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diff --git a/10354-0.txt b/10354-0.txt new file mode 100644 index 0000000..1c70aba --- /dev/null +++ b/10354-0.txt @@ -0,0 +1,1301 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10354 *** + +Johann Wolfgang Goethe + +Die Laune des Verliebten + +Ein Schäferspiel in Versen und einem Akt + + + +Personen + +Egle +Amine +Eridon +Lamon + + + +Erster Auftritt + +[Amine und Egle sitzen an der einen Seite des Theaters und winden +Kränze. Lamon kommt dazu und bringt ein Körbchen mit Blumen.] + +Lamon [indem er das Körbchen niedersetzt]. +Hier sind noch Blumen. + +Egle. + Gut! + +Lamon. + Seht doch, wie schön sie sind! +Die Nelke brach ich dir. + +Egle. + Die Rose! - + +Lamon. + Nein, mein Kind! +Aminen reich' ich heut' das Seltene vom Jahr; +Die Rose seh' ich gern in einem schwarzen Haar. + +Egle. +Und das soll ich wohl gar verbindlich, artig nennen? + +Lamon. +Wie lange liebst du mich schon, ohne mich zu kennen? +Ich weiß es ganz gewiß, du liebst nur mich allein, +Und dieses muntre Herz ist auch auf ewig dein, +Du weißt es. Doch verlangst du mich noch mehr zu binden? +Ist es wohl scheltenswert, auch andre schön zu finden? +Ich wehre dir ja nicht, zu sagen: der ist schön, +Der artig, scherzhaft der; ich will es eingestehn, +Nicht böse sein. + +Egle. + Sei's nicht, ich will es auch nicht werden. +Wir fehlen beide gleich. Mit freundlichen Gebärden +Hör ich gar manchen an, und mancher Schäferin +Sagst du was Süßes vor, wenn ich nicht bei dir bin. +Dem Herzen läßt sich wohl, dem Scherze nicht gebieten; +Vor Unbeständigkeit muß uns der Leichtsinn hüten. +Mich kleidet Eifersucht noch weniger als dich. +[zu Aminen:] +Du lächelst über uns! Was denkst du, Liebe? sprich! + +Amine. +Nicht viel. + +Egle. + Genug, mein Glück und deine Qual zu fühlen. + +Amine. +Wieso? + +Egle. + Wieso! Anstatt, daß wir zusammen spielen, +Daß Amors Schläfrigkeit bei unserm Lachen flieht, +Beginnet deine Qual, wenn dich dein Liebster sieht. +Nie war der Eigensinn bei einem Menschen größer. +Du denkst, er liebe dich. O nein, ich kenn ihn besser: +Er sieht, daß du gehorchst, drum liebt dich der Tirann, +Damit er jemand hat, dem er befehlen kann. + +Amine. +Ach, er gehorcht mir oft. + +Egle. + Um wieder zu befehlen. +Mußt du nicht jeden Blick von seinen Augen stehlen? +Die Macht, von der Natur in unsern Blick gelegt, +Daß er den Mann entzückt, daß er ihn niederschlägt, +Hast du an ihn geschenkt, und mußt dich glücklich halten, +Wenn er nur freundlich sieht. Die Stirne voller Falten, +Die Augenbraunen tief, die Augen düster, wild, +Die Lippen aufgedrückt, ein liebenswürdig Bild, +Wie er sich täglich zeigt, bis Bitten, Küsse, Klagen +Den rauhen Winterzug von seiner Stirne jagen. + +Amine. +Du kennst ihn nicht genug, du hast ihn nicht geliebt. +Es ist nicht Eigensinn, der seine Stirne trübt; +Ein launischer Verdruß ist seines Herzens Plage +Und trübet mir und ihm die besten Sommertage; +Und doch vergnüg ich mich, da, wenn er mich nur sieht, +Wenn er mein Schmeicheln hört, bald seine Laune flieht. + +Egle +Fürwahr ein großes Glück, das man entbehren könnte. +Doch nenne mir die Lust, die er dir je vergönnte? +Wie pochte deine Brust, wenn man vom Tanze sprach; +Dein Liebster flieht den Tanz und zieht dich Arme nach. +Kein Wunder, daß er dich bei keinem Feste leidet, +Da er der Wiese Gras um deine Tritte neidet, +Den Vogel, den du liebst, als Nebenbuhler haßt; +Wie könnt er ruhig sein, wenn dich ein andrer faßt +Und gar, indem er sich mit dir im Reihen kräuselt, +Dich zärtlich an sich drückt und Liebesworte säuselt. + +Amine. +Sei auch nicht ungerecht, da er mich dieses Fest, +Weil ich ihn darum bat, mit euch begehen läßt. + +Egle. +Das wirst du fühlen. + +Amine. + Wie? + +Egle. + Warum bleibt er zurücke? + +Amine. +Er liebt den Tanz nicht sehr. + +Egle. + Nein, es ist eine Tücke. +Kommst du vergnügt zurück, fängt er halb spöttisch an: +Ihr wart wohl sehr vergnügt? - Sehr - Das war wohlgetan. +Ihr spieltet? - Pfänder - So! Damöt war auch zugegen? +Und tanztet? - Um den Baum - Ich hätt euch sehen mögen. +Er tanzte wohl recht schön? Was gabst du ihm zum Lohn? + +Amine [lächelnd]. +Ja. + +Egle. + Lachst du? + +Amine. + Freundin, ja, das ist sein ganzer Ton. - +Noch Blumen! + +Lamon. + Hier! das sind die besten. + +Amine. + Doch mit Freuden +Seh ich ihn meinen Blick der ganzen Welt beneiden; +Ich seh an diesem Neid, wie mich mein Liebster schätzt; +Und meinem kleinen Stolz wird alle Qual ersetzt. + +Egle. +Kind, ich bedaure dich, du bist nicht mehr zu retten, +Da du dein Elend liebst; du klirrst mit deinen Ketten +Und überredest dich, es sei Musik. + +Amine. + Ein Band +Zur Schleife fehlt mir noch. + +Egle [zu Lamon]. + Du hast mir eins entwandt, +Das ich vom Maienkranz bei'm Frühlingsfest bekommen. + +Lamon. +Ich will es holen. + +Egle. + Doch du mußt bald wiederkommen. + + + +Zweiter Auftritt + +[Egle. Amine.] + +Amine. +Er achtet das nicht viel, was ihm sein Mädchen schenkt. + +Egle. +Mir selbst gefällt es nicht, wie mein Geliebter denkt; +Zu wenig rühren ihn der Liebe Tändeleien, +Die ein empfindlich Herz, so klein sie sind, erfreuen. +Doch, Freundin, glaube mir, es ist geringre Pein, +Nicht gar so sehr geliebt, als es zu sehr zu sein. +Die Treue lob' ich gern; doch muß sie unserm Leben, +Bei voller Sicherheit, die volle Ruhe geben. + +Amine. +Ach, Freundin! schätzenswert ist solch ein zärtlich Herz. +Zwar oft betrübt er mich, doch rührt ihn auch mein Schmerz. +Wirft er mir etwas vor, fängt er an, mich zu plagen, +So darf ich nur ein Wort, ein gutes Wort nur sagen, +Gleich ist er umgekehrt, die wilde Zanksucht flieht, +Er weint sogar mit mir, wenn er mich weinen sieht, +Fällt zärtlich vor mir hin und fleht, ihm zu vergeben. + +Egle. +Und du vergibst ihm? + +Amine. + Stets. + +Egle. + Heißt das nicht elend leben? +Dem Liebsten, der uns stets beleidigt, stets verzeihn, +Um Liebe sich bemühn und nie belohnt zu sein! + +Amine. +Was man nicht ändern kann - + +Egle. + Nicht ändern? Ihn bekehren +Ist keine Schwierigkeit. + +Amine. + Wie das? + +Egle. + Ich will dich's lehren. +Es stammet deine Not, die Unzufriedenheit +Des Eridons - + +Amine. + Von was? + +Egle. + Von deiner Zärtlichkeit. + +Amine. +Die, dacht ich, sollte nichts als Gegenlieb entzünden. + +Egle. +Du irrst; sei hart und streng, du wirst ihn zärtlich finden. +Versuch es nur einmal, bereit ihm kleine Pein: +Erringen will der Mensch, er will nicht sicher sein. +Kommt Eridon, mit dir ein Stündchen zu verbringen, +So weiß er nur zu gut, es muß ihm stets gelingen. +Der Nebenbuhler Zahl ist ihm nicht fürchterlich. +Er weiß, du liebest ihn weit stärker als er dich. +Sein Glück ist ihm zu groß, und, er ist zu belachen, +Da er kein Elend hat, will er sich Elend machen. +Er sieht, daß du nichts mehr als ihn auf Erden liebst, +Und zweifelt nur, weil du ihm nichts zu zweifeln gibst. +Begegn ihm, daß er glaubt, du könntest ihn entbehren; +Zwar er wird rasen, doch das wird nicht lange währen, +Dann wird ein Blick ihn mehr als jetzt ein Kuß erfreun; +Mach, daß er fürchten muß, und er wird glücklich sein. + +Amine. +Ja, das ist alles gut; allein es auszuführen +Vermag ich nicht. + +Egle. + Wer wird auch gleich den Mut verlieren. +Geh, du bist allzu schwach. Sieh dort! + +Amine. + Mein Eridon! + +Egle. +Das dacht' ich. Armes Kind! er kommt, du zitterst schon +Vor Freude, das ist nichts; willst du ihn je bekehren, +Mußt du ihn ruhig sehn sich nahn, ihn ruhig hören. +Das Wallen aus der Brust! die Röte vom Gesicht! +Und dann - + +Amine. + O laß mich los! So liebt Amine nicht. + + + +Dritter Auftritt + +[Eridon kommt langsam mit übereinandergelegten Armen, Amine steht auf +und läuft ihm entgegen. Egle bleibt in ihrer Beschäftigung sitzen.] + +Amine [ihn bei der Hand fassend]. +Geliebter Eridon! + +Eridon [küßt ihr die Hand]. + Mein Mädchen! + +Egle [für sich]. + Ach wie süße! + +Amine. +Die schönen Blumen! Sprich, mein Freund, wer gab dir diese? + +Eridon. +Wer? Meine Liebste. + +Amine. + Wie? - Ah, sind das die von mir? +So frisch von gestern noch? + +Eridon. + Erhalt' ich was von dir, +So ist's mir wert. Doch die von mir? + +Amine. + Zu jenen Kränzen +Fürs Fest gebraucht ich sie. + +Eridon. + Dazu! Wie wirst du glänzen! +Lieb' in des Jünglings Herz und bei den Mädchen Neid +Erregen! + +Egle. + Freue dich, daß du die Zärtlichkeit +So eines Mädchens hast, um die so viele streiten. + +Eridon. +Ich kann nicht glücklich sein, wenn viele mich beneiden. + +Egle. +Und könntest doch; denn wer ist sicherer als du? + +Eridon [zu Aminen]. +Erzähl' mir doch vom Fest; kommt wohl Damöt dazu? + +Egle [einfallend]. +Er sagte mir es schon, er werde heut' nicht fehlen. + +Eridon [zu Aminen]. +Mein