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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:34:09 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt + +Author: Karl Gutzkow + +Posting Date: November 12, 2011 [EBook #9977] +Release Date: February, 2006 +First Posted: November 6, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau + + + + + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur +Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +BERLIN--Panorama einer Weltstadt + +von KARL GUTZKOW + + + + +Inhaltsverzeichnis + + +I. "Weltstadt"-Panorama + Café Stehely (1831) + Cholera in Berlin (1831) + Alte Bauten-neue Bauten (1832) + Dom, Schauspielhaus-"Sechserbrücke" (1840) + Blumenausstellung in Stralow (1840) + Notizen (1841) + Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + Der Geist der Öffentlichkeit (1844) + Mystères de Berlin? (1844) + Impressionen-z.B.: Borsig (1854) + Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + Neues Museum-Schloßkapelle-Bethanien (1854) + Zur Ästhetik des Häßlichen (1873) + +II. Für und wider Preußens Politik + Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832) + Drei preußische Könige (1840) + Das Barrikadenlied (1848) + Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + Preußen und die deutsche Krone (1848) + Abwehr einer Verleumdung (1850) + Varnhagens Tagebücher (1861) + Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862) + +III. Drei Berliner Theatergrössen + Ernst Raupach (1840) + Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843) + Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + +IV. Aus dem literarischen Berlin + Der Sonntagsverein (1833) + Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835) + Diese Kritik gehört Bettinen (1843) + Ein preußischer Roman (1849) + Eine nächtliche Unterkunft (1870) + Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis) (1872) + Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + + + +I. "Weltstadt"--Panorama + + + + +Café Stehely (1831) + + +Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur +bekommen kann--ganz gewiß, oder man müßte sich täuschen in dieser stummen +Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier +und neidischem Blick zusammenträgt, ihn mit der Linken sichert und mit +der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen +Gesichtszüge hält. Die Eisenstange und das Schloß des Journals scheint +mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer würde hier seinen +Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches +Heer könnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch würde die +Geschichte vortragen, man würde auf den Druck warten und auch dann noch +ein Exemplar durch aller Hände wandern lassen--fast in der Weise, wie in +Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit +dem tröstenden Zuruf, man würd' es ja morgen gedruckt lesen. + +Stehelys Besucher bilden natürlich zwei Klassen, die Jungen und die +Alten, mit der näheren Bezeichnung, daß die Jungen ans Alter, die Alten +an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst +sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt; +diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen +Stellungen des preußischen Staats, den Füßen der Elsler, den Koloraturen +der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor +dem Gespräch dieser alten Gecken möchte man sich die Ohren zuhalten, oder +in die einsamere Klause des letzten Zimmers flüchten. Schon wenn sie +angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen +Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste +Ohr erspähen könnte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung", +forschen nach den privatoffiziellen Erklärungen eines H., v. R., v. Wsn. +Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen +Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner öffentlichen Meinung, als +wenn es eine solche gäbe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den +logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung" +gestärkt haben, fallen sie übers Theater her und man muß sie verlassen. +Ihnen am nächsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und +Referendare, die sich dadurch unterscheiden, daß die einen viel sprechen +und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben +den Übergang zu den schon vorhin bezeichneten Jüngeren, auf die wir unten +des breiteren zurückkommen müssen. + +Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein +Bild der Berlinerei vorzuführen. Man verlasse das Lokal und bei jeder +Aussicht wird man für sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere +Züge finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die außerdem, daß sie +eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen +Fallschirm zur Sicherheit trägt, erhebt sich die stolze Vorderseite +dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das +geschmackloseste Anhängsel einer kappenförmigen Kuppel, die doch das +Wahre an dem ganzen Lärm ist in ihrer sonntäglichen Bestimmung. Wiederum +vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus +dem 16ten und 17ten Säkulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten +der Aufklärung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich +wieder in diesen leeren Wänden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuß in +die Höhe glätten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so +hält es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der +Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein +übertünchter ist ... + + + + +Cholera in Berlin (1831) + + +... Im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt uns am meisten die seit dem +ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter +Journalière erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen +anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die näheren Umstände des +ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluß fast +balladenartig. An die Möglichkeit, daß die Cholera nach Charlottenburg +(eine halbe Meile von Berlin) käme, hatte man nicht gedacht, der Hof +hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl +Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl plötzlich von +dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer. +Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmänner, die zur +Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in +dem stolzen Bewußtsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein +wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die +Wärter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr +man, daß bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und +die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun +dieser mit der Spree in Berührung gekommen ist, will man weder Fische +noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurückgekehrt, und +soviel man weiß, wird sich der König auf die Pfaueninsel bei Potsdam +begeben. + +Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers, +gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21 +gestorben sein. Man klagt über die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der +hiesigen Ärzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Männer aus den infizierten +Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt +noch nichts bekannt geworden. Die öffentliche Stimmung ist bis jetzt noch +so ziemlich gemäßigt, doch sind Vergnügungsörter gegenwärtig weniger +besucht, und das Raffen nach Präservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist +allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken +gänzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht +berechnen. + + + + +Alte Bauten--neue Bauten (1832) + + +... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militärischen +Rüstungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats +reicher gefüllt als gegenwärtig. Berlin war in zunehmender Verschönerung +begriffen; die Aufführung vieler öffentlicher Gebäude ließ ebensosehr den +Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die +Vorsicht loben, die einem großen Teile unserer Proletairs eine reichliche +Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute +über, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes +Stadtquartier vergrößerte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane +gegenwärtig still. Die beiden öffentlichen Bauten, an die in diesem +Augenblick allein gedacht wird, sind die völlige Umgestaltung des +sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers für die +ankommenden Kaufmannsgüter, und ein künftiger Neubau der Bauakademie. Wer +in Berlin gewesen ist, weiß, daß er, um vom Schloßplatze nach der +Jägerstraße zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch +engste Passage, die Werderschen Mühlen, die Schleusenbrücken, die +Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muß. Später wird diese +unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Brücke wird +rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem +Packhofgebäude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei +einem solchen Projekt die Besitzer jenes Häuserwinkels von der +Niederlagstraße bis zur Brücke, verlieren aber muß die kleine, winzige +Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer großartigern und +freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird. + +Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann +auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwärtige Zustand dieses +Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst +so blühende Anstalt ist gegenwärtig durch die Eröffnung neuer +Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung +des Hrn. Beuth, unsers künftigen Handels- und Gewerbeministers, immer +mehr hebt, in die tiefste Zerrüttung gesunken, so daß die Zahl der an ihr +angestellten Lehrer der der Schüler gleichkommen mag. Darum bleibt +vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgeführt.... + + + + +Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrücke" (1840) + + +Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses +gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem +Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas +machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des +großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich +ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur +als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine +Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei +wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort +gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen +Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen +angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige +Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel +Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man +auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und +Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den +größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt +würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn +Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten +Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner +ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz +allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner +vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg. +Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende +Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in +Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende +weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen +zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat. + +Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen +Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem +Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem +öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang +benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht, +so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine +Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern +architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere +dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht +Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den +ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre +vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200 +Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung +in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das +Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an +einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine +Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so +daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen +muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt +ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche +Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der +eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer +geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung +Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und +Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme +dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches +bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und +das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß. +Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht, +wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern +angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden; +jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die +richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt, +daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die +Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und +auszubilden.... + +Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine +Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines +Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese +Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche +zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum? +Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen +und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung +haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb +läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man +nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und +mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben +eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein +General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der +General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so +achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das +preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer +winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß +er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier, +ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer +Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien. + +Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas +Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht, +daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in +einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und +wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde, +hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird? + + + + +Blumenausstellung in Stralow (1840) + + +Was rennt das Volk? Was strömt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in +die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem +Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mußt' ich mit meinem Wagen Queue +machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte. +Schon aus weiter Entfernung, mehre Straßen vorher, riecht man die von +Hyazinthen parfümierte Luft. Tausende von Menschen drängen sich in +großen, feldähnlichen Gärten und bewundern ungeheure Anlagen von +Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den +buntesten Schattierungen ablösen, ja sogar große, riesige Figuren zu +bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen +Zusammenstellungen. In Harlem können nicht größere Blumenmassen +beisammenstehen. Indessen gerade dies Holländische ist abstoßend. Man +wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen +versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mißbraucht, +hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbständige, +das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren. + +Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne +Schatten schreckt sie bei der glühendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes +Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse +zieht man ein Los, zahlt dafür 5 Silbergroschen und gewinnt gewöhnlich +nur einen Strauß, den man auf dem Gensdarmenmarkt für 4 Pfennige kauft. +Was ließe sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht für eine +hübsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige" +Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Späße +für die Königsstädter Bühne? Herr Glaßbrenner schreibt kleine Broschüren, +worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und +gemeinsten Berliner Jargon über das Hundertste und Tausendste unterhalten +läßt; nein; auf der Bühne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze +bewährt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so +willkommnes Menschengerüst, auf welches man die drolligsten Erfindungen +hängen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grünen +Gärtnerschürze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend. +Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger +einer neuerfundenen Pflanze, die erst kürzlich auf der Pfaueninsel +entdeckt und aus Amerika hier eingeführt wurde." Die Dame sagt: "Mein +Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf +müßte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln. +Zum Schluß könnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum +schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus? + + + + +Notizen (1841) + + +Ein Pietist Unter den Linden + +Nach einigen sehr staubigen, schwülen Tagen hatte es endlich geregnet. +Der schönste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die +Linden. Am Palais des verstorbenen Königs tritt mich ein Mann mit einem +Orden im Knopfloche an: "Schönes Wetter." "Schönes Wetter." "Das macht +Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz hätte das nicht machen können." +"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs mächtig und groß ist sein Name, +ja groß in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kräftiger +Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung über die angeborne +Sündhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem +mir gänzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger +Ungeduld: "Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten +Sie mich für einen Schwärmer?" "Ich höre den Lärm, sehe aber kein Licht." +Diese Antwort von dem schlichten Spaziergänger war dem Bekehrer +unerwartet. Er sah mich groß an und ging. Zu Hause fand ich in der +Rocktasche einen Bußtraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.) + + +Die Kandidaten der vakanten Ämter + +Einen rührend-komischen Anblick gewährt an jedem Morgen in den ersten +Frühstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstraße +bis zur Leipziger Straße hin. Das ist nämlich die Zeit, wo die Kandidaten +aller vakanten und nicht vakanten Ämter, die Kandidaten aus allen +möglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfächern den +mächtigen Ministern und Räten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet, +mit weißer Binde um den Hals, schießen sie an dir vorüber, plötzlich +stehen sie still, überlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes +Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, nähern sich der +verhängnisvollen Tür, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um +sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluß. +Andere wollen eben von der Rechten an die Tür eines Hotels treten, da +begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle +vakant! Jeder bildet sich ein, so früh zu kommen, daß er den mächtigen +Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Täuschung--schon +ist das ganze Vorzimmer gefüllt und die eine Lebensfrage, auf deren +Lösung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade +ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den +Lebensfragen von dreißig anderen Menschen, in den Hoffnungen von +ebensoviel anderweitigen Bräuten! Geöffnet ist hier die geheime Werkstatt +unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gänge, die der +Fuchs oft schneller durchgräbt, als der still arbeitende Bergmann--ein +Anblick, zugleich komisch und zum Weinen! + + +Sommertheater in Steglitz + +Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen +der Journale und den mäßigsten Erwartungen zurück! Ref. hoffte, ein +niedliches, von Holz und Backsteinen aufgeführtes, der Würde Berlins +entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser +als eine Scheune, mit langen hölzernen Bänken und einem Rang, der nichts +als eine Galeriebrüstung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist +unerträglich und verläßt man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich, +in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft +und Fläche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder. +Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so +hätte man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein +Sommertheater ist nur unter freiem Himmel genießbar oder es sei denn, daß +ein steinerner Bau die ersehnte Kühlung spendet. Daß eine so armselige +Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die +Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie +werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert. + + +Berliner Volkscharakter + +Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele +einer seinem äußern Umfange auch innerlich entsprechenden +Großstädtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle, +gesellige, werden in größerem Stile als früher ausgeführt. Manches, was +noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschäftigen konnte, wird jetzt +verachtet, z.B. die Trivialität der sogenannten Berliner Volksliteratur, +die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und +der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Königstädtschen +Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der lügenhaften Verballhornisierung +des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es ißt und +trinkt" gezeichnet findet, tritt allmählich wieder das ursprüngliche +Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmütigkeit, Freude am +neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen +Auszeichnung, sinniger Genuß der sparsamen, aber oft anmutigen +Schönheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiß noch +einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat. + + + + +Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + + +Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin +verübten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten +Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen +sich einer so originellen Organisation, daß die Polizei manchen Bewohnern +anzeigen kann, sie würden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage +wachen die Gewarnten: Am fünfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen. +Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzählt, daß nachts in den +besuchtesten Straßen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen +werden. Wenn man diese sich täglich wiederholenden kriminalgerichtlichen +Anzeigen liest, muß man glauben, Berlin würde zum großen Teil von einer +ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt. + +Ehe man aus diesem Gefühl gänzlicher Unsicherheit, das gegenwärtig in +Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluß auf die sittlichen Zustände +der norddeutschen Hauptstadt macht, muß man so gerecht sein, einige +Umstände mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu +Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort +bestohlen, glaub' ich über diesen Gegenstand, der nachgerade die +Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschäftigen muß, eine +Stimme zu haben. + +Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die +Einrichtung der Häuser. Die Zahl der Nachtwächter ist viel zu klein. +Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militärs oder sonstige +Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast +nur pro forma versehen. Die Nachtwächter in Berlin sind oft hinfällige +Greise. Mit einem spärlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln +ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Erträgnissen eines +Privilegiums, das man in fremden Städten kaum für möglich halten möchte. +Der Berliner Nachtwächter hat ein Bund von hundert Hausschlüsseln am Leib +hängen und schließt jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste +beste Haus einzutreten wünscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man +sieht, daß es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als +in Berlin. + +Das Revier des Nachtwächters ist zu geräumig. Er hat mehr Straßen unter +sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschäftigt, +kümmert ihn das Straßenleben sehr wenig. Er horcht nur, daß man ihn ruft, +um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Bäcker, +die Brot zu backen haben. Die Rundgänge durch die Straßen werden ohne +Aufmerksamkeit abgemacht. Der schützende "Kellerhals", hinter dem er +ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so +kündigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich während +seines Vorübergehens zu zerstreuen. + +Berlin muß die Zahl der Wächter verdreifachen und sie unter eine +militärische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Wächter sind +eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des +Eigentums. + +Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, daß die Berliner Häuser sich des +Nachts jedem beliebigen Besucher öffnen, so ist der Hausfriede am Tage +nicht gesicherter. In Paris hört man viel von Betrügereien in den +Kaufläden, von Betrügereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in +seinem Lexikon aufführt, aber wenig von Diebstahl oder gar nächtlichem +Einbruch. Berlin ist eine große Stadt geworden und war ursprünglich nur +auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Straßen sind weitläufig, die Reviere +entlegen, die Häuser sind meist zweistöckig und nur von einigen Familien +bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht, +da dafür die Häuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein- +und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugänglich. +Den ganzen Tag reißt das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist +froh, sich auf seine Zimmer abschließen zu dürfen und kümmert sich nicht +um den Nachbar, bei dem man, während nebenan Gesellschaft ist, alles +ausräumen kann. Während mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer +ausgeräumt wurde, saß meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den +"Beobachter an der Spree" und strickte Strümpfe. + +Läßt sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine +Veränderung treffen, so wird doch darum die erhöhte Wachsamkeit der +Behörden um so dringender. Ohne eine neue Wächter- und Patrouillen- +Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen. + +Dieser Gegenstand läßt aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin +den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher +diese sittliche Verwahrlosung, von der wir tägliche Belege erfahren? +Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun +Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Straßen ging, Harun Al +Raschid würde darüber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese +Beobachtung an Bagdad gemacht hätte. + +Es ist wohl möglich, daß nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme +Wächter- und Häuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und +doch steht es fest, daß Berlins Unsicherheit größtenteils aus seinem +eignen Schoße entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies +aus. Es ist ein betrübendes Geständnis, das man sich