was Sie für Einfälle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"
+
+"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in
+grauer Wildnis. Aber innen muss es natürlich behaglich sein."
+
+"Kienruss und Tran, und gedörrte Fische an den Wänden," spottete sie.
+
+Er lachte.
+
+"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.
+Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen
+Chopin."
+
+"Ich?"
+
+"Ja, wäre das nicht schön? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die
+Natur. Musik, Bücher--"
+
+"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.
+
+"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergänge in
+den Dünen, am Abendstrand."
+
+"Und wenn wir heimkommen, schälen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rösten
+einen Seehund am Spiess und kochen Tee."
+
+"Sie spotten wieder."
+
+Er war wirklich etwas gereizt.
+
+Sie lachte hell heraus.
+
+"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Nötigste
+denke. Sie wären imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."
+
+"Die soll ja auch da sein."
+
+"Dann hört sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments.
+Ja, ich will es mir doch überlegen. Es wäre mal etwas anderes. Am Ende
+fänden sich noch welche, die sich anschlössen."
+
+"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur
+zu zweien."
+
+"Nur wir beide?"
+
+Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu
+sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!
+
+
+
+
+5.
+
+
+Randers überlegte, ob es nicht besser wäre, er reiste ab. Wollte er
+warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er
+sie doch nicht.
+
+Er würde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wäre, keinen
+Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz
+besonderen Ansichten über Mesalliancen. Er hatte Grundsätze, die eine
+Ehe mit ihr ausschlossen.
+
+Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.
+
+Vorläufig war das ja auch noch keine Liebe, nur ästhetisches Gefallen,
+Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.
+
+Gestern, zwischen den Ähren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne
+getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den
+warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die graziöse
+Biegung des Halses--er hatte eine Ähre nach der andern gerupft und die
+Körner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrücken.
+
+Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.
+
+Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eröffnet werden, der Graf hatte
+ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.
+
+"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so plötzlich
+abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gründe. Da gab
+es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach
+Flucht aus, oder nach Gleichgültigkeit. Also noch ein paar Tage, ein
+paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!
+
+Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag
+ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in
+Grashof verloren.
+
+Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war
+es nicht Wahnsinn, sich ohne vernünftigen Grund in diesen Krug
+einzupferchen?
+
+
+
+
+6.
+
+
+Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hörte es unterwegs von den
+Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.
+
+Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot
+kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so für das Segeln.
+Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.
+
+Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte,
+unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hübschen, braunen Augen und
+einem etwas groben und lebhaften Teint.
+
+"Sieht die gesund aus," dachte er.
+
+"Fräulein Krüger," stellte Fides vor.
+
+Also nichts Adeliges.
+
+Eine leise Enttäuschung.
+
+Das Fräulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus
+ihren Blicken: "Also das ist er?"
+
+"Ich habe Fräulein Krüger von Ihnen erzählt," sagte Fides gleich.
+
+Randers verbeugte sich.
+
+"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das
+Fräulein.
+
+"Das nicht gerade."
+
+"Ich meinte das."
+
+Sie sah Fides fragend an.
+
+"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er
+nicht anders sagen. "Ich reise überhaupt zu meiner Erholung oder
+Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."
+
+"Der Herr Doktor schwärmt für die See," sagte Fides.
+
+"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fräulein.
+
+Wie gewöhnlich sie sich ausdrückt, dachte Randers. Und ihre Stimme
+klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.
+
+"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnädiges Fräulein?"
+
+"Ja, haben Sie es gesehen?"
+
+"Ich hörte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"
+
+"Mein Bruder."
+
+Beide Damen unterdrückten mühsam ein Lächeln. Er nannte sie Fräulein und
+fragte nach ihrem Herrn Gemahl.
+
+"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde über und über rot.
+
+"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein
+Kapitän an ihm verloren gegangen."
+
+War das Spott?
+
+Er lächelte etwas gezwungen.
+
+"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein
+ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.
+
+"Wenn Sie erlauben, es würde mich sehr interessieren."
+
+"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krüger?" fragte Fides.
+"Er würde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hört
+sie gerne loben."
+
+"Ja, das ist seine schwache Seite," bekräftigte das Fräulein.
+
+"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus
+noch nicht entschlossen, aber es kam plötzlich über ihn, er musste es
+sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnähme. "So plötzlich?" rief Fides.
+Sie schien ernstlich überrascht.
+
+"Aber warum so schnell? Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,
+Sie wollten die Jagd mitmachen?"
+
+"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.
+
+"Sehen Sie," rief sie triumphierend.
+
+Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl,
+selbst in der Gegenwart der Fremden.
+
+"Papa hat übrigens Ihr Wort," sagte Fides.
+
+"Dann freilich."
+
+Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den
+jungen Gutsbesitzer, einen grossen schönen Mann, schlank, muskulös, mit
+gutmütigem, wettergebräunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann.
+Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig
+Unschöne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft
+und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prächtige Reihen
+weisser, fester Zähne.
+
+Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der
+junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:
+
+"Er kann ein Segeltau durchbeissen."
+
+"Was meinen Sie?" fragte Fides.
+
+Randers erschrak und wurde rot.
+
+Hatte er es denn laut gesagt?
+
+"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."
+
+Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:
+
+"Was Sie für sonderbare Einfälle haben."
+
+Die Jacht war wirklich sehr hübsch. Sie war ganz weiss angestrichen,
+hatte eine kleine Kajüte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen
+Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.
+
+"Ein hübscher Name," sagte Randers.
+
+"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklärte Herr Krüger. "Es läuft
+seine zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde."
+
+Er sprach hauptsächlich zu Randers und schien ihn für einen grossen
+Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich
+nicht blossstellen wollte.
+
+Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er hätte
+es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es
+nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder
+einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.
+
+Sie hatten beide gleiche Mützen auf, weisse Schirmmützen, und sie hatten
+beide das Sturmband unterm Kinn.
+
+Ob Fides darauf achtete?
+
+Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben
+hätte, er hätte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er
+getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See
+hinausgeträumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.
+
+"Bis nach Grossenbrode."
+
+"Da hätten Sie ja gleich zu uns herüber kommen können," meinte Fräulein
+Krüger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"
+
+"Nein."
+
+"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit
+dem Boot zurück. Ich hole Sie auch ab."
+
+"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im
+Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."
+
+Herr Krüger lachte gutmütig, halb geschmeichelt, halb bescheiden
+abweisend.
+
+"Lassen Sie gut sein, lieber Krüger. Alles was recht ist. Durchaus
+musterhaft," sagte der Graf.
+
+Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hübscher Kerl. Was hat
+er für Zähne! Und obendrein hat er eine Jacht!
+
+Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne zu
+schieben. Was er wohl für ein Gesicht machen würde?
+
+Randers musste lachen.
+
+Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.
+Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein
+Schiffstau zwischen die Zähne schieben würde. Er durfte ihn zuletzt gar
+nicht mehr ansehen.
+
+Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers
+sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine
+Mustermenschen leiden.
+
+Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also überflüssig.
+Mochten sie unter sich bleiben!
+
+
+
+
+7.
+
+
+Als die Jacht zwei Stunden später gegen den Wind weit in die See
+hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.
+
+Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drückte. Wie ein
+Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem
+tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es
+ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht über die
+Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.
+
+Wenn sie umschlüge?
+
+Ob sie schwimmen könnten?
+
+Bei diesem Wellengang würde es ihnen nichts nützen und in dieser
+Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es würde
+ihm nichts nützen, er würde hinunter müssen.
+
+"Dann kann er Fides nicht heiraten."
+
+Randers sagte das ganz laut.
+
+Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.
+
+Jetzt legten sie um.
+
+"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.
+
+Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer
+zu.
+
+Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen
+Zähne. Lachte vielleicht über ihn, über eine Bemerkung der rostigen
+Schiffsglocke über ihn. Vielleicht sprachen sie auch über Fides. Sie
+waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz
+herüber. Übrigens kein übler Geschmack von dem jungen Mann.
+
+Aber zum Teufel! Was waren das für Gedanken? War er denn eifersüchtig?
+Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?
+
+Und dann, wie lächerlich! Die schönen Zähne und die Musterwirtschaft
+machten den jungen Mann noch nicht ebenbürtig.
+
+Komtesse Fides Bruckner und Herr Krüger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.
+
+Die Jacht lief jetzt wieder seewärts. Randers kletterte die steile
+Uferhöhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht länger nachgaffen.
+
+"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.
+
+Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinüber, kletterte
+über ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig längs einer
+Weide, wo ein paar Kätnerkühe lagen und wiederkäuten. Wie dumm die Tiere
+glotzten.
+
+Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.
+
+Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.
+
+"Glückliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte
+Zufriedenheit."
+
+Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfüssiger Bengel, den das laute
+Sprechen anlockte.
+
+"Sind dat din Köh?" fragte Randers.
+
+"Nee."
+
+"Hört de to 'n Haf?"
+
+"Nee."
+
+"Wen hört se denn?"
+
+"Peemöller sin."
+
+"Wat deihst du hier denn?"
+
+Der Junge wandte sich verlegen ab.
+
+"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"
+
+Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.
+
+Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter.
+
+Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er.
+
+Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen
+den hohen Parkbäumen herüber.
+
+Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit
+ihr über die Sassnitzer zu sprechen.
+
+Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage
+entschuldigt hätte.
+
+Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine
+Laube hinter dem Hause.
+
+Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten.
+
+Sch, sch, jagte er sie.
+
+Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die
+Hälse und blinzelten ihn an.
+
+Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.
+Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt.
+
+Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend.
+Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend
+blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten
+auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben
+zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit
+all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen
+auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der
+Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der
+Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe
+in die grosse Tonne.
+
+Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber
+gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche
+Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften,
+zufriedenen, dankbaren Stimmung.
+
+Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter
+durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte
+endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann
+doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.
+
+Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen
+des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem
+Lichte ihrer Augen.
+
+Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war
+wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine
+Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen
+gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die
+plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne
+Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht
+geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als
+sie selbst sein wolle?
+
+Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel
+kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig
+immer wieder auf den Geburtsadel zurück.
+
+"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind
+die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis
+zur Blüte getrieben."
+
+"Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein.
+
+Aber Randers liess sich nicht irre machen.
+
+"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die
+vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz
+verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine
+höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf
+sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes,
+Zerstörendes, Nivellierendes."
+
+"Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas
+spöttisch ein.
+
+Ihr Spott kränkte und reizte ihn.
+
+"Ja," sagte er.
+
+"Auch bis zur letzten Konsequenz?"
+
+"Ja, wie so?"
+
+"Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?"
+
+"Nein."
+
+Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr
+beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht
+ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und
+ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus
+nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt
+konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme
+einer norwegischen Hirtin.
+
+Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.
+
+"Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,
+Komtesse."
+
+Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von den
+Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.
+
+"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"
+
+"Sie waren nie in Norwegen?"
+
+"Nein."
+
+"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen
+den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren
+Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe,
+die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über
+dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem
+Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein
+kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die
+Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so
+sagen, wie es ist."
+
+"Und das alles finden Sie in meines Augen?"
+
+Sie lächelte und sie errötete.
+
+"Und in Ihrer Stimme," sagte er.
+
+"Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben."
+
+Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen.
+
+Dann nach einer Pause:
+
+"Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen."
+
+Also doch, dachte Fides.
+
+"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."
+
+"Also Kirchenaugen," lachte sie.
+
+"Ja, Kirchenaugen."
+
+Der Ausdruck gefiel ihm.
+
+"Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er.
+
+"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?
+Nein, ich hatte nicht die Ehre."
+
+"Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?"
+
+"Nun, ich bitte!"
+
+Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.
+
+"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses
+stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle
+Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt
+darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"
+
+"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.
+
+"Sie vergessen die Künstlerin."
+
+"Wenn es nur das wäre."
+
+"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--"
+
+"Also."
+
+Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz
+mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.
+
+"Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er.
+
+Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit.
+
+"Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.
+
+"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu
+denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein
+wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend
+blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in
+diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen
+Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."
+
+"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,
+Verse zu machen," sagte Fides.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur
+hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig,
+und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines
+zersprengten Heeres.
+
+"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche
+Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so
+verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus
+unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten
+Schleier darüber decken?"
+
+Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen das
+Instrument.
+
+"Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie
+wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern
+kann man doch nicht wohnen."
+
+"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser
+eigenstes, höchstes und feinstes Leben--"
+
+"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit
+der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben
+wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."
+
+"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"
+
+"Dann resigniert man eben."
+
+"Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung."
+
+"Das versteh ich nicht."
+
+"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum
+besitzen, in der Einbildung."
+
+"Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?"
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er.
+
+"Oder Eroberer."
+
+Er sah sie gross an.
+
+"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"
+
+"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der
+Philosophie genügen lassen."
+
+"Also."
+
+Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte.
+
+"Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor.
+
+"Aber man will doch schliesslich besitzen."
+
+"Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod."
+
+"Ist das von Ihnen?"
+
+"Wie so?"
+
+"Das klingt wie aus einem Gedicht."
+
+"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf
+ihre Bemerkung nicht eingehend.
+
+"Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie.
+
+"Ja."
+
+"Sprechen Sie aus Erfahrung?"
+
+Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser.
+Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?
+
+"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.
+
+"Also doch."
+
+"Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."
+
+"Also Streit um des Kaisers Bart."
+
+"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den
+Totentanz."
+
+"Ihr ewiger Totentanz."
+
+Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung
+zum Tanz".
+
+Er schüttelte missbilligend den Kopf.
+
+Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene
+Verandatür und sah in den windbewegten Park hinaus.
+
+Ob sie es gemerkt hatte?
+
+Sie hielt mitten im Stück auf.
+
+"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."
+
+
+
+
+10.
+
+
+Der nächste Tag war ein Sonntag.
+
+Ob er mit in die Kirche wolle?
+
+Ja.
+
+Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte,
+obgleich sie kein Wort darüber verlor.
+
+Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen
+Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären.
+Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre
+aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem
+Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie
+hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und
+hinausexperimentiert?
+
+Den Weg zum Christentum freilich fände er wohl nicht wieder zurück. Aber
+das Göttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor
+Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genügte deshalb noch lange
+nicht für Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand
+bekommen, ein Seil, woran er sich längs tasten konnte. Und dieses Seil
+war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun
+gar ein Weib ohne Religion! Natürlich liebte er nicht die Betschwestern.
+Aber er hasste diese "aufgeklärten," wissenschaftlichen, bebrillten
+Blaustrümpfe.
+
+Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine
+festgegründete Überzeugung, nicht etwa eine augenblickliche,
+sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die
+Kirche besuchte.
+
+Er war durchaus unabhängig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner
+Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im
+Kirchenstuhl sass, mit gleichmässiger, stiller Aufmerksamkeit der
+Predigt folgte und unbekümmert um seine Anwesenheit laut und innig die
+Choräle mitsang.
+
+Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schüchtern
+seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war
+ihm, als trüge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als hätte sie
+ihn an der Hand gefasst, als fühlte er eine treue, sichere Hand, die ihn
+einen ruhigen, sonntäglich schönen Weg führte, dorthin, wo Friede war
+und Glück und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefühl der
+Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten,
+innigen Verse des alten Paul Fleming mit.
+
+ Lass dich nur ja nichts dauern
+ Mit Trauern!
+ Sei stille!
+ Wie Gott es fügt,
+ So sei vergnügt,
+ Mein Wille.
+
+ Was willst du heute sorgen
+ Auf morgen?
+ Der Eine
+ Steht allem für;
+ Der gibt auch dir
+ Das deine.
+
+ Sei nur in allem Handeln
+ Ohn Wandeln,
+ Steh feste!
+ Was Gott beschleusst,
+ Das ist und heisst
+ Das Beste.
+
+Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass
+diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als
+hätte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen
+gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefühl der
+Zugehörigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.
+
+Dies war der schönste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er
+trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch während der ganzen
+Rückfahrt, und er hielt es zärtlich wie einen geliebten Gegenstand.
+
+Das war der schönste Tag!
+
+
+
+
+11.
+
+
+Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis
+es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all
+diesem trennen können?
+
+Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische
+Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer
+geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmöglichkeit!
+
+Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn
+beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen
+Auseinandersetzungen über die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz
+vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen würde. Er glaube dieses
+Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dächte zu aristokratisch, um
+ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr
+zeige, würde er abreisen.
+
+Und Gerdsen schrieb:
+
+"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich würde noch
+mehr Worte darüber verlieren, wenn mir irgendwie über den Ausgang Ihrer
+jetzigen kleinen 'Episode' bange wäre. Übrigens wissen Sie, dass ich
+Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen bürgerliche Auffrischung
+kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine
+Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft
+zweifeln.
+
+"Ich wünsche Ihnen ein gesundes Verhältnis mit einem Bauernmädel. Ich
+würde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine ländliche, urbäuerliche
+Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten
+norwegischen Schären, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nähme
+und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kräftigem Besen
+auskehrte.
+
+"Nichts für ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts
+nützt. Sie müssen nun so verbraucht werden."
+
+"Sie haben recht," schrieb Randers zurück, "Es ist alles Unsinn! Ich
+werde überhaupt nicht heiraten."
+
+
+
+
+12.
+
+
+"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen
+beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu
+finden.
+
+"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er.
+"Hier ist es."
+
+"Das da?"
+
+"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es
+Ihnen gefallen wird."
+
+"Da bin ich doch auch neugierig."
+
+"Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen," setzte sie scherzend
+hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt
+Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten."
+
+"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen.
+Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas
+daraus werden."
+
+"Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik
+geheilt würden."
+
+Er lachte.
+
+Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich
+mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren
+Stuhl zurück und hörte ihm zu.
+
+"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes,
+in dem wilden Lister Dünengebirge."
+
+Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde
+Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei
+überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.
+
+Und ich bin der Herr im Hause!
+
+Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern
+Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer
+eigensten, inneren Natur.
+
+Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende
+Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.
+
+Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit
+dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen
+Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die
+Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.
+
+Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in
+ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann
+spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind
+verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger,
+Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf"
+und "Edward". Wie das wohl über die Heide klingen wird:
+
+ Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
+ Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
+ Edward! Edward!
+
+Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die
+jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer
+mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze
+zusammenwächst.
+
+Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle
+gemäss sind.
+
+Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen,
+und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen
+Akkord.
+
+Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden.
+
+Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu
+beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.
+
+Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben
+mit Rosmer doch zur Liebe geführt!
+
+Ihre Lippen zucken verächtlich.
+
+Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie
+das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem
+Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über
+sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst
+würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren!
+Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben.
+
+Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige
+lange!
+
+Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!
+
+Was sagen Sie zu Edele Lyhne?
+
+Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung
+nicht.
+
+Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter
+schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe,
+die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür
+kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale
+Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!
+
+Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln.
+
+Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen
+sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige
+Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie!
+
+Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.
+
+Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne
+herauf.
+
+Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben
+schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der
+ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen
+empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner
+Möwenschrei!
+
+Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an
+meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und
+geisterhaft weiss wie Marmorstein!
+
+Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe.
+
+Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt!
+
+Und dann schreiten wir stumm hernieder.
+
+Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon
+stundenlang in ihrem Zimmer wob!
+
+Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und
+schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen
+Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den
+andern Korb schicke ich ihr hinauf.
+
+Eine halbe Stunde später ist sie unten.
+
+Sie Böser, wie gut Sie sind.
+
+Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände.
+
+Wie gut Sie sind!
+
+Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie
+spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld
+bedrücke.
+
+Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an!
+und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich
+auf der meinen.
+
+Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!
+
+Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu
+Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie
+wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.
+
+Sie schweigt!
+
+Nun, was sagen Sie?
+
+Warum ein dritter in unserm Beisammensein?
+
+Und ihre Augen leuchten weich.
+
+Nun, wie Sie wollen!
+
+Und ihre Stimme klingt plötzlich hart.
+
+Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.
+
+Ich weiss nicht, was sie will!
+
+Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem
+andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben
+lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen
+mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."
+
+"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns,
+als Randers schloss.
+
+Er lachte und zuckte die Achseln.
+
+"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an,"
+sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."
+
+"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental
+binden."
+
+"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der
+sich unmögliche Verhältnisse erträumt."
+
+"Sagen Sie das nicht."
+
+"Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen."
+
+"Ist es nicht schön?"
+
+"Sie sind ein Dichter."
+
+"Nicht doch!"
+
+"Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen."
+
+"Sehen Sie!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.
+
+Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu,
+dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie,
+du meinst es nicht ernst? Du würdest nicht nach Fanö gehen und Jolanthe
+einem andern überlassen?
+
+Ganz gewiss, meine Gnädigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie
+nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre
+Anerkennung für meine Standhaftigkeit bezeigen?
+
+Eine Tugendrose?
+
+Er pflückte einen grossen Feldstrauss, allerlei Gräser und letzte
+Sommerblumen, reifende Haselnüsse und einen Zweig fast schon schwarzer
+Brombeeren und brachte ihn Fides.
+
+"Für die Rosen," sagte er.
+
+"Wie schön! Ich danke Ihnen."
+
+
+
+
+14.
+
+(Tagebuchblätter.)
+
+
+Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar überzähligen Cognacs
+und Pschorrs und Kaffees. Ich fühle mich jetzt ganz wohl. In Grashof
+kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trüge man
+einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wüsten Träume.
+
+Etwas macht auch ihre Nähe. Etwas? Vielleicht alles?
+
+Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhältnis.
+So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quälende Begehren. In
+der Abwesenheit ein Gefühl stiller Freude, dass sie in der Nähe ist, in
+erreichbarer Nähe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges,
+Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer
+Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres
+harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe.
+Eine Art herzlichen Freundschaftsgefühls. Freude.
+
+Sie ist Musik für mich.
+
+ * * * * *
+
+Eine Ehe auf solcher Basis. Das wäre etwas für mich. Aber es würde
+schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches
+Verhältnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir
+schon. Ich bin zu ästhetisch für diese Art Liebe. Also auch für die Ehe.
+
+ * * * * *
+
+Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das
+Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein
+Urteil über ihre Musik. Ich höre alles hinein.
+
+Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine
+Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schön gehört
+zu haben.
+
+Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen.
+Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.
+
+Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des
+aristokratischen Salons, die zu ihr gehört. Und nun gar Weber oder
+Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!
+
+ * * * * *
+
+Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir
+schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke für die Aristokratie
+und meiner kategorischen Erklärung, dass eine Mesalliance gegen meine
+Grundsätze wäre, muss er mich natürlich für ungefährlich halten.
+
+Sie können ruhig schlafen, Herr Graf.
+
+ * * * * *
+
+Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr über die
+Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spöttisch. Sie
+ist zu gesund für meine Philosophie.
+
+(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt
+bist. Hm!)
+
+(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht
+verliebt.
+
+Der Beweis ist geglückt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht
+in sie verlieben.)
+
+ * * * * *
+
+Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der
+vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehört. Ob wirklich etwas dran
+ist, dass mein Urgrossvater mütterlicherseits von Adel war, alter
+kurländischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte
+Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige
+Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen
+Adern.
+
+Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Künstlerblut,
+Zigeunerblut, und in dieser trüben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine
+aristokratische Blutkügelchen.
+
+Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich hätte
+wohl Lust, mich einmal gründlich zur Ader zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+ Traum, Schaum.
+ Träume sind Schäume, hier wie dort
+ Hört man solch überkluges Wort,
+ Aber dem Leben farbleuchtenden Saum
+ Leiht nur goldener Traum wie Schaum.
+
+ Träume sind Schäume!
+ O jugendlich Schäumen.
+ Schäume sind Träume!
+ O jugendlich Träumen.
+ Schäumendes Kräfteüberfliessen,
+ Träumendes Seele in Seele sich giessen.
+
+ Träume sind Schäume,
+ Wen sie verlassen,
+ Dem müsste das Leben farblos erblassen.
+ Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum,
+ Bricht sich goldene Frucht vom Baum.
+
+ * * * * *
+
+Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben wäre? Nicht aus
+irgend welchen besonderen Gründen, sondern einzig, weil ich nicht zur
+Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!
+
+Aber warum reise ich nicht ab?
+
+Über den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt,
+mit einer Bürgerlichen. Ich hätte es ihr auch nie vergeben. Frau Krüger
+oder gar Madam Krüger.--
+
+Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersüchtig, ohne
+verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der
+eifersüchtig ist.
+
+ * * * * *
+
+Als sie sich die Rose in den Gürtel steckte und auf den Stuhl stieg, um
+sich besser im Spiegel sehen zu können.
+
+Diese ganz entzückende Naivität, diese natürlichste, kindlichste,
+unschuldigste Eitelkeit!
+
+Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie
+darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.--
+
+Ich hielt ihre Hand länger als schicklich in meiner, als ich ihr
+herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie übersah es
+einfach.
+
+ * * * * *
+
+La rose d'amour.
+
+ An ihrem Kleid blüht eine dunkle Rose,
+ Entschürzt den Schoss zu wundersamem Duft,
+ Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose,
+ Die weisse Mädchenbrust zur weichen Gruft.
+ O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose,
+ Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft,
+ Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose,
+ Verküssen möge Leben, Licht und Luft.
+
+(Wäre ich verliebt, würde ich dieses Gedicht nicht haben machen können.
+Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notdürftig
+entschuldigt werden könnte.)
+
+ * * * * *
+
+Gehört nicht eine gewisse Kälte des Herzens dazu, um Dichter sein zu
+können?
+
+Unsinn!
+
+Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur
+des Herzens haben, nur soviel Feuer als nötig, um der Phantasie warme
+Füsse zu machen?
+
+Gibt es eine Phantasie des Herzens?
+
+Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides
+zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.
+
+ * * * * *
+
+Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon
+wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch
+abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben
+zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es
+fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen
+Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was können
+ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird
+ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.
+
+Übrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein
+Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen
+wird. Oder doch mal? Da drüben?
+
+Wenn man dann sehend wird, zurückblicken kann--Herrgott! Alle diese
+Irrgänge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da hättest du den Weg
+gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den
+Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du wärst heil
+durchs Leben gekommen.
+
+ * * * * *
+
+Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andächtig.
+
+Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen
+denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.
+
+Küssten sich.
+
+Wir selbst sassen ganz ehrbar und züchtiglich neben einander, und ich
+meckerte in ihren schönen Alt hinein.
+
+Sie hatte die Führung, ich folgte wie ein Lämmlein der Hirtin.
+
+Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich hübsche
+Sopranstimme da, die über diesem misstönigen Gemecker, Gebrumm und
+Gepfeife schwebte, wie eine weisse Möwe über ein schmutziges
+missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Wände, die Sonne
+draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen über diesen
+alten und jungen Köpfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen
+Nummern der Choräle. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen,
+weisshaarigen Pastor Weidenbusch.--
+
+Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche
+gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie
+keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem
+nüchternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber
+unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getünchten Wände atmen Poesie,
+diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem
+vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.
+
+Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den
+Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem städtischen
+Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?
+
+Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbürger, diese abgerackerten
+Tagelöhner, Männer und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Bedürfnis
+hierher führt, Sonntag für Sonntag; diese ganze Atmosphäre von Arbeit,
+Genügsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich
+diesen schmucklosen Wänden mit und leiht ihnen einen rührenden Glanz.
+Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fühlt sich wohl hier und
+bleibt, auch wenn der Küster abschliesst.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden
+kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist
+die Zeit oft zu kurz dazu.
+
+Und auf dem Sterbebett.
+
+ * * * * *
+
+So hoch stehen, dass man religiös wird!
+
+Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen nötig hat. Da beugt man
+sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.
+
+Oder Einsamkeitsgefühl? Grauen vor der Einsamkeit?
+
+ * * * * *
+
+Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!
+
+ * * * * *
+
+Es war kühn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss
+nun, wie ich es meine. Es wäre Wahnsinn, zu glauben, sie könne sich auf
+so was einlassen. Die Künstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohémienne.
+Und das gehört dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es
+aushalten würde.
+
+ * * * * *
+
+Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr,
+mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und
+unvorsichtig war es von dir, zu erröten, als da ihr den Feldstrauss
+brachtest!
+
+Aber ich will nicht!
+
+
+
+
+15.
+
+
+Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es
+war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war
+auch da und sie wärmte noch.
+
+Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten
+segelten über das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war
+längst im Speicher. Ein paar Krähen hüpften auf den kahlen Schollen,
+flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.
+
+Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem
+schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bücken,
+ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er
+hatte seinen Rock zugeknöpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so
+scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den
+Rücken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu können.
+
+Fides fröstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten über
+das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.
+
+Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange
+nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem
+Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tür schliessen. Zwei
+vertrocknete Waldmeisterkränze hingen an einem Nagel, und der welke Duft
+machte die Atmosphäre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster
+liessen nur ein gedämpftes Licht herein und verstärkten das Gefühl der
+Abgeschlossenheit.
+
+Fides hatte ein Vergnügen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die
+See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grün zu sehen. Sie
+wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal,
+dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug
+in die Stadt.
+
+Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wäre
+sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.
+
+"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter über?" meinte Randers. "Ich
+denke mir das so schön."
+
+"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."
+
+"Das ist doch schön."
+
+"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch käme. Aber es ist ja gar nichts
+Gescheites in der Nähe, kein Umgang, der einem zusagte."
+
+"Sie sollten mit nach Sylt kommen."
+
+"Ja, das wäre was. Aber Papa tut's nicht."
+
+"Auf ein paar Wochen nur."
+
+"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche
+Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir
+denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."
+
+Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder
+gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte,
+die Kirchen, sah sich von ihr in eine höhere Geselligkeit eingeführt, in
+die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eröffneten sich ihm,
+wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wünschte! Dass sie
+es wünschte und aussprach! Das machte ihn ganz glücklich.
+
+"Wie gerne würde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.
+
+"Aber?" fragte sie, da er zögerte.
+
+"Diese Idee kommt zu plötzlich, so überraschend," sagte er langsam und
+unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.
+
+"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem plötzlichen Entschluss. "Das
+ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!"
+
+Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervös, und verzweifelte
+Blicke nach den Fenstern werfend, als wäre es ihm zu schwül hier.
+
+Fides sass auf dem roten Plüschkissen, auf der einzigen langen,
+lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem
+kleinen Borkentisch.
+
+"Ich hatte mir das so schön gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht
+sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.
+
+Sie hatte das gedacht? Schon früher daran gedacht? Hatte es sich
+ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?
+
+"Ja, aber meine liebe gnädigste Komtesse, ich täte es so gerne, schon
+allein, da Sie es wünschen--"
+
+"Aber ich bitte Sie, meine Wünsche! Sie sollen durchaus nicht das
+geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt
+gesehnt--"
+
+"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie
+wüssten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen,
+die ich hier verlebte."
+
+"Ja, es war recht hübsch. Aber es wird doch jetzt schon recht
+unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."
+
+Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein plötzliches Umschlagen der
+Stimmung.
+
+"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervös," sagte sie und
+stand auf. "Was haben Sie für eine Unruhe! Sie können gewiss die Zeit
+nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."
+
+Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.
+
+"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.
+
+"Wie so?"
+
+Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre,
+verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lächeln herauszuhelfen, aber
+es misslang.
+
+"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor
+mir selbst--vor all diesen--diesen Unmöglichkeiten."
+
+Er rannte wieder auf und ab, während sie angelegentlich durch das rote
+Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an
+die Scheibe gedrängt.
+
+Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.
+
+"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie
+schwieg, und es klang fast verzweifelt.
+
+Er sah sie an, aber sie rührte sich immer noch nicht.
+
+Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er
+über die Blässe ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.
+
+Und plötzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine
+tiefe Röte überflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie
+schlug die Hände vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie
+leise:
+
+"Warum quälen Sie mich so?"
+
+"Fides!" rief er.
+
+Aber sie eilte an ihm vorüber, liess sich auf die Bank fallen, legte den
+Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hände drückend, weinte sie
+krampfhaft.
+
+"Fides!"
+
+Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand,
+erhob sich wieder und sprach, über sie hingebeugt, auf sie ein.
+
+"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse.
+Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides."
+
+Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.
+
+
+
+
+16.
+
+
+Es regnete, regnete immer stärker, der ganze Himmel schien sich auflösen
+zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem beständigen
+Angriff der Wassermassen nicht halten, löste sich und fiel auf die
+aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und
+grossen Pfützen.
+
+Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers
+wegschwemmen.
+
+Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass
+rann in Strömen und kleinen Bächen von seinem Regenrock, sammelte sich
+auf seiner weissen, durchweichten Mütze, rieselte über deren schwarzen
+Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel
+und Beinkleider ganz kotig waren.
+
+Aber er lief immer drauf los.
+
+War das nicht der Weg nach Süssen?
+
+Aber es war ja gleichgültig. Er wollte ja nur seinem "Glück" entlaufen,
+diesem wunderlichen Glück, das ihn quälte, ihn ängstigte, sich wie eine
+eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glühender Nagel sich ihm ins
+Hirn bohrte. O, wie er glücklich war!
+
+Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut?
+Und eine köstliche Zukunft?
+
+Schwiegersohn des Grafen Bruckner!
+
+Was würden sie alle für Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der
+Randers!
+
+Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr
+annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafür bieten? Aus
+eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine beständige, alles
+wettmachende Liebe?
+
+Würde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der
+Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben können, einen
+simpeln Bürgerlichen ohne Stellung und Vermögen zu nehmen, weil er ihr
+gefiel.
+
+Sie würde ihn lieb haben und füttern!
+
+Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?
+
+Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er könnte
+es nicht übers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne
+Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war
+er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.
+
+In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht
+fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man
+sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn
+doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefühl, Anstand,
+Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das
+theoretische Konzept.
+
+Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu
+lösen. Pfui Teufel, wie gemein!
+
+Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!
+
+Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tür, morgen wollten sie zusammen
+abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte,
+um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.
+
+So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht!
+Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie
+nun zusammen gewesen.
+
+Am besten wäre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.
+
+Und so lange sollte er schauspielern? Lügen?
+
+Müde und abgespannt, durchnässt und beschmutzt kam er wieder im Schloss
+an.
+
+Fides war in ihrem Zimmer, beschäftigt, mit der Zofe die letzten Koffer
+und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer
+letzten geschäftlichen Unterredung mit dem Verwalter.
+
+Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten hätte
+er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war
+noch früh, kaum sechs Uhr.
+
+In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und
+ging in den Salon hinunter.
+
+Ein graues, trübes DämmeDämmerlichtschte darin.
+
+Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblätter klebten
+an den nassem Scheiben.
+
+Vom Tisch waren alle Mappen und Bücher abgeräumt, die schweren
+Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag
+schon ein Hauch von Unwohnlichkeit über dem halbdunklen Raum. Nur die
+grosse japanesische Vase, die der Gärtner erst gestern mit frischen
+Chrysanthemen gefüllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsäule, und die
+grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie
+verbannte Schönheiten auf einer einsamen öden Insel.
+
+Der Blüthner war geöffnet.
+
+Ob Fides gespielt hatte?
+
+Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler
+Silberreif, den sie der vielen Anhängsel wegen beim Spielen ablegte.
+
+Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.
+
+Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie
+nachgaben und ein paar leise Diskanttöne wie klagend durchs Zimmer
+klangen.
+
+Er lächelte, musste lächeln.
+
+Wie nervös er war!
+
+Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.
+
+Er rückte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im
+Bass, leise, unrhythmisch. Die Töne rannen, krochen durcheinander, wie
+brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Töne taten ihm wohl. Er konnte
+sich nicht genug tun, da unten herumzuwühlen. Aber allmählich löste sich
+ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm
+unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest,
+hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, überrollte ihn mit
+stürmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken
+schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie förmlich:
+lass mich los, lass mich los!
+
+Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak
+zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.
+
+Fides?
+
+Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Der arme Flügel. Ist das dein Abschied von ihm?"
+
+Er lachte gezwungen.
+
+"Es war wohl wüst?"
+
+"Aber sehr. Alle Wände zittern vor Angst."
+
+Er stand etwas beschämt auf, und sie schloss schnell das Instrument.
+
+"Der hat genug für dieses Jahr," scherzte sie.
+
+"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"
+
+Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre
+Wangen glühten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.
+
+"Wie ungemütlich ist es hier schon," sagte sie.
+
+"Und dieses Wetter heute. Wären wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar
+keine Ruhe mehr."
+
+Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen
+gemütlichen Eckplatz gab, und erzählte ihm von ihren Kasten und Koffern,
+und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen hätte, und
+plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen
+wollten. Ob er sich auch so darauf freue.
+
+"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drückte sie ganz leise.
+
+Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.
+
+Aber er wünschte, es wäre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie
+belogen! Es war ihm plötzlich, als ob etwas in ihm kalt würde. Eine
+Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein
+wunderliches Gefühl der Starre, wie ein eisiger Hauch.
+
+Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getötet.
+
+Es war aus. Er fühlte es.
+
+Leise liess er ihre Hand los.
+
+Es war aus.
+
+
+
+
+17.
+
+
+Es war fünf Uhr morgens. Randers öffnete das Fenster. Es war noch alles
+dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den
+Wirtschaftsgebäuden her kündigten verschiedene Geräusche an, dass die
+Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein
+Knecht ging mit einer Laterne über den Hof.
+
+Es war ein kühler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon während der
+Nacht aufgehört. Aber von den Bäumen und Büschen tropfte es noch in
+schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem
+durchweichten Erdreich auf.
+
+Randers war blass und überwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den
+Kleidern gekommen. Er kühlte sich Stirn und Augen mit einem nassen
+Schwamm, trank hastig ein paar Gläser Wasser und stand dann mitten im
+Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.
+
+Mit einem Ruck ermannte er sich.
+
+"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."
+
+Er lachte. Ein bitteres, hässliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und
+den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.
+
+Ein Hausmädchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er früh
+aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See
+hinunter.
+
+Aber heute war es doch reichlich früh.
+
+Er fand die Hintertür geöffnet und kam ungesehen ins Freie.
+
+Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.
+
+Er konnte sie nicht sehen.
+
+Ob sie wohl schon wachte?
+
+Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf,
+sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.
+
+Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnäpse, um sich
+zu erwärmen, und gab einen Brief fürs Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in
+einer Stunde, sowie es hell würde, abzuliefern.
+
+Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.
+
+Dann ging er nach Süssen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac
+und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac
+stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von
+Heiligenhafen nach Kiel führe, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot
+gerade noch erreichen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Drittes Buch
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+1.
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+Randers an Gerdsen.
+
+Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass
+ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines
+Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, können Sie daraus
+ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht
+ausreichten. Es mussten _Betäubungen_ sein. Alkohol!
+
+Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich
+reinigt: Die Natur. Die See.
+
+Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein
+Betäubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann.
+Fördert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe höher, eine Stufe
+hinaus aus meinem Gefängnis? Ist sie nicht nur Gefängnisarbeit eines
+Sklaven, der sich nützlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht
+ein Betäubungsmittel hat?
+
+Aber ich will mich nicht betäuben. Das ist so feige, so philiströs, so
+dumm, so unwürdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betäubt
+alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das
+Leben erträglich machen, so müssen es Rauschmittel sein. Sie kennen
+diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln!
+Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.
+
+Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhöhtes
+Leben, bei mir Bekämpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole?
+Puff, weg damit! Aber können Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben
+täglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf
+das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnüren, ihm einen Stein auf
+den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trägt und nicht zu
+sehr wächst, ihm die Füsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall
+kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quält man so sein Leben?
+
+Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar.
+Es gibt für mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die,
+langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmünden.
+
+Ich habe allerlei für Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein
+versiegeltes Paket zurück. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie
+überhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich für meine Person entbinde
+Sie davon. Wir müssten eigentlich täglich zusammen arbeiten, und das
+widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wühlen, es bringt doch auch so
+seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die
+mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes
+Pulver. Aber mündlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder
+vor Scham das Wichtigste nur eben berührt, das ist, als sollte man sich
+in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.
+
+Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen
+Tick. Und auf die Natur! Erklären Sie beides aus seinem ästhetischen
+Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu
+an innerer Berufung. Er ist nur ästhetischer Genüssling. Der Natur
+gegenüber reicht das ja aus, daher fühlt er sich bei ihr am wohlsten.
+Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive
+Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe,
+das ihn allein ästhetisch reizt, allein für ihn in Betracht kommt. Na,
+Sie werden es schon machen.
+
+Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von
+früher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!
+
+Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.
+
+Ihr Randers.
+
+P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine
+augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein älteres
+Stimmungsstück, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilübung,
+die Sie vielleicht als Beweisstück für meine unzureichende
+Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen
+Seite hin brauchen können. Übrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer
+bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu
+dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt überlegt, ändern
+lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als
+"Dokumente", als Belege für mein Halb- oder Garnichtskönnen. Wenn Sie
+sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!
+
+ * * * * *
+
+ Was für ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
+ Dass ich in meinen Tränen bin erwacht?
+ Was für ein Traum doch war's?
+ Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
+ Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
+ Ist's nicht dein Bild?
+ Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
+ Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
+ Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
+ Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
+ Das dich und mich zu schönstem Bund umwand?
+ Zerriss es ganz?
+ So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
+ Ein einsam Kissen, feucht von meiner Tränenflut?
+ So bleibt mir nichts?
+
+ * * * * *
+
+Friedenstraum.
+
+ In stillen, tagesabgeschiednen Nächten,
+ Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
+ Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
+ Gespenstisch Flüstern ob der Heide spricht,
+ Dann hör ich auf, zu hadern und zu rechten,
+ Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
+ Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schächten
+ Endlich ein trautes, stilles Dämmerlicht.
+
+ * * * * *
+
+Vogelkönigtum.
+
+ Vogel, du bist der König der Welt,
+ Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefällt.
+ Fliegst in die freien Lüfte,
+ Fliegst über Berg, über Meer, über Feld,
+ Vogel du freier, du Herrscher der Welt.
+
+ Überall darf der Himmel dir blauen,
+ Überall darfst du die Welt erschauen,
+ Überall lässt du die Woge dich grüssen,
+ Himmelentstürzt dir die Brust von ihr küssen;
+ Täglich eroberst du neu dir, ein Held,
+ Vogel, du freier, zu eigen die Welt.
+
+ * * * * *
+
+Wie es sein sollte!
+
+ Was ist das Glück? Ein niedres kleines Haus,
+ Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
+ Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
+ Und Hände winken, lassen mich nicht bleiben;
+ Vom Strande tönt der Nordsee dumpf Gebraus,
+ Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
+ Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
+ Wir sind mit unsrem goldnen Glück allein.
+
+ * * * * *
+
+Einsame Weihnachten.
+
+
+Gestern überkam mich die Weihnachtsstimmung mit übermächtiger Gewalt.
+"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf;
+Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grässliches Getute
+erträglich? War es nur diese unverwüstliche Melodie, dieses schönste
+aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes
+erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier
+geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen
+Lippen.
+
+Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnächtige Stimmung ist
+mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genügen lassen, denn
+ich würde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der
+fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich
+ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende,
+glitzernde Einsamkeit der ländlichen Umgegend.
+
+Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es
+hernieder; in glitzernden Sternen stäubt es fein, so fein herab. Will
+sich ein Geheimnis, beglückend, beseligend, auf die Erde betten? Leise
+Klänge klingen mit. Oder ist's Täuschung? Klingt der Schnee in
+herniederrieselnden Tönen unhörbar fast und doch so deutlich, weich, so
+wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine märchenweisse, schmale
+Frauenhand herniederlastet?
+
+Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft.
+Zwischen den langausgesponnenen Schneefäden dringt es wie von
+schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine
+Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthüllen möchte.
+
+Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dämmerung hat begonnen. Ich bin weit
+hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am
+verdüsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am
+Weihnachtsabend trübe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?
+
+Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die
+Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus
+Tannen aufgebaut, jäh stürzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten
+umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade
+verlaufenden, dunkelgrünen Wände überblicken. Stille, lautlose Stille,
+umfängt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer
+Krähenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens,
+aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.
+
+Aber da saust es plötzlich zwischen den Stämmen heran! Ein schwaches
+Klingelgeläute! Stärker und stärker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet
+steigt aus ihren Nüstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse,
+kräftige Männergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende
+Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes
+Schlittendröhnen!
+
+Vorbei!
+
+Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den
+heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.
+
+Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustürklingeln eine
+stürzende Schar, und immer wieder die Enttäuschung. Aber endlich ist er
+angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den
+scharrenden Absätzen; in der geöffneten Tür heisst eine schöne Frau den
+Schwager willkommen; die Kinder umdrängen den Onkel mit freudigem Lärm,
+und das Jubeln will kein Ende nehmen.
+
+Und wieder läutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens
+tiefem, tiefem Grunde" läutet die Vergangenheit empor. Immer mächtiger
+fluten und überschwemmen mich die Klänge. Und da wandelt sie mir nah
+zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die fröhliche,
+selige Kinderzeit.
+
+Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen
+Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei
+Brüder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grüsst uns aus der
+Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer
+ein dichter Garten seine grünen Kränze schlingt. Endlich sind wir daheim
+bei Vater und Mutter. Es weihnachtet überall. Von Kuchen und Marzipan,
+von Pfeffernüssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strömt ein würziger
+Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtüberfrorenen Fenstern
+hasten die Mädchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.
+
+Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen
+brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit.
+Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hält das Gefährt.
+Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Händchen an
+den Grosseltern empor.
+
+Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen.
+Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das
+Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schüchtern mit im Chor. Und
+dann tun sich die Türen weit auf, und vor uns flutet und flimmert der
+schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit;
+fröhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!
+
+Ich habe mich in lichte Träume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich
+weiss nur zu wohl, dass sie sich trüber und trüber spinnen werden.
+Wollen nicht schon einsame, schweigende Gräber aus der Ferne
+herüberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.
+
+Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter:
+dunkler dräuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stämmen der
+Schnee, denn die Dämmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat
+ihren sternenbesteckten Mantel über die stille Erde ausgebreitet. Und
+doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre
+geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen führt noch etwas anderes,
+Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist
+es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es
+der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe läuten sie den
+heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und
+trägt ihn über den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen
+diese Töne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang.
+Alles grüblerische Denken erlischt; nur ein beglücktes Empfinden, nur
+der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.
+
+Hat ihn je ein Dichter voll auszuschöpfen vermocht, so dass allein sein
+Wort den mächtigen Zauber ans Licht beschwor?
+
+Das Weihnachtsevangelium fällt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von
+der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rührend auch die
+herzenseinfältigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und
+es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hüteten ihre Herde bei
+Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
+umleuchtete sie."
+
+Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht,
+die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze
+Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Händels ebenso
+einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr
+loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in
+Tönen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rührt,
+und aus der Höhe herniedersäuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie
+der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal
+im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde
+herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und
+knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche
+Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden
+blickenden Augen--ein Weihnachtsmärchen in der Weihenacht unter den
+Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.
+
+Und mir--mir rinnen die Tränen von den Wangen herab--aber himmlische,
+heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der
+Weihnacht.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hörnum lag im
+Schutz des mächtigen Dünenwalles ein kleines einstöckiges Blockhaus. Ein
+leidenschaftlicher Seehundsjäger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit
+Jahren stand es unbenutzt.
+
+Das war etwas für Randers. Er erhielt das Häuschen für einen Spottpreis.
+Es war auch ärmlich genug für einen längeren Aufenthalt, nur für einen
+anspruchslosen Jäger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein
+grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen
+Holzstiege erreichbar, noch eine geräumige Kammer unter dem spitzen
+Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand
+sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf
+der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.
+
+Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen
+Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war
+geräumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz,
+vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier
+Stühle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst
+nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus
+Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren nötig. Die alten waren
+ganz erblindet und rissig.
+
+In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast
+mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen
+Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine
+Garderobe und nachträglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen
+Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit
+Vorhängen versehen.
+
+Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die
+erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er
+unterdrückte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht
+hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom
+Gärtner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen
+Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts für ein
+geringes erstanden hatte.
+
+Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben
+im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am
+Morgen aber lachte er über die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Randers fühlte sich geborgen. Vorläufig, vielleicht, dass es mit der
+Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug wäre. Nun, dann war ja
+Norwegen da, die Schären und Fjords. Und immer so weiter, bis in die
+letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rückzug war er ja doch.
+
+Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er
+würde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was
+ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen
+Streich gespielt. Er hatte das Glück in Händen gehabt und hatte es von
+sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glück mehr war.
+
+Seine Natur war auf das Unmögliche gestellt. Er trug sich mit Idealen,
+die verwirklicht, ihn unglücklich machen müssten. Weil er halb war,
+grossmäulich im Wollen, kleinmütig im Ausführen.
+
+Ach ja, seine schönen Theorieen!
+
+Dass alles Halbe ausgerottet werden müsste, dass die Halben mit Gewalt
+expediert werden müssten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt
+bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine,
+die sich verwirklichen liess. Und da würde er seinen Mann stellen. Ja,
+es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz
+sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich
+beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmütigkeit diesen Todesgang
+gehen?
+
+Das war ja gerade das Köstliche, gab ja gerade dem Leben diesen
+seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen über dem Grabe, dieses letzte
+Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen,
+den du schlürfst, kommst du dem Nichts näher.
+
+Aber ausleben, nicht absterben!
+
+Randers war den Rantumern schon von früher bekannt. Er war oft auf Sylt
+gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hörnum bis List hinauf, kannte man
+den "langen Doktor".
+
+Die Leute freuten sich seiner Anhänglichkeit an ihre Insel und freuten
+sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie
+auch über ihn. Er war doch noch immer der alte verrückte Kerl. Und
+Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden
+"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schätzen. Und dass er anders war
+als andere, das machte ihm ja selbst den grössten Spass, das war ja sein
+Stolz. Er war ja überall der Andere gewesen. Überall "deplaciert". Hier
+war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus
+der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute,
+die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel
+handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen
+hatte. Auch eine Möwe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen,
+dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Möwen.
+
+Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurück. Dann waren ihm
+die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darüber
+weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.
+
+Er sah braun aus, wie der älteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war
+er doch stündlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm
+Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Mütze wie eine
+aufgescheuchte Möwe aus den Dünen auf. Von Hörnum bis List hatte er alte
+Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine
+"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der
+plötzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen
+Schleier hüllte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+So war es Winter geworden und war wieder Frühling geworden. Das einsame
+Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stürme, die
+über die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schädel", wie
+Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tägliche Verkehr mit den gesunden
+Insulanern, denen er sich in der langen Winteröde immer mehr
+angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die
+flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen,
+die ihn vernünftig gemacht hatte?
+
+Abend für Abend hatte er während des langen Winters in der Rantumer
+Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln
+lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr
+kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie
+allein waren, dafür mal von ihm küssen. Weiter ging's nicht. Er hatte
+seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.
+
+Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,
+wenn andere Leute den Christbaum anzünden. Und er hatte sich ein
+Bäumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmückt und ins
+Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend für Abend bis in die
+Neujahrsnacht leuchten.
+
+Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf
+den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen
+geblitzt. Aber er hatte sie plötzlich weggejagt, sie versäume gewiss was
+in der Wirtschaft.
+
+"Durchaus nicht."
+
+"Ja, doch! Geh."
+
+Und er schob sie fast zur Tür hinaus.
+
+Nein, das wäre doch. Unterm Tannenbaum!
+
+Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, löschte die Lichter
+und ging in sein Zimmer hinunter.
+
+Nachts träumte er von Moiken.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die
+Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedürfnis danach. Er war etwas
+enttäuscht, beim Leuchtturmwärter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von
+Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen
+zurückgezogen, er wollte es ja so.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Gerdsen an Randers.
+
+Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Hätten Sie doch noch
+drei Tage gewartet. Ich kam früher zurück, als ich dachte. Schade! Nun
+folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach
+List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden
+werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versäumen Sie nicht,
+mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem
+stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles dürfte Sekt
+rechtfertigen.
+
+Ihr Gerdsen.
+
+
+Gerdsen an Randers.
+
+Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo
+stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trümmern Ihres Blockhauses?
+Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe,
+Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es
+wäre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich
+weitertasten könnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie
+angewiesen wäre. Als "Fachmann" müsste mir nun freilich schon klar sein,
+wie das Gebäude zu krönen ist. Aus dem, was ich habe, müsste ich schon
+als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens
+ist, die Konsequenzen ziehen können. Ja, ich müsste jetzt Ihnen Ihre
+künftigen Wege zeigen können. Aber ich will's Ihnen allein überlassen
+und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht
+heraustreten.
+
+Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie
+Lügen. Also leben Sie fleissig à la Randers und führen Ihr Tagebuch für
+mich weiter.
+
+Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans
+vermehren wird. Mich würd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur
+Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die
+friesischen Holzpantoffeln führe.
+
+Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie
+sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen
+keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman
+ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ältlichen
+Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche führt. Also!
+
+Ihr Gerdsen.
+
+
+
+7.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Dank für Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit
+der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder
+"Stütze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des
+Zeitvertreibs wegen und um dem Mädel einen Spass zu machen. Genügt Ihnen
+das für den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren
+"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen
+zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgültig geworden. Täten
+Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich würde Sie
+bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es
+jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand.
+Und damit viel Glück! Möcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.
+
+Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer
+
+Ihr getreuer
+
+Randers.
+
+
+
+
+8.
+
+(Tagebuchblätter.)
+
+
+Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der
+des Ozeans. Dieser grosszügige Wellengang seiner Melodie. Der hätte uns
+eine Ozeansymphonie schenken müssen.
+
+Dass alle unsere Grössten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,
+Beethoven.
+
+Byron, der kannte das Meer!
+
+Und Böcklin kennt es!
+
+ * * * * *
+
+Wie organisch die Phantasiegebilde Böcklins sind, sehe ich an Thoma,
+diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfüsser
+nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Böcklinscher Faun, der
+ist echt.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe die Natur böcklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das
+macht, Böcklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat
+sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist böcklinisch. Nie
+erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre.
+Aber Böcklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Nähe des
+Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den
+Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Böcklin. Oder die kleinen
+schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise
+heranspült, eine Möwe ruhte sich auf dem grössten Stein: Klinger
+zeichnet so was auch, ganz köstlich. Aber die Natur erinnert mich nie
+an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.
+
+Böcklin: Monolog! Klinger: Dialog!
+
+Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Künstlers
+gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespräch.
+Der Künstler hat geistreiche Antworten, Einwände, auch mal einen Witz.
+Er ist nicht--rein. Wohlverstanden!
+
+ * * * * *
+
+Welcher Blödsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht über allen Zeiten,
+ist _immer_ und _nie_ modern.
+
+ * * * * *
+
+Nordsee.
+
+ Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,
+ Er packt das Meer und zerrt es an den Mähnen.
+ Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,
+ Viel tausend Rosse blecken mit den Zähnen;
+ und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen
+ Der Gott hernieder seine Peitschensträhnen;
+ Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,
+ Den Griesbart greinend ich hintüberlehnen.
+
+ * * * * *
+
+Non est.
+
+ In dieser grenzenlosen Einsamkeit
+ Blüht neu in mir ein reineres Gefühl,
+ Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,
+ Lausch ich der Wellen plätscherndem Gespühl;
+ Und vor mir fliegt ein weisses Mädchenkleid,
+ Es drängt der Locken wirrendes Gewühl,
+ Und wie das Sternenlicht im Schaum versprüht,
+ Seh ich ein Augenpaar, das mir erglüht.
+
+ * * * * *
+
+Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quält? Mir ist diese ganze Idee mit
+dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemühen, oder
+es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse
+Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger
+auch.
+
+ * * * * *
+
+Moiken. Aber nein!
+
+Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stück Mensch. Isst,
+trinkt, schläft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie.
+Daran könnte sich eigentlich der Mann genügen lassen. Aber da hapert's.
+Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhäuser baut, Blumen
+in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch
+Mann?
+
+ * * * * *
+
+Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spürt, sich zu ersäufen! Ich kann
+mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung über
+sich selbst zu grübeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhängnis!
+
+ * * * * *
+
+Des Leuchtturmwärters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die
+Einsamkeit, die ihm Lebensbedürfnis ist. Er war früher Musiker bei der
+Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrückt! Natürlich! Ich aber verstehe
+ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags
+nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es
+ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben lässt, so oder so.
+Sie tut mir übrigens leid.
+
+ * * * * *
+
+Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen,
+Leuchtturmwächter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder
+versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert
+sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, führt mich ganz auf mich
+selbst zurück. Ich möchte nach jeder Musik, die mich völlig ergriffen
+hat, in die Einsamkeit.
+
+ * * * * *
+
+Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne
+Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches
+Gemüt, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die
+Wagschale zu werfen hat, findet Töne, die einen den ganzen Geistreichtum
+der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Töne aber
+stammen aus einer Welt, für deren Seligkeiten alle Päpste und Könige
+dieser Welt ihre Kronen und Throne geben würden.
+
+ * * * * *
+
+Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.
+
+ * * * * *
+
+Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen
+können, diese göttliche Freude, diese fröhliche Göttlichkeit, wiegt das
+nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein
+versprengter Tropfen des heiligen Öls traf. Wollen, wollen und nicht
+können. Glühen, aber es wollen keine Flammen werden.
+
+ * * * * *
+
+Das denk ich mir die grösste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,
+was in einem glühte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine
+Nächte und Träume wiedererkennen, seine gebärenden, schmerzlichen
+Nächte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich von Fides träume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen
+zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glüht in einem sanften
+Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie
+allmählich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin
+wegrückt. Wie die Entfernung wächst, ihre Gestalt undeutlicher wird,
+wächst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme
+versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal
+vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Küsse von
+Moikens Lippen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Im Rantumer Krug waren Gäste eingekehrt. Moiken hatte alle Hände voll zu
+tun, als auch Randers nach einer langen Dünenwanderung etwas ermüdet
+eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Männer von Rantum beim
+Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen
+Polstermöbeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.
+
+Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf hättest du auch
+Appetit.
+
+Aber dann nahm ihn natürlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um
+diese Zeit?
+
+Er stand ein paar Sekunden unschlüssig in der Tür, zwischen den beiden
+Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.
+
+Das war ja Jens Petersen Dirks.
+
+"Tag, Herr Dirks!"
+
+Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem flüchtigen Blick auf
+ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn
+verwundert ansah.
+
+Moiken kam aus der Küche mit einem Teller voll Butterbrot für die
+Rantumer.
+
+"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als
+notwendig war.
+
+Er ging händereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Füsse
+hätte.
+
+Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.
+
+"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"
+
+Er ging ins andere Zimmer.
+
+"Gnädiges Fräulein erlauben?"
+
+Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen
+und liess sich an einem Nebentisch nieder.
+
+Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm
+hinüber.
+
+"Warm heute draussen, gnädiges Fräulein."
+
+Es klang beinah hastig.
+
+Sie hatte gerad ein Stückchen Brot in den Mund geschoben und konnte
+nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr
+sagte.
+
+Randers sprang sofort auf.
+
+"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.
+
+"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die
+Fremde.
+
+Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurück.
+
+"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.
+
+Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenüber.
+
+Sie zuckte mit den Achseln.
+
+"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer hätten, wo sie
+allein essen könnte."
+
+"Schon lange hier?"
+
+"Halbe Stunde vielleicht."
+
+"Will sie noch weiter?"
+
+Moiken wusste das nicht.
+
+Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geräusch im Nebenzimmer.
+Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie
+schenkte sich ein.--
+
+Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das
+Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.
+
+Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurückrief, so schien ihm etwas von
+einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.
+
+Er winkte Moiken heran.
+
+"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"
+
+Moiken wusste von nichts.
+
+"Können Sie nicht mal fragen?"
+
+Moiken antwortete nicht darauf.
+
+Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen
+sich an, als sässen sie weit getrennt.
+
+Nach fünf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tür zugemacht. Die
+Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die
+ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein
+gewisser Trotz, oder war es Nervosität, hatte ihn dabei beharren lassen.
+
+Jetzt ärgerte er sich. Was wird sie von dir denken?
+
+Aber dann lächelte er.
+
+Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein
+braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von
+ihr, nicht einmal ob sie hübsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie
+Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles,
+genügt, dich so aufzuregen.
+
+"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in
+die Küche hinein, deren Tür Moiken immer offen liess.
+
+"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurück.
+
+Er ging an das Büffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den
+leichten; er brauchte drei Streichhölzchen, bis sie endlich brannte.
+
+Die Rantumer erhoben sich geräuschvoll und gingen.
+
+Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen würde? Das
+wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten
+sollte.
+
+Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre
+ins Nebenzimmer.
+
+"Gnädiges Fräulein gestatten?"
+
+Sie war ein klein wenig verwirrt in die Höhe gefahren. Vielleicht hatte
+sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?
+
+Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.
+
+Das sah Randers flüchtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt,
+die hier aufgehängt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der
+Karte, während hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde;
+ungeduldig, nervös, wie es ihm schien.
+
+Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der
+Karte stehen bleiben.
+
+"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu lärmend, gnädiges Fräulein," sagte
+er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man
+spricht sehr laut hier."
+
+"Ja, das merkte ich schon."
+
+"Gnädiges Fräulein sind schon lange auf der Insel?"
+
+"Seit ein paar Tagen."
+
+"Gnädiges Fräulein gestatten?"
+
+Er zog einen Stuhl heran.
+
+Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.
+
+"Sie wohnen in Westerland?"
+
+"Westerland? Nein."
+
+Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der
+Tür. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.
+
+"Sie befehlen?"
+
+Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.
+
+"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.
+
+Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte
+zurückzuziehen.
+
+Er war blutrot und ärgerte sich.
+
+Er war gehörig abgeblitzt.
+
+Was jetzt?
+
+Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem
+Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.
+
+Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel
+umlegen.
+
+"Famose Figur," dachte Randers, über die Zeitung hinwegsehend.
+"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."
+
+Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden
+eben bis an die Nasenspitze.
+
+Randers stand auf.
+
+Mit diesem königlichen Wuchs musste er sich messen.
+
+Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie
+er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder
+Maiblume?
+
+Ihr Haar, im Nacken leicht gekräuselt, war ganz goldig, da gerade die
+Sonne drauf fiel.
+
+Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kätzchen.
+Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Rücken. Das gefleckte
+kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfötchens in den Sand. Dem
+konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amüsierten ihn die
+Kätzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schönen Fremden
+war, deren Regenmantel hinter seinem Rücken rauschte.
+
+Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des
+Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tür. Er sah ihr einen
+Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den
+Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin
+verschwand.
+
+Dann erst trat er vor die Haustüre, ging denselben Weg, blieb stehen,
+sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Dünen
+ein.
+
+
+
+
+10.
+
+
+Randers ging am Aussenstrand.
+
+Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.
+
+Oder auch nicht.
+
+Eigentlich hätte er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein
+das Recht, an der Wattenseite zu gehen.
+
+Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht änglichst
+in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?
+
+Er kletterte zweimal auf die Dünen hinauf und hielt Rundschau. Aber
+keine Spur von einer Dame. Ein paar Dünenschafe jagte er auf, das war
+alles.
+
+Du bist ein Narr!
+
+Vielleicht ist sie längst wieder auf dem Rückweg.
+
+Aber er lief doch bis Hörnum Odde, ganz bis an die äusserste Spitze. Er
+war tatsächlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot während der
+Ebbe dem Fussgänger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm.
+Er nahm seine Mütze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig
+war; sie war so schön weiss gewesen, leuchtend.
+
+"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Mütze wieder auf,
+schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.
+
+Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte
+er mit seinen langen Armen, als wäre er besonders unternehmungslustig.
+Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in
+Westerland eine neue Mütze kaufen solle. Ja, das wollte er!
+
+Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so
+heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.
+
+"Winterstürme wichen dem Wonnemond."
+
+Als er nach Rantum zurückkehrte, hörte er, die Dame sei nach einer
+halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Dünen hineingegangen und
+wäre wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurückgegangen.
+
+Randers lächelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht
+so sehr ärgerlich. Nur etwas müde war er geworden und beschloss
+infolgedessen, die Mütze erst morgen zu kaufen.
+
+Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:
+
+"Was sagen Sie zu der Mütze?"
+
+Moiken wusste nicht, was er wollte.
+
+"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.
+
+"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.
+
+Randers setzte die Mütze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor
+den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.
+
+"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"
+
+Er warf die Mütze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die
+Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.
+
+Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast
+gespendet hatte.
+
+Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr
+breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm
+gewöhnlicher als sonst vor:
+
+"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.
+
+Er duzte sie oft.
+
+"Schlafen?" fragte sie verwundert.
+
+"Du hast ja Punsch getrunken."
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Ach, das tut mir nichts."
+
+"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"
+
+"Sie glauben auch wohl."
+
+"Na, na!"
+
+"Aber was ich sage!"
+
+Sie war wirklich entrüstet.
+
+Er lachte gutmütig.
+
+"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."
+
+Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das
+wirklich ein wenig glühte, zwischen beide Hände zu nehmen.
+
+Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem
+Schraubstock.
+
+"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach
+hinten.
+
+"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.
+
+Aber es wurden zwei.
+
+
+
+
+11.
+
+
+Ausleben, nicht absterben!
+
+Randers kaufte beim Gärtner in Westerland ein paar rote Astern und
+stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er lächelte dabei,
+ein wenig spöttisch:
+
+"Ob sie wohl kommen wird?"
+
+Aber es ward aus dem Lächeln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.
+
+Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel
+musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Dünennest,
+und der Sturm darüber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.
+
+Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Dünenwildnis ging sie neben
+ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschäumten Strandes lag sie
+an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er
+sich abends müde in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann
+die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier
+einsamen Wände, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer
+auf das eine zurückwiesen: Wo bleibt sie?
+
+War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in
+die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art
+Verrücktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebäude von
+Dünen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das
+Weib, wie er es träumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?
+
+
+
+
+12.
+
+
+Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige
+Trübung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war völlige
+Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.
+Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Mützen auf,
+ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.
+
+Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und
+war ärgerlich, trotz der schönen neuen weissen Mütze. Etwas auch gerade
+infolge dieser Mütze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand
+sich mit der Zeit alle seine Schwächen ein. Er wusste auch jetzt ganz
+gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der
+alten schmutzigen Mütze herumliefe.
+
+Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich
+gemacht.
+
+Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in
+Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und
+wohin sie heute morgen gegangen war.
+
+Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und
+durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt möglicherweise bis Mai
+oder gar Juni verlängern könne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und
+frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte
+sie erst einmal fest gemietet.
+
+So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand,
+dass er ihr nach Kämpen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie
+wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich ärgerlich. Die Insel
+war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufällig" zu treffen. Es
+könnte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, während dessen sie immer
+zwischen den Dünen hinter einander herliefen, um einander herum, nur
+durch einen Sandhügel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide störten
+vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den
+er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der nächsten Düne einen
+Schrecken ein. Ja, das war alles möglich.
+
+Der Gedanke machte ihn ganz nervös. Er würde sie nie treffen, wenn er
+nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel übernachtete und sich
+ihr morgen beim Frühstückskaffee vorstellte.
+
+Fräulein Lorenzen aus Tönning. Randers war in Tönning bekannt. Da war
+der reiche Weinhändler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete
+Töchter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhändler hatte einen
+Bruder in Hamburg, einen Reeder.
+
+Randers war geneigt, die Dame für Fräulein Lorenzen aus Hamburg zu
+halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter.
+Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.
+
+Randers lag in der Sonne und ärgerte sich. Er lag auf dem Rücken, die
+Mütze übers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf
+den rötlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er
+eine Handvoll Sand und warf sie über den Rand der Terrasse in die Luft.
+Dann wälzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand
+durch die hohle Rechte auf den Rücken der linken Hand rieseln, mit
+unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Plötzlich nahm er ganze
+Hände voll Sand und warf sie über die Terrasse in die Tiefe, immer mehr,
+immer schneller, der grosse Junge, der er war.
+
+
+
+
+13.
+
+
+Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schlürfte seinen Kaffee
+auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hörte. Sie
+beklagte sich beim Wirt halb ärgerlich, halb belustigt, dass sie sich
+umkleiden müsse. Irgend jemand hätte sie vom rotem Kliff herab mit Sand
+förmlich überschüttet.
+
+Randers war betrübt, entsetzt. Er unterdrückte einen Fluch.
+
+Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.
+
+Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der würde ihm natürlich die
+grosse Neuigkeit erzählen. Fräulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was
+sollte er dazu sagen, für ein Gesicht machen? Er würde sich verraten,
+sie erführe es, und es wäre aus, alles aus! Adieu!
+
+Er schwang sich über die niedere Brüstung der Veranda und lief in die
+Heide hinaus.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt
+ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an
+diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht,
+der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz plötzlich erhoben hatte! Der
+Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem
+weisslichen Nebelmeer ertrunken.
+
+Dumm! sagte Randers laut.
+
+Ob er in den Krug ginge? Dahin fände er auch durch den Nebel.
+
+Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er könnte auch zu
+Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und
+der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."
+
+Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:
+
+"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach
+siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach
+einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, ursprünglichen
+Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Bedürfnis, die alte Hülle,
+die ihn bedrückte, zu zerbrechen und ihr als ein gänzlich neuer Mensch
+zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betrübt, von allen
+Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verführerische Vision
+eines zukünftigen Daseins, in dem er, erlöst von allen verhängnisvollen
+Eigenschaften, von aller äusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum,
+die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale sähe und vor sich das ganze
+weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn
+das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch
+unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt
+hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"
+
+Das hielt ihn.
+
+Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.
+
+Das neue Leben von diesem Weibe?
+
+Er wollte gerade die Fensterläden schliessen als es draussen klopfte.
+Der wackelige Türgriff klirrte, und die Tür knarrte, als würde sie
+zögernd geöffnet.
+
+Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah
+erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fräulein Lorenzens.
+
+"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier plötzlich ein Licht
+aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich
+nicht zurecht."
+
+"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.
+
+Sie lachte.
+
+"Höchst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."
+
+Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnässt vom
+Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste
+gefallen sein.
+
+"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal
+gestolpert."
+
+"Sie haben sich doch nicht verletzt?"
+
+Sie besah ihre Hände, die ohne Handschuhe waren.
+
+"Ein paar Schrammen," lachte sie.
+
+"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie können in
+dem Nebel nicht weiter."
+
+"O danke, bemühen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."
+
+"Es klärt sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."
+
+"Wenn es sich noch aufklärt, und Sie erlauben, dass ich verweile?"
+
+Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.
+
+Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.
+
+"Mein Blockhaus," sagte er.
+
+"Das ist ja märchenhaft. Sie wohnen hier?"
+
+"Seit dem Herbst."
+
+"Das muss köstlich sein."
+
+"Wenn man Einsamkeit liebt."
+
+Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Sünde
+vom roten Kliff fiel ihm plötzlich ein.
+
+"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie,
+"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine
+Badegäste kommen."
+
+"Ja, die Badegäste!"
+
+"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden länger hier
+hausen?"
+
+"So lange es mir gefällt."
+
+"Und ganz allein?"
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+"Was soll man machen? Die schönste Einsamkeit ist freilich die zu
+zweien."
+
+"Meinen Sie?"
+
+Er lächelte etwas verlegen.
+
+"Einsamkeit will sprechen," sagte er.
+
+Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen
+flüchtigen Blick auf den Titel.
+
+"Mögen Sie den?" fragte sie.
+
+"Sie nicht?"
+
+"Nein. Er quält mich. Er füttert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt
+eine Rose, einen Strauss, aber man schüttet einem nicht einen Waschkorb
+voll Rosen über den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen
+angenehm zu ersticken."
+
+Er lachte.
+
+"Sie haben nicht unrecht."
+
+Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem
+Fenster.
+
+"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlässt?"
+
+"Übernachten Sie in Rantum."
+
+"Kann man denn das?"
+
+"Gewiss!"
+
+Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker,
+undurchdringlicher Nebel.
+
+"Er ist stärker geworden," sagte er.
+
+Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.
+
+"Es ist nicht weit bis Rantum?"
+
+"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."
+
+"Entsetzlich!"
+
+Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.
+
+"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber
+wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein
+Fremdenzimmer, ganz komfortable."
+
+Er war ganz rot.
+
+"Aber nein," rief sie ungläubig aus.
+
+"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe
+geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie bedürfen könnten,
+wenigstens für eine Nacht."
+
+Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".
+
+"Welch ein Abenteuer!"
+
+"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.
+
+
+
+
+15.
+
+(Tagebuchblätter.)
+
+
+Der Strandvogt, dieser Hüne, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel
+seiner Frau zu stehen. Wenigstens überlässt er ihr das Regiment. Die
+schwerfällige Kraft räumt der rührigen, feineren Intelligenz freiwillig
+das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei
+einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kürzeren, denn
+seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Fäuste ihn durchzusetzen.
+Eigentlich ein sehr glückliches Verhältnis.
+
+ * * * * *
+
+War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung
+sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder
+nachsehen, was noch zusammenhält von dem Kasten. Wie die Säcke rutschten
+die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich
+alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war
+halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.
+
+Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den stärksten Sturm
+mit der Gewalt seiner Lungen überbrüllend. Es ist doch etwas herrliches
+um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit
+verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der stärkste
+Mann der Welt! Preisochse!
+
+ * * * * *
+
+Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein prächtiger, himmelblauer
+Tag. Die See gleisst. Ganz köstlicher Anblick, diese gleissende See, ein
+flüssiges Metall. Von Hörnum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten
+in der See, wie sie über die Sandbank schäumt.
+
+Böcklinsche Meerweiber natürlich darin, weisse Leiber, in der Sonne
+leuchtend, triefende Arme, Gelächter, wie wenn Wellen über Muscheln
+spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurück, balgen
+sich, toll ausgelassen.
+
+O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton,
+urfrische Sinnesfreude.
+
+ * * * * *
+
+Famoses Weib. Muss doch aufspüren, wo sie sich eingenistet hat. Diese
+Figur, diese imponierende Zurückhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen
+Regeln.
+
+ * * * * *
+
+Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hörnum, sitzt sie natürlich in
+List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Lorenzen aus Tönning. Sie will bleiben, so lange es ihr
+gefällt, will Einsamkeit. Fräulein Lorenzen aus Tönning, ich suche Sie,
+wir gehören zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Natürlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie
+nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein
+Dieb übern Zaun.--
+
+Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich träume nur, und nur von ihr. Es
+ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschäftigt,
+einen ausfüllt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er
+das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem
+Lotteriegewinn.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man so im Dünensand liegt, der Wind geht über einen weg, und um
+einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die
+tausend feinen Körnchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt
+nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so
+blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlägt.
+Und plötzlich fängt der Magen an zu knurren, will nicht länger so
+liegen, hat Hunger. Aber man hält's eine Weile aus, man liegt gerade so
+schön, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross
+wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.
+
+ * * * * *
+
+Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran
+herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlägt
+die Zähne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in
+den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der
+Strandhafer hält's fest, das Land wächst, die Dünen wachsen, und der
+Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal
+wild, brüllt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer
+weisser Bart weht über den Dünenkamm.
+
+Trutz blanker Hans!
+
+ * * * * *
+
+Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich wälze mich schlaflos, steh
+auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schläft Fräulein Helga
+Lorenzen aus Tönning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges
+Kichern.
+
+Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spät
+für Wenningstedt. Gott sei Dank!
+
+Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz
+unbefangen. Diese schönen Hände. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber
+manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der
+Seele aufsteigen.
+
+Also nicht Tönning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Tönning. Reiche
+Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen
+Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt
+berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Übrigens ist sie
+mündig und wird über Vermögen zu verfügen haben. Gefällt mir ausnehmend,
+dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor davongegangen. Auf
+eigenen Füssen, Ibsenweib.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt täglich. Ist das ein
+Mädchen! Sie hat Vermögen und will vorläufig "ohne Engagement" leben;
+Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Nächstes Jahr
+will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.
+
+
+
+
+16.
+
+
+Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Füssen im
+Sand. Überall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.
+
+Helga hatte mit einem Stückchen Muschelkalk Randers Profil auf ein
+grösseres Schieferstück mehr gekratzt als gezeichnet.
+
+"Getroffen?"
+
+Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.
+
+Er lachte.
+
+"Aber nein!"
+
+Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kräftigem Wurf
+nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.
+
+"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr
+Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."
+
+"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das
+Meer? Man schämt sich hier seiner Unzulänglichkeiten mehr als anderswo."
+
+"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern
+gemacht hatte und die er gerne vorgelesen hätte. Jetzt verging ihm der
+Mut dazu.
+
+"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurück?" fragte er.
+
+"Nein, es ist nicht mein Beruf."
+
+"Sollten Sie sich nicht täuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--"
+
+"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie
+Ihnen gestern überzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen überhaupt. Aber
+sehen Sie, es treibt mich nicht, hält mich nicht. Ich habe mir selbst
+den Beweis geben wollen, dass ich etwas könne, etwas war es auch Trotz
+gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss
+man ganz gehören, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht
+dabei verlieren will."
+
+Er schwieg einen Augenblick.
+
+"Aber Sie sind doch eine Künstlernatur," sagte er dann.
+
+"Weil ich eine Seele habe?"
+
+"Sie haben doch auch Talent."
+
+"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine
+lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere würden
+zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Häuschen mit allerlei
+Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Häuschen, ich will ein
+Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht."
+
+"Sie sind zu bescheiden."
+
+"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht
+nötig," setzte sie leiser hinzu.
+
+"Aber Naturen wie Sie müssen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!"
+
+"Das sagen Sie?"
+
+Es klang wie Spott.
+
+Er errötete.
+
+"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht."
+
+"Und wer trägt die Schuld?"
+
+"Ich selbst natürlich."
+
+Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand.
+
+"Etwas natürlich auch die Verhältnisse," setzte er hinzu.
+
+"Die muss man meistern."
+
+"Das geht nicht immer."
+
+"Man muss wissen, was man will und was man kann.
+
+"Und wenn man was will, was man nicht kann?"
+
+"Das ist ja ein grosses Unglück."
+
+"Man kann nichts dafür."
+
+"Na--"
+
+Sie brach kurz ab.
+
+"Sie meinen doch?" fragte er.
+
+"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man
+ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier
+wirkst du, hier ist dein Land."
+
+"Wenn aber diese Erkenntnis zu spät kommt?"
+
+"Was nennen Sie zu spät?"
+
+"Nun, so in meinen Jahren."
+
+"Freilich, im Greisenalter."
+
+Sie lachte spöttisch, und er stimmte herzlich ein.
+
+"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas
+boshaft.
+
+"Dass ich nicht kann, was ich möchte? Ja."
+
+"Was möchten Sie denn?"
+
+Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz:
+
+"Heiraten."
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Und warum können Sie es nicht?"
+
+"Weil ich keine Frau finde."
+
+"Die Ihrer wert ist?"
+
+"Die zu mir passt."
+
+"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?"
+
+"Ja wenn ich das nur wüsste."
+
+
+
+
+17.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Für heute nur diese
+Anfrage. Ein neues Kapitel fängt an!!
+
+
+
+
+18.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Lassen Sie endlich von sich hören? Ihr Schweigen war mir rätselhaft.
+
+Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman
+zuliebe und stürzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Ärmster das
+alles bewältigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie
+sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer
+Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die
+Künstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann würde
+ich mir weitere Materialien erbitten.
+
+Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen,
+"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie
+Ihr Blockhaus bauen würden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten
+Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschütterten Leser vor die
+Füsse werfen sollen. Eine Blockhausgefährtin aus Fleisch und Bein zu
+sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch
+Wirklichkeit geworden.
+
+Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hören. Der Roman stockt. Ich
+brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise
+deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden?
+
+Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als
+Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes
+Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass
+er schon schlechtere Bücher gelesen hat. In Zukunft bin ich übrigens
+vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall wäre etwas für das
+Genie eines Cervantes oder für die Psychologie eines Dostojewsky.
+
+Mit Herz und Hirn Ihr
+
+G. Gerdsen.
+
+
+
+
+19.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Nur ein paar Dankeszeilen für Ihren Brief, lieber Freund, der meine
+wunderliche Stimmung noch bunter macht.
+
+Alle Erklärungen nächstens. Halten Sie mich nicht für den
+oberflächlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht
+wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie
+spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen
+Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die
+Tragik eines solchen Charakters!
+
+Was ist überhaupt das Leben anders, als ein beständiger Kampf gegen
+Windmühlen.
+
+Übrigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihre
+Rettung. Soll man nicht an höhere Lenkung glauben? Diese "verrückte"
+Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihr
+das Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel?
+
+Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning.
+Klingt das nicht hübsch zusammen, was?
+
+Herzlichst
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+20.
+
+
+Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas
+Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Körbe voll. Er
+hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten
+in der Wohnstube verstreut, über alle Möbel, und über den Fussboden.
+
+Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der
+Leute wegen? der Rantumer?
+
+"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung
+angenommen.
+
+Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren
+Füssen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah,
+mit einem glücklichen, gerührten Lächeln auf ihn zukam, der Veilchen
+nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise:
+
+"Wie lieb habe ich Sie."
+
+Ein flammendes Rot überflog sie, verging aber schnell.
+
+Sie lächelte.
+
+"Wie gut Sie sind."
+
+"Weil ich Sie so liebe?"
+
+Sie legte den Finger auf den Mund.
+
+"Seien Sie nicht töricht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein."
+
+Er küsste ihr die Hand.
+
+Nachher gingen sie auf die Dünen hinauf.
+
+Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und
+musste auf dem Dünenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es.
+
+Da gab er ihr seinen Arm.
+
+Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah.
+
+Die Möwen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Nähe.
+
+"Da drüben liegt Schottland," sagte Helga.
+
+"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er.
+
+Sein Herz war voll. Er spürte den Veilchenduft, der von ihrem Gürtel
+aufstieg, von dem Sträusschen, das sie dort befestigt hatte.
+
+Er hätte sie an sich reissen mögen.
+
+Drüben liegt Schottland.
+
+Er verstand sie wohl.
+
+"Wir wollen gute Kameraden sein."
+
+Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor.
+
+"Wie denken Sie über Jolanthe?" fragte er.
+
+"Die Ärmste," sagte Helga.
+
+"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers.
+
+"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie
+leichthin.
+
+
+
+
+21.
+
+
+Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler.
+Randers stiess mit ihr an.
+
+"In Schönheit sterben," sagte er.
+
+"In Schönheit leben," antwortete sie.
+
+"Aber dann in Schönheit sterben," beharrte er.
+
+"Wie's kommt."
+
+"Das sagen Sie, Hedda Gabler?"
+
+"Ich bin keine Hedda Gabler."
+
+"Aber möchten Sie denn nicht--"
+
+"In Schönheit sterben?"
+
+Sie lachte.
+
+"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut
+gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die
+Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt
+doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben
+mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schönes dabei? Kraft und
+Willen zu neuem Leben haben, das wäre schön. Das andere ist am Ende nur
+ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der
+Verzweiflung."
+
+"Unter Umständen--"
+
+"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen
+zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach
+sich wegzublasen."
+
+"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist."
+
+"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg räumen. Ich billige das
+sogar. Aber wir wollen da nicht von Schönheit reden. Er erleichtert
+sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut
+bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt."
+
+"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht."
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben."
+
+Es war ein köstlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom
+Sterben ruhen. Sie gingen in die Dünen und waren still und froh
+miteinander.
+
+Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schönheit leben!" Ja,
+mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie lächelte. Sie
+liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz
+überzeugt, dass es ihm möglich sei. Und er lachte so laut und fröhlich
+und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Mütze in den
+Nacken, dass die ganze, hohe, gebräunte Stirn frei wurde.
+
+Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen
+sie auf Nora.
+
+"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers.
+
+"Wollt ich?"
+
+"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden
+Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und
+hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind
+wird Ihren Schal fangen, und die Möwen werden Ihren Pas folgen, der Tanz
+über dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein."
+
+So bat er, beredt und von ihrer Schönheit in einen Rausch versetzt, der
+ihn zum Dichter machte.
+
+Und Helga erhob sich zum Tanz.
+
+"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora.
+
+Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequältes Weib, das
+Betäubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und
+Gleiten und Auf- und Niederschnellen.
+
+Sie ist zu gross für Nora, dachte Randers.
+
+"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga.
+
+"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers.
+
+"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen
+tanzen möchte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das möchte ich
+Ihnen tanzen können."
+
+Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte über die Heide, kam in
+Feuer, ward geschmeidig, verjüngte sich vor seinen Augen, tanzte um den
+Kopf des Täufers. Und ein Wolkenschatten hüllte sie ein. Und der Wind
+wehte frischer und rang mit ihr und löste eine ihrer schweren blonden
+Flechten.
+
+Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an.
+
+Und die Wolke zog vorüber, und die Sonne liess Helgas Schatten über die
+Heide tanzen. Und eine Möwe wiegte sich, leuchtend, über Salome,
+umkreiste sie und schoss plötzlich wie ein zuckender Blitz davon.
+
+"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Hände, sprang auf und auf
+die ihm entgegen Taumelnde zu.
+
+Helga glühte, lächelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Dünenbett und
+fächelte sich Kühlung zu.
+
+"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich möcht's
+können. Mit Genie tanzen."
+
+"Sie können's," rief er warm.
+
+"Nein, nein. Es ist nichts."
+
+"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie lächelnd hinzu.
+
+"Meiner steht Ihnen zur Verfügung," sagte Randers.
+
+"Sie sind kein Johannis."
+
+Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fühlte sich
+verwundet.
+
+"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er.
+
+"Was wollte Salome mit ihm?"
+
+"Sie liebte ihn."
+
+"Nun also. Aber ich müsste diese Liebe empfinden, nicht nur
+schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie
+ersetzt."
+
+"Und waren Sie nie--"
+
+"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund."
+
+Er sah sie forschend an.
+
+Sprach sie die Wahrheit?
+
+"Und wie müsste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--"
+
+"Männlich!"
+
+"Ja, wie?"
+
+"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Füssen
+und Herr über sich."
+
+Randers wurde rot, glühte vor Scham.
+
+"Der ideale Mann," sagte er.
+
+Sie sah sein Erröten, und ein warmes Gefühl für ihn stieg in ihr auf.
+
+"Ideal?" sagte sie. "Solche Männer gibt es genug. In allen Ständen, Gott
+sei Dank!"
+
+"Aber Sie wollen doch auch etwas höheres, geistigeres. Der brave Mann an
+sich--"
+
+"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Köstlich!
+Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natürlich nicht. Sonst
+könnte man sich unter zehn braven Männern nicht gerade in den einen
+verlieben."
+
+"Da ist's also doch noch etwas anderes."
+
+"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Dümmste von den zehn.
+
+"Nun werden Sie flach."
+
+"Liebe ist blind."
+
+"Auch eine Flachheit."
+
+"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen."
+
+"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe wäre Genie."
+
+"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfäden, wach im Traum und immer
+närrisch."
+
+
+
+
+22.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Lieber Freund!
+
+Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf.
+
+Mir ist es, wie die Witterung eines Verhängnisses. Und hier, wo ich
+gesunden wollte!
+
+Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe!
+Kein Mord dieser Liebe.
+
+Sie _müssen_ sie kennen lernen.
+
+Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Grösse,
+einer Strenge. Rühr mich nicht an! Geist und Verstand. Güte.
+Schönheitsbedürfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung.
+
+Sie hat wunderbar schöne Hände, gross und voll, aber weich, und hat
+einen so warmen festen Druck. Hände zum Festhalten: Du bist mein!
+
+Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, überlegt, aber es zittert
+immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese
+klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes
+zittert.
+
+Sie teilt sans gêne mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Träume
+haben sich erfüllt.
+
+O, diese Stunden am Strand, in den Dünen. Und zu Hause, wenn wir lesen.
+Sie liest, na, eben als Künstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda
+Gabler, Rebekka West, Nora. Sie würde keine unwahre Ehe ertragen.
+Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr
+aufzwingen wollte.
+
+Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir!
+
+Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie müssen sie Grieg singen
+hören. Jeder Ton Leidenschaft.
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+23.
+
+(Tagebuchblätter.)
+
+
+Strandbegehren.
+
+ In stiller, milder Düneneinsamkeit
+ Bin spät am Abend ich dahingegangen,
+ Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid,
+ Und süss im Herzen brannte das Verlangen.
+ Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit,
+ So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen.
+ Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit
+ Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen.
+
+ * * * * *
+
+ Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage,
+ Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Küssen.
+
+ * * * * *
+
+So hat Desdemona zu den Füssen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern
+gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen
+Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich
+imponieren? Ihr, die aussieht, als würde sie das Kühnste mit mir teilen?
+
+Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen
+es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum
+Mohren von Venedig.
+
+ * * * * *
+
+Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Küsse für
+sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie
+es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die
+Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurückgeschreckt vor jeder unreinen
+Berührung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich
+quält, in Reue quält und etwas in sich zerstört fühlt--ob sie es
+versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist?
+
+ * * * * *
+
+Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin
+überlegen. Sie interessiert sich für mich. Vielleicht, wenn ich auch
+noch schwarz wäre wie Desdemonas Mohr--
+
+ * * * * *
+
+Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung
+über unser Zusammenleben gemacht. Denken mögen sie ihr Teil und unter
+sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts
+merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte:
+"ist sie denn garnicht ängstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist
+doch so ganz einsam und weit weg."
+
+Ob er Hintergedanken hatte?
+
+Mannsleute haben immer Hintergedanken.
+
+ * * * * *
+
+Ach, lüge dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil
+sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkämpft
+sein will.
+
+Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nüchternheit des
+Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalität. Und doch dies
+Künstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie
+würde sich in einem Kreis moralfester Predigerstöchter wohl fühlen
+können. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht
+Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend
+woher hat, das zurückgedämmt, gefangen gehalten wird von der
+Tabaksfabrikantennüchternheit väterlicherseits in ihr.
+
+
+
+
+24.
+
+
+Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie
+musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe
+dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hören.
+
+Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an
+Seite durch die Abenddünen gingen, um noch einen letzten Blick auf die
+See zu werfen.
+
+Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen.
+
+"Bitte! Hier in den Dünen, von den Dünen herab. Da oben, aufs Meer
+hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond
+einen silbernen Gürtel geliehen."
+
+"Es ist schön."
+
+Sie stiegen langsam auf den höchsten Kamm.
+
+"Hier," bat er.
+
+Helga lächelte.
+
+Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Füssen
+geworfen und sah aufs Meer hinaus.
+
+Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse
+Herzblut:
+
+Ich liebe dich!
+
+Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf.
+
+Sie stand zitternd, wollte wehren.
+
+Aber er umschlang sie, riss sie an sich, küsste sie. Seine ganze
+Leidenschaft wachte auf. Und sie, überrascht, überwältigt, unter der
+Glut seiner Küsse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre
+Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der
+Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten
+aneinander, einten sich.
+
+Und sie küssten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der
+wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung
+brachte.
+
+Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht erglühten sie aneinander
+und küssten sich.
+
+Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus
+und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, küssten den Strand und
+starben, küssten und starben.
+
+
+
+
+25.
+
+
+Randers stürmte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen
+hinaus.
+
+Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie
+schlafen nach diesem Abend?
+
+Aber es war oben alles still gewesen.
+
+Säe schlief, schlief noch.
+
+Schlief doch.
+
+Aber ihn trieb es hinaus.
+
+Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie,
+die jetzt sein war, die er nicht lassen würde, nicht wieder von sich
+lassen. Endlich das Glück, das grosse Glück!
+
+Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken.
+Nur das eine selige Gefühl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glück,
+deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst.
+
+In Schönheit leben!
+
+Ja, mit ihr in Schönheit!
+
+Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama
+erhabener Natur, starre, schweigende Bergöde, Palmenwälder, rauschende
+Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen
+allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele.
+Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte,
+schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darüber, alles
+umspannend, der glänzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefühls,
+tränenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war
+alles das Glück, das endliche grosse Glück.
+
+Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestürmt. Diese
+köstliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten
+Rillen mit glänzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden
+Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkühle, aber
+doch glänzend in Erwartung des Tages.
+
+Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde
+Morgenschönheit. Es kam eine Kraft über ihn, eine Fröhlichkeit und ein
+Stolz.
+
+Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen über die
+Sandbank schäumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des
+Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend.
+
+Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo
+die Wellen jauchzten, sein Glück ans Meer tragen, es hinausrufen, dem
+dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den
+hundert Meermädchen, die sich da lachend ihre nächtlichen Meerträume
+erzählten und mit den weissen Armen nach den Möwen griffen, die mit
+ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten.
+
+Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen
+weichflugigen Seevögel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder,
+flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder
+geräuschlos auf den Sand.
+
+Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die
+Füsse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glänzender Schaum
+längs des ganzen Wattenrandes.
+
+Und die Sonne kam.
+
+Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Bläschen schillernd und
+sprühend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Mütze vom Kopf
+und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob.
+
+Und dann fing er an zu singen, jenes alte dänische Heldenlied, das er
+damals auf den nächtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und
+singend wich er vor den Wellen zurück, sang und freute sich der
+heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurück. Bis es ihn
+plötzlich überfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Möwen sah,
+die unruhig wurden und ins Watt zurückzogen. Und er erschrak.
+
+Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch
+schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefüllt hatte, ganz rot
+glühte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser
+Erregung. Er wandte sich seitwärts. Er musste auf dem nächsten Weg den
+Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der
+heranrollenden Flut längs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half
+nichts.
+
+Er zog Schuh und Strümpfe aus, zog die Beinkleider über die Knie hinauf
+und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis über die Knöchel. Es
+war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen.
+Vielleicht musste er nachher noch laufen.
+
+Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste,
+dass nur grösste Kaltblütigkeit und Umsicht ihn retten würde. Und es war
+ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man würde vom Strand aus ihn sehen. Und
+zuletzt, er war ein guter Schwimmer.
+
+Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen füllten
+sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war.
+
+Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getön. Das Meer kam, um wieder
+Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehörte das Watt. Es drang in
+die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbänken,
+umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem mächtigen,
+schillernden Leib.
+
+Randers lief an einem breiten Priel längs und konnte keine Furt finden.
+Er lief zurück, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom wälzte
+sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken
+Hans in die gierigen Zähne.
+
+Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis
+über die Hüften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah.
+
+Drüben lief er weiter, nackt, um erst einen gehörigen Vorsprung zu
+gewinnen. Er schätzte die Entfernung bis zum Ufer.
+
+Eine Viertelstunde noch.
+
+"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick
+aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne.
+
+Alles sah so fröhlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das
+rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen.
+
+Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen
+Nacht, die nicht endet.
+
+Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das
+Unheimliche.
+
+Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das strömte von allen Seiten
+zusammen, überholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein,
+warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen
+Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen.
+
+Randers blieb ruhig. Das Terrain längs der Küste kannte er. Es war da
+noch einmal tief. Das Wasser würde ihm vielleicht bis an den Hals gehen,
+er würde schwimmen müssen.
+
+Schwimmen bei der Flut?
+
+Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln
+und werfen. Aber seine Arme waren geübt, und irgendwo würde er festen
+Fuss fassen.
+
+Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden,
+rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste
+er's wagen.
+
+Alles ab! Ganz nackt, die Zähne zusammen, jede Muskel krampfhaft
+gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen,
+strandlängs, und wieder zurück, wieder abseits, sah die Entfernung
+zwischen sich und dem Strand wachsen.
+
+Er warf sich auf den Rücken, schöpfte Atem, warf sich wieder herum und
+begann den Kampf aufs neue.
+
+Und es gelang ihm. Er fühlte festen Boden unter den Füssen, taumelte
+mechanisch weiter, fühlte sich ohnmächtig werden und fiel kraftlos
+vornüber.
+
+Eine blaugrüne, schaumgekrönte, wogende See rollte über dem Watt. Die
+Möwen kreisten darüber und leuchteten in der Sonne, schossen herab,
+neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden
+Laut wieder auf.
+
+Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing
+schlaff herab, und mit den Füssen spielte noch die Flut und warf sie hin
+und her.
+
+Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief
+sie nach Hülfe.
+
+
+
+
+26.
+
+
+Randers war noch sehr elend nach den Fiebernächten, mit denen er Helga
+erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand
+umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn
+bis ans Herz fror.
+
+"Sie dürfen nicht gehen," sagte er.
+
+"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die
+Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen."
+
+"Fieberträume," rief er.
+
+"Quälen Sie mich nicht so," sagte sie leise.
+
+Da liess er ihre Hand los.
+
+"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her.
+
+Eine heisse Welle überflutete für einen Augenblick ihr Gesicht.
+
+"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb
+haben."
+
+"Nie."
+
+"Kennen Sie sich so schlecht?"
+
+"Helga, nun quälen Sie mich."
+
+"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie quälen muss, wo sie beglücken
+möchte."
+
+"Helga."
+
+Er lag zu ihren Füssen.
+
+"Henning. Nicht. Stehen Sie auf."
+
+Er umklammerte ihre beiden Hände und küsste sie.
+
+"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er.
+
+Sie löste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie tröstend über
+seinen Scheitel.
+
+Dann beugte sie sich zu ihm und küsste seine Stirne.
+
+"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann."
+
+"Es ist Ihr letztes?"
+
+"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese
+ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir dürfen nicht einem
+Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns
+jetzt auch stark sein."
+
+Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurück und begrub das
+Gesicht in die Hände.
+
+Leise ging Helga hinaus.
+
+
+
+
+27.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Lieber Freund!
+
+Ein Geständnis aus melancholischem Herzen. Während ich an Ihrem Roman
+arbeite und mich mit Ihren Amouren abquäle, stecke ich selbst darin,
+bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche,
+verspätete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie
+empfunden habe. Ein Kind, eine Schülerin, mir in ein paar Jahren
+heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele
+zum Klingen bringend, die bisher ruhten.
+
+Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Geständnis in
+treuem Herzen.
+
+
+Märchen.
+
+ In deiner lieben Nähe
+ Bin ich so glücklich. Ich mein,
+ Ich müsste wieder der wilde
+ Selige Knabe sein.
+
+ Das macht deiner süssen Jugend
+ Sonniger Frühlingshauch,
+ Ich hab dich so lieb, und draussen
+ Blühen die Rosen ja auch.
+
+ O Traum der goldenen Tage.
+ Herz, es war einmal.--
+ Abendwolken wandern
+ Über mein Jugendtal.
+
+ * * * * *
+
+Fromm.
+
+ Der Mond scheint auf mein Lager,
+ Ich schlafe nicht,
+ Meine gefalteten Hände ruhen
+ In seinem Licht.
+ Meine Seele ist still. Sie kehrte
+ Von Gott zurück.
+ Und mein Herz hat nur einen Gedanken:
+ Dich und dein Glück.
+
+ * * * * *
+
+Ja, mein tägliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Glücks auf den
+blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjährigen Kindes! Und das
+Köstlichste:
+
+ * * * * *
+
+ Ein treues Herz,
+ Das ihr nur schlägt,
+ Und dem auch sie,
+ Herz an Herz,
+ Entgegenglüht,
+ In Liebe entgegen:
+ Mein!
+ Mein Glück!
+
+Sie wissen, wie ich Frau und Kinder lieb habe. Sie verstehen aber auch,
+wie man trotzdem--es ist Schicksal, man kann nichts dagegen machen.
+Dulden und überwinden.
+
+Ihnen aber, der Sie frei sind, wünsche ich von Herzen, dass Sie einmal
+die Ruhe in der Liebe finden, das über alle Leidenschaft herausgehobene
+Glück: Du bist mein und ich bin dein! Vielleicht sind Sie ja schon auf
+dem Weg, und das letzte Kapitel unseres Romans wird ein fröhlicher
+Festgesang.
+
+Inzwischen erhebe uns Gobinaus Wort, nach dem die Grösse der Seele darin
+besteht, dass sie nicht zerbricht.
+
+Und so tapfer durch den Tag bis ans Ende. Jede Schuld vergrössere und
+stärke unsere Sehnsucht nach Licht und Güte. Jede Niederlage werde uns
+eine Stufe zum Sieg.
+
+Ihr Gerd Gerdsen.
+
+
+
+
+28.
+
+
+"Überwinden."
+
+Randers lächelte müde.
+
+Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat.
+
+Und doch, du hast recht, alter Freund. Überwinden.
+
+Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder.
+
+Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er
+presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl.
+
+Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschlüssig vor
+Helgas Zimmer, die Hand auf dem Türgriff.
+
+"Leer," sagte er leise, "alles leer.--Nein, ich will nicht--das
+nicht.--"
+
+Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die
+Dünen.
+
+Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den
+Strand, stieg aus den feuchten Dünentälern, wallte wie ein leichter
+Rauch über die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und
+Tümpel.
+
+Randers achtete nicht darauf. Ihn fröstelte, ein Fieberschauer
+schüttelte ihn. Aber er ging weiter.
+
+Wohin?
+
+Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen,
+wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten
+begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs plötzlich wie aus der Erde neben ihm
+auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr
+plötzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich
+selbst verkriechen.
+
+"Schatten! Gespenster!"
+
+Randers sagte es ganz laut.
+
+"Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich höhnt. Ein Nichts. Ein
+Spuk. Ein Nebel."
+
+Was war das?
+
+Gesang?
+
+Deutlich hörte er es. Tiefe, orgelartige Töne.
+
+Die Brandung. Der Wind.
+
+Es wuchs.
+
+Das waren nicht Wind und Wellen.
+
+Er steckte sich die Finger in beide Ohren.
+
+Es sang, sauste und brauste.
+
+"Du bist krank."
+
+Er sagte es laut, ruhig.
+
+Das Wort befreite ihn.
+
+Krank!
+
+Er lachte, lachte laut und hart auf.
+
+"Krank! Warst du je gesund?"
+
+Und dann fiel er, schlug lang hin, war über irgend etwas gestolpert.
+
+Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er
+aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie kühl. Wie köstlich
+kühl.
+
+Helgas Hand.
+
+Ihr Kuss.
+
+Wie kalt ihre Hand war; eiskalt.
+
+"Was quälen Sie mich so."
+
+Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine
+Qual für andere.
+
+Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Quälend und
+gequält.
+
+Er erhob sich, taumelte weiter und wäre beinahe wieder hingestolpert.
+
+Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt.
+
+Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht
+weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tümpel, in
+denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem
+Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige,
+schlammige Wasser.
+
+Dann würde er ersticken.
+
+Elendig zu Grunde gehen.
+
+Er erinnerte sich mit einmal eines Tümpels hier in den Dünen, worauf er
+eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals
+mit dem Stock, aber sie hielt sich ängstlich in der Mitte des Tümpels,
+er konnte sie nicht erreichen.
+
+Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er
+als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt.
+Vor allem die Hunde.
+
+Inge Jönksen, wie kam er plötzlich auf Inge Jönksen?
+
+Er sah sie die Wäsche aufhängen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus.
+Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau
+hielt.
+
+Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm
+vorüber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen.
+
+Sein ganzes, verpfuschtes Leben.
+
+Fides, seine Flucht aus Rixdorf.
+
+Warum quälen Sie mich so.--
+
+Sie, sie hätte ihn gerettet.
+
+Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir.
+
+Stark sein, Mann sein, in Schönheit leben.
+
+Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schönheit sterben. Nein, erbärmlich,
+jämmerlich davonlaufen.
+
+Fides!
+
+Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend über dem kleinen
+Tisch des Pavillons lag.
+
+Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Füssen,
+umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Hände, ihre beiden Hände.
+
+Wie kalt sie waren.
+
+Eiskalt.
+
+ * * * * *
+
+Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Dünenkraut. Aus der rechten
+Schläfe sickerte Blut.
+
+Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder über
+ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen.
+
+Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Dünen hinauf
+und zogen sich langsam wieder zurück. Lange, feuchte Haare flatterten.
+Todblasse Gesichter öffneten grosse traurige Augen, erzitterten,
+verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts.
+
+Aber über dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern.
+
+Ende.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 11075 ***