Kind, wen wirst du dir zu deinem Tänzer wählen? +[Amine schweigt, er wendet sich zu Eglen.] +O sorge, gib ihr den, der ihr am liebsten sei! + +Amine. +Das ist unmöglich, Freund, denn du bist nicht dabei! + +Egle. +Nein, hör nur, Eridon, ich kann's nicht mehr ertragen, +Welch eine Lust ist das, Aminen so zu plagen? +Verlaß sie, wenn du glaubst, daß sie die Treue bricht; +Glaubst du, daß sie dich liebt, nun gut, so plag sie nicht. + +Eridon. +Ich plage sie ja nicht. + +Egle. + Wie? Heißt das sie erfreuen? +Aus Eifersucht Verdruß auf ihr Vergnügen streuen, +Stets zweifeln, da sie dir doch niemals Ursach gibt, +Daß sie - + +Eridon. + Bürgst du mir denn, daß sie mich wirklich liebt? + +Amine. +Ich dich nicht lieben! Ich! + +Eridon. + Wenn lehrst du mich es glauben? +Wer ließ sich einen Strauß vom kecken Damon rauben? +Wer nahm das schöne Band vom jungen Thyrsis an? + +Amine. +Mein Eridon! - + +Eridon. + Nicht wahr, das hast du nicht getan? +Belohntest du sie denn? O ja, du weißt zu küssen. + +Amine. +Mein Bester, weißt du nicht? - + +Egle. + O schweig, er will nichts wissen! +Was du ihm sagen kannst, hast du ihm längst gesagt, +Er hat es angehört, und doch aufs neu geklagt. +Was hilft's dich? Magst du's ihm auch heut noch einmal sagen - +Er wird beruhigt gehn, und morgen wieder klagen. + +Eridon. +Und das vielleicht mit Recht. + +Amine. + Mit Recht? Ich! Untreu sein? +Amine, dir? Mein Freund, kannst du es glauben? + +Eridon. + Nein! +Ich kann, ich will es nicht. + +Amine. + Gab ich in meinem Leben +Dir je Gelegenheit? + +Eridon. + Die hast du oft gegeben. + +Amine. +Wenn war ich untreu? + +Eridon. + Nie! das ist es, was mich quält: +Aus Vorsatz hast du nie, aus Leichtsinn stets gefehlt. +Das, was mir wichtig scheint, hältst du für Kleinigkeiten; +Das, was mich ärgert, hat bei dir nichts zu bedeuten. + +Egle. +Gut! nimmt's Amine leicht, so sag, was schadet's dir? + +Eridon. +Das hat sie oft gefragt; ja freilich schadet's mir! + +Egle. +Was denn? Amine wird nie andern viel erlauben. + +Eridon. +Zu wenig zum Verdacht, zu viel, sie treu zu glauben. + +Egle. +Mehr, als ein weiblich Herz je liebte, liebt sie dich. + +Eridon. +Und liebt den Tanz, die Lust, den Scherz so sehr als mich. + +Egle. +Wer das nicht leiden kann, mag unsre Mütter lieben! + +Amine. +Schweig, Egle! Eridon, hör auf, mich zu betrüben! +Frag unsre Freunde nur, wie ich an dich gedacht, +Selbst wenn wir fern von dir getändelt und gelacht; +Wie oft ich mit Verdruß, der mein Vergnügen nagte, +Weil du nicht bei mir warst, was mag er machen? fragte. +O wenn du es nicht glaubst, komm heute mit mir hin, +Und dann sag' noch einmal, daß ich dir untreu bin. +Ich tanze nur mit dir, ich will dich nie verlassen, +Dich nur soll dieser Arm, dich diese Hand nur fassen. +Wenn mein Betragen dir den kleinsten Argwohn gibt - + +Eridon. +Daß man sich zwingen kann, beweist nicht, daß man liebt. + +Egle. +Sieh ihre Tränen an, sie fließen dir zur Ehre! +Nie dacht ich, daß dein Herz im Grund so böse wäre. +Die Unzufriedenheit, die keine Grenzen kennt +Und immer mehr verlangt, je mehr man ihr vergönnt, +Der Stolz, in ihrer Brust der Jugend kleine Freuden, +Die ganz unschuldig sind, nicht neben dir zu leiden, +Beherrschen wechselsweis dein hassenswürdig Herz; +Nicht ihre Liebe rührt, dich rühret nicht ihr Schmerz. +Sie ist mir wert, du sollst hinfort sie nicht betrüben: +Schwer wird es sein, dich fliehn, doch schwerer ist's, dich lieben. + +Amine [für sich]. +Ach! warum muß mein Herz so voll von Liebe sein! + +Eridon [steht einen Augenblick still, dann naht er sich furchtsam +Aminen und faßt sie bei der Hand]. +Amine! liebstes Kind, kannst du mir noch verzeihn? + +Amine. +Ach, hab ich dir es nicht schon allzu oft bewiesen? + +Eridon. +Großmütges, bestes Herz, laß mich zu deinen Füßen! + +Amine. +Steh auf, mein Eridon! + +Egle. + Jetzt nicht so vielen Dank! +Was man so heftig fühlt, fühlt man nicht allzulang. + +Eridon. +Und diese Heftigkeit, mit der ich sie verehre - + +Egle. +Wär weit ein größer Glück, wenn sie so groß nicht wäre. +Ihr lebtet ruhiger, und dein und ihre Pein - + +Eridon. +Vergib mir diesmal noch, ich werde klüger sein. + +Amine. +Geh, lieber Eridon, mir einen Strauß zu pflücken! +Ist er von deiner Hand, wie schön wird er mich schmücken! + +Eridon. +Du hast die Rose ja! + +Amine. + Ihr Lamon gab sie mir. +Sie steht mir schön. + +Eridon [empfindlich]. + Ja wohl - + +Amine. + Doch, Freund, ich geb' sie dir, +Daß du nicht böse wirst. + +Eridon [nimmt sie an und küßt ihr die Hand]. + Gleich will ich Blumen bringen. +[Ab.] + + + +Vierter Auftritt + +[Amine. Egle. Hernach Lamon.] + +Egle. +Gutherzig armes Kind, so wird dir's nicht gelingen! +Sein stolzer Hunger wächst, je mehr daß du ihm gibst. +Gib acht, er raubt zuletzt dir alles, was du liebst. + +Amine. +Verlier' ich ihn nur nicht, das Eine macht mir bange. + +Egle. +Wie schön! Man sieht es wohl, du liebst noch nicht gar lange. +Im Anfang geht es so: hat man sein Herz verschenkt, +So denkt man nichts, wenn man nicht an den Liebsten denkt. +Ein seufzender Roman, zu dieser Zeit gelesen, +Wie zärtlich der geliebt, wie jener treu gewesen, +Wie fühlbar jener Held, wie groß in der Gefahr, +Wie mächtig zu dem Streit er durch die Liebe war, +Verdreht uns gar den Kopf; wir glauben uns zu finden, +Wir wollen elend sein, wir wollen überwinden. +Ein junges Herz nimmt leicht den Eindruck vom Roman; +Allein ein Herz, das liebt, nimmt ihn noch leichter an. +Wir lieben lange so, bis wir zuletzt erfahren, +Daß wir, statt treu zu sein, von Herzen närrisch waren. + +Amine. +Doch das ist nicht mein Fall. + +Egle. + Ja, in der Hitze spricht +Ein Kranker oft zum Arzt: ich hab' das Fieber nicht. +Glaubt man ihm das? Niemals. Trotz allem Widerstreben +Gibt man ihm Arzenei. So muß man dir sie geben. + +Amine. +Von Kindern spricht man so, von mir klingt's lächerlich; +Bin ich ein Kind? + +Egle. + Du liebst! + +Amine. + Du auch! + +Egle. + Ja, lieb' wie ich! +Besänftige den Sturm, der dich bisher getrieben! +Man kann sehr ruhig sein, und doch sehr zärtlich lieben. + +Lamon. +Da ist das Band! + +Amine. + Sehr schön! + +Egle. + Wie lange zauderst du! + +Lamon. +Ich ging am Hügel hin, da rief mir Chloris zu. +Da hab ich ihr den Hut mit Blumen schmücken müssen. + +Egle. +Was gab sie dir dafür? + +Lamon. + Was? Nichts! Sie ließ sich küssen. +Man tu auch, was man will, man trägt doch nie zum Lohn +Von einem Mädchen mehr als einen Kuß davon. + +Amine [zeigt Eglen den Kranz mit der Schleife]. +Ist es so recht? + +Egle. + Ja, gib! +[Sie hängt Aminen den Kranz um, so daß die Schleife auf die rechte +Schulter kommt. Mittlerweile redet sie mit Lamon.] + Hör! nur recht lustig heute! + +Lamon. +Nur heute recht gelärmt! Man fühlt nur halbe Freude, +Wenn man sie sittsam fühlt und lang sich's überlegt, +Ob unser Liebster das, der Wohlstand jens erträgt. + +Egle. +Du hast wohl recht. + +Lamon. + Ja wohl! + +Egle. + Amine! setz dich nieder! +[Amine setzt sich, Egle steckt ihr Blumen in die Haare, indem sie +fortredet.] +Komm, gib mir doch den Kuß von deiner Chloris wieder. + +Lamon [küßt sie]. +Von Herzen gerne. Hier! + +Amine. + Seid ihr nicht wunderlich! + +Egle. +Wär Eridon es so, es wär ein Glück für dich. + +Amine. +Gewiß, er dürfte mir kein fremdes Mädchen küssen. + +Lamon. +Wo ist die Rose? + +Egle. + Sie hat sie ihm geben müssen, +Ihn zu besänftigen. + +Amine. + Ich muß gefällig sein. + +Lamon. +Gar recht! Verzeih du ihm, so wird er dir verzeihn. +Ja, ja! Ich merk es wohl, ihr plagt euch um die Wette. + +Egle [als ein Zeichen, daß sle mit dem Kopfputze fertig ist]. +So! + +Lamon. + Schön! + +Amine. + Ach daß ich doch jetzt schon die Blumen hätte, +Die Eridon mir bringt. + +Egle. + Erwart' ihn immer hier. +Ich geh' und putze mich. Komm Lamon, geh mit mir! +Wir lassen dich allein und kommen bald zurücke. + + + +Fünfter Auftritt + +[Amine. Hernach Eridon.] + +Amine. +O welche Zärtlichkeit, beneidenswürdges Glücke! +Wie wünscht' ich - sollt' es wohl in meinen Kräften stehn - +Den Eridon vergnügt, und mich beglückt zu sehn! +Hätt' ich nicht so viel Macht ihm über mich gegeben, +Er würde glücklicher und ich zufriedner leben. +Versuch', ihm diese Macht durch Kaltsinn zu entziehn! +Doch, wie wird seine Wut bei meiner Kälte glühn! +Ich kenne seinen Zorn, wie zittr' ich, ihn zu fühlen! +Wie schlecht wirst du, mein Herz, die schwere Rolle spielen! +Doch wenn du es so weit wie deine Freundin bringst, +Da er dich sonst bezwang, du künftig ihn bezwingst - +Heut' ist Gelegenheit; sie nicht vorbei zu lassen, +Will ich gleich jetzt - Er kommt! Mein Herz, du mußt dich fassen. + +Eridon [gibt ihr Blumen]. +Sie sind nicht gar zu schön, mein Kind! verzeih es mir, +Aus Eile nahm ich sie. + +Amine. + Genug, sie sind von dir. + +Eridon. +So blühend sind sie nicht, wie jene Rosen waren, +Die Damon dir geraubt. + +Amine [steckt sie an den Busen]. + Ich will sie schon bewahren; +Hier, wo du wohnst, soll auch der Blumen Wohnplatz sein. + +Eridon. +Ist ihre Sicherheit da - + +Amine. + Glaubst du etwa? - + +Eridon. + Nein! +Ich glaube nichts, mein Kind; nur Furcht ist's, was ich fühle. +Das allerbeste Herz vergißt bei muntrem Spiele, +Wenn es des Tanzes Lust, des Festes Lärm zerstreut, +Was ihm die Klugheit rät und ihm die Pflicht gebeut. +Du magst wohl oft an mich auch beim Vergnügen denken; +Doch fehlt es dir an Ernst, die Freiheit einzuschränken, +Zu der das junge Volk sich bald berechtigt glaubt, +Wenn ihm ein Mädchen nur im Scherze was erlaubt. +Es hält ihr eitler Stolz ein tändelndes Vergnügen +Sehr leicht für Zärtlichkeit. + +Amine. + Gnug, daß sie sich betrügen! +Wohl schleicht ein seufzend Volk Liebhaber um mich her; +Doch du nur hast mein Herz, und sag, was willst du mehr? +Du kannst den Armen wohl mich anzusehn erlauben, +Sie glauben wunder - + +Eridon. + Nein, sie sollen gar nichts glauben! +Das ist's, was mich verdrießt. Zwar weiß ich, du bist mein; +Doch einer denkt vielleicht, beglückt wie ich zu sein, +Schaut in das Auge dir und glaubt dich schon zu küssen +Und triumphiert wohl gar, daß er dich mir entrissen. + +Amine. +So störe den Triumph! Geliebter, geh mit mir, +Laß sie den Vorzug sehn, den du - + +Eridon. + Ich danke dir. +Es würde grausam sein, das Opfer anzunehmen; +Mein Kind, du würdest dich des schlechten Tänzers schämen; +Ich weiß, wem euer Stolz beim Tanz den Vorzug gibt: +Dem, der mit Anmut tanzt, und nicht dem, den ihr liebt. + +Amine. +Das ist die Wahrheit. + +Eridon [mit zurückgehaltenem Spott]. + Ja! Ach, daß ich nicht die Gabe +Des leichten Damarens, des Vielgepriesnen, habe! +Wie reizend tanzt er nicht! + +Amine. + Schön! daß ihm niemand gleicht. + +Eridon. +Und jedes Mädchen - + +Amine. + Schätzt - + +Eridon. + Liebt ihn darum! + +Amine. + Vielleicht. + +Eridon. +Vielleicht? Verflucht! Gewiß! + +Amine. + Was machst du für Gebärden? + +Eridon. +Du fragst? Plagst du mich nicht, ich möchte rasend werden! + +Amine. +Ich? Sag, bist du nicht schuld an mein und deiner Pein? +Grausamer Eridon! wie kannst du nur so sein? + +Eridon. +Ich muß; ich liebe dich. Die Liebe lehrt mich klagen; +Liebt ich dich nicht so sehr, ich würde dich nicht plagen! +Ich fühl mein zärtlich Herz von Wonne hoch entzückt, +Wenn mir dein Auge lacht, wenn deine Hand mich drückt, +Ich dank den Göttern, die mir dieses Glücke gaben; +Doch ich verlang's allein, kein andrer soll es haben. + +Amine. +Nun gut, was klagst du denn? Kein andrer hat es nie. + +Eridon. +Und du erträgst sie doch; nein, hassen sollst du sie. + +Amine. +Sie hassen? und warum? + +Eridon. + Darum! weil sie dich lieben. + +Amine. +Der schöne Grund! + +Eridon. + Ich seh's, du willst sie nicht betrüben. +Du mußt sie schonen; sonst wird deine Lust geschwächt, +Wenn du nicht - + +Amine. + Eridon, du bist sehr ungerecht. +Heißt uns die Liebe denn die Menschlichkeit verlassen? +Ein Herz, das Einen liebt, kann keinen Menschen hassen. +Dies zärtliche Gefühl läßt kein so schrecklichs zu, +Zum wenigsten bei mir. + +Eridon. + Wie schön verteidigst du +Des zärtlichen Geschlechts hochmütiges Vergnügen, +Wenn zwanzig Toren knien, die zwanzig zu betrügen! +Heut ist ein großer Tag, der deinen Hochmut nährt, +Heut wirst du manchen sehn, der dich als Göttin ehrt; +Noch manches junge Herz wird sich für dich entzünden, +Kaum wirst du Blicke gnug für alle Diener finden. +Gedenk an mich, wenn dich der Toren Schwarm vergnügt; +Ich bin der größte! Geh! + +Amine [für sich]. + Flieh, schwaches Herz! Er siegt. +Ihr Götter! Lebt er denn, mir jede Lust zu stören? +Währt denn mein Elend fort, um niemals aufzuhören? +[zu Eridon.] +Der Liebe leichtes Band machst du zum schweren Joch, +Du quälst mich als Tyrann, und ich? ich lieb dich noch! +Mit aller Zärtlichkeit antwort ich auf dein Wüten, +In allem geb ich nach; doch bist du nicht zufrieden. +Was opfert ich nicht auf! Ach! dir genügt es nie. +Du willst die heutge Lust! Nun gut, hier hast du sie! +[Sie nimmt die Kränze aus den Haaren und von der Schulter, wirft sie +weg und fährt in einem gezwungenen ruhigen Tone fort.] +Nicht wahr, mein Eridon? So siehst du mich viel lieber, +Als zu dem Fest geputzt. Ist nicht dein Zorn vorüber? +Du stehst! siehst mich nicht an! Bist du erzürnt auf mich? + +Eridon [fällt vor ihr nieder]. +Amine! Scham und Reu! Verzeih, ich liebe dich! +Geh zu dem Fest! + +Amine. + Mein Freund, ich werde bei dir bleiben; +Ein zärtlicher Gesang soll uns die Zeit vertreiben. + +Eridon. +Geliebtes Kind, geh! + +Amine. + Geh! hol' deine Flöte her. + +Eridon. +Du willst's! + + + +Sechster Auftritt + +Amine. + Er scheint betrübt, und heimlich jauchzet er. +An ihm wirst du umsonst die Zärtlichkeit verlieren. +Dies Opfer, rührt es ihn? Es schien ihn kaum zu rühren; +Er hielt's für Schuldigkeit. Was willst du, armes Herz? +Du murrst, drückst diese Brust. Verdient' ich diesen Schmerz? +Ja, wohl verdienst du ihn! Du siehst, dich zu betrüben +Hört er nicht auf, und doch hörst du nicht auf zu lieben. +Ich trag's nicht lange mehr. Still! Ha! ich höre dort +Schon die Musik. Es hüpft mein Herz, mein Fuß will fort. +Ich will! Was drückt mir so die bange Brust zusammen! +Wie ängstlich wird es mir! Es zehren heftge Flammen +Am Herzen. Fort, zum Fest! Ach, er hält mich zurück! +Armsel'ges Mädchen! Sieh, das ist der Liebe Glück! +[Sie wirft sich auf einen Rasen, und weint; da die andern auftreten, +wischt sie sich die Augen und steht auf.] +Weh mir, da kommen sie, wie werden sie mich höhnen! + + + +Siebenter Auftritt + +[Amine. Egle. Lamon.] + +Egle. +Geschwind! Der Zug geht fort! Amine! Wie? in Tränen? + +Lamon [hebt die Kränze auf]. +Die Kränze? + +Egle. + Was ist das? wer riß sie dir vom Haupt? + +Amine. +Ich! + +Egle. + Willst du denn nicht mit? + +Amine. + Gern, wär' es mir erlaubt. + +Egle. +Wer hat dir denn was zu erlauben? Geh, und rede +Nicht so geheimnisvoll! Sei gegen uns nicht blöde! +Hat Eridon -? + +Amine. + Ja! Er! + +Egle. + Das hatt' ich wohl gedacht. +Du Närrin, daß dich nicht der Schaden klüger macht! +Versprachst du ihm vielleicht, du wolltest bei ihm bleiben, +Um diesen schönen Tag mit Seufzern zu vertreiben? +Ich zweifle nicht, mein Kind, daß du ihm so gefällst. +[Nach einigem Stillschweigen, indem sie Lamon einen Wink gibt.] +Doch du siehst besser aus, wenn du den Kranz behältst. +Komm, setz ihn auf! und den, sieh! den häng hier herüber! +Nun bist du schön. +[Amine steht mit niedergeschlagenen Augen und läßt Egle machen. Egle +gibt Lamon ein Zeichen.] + Doch ach, es läuft die Zeit vorüber; +Ich muß zum Zug! + +Lamon. + Ja wohl! Dein Diener, gutes Kind. + +Amine [beklemmt]. +Lebt wohl! + +Egle [im Weggehen]. + Amine! nun, gehst du nicht mit? Geschwind! +[Amine sieht sie traurig an und schweigt.] + +Lamon [faßt Egle bei der Hand, sie fortzuführen]. +Ach, laß sie doch nur gehn! Vor Bosheit möcht' ich sterben; +Da muß sie einem nun den schönen Tanz verderben! +Den Tanz mit Rechts und Links, sie kann ihn ganz allein, +Wie sich's gehört; ich hofft auf sie, nun fällt's ihr ein, +Zu Haus zu bleiben! Komm, ich mag ihr nichts mehr sagen. + +Egle. +Den Tanz versäumst du! Ja, du bist wohl zu beklagen. +Er tanzt sich schön. Leb wohl! +[Egle will Aminen küssen. Amine fällt ihr um den Hals und weint.] + +Amine. + Ich kann's nicht mehr ertragen. + +Egle. +Du weinst? + +Amine. + So weint mein Herz, und ängstlich drückt es mich. +Ich möchte! - Eridon, ich glaub, ich hasse dich. + +Egle. +Er hätt's verdient. Doch nein! Wer wird den Liebsten hassen? +Du mußt ihn lieben, doch dich nicht beherrschen lassen, +Das sagt ich lange schon! Komm mit! + +Lamon. + Zum Tanz, zum Fest! + +Amine. +Und Eridon? + +Egle. + Geh nur! ich bleib. Gib acht, er läßt +Sich fangen und geht mit. Sag, würde dich's nicht freuen? + +Amine. +Unendlich! + +Lamon. + Nun so komm! Hörst du dort die Schalmeien? +Die schöne Melodie? +[Er faßt Aminen bei der Hand, singt, und tanzt.] + +Egle [singt]. + Und wenn euch der Liebste mit Eifersucht plagt, + Sich über ein Nicken, ein Lächeln beklagt, + Mit Falschheit euch necket, von Wankelmut spricht, + Dann singet und tanzet, da hört ihr ihn nicht. +[Lamon zieht im Tanz Aminen mit sich fort.] + +Amine [im Abgehen]. + O bring' ihn ja mit dir! + + + +Achter Auftritt + +[Egle. Hernach Eridon mit einer Flöte und Liedern.] + +Egle. +Schon gut! Wir wollen sehn! Schon lange wünscht ich mir +Gelegenheit und Glück, den Schäfer zu bekehren. +Heut' wird mein Wunsch erfüllt; wart nur, ich will dich lehren! +Dir zeigen, wer du bist; und wenn du dann sie plagst! - +Er kommt! Hör, Eridon! + +Eridon. + Wo ist sie? + +Egle. + Wie! du fragst? +Mit meinem Lamon dort, wo die Schalmeien blasen. + +Eridon [wirft die Flöte auf die Erde und zerreißt die Lieder]. +Verfluchte Untreu! + +Egle. + Rasest du? + +Eridon. + Sollt' ich nicht rasen! +Da reißt die Heuchlerin mit lächelndem Gesicht +Die Kränze von dem Haupt, und sagt: Ich tanze nicht! +Verlangt ich das? Und - O! +[Er stampft mit dem Fuße und wirft die zerrissenen Lieder weg.] + +Egle [in einem gesetzten Tone]. + Erlaub mir doch zu fragen: +Was hast du für ein Recht, den Tanz ihr zu versagen? +Willst du denn, daß ein Herz, von deiner Liebe voll, +Kein Glück als nur das Glück um dich empfinden soll? +Meinst du, es sei der Trieb nach jeder Lust gestillet, +Sobald die Zärtlichkeit das Herz des Mädchen füllet? +Genug ist's, daß sie dir die besten Stunden schenkt, +Mit dir am liebsten weilt, abwesend an dich denkt. +Drum ist es Torheit, Freund, sie ewig zu betrüben; +Sie kann den Tanz, das Spiel und doch dich immer lieben. + +Eridon [schlägt die Arme unter und sieht in die Höhe]. +Ah! + +Egle. + Sag mir, glaubst du denn, daß dieses Liebe sei, +Wenn du sie bei dir hältst? Nein, das ist Sklaverei. +Du kommst: nun soll sie dich, nur dich beim Feste sehen; +Du gehst: nun soll sie gleich mit dir von dannen gehen; +Sie zaudert: alsobald verdüstert sich dein Blick; +Nun folgt sie dir, doch bleibt ihr Herz gar oft zurück. + +Eridon. +Wohl immer! + +Egle. + Hört man doch, wenn die Verbittrung redet. +Wo keine Freiheit ist, wird jede Lust getötet. +Wir sind nun so. Ein Kind ist zum Gesang geneigt; +Man sagt ihm: sing mir doch! Es wird bestürzt und schweigt. +Wenn du ihr Freiheit läßt, so wird sie dich nicht lassen; +Doch, machst du's ihr zu arg, gib acht, sie wird dich hassen. + +Eridon. +Mich hassen! + +Egle. + Nach Verdienst. Ergreife diese Zeit, +Und schaffe dir das Glück der echten Zärtlichkeit! +Denn nur ein zärtlich Herz, von eigner Glut getrieben, +Das kann beständig sein, das nur kann wirklich lieben. +Bekenne, weißt du denn, ob dir der Vogel treu, +Den du im Käfigt hälst? + +Eridon. + Nein! + +Egle. + Aber wenn er frei +Durch Feld und Garten fliegt, und doch zurücke kehret? + +Eridon. +Ja! Gut! Da weiß ich's. + +Egle. + Wird nicht deine Lust vermehret, +Wenn du das Tierchen siehst, das dich so zärtlich liebt, +Die Freiheit kennt, und dir dennoch den Vorzug gibt? +Und kommt dein Mädchen einst von einem Fest zurücke, +Noch von dem Tanz bewegt, und sucht dich; ihre Blicke +Verraten, daß die Lust nie ganz vollkommen sei, +Wenn du, ihr Liebling, du, ihr Einzger, nicht dabei - +Wenn sie dir schwört, ein Kuß von dir sei mehr als Freuden +Von tausend Festen - bist du da nicht zu beneiden? + +Eridon [gerührt]. +O Egle! + +Egle. + Fürchte, daß der Götter Zorn entbrennt, +Da der Beglückteste sein Glück so wenig kennt. +Auf! Sei zufrieden, Freund! Sie rächen sonst die Tränen +Des Mädchens, das dich liebt. + +Eridon. + Könnt ich mich nur gewöhnen, +Zu sehn, daß mancher ihr beim Tanz die Hände drückt, +Der eine nach ihr sieht, sie nach dem andern blickt. +Denk ich nur dran, mein Herz möcht da vor Bosheit reißen! + +Egle. +Eh! laß das immer sein! das will noch gar nichts heißen. +Sogar ein Kuß ist nichts! + +Eridon. + Was sagst du? Nichts - ein Kuß? + +Egle. +Ich glaube, daß man viel im Herzen fühlen muß, +Wenn er was sagen soll - Doch! willst du ihr verzeihen? +Denn wenn du böse tust, so kann sie nichts erfreuen. + +Eridon. +Ach Freundin! + +Egle [schmeichelnd]. + Tu es nicht, mein Freund; du bist auch gut. +Leb wohl! +[Sie faßt ihn bei der Hand.] +Du bist erhitzt! + +Eridon. + Es schlägt mein wallend Blut - + +Egle. +Noch von dem Zorn? Genug! Du hast es ihr vergeben. +Ich eile jetzt zu ihr. Sie fragt nach dir mit Beben; +Ich sag ihr: er ist gut, und sie beruhigt sich, +Ihr Herz wallt zärtlicher, und heißer liebt sie dich. +[Sie sieht ihn mit Empfindung an.] +Gib acht, sie sucht dich auf, sobald das Fest vorüber, +Und durch das Suchen selbst wirst du ihr immer lieber. +[Egle stellt sich immer zärtlicher, lehnt sich auf seine Schulter. +Er nimmt ihre Hand und küßt sie.] +Und endlich sieht sie dich! O welcher Augenblick! +Drück sie an deine Brust, und fühl dein ganzes Glück! +Ein Mädchen wird beim Tanz verschönert, rote Wangen, +Ein Mund, der lächelnd haucht, gesunkne Locken hangen +Um die bewegte Brust, ein sanfter Reiz umzieht +Den Körper tausendfach, wie er im Tanze flieht, +Die vollen Adern glühn, und bei des Körpers Schweben +Scheint jede Nerve sich lebendiger zu heben. +[Sie affektiert eine zärtliche Entzückung und sinkt an seine Brust; er +schlingt seinen Arm um sie.] +Die Wollust, dies zu sehn, was überwiegt wohl die? +Du gehst nicht mit zum Fest, und fühlst die Rührung nie. + +Eridon. +Zu sehr, an deiner Brust, o Freundin, fühl ich sie! +[Er fällt Eglen um den Hals und küßt sie, sie läßt es geschehn. Dann +tritt sie einige Schritte zurück und fragt mit einem leichtfertigen +Tone.] + +Egle. +Liebst du Aminen? + +Eridon. + Sie, wie mich! + +Egle. + Und kannst mich küssen? +O warte nur, du sollst mir diese Falschheit büßen! +Du ungetreuer Mensch! + +Eridon. + Wie? glaubst du denn, daß ich - + +Egle. +Ich glaube, was ich kann. Mein Freund, du küßtest mich +Recht zärtlich, das ist wahr. Ich bin damit zufrieden +Schmeckt dir mein Kuß? Ich denk's: die heißen Lippen glühten +Nach mehr. Du armes Kind! Amine, wärst du hier! + +Eridon. +Wär sie's! + +Egle. + Nur noch getrutzt! Wie schlimm erging es dir! + +Eridon. +Ja, keifen würde sie. Du mußt mich nicht verraten. +Ich habe dich geküßt, jedoch was kann's ihr schaden, +Und wenn Amine mich auch noch so reizend küßt, +Darf ich nicht fühlen, daß dein Kuß auch reizend ist? + +Egle. +Da frag' sie selbst. + + + +Letzter Auftritt + +[Amine, Egle, Eridon.] + +Eridon. + Weh mir! + +Amine. + Ich muß, ich muß ihn sehen! +Geliebter Eridon! es hieß mich Egle gehen, +Ich brach mein Wort, mich reut's; mein Freund, ich gehe nicht! + +Eridon [für sich]. +Ich Falscher! + +Amine. + Zürnst du noch? du wendest dein Gesicht? + +Eridon [für sich]. +Was werd' ich sagen! + +Amine. + Ach! verdient sie diese Rache, +So eine kleine Schuld? Du hast gerechte Sache, +Doch laß - + +Egle. + O laß ihn gehn! Er hat mich erst geküßt; +Das schmeckt ihm noch. + +Amine. + Geküßt! + +Egle. + Recht zärtlich! + +Amine. + Ah! das ist +Zu viel für dieses Herz! So schnell kannst du mich hassen? +Ich Unglückselige! Mein Freund hat mich verlassen! +Wer andre Mädchen küßt, fängt seins zu fliehen an. +Ach! seit ich dich geliebt, hab ich so was getan? +Kein Jüngling durfte mehr nach meinen Lippen streben; +Kaum hab ich einen Kuß beim Pfänderspiel gegeben. +Mir nagt die Eifersucht so gut das Herz wie dir; +Und doch verzeih ich dir's, nur wende dich zu mir! +Doch, armes Herz, umsonst bist du so sehr verteidigt! +Er fühlt nicht Liebe mehr, seitdem du ihn beleidigt. +Die mächtge Rednerin spricht nun umsonst für dich. + +Eridon. +O welche Zärtlichkeit! wie sehr beschämt sie mich! + +Amine. +O Freundin, konntest du mir meinen Freund verführen! + +Egle. +Getrost, mein gutes Kind! du sollst ihn nicht verlieren. +Ich kenn' den Eridon und weiß, wie treu er ist. + +Amine. +Und hat - + +Egle. + Ja, das ist wahr, und hat mich doch geküßt. +Ich weiß, wie es geschah, du kannst ihm wohl vergeben. +Sieh! Wie er es bereut! + +Eridon [fällt vor Aminen nieder]. + Amine! Liebstes Leben! +O zürne du mit ihr! sie machte sich so schön; +Ich war dem Mund so nah und konnt nicht widerstehn. +Doch kennest du mein Herz, mir kannst du das erlauben, +So eine kleine Lust wird dir mein Herz nicht rauben. + +Egle. +Amine, küss ihn! weil er so vernünftig spricht. +[Zu Eridon.] +Lust raubt ihr nicht dein Herz, dir raubt sie ihres nicht. +So, Freund! du mußtest dir dein eigen Urteil sprechen; +Du siehst, liebt sie den Tanz, so ist es kein Verbrechen. +[Ihn nachahmend.] +Und wenn ein Jüngling ihr beim Tanz die Hände drückt, +Der eine nach ihr sieht, sie nach dem andern blickt, +Auch das hat, wie du weißt, nicht gar so viel zu sagen. +Ich hoffe, du wirst nie Aminen wieder plagen, +Und denke, du gehst mit. + +Amine. + Komm mit zum Fest! + +Eridon. + Ich muß; +Ein Kuß belehrte mich. + +Egle [zu Aminen]. + Verzeih uns diesen Kuß! +Und kehrt die Eifersucht in seinen Busen wieder, +So sprich von diesem Kuß, dies Mittel schlag ihn nieder! - +Ihr Eifersüchtigen, die ihr ein Mädchen plagt, +Denkt euren Streichen nach, dann habt das Herz und klagt. + +---------------------------------------------------------------------- + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Laune des Verliebten, by J.W. Goethe + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10354 *** |