nicht ersparen darf: +In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralität frißt wie ein +Krebs um sich. Die Familien sind zerrüttet, zu der Armut und +Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner +eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Gelüst zum Entschluß, den +einmaligen Entschluß zum immerwährenden Handwerk; die Zuchthäuser liefern +die Verbrecher nicht gebessert zurück, sondern in kurzem sieht sich die +richterliche Gewalt genötigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und +ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fünf Jahre +umsonst gesessen. + +Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des +Volkes. Die Früchte derselben reifen erst in spätern Jahren. Man wird für +Berlins gegenwärtige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern +suchen dürfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muß zu den Mitteln +führen, sie künftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu +befördern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung +sagen. + +Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel würdiger +öffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen +Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnügungssucht. Auch Wien ist +ohne öffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte +Vergnügungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches +Sachverhältnis, dessen schädlichen Einfluß auf die Sittlichkeit ich +beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der +Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein +Vergnügen ist durch Überlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik, +Tanz, Theater, heitere Ausflüge in die schönen Umgebungen. In Berlin +isoliert sich alles. Keine öffentliche Vergnügung befriedigt und so +entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen +Gesellschaften, diese Kränzchen, dies Jagen nach "Privatvergnügen", dies +Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kräfte der +Familien überbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbälle +verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stürzen, die +Leihhäuser füllen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reißt die +Männer in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr +ihres Gewissens mächtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und +Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von +Kellerstuben zu einem glänzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts +Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in +Szene setzen. + +Muß man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muß man +vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen +hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet, +nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der +öffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schöpfungen +beschäftigen müsse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den +Acker, den man beernten will, auch zu besäen. Hier ist ein neues Ziel, +das eine solche Institution sich stecken müßte. Zerstört diesen +Isolierungstrieb! Bindet die Menschen für ihre Vergnügungen aneinander! +Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges, +etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was +könnte Berlin Ersatz geben für den Mangel einer heiteren und +zerstreuenden Natur? Was könnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor +hinauswandelnden Sonntagsspaziergängern vereinigen? Was kann das Innere +der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man +heimkehrt und nicht in seine vier Pfähle rückkehren will? Denkt doch +darüber nach, ihr philosophischen Staatsmänner, die ihr jetzt in Berlin +das Ruder in Händen habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich +angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst +dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoß zu +beteiligen. Ehrt die Neigung zur Öffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das +noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehässig war, +öffentliche Aufzüge; laßt die Menschen sich menschlich austoben, dann +werden sie nicht in die Kellerlöcher kriechen und es tierisch tun. Eines +der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere +an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen +mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelüste der +niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die +Moralität, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen König ganz jenen +Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens für +Berlin ist, das Königsstädter Theater hat zwischen Nestroys Possen und +der glänzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt +und die Preise der Plätze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das +Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist +in Berlin eine künstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden +Verbindung steht. Entweder muß man in Berlin die Hofbühne entschieden zur +Volksbühne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines für die +Gegend nach dem Köpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des +neuen Hamburger Tores. Nur vorläufig zwei solcher Theater, gut +beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stücke völlig freigegeben, +mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natürlich mit +Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, könnten den +auffallendsten Einfluß auf die Sittenverbesserung Berlins haben. + +Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion. +Für die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in +Berlin hinlänglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen +Regierung ihr Schulwesen nachgerühmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache, +daß Kenntnisse an und für sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie +befördern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu +den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein +sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben +sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr bürgerlicher, +als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu groß und dem +Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende +Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so großen Stadt und +der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmöglich. Tun nun die +Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, daß sie veredelnd +und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann? + +Das ist denn wiederum ein wichtiger und außerordentlich schlagender +Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben. +Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben +könnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise +gepredigt, die höchst beseligend, höchst beglückend auf einen Einzelnen +wirken kann. Es gibt wahre Frömmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen, +in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in +denen ein warmes, für den Himmel läuterndes Christentum sicher mit dem +trostreichsten Erfolge für das Glück vieler Familien gepredigt wird. Aber +was kann auf unsere Zeit der Pietismus im großen und ganzen wirken? Ein +Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Räudigen anzulocken? +Haben wir gesehen, daß in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist +auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie +Couard, Strauß, Arndt haben einen großen Zulauf, aber nur von gläubigen +Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von +solchen, die erst für seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht +nicht in diese Kirchen. Sie würde gehen, wenn dieser theologische +Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort +einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid +flicken, nicht jungen Wein in alte Schläuche füllen, sondern ein ganz +neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse +wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religiösen +Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwählten findet und so ist +in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen +Volkslebens, aus Überreligion ohne durchgreifende Wirkung. + +Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluß auf die Sittlichkeit einer +Nation zu geben, muß es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch +die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muß +mit schlichter Einfachheit und überzeugender Wärme auf die moralischen +Grundwahrheiten zurückgeführt werden. Ein protestantischer Staat kann für +seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur +dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefühlvoll und beredsam +vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion +gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mögen Körner, Tiedge und +ähnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik +sehr schön und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an +Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge +verloren, während sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mögen die Denker +und Gefühlsmenschen im Christentum die tieferen Bezüge ansprechen und +beschäftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das +Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit +vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefühligen Grundwahrheiten. +Wer mir Prediger sein wollte, dürfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie, +mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der üblichen pietistischen +Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Hätte man in Berlin geistvolle und +beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Böckel in +Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in +Gotha, hätte man statt einer Clique junger Kopfhänger eine Schule +wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner +gestiftet, die Kirchen würden überfüllter und die Gefängnisse +leerer sein. + +Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel +ist gewiß, er will seine Länder im großen Stil regieren. Hier wäre denn +Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schöpfungen. + +[Nachtrag:] + +In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend +gefunden, daß von einem zweiten und dritten Grunde dieses Übels die Rede +ist, ohne daß des ersten erwähnt wird. Der erste Grund war aus der +Politik und der mangelnden Öffentlichkeit unter dem vorigen Könige +hergeleitet, doch mußte die nähere Ausführung aus unmittelbar vor dem +Druck des Blattes geltend gemachten Rücksichten wegbleiben, deren Natur +jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung +des Artikels herzustellen. + + + + +Geist der Öffentlichkeit (1844) + + +Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große +Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber +in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht +allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht +allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter +Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in +der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen +Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist +überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt +haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der +Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang +mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte. +Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf +Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und +Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe +sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht +auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß +wenigstens seine Freude daran haben. + +Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin +besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache, +durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich +Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier +wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar +edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich +meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber +so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen +dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß +es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die +vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das +wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung +lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts +vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt +wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die +Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen +aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus +der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von +Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann +er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und +wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat +Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu +behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene +Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen +Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher +Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms, +mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen +Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es +eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein +Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch +irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen +Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder +irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von +Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und +solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der +traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um +alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind. + +Einige der auf der Reise empfangenen Eindrücke mögen in bunter Reihe hier +wiedergegeben werden. + +Am 29. März beschloß Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum +gehaltenen Vorlesungen über die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war +fünf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte +sich so ziemlich der größte Teil des ästhetisch- produktiven Berlins, +Dichter, Gelehrte, Musiker, Gläubige und Prüfende, Hingegebene und +Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein +mußte, dessen öffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich +erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien +der Redner. Ich fühlte mich an die Vorträge von Edgar Quinet im Collège +de France erinnert. Nur schade, daß sich Mundt zu sehr auf sein Heft +verließ und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift, +nicht mit freier Rede um so überzeugender darstellte. Die Wärme der +Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet +selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten +Gefühle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß +ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen +Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher +spricht, als ein geschriebenes Heft. + +Der Inhalt der Rede erweckte die wärmste Teilnahme. Bot ihr Anfang +demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschäftigt +hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf +zu einem höheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der +sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und +den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand +des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch +hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rührende Humanität, +welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit +sozialistischen Fragen beschäftigten, hatte, man sah es, in des Redners +Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern +der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse +doktrinäre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, daß in einigen +weihevollen Momenten ein schöner Abglanz von Gemüt und Wehmut auf seinen +Gesichtszügen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, daß jetzt bei den +Fortschritten der Volksbildung der Vater beschämt von seinem aus der +Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen könne, ebenso +geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgeführt. + +Über manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und +würdigte ihn nicht genug, trotzdem, daß er mit Achtung von ihm sprach. Er +kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurück. Poesie ist in +der Sozialfrage ein gefährliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man +dahin kommen, daß am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der +Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt +verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glückseligkeit +unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners +Äußerungen ließen mich fast besorgen, er hätte das Thema der materiellen +Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet +spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend, +sehr zeitgemäß, ja sehr freimütig und gegebenen Umständen gegenüber kühn +fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehörten und die +Ansicht vorauszusetzen schienen, man könne Hungernde mit Sonnenlicht +sättigen und Dürstende mit den Farben der Blumen tränken. Der Redner +kannte die praktischen Schäden, wollte sie heilen und wich wiederum dem +praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf, +der ohnehin auf einem Mißverständnis beruhen kann, hat sich Mundt ein +großes Verdienst erworben, daß er in jener unmittelbaren Form, in der +Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in +den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise +Philosophie beschämen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur +Leichentücher für das Leben spinnt ... + + + + +Mystères de Berlin? (1844) + + +Das ist gewiß charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen +Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frühgottesdienstes für +Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung +nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunächst machte, ein Jude (der +Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die +spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen, +bestreben sich hier, dem Überchristentum in die Hände zu arbeiten. Ein +Frühgottesdienst für Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was +darunter zu verstehen ist. Man hat nämlich gefunden, daß die +Droschkenführer von früh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen +müssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht +gänzlich verloren zu geben, läßt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre +Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens +bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man +glaubt, wenn man so etwas erfährt, in England oder Pennsylvanien zu sein. +Diesem Frühgottesdienst für Droschkenführer müssen, wenn man konsequent +sein will, noch diese Einrichtungen folgen: + +Ein Frühgottesdienst für Briefträger. + +Ein Nachmittagsgottesdienst für Milchkarrenschieber; denn auch diese +Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube, +daß es wünschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu +gewöhnen; aber hätte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes +überchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen +andern Ausweg finden können? Wie nun, wenn man bei den Droschkenställen +keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenführer es möglich +gemacht hätte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen +halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche +besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr +habt ein so großes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt +für seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine +Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus +seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude, +zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt daß also die hiesigen +Überchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann +alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien +Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbürger +anwenden kann, wie er will, schlüpfen sie über den Mißbrauch des +privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, daß +kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig +dafür, daß ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium +gepredigt wird! O über den frommen Kommerzienrat! + +Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben +wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des +Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand +in den Gedanken vertieft, daß die Eisenbahnen an Sonntagen befahren +werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivführer deshalb nicht die +Kirche besuchen können, würde man einem solchen Gemüt nicht zurufen +müssen: Behüte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religiöse Fanatismus, +der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprüche auf unsere +vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanität so +nahe, daß man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung, +Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die +Wartung der Kranken lästig und beängstigend wird, dann muß man selbst +gegen so an sich ehrenwerte Äußerungen des überchristlichen Sinnes kalt +werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie +als rechten Glaubens erkennt; lästig und beängstigend ist die +Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Körpers von der +Verworfenheit unserer Seele redet. + +Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtätigen +Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige +sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung +gefallener Mädchen. Was man von letzterem hört, läßt auf eine gesunde und +tatkräftige Ausführung dieser an sich löblichen Absicht nicht schließen. +Schon daß diese unglücklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich +gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende +Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen +einer sichern Besserung entgegen zu führen, so kann es nur der sein, sie +auf eine möglichst geräuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der +Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken, +daß der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die +Tür hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartäuserartige +Resignation zeigen muß, aber wie wenig Gemüter werden einer solchen +Abtötung des letzten Restes von Stolz fähig sein! Gerade das, was Ihr +zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur +das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blüte des sittlichen Menschen +erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Daß eine solche +Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurückbleibt und, statt gebesserter, +dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es +der Fall ist, beim geringsten verführenden Anlaß wieder in ihre alten +Lasterwege zurückfallen. + +Nach allem, was sich hier beobachten läßt, sieht man, daß man die Übel, +an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo +erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fühlt, weil sie sich zu +unabweislich von selbst aufdrängen. Aber in den Mitteln, den +gesellschaftlichen Schäden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den +Schäden unmittelbar begegnen, statt daß sie nur da wahrhaft zu heilen +sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel +muß man entdecken und den Wurm töten, der an der Wurzel nagt. Das +Begießen des welken Blattes an dem verkrüppelten Stamme fristet ihm eine +Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fällt es ersterbend ab, +weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der +Gesundheit ihm stärkend nicht zuströmt. + +Theodor Mundt sprach in seiner kürzlich erwähnten Vorlesung von dem +durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glückseligkeit und Vergnügen". +Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen +feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prämisse seiner frühern +Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich +diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenüber. Er ist wahr, er ist +bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch +durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfähigkeit der Armen. Am +unersättlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand. +Glückseligkeit und Vergnügen ist mehr denn je die Devise des Berliners +geworden. Die öffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller +Art haben sich reißend vermehrt. Die Straßenecken sind täglich mit mehr +als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei +ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung +erfordern, unverhältnismäßig. Wer früher nicht wußte, welches Gewerbe er +treiben sollte, eröffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu +Anlagen von Kaffeehäusern, Vergnügungsgärten, Konditoreien gesellt, die +mit derselben Schnelligkeit aufschießen, wie hier Mode-, Schnittwaren-, +Kleiderhandlungen und Gewerbeläden von solchen eröffnet werden, die diese +Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und +mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnügungen dann jene Zustände +der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer +im Anhange ihres Königsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist +schneidend. + +Auswärts fühlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswärts hat +man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten +Bedürfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung +plötzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen können. Ich gestehe, +als ich diesen von allen Zeitungen für einen Feenpalast ausgegebenen Ort +besuchte, konnte ich den störenden Gedanken, daß diese Schöpfung sehr mal +à propos gekommen, nicht unterdrücken. Zum Glück bleibt auch dieser +"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurück. Schon in der Ferne, wenn man +durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine große +Ziegelhütte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und +hervorspringenden Hausecken und fühlt sich durch den ersten Eindruck eher +abgestoßen als angezogen. Dabei ärgert man sich über die Idee, ein +solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse +Berlins, die Sandwüste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der +Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des +Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den +Vordergrund; denn recht in den Mutterschoß dieses Staubes ist das neue +Gebäude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lückenhaft, +hölzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt. +Mit einem Blick übersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnügens. +Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Möglichkeit des +Alleinseins. Die nackten weißen Holzwände, mit Goldleisten zwar verziert +und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhänge, das ganze +Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an +den Maskenbällen in der großen Oper zu Paris ist nicht der große +Tanzraum, sondern das bunte Gewühl auf den Treppen, Korridoren, in den +Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht +getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches +Etablissement nicht; aber man muß hinzufügen: Wenn man in Paris so +oberflächlich wäre, zum bloßen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine +solche Unterhaltungsanstalt zu begründen, so würde sie großartiger, +geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoß dieses Tempels +der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalität +zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London +gefunden werden kann. Man glaubt, daß die "Mystères de Paris" hier ihren +Anfang hätten nehmen können. Man glaubt den tapis franc zu betreten und +sieht sich unwillkürlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystères de +Berlin" könnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine große +Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ... +Schade, daß sich originelle Köpfe nicht leicht entschließen werden, in +die Fußstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wünschenswert, +daß sich jemand der deutschen Zustände so bemächtigen könnte, wie Eugène +Sue der französischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und +Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte? +Mysterien von Berlin müßten grelle Schlaglichter auf Deutschlands +sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustände fallen lassen, +müßten die Fackel der Aufklärung nicht nur in die Kellergewölbe der Armut +und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trübe Dämmersphäre der +Schein- und Überbildung, der Lüge und Heuchelei.... + + + + +Impressionen--z.B.: Borsig (1854) + + +Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des +Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit +einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in +Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße +gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der +Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem +Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der +Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem +so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht +eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang +wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind. + +Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels +telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen +und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu +lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe +haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen: +Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den +Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der +Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen +zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser, +durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des +unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die +Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge, +ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist +in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem +Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's +an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto +belohnender zu werden verspricht. + +Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der +Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar +sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine +ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das +bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen +Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der +flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel +stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta +für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der +Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden +polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der +belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der +preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im +Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die +Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der +Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher +glücklicherweise wieder ausgeschlossen. + +Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit +einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen +Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über +zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer +künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu +erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte +Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist +"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob +die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen +Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer +beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die +einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo +bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über +diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es +scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer +bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke +Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen +einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu +ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten +Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine +gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem +gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die +allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die +Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher +Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende +Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die +Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat +diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp +neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben +christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands +hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen +und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt +übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr +christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger +immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen +Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die +erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte +Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz +unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man +sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die +Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß +eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer +Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke +ein Ärgernis nehmen will ... + +Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen +Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich +entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur +gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses, +trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus +der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen +jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die +Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt +es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den +Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem +runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen, +um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden +Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000 +Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große +Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint. +Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an +der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs +Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz +gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den +glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung +der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem +Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine +prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz +Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen. + +Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen, +die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem +Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene +riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken +nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen +gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und +vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit +Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten. +Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen +naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall +guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich +das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden +Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien. +Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende +von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen, +überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige +Behandlung erfordert ... + + + + +Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + + +Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin +finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muß. Es ist dies der +Ausdruck: Quatsch. + +Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen +bleibend, dann natürlich noch hinter dem halben Verstande zurückbleibt. +Denn man kann eine halbwegs vernünftige Meinung, ein halbwegs ernstes +Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft +gelten lassen. Der halbe Verstand gehört oft der Mystik an, die bis auf +einen gewissen Punkt auch gewöhnlich eine Art Logik für sich hat. Der +halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die +Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse +stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit. +Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umständen der Unsinn! +Den Unsinn haben Ästhetiker göttlich genannt, den echten, wahren, +natürlichen Unsinn, der die Hälfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein +vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der +relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das +herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das +Quatsche. + +Berlin ist groß im Quatschen. Es kichert über jede Grimasse zum Witz, +wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte +absonderliche Redensart findet unverzüglich ihr Publikum. Man findet hier +Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere +Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln +und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein +ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie +fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das alles +witzig, während ein Vernünftiger es Quatsch nennen muß. Ich sah "Müller +und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die +wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem +gellenden Pfeifen, mit Gebärden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu +zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid, +solches Gebaren menschlich nennen zu müssen, einflößte, und unter ihnen +die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im +Äußern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut +Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Müller!" "Müller!" "Schultze!" "Bist +du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen +Scherz auf dem Palais-Royal-Théâtre in Paris, wir wollen nicht einmal +sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire! +Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu +bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die +Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern +heißen, würde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muß das Pariser Oh! +Oh! gehört haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen +Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen +Veranlassungen witzig und geistreich sein können. Diese Berliner +Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwärtig, als wenn man +sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhübe einmal seine +gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich. + +Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, daß sein +ursprünglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den +Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und über seine geistige Kraft +hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene +Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trägt den Stempel der +Unzulänglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung, +der Beschränktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hökerinnen, +kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die +Sprechweise der Gebildeten trägt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des +Volksdialekts, daß es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des +reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so +beschränktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprägtes +Sprachmaterial bestimmt, dem großen Ideenkreise einer Stadt, die eine +Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen, +so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois +nennen möchte. Diese Mißgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins +Trieb nach öffentlicher Bewährung wuchs. Seine Bevölkerung emanzipierte +sich zum Großstädtischen. Die Schusterjungen machten wohl die öffentliche +Meinung schon zu Friedrichs des Großen Zeit; der König sagte den +Katholiken, die das Fronleichnamsfest öffentlich feiern wollten: Er hätte +nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die +literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich +von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich +nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft +zur Geltung gekommen und wer würde verkennen, daß "Kladderadatsch" ganz +Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschützt hat? +Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Ausländer, die sich +nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schärfe dieses Blattes würden +diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueröffneten hiesigen Bühnen +zeigen, ganz ins Quatsche zurückfallen. + +Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bühnen eröffnet worden sind (um diese +Fährte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der +unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern +geistigen Fächern so außerordentlich schwierig ist. Das Ministerium +Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen +aus, und in Berlin durften Kaffeehäuser und Tanzlokale sich in Theater +verwandeln! Es ist noch ein wahres Glück, daß unser Schauspielerstand +durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was +freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich +immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst +nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nächste materielle Not +befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glücklicher gestellten +Kollegen an den Hof- und großen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres +und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstädtische +Theater, besonders durch die Bemühungen der trefflichen HH. Görner und +Ascher, zu einer überraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den +schwierigsten ästhetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im +Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die +Bevölkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen +andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater über +Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige +Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche +haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fürwort an +hoher Stelle erlangen zu können. Einen Zirkus zu eröffnen oder eine Bühne +scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat +jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgänger beruft und z.B. +fragt: Wie kommt der Cafétier Kroll zu einer Bühne, wie kommen zwei +Gebrüder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum +Gespött der Vorstädte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor +Gräbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater +besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde +der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militärischer +Ordnung peinlich war, sogenannte Bürgerwehr in rundem Hut und Überrock +die Armatur der königlichen Zeughäuser tragen zu sehen. Nicht daß die +Bürgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der +Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt; +ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert +wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche +Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in +keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der +Wiener Vorstädte. Die Josephstädter Bühne ist vielleicht diejenige unter +ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialität; +manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr, +"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstädter Bühne. + +Das Repertoire des Königlichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig +anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstädter", "Geheimer Agent" +usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so +wohlmeinender ästhetischer Sinn vereinbaren läßt, nämlich die Befolgung +der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden höchsten +Herrschaften über die Stücke aussprechen dürfen, die sie zu sehen +wünschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas +auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt +vorkommt. Bald heißt es: "Auf höchstes Begehren", bald: "Auf hohes +Begehren", bald: "Auf Allerhöchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf +Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form +sich die Wünsche des Königs zu erkennen geben. Was ist das aber für eine +Unsitte, daß die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen +Herrschaft die Stücke bestellen, welche diese zu sehen wünschen! Die +geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und +zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wünschen um dieses +Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben dürfen, sind schon an +sich kläglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie +heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschäfte wird dadurch +auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden. +Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswärts bekommen, die ihr eine +Schauspielerin oder Sängerin überbrachte, so bestellt sie die Stücke, in +denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt +man ihm die Stücke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht +sich einige an und man liest: "Auf höchstes Begehren: 'Der geheime +Agent'", ein Stück, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden +kann. Der König besitzt so viel Geist, daß ihm diese Manifestationen des +Privatgeschmacks seiner Brüder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel +Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und +diesen Mißbrauch der von den Kammerherren veränderten Repertoires im +Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies +öffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem +Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach +dem Geiste der in ihm allein anständigen Öffentlichkeit. + +Natürlich ergibt sich unter solchen Umständen, wo die Großen und +Mächtigen öffentliche Fingerzeige über ihren eigenen Geschmack geben +dürfen, die Förderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bühne +weit schwieriger. Wenn sich die Großen "Satanella" oder "Aladins +Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Königsstädter Theater +agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem +Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Aufführung eines +neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor +einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Aufführung des "Demetrius" +von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer +Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf +zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso +warm wie die Ausstattung glänzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische +und Neuheit der Kostümstoffe, überall, in den kleinsten Ausschmückungen +der Wände zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden +Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung +spielte. Das Stück war eine Anfängerarbeit, die kaum Talent verriet (nur +aus Überfülle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer +Dürftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber +die Darstellung ging von einem schönen Glauben an den Wert des Stückes +aus; nirgends sah man ihr eine Mißstimmung über die aufgebürdete, +undankbare und für die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und +mit dem halbunbewußten Pflichtgefühl verband sich die noch immer +außerordentlich ansprechende Natürlichkeit der Hendrichsschen Spielweise. +Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs +immer vorzüglich spielen. Dieser Künstler ist ein schwacher Hamlet, aber +ein liebenswürdiger und überredender Romeo. In seiner Passivität liegt +Poesie und da er nur die Konturen ausfüllt, die der Dichter ihm +vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich +seinen Aufgaben unterzieht, überall für sich ein, wo einmal die Macht der +Gewöhnung ein Publikum für ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und +Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert. + +Ich bedauerte, Dessoir nicht beschäftigter zu finden. Dieser geistvolle +Schauspieler leidet hier an der üblichen Abgrenzung unserer Rollenfächer. +Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so +vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber +auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir +ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein +werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den +ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bühne +macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache +angehört, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein +künstlerischer Trieb hinführen muß, sind noch im Besitze der Herren Rott +und Döring. Es spricht für die geistige Anregung, die Berlin bietet, für +die Belohnung, die man im Beifall eines natürlich sich hingebenden +Publikums findet, daß Dessoir darum doch seinen hiesigen, höchst +ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen möchte. + +Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es würde keineswegs +vernachlässigt und es hat sich seit Düringers Mitwirkung sehr gehoben; +dennoch muß man bei dem Vergleiche der unverhältnismäßigen Pracht, die +das Opernhaus umgibt, wünschen, es würde doch endlich ganz von der Musik +und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige +Aufgabe für sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen +gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der +Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glänzende +Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die +Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern und +mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht +der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und +Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedürfnisse so +befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die +Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muß und die derjenige, der +die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fülle von Licht, +Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die +musikalischen Kräfte sind hier so groß, daß z.B. an einem Abend im +Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die +Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1ständig da ist und noch in der +Singakademie ein Konzert mit der königl. Kapelle begleitet werden kann. +Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und +Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer, +auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1ständig machen. Auf +dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel +junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um +der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen +einzurücken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehörige +"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum +retten. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die +Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der +Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus +der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des +orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische +Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im +Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren +Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der +Szene ist ganz und vol1ständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel +der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in +die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der +Ökonomie verbannt, die aus Amazonenröcken von heute für morgen Pantalons +für Verschnittene macht. Hier fangen alle Schöpfungen immer wieder von +vorn an. Kein Kostümier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter +Vorräte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder +neue Seide, neuen Sammet und für die geschmackvol1sten Maler neue +Leinwand gibt. + +Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht +lehrreich. Dem Ästhetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde +Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die +Vorstellung im großen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des +Publikums gehört, ist kulturgeschichtlich merkwürdig. Dieser Marie +Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und +mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hölle, aber sie ist der wahre +Himmel des Publikums; sie tanzt die Lüge, aber sie verdient ein Standbild +als Göttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende, +übermütige Mädchen mit ihren beiden Teufelshörnchen an der Stirn, mit dem +durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Füßchen, mit den +tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich +unter den ehrwürdigen Tatsachen des gegenwärtigen Berlins aus! Dieser +kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterröckchen, ist sie etwa +die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chérie der +Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chérie der +Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf +der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Büchsel, +Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere +Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in +"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen +sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem +andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den +kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhält. Der erste Rang zeigt +die Generale und Minister, das Parkett den reichen Bürgerstand, die +Tribüne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in +der Provinz verkünden werden, die obern Regionen beherbergen die +arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur +Traktätchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbücher +mühsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen. +Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der +Treibhauswärme der speziel1sten, königlich preußischen Haus-Traditionen +großgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheißen! O so werft doch, ihr +besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, daß euer +Privatglaube nichts mehr liebt als die Götter Griechenlands und daß nicht +etwa hier der Kultus des Schönen, sondern draußen euer offizielles System +eine Komödie ist. + +Satanella verführt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner +Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine +Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird +zweifelhaft sein, daß der junge, künftige Referendar besser tut, sich an +Heinrich Heine, an die schöne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie +kalt und nüchtern ist auch die Liebe eines Fräulein Forti gegen die Liebe +einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs +in die Hölle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht +einsehen, daß der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann +das eine echte Hölle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon +kleine Kinder mit Satanshörnern umherspringen und, wie von Selma Bloch +geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hölle +sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem +reizendsten Château d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt +ist? Wird irgend ein Vernünftiger einräumen, daß die Konsistorialräte +Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schöne "Teufelinne", die +Antiken des Vatikan überhaupt, wie Tholuck getan, "schöne Götzen" nennen? +Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und +Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem +Vorurteil zu genügen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine +solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitüde der +Solotänzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der: +Ich fühle wohl, es muß einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie +Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen +Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese +Berliner Ballettabende wecken einen ebenso großen Abscheu vor der +mätressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der +Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft +und dem fashionablen Büßertum, dessen neupreußische Früchte wir +hinlänglich kennen. + +Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander. +Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in +denselben Personen. Die Heuchelei und die Rücksicht auf Karriere mietet +sich einen "Stuhl" in der Matthäuskirche, nur damit an dem Schilde +desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht +des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuß. Dem Genuß +bauen auch andere Städte Altäre; die buntesten, mit Rosen geschmückten +Altäre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des +Genusses, die nur ihm ganz allein angehört. Es ist dies die Genußsucht +eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefüllte Börse alles +bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht +wiedersieht, für Geld bekommen kann. Es ist die Genußsucht des +Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fährt und sich mit vierzehn +Tagen Ausgelassenheit für ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle +entschädigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevölkerung so +angesteckt, daß man mit Austernschalen die Straßen pflastern könnte. +Wohlleben und Vergnügen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden, +nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft +ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine +Weile gestachelt werden, an Großstädtigkeit der Unternehmungen fehlt es +nicht; aber wenn die natürlichen Kräfte versagen, tritt das Raffinement +ein und das Raffinement des Verkehrs, gewöhnlich Schwindel genannt, soll +hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist +die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glänzendsten +Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend +Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt +nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die +Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste. +Wo die größten Spiegel glänzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde +niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste +Scheinfülle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern +scheint, kann man gewiß sein, auf hundert Fälle bei neunzig nur eine +Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere. + +Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen +Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zuständen +ergeben müssen, nachzuspüren. Der Totenwagen rasselt still und ernst +durch dies glänzende Gewühl. Rauschende Bälle, in der Faschingsnacht ein +Wagendonner bis zum frühen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die +Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemälde doch eine dämonische +Beleuchtung. Erschütternd war mir z.B. die Nachricht, daß der Philosoph +Beneke von der Universität plötzlich vermißt wurde und wahrscheinlich +sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, daß dieser redliche +Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und +besonders auf die neuere Pädagogik einen nützlichen Einfluß gehabt hat, +seit länger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor +werden konnte und sich mit einem jährlichen Gehalte von 200 Talern +begnügen mußte! Zweihundert Taler jährlich für einen Denker, während es +hier Geistliche gibt, die es auf jährlich 5000 Taler bringen! Beneke war +ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen +ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen. +Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor +zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Göttinger Professors nach +Berlin gebracht. Seine Vorträge waren etwas ängstlich, seine Perioden +allzu gewissenhaft, sein System knüpfte wieder an Hume und Kant an, er +ging über die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkühn in die +Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Solidität in +einer Stadt wie Berlin, wo nur die glänzende Phrase, der saillante Witz +und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinäre Schwindel etwas +gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Köpfe, +die nur in seiner Tonart zu reden wußten oder die es verstanden, ihrem +sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und +Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befördern +konnte! Hamlet ist auch darin das große und Shakespearen auf den Knien zu +dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, daß er +auf des Königs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel +der Beförderung." + +--Wer ertrüge Den Übermut der Ämter und den Kummer Den Unwert +(schweigendem Verdienst erweist!) + + + + +Neues Museum--Schloßkapelle--Bethanien (1854) + + +Eine derjenigen Schöpfungen des Königs, in denen man unbehindert von +irgendeiner drückenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue +Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen, +er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen +inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Räumen aller lästigen +Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fühlen und im +Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen +Kunstbestrebungen, die uns die Schönheit und Pracht von München, die +Ausschmückung des königlichen Schlosses in Dresden, die neuen Pläne für +Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmäler, Kunstausstellungen, +Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das +Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten, +unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Stätte der +Begrüßung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prüfenden, +immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die +sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und +gefällig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt +sind. Wir sind in Italien und in München vorbereitet auf das, was wir +hier wiederfinden. Diese Räume hat mit den Eingebungen seines Genius +vorzugsweise eine große, freie Künstlernatur zu beleben, ein Dichter mit +dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem märkischen +Sande stammen. So stört uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer +Schwu1st, keine russischen Pferdebändiger, oder Athleten oder Amazonen +erfüllen uns, während wir an Athen denken wollen, mit lakedämonischen +Vorstellungen; selbst die hier in Berlin überall aushängende Devise: +"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stört uns nicht. Man muß Schinkel +einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf +doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei +der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von +Palastentwürfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Öfen; aber es +fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit +des Stils.... + +Eine zweite große Schöpfung des Königs ist die (Kuppeldachkapelle des +Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine +Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentümlichen Geschmack, wenn auch +eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die +gewaltige Wölbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet +gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Gerümpel, freilich +aber auch den vortrefflichen Schlüterschen Basreliefs, die jetzt die +Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen +als runden Bogens ist meisterhaft ausgeführt. Einen überraschenden +Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewähren, der sich erst +im Weißen Saale an den schönen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet +hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen +geschmückt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmäßig durch +Milchglasglocken ihre Flammen dämpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle +weder diese Größe noch diese Pracht. Bei längerer Betrachtung schwindet +freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf +Goldgrund überladene Gebäude wird dem Auge kälter und kälter. Der Altar, +wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten +Kreuze geziert, die Kanzel, der Fußboden, alles erscheint dann plötzlich +so nur für die Schwüle der südlichen Luft berechnet, daß man das +lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht +innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das +Spiel aller hier zur Verzierung der Wände aufgebrachten Marmorarten. Da +gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der +nicht eine Platte sich hier vorfände wie in einer mineralogischen +Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich +die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken +zusammengestellt, die Förderer der Religion und des Christentums zu +feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner +Kirchengedanke. Huß, Luther, die Kurfürsten von Brandenburg stehen +vis-à-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muß es an der einigen +Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man +kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst +halten. Ach, und dieser Fanatismus für das konventionell Religiöse sitzt +ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblüten! Man denkt nicht mehr, man +prüft nicht mehr, man übt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt +sie um ihrer Ehrwürdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren +graues Haar unsere Kritik über die Schwächen, die sie besitzen, +entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will +nicht prüfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein +die Tradition, die man auf sich beruhen läßt. Man schlägt sein +rauschendes Seidenkleid in künstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl +niederkniet; man schlägt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb +gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rührung dieser +Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mußte besiegelt werden, gesteht +wohl auch seine eigenen sündigen Einfälle und Neigungen ein, gibt sich +den Klängen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden +Tränen der Nervenschwäche und Rührung hin und verläßt die Stätte der +Andacht mit dem Gefühl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine +Demonstration gegeben zu haben gegen die anstößige und in allen Stücken +gefährliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Für diese +Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen +zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schloßkapelle. +Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lästig werdenden +Rücksichten einer solchen Art von Pietät. + +Weitentlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen, +baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete +Diakonissenanstalt. Man fährt an einer neuen, im Bau begriffenen +katholischen Kirche vorüber und bewundert die großartige Anlage dieses +vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu +erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine städtische sein und ab und +zu wird man von Bitten in den Zeitungen überrascht, die Bethanien zu +unterstützen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein +privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewöhnliche Zahl, für +welche die nötigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuriös +gespendeten Raume nach könnten noch einmal soviel untergebracht werden. +Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der +Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben +erweckt, als wäre die nächste Bestimmung der Anstalt die, eine Art +Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit +Krankenpflege beschäftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des +Unternehmens auf eine ähnliche Voraussetzung begründet. Bethanien soll +eine Demonstration der werktätigen christlichen Liebe sein; die Kranken, +mag auch für sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen +gewissermaßen die zweite Stelle ein. + +Die Oberin der Diakonissen ist ein Fräulein von Rantzau. Unter ihr stehen +etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl +von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten +sind auf Reisen begriffen, um auswärts ähnliche Anstalten begründen zu +helfen. Die Tracht der größtenteils jungen und dem gebildeten Stande +angehörigen Damen ist blau, mit einem Häubchen und einer weißen, über die +Schulter gehenden Schürze. Wie gründliche Vorkenntnisse hier +vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen +allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen +Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mägde, die im +Souterrain an den höchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und +Küchenvorrichtungen beschäftigt sind. Auch Männer fehlen nicht. Die +Diakonissen sind überhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschäftigt +und müssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und +Umbetten der Kranken besteht, dem stärkern Geschlechte überlassen. Man +bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus, +der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit +verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekämpfen, da unfehlbar +ein zwangloses Behagen in der Nähe von Kranken und Sterbenden die ganze +Stimmung unsers Herzens für sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die +reine Luft, das Gefühl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den +Kranken selbst zugute. + +Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste +erklären diese Frauen und Mädchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer +Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig +bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks +auf einen höhern sittlichen Zweck. Dennoch hätt' ich lieber gehört: Diese +Institution wäre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton +würde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei +gemeinschaftlichem Wirken ist nötig, eine gleiche Stimmung muß alle +verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob +das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano +aufgeschlagen fand, dazu gehört, möcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist +der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich für +Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt für immer getrennt +haben; ein anderes diese vorübergehende Wirksamkeit einer Diakonissin, +die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder +aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden +kann. Für einen solchen Beruf reicht Herzensgüte, Menschenliebe und eine, +durch äußere Umstände hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz +anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert +die Bildung der Gesellschaft, die Humanität der Gesinnung, die Liebe zum +Gemeinwohl, die Sorge für die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt, +eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktätiges +(Prinzip) durchgedrungen sein, daß man, um hier dreißig Frauen in einem +Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, nötig hat, nach dem Gnadauer +Herrnhuter Gesangbuche zu greifen? + +Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rührung verlassen. Auch in Bethanien +sieht man des Wehmütigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von +Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren +Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit +bleiernen Soldaten und hölzernen Häuserchen. Ein blasser Knabe, der an +der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte +freundlich grüßend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den +Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon +draußen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden +Frühling vertrösten, der Kleine litt am Rückenmark und wird nie wieder +gehen können. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella" +und Aladins "Wunderlampe" sehr nützlich, sehr heilsam sein kann. Aber +Bethanien verläßt man doch mit dem Gefühl, daß hier, wie in unserer Zeit +überhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen, +des Arztes bedürftig zu sein. + + + + +Zur Ästhetik des Häßlichen (1873) + + +Himmel! Berlin sei unschön? höre ich einen nationalliberalen Enthusiasten +ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemäßen Begriff aufstellen! Sie +machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu +unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, groß, selbst +die Zukunftsgärten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein müssen! +Die Opportunität, die große deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations- +frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Städte! Die Stadt auch +der Schönheit! Höchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg +wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehört ja Graubünden und die +Schweiz auch zu Berlin! + +Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe +unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird. + +(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen. +Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straßengewühl, wenn es +gerade geregnet hatte oder noch das Straßenpflaster vom Morgentau +beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefährte aller Art +sich zum Markte drängten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt, +in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in +Paris in der mächtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es +auf Plätzen, Brücken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbögen, selbst +Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedürfnis nur nach dem Schönen +angelegt und konsequent durchgeführt! + +Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schönheit Wiens) war die +Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang +sehr fühlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiß +der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat +auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wälder abgehauen +und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle +Mittel schienen dafür gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der +Wilhelmstraße entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense +des Despoten, den man gewöhnlich Friedrich den Großen nennt. Kolonisten +mußten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise +einstöckig, diese Hütten neben den neuerdings errichteten +Prachtzinshäusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem +Großen Kurfürsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu +einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern würdigen Schemel an ihrem Throne zu +machen. Schlüter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mußten sich an +Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann später +Berlin. Friedrich der Große, Egoist wie er war, baute lieber Paläste für +sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute, +waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommißbrot. +Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der +Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in +Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen +Straßenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn würde die Geschichte am +besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrönte +Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar +trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine +entlegene Votivkirche Roms erinnern könnten. Seitdem stockt die +Verschönerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als +was ihre nächste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschönerung +Berlins geregt hat, wird überholt durch die riesenmäßig gesteigerte +Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der häßlichste Abbruch, Schutt, +ein trauriger Anblick wie Straßburg nach der Belagerung geworden ist. + +Großartigkeit und in ihrer Art auch--Schönheit liegt in der Avenue vom +Brandenburger Tor bis zum Schloß; aber man könnte noch hundert Jahre so +fortbauen wie jetzt und brächte doch nicht den Eindruck permanenter +Unschönheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im großen und ganzen, in +der Nähe und in der Perspektive, durch einen größeren diktatorisch +befohlenen Schönheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der +Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das +kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Straße, wo nur +allein elegante Welt sichtbar würde, gibt es in ganz Berlin nicht! +Überall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der +Köchin, das Produkt des Handwerkers oder die Bürde des Lastträgers +zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuß Breite bestehende +Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, läßt einen am anderen +dicht vorüberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souverän auf, selbst +auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den +Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Börse +oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes +neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel- +Betriebslokalen, zu Werkstätten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem +immerdar werkeltätigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die überall +geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins. + +Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloß ist ein Prospekt, der, +wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis +zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mächtigste gehoben +fühlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in +Paris möchte dagegen zurückstehen. Plötzlich aber am Dome sieht der +Wanderer eine kleine Brücke, die in die innere Stadt führt. Noch eben +denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich +geschwungenen Brückchen, die über die Seine führen. Welcher Anblick wird +ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrücke, früher um sechs Pfennige +passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf +demnächstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den +Grabstätten der Könige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkästen, die +in dem trüben Flusse vom Fuße des Schlosses nur allmählich weichen zu +wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Äpfelkähne. + +Besonders unschön wird Berlin durch die über alle Beschreibung große +Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste +Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der +umfassendsten Räumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschäfte solche in +Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen +sind. Nun hat man keineswegs die häßlichklaffenden Lücken von Holz-, +Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Straße in Harmonie +gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache, +verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lückenhaft, +verhäßlicht durchweg die Stadt, wie denn überhaupt der offne +Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher +Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schöneberger Ufer, eine +ganze elegante Straße entstellen. Endlich ist der ordinäre Bretterzaun +doch auch von dem königlichen Lustschlosse in Bellevue gewichen! + +"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie +honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach +Reichstagspalaststätten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder +Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den +Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraßen liegen, mehr in Schwung zu +bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche +staatumwälzende Proklamation von einem Ständehause herab verlesen wurde, +das deutsche Kapitol aus strategischen Gründen isolieren? Die Architekten +scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes +von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit +vor diesen großen Plätzen, wo man in der Sonne keuchen muß, bis man +endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung +von dem großen Meilenzeiger am Dönhofsplatz, um welchen herum doch die +meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwägung wert? Schreckte nicht +die Erinnerung an die Grausamkeit König Ludwigs I. von Bayern, der die +neue Münchener Universität an die äußerste Grenze der Stadt baute und die +Studenten zwang, täglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch +seine endlose, in der Hitze unerträgliche Ludwigstraße zu machen? Nun +gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn für einen anderen Plan, den etwa +mit der Königgrätzer Straße, Gärten zerstört werden müssen, alte +ehrwürdige Linden abgesägt oder im Deckerschen Garten Bäume, die zu den +Wundern Nordeutschlands gehören, wenn Millionen für Grund und Boden +gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gärten dem Privatbesitz oder +der Öffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt +Statuen auf diese freigelegten Gärten! Mehr als jetzt Berlin aufweist! +Man kann auch Fontänen dazu springen lassen, Ruhebänke anlegen, +goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gußeisens +bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen öffentlichen +Gebäuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach +Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht. + +Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom früheren "Katzenstiege", +jetziger Georgenstraße, rechts von der Friedrichstraße bis zum Gegenüber +des Monbijou. In unmittelbarer Nähe eines der schönsten Prospekte der +Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Königswache oder vom +Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert, +plötzlich an der Georgen- und Universitätsstraßenecke wie unter die +Bedienten-, Küchen- und Remisengebäude einer fürstlichen Hofhaltung +versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nächste Nachbarschaft des Kaisers, +sein vis à vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Häuser stehen". +In der Tat hieß auch früher die vorherliegende, jetzt noch leidlich +gefällige Dorotheenstraße die "Letzte Straße". Wahrlich, hier fängt die +Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum +Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplätze, Milltärmontierung-Aufbewah- +rungen, Kavallerieställe und das ungeheure schiefwinklige Gebäude der +Artilleriekaserne, das an den Wänden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf +grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend +ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die großen Flächen +vor den Toren verwiesen werden muß, die schon Kasernen genug aufgenommen +haben. Gefällig ließe sich hier der Quai regulieren, die hölzerne +Ebertsbrücke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das +gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebäude in Einklang bringen mit der +Börse, dem Museum, dem Schloß, der Universität und dem grünen Baumkranze, +der drüben jenseits der Spree vom Schloß Monbijou herüber winkt. Wer +jetzt diese Gegend durchwandert, muß sich sagen, daß hier alles den +Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Überlebten +trägt. Alles ist arm, unschön, unkaiserlich. + +An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse +entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben, +Eindrücke von einem so erhebenden Reize, als befände man sich in Genf im +neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der +Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst überall +unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem +Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien, +im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wünschte, dieser Charakter +wäre allgemein festgehalten und für das Ganze maßgebend. Hier bildet der +Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schönen Gemäldes. Auch an anderen +Stellen könnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des +Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfängen zu +Hilfe käme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1straße kommt und die +Waisenhausbrücke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von +jener Großartigkeit, die in Wasserstädten wie Hamburg, in den Seestädten +Hollands so mächtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen. +Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Häuserabbruch offengelegten +Hinterfronten einiger Straßen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von +Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrückliche Gebote an +die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens +dem Auge etwas gefälliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen +Kolonnadengang des Mühlendamms über die Spree hinweg links zur +Stadtvoigtei könnte trotz des mehr als wüsten Gegenübers für die vollere +Wirkung einer belebten, echten Hafenstraße gewonnen werden. + +Für solche und ähnliche Ideen schwärmten in alter Zeit die Kronprinzen! +Jetzt, wo der Fiskus für ein Reichstags-Gebäude im Tiergarten auf Grund +und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gründer Unter den Linden +gefordert haben würden, muß man sich schon begnügen, wenn nur die +städtische Baukommission Künstler zu Referenten hat, die für Berlins +Zunahme und Wachstum einen gewissen schöpferischen Plan im großen und +ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt +sich nicht darum, allmählich die Netze und Linien eines neuen +Anbauungsentwurfes auszufüllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten, +es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden +Lücken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstören. Freilich +ist die Macht des Besitzes so groß, daß selbst eine in solchem Grade die +Straße entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer +nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehörde gewichen ist! Das ist +die Mühle von Sanssouci! Das soll nun groß sein! Begierig bin ich, was +aus der großen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht +dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastraße eine Litfaßsäule +gegenüber. + +Auf das Häßliche in den Staffierungen der Straße durch ihr gewohntes +Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Häßliche +in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner +Überzeugungen selbst beim schönen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr +mißlich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fürchten unserer alles +im rosenroten Lichte sehenden Optimisten. + + + * * * * * + +II. Für und Wider Preußens Politik + + + + +Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832) + + +Wäre Repräsentation das alleinige Element des Liberalismus, so könnte +Preußen in einer frühern oder spätern Zukunft noch der Stimmführer +desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kämpfen nicht um Formen, +sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir dürfen nur die Initiative +der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingeführt werden +sollen, wachen, daß sich ihre ursprüngliche Reinheit erhalte; daß sich +nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische, +nicht die Willkür sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern daß das Gesetz +es sei, das entscheidet. Oder können wir uns mit dem Schwerte bewaffnen +und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiß nur von Schwertern in der +Hand des Eroberers oder des Richters. Die Völker demonstrieren nur mit +dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie +ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das übertretene. Werden die +Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preußen eine +längst versprochene Verfassung erhält? Nein, dann beginnen sie erst. +Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen +dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerüstete Krieger seiner Ruhe +pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten +Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht +zurückgetragen. Fürchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der +preußische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muß. Weil noch +nichts entschieden ist, so finden wir überall Gesinnungen gegen Preußen, +keine Meinungen. Man verehrt es oder haßt es, fühlt Sympathie oder +Antipathie, aber die Gründe für das eine gegen das andre kann man nicht +angeben. Wer für seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis führen +wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine +Gründe gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor +dem preußischen Namen entweder mit gefalteten Händen oder mit dem +Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund +ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preußischen Verfassung +offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen +trügen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im +Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht +werden muß. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis +rechtfertigen. + +Welches Bedürfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlaßt? Unstreitig +das Bedürfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer +Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Übereinkünfte über +das, was man sich gegenseitig leisten und so für Recht ansehen wolle? +Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Verträge +gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewährt hat +und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begründet ist? Die Völker haben +diese Frage längst entschieden, ihre Fürsten sind noch andrer Meinung: +Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres +Kabinetts feststellen, oder sie erklären sich bereitwillig zur +Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende +Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der großartigen +Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus +verwitterten Pergamentblättern, aus den Heften moderner Doktrinäre. +Machen wir die Anwendung auf Preußen. Wenn wir das gegenwärtig dort +herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natürlich nur um +einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von +Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich +ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und +Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu +bedürfen scheinen. Aber wir bedürfen immer mehr, als wir zu bedürfen +scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir +nicht eingestehen, daß uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen +wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundübel der +sogenannten humanen, weisen Regierungen, daß sie vor unaufhörlichem +Wohltun das rechte Bedürfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon +alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hände voll zu tun +und sind so eilig, daß sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher +das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unerträglicher ist, je +gefälliger sie sein will. Diese väterliche, ja mütterliche Sorgfalt ist +bekanntlich die Art der preußischen Regierung. Da piepsen die Kleinen +unter den Flügeln der ängstlich wachenden Henne so zärtlich und sind so +voll Rührung und Dankbarkeit für all das Gute, was ihnen ohne Verdienst +und Würdigkeit erwiesen wird, daß man hier ordentlich von politischen +Tränen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestört werden. Der König +hat selbst den Grundsatz anerkannt, daß der Krieg der Vater aller Dinge +sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsständen" in einem +höchsten Dekrete versprochen. Daß ein solches Versprechen dem Lande wird +gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwärtige Zeit dazu so +ungeschickt sein. Man zögert, man weist die Bitten der Provinzia1stände +um endliche Gewährung zurück; man will nicht, daß es den Anschein habe, +als gäbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von +dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er +werde dem väterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm +durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille +seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu +ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt dürfte die Verfassung +werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten +Europa hingeworfen. + +Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten über den Staat. Nach einer ist +er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Näher bezeichnet sich +dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine +durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum +des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen +will. Die europäischen Staaten bieten Beispiele für die eine Ansicht so +gut, wie für die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Rußland +haben sich auf dem naturgemäßesten Wege entwickelt. Ihre politischen +Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet, +sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet größtenteils +das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewöhnt hat, immer auf die +Eigentümlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der +Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer +nicht müde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemüte, +unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter +Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Württemberg ohne Württemberger, +ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne +Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche, +aber kein Deutschland haben. Preußen ist am meisten von der Geschichte +ironisiert worden: Es repräsentiert den Zufall, das, was ist und auch +nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte +Sein auch in Preußen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein +gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preußischen Doktrinäre in +lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preußen von keinem Staate +lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am +meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse +sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wären auf den +Bäumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist +nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen: +Selbst die Reformation hat da englisiert werden müssen. Wer bewundert +nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt, +daß Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung +einschlagen konnte? Und doch--in Preußen ist jetzt Ähnliches entdeckt. +Die Doktrinäre klagen hier Friedrich II. an, daß er in die Regierung +seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der +einseitigen Aufklärung seiner Zeit nicht verleugnen könne; daß er den +Adel des Verdienstes höher stellte, als den der Geburt; daß er ein +Gesetzbuch gegründet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in +zu grellem Widerspruche liege. Preußen sei berufen, die historischen +Interessen zu vertreten. Es gäbe keinen Fortschritt, als einen durch +frühere Zustände bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten +Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortführer und +Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die +Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese +Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so müßten wir uns +auch andächtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die +Zauberformeln, mit denen man in Preußen die Jugend alt macht und das Alte +("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg +ausgebrachter Toast) wieder verjüngt. Auf solche sogenannte historische +Bedingungen wird die Verfassung des Landes begründet sein. + +Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repräsentation. +Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein +förmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern +zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Übereinkunft. Die +Zeit der Reformation machte diesem Verhältnisse ein Ende. Die Einführung +des römischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben +zusammenhing, zerstörte im Volke sein ursprüngliches Rechtsbewußtsein. +Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem +Schutze vermögender Fürsten gedeihen. Die religiöse Anregung band die +Gemüter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als +sie jener förderlich oder hinderlich waren. Fürsten und Bürger hatten +dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaßungen des Adels sicher zu +stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fürstlichen +Souveränität. Aus fürstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die +Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden +wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveränität +reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration. +Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die +Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer +Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat +eine Macht gewonnen, die öffentliche Meinung; diese wird in Preußens +nächster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht, +die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fürchten? Ist es nicht der alte +Kampf der Demokratie und Aristokratie? + +Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der +preußischen Konstitution einschlagen mögen. Die gegenwärtigen +Provinzia1stände müssen die Grundlage derselben bilden. Man rühmt die +Liberalität dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei +Stände, des Adel-, Bürger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes. +Woher aber das entschiedene Übergewicht der Aristokratie in den +Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet! +Verjährte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfründen, +unverhältnismäßigen Erlaß der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne +von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den künftigen +Reichsständen, so kann man nur wünschen, diese nie ins Leben treten zu +sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den +adeligen Grundbesitzern. Auch die Städter können an Bildung z.B. mit den +Bürgern süddeutscher Städte nicht wetteifern und die sie zum Landtage +schicken, sind meist städtische Beamte, von der Regierung bestätigt, also +mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so +sind sie gegen den Adel in der Minorität und der Regierung gegenüber zu +schwach, wie die Landstände am Rhein und in Westfalen bewiesen haben. + +Die mittelalterlichen Stände haben ihre Freiheiten und Privilegien +vertreten. Solche besitzen die preußischen nicht oder sollen sie ihnen +noch erteilt werden? Sollen die Zünfte wieder eingeführt werden? Wollen +die preußischen Könige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf +ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stände vertreten. Aber +unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermögens, nicht des +zufälligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung +jenes alten Zustandes wäre ein vol1ständiger Umsturz des herrschenden +Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann. +Es ist wahr, daß die Fürsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch +ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stände bei dringenden +Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fünf oder zehn Jahre +Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis +immer nur momentan, und erst der später ausgebildete Begriff der +Souveränität nahm nach göttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm +menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist +den Ständen mit der Zurückgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr +gedient, weil sie wohl wissen, daß jene verhaßten Abgaben ihnen weniger +bereitwillig würden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten +auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne +offnen Angriff auf eine feine Weise plündert, wieder organisiert werden? +Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott +möge es behüten vor den Köckeritz und Lüderitz und vor den Kracht und +Itzenplitz? Auch die Prälaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur +um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein +Stand mehr, obschon man in Preußen Bischöfe und Erzbischöfe nach +englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat früher die +Rechte ihrer Präbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das +Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemühungen der +Regierung die Meinung, daß die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet +ist, so ist es in Preußen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt +sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder +genommen werden? Sollen Ritter, Städte und Geistliche die heilige +Dreizahl bilden? Die preußischen Bauernaufstände gegen den Adel und +Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Überall mag +man nach historischen Anfängen einer den gegenwärtigen Zeitforderungen +nur einigermaßen genügenden Repräsentation forschen, im Preußischen +finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und +pommerschen Herzöge sind eigentlich nur zu den Städten ihrer Territorien +in ständischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht +mehr denkbar ist. Sie waren die ärmsten Fürsten und die schwächsten +zugleich. Nackt und bloß, mußten die Städte sie bekleiden, hungernd, von +ihnen gesättigt werden. Die märkischen Städte waren Republiken mit +vol1ständigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation +zurückführten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es +nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fürsten garantierten, sondern was +sie ihnen gaben war Dank und Entschädigung für den Schutz, den ihnen die +Markgrafen, ursprünglich eine militärische Behörde, angedeihen ließen. +Noch anders war die Lage Preußens. Ein fast ganz unabhängiger Städtebund, +blühend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel +zur Seite, noch öfter gegenüber. Hier machte der Landadel mit den +mächtigen Städten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg gemeinschaftliche +Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten, +verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen +Polen ihre und des Landes Selbständigkeit. Alle diese Verhältnisse hat +die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmöglich. Jede +Annäherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern +bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preußischen +Monarchie in Sitte und Leben überall die Anklänge der Vergangenheit. Die +Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen +Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen, +sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese +Gegenden ein Schauplatz der unsäglichsten Verwirrungen, in denen sich +nichts Altes rein und ursprünglich erhalten konnte. Man denke an die +Stürme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Länder Jülich, Cleve, Berg +erschüttert haben! Neben den politischen Umwälzungen, die sich hier ohne +Aufhören folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig- +keiten diese Länder so zerrissen, daß an eine Wiedergeburt hier nur durch +Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist. + +Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne +verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum +nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine +dreifache Initiative. Die zweite Kammer würde dann die materiellen, +vielleicht auch intelligenten Kräfte vertreten, die erste aber das Ewige, +das Unveränderliche, das Unvergeßliche oder was weiß ich. Man denkt an +eine preußische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor +den Männern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fällen +wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Während in der +zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten +die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann +einmal, etwa bei einer Verhandlung über die Erblichkeit, Friedrich der +Große in die Sitzung träte und anhörte, wie z.B. die neuliche Erklärung +der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestät des +Königtums zu begreifen, interpretiert wird, könnte er noch glauben, in +der Hauptstadt eines von ihm gegründeten Staates zu sein? + +Wir gehören nicht zu jenen Toren, die die ehrwürdigen Trümmer früherer +Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die +Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Gräbern, da auch unsre Zeit +einen so schönen Frühling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen läßt. O +wir fürchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in +Preußen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit +zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rätsel hat sie gelöst und +auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das +ist aber das Herrliche dieser Zeit, daß, wer die Ansicht widerlegt, auch +die Macht überwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Ödipus +kommt, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund. + + + + +Drei preußische Könige (1840) + + +Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die +letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III. +Diese Botschaft mußte mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der König +müsse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt +erschüttern. Die häusliche Zurückgezogenheit, in der der Verstorbene +lebte, hatte es unmöglich gemacht, seit Jahren über seinen +Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich öffentlich, +so erschrak man zwar über die in letzter Zeit außerordentlich gealterten +Züge, aber die Haltung des Königs war von jeher so grad und ritterlich +gewesen, daß ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verließ, und man an +eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener +mußte man über den Volksglauben sein. Man machte geltend, daß in jedem +Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preußen einen Thronwechsel oder +irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nächtlichen +Umgängen der weißen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft +erschien der König hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im +Theater. Nur die ängstliche Einführung Schönleins in die innern Gemächer +des ab und zu als kränkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes +Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist. + +Läßt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender König +und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des +Geschützes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Großen +verkündete? Wie drängen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit, +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wünsche und Hoffnungen +müssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre können erwachen, +Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen müssen sich +durchkreuzen. Wer hat den Schlüssel, um zu erraten, was der jetzt Tote +dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, daß +gerade die Erinnerung an den Begründer der preußischen Monarchie in ihrer +Stellung zu Europa die letzte öffentliche Tatsache im Leben Friedrich +Wilhelms III. sein mußte? Ist dies eine Sühne der Vergangenheit oder ein +Fingerzeig für die Zukunft? Den Ratschluß des Weltgeistes umhüllen noch +tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die +Sonne sein, die sie erhellt. + +Bei den Ägyptern sprach man über die toten Könige Gericht. Man wird in +öffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres über +Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben, +dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand +sich rühmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht +sein Stolz war, und wird ihn vielleicht für das loben, wofür er sich +selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Sie werden +von Tausenden ihres Volkes für dasselbe verwünscht, wofür sie andern +Tausenden die Heißersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind, +das der Blitz erschlägt, und tränkt die dürstende Erde, die nach ihm +schmachtete. + +Mag man nun mit Montaigne glauben, daß "herrschen" le plus aspre et +difficile métier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von +Oxenstierna einst ironisch angewandt), daß zum Herrschen gerade das +wenigste Hirn gehört (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es +übrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von +dem, was über den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der +rührende Moment oder persönliches Interesse überflüssig hinzufügt, so +viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoßen können, daß der innige +Zusammenhang der Schicksale, die die preußische Monarchie trafen, mit der +Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlöschendes +Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn +schon früh für eine stillere Ergebung in das Unglück reif. Die Mäßigung, +die ihn in seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschte, lehrte ihn +auch, das spätere Glück ohne Überhebung ertragen. Er nahm die Gaben des +Geschicks mit einem Gefühl an, das ihn auf alles gefaßt machte, wenn es +nur nicht überraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen +vermeidend beängstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt +auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener +Selbstbeschränkung, den Preußen, ein innerlich so kraftvoller und nach +außen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne für seine +Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein +Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt und diese Tatsache +war vielleicht die glücklichste Erfahrung für das Wohl des Staates in +einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in +Bewegung setzte und es Staatsmänner gab, die so gern neue Manifeste des +Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit +kecker Hand in die Zügel gefallen wären. Friedrich Wilhelm III. war nicht +so groß in dem, was er tat, als in dem, was er vermied. + +Daß man sich in Preußen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorüber ist +und den Horizont keine Kriegswolken trüben, nach positiven Schöpfungen +sehnt und das Feld für einen großartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun +geöffnet sieht, beweist die ängstliche Spannung Preußens, Deutschlands, +Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde. +Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, daß +wir hier nicht einen Jüngling auftreten sehen, dessen politische Ideen +noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen +gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun +anvertrauten Regierung gründlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt +wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektüre er sich Stellen +unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und daß es solcher +Stellen und Merkzeichen viele geben müsse, beweist der allgemein selbst +in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, längst +angelegtes und bald hervortretendes System. + +Man erschöpft sich in Vermutungen über das politische Glaubensbekenntnis +des neuen Königs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht +gerade einige talentvolle Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der +Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die +vornehmimponierende und doch gefällige Haltung des neuen Herrschers mit +Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund +der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reaktionäre Geister +geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persönlich +kannte, so wird er bald gefunden haben, daß die naive Lebensunsicherheit +dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu +seinen politischen Phantasmen und Träumereien Vertrauen einflößen kann. +Wie würde auch die große Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz für seinen +ruhmgekrönten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu +politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens +und ihnen ähnliche, in Friedrich dem Großen nur einen gekrönten +Jakobiner sehen? + +Man rühmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm +Verstandesschärfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes +und hat mehr Sinn für das Zivile als Militärische. Er liebt den Umgang +mit Gelehrten und Künstlern, von denen viele sich seiner nähern +Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente +hinzugeben, bezeugt der gemütvolle, anspruchslose Brief, den er an +Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der +ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und daß ihm selbst der +schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein dürfte, beweist der +Umstand, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen +wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Großen eher nachzusehen +pflegt, als Kleinen, weiß man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerühmt. Er +besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung +für ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft +ausgezeichneten Rednergabe, weiß ich nicht. Jedenfalls würde eine +religiöse Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern +einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist möglich, daß sie die +Frucht einer entweder gemütlichen oder philosophischen Abneigung gegen +einseitige Verstandesreligiosität wäre. Es ist kein Zweifel, daß der neue +Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist +wahr, daß ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so +wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der +Einfluß des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts +Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins +Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiß im Auge, wenn auch die Zeit erst +lehren muß, wo es liegt. Für gedankenlos halte man keine seiner +Unternehmungen. Ratgeber wird er hören, ihnen aber nicht immer folgen. +Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, für öffentliche Schritte +fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung +ändern, nie aber einen Schritt wieder zurücktun. Es lodert viel Feuer in +ihm und sein Geist wird oft in den schönen Fall kommen, heftigere +Regungen des Gemüts zu zügeln. Der göttlichste Triumph, den uns der +Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft +beglücken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann +darnach den Versuch machen, ein Porträt zu zeichnen und muß sich zuletzt +doch eingestehen, daß der--Versuch eine Pfuscherei ist. + +Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrütet, so viel kleine +Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, daß ich wohl begierig wäre, was einer +von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine +Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab), +dem neuen Herrscher ans Herz legen würde. Mit guten Lehren aus dem +frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, würde es wohl +ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fürst soll keinem +Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bändige eine +Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben +nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man +Königen gegeben hat! Sie werden fast alle lächerlich, wenn man sie auf +bestimmte Fälle anwendet, oder sie setzen an Fürsten dasjenige als +lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19. +Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind +Ratschläge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was würde wohl +mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preußens +zu Rußland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein? +Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von +Jahren den Geschäftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er +wird sich längst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet +haben. Wer die Entwürfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist +leicht möglich, daß Friedrich Wilhelm IV. für Europa einige +Überraschungen im Sinne hat. + +Man spricht jetzt soviel über Friedrich II. Was ist es, das an ihm so +außerordentlich gerade jetzt in die Augen spränge? Will man einen +schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveränität? +Nein. Es ist das Persönliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so +bewundert wird. Preuß und andere haben so herrliche Züge von der freien, +unabhängigen, entschlossenen Denkungsart dieses Königs mitgeteilt. Man +hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt würden für +staatsgefährlich erklärt werden. Es ist kein Zweifel, daß man mit dieser +Vergötterung Friedrichs des Großen einen Wunsch für seine Nachfolger +aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik +gegen die Gegenwart. + +Was könnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Großen lernen? +Vieles für die Personen, weniger für die Sachen. Nicht alles würde jetzt +so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben würde. +Wohl aber würde man für die Mittel und für die Ratgeber lernen können. +Theoretiker am Staatsruder würde er mit Recht für Schwindler erklären und +das Nächste würde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich über +die Religion dachte, war nicht gut für die Schule, besser schon für die +Kirche, vortrefflich für die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der +ihn beseelte, war schlecht für den Aufbau des Neuen, aber gut zum +Niederreißen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden +Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe +benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich +II. bewundrungswürdig. Man fühlt, wenn man seine Antworten und +Resolutionen liest, daß man für jedes Leiden bei seinem Gemüt wohl eben +keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhülfe würde gefunden haben. +Seine Phantasie und sein Geschäftseifer machten ihm das Verständnis jedes +ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht nötig, wenn man +einen Minister verklagte, zu fürchten, daß man an eben diesen Minister +würde verwiesen werden. + +Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit +seiner Regierung gebührt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grün +des Fichtenhains, der die sterblichen Überreste seines Vaters und seiner +Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als daß man aus seinem +Auge etwas andres erraten könnte, als Tränen. Er wird nicht damit +beginnen, Schöpfungen seines Vaters umzustürzen, er wird niemanden, der +des Seligen Vertrauen besaß, aus seiner Nähe entfernen. Aber die +Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten +erledigten Ministerstelle dürfte vielleicht das erste Symptom des +Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf +das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lächelndernster, +mit bangfroher Erwartung. + + + + +Das Barrikadenlied (1848) + + +Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Bürgerbrust! Jeder Freie ist +geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Laßt +uns graben, laßt uns schanzen! Fässer her und Steine drauf! Trottoire, +glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles hält die Kugeln auf. + +Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurückgewandt! Laßt sie +schießen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie +Brüder, haltet Stand! + +Faßt mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drückt die Büchse los! +Offiziere, könnt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in +Eures Königs Schoß. + +Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die +zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fünfte folgt +Ihr nicht! + +So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf +des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt! + + + + +Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + + +Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemüter bewegt, fing klein an. Der +Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung +einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte, +wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die +in verworrenem Durcheinander über Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige +von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vorträge geworfene +Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn +zum Präsidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er +aber nicht zurückwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme +am gemeinen Wesen ede1ste Bürgerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren +Debatte verfaßte und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und +Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags +wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim überreicht. + +Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das +Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u. +19. März eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr, +die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gründe, mit +denen man sich bekämpft, sind nicht immer redlich. Ich finde es +unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der großen Masse sagt: Wollt +Ihr einen konstitutionellen König? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne +Beirat der Stände? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und +die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen +konstitutionellen König, wir wollen nichts ohne die Stände usw. Der König +ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht +haben. Der König hat sich mit dem Vereinigten Landtag früher als +absoluten Fürsten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben +diesem absoluten Fürsten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem +konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die +Konstitutionalität des Königs durch die Berufung des Vereinigten Landtags +beweisen will. + +Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas +neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphäre, vorteilhaft +auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdächtigen etwas die +Sympathie, die sich für ihn zu erkennen gibt. Die Buchhändler haben noch +so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager: +Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung, +eine Konsolidierung der Verhältnisse, die Börse will endlich Kurse +notieren. Die früheren Abgeordneten, die da merken, daß ihre Stunde +gekommen ist, regen sich auch. Sie möchten gern, das wittern wir in der +Luft, Römertaten von Entsagung aufführen, recht flatternd den Mantel nach +dem Winde hängen und die Lüge noch mehren helfen, die uns so schon +verdächtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und +vermehren das Mißtrauen in diesen alle Zeit ja rein prekär und von der +königlichen Gnade abhängig gewesenen Staatskörper. + +Man sagt, man könne eine moralische Versammlung nicht töten. Und doch +verlangt Ihr, daß sie sich selber töten soll? Ich gestehe, ich möchte +nicht auf den Bänken dieses Landtags sitzen mit dem Bewußtsein, daß ich +mich überlebt hätte, daß ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner +unmöglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken, +vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen +niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind +Provinzia1stände, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne +Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctorität, ja sogar erst die +Periodizität ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir +haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefühlt, wir haben +immer dahin protestiert, daß wir nicht die Stände, die 1815 versprochen +sind, vorstellen, und so können wir nichts anderes tun, als uns in +Provinzia1stände, was wir sind, auflösen, nach Düsseldorf, Münster, +Königsberg, Breslau gehen, für das Wohl der Provinzen sorgen und uns der +kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewährte, freiwillig +begeben. + +Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich rüsten +darauf: + +1. daß dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1ständig erscheinen, 2. sich +für inkompetent erklären und 3. von der noch gärenden Aufregung +vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird. + +Wünschen das die Minister? Können es die Freunde des Friedens und der +Ordnung wünschen? + +Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt +werden. Und überall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese +Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklären, sie würde von diesen +Provinzia1ständen nimmermehr Deputierte, die das preußische Volk zu +vertreten hätten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen +Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und +solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, daß man den Vereinigten +Landtag, als solchen, fallen läßt. Preußen bedarf in diesem Augenblick so +dringend der allgemeindeutschen Sympathie. + +Wir haben nötig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die +Konstitution bespricht, und dann erst mögen die neuen Stände kommen, die +vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament). +Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Stände. Wenn das +deutsche National-Parlament über vier der wichtigsten Lebensfragen eines +Volkes zu entscheiden hat, werden die Ständekammern aller deutschen +Staaten ohnehin nur gewissermaßen zu Provinzia1ständen herabsinken. Warum +streiten wir uns über das künftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es +sich nur um eine konstituierende Versammlung für Preußen, und diese muß +allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz +abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie möglich. (Dahlmann) hat gewiß +Kenntnisse preußischer Verhältnisse genug, um rasch ein solches +Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird +vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustände des +historischen Augenblickes, nicht an seine Göttinger Diktate zu halten. + +Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurück von einem +konstitutionellen König, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun +könne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller +König ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution, +die wir erst bekommen sollen. Ein Preßgesetz war rasch erlassen, ohne die +Stände. Da besorgte man, die Freiheit der Presse müsse doch gleich eine +beruhigende Form haben. Jetzt berufe der König eine konstituierende +Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder +so modifiziert, wenn nur überwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit +ehrlich entsprechend, werden ihm die Männer bringen, die allein die +Gegenwart und Zukunft organisieren können. Es ist sophistisch, hier von +einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der König ist in diesem Augenblick der +Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm +die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies +und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Stände, Inneres, +Äußeres, Deutsches, Preußisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt: +Der König darf die Bürgerwehr nicht ohne die Stände geben, die deutsche +Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt +Ihr von ständischer (Zustimmung) sprechen? In der gefährlichsten Frage, +wo der meiste Egoismus zu fürchten steht? + +Der Vereinigte Landtag enthält Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert) +sind. Seid gewiß, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen! +Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderäte usw., die durch Vorrechte +gewählt wurden und die lärmendste Agitation (für) den Landtag machen, die +wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags +erblick' ich auch nicht. Kräftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so +vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muß man sagen: Der Vereinigte +Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Königs geschenktes +(Rendezvous). Die Provinzia1stände sollen nicht sogleich vernichtet +werden. Sie mögen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine +Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich +mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille +auflösen oder, wäre es der Fall, daß das deutsche National-Parlament nur +Provinzia1stände um sich sehen will, einer neuen Organisation +entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stände ist etwas +rein Arbiträres, Zufälliges gewesen, und keinen Landstand kann es +beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert. + +Also, laßt Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich, +einseitiger Willkür. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen, +freien Gesinnung gräbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf +gebaute wahre Stände des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle +von oben aufhören. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist, +wollen wir froh sein, wenn die stürmisch gewesenen Vorboten des +angebrochenen Völker-Frühlings uns noch recht viel solcher Blüten vom +Baume der Majestät schütteln, wie diejenigen waren, welche wir in den +jüngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein +Wahlgesetz gibt jetzt nicht der König sondern das Volk, die Zeit, der +Sieg des Augenblicks. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Preußen und die deutsche Krone (1848) + + +Man kann es vom höheren, vaterländischen Standpunkte aus nicht billigen, +daß sich Süddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den +gewaltigen Umschwung unserer Verhältnisse hervorriefen, nur die +Ereignisse vom 18. und 19. März herausgreift und auf diese schmerzlichen +Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preußen desavouiert. Denn +was man gegen die Person des Königs sagt, trifft in diesem Falle das +Land, trifft Preußen und viel empfindlicher Deutschland selbst. + +Man berät eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu wählenden +kürzeren oder längeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier +Deutscher" steht es fest, daß selbst die freisinnige, deutsche, +hochherzige Bewegungspartei für die Idee einer preußischen Hegemonie ist. +Die süddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation, +einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten +anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. März +soll Preußen plötzlich "unmöglich" geworden sein? Darin liegt eine +politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit. + +Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir möchten sämtliche +deutsche Fürsten auf eine Art Standesherrenschaft zurückführen, ihnen in +Frankfurt (einem nicht gut gewählten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar, +Nürnberg wären besser) eine ehrenvolle und würdige Vertretung ihrer +Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein +temporäres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt +regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fürsten +ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen +Wünschen sich zu fügen; ja sogar größere Fürsten, die Könige heißen, ob +sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzöge oder Landgrafen heißen +sollten, ich sage, selbst größere haben Wärme und Gefühl für das +Gemeinsame genug, daß sie freiwillig ihre Souveränität angeboten und auf +den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein König +sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kräftig genug +fühlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser +idealen Richtung sich verwandter fühlt. Von Österreich würde man immer +nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn +auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche +Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen ließ, sie kann nur +vorübergehend sein. Warum nur vorübergehend? Weil einmal die +Persönlichkeit des gegenwärtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens +der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedüngten Grundlage im ganzen +Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewünscht werden +kann, daß Deutschland wieder in das Schlepptau der europäischen Politik +des Hauses Habsburg genommen wird. Was man für [die] Reorganisation +Deutschlands tut, muß ohne organische Aufnahme österreichischer Elemente +geschehen. Österreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein. + +So bliebe immer nur die preußische Anlehnung als die hauptsächlichste und +entscheidendste übrig. Das schlechte Preußische ist ja im Innern zerstört +und wird noch mehr zerstört werden durch Amalgamierung mit dem übrigen +deutschen Stoff; das gute Preußische aber ist für Deutschland so +wesentlich, daß es Torheit und Verblendung wäre, sollte sich auf ein +einzelnes Faktum, über das wir noch später sprechen werden, auf eine +einzige dem Königtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme +Preußens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in +Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher +Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwünschungen +ergehen, Lieder singen usw., aber die nüchterne Erwägung der Tatsachen +sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und über die Personen +nicht die Sache zu verlieren! + +Isoliert man Preußen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar +konstitutionell bindenden Königs, dessen Persönlichkeit indessen nicht so +nach Gefallen zu beseitigen ist, so könnte der deutschen Wiedergeburt +eine große Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die +Hauptstadt Preußens, pommersche und uckermärkische Bayards wiegeln die +unzurechnungsfähige altfränkische Loyalität der Bauern und den Ärger des +Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Führer sind geradezu +verdächtig, die ganze Maschine der Verwaltung läuft noch in den alten +Wellen und Rädern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung +und läßt im Adressenrauschen und Fraternitätspredigen vielleicht den +Moment der Tat vorübergehen, Rußland, das gerüstete, einige, feste weiß, +was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preußen unvorbereitet, +uneins, zögernd, den König verstimmt, abgekühlt durch Eure Proteste, der +Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Süd- und Westdeutschland +haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die +militärische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und +vertrauenerweckender Art. + +Preußens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fließens, +Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preußen in sich +aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preußen zurück? Ist es +nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch +Mißtrauen in das von Euch bespöttelte Berlin, dem Ihr in diesem +Augenblick allein den kräftigsten Beweis einer in Deutschland doch +möglichen Auflehnung gegen Übergriffe und Anmaßungen der Gewalt verdankt? +Berlin hat sich nicht nur durch seinen persönlichen Mut zur geistigen +Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fülle von Fragen, +die sich in politischer und sozialer Rücksicht hier allein aufgeworfen +haben. Man kam fast nirgends über die patriotischen und liberalen +Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des +Volkes auf. + +Nenn' ich die Isolierung Preußens in diesem Augenblicke unpolitisch, so +ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen +das preußische Volk, ungerecht sogar gegen den Fürsten. Was am 18. März +verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fürsten. In Wien ist +auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad würde +ebenso groß geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der +Absetzung Metternichs eine rasch ausführbare Konzession gehabt hätte. +Metternich stand schon so schwankend, daß er durch eine Straßenbewegung +fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militär als +solchem lieferte, dem Militärstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz, +es war ein fast persönlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fürst, +umgeben von solchen Generälen, solchen militärisch gesinnten Prinzen, +solchen militärischen jahrhundertalten Arroganzen, hätte ebenfalls feuern +lassen. Der König braucht darum gar nicht persönlich der "Würger" und +Schlächter zu sein, für den ihn die Heidelberger Adresse erklärt. Er ist +ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militärischen +Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brüder und +sogenannten Jugendfreunde, der Frömmlinge, der Volksverächter jeden +Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbständigkeit er +in sich selbst besitzt in dem Gefühl seiner nunmehr achtjährigen +widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen +vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise +umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise, +edel sein zu wollen, und dem Bewußtsein, gut, gerecht, weise, edel sich +selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenüber immer als das Gegenteil +davon hervortrat: so ist es im höchsten Grade ungerecht, die völlige +Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. März die Lust bezeugte, das +Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn +innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an +die deutsche Sache zu erkälten. Noch bedürfen wir, um das, was in +Frankfurt bezweckt wird, auszuführen, der Persönlichkeit unserer Fürsten. +Noch kann die Reue, das Bedürfnis nach Popularität, der geweckte +Enthusiasmus des preußischen Königs in die Waagschale der Frankfurter +Entschlüsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem, +was am 19. in Berlin geschah und wie es in München, Kassel, Karlsruhe, +Hannover geschehen sein würde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine +kräftige Miene gezeigt hätte! Mit Worten ist in Städten, die ich nicht +nennen will, von unseren Fürsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin +mit Waffen. + +Deutschlands Wiedergeburt unter dem preußischen Banner ist, so lange wir +in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige +kraftvolle und Zukunft versprechende Lösung des Augenblicks. Wollt Ihr +die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so könnt Ihr nur den +Mächtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person +vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen! + +Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer +unüberwindlichen persönlichen Abneigung, so treten folgende Fälle ein: +Erstens werden wir um die Rußland in Schach haltende polnische +Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus +friedlich geschaffenes Königreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich +sich abfinden dürfte. Zweitens hätten wir die russische Invasion, die ein +innerlich zerworfenes, militärisch unorganisiertes Deutschland, ein für +den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preußen vorfände. Drittens +endlich, wer schützt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten, +grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoß der +nächsten Zukunft, wenn Süddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten +so fortfährt, wie es begonnen, es sei denn, daß der König von Preußen, +der großen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstände, +den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung" +gegeben hat. + + + + +Abwehr einer Verleumdung (1850) + + +In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die +Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des +politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb +als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden, +weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. +Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber +doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht! +Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er +wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen" +herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern +hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht +sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte +Barrikaden befehligt? + +Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, +wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir +Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich +bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense +sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich +habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit +Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines +Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer" +fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem +Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und +Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt, +Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht +erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als +ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach +verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich +wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er +mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie +nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht +mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem +patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen +Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für +revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und +ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin +ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal +zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am +liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier! +Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu +allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, +Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. +Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem +Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne +Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie +jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und +zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam +freilich für immer sehr weiß heraus. + +Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein +"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt", +so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit +entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen +Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de +Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also +während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines +Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich +beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen +Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, +weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der +war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und +dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die +trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert. + +Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten +Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken +und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können, +doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als +rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es +nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert +oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück. + +Dresden, 23. Februar 1850. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Varnhagens Tagebücher (1861) + + +Wir mögen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in +manchen Blättern über Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlaß +ihres Oheims (zwei Bände, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet. +Die Ausdrücke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region, +wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen +getroffen fühlt. + +Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei +ersten Bände treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persönlichster +Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen +Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier +verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die +kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu +Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewährt es einen hohen Genuß, +sich sagen zu können: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzügen +deines Lebens beteiligt, fühltest dieselben Gewaltschläge der Schergen, +hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste +lebt sich ein älteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen +noch einmal wieder sein eigenes Leben durch. + +Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veröffentlichungen, sie +lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietät vor der +gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und +vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur +in hastiger Erwartung des Zukünftigen unsere Befriedigung zu finden. Je +massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die +Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des +Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und +Persönlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der +Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflüster +der Göttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persönlichkeitskultus, +den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitäten willen +verurteilen wollen. + +Welche Fülle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bände enthalten, +ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir können allerdings den +verstehen, der die Möglichkeit, solche Tagebücher zu führen, in mehr +bedenklichen als guten Charaktereigentümlichkeiten finden will; das vor +uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und +nützlich. So viel läßt sich bei jedem einigermaßen Urteilsfähigen +voraussetzen, daß ihm nicht jede dieser flüchtig hingeworfenen Äußerungen +maßgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht +alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen; +Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es +nur allein schon den Hochgestellten und Mächtigen, daß sie überall sich +eingestehen müssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fußangeln +gewarnt, aber hüte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht +zu sein! + +Auch darin müssen wir eine höchst interessante Wirkung dieser +Veröffentlichungen sehen, daß wir die außerordentliche und fast +unglaublich scheinende (Natürlichkeit) kennenlernen, die in gewissen +höhern Regionen waltet. Möglich, daß zwei Dritteile dieser hier vom Hofe, +den Prinzen, den Staatsmännern Preußens aus den oben genannten Jahren +mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzählt oder leere Erfindungen des +Gerüchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurück, um uns ein Bild +dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen +der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stürmt der Zugwind am meisten +um große, alleinstehende Kirchen und läßt schon in der Legende den Teufel +da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fürsten und Regierende +genug selbst gesprochen, teilt Äußerungen von erlauchten Lippen genug +selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu +erwecken: So also beängstigt euch Herrschende doch die Zeit und die +tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite +steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt +hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche +Leidenschaft der Menschen nicht--! unablässig Wirkungen hervor, deren +Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles +so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen +so heiß siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie +vorläufig! Diese Hände konnten mächtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht +dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den +Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektüre dieser +Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso +hilfsbedürftige Menschen schildern, wie wir selbst sind. + + + + +Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862) + + +Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken +über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen +Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal +ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht. +Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint +uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben +sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein +psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes +uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die +Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte +in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre +hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der +Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von +derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes +geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger +Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht- +lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des +Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein +eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und +lehrreich ist. + +Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit sind allerdings diese +Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerückt. Aber waren wir +denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften +Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer hätte nicht damals sich +mitten auf die Straße stellen und seine Stimme laut erschallen lassen +mögen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksführer zu +entlarven, Abtrünnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten +preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die +auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden +Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland, +zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen, +falschen, der nächsten Klugheit widersprechenden Maßregeln die sonst +ruhigsten Gemüter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der +Fürsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen +Zündstoff, um die Gemüter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier +oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken, +Bösewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder +zwischen den Zähnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste +Vergegenwärtigung einer Zeit vor, die leider für die Wiederaufnahme +dessen, was sie uns hätte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und +nutzlos vorübergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu +entrücken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den +Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es +wäre ein unermeßliches Unglück für unser Vaterland, wenn die Stunde der +Erlösung von unsern gegenwärtigen, von den Regierungen ja selbst für +unhaltbar erklärten Zuständen zu einer Zeit schlüge, wo die Lehren der +Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wären. + +Deshalb schon und um dieser nützlichen Vergegenwärtigung der Lage willen, +in welche Deutschland bei einer verhängnisvollen Krisis immer wieder aufs +neue wird geraten können, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen +mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und +"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mögen doch +nicht glauben, daß man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden +sind, nun wirklich dafür halten und in der Geschichte als solche stempeln +wird. Viele davon mögen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber +auch diese mögen annehmen, daß die öffentliche Meinung an ihre Reue und +an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrät der Ton dieser +beiden neuerschienenen Bände, daß der Verfasser der "Tagebücher" wirklich +an der Zeit krank war und über die Täuschung seiner Hoffnungen oft sein +Herz brechen fühlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden +und geschildert wird, ist in der Tat erschütternd und versöhnt uns nicht +nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern überhaupt mit +manchen Zügen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns früher nicht +hatten befreunden können. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte +der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an +den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schöner nicht in den Werken +der berühmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet. + +Auch diese neuen Bände werden vielen Federn Anlaß bieten, in mannigfacher +Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift +fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken, +die auf den politischen Charakter Preußens und Berlins geht. Jene Jahre +waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten +sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die +Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geäffte +Bürgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewältigenden +Straßengeist Berlins, sondern an die Sphäre der Intelligenz und der +privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentümlicherweise +aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition +gestellten Militärs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur +Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen, +Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphäre ist so +höchst auffallend, daß man die Gefahren des Throns weit weniger versucht +wird in der demokratischen Sphäre zu suchen als da, wo der Thron seine +Stützen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlässigkeit, Rachsucht, +hämische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer müßiggängerischen +Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen +Nachen denken läßt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und +Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher +Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche +Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsführung anstreben. Denkt +man sich diese spezifisch berlinisch-preußischen Elemente beim Beginn +eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so +außerordentlich viel Weisheit, so außerordentlich viel (nur durch die +Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten +Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen läßt, +ernstliche Besorgnisse einflößen. + + + + * * * * * + +III. Drei Berliner Theatergrößen + + + + +Ernst Raupach (1840) + + +Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben. +Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu +schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen +nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt +haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht +die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat +von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht +für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen) +zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls +wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf +schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die +Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen +Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen +Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche +darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man +seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß +Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende +Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen +werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen +bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die +Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen. + +Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der +Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür +anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen? +Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte +von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn +Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus +seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt' +es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines +Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer +derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben +den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen +Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig- +faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler, +weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht +Vergängliche verschwenden ... + + + + +Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843) + + +Es bestätigt sich denn wirklich, daß nach des Sophokles "Antigone" nun +des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Königl. Hoftheater in Berlin zur +Darstellung angenommen und zu demnächstiger Aufführung bestimmt zu sein. +Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh. +Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chöre zu instrumentieren. +Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit +denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden füllen können. + +Die ästhetische, lebendige, durch und für die Zeit lebende Kritik kann +aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muß sie dieses +pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfüllen. Sie muß es +unerschrocken aussprechen, daß die Vergeudung der Kräfte, die eine solche +scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet, +eine unverantwortliche Beeinträchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur +eine Beeinträchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart. + +Tieck mißachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehässigen Gesinnung +gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener +Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, überall, nur nicht da, wo er +durch seinen Einfluß der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des +Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von +Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorführen lassen, nur eine dem +Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehörende Bühne sollte vor dem +Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und +literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v. +Küstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen +Chimären, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gänzlich fremd, +hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluß so gering, daß er +unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wünsche sein +muß,--so ist es noch schlimmer. + +Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine +gründliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches +Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen für Kunst und +Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere +Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mütter bringen? +Bedürfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der +Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht, +jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedürfen wir zur +Belebung des Sinnes für höheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die, +überwiegend von der Musik unterstützt, durchaus ein für das rezitierte +Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen können? Ist die Weltanschauung +der antiken Tragödie eine erhebende für das Christentum, eine belehrende +für den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat, +als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter, +Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene +Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln? + +Ich höre, ein derlei praktischer Nutzen würde auch mit den Zitierungen +jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die +Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der +befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muß man herzlich die +Täuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von +Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik +unterstützte Tragödie für die griechische der alten Welt halten kann. +Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplätze +für den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefähr aussieht, wie die +Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere +Gymnasiasten klassen- und cötusweise in eure antiquarischen Spielereien +führen! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des +Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich, +ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am +Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen +polemischer Tendenz. Ihr lügt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie +existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart, +die das Unglück hat, jünger zu sein als ihr! Um von den "Götzen des +Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Götter, Götter, die nie +existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Ölgötzen, Ödipe mit Souffleur- +kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgänge spielen, Chöre, die sich auf +den Kontrapunkt verstehen! Lüge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige +Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schämt euch, so eure Zeit zu betrügen +und die Kunst zu hintergehen. + +Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolität. +Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich für Organismus ausgibt, +alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkür ist und den +Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck über das belletristische +Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller +Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm +lästig, Ernst drückend, das Erhabene nur willkommen, wenn es möglicher- +weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer ließe ihn nicht in dieser +seiner Art gewähren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre +Grenzen. Die Ironie hört auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter +Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei +der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum +Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner +Häuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und +Trollgeistern, die dich im grünen Waldrevier deiner Talente bewundern und +bedienen--aber laß vor den heiligen Räumen des Ernstes deine Schelmenkappe +zurück: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bühne, was sie +jetzt ist, die Bühne als Träger und Organ höherer Sittlichkeit: das sind +Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten +darf. + +Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurück, so muß sich +unwillkürlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen, +reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen +weiß, wenigstens keinen, der über einige heitere und witzige Schriften +hinausging. Das Theater schien sein nächster Beruf. Er wäre gern +Schauspieler geworden und würde in dieser Laufbahn, von der ihm Schröder +abriet, vielleicht Großes geleistet haben. Er persiflierte in seinen +unaufführbaren Komödien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes +für ihn geben zu können. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten +Richtungen lächerlich, von denen sie später eingestehen mußten, daß sie +noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmächtigen romantischen +Produkte, über welche Tieck in seinen spätern dramaturgischen Blättern +berichten mußte. Aus Verzweiflung, daß "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw. +für die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf +Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so überpries, daß sich +zwischen Altem und Neuem förmlich eine unüberschreitbare Kluft öffnete +und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier +Anbetungswürdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines +Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber überschwenglich nur loben +konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer +Bühnenkenntnis, nicht ein einziges Bühnenstück schreiben können. Nicht +ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das +diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, für +jeden Produzierenden gefährlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so +viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich +muß das Bewußtsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und +ihn gegen seine Zeit so mißstimmen, daß er sich lieber in die antike +Bühne wirft, als frei und tüchtig der Gegenwart Rede zu stehen.... + + + + +Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + + +Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine +Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als +alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit +Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als +eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein +notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die +Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls +ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater +sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die +Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten +Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln, +bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren. + +Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht +angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen +alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine +Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden +sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die +Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen. +Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle +Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen +aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben +Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich +auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben +das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die +Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den +Hauptgrundsätzen nur zu billigen. + +Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel +beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze +Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich +erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer +Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei +der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen +zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist +vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen +Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle +Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in +empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen +repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon +mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen +unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten +weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein +Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt, +gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile +ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und +Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich +für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale +weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein +Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau +von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger +für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf---- + +Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn +es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr +aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert. +Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte +ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den +Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese +mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen. + +Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen +sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei +Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir +einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in +ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen +Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf +Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria +Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der +Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer +stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation +aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton +wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein +Urteil zu haben. + +Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie +ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie +der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine +bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie +würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte +St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von +deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem +französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!) +befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die +Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle +Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst. + +Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung +von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin +mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel: + +(Anna von Österreich. + +Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman: + +Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl. +Birch-Pfeiffer. + +Erste Abteilung. Ein Taschentuch. + +Zweite Abteilung. Der Musketier. + +Dritte Abteilung. Der Kardinal + +Vierte Abteilung. Zwölf Tage später.) + +mit oder ohne diese Titel-Aushängeschilder nicht auf die Königliche Bühne +gehört. Herr von Küstner sollte sich hüten, seinen Gegnern mit solchen +Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben. + +Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf +den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt über die Königsstädter über +die Königliche Bühne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs, +Döring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rücken für Alexandre +Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei +Musketiere ins Feld. Herr von Küstner glaubt die hohe Aufgabe, jährlich +sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches +Repertoire lösen zu können. Wenn auch Graf Brühl sich im Grabe umdrehen +sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen +Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer +Straßenecke lesend, lächeln, höchst ironisch lächeln sollte, Herr von +Küstner führt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf! + +Früher war das Verhältnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stück +gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah, +ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrührte +oder ob sie sich, wie Kühne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet" +hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Günstlinge" +usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Würste" aber +gingen hinüber in die Königsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die +Pfefferrösels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heißen, +die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den +Romanen Storchs, Dörings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhängenden +Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere würde Graf Redern (nicht als +Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Königsstadt geschickt haben. + +Herr von Küstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben +hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich +an, stattet sie mit Glanz aus und würde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn +Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" hätte, ohne Zweifel für sich behalten +haben. Ich meine nun, dieses System wäre sehr verwerflich und der +allgemeinsten Entrüstung würdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn +von Küstner müßten ihm entschieden andeuten, daß es dem preußischen +Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrückt, mit dem +Überschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wäre. Ich meine, +daß sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden hätte sein und sagen können: +"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stücke, die +schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!" +Allein Macht und Übermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken: +Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ... + +Deshalb weise Herr von Küstner seinen über die Maßen protegierten +Günstling in die Schranken, die ihm gebühren! Vielleicht glaubt man +mir's, vielleicht nicht, daß ich mit schwerem Herzen an die Abfassung +dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe +seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben; +ich gönne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich +will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen, +ich will nicht spotten und selbst für die ironischen Stellen dieses +Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mißbilligung treffe Herrn +von Küstner, der monatelang keine Neuigkeiten aufführt, in den Berliner +Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten +Vorbereitung unterhält und dann plötzlich in aller Stille, zur +günstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die +Königsstadt gehört, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der +Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr +treten? Ich für mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile für die Bühne +geschrieben hätte, würde es unverantwortlich finden, daß die Berliner +Hofbühne diesen, aus schnöder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig +Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire +aufnehmen darf. + + + * * * * * + + +IV. Aus dem literarischen Berlin + + + + +Der Sonntagsverein (1833) + + +Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der +Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, daß der +wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fünf Jahren in Berlin +jenen ersten Verein gründete und ihn witzig nicht die sondern den +Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem +Namen zu unterdrücken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen, +als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen. +Saphir wußte diese Gesellschaft bald zu bevölkern. Die Zahl seiner +Schüler und Verehrer war beinahe ebenso groß als die seiner Feinde. +Saphir zeigte, daß der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, daß die +Phantasie alle Lücken ausfülle und der Götterfunke auf keine +Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den +seinen Gegnern ausgeschlagenen Zähnen aufwuchs und sich mit Begeisterung +unter seine Fahne stellte. + +Die Seidenwarenhändler in der Breiten Straße tobten, daß ihre +Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfüße maßen, um +Scharaden, Logogriphe und Rätsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit +klopfendem Herzen in Saphirs Blättern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf +dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verführungsgeschichten +und Schlägereien ins Reine schreiben und übten sich in der literarischen +Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstraße immer willkommen +waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hörten, machten +humoristische Ausflüge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost" +und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres großen +Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwähnen, daß für die Juden ein ewiges +Laubhüttenfest der Poesie angebrochen war, daß sie sich ihre satirischen +Adern öffnen ließen und unter dem Schutze ihres großen Messias alles +taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blühte die +Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Früchte, von denen sie zum Besten +der Überschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Später kam +die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswürdigen Freundes +Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden. +Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir +emanzipiert und hören nicht gern, daß man sie an die Schule ihrer Talente +erinnert. Die beiden vorliegenden Bände ["Rosetten und Arabesken. +Novellen, poetische Gemälde und satirische Skizzen der jüngern +Serapionsbrüder. "] führen den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des +Sonntagsvereins" und geben den Maßstab für das, was dieser war, ist und +sein könnte. + +Zwanzig Köpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfälle und +Ausfälle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repräsentanten gefunden, +und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die große Zahl +sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kämen z.B. Ludwig +Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehören, +weil sie kürzlich mit zwei großen goldnen Verdienstmedaillen belohnt +worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens- +bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt' +ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergießungen über die richtige +Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitläufig +und ich begnüge mich nur anzuzeigen, daß diese beiden Bändchen eine +Musterkarte von Trivialitäten, geistlosen Gedankenspänen, kurz von +literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W. +Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt +in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832: + +Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorüber! Vergebens sucht Ihr es +im Buch der Zeit! + +Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher +Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten" +von Wilhelm John erregen allerdings Gelächter, weil sie bewunderungs- +würdig fade sind. Man höre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, +daß Enthusiasten häufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind. +Hieraus könnte man schließen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei, +daß sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen können." Wie +dumm! Ferner: "Die gröbsten Ausfälle werden gewöhnlich am meisten gegen +diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfälle haben." Ich hätte +Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull +es nur mit dem zweiten könnte. Ferner: "Der Witz des Pöbels gleicht +mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glänzen." +Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht, +originell zu sein, hat das Originelle an sich, daß sie Narren bildet." +Ach! Es ist genug. + +Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem +Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine über dies +Mittelmaß hinaus. + + + + +Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835) + + +Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt! +Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch! +Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige, +lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer +Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen +Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste +Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden, +da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen +eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen +Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder +wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft, +unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid! +Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der +Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den +Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter +seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf +der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch +geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist +in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod +der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße +und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde, +könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es +sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch +ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original, +daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann. + +Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr +Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind +nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man +rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher +Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten +kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu +zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie +zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat +Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen +behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste +Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure +Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den +letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal +einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt +nicht das Urteil, sondern die Erklärung. + +Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war +ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war +eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt, +und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine +allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die +bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft, +und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt. +Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um +ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das +höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte, +angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für +beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf +wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und +des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide +Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort- +lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus +wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden +nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen +idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon +hatte. + +Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde +ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte +keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen +Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt +anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit +selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie +war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die +Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806 +gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und +immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde; +sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von +Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel +von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem +Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren! +Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte +sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing +erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie +nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so +blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille. +Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles +bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen +sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war. + +Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut, +luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den +Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn +Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die +Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit, +russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und +nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und +Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher +holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen +hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man +wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist +in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo +in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen +war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet +er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken +sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel +wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die +Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung. +Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert, +und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht +anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die +Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem +Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden +Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles +Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne +Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es +früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter +ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der +nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das +Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit +vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der +Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke +sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone +aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben +muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter, +tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder +unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen +affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo +die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der +rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes, +stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer +Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger +Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des +Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen +Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den +Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche +Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich +aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So +fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht +dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte +er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit, +daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht +haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen +Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er +fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um +originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im +Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem +Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte. + +Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in +diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln +zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe, +sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage +seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche +ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und +sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei +großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte +und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher +macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes +und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne +bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in +Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen +Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr +glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe +sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich +der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen: +Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die +stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne. +Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht +tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen, +blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der +Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im +Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den +gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis +des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede +Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte. + +Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die +Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle +nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein +unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie. +Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du +tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an. +Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du +die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in +den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch +Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im +Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das +Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du +empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende +eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das +Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es +ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist, +sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn +es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein +Gedicht rundet sie nicht ab. + + + + +Diese Kritik gehört Bettinen (1843) + +(Nil divini a me alienum puto.) + + +Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen +hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst +erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die +verschmachtende Kehle hinunterschüttet und mit Wollust die benetzte Lunge +zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im +Kristallglase ihrer stilistischen Schönheiten, mit all den wunderlichen, +eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die +anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der +uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht südliches +Rebenblut, durchduftet von den Blüten des Orients oder gewürzt von +zerstoßenen Perlen der Märchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische +Quellflut, reines kristallhelles Naß vom Borne der Natur, aus der +Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche, +gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewürzten +Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser +täglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem +ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und +Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein +volles Glas, wo die Felsen-Kühle mit tausend Tropfen die innere Wand +beschlägt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden +Champagnersänger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung +und Kühlung, Erquickung und Stärkung, Trost für das Vergangene und Mut +für das Werdende! + +Das neue Königsbuch dieser merkwürdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne, +daß es wie herbstliches Geblätter eine Weile raschele und unterm +Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat, +die weit über den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehört +dem König", es gehört der Welt. Es gehört der Geschichte an, wie Dantes +"Komödie", Macchiavellis "Fürst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft". +Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von +Millionen gefühlt werden, gesagt werden mußten. Man wird diese Dinge +bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und +man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen +Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heißt es, das +starke Ende kommt nach. Mit des kühnen Strauß' "Leben Jesu" ging es +ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm +niederfällt. + +Wer noch nicht nach den beiden kleinen Bänden gegriffen hat, wer noch +schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie +einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zügen", wie +die Studenten sagen, trinken und allmählich in sich aufnehmen muß, dem +diene folgendes als Erläuterung: Das merkwürdige Buch trägt seinen +persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in +diesem Titel. Dies Buch gehört wirklich dem König und mußte so heißen, +durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den König +geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der +Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfaßt, und deshalb von +Tausenden von Männerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das +Organ einer allgemeinen Ansicht, die kühne Vorrednerin ist, die Jeanne d' +Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem +Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, daß nur ein Weib das +sagen durfte, was jeden Mann würde hinter Schloß und Riegel gebracht +haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umständen, in diesem +Zufall, daß eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und +ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine +Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der +Gesellschaft veröffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht +einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-großartig ausgesprochen +hat, darin liegt etwas, was göttliche Vorsehung ist. Dem bedrängten +Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen. +Windet Euch, baut Bücher auf Bücher auf, sprecht Anathema über Anathema, +die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen +in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung +haben will, diese Glut einer Überzeugung, die sich wie ein feuriger Strom +durch die Lande wälzen wird, ist nicht zu dämpfen, nicht auszulöschen. +Den Handschuh für die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist +immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren. + +Bettina gehört zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug +wie Schlangen sind. Sie redet zunächst nicht zum König von Preußen. Sie +malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen +Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemäß, +kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht +scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von +Napoleon und läßt die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden. +Sentimentale und Tartüffe-Gemüter, die immer wollen, daß man die Sachen +von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen" +sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher +Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die +Verantwortung so himme1stürmender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund +legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Füßen gesessen, weiß, +welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom +