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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:34:09 -0700
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+Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt
+
+Author: Karl Gutzkow
+
+Posting Date: November 12, 2011 [EBook #9977]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: November 6, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
+
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+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
+
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
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+
+
+BERLIN--Panorama einer Weltstadt
+
+von KARL GUTZKOW
+
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+Inhaltsverzeichnis
+
+
+I. "Weltstadt"-Panorama
+ Café Stehely (1831)
+ Cholera in Berlin (1831)
+ Alte Bauten-neue Bauten (1832)
+ Dom, Schauspielhaus-"Sechserbrücke" (1840)
+ Blumenausstellung in Stralow (1840)
+ Notizen (1841)
+ Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+ Der Geist der Öffentlichkeit (1844)
+ Mystères de Berlin? (1844)
+ Impressionen-z.B.: Borsig (1854)
+ Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+ Neues Museum-Schloßkapelle-Bethanien (1854)
+ Zur Ästhetik des Häßlichen (1873)
+
+II. Für und wider Preußens Politik
+ Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832)
+ Drei preußische Könige (1840)
+ Das Barrikadenlied (1848)
+ Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+ Preußen und die deutsche Krone (1848)
+ Abwehr einer Verleumdung (1850)
+ Varnhagens Tagebücher (1861)
+ Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862)
+
+III. Drei Berliner Theatergrössen
+ Ernst Raupach (1840)
+ Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843)
+ Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+ Der Sonntagsverein (1833)
+ Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835)
+ Diese Kritik gehört Bettinen (1843)
+ Ein preußischer Roman (1849)
+ Eine nächtliche Unterkunft (1870)
+ Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis) (1872)
+ Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+ Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
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+
+
+I. "Weltstadt"--Panorama
+
+
+
+
+Café Stehely (1831)
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+
+Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur
+bekommen kann--ganz gewiß, oder man müßte sich täuschen in dieser stummen
+Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier
+und neidischem Blick zusammenträgt, ihn mit der Linken sichert und mit
+der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen
+Gesichtszüge hält. Die Eisenstange und das Schloß des Journals scheint
+mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer würde hier seinen
+Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches
+Heer könnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch würde die
+Geschichte vortragen, man würde auf den Druck warten und auch dann noch
+ein Exemplar durch aller Hände wandern lassen--fast in der Weise, wie in
+Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit
+dem tröstenden Zuruf, man würd' es ja morgen gedruckt lesen.
+
+Stehelys Besucher bilden natürlich zwei Klassen, die Jungen und die
+Alten, mit der näheren Bezeichnung, daß die Jungen ans Alter, die Alten
+an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst
+sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt;
+diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen
+Stellungen des preußischen Staats, den Füßen der Elsler, den Koloraturen
+der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor
+dem Gespräch dieser alten Gecken möchte man sich die Ohren zuhalten, oder
+in die einsamere Klause des letzten Zimmers flüchten. Schon wenn sie
+angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen
+Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste
+Ohr erspähen könnte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung",
+forschen nach den privatoffiziellen Erklärungen eines H., v. R., v. Wsn.
+Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen
+Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner öffentlichen Meinung, als
+wenn es eine solche gäbe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den
+logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung"
+gestärkt haben, fallen sie übers Theater her und man muß sie verlassen.
+Ihnen am nächsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und
+Referendare, die sich dadurch unterscheiden, daß die einen viel sprechen
+und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben
+den Übergang zu den schon vorhin bezeichneten Jüngeren, auf die wir unten
+des breiteren zurückkommen müssen.
+
+Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein
+Bild der Berlinerei vorzuführen. Man verlasse das Lokal und bei jeder
+Aussicht wird man für sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere
+Züge finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die außerdem, daß sie
+eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen
+Fallschirm zur Sicherheit trägt, erhebt sich die stolze Vorderseite
+dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das
+geschmackloseste Anhängsel einer kappenförmigen Kuppel, die doch das
+Wahre an dem ganzen Lärm ist in ihrer sonntäglichen Bestimmung. Wiederum
+vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus
+dem 16ten und 17ten Säkulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten
+der Aufklärung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich
+wieder in diesen leeren Wänden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuß in
+die Höhe glätten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so
+hält es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der
+Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein
+übertünchter ist ...
+
+
+
+
+Cholera in Berlin (1831)
+
+
+... Im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt uns am meisten die seit dem
+ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter
+Journalière erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen
+anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die näheren Umstände des
+ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluß fast
+balladenartig. An die Möglichkeit, daß die Cholera nach Charlottenburg
+(eine halbe Meile von Berlin) käme, hatte man nicht gedacht, der Hof
+hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl
+Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl plötzlich von
+dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer.
+Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmänner, die zur
+Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in
+dem stolzen Bewußtsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein
+wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die
+Wärter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr
+man, daß bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und
+die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun
+dieser mit der Spree in Berührung gekommen ist, will man weder Fische
+noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurückgekehrt, und
+soviel man weiß, wird sich der König auf die Pfaueninsel bei Potsdam
+begeben.
+
+Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers,
+gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21
+gestorben sein. Man klagt über die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der
+hiesigen Ärzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Männer aus den infizierten
+Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt
+noch nichts bekannt geworden. Die öffentliche Stimmung ist bis jetzt noch
+so ziemlich gemäßigt, doch sind Vergnügungsörter gegenwärtig weniger
+besucht, und das Raffen nach Präservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist
+allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken
+gänzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht
+berechnen.
+
+
+
+
+Alte Bauten--neue Bauten (1832)
+
+
+... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militärischen
+Rüstungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats
+reicher gefüllt als gegenwärtig. Berlin war in zunehmender Verschönerung
+begriffen; die Aufführung vieler öffentlicher Gebäude ließ ebensosehr den
+Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die
+Vorsicht loben, die einem großen Teile unserer Proletairs eine reichliche
+Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute
+über, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes
+Stadtquartier vergrößerte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane
+gegenwärtig still. Die beiden öffentlichen Bauten, an die in diesem
+Augenblick allein gedacht wird, sind die völlige Umgestaltung des
+sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers für die
+ankommenden Kaufmannsgüter, und ein künftiger Neubau der Bauakademie. Wer
+in Berlin gewesen ist, weiß, daß er, um vom Schloßplatze nach der
+Jägerstraße zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch
+engste Passage, die Werderschen Mühlen, die Schleusenbrücken, die
+Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muß. Später wird diese
+unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Brücke wird
+rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem
+Packhofgebäude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei
+einem solchen Projekt die Besitzer jenes Häuserwinkels von der
+Niederlagstraße bis zur Brücke, verlieren aber muß die kleine, winzige
+Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer großartigern und
+freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird.
+
+Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann
+auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwärtige Zustand dieses
+Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst
+so blühende Anstalt ist gegenwärtig durch die Eröffnung neuer
+Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung
+des Hrn. Beuth, unsers künftigen Handels- und Gewerbeministers, immer
+mehr hebt, in die tiefste Zerrüttung gesunken, so daß die Zahl der an ihr
+angestellten Lehrer der der Schüler gleichkommen mag. Darum bleibt
+vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgeführt....
+
+
+
+
+Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrücke" (1840)
+
+
+Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses
+gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem
+Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas
+machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des
+großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich
+ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur
+als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine
+Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei
+wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort
+gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen
+Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen
+angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige
+Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel
+Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man
+auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und
+Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den
+größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt
+würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn
+Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten
+Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner
+ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz
+allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner
+vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg.
+Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende
+Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in
+Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende
+weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen
+zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat.
+
+Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen
+Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem
+Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem
+öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang
+benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht,
+so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine
+Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern
+architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere
+dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht
+Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den
+ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre
+vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200
+Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung
+in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das
+Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an
+einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine
+Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so
+daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen
+muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt
+ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche
+Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der
+eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer
+geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung
+Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und
+Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme
+dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches
+bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und
+das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß.
+Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,
+wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern
+angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden;
+jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die
+richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,
+daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die
+Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und
+auszubilden....
+
+Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine
+Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines
+Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese
+Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche
+zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum?
+Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen
+und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung
+haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb
+läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man
+nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und
+mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben
+eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein
+General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der
+General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so
+achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das
+preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer
+winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß
+er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier,
+ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer
+Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien.
+
+Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas
+Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,
+daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in
+einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und
+wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde,
+hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?
+
+
+
+
+Blumenausstellung in Stralow (1840)
+
+
+Was rennt das Volk? Was strömt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in
+die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem
+Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mußt' ich mit meinem Wagen Queue
+machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte.
+Schon aus weiter Entfernung, mehre Straßen vorher, riecht man die von
+Hyazinthen parfümierte Luft. Tausende von Menschen drängen sich in
+großen, feldähnlichen Gärten und bewundern ungeheure Anlagen von
+Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den
+buntesten Schattierungen ablösen, ja sogar große, riesige Figuren zu
+bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen
+Zusammenstellungen. In Harlem können nicht größere Blumenmassen
+beisammenstehen. Indessen gerade dies Holländische ist abstoßend. Man
+wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen
+versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mißbraucht,
+hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbständige,
+das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.
+
+Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne
+Schatten schreckt sie bei der glühendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes
+Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse
+zieht man ein Los, zahlt dafür 5 Silbergroschen und gewinnt gewöhnlich
+nur einen Strauß, den man auf dem Gensdarmenmarkt für 4 Pfennige kauft.
+Was ließe sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht für eine
+hübsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige"
+Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Späße
+für die Königsstädter Bühne? Herr Glaßbrenner schreibt kleine Broschüren,
+worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und
+gemeinsten Berliner Jargon über das Hundertste und Tausendste unterhalten
+läßt; nein; auf der Bühne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze
+bewährt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so
+willkommnes Menschengerüst, auf welches man die drolligsten Erfindungen
+hängen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grünen
+Gärtnerschürze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend.
+Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger
+einer neuerfundenen Pflanze, die erst kürzlich auf der Pfaueninsel
+entdeckt und aus Amerika hier eingeführt wurde." Die Dame sagt: "Mein
+Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf
+müßte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln.
+Zum Schluß könnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum
+schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?
+
+
+
+
+Notizen (1841)
+
+
+Ein Pietist Unter den Linden
+
+Nach einigen sehr staubigen, schwülen Tagen hatte es endlich geregnet.
+Der schönste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die
+Linden. Am Palais des verstorbenen Königs tritt mich ein Mann mit einem
+Orden im Knopfloche an: "Schönes Wetter." "Schönes Wetter." "Das macht
+Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz hätte das nicht machen können."
+"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs mächtig und groß ist sein Name,
+ja groß in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kräftiger
+Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung über die angeborne
+Sündhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem
+mir gänzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger
+Ungeduld: "Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten
+Sie mich für einen Schwärmer?" "Ich höre den Lärm, sehe aber kein Licht."
+Diese Antwort von dem schlichten Spaziergänger war dem Bekehrer
+unerwartet. Er sah mich groß an und ging. Zu Hause fand ich in der
+Rocktasche einen Bußtraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.)
+
+
+Die Kandidaten der vakanten Ämter
+
+Einen rührend-komischen Anblick gewährt an jedem Morgen in den ersten
+Frühstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstraße
+bis zur Leipziger Straße hin. Das ist nämlich die Zeit, wo die Kandidaten
+aller vakanten und nicht vakanten Ämter, die Kandidaten aus allen
+möglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfächern den
+mächtigen Ministern und Räten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet,
+mit weißer Binde um den Hals, schießen sie an dir vorüber, plötzlich
+stehen sie still, überlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes
+Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, nähern sich der
+verhängnisvollen Tür, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um
+sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluß.
+Andere wollen eben von der Rechten an die Tür eines Hotels treten, da
+begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle
+vakant! Jeder bildet sich ein, so früh zu kommen, daß er den mächtigen
+Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Täuschung--schon
+ist das ganze Vorzimmer gefüllt und die eine Lebensfrage, auf deren
+Lösung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade
+ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den
+Lebensfragen von dreißig anderen Menschen, in den Hoffnungen von
+ebensoviel anderweitigen Bräuten! Geöffnet ist hier die geheime Werkstatt
+unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gänge, die der
+Fuchs oft schneller durchgräbt, als der still arbeitende Bergmann--ein
+Anblick, zugleich komisch und zum Weinen!
+
+
+Sommertheater in Steglitz
+
+Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen
+der Journale und den mäßigsten Erwartungen zurück! Ref. hoffte, ein
+niedliches, von Holz und Backsteinen aufgeführtes, der Würde Berlins
+entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser
+als eine Scheune, mit langen hölzernen Bänken und einem Rang, der nichts
+als eine Galeriebrüstung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist
+unerträglich und verläßt man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich,
+in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft
+und Fläche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder.
+Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so
+hätte man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein
+Sommertheater ist nur unter freiem Himmel genießbar oder es sei denn, daß
+ein steinerner Bau die ersehnte Kühlung spendet. Daß eine so armselige
+Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die
+Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie
+werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert.
+
+
+Berliner Volkscharakter
+
+Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele
+einer seinem äußern Umfange auch innerlich entsprechenden
+Großstädtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle,
+gesellige, werden in größerem Stile als früher ausgeführt. Manches, was
+noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschäftigen konnte, wird jetzt
+verachtet, z.B. die Trivialität der sogenannten Berliner Volksliteratur,
+die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und
+der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Königstädtschen
+Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der lügenhaften Verballhornisierung
+des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es ißt und
+trinkt" gezeichnet findet, tritt allmählich wieder das ursprüngliche
+Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmütigkeit, Freude am
+neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen
+Auszeichnung, sinniger Genuß der sparsamen, aber oft anmutigen
+Schönheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiß noch
+einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat.
+
+
+
+
+Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+
+
+Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin
+verübten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten
+Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen
+sich einer so originellen Organisation, daß die Polizei manchen Bewohnern
+anzeigen kann, sie würden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage
+wachen die Gewarnten: Am fünfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen.
+Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzählt, daß nachts in den
+besuchtesten Straßen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen
+werden. Wenn man diese sich täglich wiederholenden kriminalgerichtlichen
+Anzeigen liest, muß man glauben, Berlin würde zum großen Teil von einer
+ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt.
+
+Ehe man aus diesem Gefühl gänzlicher Unsicherheit, das gegenwärtig in
+Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluß auf die sittlichen Zustände
+der norddeutschen Hauptstadt macht, muß man so gerecht sein, einige
+Umstände mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu
+Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort
+bestohlen, glaub' ich über diesen Gegenstand, der nachgerade die
+Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschäftigen muß, eine
+Stimme zu haben.
+
+Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die
+Einrichtung der Häuser. Die Zahl der Nachtwächter ist viel zu klein.
+Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militärs oder sonstige
+Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast
+nur pro forma versehen. Die Nachtwächter in Berlin sind oft hinfällige
+Greise. Mit einem spärlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln
+ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Erträgnissen eines
+Privilegiums, das man in fremden Städten kaum für möglich halten möchte.
+Der Berliner Nachtwächter hat ein Bund von hundert Hausschlüsseln am Leib
+hängen und schließt jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste
+beste Haus einzutreten wünscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man
+sieht, daß es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als
+in Berlin.
+
+Das Revier des Nachtwächters ist zu geräumig. Er hat mehr Straßen unter
+sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschäftigt,
+kümmert ihn das Straßenleben sehr wenig. Er horcht nur, daß man ihn ruft,
+um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Bäcker,
+die Brot zu backen haben. Die Rundgänge durch die Straßen werden ohne
+Aufmerksamkeit abgemacht. Der schützende "Kellerhals", hinter dem er
+ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so
+kündigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich während
+seines Vorübergehens zu zerstreuen.
+
+Berlin muß die Zahl der Wächter verdreifachen und sie unter eine
+militärische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Wächter sind
+eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des
+Eigentums.
+
+Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, daß die Berliner Häuser sich des
+Nachts jedem beliebigen Besucher öffnen, so ist der Hausfriede am Tage
+nicht gesicherter. In Paris hört man viel von Betrügereien in den
+Kaufläden, von Betrügereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in
+seinem Lexikon aufführt, aber wenig von Diebstahl oder gar nächtlichem
+Einbruch. Berlin ist eine große Stadt geworden und war ursprünglich nur
+auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Straßen sind weitläufig, die Reviere
+entlegen, die Häuser sind meist zweistöckig und nur von einigen Familien
+bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht,
+da dafür die Häuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein-
+und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugänglich.
+Den ganzen Tag reißt das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist
+froh, sich auf seine Zimmer abschließen zu dürfen und kümmert sich nicht
+um den Nachbar, bei dem man, während nebenan Gesellschaft ist, alles
+ausräumen kann. Während mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer
+ausgeräumt wurde, saß meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den
+"Beobachter an der Spree" und strickte Strümpfe.
+
+Läßt sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine
+Veränderung treffen, so wird doch darum die erhöhte Wachsamkeit der
+Behörden um so dringender. Ohne eine neue Wächter- und Patrouillen-
+Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen.
+
+Dieser Gegenstand läßt aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin
+den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher
+diese sittliche Verwahrlosung, von der wir tägliche Belege erfahren?
+Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun
+Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Straßen ging, Harun Al
+Raschid würde darüber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese
+Beobachtung an Bagdad gemacht hätte.
+
+Es ist wohl möglich, daß nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme
+Wächter- und Häuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und
+doch steht es fest, daß Berlins Unsicherheit größtenteils aus seinem
+eignen Schoße entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies
+aus. Es ist ein betrübendes Geständnis, das man sich nicht ersparen darf:
+In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralität frißt wie ein
+Krebs um sich. Die Familien sind zerrüttet, zu der Armut und
+Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner
+eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Gelüst zum Entschluß, den
+einmaligen Entschluß zum immerwährenden Handwerk; die Zuchthäuser liefern
+die Verbrecher nicht gebessert zurück, sondern in kurzem sieht sich die
+richterliche Gewalt genötigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und
+ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fünf Jahre
+umsonst gesessen.
+
+Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des
+Volkes. Die Früchte derselben reifen erst in spätern Jahren. Man wird für
+Berlins gegenwärtige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern
+suchen dürfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muß zu den Mitteln
+führen, sie künftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu
+befördern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung
+sagen.
+
+Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel würdiger
+öffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen
+Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnügungssucht. Auch Wien ist
+ohne öffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte
+Vergnügungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches
+Sachverhältnis, dessen schädlichen Einfluß auf die Sittlichkeit ich
+beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der
+Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein
+Vergnügen ist durch Überlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik,
+Tanz, Theater, heitere Ausflüge in die schönen Umgebungen. In Berlin
+isoliert sich alles. Keine öffentliche Vergnügung befriedigt und so
+entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen
+Gesellschaften, diese Kränzchen, dies Jagen nach "Privatvergnügen", dies
+Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kräfte der
+Familien überbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbälle
+verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stürzen, die
+Leihhäuser füllen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reißt die
+Männer in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr
+ihres Gewissens mächtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und
+Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von
+Kellerstuben zu einem glänzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts
+Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in
+Szene setzen.
+
+Muß man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muß man
+vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen
+hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet,
+nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der
+öffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schöpfungen
+beschäftigen müsse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den
+Acker, den man beernten will, auch zu besäen. Hier ist ein neues Ziel,
+das eine solche Institution sich stecken müßte. Zerstört diesen
+Isolierungstrieb! Bindet die Menschen für ihre Vergnügungen aneinander!
+Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges,
+etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was
+könnte Berlin Ersatz geben für den Mangel einer heiteren und
+zerstreuenden Natur? Was könnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor
+hinauswandelnden Sonntagsspaziergängern vereinigen? Was kann das Innere
+der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man
+heimkehrt und nicht in seine vier Pfähle rückkehren will? Denkt doch
+darüber nach, ihr philosophischen Staatsmänner, die ihr jetzt in Berlin
+das Ruder in Händen habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich
+angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst
+dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoß zu
+beteiligen. Ehrt die Neigung zur Öffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das
+noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehässig war,
+öffentliche Aufzüge; laßt die Menschen sich menschlich austoben, dann
+werden sie nicht in die Kellerlöcher kriechen und es tierisch tun. Eines
+der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere
+an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen
+mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelüste der
+niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die
+Moralität, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen König ganz jenen
+Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens für
+Berlin ist, das Königsstädter Theater hat zwischen Nestroys Possen und
+der glänzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt
+und die Preise der Plätze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das
+Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist
+in Berlin eine künstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden
+Verbindung steht. Entweder muß man in Berlin die Hofbühne entschieden zur
+Volksbühne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines für die
+Gegend nach dem Köpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des
+neuen Hamburger Tores. Nur vorläufig zwei solcher Theater, gut
+beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stücke völlig freigegeben,
+mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natürlich mit
+Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, könnten den
+auffallendsten Einfluß auf die Sittenverbesserung Berlins haben.
+
+Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion.
+Für die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in
+Berlin hinlänglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen
+Regierung ihr Schulwesen nachgerühmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache,
+daß Kenntnisse an und für sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie
+befördern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu
+den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein
+sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben
+sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr bürgerlicher,
+als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu groß und dem
+Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende
+Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so großen Stadt und
+der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmöglich. Tun nun die
+Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, daß sie veredelnd
+und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann?
+
+Das ist denn wiederum ein wichtiger und außerordentlich schlagender
+Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben.
+Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben
+könnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise
+gepredigt, die höchst beseligend, höchst beglückend auf einen Einzelnen
+wirken kann. Es gibt wahre Frömmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen,
+in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in
+denen ein warmes, für den Himmel läuterndes Christentum sicher mit dem
+trostreichsten Erfolge für das Glück vieler Familien gepredigt wird. Aber
+was kann auf unsere Zeit der Pietismus im großen und ganzen wirken? Ein
+Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Räudigen anzulocken?
+Haben wir gesehen, daß in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist
+auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie
+Couard, Strauß, Arndt haben einen großen Zulauf, aber nur von gläubigen
+Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von
+solchen, die erst für seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht
+nicht in diese Kirchen. Sie würde gehen, wenn dieser theologische
+Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort
+einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid
+flicken, nicht jungen Wein in alte Schläuche füllen, sondern ein ganz
+neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse
+wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religiösen
+Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwählten findet und so ist
+in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen
+Volkslebens, aus Überreligion ohne durchgreifende Wirkung.
+
+Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluß auf die Sittlichkeit einer
+Nation zu geben, muß es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch
+die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muß
+mit schlichter Einfachheit und überzeugender Wärme auf die moralischen
+Grundwahrheiten zurückgeführt werden. Ein protestantischer Staat kann für
+seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur
+dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefühlvoll und beredsam
+vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion
+gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mögen Körner, Tiedge und
+ähnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik
+sehr schön und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an
+Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge
+verloren, während sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mögen die Denker
+und Gefühlsmenschen im Christentum die tieferen Bezüge ansprechen und
+beschäftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das
+Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit
+vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefühligen Grundwahrheiten.
+Wer mir Prediger sein wollte, dürfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie,
+mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der üblichen pietistischen
+Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Hätte man in Berlin geistvolle und
+beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Böckel in
+Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in
+Gotha, hätte man statt einer Clique junger Kopfhänger eine Schule
+wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner
+gestiftet, die Kirchen würden überfüllter und die Gefängnisse
+leerer sein.
+
+Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel
+ist gewiß, er will seine Länder im großen Stil regieren. Hier wäre denn
+Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schöpfungen.
+
+[Nachtrag:]
+
+In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend
+gefunden, daß von einem zweiten und dritten Grunde dieses Übels die Rede
+ist, ohne daß des ersten erwähnt wird. Der erste Grund war aus der
+Politik und der mangelnden Öffentlichkeit unter dem vorigen Könige
+hergeleitet, doch mußte die nähere Ausführung aus unmittelbar vor dem
+Druck des Blattes geltend gemachten Rücksichten wegbleiben, deren Natur
+jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung
+des Artikels herzustellen.
+
+
+
+
+Geist der Öffentlichkeit (1844)
+
+
+Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große
+Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber
+in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht
+allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht
+allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter
+Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in
+der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen
+Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist
+überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt
+haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der
+Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang
+mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte.
+Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf
+Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und
+Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe
+sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht
+auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß
+wenigstens seine Freude daran haben.
+
+Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin
+besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache,
+durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich
+Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier
+wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar
+edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich
+meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber
+so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen
+dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß
+es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die
+vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das
+wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung
+lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts
+vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt
+wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die
+Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen
+aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus
+der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von
+Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann
+er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und
+wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat
+Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu
+behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene
+Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen
+Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher
+Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms,
+mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen
+Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es
+eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein
+Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch
+irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen
+Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder
+irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von
+Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und
+solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der
+traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um
+alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.
+
+Einige der auf der Reise empfangenen Eindrücke mögen in bunter Reihe hier
+wiedergegeben werden.
+
+Am 29. März beschloß Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum
+gehaltenen Vorlesungen über die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war
+fünf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte
+sich so ziemlich der größte Teil des ästhetisch- produktiven Berlins,
+Dichter, Gelehrte, Musiker, Gläubige und Prüfende, Hingegebene und
+Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein
+mußte, dessen öffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich
+erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien
+der Redner. Ich fühlte mich an die Vorträge von Edgar Quinet im Collège
+de France erinnert. Nur schade, daß sich Mundt zu sehr auf sein Heft
+verließ und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift,
+nicht mit freier Rede um so überzeugender darstellte. Die Wärme der
+Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet
+selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten
+Gefühle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß
+ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen
+Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher
+spricht, als ein geschriebenes Heft.
+
+Der Inhalt der Rede erweckte die wärmste Teilnahme. Bot ihr Anfang
+demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschäftigt
+hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf
+zu einem höheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der
+sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und
+den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand
+des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch
+hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rührende Humanität,
+welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit
+sozialistischen Fragen beschäftigten, hatte, man sah es, in des Redners
+Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern
+der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse
+doktrinäre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, daß in einigen
+weihevollen Momenten ein schöner Abglanz von Gemüt und Wehmut auf seinen
+Gesichtszügen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, daß jetzt bei den
+Fortschritten der Volksbildung der Vater beschämt von seinem aus der
+Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen könne, ebenso
+geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgeführt.
+
+Über manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und
+würdigte ihn nicht genug, trotzdem, daß er mit Achtung von ihm sprach. Er
+kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurück. Poesie ist in
+der Sozialfrage ein gefährliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man
+dahin kommen, daß am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der
+Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt
+verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glückseligkeit
+unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners
+Äußerungen ließen mich fast besorgen, er hätte das Thema der materiellen
+Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet
+spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend,
+sehr zeitgemäß, ja sehr freimütig und gegebenen Umständen gegenüber kühn
+fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehörten und die
+Ansicht vorauszusetzen schienen, man könne Hungernde mit Sonnenlicht
+sättigen und Dürstende mit den Farben der Blumen tränken. Der Redner
+kannte die praktischen Schäden, wollte sie heilen und wich wiederum dem
+praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf,
+der ohnehin auf einem Mißverständnis beruhen kann, hat sich Mundt ein
+großes Verdienst erworben, daß er in jener unmittelbaren Form, in der
+Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in
+den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise
+Philosophie beschämen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur
+Leichentücher für das Leben spinnt ...
+
+
+
+
+Mystères de Berlin? (1844)
+
+
+Das ist gewiß charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen
+Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frühgottesdienstes für
+Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung
+nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunächst machte, ein Jude (der
+Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die
+spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen,
+bestreben sich hier, dem Überchristentum in die Hände zu arbeiten. Ein
+Frühgottesdienst für Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was
+darunter zu verstehen ist. Man hat nämlich gefunden, daß die
+Droschkenführer von früh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen
+müssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht
+gänzlich verloren zu geben, läßt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre
+Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens
+bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man
+glaubt, wenn man so etwas erfährt, in England oder Pennsylvanien zu sein.
+Diesem Frühgottesdienst für Droschkenführer müssen, wenn man konsequent
+sein will, noch diese Einrichtungen folgen:
+
+Ein Frühgottesdienst für Briefträger.
+
+Ein Nachmittagsgottesdienst für Milchkarrenschieber; denn auch diese
+Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube,
+daß es wünschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu
+gewöhnen; aber hätte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes
+überchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen
+andern Ausweg finden können? Wie nun, wenn man bei den Droschkenställen
+keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenführer es möglich
+gemacht hätte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen
+halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche
+besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr
+habt ein so großes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt
+für seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine
+Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus
+seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude,
+zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt daß also die hiesigen
+Überchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann
+alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien
+Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbürger
+anwenden kann, wie er will, schlüpfen sie über den Mißbrauch des
+privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, daß
+kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig
+dafür, daß ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium
+gepredigt wird! O über den frommen Kommerzienrat!
+
+Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben
+wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des
+Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand
+in den Gedanken vertieft, daß die Eisenbahnen an Sonntagen befahren
+werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivführer deshalb nicht die
+Kirche besuchen können, würde man einem solchen Gemüt nicht zurufen
+müssen: Behüte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religiöse Fanatismus,
+der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprüche auf unsere
+vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanität so
+nahe, daß man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung,
+Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die
+Wartung der Kranken lästig und beängstigend wird, dann muß man selbst
+gegen so an sich ehrenwerte Äußerungen des überchristlichen Sinnes kalt
+werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie
+als rechten Glaubens erkennt; lästig und beängstigend ist die
+Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Körpers von der
+Verworfenheit unserer Seele redet.
+
+Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtätigen
+Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige
+sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung
+gefallener Mädchen. Was man von letzterem hört, läßt auf eine gesunde und
+tatkräftige Ausführung dieser an sich löblichen Absicht nicht schließen.
+Schon daß diese unglücklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich
+gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende
+Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen
+einer sichern Besserung entgegen zu führen, so kann es nur der sein, sie
+auf eine möglichst geräuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der
+Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken,
+daß der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die
+Tür hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartäuserartige
+Resignation zeigen muß, aber wie wenig Gemüter werden einer solchen
+Abtötung des letzten Restes von Stolz fähig sein! Gerade das, was Ihr
+zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur
+das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blüte des sittlichen Menschen
+erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Daß eine solche
+Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurückbleibt und, statt gebesserter,
+dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es
+der Fall ist, beim geringsten verführenden Anlaß wieder in ihre alten
+Lasterwege zurückfallen.
+
+Nach allem, was sich hier beobachten läßt, sieht man, daß man die Übel,
+an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo
+erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fühlt, weil sie sich zu
+unabweislich von selbst aufdrängen. Aber in den Mitteln, den
+gesellschaftlichen Schäden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den
+Schäden unmittelbar begegnen, statt daß sie nur da wahrhaft zu heilen
+sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel
+muß man entdecken und den Wurm töten, der an der Wurzel nagt. Das
+Begießen des welken Blattes an dem verkrüppelten Stamme fristet ihm eine
+Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fällt es ersterbend ab,
+weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der
+Gesundheit ihm stärkend nicht zuströmt.
+
+Theodor Mundt sprach in seiner kürzlich erwähnten Vorlesung von dem
+durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glückseligkeit und Vergnügen".
+Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen
+feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prämisse seiner frühern
+Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich
+diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenüber. Er ist wahr, er ist
+bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch
+durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfähigkeit der Armen. Am
+unersättlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand.
+Glückseligkeit und Vergnügen ist mehr denn je die Devise des Berliners
+geworden. Die öffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller
+Art haben sich reißend vermehrt. Die Straßenecken sind täglich mit mehr
+als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei
+ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung
+erfordern, unverhältnismäßig. Wer früher nicht wußte, welches Gewerbe er
+treiben sollte, eröffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu
+Anlagen von Kaffeehäusern, Vergnügungsgärten, Konditoreien gesellt, die
+mit derselben Schnelligkeit aufschießen, wie hier Mode-, Schnittwaren-,
+Kleiderhandlungen und Gewerbeläden von solchen eröffnet werden, die diese
+Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und
+mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnügungen dann jene Zustände
+der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer
+im Anhange ihres Königsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist
+schneidend.
+
+Auswärts fühlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswärts hat
+man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten
+Bedürfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung
+plötzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen können. Ich gestehe,
+als ich diesen von allen Zeitungen für einen Feenpalast ausgegebenen Ort
+besuchte, konnte ich den störenden Gedanken, daß diese Schöpfung sehr mal
+à propos gekommen, nicht unterdrücken. Zum Glück bleibt auch dieser
+"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurück. Schon in der Ferne, wenn man
+durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine große
+Ziegelhütte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und
+hervorspringenden Hausecken und fühlt sich durch den ersten Eindruck eher
+abgestoßen als angezogen. Dabei ärgert man sich über die Idee, ein
+solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse
+Berlins, die Sandwüste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der
+Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des
+Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den
+Vordergrund; denn recht in den Mutterschoß dieses Staubes ist das neue
+Gebäude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lückenhaft,
+hölzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt.
+Mit einem Blick übersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnügens.
+Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Möglichkeit des
+Alleinseins. Die nackten weißen Holzwände, mit Goldleisten zwar verziert
+und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhänge, das ganze
+Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an
+den Maskenbällen in der großen Oper zu Paris ist nicht der große
+Tanzraum, sondern das bunte Gewühl auf den Treppen, Korridoren, in den
+Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht
+getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches
+Etablissement nicht; aber man muß hinzufügen: Wenn man in Paris so
+oberflächlich wäre, zum bloßen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine
+solche Unterhaltungsanstalt zu begründen, so würde sie großartiger,
+geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoß dieses Tempels
+der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalität
+zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London
+gefunden werden kann. Man glaubt, daß die "Mystères de Paris" hier ihren
+Anfang hätten nehmen können. Man glaubt den tapis franc zu betreten und
+sieht sich unwillkürlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystères de
+Berlin" könnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine große
+Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ...
+Schade, daß sich originelle Köpfe nicht leicht entschließen werden, in
+die Fußstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wünschenswert,
+daß sich jemand der deutschen Zustände so bemächtigen könnte, wie Eugène
+Sue der französischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und
+Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte?
+Mysterien von Berlin müßten grelle Schlaglichter auf Deutschlands
+sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustände fallen lassen,
+müßten die Fackel der Aufklärung nicht nur in die Kellergewölbe der Armut
+und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trübe Dämmersphäre der
+Schein- und Überbildung, der Lüge und Heuchelei....
+
+
+
+
+Impressionen--z.B.: Borsig (1854)
+
+
+Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des
+Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit
+einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in
+Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße
+gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der
+Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem
+Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der
+Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem
+so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht
+eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang
+wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.
+
+Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels
+telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen
+und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu
+lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe
+haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen:
+Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den
+Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der
+Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen
+zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,
+durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des
+unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die
+Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,
+ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist
+in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem
+Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's
+an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto
+belohnender zu werden verspricht.
+
+Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der
+Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar
+sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine
+ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das
+bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen
+Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der
+flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel
+stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta
+für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der
+Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden
+polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der
+belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der
+preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im
+Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die
+Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der
+Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher
+glücklicherweise wieder ausgeschlossen.
+
+Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit
+einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen
+Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über
+zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer
+künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu
+erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte
+Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist
+"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob
+die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen
+Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer
+beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die
+einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo
+bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über
+diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es
+scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer
+bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke
+Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen
+einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu
+ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten
+Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine
+gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem
+gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die
+allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die
+Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher
+Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende
+Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die
+Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat
+diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp
+neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben
+christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands
+hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen
+und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt
+übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr
+christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger
+immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen
+Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die
+erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte
+Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz
+unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man
+sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die
+Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß
+eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer
+Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke
+ein Ärgernis nehmen will ...
+
+Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen
+Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich
+entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur
+gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,
+trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus
+der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen
+jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die
+Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt
+es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den
+Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem
+runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,
+um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden
+Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000
+Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große
+Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.
+Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an
+der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs
+Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz
+gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den
+glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung
+der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem
+Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine
+prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz
+Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen.
+
+Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen,
+die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem
+Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene
+riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken
+nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen
+gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und
+vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit
+Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.
+Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen
+naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall
+guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich
+das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden
+Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien.
+Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende
+von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen,
+überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige
+Behandlung erfordert ...
+
+
+
+
+Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+
+
+Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin
+finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muß. Es ist dies der
+Ausdruck: Quatsch.
+
+Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen
+bleibend, dann natürlich noch hinter dem halben Verstande zurückbleibt.
+Denn man kann eine halbwegs vernünftige Meinung, ein halbwegs ernstes
+Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft
+gelten lassen. Der halbe Verstand gehört oft der Mystik an, die bis auf
+einen gewissen Punkt auch gewöhnlich eine Art Logik für sich hat. Der
+halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die
+Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse
+stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit.
+Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umständen der Unsinn!
+Den Unsinn haben Ästhetiker göttlich genannt, den echten, wahren,
+natürlichen Unsinn, der die Hälfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein
+vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der
+relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das
+herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das
+Quatsche.
+
+Berlin ist groß im Quatschen. Es kichert über jede Grimasse zum Witz,
+wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte
+absonderliche Redensart findet unverzüglich ihr Publikum. Man findet hier
+Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere
+Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln
+und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein
+ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie
+fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das alles
+witzig, während ein Vernünftiger es Quatsch nennen muß. Ich sah "Müller
+und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die
+wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem
+gellenden Pfeifen, mit Gebärden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu
+zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid,
+solches Gebaren menschlich nennen zu müssen, einflößte, und unter ihnen
+die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im
+Äußern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut
+Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Müller!" "Müller!" "Schultze!" "Bist
+du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen
+Scherz auf dem Palais-Royal-Théâtre in Paris, wir wollen nicht einmal
+sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire!
+Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu
+bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die
+Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern
+heißen, würde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muß das Pariser Oh!
+Oh! gehört haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen
+Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen
+Veranlassungen witzig und geistreich sein können. Diese Berliner
+Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwärtig, als wenn man
+sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhübe einmal seine
+gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.
+
+Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, daß sein
+ursprünglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den
+Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und über seine geistige Kraft
+hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene
+Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trägt den Stempel der
+Unzulänglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung,
+der Beschränktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hökerinnen,
+kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die
+Sprechweise der Gebildeten trägt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des
+Volksdialekts, daß es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des
+reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so
+beschränktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprägtes
+Sprachmaterial bestimmt, dem großen Ideenkreise einer Stadt, die eine
+Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen,
+so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois
+nennen möchte. Diese Mißgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins
+Trieb nach öffentlicher Bewährung wuchs. Seine Bevölkerung emanzipierte
+sich zum Großstädtischen. Die Schusterjungen machten wohl die öffentliche
+Meinung schon zu Friedrichs des Großen Zeit; der König sagte den
+Katholiken, die das Fronleichnamsfest öffentlich feiern wollten: Er hätte
+nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die
+literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich
+von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich
+nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft
+zur Geltung gekommen und wer würde verkennen, daß "Kladderadatsch" ganz
+Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschützt hat?
+Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Ausländer, die sich
+nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schärfe dieses Blattes würden
+diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueröffneten hiesigen Bühnen
+zeigen, ganz ins Quatsche zurückfallen.
+
+Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bühnen eröffnet worden sind (um diese
+Fährte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der
+unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern
+geistigen Fächern so außerordentlich schwierig ist. Das Ministerium
+Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen
+aus, und in Berlin durften Kaffeehäuser und Tanzlokale sich in Theater
+verwandeln! Es ist noch ein wahres Glück, daß unser Schauspielerstand
+durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was
+freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich
+immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst
+nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nächste materielle Not
+befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glücklicher gestellten
+Kollegen an den Hof- und großen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres
+und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstädtische
+Theater, besonders durch die Bemühungen der trefflichen HH. Görner und
+Ascher, zu einer überraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den
+schwierigsten ästhetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im
+Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die
+Bevölkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen
+andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater über
+Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige
+Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche
+haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fürwort an
+hoher Stelle erlangen zu können. Einen Zirkus zu eröffnen oder eine Bühne
+scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat
+jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgänger beruft und z.B.
+fragt: Wie kommt der Cafétier Kroll zu einer Bühne, wie kommen zwei
+Gebrüder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum
+Gespött der Vorstädte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor
+Gräbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater
+besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde
+der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militärischer
+Ordnung peinlich war, sogenannte Bürgerwehr in rundem Hut und Überrock
+die Armatur der königlichen Zeughäuser tragen zu sehen. Nicht daß die
+Bürgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der
+Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt;
+ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert
+wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche
+Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in
+keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der
+Wiener Vorstädte. Die Josephstädter Bühne ist vielleicht diejenige unter
+ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialität;
+manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr,
+"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstädter Bühne.
+
+Das Repertoire des Königlichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig
+anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstädter", "Geheimer Agent"
+usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so
+wohlmeinender ästhetischer Sinn vereinbaren läßt, nämlich die Befolgung
+der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden höchsten
+Herrschaften über die Stücke aussprechen dürfen, die sie zu sehen
+wünschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas
+auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt
+vorkommt. Bald heißt es: "Auf höchstes Begehren", bald: "Auf hohes
+Begehren", bald: "Auf Allerhöchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf
+Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form
+sich die Wünsche des Königs zu erkennen geben. Was ist das aber für eine
+Unsitte, daß die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen
+Herrschaft die Stücke bestellen, welche diese zu sehen wünschen! Die
+geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und
+zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wünschen um dieses
+Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben dürfen, sind schon an
+sich kläglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie
+heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschäfte wird dadurch
+auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden.
+Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswärts bekommen, die ihr eine
+Schauspielerin oder Sängerin überbrachte, so bestellt sie die Stücke, in
+denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt
+man ihm die Stücke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht
+sich einige an und man liest: "Auf höchstes Begehren: 'Der geheime
+Agent'", ein Stück, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden
+kann. Der König besitzt so viel Geist, daß ihm diese Manifestationen des
+Privatgeschmacks seiner Brüder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel
+Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und
+diesen Mißbrauch der von den Kammerherren veränderten Repertoires im
+Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies
+öffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem
+Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach
+dem Geiste der in ihm allein anständigen Öffentlichkeit.
+
+Natürlich ergibt sich unter solchen Umständen, wo die Großen und
+Mächtigen öffentliche Fingerzeige über ihren eigenen Geschmack geben
+dürfen, die Förderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bühne
+weit schwieriger. Wenn sich die Großen "Satanella" oder "Aladins
+Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Königsstädter Theater
+agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem
+Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Aufführung eines
+neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor
+einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Aufführung des "Demetrius"
+von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer
+Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf
+zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso
+warm wie die Ausstattung glänzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische
+und Neuheit der Kostümstoffe, überall, in den kleinsten Ausschmückungen
+der Wände zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden
+Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung
+spielte. Das Stück war eine Anfängerarbeit, die kaum Talent verriet (nur
+aus Überfülle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer
+Dürftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber
+die Darstellung ging von einem schönen Glauben an den Wert des Stückes
+aus; nirgends sah man ihr eine Mißstimmung über die aufgebürdete,
+undankbare und für die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und
+mit dem halbunbewußten Pflichtgefühl verband sich die noch immer
+außerordentlich ansprechende Natürlichkeit der Hendrichsschen Spielweise.
+Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs
+immer vorzüglich spielen. Dieser Künstler ist ein schwacher Hamlet, aber
+ein liebenswürdiger und überredender Romeo. In seiner Passivität liegt
+Poesie und da er nur die Konturen ausfüllt, die der Dichter ihm
+vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich
+seinen Aufgaben unterzieht, überall für sich ein, wo einmal die Macht der
+Gewöhnung ein Publikum für ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und
+Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.
+
+Ich bedauerte, Dessoir nicht beschäftigter zu finden. Dieser geistvolle
+Schauspieler leidet hier an der üblichen Abgrenzung unserer Rollenfächer.
+Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so
+vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber
+auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir
+ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein
+werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den
+ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bühne
+macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache
+angehört, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein
+künstlerischer Trieb hinführen muß, sind noch im Besitze der Herren Rott
+und Döring. Es spricht für die geistige Anregung, die Berlin bietet, für
+die Belohnung, die man im Beifall eines natürlich sich hingebenden
+Publikums findet, daß Dessoir darum doch seinen hiesigen, höchst
+ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen möchte.
+
+Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es würde keineswegs
+vernachlässigt und es hat sich seit Düringers Mitwirkung sehr gehoben;
+dennoch muß man bei dem Vergleiche der unverhältnismäßigen Pracht, die
+das Opernhaus umgibt, wünschen, es würde doch endlich ganz von der Musik
+und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige
+Aufgabe für sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen
+gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der
+Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glänzende
+Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die
+Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern und
+mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht
+der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und
+Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedürfnisse so
+befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die
+Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muß und die derjenige, der
+die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fülle von Licht,
+Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die
+musikalischen Kräfte sind hier so groß, daß z.B. an einem Abend im
+Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die
+Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1ständig da ist und noch in der
+Singakademie ein Konzert mit der königl. Kapelle begleitet werden kann.
+Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und
+Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer,
+auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1ständig machen. Auf
+dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel
+junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um
+der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen
+einzurücken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehörige
+"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum
+retten. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die
+Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der
+Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus
+der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des
+orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische
+Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im
+Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren
+Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der
+Szene ist ganz und vol1ständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel
+der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in
+die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der
+Ökonomie verbannt, die aus Amazonenröcken von heute für morgen Pantalons
+für Verschnittene macht. Hier fangen alle Schöpfungen immer wieder von
+vorn an. Kein Kostümier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter
+Vorräte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder
+neue Seide, neuen Sammet und für die geschmackvol1sten Maler neue
+Leinwand gibt.
+
+Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht
+lehrreich. Dem Ästhetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde
+Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die
+Vorstellung im großen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des
+Publikums gehört, ist kulturgeschichtlich merkwürdig. Dieser Marie
+Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und
+mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hölle, aber sie ist der wahre
+Himmel des Publikums; sie tanzt die Lüge, aber sie verdient ein Standbild
+als Göttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende,
+übermütige Mädchen mit ihren beiden Teufelshörnchen an der Stirn, mit dem
+durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Füßchen, mit den
+tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich
+unter den ehrwürdigen Tatsachen des gegenwärtigen Berlins aus! Dieser
+kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterröckchen, ist sie etwa
+die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chérie der
+Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chérie der
+Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf
+der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Büchsel,
+Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere
+Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in
+"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen
+sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem
+andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den
+kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhält. Der erste Rang zeigt
+die Generale und Minister, das Parkett den reichen Bürgerstand, die
+Tribüne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in
+der Provinz verkünden werden, die obern Regionen beherbergen die
+arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur
+Traktätchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbücher
+mühsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen.
+Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der
+Treibhauswärme der speziel1sten, königlich preußischen Haus-Traditionen
+großgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheißen! O so werft doch, ihr
+besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, daß euer
+Privatglaube nichts mehr liebt als die Götter Griechenlands und daß nicht
+etwa hier der Kultus des Schönen, sondern draußen euer offizielles System
+eine Komödie ist.
+
+Satanella verführt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner
+Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine
+Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird
+zweifelhaft sein, daß der junge, künftige Referendar besser tut, sich an
+Heinrich Heine, an die schöne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie
+kalt und nüchtern ist auch die Liebe eines Fräulein Forti gegen die Liebe
+einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs
+in die Hölle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht
+einsehen, daß der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann
+das eine echte Hölle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon
+kleine Kinder mit Satanshörnern umherspringen und, wie von Selma Bloch
+geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hölle
+sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem
+reizendsten Château d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt
+ist? Wird irgend ein Vernünftiger einräumen, daß die Konsistorialräte
+Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schöne "Teufelinne", die
+Antiken des Vatikan überhaupt, wie Tholuck getan, "schöne Götzen" nennen?
+Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und
+Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem
+Vorurteil zu genügen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine
+solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitüde der
+Solotänzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der:
+Ich fühle wohl, es muß einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie
+Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen
+Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese
+Berliner Ballettabende wecken einen ebenso großen Abscheu vor der
+mätressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der
+Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft
+und dem fashionablen Büßertum, dessen neupreußische Früchte wir
+hinlänglich kennen.
+
+Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander.
+Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in
+denselben Personen. Die Heuchelei und die Rücksicht auf Karriere mietet
+sich einen "Stuhl" in der Matthäuskirche, nur damit an dem Schilde
+desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht
+des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuß. Dem Genuß
+bauen auch andere Städte Altäre; die buntesten, mit Rosen geschmückten
+Altäre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des
+Genusses, die nur ihm ganz allein angehört. Es ist dies die Genußsucht
+eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefüllte Börse alles
+bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht
+wiedersieht, für Geld bekommen kann. Es ist die Genußsucht des
+Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fährt und sich mit vierzehn
+Tagen Ausgelassenheit für ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle
+entschädigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevölkerung so
+angesteckt, daß man mit Austernschalen die Straßen pflastern könnte.
+Wohlleben und Vergnügen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden,
+nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft
+ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine
+Weile gestachelt werden, an Großstädtigkeit der Unternehmungen fehlt es
+nicht; aber wenn die natürlichen Kräfte versagen, tritt das Raffinement
+ein und das Raffinement des Verkehrs, gewöhnlich Schwindel genannt, soll
+hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist
+die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glänzendsten
+Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend
+Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt
+nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die
+Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste.
+Wo die größten Spiegel glänzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde
+niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste
+Scheinfülle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern
+scheint, kann man gewiß sein, auf hundert Fälle bei neunzig nur eine
+Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.
+
+Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen
+Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zuständen
+ergeben müssen, nachzuspüren. Der Totenwagen rasselt still und ernst
+durch dies glänzende Gewühl. Rauschende Bälle, in der Faschingsnacht ein
+Wagendonner bis zum frühen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die
+Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemälde doch eine dämonische
+Beleuchtung. Erschütternd war mir z.B. die Nachricht, daß der Philosoph
+Beneke von der Universität plötzlich vermißt wurde und wahrscheinlich
+sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, daß dieser redliche
+Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und
+besonders auf die neuere Pädagogik einen nützlichen Einfluß gehabt hat,
+seit länger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor
+werden konnte und sich mit einem jährlichen Gehalte von 200 Talern
+begnügen mußte! Zweihundert Taler jährlich für einen Denker, während es
+hier Geistliche gibt, die es auf jährlich 5000 Taler bringen! Beneke war
+ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen
+ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen.
+Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor
+zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Göttinger Professors nach
+Berlin gebracht. Seine Vorträge waren etwas ängstlich, seine Perioden
+allzu gewissenhaft, sein System knüpfte wieder an Hume und Kant an, er
+ging über die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkühn in die
+Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Solidität in
+einer Stadt wie Berlin, wo nur die glänzende Phrase, der saillante Witz
+und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinäre Schwindel etwas
+gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Köpfe,
+die nur in seiner Tonart zu reden wußten oder die es verstanden, ihrem
+sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und
+Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befördern
+konnte! Hamlet ist auch darin das große und Shakespearen auf den Knien zu
+dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, daß er
+auf des Königs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel
+der Beförderung."
+
+--Wer ertrüge Den Übermut der Ämter und den Kummer Den Unwert
+(schweigendem Verdienst erweist!)
+
+
+
+
+Neues Museum--Schloßkapelle--Bethanien (1854)
+
+
+Eine derjenigen Schöpfungen des Königs, in denen man unbehindert von
+irgendeiner drückenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue
+Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen,
+er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen
+inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Räumen aller lästigen
+Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fühlen und im
+Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen
+Kunstbestrebungen, die uns die Schönheit und Pracht von München, die
+Ausschmückung des königlichen Schlosses in Dresden, die neuen Pläne für
+Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmäler, Kunstausstellungen,
+Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das
+Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten,
+unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Stätte der
+Begrüßung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prüfenden,
+immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die
+sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und
+gefällig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt
+sind. Wir sind in Italien und in München vorbereitet auf das, was wir
+hier wiederfinden. Diese Räume hat mit den Eingebungen seines Genius
+vorzugsweise eine große, freie Künstlernatur zu beleben, ein Dichter mit
+dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem märkischen
+Sande stammen. So stört uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer
+Schwu1st, keine russischen Pferdebändiger, oder Athleten oder Amazonen
+erfüllen uns, während wir an Athen denken wollen, mit lakedämonischen
+Vorstellungen; selbst die hier in Berlin überall aushängende Devise:
+"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stört uns nicht. Man muß Schinkel
+einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf
+doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei
+der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von
+Palastentwürfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Öfen; aber es
+fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit
+des Stils....
+
+Eine zweite große Schöpfung des Königs ist die (Kuppeldachkapelle des
+Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine
+Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentümlichen Geschmack, wenn auch
+eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die
+gewaltige Wölbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet
+gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Gerümpel, freilich
+aber auch den vortrefflichen Schlüterschen Basreliefs, die jetzt die
+Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen
+als runden Bogens ist meisterhaft ausgeführt. Einen überraschenden
+Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewähren, der sich erst
+im Weißen Saale an den schönen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet
+hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen
+geschmückt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmäßig durch
+Milchglasglocken ihre Flammen dämpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle
+weder diese Größe noch diese Pracht. Bei längerer Betrachtung schwindet
+freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf
+Goldgrund überladene Gebäude wird dem Auge kälter und kälter. Der Altar,
+wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten
+Kreuze geziert, die Kanzel, der Fußboden, alles erscheint dann plötzlich
+so nur für die Schwüle der südlichen Luft berechnet, daß man das
+lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht
+innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das
+Spiel aller hier zur Verzierung der Wände aufgebrachten Marmorarten. Da
+gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der
+nicht eine Platte sich hier vorfände wie in einer mineralogischen
+Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich
+die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken
+zusammengestellt, die Förderer der Religion und des Christentums zu
+feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner
+Kirchengedanke. Huß, Luther, die Kurfürsten von Brandenburg stehen
+vis-à-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muß es an der einigen
+Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man
+kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst
+halten. Ach, und dieser Fanatismus für das konventionell Religiöse sitzt
+ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblüten! Man denkt nicht mehr, man
+prüft nicht mehr, man übt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt
+sie um ihrer Ehrwürdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren
+graues Haar unsere Kritik über die Schwächen, die sie besitzen,
+entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will
+nicht prüfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein
+die Tradition, die man auf sich beruhen läßt. Man schlägt sein
+rauschendes Seidenkleid in künstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl
+niederkniet; man schlägt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb
+gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rührung dieser
+Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mußte besiegelt werden, gesteht
+wohl auch seine eigenen sündigen Einfälle und Neigungen ein, gibt sich
+den Klängen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden
+Tränen der Nervenschwäche und Rührung hin und verläßt die Stätte der
+Andacht mit dem Gefühl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine
+Demonstration gegeben zu haben gegen die anstößige und in allen Stücken
+gefährliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Für diese
+Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen
+zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schloßkapelle.
+Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lästig werdenden
+Rücksichten einer solchen Art von Pietät.
+
+Weitentlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen,
+baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete
+Diakonissenanstalt. Man fährt an einer neuen, im Bau begriffenen
+katholischen Kirche vorüber und bewundert die großartige Anlage dieses
+vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu
+erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine städtische sein und ab und
+zu wird man von Bitten in den Zeitungen überrascht, die Bethanien zu
+unterstützen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein
+privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewöhnliche Zahl, für
+welche die nötigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuriös
+gespendeten Raume nach könnten noch einmal soviel untergebracht werden.
+Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der
+Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben
+erweckt, als wäre die nächste Bestimmung der Anstalt die, eine Art
+Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit
+Krankenpflege beschäftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des
+Unternehmens auf eine ähnliche Voraussetzung begründet. Bethanien soll
+eine Demonstration der werktätigen christlichen Liebe sein; die Kranken,
+mag auch für sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen
+gewissermaßen die zweite Stelle ein.
+
+Die Oberin der Diakonissen ist ein Fräulein von Rantzau. Unter ihr stehen
+etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl
+von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten
+sind auf Reisen begriffen, um auswärts ähnliche Anstalten begründen zu
+helfen. Die Tracht der größtenteils jungen und dem gebildeten Stande
+angehörigen Damen ist blau, mit einem Häubchen und einer weißen, über die
+Schulter gehenden Schürze. Wie gründliche Vorkenntnisse hier
+vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen
+allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen
+Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mägde, die im
+Souterrain an den höchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und
+Küchenvorrichtungen beschäftigt sind. Auch Männer fehlen nicht. Die
+Diakonissen sind überhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschäftigt
+und müssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und
+Umbetten der Kranken besteht, dem stärkern Geschlechte überlassen. Man
+bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus,
+der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit
+verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekämpfen, da unfehlbar
+ein zwangloses Behagen in der Nähe von Kranken und Sterbenden die ganze
+Stimmung unsers Herzens für sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die
+reine Luft, das Gefühl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den
+Kranken selbst zugute.
+
+Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste
+erklären diese Frauen und Mädchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer
+Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig
+bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks
+auf einen höhern sittlichen Zweck. Dennoch hätt' ich lieber gehört: Diese
+Institution wäre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton
+würde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei
+gemeinschaftlichem Wirken ist nötig, eine gleiche Stimmung muß alle
+verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob
+das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano
+aufgeschlagen fand, dazu gehört, möcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist
+der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich für
+Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt für immer getrennt
+haben; ein anderes diese vorübergehende Wirksamkeit einer Diakonissin,
+die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder
+aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden
+kann. Für einen solchen Beruf reicht Herzensgüte, Menschenliebe und eine,
+durch äußere Umstände hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz
+anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert
+die Bildung der Gesellschaft, die Humanität der Gesinnung, die Liebe zum
+Gemeinwohl, die Sorge für die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt,
+eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktätiges
+(Prinzip) durchgedrungen sein, daß man, um hier dreißig Frauen in einem
+Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, nötig hat, nach dem Gnadauer
+Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?
+
+Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rührung verlassen. Auch in Bethanien
+sieht man des Wehmütigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von
+Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren
+Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit
+bleiernen Soldaten und hölzernen Häuserchen. Ein blasser Knabe, der an
+der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte
+freundlich grüßend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den
+Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon
+draußen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden
+Frühling vertrösten, der Kleine litt am Rückenmark und wird nie wieder
+gehen können. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella"
+und Aladins "Wunderlampe" sehr nützlich, sehr heilsam sein kann. Aber
+Bethanien verläßt man doch mit dem Gefühl, daß hier, wie in unserer Zeit
+überhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen,
+des Arztes bedürftig zu sein.
+
+
+
+
+Zur Ästhetik des Häßlichen (1873)
+
+
+Himmel! Berlin sei unschön? höre ich einen nationalliberalen Enthusiasten
+ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemäßen Begriff aufstellen! Sie
+machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu
+unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, groß, selbst
+die Zukunftsgärten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein müssen!
+Die Opportunität, die große deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations-
+frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Städte! Die Stadt auch
+der Schönheit! Höchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg
+wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehört ja Graubünden und die
+Schweiz auch zu Berlin!
+
+Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe
+unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.
+
+(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen.
+Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straßengewühl, wenn es
+gerade geregnet hatte oder noch das Straßenpflaster vom Morgentau
+beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefährte aller Art
+sich zum Markte drängten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt,
+in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in
+Paris in der mächtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es
+auf Plätzen, Brücken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbögen, selbst
+Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedürfnis nur nach dem Schönen
+angelegt und konsequent durchgeführt!
+
+Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schönheit Wiens) war die
+Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang
+sehr fühlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiß
+der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat
+auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wälder abgehauen
+und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle
+Mittel schienen dafür gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der
+Wilhelmstraße entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense
+des Despoten, den man gewöhnlich Friedrich den Großen nennt. Kolonisten
+mußten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise
+einstöckig, diese Hütten neben den neuerdings errichteten
+Prachtzinshäusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem
+Großen Kurfürsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu
+einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern würdigen Schemel an ihrem Throne zu
+machen. Schlüter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mußten sich an
+Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann später
+Berlin. Friedrich der Große, Egoist wie er war, baute lieber Paläste für
+sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute,
+waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommißbrot.
+Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der
+Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in
+Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen
+Straßenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn würde die Geschichte am
+besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrönte
+Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar
+trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine
+entlegene Votivkirche Roms erinnern könnten. Seitdem stockt die
+Verschönerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als
+was ihre nächste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschönerung
+Berlins geregt hat, wird überholt durch die riesenmäßig gesteigerte
+Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der häßlichste Abbruch, Schutt,
+ein trauriger Anblick wie Straßburg nach der Belagerung geworden ist.
+
+Großartigkeit und in ihrer Art auch--Schönheit liegt in der Avenue vom
+Brandenburger Tor bis zum Schloß; aber man könnte noch hundert Jahre so
+fortbauen wie jetzt und brächte doch nicht den Eindruck permanenter
+Unschönheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im großen und ganzen, in
+der Nähe und in der Perspektive, durch einen größeren diktatorisch
+befohlenen Schönheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der
+Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das
+kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Straße, wo nur
+allein elegante Welt sichtbar würde, gibt es in ganz Berlin nicht!
+Überall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der
+Köchin, das Produkt des Handwerkers oder die Bürde des Lastträgers
+zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuß Breite bestehende
+Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, läßt einen am anderen
+dicht vorüberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souverän auf, selbst
+auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den
+Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Börse
+oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes
+neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel-
+Betriebslokalen, zu Werkstätten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem
+immerdar werkeltätigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die überall
+geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.
+
+Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloß ist ein Prospekt, der,
+wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis
+zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mächtigste gehoben
+fühlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in
+Paris möchte dagegen zurückstehen. Plötzlich aber am Dome sieht der
+Wanderer eine kleine Brücke, die in die innere Stadt führt. Noch eben
+denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich
+geschwungenen Brückchen, die über die Seine führen. Welcher Anblick wird
+ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrücke, früher um sechs Pfennige
+passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf
+demnächstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den
+Grabstätten der Könige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkästen, die
+in dem trüben Flusse vom Fuße des Schlosses nur allmählich weichen zu
+wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Äpfelkähne.
+
+Besonders unschön wird Berlin durch die über alle Beschreibung große
+Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste
+Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der
+umfassendsten Räumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschäfte solche in
+Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen
+sind. Nun hat man keineswegs die häßlichklaffenden Lücken von Holz-,
+Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Straße in Harmonie
+gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache,
+verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lückenhaft,
+verhäßlicht durchweg die Stadt, wie denn überhaupt der offne
+Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher
+Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schöneberger Ufer, eine
+ganze elegante Straße entstellen. Endlich ist der ordinäre Bretterzaun
+doch auch von dem königlichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!
+
+"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie
+honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach
+Reichstagspalaststätten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder
+Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den
+Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraßen liegen, mehr in Schwung zu
+bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche
+staatumwälzende Proklamation von einem Ständehause herab verlesen wurde,
+das deutsche Kapitol aus strategischen Gründen isolieren? Die Architekten
+scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes
+von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit
+vor diesen großen Plätzen, wo man in der Sonne keuchen muß, bis man
+endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung
+von dem großen Meilenzeiger am Dönhofsplatz, um welchen herum doch die
+meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwägung wert? Schreckte nicht
+die Erinnerung an die Grausamkeit König Ludwigs I. von Bayern, der die
+neue Münchener Universität an die äußerste Grenze der Stadt baute und die
+Studenten zwang, täglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch
+seine endlose, in der Hitze unerträgliche Ludwigstraße zu machen? Nun
+gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn für einen anderen Plan, den etwa
+mit der Königgrätzer Straße, Gärten zerstört werden müssen, alte
+ehrwürdige Linden abgesägt oder im Deckerschen Garten Bäume, die zu den
+Wundern Nordeutschlands gehören, wenn Millionen für Grund und Boden
+gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gärten dem Privatbesitz oder
+der Öffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt
+Statuen auf diese freigelegten Gärten! Mehr als jetzt Berlin aufweist!
+Man kann auch Fontänen dazu springen lassen, Ruhebänke anlegen,
+goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gußeisens
+bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen öffentlichen
+Gebäuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach
+Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.
+
+Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom früheren "Katzenstiege",
+jetziger Georgenstraße, rechts von der Friedrichstraße bis zum Gegenüber
+des Monbijou. In unmittelbarer Nähe eines der schönsten Prospekte der
+Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Königswache oder vom
+Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert,
+plötzlich an der Georgen- und Universitätsstraßenecke wie unter die
+Bedienten-, Küchen- und Remisengebäude einer fürstlichen Hofhaltung
+versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nächste Nachbarschaft des Kaisers,
+sein vis à vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Häuser stehen".
+In der Tat hieß auch früher die vorherliegende, jetzt noch leidlich
+gefällige Dorotheenstraße die "Letzte Straße". Wahrlich, hier fängt die
+Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum
+Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplätze, Milltärmontierung-Aufbewah-
+rungen, Kavallerieställe und das ungeheure schiefwinklige Gebäude der
+Artilleriekaserne, das an den Wänden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf
+grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend
+ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die großen Flächen
+vor den Toren verwiesen werden muß, die schon Kasernen genug aufgenommen
+haben. Gefällig ließe sich hier der Quai regulieren, die hölzerne
+Ebertsbrücke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das
+gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebäude in Einklang bringen mit der
+Börse, dem Museum, dem Schloß, der Universität und dem grünen Baumkranze,
+der drüben jenseits der Spree vom Schloß Monbijou herüber winkt. Wer
+jetzt diese Gegend durchwandert, muß sich sagen, daß hier alles den
+Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Überlebten
+trägt. Alles ist arm, unschön, unkaiserlich.
+
+An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse
+entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben,
+Eindrücke von einem so erhebenden Reize, als befände man sich in Genf im
+neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der
+Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst überall
+unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem
+Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien,
+im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wünschte, dieser Charakter
+wäre allgemein festgehalten und für das Ganze maßgebend. Hier bildet der
+Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schönen Gemäldes. Auch an anderen
+Stellen könnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des
+Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfängen zu
+Hilfe käme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1straße kommt und die
+Waisenhausbrücke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von
+jener Großartigkeit, die in Wasserstädten wie Hamburg, in den Seestädten
+Hollands so mächtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen.
+Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Häuserabbruch offengelegten
+Hinterfronten einiger Straßen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von
+Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrückliche Gebote an
+die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens
+dem Auge etwas gefälliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen
+Kolonnadengang des Mühlendamms über die Spree hinweg links zur
+Stadtvoigtei könnte trotz des mehr als wüsten Gegenübers für die vollere
+Wirkung einer belebten, echten Hafenstraße gewonnen werden.
+
+Für solche und ähnliche Ideen schwärmten in alter Zeit die Kronprinzen!
+Jetzt, wo der Fiskus für ein Reichstags-Gebäude im Tiergarten auf Grund
+und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gründer Unter den Linden
+gefordert haben würden, muß man sich schon begnügen, wenn nur die
+städtische Baukommission Künstler zu Referenten hat, die für Berlins
+Zunahme und Wachstum einen gewissen schöpferischen Plan im großen und
+ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt
+sich nicht darum, allmählich die Netze und Linien eines neuen
+Anbauungsentwurfes auszufüllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten,
+es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden
+Lücken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstören. Freilich
+ist die Macht des Besitzes so groß, daß selbst eine in solchem Grade die
+Straße entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer
+nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehörde gewichen ist! Das ist
+die Mühle von Sanssouci! Das soll nun groß sein! Begierig bin ich, was
+aus der großen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht
+dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastraße eine Litfaßsäule
+gegenüber.
+
+Auf das Häßliche in den Staffierungen der Straße durch ihr gewohntes
+Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Häßliche
+in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner
+Überzeugungen selbst beim schönen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr
+mißlich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fürchten unserer alles
+im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.
+
+
+ * * * * *
+
+II. Für und Wider Preußens Politik
+
+
+
+
+Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832)
+
+
+Wäre Repräsentation das alleinige Element des Liberalismus, so könnte
+Preußen in einer frühern oder spätern Zukunft noch der Stimmführer
+desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kämpfen nicht um Formen,
+sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir dürfen nur die Initiative
+der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingeführt werden
+sollen, wachen, daß sich ihre ursprüngliche Reinheit erhalte; daß sich
+nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische,
+nicht die Willkür sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern daß das Gesetz
+es sei, das entscheidet. Oder können wir uns mit dem Schwerte bewaffnen
+und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiß nur von Schwertern in der
+Hand des Eroberers oder des Richters. Die Völker demonstrieren nur mit
+dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie
+ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das übertretene. Werden die
+Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preußen eine
+längst versprochene Verfassung erhält? Nein, dann beginnen sie erst.
+Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen
+dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerüstete Krieger seiner Ruhe
+pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten
+Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht
+zurückgetragen. Fürchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der
+preußische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muß. Weil noch
+nichts entschieden ist, so finden wir überall Gesinnungen gegen Preußen,
+keine Meinungen. Man verehrt es oder haßt es, fühlt Sympathie oder
+Antipathie, aber die Gründe für das eine gegen das andre kann man nicht
+angeben. Wer für seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis führen
+wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine
+Gründe gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor
+dem preußischen Namen entweder mit gefalteten Händen oder mit dem
+Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund
+ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preußischen Verfassung
+offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen
+trügen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im
+Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht
+werden muß. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis
+rechtfertigen.
+
+Welches Bedürfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlaßt? Unstreitig
+das Bedürfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer
+Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Übereinkünfte über
+das, was man sich gegenseitig leisten und so für Recht ansehen wolle?
+Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Verträge
+gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewährt hat
+und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begründet ist? Die Völker haben
+diese Frage längst entschieden, ihre Fürsten sind noch andrer Meinung:
+Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres
+Kabinetts feststellen, oder sie erklären sich bereitwillig zur
+Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende
+Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der großartigen
+Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus
+verwitterten Pergamentblättern, aus den Heften moderner Doktrinäre.
+Machen wir die Anwendung auf Preußen. Wenn wir das gegenwärtig dort
+herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natürlich nur um
+einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von
+Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich
+ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und
+Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu
+bedürfen scheinen. Aber wir bedürfen immer mehr, als wir zu bedürfen
+scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir
+nicht eingestehen, daß uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen
+wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundübel der
+sogenannten humanen, weisen Regierungen, daß sie vor unaufhörlichem
+Wohltun das rechte Bedürfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon
+alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hände voll zu tun
+und sind so eilig, daß sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher
+das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unerträglicher ist, je
+gefälliger sie sein will. Diese väterliche, ja mütterliche Sorgfalt ist
+bekanntlich die Art der preußischen Regierung. Da piepsen die Kleinen
+unter den Flügeln der ängstlich wachenden Henne so zärtlich und sind so
+voll Rührung und Dankbarkeit für all das Gute, was ihnen ohne Verdienst
+und Würdigkeit erwiesen wird, daß man hier ordentlich von politischen
+Tränen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestört werden. Der König
+hat selbst den Grundsatz anerkannt, daß der Krieg der Vater aller Dinge
+sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsständen" in einem
+höchsten Dekrete versprochen. Daß ein solches Versprechen dem Lande wird
+gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwärtige Zeit dazu so
+ungeschickt sein. Man zögert, man weist die Bitten der Provinzia1stände
+um endliche Gewährung zurück; man will nicht, daß es den Anschein habe,
+als gäbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von
+dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er
+werde dem väterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm
+durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille
+seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu
+ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt dürfte die Verfassung
+werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten
+Europa hingeworfen.
+
+Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten über den Staat. Nach einer ist
+er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Näher bezeichnet sich
+dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine
+durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum
+des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen
+will. Die europäischen Staaten bieten Beispiele für die eine Ansicht so
+gut, wie für die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Rußland
+haben sich auf dem naturgemäßesten Wege entwickelt. Ihre politischen
+Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet,
+sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet größtenteils
+das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewöhnt hat, immer auf die
+Eigentümlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der
+Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer
+nicht müde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemüte,
+unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter
+Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Württemberg ohne Württemberger,
+ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne
+Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche,
+aber kein Deutschland haben. Preußen ist am meisten von der Geschichte
+ironisiert worden: Es repräsentiert den Zufall, das, was ist und auch
+nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte
+Sein auch in Preußen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein
+gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preußischen Doktrinäre in
+lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preußen von keinem Staate
+lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am
+meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse
+sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wären auf den
+Bäumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist
+nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen:
+Selbst die Reformation hat da englisiert werden müssen. Wer bewundert
+nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt,
+daß Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung
+einschlagen konnte? Und doch--in Preußen ist jetzt Ähnliches entdeckt.
+Die Doktrinäre klagen hier Friedrich II. an, daß er in die Regierung
+seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der
+einseitigen Aufklärung seiner Zeit nicht verleugnen könne; daß er den
+Adel des Verdienstes höher stellte, als den der Geburt; daß er ein
+Gesetzbuch gegründet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in
+zu grellem Widerspruche liege. Preußen sei berufen, die historischen
+Interessen zu vertreten. Es gäbe keinen Fortschritt, als einen durch
+frühere Zustände bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten
+Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortführer und
+Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die
+Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese
+Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so müßten wir uns
+auch andächtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die
+Zauberformeln, mit denen man in Preußen die Jugend alt macht und das Alte
+("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg
+ausgebrachter Toast) wieder verjüngt. Auf solche sogenannte historische
+Bedingungen wird die Verfassung des Landes begründet sein.
+
+Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repräsentation.
+Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein
+förmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern
+zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Übereinkunft. Die
+Zeit der Reformation machte diesem Verhältnisse ein Ende. Die Einführung
+des römischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben
+zusammenhing, zerstörte im Volke sein ursprüngliches Rechtsbewußtsein.
+Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem
+Schutze vermögender Fürsten gedeihen. Die religiöse Anregung band die
+Gemüter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als
+sie jener förderlich oder hinderlich waren. Fürsten und Bürger hatten
+dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaßungen des Adels sicher zu
+stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fürstlichen
+Souveränität. Aus fürstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die
+Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden
+wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveränität
+reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration.
+Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die
+Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer
+Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat
+eine Macht gewonnen, die öffentliche Meinung; diese wird in Preußens
+nächster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht,
+die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fürchten? Ist es nicht der alte
+Kampf der Demokratie und Aristokratie?
+
+Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der
+preußischen Konstitution einschlagen mögen. Die gegenwärtigen
+Provinzia1stände müssen die Grundlage derselben bilden. Man rühmt die
+Liberalität dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei
+Stände, des Adel-, Bürger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes.
+Woher aber das entschiedene Übergewicht der Aristokratie in den
+Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet!
+Verjährte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfründen,
+unverhältnismäßigen Erlaß der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne
+von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den künftigen
+Reichsständen, so kann man nur wünschen, diese nie ins Leben treten zu
+sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den
+adeligen Grundbesitzern. Auch die Städter können an Bildung z.B. mit den
+Bürgern süddeutscher Städte nicht wetteifern und die sie zum Landtage
+schicken, sind meist städtische Beamte, von der Regierung bestätigt, also
+mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so
+sind sie gegen den Adel in der Minorität und der Regierung gegenüber zu
+schwach, wie die Landstände am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.
+
+Die mittelalterlichen Stände haben ihre Freiheiten und Privilegien
+vertreten. Solche besitzen die preußischen nicht oder sollen sie ihnen
+noch erteilt werden? Sollen die Zünfte wieder eingeführt werden? Wollen
+die preußischen Könige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf
+ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stände vertreten. Aber
+unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermögens, nicht des
+zufälligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung
+jenes alten Zustandes wäre ein vol1ständiger Umsturz des herrschenden
+Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann.
+Es ist wahr, daß die Fürsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch
+ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stände bei dringenden
+Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fünf oder zehn Jahre
+Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis
+immer nur momentan, und erst der später ausgebildete Begriff der
+Souveränität nahm nach göttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm
+menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist
+den Ständen mit der Zurückgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr
+gedient, weil sie wohl wissen, daß jene verhaßten Abgaben ihnen weniger
+bereitwillig würden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten
+auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne
+offnen Angriff auf eine feine Weise plündert, wieder organisiert werden?
+Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott
+möge es behüten vor den Köckeritz und Lüderitz und vor den Kracht und
+Itzenplitz? Auch die Prälaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur
+um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein
+Stand mehr, obschon man in Preußen Bischöfe und Erzbischöfe nach
+englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat früher die
+Rechte ihrer Präbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das
+Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemühungen der
+Regierung die Meinung, daß die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet
+ist, so ist es in Preußen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt
+sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder
+genommen werden? Sollen Ritter, Städte und Geistliche die heilige
+Dreizahl bilden? Die preußischen Bauernaufstände gegen den Adel und
+Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Überall mag
+man nach historischen Anfängen einer den gegenwärtigen Zeitforderungen
+nur einigermaßen genügenden Repräsentation forschen, im Preußischen
+finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und
+pommerschen Herzöge sind eigentlich nur zu den Städten ihrer Territorien
+in ständischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht
+mehr denkbar ist. Sie waren die ärmsten Fürsten und die schwächsten
+zugleich. Nackt und bloß, mußten die Städte sie bekleiden, hungernd, von
+ihnen gesättigt werden. Die märkischen Städte waren Republiken mit
+vol1ständigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation
+zurückführten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es
+nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fürsten garantierten, sondern was
+sie ihnen gaben war Dank und Entschädigung für den Schutz, den ihnen die
+Markgrafen, ursprünglich eine militärische Behörde, angedeihen ließen.
+Noch anders war die Lage Preußens. Ein fast ganz unabhängiger Städtebund,
+blühend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel
+zur Seite, noch öfter gegenüber. Hier machte der Landadel mit den
+mächtigen Städten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg gemeinschaftliche
+Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten,
+verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen
+Polen ihre und des Landes Selbständigkeit. Alle diese Verhältnisse hat
+die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmöglich. Jede
+Annäherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern
+bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preußischen
+Monarchie in Sitte und Leben überall die Anklänge der Vergangenheit. Die
+Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen
+Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen,
+sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese
+Gegenden ein Schauplatz der unsäglichsten Verwirrungen, in denen sich
+nichts Altes rein und ursprünglich erhalten konnte. Man denke an die
+Stürme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Länder Jülich, Cleve, Berg
+erschüttert haben! Neben den politischen Umwälzungen, die sich hier ohne
+Aufhören folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig-
+keiten diese Länder so zerrissen, daß an eine Wiedergeburt hier nur durch
+Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.
+
+Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne
+verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum
+nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine
+dreifache Initiative. Die zweite Kammer würde dann die materiellen,
+vielleicht auch intelligenten Kräfte vertreten, die erste aber das Ewige,
+das Unveränderliche, das Unvergeßliche oder was weiß ich. Man denkt an
+eine preußische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor
+den Männern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fällen
+wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Während in der
+zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten
+die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann
+einmal, etwa bei einer Verhandlung über die Erblichkeit, Friedrich der
+Große in die Sitzung träte und anhörte, wie z.B. die neuliche Erklärung
+der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestät des
+Königtums zu begreifen, interpretiert wird, könnte er noch glauben, in
+der Hauptstadt eines von ihm gegründeten Staates zu sein?
+
+Wir gehören nicht zu jenen Toren, die die ehrwürdigen Trümmer früherer
+Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die
+Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Gräbern, da auch unsre Zeit
+einen so schönen Frühling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen läßt. O
+wir fürchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in
+Preußen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit
+zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rätsel hat sie gelöst und
+auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das
+ist aber das Herrliche dieser Zeit, daß, wer die Ansicht widerlegt, auch
+die Macht überwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Ödipus
+kommt, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund.
+
+
+
+
+Drei preußische Könige (1840)
+
+
+Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die
+letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III.
+Diese Botschaft mußte mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der König
+müsse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt
+erschüttern. Die häusliche Zurückgezogenheit, in der der Verstorbene
+lebte, hatte es unmöglich gemacht, seit Jahren über seinen
+Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich öffentlich,
+so erschrak man zwar über die in letzter Zeit außerordentlich gealterten
+Züge, aber die Haltung des Königs war von jeher so grad und ritterlich
+gewesen, daß ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verließ, und man an
+eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener
+mußte man über den Volksglauben sein. Man machte geltend, daß in jedem
+Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preußen einen Thronwechsel oder
+irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nächtlichen
+Umgängen der weißen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft
+erschien der König hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im
+Theater. Nur die ängstliche Einführung Schönleins in die innern Gemächer
+des ab und zu als kränkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes
+Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.
+
+Läßt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender König
+und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des
+Geschützes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Großen
+verkündete? Wie drängen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit,
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wünsche und Hoffnungen
+müssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre können erwachen,
+Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen müssen sich
+durchkreuzen. Wer hat den Schlüssel, um zu erraten, was der jetzt Tote
+dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, daß
+gerade die Erinnerung an den Begründer der preußischen Monarchie in ihrer
+Stellung zu Europa die letzte öffentliche Tatsache im Leben Friedrich
+Wilhelms III. sein mußte? Ist dies eine Sühne der Vergangenheit oder ein
+Fingerzeig für die Zukunft? Den Ratschluß des Weltgeistes umhüllen noch
+tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die
+Sonne sein, die sie erhellt.
+
+Bei den Ägyptern sprach man über die toten Könige Gericht. Man wird in
+öffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres über
+Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben,
+dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand
+sich rühmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht
+sein Stolz war, und wird ihn vielleicht für das loben, wofür er sich
+selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Sie werden
+von Tausenden ihres Volkes für dasselbe verwünscht, wofür sie andern
+Tausenden die Heißersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind,
+das der Blitz erschlägt, und tränkt die dürstende Erde, die nach ihm
+schmachtete.
+
+Mag man nun mit Montaigne glauben, daß "herrschen" le plus aspre et
+difficile métier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von
+Oxenstierna einst ironisch angewandt), daß zum Herrschen gerade das
+wenigste Hirn gehört (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es
+übrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von
+dem, was über den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der
+rührende Moment oder persönliches Interesse überflüssig hinzufügt, so
+viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoßen können, daß der innige
+Zusammenhang der Schicksale, die die preußische Monarchie trafen, mit der
+Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlöschendes
+Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn
+schon früh für eine stillere Ergebung in das Unglück reif. Die Mäßigung,
+die ihn in seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschte, lehrte ihn
+auch, das spätere Glück ohne Überhebung ertragen. Er nahm die Gaben des
+Geschicks mit einem Gefühl an, das ihn auf alles gefaßt machte, wenn es
+nur nicht überraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen
+vermeidend beängstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt
+auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener
+Selbstbeschränkung, den Preußen, ein innerlich so kraftvoller und nach
+außen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne für seine
+Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein
+Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt und diese Tatsache
+war vielleicht die glücklichste Erfahrung für das Wohl des Staates in
+einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in
+Bewegung setzte und es Staatsmänner gab, die so gern neue Manifeste des
+Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit
+kecker Hand in die Zügel gefallen wären. Friedrich Wilhelm III. war nicht
+so groß in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.
+
+Daß man sich in Preußen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorüber ist
+und den Horizont keine Kriegswolken trüben, nach positiven Schöpfungen
+sehnt und das Feld für einen großartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun
+geöffnet sieht, beweist die ängstliche Spannung Preußens, Deutschlands,
+Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde.
+Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, daß
+wir hier nicht einen Jüngling auftreten sehen, dessen politische Ideen
+noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen
+gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun
+anvertrauten Regierung gründlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt
+wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektüre er sich Stellen
+unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und daß es solcher
+Stellen und Merkzeichen viele geben müsse, beweist der allgemein selbst
+in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, längst
+angelegtes und bald hervortretendes System.
+
+Man erschöpft sich in Vermutungen über das politische Glaubensbekenntnis
+des neuen Königs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht
+gerade einige talentvolle Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der
+Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die
+vornehmimponierende und doch gefällige Haltung des neuen Herrschers mit
+Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund
+der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reaktionäre Geister
+geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persönlich
+kannte, so wird er bald gefunden haben, daß die naive Lebensunsicherheit
+dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu
+seinen politischen Phantasmen und Träumereien Vertrauen einflößen kann.
+Wie würde auch die große Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz für seinen
+ruhmgekrönten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu
+politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens
+und ihnen ähnliche, in Friedrich dem Großen nur einen gekrönten
+Jakobiner sehen?
+
+Man rühmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm
+Verstandesschärfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes
+und hat mehr Sinn für das Zivile als Militärische. Er liebt den Umgang
+mit Gelehrten und Künstlern, von denen viele sich seiner nähern
+Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente
+hinzugeben, bezeugt der gemütvolle, anspruchslose Brief, den er an
+Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der
+ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und daß ihm selbst der
+schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein dürfte, beweist der
+Umstand, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen
+wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Großen eher nachzusehen
+pflegt, als Kleinen, weiß man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerühmt. Er
+besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung
+für ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft
+ausgezeichneten Rednergabe, weiß ich nicht. Jedenfalls würde eine
+religiöse Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern
+einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist möglich, daß sie die
+Frucht einer entweder gemütlichen oder philosophischen Abneigung gegen
+einseitige Verstandesreligiosität wäre. Es ist kein Zweifel, daß der neue
+Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist
+wahr, daß ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so
+wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der
+Einfluß des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts
+Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins
+Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiß im Auge, wenn auch die Zeit erst
+lehren muß, wo es liegt. Für gedankenlos halte man keine seiner
+Unternehmungen. Ratgeber wird er hören, ihnen aber nicht immer folgen.
+Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, für öffentliche Schritte
+fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung
+ändern, nie aber einen Schritt wieder zurücktun. Es lodert viel Feuer in
+ihm und sein Geist wird oft in den schönen Fall kommen, heftigere
+Regungen des Gemüts zu zügeln. Der göttlichste Triumph, den uns der
+Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft
+beglücken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann
+darnach den Versuch machen, ein Porträt zu zeichnen und muß sich zuletzt
+doch eingestehen, daß der--Versuch eine Pfuscherei ist.
+
+Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrütet, so viel kleine
+Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, daß ich wohl begierig wäre, was einer
+von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine
+Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab),
+dem neuen Herrscher ans Herz legen würde. Mit guten Lehren aus dem
+frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, würde es wohl
+ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fürst soll keinem
+Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bändige eine
+Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben
+nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man
+Königen gegeben hat! Sie werden fast alle lächerlich, wenn man sie auf
+bestimmte Fälle anwendet, oder sie setzen an Fürsten dasjenige als
+lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19.
+Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind
+Ratschläge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was würde wohl
+mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preußens
+zu Rußland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein?
+Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von
+Jahren den Geschäftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er
+wird sich längst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet
+haben. Wer die Entwürfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist
+leicht möglich, daß Friedrich Wilhelm IV. für Europa einige
+Überraschungen im Sinne hat.
+
+Man spricht jetzt soviel über Friedrich II. Was ist es, das an ihm so
+außerordentlich gerade jetzt in die Augen spränge? Will man einen
+schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveränität?
+Nein. Es ist das Persönliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so
+bewundert wird. Preuß und andere haben so herrliche Züge von der freien,
+unabhängigen, entschlossenen Denkungsart dieses Königs mitgeteilt. Man
+hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt würden für
+staatsgefährlich erklärt werden. Es ist kein Zweifel, daß man mit dieser
+Vergötterung Friedrichs des Großen einen Wunsch für seine Nachfolger
+aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik
+gegen die Gegenwart.
+
+Was könnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Großen lernen?
+Vieles für die Personen, weniger für die Sachen. Nicht alles würde jetzt
+so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben würde.
+Wohl aber würde man für die Mittel und für die Ratgeber lernen können.
+Theoretiker am Staatsruder würde er mit Recht für Schwindler erklären und
+das Nächste würde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich über
+die Religion dachte, war nicht gut für die Schule, besser schon für die
+Kirche, vortrefflich für die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der
+ihn beseelte, war schlecht für den Aufbau des Neuen, aber gut zum
+Niederreißen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden
+Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe
+benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich
+II. bewundrungswürdig. Man fühlt, wenn man seine Antworten und
+Resolutionen liest, daß man für jedes Leiden bei seinem Gemüt wohl eben
+keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhülfe würde gefunden haben.
+Seine Phantasie und sein Geschäftseifer machten ihm das Verständnis jedes
+ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht nötig, wenn man
+einen Minister verklagte, zu fürchten, daß man an eben diesen Minister
+würde verwiesen werden.
+
+Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit
+seiner Regierung gebührt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grün
+des Fichtenhains, der die sterblichen Überreste seines Vaters und seiner
+Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als daß man aus seinem
+Auge etwas andres erraten könnte, als Tränen. Er wird nicht damit
+beginnen, Schöpfungen seines Vaters umzustürzen, er wird niemanden, der
+des Seligen Vertrauen besaß, aus seiner Nähe entfernen. Aber die
+Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten
+erledigten Ministerstelle dürfte vielleicht das erste Symptom des
+Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf
+das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lächelndernster,
+mit bangfroher Erwartung.
+
+
+
+
+Das Barrikadenlied (1848)
+
+
+Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Bürgerbrust! Jeder Freie ist
+geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Laßt
+uns graben, laßt uns schanzen! Fässer her und Steine drauf! Trottoire,
+glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles hält die Kugeln auf.
+
+Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurückgewandt! Laßt sie
+schießen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie
+Brüder, haltet Stand!
+
+Faßt mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drückt die Büchse los!
+Offiziere, könnt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in
+Eures Königs Schoß.
+
+Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die
+zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fünfte folgt
+Ihr nicht!
+
+So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf
+des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt!
+
+
+
+
+Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+
+
+Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemüter bewegt, fing klein an. Der
+Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung
+einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte,
+wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die
+in verworrenem Durcheinander über Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige
+von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vorträge geworfene
+Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn
+zum Präsidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er
+aber nicht zurückwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme
+am gemeinen Wesen ede1ste Bürgerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren
+Debatte verfaßte und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und
+Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags
+wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim überreicht.
+
+Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das
+Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u.
+19. März eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr,
+die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gründe, mit
+denen man sich bekämpft, sind nicht immer redlich. Ich finde es
+unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der großen Masse sagt: Wollt
+Ihr einen konstitutionellen König? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne
+Beirat der Stände? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und
+die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen
+konstitutionellen König, wir wollen nichts ohne die Stände usw. Der König
+ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht
+haben. Der König hat sich mit dem Vereinigten Landtag früher als
+absoluten Fürsten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben
+diesem absoluten Fürsten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem
+konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die
+Konstitutionalität des Königs durch die Berufung des Vereinigten Landtags
+beweisen will.
+
+Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas
+neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphäre, vorteilhaft
+auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdächtigen etwas die
+Sympathie, die sich für ihn zu erkennen gibt. Die Buchhändler haben noch
+so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager:
+Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung,
+eine Konsolidierung der Verhältnisse, die Börse will endlich Kurse
+notieren. Die früheren Abgeordneten, die da merken, daß ihre Stunde
+gekommen ist, regen sich auch. Sie möchten gern, das wittern wir in der
+Luft, Römertaten von Entsagung aufführen, recht flatternd den Mantel nach
+dem Winde hängen und die Lüge noch mehren helfen, die uns so schon
+verdächtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und
+vermehren das Mißtrauen in diesen alle Zeit ja rein prekär und von der
+königlichen Gnade abhängig gewesenen Staatskörper.
+
+Man sagt, man könne eine moralische Versammlung nicht töten. Und doch
+verlangt Ihr, daß sie sich selber töten soll? Ich gestehe, ich möchte
+nicht auf den Bänken dieses Landtags sitzen mit dem Bewußtsein, daß ich
+mich überlebt hätte, daß ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner
+unmöglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken,
+vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen
+niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind
+Provinzia1stände, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne
+Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctorität, ja sogar erst die
+Periodizität ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir
+haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefühlt, wir haben
+immer dahin protestiert, daß wir nicht die Stände, die 1815 versprochen
+sind, vorstellen, und so können wir nichts anderes tun, als uns in
+Provinzia1stände, was wir sind, auflösen, nach Düsseldorf, Münster,
+Königsberg, Breslau gehen, für das Wohl der Provinzen sorgen und uns der
+kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewährte, freiwillig
+begeben.
+
+Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich rüsten
+darauf:
+
+1. daß dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1ständig erscheinen, 2. sich
+für inkompetent erklären und 3. von der noch gärenden Aufregung
+vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird.
+
+Wünschen das die Minister? Können es die Freunde des Friedens und der
+Ordnung wünschen?
+
+Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt
+werden. Und überall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese
+Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklären, sie würde von diesen
+Provinzia1ständen nimmermehr Deputierte, die das preußische Volk zu
+vertreten hätten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen
+Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und
+solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, daß man den Vereinigten
+Landtag, als solchen, fallen läßt. Preußen bedarf in diesem Augenblick so
+dringend der allgemeindeutschen Sympathie.
+
+Wir haben nötig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die
+Konstitution bespricht, und dann erst mögen die neuen Stände kommen, die
+vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament).
+Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Stände. Wenn das
+deutsche National-Parlament über vier der wichtigsten Lebensfragen eines
+Volkes zu entscheiden hat, werden die Ständekammern aller deutschen
+Staaten ohnehin nur gewissermaßen zu Provinzia1ständen herabsinken. Warum
+streiten wir uns über das künftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es
+sich nur um eine konstituierende Versammlung für Preußen, und diese muß
+allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz
+abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie möglich. (Dahlmann) hat gewiß
+Kenntnisse preußischer Verhältnisse genug, um rasch ein solches
+Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird
+vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustände des
+historischen Augenblickes, nicht an seine Göttinger Diktate zu halten.
+
+Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurück von einem
+konstitutionellen König, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun
+könne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller
+König ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution,
+die wir erst bekommen sollen. Ein Preßgesetz war rasch erlassen, ohne die
+Stände. Da besorgte man, die Freiheit der Presse müsse doch gleich eine
+beruhigende Form haben. Jetzt berufe der König eine konstituierende
+Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder
+so modifiziert, wenn nur überwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit
+ehrlich entsprechend, werden ihm die Männer bringen, die allein die
+Gegenwart und Zukunft organisieren können. Es ist sophistisch, hier von
+einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der König ist in diesem Augenblick der
+Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm
+die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies
+und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Stände, Inneres,
+Äußeres, Deutsches, Preußisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt:
+Der König darf die Bürgerwehr nicht ohne die Stände geben, die deutsche
+Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt
+Ihr von ständischer (Zustimmung) sprechen? In der gefährlichsten Frage,
+wo der meiste Egoismus zu fürchten steht?
+
+Der Vereinigte Landtag enthält Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert)
+sind. Seid gewiß, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen!
+Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderäte usw., die durch Vorrechte
+gewählt wurden und die lärmendste Agitation (für) den Landtag machen, die
+wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags
+erblick' ich auch nicht. Kräftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so
+vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muß man sagen: Der Vereinigte
+Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Königs geschenktes
+(Rendezvous). Die Provinzia1stände sollen nicht sogleich vernichtet
+werden. Sie mögen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine
+Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich
+mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille
+auflösen oder, wäre es der Fall, daß das deutsche National-Parlament nur
+Provinzia1stände um sich sehen will, einer neuen Organisation
+entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stände ist etwas
+rein Arbiträres, Zufälliges gewesen, und keinen Landstand kann es
+beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.
+
+Also, laßt Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich,
+einseitiger Willkür. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen,
+freien Gesinnung gräbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf
+gebaute wahre Stände des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle
+von oben aufhören. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist,
+wollen wir froh sein, wenn die stürmisch gewesenen Vorboten des
+angebrochenen Völker-Frühlings uns noch recht viel solcher Blüten vom
+Baume der Majestät schütteln, wie diejenigen waren, welche wir in den
+jüngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein
+Wahlgesetz gibt jetzt nicht der König sondern das Volk, die Zeit, der
+Sieg des Augenblicks.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Preußen und die deutsche Krone (1848)
+
+
+Man kann es vom höheren, vaterländischen Standpunkte aus nicht billigen,
+daß sich Süddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den
+gewaltigen Umschwung unserer Verhältnisse hervorriefen, nur die
+Ereignisse vom 18. und 19. März herausgreift und auf diese schmerzlichen
+Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preußen desavouiert. Denn
+was man gegen die Person des Königs sagt, trifft in diesem Falle das
+Land, trifft Preußen und viel empfindlicher Deutschland selbst.
+
+Man berät eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu wählenden
+kürzeren oder längeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier
+Deutscher" steht es fest, daß selbst die freisinnige, deutsche,
+hochherzige Bewegungspartei für die Idee einer preußischen Hegemonie ist.
+Die süddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation,
+einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten
+anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. März
+soll Preußen plötzlich "unmöglich" geworden sein? Darin liegt eine
+politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.
+
+Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir möchten sämtliche
+deutsche Fürsten auf eine Art Standesherrenschaft zurückführen, ihnen in
+Frankfurt (einem nicht gut gewählten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar,
+Nürnberg wären besser) eine ehrenvolle und würdige Vertretung ihrer
+Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein
+temporäres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt
+regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fürsten
+ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen
+Wünschen sich zu fügen; ja sogar größere Fürsten, die Könige heißen, ob
+sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzöge oder Landgrafen heißen
+sollten, ich sage, selbst größere haben Wärme und Gefühl für das
+Gemeinsame genug, daß sie freiwillig ihre Souveränität angeboten und auf
+den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein König
+sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kräftig genug
+fühlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser
+idealen Richtung sich verwandter fühlt. Von Österreich würde man immer
+nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn
+auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche
+Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen ließ, sie kann nur
+vorübergehend sein. Warum nur vorübergehend? Weil einmal die
+Persönlichkeit des gegenwärtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens
+der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedüngten Grundlage im ganzen
+Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewünscht werden
+kann, daß Deutschland wieder in das Schlepptau der europäischen Politik
+des Hauses Habsburg genommen wird. Was man für [die] Reorganisation
+Deutschlands tut, muß ohne organische Aufnahme österreichischer Elemente
+geschehen. Österreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.
+
+So bliebe immer nur die preußische Anlehnung als die hauptsächlichste und
+entscheidendste übrig. Das schlechte Preußische ist ja im Innern zerstört
+und wird noch mehr zerstört werden durch Amalgamierung mit dem übrigen
+deutschen Stoff; das gute Preußische aber ist für Deutschland so
+wesentlich, daß es Torheit und Verblendung wäre, sollte sich auf ein
+einzelnes Faktum, über das wir noch später sprechen werden, auf eine
+einzige dem Königtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme
+Preußens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in
+Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher
+Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwünschungen
+ergehen, Lieder singen usw., aber die nüchterne Erwägung der Tatsachen
+sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und über die Personen
+nicht die Sache zu verlieren!
+
+Isoliert man Preußen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar
+konstitutionell bindenden Königs, dessen Persönlichkeit indessen nicht so
+nach Gefallen zu beseitigen ist, so könnte der deutschen Wiedergeburt
+eine große Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die
+Hauptstadt Preußens, pommersche und uckermärkische Bayards wiegeln die
+unzurechnungsfähige altfränkische Loyalität der Bauern und den Ärger des
+Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Führer sind geradezu
+verdächtig, die ganze Maschine der Verwaltung läuft noch in den alten
+Wellen und Rädern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung
+und läßt im Adressenrauschen und Fraternitätspredigen vielleicht den
+Moment der Tat vorübergehen, Rußland, das gerüstete, einige, feste weiß,
+was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preußen unvorbereitet,
+uneins, zögernd, den König verstimmt, abgekühlt durch Eure Proteste, der
+Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Süd- und Westdeutschland
+haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die
+militärische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und
+vertrauenerweckender Art.
+
+Preußens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fließens,
+Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preußen in sich
+aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preußen zurück? Ist es
+nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch
+Mißtrauen in das von Euch bespöttelte Berlin, dem Ihr in diesem
+Augenblick allein den kräftigsten Beweis einer in Deutschland doch
+möglichen Auflehnung gegen Übergriffe und Anmaßungen der Gewalt verdankt?
+Berlin hat sich nicht nur durch seinen persönlichen Mut zur geistigen
+Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fülle von Fragen,
+die sich in politischer und sozialer Rücksicht hier allein aufgeworfen
+haben. Man kam fast nirgends über die patriotischen und liberalen
+Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des
+Volkes auf.
+
+Nenn' ich die Isolierung Preußens in diesem Augenblicke unpolitisch, so
+ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen
+das preußische Volk, ungerecht sogar gegen den Fürsten. Was am 18. März
+verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fürsten. In Wien ist
+auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad würde
+ebenso groß geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der
+Absetzung Metternichs eine rasch ausführbare Konzession gehabt hätte.
+Metternich stand schon so schwankend, daß er durch eine Straßenbewegung
+fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militär als
+solchem lieferte, dem Militärstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz,
+es war ein fast persönlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fürst,
+umgeben von solchen Generälen, solchen militärisch gesinnten Prinzen,
+solchen militärischen jahrhundertalten Arroganzen, hätte ebenfalls feuern
+lassen. Der König braucht darum gar nicht persönlich der "Würger" und
+Schlächter zu sein, für den ihn die Heidelberger Adresse erklärt. Er ist
+ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militärischen
+Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brüder und
+sogenannten Jugendfreunde, der Frömmlinge, der Volksverächter jeden
+Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbständigkeit er
+in sich selbst besitzt in dem Gefühl seiner nunmehr achtjährigen
+widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen
+vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise
+umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise,
+edel sein zu wollen, und dem Bewußtsein, gut, gerecht, weise, edel sich
+selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenüber immer als das Gegenteil
+davon hervortrat: so ist es im höchsten Grade ungerecht, die völlige
+Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. März die Lust bezeugte, das
+Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn
+innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an
+die deutsche Sache zu erkälten. Noch bedürfen wir, um das, was in
+Frankfurt bezweckt wird, auszuführen, der Persönlichkeit unserer Fürsten.
+Noch kann die Reue, das Bedürfnis nach Popularität, der geweckte
+Enthusiasmus des preußischen Königs in die Waagschale der Frankfurter
+Entschlüsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem,
+was am 19. in Berlin geschah und wie es in München, Kassel, Karlsruhe,
+Hannover geschehen sein würde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine
+kräftige Miene gezeigt hätte! Mit Worten ist in Städten, die ich nicht
+nennen will, von unseren Fürsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin
+mit Waffen.
+
+Deutschlands Wiedergeburt unter dem preußischen Banner ist, so lange wir
+in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige
+kraftvolle und Zukunft versprechende Lösung des Augenblicks. Wollt Ihr
+die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so könnt Ihr nur den
+Mächtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person
+vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!
+
+Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer
+unüberwindlichen persönlichen Abneigung, so treten folgende Fälle ein:
+Erstens werden wir um die Rußland in Schach haltende polnische
+Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus
+friedlich geschaffenes Königreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich
+sich abfinden dürfte. Zweitens hätten wir die russische Invasion, die ein
+innerlich zerworfenes, militärisch unorganisiertes Deutschland, ein für
+den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preußen vorfände. Drittens
+endlich, wer schützt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten,
+grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoß der
+nächsten Zukunft, wenn Süddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten
+so fortfährt, wie es begonnen, es sei denn, daß der König von Preußen,
+der großen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstände,
+den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung"
+gegeben hat.
+
+
+
+
+Abwehr einer Verleumdung (1850)
+
+
+In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die
+Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des
+politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb
+als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden,
+weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein.
+Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber
+doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht!
+Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er
+wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen"
+herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern
+hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht
+sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte
+Barrikaden befehligt?
+
+Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte,
+wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir
+Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich
+bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense
+sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich
+habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit
+Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines
+Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer"
+fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem
+Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und
+Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt,
+Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht
+erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als
+ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach
+verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich
+wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er
+mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie
+nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht
+mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem
+patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen
+Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für
+revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und
+ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin
+ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal
+zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am
+liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier!
+Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu
+allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues,
+Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich.
+Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem
+Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne
+Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie
+jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und
+zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam
+freilich für immer sehr weiß heraus.
+
+Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein
+"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt",
+so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit
+entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen
+Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de
+Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also
+während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines
+Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich
+beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen
+Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb,
+weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der
+war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und
+dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die
+trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert.
+
+Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten
+Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken
+und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können,
+doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als
+rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es
+nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert
+oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück.
+
+Dresden, 23. Februar 1850.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Varnhagens Tagebücher (1861)
+
+
+Wir mögen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in
+manchen Blättern über Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlaß
+ihres Oheims (zwei Bände, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet.
+Die Ausdrücke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region,
+wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen
+getroffen fühlt.
+
+Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei
+ersten Bände treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persönlichster
+Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen
+Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier
+verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die
+kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu
+Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewährt es einen hohen Genuß,
+sich sagen zu können: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzügen
+deines Lebens beteiligt, fühltest dieselben Gewaltschläge der Schergen,
+hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste
+lebt sich ein älteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen
+noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.
+
+Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veröffentlichungen, sie
+lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietät vor der
+gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und
+vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur
+in hastiger Erwartung des Zukünftigen unsere Befriedigung zu finden. Je
+massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die
+Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des
+Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und
+Persönlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der
+Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflüster
+der Göttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persönlichkeitskultus,
+den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitäten willen
+verurteilen wollen.
+
+Welche Fülle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bände enthalten,
+ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir können allerdings den
+verstehen, der die Möglichkeit, solche Tagebücher zu führen, in mehr
+bedenklichen als guten Charaktereigentümlichkeiten finden will; das vor
+uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und
+nützlich. So viel läßt sich bei jedem einigermaßen Urteilsfähigen
+voraussetzen, daß ihm nicht jede dieser flüchtig hingeworfenen Äußerungen
+maßgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht
+alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen;
+Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es
+nur allein schon den Hochgestellten und Mächtigen, daß sie überall sich
+eingestehen müssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fußangeln
+gewarnt, aber hüte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht
+zu sein!
+
+Auch darin müssen wir eine höchst interessante Wirkung dieser
+Veröffentlichungen sehen, daß wir die außerordentliche und fast
+unglaublich scheinende (Natürlichkeit) kennenlernen, die in gewissen
+höhern Regionen waltet. Möglich, daß zwei Dritteile dieser hier vom Hofe,
+den Prinzen, den Staatsmännern Preußens aus den oben genannten Jahren
+mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzählt oder leere Erfindungen des
+Gerüchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurück, um uns ein Bild
+dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen
+der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stürmt der Zugwind am meisten
+um große, alleinstehende Kirchen und läßt schon in der Legende den Teufel
+da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fürsten und Regierende
+genug selbst gesprochen, teilt Äußerungen von erlauchten Lippen genug
+selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu
+erwecken: So also beängstigt euch Herrschende doch die Zeit und die
+tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite
+steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt
+hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche
+Leidenschaft der Menschen nicht--! unablässig Wirkungen hervor, deren
+Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles
+so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen
+so heiß siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie
+vorläufig! Diese Hände konnten mächtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht
+dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den
+Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektüre dieser
+Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso
+hilfsbedürftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.
+
+
+
+
+Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862)
+
+
+Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken
+über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen
+Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal
+ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht.
+Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint
+uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben
+sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein
+psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes
+uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die
+Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte
+in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre
+hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der
+Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von
+derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes
+geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger
+Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht-
+lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des
+Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein
+eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und
+lehrreich ist.
+
+Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit sind allerdings diese
+Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerückt. Aber waren wir
+denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften
+Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer hätte nicht damals sich
+mitten auf die Straße stellen und seine Stimme laut erschallen lassen
+mögen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksführer zu
+entlarven, Abtrünnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten
+preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die
+auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden
+Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland,
+zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen,
+falschen, der nächsten Klugheit widersprechenden Maßregeln die sonst
+ruhigsten Gemüter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der
+Fürsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen
+Zündstoff, um die Gemüter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier
+oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken,
+Bösewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder
+zwischen den Zähnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste
+Vergegenwärtigung einer Zeit vor, die leider für die Wiederaufnahme
+dessen, was sie uns hätte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und
+nutzlos vorübergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu
+entrücken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den
+Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es
+wäre ein unermeßliches Unglück für unser Vaterland, wenn die Stunde der
+Erlösung von unsern gegenwärtigen, von den Regierungen ja selbst für
+unhaltbar erklärten Zuständen zu einer Zeit schlüge, wo die Lehren der
+Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wären.
+
+Deshalb schon und um dieser nützlichen Vergegenwärtigung der Lage willen,
+in welche Deutschland bei einer verhängnisvollen Krisis immer wieder aufs
+neue wird geraten können, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen
+mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und
+"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mögen doch
+nicht glauben, daß man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden
+sind, nun wirklich dafür halten und in der Geschichte als solche stempeln
+wird. Viele davon mögen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber
+auch diese mögen annehmen, daß die öffentliche Meinung an ihre Reue und
+an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrät der Ton dieser
+beiden neuerschienenen Bände, daß der Verfasser der "Tagebücher" wirklich
+an der Zeit krank war und über die Täuschung seiner Hoffnungen oft sein
+Herz brechen fühlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden
+und geschildert wird, ist in der Tat erschütternd und versöhnt uns nicht
+nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern überhaupt mit
+manchen Zügen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns früher nicht
+hatten befreunden können. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte
+der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an
+den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schöner nicht in den Werken
+der berühmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.
+
+Auch diese neuen Bände werden vielen Federn Anlaß bieten, in mannigfacher
+Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift
+fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken,
+die auf den politischen Charakter Preußens und Berlins geht. Jene Jahre
+waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten
+sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die
+Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geäffte
+Bürgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewältigenden
+Straßengeist Berlins, sondern an die Sphäre der Intelligenz und der
+privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentümlicherweise
+aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition
+gestellten Militärs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur
+Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen,
+Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphäre ist so
+höchst auffallend, daß man die Gefahren des Throns weit weniger versucht
+wird in der demokratischen Sphäre zu suchen als da, wo der Thron seine
+Stützen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlässigkeit, Rachsucht,
+hämische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer müßiggängerischen
+Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen
+Nachen denken läßt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und
+Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher
+Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche
+Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsführung anstreben. Denkt
+man sich diese spezifisch berlinisch-preußischen Elemente beim Beginn
+eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so
+außerordentlich viel Weisheit, so außerordentlich viel (nur durch die
+Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten
+Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen läßt,
+ernstliche Besorgnisse einflößen.
+
+
+
+ * * * * *
+
+III. Drei Berliner Theatergrößen
+
+
+
+
+Ernst Raupach (1840)
+
+
+Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben.
+Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu
+schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen
+nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt
+haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht
+die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat
+von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht
+für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen)
+zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls
+wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf
+schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die
+Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen
+Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen
+Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche
+darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man
+seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß
+Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende
+Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen
+werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen
+bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die
+Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.
+
+Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der
+Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür
+anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen?
+Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte
+von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn
+Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus
+seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'
+es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines
+Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer
+derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben
+den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen
+Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-
+faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,
+weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht
+Vergängliche verschwenden ...
+
+
+
+
+Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843)
+
+
+Es bestätigt sich denn wirklich, daß nach des Sophokles "Antigone" nun
+des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Königl. Hoftheater in Berlin zur
+Darstellung angenommen und zu demnächstiger Aufführung bestimmt zu sein.
+Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh.
+Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chöre zu instrumentieren.
+Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit
+denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden füllen können.
+
+Die ästhetische, lebendige, durch und für die Zeit lebende Kritik kann
+aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muß sie dieses
+pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfüllen. Sie muß es
+unerschrocken aussprechen, daß die Vergeudung der Kräfte, die eine solche
+scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet,
+eine unverantwortliche Beeinträchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur
+eine Beeinträchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.
+
+Tieck mißachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehässigen Gesinnung
+gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener
+Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, überall, nur nicht da, wo er
+durch seinen Einfluß der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des
+Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von
+Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorführen lassen, nur eine dem
+Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehörende Bühne sollte vor dem
+Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und
+literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v.
+Küstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen
+Chimären, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gänzlich fremd,
+hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluß so gering, daß er
+unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wünsche sein
+muß,--so ist es noch schlimmer.
+
+Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine
+gründliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches
+Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen für Kunst und
+Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere
+Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mütter bringen?
+Bedürfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der
+Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht,
+jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedürfen wir zur
+Belebung des Sinnes für höheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die,
+überwiegend von der Musik unterstützt, durchaus ein für das rezitierte
+Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen können? Ist die Weltanschauung
+der antiken Tragödie eine erhebende für das Christentum, eine belehrende
+für den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat,
+als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter,
+Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene
+Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?
+
+Ich höre, ein derlei praktischer Nutzen würde auch mit den Zitierungen
+jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die
+Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der
+befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muß man herzlich die
+Täuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von
+Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik
+unterstützte Tragödie für die griechische der alten Welt halten kann.
+Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplätze
+für den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefähr aussieht, wie die
+Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere
+Gymnasiasten klassen- und cötusweise in eure antiquarischen Spielereien
+führen! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des
+Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich,
+ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am
+Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen
+polemischer Tendenz. Ihr lügt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie
+existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart,
+die das Unglück hat, jünger zu sein als ihr! Um von den "Götzen des
+Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Götter, Götter, die nie
+existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Ölgötzen, Ödipe mit Souffleur-
+kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgänge spielen, Chöre, die sich auf
+den Kontrapunkt verstehen! Lüge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige
+Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schämt euch, so eure Zeit zu betrügen
+und die Kunst zu hintergehen.
+
+Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolität.
+Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich für Organismus ausgibt,
+alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkür ist und den
+Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck über das belletristische
+Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller
+Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm
+lästig, Ernst drückend, das Erhabene nur willkommen, wenn es möglicher-
+weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer ließe ihn nicht in dieser
+seiner Art gewähren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre
+Grenzen. Die Ironie hört auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter
+Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei
+der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum
+Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner
+Häuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und
+Trollgeistern, die dich im grünen Waldrevier deiner Talente bewundern und
+bedienen--aber laß vor den heiligen Räumen des Ernstes deine Schelmenkappe
+zurück: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bühne, was sie
+jetzt ist, die Bühne als Träger und Organ höherer Sittlichkeit: das sind
+Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten
+darf.
+
+Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurück, so muß sich
+unwillkürlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen,
+reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen
+weiß, wenigstens keinen, der über einige heitere und witzige Schriften
+hinausging. Das Theater schien sein nächster Beruf. Er wäre gern
+Schauspieler geworden und würde in dieser Laufbahn, von der ihm Schröder
+abriet, vielleicht Großes geleistet haben. Er persiflierte in seinen
+unaufführbaren Komödien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes
+für ihn geben zu können. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten
+Richtungen lächerlich, von denen sie später eingestehen mußten, daß sie
+noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmächtigen romantischen
+Produkte, über welche Tieck in seinen spätern dramaturgischen Blättern
+berichten mußte. Aus Verzweiflung, daß "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw.
+für die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf
+Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so überpries, daß sich
+zwischen Altem und Neuem förmlich eine unüberschreitbare Kluft öffnete
+und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier
+Anbetungswürdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines
+Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber überschwenglich nur loben
+konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer
+Bühnenkenntnis, nicht ein einziges Bühnenstück schreiben können. Nicht
+ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das
+diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, für
+jeden Produzierenden gefährlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so
+viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich
+muß das Bewußtsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und
+ihn gegen seine Zeit so mißstimmen, daß er sich lieber in die antike
+Bühne wirft, als frei und tüchtig der Gegenwart Rede zu stehen....
+
+
+
+
+Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+
+Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine
+Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als
+alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit
+Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als
+eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein
+notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die
+Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls
+ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater
+sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die
+Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten
+Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,
+bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.
+
+Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht
+angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen
+alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine
+Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden
+sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die
+Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen.
+Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle
+Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen
+aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben
+Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich
+auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben
+das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die
+Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den
+Hauptgrundsätzen nur zu billigen.
+
+Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel
+beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze
+Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich
+erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer
+Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei
+der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen
+zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist
+vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen
+Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle
+Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in
+empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen
+repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon
+mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen
+unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten
+weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein
+Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt,
+gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile
+ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und
+Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich
+für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale
+weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein
+Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau
+von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger
+für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----
+
+Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn
+es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr
+aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.
+Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte
+ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den
+Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese
+mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen.
+
+Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen
+sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei
+Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir
+einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in
+ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen
+Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf
+Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria
+Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der
+Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer
+stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation
+aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton
+wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein
+Urteil zu haben.
+
+Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie
+ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie
+der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine
+bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie
+würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte
+St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von
+deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem
+französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)
+befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die
+Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle
+Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.
+
+Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung
+von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin
+mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel:
+
+(Anna von Österreich.
+
+Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:
+
+Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.
+Birch-Pfeiffer.
+
+Erste Abteilung. Ein Taschentuch.
+
+Zweite Abteilung. Der Musketier.
+
+Dritte Abteilung. Der Kardinal
+
+Vierte Abteilung. Zwölf Tage später.)
+
+mit oder ohne diese Titel-Aushängeschilder nicht auf die Königliche Bühne
+gehört. Herr von Küstner sollte sich hüten, seinen Gegnern mit solchen
+Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.
+
+Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf
+den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt über die Königsstädter über
+die Königliche Bühne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs,
+Döring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rücken für Alexandre
+Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei
+Musketiere ins Feld. Herr von Küstner glaubt die hohe Aufgabe, jährlich
+sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches
+Repertoire lösen zu können. Wenn auch Graf Brühl sich im Grabe umdrehen
+sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen
+Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer
+Straßenecke lesend, lächeln, höchst ironisch lächeln sollte, Herr von
+Küstner führt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!
+
+Früher war das Verhältnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stück
+gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah,
+ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrührte
+oder ob sie sich, wie Kühne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet"
+hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Günstlinge"
+usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Würste" aber
+gingen hinüber in die Königsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die
+Pfefferrösels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heißen,
+die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den
+Romanen Storchs, Dörings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhängenden
+Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere würde Graf Redern (nicht als
+Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Königsstadt geschickt haben.
+
+Herr von Küstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben
+hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich
+an, stattet sie mit Glanz aus und würde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn
+Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" hätte, ohne Zweifel für sich behalten
+haben. Ich meine nun, dieses System wäre sehr verwerflich und der
+allgemeinsten Entrüstung würdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn
+von Küstner müßten ihm entschieden andeuten, daß es dem preußischen
+Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrückt, mit dem
+Überschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wäre. Ich meine,
+daß sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden hätte sein und sagen können:
+"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stücke, die
+schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!"
+Allein Macht und Übermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken:
+Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ...
+
+Deshalb weise Herr von Küstner seinen über die Maßen protegierten
+Günstling in die Schranken, die ihm gebühren! Vielleicht glaubt man
+mir's, vielleicht nicht, daß ich mit schwerem Herzen an die Abfassung
+dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe
+seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben;
+ich gönne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich
+will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen,
+ich will nicht spotten und selbst für die ironischen Stellen dieses
+Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mißbilligung treffe Herrn
+von Küstner, der monatelang keine Neuigkeiten aufführt, in den Berliner
+Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten
+Vorbereitung unterhält und dann plötzlich in aller Stille, zur
+günstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die
+Königsstadt gehört, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der
+Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr
+treten? Ich für mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile für die Bühne
+geschrieben hätte, würde es unverantwortlich finden, daß die Berliner
+Hofbühne diesen, aus schnöder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig
+Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire
+aufnehmen darf.
+
+
+ * * * * *
+
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+
+
+
+
+Der Sonntagsverein (1833)
+
+
+Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der
+Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, daß der
+wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fünf Jahren in Berlin
+jenen ersten Verein gründete und ihn witzig nicht die sondern den
+Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem
+Namen zu unterdrücken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen,
+als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen.
+Saphir wußte diese Gesellschaft bald zu bevölkern. Die Zahl seiner
+Schüler und Verehrer war beinahe ebenso groß als die seiner Feinde.
+Saphir zeigte, daß der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, daß die
+Phantasie alle Lücken ausfülle und der Götterfunke auf keine
+Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den
+seinen Gegnern ausgeschlagenen Zähnen aufwuchs und sich mit Begeisterung
+unter seine Fahne stellte.
+
+Die Seidenwarenhändler in der Breiten Straße tobten, daß ihre
+Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfüße maßen, um
+Scharaden, Logogriphe und Rätsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit
+klopfendem Herzen in Saphirs Blättern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf
+dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verführungsgeschichten
+und Schlägereien ins Reine schreiben und übten sich in der literarischen
+Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstraße immer willkommen
+waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hörten, machten
+humoristische Ausflüge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost"
+und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres großen
+Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwähnen, daß für die Juden ein ewiges
+Laubhüttenfest der Poesie angebrochen war, daß sie sich ihre satirischen
+Adern öffnen ließen und unter dem Schutze ihres großen Messias alles
+taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blühte die
+Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Früchte, von denen sie zum Besten
+der Überschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Später kam
+die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswürdigen Freundes
+Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden.
+Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir
+emanzipiert und hören nicht gern, daß man sie an die Schule ihrer Talente
+erinnert. Die beiden vorliegenden Bände ["Rosetten und Arabesken.
+Novellen, poetische Gemälde und satirische Skizzen der jüngern
+Serapionsbrüder. "] führen den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des
+Sonntagsvereins" und geben den Maßstab für das, was dieser war, ist und
+sein könnte.
+
+Zwanzig Köpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfälle und
+Ausfälle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repräsentanten gefunden,
+und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die große Zahl
+sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kämen z.B. Ludwig
+Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehören,
+weil sie kürzlich mit zwei großen goldnen Verdienstmedaillen belohnt
+worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens-
+bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt'
+ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergießungen über die richtige
+Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitläufig
+und ich begnüge mich nur anzuzeigen, daß diese beiden Bändchen eine
+Musterkarte von Trivialitäten, geistlosen Gedankenspänen, kurz von
+literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W.
+Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt
+in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:
+
+Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorüber! Vergebens sucht Ihr es
+im Buch der Zeit!
+
+Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher
+Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten"
+von Wilhelm John erregen allerdings Gelächter, weil sie bewunderungs-
+würdig fade sind. Man höre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt,
+daß Enthusiasten häufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind.
+Hieraus könnte man schließen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei,
+daß sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen können." Wie
+dumm! Ferner: "Die gröbsten Ausfälle werden gewöhnlich am meisten gegen
+diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfälle haben." Ich hätte
+Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull
+es nur mit dem zweiten könnte. Ferner: "Der Witz des Pöbels gleicht
+mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glänzen."
+Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht,
+originell zu sein, hat das Originelle an sich, daß sie Narren bildet."
+Ach! Es ist genug.
+
+Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem
+Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine über dies
+Mittelmaß hinaus.
+
+
+
+
+Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835)
+
+
+Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!
+Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch!
+Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige,
+lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer
+Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen
+Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste
+Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden,
+da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen
+eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen
+Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder
+wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,
+unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!
+Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der
+Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den
+Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter
+seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf
+der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch
+geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist
+in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod
+der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße
+und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde,
+könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es
+sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch
+ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,
+daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.
+
+Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr
+Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind
+nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man
+rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher
+Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten
+kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu
+zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie
+zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat
+Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen
+behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste
+Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure
+Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den
+letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal
+einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt
+nicht das Urteil, sondern die Erklärung.
+
+Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war
+ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war
+eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt,
+und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine
+allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die
+bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,
+und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt.
+Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um
+ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das
+höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,
+angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für
+beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf
+wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und
+des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide
+Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort-
+lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus
+wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden
+nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen
+idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon
+hatte.
+
+Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde
+ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte
+keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen
+Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt
+anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit
+selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie
+war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die
+Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806
+gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und
+immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;
+sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von
+Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel
+von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem
+Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!
+Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte
+sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing
+erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie
+nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so
+blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille.
+Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles
+bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen
+sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war.
+
+Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut,
+luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den
+Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn
+Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die
+Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit,
+russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und
+nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und
+Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher
+holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen
+hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man
+wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist
+in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo
+in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen
+war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet
+er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken
+sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel
+wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die
+Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.
+Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert,
+und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht
+anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die
+Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem
+Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden
+Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles
+Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne
+Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es
+früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter
+ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der
+nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das
+Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit
+vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der
+Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke
+sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone
+aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben
+muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter,
+tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder
+unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen
+affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo
+die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der
+rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes,
+stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer
+Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger
+Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des
+Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen
+Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den
+Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche
+Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich
+aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So
+fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht
+dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte
+er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,
+daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht
+haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen
+Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er
+fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um
+originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im
+Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem
+Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.
+
+Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in
+diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln
+zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe,
+sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage
+seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche
+ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und
+sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei
+großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte
+und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher
+macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes
+und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne
+bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in
+Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen
+Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr
+glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe
+sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich
+der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:
+Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die
+stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne.
+Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht
+tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,
+blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der
+Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im
+Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den
+gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis
+des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede
+Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte.
+
+Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die
+Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle
+nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein
+unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie.
+Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du
+tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an.
+Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du
+die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in
+den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch
+Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im
+Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das
+Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du
+empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende
+eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das
+Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es
+ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,
+sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn
+es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein
+Gedicht rundet sie nicht ab.
+
+
+
+
+Diese Kritik gehört Bettinen (1843)
+
+(Nil divini a me alienum puto.)
+
+
+Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen
+hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst
+erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die
+verschmachtende Kehle hinunterschüttet und mit Wollust die benetzte Lunge
+zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im
+Kristallglase ihrer stilistischen Schönheiten, mit all den wunderlichen,
+eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die
+anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der
+uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht südliches
+Rebenblut, durchduftet von den Blüten des Orients oder gewürzt von
+zerstoßenen Perlen der Märchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische
+Quellflut, reines kristallhelles Naß vom Borne der Natur, aus der
+Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche,
+gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewürzten
+Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser
+täglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem
+ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und
+Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein
+volles Glas, wo die Felsen-Kühle mit tausend Tropfen die innere Wand
+beschlägt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden
+Champagnersänger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung
+und Kühlung, Erquickung und Stärkung, Trost für das Vergangene und Mut
+für das Werdende!
+
+Das neue Königsbuch dieser merkwürdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne,
+daß es wie herbstliches Geblätter eine Weile raschele und unterm
+Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat,
+die weit über den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehört
+dem König", es gehört der Welt. Es gehört der Geschichte an, wie Dantes
+"Komödie", Macchiavellis "Fürst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft".
+Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von
+Millionen gefühlt werden, gesagt werden mußten. Man wird diese Dinge
+bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und
+man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen
+Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heißt es, das
+starke Ende kommt nach. Mit des kühnen Strauß' "Leben Jesu" ging es
+ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm
+niederfällt.
+
+Wer noch nicht nach den beiden kleinen Bänden gegriffen hat, wer noch
+schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie
+einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zügen", wie
+die Studenten sagen, trinken und allmählich in sich aufnehmen muß, dem
+diene folgendes als Erläuterung: Das merkwürdige Buch trägt seinen
+persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in
+diesem Titel. Dies Buch gehört wirklich dem König und mußte so heißen,
+durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den König
+geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der
+Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfaßt, und deshalb von
+Tausenden von Männerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das
+Organ einer allgemeinen Ansicht, die kühne Vorrednerin ist, die Jeanne d'
+Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem
+Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, daß nur ein Weib das
+sagen durfte, was jeden Mann würde hinter Schloß und Riegel gebracht
+haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umständen, in diesem
+Zufall, daß eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und
+ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine
+Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der
+Gesellschaft veröffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht
+einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-großartig ausgesprochen
+hat, darin liegt etwas, was göttliche Vorsehung ist. Dem bedrängten
+Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen.
+Windet Euch, baut Bücher auf Bücher auf, sprecht Anathema über Anathema,
+die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen
+in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung
+haben will, diese Glut einer Überzeugung, die sich wie ein feuriger Strom
+durch die Lande wälzen wird, ist nicht zu dämpfen, nicht auszulöschen.
+Den Handschuh für die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist
+immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren.
+
+Bettina gehört zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug
+wie Schlangen sind. Sie redet zunächst nicht zum König von Preußen. Sie
+malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen
+Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemäß,
+kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht
+scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von
+Napoleon und läßt die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden.
+Sentimentale und Tartüffe-Gemüter, die immer wollen, daß man die Sachen
+von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen"
+sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher
+Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die
+Verantwortung so himme1stürmender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund
+legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Füßen gesessen, weiß,
+welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom
+Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen,
+die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen
+Begriff, eine poetische Individualität, wie sie der Dramatiker schafft.
+Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafür im
+Jenseits nicht mit Plato zürnen. Der Vater ist verantwortlich für den
+Sohn, der Staat für den Bürger (Bettina führt diese Pflicht mit
+besonderer Vorliebe aus), der Lehrer für den Schüler. Von großen Menschen
+bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist
+geboren wird. Und so ist auch jenes Dämonion, jene höhere Weihe und
+plötzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates,
+nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften
+Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt
+Bettinen, die es wagen darf, den kühnen Heldengeist jener Frau mitten
+unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms,
+von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein
+und dem Bürgermeister von Holzhausen redete.
+
+Der erste Band des Königsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate
+gewidmet. Die Beweisführung in beiden ist die des ursprünglichsten
+Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug
+und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Rücksichten der
+Selbsttäuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie
+Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen geflügelten Hufen, der Bahn
+der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenröte
+aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kühnen Händen, noch
+sind sie leer, aber nicht ein Wort der Lügen, die darauf standen und die
+sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen
+stehen dürfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste
+Positivität des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine
+indische. Sie ist kein Behagen, keine träumerische Wollust in sich
+selbst, sondern ringende, kämpfende Freiheit, griechische Freiheit, wie
+sie sich in der Palästra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen
+erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im
+Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen
+Bergeshöhen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestrüpp und Genist
+nicht ins blinde, wilde Ungefähr hinein, sondern nach einem erhabenen,
+edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfaßt, Gotteswürde und
+Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im höchsten, im
+majestätischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als
+die Natur, die Vernunft und der freie Geist!
+
+Die übliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie
+unserer Zeit wird über den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreißen und
+siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen
+Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfähigkeit.
+Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma
+ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Möglichkeiten
+der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern
+die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage
+nicht, daß sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums
+ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein
+Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kämpfe lehrt, daß für
+die Freiheit schon unendlich viel gewonnen wäre, könnten wir nur auf der
+Hälfte des Weges, den Bettina schon zurücklegte, Hütten und Zelte bauen,
+geschweige Kirchen im Sinne dieser Hälfte. Der Erfolg dieses Buches, wie
+weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird,
+läßt sich noch nicht ermessen. Erst muß die wilde Jagd der Gegner kommen.
+Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab!
+
+Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band.
+Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man höre, was er
+enthält, und erstaune über dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die
+heißeste, glühendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten,
+daß der Kommunismus viele Anhänger finden wird.
+
+Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat
+schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Märtyrern stempeln
+und zöge die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das
+erste ist wahr. Man schreibt so viel Bände über die Gefängnisse, über die
+Verbrecher, über die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten,
+und doch bleibt es unwiderleglich, daß die wahre Politik, die Politik im
+Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Mögen
+wir nun an die ursprünglich gute oder ursprünglich böse Menschennatur
+glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung
+einen so hohen Begriff, daß wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur
+Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum
+mißlingen sie so oft? Unsere gewöhnlichen Quacksalbereien müssen doch
+wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schäden der
+Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz
+verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige daß sie
+bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenüber war es
+mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitäler, neue Quarantänen, neue
+Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als höchstens die
+sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da:
+jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa
+sporadisch, sondern so allgemein, daß die Gefängnisse keinen Platz haben.
+Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwächter und Gensdarmen, die
+Bürger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer
+sperrt sich ab gegen den andern und der Störer dieses atomistischen
+Staates wird unschädlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not
+des nächsten Augenblicks geboten wird, so muß man sie gelten lassen;
+erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden
+Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum
+achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen
+schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein
+Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und glücklich
+erhält, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls
+angelächelt hat?
+
+Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein
+herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von
+Göler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf
+hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan
+hatten, äußerte in seiner würdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er
+müßte für das Christentum erröten, wenn er bedachte, daß der milde Geist
+der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen wäre, um
+nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, für immer unmöglich zu machen. Er
+sagte: Erröten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, errötete
+für die geringe Wirkung seiner Lehre. Errötet wohl ein Beamter für den
+Staat, der ihn besoldet, ein Minister für die Lappalien, die er in seinem
+Portefeuille einschließt, erröten unsere Richter für die Verbrecher?
+Nein. Höchstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muß.
+Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren
+denn unsere großen Staatsmänner nur als sich? Wie ist es möglich, daß
+durch diese Politik der Bürokratie, der Edikte, der Verbote, der
+Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener
+wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den
+Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses
+Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den König, dem
+sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreißende, so feurige Apostrophen, daß es
+rührend ist, wenn man sich sagen müßte, der Brief ist unsterblich, aber
+er wird seine irdische Adresse verfehlen.
+
+Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat wörtlich verstehen
+wollte, bewiese nur, daß er zu den Langweiligen gehört. Kein Langweiliger
+hat Sinn für den Humor. Humoristisch ist aber ein großer Teil der
+sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kühne Opponentin mit den
+Verbrechern zu stiften vorschlägt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu
+tun, einen Räuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum
+Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr
+eigentümlicher Ausdrucksweise, daß das Kapital von Mut, Schlauheit und
+Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf
+edlere und dem Gesamtwohl nützliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik
+dieser Beweisführung ist teils Überzeugung, teils Neckerei. Es ist
+durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespräche
+belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich
+gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen
+Vögel der Gegenpartei wieder flattern läßt, um sie nach kurzer Freiheit
+wieder aufs neue einzufangen. Fast im schäumenden Übermaß dieser Ironie
+sind die "Gespräche mit einer französischen Atzel" geschrieben. Hier ist
+selbst die Frau Rat die überflügelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit
+seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein
+verzauberter Höllenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und
+schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel
+dient. Er möchte, daß die ganze Welt des Teufels wäre und schwätzt die
+Dinge, die oben stehen, kopfüber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht
+an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden
+Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad
+denunzieren werden. Bettina wäre mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele
+humoristisch genug, für die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie
+einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden.
+Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum
+soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die nächstens
+die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eröffnen wird, wird
+sehr komisch sein.
+
+Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als daß es
+komisch schließen dürfte. Es schließt mit dem Septimenakkord des tiefsten
+Schmerzes, es schließt erschütternd, herzzerreißend, tragisch. Wessen
+Auge über dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen
+kann, ohne in Tränen zu schwimmen, der muß ein Herz von Marme1stein
+haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in
+dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Häuser
+durchwanderte, an die Türen pochte, eintrat und sich nach den bittern
+Lebensumständen, die hier zusammengepfercht sind, gründlich erkundigte.
+Die Namen sind genannt, die Türen bezeichnet, hier hört jede Fiktion auf.
+Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf
+Stroh, stündlich gewärtig, ausgepfändet und auf die Straße geworfen zu
+werden mit Greisen und Säuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern
+oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei
+und verlassen von jener Behörde, die ihr nächster Schutz und Schirm sein
+sollte, der städtischen Armendirektion. Für die Mitteilung dieses
+Gemäldes verdient Bettina den Dank jedes fühlenden Herzens. Jede Träne
+dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen
+Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht höher als jede
+idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben,
+aber die Farben sind echt und der Fürst, dem sie ihr Buch widmete, hat in
+dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball
+abbestellt, sicher die Zurüstungen eines glänzenden, nur Staub
+aufwühlenden Manövers auf die Hälfte des angesetzten Etats reduziert.
+Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch
+die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser
+Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen
+Anhänglichkeit an das Vaterland und den Fürsten, die sich selbst in
+diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin überbrachte der
+Ordenskommission (fünf Orden), die ihr gestorbener Mann im
+Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein für alle Mal
+fünf Taler (kaum den äußern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie.
+Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kühnen Frau, die dieses
+Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem
+(Bürgermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von
+diesem Anhang kann man nicht glauben, daß er spurlos vorübergehen wird.
+Nicht nur, daß die Berliner Armendirektion, eines der unpopulärsten
+Institute der Residenz, einer gründlichen Reorganisation unterworfen
+werden muß, auch die höhere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne
+sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem
+Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknüpfen und einer
+unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage
+wird um Antwort drängen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in
+Almosen, sondern in durchgreifenden Schöpfungen bestehen müssen. Und der
+edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf
+dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer
+Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit,
+dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen
+Verdienstes prangender, als weiland ihre schönsten Blumenkronen aus der
+Periode ihrer romantischen Naturmystik.
+
+Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen
+wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine
+Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der
+er Rom aus einem Räuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der
+König von Preußen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen,
+aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblättert, er hat die Widmung
+gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg
+gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland
+und Preußen insbesondere hoffen, daß von der mächtigen Beredsamkeit einer
+Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn
+angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zündet,
+doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung übt, in ihm
+zurückgeblieben ist.
+
+
+
+
+Ein preußischer Roman (1849)
+
+
+Die kluge und soviel man wußte ziemlich demokratisch gesinnte Fanny
+Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die
+Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre
+sonst so freiheitglühende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmückt,
+das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und
+Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom
+Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die
+Etikette und eine gewisse loyale Pietät für hohe und höchste Personen
+gesündigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preußenvereine wissen
+sehr wohl, daß man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann.
+Dies edle Kern- und Grundgefühl preußischer Herzen kann nicht mehr
+überall der Ausfluß unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der
+Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte,
+sondern dies Gefühl muß jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der
+Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat
+Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu
+jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den
+Beweis führen, daß auch in jenen Regionen menschlich empfunden,
+liebenswürdig geschwärmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal
+den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgänge der Literatur, die schon die
+Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Gräfin
+Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin
+Diogenens, rettete ihr wieder die Könige und die Prinzen.
+
+Wir erfahren in diesen drei mit großer Gewandtheit geschriebenen Bänden,
+daß es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preußen
+gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war,
+sich vom Zopf Friedrichs des Großen und derer, die diesen Zopf für das
+Palladium des preußischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik
+trieb, viel Schulden machte, Militärexzesse begünstigte, die Franzosen
+und ihre Republik haßte und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz
+preußischer Waffen fühlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806
+seinen Willen tat und den Krieg erklärte, fiel er in dem ersten Gefecht
+gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber
+deren liberale Grundsätze er haßte. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand
+so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander
+gerühmt worden, daß man sein Leben wohl für beachtenswert, seinen Tod
+rührend finden kann. Wie aber sieht es mit einer näheren Prüfung dieses
+Ruhmes aus? Wie muß sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese
+äußerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen näher
+zu bringen?
+
+Wir gestehen, daß Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes
+sehr wahr auffaßte. Statt aller Kritik über ihn hat sie sich ganz einfach
+in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche für den schönsten.
+Da ist kein nüchternes Räsonnement, da ist keine Prüfung, kein Abwägen
+von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt
+hat. Und gerade das muß den Treubund entzücken, gerade daraufhin kann
+Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jüdin, eine
+eifrige Verfechterin der Grundsätze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht
+da eine Märzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten
+für preußische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkränzen unsern
+Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den
+Bahnhöfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefärbten Bajonetten in
+ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Männer und Frauen
+einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts für die Menschheit leistete,
+sich aber als Hohenzoller fühlte! Und eine Demokratin trägt uns hier die
+schwarzweiße Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur!
+Die berühmte Gegnerin unserer unübertrefflichen Ida!
+
+Fanny Lewald wird sich über den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber über
+mich, der ihn so reden läßt, sehr erzürnen. Sie wird, ich seh' es, alle
+diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung für einen preußischen
+Prinzen zurückweisen, sie wird, ich hör' es, ausrufen: Kleinliche
+Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens
+folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr
+möglich bleiben, daß man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt,
+sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer
+George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels
+und Prinzenpaläste, mit Interesse, ja mit Liebe umfaßt und das Schöne,
+Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das
+hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie
+hat sich ohne Zweifel noch größeres gedacht. Sie hat das Bild eines
+zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt
+unüberwindlich dünkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit
+vorhalten zu können, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militär und
+Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die
+Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische
+Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist,
+ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung
+festzuhalten und so den Vorwürfen zu begegnen, gegen die sie als strenger
+demokratischer Charakter empfindlich sein mußte.
+
+Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie
+hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern
+wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der
+Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise"
+mit einem liebenswürdigen, genialen Prinzen des königl. Hauses in
+Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen,
+mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg
+ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen.
+Statt, wie eine künstlerische Intuition ihr sagen mußte, den Prinzen
+episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren
+Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und
+alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu
+lassen, macht sie diese selbst zu Hauptträgern der Handlung und gibt eine
+romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der
+Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie
+gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll
+erscheinen läßt, während sie doch meist nur frivol und sittenlos sind.
+Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berüchtigten
+Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und
+interessant, so drapiert mit dem großen Umschlagetuch grell-moderner
+Ideen und großblumiger Empfindungen, daß man erstaunt, wenn man sich
+denken muß: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser
+Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbröckeln und in
+die ihr eigene großstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblättern, wo
+Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfümierte Billetts, von
+galonierten Jockeys auf silbernen Tellern präsentiert, alle Schmerzen
+"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens
+Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny
+Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentöchter interessant zu finden,
+die beim Blasen der Gardekürassiere an die Fenster rennen, sich in Helme
+und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewähren, was Prinzen
+nur von Bürgerstöchtern fordern können. Henriette Fromm, Pauline Wiesel
+sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von
+der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch
+geschieht. Welche großen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche
+gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt
+nicht jene Buhlerei der Mütter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie
+nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Später mögen die Opfer dieser
+Zustände mehr gelernt haben als Madame Rietz wußte, sie mögen französisch
+parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in
+Berührung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag
+auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter über sie ausgegossen haben.
+Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jüdin Rahel
+Levin mit Prinzen von Preußen in Verbindung gebracht darzustellen, ist
+hier von ihrem Herzen und dessen kühnsten Flügen geblendet gewesen und
+hat eine Sphäre für dichtungswürdig gehalten, die es nicht war. Mamsell
+Cäsar, die Berliner Geheimsekretärstochter, verdiente ebensowenig diesen
+Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der
+Verlobung an einen Ökonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein
+Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer
+Bürgerlichen schmeicheln, nur in aller Kürze sie auffordern: Sei mein!
+Einen (Roman) von Gefühl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe
+des Menschen gibt es da höchst selten und im vorliegenden Fall gewiß
+nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloß
+mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu
+machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit
+Spannung, würde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie
+hätte beim Niederschreiben dieser Blätter auch nur im entferntesten
+gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)
+
+Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen;
+unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrückten, leidenden Zustandes
+der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem
+gedemütigten Stolze, mit der getretenen Menschenwürde. Sie hat in ihrem
+reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der
+Beobachtung und des Mitgefühls für die Nachtseiten der Gesellschaft
+durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie über
+die Militärzustände Preußens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die
+Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dünkel der Minister
+anstellte, nicht auch zur Wahrheit über ihren aristokratischen Helden
+selbst und noch mehr zur Wahrheit über das prahlende Zuschautragen des
+Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemälde aufrauschen? Warum wandeln
+diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefühlskram
+unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle
+Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende
+Großgefühligkeit um die königliche Hoheit affektierter Kram? Erschließen
+uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie müssen es wohl, da
+Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine
+große Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der
+Verfasserin überall folgen, wo sie praktisch und verständig ist. Wo sie
+aber Gefühl geben will, Idealität in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch
+eben nur in derselben Sphäre, die sie an der Gräfin Hahn hat bekämpfen
+wollen: Haß gegen das Übliche, Feindschaft gegen die gewöhnlichen Gleise
+der Liebe, die sich in ihrer süßen Monotonie Jahrtausende lang durch die
+Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mütter, die verheirateten
+Frauen ewig gleichgültig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und
+Paulinen der poetischen Betrachtung würdig? Es wäre eine rechte Erquickung
+gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem
+Herzen auch ein junges, schönes und bedeutendes mit einem nur guten
+angetroffen hätten.
+
+Das Buch schließt wie eine Symphonie mit unaufgelöster Dissonanz! Der
+Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fäden, welche die
+Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch
+Licht, und plötzlich Nacht. Dieser Schluß ist eine Kritik des Werkes. Er
+sagt, daß mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts
+zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein
+wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach
+Wahrheit, so die schöne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger
+Überzeugung, daß sie unstreitig fühlte: Die Menschen, die ich da mit dem
+Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnütz, und keine Seele
+mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden,
+ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach
+vielen Gräbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den
+Immortellenkranz verdient.
+
+
+
+
+Eine nächtliche Unterkunft (1870)
+
+
+In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehörenden
+Tagen, wo Berlin rundum keine andere große Stadt in der Nachbarschaft
+hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen
+zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen
+überwundene eigentümliche Naivität oder, nennen wir es beim richtigeren
+Namen kleinstädtische Unzulänglichkeit aus, die den Charakter des
+Berliner Pfahlbürgertums in manchem bezeichnen dürfte. Die Sperre gegen
+eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam für gleichsam wie
+"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch
+die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung
+Preußens erst allmählich, ja mit Beweisen völliger Unbeholfenheit und
+Unreife anschickte, dem Fortschritt des übrigen Europa zu folgen.
+
+Noch bis zur Märzrevolution befand sich im königlichen Schlosse, dicht
+unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848
+dem Publikum nicht mehr als Durchgang geöffnet ist, ein alter Rumpelkasten,
+Portechaise genannt, an deren mit grünem Kattun verhangenem Fenster
+unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen
+will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstraße"
+avanciert, begrenzt die südöstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich
+bemerkt eines Baues, dessen Großartigkeit den Stil, den kräftigen Griffel
+des 19. Jahrhunderts in so überwältigendem Maße bezeichnet, daß bei allem
+Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", für die
+Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch für ihre
+Überlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstörenden--Druckfehler
+beseitigen darf.
+
+Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "französischen
+Turms", die dem Wechselgeschäft der Herren Brest und Gelpke gerade
+gegenüber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den dürftigen
+Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttürme" gebildet werden, das
+helle, frische, grüne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen",
+sondern es war sogar möglich, daß die damalige schutzmannlose, nur auf
+jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen
+und Aufschlägen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen
+alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein
+Mißverständnis zur Überwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem
+Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstraße ausgestrichen war.
+Die Deichsel für die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte
+nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen
+Rötliche. Die Totengräber Hamlets hätten hier Betrachtungen anstellen
+können über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drüben
+von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der
+große Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick
+hinübergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte,
+nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewölbten
+Türmen, um deren Säulen und Säulchen die Spatzen und die Krähen und die
+Habichte nisteten. Berlin, das gegenwärtig alles brauchen kann, selbst
+die Denkmäler von den Gräbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der
+Toten von den Kirchhöfen stiehlt, ließ diesen alten Leichenwagen
+unangetastet.
+
+Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal
+quer über die Straßen hinweggezogen, in ächzenden Tönen hin und her
+schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf über ein noch
+naturwüchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem
+Keller wie ein ferner Unkenruf ertönte und in den Straßen jener
+gespenstische Mann umging, der ein Fäßchen in der Hand tragend, aus einer
+bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten
+Kravatte mit einem gewissen würdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl,
+den Ausruf hervorpreßte: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich
+fröstelnd, die Hände in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider
+gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen
+mannigfach brüchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine
+verwitterte, magere, kleine Gestalt über den Markt, auf welchem öde
+Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses,
+die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.
+
+Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den
+Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die
+Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit
+leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne
+überstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung,
+nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nähert
+er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat
+dich Charon heute Nacht nicht nötig, um vom "Türmchen" im "Voigtland"
+eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius"
+seine Gäule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im
+"Nasenquetscher" auf Saturns großes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den
+Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt,
+herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte,
+weil die Geschäfte der üblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die
+Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein
+damaliges--Asyl für Obdachlose.
+
+Fand sich wohl ein Stück Holz, eine Planke darin vor--den Trägern mit den
+langen Flören am Dreimaster benötigt, um den Sarg in die Grube zu
+senken--so rückt sie der lebende Tote so, daß sein Haupt mit den langen
+weißen Haaren eine Stütze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet
+er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder,
+wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte
+Wange aufstützt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen
+Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstraße
+kommende Schöne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines
+"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone
+--einen glücklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um
+Mitternacht sein Coupé nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu
+vorüber. Selbst der Nachtwächter hält sich in der Ferne, dort, wo ein
+Ruf: "Wächter--!" ihm ein Trinkgeld fürs Einlassen in ein verschlossenes
+Haus, dessen Schlüssel an seinem klirrenden Eisenbunde hängt, sicherer
+einbringt, als wenn er hier Posto faßte in der düster-unheimlichen Ecke
+an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger
+Kandidat in französischer Sprache predigte und sich nicht träumen ließ,
+wie übel später einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft-
+lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.
+
+Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo
+die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren
+war schon die allerglücklichste Chance für--"Belletristik". Ein Honorar
+von einem Taler zahlte man für ein Gedicht, von fünfzehn Silbergroschen
+für eine Reihe von Lückenbüßern, damals "Aphorismen", "Streckverse",
+"Sternschnuppen" oder ähnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es
+dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes
+angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil,
+der an Pindar erinnerte--seiner Unverständlichkeit wegen. Aber schon in
+jener Zeit war die Lektüre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als
+Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die
+Ästhetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer
+des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was
+war da der verkommene Träumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean
+Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen
+Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer,
+fühlen wir tiefer als in der Nähe der Toten!--) nur dadurch schlagend,
+zündend, lapidar zu machen glaubte, daß er ihn immer enger und enger,
+immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen
+drängte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze
+Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis
+vier Pfennige!
+
+Dieser Obdachlose hieß Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den
+Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mühe geben will, in
+alten Jahrgängen des "Freimütigen", des "Gesellschafters" zu blättern,
+der wird dort--dem nächtlichen Bewohner des Leichenwagens am
+Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.
+
+
+
+
+Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis') (1872)
+
+
+Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres
+zu Arnstadt in Thüringen erfolgte Ableben Wilhelm Härings, genannt
+Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die
+gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein
+Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die
+Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blättern
+erschollen, verdient.
+
+Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal später kommend als andere Organe
+der Öffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer bloßen
+Trauerrede am Grabe hält, sondern persönlicher auf den Verstorbenen
+eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des
+Dahingegangenen recht nahe zu rücken. Schon die Wendung dieser Nachrufe,
+daß der Tod den Unglücklichen, der fast fünfzehn Jahre in geistiger und
+körperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erlöste", ist
+nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in
+spätern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Engländerin, die
+Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die
+erlöst wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswürdigen Kultus der Liebe
+selbst fühlte kaum sein Leid in ganzer Größe. Die Stunden, die Tage, die
+Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmäßig
+dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am
+Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns
+"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der äußeren Erscheinung
+Härings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der
+der Welt gegenüber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der
+Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen
+Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des
+ängstlich aufgeregten Beschäftigtseins durch die Zeit, des bänglichen
+Erwartens düsterer öffentlicher Erlebnisse trugen.
+
+Von "Leiden erlöst"? Gewiß! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze
+Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens
+ging bei Häring auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren
+suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm
+zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen
+neuen großstädtischen Gründer-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur
+Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den
+alten Eichen und in den Fischerhütten Heringsdorfs an der Ostsee den
+Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu fördern. Später gab er seine
+dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schönheiten auf und zog sich,
+seiner ganzen Kraft sich noch bewußt und mit literarischen Plänen, deren
+einige auch dort noch ausgeführt wurden, nach Arnstadt, einer ohne
+Zweifel--ich kenne den altberühmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt,
+die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzählt man von Härings
+anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner
+geschwächten Geisteskräfte. Wenn die Rosen blühten, sammelten liebliche
+junge Mädchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblätternden
+verblühten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon
+wünschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte
+herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis
+zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem
+und alledem ungern verließ. Sein Lebensende war keineswegs das seines
+gekrönten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens-
+volle Übersendung eines seiner "märkischen Romane" oder bei einer
+sonstigen Annäherung, welche Huld und Güte voraussetzte, die bekannt-
+gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er hätte sich
+von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch
+Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelähmt zu werden wie Dr. Häring.
+Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Bäumen Sanssoucis,
+die den an Plänen und Ideen überreichen genialen Kronprinzen einst unter
+sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und
+nichts mehr von der Welt erkannte. Häring ließ sich in seinem Rollsessel
+an seine Blumen fahren und pflegte diese.
+
+Unsere jüngere Generation macht sich das Leben eines solchen
+abscheidenden Charakters früherer Tage nach äußern Notizen leicht
+zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar,
+Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine
+Zusammenfassung seiner letzten Tätigkeit, die dem "brandenburgischen
+Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und
+dennoch bieten diese Momente für den Forscher, der dem Sein und Werden,
+dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur
+folgt, bei weitem nicht die genügenden Anhaltspunkte. Man las bisher über
+Häring nur Zusammenfassungen, kurze Resümees einer dahineilenden Zeit,
+die ihre Opfer der Pietät rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder
+auf sich selbst zurückzukommen.
+
+Bei solchen Resümees fehlt natürlich auch das Zuviel nicht. Die
+"märkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat
+nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankündigung des
+Buchhändlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder
+deutschen Hütte eingebürgert" sehen möchte. Diese Romane sind reich an
+Vorzügen aller Art. Doch reißen sie nicht durch eine mächtige und
+eigentümliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit
+reproduktiver Umständlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien
+(übertreibend bis zu Phantasien) über eine Mark Brandenburg, die jetzt
+mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Königin
+aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstück ist ja im vollen Gange. Hätte
+man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen
+von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten
+Gesetze dessen, was schön ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere
+Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt
+zurückkehren, dort so herrliche Bäume, große Gewässer, sogar in Berlins
+nächster Nähe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die märkischen
+Tannen- und Fichtenwälder, diese durchsichtigen Linienregimenter, überaus
+poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen dürftiger Vegetation
+landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in
+Gründer-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwäldern in Masse und will
+Deutschland einladen, dort Hütten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in
+der Tat die Außerkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden
+Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die
+Übertreibung des Poetischen, das sich in Härings märkischen Romanen
+finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des
+Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an
+jener Welt, die seither für schön gegolten hat und deren Zaubergewalt
+auch dem märkischen Romantiker Häring selbst zu oft vor die Seele trat,
+als daß es ihn nicht mächtig nach dem Süden hätte ziehen, zu dem
+Geständnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind
+eine wahre Befreiung des Gemüts vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch
+in Pankow und Schönhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen
+Schönhausens sind schön, und wäre nur dem Park mehr Pflege zu wünschen!)
+dem großen Naturgeiste nahe fühlen möchte. In dem frisch geschriebenen
+Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Süden, der blauen Donau, den
+schneebekränzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles
+Recht zuteil.
+
+Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Königgrätz und Nikolsburg,
+brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die
+'preußische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der
+begabtesten unserer jüngern Erzähler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus
+Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtümern, gebürtig, glaubte mit
+seinem beredten Fürwort einen Beitrag zu geben zur Annäherung zwischen
+deutschem Süd und Nord. Der Streit, welcher in der Familie geführt worden
+wäre, hieß es, müßte auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein
+Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung
+auszutilgen, welche sich des deutschen Südens gegen den Norden, gegen
+Preußen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewöhnt hat, als den
+Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und
+ihre Hauptstadt bemächtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge
+Nordlandssohn fordert Süddeutschland auf, an diese Quelle der Versöhnung,
+"die Werke des Hrn. G. W. Häring", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er
+hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprüche auch der
+"Kreuzzeitung" auf den Parnaß vertreten) reihen sich dann bei dem
+Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versöhnung an, welchem der
+vielleicht feurigste Mund, der sich je über einen noch lebenden Autor
+ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser
+fortzureißen vermögen, weil der frische Geist der Huldigung Satz für Satz
+zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken
+reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen dürfen
+und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten
+fortreißen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll....
+
+Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Härings, des
+unglücklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung
+ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerflügeln.
+Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls
+märkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die
+Beine verschränkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an
+sich kühner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts
+einzuführen? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte.
+Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so
+gewissensstreng gemacht, daß wir in der Wiederholung eines solchen alten
+Literaturspaßes einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit"
+sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken würden! Aber der
+belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach
+diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, künstlich
+gepflegten Neigungen. Seine Natur ließ nichts frei aus einem übervollen
+Innern hervorströmen. Selbst die Chronik der Bühnen Berlins weist einige
+dramatische Anläufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg.
+Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht
+überspringen und die Tage nicht vergessen, wo Häring noch zu den
+Unentschlossenen gehörte, wo Ludwig Börne jenen mit gutem Essig und gutem
+Öl (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Härings-Salat"
+schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Häring und Ludwig Robert,
+damals zensurgemäße Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch
+nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten
+Aufsatz über die Sontag geschrieben hatte, durch die Straßen und
+Gesellschaften Berlins führten, worauf bei jeder Vorstellung eines
+eilends vorüberschießenden Bekannten regelmäßig derselbe Dialog
+hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Börne!" Verwunderung und
+Entzücken: "Börne? Sontag? Göttlich!" Es war die Zeit nach der
+Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig
+machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen
+Tagen bot besonders die Haltung einer großen Leipziger Buchhandlung mit
+ihren einflußreichen Blättern und Sammelwerken, die im literarischen
+Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton
+angaben, den Mittelpunkt für eine Richtung, der sich auch Häring allzu
+eng anschloß. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der
+schönen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitätsleben
+entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekämpft. Aus jener
+Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers,
+Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphäre schließen läßt,
+wo man freisinnig am Teetisch war, im Büro aber tat, was die
+Obern wollten.
+
+Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem
+Konversationslexikon orientierten Nekrologe, daß sie schon von "großen
+Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat
+sich redlich mühen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des
+Geschicks" rüsten müssen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das
+Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da mußte der
+letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese
+unglückliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem
+sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen ließ, wurde nur
+durch eine für jene Zeit des bedruckten Löschpapiers überraschend
+geschmackvolle Ausstattung einigermaßen wiedergutgemacht. Mißmutig über
+die Art, wie sich die Buchhändler zu den Autoren zu stellen pflegen,
+begründete Häring selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines
+Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Mißerfolge,
+Bekümmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine
+Würdigung seiner märkischen Romane, die zunächst durch Härings mächtig
+pulsierendes Heimatgefühl und vielleicht auch durch Nachahmung des
+vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn
+nur innerhalb Berlins nicht. Nach außen hin fand sich kein Interesse. Nur
+die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten....
+
+Das Jahr 1848 überraschte unsern rastlos tätigen, immer geistesfrischen
+Wilhelm Häring in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung"
+antrat, führte ihn rasch in die richtige Straße der Bewegung, bewahrte
+ihn vor unklarem Wählen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel
+bereut worden ist. Diesem Entschluß, einem viel gelesenen Blatte seinen
+emsigen Fleiß, seine gewandte Federführung, sein reiches Wissen auf allen
+Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat
+es mit befreitem, von Vorurteilen erlöstem Sinn. So vieles, worauf auch
+er in den vormärzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja
+vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, größeren
+Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormärzliche Annäherung
+an einen Fürsten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen
+Vorliebe für märkische Dörfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen,
+Tannenwälder mit Eichhörnchen und gewissen wie schon gedörrt auf die Welt
+kommenden Blüten, speziell märkischen Rispengattungen (ich charakterisiere
+eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut
+entzücken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen
+kann)--diese Annäherung konnte ihm keine Demütigung, keine öffentlich
+auferlegte Kränkung mehr bringen. In den vormärzlichen Tagen besuchte ich
+ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht
+fühlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spürte er überall
+Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen
+und die schönste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Härings bester
+Roman: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." In diesem ausgezeichneten
+Gemälde hatte man nichts von den weglosen Längen seiner märkischen Walter
+Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen,
+von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren.
+Hier waren die historisch erwiesenen Persönlichkeiten wie im Portraitstil
+gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preußischen Unterganges,
+traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser
+Auge, daß uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemütlich durch die
+Linden- oder Brüderstraße schlendert, die in den historischen Häusern
+derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten
+dieses Romans einfallen. Preußen war durch Olmütz auf die abschüssige
+Seite der schiefen Ebene geraten. Über dem ganzen Gemälde lag das bange
+Vorgefühl neuer verhängnisvoller Stürme, die für das damals von
+Manteuffel regierte Preußen heraufziehen müßten....
+
+
+
+
+Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+
+
+... Für die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der
+gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter
+österreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem
+norddeutschen Ohr unerträglichen falschen Reime (reiten und leiden)
+gehören. Eingeführt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in
+Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher
+verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig
+zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt würde der gebildete Kalkulator
+(Rechnungsrat), der einen gefühlvollen Sonntagmorgenspaziergang im
+Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand
+befriedigt fühlen, der vor 30 Jahren in Berlin für einen klassischen
+galt. Die Berliner Poeten, die sich später auf einem traurig
+untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben
+geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige,
+z.B. Theaterkritiken zu schreiben, übergegangen. Wir kommen hiebei, ohne
+diese Metamorphose heute näher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung"
+sehr nahe, und nehmen vom Büchertisch ein in Goldschnitt gebundenes
+zierliches Bändchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schröder
+1873).
+
+Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer
+mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von
+hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwägungen technischer
+Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stündlich in
+Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann,
+sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der
+Kontraste und dem selbst für das politische Gebiet zum Rechnungtragen,
+zur Rücksichtnahme, zur Mäßigung gestimmten weichen Naturell des hier in
+Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem
+politischen Redakteur (glücklich, wer um 9 Uhr abschließen darf!) allein
+zur Erholung übrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond
+und den Sternen, dem Brunnengeplätscher, den Wächtern usw. in den
+wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten
+Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod,
+Jenseits, die vollkommenen Gegensätze des Leitartikels, der uns des
+Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Für jede "Ente", die unser
+Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen müssen,
+rudert hier ein Schwan. Die Schwäne, die Blumen, die Nachen, die Sonne
+und besonders das sonst den Lyrikern wenig zuströmende Gold, der ganze
+Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen
+anziehender Art, das Gold in Abendröten, ins Glühen der Mädchenwange, in
+den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen
+Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und
+zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich
+reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es
+ein Leben nach der Richtschnur überlieferter Traditionen. Selbst den
+Greis ergreift noch der Reiz des Schönen, die mächtig wieder auflebende
+Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des
+Hafis über--aber bald (und vielleicht zu oft für diese immer gleiche
+Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die
+Tür und macht so dem vorgeführten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als
+tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der
+Form sprechen, so ist allerdings damit zunächst ein Lob ausgesprochen,
+das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixität; aber doch ist die
+Übertragung der stündlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde
+führen muß: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang
+bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist
+diesen zarten Eingebungen schädlich, wenn man sie zweimal lesen muß, um
+sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der
+"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so
+kompreß in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufälligen, dem
+Leser nicht sofort geläufigen Umstande veranlaßt, daß es ein längeres
+Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die
+Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt
+sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des
+täglichen Lebens, besonders der Familie, fließt die dichterische Sprache
+mit kristallner Klarheit voll und mächtig. Den Gesellschaftsliedern läßt
+sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrühmen.
+Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer
+eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert
+besonders zu gefallen scheint, nur für eine Tafelrunde geröteter
+Nasen bestimmt.
+
+
+
+
+Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
+
+Heute ist Auktion des Louise Mühlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer
+Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort
+in die Druckereien--sondern ihrer Möbel, Teppiche, Vorhänge, Pendülen,
+Gemälde, Vasen und der ägyptischen Andenken, die alle in einer Etage der
+Potsdamer Straße charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die
+enthusiastische Überschätzung, die der so plötzlich der Welt Entrückten
+jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von
+amerikanischen Steigerern herbeigeführt, das auch für eine alte
+Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fünfzig Dollars zu zahlen bereit
+ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt über die Zerrüttung der Louise
+Mühlbachschen Vermögensverhältnisse! Die Verstorbene hatte die
+glänzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive außergewöhnliche
+Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer
+Fülle. Sie reiste ohne die mindeste Einschränkung wie eine Fürstin. Bei
+alledem soll für ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine
+Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht
+genötigt sein dürfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars"
+anzutreten.
+
+Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer
+Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die
+merkwürdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen
+Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch für
+sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1ständig "diesseitige"
+Menschen gibt, Individuen, für die man sich im Jenseits, falls man nicht
+mit den alten Ägyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends
+eine passende Unterkunft und Anknüpfung denken kann, so sind dies die
+reinen Lebens- und Genußnaturen. Louise Mühlbach war eine solche. Sie war
+die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende.
+Imperterrita hätte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama
+genannt, das sich vielleicht aus ihrem frühern romantischen Leben selbst
+hätte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine
+Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang
+ihrer Stimme unvergeßlich bleiben. Keine Niederlage drückte sie zu Boden.
+Die freudigste Zuversicht, Siegesgewißheit, Trotz bei jedem Unternehmen
+lag in ihren Zügen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so
+hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen
+Schlacht doch noch seinen Rückzug imposant zu maskieren versteht.
+
+Auf den "Berliner Büchertisch" könnte nur ihr letztes, von Flüchtigkeiten
+wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehören, verlegt von
+einer hiesigen Buchhandlung (Werner Große), die nur einen massenhaften
+Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon
+von ihren zerrütteten Finanzen herstammende Unsitte, daß sich die in den
+Stoffen bedrängte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern
+wollte, an lebende mächtige Persönlichkeiten anschloß, schon den
+Erzherzog Johann von Österreich als Romanstoff verarbeitete, während der
+ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloß in Steiermark saß,
+an Napoleon schrieb (siehe die "Enthüllungen aus den Tuilerien"), weil
+sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch à tout
+prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein
+wollte usw. Die Unsitte der "Aktualität" ist jetzt durch den ehemaligen
+Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, daß wir Romane
+zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck über einen
+Kompromiß unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und
+Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgültig eine englische
+Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres
+Zeitalters sind die Beförderer dieses ans Kindische streifenden
+Mißbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht
+mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen füllen will,
+bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den
+Urzustand von Wilden erinnernde maßlose Schausucht, die gierig durch die
+Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles
+belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will,
+Hinrichtungen, Schreckensvorfälle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz
+Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, während sich doch Europa,
+nach einigen Aufregungen, längst, wenigstens in den Kreisen der Bildung,
+beruhigt hat. Sollte man glauben, daß ein New-Yorker Blatt Louise
+Mühlbach nicht bloß nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort
+das diesjährige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten
+"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krähnchen-Quelle zu
+beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann
+selbst in Marienbad eine Kur, erkältete sich, legte sich in Berlin ohne
+die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im
+bewußtlosen Zustande, ohne Schmerzgefühl, aus dem Leben geschieden. Als
+man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die
+Grube senkte und manchem des würdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb
+noch im Ohre klang, hätte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wären, dem
+Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mögen: Auch diese Prunk- und
+Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach,
+Priester!--, es lag ihr bloß die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst
+zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn
+die schulmäßige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder
+diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden
+imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmählich die
+mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt
+annahm, die sich allmählich des Gatten und zurückgesetzten Professors
+bemächtigt hatte! Liebe, Liebe allein ließ den Schein entstehen, als wenn
+die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den
+tausend Anmaßungen und hochgetragenen Nasen der Anmaßung ringsum
+rivalisieren könnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur
+wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrührend anführt, daß unsere
+Fehler die Übertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings
+erschreckende Système de bascule angewandt, wie Louise Mühlbach
+verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und
+Genußgegenständen einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten,
+gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere.
+Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persönlichen
+Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz
+geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glücke begünstigten
+Alltagswelt leisten möchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz?
+Nun, in Bezug auf "Friedrich der Große und die Seinen" und "Kaiser
+Joseph" möchten wir in unsers Helmerding so köstlich vorgetragenes
+Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehört wahrhaftig doch Talent!" mit
+einstimmen.
+
+In fast allen Berichten über die Gegenwartsliteratur findet man den Satz
+aufgestellt: daß der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman
+sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung über einen neu
+erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmäßig diesem Axiom von
+fragwürdiger Tragweite. Hätte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad
+und wahrscheinlicher täglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu
+sein pflegt, zufällig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so würde
+ihm niemand, der die Unzahl der überall erstehenden Theater erwägt und
+das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen
+können. Aber genau erwogen ist jener Satz weder für den Roman noch für
+die Bühne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und
+Naivität geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur,
+die ähnliches nur in den Ansätzen einiger verschollener "Naturdichter"
+besitzt, geschenkt werden könnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund
+treten und wieder auch für die Berechtigung der Lyrik zeugen können! Von
+einem Hindurchgehenmüssen des ästhetischen Begriffs, wie Carrière sagen
+würde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschließlich durch den Roman,
+scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon
+erfüllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es
+wird auf jedem Toilettentisch liegen!
+
+Schon deshalb muß man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen über die
+Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der
+schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat,
+die schreckenerregend ist. Junge Mädchen ohne jede Lebenserfahrung, nur
+von den Reminiszenzen ihrer Lektüre erfüllt, häufen Bogen auf Bogen und
+finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen
+"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen"
+--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrückten Testamenten,
+Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen,
+die sich, nachdem sie das Herz einer Gräfin gewonnen haben, als
+Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer
+Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Küchenrezepte
+entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9
+Bände zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer
+illustrierten Blätter verwertet worden waren, schreiben mit umso größerem
+Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite
+gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert für diese
+Buchmacherei nicht. Wer soll sie üben, wer soll sie lesen, durchblättern,
+als höchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den
+"Blättern für literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hält sie,
+worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die
+den obern Zeilen ebenbürtige redaktionelle Meinungsäußerung, in der Regel
+ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden
+Tadel ausschließt. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind
+froh, wenn sie nur irgendwie die Bücherstöße, die sich bei ihnen
+namentlich gegen Weihnachten aufhäufen, in solcher Art erledigen können.
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt,
+von Karl Gutzkow.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
+
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+electronic works
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
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+
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+Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt
+
+Author: Karl Gutzkow
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+Release Date: February, 2006 [EBook #9977]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on November 6, 2003]
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+Language: German
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
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+Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+
+
+
+
+BERLIN--Panorama einer Weltstadt
+
+von KARL GUTZKOW
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+I. "Weltstadt"-Panorama
+ Cafe Stehely (1831)
+ Cholera in Berlin (1831)
+ Alte Bauten-neue Bauten (1832)
+ Dom, Schauspielhaus-"Sechserbruecke" (1840)
+ Blumenausstellung in Stralow (1840)
+ Notizen (1841)
+ Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+ Der Geist der Oeffentlichkeit (1844)
+ Mysteres de Berlin? (1844)
+ Impressionen-z.B.: Borsig (1854)
+ Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+ Neues Museum-Schlosskapelle-Bethanien (1854)
+ Zur Aesthetik des Haesslichen (1873)
+
+II. Fuer und wider Preussens Politik
+ Ueber die historischen Bedingungen einer preussischen Verfassung (1832)
+ Drei preussische Koenige (1840)
+ Das Barrikadenlied (1848)
+ Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+ Preussen und die deutsche Krone (1848)
+ Abwehr einer Verleumdung (1850)
+ Varnhagens Tagebuecher (1861)
+ Vorlaeufiger Abschluss der Varnhagenschen Tagebuecher (1862)
+
+III. Drei Berliner Theatergroessen
+ Ernst Raupach (1840)
+ Ludwig Tieck und seine Berliner Buehnenexperimente (1843)
+ Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+ Der Sonntagsverein (1833)
+ Cypressen fuer Charlotte Stieglitz (1835)
+ Diese Kritik gehoert Bettinen (1843)
+ Ein preussischer Roman (1849)
+ Eine naechtliche Unterkunft (1870)
+ Zum Gedaechtnis Wilhelm Haerings (Willibald Alexis) (1872)
+ Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+ Louise Muehlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
+
+
+
+I. "Weltstadt"--Panorama
+
+
+
+
+Cafe Stehely (1831)
+
+
+Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur
+bekommen kann--ganz gewiss, oder man muesste sich taeuschen in dieser
+stummen Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder
+Begier und neidischem Blick zusammentraegt, ihn mit der Linken sichert
+und mit der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen
+Gesichtszuege haelt. Die Eisenstange und das Schloss des Journals scheint
+mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer wuerde hier seinen
+Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches
+Heer koennte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch wuerde die
+Geschichte vortragen, man wuerde auf den Druck warten und auch dann noch
+ein Exemplar durch aller Haende wandern lassen--fast in der Weise, wie in
+Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit
+dem troestenden Zuruf, man wuerd' es ja morgen gedruckt lesen.
+
+Stehelys Besucher bilden natuerlich zwei Klassen, die Jungen und die
+Alten, mit der naeheren Bezeichnung, dass die Jungen ans Alter, die Alten
+an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst
+sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt;
+diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen
+Stellungen des preussischen Staats, den Fuessen der Elsler, den Koloraturen
+der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor
+dem Gespraech dieser alten Gecken moechte man sich die Ohren zuhalten, oder
+in die einsamere Klause des letzten Zimmers fluechten. Schon wenn sie
+angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen
+Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste
+Ohr erspaehen koennte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung",
+forschen nach den privatoffiziellen Erklaerungen eines H., v. R., v. Wsn.
+Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen
+Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner oeffentlichen Meinung, als
+wenn es eine solche gaebe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den
+logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung"
+gestaerkt haben, fallen sie uebers Theater her und man muss sie verlassen.
+Ihnen am naechsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und
+Referendare, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen viel sprechen
+und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben
+den Uebergang zu den schon vorhin bezeichneten Juengeren, auf die wir unten
+des breiteren zurueckkommen muessen.
+
+Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein
+Bild der Berlinerei vorzufuehren. Man verlasse das Lokal und bei jeder
+Aussicht wird man fuer sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere
+Zuege finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die ausserdem, dass sie
+eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen
+Fallschirm zur Sicherheit traegt, erhebt sich die stolze Vorderseite
+dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das
+geschmackloseste Anhaengsel einer kappenfoermigen Kuppel, die doch das
+Wahre an dem ganzen Laerm ist in ihrer sonntaeglichen Bestimmung. Wiederum
+vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus
+dem 16ten und 17ten Saekulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten
+der Aufklaerung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich
+wieder in diesen leeren Waenden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuss in
+die Hoehe glaetten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so
+haelt es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der
+Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein
+uebertuenchter ist ...
+
+
+
+
+Cholera in Berlin (1831)
+
+
+... Im gegenwaertigen Augenblick beschaeftigt uns am meisten die seit dem
+ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter
+Journaliere erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen
+anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die naeheren Umstaende des
+ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluss fast
+balladenartig. An die Moeglichkeit, dass die Cholera nach Charlottenburg
+(eine halbe Meile von Berlin) kaeme, hatte man nicht gedacht, der Hof
+hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl
+Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl ploetzlich von
+dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer.
+Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmaenner, die zur
+Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in
+dem stolzen Bewusstsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein
+wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die
+Waerter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr
+man, dass bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und
+die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun
+dieser mit der Spree in Beruehrung gekommen ist, will man weder Fische
+noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurueckgekehrt, und
+soviel man weiss, wird sich der Koenig auf die Pfaueninsel bei Potsdam
+begeben.
+
+Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers,
+gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21
+gestorben sein. Man klagt ueber die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der
+hiesigen Aerzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Maenner aus den infizierten
+Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt
+noch nichts bekannt geworden. Die oeffentliche Stimmung ist bis jetzt noch
+so ziemlich gemaessigt, doch sind Vergnuegungsoerter gegenwaertig weniger
+besucht, und das Raffen nach Praeservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist
+allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken
+gaenzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht
+berechnen.
+
+
+
+
+Alte Bauten--neue Bauten (1832)
+
+
+... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militaerischen
+Ruestungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats
+reicher gefuellt als gegenwaertig. Berlin war in zunehmender Verschoenerung
+begriffen; die Auffuehrung vieler oeffentlicher Gebaeude liess ebensosehr den
+Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die
+Vorsicht loben, die einem grossen Teile unserer Proletairs eine reichliche
+Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute
+ueber, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes
+Stadtquartier vergroesserte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane
+gegenwaertig still. Die beiden oeffentlichen Bauten, an die in diesem
+Augenblick allein gedacht wird, sind die voellige Umgestaltung des
+sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers fuer die
+ankommenden Kaufmannsgueter, und ein kuenftiger Neubau der Bauakademie. Wer
+in Berlin gewesen ist, weiss, dass er, um vom Schlossplatze nach der
+Jaegerstrasse zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch
+engste Passage, die Werderschen Muehlen, die Schleusenbruecken, die
+Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muss. Spaeter wird diese
+unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Bruecke wird
+rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem
+Packhofgebaeude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei
+einem solchen Projekt die Besitzer jenes Haeuserwinkels von der
+Niederlagstrasse bis zur Bruecke, verlieren aber muss die kleine, winzige
+Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer grossartigern und
+freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird.
+
+Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann
+auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwaertige Zustand dieses
+Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst
+so bluehende Anstalt ist gegenwaertig durch die Eroeffnung neuer
+Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung
+des Hrn. Beuth, unsers kuenftigen Handels- und Gewerbeministers, immer
+mehr hebt, in die tiefste Zerruettung gesunken, so dass die Zahl der an ihr
+angestellten Lehrer der der Schueler gleichkommen mag. Darum bleibt
+vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgefuehrt....
+
+
+
+
+Dom, Schauspielhaus--"Sechserbruecke" (1840)
+
+
+Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses
+gewaehrt, auf eine Ueberfuelle von grossen Gebaeuden, die die Gegend von dem
+Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwuerdigsten Plaetze Europas
+machen. Stoerten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des
+grossen Turms! Neben einer grossen Kuppel, die schon an sich unwesentlich
+ist, da sie fuer das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur
+als blosse architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine
+Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei
+wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort
+gehoeren diese kleinen Tuerme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen
+Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen
+angebracht, dass sie schon dadurch etwas fuer die dortige heilige
+Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel
+Russisches in der Politik und den Militaeruniformen nachahmte, wollte man
+auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und
+Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den
+groessern Turm der Kirche zwecklos und unschoen hinzustellen. Ueberhaupt
+wuerden die Gebaeude der Residenz mehr kuenstlerischen Wert haben, wenn
+Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten
+Kuenstlerstolz besaesse, der ihn verhindert haette, Aenderungen seiner
+urspruenglichen Bauplaene hinzunehmen. Eine hoehere Hand, deren Munifizenz
+allerdings ruhmvoll anerkannt werden muss, strich ihm bei vielen seiner
+vorgelegten Bauplaene meist immer das Charakteristische und Kecke weg.
+Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschiessende
+Tuerme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in
+Kunstsachen unbequemen Sinn fuer das Bequeme, Bescheidene, Zurueckhaltende
+weggewuenscht. Es ist nicht ruehmlich fuer Schinkel, dass er bei seinen
+zahlreichen Baugrundrissen dem Kuenstlerstolz so viel vergeben hat.
+
+Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erlaeuterungen zu seinen
+Bauten auch alle die Umstaende angefuehrt, die ihn bewogen, dem
+Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem
+oeffentlichen Gebaeude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang
+benutzt wird, wenn man auf einer grossen Freitreppe Gras wachsen sieht,
+so regt sich unwillkuerlich das Gefuehl, das Unbenutzte auch fuer eine
+Ueberladung zu halten. Doch moegen die Kenner ueber den aeussern
+architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere
+dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht
+Schinkels, hat ganz jenen gedrueckten Miniatur- und Privatcharakter, den
+ein Haus, das frueher Nationaltheater hiess, nicht haben sollte. Es waere
+vielleicht nicht noetig gewesen, dies Theater groesser, als fuer 1200
+Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung
+in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das
+Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Raengen. Man weiss an
+einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine
+Uebersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium moeglich, so
+dass man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen
+muss. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrueckt
+ist, zweierlei verloren. Einmal eine groessere gesellschaftliche
+Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der
+eine dem Auge des andern entzogen ist, so faellt der Charakter einer
+geselligen Zusammenkunft, der so oft fuer eine schlechte Vorstellung
+Ersatz geben koennte, in diesem Theater gaenzlich weg. Man kann Bruder und
+Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme
+dieser winkeligen Bauart ist, dass sich das Publikum nicht als solches
+bildet. Publikum heisst eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und
+das Bewusstsein einer Korporation dem Spiel gegenueber zu behaupten weiss.
+Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,
+wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Ruecken des andern
+angewiesen ist, da kann auch keine Totalitaet des Urteils stattfinden;
+jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die
+richtige Wuerdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,
+dass Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, dass die
+Lokalitaet dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und
+auszubilden....
+
+Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe fuehrt eine
+Bruecke auf den Schlossplatz. Diese Passage ist nur fuer ein kleines
+Brueckengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese
+Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Buergerliche
+zahlt am Ende der Bruecke eine Kleinigkeit. Das Militaer ist frei. Warum?
+Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen
+und von der Bedeutung dieses Brueckengeldes schwerlich eine Vorstellung
+haben. Es wuerde ein ewiges Zurueckweisen sein, Haendel geben und deshalb
+laesst man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man
+nicht annehmen, dass diese eine so kleine Verguenstigung verschmaehen und
+mit echtem point d'honneur da nicht frei voruebergehen werden, wo eben
+eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein
+General geht mit einem Buergerlichen hinueber: Der Buergerliche bezahlt, der
+General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so
+achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefuehls wahrender Stand, das
+preussische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewoehnen kann, von einer
+winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, dass
+er in der Tat von jener Verguenstigung Gebrauch macht. Waer' ich Offizier,
+ich wuerde es fuer beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer
+Steuer dieser Art, die den Aermsten trifft, mich zu befreien.
+
+Ich schliesse daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas
+Urspruengliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,
+dass eine in diesem Punkte sehr zartfuehlende Menschenklasse dennoch in
+einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewoehnung abhaengen kann und
+wie leicht wir ueber etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten wuerde,
+hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?
+
+
+
+
+Blumenausstellung in Stralow (1840)
+
+
+Was rennt das Volk? Was stroemt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in
+die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem
+Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde musst' ich mit meinem Wagen Queue
+machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte.
+Schon aus weiter Entfernung, mehre Strassen vorher, riecht man die von
+Hyazinthen parfuemierte Luft. Tausende von Menschen draengen sich in
+grossen, feldaehnlichen Gaerten und bewundern ungeheure Anlagen von
+Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den
+buntesten Schattierungen abloesen, ja sogar grosse, riesige Figuren zu
+bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen
+Zusammenstellungen. In Harlem koennen nicht groessere Blumenmassen
+beisammenstehen. Indessen gerade dies Hollaendische ist abstossend. Man
+wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen
+versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen missbraucht,
+hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbstaendige,
+das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.
+
+Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne
+Schatten schreckt sie bei der gluehendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes
+Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse
+zieht man ein Los, zahlt dafuer 5 Silbergroschen und gewinnt gewoehnlich
+nur einen Strauss, den man auf dem Gensdarmenmarkt fuer 4 Pfennige kauft.
+Was liesse sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht fuer eine
+huebsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige"
+Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Spaesse
+fuer die Koenigsstaedter Buehne? Herr Glassbrenner schreibt kleine Broschueren,
+worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und
+gemeinsten Berliner Jargon ueber das Hundertste und Tausendste unterhalten
+laesst; nein; auf der Buehne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze
+bewaehrt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so
+willkommnes Menschengeruest, auf welches man die drolligsten Erfindungen
+haengen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der gruenen
+Gaertnerschuerze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend.
+Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger
+einer neuerfundenen Pflanze, die erst kuerzlich auf der Pfaueninsel
+entdeckt und aus Amerika hier eingefuehrt wurde." Die Dame sagt: "Mein
+Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf
+muesste Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln.
+Zum Schluss koennte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum
+schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?
+
+
+
+
+Notizen (1841)
+
+
+Ein Pietist Unter den Linden
+
+Nach einigen sehr staubigen, schwuelen Tagen hatte es endlich geregnet.
+Der schoenste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die
+Linden. Am Palais des verstorbenen Koenigs tritt mich ein Mann mit einem
+Orden im Knopfloche an: "Schoenes Wetter." "Schoenes Wetter." "Das macht
+Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz haette das nicht machen koennen."
+"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs maechtig und gross ist sein Name,
+ja gross in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kraeftiger
+Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung ueber die angeborne
+Suendhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem
+mir gaenzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger
+Ungeduld: "Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten
+Sie mich fuer einen Schwaermer?" "Ich hoere den Laerm, sehe aber kein Licht."
+Diese Antwort von dem schlichten Spaziergaenger war dem Bekehrer
+unerwartet. Er sah mich gross an und ging. Zu Hause fand ich in der
+Rocktasche einen Busstraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.)
+
+
+Die Kandidaten der vakanten Aemter
+
+Einen ruehrend-komischen Anblick gewaehrt an jedem Morgen in den ersten
+Fruehstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstrasse
+bis zur Leipziger Strasse hin. Das ist naemlich die Zeit, wo die Kandidaten
+aller vakanten und nicht vakanten Aemter, die Kandidaten aus allen
+moeglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfaechern den
+maechtigen Ministern und Raeten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet,
+mit weisser Binde um den Hals, schiessen sie an dir vorueber, ploetzlich
+stehen sie still, ueberlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes
+Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, naehern sich der
+verhaengnisvollen Tuer, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um
+sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluss.
+Andere wollen eben von der Rechten an die Tuer eines Hotels treten, da
+begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle
+vakant! Jeder bildet sich ein, so frueh zu kommen, dass er den maechtigen
+Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Taeuschung--schon
+ist das ganze Vorzimmer gefuellt und die eine Lebensfrage, auf deren
+Loesung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade
+ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den
+Lebensfragen von dreissig anderen Menschen, in den Hoffnungen von
+ebensoviel anderweitigen Braeuten! Geoeffnet ist hier die geheime Werkstatt
+unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gaenge, die der
+Fuchs oft schneller durchgraebt, als der still arbeitende Bergmann--ein
+Anblick, zugleich komisch und zum Weinen!
+
+
+Sommertheater in Steglitz
+
+Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen
+der Journale und den maessigsten Erwartungen zurueck! Ref. hoffte, ein
+niedliches, von Holz und Backsteinen aufgefuehrtes, der Wuerde Berlins
+entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser
+als eine Scheune, mit langen hoelzernen Baenken und einem Rang, der nichts
+als eine Galeriebruestung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist
+unertraeglich und verlaesst man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich,
+in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft
+und Flaeche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder.
+Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so
+haette man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein
+Sommertheater ist nur unter freiem Himmel geniessbar oder es sei denn, dass
+ein steinerner Bau die ersehnte Kuehlung spendet. Dass eine so armselige
+Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die
+Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie
+werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert.
+
+
+Berliner Volkscharakter
+
+Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele
+einer seinem aeussern Umfange auch innerlich entsprechenden
+Grossstaedtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle,
+gesellige, werden in groesserem Stile als frueher ausgefuehrt. Manches, was
+noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschaeftigen konnte, wird jetzt
+verachtet, z.B. die Trivialitaet der sogenannten Berliner Volksliteratur,
+die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und
+der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Koenigstaedtschen
+Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der luegenhaften Verballhornisierung
+des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es isst und
+trinkt" gezeichnet findet, tritt allmaehlich wieder das urspruengliche
+Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmuetigkeit, Freude am
+neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen
+Auszeichnung, sinniger Genuss der sparsamen, aber oft anmutigen
+Schoenheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiss noch
+einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat.
+
+
+
+
+Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+
+
+Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin
+veruebten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten
+Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen
+sich einer so originellen Organisation, dass die Polizei manchen Bewohnern
+anzeigen kann, sie wuerden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage
+wachen die Gewarnten: Am fuenfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen.
+Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzaehlt, dass nachts in den
+besuchtesten Strassen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen
+werden. Wenn man diese sich taeglich wiederholenden kriminalgerichtlichen
+Anzeigen liest, muss man glauben, Berlin wuerde zum grossen Teil von einer
+ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt.
+
+Ehe man aus diesem Gefuehl gaenzlicher Unsicherheit, das gegenwaertig in
+Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluss auf die sittlichen Zustaende
+der norddeutschen Hauptstadt macht, muss man so gerecht sein, einige
+Umstaende mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu
+Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort
+bestohlen, glaub' ich ueber diesen Gegenstand, der nachgerade die
+Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschaeftigen muss, eine
+Stimme zu haben.
+
+Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die
+Einrichtung der Haeuser. Die Zahl der Nachtwaechter ist viel zu klein.
+Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militaers oder sonstige
+Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast
+nur pro forma versehen. Die Nachtwaechter in Berlin sind oft hinfaellige
+Greise. Mit einem spaerlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln
+ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Ertraegnissen eines
+Privilegiums, das man in fremden Staedten kaum fuer moeglich halten moechte.
+Der Berliner Nachtwaechter hat ein Bund von hundert Hausschluesseln am Leib
+haengen und schliesst jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste
+beste Haus einzutreten wuenscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man
+sieht, dass es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als
+in Berlin.
+
+Das Revier des Nachtwaechters ist zu geraeumig. Er hat mehr Strassen unter
+sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschaeftigt,
+kuemmert ihn das Strassenleben sehr wenig. Er horcht nur, dass man ihn ruft,
+um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Baecker,
+die Brot zu backen haben. Die Rundgaenge durch die Strassen werden ohne
+Aufmerksamkeit abgemacht. Der schuetzende "Kellerhals", hinter dem er
+ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so
+kuendigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich waehrend
+seines Voruebergehens zu zerstreuen.
+
+Berlin muss die Zahl der Waechter verdreifachen und sie unter eine
+militaerische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Waechter sind
+eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des
+Eigentums.
+
+Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, dass die Berliner Haeuser sich des
+Nachts jedem beliebigen Besucher oeffnen, so ist der Hausfriede am Tage
+nicht gesicherter. In Paris hoert man viel von Betruegereien in den
+Kauflaeden, von Betruegereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in
+seinem Lexikon auffuehrt, aber wenig von Diebstahl oder gar naechtlichem
+Einbruch. Berlin ist eine grosse Stadt geworden und war urspruenglich nur
+auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Strassen sind weitlaeufig, die Reviere
+entlegen, die Haeuser sind meist zweistoeckig und nur von einigen Familien
+bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht,
+da dafuer die Haeuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein-
+und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugaenglich.
+Den ganzen Tag reisst das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist
+froh, sich auf seine Zimmer abschliessen zu duerfen und kuemmert sich nicht
+um den Nachbar, bei dem man, waehrend nebenan Gesellschaft ist, alles
+ausraeumen kann. Waehrend mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer
+ausgeraeumt wurde, sass meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den
+"Beobachter an der Spree" und strickte Struempfe.
+
+Laesst sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine
+Veraenderung treffen, so wird doch darum die erhoehte Wachsamkeit der
+Behoerden um so dringender. Ohne eine neue Waechter- und Patrouillen-
+Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen.
+
+Dieser Gegenstand laesst aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin
+den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher
+diese sittliche Verwahrlosung, von der wir taegliche Belege erfahren?
+Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun
+Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Strassen ging, Harun Al
+Raschid wuerde darueber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese
+Beobachtung an Bagdad gemacht haette.
+
+Es ist wohl moeglich, dass nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme
+Waechter- und Haeuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und
+doch steht es fest, dass Berlins Unsicherheit groesstenteils aus seinem
+eignen Schosse entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies
+aus. Es ist ein betruebendes Gestaendnis, das man sich nicht ersparen darf:
+In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralitaet frisst wie ein
+Krebs um sich. Die Familien sind zerruettet, zu der Armut und Brotlosigkeit
+gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner eigene Keckheit
+und Verwegenheit steigert das Geluest zum Entschluss, den einmaligen
+Entschluss zum immerwaehrenden Handwerk; die Zuchthaeuser liefern die
+Verbrecher nicht gebessert zurueck, sondern in kurzem sieht sich die
+richterliche Gewalt genoetigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und
+ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fuenf Jahre
+umsonst gesessen.
+
+Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des
+Volkes. Die Fruechte derselben reifen erst in spaetern Jahren. Man wird fuer
+Berlins gegenwaertige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern
+suchen duerfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muss zu den Mitteln
+fuehren, sie kuenftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu
+befoerdern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung
+sagen.
+
+Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel wuerdiger
+oeffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen
+Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnuegungssucht. Auch Wien ist
+ohne oeffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte
+Vergnuegungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches
+Sachverhaeltnis, dessen schaedlichen Einfluss auf die Sittlichkeit ich
+beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der
+Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein
+Vergnuegen ist durch Ueberlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik,
+Tanz, Theater, heitere Ausfluege in die schoenen Umgebungen. In Berlin
+isoliert sich alles. Keine oeffentliche Vergnuegung befriedigt und so
+entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen
+Gesellschaften, diese Kraenzchen, dies Jagen nach "Privatvergnuegen", dies
+Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kraefte der
+Familien ueberbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbaelle
+verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stuerzen, die
+Leihhaeuser fuellen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reisst die
+Maenner in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr
+ihres Gewissens maechtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und
+Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von
+Kellerstuben zu einem glaenzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts
+Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in
+Szene setzen.
+
+Muss man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muss man
+vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen
+hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet,
+nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der
+oeffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schoepfungen
+beschaeftigen muesse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den
+Acker, den man beernten will, auch zu besaeen. Hier ist ein neues Ziel,
+das eine solche Institution sich stecken muesste. Zerstoert diesen
+Isolierungstrieb! Bindet die Menschen fuer ihre Vergnuegungen aneinander!
+Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges,
+etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was
+koennte Berlin Ersatz geben fuer den Mangel einer heiteren und
+zerstreuenden Natur? Was koennte diese Tausende von gedankenlos zum Tor
+hinauswandelnden Sonntagsspaziergaengern vereinigen? Was kann das Innere
+der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man
+heimkehrt und nicht in seine vier Pfaehle rueckkehren will? Denkt doch
+darueber nach, ihr philosophischen Staatsmaenner, die ihr jetzt in Berlin
+das Ruder in Haenden habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich
+angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst
+dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoss zu
+beteiligen. Ehrt die Neigung zur Oeffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das
+noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehaessig war,
+oeffentliche Aufzuege; lasst die Menschen sich menschlich austoben, dann
+werden sie nicht in die Kellerloecher kriechen und es tierisch tun. Eines
+der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere
+an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen
+mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelueste der
+niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die
+Moralitaet, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen Koenig ganz jenen
+Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens fuer
+Berlin ist, das Koenigsstaedter Theater hat zwischen Nestroys Possen und
+der glaenzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt
+und die Preise der Plaetze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das
+Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist
+in Berlin eine kuenstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden
+Verbindung steht. Entweder muss man in Berlin die Hofbuehne entschieden zur
+Volksbuehne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines fuer die
+Gegend nach dem Koepenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des
+neuen Hamburger Tores. Nur vorlaeufig zwei solcher Theater, gut
+beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stuecke voellig freigegeben,
+mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natuerlich mit
+Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, koennten den
+auffallendsten Einfluss auf die Sittenverbesserung Berlins haben.
+
+Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion.
+Fuer die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in
+Berlin hinlaenglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen
+Regierung ihr Schulwesen nachgeruehmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache,
+dass Kenntnisse an und fuer sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie
+befoerdern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu
+den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein sittlicher
+Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben sehr ernst
+betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr buergerlicher, als
+geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu gross und dem Geistlichen
+fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende Beaufsichtigung seiner
+Gemeinde. Sie ist bei einer so grossen Stadt und der Freiheit vom Beicht-
+zwange schwer oder ganz unmoeglich. Tun nun die Kirchen ihre Pflicht? Wird
+die Religion so gepredigt, dass sie veredelnd und tief in die Sittlichkeit
+des Volkes eingreifen kann?
+
+Das ist denn wiederum ein wichtiger und ausserordentlich schlagender
+Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben.
+Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben
+koennte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise
+gepredigt, die hoechst beseligend, hoechst beglueckend auf einen Einzelnen
+wirken kann. Es gibt wahre Froemmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen,
+in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in
+denen ein warmes, fuer den Himmel laeuterndes Christentum sicher mit dem
+trostreichsten Erfolge fuer das Glueck vieler Familien gepredigt wird. Aber
+was kann auf unsere Zeit der Pietismus im grossen und ganzen wirken? Ein
+Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Raeudigen anzulocken?
+Haben wir gesehen, dass in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist
+auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie
+Couard, Strauss, Arndt haben einen grossen Zulauf, aber nur von glaeubigen
+Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von
+solchen, die erst fuer seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht
+nicht in diese Kirchen. Sie wuerde gehen, wenn dieser theologische
+Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort
+einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid
+flicken, nicht jungen Wein in alte Schlaeuche fuellen, sondern ein ganz
+neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse
+wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religioesen
+Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwaehlten findet und so ist
+in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen
+Volkslebens, aus Ueberreligion ohne durchgreifende Wirkung.
+
+Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluss auf die Sittlichkeit einer
+Nation zu geben, muss es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch
+die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muss
+mit schlichter Einfachheit und ueberzeugender Waerme auf die moralischen
+Grundwahrheiten zurueckgefuehrt werden. Ein protestantischer Staat kann fuer
+seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur
+dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefuehlvoll und beredsam
+vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion
+gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten moegen Koerner, Tiedge und
+aehnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik
+sehr schoen und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an
+Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge
+verloren, waehrend sie einem Gemeinplatze zujubelt. So moegen die Denker
+und Gefuehlsmenschen im Christentum die tieferen Bezuege ansprechen und
+beschaeftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das
+Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit
+vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefuehligen Grundwahrheiten.
+Wer mir Prediger sein wollte, duerfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie,
+mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der ueblichen pietistischen
+Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Haette man in Berlin geistvolle und
+beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Boeckel in
+Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in
+Gotha, haette man statt einer Clique junger Kopfhaenger eine Schule
+wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner
+gestiftet, die Kirchen wuerden ueberfuellter und die Gefaengnisse
+leerer sein.
+
+Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel
+ist gewiss, er will seine Laender im grossen Stil regieren. Hier waere denn
+Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schoepfungen.
+
+[Nachtrag:]
+
+In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend
+gefunden, dass von einem zweiten und dritten Grunde dieses Uebels die Rede
+ist, ohne dass des ersten erwaehnt wird. Der erste Grund war aus der
+Politik und der mangelnden Oeffentlichkeit unter dem vorigen Koenige
+hergeleitet, doch musste die naehere Ausfuehrung aus unmittelbar vor dem
+Druck des Blattes geltend gemachten Ruecksichten wegbleiben, deren Natur
+jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung
+des Artikels herzustellen.
+
+
+
+
+Geist der Oeffentlichkeit (1844)
+
+
+Berlin ist eine Weltstadt geworden. Frueher war Berlin nur eine grosse
+Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber
+in dieser aeussern Vergroesserung liegt der auffallende Fortschritt nicht
+allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht
+allein von Strassen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter
+Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in
+der Zunahme eines Selbstbewusstseins, das sich mit einem grossen sittlichen
+Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist
+ueberraschend, wie sich die schlummernden Kraefte allmaehlich entwickelt
+haben. Von unten faengt das an und hoert oben, in idea1ster Hoehe, auf. Der
+Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang
+mit andern grossen Staedte-Entwickelungen gebracht, der ihm frueher fehlte.
+Frueher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf
+Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und
+Schlesien. Der fruehere kleinstaedtische Geist ist gewichen, grosse Gasthoefe
+sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht
+auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muss
+wenigstens seine Freude daran haben.
+
+Was man in auswaertigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin
+besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache,
+durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich
+Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenueber. Es hat sich hier
+wirklich ein Geist der Oeffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar
+edle und wuerdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich
+meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Draengen aber
+so maechtig ist, dass es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen
+dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muss
+es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die
+vorlaeufige Volkstribuene, die Wissenschaft die vorlaeufige Politik. Wie das
+wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung
+lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts
+vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullitaet, heisst
+wenigstens Nullitaet, und jeder fuerchtet sie. Man hat angefangen, die
+Bedeutung eines oeffentlichen Charakters zu fuehlen. Die ruhmvol1sten Namen
+aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus
+der jungen. Unpopulaer zu sein, wagt niemand. Jeder muss einen Kreis von
+Gleichgesinnten um sich haben, er muss sich nach Anlehnungen umsehen. Kann
+er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und
+wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat
+Salons im franzoesischen Wortsinne. Ich muss sogar so weit gehen, zu
+behaupten, dass es mit Geldkosten verknuepft ist, in Berlin eine eigene
+Meinung zu haben. Man muss seinen offenen Mittwoch, seinen offenen
+Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, oeffentlicher
+Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms,
+mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muss wuenschen, dass sich diesen
+Gasstroemungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es
+eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten moechte, ein
+Abzug ins oeffentliche, grosse Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch
+irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen
+Bahn besonders des Ausbaues der staendischen Institutionen. Dies oder
+irgend etwas anderes muss erfunden werden, um diesem Wettkampf von
+Meinungen und Leidenschaften eine schoene hoehere Wahrheit zu geben und
+solchen Zerruettungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der
+traurigen Grimmschen Erklaerung, durch welche sich zwei beruehmte Namen um
+alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.
+
+Einige der auf der Reise empfangenen Eindruecke moegen in bunter Reihe hier
+wiedergegeben werden.
+
+Am 29. Maerz beschloss Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum
+gehaltenen Vorlesungen ueber die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war
+fuenf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte
+sich so ziemlich der groesste Teil des aesthetisch- produktiven Berlins,
+Dichter, Gelehrte, Musiker, Glaeubige und Pruefende, Hingegebene und
+Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein
+musste, dessen oeffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich
+erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien
+der Redner. Ich fuehlte mich an die Vortraege von Edgar Quinet im College
+de France erinnert. Nur schade, dass sich Mundt zu sehr auf sein Heft
+verliess und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift,
+nicht mit freier Rede um so ueberzeugender darstellte. Die Waerme der
+Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet
+selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten
+Gefuehle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdruecken, dass
+ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen
+Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher
+spricht, als ein geschriebenes Heft.
+
+Der Inhalt der Rede erweckte die waermste Teilnahme. Bot ihr Anfang
+demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschaeftigt
+hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf
+zu einem hoeheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der
+sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und
+den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand
+des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch
+hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene ruehrende Humanitaet,
+welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit
+sozialistischen Fragen beschaeftigten, hatte, man sah es, in des Redners
+Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern
+der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse
+doktrinaere Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, dass in einigen
+weihevollen Momenten ein schoener Abglanz von Gemuet und Wehmut auf seinen
+Gesichtszuegen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, dass jetzt bei den
+Fortschritten der Volksbildung der Vater beschaemt von seinem aus der
+Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen koenne, ebenso
+geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgefuehrt.
+
+Ueber manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und
+wuerdigte ihn nicht genug, trotzdem, dass er mit Achtung von ihm sprach. Er
+kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurueck. Poesie ist in
+der Sozialfrage ein gefaehrliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man
+dahin kommen, dass am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der
+Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt
+verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glueckseligkeit
+unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners
+Aeusserungen liessen mich fast besorgen, er haette das Thema der materiellen
+Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet
+spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend,
+sehr zeitgemaess, ja sehr freimuetig und gegebenen Umstaenden gegenueber kuehn
+fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehoerten und die
+Ansicht vorauszusetzen schienen, man koenne Hungernde mit Sonnenlicht
+saettigen und Duerstende mit den Farben der Blumen traenken. Der Redner
+kannte die praktischen Schaeden, wollte sie heilen und wich wiederum dem
+praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf,
+der ohnehin auf einem Missverstaendnis beruhen kann, hat sich Mundt ein
+grosses Verdienst erworben, dass er in jener unmittelbaren Form, in der
+Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in
+den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise
+Philosophie beschaemen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur
+Leichentuecher fuer das Leben spinnt ...
+
+
+
+
+Mysteres de Berlin? (1844)
+
+
+Das ist gewiss charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen
+Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Fruehgottesdienstes fuer
+Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung
+nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunaechst machte, ein Jude (der
+Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die
+spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen,
+bestreben sich hier, dem Ueberchristentum in die Haende zu arbeiten. Ein
+Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was
+darunter zu verstehen ist. Man hat naemlich gefunden, dass die
+Droschkenfuehrer von frueh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen
+muessen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht
+gaenzlich verloren zu geben, laesst man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre
+Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens
+bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man
+glaubt, wenn man so etwas erfaehrt, in England oder Pennsylvanien zu sein.
+Diesem Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuehrer muessen, wenn man konsequent
+sein will, noch diese Einrichtungen folgen:
+
+Ein Fruehgottesdienst fuer Brieftraeger.
+
+Ein Nachmittagsgottesdienst fuer Milchkarrenschieber; denn auch diese
+Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube,
+dass es wuenschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu
+gewoehnen; aber haette die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes
+ueberchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen
+andern Ausweg finden koennen? Wie nun, wenn man bei den Droschkenstaellen
+keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenfuehrer es moeglich
+gemacht haette, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen
+halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche
+besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr
+habt ein so grosses Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt
+fuer seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine
+Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus
+seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude,
+zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt dass also die hiesigen
+Ueberchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann
+alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien
+Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbuerger
+anwenden kann, wie er will, schluepfen sie ueber den Missbrauch des
+privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, dass
+kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig
+dafuer, dass ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium
+gepredigt wird! O ueber den frommen Kommerzienrat!
+
+Wenn dem religioesen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben
+wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die uebertriebene Heiligung des
+Sonntags kann foermlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand
+in den Gedanken vertieft, dass die Eisenbahnen an Sonntagen befahren
+werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivfuehrer deshalb nicht die
+Kirche besuchen koennen, wuerde man einem solchen Gemuet nicht zurufen
+muessen: Behuete dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religioese Fanatismus,
+der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprueche auf unsere
+vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanitaet so
+nahe, dass man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung,
+Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die
+Wartung der Kranken laestig und beaengstigend wird, dann muss man selbst
+gegen so an sich ehrenwerte Aeusserungen des ueberchristlichen Sinnes kalt
+werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie
+als rechten Glaubens erkennt; laestig und beaengstigend ist die
+Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Koerpers von der
+Verworfenheit unserer Seele redet.
+
+Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtaetigen
+Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige
+sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung
+gefallener Maedchen. Was man von letzterem hoert, laesst auf eine gesunde und
+tatkraeftige Ausfuehrung dieser an sich loeblichen Absicht nicht schliessen.
+Schon dass diese ungluecklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich
+gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende
+Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen
+einer sichern Besserung entgegen zu fuehren, so kann es nur der sein, sie
+auf eine moeglichst geraeuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der
+Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken,
+dass der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die
+Tuer hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartaeuserartige
+Resignation zeigen muss, aber wie wenig Gemueter werden einer solchen
+Abtoetung des letzten Restes von Stolz faehig sein! Gerade das, was Ihr
+zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur
+das Samenkorn, aus dem sich eine neue Bluete des sittlichen Menschen
+erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Dass eine solche
+Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurueckbleibt und, statt gebesserter,
+dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es
+der Fall ist, beim geringsten verfuehrenden Anlass wieder in ihre alten
+Lasterwege zurueckfallen.
+
+Nach allem, was sich hier beobachten laesst, sieht man, dass man die Uebel,
+an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo
+erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fuehlt, weil sie sich zu
+unabweislich von selbst aufdraengen. Aber in den Mitteln, den
+gesellschaftlichen Schaeden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den
+Schaeden unmittelbar begegnen, statt dass sie nur da wahrhaft zu heilen
+sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel
+muss man entdecken und den Wurm toeten, der an der Wurzel nagt. Das
+Begiessen des welken Blattes an dem verkrueppelten Stamme fristet ihm eine
+Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber faellt es ersterbend ab,
+weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der
+Gesundheit ihm staerkend nicht zustroemt.
+
+Theodor Mundt sprach in seiner kuerzlich erwaehnten Vorlesung von dem
+durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glueckseligkeit und Vergnuegen".
+Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen
+feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Praemisse seiner fruehern
+Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich
+diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenueber. Er ist wahr, er ist
+bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch
+durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfaehigkeit der Armen. Am
+unersaettlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand.
+Glueckseligkeit und Vergnuegen ist mehr denn je die Devise des Berliners
+geworden. Die oeffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller
+Art haben sich reissend vermehrt. Die Strassenecken sind taeglich mit mehr
+als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei
+ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung
+erfordern, unverhaeltnismaessig. Wer frueher nicht wusste, welches Gewerbe er
+treiben sollte, eroeffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu
+Anlagen von Kaffeehaeusern, Vergnuegungsgaerten, Konditoreien gesellt, die
+mit derselben Schnelligkeit aufschiessen, wie hier Mode-, Schnittwaren-,
+Kleiderhandlungen und Gewerbelaeden von solchen eroeffnet werden, die diese
+Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und
+mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnuegungen dann jene Zustaende
+der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer
+im Anhange ihres Koenigsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist
+schneidend.
+
+Auswaerts fuehlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswaerts hat
+man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten
+Beduerfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung
+ploetzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen koennen. Ich gestehe,
+als ich diesen von allen Zeitungen fuer einen Feenpalast ausgegebenen Ort
+besuchte, konnte ich den stoerenden Gedanken, dass diese Schoepfung sehr mal
+a propos gekommen, nicht unterdruecken. Zum Glueck bleibt auch dieser
+"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurueck. Schon in der Ferne, wenn man
+durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine grosse
+Ziegelhuette aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und
+hervorspringenden Hausecken und fuehlt sich durch den ersten Eindruck eher
+abgestossen als angezogen. Dabei aergert man sich ueber die Idee, ein
+solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse
+Berlins, die Sandwueste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der
+Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des
+Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den
+Vordergrund; denn recht in den Mutterschoss dieses Staubes ist das neue
+Gebaeude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lueckenhaft,
+hoelzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt.
+Mit einem Blick uebersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnuegens.
+Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Moeglichkeit des
+Alleinseins. Die nackten weissen Holzwaende, mit Goldleisten zwar verziert
+und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhaenge, das ganze
+Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an
+den Maskenbaellen in der grossen Oper zu Paris ist nicht der grosse
+Tanzraum, sondern das bunte Gewuehl auf den Treppen, Korridoren, in den
+Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht
+getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches
+Etablissement nicht; aber man muss hinzufuegen: Wenn man in Paris so
+oberflaechlich waere, zum blossen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine
+solche Unterhaltungsanstalt zu begruenden, so wuerde sie grossartiger,
+geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoss dieses Tempels
+der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalitaet
+zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London
+gefunden werden kann. Man glaubt, dass die "Mysteres de Paris" hier ihren
+Anfang haetten nehmen koennen. Man glaubt den tapis franc zu betreten und
+sieht sich unwillkuerlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mysteres de
+Berlin" koennten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine grosse
+Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ...
+Schade, dass sich originelle Koepfe nicht leicht entschliessen werden, in
+die Fussstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wuenschenswert,
+dass sich jemand der deutschen Zustaende so bemaechtigen koennte, wie Eugene
+Sue der franzoesischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und
+Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte?
+Mysterien von Berlin muessten grelle Schlaglichter auf Deutschlands
+sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustaende fallen lassen,
+muessten die Fackel der Aufklaerung nicht nur in die Kellergewoelbe der Armut
+und des Verbrechens tragen, sondern auch in die truebe Daemmersphaere der
+Schein- und Ueberbildung, der Luege und Heuchelei....
+
+
+
+
+Impressionen--z.B.: Borsig (1854)
+
+
+Berlin waechst an Strassen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des
+Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit
+einer Droschke von der Wilhelmstrasse zu den Linden fahrend, glauben, in
+Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die grosse Friedrichstrasse
+gleicht dann schon einer verlaengerten Graeberstrasse. Auf fuenf von der
+Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuss, einer auf dem
+Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der
+Stille einer grossen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem
+so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stuermte vielleicht
+eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang
+wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.
+
+Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels
+telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen
+und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmaessig vorrichten zu
+lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Muehe
+haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusoehnen:
+Laendlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiss hinter den
+Fortschritten der Zeit nicht zurueck, aber die Aermlichkeit der
+Zimmerausstattungen, das Gepraege der auf allen moeglichen Auktionen
+zusammengekauften Moeblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,
+durch uebermaessige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des
+unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fussboeden, stellt immer wieder die
+Aermlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,
+ihren zentnerschweren Federpfuehlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist
+in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem
+Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und laesst sich's
+an ihnen genuegen, wenn nur dafuer die Ausbeute an geistiger Anregung desto
+belohnender zu werden verspricht.
+
+Regen und Schnee, Sturm und Kaelte lassen die grossen Schmutzflaechen der
+Berliner Plaetze und Strassen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar
+sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Strassenkehrer eine
+ganz eigentuemliche breiige Masse zusammen, ein fuenftes Element, das
+bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen
+Plastik aus Strassenkot moeglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der
+fluessigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel
+stuendlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta
+fuer Eichlers plastisches Kabinett bilden liesse? An Ordnung in der
+Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden
+polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Strassenecke der
+belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der
+preussischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im
+Helme des Kriegers fuer den oeffentlichen Frieden sorgt. Man haette aber die
+Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der
+Ehre, ihn tragen zu duerfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher
+gluecklicherweise wieder ausgeschlossen.
+
+Eine in die Augen springende Verschoenerung der Stadt, die sie seit
+einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen
+Standbilder auf den grossen Granitwuerfeln der Schlossbruecke. Wohl ueber
+zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer
+kuenftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu
+erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Loewen, beruehmte
+Divisionsgenerale und bewaehrte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist
+"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob
+die vielen Klagen ueber allzu grosse Natuerlichkeit dieser Gruppen einen
+Grund haben, laesst sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer
+beurteilen. Das Schneegestoeber verdeckt alle Aussicht, der durch die
+einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fussboden ist zu nass, um irgendwo
+bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu koennen, der sich ueber
+diesen weissen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es
+scheint gewoehnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkaempfer
+bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke
+Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen
+einiges Mitleid haben, man darf annehmen, dass sie frieren; denn zu
+ersichtlich sind sie nach Modellen der schoensten Grenadiere vom ersten
+Garderegiment gemeisselt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine
+gewohnte, sondern nur ein zufaelliges Ausgezogensein bei einem
+gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die
+allgemeine Militaerpflicht, die ein- und dreijaehrige Dienstzeit, die
+Manoeverzeit und ein mobilisiertes Ausruecken nebst endlicher
+Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende
+Allegorie. Die uebergrossen Fluegel der Viktorien sind schon fuer die
+Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdaechtig. Man hat
+diese Fluegel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp
+neupreussisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben
+christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands
+hueten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen
+und auch sonst schon in die gewoehnlichen Verzierungen der Stadt
+uebergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr
+christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekraenzung der Krieger
+immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfuellenden modernen jungen
+Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die
+erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geaeusserte
+Wunsch, ihnen warmhaltende Maentel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz
+unmotiviert. Nur ueber die allzu natuerliche Wiedergabe der Natur hat man
+sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die
+Granitwuerfel haben erst noch einen so ansehnlichen Ueberbau erhalten, dass
+eine junge Dame schon sehr neugierig sein muss, wenn sie, aus einer
+Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schlossbruecke
+ein Aergernis nehmen will ...
+
+Die Zunahme Berlins an Strassen, Haeusern, Menschen, industriellen
+Unternehmungen aller Art ist ausserordentlich. Auf Stellen, wo ich mich
+entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur
+gebaendelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,
+trinkt Tee und unterhaelt sich ueber eine wissenschaftliche Vorlesung aus
+der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde bluehte, stehen
+jetzt grossmaechtige Haeuser mit himmelhohen geschwaerzten Schornsteinen. Die
+Fabrik- und Gewerbstaetigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt
+es z.B., einen von der Natur und vom Glueck beguenstigten Kopf, den
+Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behaebige Gestalt, in seinem
+runden Quaekerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,
+um seine drei grossen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden
+Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschaeftigt 3000
+Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das grosse
+Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.
+Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwaertig an
+der fuenfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs
+Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz
+gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, dass er sich von den
+gluecklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Foerderung
+der Kunst gedrungen gefuehlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem
+Koenige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine
+praechtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz
+Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm bluehen zu sehen.
+
+Fuer gewisse industrielle Spezialitaeten gibt es in Berlin Betriebsformen,
+die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem
+Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene
+riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Ruebenzuckerfabriken
+noetig hat; hier werden die Kupferdraehte fuer die elektrischen Telegraphen
+gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und
+vorzugsweise Russland. Ebenso grossartig ist Ravenes Handel mit
+Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.
+Es charakterisiert den Berliner Grosskaufmann, der seine urspruenglichen
+naiv-buergerlichen Triebe nicht lassen kann, dass Ravene in einem Anfall
+guter Laune saemtliche verkaeufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich
+das Privatvergnuegen machte, das Modell einer grossartigen, aber soliden
+Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr noetig schien.
+Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende
+von Menschen, die Bevoelkerung kleiner Stadtbezirke, beschaeftigen,
+ueberdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige
+Behandlung erfordert ...
+
+
+
+
+Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+
+
+Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin
+finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muss. Es ist dies der
+Ausdruck: Quatsch.
+
+Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen
+bleibend, dann natuerlich noch hinter dem halben Verstande zurueckbleibt.
+Denn man kann eine halbwegs vernuenftige Meinung, ein halbwegs ernstes
+Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft
+gelten lassen. Der halbe Verstand gehoert oft der Mystik an, die bis auf
+einen gewissen Punkt auch gewoehnlich eine Art Logik fuer sich hat. Der
+halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die
+Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse
+stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit.
+Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umstaenden der Unsinn!
+Den Unsinn haben Aesthetiker goettlich genannt, den echten, wahren,
+natuerlichen Unsinn, der die Haelfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein
+vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der
+relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das
+herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das
+Quatsche.
+
+Berlin ist gross im Quatschen. Es kichert ueber jede Grimasse zum Witz,
+wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte
+absonderliche Redensart findet unverzueglich ihr Publikum. Man findet hier
+Menschen, die fuer witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere
+Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln
+und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein
+ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie
+fallen, sie stolpern ueber sich selbst; die Berliner nennen das alles
+witzig, waehrend ein Vernuenftiger es Quatsch nennen muss. Ich sah "Mueller
+und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die
+wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem
+gellenden Pfeifen, mit Gebaerden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu
+zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid,
+solches Gebaren menschlich nennen zu muessen, einfloesste, und unter ihnen
+die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im
+Aeussern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut
+Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Mueller!" "Mueller!" "Schultze!" "Bist
+du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen
+Scherz auf dem Palais-Royal-Theatre in Paris, wir wollen nicht einmal
+sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire!
+Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu
+bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die
+Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern
+heissen, wuerde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muss das Pariser Oh!
+Oh! gehoert haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen
+Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen
+Veranlassungen witzig und geistreich sein koennen. Diese Berliner
+Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwaertig, als wenn man
+sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhuebe einmal seine
+gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.
+
+Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, dass sein
+urspruenglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den
+Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und ueber seine geistige Kraft
+hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene
+Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, traegt den Stempel der
+Unzulaenglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung,
+der Beschraenktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hoekerinnen,
+kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die
+Sprechweise der Gebildeten traegt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des
+Volksdialekts, dass es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des
+reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so
+beschraenktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgepraegtes
+Sprachmaterial bestimmt, dem grossen Ideenkreise einer Stadt, die eine
+Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen,
+so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois
+nennen moechte. Diese Missgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins
+Trieb nach oeffentlicher Bewaehrung wuchs. Seine Bevoelkerung emanzipierte
+sich zum Grossstaedtischen. Die Schusterjungen machten wohl die oeffentliche
+Meinung schon zu Friedrichs des Grossen Zeit; der Koenig sagte den
+Katholiken, die das Fronleichnamsfest oeffentlich feiern wollten: Er haette
+nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die
+literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich
+von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich
+nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft
+zur Geltung gekommen und wer wuerde verkennen, dass "Kladderadatsch" ganz
+Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschuetzt hat?
+Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Auslaender, die sich
+nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schaerfe dieses Blattes wuerden
+diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueroeffneten hiesigen Buehnen
+zeigen, ganz ins Quatsche zurueckfallen.
+
+Die Art, wie hier in neuerer Zeit Buehnen eroeffnet worden sind (um diese
+Faehrte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der
+unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern
+geistigen Faechern so ausserordentlich schwierig ist. Das Ministerium
+Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen
+aus, und in Berlin durften Kaffeehaeuser und Tanzlokale sich in Theater
+verwandeln! Es ist noch ein wahres Glueck, dass unser Schauspielerstand
+durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was
+freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich
+immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst
+nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die naechste materielle Not
+befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den gluecklicher gestellten
+Kollegen an den Hof- und grossen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres
+und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstaedtische
+Theater, besonders durch die Bemuehungen der trefflichen HH. Goerner und
+Ascher, zu einer ueberraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den
+schwierigsten aesthetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im
+Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die
+Bevoelkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen
+andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater ueber
+Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige
+Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche
+haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fuerwort an
+hoher Stelle erlangen zu koennen. Einen Zirkus zu eroeffnen oder eine Buehne
+scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat
+jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgaenger beruft und z.B.
+fragt: Wie kommt der Cafetier Kroll zu einer Buehne, wie kommen zwei
+Gebrueder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum
+Gespoett der Vorstaedte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor
+Graebert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater
+besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde
+der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militaerischer
+Ordnung peinlich war, sogenannte Buergerwehr in rundem Hut und Ueberrock
+die Armatur der koeniglichen Zeughaeuser tragen zu sehen. Nicht dass die
+Buergerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der
+Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt;
+ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert
+wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche
+Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in
+keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der
+Wiener Vorstaedte. Die Josephstaedter Buehne ist vielleicht diejenige unter
+ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialitaet;
+manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr,
+"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstaedter Buehne.
+
+Das Repertoire des Koeniglichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig
+anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstaedter", "Geheimer Agent"
+usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so
+wohlmeinender aesthetischer Sinn vereinbaren laesst, naemlich die Befolgung
+der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden hoechsten
+Herrschaften ueber die Stuecke aussprechen duerfen, die sie zu sehen
+wuenschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas
+auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt
+vorkommt. Bald heisst es: "Auf hoechstes Begehren", bald: "Auf hohes
+Begehren", bald: "Auf Allerhoechsten Befehl", bald nur einfach: "Auf
+Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form
+sich die Wuensche des Koenigs zu erkennen geben. Was ist das aber fuer eine
+Unsitte, dass die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen
+Herrschaft die Stuecke bestellen, welche diese zu sehen wuenschen! Die
+geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und
+zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wuenschen um dieses
+Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben duerfen, sind schon an
+sich klaeglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie
+heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschaefte wird dadurch
+auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden.
+Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswaerts bekommen, die ihr eine
+Schauspielerin oder Saengerin ueberbrachte, so bestellt sie die Stuecke, in
+denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt
+man ihm die Stuecke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht
+sich einige an und man liest: "Auf hoechstes Begehren: 'Der geheime
+Agent'", ein Stueck, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden
+kann. Der Koenig besitzt so viel Geist, dass ihm diese Manifestationen des
+Privatgeschmacks seiner Brueder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel
+Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und
+diesen Missbrauch der von den Kammerherren veraenderten Repertoires im
+Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies
+oeffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem
+Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach
+dem Geiste der in ihm allein anstaendigen Oeffentlichkeit.
+
+Natuerlich ergibt sich unter solchen Umstaenden, wo die Grossen und
+Maechtigen oeffentliche Fingerzeige ueber ihren eigenen Geschmack geben
+duerfen, die Foerderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Buehne
+weit schwieriger. Wenn sich die Grossen "Satanella" oder "Aladins
+Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Koenigsstaedter Theater
+agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem
+Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Auffuehrung eines
+neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor
+einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Auffuehrung des "Demetrius"
+von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer
+Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf
+zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso
+warm wie die Ausstattung glaenzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische
+und Neuheit der Kostuemstoffe, ueberall, in den kleinsten Ausschmueckungen
+der Waende zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden
+Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung
+spielte. Das Stueck war eine Anfaengerarbeit, die kaum Talent verriet (nur
+aus Ueberfuelle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer
+Duerftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber
+die Darstellung ging von einem schoenen Glauben an den Wert des Stueckes
+aus; nirgends sah man ihr eine Missstimmung ueber die aufgebuerdete,
+undankbare und fuer die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und
+mit dem halbunbewussten Pflichtgefuehl verband sich die noch immer
+ausserordentlich ansprechende Natuerlichkeit der Hendrichsschen Spielweise.
+Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs
+immer vorzueglich spielen. Dieser Kuenstler ist ein schwacher Hamlet, aber
+ein liebenswuerdiger und ueberredender Romeo. In seiner Passivitaet liegt
+Poesie und da er nur die Konturen ausfuellt, die der Dichter ihm
+vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich
+seinen Aufgaben unterzieht, ueberall fuer sich ein, wo einmal die Macht der
+Gewoehnung ein Publikum fuer ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und
+Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.
+
+Ich bedauerte, Dessoir nicht beschaeftigter zu finden. Dieser geistvolle
+Schauspieler leidet hier an der ueblichen Abgrenzung unserer Rollenfaecher.
+Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so
+vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber
+auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir
+ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein
+werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den
+ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Buehne
+macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache
+angehoert, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein
+kuenstlerischer Trieb hinfuehren muss, sind noch im Besitze der Herren Rott
+und Doering. Es spricht fuer die geistige Anregung, die Berlin bietet, fuer
+die Belohnung, die man im Beifall eines natuerlich sich hingebenden
+Publikums findet, dass Dessoir darum doch seinen hiesigen, hoechst
+ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen moechte.
+
+Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es wuerde keineswegs
+vernachlaessigt und es hat sich seit Dueringers Mitwirkung sehr gehoben;
+dennoch muss man bei dem Vergleiche der unverhaeltnismaessigen Pracht, die
+das Opernhaus umgibt, wuenschen, es wuerde doch endlich ganz von der Musik
+und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige
+Aufgabe fuer sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen
+gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der
+Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glaenzende
+Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die
+Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der hoehern und
+mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht
+der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und
+Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Beduerfnisse so
+befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die
+Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muss und die derjenige, der
+die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fuelle von Licht,
+Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schoenheit und Gefallsucht! Die
+musikalischen Kraefte sind hier so gross, dass z.B. an einem Abend im
+Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die
+Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1staendig da ist und noch in der
+Singakademie ein Konzert mit der koenigl. Kapelle begleitet werden kann.
+Es ist dies nur moeglich durch die Unzahl von Akzessisten und
+Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzueglich, aber alle Faecher,
+auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1staendig machen. Auf
+dreissig Taenzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel
+junge, huebsche, talentvolle Maedchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um
+der Anstalt anzugehoeren und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen
+einzuruecken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehoerige
+"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum
+retten. Daher auf der Szene die ueberraschendste Massenentfaltung. Die
+Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostueme, der Geschmack der
+Dekorationen ist aufs hoechste getrieben. Da steigen Feentempel aus
+der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des
+orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische
+Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natuerliche Springbrunnen im
+Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren
+Raendern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der
+Szene ist ganz und vol1staendig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel
+der blossen Andeutung, die an andern Buehnen die Illusion vorzugsweise in
+die ergaenzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der
+Oekonomie verbannt, die aus Amazonenroecken von heute fuer morgen Pantalons
+fuer Verschnittene macht. Hier fangen alle Schoepfungen immer wieder von
+vorn an. Kein Kostuemier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter
+Vorraete gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder
+neue Seide, neuen Sammet und fuer die geschmackvol1sten Maler neue
+Leinwand gibt.
+
+Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht
+lehrreich. Dem Aesthetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde
+Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die
+Vorstellung im grossen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des
+Publikums gehoert, ist kulturgeschichtlich merkwuerdig. Dieser Marie
+Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und
+mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hoelle, aber sie ist der wahre
+Himmel des Publikums; sie tanzt die Luege, aber sie verdient ein Standbild
+als Goettin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende,
+uebermuetige Maedchen mit ihren beiden Teufelshoernchen an der Stirn, mit dem
+durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Fuesschen, mit den
+tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich
+unter den ehrwuerdigen Tatsachen des gegenwaertigen Berlins aus! Dieser
+kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterroeckchen, ist sie etwa
+die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant cherie der
+Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant cherie der
+Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf
+der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Buechsel,
+Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere
+Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in
+"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen
+sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem
+andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den
+kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhaelt. Der erste Rang zeigt
+die Generale und Minister, das Parkett den reichen Buergerstand, die
+Tribuene und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in
+der Provinz verkuenden werden, die obern Regionen beherbergen die
+arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur
+Traktaetchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbuecher
+muehsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen.
+Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der
+Treibhauswaerme der speziel1sten, koeniglich preussischen Haus-Traditionen
+grossgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheissen! O so werft doch, ihr
+besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, dass euer
+Privatglaube nichts mehr liebt als die Goetter Griechenlands und dass nicht
+etwa hier der Kultus des Schoenen, sondern draussen euer offizielles System
+eine Komoedie ist.
+
+Satanella verfuehrt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner
+Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine
+Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird
+zweifelhaft sein, dass der junge, kuenftige Referendar besser tut, sich an
+Heinrich Heine, an die schoene Loreley und die Taglioni zu halten. Wie
+kalt und nuechtern ist auch die Liebe eines Fraeulein Forti gegen die Liebe
+einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs
+in die Hoelle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht
+einsehen, dass der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann
+das eine echte Hoelle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon
+kleine Kinder mit Satanshoernern umherspringen und, wie von Selma Bloch
+geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hoelle
+sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem
+reizendsten Chateau d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt
+ist? Wird irgend ein Vernuenftiger einraeumen, dass die Konsistorialraete
+Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schoene "Teufelinne", die
+Antiken des Vatikan ueberhaupt, wie Tholuck getan, "schoene Goetzen" nennen?
+Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und
+Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem
+Vorurteil zu genuegen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine
+solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attituede der
+Solotaenzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der:
+Ich fuehle wohl, es muss einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie
+Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen
+Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese
+Berliner Ballettabende wecken einen ebenso grossen Abscheu vor der
+maetressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der
+Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft
+und dem fashionablen Buessertum, dessen neupreussische Fruechte wir
+hinlaenglich kennen.
+
+Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander.
+Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in
+denselben Personen. Die Heuchelei und die Ruecksicht auf Karriere mietet
+sich einen "Stuhl" in der Matthaeuskirche, nur damit an dem Schilde
+desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht
+des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuss. Dem Genuss
+bauen auch andere Staedte Altaere; die buntesten, mit Rosen geschmueckten
+Altaere baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des
+Genusses, die nur ihm ganz allein angehoert. Es ist dies die Genusssucht
+eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefuellte Boerse alles
+bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht
+wiedersieht, fuer Geld bekommen kann. Es ist die Genusssucht des
+Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt faehrt und sich mit vierzehn
+Tagen Ausgelassenheit fuer ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle
+entschaedigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevoelkerung so
+angesteckt, dass man mit Austernschalen die Strassen pflastern koennte.
+Wohlleben und Vergnuegen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden,
+nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft
+ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine
+Weile gestachelt werden, an Grossstaedtigkeit der Unternehmungen fehlt es
+nicht; aber wenn die natuerlichen Kraefte versagen, tritt das Raffinement
+ein und das Raffinement des Verkehrs, gewoehnlich Schwindel genannt, soll
+hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist
+die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glaenzendsten
+Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend
+Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt
+nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die
+Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste.
+Wo die groessten Spiegel glaenzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde
+niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste
+Scheinfuelle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern
+scheint, kann man gewiss sein, auf hundert Faelle bei neunzig nur eine
+Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.
+
+Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen
+Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zustaenden
+ergeben muessen, nachzuspueren. Der Totenwagen rasselt still und ernst
+durch dies glaenzende Gewuehl. Rauschende Baelle, in der Faschingsnacht ein
+Wagendonner bis zum fruehen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die
+Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemaelde doch eine daemonische
+Beleuchtung. Erschuetternd war mir z.B. die Nachricht, dass der Philosoph
+Beneke von der Universitaet ploetzlich vermisst wurde und wahrscheinlich
+sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, dass dieser redliche
+Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und
+besonders auf die neuere Paedagogik einen nuetzlichen Einfluss gehabt hat,
+seit laenger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor
+werden konnte und sich mit einem jaehrlichen Gehalte von 200 Talern
+begnuegen musste! Zweihundert Taler jaehrlich fuer einen Denker, waehrend es
+hier Geistliche gibt, die es auf jaehrlich 5000 Taler bringen! Beneke war
+ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen
+ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen.
+Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor
+zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Goettinger Professors nach
+Berlin gebracht. Seine Vortraege waren etwas aengstlich, seine Perioden
+allzu gewissenhaft, sein System knuepfte wieder an Hume und Kant an, er
+ging ueber die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkuehn in die
+Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Soliditaet in
+einer Stadt wie Berlin, wo nur die glaenzende Phrase, der saillante Witz
+und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinaere Schwindel etwas
+gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Koepfe,
+die nur in seiner Tonart zu reden wussten oder die es verstanden, ihrem
+sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und
+Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befoerdern
+konnte! Hamlet ist auch darin das grosse und Shakespearen auf den Knien zu
+dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, dass er
+auf des Koenigs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel
+der Befoerderung."
+
+--Wer ertruege Den Uebermut der Aemter und den Kummer Den Unwert
+(schweigendem Verdienst erweist!)
+
+
+
+
+Neues Museum--Schlosskapelle--Bethanien (1854)
+
+
+Eine derjenigen Schoepfungen des Koenigs, in denen man unbehindert von
+irgendeiner drueckenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue
+Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen,
+er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen
+inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Raeumen aller laestigen
+Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fuehlen und im
+Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen
+Kunstbestrebungen, die uns die Schoenheit und Pracht von Muenchen, die
+Ausschmueckung des koeniglichen Schlosses in Dresden, die neuen Plaene fuer
+Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmaeler, Kunstausstellungen,
+Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das
+Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten,
+unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Staette der
+Begruessung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der pruefenden,
+immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die
+sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und
+gefaellig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt
+sind. Wir sind in Italien und in Muenchen vorbereitet auf das, was wir
+hier wiederfinden. Diese Raeume hat mit den Eingebungen seines Genius
+vorzugsweise eine grosse, freie Kuenstlernatur zu beleben, ein Dichter mit
+dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem maerkischen
+Sande stammen. So stoert uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer
+Schwu1st, keine russischen Pferdebaendiger, oder Athleten oder Amazonen
+erfuellen uns, waehrend wir an Athen denken wollen, mit lakedaemonischen
+Vorstellungen; selbst die hier in Berlin ueberall aushaengende Devise:
+"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stoert uns nicht. Man muss Schinkel
+einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf
+doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei
+der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von
+Palastentwuerfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Oefen; aber es
+fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit
+des Stils....
+
+Eine zweite grosse Schoepfung des Koenigs ist die (Kuppeldachkapelle des
+Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine
+Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentuemlichen Geschmack, wenn auch
+eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die
+gewaltige Woelbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet
+gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Geruempel, freilich
+aber auch den vortrefflichen Schlueterschen Basreliefs, die jetzt die
+Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen
+als runden Bogens ist meisterhaft ausgefuehrt. Einen ueberraschenden
+Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewaehren, der sich erst
+im Weissen Saale an den schoenen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet
+hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen
+geschmueckt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmaessig durch
+Milchglasglocken ihre Flammen daempfen sollen. Man erwartet in der Kapelle
+weder diese Groesse noch diese Pracht. Bei laengerer Betrachtung schwindet
+freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf
+Goldgrund ueberladene Gebaeude wird dem Auge kaelter und kaelter. Der Altar,
+wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten
+Kreuze geziert, die Kanzel, der Fussboden, alles erscheint dann ploetzlich
+so nur fuer die Schwuele der suedlichen Luft berechnet, dass man das
+lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht
+innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das
+Spiel aller hier zur Verzierung der Waende aufgebrachten Marmorarten. Da
+gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der
+nicht eine Platte sich hier vorfaende wie in einer mineralogischen
+Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich
+die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken
+zusammengestellt, die Foerderer der Religion und des Christentums zu
+feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner
+Kirchengedanke. Huss, Luther, die Kurfuersten von Brandenburg stehen
+vis-a-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muss es an der einigen
+Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man
+kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst
+halten. Ach, und dieser Fanatismus fuer das konventionell Religioese sitzt
+ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblueten! Man denkt nicht mehr, man
+prueft nicht mehr, man uebt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt
+sie um ihrer Ehrwuerdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren
+graues Haar unsere Kritik ueber die Schwaechen, die sie besitzen,
+entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will
+nicht pruefen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein
+die Tradition, die man auf sich beruhen laesst. Man schlaegt sein
+rauschendes Seidenkleid in kuenstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl
+niederkniet; man schlaegt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb
+gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Ruehrung dieser
+Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute musste besiegelt werden, gesteht
+wohl auch seine eigenen suendigen Einfaelle und Neigungen ein, gibt sich
+den Klaengen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden
+Traenen der Nervenschwaeche und Ruehrung hin und verlaesst die Staette der
+Andacht mit dem Gefuehl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine
+Demonstration gegeben zu haben gegen die anstoessige und in allen Stuecken
+gefaehrliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Fuer diese
+Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen
+zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schlosskapelle.
+Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl laestig werdenden
+Ruecksichten einer solchen Art von Pietaet.
+
+Weitentlegen vom Geraeusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen,
+baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete
+Diakonissenanstalt. Man faehrt an einer neuen, im Bau begriffenen
+katholischen Kirche vorueber und bewundert die grossartige Anlage dieses
+vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu
+erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine staedtische sein und ab und
+zu wird man von Bitten in den Zeitungen ueberrascht, die Bethanien zu
+unterstuetzen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein
+privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewoehnliche Zahl, fuer
+welche die noetigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxurioes
+gespendeten Raume nach koennten noch einmal soviel untergebracht werden.
+Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der
+Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben
+erweckt, als waere die naechste Bestimmung der Anstalt die, eine Art
+Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit
+Krankenpflege beschaeftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des
+Unternehmens auf eine aehnliche Voraussetzung begruendet. Bethanien soll
+eine Demonstration der werktaetigen christlichen Liebe sein; die Kranken,
+mag auch fuer sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen
+gewissermassen die zweite Stelle ein.
+
+Die Oberin der Diakonissen ist ein Fraeulein von Rantzau. Unter ihr stehen
+etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl
+von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten
+sind auf Reisen begriffen, um auswaerts aehnliche Anstalten begruenden zu
+helfen. Die Tracht der groesstenteils jungen und dem gebildeten Stande
+angehoerigen Damen ist blau, mit einem Haeubchen und einer weissen, ueber die
+Schulter gehenden Schuerze. Wie gruendliche Vorkenntnisse hier
+vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen
+allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen
+Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Maegde, die im
+Souterrain an den hoechst entsprechenden praktischen Waschhaus- und
+Kuechenvorrichtungen beschaeftigt sind. Auch Maenner fehlen nicht. Die
+Diakonissen sind ueberhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschaeftigt
+und muessen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und
+Umbetten der Kranken besteht, dem staerkern Geschlechte ueberlassen. Man
+bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus,
+der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit
+verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekaempfen, da unfehlbar
+ein zwangloses Behagen in der Naehe von Kranken und Sterbenden die ganze
+Stimmung unsers Herzens fuer sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die
+reine Luft, das Gefuehl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den
+Kranken selbst zugute.
+
+Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste
+erklaeren diese Frauen und Maedchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer
+Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig
+bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks
+auf einen hoehern sittlichen Zweck. Dennoch haett' ich lieber gehoert: Diese
+Institution waere von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton
+wuerde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei
+gemeinschaftlichem Wirken ist noetig, eine gleiche Stimmung muss alle
+verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob
+das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano
+aufgeschlagen fand, dazu gehoert, moecht' ich bezweifeln. Ein anderes ist
+der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich fuer
+Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt fuer immer getrennt
+haben; ein anderes diese voruebergehende Wirksamkeit einer Diakonissin,
+die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder
+aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden
+kann. Fuer einen solchen Beruf reicht Herzensguete, Menschenliebe und eine,
+durch aeussere Umstaende hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz
+anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert
+die Bildung der Gesellschaft, die Humanitaet der Gesinnung, die Liebe zum
+Gemeinwohl, die Sorge fuer die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt,
+eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktaetiges
+(Prinzip) durchgedrungen sein, dass man, um hier dreissig Frauen in einem
+Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, noetig hat, nach dem Gnadauer
+Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?
+
+Man wird ein jedes Krankenhaus mit Ruehrung verlassen. Auch in Bethanien
+sieht man des Wehmuetigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von
+Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren
+Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit
+bleiernen Soldaten und hoelzernen Haeuserchen. Ein blasser Knabe, der an
+der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte
+freundlich gruessend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den
+Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon
+draussen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden
+Fruehling vertroesten, der Kleine litt am Rueckenmark und wird nie wieder
+gehen koennen. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella"
+und Aladins "Wunderlampe" sehr nuetzlich, sehr heilsam sein kann. Aber
+Bethanien verlaesst man doch mit dem Gefuehl, dass hier, wie in unserer Zeit
+ueberhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen,
+des Arztes beduerftig zu sein.
+
+
+
+
+Zur Aesthetik des Haesslichen (1873)
+
+
+Himmel! Berlin sei unschoen? hoere ich einen nationalliberalen Enthusiasten
+ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemaessen Begriff aufstellen! Sie
+machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu
+unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, gross, selbst
+die Zukunftsgaerten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein muessen!
+Die Opportunitaet, die grosse deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations-
+frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Staedte! Die Stadt auch
+der Schoenheit! Hoechstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg
+wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehoert ja Graubuenden und die
+Schweiz auch zu Berlin!
+
+Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe
+unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.
+
+(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen.
+Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Strassengewuehl, wenn es
+gerade geregnet hatte oder noch das Strassenpflaster vom Morgentau
+beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefaehrte aller Art
+sich zum Markte draengten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt,
+in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in
+Paris in der maechtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es
+auf Plaetzen, Bruecken, Verbindungswegen, Toren, Triumphboegen, selbst
+Magazinen und Warenschuppen wie auf Beduerfnis nur nach dem Schoenen
+angelegt und konsequent durchgefuehrt!
+
+Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schoenheit Wiens) war die
+Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang
+sehr fuehlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiss
+der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat
+auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Waelder abgehauen
+und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle
+Mittel schienen dafuer gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der
+Wilhelmstrasse entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense
+des Despoten, den man gewoehnlich Friedrich den Grossen nennt. Kolonisten
+mussten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise
+einstoeckig, diese Huetten neben den neuerdings errichteten
+Prachtzinshaeusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem
+Grossen Kurfuersten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu
+einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern wuerdigen Schemel an ihrem Throne zu
+machen. Schlueter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mussten sich an
+Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann spaeter
+Berlin. Friedrich der Grosse, Egoist wie er war, baute lieber Palaeste fuer
+sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute,
+waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommissbrot.
+Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der
+Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in
+Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen
+Strassenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn wuerde die Geschichte am
+besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekroente
+Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar
+trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine
+entlegene Votivkirche Roms erinnern koennten. Seitdem stockt die
+Verschoenerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als
+was ihre naechste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschoenerung
+Berlins geregt hat, wird ueberholt durch die riesenmaessig gesteigerte
+Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der haesslichste Abbruch, Schutt,
+ein trauriger Anblick wie Strassburg nach der Belagerung geworden ist.
+
+Grossartigkeit und in ihrer Art auch--Schoenheit liegt in der Avenue vom
+Brandenburger Tor bis zum Schloss; aber man koennte noch hundert Jahre so
+fortbauen wie jetzt und braechte doch nicht den Eindruck permanenter
+Unschoenheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im grossen und ganzen, in
+der Naehe und in der Perspektive, durch einen groesseren diktatorisch
+befohlenen Schoenheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der
+Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das
+kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Strasse, wo nur
+allein elegante Welt sichtbar wuerde, gibt es in ganz Berlin nicht!
+Ueberall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der
+Koechin, das Produkt des Handwerkers oder die Buerde des Lasttraegers
+zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuss Breite bestehende
+Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, laesst einen am anderen
+dicht vorueberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souveraen auf, selbst
+auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den
+Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Boerse
+oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes
+neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel-
+Betriebslokalen, zu Werkstaetten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem
+immerdar werkeltaetigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die ueberall
+geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.
+
+Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloss ist ein Prospekt, der,
+wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis
+zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs maechtigste gehoben
+fuehlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in
+Paris moechte dagegen zurueckstehen. Ploetzlich aber am Dome sieht der
+Wanderer eine kleine Bruecke, die in die innere Stadt fuehrt. Noch eben
+denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich
+geschwungenen Brueckchen, die ueber die Seine fuehren. Welcher Anblick wird
+ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbruecke, frueher um sechs Pfennige
+passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf
+demnaechstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den
+Grabstaetten der Koenige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkaesten, die
+in dem trueben Flusse vom Fusse des Schlosses nur allmaehlich weichen zu
+wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Aepfelkaehne.
+
+Besonders unschoen wird Berlin durch die ueber alle Beschreibung grosse
+Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste
+Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der
+umfassendsten Raeumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschaefte solche in
+Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen
+sind. Nun hat man keineswegs die haesslichklaffenden Luecken von Holz-,
+Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Strasse in Harmonie
+gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache,
+verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lueckenhaft,
+verhaesslicht durchweg die Stadt, wie denn ueberhaupt der offne
+Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher
+Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schoeneberger Ufer, eine
+ganze elegante Strasse entstellen. Endlich ist der ordinaere Bretterzaun
+doch auch von dem koeniglichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!
+
+"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie
+honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach
+Reichstagspalaststaetten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder
+Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den
+Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstrassen liegen, mehr in Schwung zu
+bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche
+staatumwaelzende Proklamation von einem Staendehause herab verlesen wurde,
+das deutsche Kapitol aus strategischen Gruenden isolieren? Die Architekten
+scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes
+von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit
+vor diesen grossen Plaetzen, wo man in der Sonne keuchen muss, bis man
+endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung
+von dem grossen Meilenzeiger am Doenhofsplatz, um welchen herum doch die
+meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwaegung wert? Schreckte nicht
+die Erinnerung an die Grausamkeit Koenig Ludwigs I. von Bayern, der die
+neue Muenchener Universitaet an die aeusserste Grenze der Stadt baute und die
+Studenten zwang, taeglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch
+seine endlose, in der Hitze unertraegliche Ludwigstrasse zu machen? Nun
+gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn fuer einen anderen Plan, den etwa
+mit der Koeniggraetzer Strasse, Gaerten zerstoert werden muessen, alte
+ehrwuerdige Linden abgesaegt oder im Deckerschen Garten Baeume, die zu den
+Wundern Nordeutschlands gehoeren, wenn Millionen fuer Grund und Boden
+gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gaerten dem Privatbesitz oder
+der Oeffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt
+Statuen auf diese freigelegten Gaerten! Mehr als jetzt Berlin aufweist!
+Man kann auch Fontaenen dazu springen lassen, Ruhebaenke anlegen,
+goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gusseisens
+bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen oeffentlichen
+Gebaeuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach
+Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.
+
+Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom frueheren "Katzenstiege",
+jetziger Georgenstrasse, rechts von der Friedrichstrasse bis zum Gegenueber
+des Monbijou. In unmittelbarer Naehe eines der schoensten Prospekte der
+Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Koenigswache oder vom
+Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert,
+ploetzlich an der Georgen- und Universitaetsstrassenecke wie unter die
+Bedienten-, Kuechen- und Remisengebaeude einer fuerstlichen Hofhaltung
+versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die naechste Nachbarschaft des Kaisers,
+sein vis a vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Haeuser stehen".
+In der Tat hiess auch frueher die vorherliegende, jetzt noch leidlich
+gefaellige Dorotheenstrasse die "Letzte Strasse". Wahrlich, hier faengt die
+Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum
+Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplaetze, Milltaermontierung-Aufbewah-
+rungen, Kavalleriestaelle und das ungeheure schiefwinklige Gebaeude der
+Artilleriekaserne, das an den Waenden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf
+grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend
+ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die grossen Flaechen
+vor den Toren verwiesen werden muss, die schon Kasernen genug aufgenommen
+haben. Gefaellig liesse sich hier der Quai regulieren, die hoelzerne
+Ebertsbruecke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das
+gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebaeude in Einklang bringen mit der
+Boerse, dem Museum, dem Schloss, der Universitaet und dem gruenen Baumkranze,
+der drueben jenseits der Spree vom Schloss Monbijou herueber winkt. Wer
+jetzt diese Gegend durchwandert, muss sich sagen, dass hier alles den
+Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Ueberlebten
+traegt. Alles ist arm, unschoen, unkaiserlich.
+
+An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse
+entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben,
+Eindruecke von einem so erhebenden Reize, als befaende man sich in Genf im
+neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der
+Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst ueberall
+unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem
+Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien,
+im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wuenschte, dieser Charakter
+waere allgemein festgehalten und fuer das Ganze massgebend. Hier bildet der
+Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schoenen Gemaeldes. Auch an anderen
+Stellen koennte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des
+Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfaengen zu
+Hilfe kaeme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1strasse kommt und die
+Waisenhausbruecke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von
+jener Grossartigkeit, die in Wasserstaedten wie Hamburg, in den Seestaedten
+Hollands so maechtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen.
+Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Haeuserabbruch offengelegten
+Hinterfronten einiger Strassen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von
+Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrueckliche Gebote an
+die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens
+dem Auge etwas gefaelliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen
+Kolonnadengang des Muehlendamms ueber die Spree hinweg links zur
+Stadtvoigtei koennte trotz des mehr als wuesten Gegenuebers fuer die vollere
+Wirkung einer belebten, echten Hafenstrasse gewonnen werden.
+
+Fuer solche und aehnliche Ideen schwaermten in alter Zeit die Kronprinzen!
+Jetzt, wo der Fiskus fuer ein Reichstags-Gebaeude im Tiergarten auf Grund
+und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gruender Unter den Linden
+gefordert haben wuerden, muss man sich schon begnuegen, wenn nur die
+staedtische Baukommission Kuenstler zu Referenten hat, die fuer Berlins
+Zunahme und Wachstum einen gewissen schoepferischen Plan im grossen und
+ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt
+sich nicht darum, allmaehlich die Netze und Linien eines neuen
+Anbauungsentwurfes auszufuellen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten,
+es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden
+Luecken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstoeren. Freilich
+ist die Macht des Besitzes so gross, dass selbst eine in solchem Grade die
+Strasse entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer
+nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehoerde gewichen ist! Das ist
+die Muehle von Sanssouci! Das soll nun gross sein! Begierig bin ich, was
+aus der grossen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht
+dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastrasse eine Litfasssaeule
+gegenueber.
+
+Auf das Haessliche in den Staffierungen der Strasse durch ihr gewohntes
+Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Haessliche
+in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner
+Ueberzeugungen selbst beim schoenen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr
+misslich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fuerchten unserer alles
+im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.
+
+
+ * * * * *
+
+II. Fuer und Wider Preussens Politik
+
+
+
+
+Ueber die historischen Bedingungen einer preussischen Verfassung (1832)
+
+
+Waere Repraesentation das alleinige Element des Liberalismus, so koennte
+Preussen in einer fruehern oder spaetern Zukunft noch der Stimmfuehrer
+desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kaempfen nicht um Formen,
+sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir duerfen nur die Initiative
+der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingefuehrt werden
+sollen, wachen, dass sich ihre urspruengliche Reinheit erhalte; dass sich
+nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische,
+nicht die Willkuer sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern dass das Gesetz
+es sei, das entscheidet. Oder koennen wir uns mit dem Schwerte bewaffnen
+und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiss nur von Schwertern in der
+Hand des Eroberers oder des Richters. Die Voelker demonstrieren nur mit
+dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie
+ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das uebertretene. Werden die
+Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preussen eine
+laengst versprochene Verfassung erhaelt? Nein, dann beginnen sie erst.
+Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen
+dieses Landes und sehen zu, wie der blankgeruestete Krieger seiner Ruhe
+pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten
+Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht
+zurueckgetragen. Fuerchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der
+preussische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muss. Weil noch
+nichts entschieden ist, so finden wir ueberall Gesinnungen gegen Preussen,
+keine Meinungen. Man verehrt es oder hasst es, fuehlt Sympathie oder
+Antipathie, aber die Gruende fuer das eine gegen das andre kann man nicht
+angeben. Wer fuer seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis fuehren
+wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine
+Gruende gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor
+dem preussischen Namen entweder mit gefalteten Haenden oder mit dem
+Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund
+ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preussischen Verfassung
+offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen
+truegen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im
+Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht
+werden muss. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis
+rechtfertigen.
+
+Welches Beduerfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlasst? Unstreitig
+das Beduerfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer
+Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Uebereinkuenfte ueber
+das, was man sich gegenseitig leisten und so fuer Recht ansehen wolle?
+Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Vertraege
+gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewaehrt hat
+und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begruendet ist? Die Voelker haben
+diese Frage laengst entschieden, ihre Fuersten sind noch andrer Meinung:
+Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres
+Kabinetts feststellen, oder sie erklaeren sich bereitwillig zur
+Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende
+Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der grossartigen
+Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus
+verwitterten Pergamentblaettern, aus den Heften moderner Doktrinaere.
+Machen wir die Anwendung auf Preussen. Wenn wir das gegenwaertig dort
+herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natuerlich nur um
+einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von
+Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich
+ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und
+Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu
+beduerfen scheinen. Aber wir beduerfen immer mehr, als wir zu beduerfen
+scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir
+nicht eingestehen, dass uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen
+wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grunduebel der
+sogenannten humanen, weisen Regierungen, dass sie vor unaufhoerlichem
+Wohltun das rechte Beduerfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon
+alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Haende voll zu tun
+und sind so eilig, dass sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher
+das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unertraeglicher ist, je
+gefaelliger sie sein will. Diese vaeterliche, ja muetterliche Sorgfalt ist
+bekanntlich die Art der preussischen Regierung. Da piepsen die Kleinen
+unter den Fluegeln der aengstlich wachenden Henne so zaertlich und sind so
+voll Ruehrung und Dankbarkeit fuer all das Gute, was ihnen ohne Verdienst
+und Wuerdigkeit erwiesen wird, dass man hier ordentlich von politischen
+Traenen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestoert werden. Der Koenig
+hat selbst den Grundsatz anerkannt, dass der Krieg der Vater aller Dinge
+sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsstaenden" in einem
+hoechsten Dekrete versprochen. Dass ein solches Versprechen dem Lande wird
+gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwaertige Zeit dazu so
+ungeschickt sein. Man zoegert, man weist die Bitten der Provinzia1staende
+um endliche Gewaehrung zurueck; man will nicht, dass es den Anschein habe,
+als gaebe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von
+dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er
+werde dem vaeterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm
+durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille
+seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu
+ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt duerfte die Verfassung
+werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten
+Europa hingeworfen.
+
+Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten ueber den Staat. Nach einer ist
+er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Naeher bezeichnet sich
+dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine
+durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum
+des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen
+will. Die europaeischen Staaten bieten Beispiele fuer die eine Ansicht so
+gut, wie fuer die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Russland
+haben sich auf dem naturgemaessesten Wege entwickelt. Ihre politischen
+Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet,
+sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet groesstenteils
+das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewoehnt hat, immer auf die
+Eigentuemlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der
+Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer
+nicht muede wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemuete,
+unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter
+Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Wuerttemberg ohne Wuerttemberger,
+ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne
+Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche,
+aber kein Deutschland haben. Preussen ist am meisten von der Geschichte
+ironisiert worden: Es repraesentiert den Zufall, das, was ist und auch
+nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte
+Sein auch in Preussen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein
+gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preussischen Doktrinaere in
+lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preussen von keinem Staate
+lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am
+meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse
+sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie waeren auf den
+Baeumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist
+nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen:
+Selbst die Reformation hat da englisiert werden muessen. Wer bewundert
+nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt,
+dass Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung
+einschlagen konnte? Und doch--in Preussen ist jetzt Aehnliches entdeckt.
+Die Doktrinaere klagen hier Friedrich II. an, dass er in die Regierung
+seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der
+einseitigen Aufklaerung seiner Zeit nicht verleugnen koenne; dass er den
+Adel des Verdienstes hoeher stellte, als den der Geburt; dass er ein
+Gesetzbuch gegruendet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in
+zu grellem Widerspruche liege. Preussen sei berufen, die historischen
+Interessen zu vertreten. Es gaebe keinen Fortschritt, als einen durch
+fruehere Zustaende bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten
+Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortfuehrer und
+Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die
+Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese
+Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so muessten wir uns
+auch andaechtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die
+Zauberformeln, mit denen man in Preussen die Jugend alt macht und das Alte
+("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg
+ausgebrachter Toast) wieder verjuengt. Auf solche sogenannte historische
+Bedingungen wird die Verfassung des Landes begruendet sein.
+
+Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repraesentation.
+Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein
+foermlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern
+zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Uebereinkunft. Die
+Zeit der Reformation machte diesem Verhaeltnisse ein Ende. Die Einfuehrung
+des roemischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben
+zusammenhing, zerstoerte im Volke sein urspruengliches Rechtsbewusstsein.
+Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem
+Schutze vermoegender Fuersten gedeihen. Die religioese Anregung band die
+Gemueter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als
+sie jener foerderlich oder hinderlich waren. Fuersten und Buerger hatten
+dasselbe Interesse, sich gegen die Anmassungen des Adels sicher zu
+stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fuerstlichen
+Souveraenitaet. Aus fuerstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die
+Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden
+wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveraenitaet
+reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration.
+Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die
+Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer
+Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat
+eine Macht gewonnen, die oeffentliche Meinung; diese wird in Preussens
+naechster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht,
+die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fuerchten? Ist es nicht der alte
+Kampf der Demokratie und Aristokratie?
+
+Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der
+preussischen Konstitution einschlagen moegen. Die gegenwaertigen
+Provinzia1staende muessen die Grundlage derselben bilden. Man ruehmt die
+Liberalitaet dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei
+Staende, des Adel-, Buerger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes.
+Woher aber das entschiedene Uebergewicht der Aristokratie in den
+Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet!
+Verjaehrte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfruenden,
+unverhaeltnismaessigen Erlass der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne
+von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den kuenftigen
+Reichsstaenden, so kann man nur wuenschen, diese nie ins Leben treten zu
+sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den
+adeligen Grundbesitzern. Auch die Staedter koennen an Bildung z.B. mit den
+Buergern sueddeutscher Staedte nicht wetteifern und die sie zum Landtage
+schicken, sind meist staedtische Beamte, von der Regierung bestaetigt, also
+mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so
+sind sie gegen den Adel in der Minoritaet und der Regierung gegenueber zu
+schwach, wie die Landstaende am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.
+
+Die mittelalterlichen Staende haben ihre Freiheiten und Privilegien
+vertreten. Solche besitzen die preussischen nicht oder sollen sie ihnen
+noch erteilt werden? Sollen die Zuenfte wieder eingefuehrt werden? Wollen
+die preussischen Koenige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf
+ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Staende vertreten. Aber
+unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermoegens, nicht des
+zufaelligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung
+jenes alten Zustandes waere ein vol1staendiger Umsturz des herrschenden
+Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann.
+Es ist wahr, dass die Fuersten in den Besitz der meisten Steuern nur durch
+ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Staende bei dringenden
+Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fuenf oder zehn Jahre
+Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis
+immer nur momentan, und erst der spaeter ausgebildete Begriff der
+Souveraenitaet nahm nach goettlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm
+menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist
+den Staenden mit der Zurueckgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr
+gedient, weil sie wohl wissen, dass jene verhassten Abgaben ihnen weniger
+bereitwillig wuerden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten
+auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne
+offnen Angriff auf eine feine Weise pluendert, wieder organisiert werden?
+Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott
+moege es behueten vor den Koeckeritz und Luederitz und vor den Kracht und
+Itzenplitz? Auch die Praelaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur
+um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein
+Stand mehr, obschon man in Preussen Bischoefe und Erzbischoefe nach
+englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat frueher die
+Rechte ihrer Praebenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das
+Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemuehungen der
+Regierung die Meinung, dass die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet
+ist, so ist es in Preussen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt
+sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder
+genommen werden? Sollen Ritter, Staedte und Geistliche die heilige
+Dreizahl bilden? Die preussischen Bauernaufstaende gegen den Adel und
+Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Ueberall mag
+man nach historischen Anfaengen einer den gegenwaertigen Zeitforderungen
+nur einigermassen genuegenden Repraesentation forschen, im Preussischen
+finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und
+pommerschen Herzoege sind eigentlich nur zu den Staedten ihrer Territorien
+in staendischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht
+mehr denkbar ist. Sie waren die aermsten Fuersten und die schwaechsten
+zugleich. Nackt und bloss, mussten die Staedte sie bekleiden, hungernd, von
+ihnen gesaettigt werden. Die maerkischen Staedte waren Republiken mit
+vol1staendigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation
+zurueckfuehrten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es
+nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fuersten garantierten, sondern was
+sie ihnen gaben war Dank und Entschaedigung fuer den Schutz, den ihnen die
+Markgrafen, urspruenglich eine militaerische Behoerde, angedeihen liessen.
+Noch anders war die Lage Preussens. Ein fast ganz unabhaengiger Staedtebund,
+bluehend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel
+zur Seite, noch oefter gegenueber. Hier machte der Landadel mit den
+maechtigen Staedten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Koenigsberg gemeinschaftliche
+Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten,
+verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen
+Polen ihre und des Landes Selbstaendigkeit. Alle diese Verhaeltnisse hat
+die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmoeglich. Jede
+Annaeherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern
+bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preussischen
+Monarchie in Sitte und Leben ueberall die Anklaenge der Vergangenheit. Die
+Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen
+Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen,
+sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese
+Gegenden ein Schauplatz der unsaeglichsten Verwirrungen, in denen sich
+nichts Altes rein und urspruenglich erhalten konnte. Man denke an die
+Stuerme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Laender Juelich, Cleve, Berg
+erschuettert haben! Neben den politischen Umwaelzungen, die sich hier ohne
+Aufhoeren folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig-
+keiten diese Laender so zerrissen, dass an eine Wiedergeburt hier nur durch
+Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.
+
+Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne
+verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum
+nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine
+dreifache Initiative. Die zweite Kammer wuerde dann die materiellen,
+vielleicht auch intelligenten Kraefte vertreten, die erste aber das Ewige,
+das Unveraenderliche, das Unvergessliche oder was weiss ich. Man denkt an
+eine preussische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor
+den Maennern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie faellen
+wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Waehrend in der
+zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten
+die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann
+einmal, etwa bei einer Verhandlung ueber die Erblichkeit, Friedrich der
+Grosse in die Sitzung traete und anhoerte, wie z.B. die neuliche Erklaerung
+der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestaet des
+Koenigtums zu begreifen, interpretiert wird, koennte er noch glauben, in
+der Hauptstadt eines von ihm gegruendeten Staates zu sein?
+
+Wir gehoeren nicht zu jenen Toren, die die ehrwuerdigen Truemmer frueherer
+Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die
+Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Graebern, da auch unsre Zeit
+einen so schoenen Fruehling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen laesst. O
+wir fuerchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in
+Preussen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit
+zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Raetsel hat sie geloest und
+auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das
+ist aber das Herrliche dieser Zeit, dass, wer die Ansicht widerlegt, auch
+die Macht ueberwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Oedipus
+kommt, stuerzt sich die Sphinx in den Abgrund.
+
+
+
+
+Drei preussische Koenige (1840)
+
+
+Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die
+letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III.
+Diese Botschaft musste mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der Koenig
+muesse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt
+erschuettern. Die haeusliche Zurueckgezogenheit, in der der Verstorbene
+lebte, hatte es unmoeglich gemacht, seit Jahren ueber seinen
+Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich oeffentlich,
+so erschrak man zwar ueber die in letzter Zeit ausserordentlich gealterten
+Zuege, aber die Haltung des Koenigs war von jeher so grad und ritterlich
+gewesen, dass ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verliess, und man an
+eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener
+musste man ueber den Volksglauben sein. Man machte geltend, dass in jedem
+Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preussen einen Thronwechsel oder
+irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den naechtlichen
+Umgaengen der weissen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft
+erschien der Koenig hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im
+Theater. Nur die aengstliche Einfuehrung Schoenleins in die innern Gemaecher
+des ab und zu als kraenkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes
+Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.
+
+Laesst sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender Koenig
+und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des
+Geschuetzes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Grossen
+verkuendete? Wie draengen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit,
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wuensche und Hoffnungen
+muessen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre koennen erwachen,
+Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen muessen sich
+durchkreuzen. Wer hat den Schluessel, um zu erraten, was der jetzt Tote
+dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, dass
+gerade die Erinnerung an den Begruender der preussischen Monarchie in ihrer
+Stellung zu Europa die letzte oeffentliche Tatsache im Leben Friedrich
+Wilhelms III. sein musste? Ist dies eine Suehne der Vergangenheit oder ein
+Fingerzeig fuer die Zukunft? Den Ratschluss des Weltgeistes umhuellen noch
+tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die
+Sonne sein, die sie erhellt.
+
+Bei den Aegyptern sprach man ueber die toten Koenige Gericht. Man wird in
+oeffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres ueber
+Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben,
+dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand
+sich ruehmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht
+sein Stolz war, und wird ihn vielleicht fuer das loben, wofuer er sich
+selbst getadelt hat. Koenige sind wie die Phaenomene der Luft. Sie werden
+von Tausenden ihres Volkes fuer dasselbe verwuenscht, wofuer sie andern
+Tausenden die Heissersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind,
+das der Blitz erschlaegt, und traenkt die duerstende Erde, die nach ihm
+schmachtete.
+
+Mag man nun mit Montaigne glauben, dass "herrschen" le plus aspre et
+difficile metier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von
+Oxenstierna einst ironisch angewandt), dass zum Herrschen gerade das
+wenigste Hirn gehoert (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es
+uebrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von
+dem, was ueber den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der
+ruehrende Moment oder persoenliches Interesse ueberfluessig hinzufuegt, so
+viel wird selbst die Nachwelt nicht umstossen koennen, dass der innige
+Zusammenhang der Schicksale, die die preussische Monarchie trafen, mit der
+Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erloeschendes
+Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn
+schon frueh fuer eine stillere Ergebung in das Unglueck reif. Die Maessigung,
+die ihn in seinen Leidenschaften und Gefuehlen beherrschte, lehrte ihn
+auch, das spaetere Glueck ohne Ueberhebung ertragen. Er nahm die Gaben des
+Geschicks mit einem Gefuehl an, das ihn auf alles gefasst machte, wenn es
+nur nicht ueberraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen
+vermeidend beaengstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt
+auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener
+Selbstbeschraenkung, den Preussen, ein innerlich so kraftvoller und nach
+aussen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne fuer seine
+Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein
+Temperament vor uebereilten Entschliessungen geschuetzt und diese Tatsache
+war vielleicht die gluecklichste Erfahrung fuer das Wohl des Staates in
+einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in
+Bewegung setzte und es Staatsmaenner gab, die so gern neue Manifeste des
+Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut haetten und dem Weltlauf mit
+kecker Hand in die Zuegel gefallen waeren. Friedrich Wilhelm III. war nicht
+so gross in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.
+
+Dass man sich in Preussen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorueber ist
+und den Horizont keine Kriegswolken trueben, nach positiven Schoepfungen
+sehnt und das Feld fuer einen grossartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun
+geoeffnet sieht, beweist die aengstliche Spannung Preussens, Deutschlands,
+Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde.
+Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, dass
+wir hier nicht einen Juengling auftreten sehen, dessen politische Ideen
+noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen
+gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun
+anvertrauten Regierung gruendlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt
+wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektuere er sich Stellen
+unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und dass es solcher
+Stellen und Merkzeichen viele geben muesse, beweist der allgemein selbst
+in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, laengst
+angelegtes und bald hervortretendes System.
+
+Man erschoepft sich in Vermutungen ueber das politische Glaubensbekenntnis
+des neuen Koenigs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht
+gerade einige talentvolle Buergerliche ihre Berufung zum Ministerium der
+Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die
+vornehmimponierende und doch gefaellige Haltung des neuen Herrschers mit
+Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund
+der Richtungen, in welchen Steffens und aehnliche reaktionaere Geister
+geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persoenlich
+kannte, so wird er bald gefunden haben, dass die naive Lebensunsicherheit
+dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu
+seinen politischen Phantasmen und Traeumereien Vertrauen einfloessen kann.
+Wie wuerde auch die grosse Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz fuer seinen
+ruhmgekroenten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu
+politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens
+und ihnen aehnliche, in Friedrich dem Grossen nur einen gekroenten
+Jakobiner sehen?
+
+Man ruehmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm
+Verstandesschaerfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes
+und hat mehr Sinn fuer das Zivile als Militaerische. Er liebt den Umgang
+mit Gelehrten und Kuenstlern, von denen viele sich seiner naehern
+Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente
+hinzugeben, bezeugt der gemuetvolle, anspruchslose Brief, den er an
+Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der
+ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und dass ihm selbst der
+schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein duerfte, beweist der
+Umstand, dass man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen
+wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Grossen eher nachzusehen
+pflegt, als Kleinen, weiss man nichts. Seine Sittlichkeit wird geruehmt. Er
+besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung
+fuer ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft
+ausgezeichneten Rednergabe, weiss ich nicht. Jedenfalls wuerde eine
+religioese Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern
+einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist moeglich, dass sie die
+Frucht einer entweder gemuetlichen oder philosophischen Abneigung gegen
+einseitige Verstandesreligiositaet waere. Es ist kein Zweifel, dass der neue
+Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist
+wahr, dass ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so
+wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der
+Einfluss des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts
+Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins
+Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiss im Auge, wenn auch die Zeit erst
+lehren muss, wo es liegt. Fuer gedankenlos halte man keine seiner
+Unternehmungen. Ratgeber wird er hoeren, ihnen aber nicht immer folgen.
+Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, fuer oeffentliche Schritte
+fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung
+aendern, nie aber einen Schritt wieder zuruecktun. Es lodert viel Feuer in
+ihm und sein Geist wird oft in den schoenen Fall kommen, heftigere
+Regungen des Gemuets zu zuegeln. Der goettlichste Triumph, den uns der
+Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft
+begluecken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann
+darnach den Versuch machen, ein Portraet zu zeichnen und muss sich zuletzt
+doch eingestehen, dass der--Versuch eine Pfuscherei ist.
+
+Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebruetet, so viel kleine
+Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, dass ich wohl begierig waere, was einer
+von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine
+Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab),
+dem neuen Herrscher ans Herz legen wuerde. Mit guten Lehren aus dem
+frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, wuerde es wohl
+ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fuerst soll keinem
+Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; baendige eine
+Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben
+nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man
+Koenigen gegeben hat! Sie werden fast alle laecherlich, wenn man sie auf
+bestimmte Faelle anwendet, oder sie setzen an Fuersten dasjenige als
+lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19.
+Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind
+Ratschlaege, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was wuerde wohl
+mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preussens
+zu Russland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein?
+Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von
+Jahren den Geschaeftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er
+wird sich laengst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet
+haben. Wer die Entwuerfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist
+leicht moeglich, dass Friedrich Wilhelm IV. fuer Europa einige
+Ueberraschungen im Sinne hat.
+
+Man spricht jetzt soviel ueber Friedrich II. Was ist es, das an ihm so
+ausserordentlich gerade jetzt in die Augen spraenge? Will man einen
+schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveraenitaet?
+Nein. Es ist das Persoenliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so
+bewundert wird. Preuss und andere haben so herrliche Zuege von der freien,
+unabhaengigen, entschlossenen Denkungsart dieses Koenigs mitgeteilt. Man
+hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt wuerden fuer
+staatsgefaehrlich erklaert werden. Es ist kein Zweifel, dass man mit dieser
+Vergoetterung Friedrichs des Grossen einen Wunsch fuer seine Nachfolger
+aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik
+gegen die Gegenwart.
+
+Was koennte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Grossen lernen?
+Vieles fuer die Personen, weniger fuer die Sachen. Nicht alles wuerde jetzt
+so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben wuerde.
+Wohl aber wuerde man fuer die Mittel und fuer die Ratgeber lernen koennen.
+Theoretiker am Staatsruder wuerde er mit Recht fuer Schwindler erklaeren und
+das Naechste wuerde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich ueber
+die Religion dachte, war nicht gut fuer die Schule, besser schon fuer die
+Kirche, vortrefflich fuer die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der
+ihn beseelte, war schlecht fuer den Aufbau des Neuen, aber gut zum
+Niederreissen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden
+Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe
+benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich
+II. bewundrungswuerdig. Man fuehlt, wenn man seine Antworten und
+Resolutionen liest, dass man fuer jedes Leiden bei seinem Gemuet wohl eben
+keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhuelfe wuerde gefunden haben.
+Seine Phantasie und sein Geschaeftseifer machten ihm das Verstaendnis jedes
+ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht noetig, wenn man
+einen Minister verklagte, zu fuerchten, dass man an eben diesen Minister
+wuerde verwiesen werden.
+
+Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit
+seiner Regierung gebuehrt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Gruen
+des Fichtenhains, der die sterblichen Ueberreste seines Vaters und seiner
+Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als dass man aus seinem
+Auge etwas andres erraten koennte, als Traenen. Er wird nicht damit
+beginnen, Schoepfungen seines Vaters umzustuerzen, er wird niemanden, der
+des Seligen Vertrauen besass, aus seiner Naehe entfernen. Aber die
+Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten
+erledigten Ministerstelle duerfte vielleicht das erste Symptom des
+Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf
+das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit laechelndernster,
+mit bangfroher Erwartung.
+
+
+
+
+Das Barrikadenlied (1848)
+
+
+Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Buergerbrust! Jeder Freie ist
+geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Lasst
+uns graben, lasst uns schanzen! Faesser her und Steine drauf! Trottoire,
+glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles haelt die Kugeln auf.
+
+Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurueckgewandt! Lasst sie
+schiessen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie
+Brueder, haltet Stand!
+
+Fasst mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drueckt die Buechse los!
+Offiziere, koennt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in
+Eures Koenigs Schoss.
+
+Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die
+zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fuenfte folgt
+Ihr nicht!
+
+So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf
+des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt!
+
+
+
+
+Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+
+
+Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemueter bewegt, fing klein an. Der
+Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung
+einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte,
+wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die
+in verworrenem Durcheinander ueber Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige
+von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vortraege geworfene
+Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn
+zum Praesidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er
+aber nicht zurueckwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme
+am gemeinen Wesen ede1ste Buergerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren
+Debatte verfasste und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und
+Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags
+wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim ueberreicht.
+
+Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das
+Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u.
+19. Maerz eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr,
+die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gruende, mit
+denen man sich bekaempft, sind nicht immer redlich. Ich finde es
+unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der grossen Masse sagt: Wollt
+Ihr einen konstitutionellen Koenig? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne
+Beirat der Staende? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und
+die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen
+konstitutionellen Koenig, wir wollen nichts ohne die Staende usw. Der Koenig
+ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht
+haben. Der Koenig hat sich mit dem Vereinigten Landtag frueher als
+absoluten Fuersten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben
+diesem absoluten Fuersten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem
+konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die
+Konstitutionalitaet des Koenigs durch die Berufung des Vereinigten Landtags
+beweisen will.
+
+Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas
+neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphaere, vorteilhaft
+auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdaechtigen etwas die
+Sympathie, die sich fuer ihn zu erkennen gibt. Die Buchhaendler haben noch
+so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager:
+Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung,
+eine Konsolidierung der Verhaeltnisse, die Boerse will endlich Kurse
+notieren. Die frueheren Abgeordneten, die da merken, dass ihre Stunde
+gekommen ist, regen sich auch. Sie moechten gern, das wittern wir in der
+Luft, Roemertaten von Entsagung auffuehren, recht flatternd den Mantel nach
+dem Winde haengen und die Luege noch mehren helfen, die uns so schon
+verdaechtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und
+vermehren das Misstrauen in diesen alle Zeit ja rein prekaer und von der
+koeniglichen Gnade abhaengig gewesenen Staatskoerper.
+
+Man sagt, man koenne eine moralische Versammlung nicht toeten. Und doch
+verlangt Ihr, dass sie sich selber toeten soll? Ich gestehe, ich moechte
+nicht auf den Baenken dieses Landtags sitzen mit dem Bewusstsein, dass ich
+mich ueberlebt haette, dass ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner
+unmoeglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken,
+vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen
+niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind
+Provinzia1staende, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne
+Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctoritaet, ja sogar erst die
+Periodizitaet ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir
+haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefuehlt, wir haben
+immer dahin protestiert, dass wir nicht die Staende, die 1815 versprochen
+sind, vorstellen, und so koennen wir nichts anderes tun, als uns in
+Provinzia1staende, was wir sind, aufloesen, nach Duesseldorf, Muenster,
+Koenigsberg, Breslau gehen, fuer das Wohl der Provinzen sorgen und uns der
+kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewaehrte, freiwillig
+begeben.
+
+Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich ruesten
+darauf:
+
+1. dass dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1staendig erscheinen, 2. sich
+fuer inkompetent erklaeren und 3. von der noch gaerenden Aufregung
+vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird.
+
+Wuenschen das die Minister? Koennen es die Freunde des Friedens und der
+Ordnung wuenschen?
+
+Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt
+werden. Und ueberall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese
+Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklaeren, sie wuerde von diesen
+Provinzia1staenden nimmermehr Deputierte, die das preussische Volk zu
+vertreten haetten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen
+Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und
+solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, dass man den Vereinigten
+Landtag, als solchen, fallen laesst. Preussen bedarf in diesem Augenblick so
+dringend der allgemeindeutschen Sympathie.
+
+Wir haben noetig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die
+Konstitution bespricht, und dann erst moegen die neuen Staende kommen, die
+vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament).
+Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Staende. Wenn das
+deutsche National-Parlament ueber vier der wichtigsten Lebensfragen eines
+Volkes zu entscheiden hat, werden die Staendekammern aller deutschen
+Staaten ohnehin nur gewissermassen zu Provinzia1staenden herabsinken. Warum
+streiten wir uns ueber das kuenftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es
+sich nur um eine konstituierende Versammlung fuer Preussen, und diese muss
+allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz
+abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie moeglich. (Dahlmann) hat gewiss
+Kenntnisse preussischer Verhaeltnisse genug, um rasch ein solches
+Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird
+vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustaende des
+historischen Augenblickes, nicht an seine Goettinger Diktate zu halten.
+
+Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurueck von einem
+konstitutionellen Koenig, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun
+koenne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller
+Koenig ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution,
+die wir erst bekommen sollen. Ein Pressgesetz war rasch erlassen, ohne die
+Staende. Da besorgte man, die Freiheit der Presse muesse doch gleich eine
+beruhigende Form haben. Jetzt berufe der Koenig eine konstituierende
+Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder
+so modifiziert, wenn nur ueberwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit
+ehrlich entsprechend, werden ihm die Maenner bringen, die allein die
+Gegenwart und Zukunft organisieren koennen. Es ist sophistisch, hier von
+einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der Koenig ist in diesem Augenblick der
+Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm
+die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies
+und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Staende, Inneres,
+Aeusseres, Deutsches, Preussisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt:
+Der Koenig darf die Buergerwehr nicht ohne die Staende geben, die deutsche
+Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt
+Ihr von staendischer (Zustimmung) sprechen? In der gefaehrlichsten Frage,
+wo der meiste Egoismus zu fuerchten steht?
+
+Der Vereinigte Landtag enthaelt Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert)
+sind. Seid gewiss, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen!
+Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderaete usw., die durch Vorrechte
+gewaehlt wurden und die laermendste Agitation (fuer) den Landtag machen, die
+wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags
+erblick' ich auch nicht. Kraeftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so
+vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muss man sagen: Der Vereinigte
+Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Koenigs geschenktes
+(Rendezvous). Die Provinzia1staende sollen nicht sogleich vernichtet
+werden. Sie moegen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine
+Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich
+mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille
+aufloesen oder, waere es der Fall, dass das deutsche National-Parlament nur
+Provinzia1staende um sich sehen will, einer neuen Organisation
+entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Staende ist etwas
+rein Arbitraeres, Zufaelliges gewesen, und keinen Landstand kann es
+beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.
+
+Also, lasst Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich,
+einseitiger Willkuer. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen,
+freien Gesinnung graebt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf
+gebaute wahre Staende des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle
+von oben aufhoeren. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist,
+wollen wir froh sein, wenn die stuermisch gewesenen Vorboten des
+angebrochenen Voelker-Fruehlings uns noch recht viel solcher Blueten vom
+Baume der Majestaet schuetteln, wie diejenigen waren, welche wir in den
+juengst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein
+Wahlgesetz gibt jetzt nicht der Koenig sondern das Volk, die Zeit, der
+Sieg des Augenblicks.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Preussen und die deutsche Krone (1848)
+
+
+Man kann es vom hoeheren, vaterlaendischen Standpunkte aus nicht billigen,
+dass sich Sueddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den
+gewaltigen Umschwung unserer Verhaeltnisse hervorriefen, nur die
+Ereignisse vom 18. und 19. Maerz herausgreift und auf diese schmerzlichen
+Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preussen desavouiert. Denn
+was man gegen die Person des Koenigs sagt, trifft in diesem Falle das
+Land, trifft Preussen und viel empfindlicher Deutschland selbst.
+
+Man beraet eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu waehlenden
+kuerzeren oder laengeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier
+Deutscher" steht es fest, dass selbst die freisinnige, deutsche,
+hochherzige Bewegungspartei fuer die Idee einer preussischen Hegemonie ist.
+Die sueddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation,
+einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten
+anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. Maerz
+soll Preussen ploetzlich "unmoeglich" geworden sein? Darin liegt eine
+politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.
+
+Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir moechten saemtliche
+deutsche Fuersten auf eine Art Standesherrenschaft zurueckfuehren, ihnen in
+Frankfurt (einem nicht gut gewaehlten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar,
+Nuernberg waeren besser) eine ehrenvolle und wuerdige Vertretung ihrer
+Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein
+temporaeres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt
+regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fuersten
+ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen
+Wuenschen sich zu fuegen; ja sogar groessere Fuersten, die Koenige heissen, ob
+sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzoege oder Landgrafen heissen
+sollten, ich sage, selbst groessere haben Waerme und Gefuehl fuer das
+Gemeinsame genug, dass sie freiwillig ihre Souveraenitaet angeboten und auf
+den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein Koenig
+sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kraeftig genug
+fuehlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser
+idealen Richtung sich verwandter fuehlt. Von Oesterreich wuerde man immer
+nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn
+auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche
+Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen liess, sie kann nur
+voruebergehend sein. Warum nur voruebergehend? Weil einmal die
+Persoenlichkeit des gegenwaertigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens
+der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgeduengten Grundlage im ganzen
+Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewuenscht werden
+kann, dass Deutschland wieder in das Schlepptau der europaeischen Politik
+des Hauses Habsburg genommen wird. Was man fuer [die] Reorganisation
+Deutschlands tut, muss ohne organische Aufnahme oesterreichischer Elemente
+geschehen. Oesterreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.
+
+So bliebe immer nur die preussische Anlehnung als die hauptsaechlichste und
+entscheidendste uebrig. Das schlechte Preussische ist ja im Innern zerstoert
+und wird noch mehr zerstoert werden durch Amalgamierung mit dem uebrigen
+deutschen Stoff; das gute Preussische aber ist fuer Deutschland so
+wesentlich, dass es Torheit und Verblendung waere, sollte sich auf ein
+einzelnes Faktum, ueber das wir noch spaeter sprechen werden, auf eine
+einzige dem Koenigtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme
+Preussens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in
+Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher
+Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwuenschungen
+ergehen, Lieder singen usw., aber die nuechterne Erwaegung der Tatsachen
+sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und ueber die Personen
+nicht die Sache zu verlieren!
+
+Isoliert man Preussen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar
+konstitutionell bindenden Koenigs, dessen Persoenlichkeit indessen nicht so
+nach Gefallen zu beseitigen ist, so koennte der deutschen Wiedergeburt
+eine grosse Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die
+Hauptstadt Preussens, pommersche und uckermaerkische Bayards wiegeln die
+unzurechnungsfaehige altfraenkische Loyalitaet der Bauern und den Aerger des
+Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Fuehrer sind geradezu
+verdaechtig, die ganze Maschine der Verwaltung laeuft noch in den alten
+Wellen und Raedern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung
+und laesst im Adressenrauschen und Fraternitaetspredigen vielleicht den
+Moment der Tat voruebergehen, Russland, das geruestete, einige, feste weiss,
+was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preussen unvorbereitet,
+uneins, zoegernd, den Koenig verstimmt, abgekuehlt durch Eure Proteste, der
+Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Sued- und Westdeutschland
+haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die
+militaerische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und
+vertrauenerweckender Art.
+
+Preussens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fliessens,
+Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preussen in sich
+aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preussen zurueck? Ist es
+nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch
+Misstrauen in das von Euch bespoettelte Berlin, dem Ihr in diesem
+Augenblick allein den kraeftigsten Beweis einer in Deutschland doch
+moeglichen Auflehnung gegen Uebergriffe und Anmassungen der Gewalt verdankt?
+Berlin hat sich nicht nur durch seinen persoenlichen Mut zur geistigen
+Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fuelle von Fragen,
+die sich in politischer und sozialer Ruecksicht hier allein aufgeworfen
+haben. Man kam fast nirgends ueber die patriotischen und liberalen
+Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des
+Volkes auf.
+
+Nenn' ich die Isolierung Preussens in diesem Augenblicke unpolitisch, so
+ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen
+das preussische Volk, ungerecht sogar gegen den Fuersten. Was am 18. Maerz
+verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fuersten. In Wien ist
+auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad wuerde
+ebenso gross geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der
+Absetzung Metternichs eine rasch ausfuehrbare Konzession gehabt haette.
+Metternich stand schon so schwankend, dass er durch eine Strassenbewegung
+fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militaer als
+solchem lieferte, dem Militaerstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz,
+es war ein fast persoenlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fuerst,
+umgeben von solchen Generaelen, solchen militaerisch gesinnten Prinzen,
+solchen militaerischen jahrhundertalten Arroganzen, haette ebenfalls feuern
+lassen. Der Koenig braucht darum gar nicht persoenlich der "Wuerger" und
+Schlaechter zu sein, fuer den ihn die Heidelberger Adresse erklaert. Er ist
+ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militaerischen
+Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brueder und
+sogenannten Jugendfreunde, der Froemmlinge, der Volksveraechter jeden
+Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbstaendigkeit er
+in sich selbst besitzt in dem Gefuehl seiner nunmehr achtjaehrigen
+widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen
+vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise
+umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise,
+edel sein zu wollen, und dem Bewusstsein, gut, gerecht, weise, edel sich
+selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenueber immer als das Gegenteil
+davon hervortrat: so ist es im hoechsten Grade ungerecht, die voellige
+Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. Maerz die Lust bezeugte, das
+Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn
+innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an
+die deutsche Sache zu erkaelten. Noch beduerfen wir, um das, was in
+Frankfurt bezweckt wird, auszufuehren, der Persoenlichkeit unserer Fuersten.
+Noch kann die Reue, das Beduerfnis nach Popularitaet, der geweckte
+Enthusiasmus des preussischen Koenigs in die Waagschale der Frankfurter
+Entschluesse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem,
+was am 19. in Berlin geschah und wie es in Muenchen, Kassel, Karlsruhe,
+Hannover geschehen sein wuerde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine
+kraeftige Miene gezeigt haette! Mit Worten ist in Staedten, die ich nicht
+nennen will, von unseren Fuersten mehr gemordet worden, als hier in Berlin
+mit Waffen.
+
+Deutschlands Wiedergeburt unter dem preussischen Banner ist, so lange wir
+in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige
+kraftvolle und Zukunft versprechende Loesung des Augenblicks. Wollt Ihr
+die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so koennt Ihr nur den
+Maechtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person
+vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!
+
+Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer
+unueberwindlichen persoenlichen Abneigung, so treten folgende Faelle ein:
+Erstens werden wir um die Russland in Schach haltende polnische
+Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus
+friedlich geschaffenes Koenigreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich
+sich abfinden duerfte. Zweitens haetten wir die russische Invasion, die ein
+innerlich zerworfenes, militaerisch unorganisiertes Deutschland, ein fuer
+den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preussen vorfaende. Drittens
+endlich, wer schuetzt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten,
+grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoss der
+naechsten Zukunft, wenn Sueddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten
+so fortfaehrt, wie es begonnen, es sei denn, dass der Koenig von Preussen,
+der grossen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstaende,
+den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung"
+gegeben hat.
+
+
+
+
+Abwehr einer Verleumdung (1850)
+
+
+In N deg.. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die
+Ehre erweist, seine boesen Verdaechtigungen in den Grossdruck des
+politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete koennte schon deshalb
+als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden,
+weil--ihm etwa die noetigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein.
+Oder weil von ihm bekannt waere, dass er zwar kein republikanischer, aber
+doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor waere? Auch das nicht!
+Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Aergeres begangen. Er
+waere im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Maerzereignissen"
+heruebergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schuechtern
+hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht
+sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich haette
+Barrikaden befehligt?
+
+Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte,
+wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fuenf Maenner in Sensen hielten mir
+Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Lasst mich! Ich
+bin kein Baumeister! musst' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense
+sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich
+habe fuer die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit
+Steinen tun kann! liess mich die damals souveraene Insurrektion meines
+Weges ziehen. Freilich! Warum sass ich nicht, wird mein "Zuschauer"
+fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem
+Maerzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und
+Wueten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt,
+Herr Polizeipraesident v. Minutoli muesste darueber auch noch erst Bericht
+erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wuenschen als
+ich, dass der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach
+verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzaehlte. Aber ich
+wuenschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestaetigte mir's, dass er
+mich aufforderte: "Freund, Sie muessen reden! Sie muessen! Ich lasse Sie
+nicht!" "Worueber?" "Ueber was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht
+mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem
+patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstaedtischen
+Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, dass man ihn spaeter fuer
+revolutionaeren Fuerwitz erklaeren koennte, das Wort des Koenigs: Kommt und
+ratet mir! so aufgefasst, dass ich ihm einen Brief uebergeben liess, worin
+ich ihn bat, in die aufgeloeste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal
+zusammenziehenden, die Gemueter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am
+liebsten den der Buergerbewaffnung! "Sprechen Sie darueber! Sogleich! Hier!
+Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu
+allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues,
+Handgreifliches, leicht Verstaendliches hinzuempfingen, zerstreuten sich.
+Es ist bekannt, dass der Koenig denen gedankt hat, die an jenem
+Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne
+Portefeuille fuer einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie
+jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und
+zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam
+freilich fuer immer sehr weiss heraus.
+
+Einige Tage gaerte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein
+"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. Maerz schon haett' ich "Taetigkeit entwickelt",
+so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. Maerz fuer "Taetigkeit
+entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen
+Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de
+Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. Maerz bis 22. April, also
+waehrend der vollen Bluete der Revolution, sass ich am Krankenbette eines
+Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich
+beantworte Deine boese Anklage so ausfuehrlich nicht wegen des "technischen
+Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb,
+weil diese in Berlin eingerissene Enthuellungssprache, dies mystische: Der
+war gestern in der und der Strasse! Man hat ihn da und dort mit dem und
+dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die
+truebsten Tage roemischer Delatorenwirtschaft erinnert.
+
+Wenn man von mir sagt, dass ich bei dem mir mannigfach eingeraeumten
+Berufe, fuer die deutsche Schaubuehne theoretisch und praktisch zu wirken
+und an jedem Hoftheater die aesthetische Initiative ergreifen zu koennen,
+doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als
+rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es
+nicht. Aber den Vorwurf, dass ich in meinem Leben je gewuehlt, agitiert
+oder konspiriert haette, weis' ich mit Verachtung zurueck.
+
+Dresden, 23. Februar 1850.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Varnhagens Tagebuecher (1861)
+
+
+Wir moegen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in
+manchen Blaettern ueber Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlass
+ihres Oheims (zwei Baende, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet.
+Die Ausdruecke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region,
+wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen
+getroffen fuehlt.
+
+Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei
+ersten Baende treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persoenlichster
+Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen
+Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier
+verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die
+kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu
+Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewaehrt es einen hohen Genuss,
+sich sagen zu koennen: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzuegen
+deines Lebens beteiligt, fuehltest dieselben Gewaltschlaege der Schergen,
+hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste
+lebt sich ein aelteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen
+noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.
+
+Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veroeffentlichungen, sie
+lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietaet vor der
+gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und
+vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur
+in hastiger Erwartung des Zukuenftigen unsere Befriedigung zu finden. Je
+massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die
+Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des
+Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und
+Persoenlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der
+Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Gefluester
+der Goettin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persoenlichkeitskultus,
+den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitaeten willen
+verurteilen wollen.
+
+Welche Fuelle von interessanten Mitteilungen diese beiden Baende enthalten,
+ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir koennen allerdings den
+verstehen, der die Moeglichkeit, solche Tagebuecher zu fuehren, in mehr
+bedenklichen als guten Charaktereigentuemlichkeiten finden will; das vor
+uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und
+nuetzlich. So viel laesst sich bei jedem einigermassen Urteilsfaehigen
+voraussetzen, dass ihm nicht jede dieser fluechtig hingeworfenen Aeusserungen
+massgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht
+alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen;
+Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es
+nur allein schon den Hochgestellten und Maechtigen, dass sie ueberall sich
+eingestehen muessen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fussangeln
+gewarnt, aber huete dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht
+zu sein!
+
+Auch darin muessen wir eine hoechst interessante Wirkung dieser
+Veroeffentlichungen sehen, dass wir die ausserordentliche und fast
+unglaublich scheinende (Natuerlichkeit) kennenlernen, die in gewissen
+hoehern Regionen waltet. Moeglich, dass zwei Dritteile dieser hier vom Hofe,
+den Prinzen, den Staatsmaennern Preussens aus den oben genannten Jahren
+mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzaehlt oder leere Erfindungen des
+Geruechts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurueck, um uns ein Bild
+dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen
+der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stuermt der Zugwind am meisten
+um grosse, alleinstehende Kirchen und laesst schon in der Legende den Teufel
+da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fuersten und Regierende
+genug selbst gesprochen, teilt Aeusserungen von erlauchten Lippen genug
+selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu
+erwecken: So also beaengstigt euch Herrschende doch die Zeit und die
+tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite
+steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt
+hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche
+Leidenschaft der Menschen nicht--! unablaessig Wirkungen hervor, deren
+Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles
+so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen
+so heiss siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie
+vorlaeufig! Diese Haende konnten maechtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht
+dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den
+Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektuere dieser
+Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso
+hilfsbeduerftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.
+
+
+
+
+Vorlaeufiger Abschluss der Varnhagenschen Tagebuecher (1862)
+
+
+Es wuerde ueberfluessig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken
+ueber die Existenz und die fruehzeitige Herausgabe der Varnhagenschen
+Tagebuecher zu wiederholen. Ihr oeffentliches Vorhandensein ist nun einmal
+ein Begegnis wie ein Naturphaenomen, das sich aller Berechnung entzieht.
+Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint
+uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben
+sollte, dass es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein
+psychologisches Raetsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes
+uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die
+Entwaffnung dessen, der durchaus entruestet sein und bleiben will, sollte
+in den Vorzuegen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre
+hindurch ein Muster der Maessigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der
+Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt ploetzlich so ganz abirren zu sehen von
+derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes
+geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwuerdiger
+Seltsamkeit, dass sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht-
+lich beschaeftigen, am wenigsten Anlass geben sollte, die Herausgabe des
+Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein
+eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und
+lehrreich ist.
+
+Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfaehigkeit sind allerdings diese
+Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerueckt. Aber waren wir
+denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften
+Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer haette nicht damals sich
+mitten auf die Strasse stellen und seine Stimme laut erschallen lassen
+moegen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksfuehrer zu
+entlarven, Abtruennige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten
+preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die
+auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden
+Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland,
+zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen,
+falschen, der naechsten Klugheit widersprechenden Massregeln die sonst
+ruhigsten Gemueter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der
+Fuersten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen
+Zuendstoff, um die Gemueter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier
+oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken,
+Boesewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder
+zwischen den Zaehnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste
+Vergegenwaertigung einer Zeit vor, die leider fuer die Wiederaufnahme
+dessen, was sie uns haette bringen sollen, mit einem unfruchtbar und
+nutzlos voruebergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu
+entruecken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den
+Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es
+waere ein unermessliches Unglueck fuer unser Vaterland, wenn die Stunde der
+Erloesung von unsern gegenwaertigen, von den Regierungen ja selbst fuer
+unhaltbar erklaerten Zustaenden zu einer Zeit schluege, wo die Lehren der
+Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen waeren.
+
+Deshalb schon und um dieser nuetzlichen Vergegenwaertigung der Lage willen,
+in welche Deutschland bei einer verhaengnisvollen Krisis immer wieder aufs
+neue wird geraten koennen, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen
+mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und
+"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie moegen doch
+nicht glauben, dass man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden
+sind, nun wirklich dafuer halten und in der Geschichte als solche stempeln
+wird. Viele davon moegen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber
+auch diese moegen annehmen, dass die oeffentliche Meinung an ihre Reue und
+an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verraet der Ton dieser
+beiden neuerschienenen Baende, dass der Verfasser der "Tagebuecher" wirklich
+an der Zeit krank war und ueber die Taeuschung seiner Hoffnungen oft sein
+Herz brechen fuehlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden
+und geschildert wird, ist in der Tat erschuetternd und versoehnt uns nicht
+nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern ueberhaupt mit
+manchen Zuegen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns frueher nicht
+hatten befreunden koennen. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte
+der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an
+den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schoener nicht in den Werken
+der beruehmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.
+
+Auch diese neuen Baende werden vielen Federn Anlass bieten, in mannigfacher
+Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift
+fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdruecken,
+die auf den politischen Charakter Preussens und Berlins geht. Jene Jahre
+waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten
+sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die
+Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geaeffte
+Buergerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewaeltigenden
+Strassengeist Berlins, sondern an die Sphaere der Intelligenz und der
+privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentuemlicherweise
+aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition
+gestellten Militaers, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur
+Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen,
+Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphaere ist so
+hoechst auffallend, dass man die Gefahren des Throns weit weniger versucht
+wird in der demokratischen Sphaere zu suchen als da, wo der Thron seine
+Stuetzen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlaessigkeit, Rachsucht,
+haemische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer muessiggaengerischen
+Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen
+Nachen denken laesst, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und
+Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher
+Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche
+Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsfuehrung anstreben. Denkt
+man sich diese spezifisch berlinisch-preussischen Elemente beim Beginn
+eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so
+ausserordentlich viel Weisheit, so ausserordentlich viel (nur durch die
+Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten
+Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen laesst,
+ernstliche Besorgnisse einfloessen.
+
+
+
+ * * * * *
+
+III. Drei Berliner Theatergroessen
+
+
+
+
+Ernst Raupach (1840)
+
+
+Raupach scheint jetzt Berlin gegenueber einen schweren Stand zu haben.
+Selbst seine Freunde fuehlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu
+schenken pflegten, erschoepft. Und doch find' ich, dass seine neuern Sachen
+nicht schlechter sind, als die frueheren, dass sie denselben Zuschnitt
+haben und dieselbe Kenntnis der Buehneneffekte verraten. Sollte vielleicht
+die sehr glueckliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat
+von der koenigl. Buehne einen jaehrlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht
+fuer jeden Akt seiner Dramen ausserdem noch 50 Taler. Seine Dramen (muessen)
+zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls
+wird jedes angenommene Stueck ausserordentlich beguenstigt und kann auf
+schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schoene Kraefte koennten nicht fuer die
+Buehne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen
+Teil dieser Beguenstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen
+Anschliessen an eine Buehne, die willfaehrig selbst schwaechere Versuche
+darstellte, kann Lust und Kraft fuers Theater gezeitigt werden. Wird man
+seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Dass
+Raupachs Stellung fuer die in der dramatischen Literatur aufkeimende
+Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen
+werden an der hiesigen Buehne nach alten eingegangenen Verpflichtungen
+bevorzugt und jaehrlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die
+Haelfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.
+
+Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der
+Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewaehren? Nein, er ist dafuer
+anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkoennen?
+Das schon eher: Ich glaube sogar, dass Raupach nach dem Mass seiner Kraefte
+von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiss noch zehn
+Jahre goennen muessen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus
+seinem unverwuestlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'
+es nicht da eine Grenze geben? Besaesse Raupach die Vielseitigkeit eines
+Kotzebue, dann waere die Aussicht minder abschreckend. Allein immer
+derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben
+den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen
+Charaktere--man muss das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-
+faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,
+weil sie die Kraft ihres Gedaechtnisses an das nur allzuleicht
+Vergaengliche verschwenden ...
+
+
+
+
+Ludwig Tieck und seine Berliner Buehnenexperimente (1843)
+
+
+Es bestaetigt sich denn wirklich, dass nach des Sophokles "Antigone" nun
+des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Koenigl. Hoftheater in Berlin zur
+Darstellung angenommen und zu demnaechstiger Auffuehrung bestimmt zu sein.
+Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh.
+Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Choere zu instrumentieren.
+Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit
+denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden fuellen koennen.
+
+Die aesthetische, lebendige, durch und fuer die Zeit lebende Kritik kann
+aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muss sie dieses
+pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfuellen. Sie muss es
+unerschrocken aussprechen, dass die Vergeudung der Kraefte, die eine solche
+scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet,
+eine unverantwortliche Beeintraechtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur
+eine Beeintraechtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.
+
+Tieck missachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehaessigen Gesinnung
+gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener
+Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, ueberall, nur nicht da, wo er
+durch seinen Einfluss der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des
+Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von
+Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorfuehren lassen, nur eine dem
+Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehoerende Buehne sollte vor dem
+Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und
+literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v.
+Kuestner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen
+Chimaeren, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gaenzlich fremd,
+hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluss so gering, dass er
+unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wuensche sein
+muss,--so ist es noch schlimmer.
+
+Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine
+gruendliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches
+Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen fuer Kunst und
+Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere
+Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Muetter bringen?
+Beduerfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der
+Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht,
+jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Beduerfen wir zur
+Belebung des Sinnes fuer hoeheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die,
+ueberwiegend von der Musik unterstuetzt, durchaus ein fuer das rezitierte
+Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen koennen? Ist die Weltanschauung
+der antiken Tragoedie eine erhebende fuer das Christentum, eine belehrende
+fuer den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat,
+als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter,
+Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene
+Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?
+
+Ich hoere, ein derlei praktischer Nutzen wuerde auch mit den Zitierungen
+jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die
+Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der
+befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muss man herzlich die
+Taeuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von
+Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik
+unterstuetzte Tragoedie fuer die griechische der alten Welt halten kann.
+Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplaetze
+fuer den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefaehr aussieht, wie die
+Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere
+Gymnasiasten klassen- und coetusweise in eure antiquarischen Spielereien
+fuehren! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des
+Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich,
+ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am
+Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen
+polemischer Tendenz. Ihr luegt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie
+existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart,
+die das Unglueck hat, juenger zu sein als ihr! Um von den "Goetzen des
+Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Goetter, Goetter, die nie
+existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Oelgoetzen, Oedipe mit Souffleur-
+kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgaenge spielen, Choere, die sich auf
+den Kontrapunkt verstehen! Luege ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige
+Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schaemt euch, so eure Zeit zu betruegen
+und die Kunst zu hintergehen.
+
+Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolitaet.
+Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich fuer Organismus ausgibt,
+alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkuer ist und den
+Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck ueber das belletristische
+Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller
+Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm
+laestig, Ernst drueckend, das Erhabene nur willkommen, wenn es moeglicher-
+weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer liesse ihn nicht in dieser
+seiner Art gewaehren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre
+Grenzen. Die Ironie hoert auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter
+Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei
+der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum
+Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner
+Haeuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und
+Trollgeistern, die dich im gruenen Waldrevier deiner Talente bewundern und
+bedienen--aber lass vor den heiligen Raeumen des Ernstes deine Schelmenkappe
+zurueck: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Buehne, was sie
+jetzt ist, die Buehne als Traeger und Organ hoeherer Sittlichkeit: das sind
+Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten
+darf.
+
+Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurueck, so muss sich
+unwillkuerlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen,
+reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen
+weiss, wenigstens keinen, der ueber einige heitere und witzige Schriften
+hinausging. Das Theater schien sein naechster Beruf. Er waere gern
+Schauspieler geworden und wuerde in dieser Laufbahn, von der ihm Schroeder
+abriet, vielleicht Grosses geleistet haben. Er persiflierte in seinen
+unauffuehrbaren Komoedien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes
+fuer ihn geben zu koennen. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten
+Richtungen laecherlich, von denen sie spaeter eingestehen mussten, dass sie
+noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmaechtigen romantischen
+Produkte, ueber welche Tieck in seinen spaetern dramaturgischen Blaettern
+berichten musste. Aus Verzweiflung, dass "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw.
+fuer die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf
+Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so ueberpries, dass sich
+zwischen Altem und Neuem foermlich eine unueberschreitbare Kluft oeffnete
+und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier
+Anbetungswuerdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines
+Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber ueberschwenglich nur loben
+konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer
+Buehnenkenntnis, nicht ein einziges Buehnenstueck schreiben koennen. Nicht
+ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das
+diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, fuer
+jeden Produzierenden gefaehrlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so
+viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich
+muss das Bewusstsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und
+ihn gegen seine Zeit so missstimmen, dass er sich lieber in die antike
+Buehne wirft, als frei und tuechtig der Gegenwart Rede zu stehen....
+
+
+
+
+Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+
+Herr von Kuestner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine
+Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter fuer ihn gesprochen haben, als
+alle Verteidigungen der Presse, als saemtliche Paragraphen seines mit
+Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als
+eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr ueberwiegend ein
+notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die
+Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls
+ist es gefaehrlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater
+sein sollen, einen zu grossen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die
+Leidenschaft fuer "Ueberschuesse" ist eine der gefaehrlichsten
+Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,
+bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.
+
+Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze waeren mit Unrecht
+angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen
+alten und den zu verhuetenden neuen Missbraeuchen gegenueber eine
+Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung haette konstitutionell verfahren werden
+sollen, d.h. die Mitglieder der Koeniglichen Buehne haetten in die
+Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repraesentanten muessen waehlen duerfen.
+Aller Zeitungslaerm und Kulissenaerger waere durch dies konstitutionelle
+Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen
+aus einem Bewusstsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben
+Willen bei jedem treufleissigen Kuenstler voraussetzte. Dagegen sich
+auflehnen und einen Laerm schlagen, als wenn dem redlichen Kuenstlerstreben
+das Palladium der Freiheit entwendet waere, verraet geringe Ueberlegung. Die
+Theatergesetze des Herrn von Kuestner sind nicht ohne Fehler, aber in den
+Hauptgrundsaetzen nur zu billigen.
+
+Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel
+beabsichtigt zu werden. Dem Fraeulein von Hagn soll die Last, das ganze
+Repertoire auf ihrem schoenen griechischen Nacken zu tragen, endlich
+erleichtert werden. Sie fuehlt sich gewiss sehr gluecklich, einen Teil ihrer
+Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie waehrend drei
+der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Haenden
+zurueckzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fraeulein Viereck ist
+vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen
+Buehnenkraefte besitzt, nach Berlin uebergegangen, eine hohe, plastisch edle
+Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in
+empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen
+repraesentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafuer sich schon
+mit den Rollen entwickeln. Was Fraeulein Viereck nicht besitzt, diesen
+unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten
+weiblichen Natur, das wird Fraeulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein
+Talent, das an der Elbe hochgeruehmt wird und, wie man vernimmt,
+gleichfalls von der grossmuetigen Entsagung des Fraeuleins von Hagn Vorteile
+ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und
+Talent, dessen Erwerbung Herrn von Kuestner alle Ehre macht. Clara Stich
+fuer die Naivitaet, Charlotte von Hagn fuer die keck gestaltende, geniale
+weibliche Charakterrolle, Fraeulein Viereck fuer die Salondamen, Fraeulein
+Wilhelmi fuer die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragoedie, Frau
+von Lavallade fuer duldende und zurueckgesetzte Gemueter, Madame Crelinger
+fuer die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----
+
+Halt! Wir kommen aus der Sphaere des Personals in die des Repertoires; denn
+es scheint, als haette Herr von Kuestner die fruchtbare Buehnendichterin mehr
+aus Ruecksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.
+Sie ist ihm als Schriftstellerin benoetigter, denn als Mimin. Er wuenschte
+ihre Stuecke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den
+Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Luecke, um diese
+mit Madame Birch-Pfeiffer auszufuellen.
+
+Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen
+sehen. Vor dreizehn Jahren in Muenchen die Maria Stuart und vor zwei
+Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterliess sie mir
+einen sozusagen grossartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in
+ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen
+Dialekt, was fuer Maria Stuart eine eigentuemliche Nuance war; aber auf
+Maria Theresia passte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria
+Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der
+Koeniglichen Buehne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer
+stattete die Kaiserin mit vielem Gemuet und mancher derben Gestikulation
+aus. Kenner wollten finden, dass sie uebertreibe, andere, dass sie monoton
+waere. Genug, ueber ihre Verdienste als Kuenstlerin gestehe ich, kein
+Urteil zu haben.
+
+Auch gegen ihre Stuecke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie
+ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris wuerde sie wie
+der Koloss von Rhodos das ganze Repertoire vom Odeon jenseits der Seine
+bis zu den Delassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie
+wuerde klassisch sein fuer das Theatre francais, romantisch fuer die Porte
+St. Martin. Sie wuerde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von
+deutschen und englischen Romanen (nicht von franzoesischen, denn dem
+franzoesischen Romandichter muss der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)
+befruchten lassen. Die Buehnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die
+Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst ueber eine kuehle
+Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.
+
+Dennoch ist es ein Unglueck, dass Herr von Kuestner in seiner Bewunderung
+von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin
+maessigen. Er sollte einsehen, dass ein Stueck mit folgendem Titel:
+
+(Anna von Oesterreich.
+
+Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:
+
+Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.
+Birch-Pfeiffer.
+
+Erste Abteilung. Ein Taschentuch.
+
+Zweite Abteilung. Der Musketier.
+
+Dritte Abteilung. Der Kardinal
+
+Vierte Abteilung. Zwoelf Tage spaeter.)
+
+mit oder ohne diese Titel-Aushaengeschilder nicht auf die Koenigliche Buehne
+gehoert. Herr von Kuestner sollte sich hueten, seinen Gegnern mit solchen
+Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.
+
+Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf
+den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt ueber die Koenigsstaedter ueber
+die Koenigliche Buehne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs,
+Doering, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen ruecken fuer Alexandre
+Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei
+Musketiere ins Feld. Herr von Kuestner glaubt die hohe Aufgabe, jaehrlich
+sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches
+Repertoire loesen zu koennen. Wenn auch Graf Bruehl sich im Grabe umdrehen
+sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen
+Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer
+Strassenecke lesend, laecheln, hoechst ironisch laecheln sollte, Herr von
+Kuestner fuehrt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!
+
+Frueher war das Verhaeltnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stueck
+gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah,
+ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herruehrte
+oder ob sie sich, wie Kuehne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet"
+hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Guenstlinge"
+usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Wuerste" aber
+gingen hinueber in die Koenigsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die
+Pfefferroesels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heissen,
+die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den
+Romanen Storchs, Doerings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhaengenden
+Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere wuerde Graf Redern (nicht als
+Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Koenigsstadt geschickt haben.
+
+Herr von Kuestner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben
+hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich
+an, stattet sie mit Glanz aus und wuerde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn
+Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" haette, ohne Zweifel fuer sich behalten
+haben. Ich meine nun, dieses System waere sehr verwerflich und der
+allgemeinsten Entruestung wuerdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn
+von Kuestner muessten ihm entschieden andeuten, dass es dem preussischen
+Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrueckt, mit dem
+Ueberschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend waere. Ich meine,
+dass sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden haette sein und sagen koennen:
+"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stuecke, die
+schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!"
+Allein Macht und Uebermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken:
+Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ...
+
+Deshalb weise Herr von Kuestner seinen ueber die Massen protegierten
+Guenstling in die Schranken, die ihm gebuehren! Vielleicht glaubt man
+mir's, vielleicht nicht, dass ich mit schwerem Herzen an die Abfassung
+dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe
+seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben;
+ich goenne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich
+will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen,
+ich will nicht spotten und selbst fuer die ironischen Stellen dieses
+Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Missbilligung treffe Herrn
+von Kuestner, der monatelang keine Neuigkeiten auffuehrt, in den Berliner
+Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten
+Vorbereitung unterhaelt und dann ploetzlich in aller Stille, zur
+guenstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die
+Koenigsstadt gehoert, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der
+Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr
+treten? Ich fuer mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile fuer die Buehne
+geschrieben haette, wuerde es unverantwortlich finden, dass die Berliner
+Hofbuehne diesen, aus schnoeder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig
+Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire
+aufnehmen darf.
+
+
+ * * * * *
+
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+
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+Der Sonntagsverein (1833)
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+Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der
+Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, dass der
+wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fuenf Jahren in Berlin
+jenen ersten Verein gruendete und ihn witzig nicht die sondern den
+Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem
+Namen zu unterdruecken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen,
+als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen.
+Saphir wusste diese Gesellschaft bald zu bevoelkern. Die Zahl seiner
+Schueler und Verehrer war beinahe ebenso gross als die seiner Feinde.
+Saphir zeigte, dass der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, dass die
+Phantasie alle Luecken ausfuelle und der Goetterfunke auf keine
+Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den
+seinen Gegnern ausgeschlagenen Zaehnen aufwuchs und sich mit Begeisterung
+unter seine Fahne stellte.
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+Die Seidenwarenhaendler in der Breiten Strasse tobten, dass ihre
+Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfuesse massen, um
+Scharaden, Logogriphe und Raetsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit
+klopfendem Herzen in Saphirs Blaettern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf
+dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verfuehrungsgeschichten
+und Schlaegereien ins Reine schreiben und uebten sich in der literarischen
+Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstrasse immer willkommen
+waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hoerten, machten
+humoristische Ausfluege und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost"
+und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres grossen
+Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwaehnen, dass fuer die Juden ein ewiges
+Laubhuettenfest der Poesie angebrochen war, dass sie sich ihre satirischen
+Adern oeffnen liessen und unter dem Schutze ihres grossen Messias alles
+taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals bluehte die
+Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Fruechte, von denen sie zum Besten
+der Ueberschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Spaeter kam
+die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswuerdigen Freundes
+Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden.
+Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir
+emanzipiert und hoeren nicht gern, dass man sie an die Schule ihrer Talente
+erinnert. Die beiden vorliegenden Baende ["Rosetten und Arabesken.
+Novellen, poetische Gemaelde und satirische Skizzen der juengern
+Serapionsbrueder. "] fuehren den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des
+Sonntagsvereins" und geben den Massstab fuer das, was dieser war, ist und
+sein koennte.
+
+Zwanzig Koepfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfaelle und
+Ausfaelle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repraesentanten gefunden,
+und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die grosse Zahl
+sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kaemen z.B. Ludwig
+Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehoeren,
+weil sie kuerzlich mit zwei grossen goldnen Verdienstmedaillen belohnt
+worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens-
+bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt'
+ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergiessungen ueber die richtige
+Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitlaeufig
+und ich begnuege mich nur anzuzeigen, dass diese beiden Baendchen eine
+Musterkarte von Trivialitaeten, geistlosen Gedankenspaenen, kurz von
+literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W.
+Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt
+in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:
+
+Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorueber! Vergebens sucht Ihr es
+im Buch der Zeit!
+
+Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher
+Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten"
+von Wilhelm John erregen allerdings Gelaechter, weil sie bewunderungs-
+wuerdig fade sind. Man hoere: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt,
+dass Enthusiasten haeufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind.
+Hieraus koennte man schliessen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei,
+dass sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen koennen." Wie
+dumm! Ferner: "Die groebsten Ausfaelle werden gewoehnlich am meisten gegen
+diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfaelle haben." Ich haette
+Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull
+es nur mit dem zweiten koennte. Ferner: "Der Witz des Poebels gleicht
+mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glaenzen."
+Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht,
+originell zu sein, hat das Originelle an sich, dass sie Narren bildet."
+Ach! Es ist genug.
+
+Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem
+Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine ueber dies
+Mittelmass hinaus.
+
+
+
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+Cypressen fuer Charlotte Stieglitz (1835)
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+Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!
+Heraus aus deinen ohnmaechtigen Zweideutigkeiten, du lederhaeutiger Eunuch!
+Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbaeckige,
+laechelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer
+Pruederie und Eurer sittlichen Traegheit, die sich gern auf die grossen
+Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit bruestet, die kleinste
+Pfeife der grossen Orgel zu sein? Eure Grundsaetze sind morsch geworden,
+da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen
+eingepfaehlt habt. Zitternd muesst Ihr fuehlen, dass Ihr bei dem ewigen
+Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder
+wie sie veraendert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,
+unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!
+Ihr erschreckt, dass es noch Menschen gibt, welche den innern Prozess der
+Seele durchmachen; die mit blutigem Schweisse daran arbeiten, in den
+Geheimnissen des Geistes ein Gebaeude aufzubauen, und sich lieber unter
+seinen Truemmern begraben, als dass sie die Welt so hinnaehmen, wie sie auf
+der Strasse, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch
+geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist
+in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhaendige Tod
+der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besaesse
+und es schon aushalten koennte, dass man von Nachahmung sprechen wuerde,
+koennte hier ein unsterbliches Seitenstueck zum "Werther" geben. Denn es
+sind ganz moderne Kulturzustaende, welche sich hier durchkreuzen, und doch
+ist der Grabeshuegel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,
+dass die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.
+
+Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes ueber ihr
+Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind
+nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hoert man
+rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwaeche, von falscher
+Lektuere und alles schlaegt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten
+kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu
+zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie
+zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat
+Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kuehne Philosophen
+behaupten den alten elenden Satz, dass Selbstmord die unzulaenglichste
+Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, dass hier eine ungeheure
+Kulturtragoedie aufgefuehrt ist, und die Heldin des Stueckes bis auf den
+letzten Moment fuer zurechnungsfaehig erklaert werden muss vor dem Tribunal
+einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier ueberhaupt
+nicht das Urteil, sondern die Erklaerung.
+
+Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war
+ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war
+eine volle, gesaettigte; eine Liebe, die sich an grossen Tatsachen erwaermt,
+und welche allein imstande ist, Maenner zu begluecken. Es war nicht eine
+allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die
+bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,
+und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfaengt.
+Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schoenheit, die nur um
+ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das
+hoechste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,
+angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stuetzt, welche fuer
+beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf
+wechselseitige Zulaenglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und
+des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfuellt, sie hatte Staffage. Beide
+Teile standen sich gleich und Eins durfte fuer das Andre nicht verantwort-
+lich sein. Ideen vermittelten hier Kuss und Umarmung. Sinnlicher Platonismus
+wartete hier; und ich glaube, die jungen Maenner des Jahrhunderts werden
+nicht eher gluecklich sein, bis nicht die Liebe ueberall wieder diesen
+idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon
+hatte.
+
+Charlotte hatte vor dem Todesstosse in Rahels Briefen gelesen. Rahel wuerde
+ihren Gemahl niemals haben so ungluecklich machen koennen, denn sie wollte
+keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen
+Umtrieben, dem Genuss, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt
+anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit
+selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie
+war kein Zoegling der Frivolitaet, wie Rahel, zu deren Fuessen einst die
+Mirabeaus und Catilinas des preussischen Staates und der Periode 1806
+gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und
+immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;
+sondern wuehlte sich in ihn hinein und zerbroeckelte ihn in eine Menge von
+Gedankenspaenen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel
+von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem
+Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!
+Charlotte war Position, dichterisch, glaeubig und immer Seele. Sie beugte
+sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing
+erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie
+nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (koennen wir's?), so
+blieb ihr nichts uebrig, als ihr grosser, starker, goettlicher Wille.
+Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles
+bis auf diese Hoehe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen
+sein; denn wir sagten schon, dass hier nichts ohne die Liebe war.
+
+Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quaekerhut,
+luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den
+Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn
+Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die
+Philologie, die preussische Geschichte und die deutsche Freiheit,
+russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und
+nebenbei musste er auf der Koenigl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und
+Dienstmaedchen verkehren, welche fuer ihre Herrschaft die entlehnten Buecher
+holten, ueber welche er das Register fuehrte. Himmel, Erde und Hoelle lagen
+hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man
+wollte nicht zugeben, dass er originell war. Es ist alles so oed und trist
+in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo
+in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen
+war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet
+er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsruecken
+sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel
+wies ihn kalt zurueck, weil er keine Originalitaet antraf. Die
+Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.
+Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergoettert,
+und doch vom Repraesentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht
+anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die
+Freiheit und konnte keine Bruecke finden. Er fuehlte sich unheimlich in dem
+Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden
+Eingang in sein empfaengliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles
+Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne
+Schoenheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es
+frueher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglueckliche Dichter
+ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er sass im Schimmer der
+naechtlichen Lampe, Ruhe auf der Strasse, das weisse Papier, das
+Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit
+vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der
+Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke
+sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone
+aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben
+muss, um ein grosser Dichter zu sein? Wo der Hass eines Dante, rechter,
+tiefer, ghibellinischer Hass; nicht jener Hass, den wir unglueckliche Kinder
+unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen
+affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo
+die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der
+rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein grosses,
+stachelndes, unglueckliches Leben? Ach, nichts als Luege, als heitrer
+Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft laestiger
+Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des
+Meyers Tochter, die sich fuer ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen
+Worten und fuehle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drueckt den
+Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge oeffentliche
+Meinung verlangt, dass sie sich zusammenscharen solle und sich
+aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So
+fuehl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht
+dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte
+er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,
+dass gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht
+haben; vielleicht dachte er nur an die Persoenlichkeit, wie sie zu allen
+Zeiten unabhaengig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er
+fand, dass man eine grossartige Staffage seines Schicksals haben muesse, um
+originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im
+Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem
+Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.
+
+Toericht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, dass er seine Gattin in
+diesen Strudel hineinriss. Sie musste wissen, was seine Stirn in Runzeln
+zog, und musste teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Hoehe,
+sein Unglueck zu begreifen. Sie fuehlte wohl, dass dem Manne eine Staffage
+seiner Begeisterung fehlte. Das gewoehnliche Geschwaetz der Tanten, welche
+ein Interdikt legen auf Annaeherungen zwischen ihren Nichten und
+sogenannten Schoengeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei
+grosser und patriotischer Staedte, welche ihren Toechtern nur angestellte
+und offizielle Juenglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Buecher
+macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes
+und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne
+buergerliche Ruecksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in
+Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwaetzigen
+Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemaessigten Zone, wenn ihr
+glaubt, die naerrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe
+sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich
+der vierwoechentlichen Waesche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:
+Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die
+stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung goennte sie ihrem Manne.
+Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht
+tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,
+blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der
+Luege befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im
+Winter gleichgueltig gegen die Hoffnung des Fruehlings, resigniert auf den
+gewiss noch langen Faden der Parze, bereit, das fuerchterliche Geheimnis
+des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Muessen, resigniert auf jede
+Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch fuer sie liegen konnte.
+
+Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Huegel. Die
+Neugier ist befriedigt. Was soll man schliessen? Ihr nichts: wir alle
+nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Ueberlebender! Du bist ein
+ungluecklicher Rest. Aber dein Unglueck, das nun da ist, ist ohne Energie.
+Dein Unglueck ueberragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du
+tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiss, ein Totenopfer steht dir an.
+Dante haette dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du
+die Tatsache ueberwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in
+den Zusammenhang deiner Gedanken, so musst du so gross sein, wie dennoch
+Dante und Goethe. Wirst du oeffentlich von dem Opfer zehren, das im
+Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwoere dich, bring' an das
+Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du
+empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demuetigung, dass nicht das Ende
+eine Komoedie sein koennte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das
+Motiv und die Staffage ist groesser als das, was sich darauf bauen laesst. Es
+ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,
+sondern ein enger Raum von vier Waenden, eine Buehne von drei Waenden; denn
+es ist eine Tragoedie. Aber noch ist die Tragoedie nicht vol1staendig. Ein
+Gedicht rundet sie nicht ab.
+
+
+
+
+Diese Kritik gehoert Bettinen (1843)
+
+(Nil divini a me alienum puto.)
+
+
+Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen
+hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst
+erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die
+verschmachtende Kehle hinunterschuettet und mit Wollust die benetzte Lunge
+zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im
+Kristallglase ihrer stilistischen Schoenheiten, mit all den wunderlichen,
+eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die
+anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der
+uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht suedliches
+Rebenblut, durchduftet von den Blueten des Orients oder gewuerzt von
+zerstossenen Perlen der Maerchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische
+Quellflut, reines kristallhelles Nass vom Borne der Natur, aus der
+Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche,
+gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewuerzten
+Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser
+taeglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem
+ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und
+Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein
+volles Glas, wo die Felsen-Kuehle mit tausend Tropfen die innere Wand
+beschlaegt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden
+Champagnersaenger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung
+und Kuehlung, Erquickung und Staerkung, Trost fuer das Vergangene und Mut
+fuer das Werdende!
+
+Das neue Koenigsbuch dieser merkwuerdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne,
+dass es wie herbstliches Geblaetter eine Weile raschele und unterm
+Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat,
+die weit ueber den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehoert
+dem Koenig", es gehoert der Welt. Es gehoert der Geschichte an, wie Dantes
+"Komoedie", Macchiavellis "Fuerst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft".
+Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von
+Millionen gefuehlt werden, gesagt werden mussten. Man wird diese Dinge
+bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und
+man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen
+Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heisst es, das
+starke Ende kommt nach. Mit des kuehnen Strauss' "Leben Jesu" ging es
+ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm
+niederfaellt.
+
+Wer noch nicht nach den beiden kleinen Baenden gegriffen hat, wer noch
+schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie
+einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zuegen", wie
+die Studenten sagen, trinken und allmaehlich in sich aufnehmen muss, dem
+diene folgendes als Erlaeuterung: Das merkwuerdige Buch traegt seinen
+persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in
+diesem Titel. Dies Buch gehoert wirklich dem Koenig und musste so heissen,
+durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den Koenig
+geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der
+Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfasst, und deshalb von
+Tausenden von Maennerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das
+Organ einer allgemeinen Ansicht, die kuehne Vorrednerin ist, die Jeanne d'
+Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem
+Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, dass nur ein Weib das
+sagen durfte, was jeden Mann wuerde hinter Schloss und Riegel gebracht
+haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umstaenden, in diesem
+Zufall, dass eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und
+ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine
+Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der
+Gesellschaft veroeffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht
+einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-grossartig ausgesprochen
+hat, darin liegt etwas, was goettliche Vorsehung ist. Dem bedraengten
+Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen.
+Windet Euch, baut Buecher auf Buecher auf, sprecht Anathema ueber Anathema,
+die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen
+in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung
+haben will, diese Glut einer Ueberzeugung, die sich wie ein feuriger Strom
+durch die Lande waelzen wird, ist nicht zu daempfen, nicht auszuloeschen.
+Den Handschuh fuer die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist
+immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren.
+
+Bettina gehoert zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug
+wie Schlangen sind. Sie redet zunaechst nicht zum Koenig von Preussen. Sie
+malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen
+Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemaess,
+kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht
+scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von
+Napoleon und laesst die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden.
+Sentimentale und Tartueffe-Gemueter, die immer wollen, dass man die Sachen
+von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen"
+sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher
+Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die
+Verantwortung so himme1stuermender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund
+legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Fuessen gesessen, weiss,
+welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom
+Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen,
+die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen
+Begriff, eine poetische Individualitaet, wie sie der Dramatiker schafft.
+Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafuer im
+Jenseits nicht mit Plato zuernen. Der Vater ist verantwortlich fuer den
+Sohn, der Staat fuer den Buerger (Bettina fuehrt diese Pflicht mit
+besonderer Vorliebe aus), der Lehrer fuer den Schueler. Von grossen Menschen
+bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist
+geboren wird. Und so ist auch jenes Daemonion, jene hoehere Weihe und
+ploetzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates,
+nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften
+Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt
+Bettinen, die es wagen darf, den kuehnen Heldengeist jener Frau mitten
+unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms,
+von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein
+und dem Buergermeister von Holzhausen redete.
+
+Der erste Band des Koenigsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate
+gewidmet. Die Beweisfuehrung in beiden ist die des urspruenglichsten
+Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug
+und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Ruecksichten der
+Selbsttaeuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie
+Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen gefluegelten Hufen, der Bahn
+der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenroete
+aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kuehnen Haenden, noch
+sind sie leer, aber nicht ein Wort der Luegen, die darauf standen und die
+sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen
+stehen duerfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste
+Positivitaet des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine
+indische. Sie ist kein Behagen, keine traeumerische Wollust in sich
+selbst, sondern ringende, kaempfende Freiheit, griechische Freiheit, wie
+sie sich in der Palaestra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen
+erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im
+Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen
+Bergeshoehen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestruepp und Genist
+nicht ins blinde, wilde Ungefaehr hinein, sondern nach einem erhabenen,
+edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfasst, Gotteswuerde und
+Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im hoechsten, im
+majestaetischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als
+die Natur, die Vernunft und der freie Geist!
+
+Die uebliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie
+unserer Zeit wird ueber den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreissen und
+siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen
+Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfaehigkeit.
+Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma
+ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Moeglichkeiten
+der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern
+die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage
+nicht, dass sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums
+ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein
+Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kaempfe lehrt, dass fuer
+die Freiheit schon unendlich viel gewonnen waere, koennten wir nur auf der
+Haelfte des Weges, den Bettina schon zuruecklegte, Huetten und Zelte bauen,
+geschweige Kirchen im Sinne dieser Haelfte. Der Erfolg dieses Buches, wie
+weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird,
+laesst sich noch nicht ermessen. Erst muss die wilde Jagd der Gegner kommen.
+Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab!
+
+Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band.
+Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man hoere, was er
+enthaelt, und erstaune ueber dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die
+heisseste, gluehendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten,
+dass der Kommunismus viele Anhaenger finden wird.
+
+Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat
+schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Maertyrern stempeln
+und zoege die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das
+erste ist wahr. Man schreibt so viel Baende ueber die Gefaengnisse, ueber die
+Verbrecher, ueber die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten,
+und doch bleibt es unwiderleglich, dass die wahre Politik, die Politik im
+Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Moegen
+wir nun an die urspruenglich gute oder urspruenglich boese Menschennatur
+glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung
+einen so hohen Begriff, dass wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur
+Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum
+misslingen sie so oft? Unsere gewoehnlichen Quacksalbereien muessen doch
+wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schaeden der
+Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz
+verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige dass sie
+bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenueber war es
+mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitaeler, neue Quarantaenen, neue
+Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als hoechstens die
+sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da:
+jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa
+sporadisch, sondern so allgemein, dass die Gefaengnisse keinen Platz haben.
+Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwaechter und Gensdarmen, die
+Buerger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer
+sperrt sich ab gegen den andern und der Stoerer dieses atomistischen
+Staates wird unschaedlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not
+des naechsten Augenblicks geboten wird, so muss man sie gelten lassen;
+erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden
+Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum
+achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen
+schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein
+Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und gluecklich
+erhaelt, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls
+angelaechelt hat?
+
+Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein
+herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von
+Goeler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf
+hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan
+hatten, aeusserte in seiner wuerdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er
+muesste fuer das Christentum erroeten, wenn er bedachte, dass der milde Geist
+der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen waere, um
+nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, fuer immer unmoeglich zu machen. Er
+sagte: Erroeten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, erroetete
+fuer die geringe Wirkung seiner Lehre. Erroetet wohl ein Beamter fuer den
+Staat, der ihn besoldet, ein Minister fuer die Lappalien, die er in seinem
+Portefeuille einschliesst, erroeten unsere Richter fuer die Verbrecher?
+Nein. Hoechstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muss.
+Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren
+denn unsere grossen Staatsmaenner nur als sich? Wie ist es moeglich, dass
+durch diese Politik der Buerokratie, der Edikte, der Verbote, der
+Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener
+wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den
+Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses
+Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den Koenig, dem
+sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreissende, so feurige Apostrophen, dass es
+ruehrend ist, wenn man sich sagen muesste, der Brief ist unsterblich, aber
+er wird seine irdische Adresse verfehlen.
+
+Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat woertlich verstehen
+wollte, bewiese nur, dass er zu den Langweiligen gehoert. Kein Langweiliger
+hat Sinn fuer den Humor. Humoristisch ist aber ein grosser Teil der
+sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kuehne Opponentin mit den
+Verbrechern zu stiften vorschlaegt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu
+tun, einen Raeuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum
+Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr
+eigentuemlicher Ausdrucksweise, dass das Kapital von Mut, Schlauheit und
+Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf
+edlere und dem Gesamtwohl nuetzliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik
+dieser Beweisfuehrung ist teils Ueberzeugung, teils Neckerei. Es ist
+durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespraeche
+belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich
+gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen
+Voegel der Gegenpartei wieder flattern laesst, um sie nach kurzer Freiheit
+wieder aufs neue einzufangen. Fast im schaeumenden Uebermass dieser Ironie
+sind die "Gespraeche mit einer franzoesischen Atzel" geschrieben. Hier ist
+selbst die Frau Rat die ueberfluegelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit
+seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein
+verzauberter Hoellenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und
+schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel
+dient. Er moechte, dass die ganze Welt des Teufels waere und schwaetzt die
+Dinge, die oben stehen, kopfueber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht
+an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden
+Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad
+denunzieren werden. Bettina waere mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele
+humoristisch genug, fuer die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie
+einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden.
+Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum
+soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die naechstens
+die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eroeffnen wird, wird
+sehr komisch sein.
+
+Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als dass es
+komisch schliessen duerfte. Es schliesst mit dem Septimenakkord des tiefsten
+Schmerzes, es schliesst erschuetternd, herzzerreissend, tragisch. Wessen
+Auge ueber dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen
+kann, ohne in Traenen zu schwimmen, der muss ein Herz von Marme1stein
+haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in
+dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Haeuser
+durchwanderte, an die Tueren pochte, eintrat und sich nach den bittern
+Lebensumstaenden, die hier zusammengepfercht sind, gruendlich erkundigte.
+Die Namen sind genannt, die Tueren bezeichnet, hier hoert jede Fiktion auf.
+Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf
+Stroh, stuendlich gewaertig, ausgepfaendet und auf die Strasse geworfen zu
+werden mit Greisen und Saeuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern
+oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei
+und verlassen von jener Behoerde, die ihr naechster Schutz und Schirm sein
+sollte, der staedtischen Armendirektion. Fuer die Mitteilung dieses
+Gemaeldes verdient Bettina den Dank jedes fuehlenden Herzens. Jede Traene
+dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen
+Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht hoeher als jede
+idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben,
+aber die Farben sind echt und der Fuerst, dem sie ihr Buch widmete, hat in
+dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball
+abbestellt, sicher die Zuruestungen eines glaenzenden, nur Staub
+aufwuehlenden Manoevers auf die Haelfte des angesetzten Etats reduziert.
+Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch
+die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser
+Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen
+Anhaenglichkeit an das Vaterland und den Fuersten, die sich selbst in
+diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin ueberbrachte der
+Ordenskommission (fuenf Orden), die ihr gestorbener Mann im
+Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein fuer alle Mal
+fuenf Taler (kaum den aeussern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie.
+Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kuehnen Frau, die dieses
+Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem
+(Buergermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von
+diesem Anhang kann man nicht glauben, dass er spurlos voruebergehen wird.
+Nicht nur, dass die Berliner Armendirektion, eines der unpopulaersten
+Institute der Residenz, einer gruendlichen Reorganisation unterworfen
+werden muss, auch die hoehere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne
+sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem
+Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknuepfen und einer
+unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage
+wird um Antwort draengen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in
+Almosen, sondern in durchgreifenden Schoepfungen bestehen muessen. Und der
+edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf
+dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer
+Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit,
+dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen
+Verdienstes prangender, als weiland ihre schoensten Blumenkronen aus der
+Periode ihrer romantischen Naturmystik.
+
+Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen
+wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine
+Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der
+er Rom aus einem Raeuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der
+Koenig von Preussen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen,
+aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblaettert, er hat die Widmung
+gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg
+gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland
+und Preussen insbesondere hoffen, dass von der maechtigen Beredsamkeit einer
+Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn
+angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zuendet,
+doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung uebt, in ihm
+zurueckgeblieben ist.
+
+
+
+
+Ein preussischer Roman (1849)
+
+
+Die kluge und soviel man wusste ziemlich demokratisch gesinnte Fanny
+Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die
+Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre
+sonst so freiheitgluehende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmueckt,
+das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und
+Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom
+Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die
+Etikette und eine gewisse loyale Pietaet fuer hohe und hoechste Personen
+gesuendigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preussenvereine wissen
+sehr wohl, dass man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann.
+Dies edle Kern- und Grundgefuehl preussischer Herzen kann nicht mehr
+ueberall der Ausfluss unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der
+Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte,
+sondern dies Gefuehl muss jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der
+Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat
+Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu
+jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den
+Beweis fuehren, dass auch in jenen Regionen menschlich empfunden,
+liebenswuerdig geschwaermt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal
+den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgaenge der Literatur, die schon die
+Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Graefin
+Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin
+Diogenens, rettete ihr wieder die Koenige und die Prinzen.
+
+Wir erfahren in diesen drei mit grosser Gewandtheit geschriebenen Baenden,
+dass es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preussen
+gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war,
+sich vom Zopf Friedrichs des Grossen und derer, die diesen Zopf fuer das
+Palladium des preussischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik
+trieb, viel Schulden machte, Militaerexzesse beguenstigte, die Franzosen
+und ihre Republik hasste und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz
+preussischer Waffen fuehlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806
+seinen Willen tat und den Krieg erklaerte, fiel er in dem ersten Gefecht
+gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber
+deren liberale Grundsaetze er hasste. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand
+so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander
+geruehmt worden, dass man sein Leben wohl fuer beachtenswert, seinen Tod
+ruehrend finden kann. Wie aber sieht es mit einer naeheren Pruefung dieses
+Ruhmes aus? Wie muss sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese
+aeusserlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen naeher
+zu bringen?
+
+Wir gestehen, dass Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes
+sehr wahr auffasste. Statt aller Kritik ueber ihn hat sie sich ganz einfach
+in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche fuer den schoensten.
+Da ist kein nuechternes Raesonnement, da ist keine Pruefung, kein Abwaegen
+von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt
+hat. Und gerade das muss den Treubund entzuecken, gerade daraufhin kann
+Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Juedin, eine
+eifrige Verfechterin der Grundsaetze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht
+da eine Maerzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten
+fuer preussische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkraenzen unsern
+Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den
+Bahnhoefen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefaerbten Bajonetten in
+ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Maenner und Frauen
+einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts fuer die Menschheit leistete,
+sich aber als Hohenzoller fuehlte! Und eine Demokratin traegt uns hier die
+schwarzweisse Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur!
+Die beruehmte Gegnerin unserer unuebertrefflichen Ida!
+
+Fanny Lewald wird sich ueber den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber ueber
+mich, der ihn so reden laesst, sehr erzuernen. Sie wird, ich seh' es, alle
+diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung fuer einen preussischen
+Prinzen zurueckweisen, sie wird, ich hoer' es, ausrufen: Kleinliche
+Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens
+folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr
+moeglich bleiben, dass man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt,
+sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer
+George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels
+und Prinzenpalaeste, mit Interesse, ja mit Liebe umfasst und das Schoene,
+Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das
+hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie
+hat sich ohne Zweifel noch groesseres gedacht. Sie hat das Bild eines
+zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt
+unueberwindlich duenkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit
+vorhalten zu koennen, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militaer und
+Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die
+Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische
+Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist,
+ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung
+festzuhalten und so den Vorwuerfen zu begegnen, gegen die sie als strenger
+demokratischer Charakter empfindlich sein musste.
+
+Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie
+hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern
+wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der
+Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise"
+mit einem liebenswuerdigen, genialen Prinzen des koenigl. Hauses in
+Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen,
+mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg
+ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen.
+Statt, wie eine kuenstlerische Intuition ihr sagen musste, den Prinzen
+episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren
+Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und
+alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu
+lassen, macht sie diese selbst zu Haupttraegern der Handlung und gibt eine
+romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der
+Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie
+gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll
+erscheinen laesst, waehrend sie doch meist nur frivol und sittenlos sind.
+Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane beruechtigten
+Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und
+interessant, so drapiert mit dem grossen Umschlagetuch grell-moderner
+Ideen und grossblumiger Empfindungen, dass man erstaunt, wenn man sich
+denken muss: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser
+Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbroeckeln und in
+die ihr eigene grossstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblaettern, wo
+Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfuemierte Billetts, von
+galonierten Jockeys auf silbernen Tellern praesentiert, alle Schmerzen
+"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens
+Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny
+Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentoechter interessant zu finden,
+die beim Blasen der Gardekuerassiere an die Fenster rennen, sich in Helme
+und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewaehren, was Prinzen
+nur von Buergerstoechtern fordern koennen. Henriette Fromm, Pauline Wiesel
+sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von
+der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch
+geschieht. Welche grossen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche
+gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt
+nicht jene Buhlerei der Muetter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie
+nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Spaeter moegen die Opfer dieser
+Zustaende mehr gelernt haben als Madame Rietz wusste, sie moegen franzoesisch
+parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in
+Beruehrung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag
+auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter ueber sie ausgegossen haben.
+Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Juedin Rahel
+Levin mit Prinzen von Preussen in Verbindung gebracht darzustellen, ist
+hier von ihrem Herzen und dessen kuehnsten Fluegen geblendet gewesen und
+hat eine Sphaere fuer dichtungswuerdig gehalten, die es nicht war. Mamsell
+Caesar, die Berliner Geheimsekretaerstochter, verdiente ebensowenig diesen
+Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der
+Verlobung an einen Oekonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein
+Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer
+Buergerlichen schmeicheln, nur in aller Kuerze sie auffordern: Sei mein!
+Einen (Roman) von Gefuehl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe
+des Menschen gibt es da hoechst selten und im vorliegenden Fall gewiss
+nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloss
+mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu
+machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit
+Spannung, wuerde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie
+haette beim Niederschreiben dieser Blaetter auch nur im entferntesten
+gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)
+
+Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen;
+unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrueckten, leidenden Zustandes
+der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem
+gedemuetigten Stolze, mit der getretenen Menschenwuerde. Sie hat in ihrem
+reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der
+Beobachtung und des Mitgefuehls fuer die Nachtseiten der Gesellschaft
+durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie ueber
+die Militaerzustaende Preussens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die
+Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Duenkel der Minister
+anstellte, nicht auch zur Wahrheit ueber ihren aristokratischen Helden
+selbst und noch mehr zur Wahrheit ueber das prahlende Zuschautragen des
+Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemaelde aufrauschen? Warum wandeln
+diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefuehlskram
+unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle
+Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende
+Grossgefuehligkeit um die koenigliche Hoheit affektierter Kram? Erschliessen
+uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie muessen es wohl, da
+Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine
+grosse Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der
+Verfasserin ueberall folgen, wo sie praktisch und verstaendig ist. Wo sie
+aber Gefuehl geben will, Idealitaet in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch
+eben nur in derselben Sphaere, die sie an der Graefin Hahn hat bekaempfen
+wollen: Hass gegen das Uebliche, Feindschaft gegen die gewoehnlichen Gleise
+der Liebe, die sich in ihrer suessen Monotonie Jahrtausende lang durch die
+Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Muetter, die verheirateten
+Frauen ewig gleichgueltig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und
+Paulinen der poetischen Betrachtung wuerdig? Es waere eine rechte Erquickung
+gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem
+Herzen auch ein junges, schoenes und bedeutendes mit einem nur guten
+angetroffen haetten.
+
+Das Buch schliesst wie eine Symphonie mit unaufgeloester Dissonanz! Der
+Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Faeden, welche die
+Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch
+Licht, und ploetzlich Nacht. Dieser Schluss ist eine Kritik des Werkes. Er
+sagt, dass mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts
+zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein
+wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach
+Wahrheit, so die schoene, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger
+Ueberzeugung, dass sie unstreitig fuehlte: Die Menschen, die ich da mit dem
+Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnuetz, und keine Seele
+mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden,
+ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach
+vielen Graebern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den
+Immortellenkranz verdient.
+
+
+
+
+Eine naechtliche Unterkunft (1870)
+
+
+In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehoerenden
+Tagen, wo Berlin rundum keine andere grosse Stadt in der Nachbarschaft
+hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen
+zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen
+ueberwundene eigentuemliche Naivitaet oder, nennen wir es beim richtigeren
+Namen kleinstaedtische Unzulaenglichkeit aus, die den Charakter des
+Berliner Pfahlbuergertums in manchem bezeichnen duerfte. Die Sperre gegen
+eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam fuer gleichsam wie
+"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch
+die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung
+Preussens erst allmaehlich, ja mit Beweisen voelliger Unbeholfenheit und
+Unreife anschickte, dem Fortschritt des uebrigen Europa zu folgen.
+
+Noch bis zur Maerzrevolution befand sich im koeniglichen Schlosse, dicht
+unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848
+dem Publikum nicht mehr als Durchgang geoeffnet ist, ein alter Rumpelkasten,
+Portechaise genannt, an deren mit gruenem Kattun verhangenem Fenster
+unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen
+will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstrasse"
+avanciert, begrenzt die suedoestliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich
+bemerkt eines Baues, dessen Grossartigkeit den Stil, den kraeftigen Griffel
+des 19. Jahrhunderts in so ueberwaeltigendem Masse bezeichnet, dass bei allem
+Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", fuer die
+Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch fuer ihre
+Ueberlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstoerenden--Druckfehler
+beseitigen darf.
+
+Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "franzoesischen
+Turms", die dem Wechselgeschaeft der Herren Brest und Gelpke gerade
+gegenueber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den duerftigen
+Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttuerme" gebildet werden, das
+helle, frische, gruene Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen",
+sondern es war sogar moeglich, dass die damalige schutzmannlose, nur auf
+jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen
+und Aufschlaegen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen
+alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein
+Missverstaendnis zur Ueberwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem
+Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstrasse ausgestrichen war.
+Die Deichsel fuer die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte
+nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen
+Roetliche. Die Totengraeber Hamlets haetten hier Betrachtungen anstellen
+koennen ueber die Vergaenglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drueben
+von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der
+grosse Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick
+hinuebergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte,
+nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewoelbten
+Tuermen, um deren Saeulen und Saeulchen die Spatzen und die Kraehen und die
+Habichte nisteten. Berlin, das gegenwaertig alles brauchen kann, selbst
+die Denkmaeler von den Graebern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der
+Toten von den Kirchhoefen stiehlt, liess diesen alten Leichenwagen
+unangetastet.
+
+Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal
+quer ueber die Strassen hinweggezogen, in aechzenden Toenen hin und her
+schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf ueber ein noch
+naturwuechsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem
+Keller wie ein ferner Unkenruf ertoente und in den Strassen jener
+gespenstische Mann umging, der ein Faesschen in der Hand tragend, aus einer
+bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten
+Kravatte mit einem gewissen wuerdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl,
+den Ausruf hervorpresste: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich
+froestelnd, die Haende in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider
+gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen
+mannigfach bruechigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine
+verwitterte, magere, kleine Gestalt ueber den Markt, auf welchem oede
+Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses,
+die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.
+
+Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den
+Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die
+Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit
+leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne
+ueberstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung,
+nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig naehert
+er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat
+dich Charon heute Nacht nicht noetig, um vom "Tuermchen" im "Voigtland"
+eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius"
+seine Gaeule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im
+"Nasenquetscher" auf Saturns grosses Brach- und Nivellierungsfeld, auf den
+Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt,
+herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte,
+weil die Geschaefte der ueblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die
+Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein
+damaliges--Asyl fuer Obdachlose.
+
+Fand sich wohl ein Stueck Holz, eine Planke darin vor--den Traegern mit den
+langen Floeren am Dreimaster benoetigt, um den Sarg in die Grube zu
+senken--so rueckt sie der lebende Tote so, dass sein Haupt mit den langen
+weissen Haaren eine Stuetze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet
+er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder,
+wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte
+Wange aufstuetzt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen
+Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstrasse
+kommende Schoene aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines
+"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone
+--einen gluecklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um
+Mitternacht sein Coupe nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu
+vorueber. Selbst der Nachtwaechter haelt sich in der Ferne, dort, wo ein
+Ruf: "Waechter--!" ihm ein Trinkgeld fuers Einlassen in ein verschlossenes
+Haus, dessen Schluessel an seinem klirrenden Eisenbunde haengt, sicherer
+einbringt, als wenn er hier Posto fasste in der duester-unheimlichen Ecke
+an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger
+Kandidat in franzoesischer Sprache predigte und sich nicht traeumen liess,
+wie uebel spaeter einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft-
+lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.
+
+Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo
+die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren
+war schon die allergluecklichste Chance fuer--"Belletristik". Ein Honorar
+von einem Taler zahlte man fuer ein Gedicht, von fuenfzehn Silbergroschen
+fuer eine Reihe von Lueckenbuessern, damals "Aphorismen", "Streckverse",
+"Sternschnuppen" oder aehnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es
+dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes
+angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil,
+der an Pindar erinnerte--seiner Unverstaendlichkeit wegen. Aber schon in
+jener Zeit war die Lektuere frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als
+Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die
+Aesthetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer
+des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was
+war da der verkommene Traeumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean
+Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen
+Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer,
+fuehlen wir tiefer als in der Naehe der Toten!--) nur dadurch schlagend,
+zuendend, lapidar zu machen glaubte, dass er ihn immer enger und enger,
+immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen
+draengte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze
+Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis
+vier Pfennige!
+
+Dieser Obdachlose hiess Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den
+Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Muehe geben will, in
+alten Jahrgaengen des "Freimuetigen", des "Gesellschafters" zu blaettern,
+der wird dort--dem naechtlichen Bewohner des Leichenwagens am
+Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.
+
+
+
+
+Zum Gedaechtnis Wilhelm Haerings (Willibald Alexis') (1872)
+
+
+Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres
+zu Arnstadt in Thueringen erfolgte Ableben Wilhelm Haerings, genannt
+Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die
+gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein
+Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die
+Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blaettern
+erschollen, verdient.
+
+Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal spaeter kommend als andere Organe
+der Oeffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer blossen
+Trauerrede am Grabe haelt, sondern persoenlicher auf den Verstorbenen
+eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des
+Dahingegangenen recht nahe zu ruecken. Schon die Wendung dieser Nachrufe,
+dass der Tod den Ungluecklichen, der fast fuenfzehn Jahre in geistiger und
+koerperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erloeste", ist
+nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in
+spaetern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Englaenderin, die
+Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die
+erloest wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswuerdigen Kultus der Liebe
+selbst fuehlte kaum sein Leid in ganzer Groesse. Die Stunden, die Tage, die
+Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmaessig
+dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am
+Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns
+"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der aeusseren Erscheinung
+Haerings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der
+der Welt gegenueber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der
+Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen
+Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des
+aengstlich aufgeregten Beschaeftigtseins durch die Zeit, des baenglichen
+Erwartens duesterer oeffentlicher Erlebnisse trugen.
+
+Von "Leiden erloest"? Gewiss! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze
+Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens
+ging bei Haering auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren
+suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm
+zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen
+neuen grossstaedtischen Gruender-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur
+Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den
+alten Eichen und in den Fischerhuetten Heringsdorfs an der Ostsee den
+Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu foerdern. Spaeter gab er seine
+dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schoenheiten auf und zog sich,
+seiner ganzen Kraft sich noch bewusst und mit literarischen Plaenen, deren
+einige auch dort noch ausgefuehrt wurden, nach Arnstadt, einer ohne
+Zweifel--ich kenne den altberuehmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt,
+die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzaehlt man von Haerings
+anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner
+geschwaechten Geisteskraefte. Wenn die Rosen bluehten, sammelten liebliche
+junge Maedchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblaetternden
+verbluehten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon
+wuenschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte
+herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis
+zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem
+und alledem ungern verliess. Sein Lebensende war keineswegs das seines
+gekroenten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens-
+volle Uebersendung eines seiner "maerkischen Romane" oder bei einer
+sonstigen Annaeherung, welche Huld und Guete voraussetzte, die bekannt-
+gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er haette sich
+von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch
+Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelaehmt zu werden wie Dr. Haering.
+Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Baeumen Sanssoucis,
+die den an Plaenen und Ideen ueberreichen genialen Kronprinzen einst unter
+sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und
+nichts mehr von der Welt erkannte. Haering liess sich in seinem Rollsessel
+an seine Blumen fahren und pflegte diese.
+
+Unsere juengere Generation macht sich das Leben eines solchen
+abscheidenden Charakters frueherer Tage nach aeussern Notizen leicht
+zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar,
+Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine
+Zusammenfassung seiner letzten Taetigkeit, die dem "brandenburgischen
+Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und
+dennoch bieten diese Momente fuer den Forscher, der dem Sein und Werden,
+dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur
+folgt, bei weitem nicht die genuegenden Anhaltspunkte. Man las bisher ueber
+Haering nur Zusammenfassungen, kurze Resuemees einer dahineilenden Zeit,
+die ihre Opfer der Pietaet rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder
+auf sich selbst zurueckzukommen.
+
+Bei solchen Resuemees fehlt natuerlich auch das Zuviel nicht. Die
+"maerkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat
+nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankuendigung des
+Buchhaendlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder
+deutschen Huette eingebuergert" sehen moechte. Diese Romane sind reich an
+Vorzuegen aller Art. Doch reissen sie nicht durch eine maechtige und
+eigentuemliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit
+reproduktiver Umstaendlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien
+(uebertreibend bis zu Phantasien) ueber eine Mark Brandenburg, die jetzt
+mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Koenigin
+aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstueck ist ja im vollen Gange. Haette
+man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen
+von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten
+Gesetze dessen, was schoen ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere
+Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt
+zurueckkehren, dort so herrliche Baeume, grosse Gewaesser, sogar in Berlins
+naechster Naehe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die maerkischen
+Tannen- und Fichtenwaelder, diese durchsichtigen Linienregimenter, ueberaus
+poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen duerftiger Vegetation
+landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in
+Gruender-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwaeldern in Masse und will
+Deutschland einladen, dort Huetten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in
+der Tat die Ausserkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden
+Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die
+Uebertreibung des Poetischen, das sich in Haerings maerkischen Romanen
+finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des
+Duerftigen, Aermlichen, Unzulaenglichen der Mark versuendigt man sich an
+jener Welt, die seither fuer schoen gegolten hat und deren Zaubergewalt
+auch dem maerkischen Romantiker Haering selbst zu oft vor die Seele trat,
+als dass es ihn nicht maechtig nach dem Sueden haette ziehen, zu dem
+Gestaendnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind
+eine wahre Befreiung des Gemuets vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch
+in Pankow und Schoenhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen
+Schoenhausens sind schoen, und waere nur dem Park mehr Pflege zu wuenschen!)
+dem grossen Naturgeiste nahe fuehlen moechte. In dem frisch geschriebenen
+Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Sueden, der blauen Donau, den
+schneebekraenzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles
+Recht zuteil.
+
+Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Koeniggraetz und Nikolsburg,
+brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die
+'preussische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der
+begabtesten unserer juengern Erzaehler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus
+Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtuemern, gebuertig, glaubte mit
+seinem beredten Fuerwort einen Beitrag zu geben zur Annaeherung zwischen
+deutschem Sued und Nord. Der Streit, welcher in der Familie gefuehrt worden
+waere, hiess es, muesste auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein
+Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung
+auszutilgen, welche sich des deutschen Suedens gegen den Norden, gegen
+Preussen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewoehnt hat, als den
+Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und
+ihre Hauptstadt bemaechtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge
+Nordlandssohn fordert Sueddeutschland auf, an diese Quelle der Versoehnung,
+"die Werke des Hrn. G. W. Haering", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er
+hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprueche auch der
+"Kreuzzeitung" auf den Parnass vertreten) reihen sich dann bei dem
+Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versoehnung an, welchem der
+vielleicht feurigste Mund, der sich je ueber einen noch lebenden Autor
+ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser
+fortzureissen vermoegen, weil der frische Geist der Huldigung Satz fuer Satz
+zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken
+reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen duerfen
+und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten
+fortreissen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll....
+
+Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Haerings, des
+ungluecklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung
+ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerfluegeln.
+Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls
+maerkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die
+Beine verschraenkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an
+sich kuehner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts
+einzufuehren? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte.
+Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so
+gewissensstreng gemacht, dass wir in der Wiederholung eines solchen alten
+Literaturspasses einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit"
+sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken wuerden! Aber der
+belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach
+diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, kuenstlich
+gepflegten Neigungen. Seine Natur liess nichts frei aus einem uebervollen
+Innern hervorstroemen. Selbst die Chronik der Buehnen Berlins weist einige
+dramatische Anlaeufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg.
+Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht
+ueberspringen und die Tage nicht vergessen, wo Haering noch zu den
+Unentschlossenen gehoerte, wo Ludwig Boerne jenen mit gutem Essig und gutem
+Oel (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Haerings-Salat"
+schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Haering und Ludwig Robert,
+damals zensurgemaesse Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch
+nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten
+Aufsatz ueber die Sontag geschrieben hatte, durch die Strassen und
+Gesellschaften Berlins fuehrten, worauf bei jeder Vorstellung eines
+eilends vorueberschiessenden Bekannten regelmaessig derselbe Dialog
+hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Boerne!" Verwunderung und
+Entzuecken: "Boerne? Sontag? Goettlich!" Es war die Zeit nach der
+Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig
+machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen
+Tagen bot besonders die Haltung einer grossen Leipziger Buchhandlung mit
+ihren einflussreichen Blaettern und Sammelwerken, die im literarischen
+Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton
+angaben, den Mittelpunkt fuer eine Richtung, der sich auch Haering allzu
+eng anschloss. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der
+schoenen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitaetsleben
+entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekaempft. Aus jener
+Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers,
+Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphaere schliessen laesst,
+wo man freisinnig am Teetisch war, im Buero aber tat, was die
+Obern wollten.
+
+Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem
+Konversationslexikon orientierten Nekrologe, dass sie schon von "grossen
+Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat
+sich redlich muehen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des
+Geschicks" ruesten muessen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das
+Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da musste der
+letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese
+unglueckliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem
+sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen liess, wurde nur
+durch eine fuer jene Zeit des bedruckten Loeschpapiers ueberraschend
+geschmackvolle Ausstattung einigermassen wiedergutgemacht. Missmutig ueber
+die Art, wie sich die Buchhaendler zu den Autoren zu stellen pflegen,
+begruendete Haering selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines
+Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Misserfolge,
+Bekuemmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine
+Wuerdigung seiner maerkischen Romane, die zunaechst durch Haerings maechtig
+pulsierendes Heimatgefuehl und vielleicht auch durch Nachahmung des
+vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn
+nur innerhalb Berlins nicht. Nach aussen hin fand sich kein Interesse. Nur
+die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten....
+
+Das Jahr 1848 ueberraschte unsern rastlos taetigen, immer geistesfrischen
+Wilhelm Haering in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung"
+antrat, fuehrte ihn rasch in die richtige Strasse der Bewegung, bewahrte
+ihn vor unklarem Waehlen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel
+bereut worden ist. Diesem Entschluss, einem viel gelesenen Blatte seinen
+emsigen Fleiss, seine gewandte Federfuehrung, sein reiches Wissen auf allen
+Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat
+es mit befreitem, von Vorurteilen erloestem Sinn. So vieles, worauf auch
+er in den vormaerzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja
+vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, groesseren
+Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormaerzliche Annaeherung
+an einen Fuersten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen
+Vorliebe fuer maerkische Doerfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen,
+Tannenwaelder mit Eichhoernchen und gewissen wie schon gedoerrt auf die Welt
+kommenden Blueten, speziell maerkischen Rispengattungen (ich charakterisiere
+eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut
+entzuecken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen
+kann)--diese Annaeherung konnte ihm keine Demuetigung, keine oeffentlich
+auferlegte Kraenkung mehr bringen. In den vormaerzlichen Tagen besuchte ich
+ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht
+fuehlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spuerte er ueberall
+Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen
+und die schoenste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Haerings bester
+Roman: "Ruhe ist die erste Buergerpflicht." In diesem ausgezeichneten
+Gemaelde hatte man nichts von den weglosen Laengen seiner maerkischen Walter
+Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen,
+von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren.
+Hier waren die historisch erwiesenen Persoenlichkeiten wie im Portraitstil
+gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preussischen Unterganges,
+traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser
+Auge, dass uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemuetlich durch die
+Linden- oder Bruederstrasse schlendert, die in den historischen Haeusern
+derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten
+dieses Romans einfallen. Preussen war durch Olmuetz auf die abschuessige
+Seite der schiefen Ebene geraten. Ueber dem ganzen Gemaelde lag das bange
+Vorgefuehl neuer verhaengnisvoller Stuerme, die fuer das damals von
+Manteuffel regierte Preussen heraufziehen muessten....
+
+
+
+
+Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+
+
+... Fuer die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der
+gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter
+oesterreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem
+norddeutschen Ohr unertraeglichen falschen Reime (reiten und leiden)
+gehoeren. Eingefuehrt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in
+Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher
+verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig
+zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt wuerde der gebildete Kalkulator
+(Rechnungsrat), der einen gefuehlvollen Sonntagmorgenspaziergang im
+Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand
+befriedigt fuehlen, der vor 30 Jahren in Berlin fuer einen klassischen
+galt. Die Berliner Poeten, die sich spaeter auf einem traurig
+untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben
+geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige,
+z.B. Theaterkritiken zu schreiben, uebergegangen. Wir kommen hiebei, ohne
+diese Metamorphose heute naeher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung"
+sehr nahe, und nehmen vom Buechertisch ein in Goldschnitt gebundenes
+zierliches Baendchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schroeder
+1873).
+
+Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer
+mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von
+hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwaegungen technischer
+Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stuendlich in
+Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann,
+sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der
+Kontraste und dem selbst fuer das politische Gebiet zum Rechnungtragen,
+zur Ruecksichtnahme, zur Maessigung gestimmten weichen Naturell des hier in
+Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem
+politischen Redakteur (gluecklich, wer um 9 Uhr abschliessen darf!) allein
+zur Erholung uebrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond
+und den Sternen, dem Brunnengeplaetscher, den Waechtern usw. in den
+wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten
+Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod,
+Jenseits, die vollkommenen Gegensaetze des Leitartikels, der uns des
+Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Fuer jede "Ente", die unser
+Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen muessen,
+rudert hier ein Schwan. Die Schwaene, die Blumen, die Nachen, die Sonne
+und besonders das sonst den Lyrikern wenig zustroemende Gold, der ganze
+Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen
+anziehender Art, das Gold in Abendroeten, ins Gluehen der Maedchenwange, in
+den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen
+Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und
+zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich
+reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es
+ein Leben nach der Richtschnur ueberlieferter Traditionen. Selbst den
+Greis ergreift noch der Reiz des Schoenen, die maechtig wieder auflebende
+Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des
+Hafis ueber--aber bald (und vielleicht zu oft fuer diese immer gleiche
+Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die
+Tuer und macht so dem vorgefuehrten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als
+tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der
+Form sprechen, so ist allerdings damit zunaechst ein Lob ausgesprochen,
+das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixitaet; aber doch ist die
+Uebertragung der stuendlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde
+fuehren muss: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang
+bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist
+diesen zarten Eingebungen schaedlich, wenn man sie zweimal lesen muss, um
+sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der
+"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so
+kompress in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufaelligen, dem
+Leser nicht sofort gelaeufigen Umstande veranlasst, dass es ein laengeres
+Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die
+Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt
+sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des
+taeglichen Lebens, besonders der Familie, fliesst die dichterische Sprache
+mit kristallner Klarheit voll und maechtig. Den Gesellschaftsliedern laesst
+sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachruehmen.
+Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer
+eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert
+besonders zu gefallen scheint, nur fuer eine Tafelrunde geroeteter
+Nasen bestimmt.
+
+
+
+
+Louise Muehlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
+
+Heute ist Auktion des Louise Muehlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer
+Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort
+in die Druckereien--sondern ihrer Moebel, Teppiche, Vorhaenge, Penduelen,
+Gemaelde, Vasen und der aegyptischen Andenken, die alle in einer Etage der
+Potsdamer Strasse charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die
+enthusiastische Ueberschaetzung, die der so ploetzlich der Welt Entrueckten
+jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von
+amerikanischen Steigerern herbeigefuehrt, das auch fuer eine alte
+Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fuenfzig Dollars zu zahlen bereit
+ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt ueber die Zerruettung der Louise
+Muehlbachschen Vermoegensverhaeltnisse! Die Verstorbene hatte die
+glaenzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive aussergewoehnliche
+Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer
+Fuelle. Sie reiste ohne die mindeste Einschraenkung wie eine Fuerstin. Bei
+alledem soll fuer ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine
+Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht
+genoetigt sein duerfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars"
+anzutreten.
+
+Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer
+Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die
+merkwuerdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen
+Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch fuer
+sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1staendig "diesseitige"
+Menschen gibt, Individuen, fuer die man sich im Jenseits, falls man nicht
+mit den alten Aegyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends
+eine passende Unterkunft und Anknuepfung denken kann, so sind dies die
+reinen Lebens- und Genussnaturen. Louise Muehlbach war eine solche. Sie war
+die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende.
+Imperterrita haette sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama
+genannt, das sich vielleicht aus ihrem fruehern romantischen Leben selbst
+haette formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine
+Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang
+ihrer Stimme unvergesslich bleiben. Keine Niederlage drueckte sie zu Boden.
+Die freudigste Zuversicht, Siegesgewissheit, Trotz bei jedem Unternehmen
+lag in ihren Zuegen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so
+hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen
+Schlacht doch noch seinen Rueckzug imposant zu maskieren versteht.
+
+Auf den "Berliner Buechertisch" koennte nur ihr letztes, von Fluechtigkeiten
+wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehoeren, verlegt von
+einer hiesigen Buchhandlung (Werner Grosse), die nur einen massenhaften
+Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon
+von ihren zerruetteten Finanzen herstammende Unsitte, dass sich die in den
+Stoffen bedraengte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern
+wollte, an lebende maechtige Persoenlichkeiten anschloss, schon den
+Erzherzog Johann von Oesterreich als Romanstoff verarbeitete, waehrend der
+ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloss in Steiermark sass,
+an Napoleon schrieb (siehe die "Enthuellungen aus den Tuilerien"), weil
+sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch a tout
+prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein
+wollte usw. Die Unsitte der "Aktualitaet" ist jetzt durch den ehemaligen
+Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, dass wir Romane
+zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck ueber einen
+Kompromiss unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und
+Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgueltig eine englische
+Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres
+Zeitalters sind die Befoerderer dieses ans Kindische streifenden
+Missbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht
+mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen fuellen will,
+bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den
+Urzustand von Wilden erinnernde masslose Schausucht, die gierig durch die
+Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles
+belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will,
+Hinrichtungen, Schreckensvorfaelle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz
+Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, waehrend sich doch Europa,
+nach einigen Aufregungen, laengst, wenigstens in den Kreisen der Bildung,
+beruhigt hat. Sollte man glauben, dass ein New-Yorker Blatt Louise
+Muehlbach nicht bloss nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort
+das diesjaehrige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten
+"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Kraehnchen-Quelle zu
+beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann
+selbst in Marienbad eine Kur, erkaeltete sich, legte sich in Berlin ohne
+die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im
+bewusstlosen Zustande, ohne Schmerzgefuehl, aus dem Leben geschieden. Als
+man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die
+Grube senkte und manchem des wuerdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb
+noch im Ohre klang, haette ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte waeren, dem
+Thema: "Richtet nicht--!" erwidern moegen: Auch diese Prunk- und
+Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach,
+Priester!--, es lag ihr bloss die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst
+zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn
+die schulmaessige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder
+diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden
+imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmaehlich die
+mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt
+annahm, die sich allmaehlich des Gatten und zurueckgesetzten Professors
+bemaechtigt hatte! Liebe, Liebe allein liess den Schein entstehen, als wenn
+die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den
+tausend Anmassungen und hochgetragenen Nasen der Anmassung ringsum
+rivalisieren koennte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur
+wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herruehrend anfuehrt, dass unsere
+Fehler die Uebertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings
+erschreckende Systeme de bascule angewandt, wie Louise Muehlbach
+verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und
+Genussgegenstaenden einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten,
+gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere.
+Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persoenlichen
+Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz
+geistig Schaffender der breitspurigen, vom Gluecke beguenstigten
+Alltagswelt leisten moechte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz?
+Nun, in Bezug auf "Friedrich der Grosse und die Seinen" und "Kaiser
+Joseph" moechten wir in unsers Helmerding so koestlich vorgetragenes
+Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehoert wahrhaftig doch Talent!" mit
+einstimmen.
+
+In fast allen Berichten ueber die Gegenwartsliteratur findet man den Satz
+aufgestellt: dass der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman
+sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung ueber einen neu
+erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmaessig diesem Axiom von
+fragwuerdiger Tragweite. Haette der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad
+und wahrscheinlicher taeglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu
+sein pflegt, zufaellig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so wuerde
+ihm niemand, der die Unzahl der ueberall erstehenden Theater erwaegt und
+das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen
+koennen. Aber genau erwogen ist jener Satz weder fuer den Roman noch fuer
+die Buehne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und
+Naivitaet geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur,
+die aehnliches nur in den Ansaetzen einiger verschollener "Naturdichter"
+besitzt, geschenkt werden koennte, warum sollte er nicht in den Vordergrund
+treten und wieder auch fuer die Berechtigung der Lyrik zeugen koennen! Von
+einem Hindurchgehenmuessen des aesthetischen Begriffs, wie Carriere sagen
+wuerde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschliesslich durch den Roman,
+scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon
+erfuellt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es
+wird auf jedem Toilettentisch liegen!
+
+Schon deshalb muss man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen ueber die
+Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der
+schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat,
+die schreckenerregend ist. Junge Maedchen ohne jede Lebenserfahrung, nur
+von den Reminiszenzen ihrer Lektuere erfuellt, haeufen Bogen auf Bogen und
+finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen
+"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen"
+--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrueckten Testamenten,
+Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen,
+die sich, nachdem sie das Herz einer Graefin gewonnen haben, als
+Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer
+Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Kuechenrezepte
+entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9
+Baende zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer
+illustrierten Blaetter verwertet worden waren, schreiben mit umso groesserem
+Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite
+gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert fuer diese
+Buchmacherei nicht. Wer soll sie ueben, wer soll sie lesen, durchblaettern,
+als hoechstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den
+"Blaettern fuer literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame haelt sie,
+worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die
+den obern Zeilen ebenbuertige redaktionelle Meinungsaeusserung, in der Regel
+ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden
+Tadel ausschliesst. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind
+froh, wenn sie nur irgendwie die Buecherstoesse, die sich bei ihnen
+namentlich gegen Weihnachten aufhaeufen, in solcher Art erledigen koennen.
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt,
+von Karl Gutzkow.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
+
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+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7berl11.txt
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
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+(Three Pages)
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+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
+
diff --git a/old/7berl10.zip b/old/7berl10.zip
new file mode 100644
index 0000000..9db85ad
--- /dev/null
+++ b/old/7berl10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8berl10.txt b/old/8berl10.txt
new file mode 100644
index 0000000..7baf9f2
--- /dev/null
+++ b/old/8berl10.txt
@@ -0,0 +1,5271 @@
+Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
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+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt
+
+Author: Karl Gutzkow
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9977]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on November 6, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known
+as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--and one in
+8-bit format, which includes higher order characters--which requires a
+binary transfer, or sent as email attachment and may require more
+specialized programs to display the accents. This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
+Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+BERLIN--Panorama einer Weltstadt
+
+von KARL GUTZKOW
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis
+
+
+I. "Weltstadt"-Panorama
+ Café Stehely (1831)
+ Cholera in Berlin (1831)
+ Alte Bauten-neue Bauten (1832)
+ Dom, Schauspielhaus-"Sechserbrücke" (1840)
+ Blumenausstellung in Stralow (1840)
+ Notizen (1841)
+ Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+ Der Geist der Öffentlichkeit (1844)
+ Mystères de Berlin? (1844)
+ Impressionen-z.B.: Borsig (1854)
+ Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+ Neues Museum-Schloßkapelle-Bethanien (1854)
+ Zur Ästhetik des Häßlichen (1873)
+
+II. Für und wider Preußens Politik
+ Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832)
+ Drei preußische Könige (1840)
+ Das Barrikadenlied (1848)
+ Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+ Preußen und die deutsche Krone (1848)
+ Abwehr einer Verleumdung (1850)
+ Varnhagens Tagebücher (1861)
+ Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862)
+
+III. Drei Berliner Theatergrössen
+ Ernst Raupach (1840)
+ Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843)
+ Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+ Der Sonntagsverein (1833)
+ Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835)
+ Diese Kritik gehört Bettinen (1843)
+ Ein preußischer Roman (1849)
+ Eine nächtliche Unterkunft (1870)
+ Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis) (1872)
+ Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+ Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
+
+
+
+I. "Weltstadt"--Panorama
+
+
+
+
+Café Stehely (1831)
+
+
+Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur
+bekommen kann--ganz gewiß, oder man müßte sich täuschen in dieser stummen
+Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier
+und neidischem Blick zusammenträgt, ihn mit der Linken sichert und mit
+der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen
+Gesichtszüge hält. Die Eisenstange und das Schloß des Journals scheint
+mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer würde hier seinen
+Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches
+Heer könnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch würde die
+Geschichte vortragen, man würde auf den Druck warten und auch dann noch
+ein Exemplar durch aller Hände wandern lassen--fast in der Weise, wie in
+Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit
+dem tröstenden Zuruf, man würd' es ja morgen gedruckt lesen.
+
+Stehelys Besucher bilden natürlich zwei Klassen, die Jungen und die
+Alten, mit der näheren Bezeichnung, daß die Jungen ans Alter, die Alten
+an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst
+sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt;
+diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen
+Stellungen des preußischen Staats, den Füßen der Elsler, den Koloraturen
+der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor
+dem Gespräch dieser alten Gecken möchte man sich die Ohren zuhalten, oder
+in die einsamere Klause des letzten Zimmers flüchten. Schon wenn sie
+angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen
+Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste
+Ohr erspähen könnte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung",
+forschen nach den privatoffiziellen Erklärungen eines H., v. R., v. Wsn.
+Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen
+Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner öffentlichen Meinung, als
+wenn es eine solche gäbe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den
+logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung"
+gestärkt haben, fallen sie übers Theater her und man muß sie verlassen.
+Ihnen am nächsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und
+Referendare, die sich dadurch unterscheiden, daß die einen viel sprechen
+und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben
+den Übergang zu den schon vorhin bezeichneten Jüngeren, auf die wir unten
+des breiteren zurückkommen müssen.
+
+Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein
+Bild der Berlinerei vorzuführen. Man verlasse das Lokal und bei jeder
+Aussicht wird man für sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere
+Züge finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die außerdem, daß sie
+eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen
+Fallschirm zur Sicherheit trägt, erhebt sich die stolze Vorderseite
+dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das
+geschmackloseste Anhängsel einer kappenförmigen Kuppel, die doch das
+Wahre an dem ganzen Lärm ist in ihrer sonntäglichen Bestimmung. Wiederum
+vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus
+dem 16ten und 17ten Säkulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten
+der Aufklärung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich
+wieder in diesen leeren Wänden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuß in
+die Höhe glätten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so
+hält es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der
+Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein
+übertünchter ist ...
+
+
+
+
+Cholera in Berlin (1831)
+
+
+... Im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt uns am meisten die seit dem
+ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter
+Journalière erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen
+anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die näheren Umstände des
+ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluß fast
+balladenartig. An die Möglichkeit, daß die Cholera nach Charlottenburg
+(eine halbe Meile von Berlin) käme, hatte man nicht gedacht, der Hof
+hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl
+Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl plötzlich von
+dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer.
+Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmänner, die zur
+Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in
+dem stolzen Bewußtsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein
+wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die
+Wärter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr
+man, daß bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und
+die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun
+dieser mit der Spree in Berührung gekommen ist, will man weder Fische
+noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurückgekehrt, und
+soviel man weiß, wird sich der König auf die Pfaueninsel bei Potsdam
+begeben.
+
+Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers,
+gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21
+gestorben sein. Man klagt über die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der
+hiesigen Ärzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Männer aus den infizierten
+Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt
+noch nichts bekannt geworden. Die öffentliche Stimmung ist bis jetzt noch
+so ziemlich gemäßigt, doch sind Vergnügungsörter gegenwärtig weniger
+besucht, und das Raffen nach Präservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist
+allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken
+gänzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht
+berechnen.
+
+
+
+
+Alte Bauten--neue Bauten (1832)
+
+
+... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militärischen
+Rüstungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats
+reicher gefüllt als gegenwärtig. Berlin war in zunehmender Verschönerung
+begriffen; die Aufführung vieler öffentlicher Gebäude ließ ebensosehr den
+Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die
+Vorsicht loben, die einem großen Teile unserer Proletairs eine reichliche
+Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute
+über, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes
+Stadtquartier vergrößerte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane
+gegenwärtig still. Die beiden öffentlichen Bauten, an die in diesem
+Augenblick allein gedacht wird, sind die völlige Umgestaltung des
+sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers für die
+ankommenden Kaufmannsgüter, und ein künftiger Neubau der Bauakademie. Wer
+in Berlin gewesen ist, weiß, daß er, um vom Schloßplatze nach der
+Jägerstraße zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch
+engste Passage, die Werderschen Mühlen, die Schleusenbrücken, die
+Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muß. Später wird diese
+unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Brücke wird
+rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem
+Packhofgebäude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei
+einem solchen Projekt die Besitzer jenes Häuserwinkels von der
+Niederlagstraße bis zur Brücke, verlieren aber muß die kleine, winzige
+Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer großartigern und
+freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird.
+
+Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann
+auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwärtige Zustand dieses
+Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst
+so blühende Anstalt ist gegenwärtig durch die Eröffnung neuer
+Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung
+des Hrn. Beuth, unsers künftigen Handels- und Gewerbeministers, immer
+mehr hebt, in die tiefste Zerrüttung gesunken, so daß die Zahl der an ihr
+angestellten Lehrer der der Schüler gleichkommen mag. Darum bleibt
+vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgeführt....
+
+
+
+
+Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrücke" (1840)
+
+
+Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses
+gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem
+Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas
+machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des
+großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich
+ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur
+als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine
+Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei
+wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort
+gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen
+Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen
+angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige
+Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel
+Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man
+auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und
+Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den
+größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt
+würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn
+Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten
+Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner
+ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz
+allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner
+vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg.
+Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende
+Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in
+Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende
+weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen
+zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat.
+
+Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen
+Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem
+Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem
+öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang
+benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht,
+so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine
+Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern
+architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere
+dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht
+Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den
+ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre
+vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200
+Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung
+in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das
+Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an
+einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine
+Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so
+daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen
+muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt
+ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche
+Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der
+eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer
+geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung
+Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und
+Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme
+dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches
+bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und
+das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß.
+Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,
+wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern
+angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden;
+jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die
+richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,
+daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die
+Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und
+auszubilden....
+
+Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine
+Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines
+Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese
+Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche
+zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum?
+Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen
+und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung
+haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb
+läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man
+nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und
+mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben
+eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein
+General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der
+General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so
+achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das
+preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer
+winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß
+er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier,
+ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer
+Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien.
+
+Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas
+Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,
+daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in
+einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und
+wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde,
+hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?
+
+
+
+
+Blumenausstellung in Stralow (1840)
+
+
+Was rennt das Volk? Was strömt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in
+die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem
+Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mußt' ich mit meinem Wagen Queue
+machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte.
+Schon aus weiter Entfernung, mehre Straßen vorher, riecht man die von
+Hyazinthen parfümierte Luft. Tausende von Menschen drängen sich in
+großen, feldähnlichen Gärten und bewundern ungeheure Anlagen von
+Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den
+buntesten Schattierungen ablösen, ja sogar große, riesige Figuren zu
+bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen
+Zusammenstellungen. In Harlem können nicht größere Blumenmassen
+beisammenstehen. Indessen gerade dies Holländische ist abstoßend. Man
+wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen
+versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mißbraucht,
+hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbständige,
+das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.
+
+Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne
+Schatten schreckt sie bei der glühendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes
+Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse
+zieht man ein Los, zahlt dafür 5 Silbergroschen und gewinnt gewöhnlich
+nur einen Strauß, den man auf dem Gensdarmenmarkt für 4 Pfennige kauft.
+Was ließe sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht für eine
+hübsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige"
+Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Späße
+für die Königsstädter Bühne? Herr Glaßbrenner schreibt kleine Broschüren,
+worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und
+gemeinsten Berliner Jargon über das Hundertste und Tausendste unterhalten
+läßt; nein; auf der Bühne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze
+bewährt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so
+willkommnes Menschengerüst, auf welches man die drolligsten Erfindungen
+hängen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grünen
+Gärtnerschürze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend.
+Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger
+einer neuerfundenen Pflanze, die erst kürzlich auf der Pfaueninsel
+entdeckt und aus Amerika hier eingeführt wurde." Die Dame sagt: "Mein
+Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf
+müßte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln.
+Zum Schluß könnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum
+schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?
+
+
+
+
+Notizen (1841)
+
+
+Ein Pietist Unter den Linden
+
+Nach einigen sehr staubigen, schwülen Tagen hatte es endlich geregnet.
+Der schönste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die
+Linden. Am Palais des verstorbenen Königs tritt mich ein Mann mit einem
+Orden im Knopfloche an: "Schönes Wetter." "Schönes Wetter." "Das macht
+Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz hätte das nicht machen können."
+"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs mächtig und groß ist sein Name,
+ja groß in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kräftiger
+Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung über die angeborne
+Sündhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem
+mir gänzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger
+Ungeduld: "Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten
+Sie mich für einen Schwärmer?" "Ich höre den Lärm, sehe aber kein Licht."
+Diese Antwort von dem schlichten Spaziergänger war dem Bekehrer
+unerwartet. Er sah mich groß an und ging. Zu Hause fand ich in der
+Rocktasche einen Bußtraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.)
+
+
+Die Kandidaten der vakanten Ämter
+
+Einen rührend-komischen Anblick gewährt an jedem Morgen in den ersten
+Frühstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstraße
+bis zur Leipziger Straße hin. Das ist nämlich die Zeit, wo die Kandidaten
+aller vakanten und nicht vakanten Ämter, die Kandidaten aus allen
+möglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfächern den
+mächtigen Ministern und Räten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet,
+mit weißer Binde um den Hals, schießen sie an dir vorüber, plötzlich
+stehen sie still, überlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes
+Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, nähern sich der
+verhängnisvollen Tür, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um
+sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluß.
+Andere wollen eben von der Rechten an die Tür eines Hotels treten, da
+begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle
+vakant! Jeder bildet sich ein, so früh zu kommen, daß er den mächtigen
+Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Täuschung--schon
+ist das ganze Vorzimmer gefüllt und die eine Lebensfrage, auf deren
+Lösung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade
+ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den
+Lebensfragen von dreißig anderen Menschen, in den Hoffnungen von
+ebensoviel anderweitigen Bräuten! Geöffnet ist hier die geheime Werkstatt
+unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gänge, die der
+Fuchs oft schneller durchgräbt, als der still arbeitende Bergmann--ein
+Anblick, zugleich komisch und zum Weinen!
+
+
+Sommertheater in Steglitz
+
+Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen
+der Journale und den mäßigsten Erwartungen zurück! Ref. hoffte, ein
+niedliches, von Holz und Backsteinen aufgeführtes, der Würde Berlins
+entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser
+als eine Scheune, mit langen hölzernen Bänken und einem Rang, der nichts
+als eine Galeriebrüstung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist
+unerträglich und verläßt man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich,
+in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft
+und Fläche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder.
+Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so
+hätte man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein
+Sommertheater ist nur unter freiem Himmel genießbar oder es sei denn, daß
+ein steinerner Bau die ersehnte Kühlung spendet. Daß eine so armselige
+Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die
+Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie
+werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert.
+
+
+Berliner Volkscharakter
+
+Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele
+einer seinem äußern Umfange auch innerlich entsprechenden
+Großstädtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle,
+gesellige, werden in größerem Stile als früher ausgeführt. Manches, was
+noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschäftigen konnte, wird jetzt
+verachtet, z.B. die Trivialität der sogenannten Berliner Volksliteratur,
+die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und
+der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Königstädtschen
+Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der lügenhaften Verballhornisierung
+des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es ißt und
+trinkt" gezeichnet findet, tritt allmählich wieder das ursprüngliche
+Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmütigkeit, Freude am
+neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen
+Auszeichnung, sinniger Genuß der sparsamen, aber oft anmutigen
+Schönheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiß noch
+einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat.
+
+
+
+
+Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
+
+
+Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin
+verübten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten
+Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen
+sich einer so originellen Organisation, daß die Polizei manchen Bewohnern
+anzeigen kann, sie würden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage
+wachen die Gewarnten: Am fünfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen.
+Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzählt, daß nachts in den
+besuchtesten Straßen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen
+werden. Wenn man diese sich täglich wiederholenden kriminalgerichtlichen
+Anzeigen liest, muß man glauben, Berlin würde zum großen Teil von einer
+ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt.
+
+Ehe man aus diesem Gefühl gänzlicher Unsicherheit, das gegenwärtig in
+Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluß auf die sittlichen Zustände
+der norddeutschen Hauptstadt macht, muß man so gerecht sein, einige
+Umstände mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu
+Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort
+bestohlen, glaub' ich über diesen Gegenstand, der nachgerade die
+Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschäftigen muß, eine
+Stimme zu haben.
+
+Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die
+Einrichtung der Häuser. Die Zahl der Nachtwächter ist viel zu klein.
+Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militärs oder sonstige
+Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast
+nur pro forma versehen. Die Nachtwächter in Berlin sind oft hinfällige
+Greise. Mit einem spärlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln
+ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Erträgnissen eines
+Privilegiums, das man in fremden Städten kaum für möglich halten möchte.
+Der Berliner Nachtwächter hat ein Bund von hundert Hausschlüsseln am Leib
+hängen und schließt jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste
+beste Haus einzutreten wünscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man
+sieht, daß es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als
+in Berlin.
+
+Das Revier des Nachtwächters ist zu geräumig. Er hat mehr Straßen unter
+sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschäftigt,
+kümmert ihn das Straßenleben sehr wenig. Er horcht nur, daß man ihn ruft,
+um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Bäcker,
+die Brot zu backen haben. Die Rundgänge durch die Straßen werden ohne
+Aufmerksamkeit abgemacht. Der schützende "Kellerhals", hinter dem er
+ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so
+kündigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich während
+seines Vorübergehens zu zerstreuen.
+
+Berlin muß die Zahl der Wächter verdreifachen und sie unter eine
+militärische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Wächter sind
+eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des
+Eigentums.
+
+Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, daß die Berliner Häuser sich des
+Nachts jedem beliebigen Besucher öffnen, so ist der Hausfriede am Tage
+nicht gesicherter. In Paris hört man viel von Betrügereien in den
+Kaufläden, von Betrügereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in
+seinem Lexikon aufführt, aber wenig von Diebstahl oder gar nächtlichem
+Einbruch. Berlin ist eine große Stadt geworden und war ursprünglich nur
+auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Straßen sind weitläufig, die Reviere
+entlegen, die Häuser sind meist zweistöckig und nur von einigen Familien
+bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht,
+da dafür die Häuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein-
+und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugänglich.
+Den ganzen Tag reißt das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist
+froh, sich auf seine Zimmer abschließen zu dürfen und kümmert sich nicht
+um den Nachbar, bei dem man, während nebenan Gesellschaft ist, alles
+ausräumen kann. Während mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer
+ausgeräumt wurde, saß meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den
+"Beobachter an der Spree" und strickte Strümpfe.
+
+Läßt sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine
+Veränderung treffen, so wird doch darum die erhöhte Wachsamkeit der
+Behörden um so dringender. Ohne eine neue Wächter- und Patrouillen-
+Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen.
+
+Dieser Gegenstand läßt aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin
+den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher
+diese sittliche Verwahrlosung, von der wir tägliche Belege erfahren?
+Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun
+Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Straßen ging, Harun Al
+Raschid würde darüber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese
+Beobachtung an Bagdad gemacht hätte.
+
+Es ist wohl möglich, daß nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme
+Wächter- und Häuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und
+doch steht es fest, daß Berlins Unsicherheit größtenteils aus seinem
+eignen Schoße entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies
+aus. Es ist ein betrübendes Geständnis, das man sich nicht ersparen darf:
+In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralität frißt wie ein
+Krebs um sich. Die Familien sind zerrüttet, zu der Armut und
+Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner
+eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Gelüst zum Entschluß, den
+einmaligen Entschluß zum immerwährenden Handwerk; die Zuchthäuser liefern
+die Verbrecher nicht gebessert zurück, sondern in kurzem sieht sich die
+richterliche Gewalt genötigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und
+ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fünf Jahre
+umsonst gesessen.
+
+Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des
+Volkes. Die Früchte derselben reifen erst in spätern Jahren. Man wird für
+Berlins gegenwärtige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern
+suchen dürfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muß zu den Mitteln
+führen, sie künftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu
+befördern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung
+sagen.
+
+Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel würdiger
+öffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen
+Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnügungssucht. Auch Wien ist
+ohne öffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte
+Vergnügungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches
+Sachverhältnis, dessen schädlichen Einfluß auf die Sittlichkeit ich
+beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der
+Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein
+Vergnügen ist durch Überlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik,
+Tanz, Theater, heitere Ausflüge in die schönen Umgebungen. In Berlin
+isoliert sich alles. Keine öffentliche Vergnügung befriedigt und so
+entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen
+Gesellschaften, diese Kränzchen, dies Jagen nach "Privatvergnügen", dies
+Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kräfte der
+Familien überbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbälle
+verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stürzen, die
+Leihhäuser füllen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reißt die
+Männer in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr
+ihres Gewissens mächtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und
+Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von
+Kellerstuben zu einem glänzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts
+Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in
+Szene setzen.
+
+Muß man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muß man
+vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen
+hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet,
+nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der
+öffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schöpfungen
+beschäftigen müsse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den
+Acker, den man beernten will, auch zu besäen. Hier ist ein neues Ziel,
+das eine solche Institution sich stecken müßte. Zerstört diesen
+Isolierungstrieb! Bindet die Menschen für ihre Vergnügungen aneinander!
+Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges,
+etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was
+könnte Berlin Ersatz geben für den Mangel einer heiteren und
+zerstreuenden Natur? Was könnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor
+hinauswandelnden Sonntagsspaziergängern vereinigen? Was kann das Innere
+der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man
+heimkehrt und nicht in seine vier Pfähle rückkehren will? Denkt doch
+darüber nach, ihr philosophischen Staatsmänner, die ihr jetzt in Berlin
+das Ruder in Händen habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich
+angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst
+dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoß zu
+beteiligen. Ehrt die Neigung zur Öffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das
+noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehässig war,
+öffentliche Aufzüge; laßt die Menschen sich menschlich austoben, dann
+werden sie nicht in die Kellerlöcher kriechen und es tierisch tun. Eines
+der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere
+an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen
+mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelüste der
+niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die
+Moralität, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen König ganz jenen
+Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens für
+Berlin ist, das Königsstädter Theater hat zwischen Nestroys Possen und
+der glänzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt
+und die Preise der Plätze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das
+Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist
+in Berlin eine künstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden
+Verbindung steht. Entweder muß man in Berlin die Hofbühne entschieden zur
+Volksbühne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines für die
+Gegend nach dem Köpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des
+neuen Hamburger Tores. Nur vorläufig zwei solcher Theater, gut
+beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stücke völlig freigegeben,
+mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natürlich mit
+Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, könnten den
+auffallendsten Einfluß auf die Sittenverbesserung Berlins haben.
+
+Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion.
+Für die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in
+Berlin hinlänglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen
+Regierung ihr Schulwesen nachgerühmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache,
+daß Kenntnisse an und für sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie
+befördern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu
+den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein
+sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben
+sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr bürgerlicher,
+als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu groß und dem
+Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende
+Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so großen Stadt und
+der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmöglich. Tun nun die
+Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, daß sie veredelnd
+und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann?
+
+Das ist denn wiederum ein wichtiger und außerordentlich schlagender
+Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben.
+Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben
+könnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise
+gepredigt, die höchst beseligend, höchst beglückend auf einen Einzelnen
+wirken kann. Es gibt wahre Frömmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen,
+in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in
+denen ein warmes, für den Himmel läuterndes Christentum sicher mit dem
+trostreichsten Erfolge für das Glück vieler Familien gepredigt wird. Aber
+was kann auf unsere Zeit der Pietismus im großen und ganzen wirken? Ein
+Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Räudigen anzulocken?
+Haben wir gesehen, daß in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist
+auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie
+Couard, Strauß, Arndt haben einen großen Zulauf, aber nur von gläubigen
+Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von
+solchen, die erst für seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht
+nicht in diese Kirchen. Sie würde gehen, wenn dieser theologische
+Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort
+einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid
+flicken, nicht jungen Wein in alte Schläuche füllen, sondern ein ganz
+neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse
+wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religiösen
+Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwählten findet und so ist
+in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen
+Volkslebens, aus Überreligion ohne durchgreifende Wirkung.
+
+Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluß auf die Sittlichkeit einer
+Nation zu geben, muß es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch
+die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muß
+mit schlichter Einfachheit und überzeugender Wärme auf die moralischen
+Grundwahrheiten zurückgeführt werden. Ein protestantischer Staat kann für
+seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur
+dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefühlvoll und beredsam
+vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion
+gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mögen Körner, Tiedge und
+ähnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik
+sehr schön und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an
+Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge
+verloren, während sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mögen die Denker
+und Gefühlsmenschen im Christentum die tieferen Bezüge ansprechen und
+beschäftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das
+Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit
+vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefühligen Grundwahrheiten.
+Wer mir Prediger sein wollte, dürfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie,
+mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der üblichen pietistischen
+Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Hätte man in Berlin geistvolle und
+beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Böckel in
+Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in
+Gotha, hätte man statt einer Clique junger Kopfhänger eine Schule
+wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner
+gestiftet, die Kirchen würden überfüllter und die Gefängnisse
+leerer sein.
+
+Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel
+ist gewiß, er will seine Länder im großen Stil regieren. Hier wäre denn
+Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schöpfungen.
+
+[Nachtrag:]
+
+In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend
+gefunden, daß von einem zweiten und dritten Grunde dieses Übels die Rede
+ist, ohne daß des ersten erwähnt wird. Der erste Grund war aus der
+Politik und der mangelnden Öffentlichkeit unter dem vorigen Könige
+hergeleitet, doch mußte die nähere Ausführung aus unmittelbar vor dem
+Druck des Blattes geltend gemachten Rücksichten wegbleiben, deren Natur
+jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung
+des Artikels herzustellen.
+
+
+
+
+Geist der Öffentlichkeit (1844)
+
+
+Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große
+Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber
+in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht
+allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht
+allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter
+Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in
+der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen
+Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist
+überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt
+haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der
+Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang
+mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte.
+Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf
+Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und
+Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe
+sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht
+auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß
+wenigstens seine Freude daran haben.
+
+Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin
+besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache,
+durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich
+Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier
+wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar
+edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich
+meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber
+so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen
+dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß
+es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die
+vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das
+wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung
+lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts
+vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt
+wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die
+Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen
+aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus
+der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von
+Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann
+er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und
+wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat
+Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu
+behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene
+Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen
+Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher
+Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms,
+mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen
+Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es
+eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein
+Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch
+irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen
+Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder
+irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von
+Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und
+solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der
+traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um
+alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.
+
+Einige der auf der Reise empfangenen Eindrücke mögen in bunter Reihe hier
+wiedergegeben werden.
+
+Am 29. März beschloß Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum
+gehaltenen Vorlesungen über die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war
+fünf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte
+sich so ziemlich der größte Teil des ästhetisch- produktiven Berlins,
+Dichter, Gelehrte, Musiker, Gläubige und Prüfende, Hingegebene und
+Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein
+mußte, dessen öffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich
+erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien
+der Redner. Ich fühlte mich an die Vorträge von Edgar Quinet im Collège
+de France erinnert. Nur schade, daß sich Mundt zu sehr auf sein Heft
+verließ und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift,
+nicht mit freier Rede um so überzeugender darstellte. Die Wärme der
+Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet
+selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten
+Gefühle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß
+ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen
+Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher
+spricht, als ein geschriebenes Heft.
+
+Der Inhalt der Rede erweckte die wärmste Teilnahme. Bot ihr Anfang
+demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschäftigt
+hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf
+zu einem höheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der
+sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und
+den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand
+des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch
+hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rührende Humanität,
+welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit
+sozialistischen Fragen beschäftigten, hatte, man sah es, in des Redners
+Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern
+der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse
+doktrinäre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, daß in einigen
+weihevollen Momenten ein schöner Abglanz von Gemüt und Wehmut auf seinen
+Gesichtszügen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, daß jetzt bei den
+Fortschritten der Volksbildung der Vater beschämt von seinem aus der
+Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen könne, ebenso
+geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgeführt.
+
+Über manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und
+würdigte ihn nicht genug, trotzdem, daß er mit Achtung von ihm sprach. Er
+kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurück. Poesie ist in
+der Sozialfrage ein gefährliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man
+dahin kommen, daß am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der
+Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt
+verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glückseligkeit
+unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners
+Äußerungen ließen mich fast besorgen, er hätte das Thema der materiellen
+Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet
+spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend,
+sehr zeitgemäß, ja sehr freimütig und gegebenen Umständen gegenüber kühn
+fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehörten und die
+Ansicht vorauszusetzen schienen, man könne Hungernde mit Sonnenlicht
+sättigen und Dürstende mit den Farben der Blumen tränken. Der Redner
+kannte die praktischen Schäden, wollte sie heilen und wich wiederum dem
+praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf,
+der ohnehin auf einem Mißverständnis beruhen kann, hat sich Mundt ein
+großes Verdienst erworben, daß er in jener unmittelbaren Form, in der
+Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in
+den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise
+Philosophie beschämen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur
+Leichentücher für das Leben spinnt ...
+
+
+
+
+Mystères de Berlin? (1844)
+
+
+Das ist gewiß charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen
+Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frühgottesdienstes für
+Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung
+nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunächst machte, ein Jude (der
+Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die
+spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen,
+bestreben sich hier, dem Überchristentum in die Hände zu arbeiten. Ein
+Frühgottesdienst für Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was
+darunter zu verstehen ist. Man hat nämlich gefunden, daß die
+Droschkenführer von früh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen
+müssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht
+gänzlich verloren zu geben, läßt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre
+Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens
+bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man
+glaubt, wenn man so etwas erfährt, in England oder Pennsylvanien zu sein.
+Diesem Frühgottesdienst für Droschkenführer müssen, wenn man konsequent
+sein will, noch diese Einrichtungen folgen:
+
+Ein Frühgottesdienst für Briefträger.
+
+Ein Nachmittagsgottesdienst für Milchkarrenschieber; denn auch diese
+Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube,
+daß es wünschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu
+gewöhnen; aber hätte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes
+überchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen
+andern Ausweg finden können? Wie nun, wenn man bei den Droschkenställen
+keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenführer es möglich
+gemacht hätte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen
+halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche
+besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr
+habt ein so großes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt
+für seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine
+Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus
+seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude,
+zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt daß also die hiesigen
+Überchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann
+alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien
+Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbürger
+anwenden kann, wie er will, schlüpfen sie über den Mißbrauch des
+privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, daß
+kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig
+dafür, daß ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium
+gepredigt wird! O über den frommen Kommerzienrat!
+
+Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben
+wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des
+Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand
+in den Gedanken vertieft, daß die Eisenbahnen an Sonntagen befahren
+werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivführer deshalb nicht die
+Kirche besuchen können, würde man einem solchen Gemüt nicht zurufen
+müssen: Behüte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religiöse Fanatismus,
+der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprüche auf unsere
+vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanität so
+nahe, daß man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung,
+Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die
+Wartung der Kranken lästig und beängstigend wird, dann muß man selbst
+gegen so an sich ehrenwerte Äußerungen des überchristlichen Sinnes kalt
+werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie
+als rechten Glaubens erkennt; lästig und beängstigend ist die
+Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Körpers von der
+Verworfenheit unserer Seele redet.
+
+Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtätigen
+Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige
+sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung
+gefallener Mädchen. Was man von letzterem hört, läßt auf eine gesunde und
+tatkräftige Ausführung dieser an sich löblichen Absicht nicht schließen.
+Schon daß diese unglücklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich
+gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende
+Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen
+einer sichern Besserung entgegen zu führen, so kann es nur der sein, sie
+auf eine möglichst geräuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der
+Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken,
+daß der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die
+Tür hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartäuserartige
+Resignation zeigen muß, aber wie wenig Gemüter werden einer solchen
+Abtötung des letzten Restes von Stolz fähig sein! Gerade das, was Ihr
+zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur
+das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blüte des sittlichen Menschen
+erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Daß eine solche
+Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurückbleibt und, statt gebesserter,
+dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es
+der Fall ist, beim geringsten verführenden Anlaß wieder in ihre alten
+Lasterwege zurückfallen.
+
+Nach allem, was sich hier beobachten läßt, sieht man, daß man die Übel,
+an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo
+erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fühlt, weil sie sich zu
+unabweislich von selbst aufdrängen. Aber in den Mitteln, den
+gesellschaftlichen Schäden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den
+Schäden unmittelbar begegnen, statt daß sie nur da wahrhaft zu heilen
+sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel
+muß man entdecken und den Wurm töten, der an der Wurzel nagt. Das
+Begießen des welken Blattes an dem verkrüppelten Stamme fristet ihm eine
+Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fällt es ersterbend ab,
+weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der
+Gesundheit ihm stärkend nicht zuströmt.
+
+Theodor Mundt sprach in seiner kürzlich erwähnten Vorlesung von dem
+durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glückseligkeit und Vergnügen".
+Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen
+feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prämisse seiner frühern
+Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich
+diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenüber. Er ist wahr, er ist
+bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch
+durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfähigkeit der Armen. Am
+unersättlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand.
+Glückseligkeit und Vergnügen ist mehr denn je die Devise des Berliners
+geworden. Die öffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller
+Art haben sich reißend vermehrt. Die Straßenecken sind täglich mit mehr
+als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei
+ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung
+erfordern, unverhältnismäßig. Wer früher nicht wußte, welches Gewerbe er
+treiben sollte, eröffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu
+Anlagen von Kaffeehäusern, Vergnügungsgärten, Konditoreien gesellt, die
+mit derselben Schnelligkeit aufschießen, wie hier Mode-, Schnittwaren-,
+Kleiderhandlungen und Gewerbeläden von solchen eröffnet werden, die diese
+Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und
+mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnügungen dann jene Zustände
+der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer
+im Anhange ihres Königsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist
+schneidend.
+
+Auswärts fühlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswärts hat
+man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten
+Bedürfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung
+plötzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen können. Ich gestehe,
+als ich diesen von allen Zeitungen für einen Feenpalast ausgegebenen Ort
+besuchte, konnte ich den störenden Gedanken, daß diese Schöpfung sehr mal
+à propos gekommen, nicht unterdrücken. Zum Glück bleibt auch dieser
+"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurück. Schon in der Ferne, wenn man
+durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine große
+Ziegelhütte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und
+hervorspringenden Hausecken und fühlt sich durch den ersten Eindruck eher
+abgestoßen als angezogen. Dabei ärgert man sich über die Idee, ein
+solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse
+Berlins, die Sandwüste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der
+Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des
+Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den
+Vordergrund; denn recht in den Mutterschoß dieses Staubes ist das neue
+Gebäude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lückenhaft,
+hölzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt.
+Mit einem Blick übersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnügens.
+Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Möglichkeit des
+Alleinseins. Die nackten weißen Holzwände, mit Goldleisten zwar verziert
+und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhänge, das ganze
+Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an
+den Maskenbällen in der großen Oper zu Paris ist nicht der große
+Tanzraum, sondern das bunte Gewühl auf den Treppen, Korridoren, in den
+Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht
+getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches
+Etablissement nicht; aber man muß hinzufügen: Wenn man in Paris so
+oberflächlich wäre, zum bloßen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine
+solche Unterhaltungsanstalt zu begründen, so würde sie großartiger,
+geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoß dieses Tempels
+der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalität
+zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London
+gefunden werden kann. Man glaubt, daß die "Mystères de Paris" hier ihren
+Anfang hätten nehmen können. Man glaubt den tapis franc zu betreten und
+sieht sich unwillkürlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystères de
+Berlin" könnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine große
+Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ...
+Schade, daß sich originelle Köpfe nicht leicht entschließen werden, in
+die Fußstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wünschenswert,
+daß sich jemand der deutschen Zustände so bemächtigen könnte, wie Eugène
+Sue der französischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und
+Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte?
+Mysterien von Berlin müßten grelle Schlaglichter auf Deutschlands
+sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustände fallen lassen,
+müßten die Fackel der Aufklärung nicht nur in die Kellergewölbe der Armut
+und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trübe Dämmersphäre der
+Schein- und Überbildung, der Lüge und Heuchelei....
+
+
+
+
+Impressionen--z.B.: Borsig (1854)
+
+
+Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des
+Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit
+einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in
+Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße
+gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der
+Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem
+Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der
+Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem
+so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht
+eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang
+wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.
+
+Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels
+telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen
+und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu
+lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe
+haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen:
+Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den
+Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der
+Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen
+zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,
+durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des
+unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die
+Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,
+ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist
+in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem
+Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's
+an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto
+belohnender zu werden verspricht.
+
+Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der
+Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar
+sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine
+ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das
+bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen
+Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der
+flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel
+stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta
+für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der
+Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden
+polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der
+belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der
+preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im
+Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die
+Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der
+Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher
+glücklicherweise wieder ausgeschlossen.
+
+Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit
+einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen
+Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über
+zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer
+künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu
+erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte
+Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist
+"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob
+die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen
+Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer
+beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die
+einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo
+bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über
+diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es
+scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer
+bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke
+Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen
+einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu
+ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten
+Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine
+gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem
+gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die
+allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die
+Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher
+Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende
+Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die
+Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat
+diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp
+neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben
+christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands
+hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen
+und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt
+übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr
+christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger
+immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen
+Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die
+erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte
+Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz
+unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man
+sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die
+Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß
+eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer
+Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke
+ein Ärgernis nehmen will ...
+
+Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen
+Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich
+entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur
+gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,
+trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus
+der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen
+jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die
+Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt
+es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den
+Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem
+runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,
+um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden
+Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000
+Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große
+Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.
+Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an
+der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs
+Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz
+gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den
+glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung
+der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem
+Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine
+prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz
+Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen.
+
+Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen,
+die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem
+Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene
+riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken
+nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen
+gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und
+vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit
+Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.
+Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen
+naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall
+guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich
+das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden
+Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien.
+Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende
+von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen,
+überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige
+Behandlung erfordert ...
+
+
+
+
+Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
+
+
+Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin
+finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muß. Es ist dies der
+Ausdruck: Quatsch.
+
+Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen
+bleibend, dann natürlich noch hinter dem halben Verstande zurückbleibt.
+Denn man kann eine halbwegs vernünftige Meinung, ein halbwegs ernstes
+Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft
+gelten lassen. Der halbe Verstand gehört oft der Mystik an, die bis auf
+einen gewissen Punkt auch gewöhnlich eine Art Logik für sich hat. Der
+halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die
+Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse
+stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit.
+Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umständen der Unsinn!
+Den Unsinn haben Ästhetiker göttlich genannt, den echten, wahren,
+natürlichen Unsinn, der die Hälfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein
+vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der
+relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das
+herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das
+Quatsche.
+
+Berlin ist groß im Quatschen. Es kichert über jede Grimasse zum Witz,
+wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte
+absonderliche Redensart findet unverzüglich ihr Publikum. Man findet hier
+Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere
+Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln
+und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein
+ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie
+fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das alles
+witzig, während ein Vernünftiger es Quatsch nennen muß. Ich sah "Müller
+und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die
+wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem
+gellenden Pfeifen, mit Gebärden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu
+zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid,
+solches Gebaren menschlich nennen zu müssen, einflößte, und unter ihnen
+die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im
+Äußern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut
+Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Müller!" "Müller!" "Schultze!" "Bist
+du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen
+Scherz auf dem Palais-Royal-Théâtre in Paris, wir wollen nicht einmal
+sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire!
+Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu
+bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die
+Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern
+heißen, würde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muß das Pariser Oh!
+Oh! gehört haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen
+Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen
+Veranlassungen witzig und geistreich sein können. Diese Berliner
+Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwärtig, als wenn man
+sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhübe einmal seine
+gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.
+
+Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, daß sein
+ursprünglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den
+Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und über seine geistige Kraft
+hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene
+Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trägt den Stempel der
+Unzulänglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung,
+der Beschränktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hökerinnen,
+kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die
+Sprechweise der Gebildeten trägt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des
+Volksdialekts, daß es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des
+reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so
+beschränktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprägtes
+Sprachmaterial bestimmt, dem großen Ideenkreise einer Stadt, die eine
+Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen,
+so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois
+nennen möchte. Diese Mißgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins
+Trieb nach öffentlicher Bewährung wuchs. Seine Bevölkerung emanzipierte
+sich zum Großstädtischen. Die Schusterjungen machten wohl die öffentliche
+Meinung schon zu Friedrichs des Großen Zeit; der König sagte den
+Katholiken, die das Fronleichnamsfest öffentlich feiern wollten: Er hätte
+nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die
+literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich
+von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich
+nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft
+zur Geltung gekommen und wer würde verkennen, daß "Kladderadatsch" ganz
+Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschützt hat?
+Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Ausländer, die sich
+nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schärfe dieses Blattes würden
+diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueröffneten hiesigen Bühnen
+zeigen, ganz ins Quatsche zurückfallen.
+
+Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bühnen eröffnet worden sind (um diese
+Fährte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der
+unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern
+geistigen Fächern so außerordentlich schwierig ist. Das Ministerium
+Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen
+aus, und in Berlin durften Kaffeehäuser und Tanzlokale sich in Theater
+verwandeln! Es ist noch ein wahres Glück, daß unser Schauspielerstand
+durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was
+freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich
+immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst
+nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nächste materielle Not
+befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glücklicher gestellten
+Kollegen an den Hof- und großen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres
+und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstädtische
+Theater, besonders durch die Bemühungen der trefflichen HH. Görner und
+Ascher, zu einer überraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den
+schwierigsten ästhetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im
+Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die
+Bevölkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen
+andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater über
+Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige
+Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche
+haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fürwort an
+hoher Stelle erlangen zu können. Einen Zirkus zu eröffnen oder eine Bühne
+scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat
+jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgänger beruft und z.B.
+fragt: Wie kommt der Cafétier Kroll zu einer Bühne, wie kommen zwei
+Gebrüder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum
+Gespött der Vorstädte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor
+Gräbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater
+besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde
+der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militärischer
+Ordnung peinlich war, sogenannte Bürgerwehr in rundem Hut und Überrock
+die Armatur der königlichen Zeughäuser tragen zu sehen. Nicht daß die
+Bürgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der
+Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt;
+ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert
+wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche
+Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in
+keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der
+Wiener Vorstädte. Die Josephstädter Bühne ist vielleicht diejenige unter
+ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialität;
+manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr,
+"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstädter Bühne.
+
+Das Repertoire des Königlichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig
+anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstädter", "Geheimer Agent"
+usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so
+wohlmeinender ästhetischer Sinn vereinbaren läßt, nämlich die Befolgung
+der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden höchsten
+Herrschaften über die Stücke aussprechen dürfen, die sie zu sehen
+wünschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas
+auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt
+vorkommt. Bald heißt es: "Auf höchstes Begehren", bald: "Auf hohes
+Begehren", bald: "Auf Allerhöchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf
+Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form
+sich die Wünsche des Königs zu erkennen geben. Was ist das aber für eine
+Unsitte, daß die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen
+Herrschaft die Stücke bestellen, welche diese zu sehen wünschen! Die
+geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und
+zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wünschen um dieses
+Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben dürfen, sind schon an
+sich kläglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie
+heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschäfte wird dadurch
+auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden.
+Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswärts bekommen, die ihr eine
+Schauspielerin oder Sängerin überbrachte, so bestellt sie die Stücke, in
+denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt
+man ihm die Stücke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht
+sich einige an und man liest: "Auf höchstes Begehren: 'Der geheime
+Agent'", ein Stück, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden
+kann. Der König besitzt so viel Geist, daß ihm diese Manifestationen des
+Privatgeschmacks seiner Brüder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel
+Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und
+diesen Mißbrauch der von den Kammerherren veränderten Repertoires im
+Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies
+öffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem
+Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach
+dem Geiste der in ihm allein anständigen Öffentlichkeit.
+
+Natürlich ergibt sich unter solchen Umständen, wo die Großen und
+Mächtigen öffentliche Fingerzeige über ihren eigenen Geschmack geben
+dürfen, die Förderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bühne
+weit schwieriger. Wenn sich die Großen "Satanella" oder "Aladins
+Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Königsstädter Theater
+agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem
+Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Aufführung eines
+neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor
+einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Aufführung des "Demetrius"
+von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer
+Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf
+zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso
+warm wie die Ausstattung glänzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische
+und Neuheit der Kostümstoffe, überall, in den kleinsten Ausschmückungen
+der Wände zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden
+Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung
+spielte. Das Stück war eine Anfängerarbeit, die kaum Talent verriet (nur
+aus Überfülle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer
+Dürftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber
+die Darstellung ging von einem schönen Glauben an den Wert des Stückes
+aus; nirgends sah man ihr eine Mißstimmung über die aufgebürdete,
+undankbare und für die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und
+mit dem halbunbewußten Pflichtgefühl verband sich die noch immer
+außerordentlich ansprechende Natürlichkeit der Hendrichsschen Spielweise.
+Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs
+immer vorzüglich spielen. Dieser Künstler ist ein schwacher Hamlet, aber
+ein liebenswürdiger und überredender Romeo. In seiner Passivität liegt
+Poesie und da er nur die Konturen ausfüllt, die der Dichter ihm
+vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich
+seinen Aufgaben unterzieht, überall für sich ein, wo einmal die Macht der
+Gewöhnung ein Publikum für ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und
+Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.
+
+Ich bedauerte, Dessoir nicht beschäftigter zu finden. Dieser geistvolle
+Schauspieler leidet hier an der üblichen Abgrenzung unserer Rollenfächer.
+Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so
+vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber
+auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir
+ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein
+werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den
+ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bühne
+macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache
+angehört, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein
+künstlerischer Trieb hinführen muß, sind noch im Besitze der Herren Rott
+und Döring. Es spricht für die geistige Anregung, die Berlin bietet, für
+die Belohnung, die man im Beifall eines natürlich sich hingebenden
+Publikums findet, daß Dessoir darum doch seinen hiesigen, höchst
+ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen möchte.
+
+Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es würde keineswegs
+vernachlässigt und es hat sich seit Düringers Mitwirkung sehr gehoben;
+dennoch muß man bei dem Vergleiche der unverhältnismäßigen Pracht, die
+das Opernhaus umgibt, wünschen, es würde doch endlich ganz von der Musik
+und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige
+Aufgabe für sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen
+gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der
+Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glänzende
+Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die
+Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern und
+mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht
+der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und
+Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedürfnisse so
+befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die
+Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muß und die derjenige, der
+die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fülle von Licht,
+Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die
+musikalischen Kräfte sind hier so groß, daß z.B. an einem Abend im
+Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die
+Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1ständig da ist und noch in der
+Singakademie ein Konzert mit der königl. Kapelle begleitet werden kann.
+Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und
+Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer,
+auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1ständig machen. Auf
+dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel
+junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um
+der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen
+einzurücken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehörige
+"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum
+retten. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die
+Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der
+Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus
+der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des
+orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische
+Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im
+Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren
+Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der
+Szene ist ganz und vol1ständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel
+der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in
+die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der
+Ökonomie verbannt, die aus Amazonenröcken von heute für morgen Pantalons
+für Verschnittene macht. Hier fangen alle Schöpfungen immer wieder von
+vorn an. Kein Kostümier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter
+Vorräte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder
+neue Seide, neuen Sammet und für die geschmackvol1sten Maler neue
+Leinwand gibt.
+
+Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht
+lehrreich. Dem Ästhetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde
+Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die
+Vorstellung im großen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des
+Publikums gehört, ist kulturgeschichtlich merkwürdig. Dieser Marie
+Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und
+mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hölle, aber sie ist der wahre
+Himmel des Publikums; sie tanzt die Lüge, aber sie verdient ein Standbild
+als Göttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende,
+übermütige Mädchen mit ihren beiden Teufelshörnchen an der Stirn, mit dem
+durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Füßchen, mit den
+tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich
+unter den ehrwürdigen Tatsachen des gegenwärtigen Berlins aus! Dieser
+kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterröckchen, ist sie etwa
+die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chérie der
+Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chérie der
+Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf
+der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Büchsel,
+Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere
+Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in
+"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen
+sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem
+andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den
+kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhält. Der erste Rang zeigt
+die Generale und Minister, das Parkett den reichen Bürgerstand, die
+Tribüne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in
+der Provinz verkünden werden, die obern Regionen beherbergen die
+arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur
+Traktätchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbücher
+mühsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen.
+Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der
+Treibhauswärme der speziel1sten, königlich preußischen Haus-Traditionen
+großgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheißen! O so werft doch, ihr
+besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, daß euer
+Privatglaube nichts mehr liebt als die Götter Griechenlands und daß nicht
+etwa hier der Kultus des Schönen, sondern draußen euer offizielles System
+eine Komödie ist.
+
+Satanella verführt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner
+Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine
+Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird
+zweifelhaft sein, daß der junge, künftige Referendar besser tut, sich an
+Heinrich Heine, an die schöne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie
+kalt und nüchtern ist auch die Liebe eines Fräulein Forti gegen die Liebe
+einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs
+in die Hölle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht
+einsehen, daß der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann
+das eine echte Hölle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon
+kleine Kinder mit Satanshörnern umherspringen und, wie von Selma Bloch
+geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hölle
+sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem
+reizendsten Château d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt
+ist? Wird irgend ein Vernünftiger einräumen, daß die Konsistorialräte
+Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schöne "Teufelinne", die
+Antiken des Vatikan überhaupt, wie Tholuck getan, "schöne Götzen" nennen?
+Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und
+Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem
+Vorurteil zu genügen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine
+solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitüde der
+Solotänzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der:
+Ich fühle wohl, es muß einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie
+Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen
+Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese
+Berliner Ballettabende wecken einen ebenso großen Abscheu vor der
+mätressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der
+Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft
+und dem fashionablen Büßertum, dessen neupreußische Früchte wir
+hinlänglich kennen.
+
+Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander.
+Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in
+denselben Personen. Die Heuchelei und die Rücksicht auf Karriere mietet
+sich einen "Stuhl" in der Matthäuskirche, nur damit an dem Schilde
+desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht
+des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuß. Dem Genuß
+bauen auch andere Städte Altäre; die buntesten, mit Rosen geschmückten
+Altäre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des
+Genusses, die nur ihm ganz allein angehört. Es ist dies die Genußsucht
+eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefüllte Börse alles
+bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht
+wiedersieht, für Geld bekommen kann. Es ist die Genußsucht des
+Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fährt und sich mit vierzehn
+Tagen Ausgelassenheit für ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle
+entschädigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevölkerung so
+angesteckt, daß man mit Austernschalen die Straßen pflastern könnte.
+Wohlleben und Vergnügen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden,
+nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft
+ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine
+Weile gestachelt werden, an Großstädtigkeit der Unternehmungen fehlt es
+nicht; aber wenn die natürlichen Kräfte versagen, tritt das Raffinement
+ein und das Raffinement des Verkehrs, gewöhnlich Schwindel genannt, soll
+hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist
+die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glänzendsten
+Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend
+Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt
+nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die
+Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste.
+Wo die größten Spiegel glänzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde
+niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste
+Scheinfülle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern
+scheint, kann man gewiß sein, auf hundert Fälle bei neunzig nur eine
+Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.
+
+Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen
+Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zuständen
+ergeben müssen, nachzuspüren. Der Totenwagen rasselt still und ernst
+durch dies glänzende Gewühl. Rauschende Bälle, in der Faschingsnacht ein
+Wagendonner bis zum frühen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die
+Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemälde doch eine dämonische
+Beleuchtung. Erschütternd war mir z.B. die Nachricht, daß der Philosoph
+Beneke von der Universität plötzlich vermißt wurde und wahrscheinlich
+sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, daß dieser redliche
+Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und
+besonders auf die neuere Pädagogik einen nützlichen Einfluß gehabt hat,
+seit länger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor
+werden konnte und sich mit einem jährlichen Gehalte von 200 Talern
+begnügen mußte! Zweihundert Taler jährlich für einen Denker, während es
+hier Geistliche gibt, die es auf jährlich 5000 Taler bringen! Beneke war
+ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen
+ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen.
+Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor
+zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Göttinger Professors nach
+Berlin gebracht. Seine Vorträge waren etwas ängstlich, seine Perioden
+allzu gewissenhaft, sein System knüpfte wieder an Hume und Kant an, er
+ging über die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkühn in die
+Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Solidität in
+einer Stadt wie Berlin, wo nur die glänzende Phrase, der saillante Witz
+und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinäre Schwindel etwas
+gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Köpfe,
+die nur in seiner Tonart zu reden wußten oder die es verstanden, ihrem
+sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und
+Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befördern
+konnte! Hamlet ist auch darin das große und Shakespearen auf den Knien zu
+dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, daß er
+auf des Königs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel
+der Beförderung."
+
+--Wer ertrüge Den Übermut der Ämter und den Kummer Den Unwert
+(schweigendem Verdienst erweist!)
+
+
+
+
+Neues Museum--Schloßkapelle--Bethanien (1854)
+
+
+Eine derjenigen Schöpfungen des Königs, in denen man unbehindert von
+irgendeiner drückenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue
+Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen,
+er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen
+inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Räumen aller lästigen
+Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fühlen und im
+Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen
+Kunstbestrebungen, die uns die Schönheit und Pracht von München, die
+Ausschmückung des königlichen Schlosses in Dresden, die neuen Pläne für
+Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmäler, Kunstausstellungen,
+Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das
+Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten,
+unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Stätte der
+Begrüßung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prüfenden,
+immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die
+sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und
+gefällig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt
+sind. Wir sind in Italien und in München vorbereitet auf das, was wir
+hier wiederfinden. Diese Räume hat mit den Eingebungen seines Genius
+vorzugsweise eine große, freie Künstlernatur zu beleben, ein Dichter mit
+dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem märkischen
+Sande stammen. So stört uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer
+Schwu1st, keine russischen Pferdebändiger, oder Athleten oder Amazonen
+erfüllen uns, während wir an Athen denken wollen, mit lakedämonischen
+Vorstellungen; selbst die hier in Berlin überall aushängende Devise:
+"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stört uns nicht. Man muß Schinkel
+einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf
+doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei
+der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von
+Palastentwürfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Öfen; aber es
+fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit
+des Stils....
+
+Eine zweite große Schöpfung des Königs ist die (Kuppeldachkapelle des
+Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine
+Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentümlichen Geschmack, wenn auch
+eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die
+gewaltige Wölbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet
+gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Gerümpel, freilich
+aber auch den vortrefflichen Schlüterschen Basreliefs, die jetzt die
+Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen
+als runden Bogens ist meisterhaft ausgeführt. Einen überraschenden
+Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewähren, der sich erst
+im Weißen Saale an den schönen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet
+hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen
+geschmückt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmäßig durch
+Milchglasglocken ihre Flammen dämpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle
+weder diese Größe noch diese Pracht. Bei längerer Betrachtung schwindet
+freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf
+Goldgrund überladene Gebäude wird dem Auge kälter und kälter. Der Altar,
+wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten
+Kreuze geziert, die Kanzel, der Fußboden, alles erscheint dann plötzlich
+so nur für die Schwüle der südlichen Luft berechnet, daß man das
+lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht
+innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das
+Spiel aller hier zur Verzierung der Wände aufgebrachten Marmorarten. Da
+gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der
+nicht eine Platte sich hier vorfände wie in einer mineralogischen
+Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich
+die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken
+zusammengestellt, die Förderer der Religion und des Christentums zu
+feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner
+Kirchengedanke. Huß, Luther, die Kurfürsten von Brandenburg stehen
+vis-à-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muß es an der einigen
+Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man
+kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst
+halten. Ach, und dieser Fanatismus für das konventionell Religiöse sitzt
+ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblüten! Man denkt nicht mehr, man
+prüft nicht mehr, man übt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt
+sie um ihrer Ehrwürdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren
+graues Haar unsere Kritik über die Schwächen, die sie besitzen,
+entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will
+nicht prüfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein
+die Tradition, die man auf sich beruhen läßt. Man schlägt sein
+rauschendes Seidenkleid in künstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl
+niederkniet; man schlägt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb
+gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rührung dieser
+Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mußte besiegelt werden, gesteht
+wohl auch seine eigenen sündigen Einfälle und Neigungen ein, gibt sich
+den Klängen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden
+Tränen der Nervenschwäche und Rührung hin und verläßt die Stätte der
+Andacht mit dem Gefühl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine
+Demonstration gegeben zu haben gegen die anstößige und in allen Stücken
+gefährliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Für diese
+Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen
+zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schloßkapelle.
+Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lästig werdenden
+Rücksichten einer solchen Art von Pietät.
+
+Weitentlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen,
+baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete
+Diakonissenanstalt. Man fährt an einer neuen, im Bau begriffenen
+katholischen Kirche vorüber und bewundert die großartige Anlage dieses
+vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu
+erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine städtische sein und ab und
+zu wird man von Bitten in den Zeitungen überrascht, die Bethanien zu
+unterstützen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein
+privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewöhnliche Zahl, für
+welche die nötigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuriös
+gespendeten Raume nach könnten noch einmal soviel untergebracht werden.
+Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der
+Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben
+erweckt, als wäre die nächste Bestimmung der Anstalt die, eine Art
+Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit
+Krankenpflege beschäftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des
+Unternehmens auf eine ähnliche Voraussetzung begründet. Bethanien soll
+eine Demonstration der werktätigen christlichen Liebe sein; die Kranken,
+mag auch für sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen
+gewissermaßen die zweite Stelle ein.
+
+Die Oberin der Diakonissen ist ein Fräulein von Rantzau. Unter ihr stehen
+etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl
+von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten
+sind auf Reisen begriffen, um auswärts ähnliche Anstalten begründen zu
+helfen. Die Tracht der größtenteils jungen und dem gebildeten Stande
+angehörigen Damen ist blau, mit einem Häubchen und einer weißen, über die
+Schulter gehenden Schürze. Wie gründliche Vorkenntnisse hier
+vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen
+allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen
+Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mägde, die im
+Souterrain an den höchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und
+Küchenvorrichtungen beschäftigt sind. Auch Männer fehlen nicht. Die
+Diakonissen sind überhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschäftigt
+und müssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und
+Umbetten der Kranken besteht, dem stärkern Geschlechte überlassen. Man
+bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus,
+der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit
+verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekämpfen, da unfehlbar
+ein zwangloses Behagen in der Nähe von Kranken und Sterbenden die ganze
+Stimmung unsers Herzens für sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die
+reine Luft, das Gefühl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den
+Kranken selbst zugute.
+
+Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste
+erklären diese Frauen und Mädchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer
+Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig
+bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks
+auf einen höhern sittlichen Zweck. Dennoch hätt' ich lieber gehört: Diese
+Institution wäre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton
+würde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei
+gemeinschaftlichem Wirken ist nötig, eine gleiche Stimmung muß alle
+verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob
+das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano
+aufgeschlagen fand, dazu gehört, möcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist
+der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich für
+Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt für immer getrennt
+haben; ein anderes diese vorübergehende Wirksamkeit einer Diakonissin,
+die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder
+aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden
+kann. Für einen solchen Beruf reicht Herzensgüte, Menschenliebe und eine,
+durch äußere Umstände hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz
+anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert
+die Bildung der Gesellschaft, die Humanität der Gesinnung, die Liebe zum
+Gemeinwohl, die Sorge für die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt,
+eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktätiges
+(Prinzip) durchgedrungen sein, daß man, um hier dreißig Frauen in einem
+Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, nötig hat, nach dem Gnadauer
+Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?
+
+Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rührung verlassen. Auch in Bethanien
+sieht man des Wehmütigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von
+Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren
+Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit
+bleiernen Soldaten und hölzernen Häuserchen. Ein blasser Knabe, der an
+der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte
+freundlich grüßend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den
+Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon
+draußen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden
+Frühling vertrösten, der Kleine litt am Rückenmark und wird nie wieder
+gehen können. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella"
+und Aladins "Wunderlampe" sehr nützlich, sehr heilsam sein kann. Aber
+Bethanien verläßt man doch mit dem Gefühl, daß hier, wie in unserer Zeit
+überhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen,
+des Arztes bedürftig zu sein.
+
+
+
+
+Zur Ästhetik des Häßlichen (1873)
+
+
+Himmel! Berlin sei unschön? höre ich einen nationalliberalen Enthusiasten
+ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemäßen Begriff aufstellen! Sie
+machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu
+unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, groß, selbst
+die Zukunftsgärten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein müssen!
+Die Opportunität, die große deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations-
+frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Städte! Die Stadt auch
+der Schönheit! Höchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg
+wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehört ja Graubünden und die
+Schweiz auch zu Berlin!
+
+Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe
+unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.
+
+(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen.
+Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straßengewühl, wenn es
+gerade geregnet hatte oder noch das Straßenpflaster vom Morgentau
+beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefährte aller Art
+sich zum Markte drängten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt,
+in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in
+Paris in der mächtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es
+auf Plätzen, Brücken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbögen, selbst
+Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedürfnis nur nach dem Schönen
+angelegt und konsequent durchgeführt!
+
+Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schönheit Wiens) war die
+Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang
+sehr fühlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiß
+der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat
+auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wälder abgehauen
+und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle
+Mittel schienen dafür gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der
+Wilhelmstraße entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense
+des Despoten, den man gewöhnlich Friedrich den Großen nennt. Kolonisten
+mußten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise
+einstöckig, diese Hütten neben den neuerdings errichteten
+Prachtzinshäusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem
+Großen Kurfürsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu
+einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern würdigen Schemel an ihrem Throne zu
+machen. Schlüter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mußten sich an
+Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann später
+Berlin. Friedrich der Große, Egoist wie er war, baute lieber Paläste für
+sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute,
+waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommißbrot.
+Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der
+Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in
+Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen
+Straßenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn würde die Geschichte am
+besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrönte
+Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar
+trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine
+entlegene Votivkirche Roms erinnern könnten. Seitdem stockt die
+Verschönerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als
+was ihre nächste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschönerung
+Berlins geregt hat, wird überholt durch die riesenmäßig gesteigerte
+Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der häßlichste Abbruch, Schutt,
+ein trauriger Anblick wie Straßburg nach der Belagerung geworden ist.
+
+Großartigkeit und in ihrer Art auch--Schönheit liegt in der Avenue vom
+Brandenburger Tor bis zum Schloß; aber man könnte noch hundert Jahre so
+fortbauen wie jetzt und brächte doch nicht den Eindruck permanenter
+Unschönheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im großen und ganzen, in
+der Nähe und in der Perspektive, durch einen größeren diktatorisch
+befohlenen Schönheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der
+Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das
+kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Straße, wo nur
+allein elegante Welt sichtbar würde, gibt es in ganz Berlin nicht!
+Überall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der
+Köchin, das Produkt des Handwerkers oder die Bürde des Lastträgers
+zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuß Breite bestehende
+Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, läßt einen am anderen
+dicht vorüberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souverän auf, selbst
+auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den
+Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Börse
+oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes
+neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel-
+Betriebslokalen, zu Werkstätten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem
+immerdar werkeltätigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die überall
+geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.
+
+Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloß ist ein Prospekt, der,
+wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis
+zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mächtigste gehoben
+fühlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in
+Paris möchte dagegen zurückstehen. Plötzlich aber am Dome sieht der
+Wanderer eine kleine Brücke, die in die innere Stadt führt. Noch eben
+denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich
+geschwungenen Brückchen, die über die Seine führen. Welcher Anblick wird
+ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrücke, früher um sechs Pfennige
+passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf
+demnächstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den
+Grabstätten der Könige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkästen, die
+in dem trüben Flusse vom Fuße des Schlosses nur allmählich weichen zu
+wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Äpfelkähne.
+
+Besonders unschön wird Berlin durch die über alle Beschreibung große
+Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste
+Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der
+umfassendsten Räumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschäfte solche in
+Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen
+sind. Nun hat man keineswegs die häßlichklaffenden Lücken von Holz-,
+Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Straße in Harmonie
+gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache,
+verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lückenhaft,
+verhäßlicht durchweg die Stadt, wie denn überhaupt der offne
+Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher
+Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schöneberger Ufer, eine
+ganze elegante Straße entstellen. Endlich ist der ordinäre Bretterzaun
+doch auch von dem königlichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!
+
+"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie
+honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach
+Reichstagspalaststätten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder
+Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den
+Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraßen liegen, mehr in Schwung zu
+bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche
+staatumwälzende Proklamation von einem Ständehause herab verlesen wurde,
+das deutsche Kapitol aus strategischen Gründen isolieren? Die Architekten
+scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes
+von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit
+vor diesen großen Plätzen, wo man in der Sonne keuchen muß, bis man
+endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung
+von dem großen Meilenzeiger am Dönhofsplatz, um welchen herum doch die
+meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwägung wert? Schreckte nicht
+die Erinnerung an die Grausamkeit König Ludwigs I. von Bayern, der die
+neue Münchener Universität an die äußerste Grenze der Stadt baute und die
+Studenten zwang, täglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch
+seine endlose, in der Hitze unerträgliche Ludwigstraße zu machen? Nun
+gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn für einen anderen Plan, den etwa
+mit der Königgrätzer Straße, Gärten zerstört werden müssen, alte
+ehrwürdige Linden abgesägt oder im Deckerschen Garten Bäume, die zu den
+Wundern Nordeutschlands gehören, wenn Millionen für Grund und Boden
+gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gärten dem Privatbesitz oder
+der Öffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt
+Statuen auf diese freigelegten Gärten! Mehr als jetzt Berlin aufweist!
+Man kann auch Fontänen dazu springen lassen, Ruhebänke anlegen,
+goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gußeisens
+bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen öffentlichen
+Gebäuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach
+Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.
+
+Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom früheren "Katzenstiege",
+jetziger Georgenstraße, rechts von der Friedrichstraße bis zum Gegenüber
+des Monbijou. In unmittelbarer Nähe eines der schönsten Prospekte der
+Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Königswache oder vom
+Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert,
+plötzlich an der Georgen- und Universitätsstraßenecke wie unter die
+Bedienten-, Küchen- und Remisengebäude einer fürstlichen Hofhaltung
+versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nächste Nachbarschaft des Kaisers,
+sein vis à vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Häuser stehen".
+In der Tat hieß auch früher die vorherliegende, jetzt noch leidlich
+gefällige Dorotheenstraße die "Letzte Straße". Wahrlich, hier fängt die
+Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum
+Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplätze, Milltärmontierung-Aufbewah-
+rungen, Kavallerieställe und das ungeheure schiefwinklige Gebäude der
+Artilleriekaserne, das an den Wänden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf
+grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend
+ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die großen Flächen
+vor den Toren verwiesen werden muß, die schon Kasernen genug aufgenommen
+haben. Gefällig ließe sich hier der Quai regulieren, die hölzerne
+Ebertsbrücke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das
+gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebäude in Einklang bringen mit der
+Börse, dem Museum, dem Schloß, der Universität und dem grünen Baumkranze,
+der drüben jenseits der Spree vom Schloß Monbijou herüber winkt. Wer
+jetzt diese Gegend durchwandert, muß sich sagen, daß hier alles den
+Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Überlebten
+trägt. Alles ist arm, unschön, unkaiserlich.
+
+An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse
+entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben,
+Eindrücke von einem so erhebenden Reize, als befände man sich in Genf im
+neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der
+Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst überall
+unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem
+Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien,
+im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wünschte, dieser Charakter
+wäre allgemein festgehalten und für das Ganze maßgebend. Hier bildet der
+Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schönen Gemäldes. Auch an anderen
+Stellen könnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des
+Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfängen zu
+Hilfe käme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1straße kommt und die
+Waisenhausbrücke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von
+jener Großartigkeit, die in Wasserstädten wie Hamburg, in den Seestädten
+Hollands so mächtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen.
+Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Häuserabbruch offengelegten
+Hinterfronten einiger Straßen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von
+Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrückliche Gebote an
+die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens
+dem Auge etwas gefälliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen
+Kolonnadengang des Mühlendamms über die Spree hinweg links zur
+Stadtvoigtei könnte trotz des mehr als wüsten Gegenübers für die vollere
+Wirkung einer belebten, echten Hafenstraße gewonnen werden.
+
+Für solche und ähnliche Ideen schwärmten in alter Zeit die Kronprinzen!
+Jetzt, wo der Fiskus für ein Reichstags-Gebäude im Tiergarten auf Grund
+und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gründer Unter den Linden
+gefordert haben würden, muß man sich schon begnügen, wenn nur die
+städtische Baukommission Künstler zu Referenten hat, die für Berlins
+Zunahme und Wachstum einen gewissen schöpferischen Plan im großen und
+ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt
+sich nicht darum, allmählich die Netze und Linien eines neuen
+Anbauungsentwurfes auszufüllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten,
+es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden
+Lücken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstören. Freilich
+ist die Macht des Besitzes so groß, daß selbst eine in solchem Grade die
+Straße entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer
+nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehörde gewichen ist! Das ist
+die Mühle von Sanssouci! Das soll nun groß sein! Begierig bin ich, was
+aus der großen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht
+dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastraße eine Litfaßsäule
+gegenüber.
+
+Auf das Häßliche in den Staffierungen der Straße durch ihr gewohntes
+Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Häßliche
+in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner
+Überzeugungen selbst beim schönen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr
+mißlich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fürchten unserer alles
+im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.
+
+
+ * * * * *
+
+II. Für und Wider Preußens Politik
+
+
+
+
+Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832)
+
+
+Wäre Repräsentation das alleinige Element des Liberalismus, so könnte
+Preußen in einer frühern oder spätern Zukunft noch der Stimmführer
+desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kämpfen nicht um Formen,
+sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir dürfen nur die Initiative
+der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingeführt werden
+sollen, wachen, daß sich ihre ursprüngliche Reinheit erhalte; daß sich
+nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische,
+nicht die Willkür sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern daß das Gesetz
+es sei, das entscheidet. Oder können wir uns mit dem Schwerte bewaffnen
+und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiß nur von Schwertern in der
+Hand des Eroberers oder des Richters. Die Völker demonstrieren nur mit
+dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie
+ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das übertretene. Werden die
+Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preußen eine
+längst versprochene Verfassung erhält? Nein, dann beginnen sie erst.
+Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen
+dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerüstete Krieger seiner Ruhe
+pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten
+Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht
+zurückgetragen. Fürchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der
+preußische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muß. Weil noch
+nichts entschieden ist, so finden wir überall Gesinnungen gegen Preußen,
+keine Meinungen. Man verehrt es oder haßt es, fühlt Sympathie oder
+Antipathie, aber die Gründe für das eine gegen das andre kann man nicht
+angeben. Wer für seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis führen
+wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine
+Gründe gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor
+dem preußischen Namen entweder mit gefalteten Händen oder mit dem
+Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund
+ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preußischen Verfassung
+offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen
+trügen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im
+Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht
+werden muß. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis
+rechtfertigen.
+
+Welches Bedürfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlaßt? Unstreitig
+das Bedürfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer
+Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Übereinkünfte über
+das, was man sich gegenseitig leisten und so für Recht ansehen wolle?
+Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Verträge
+gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewährt hat
+und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begründet ist? Die Völker haben
+diese Frage längst entschieden, ihre Fürsten sind noch andrer Meinung:
+Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres
+Kabinetts feststellen, oder sie erklären sich bereitwillig zur
+Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende
+Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der großartigen
+Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus
+verwitterten Pergamentblättern, aus den Heften moderner Doktrinäre.
+Machen wir die Anwendung auf Preußen. Wenn wir das gegenwärtig dort
+herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natürlich nur um
+einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von
+Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich
+ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und
+Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu
+bedürfen scheinen. Aber wir bedürfen immer mehr, als wir zu bedürfen
+scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir
+nicht eingestehen, daß uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen
+wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundübel der
+sogenannten humanen, weisen Regierungen, daß sie vor unaufhörlichem
+Wohltun das rechte Bedürfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon
+alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hände voll zu tun
+und sind so eilig, daß sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher
+das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unerträglicher ist, je
+gefälliger sie sein will. Diese väterliche, ja mütterliche Sorgfalt ist
+bekanntlich die Art der preußischen Regierung. Da piepsen die Kleinen
+unter den Flügeln der ängstlich wachenden Henne so zärtlich und sind so
+voll Rührung und Dankbarkeit für all das Gute, was ihnen ohne Verdienst
+und Würdigkeit erwiesen wird, daß man hier ordentlich von politischen
+Tränen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestört werden. Der König
+hat selbst den Grundsatz anerkannt, daß der Krieg der Vater aller Dinge
+sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsständen" in einem
+höchsten Dekrete versprochen. Daß ein solches Versprechen dem Lande wird
+gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwärtige Zeit dazu so
+ungeschickt sein. Man zögert, man weist die Bitten der Provinzia1stände
+um endliche Gewährung zurück; man will nicht, daß es den Anschein habe,
+als gäbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von
+dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er
+werde dem väterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm
+durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille
+seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu
+ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt dürfte die Verfassung
+werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten
+Europa hingeworfen.
+
+Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten über den Staat. Nach einer ist
+er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Näher bezeichnet sich
+dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine
+durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum
+des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen
+will. Die europäischen Staaten bieten Beispiele für die eine Ansicht so
+gut, wie für die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Rußland
+haben sich auf dem naturgemäßesten Wege entwickelt. Ihre politischen
+Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet,
+sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet größtenteils
+das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewöhnt hat, immer auf die
+Eigentümlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der
+Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer
+nicht müde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemüte,
+unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter
+Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Württemberg ohne Württemberger,
+ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne
+Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche,
+aber kein Deutschland haben. Preußen ist am meisten von der Geschichte
+ironisiert worden: Es repräsentiert den Zufall, das, was ist und auch
+nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte
+Sein auch in Preußen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein
+gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preußischen Doktrinäre in
+lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preußen von keinem Staate
+lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am
+meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse
+sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wären auf den
+Bäumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist
+nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen:
+Selbst die Reformation hat da englisiert werden müssen. Wer bewundert
+nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt,
+daß Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung
+einschlagen konnte? Und doch--in Preußen ist jetzt Ähnliches entdeckt.
+Die Doktrinäre klagen hier Friedrich II. an, daß er in die Regierung
+seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der
+einseitigen Aufklärung seiner Zeit nicht verleugnen könne; daß er den
+Adel des Verdienstes höher stellte, als den der Geburt; daß er ein
+Gesetzbuch gegründet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in
+zu grellem Widerspruche liege. Preußen sei berufen, die historischen
+Interessen zu vertreten. Es gäbe keinen Fortschritt, als einen durch
+frühere Zustände bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten
+Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortführer und
+Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die
+Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese
+Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so müßten wir uns
+auch andächtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die
+Zauberformeln, mit denen man in Preußen die Jugend alt macht und das Alte
+("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg
+ausgebrachter Toast) wieder verjüngt. Auf solche sogenannte historische
+Bedingungen wird die Verfassung des Landes begründet sein.
+
+Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repräsentation.
+Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein
+förmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern
+zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Übereinkunft. Die
+Zeit der Reformation machte diesem Verhältnisse ein Ende. Die Einführung
+des römischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben
+zusammenhing, zerstörte im Volke sein ursprüngliches Rechtsbewußtsein.
+Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem
+Schutze vermögender Fürsten gedeihen. Die religiöse Anregung band die
+Gemüter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als
+sie jener förderlich oder hinderlich waren. Fürsten und Bürger hatten
+dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaßungen des Adels sicher zu
+stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fürstlichen
+Souveränität. Aus fürstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die
+Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden
+wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveränität
+reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration.
+Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die
+Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer
+Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat
+eine Macht gewonnen, die öffentliche Meinung; diese wird in Preußens
+nächster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht,
+die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fürchten? Ist es nicht der alte
+Kampf der Demokratie und Aristokratie?
+
+Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der
+preußischen Konstitution einschlagen mögen. Die gegenwärtigen
+Provinzia1stände müssen die Grundlage derselben bilden. Man rühmt die
+Liberalität dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei
+Stände, des Adel-, Bürger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes.
+Woher aber das entschiedene Übergewicht der Aristokratie in den
+Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet!
+Verjährte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfründen,
+unverhältnismäßigen Erlaß der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne
+von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den künftigen
+Reichsständen, so kann man nur wünschen, diese nie ins Leben treten zu
+sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den
+adeligen Grundbesitzern. Auch die Städter können an Bildung z.B. mit den
+Bürgern süddeutscher Städte nicht wetteifern und die sie zum Landtage
+schicken, sind meist städtische Beamte, von der Regierung bestätigt, also
+mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so
+sind sie gegen den Adel in der Minorität und der Regierung gegenüber zu
+schwach, wie die Landstände am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.
+
+Die mittelalterlichen Stände haben ihre Freiheiten und Privilegien
+vertreten. Solche besitzen die preußischen nicht oder sollen sie ihnen
+noch erteilt werden? Sollen die Zünfte wieder eingeführt werden? Wollen
+die preußischen Könige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf
+ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stände vertreten. Aber
+unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermögens, nicht des
+zufälligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung
+jenes alten Zustandes wäre ein vol1ständiger Umsturz des herrschenden
+Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann.
+Es ist wahr, daß die Fürsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch
+ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stände bei dringenden
+Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fünf oder zehn Jahre
+Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis
+immer nur momentan, und erst der später ausgebildete Begriff der
+Souveränität nahm nach göttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm
+menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist
+den Ständen mit der Zurückgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr
+gedient, weil sie wohl wissen, daß jene verhaßten Abgaben ihnen weniger
+bereitwillig würden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten
+auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne
+offnen Angriff auf eine feine Weise plündert, wieder organisiert werden?
+Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott
+möge es behüten vor den Köckeritz und Lüderitz und vor den Kracht und
+Itzenplitz? Auch die Prälaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur
+um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein
+Stand mehr, obschon man in Preußen Bischöfe und Erzbischöfe nach
+englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat früher die
+Rechte ihrer Präbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das
+Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemühungen der
+Regierung die Meinung, daß die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet
+ist, so ist es in Preußen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt
+sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder
+genommen werden? Sollen Ritter, Städte und Geistliche die heilige
+Dreizahl bilden? Die preußischen Bauernaufstände gegen den Adel und
+Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Überall mag
+man nach historischen Anfängen einer den gegenwärtigen Zeitforderungen
+nur einigermaßen genügenden Repräsentation forschen, im Preußischen
+finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und
+pommerschen Herzöge sind eigentlich nur zu den Städten ihrer Territorien
+in ständischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht
+mehr denkbar ist. Sie waren die ärmsten Fürsten und die schwächsten
+zugleich. Nackt und bloß, mußten die Städte sie bekleiden, hungernd, von
+ihnen gesättigt werden. Die märkischen Städte waren Republiken mit
+vol1ständigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation
+zurückführten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es
+nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fürsten garantierten, sondern was
+sie ihnen gaben war Dank und Entschädigung für den Schutz, den ihnen die
+Markgrafen, ursprünglich eine militärische Behörde, angedeihen ließen.
+Noch anders war die Lage Preußens. Ein fast ganz unabhängiger Städtebund,
+blühend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel
+zur Seite, noch öfter gegenüber. Hier machte der Landadel mit den
+mächtigen Städten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg gemeinschaftliche
+Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten,
+verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen
+Polen ihre und des Landes Selbständigkeit. Alle diese Verhältnisse hat
+die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmöglich. Jede
+Annäherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern
+bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preußischen
+Monarchie in Sitte und Leben überall die Anklänge der Vergangenheit. Die
+Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen
+Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen,
+sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese
+Gegenden ein Schauplatz der unsäglichsten Verwirrungen, in denen sich
+nichts Altes rein und ursprünglich erhalten konnte. Man denke an die
+Stürme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Länder Jülich, Cleve, Berg
+erschüttert haben! Neben den politischen Umwälzungen, die sich hier ohne
+Aufhören folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig-
+keiten diese Länder so zerrissen, daß an eine Wiedergeburt hier nur durch
+Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.
+
+Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne
+verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum
+nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine
+dreifache Initiative. Die zweite Kammer würde dann die materiellen,
+vielleicht auch intelligenten Kräfte vertreten, die erste aber das Ewige,
+das Unveränderliche, das Unvergeßliche oder was weiß ich. Man denkt an
+eine preußische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor
+den Männern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fällen
+wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Während in der
+zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten
+die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann
+einmal, etwa bei einer Verhandlung über die Erblichkeit, Friedrich der
+Große in die Sitzung träte und anhörte, wie z.B. die neuliche Erklärung
+der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestät des
+Königtums zu begreifen, interpretiert wird, könnte er noch glauben, in
+der Hauptstadt eines von ihm gegründeten Staates zu sein?
+
+Wir gehören nicht zu jenen Toren, die die ehrwürdigen Trümmer früherer
+Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die
+Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Gräbern, da auch unsre Zeit
+einen so schönen Frühling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen läßt. O
+wir fürchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in
+Preußen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit
+zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rätsel hat sie gelöst und
+auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das
+ist aber das Herrliche dieser Zeit, daß, wer die Ansicht widerlegt, auch
+die Macht überwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Ödipus
+kommt, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund.
+
+
+
+
+Drei preußische Könige (1840)
+
+
+Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die
+letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III.
+Diese Botschaft mußte mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der König
+müsse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt
+erschüttern. Die häusliche Zurückgezogenheit, in der der Verstorbene
+lebte, hatte es unmöglich gemacht, seit Jahren über seinen
+Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich öffentlich,
+so erschrak man zwar über die in letzter Zeit außerordentlich gealterten
+Züge, aber die Haltung des Königs war von jeher so grad und ritterlich
+gewesen, daß ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verließ, und man an
+eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener
+mußte man über den Volksglauben sein. Man machte geltend, daß in jedem
+Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preußen einen Thronwechsel oder
+irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nächtlichen
+Umgängen der weißen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft
+erschien der König hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im
+Theater. Nur die ängstliche Einführung Schönleins in die innern Gemächer
+des ab und zu als kränkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes
+Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.
+
+Läßt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender König
+und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des
+Geschützes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Großen
+verkündete? Wie drängen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit,
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wünsche und Hoffnungen
+müssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre können erwachen,
+Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen müssen sich
+durchkreuzen. Wer hat den Schlüssel, um zu erraten, was der jetzt Tote
+dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, daß
+gerade die Erinnerung an den Begründer der preußischen Monarchie in ihrer
+Stellung zu Europa die letzte öffentliche Tatsache im Leben Friedrich
+Wilhelms III. sein mußte? Ist dies eine Sühne der Vergangenheit oder ein
+Fingerzeig für die Zukunft? Den Ratschluß des Weltgeistes umhüllen noch
+tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die
+Sonne sein, die sie erhellt.
+
+Bei den Ägyptern sprach man über die toten Könige Gericht. Man wird in
+öffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres über
+Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben,
+dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand
+sich rühmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht
+sein Stolz war, und wird ihn vielleicht für das loben, wofür er sich
+selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Sie werden
+von Tausenden ihres Volkes für dasselbe verwünscht, wofür sie andern
+Tausenden die Heißersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind,
+das der Blitz erschlägt, und tränkt die dürstende Erde, die nach ihm
+schmachtete.
+
+Mag man nun mit Montaigne glauben, daß "herrschen" le plus aspre et
+difficile métier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von
+Oxenstierna einst ironisch angewandt), daß zum Herrschen gerade das
+wenigste Hirn gehört (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es
+übrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von
+dem, was über den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der
+rührende Moment oder persönliches Interesse überflüssig hinzufügt, so
+viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoßen können, daß der innige
+Zusammenhang der Schicksale, die die preußische Monarchie trafen, mit der
+Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlöschendes
+Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn
+schon früh für eine stillere Ergebung in das Unglück reif. Die Mäßigung,
+die ihn in seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschte, lehrte ihn
+auch, das spätere Glück ohne Überhebung ertragen. Er nahm die Gaben des
+Geschicks mit einem Gefühl an, das ihn auf alles gefaßt machte, wenn es
+nur nicht überraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen
+vermeidend beängstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt
+auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener
+Selbstbeschränkung, den Preußen, ein innerlich so kraftvoller und nach
+außen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne für seine
+Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein
+Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt und diese Tatsache
+war vielleicht die glücklichste Erfahrung für das Wohl des Staates in
+einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in
+Bewegung setzte und es Staatsmänner gab, die so gern neue Manifeste des
+Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit
+kecker Hand in die Zügel gefallen wären. Friedrich Wilhelm III. war nicht
+so groß in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.
+
+Daß man sich in Preußen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorüber ist
+und den Horizont keine Kriegswolken trüben, nach positiven Schöpfungen
+sehnt und das Feld für einen großartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun
+geöffnet sieht, beweist die ängstliche Spannung Preußens, Deutschlands,
+Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde.
+Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, daß
+wir hier nicht einen Jüngling auftreten sehen, dessen politische Ideen
+noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen
+gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun
+anvertrauten Regierung gründlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt
+wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektüre er sich Stellen
+unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und daß es solcher
+Stellen und Merkzeichen viele geben müsse, beweist der allgemein selbst
+in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, längst
+angelegtes und bald hervortretendes System.
+
+Man erschöpft sich in Vermutungen über das politische Glaubensbekenntnis
+des neuen Königs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht
+gerade einige talentvolle Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der
+Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die
+vornehmimponierende und doch gefällige Haltung des neuen Herrschers mit
+Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund
+der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reaktionäre Geister
+geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persönlich
+kannte, so wird er bald gefunden haben, daß die naive Lebensunsicherheit
+dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu
+seinen politischen Phantasmen und Träumereien Vertrauen einflößen kann.
+Wie würde auch die große Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz für seinen
+ruhmgekrönten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu
+politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens
+und ihnen ähnliche, in Friedrich dem Großen nur einen gekrönten
+Jakobiner sehen?
+
+Man rühmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm
+Verstandesschärfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes
+und hat mehr Sinn für das Zivile als Militärische. Er liebt den Umgang
+mit Gelehrten und Künstlern, von denen viele sich seiner nähern
+Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente
+hinzugeben, bezeugt der gemütvolle, anspruchslose Brief, den er an
+Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der
+ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und daß ihm selbst der
+schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein dürfte, beweist der
+Umstand, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen
+wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Großen eher nachzusehen
+pflegt, als Kleinen, weiß man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerühmt. Er
+besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung
+für ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft
+ausgezeichneten Rednergabe, weiß ich nicht. Jedenfalls würde eine
+religiöse Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern
+einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist möglich, daß sie die
+Frucht einer entweder gemütlichen oder philosophischen Abneigung gegen
+einseitige Verstandesreligiosität wäre. Es ist kein Zweifel, daß der neue
+Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist
+wahr, daß ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so
+wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der
+Einfluß des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts
+Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins
+Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiß im Auge, wenn auch die Zeit erst
+lehren muß, wo es liegt. Für gedankenlos halte man keine seiner
+Unternehmungen. Ratgeber wird er hören, ihnen aber nicht immer folgen.
+Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, für öffentliche Schritte
+fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung
+ändern, nie aber einen Schritt wieder zurücktun. Es lodert viel Feuer in
+ihm und sein Geist wird oft in den schönen Fall kommen, heftigere
+Regungen des Gemüts zu zügeln. Der göttlichste Triumph, den uns der
+Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft
+beglücken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann
+darnach den Versuch machen, ein Porträt zu zeichnen und muß sich zuletzt
+doch eingestehen, daß der--Versuch eine Pfuscherei ist.
+
+Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrütet, so viel kleine
+Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, daß ich wohl begierig wäre, was einer
+von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine
+Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab),
+dem neuen Herrscher ans Herz legen würde. Mit guten Lehren aus dem
+frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, würde es wohl
+ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fürst soll keinem
+Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bändige eine
+Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben
+nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man
+Königen gegeben hat! Sie werden fast alle lächerlich, wenn man sie auf
+bestimmte Fälle anwendet, oder sie setzen an Fürsten dasjenige als
+lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19.
+Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind
+Ratschläge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was würde wohl
+mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preußens
+zu Rußland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein?
+Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von
+Jahren den Geschäftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er
+wird sich längst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet
+haben. Wer die Entwürfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist
+leicht möglich, daß Friedrich Wilhelm IV. für Europa einige
+Überraschungen im Sinne hat.
+
+Man spricht jetzt soviel über Friedrich II. Was ist es, das an ihm so
+außerordentlich gerade jetzt in die Augen spränge? Will man einen
+schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveränität?
+Nein. Es ist das Persönliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so
+bewundert wird. Preuß und andere haben so herrliche Züge von der freien,
+unabhängigen, entschlossenen Denkungsart dieses Königs mitgeteilt. Man
+hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt würden für
+staatsgefährlich erklärt werden. Es ist kein Zweifel, daß man mit dieser
+Vergötterung Friedrichs des Großen einen Wunsch für seine Nachfolger
+aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik
+gegen die Gegenwart.
+
+Was könnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Großen lernen?
+Vieles für die Personen, weniger für die Sachen. Nicht alles würde jetzt
+so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben würde.
+Wohl aber würde man für die Mittel und für die Ratgeber lernen können.
+Theoretiker am Staatsruder würde er mit Recht für Schwindler erklären und
+das Nächste würde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich über
+die Religion dachte, war nicht gut für die Schule, besser schon für die
+Kirche, vortrefflich für die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der
+ihn beseelte, war schlecht für den Aufbau des Neuen, aber gut zum
+Niederreißen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden
+Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe
+benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich
+II. bewundrungswürdig. Man fühlt, wenn man seine Antworten und
+Resolutionen liest, daß man für jedes Leiden bei seinem Gemüt wohl eben
+keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhülfe würde gefunden haben.
+Seine Phantasie und sein Geschäftseifer machten ihm das Verständnis jedes
+ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht nötig, wenn man
+einen Minister verklagte, zu fürchten, daß man an eben diesen Minister
+würde verwiesen werden.
+
+Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit
+seiner Regierung gebührt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grün
+des Fichtenhains, der die sterblichen Überreste seines Vaters und seiner
+Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als daß man aus seinem
+Auge etwas andres erraten könnte, als Tränen. Er wird nicht damit
+beginnen, Schöpfungen seines Vaters umzustürzen, er wird niemanden, der
+des Seligen Vertrauen besaß, aus seiner Nähe entfernen. Aber die
+Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten
+erledigten Ministerstelle dürfte vielleicht das erste Symptom des
+Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf
+das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lächelndernster,
+mit bangfroher Erwartung.
+
+
+
+
+Das Barrikadenlied (1848)
+
+
+Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Bürgerbrust! Jeder Freie ist
+geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Laßt
+uns graben, laßt uns schanzen! Fässer her und Steine drauf! Trottoire,
+glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles hält die Kugeln auf.
+
+Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurückgewandt! Laßt sie
+schießen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie
+Brüder, haltet Stand!
+
+Faßt mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drückt die Büchse los!
+Offiziere, könnt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in
+Eures Königs Schoß.
+
+Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die
+zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fünfte folgt
+Ihr nicht!
+
+So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf
+des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt!
+
+
+
+
+Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
+
+
+Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemüter bewegt, fing klein an. Der
+Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung
+einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte,
+wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die
+in verworrenem Durcheinander über Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige
+von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vorträge geworfene
+Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn
+zum Präsidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er
+aber nicht zurückwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme
+am gemeinen Wesen ede1ste Bürgerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren
+Debatte verfaßte und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und
+Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags
+wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim überreicht.
+
+Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das
+Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u.
+19. März eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr,
+die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gründe, mit
+denen man sich bekämpft, sind nicht immer redlich. Ich finde es
+unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der großen Masse sagt: Wollt
+Ihr einen konstitutionellen König? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne
+Beirat der Stände? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und
+die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen
+konstitutionellen König, wir wollen nichts ohne die Stände usw. Der König
+ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht
+haben. Der König hat sich mit dem Vereinigten Landtag früher als
+absoluten Fürsten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben
+diesem absoluten Fürsten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem
+konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die
+Konstitutionalität des Königs durch die Berufung des Vereinigten Landtags
+beweisen will.
+
+Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas
+neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphäre, vorteilhaft
+auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdächtigen etwas die
+Sympathie, die sich für ihn zu erkennen gibt. Die Buchhändler haben noch
+so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager:
+Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung,
+eine Konsolidierung der Verhältnisse, die Börse will endlich Kurse
+notieren. Die früheren Abgeordneten, die da merken, daß ihre Stunde
+gekommen ist, regen sich auch. Sie möchten gern, das wittern wir in der
+Luft, Römertaten von Entsagung aufführen, recht flatternd den Mantel nach
+dem Winde hängen und die Lüge noch mehren helfen, die uns so schon
+verdächtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und
+vermehren das Mißtrauen in diesen alle Zeit ja rein prekär und von der
+königlichen Gnade abhängig gewesenen Staatskörper.
+
+Man sagt, man könne eine moralische Versammlung nicht töten. Und doch
+verlangt Ihr, daß sie sich selber töten soll? Ich gestehe, ich möchte
+nicht auf den Bänken dieses Landtags sitzen mit dem Bewußtsein, daß ich
+mich überlebt hätte, daß ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner
+unmöglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken,
+vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen
+niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind
+Provinzia1stände, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne
+Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctorität, ja sogar erst die
+Periodizität ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir
+haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefühlt, wir haben
+immer dahin protestiert, daß wir nicht die Stände, die 1815 versprochen
+sind, vorstellen, und so können wir nichts anderes tun, als uns in
+Provinzia1stände, was wir sind, auflösen, nach Düsseldorf, Münster,
+Königsberg, Breslau gehen, für das Wohl der Provinzen sorgen und uns der
+kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewährte, freiwillig
+begeben.
+
+Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich rüsten
+darauf:
+
+1. daß dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1ständig erscheinen, 2. sich
+für inkompetent erklären und 3. von der noch gärenden Aufregung
+vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird.
+
+Wünschen das die Minister? Können es die Freunde des Friedens und der
+Ordnung wünschen?
+
+Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt
+werden. Und überall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese
+Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklären, sie würde von diesen
+Provinzia1ständen nimmermehr Deputierte, die das preußische Volk zu
+vertreten hätten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen
+Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und
+solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, daß man den Vereinigten
+Landtag, als solchen, fallen läßt. Preußen bedarf in diesem Augenblick so
+dringend der allgemeindeutschen Sympathie.
+
+Wir haben nötig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die
+Konstitution bespricht, und dann erst mögen die neuen Stände kommen, die
+vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament).
+Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Stände. Wenn das
+deutsche National-Parlament über vier der wichtigsten Lebensfragen eines
+Volkes zu entscheiden hat, werden die Ständekammern aller deutschen
+Staaten ohnehin nur gewissermaßen zu Provinzia1ständen herabsinken. Warum
+streiten wir uns über das künftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es
+sich nur um eine konstituierende Versammlung für Preußen, und diese muß
+allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz
+abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie möglich. (Dahlmann) hat gewiß
+Kenntnisse preußischer Verhältnisse genug, um rasch ein solches
+Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird
+vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustände des
+historischen Augenblickes, nicht an seine Göttinger Diktate zu halten.
+
+Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurück von einem
+konstitutionellen König, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun
+könne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller
+König ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution,
+die wir erst bekommen sollen. Ein Preßgesetz war rasch erlassen, ohne die
+Stände. Da besorgte man, die Freiheit der Presse müsse doch gleich eine
+beruhigende Form haben. Jetzt berufe der König eine konstituierende
+Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder
+so modifiziert, wenn nur überwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit
+ehrlich entsprechend, werden ihm die Männer bringen, die allein die
+Gegenwart und Zukunft organisieren können. Es ist sophistisch, hier von
+einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der König ist in diesem Augenblick der
+Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm
+die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies
+und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Stände, Inneres,
+Äußeres, Deutsches, Preußisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt:
+Der König darf die Bürgerwehr nicht ohne die Stände geben, die deutsche
+Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt
+Ihr von ständischer (Zustimmung) sprechen? In der gefährlichsten Frage,
+wo der meiste Egoismus zu fürchten steht?
+
+Der Vereinigte Landtag enthält Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert)
+sind. Seid gewiß, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen!
+Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderäte usw., die durch Vorrechte
+gewählt wurden und die lärmendste Agitation (für) den Landtag machen, die
+wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags
+erblick' ich auch nicht. Kräftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so
+vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muß man sagen: Der Vereinigte
+Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Königs geschenktes
+(Rendezvous). Die Provinzia1stände sollen nicht sogleich vernichtet
+werden. Sie mögen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine
+Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich
+mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille
+auflösen oder, wäre es der Fall, daß das deutsche National-Parlament nur
+Provinzia1stände um sich sehen will, einer neuen Organisation
+entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stände ist etwas
+rein Arbiträres, Zufälliges gewesen, und keinen Landstand kann es
+beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.
+
+Also, laßt Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich,
+einseitiger Willkür. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen,
+freien Gesinnung gräbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf
+gebaute wahre Stände des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle
+von oben aufhören. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist,
+wollen wir froh sein, wenn die stürmisch gewesenen Vorboten des
+angebrochenen Völker-Frühlings uns noch recht viel solcher Blüten vom
+Baume der Majestät schütteln, wie diejenigen waren, welche wir in den
+jüngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein
+Wahlgesetz gibt jetzt nicht der König sondern das Volk, die Zeit, der
+Sieg des Augenblicks.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Preußen und die deutsche Krone (1848)
+
+
+Man kann es vom höheren, vaterländischen Standpunkte aus nicht billigen,
+daß sich Süddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den
+gewaltigen Umschwung unserer Verhältnisse hervorriefen, nur die
+Ereignisse vom 18. und 19. März herausgreift und auf diese schmerzlichen
+Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preußen desavouiert. Denn
+was man gegen die Person des Königs sagt, trifft in diesem Falle das
+Land, trifft Preußen und viel empfindlicher Deutschland selbst.
+
+Man berät eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu wählenden
+kürzeren oder längeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier
+Deutscher" steht es fest, daß selbst die freisinnige, deutsche,
+hochherzige Bewegungspartei für die Idee einer preußischen Hegemonie ist.
+Die süddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation,
+einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten
+anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. März
+soll Preußen plötzlich "unmöglich" geworden sein? Darin liegt eine
+politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.
+
+Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir möchten sämtliche
+deutsche Fürsten auf eine Art Standesherrenschaft zurückführen, ihnen in
+Frankfurt (einem nicht gut gewählten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar,
+Nürnberg wären besser) eine ehrenvolle und würdige Vertretung ihrer
+Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein
+temporäres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt
+regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fürsten
+ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen
+Wünschen sich zu fügen; ja sogar größere Fürsten, die Könige heißen, ob
+sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzöge oder Landgrafen heißen
+sollten, ich sage, selbst größere haben Wärme und Gefühl für das
+Gemeinsame genug, daß sie freiwillig ihre Souveränität angeboten und auf
+den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein König
+sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kräftig genug
+fühlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser
+idealen Richtung sich verwandter fühlt. Von Österreich würde man immer
+nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn
+auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche
+Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen ließ, sie kann nur
+vorübergehend sein. Warum nur vorübergehend? Weil einmal die
+Persönlichkeit des gegenwärtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens
+der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedüngten Grundlage im ganzen
+Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewünscht werden
+kann, daß Deutschland wieder in das Schlepptau der europäischen Politik
+des Hauses Habsburg genommen wird. Was man für [die] Reorganisation
+Deutschlands tut, muß ohne organische Aufnahme österreichischer Elemente
+geschehen. Österreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.
+
+So bliebe immer nur die preußische Anlehnung als die hauptsächlichste und
+entscheidendste übrig. Das schlechte Preußische ist ja im Innern zerstört
+und wird noch mehr zerstört werden durch Amalgamierung mit dem übrigen
+deutschen Stoff; das gute Preußische aber ist für Deutschland so
+wesentlich, daß es Torheit und Verblendung wäre, sollte sich auf ein
+einzelnes Faktum, über das wir noch später sprechen werden, auf eine
+einzige dem Königtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme
+Preußens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in
+Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher
+Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwünschungen
+ergehen, Lieder singen usw., aber die nüchterne Erwägung der Tatsachen
+sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und über die Personen
+nicht die Sache zu verlieren!
+
+Isoliert man Preußen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar
+konstitutionell bindenden Königs, dessen Persönlichkeit indessen nicht so
+nach Gefallen zu beseitigen ist, so könnte der deutschen Wiedergeburt
+eine große Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die
+Hauptstadt Preußens, pommersche und uckermärkische Bayards wiegeln die
+unzurechnungsfähige altfränkische Loyalität der Bauern und den Ärger des
+Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Führer sind geradezu
+verdächtig, die ganze Maschine der Verwaltung läuft noch in den alten
+Wellen und Rädern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung
+und läßt im Adressenrauschen und Fraternitätspredigen vielleicht den
+Moment der Tat vorübergehen, Rußland, das gerüstete, einige, feste weiß,
+was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preußen unvorbereitet,
+uneins, zögernd, den König verstimmt, abgekühlt durch Eure Proteste, der
+Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Süd- und Westdeutschland
+haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die
+militärische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und
+vertrauenerweckender Art.
+
+Preußens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fließens,
+Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preußen in sich
+aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preußen zurück? Ist es
+nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch
+Mißtrauen in das von Euch bespöttelte Berlin, dem Ihr in diesem
+Augenblick allein den kräftigsten Beweis einer in Deutschland doch
+möglichen Auflehnung gegen Übergriffe und Anmaßungen der Gewalt verdankt?
+Berlin hat sich nicht nur durch seinen persönlichen Mut zur geistigen
+Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fülle von Fragen,
+die sich in politischer und sozialer Rücksicht hier allein aufgeworfen
+haben. Man kam fast nirgends über die patriotischen und liberalen
+Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des
+Volkes auf.
+
+Nenn' ich die Isolierung Preußens in diesem Augenblicke unpolitisch, so
+ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen
+das preußische Volk, ungerecht sogar gegen den Fürsten. Was am 18. März
+verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fürsten. In Wien ist
+auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad würde
+ebenso groß geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der
+Absetzung Metternichs eine rasch ausführbare Konzession gehabt hätte.
+Metternich stand schon so schwankend, daß er durch eine Straßenbewegung
+fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militär als
+solchem lieferte, dem Militärstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz,
+es war ein fast persönlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fürst,
+umgeben von solchen Generälen, solchen militärisch gesinnten Prinzen,
+solchen militärischen jahrhundertalten Arroganzen, hätte ebenfalls feuern
+lassen. Der König braucht darum gar nicht persönlich der "Würger" und
+Schlächter zu sein, für den ihn die Heidelberger Adresse erklärt. Er ist
+ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militärischen
+Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brüder und
+sogenannten Jugendfreunde, der Frömmlinge, der Volksverächter jeden
+Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbständigkeit er
+in sich selbst besitzt in dem Gefühl seiner nunmehr achtjährigen
+widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen
+vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise
+umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise,
+edel sein zu wollen, und dem Bewußtsein, gut, gerecht, weise, edel sich
+selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenüber immer als das Gegenteil
+davon hervortrat: so ist es im höchsten Grade ungerecht, die völlige
+Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. März die Lust bezeugte, das
+Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn
+innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an
+die deutsche Sache zu erkälten. Noch bedürfen wir, um das, was in
+Frankfurt bezweckt wird, auszuführen, der Persönlichkeit unserer Fürsten.
+Noch kann die Reue, das Bedürfnis nach Popularität, der geweckte
+Enthusiasmus des preußischen Königs in die Waagschale der Frankfurter
+Entschlüsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem,
+was am 19. in Berlin geschah und wie es in München, Kassel, Karlsruhe,
+Hannover geschehen sein würde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine
+kräftige Miene gezeigt hätte! Mit Worten ist in Städten, die ich nicht
+nennen will, von unseren Fürsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin
+mit Waffen.
+
+Deutschlands Wiedergeburt unter dem preußischen Banner ist, so lange wir
+in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige
+kraftvolle und Zukunft versprechende Lösung des Augenblicks. Wollt Ihr
+die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so könnt Ihr nur den
+Mächtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person
+vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!
+
+Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer
+unüberwindlichen persönlichen Abneigung, so treten folgende Fälle ein:
+Erstens werden wir um die Rußland in Schach haltende polnische
+Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus
+friedlich geschaffenes Königreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich
+sich abfinden dürfte. Zweitens hätten wir die russische Invasion, die ein
+innerlich zerworfenes, militärisch unorganisiertes Deutschland, ein für
+den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preußen vorfände. Drittens
+endlich, wer schützt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten,
+grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoß der
+nächsten Zukunft, wenn Süddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten
+so fortfährt, wie es begonnen, es sei denn, daß der König von Preußen,
+der großen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstände,
+den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung"
+gegeben hat.
+
+
+
+
+Abwehr einer Verleumdung (1850)
+
+
+In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die
+Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des
+politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb
+als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden,
+weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein.
+Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber
+doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht!
+Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er
+wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen"
+herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern
+hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht
+sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte
+Barrikaden befehligt?
+
+Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte,
+wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir
+Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich
+bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense
+sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich
+habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit
+Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines
+Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer"
+fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem
+Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und
+Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt,
+Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht
+erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als
+ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach
+verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich
+wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er
+mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie
+nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht
+mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem
+patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen
+Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für
+revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und
+ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin
+ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal
+zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am
+liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier!
+Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu
+allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues,
+Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich.
+Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem
+Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne
+Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie
+jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und
+zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam
+freilich für immer sehr weiß heraus.
+
+Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein
+"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt",
+so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit
+entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen
+Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de
+Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also
+während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines
+Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich
+beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen
+Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb,
+weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der
+war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und
+dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die
+trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert.
+
+Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten
+Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken
+und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können,
+doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als
+rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es
+nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert
+oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück.
+
+Dresden, 23. Februar 1850.
+
+Dr. Karl Gutzkow
+
+
+
+
+Varnhagens Tagebücher (1861)
+
+
+Wir mögen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in
+manchen Blättern über Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlaß
+ihres Oheims (zwei Bände, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet.
+Die Ausdrücke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region,
+wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen
+getroffen fühlt.
+
+Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei
+ersten Bände treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persönlichster
+Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen
+Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier
+verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die
+kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu
+Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewährt es einen hohen Genuß,
+sich sagen zu können: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzügen
+deines Lebens beteiligt, fühltest dieselben Gewaltschläge der Schergen,
+hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste
+lebt sich ein älteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen
+noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.
+
+Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veröffentlichungen, sie
+lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietät vor der
+gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und
+vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur
+in hastiger Erwartung des Zukünftigen unsere Befriedigung zu finden. Je
+massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die
+Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des
+Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und
+Persönlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der
+Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflüster
+der Göttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persönlichkeitskultus,
+den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitäten willen
+verurteilen wollen.
+
+Welche Fülle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bände enthalten,
+ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir können allerdings den
+verstehen, der die Möglichkeit, solche Tagebücher zu führen, in mehr
+bedenklichen als guten Charaktereigentümlichkeiten finden will; das vor
+uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und
+nützlich. So viel läßt sich bei jedem einigermaßen Urteilsfähigen
+voraussetzen, daß ihm nicht jede dieser flüchtig hingeworfenen Äußerungen
+maßgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht
+alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen;
+Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es
+nur allein schon den Hochgestellten und Mächtigen, daß sie überall sich
+eingestehen müssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fußangeln
+gewarnt, aber hüte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht
+zu sein!
+
+Auch darin müssen wir eine höchst interessante Wirkung dieser
+Veröffentlichungen sehen, daß wir die außerordentliche und fast
+unglaublich scheinende (Natürlichkeit) kennenlernen, die in gewissen
+höhern Regionen waltet. Möglich, daß zwei Dritteile dieser hier vom Hofe,
+den Prinzen, den Staatsmännern Preußens aus den oben genannten Jahren
+mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzählt oder leere Erfindungen des
+Gerüchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurück, um uns ein Bild
+dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen
+der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stürmt der Zugwind am meisten
+um große, alleinstehende Kirchen und läßt schon in der Legende den Teufel
+da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fürsten und Regierende
+genug selbst gesprochen, teilt Äußerungen von erlauchten Lippen genug
+selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu
+erwecken: So also beängstigt euch Herrschende doch die Zeit und die
+tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite
+steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt
+hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche
+Leidenschaft der Menschen nicht--! unablässig Wirkungen hervor, deren
+Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles
+so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen
+so heiß siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie
+vorläufig! Diese Hände konnten mächtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht
+dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den
+Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektüre dieser
+Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso
+hilfsbedürftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.
+
+
+
+
+Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862)
+
+
+Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken
+über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen
+Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal
+ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht.
+Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint
+uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben
+sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein
+psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes
+uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die
+Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte
+in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre
+hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der
+Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von
+derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes
+geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger
+Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht-
+lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des
+Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein
+eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und
+lehrreich ist.
+
+Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit sind allerdings diese
+Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerückt. Aber waren wir
+denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften
+Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer hätte nicht damals sich
+mitten auf die Straße stellen und seine Stimme laut erschallen lassen
+mögen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksführer zu
+entlarven, Abtrünnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten
+preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die
+auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden
+Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland,
+zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen,
+falschen, der nächsten Klugheit widersprechenden Maßregeln die sonst
+ruhigsten Gemüter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der
+Fürsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen
+Zündstoff, um die Gemüter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier
+oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken,
+Bösewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder
+zwischen den Zähnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste
+Vergegenwärtigung einer Zeit vor, die leider für die Wiederaufnahme
+dessen, was sie uns hätte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und
+nutzlos vorübergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu
+entrücken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den
+Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es
+wäre ein unermeßliches Unglück für unser Vaterland, wenn die Stunde der
+Erlösung von unsern gegenwärtigen, von den Regierungen ja selbst für
+unhaltbar erklärten Zuständen zu einer Zeit schlüge, wo die Lehren der
+Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wären.
+
+Deshalb schon und um dieser nützlichen Vergegenwärtigung der Lage willen,
+in welche Deutschland bei einer verhängnisvollen Krisis immer wieder aufs
+neue wird geraten können, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen
+mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und
+"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mögen doch
+nicht glauben, daß man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden
+sind, nun wirklich dafür halten und in der Geschichte als solche stempeln
+wird. Viele davon mögen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber
+auch diese mögen annehmen, daß die öffentliche Meinung an ihre Reue und
+an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrät der Ton dieser
+beiden neuerschienenen Bände, daß der Verfasser der "Tagebücher" wirklich
+an der Zeit krank war und über die Täuschung seiner Hoffnungen oft sein
+Herz brechen fühlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden
+und geschildert wird, ist in der Tat erschütternd und versöhnt uns nicht
+nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern überhaupt mit
+manchen Zügen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns früher nicht
+hatten befreunden können. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte
+der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an
+den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schöner nicht in den Werken
+der berühmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.
+
+Auch diese neuen Bände werden vielen Federn Anlaß bieten, in mannigfacher
+Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift
+fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken,
+die auf den politischen Charakter Preußens und Berlins geht. Jene Jahre
+waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten
+sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die
+Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geäffte
+Bürgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewältigenden
+Straßengeist Berlins, sondern an die Sphäre der Intelligenz und der
+privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentümlicherweise
+aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition
+gestellten Militärs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur
+Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen,
+Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphäre ist so
+höchst auffallend, daß man die Gefahren des Throns weit weniger versucht
+wird in der demokratischen Sphäre zu suchen als da, wo der Thron seine
+Stützen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlässigkeit, Rachsucht,
+hämische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer müßiggängerischen
+Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen
+Nachen denken läßt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und
+Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher
+Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche
+Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsführung anstreben. Denkt
+man sich diese spezifisch berlinisch-preußischen Elemente beim Beginn
+eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so
+außerordentlich viel Weisheit, so außerordentlich viel (nur durch die
+Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten
+Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen läßt,
+ernstliche Besorgnisse einflößen.
+
+
+
+ * * * * *
+
+III. Drei Berliner Theatergrößen
+
+
+
+
+Ernst Raupach (1840)
+
+
+Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben.
+Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu
+schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen
+nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt
+haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht
+die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat
+von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht
+für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen)
+zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls
+wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf
+schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die
+Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen
+Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen
+Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche
+darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man
+seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß
+Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende
+Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen
+werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen
+bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die
+Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.
+
+Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der
+Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür
+anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen?
+Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte
+von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn
+Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus
+seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'
+es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines
+Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer
+derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben
+den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen
+Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-
+faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,
+weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht
+Vergängliche verschwenden ...
+
+
+
+
+Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843)
+
+
+Es bestätigt sich denn wirklich, daß nach des Sophokles "Antigone" nun
+des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Königl. Hoftheater in Berlin zur
+Darstellung angenommen und zu demnächstiger Aufführung bestimmt zu sein.
+Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh.
+Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chöre zu instrumentieren.
+Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit
+denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden füllen können.
+
+Die ästhetische, lebendige, durch und für die Zeit lebende Kritik kann
+aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muß sie dieses
+pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfüllen. Sie muß es
+unerschrocken aussprechen, daß die Vergeudung der Kräfte, die eine solche
+scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet,
+eine unverantwortliche Beeinträchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur
+eine Beeinträchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.
+
+Tieck mißachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehässigen Gesinnung
+gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener
+Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, überall, nur nicht da, wo er
+durch seinen Einfluß der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des
+Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von
+Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorführen lassen, nur eine dem
+Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehörende Bühne sollte vor dem
+Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und
+literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v.
+Küstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen
+Chimären, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gänzlich fremd,
+hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluß so gering, daß er
+unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wünsche sein
+muß,--so ist es noch schlimmer.
+
+Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine
+gründliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches
+Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen für Kunst und
+Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere
+Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mütter bringen?
+Bedürfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der
+Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht,
+jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedürfen wir zur
+Belebung des Sinnes für höheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die,
+überwiegend von der Musik unterstützt, durchaus ein für das rezitierte
+Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen können? Ist die Weltanschauung
+der antiken Tragödie eine erhebende für das Christentum, eine belehrende
+für den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat,
+als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter,
+Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene
+Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?
+
+Ich höre, ein derlei praktischer Nutzen würde auch mit den Zitierungen
+jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die
+Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der
+befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muß man herzlich die
+Täuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von
+Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik
+unterstützte Tragödie für die griechische der alten Welt halten kann.
+Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplätze
+für den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefähr aussieht, wie die
+Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere
+Gymnasiasten klassen- und cötusweise in eure antiquarischen Spielereien
+führen! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des
+Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich,
+ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am
+Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen
+polemischer Tendenz. Ihr lügt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie
+existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart,
+die das Unglück hat, jünger zu sein als ihr! Um von den "Götzen des
+Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Götter, Götter, die nie
+existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Ölgötzen, Ödipe mit Souffleur-
+kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgänge spielen, Chöre, die sich auf
+den Kontrapunkt verstehen! Lüge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige
+Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schämt euch, so eure Zeit zu betrügen
+und die Kunst zu hintergehen.
+
+Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolität.
+Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich für Organismus ausgibt,
+alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkür ist und den
+Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck über das belletristische
+Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller
+Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm
+lästig, Ernst drückend, das Erhabene nur willkommen, wenn es möglicher-
+weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer ließe ihn nicht in dieser
+seiner Art gewähren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre
+Grenzen. Die Ironie hört auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter
+Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei
+der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum
+Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner
+Häuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und
+Trollgeistern, die dich im grünen Waldrevier deiner Talente bewundern und
+bedienen--aber laß vor den heiligen Räumen des Ernstes deine Schelmenkappe
+zurück: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bühne, was sie
+jetzt ist, die Bühne als Träger und Organ höherer Sittlichkeit: das sind
+Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten
+darf.
+
+Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurück, so muß sich
+unwillkürlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen,
+reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen
+weiß, wenigstens keinen, der über einige heitere und witzige Schriften
+hinausging. Das Theater schien sein nächster Beruf. Er wäre gern
+Schauspieler geworden und würde in dieser Laufbahn, von der ihm Schröder
+abriet, vielleicht Großes geleistet haben. Er persiflierte in seinen
+unaufführbaren Komödien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes
+für ihn geben zu können. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten
+Richtungen lächerlich, von denen sie später eingestehen mußten, daß sie
+noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmächtigen romantischen
+Produkte, über welche Tieck in seinen spätern dramaturgischen Blättern
+berichten mußte. Aus Verzweiflung, daß "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw.
+für die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf
+Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so überpries, daß sich
+zwischen Altem und Neuem förmlich eine unüberschreitbare Kluft öffnete
+und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier
+Anbetungswürdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines
+Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber überschwenglich nur loben
+konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer
+Bühnenkenntnis, nicht ein einziges Bühnenstück schreiben können. Nicht
+ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das
+diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, für
+jeden Produzierenden gefährlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so
+viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich
+muß das Bewußtsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und
+ihn gegen seine Zeit so mißstimmen, daß er sich lieber in die antike
+Bühne wirft, als frei und tüchtig der Gegenwart Rede zu stehen....
+
+
+
+
+Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)
+
+
+Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine
+Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als
+alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit
+Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als
+eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein
+notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die
+Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls
+ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater
+sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die
+Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten
+Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,
+bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.
+
+Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht
+angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen
+alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine
+Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden
+sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die
+Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen.
+Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle
+Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen
+aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben
+Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich
+auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben
+das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die
+Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den
+Hauptgrundsätzen nur zu billigen.
+
+Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel
+beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze
+Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich
+erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer
+Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei
+der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen
+zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist
+vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen
+Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle
+Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in
+empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen
+repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon
+mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen
+unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten
+weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein
+Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt,
+gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile
+ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und
+Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich
+für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale
+weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein
+Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau
+von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger
+für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----
+
+Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn
+es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr
+aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.
+Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte
+ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den
+Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese
+mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen.
+
+Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen
+sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei
+Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir
+einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in
+ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen
+Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf
+Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria
+Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der
+Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer
+stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation
+aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton
+wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein
+Urteil zu haben.
+
+Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie
+ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie
+der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine
+bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie
+würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte
+St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von
+deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem
+französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)
+befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die
+Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle
+Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.
+
+Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung
+von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin
+mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel:
+
+(Anna von Österreich.
+
+Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:
+
+Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.
+Birch-Pfeiffer.
+
+Erste Abteilung. Ein Taschentuch.
+
+Zweite Abteilung. Der Musketier.
+
+Dritte Abteilung. Der Kardinal
+
+Vierte Abteilung. Zwölf Tage später.)
+
+mit oder ohne diese Titel-Aushängeschilder nicht auf die Königliche Bühne
+gehört. Herr von Küstner sollte sich hüten, seinen Gegnern mit solchen
+Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.
+
+Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf
+den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt über die Königsstädter über
+die Königliche Bühne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs,
+Döring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rücken für Alexandre
+Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei
+Musketiere ins Feld. Herr von Küstner glaubt die hohe Aufgabe, jährlich
+sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches
+Repertoire lösen zu können. Wenn auch Graf Brühl sich im Grabe umdrehen
+sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen
+Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer
+Straßenecke lesend, lächeln, höchst ironisch lächeln sollte, Herr von
+Küstner führt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!
+
+Früher war das Verhältnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stück
+gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah,
+ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrührte
+oder ob sie sich, wie Kühne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet"
+hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Günstlinge"
+usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Würste" aber
+gingen hinüber in die Königsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die
+Pfefferrösels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heißen,
+die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den
+Romanen Storchs, Dörings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhängenden
+Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere würde Graf Redern (nicht als
+Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Königsstadt geschickt haben.
+
+Herr von Küstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben
+hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich
+an, stattet sie mit Glanz aus und würde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn
+Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" hätte, ohne Zweifel für sich behalten
+haben. Ich meine nun, dieses System wäre sehr verwerflich und der
+allgemeinsten Entrüstung würdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn
+von Küstner müßten ihm entschieden andeuten, daß es dem preußischen
+Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrückt, mit dem
+Überschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wäre. Ich meine,
+daß sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden hätte sein und sagen können:
+"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stücke, die
+schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!"
+Allein Macht und Übermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken:
+Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ...
+
+Deshalb weise Herr von Küstner seinen über die Maßen protegierten
+Günstling in die Schranken, die ihm gebühren! Vielleicht glaubt man
+mir's, vielleicht nicht, daß ich mit schwerem Herzen an die Abfassung
+dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe
+seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben;
+ich gönne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich
+will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen,
+ich will nicht spotten und selbst für die ironischen Stellen dieses
+Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mißbilligung treffe Herrn
+von Küstner, der monatelang keine Neuigkeiten aufführt, in den Berliner
+Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten
+Vorbereitung unterhält und dann plötzlich in aller Stille, zur
+günstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die
+Königsstadt gehört, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der
+Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr
+treten? Ich für mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile für die Bühne
+geschrieben hätte, würde es unverantwortlich finden, daß die Berliner
+Hofbühne diesen, aus schnöder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig
+Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire
+aufnehmen darf.
+
+
+ * * * * *
+
+
+IV. Aus dem literarischen Berlin
+
+
+
+
+Der Sonntagsverein (1833)
+
+
+Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der
+Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, daß der
+wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fünf Jahren in Berlin
+jenen ersten Verein gründete und ihn witzig nicht die sondern den
+Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem
+Namen zu unterdrücken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen,
+als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen.
+Saphir wußte diese Gesellschaft bald zu bevölkern. Die Zahl seiner
+Schüler und Verehrer war beinahe ebenso groß als die seiner Feinde.
+Saphir zeigte, daß der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, daß die
+Phantasie alle Lücken ausfülle und der Götterfunke auf keine
+Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den
+seinen Gegnern ausgeschlagenen Zähnen aufwuchs und sich mit Begeisterung
+unter seine Fahne stellte.
+
+Die Seidenwarenhändler in der Breiten Straße tobten, daß ihre
+Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfüße maßen, um
+Scharaden, Logogriphe und Rätsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit
+klopfendem Herzen in Saphirs Blättern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf
+dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verführungsgeschichten
+und Schlägereien ins Reine schreiben und übten sich in der literarischen
+Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstraße immer willkommen
+waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hörten, machten
+humoristische Ausflüge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost"
+und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres großen
+Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwähnen, daß für die Juden ein ewiges
+Laubhüttenfest der Poesie angebrochen war, daß sie sich ihre satirischen
+Adern öffnen ließen und unter dem Schutze ihres großen Messias alles
+taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blühte die
+Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Früchte, von denen sie zum Besten
+der Überschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Später kam
+die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswürdigen Freundes
+Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden.
+Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir
+emanzipiert und hören nicht gern, daß man sie an die Schule ihrer Talente
+erinnert. Die beiden vorliegenden Bände ["Rosetten und Arabesken.
+Novellen, poetische Gemälde und satirische Skizzen der jüngern
+Serapionsbrüder. "] führen den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des
+Sonntagsvereins" und geben den Maßstab für das, was dieser war, ist und
+sein könnte.
+
+Zwanzig Köpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfälle und
+Ausfälle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repräsentanten gefunden,
+und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die große Zahl
+sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kämen z.B. Ludwig
+Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehören,
+weil sie kürzlich mit zwei großen goldnen Verdienstmedaillen belohnt
+worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens-
+bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt'
+ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergießungen über die richtige
+Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitläufig
+und ich begnüge mich nur anzuzeigen, daß diese beiden Bändchen eine
+Musterkarte von Trivialitäten, geistlosen Gedankenspänen, kurz von
+literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W.
+Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt
+in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:
+
+Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorüber! Vergebens sucht Ihr es
+im Buch der Zeit!
+
+Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher
+Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten"
+von Wilhelm John erregen allerdings Gelächter, weil sie bewunderungs-
+würdig fade sind. Man höre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt,
+daß Enthusiasten häufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind.
+Hieraus könnte man schließen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei,
+daß sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen können." Wie
+dumm! Ferner: "Die gröbsten Ausfälle werden gewöhnlich am meisten gegen
+diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfälle haben." Ich hätte
+Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull
+es nur mit dem zweiten könnte. Ferner: "Der Witz des Pöbels gleicht
+mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glänzen."
+Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht,
+originell zu sein, hat das Originelle an sich, daß sie Narren bildet."
+Ach! Es ist genug.
+
+Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem
+Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine über dies
+Mittelmaß hinaus.
+
+
+
+
+Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835)
+
+
+Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!
+Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch!
+Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige,
+lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer
+Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen
+Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste
+Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden,
+da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen
+eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen
+Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder
+wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,
+unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!
+Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der
+Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den
+Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter
+seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf
+der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch
+geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist
+in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod
+der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße
+und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde,
+könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es
+sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch
+ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,
+daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.
+
+Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr
+Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind
+nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man
+rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher
+Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten
+kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu
+zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie
+zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat
+Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen
+behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste
+Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure
+Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den
+letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal
+einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt
+nicht das Urteil, sondern die Erklärung.
+
+Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war
+ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war
+eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt,
+und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine
+allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die
+bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,
+und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt.
+Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um
+ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das
+höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,
+angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für
+beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf
+wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und
+des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide
+Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort-
+lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus
+wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden
+nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen
+idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon
+hatte.
+
+Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde
+ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte
+keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen
+Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt
+anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit
+selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie
+war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die
+Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806
+gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und
+immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;
+sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von
+Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel
+von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem
+Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!
+Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte
+sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing
+erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie
+nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so
+blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille.
+Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles
+bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen
+sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war.
+
+Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut,
+luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den
+Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn
+Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die
+Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit,
+russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und
+nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und
+Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher
+holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen
+hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man
+wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist
+in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo
+in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen
+war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet
+er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken
+sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel
+wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die
+Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.
+Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert,
+und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht
+anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die
+Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem
+Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden
+Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles
+Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne
+Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es
+früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter
+ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der
+nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das
+Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit
+vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der
+Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke
+sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone
+aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben
+muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter,
+tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder
+unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen
+affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo
+die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der
+rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes,
+stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer
+Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger
+Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des
+Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen
+Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den
+Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche
+Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich
+aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So
+fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht
+dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte
+er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,
+daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht
+haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen
+Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er
+fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um
+originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im
+Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem
+Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.
+
+Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in
+diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln
+zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe,
+sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage
+seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche
+ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und
+sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei
+großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte
+und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher
+macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes
+und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne
+bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in
+Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen
+Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr
+glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe
+sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich
+der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:
+Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die
+stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne.
+Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht
+tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,
+blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der
+Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im
+Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den
+gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis
+des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede
+Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte.
+
+Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die
+Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle
+nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein
+unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie.
+Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du
+tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an.
+Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du
+die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in
+den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch
+Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im
+Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das
+Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du
+empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende
+eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das
+Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es
+ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,
+sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn
+es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein
+Gedicht rundet sie nicht ab.
+
+
+
+
+Diese Kritik gehört Bettinen (1843)
+
+(Nil divini a me alienum puto.)
+
+
+Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen
+hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst
+erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die
+verschmachtende Kehle hinunterschüttet und mit Wollust die benetzte Lunge
+zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im
+Kristallglase ihrer stilistischen Schönheiten, mit all den wunderlichen,
+eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die
+anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der
+uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht südliches
+Rebenblut, durchduftet von den Blüten des Orients oder gewürzt von
+zerstoßenen Perlen der Märchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische
+Quellflut, reines kristallhelles Naß vom Borne der Natur, aus der
+Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche,
+gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewürzten
+Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser
+täglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem
+ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und
+Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein
+volles Glas, wo die Felsen-Kühle mit tausend Tropfen die innere Wand
+beschlägt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden
+Champagnersänger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung
+und Kühlung, Erquickung und Stärkung, Trost für das Vergangene und Mut
+für das Werdende!
+
+Das neue Königsbuch dieser merkwürdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne,
+daß es wie herbstliches Geblätter eine Weile raschele und unterm
+Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat,
+die weit über den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehört
+dem König", es gehört der Welt. Es gehört der Geschichte an, wie Dantes
+"Komödie", Macchiavellis "Fürst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft".
+Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von
+Millionen gefühlt werden, gesagt werden mußten. Man wird diese Dinge
+bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und
+man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen
+Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heißt es, das
+starke Ende kommt nach. Mit des kühnen Strauß' "Leben Jesu" ging es
+ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm
+niederfällt.
+
+Wer noch nicht nach den beiden kleinen Bänden gegriffen hat, wer noch
+schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie
+einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zügen", wie
+die Studenten sagen, trinken und allmählich in sich aufnehmen muß, dem
+diene folgendes als Erläuterung: Das merkwürdige Buch trägt seinen
+persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in
+diesem Titel. Dies Buch gehört wirklich dem König und mußte so heißen,
+durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den König
+geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der
+Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfaßt, und deshalb von
+Tausenden von Männerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das
+Organ einer allgemeinen Ansicht, die kühne Vorrednerin ist, die Jeanne d'
+Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem
+Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, daß nur ein Weib das
+sagen durfte, was jeden Mann würde hinter Schloß und Riegel gebracht
+haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umständen, in diesem
+Zufall, daß eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und
+ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine
+Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der
+Gesellschaft veröffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht
+einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-großartig ausgesprochen
+hat, darin liegt etwas, was göttliche Vorsehung ist. Dem bedrängten
+Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen.
+Windet Euch, baut Bücher auf Bücher auf, sprecht Anathema über Anathema,
+die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen
+in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung
+haben will, diese Glut einer Überzeugung, die sich wie ein feuriger Strom
+durch die Lande wälzen wird, ist nicht zu dämpfen, nicht auszulöschen.
+Den Handschuh für die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist
+immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren.
+
+Bettina gehört zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug
+wie Schlangen sind. Sie redet zunächst nicht zum König von Preußen. Sie
+malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen
+Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemäß,
+kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht
+scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von
+Napoleon und läßt die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden.
+Sentimentale und Tartüffe-Gemüter, die immer wollen, daß man die Sachen
+von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen"
+sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher
+Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die
+Verantwortung so himme1stürmender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund
+legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Füßen gesessen, weiß,
+welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom
+Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen,
+die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen
+Begriff, eine poetische Individualität, wie sie der Dramatiker schafft.
+Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafür im
+Jenseits nicht mit Plato zürnen. Der Vater ist verantwortlich für den
+Sohn, der Staat für den Bürger (Bettina führt diese Pflicht mit
+besonderer Vorliebe aus), der Lehrer für den Schüler. Von großen Menschen
+bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist
+geboren wird. Und so ist auch jenes Dämonion, jene höhere Weihe und
+plötzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates,
+nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften
+Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt
+Bettinen, die es wagen darf, den kühnen Heldengeist jener Frau mitten
+unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms,
+von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein
+und dem Bürgermeister von Holzhausen redete.
+
+Der erste Band des Königsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate
+gewidmet. Die Beweisführung in beiden ist die des ursprünglichsten
+Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug
+und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Rücksichten der
+Selbsttäuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie
+Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen geflügelten Hufen, der Bahn
+der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenröte
+aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kühnen Händen, noch
+sind sie leer, aber nicht ein Wort der Lügen, die darauf standen und die
+sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen
+stehen dürfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste
+Positivität des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine
+indische. Sie ist kein Behagen, keine träumerische Wollust in sich
+selbst, sondern ringende, kämpfende Freiheit, griechische Freiheit, wie
+sie sich in der Palästra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen
+erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im
+Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen
+Bergeshöhen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestrüpp und Genist
+nicht ins blinde, wilde Ungefähr hinein, sondern nach einem erhabenen,
+edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfaßt, Gotteswürde und
+Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im höchsten, im
+majestätischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als
+die Natur, die Vernunft und der freie Geist!
+
+Die übliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie
+unserer Zeit wird über den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreißen und
+siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen
+Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfähigkeit.
+Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma
+ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Möglichkeiten
+der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern
+die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage
+nicht, daß sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums
+ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein
+Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kämpfe lehrt, daß für
+die Freiheit schon unendlich viel gewonnen wäre, könnten wir nur auf der
+Hälfte des Weges, den Bettina schon zurücklegte, Hütten und Zelte bauen,
+geschweige Kirchen im Sinne dieser Hälfte. Der Erfolg dieses Buches, wie
+weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird,
+läßt sich noch nicht ermessen. Erst muß die wilde Jagd der Gegner kommen.
+Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab!
+
+Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band.
+Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man höre, was er
+enthält, und erstaune über dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die
+heißeste, glühendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten,
+daß der Kommunismus viele Anhänger finden wird.
+
+Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat
+schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Märtyrern stempeln
+und zöge die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das
+erste ist wahr. Man schreibt so viel Bände über die Gefängnisse, über die
+Verbrecher, über die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten,
+und doch bleibt es unwiderleglich, daß die wahre Politik, die Politik im
+Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Mögen
+wir nun an die ursprünglich gute oder ursprünglich böse Menschennatur
+glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung
+einen so hohen Begriff, daß wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur
+Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum
+mißlingen sie so oft? Unsere gewöhnlichen Quacksalbereien müssen doch
+wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schäden der
+Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz
+verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige daß sie
+bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenüber war es
+mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitäler, neue Quarantänen, neue
+Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als höchstens die
+sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da:
+jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa
+sporadisch, sondern so allgemein, daß die Gefängnisse keinen Platz haben.
+Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwächter und Gensdarmen, die
+Bürger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer
+sperrt sich ab gegen den andern und der Störer dieses atomistischen
+Staates wird unschädlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not
+des nächsten Augenblicks geboten wird, so muß man sie gelten lassen;
+erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden
+Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum
+achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen
+schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein
+Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und glücklich
+erhält, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls
+angelächelt hat?
+
+Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein
+herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von
+Göler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf
+hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan
+hatten, äußerte in seiner würdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er
+müßte für das Christentum erröten, wenn er bedachte, daß der milde Geist
+der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen wäre, um
+nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, für immer unmöglich zu machen. Er
+sagte: Erröten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, errötete
+für die geringe Wirkung seiner Lehre. Errötet wohl ein Beamter für den
+Staat, der ihn besoldet, ein Minister für die Lappalien, die er in seinem
+Portefeuille einschließt, erröten unsere Richter für die Verbrecher?
+Nein. Höchstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muß.
+Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren
+denn unsere großen Staatsmänner nur als sich? Wie ist es möglich, daß
+durch diese Politik der Bürokratie, der Edikte, der Verbote, der
+Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener
+wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den
+Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses
+Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den König, dem
+sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreißende, so feurige Apostrophen, daß es
+rührend ist, wenn man sich sagen müßte, der Brief ist unsterblich, aber
+er wird seine irdische Adresse verfehlen.
+
+Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat wörtlich verstehen
+wollte, bewiese nur, daß er zu den Langweiligen gehört. Kein Langweiliger
+hat Sinn für den Humor. Humoristisch ist aber ein großer Teil der
+sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kühne Opponentin mit den
+Verbrechern zu stiften vorschlägt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu
+tun, einen Räuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum
+Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr
+eigentümlicher Ausdrucksweise, daß das Kapital von Mut, Schlauheit und
+Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf
+edlere und dem Gesamtwohl nützliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik
+dieser Beweisführung ist teils Überzeugung, teils Neckerei. Es ist
+durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespräche
+belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich
+gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen
+Vögel der Gegenpartei wieder flattern läßt, um sie nach kurzer Freiheit
+wieder aufs neue einzufangen. Fast im schäumenden Übermaß dieser Ironie
+sind die "Gespräche mit einer französischen Atzel" geschrieben. Hier ist
+selbst die Frau Rat die überflügelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit
+seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein
+verzauberter Höllenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und
+schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel
+dient. Er möchte, daß die ganze Welt des Teufels wäre und schwätzt die
+Dinge, die oben stehen, kopfüber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht
+an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden
+Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad
+denunzieren werden. Bettina wäre mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele
+humoristisch genug, für die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie
+einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden.
+Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum
+soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die nächstens
+die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eröffnen wird, wird
+sehr komisch sein.
+
+Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als daß es
+komisch schließen dürfte. Es schließt mit dem Septimenakkord des tiefsten
+Schmerzes, es schließt erschütternd, herzzerreißend, tragisch. Wessen
+Auge über dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen
+kann, ohne in Tränen zu schwimmen, der muß ein Herz von Marme1stein
+haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in
+dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Häuser
+durchwanderte, an die Türen pochte, eintrat und sich nach den bittern
+Lebensumständen, die hier zusammengepfercht sind, gründlich erkundigte.
+Die Namen sind genannt, die Türen bezeichnet, hier hört jede Fiktion auf.
+Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf
+Stroh, stündlich gewärtig, ausgepfändet und auf die Straße geworfen zu
+werden mit Greisen und Säuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern
+oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei
+und verlassen von jener Behörde, die ihr nächster Schutz und Schirm sein
+sollte, der städtischen Armendirektion. Für die Mitteilung dieses
+Gemäldes verdient Bettina den Dank jedes fühlenden Herzens. Jede Träne
+dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen
+Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht höher als jede
+idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben,
+aber die Farben sind echt und der Fürst, dem sie ihr Buch widmete, hat in
+dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball
+abbestellt, sicher die Zurüstungen eines glänzenden, nur Staub
+aufwühlenden Manövers auf die Hälfte des angesetzten Etats reduziert.
+Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch
+die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser
+Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen
+Anhänglichkeit an das Vaterland und den Fürsten, die sich selbst in
+diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin überbrachte der
+Ordenskommission (fünf Orden), die ihr gestorbener Mann im
+Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein für alle Mal
+fünf Taler (kaum den äußern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie.
+Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kühnen Frau, die dieses
+Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem
+(Bürgermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von
+diesem Anhang kann man nicht glauben, daß er spurlos vorübergehen wird.
+Nicht nur, daß die Berliner Armendirektion, eines der unpopulärsten
+Institute der Residenz, einer gründlichen Reorganisation unterworfen
+werden muß, auch die höhere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne
+sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem
+Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknüpfen und einer
+unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage
+wird um Antwort drängen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in
+Almosen, sondern in durchgreifenden Schöpfungen bestehen müssen. Und der
+edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf
+dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer
+Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit,
+dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen
+Verdienstes prangender, als weiland ihre schönsten Blumenkronen aus der
+Periode ihrer romantischen Naturmystik.
+
+Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen
+wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine
+Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der
+er Rom aus einem Räuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der
+König von Preußen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen,
+aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblättert, er hat die Widmung
+gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg
+gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland
+und Preußen insbesondere hoffen, daß von der mächtigen Beredsamkeit einer
+Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn
+angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zündet,
+doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung übt, in ihm
+zurückgeblieben ist.
+
+
+
+
+Ein preußischer Roman (1849)
+
+
+Die kluge und soviel man wußte ziemlich demokratisch gesinnte Fanny
+Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die
+Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre
+sonst so freiheitglühende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmückt,
+das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und
+Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom
+Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die
+Etikette und eine gewisse loyale Pietät für hohe und höchste Personen
+gesündigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preußenvereine wissen
+sehr wohl, daß man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann.
+Dies edle Kern- und Grundgefühl preußischer Herzen kann nicht mehr
+überall der Ausfluß unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der
+Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte,
+sondern dies Gefühl muß jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der
+Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat
+Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu
+jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den
+Beweis führen, daß auch in jenen Regionen menschlich empfunden,
+liebenswürdig geschwärmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal
+den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgänge der Literatur, die schon die
+Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Gräfin
+Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin
+Diogenens, rettete ihr wieder die Könige und die Prinzen.
+
+Wir erfahren in diesen drei mit großer Gewandtheit geschriebenen Bänden,
+daß es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preußen
+gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war,
+sich vom Zopf Friedrichs des Großen und derer, die diesen Zopf für das
+Palladium des preußischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik
+trieb, viel Schulden machte, Militärexzesse begünstigte, die Franzosen
+und ihre Republik haßte und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz
+preußischer Waffen fühlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806
+seinen Willen tat und den Krieg erklärte, fiel er in dem ersten Gefecht
+gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber
+deren liberale Grundsätze er haßte. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand
+so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander
+gerühmt worden, daß man sein Leben wohl für beachtenswert, seinen Tod
+rührend finden kann. Wie aber sieht es mit einer näheren Prüfung dieses
+Ruhmes aus? Wie muß sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese
+äußerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen näher
+zu bringen?
+
+Wir gestehen, daß Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes
+sehr wahr auffaßte. Statt aller Kritik über ihn hat sie sich ganz einfach
+in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche für den schönsten.
+Da ist kein nüchternes Räsonnement, da ist keine Prüfung, kein Abwägen
+von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt
+hat. Und gerade das muß den Treubund entzücken, gerade daraufhin kann
+Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jüdin, eine
+eifrige Verfechterin der Grundsätze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht
+da eine Märzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten
+für preußische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkränzen unsern
+Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den
+Bahnhöfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefärbten Bajonetten in
+ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Männer und Frauen
+einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts für die Menschheit leistete,
+sich aber als Hohenzoller fühlte! Und eine Demokratin trägt uns hier die
+schwarzweiße Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur!
+Die berühmte Gegnerin unserer unübertrefflichen Ida!
+
+Fanny Lewald wird sich über den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber über
+mich, der ihn so reden läßt, sehr erzürnen. Sie wird, ich seh' es, alle
+diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung für einen preußischen
+Prinzen zurückweisen, sie wird, ich hör' es, ausrufen: Kleinliche
+Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens
+folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr
+möglich bleiben, daß man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt,
+sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer
+George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels
+und Prinzenpaläste, mit Interesse, ja mit Liebe umfaßt und das Schöne,
+Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das
+hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie
+hat sich ohne Zweifel noch größeres gedacht. Sie hat das Bild eines
+zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt
+unüberwindlich dünkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit
+vorhalten zu können, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militär und
+Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die
+Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische
+Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist,
+ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung
+festzuhalten und so den Vorwürfen zu begegnen, gegen die sie als strenger
+demokratischer Charakter empfindlich sein mußte.
+
+Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie
+hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern
+wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der
+Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise"
+mit einem liebenswürdigen, genialen Prinzen des königl. Hauses in
+Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen,
+mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg
+ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen.
+Statt, wie eine künstlerische Intuition ihr sagen mußte, den Prinzen
+episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren
+Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und
+alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu
+lassen, macht sie diese selbst zu Hauptträgern der Handlung und gibt eine
+romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der
+Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie
+gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll
+erscheinen läßt, während sie doch meist nur frivol und sittenlos sind.
+Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berüchtigten
+Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und
+interessant, so drapiert mit dem großen Umschlagetuch grell-moderner
+Ideen und großblumiger Empfindungen, daß man erstaunt, wenn man sich
+denken muß: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser
+Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbröckeln und in
+die ihr eigene großstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblättern, wo
+Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfümierte Billetts, von
+galonierten Jockeys auf silbernen Tellern präsentiert, alle Schmerzen
+"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens
+Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny
+Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentöchter interessant zu finden,
+die beim Blasen der Gardekürassiere an die Fenster rennen, sich in Helme
+und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewähren, was Prinzen
+nur von Bürgerstöchtern fordern können. Henriette Fromm, Pauline Wiesel
+sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von
+der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch
+geschieht. Welche großen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche
+gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt
+nicht jene Buhlerei der Mütter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie
+nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Später mögen die Opfer dieser
+Zustände mehr gelernt haben als Madame Rietz wußte, sie mögen französisch
+parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in
+Berührung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag
+auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter über sie ausgegossen haben.
+Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jüdin Rahel
+Levin mit Prinzen von Preußen in Verbindung gebracht darzustellen, ist
+hier von ihrem Herzen und dessen kühnsten Flügen geblendet gewesen und
+hat eine Sphäre für dichtungswürdig gehalten, die es nicht war. Mamsell
+Cäsar, die Berliner Geheimsekretärstochter, verdiente ebensowenig diesen
+Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der
+Verlobung an einen Ökonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein
+Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer
+Bürgerlichen schmeicheln, nur in aller Kürze sie auffordern: Sei mein!
+Einen (Roman) von Gefühl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe
+des Menschen gibt es da höchst selten und im vorliegenden Fall gewiß
+nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloß
+mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu
+machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit
+Spannung, würde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie
+hätte beim Niederschreiben dieser Blätter auch nur im entferntesten
+gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)
+
+Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen;
+unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrückten, leidenden Zustandes
+der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem
+gedemütigten Stolze, mit der getretenen Menschenwürde. Sie hat in ihrem
+reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der
+Beobachtung und des Mitgefühls für die Nachtseiten der Gesellschaft
+durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie über
+die Militärzustände Preußens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die
+Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dünkel der Minister
+anstellte, nicht auch zur Wahrheit über ihren aristokratischen Helden
+selbst und noch mehr zur Wahrheit über das prahlende Zuschautragen des
+Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemälde aufrauschen? Warum wandeln
+diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefühlskram
+unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle
+Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende
+Großgefühligkeit um die königliche Hoheit affektierter Kram? Erschließen
+uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie müssen es wohl, da
+Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine
+große Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der
+Verfasserin überall folgen, wo sie praktisch und verständig ist. Wo sie
+aber Gefühl geben will, Idealität in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch
+eben nur in derselben Sphäre, die sie an der Gräfin Hahn hat bekämpfen
+wollen: Haß gegen das Übliche, Feindschaft gegen die gewöhnlichen Gleise
+der Liebe, die sich in ihrer süßen Monotonie Jahrtausende lang durch die
+Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mütter, die verheirateten
+Frauen ewig gleichgültig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und
+Paulinen der poetischen Betrachtung würdig? Es wäre eine rechte Erquickung
+gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem
+Herzen auch ein junges, schönes und bedeutendes mit einem nur guten
+angetroffen hätten.
+
+Das Buch schließt wie eine Symphonie mit unaufgelöster Dissonanz! Der
+Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fäden, welche die
+Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch
+Licht, und plötzlich Nacht. Dieser Schluß ist eine Kritik des Werkes. Er
+sagt, daß mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts
+zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein
+wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach
+Wahrheit, so die schöne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger
+Überzeugung, daß sie unstreitig fühlte: Die Menschen, die ich da mit dem
+Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnütz, und keine Seele
+mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden,
+ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach
+vielen Gräbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den
+Immortellenkranz verdient.
+
+
+
+
+Eine nächtliche Unterkunft (1870)
+
+
+In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehörenden
+Tagen, wo Berlin rundum keine andere große Stadt in der Nachbarschaft
+hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen
+zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen
+überwundene eigentümliche Naivität oder, nennen wir es beim richtigeren
+Namen kleinstädtische Unzulänglichkeit aus, die den Charakter des
+Berliner Pfahlbürgertums in manchem bezeichnen dürfte. Die Sperre gegen
+eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam für gleichsam wie
+"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch
+die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung
+Preußens erst allmählich, ja mit Beweisen völliger Unbeholfenheit und
+Unreife anschickte, dem Fortschritt des übrigen Europa zu folgen.
+
+Noch bis zur Märzrevolution befand sich im königlichen Schlosse, dicht
+unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848
+dem Publikum nicht mehr als Durchgang geöffnet ist, ein alter Rumpelkasten,
+Portechaise genannt, an deren mit grünem Kattun verhangenem Fenster
+unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen
+will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstraße"
+avanciert, begrenzt die südöstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich
+bemerkt eines Baues, dessen Großartigkeit den Stil, den kräftigen Griffel
+des 19. Jahrhunderts in so überwältigendem Maße bezeichnet, daß bei allem
+Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", für die
+Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch für ihre
+Überlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstörenden--Druckfehler
+beseitigen darf.
+
+Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "französischen
+Turms", die dem Wechselgeschäft der Herren Brest und Gelpke gerade
+gegenüber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den dürftigen
+Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttürme" gebildet werden, das
+helle, frische, grüne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen",
+sondern es war sogar möglich, daß die damalige schutzmannlose, nur auf
+jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen
+und Aufschlägen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen
+alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein
+Mißverständnis zur Überwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem
+Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstraße ausgestrichen war.
+Die Deichsel für die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte
+nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen
+Rötliche. Die Totengräber Hamlets hätten hier Betrachtungen anstellen
+können über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drüben
+von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der
+große Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick
+hinübergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte,
+nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewölbten
+Türmen, um deren Säulen und Säulchen die Spatzen und die Krähen und die
+Habichte nisteten. Berlin, das gegenwärtig alles brauchen kann, selbst
+die Denkmäler von den Gräbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der
+Toten von den Kirchhöfen stiehlt, ließ diesen alten Leichenwagen
+unangetastet.
+
+Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal
+quer über die Straßen hinweggezogen, in ächzenden Tönen hin und her
+schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf über ein noch
+naturwüchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem
+Keller wie ein ferner Unkenruf ertönte und in den Straßen jener
+gespenstische Mann umging, der ein Fäßchen in der Hand tragend, aus einer
+bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten
+Kravatte mit einem gewissen würdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl,
+den Ausruf hervorpreßte: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich
+fröstelnd, die Hände in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider
+gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen
+mannigfach brüchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine
+verwitterte, magere, kleine Gestalt über den Markt, auf welchem öde
+Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses,
+die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.
+
+Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den
+Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die
+Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit
+leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne
+überstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung,
+nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nähert
+er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat
+dich Charon heute Nacht nicht nötig, um vom "Türmchen" im "Voigtland"
+eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius"
+seine Gäule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im
+"Nasenquetscher" auf Saturns großes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den
+Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt,
+herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte,
+weil die Geschäfte der üblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die
+Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein
+damaliges--Asyl für Obdachlose.
+
+Fand sich wohl ein Stück Holz, eine Planke darin vor--den Trägern mit den
+langen Flören am Dreimaster benötigt, um den Sarg in die Grube zu
+senken--so rückt sie der lebende Tote so, daß sein Haupt mit den langen
+weißen Haaren eine Stütze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet
+er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder,
+wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte
+Wange aufstützt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen
+Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstraße
+kommende Schöne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines
+"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone
+--einen glücklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um
+Mitternacht sein Coupé nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu
+vorüber. Selbst der Nachtwächter hält sich in der Ferne, dort, wo ein
+Ruf: "Wächter--!" ihm ein Trinkgeld fürs Einlassen in ein verschlossenes
+Haus, dessen Schlüssel an seinem klirrenden Eisenbunde hängt, sicherer
+einbringt, als wenn er hier Posto faßte in der düster-unheimlichen Ecke
+an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger
+Kandidat in französischer Sprache predigte und sich nicht träumen ließ,
+wie übel später einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft-
+lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.
+
+Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo
+die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren
+war schon die allerglücklichste Chance für--"Belletristik". Ein Honorar
+von einem Taler zahlte man für ein Gedicht, von fünfzehn Silbergroschen
+für eine Reihe von Lückenbüßern, damals "Aphorismen", "Streckverse",
+"Sternschnuppen" oder ähnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es
+dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes
+angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil,
+der an Pindar erinnerte--seiner Unverständlichkeit wegen. Aber schon in
+jener Zeit war die Lektüre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als
+Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die
+Ästhetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer
+des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was
+war da der verkommene Träumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean
+Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen
+Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer,
+fühlen wir tiefer als in der Nähe der Toten!--) nur dadurch schlagend,
+zündend, lapidar zu machen glaubte, daß er ihn immer enger und enger,
+immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen
+drängte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze
+Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis
+vier Pfennige!
+
+Dieser Obdachlose hieß Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den
+Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mühe geben will, in
+alten Jahrgängen des "Freimütigen", des "Gesellschafters" zu blättern,
+der wird dort--dem nächtlichen Bewohner des Leichenwagens am
+Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.
+
+
+
+
+Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis') (1872)
+
+
+Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres
+zu Arnstadt in Thüringen erfolgte Ableben Wilhelm Härings, genannt
+Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die
+gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein
+Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die
+Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blättern
+erschollen, verdient.
+
+Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal später kommend als andere Organe
+der Öffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer bloßen
+Trauerrede am Grabe hält, sondern persönlicher auf den Verstorbenen
+eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des
+Dahingegangenen recht nahe zu rücken. Schon die Wendung dieser Nachrufe,
+daß der Tod den Unglücklichen, der fast fünfzehn Jahre in geistiger und
+körperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erlöste", ist
+nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in
+spätern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Engländerin, die
+Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die
+erlöst wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswürdigen Kultus der Liebe
+selbst fühlte kaum sein Leid in ganzer Größe. Die Stunden, die Tage, die
+Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmäßig
+dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am
+Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns
+"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der äußeren Erscheinung
+Härings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der
+der Welt gegenüber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der
+Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen
+Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des
+ängstlich aufgeregten Beschäftigtseins durch die Zeit, des bänglichen
+Erwartens düsterer öffentlicher Erlebnisse trugen.
+
+Von "Leiden erlöst"? Gewiß! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze
+Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens
+ging bei Häring auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren
+suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm
+zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen
+neuen großstädtischen Gründer-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur
+Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den
+alten Eichen und in den Fischerhütten Heringsdorfs an der Ostsee den
+Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu fördern. Später gab er seine
+dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schönheiten auf und zog sich,
+seiner ganzen Kraft sich noch bewußt und mit literarischen Plänen, deren
+einige auch dort noch ausgeführt wurden, nach Arnstadt, einer ohne
+Zweifel--ich kenne den altberühmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt,
+die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzählt man von Härings
+anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner
+geschwächten Geisteskräfte. Wenn die Rosen blühten, sammelten liebliche
+junge Mädchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblätternden
+verblühten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon
+wünschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte
+herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis
+zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem
+und alledem ungern verließ. Sein Lebensende war keineswegs das seines
+gekrönten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens-
+volle Übersendung eines seiner "märkischen Romane" oder bei einer
+sonstigen Annäherung, welche Huld und Güte voraussetzte, die bekannt-
+gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er hätte sich
+von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch
+Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelähmt zu werden wie Dr. Häring.
+Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Bäumen Sanssoucis,
+die den an Plänen und Ideen überreichen genialen Kronprinzen einst unter
+sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und
+nichts mehr von der Welt erkannte. Häring ließ sich in seinem Rollsessel
+an seine Blumen fahren und pflegte diese.
+
+Unsere jüngere Generation macht sich das Leben eines solchen
+abscheidenden Charakters früherer Tage nach äußern Notizen leicht
+zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar,
+Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine
+Zusammenfassung seiner letzten Tätigkeit, die dem "brandenburgischen
+Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und
+dennoch bieten diese Momente für den Forscher, der dem Sein und Werden,
+dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur
+folgt, bei weitem nicht die genügenden Anhaltspunkte. Man las bisher über
+Häring nur Zusammenfassungen, kurze Resümees einer dahineilenden Zeit,
+die ihre Opfer der Pietät rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder
+auf sich selbst zurückzukommen.
+
+Bei solchen Resümees fehlt natürlich auch das Zuviel nicht. Die
+"märkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat
+nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankündigung des
+Buchhändlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder
+deutschen Hütte eingebürgert" sehen möchte. Diese Romane sind reich an
+Vorzügen aller Art. Doch reißen sie nicht durch eine mächtige und
+eigentümliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit
+reproduktiver Umständlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien
+(übertreibend bis zu Phantasien) über eine Mark Brandenburg, die jetzt
+mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Königin
+aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstück ist ja im vollen Gange. Hätte
+man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen
+von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten
+Gesetze dessen, was schön ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere
+Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt
+zurückkehren, dort so herrliche Bäume, große Gewässer, sogar in Berlins
+nächster Nähe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die märkischen
+Tannen- und Fichtenwälder, diese durchsichtigen Linienregimenter, überaus
+poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen dürftiger Vegetation
+landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in
+Gründer-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwäldern in Masse und will
+Deutschland einladen, dort Hütten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in
+der Tat die Außerkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden
+Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die
+Übertreibung des Poetischen, das sich in Härings märkischen Romanen
+finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des
+Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an
+jener Welt, die seither für schön gegolten hat und deren Zaubergewalt
+auch dem märkischen Romantiker Häring selbst zu oft vor die Seele trat,
+als daß es ihn nicht mächtig nach dem Süden hätte ziehen, zu dem
+Geständnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind
+eine wahre Befreiung des Gemüts vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch
+in Pankow und Schönhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen
+Schönhausens sind schön, und wäre nur dem Park mehr Pflege zu wünschen!)
+dem großen Naturgeiste nahe fühlen möchte. In dem frisch geschriebenen
+Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Süden, der blauen Donau, den
+schneebekränzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles
+Recht zuteil.
+
+Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Königgrätz und Nikolsburg,
+brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die
+'preußische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der
+begabtesten unserer jüngern Erzähler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus
+Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtümern, gebürtig, glaubte mit
+seinem beredten Fürwort einen Beitrag zu geben zur Annäherung zwischen
+deutschem Süd und Nord. Der Streit, welcher in der Familie geführt worden
+wäre, hieß es, müßte auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein
+Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung
+auszutilgen, welche sich des deutschen Südens gegen den Norden, gegen
+Preußen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewöhnt hat, als den
+Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und
+ihre Hauptstadt bemächtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge
+Nordlandssohn fordert Süddeutschland auf, an diese Quelle der Versöhnung,
+"die Werke des Hrn. G. W. Häring", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er
+hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprüche auch der
+"Kreuzzeitung" auf den Parnaß vertreten) reihen sich dann bei dem
+Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versöhnung an, welchem der
+vielleicht feurigste Mund, der sich je über einen noch lebenden Autor
+ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser
+fortzureißen vermögen, weil der frische Geist der Huldigung Satz für Satz
+zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken
+reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen dürfen
+und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten
+fortreißen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll....
+
+Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Härings, des
+unglücklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung
+ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerflügeln.
+Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls
+märkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die
+Beine verschränkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an
+sich kühner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts
+einzuführen? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte.
+Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so
+gewissensstreng gemacht, daß wir in der Wiederholung eines solchen alten
+Literaturspaßes einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit"
+sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken würden! Aber der
+belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach
+diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, künstlich
+gepflegten Neigungen. Seine Natur ließ nichts frei aus einem übervollen
+Innern hervorströmen. Selbst die Chronik der Bühnen Berlins weist einige
+dramatische Anläufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg.
+Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht
+überspringen und die Tage nicht vergessen, wo Häring noch zu den
+Unentschlossenen gehörte, wo Ludwig Börne jenen mit gutem Essig und gutem
+Öl (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Härings-Salat"
+schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Häring und Ludwig Robert,
+damals zensurgemäße Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch
+nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten
+Aufsatz über die Sontag geschrieben hatte, durch die Straßen und
+Gesellschaften Berlins führten, worauf bei jeder Vorstellung eines
+eilends vorüberschießenden Bekannten regelmäßig derselbe Dialog
+hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Börne!" Verwunderung und
+Entzücken: "Börne? Sontag? Göttlich!" Es war die Zeit nach der
+Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig
+machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen
+Tagen bot besonders die Haltung einer großen Leipziger Buchhandlung mit
+ihren einflußreichen Blättern und Sammelwerken, die im literarischen
+Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton
+angaben, den Mittelpunkt für eine Richtung, der sich auch Häring allzu
+eng anschloß. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der
+schönen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitätsleben
+entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekämpft. Aus jener
+Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers,
+Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphäre schließen läßt,
+wo man freisinnig am Teetisch war, im Büro aber tat, was die
+Obern wollten.
+
+Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem
+Konversationslexikon orientierten Nekrologe, daß sie schon von "großen
+Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat
+sich redlich mühen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des
+Geschicks" rüsten müssen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das
+Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da mußte der
+letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese
+unglückliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem
+sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen ließ, wurde nur
+durch eine für jene Zeit des bedruckten Löschpapiers überraschend
+geschmackvolle Ausstattung einigermaßen wiedergutgemacht. Mißmutig über
+die Art, wie sich die Buchhändler zu den Autoren zu stellen pflegen,
+begründete Häring selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines
+Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Mißerfolge,
+Bekümmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine
+Würdigung seiner märkischen Romane, die zunächst durch Härings mächtig
+pulsierendes Heimatgefühl und vielleicht auch durch Nachahmung des
+vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn
+nur innerhalb Berlins nicht. Nach außen hin fand sich kein Interesse. Nur
+die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten....
+
+Das Jahr 1848 überraschte unsern rastlos tätigen, immer geistesfrischen
+Wilhelm Häring in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung"
+antrat, führte ihn rasch in die richtige Straße der Bewegung, bewahrte
+ihn vor unklarem Wählen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel
+bereut worden ist. Diesem Entschluß, einem viel gelesenen Blatte seinen
+emsigen Fleiß, seine gewandte Federführung, sein reiches Wissen auf allen
+Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat
+es mit befreitem, von Vorurteilen erlöstem Sinn. So vieles, worauf auch
+er in den vormärzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja
+vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, größeren
+Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormärzliche Annäherung
+an einen Fürsten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen
+Vorliebe für märkische Dörfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen,
+Tannenwälder mit Eichhörnchen und gewissen wie schon gedörrt auf die Welt
+kommenden Blüten, speziell märkischen Rispengattungen (ich charakterisiere
+eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut
+entzücken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen
+kann)--diese Annäherung konnte ihm keine Demütigung, keine öffentlich
+auferlegte Kränkung mehr bringen. In den vormärzlichen Tagen besuchte ich
+ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht
+fühlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spürte er überall
+Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen
+und die schönste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Härings bester
+Roman: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." In diesem ausgezeichneten
+Gemälde hatte man nichts von den weglosen Längen seiner märkischen Walter
+Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen,
+von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren.
+Hier waren die historisch erwiesenen Persönlichkeiten wie im Portraitstil
+gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preußischen Unterganges,
+traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser
+Auge, daß uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemütlich durch die
+Linden- oder Brüderstraße schlendert, die in den historischen Häusern
+derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten
+dieses Romans einfallen. Preußen war durch Olmütz auf die abschüssige
+Seite der schiefen Ebene geraten. Über dem ganzen Gemälde lag das bange
+Vorgefühl neuer verhängnisvoller Stürme, die für das damals von
+Manteuffel regierte Preußen heraufziehen müßten....
+
+
+
+
+Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
+
+
+... Für die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der
+gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter
+österreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem
+norddeutschen Ohr unerträglichen falschen Reime (reiten und leiden)
+gehören. Eingeführt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in
+Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher
+verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig
+zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt würde der gebildete Kalkulator
+(Rechnungsrat), der einen gefühlvollen Sonntagmorgenspaziergang im
+Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand
+befriedigt fühlen, der vor 30 Jahren in Berlin für einen klassischen
+galt. Die Berliner Poeten, die sich später auf einem traurig
+untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben
+geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige,
+z.B. Theaterkritiken zu schreiben, übergegangen. Wir kommen hiebei, ohne
+diese Metamorphose heute näher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung"
+sehr nahe, und nehmen vom Büchertisch ein in Goldschnitt gebundenes
+zierliches Bändchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schröder
+1873).
+
+Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer
+mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von
+hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwägungen technischer
+Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stündlich in
+Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann,
+sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der
+Kontraste und dem selbst für das politische Gebiet zum Rechnungtragen,
+zur Rücksichtnahme, zur Mäßigung gestimmten weichen Naturell des hier in
+Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem
+politischen Redakteur (glücklich, wer um 9 Uhr abschließen darf!) allein
+zur Erholung übrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond
+und den Sternen, dem Brunnengeplätscher, den Wächtern usw. in den
+wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten
+Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod,
+Jenseits, die vollkommenen Gegensätze des Leitartikels, der uns des
+Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Für jede "Ente", die unser
+Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen müssen,
+rudert hier ein Schwan. Die Schwäne, die Blumen, die Nachen, die Sonne
+und besonders das sonst den Lyrikern wenig zuströmende Gold, der ganze
+Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen
+anziehender Art, das Gold in Abendröten, ins Glühen der Mädchenwange, in
+den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen
+Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und
+zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich
+reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es
+ein Leben nach der Richtschnur überlieferter Traditionen. Selbst den
+Greis ergreift noch der Reiz des Schönen, die mächtig wieder auflebende
+Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des
+Hafis über--aber bald (und vielleicht zu oft für diese immer gleiche
+Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die
+Tür und macht so dem vorgeführten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als
+tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der
+Form sprechen, so ist allerdings damit zunächst ein Lob ausgesprochen,
+das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixität; aber doch ist die
+Übertragung der stündlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde
+führen muß: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang
+bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist
+diesen zarten Eingebungen schädlich, wenn man sie zweimal lesen muß, um
+sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der
+"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so
+kompreß in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufälligen, dem
+Leser nicht sofort geläufigen Umstande veranlaßt, daß es ein längeres
+Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die
+Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt
+sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des
+täglichen Lebens, besonders der Familie, fließt die dichterische Sprache
+mit kristallner Klarheit voll und mächtig. Den Gesellschaftsliedern läßt
+sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrühmen.
+Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer
+eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert
+besonders zu gefallen scheint, nur für eine Tafelrunde geröteter
+Nasen bestimmt.
+
+
+
+
+Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873)
+
+
+Heute ist Auktion des Louise Mühlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer
+Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort
+in die Druckereien--sondern ihrer Möbel, Teppiche, Vorhänge, Pendülen,
+Gemälde, Vasen und der ägyptischen Andenken, die alle in einer Etage der
+Potsdamer Straße charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die
+enthusiastische Überschätzung, die der so plötzlich der Welt Entrückten
+jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von
+amerikanischen Steigerern herbeigeführt, das auch für eine alte
+Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fünfzig Dollars zu zahlen bereit
+ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt über die Zerrüttung der Louise
+Mühlbachschen Vermögensverhältnisse! Die Verstorbene hatte die
+glänzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive außergewöhnliche
+Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer
+Fülle. Sie reiste ohne die mindeste Einschränkung wie eine Fürstin. Bei
+alledem soll für ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine
+Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht
+genötigt sein dürfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars"
+anzutreten.
+
+Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer
+Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die
+merkwürdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen
+Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch für
+sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1ständig "diesseitige"
+Menschen gibt, Individuen, für die man sich im Jenseits, falls man nicht
+mit den alten Ägyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends
+eine passende Unterkunft und Anknüpfung denken kann, so sind dies die
+reinen Lebens- und Genußnaturen. Louise Mühlbach war eine solche. Sie war
+die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende.
+Imperterrita hätte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama
+genannt, das sich vielleicht aus ihrem frühern romantischen Leben selbst
+hätte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine
+Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang
+ihrer Stimme unvergeßlich bleiben. Keine Niederlage drückte sie zu Boden.
+Die freudigste Zuversicht, Siegesgewißheit, Trotz bei jedem Unternehmen
+lag in ihren Zügen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so
+hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen
+Schlacht doch noch seinen Rückzug imposant zu maskieren versteht.
+
+Auf den "Berliner Büchertisch" könnte nur ihr letztes, von Flüchtigkeiten
+wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehören, verlegt von
+einer hiesigen Buchhandlung (Werner Große), die nur einen massenhaften
+Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon
+von ihren zerrütteten Finanzen herstammende Unsitte, daß sich die in den
+Stoffen bedrängte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern
+wollte, an lebende mächtige Persönlichkeiten anschloß, schon den
+Erzherzog Johann von Österreich als Romanstoff verarbeitete, während der
+ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloß in Steiermark saß,
+an Napoleon schrieb (siehe die "Enthüllungen aus den Tuilerien"), weil
+sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch à tout
+prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein
+wollte usw. Die Unsitte der "Aktualität" ist jetzt durch den ehemaligen
+Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, daß wir Romane
+zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck über einen
+Kompromiß unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und
+Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgültig eine englische
+Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres
+Zeitalters sind die Beförderer dieses ans Kindische streifenden
+Mißbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht
+mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen füllen will,
+bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den
+Urzustand von Wilden erinnernde maßlose Schausucht, die gierig durch die
+Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles
+belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will,
+Hinrichtungen, Schreckensvorfälle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz
+Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, während sich doch Europa,
+nach einigen Aufregungen, längst, wenigstens in den Kreisen der Bildung,
+beruhigt hat. Sollte man glauben, daß ein New-Yorker Blatt Louise
+Mühlbach nicht bloß nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort
+das diesjährige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten
+"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krähnchen-Quelle zu
+beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann
+selbst in Marienbad eine Kur, erkältete sich, legte sich in Berlin ohne
+die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im
+bewußtlosen Zustande, ohne Schmerzgefühl, aus dem Leben geschieden. Als
+man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die
+Grube senkte und manchem des würdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb
+noch im Ohre klang, hätte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wären, dem
+Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mögen: Auch diese Prunk- und
+Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach,
+Priester!--, es lag ihr bloß die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst
+zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn
+die schulmäßige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder
+diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden
+imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmählich die
+mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt
+annahm, die sich allmählich des Gatten und zurückgesetzten Professors
+bemächtigt hatte! Liebe, Liebe allein ließ den Schein entstehen, als wenn
+die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den
+tausend Anmaßungen und hochgetragenen Nasen der Anmaßung ringsum
+rivalisieren könnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur
+wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrührend anführt, daß unsere
+Fehler die Übertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings
+erschreckende Système de bascule angewandt, wie Louise Mühlbach
+verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und
+Genußgegenständen einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten,
+gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere.
+Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persönlichen
+Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz
+geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glücke begünstigten
+Alltagswelt leisten möchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz?
+Nun, in Bezug auf "Friedrich der Große und die Seinen" und "Kaiser
+Joseph" möchten wir in unsers Helmerding so köstlich vorgetragenes
+Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehört wahrhaftig doch Talent!" mit
+einstimmen.
+
+In fast allen Berichten über die Gegenwartsliteratur findet man den Satz
+aufgestellt: daß der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman
+sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung über einen neu
+erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmäßig diesem Axiom von
+fragwürdiger Tragweite. Hätte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad
+und wahrscheinlicher täglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu
+sein pflegt, zufällig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so würde
+ihm niemand, der die Unzahl der überall erstehenden Theater erwägt und
+das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen
+können. Aber genau erwogen ist jener Satz weder für den Roman noch für
+die Bühne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und
+Naivität geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur,
+die ähnliches nur in den Ansätzen einiger verschollener "Naturdichter"
+besitzt, geschenkt werden könnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund
+treten und wieder auch für die Berechtigung der Lyrik zeugen können! Von
+einem Hindurchgehenmüssen des ästhetischen Begriffs, wie Carrière sagen
+würde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschließlich durch den Roman,
+scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon
+erfüllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es
+wird auf jedem Toilettentisch liegen!
+
+Schon deshalb muß man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen über die
+Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der
+schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat,
+die schreckenerregend ist. Junge Mädchen ohne jede Lebenserfahrung, nur
+von den Reminiszenzen ihrer Lektüre erfüllt, häufen Bogen auf Bogen und
+finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen
+"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen"
+--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrückten Testamenten,
+Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen,
+die sich, nachdem sie das Herz einer Gräfin gewonnen haben, als
+Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer
+Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Küchenrezepte
+entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9
+Bände zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer
+illustrierten Blätter verwertet worden waren, schreiben mit umso größerem
+Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite
+gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert für diese
+Buchmacherei nicht. Wer soll sie üben, wer soll sie lesen, durchblättern,
+als höchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den
+"Blättern für literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hält sie,
+worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die
+den obern Zeilen ebenbürtige redaktionelle Meinungsäußerung, in der Regel
+ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden
+Tadel ausschließt. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind
+froh, wenn sie nur irgendwie die Bücherstöße, die sich bei ihnen
+namentlich gegen Weihnachten aufhäufen, in solcher Art erledigen können.
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt,
+von Karl Gutzkow.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***
+
+This file should be named 8berl10.txt or 8berl10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8berl11.txt
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
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+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
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+ 9000 2003 November*
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+1739 University Ave.
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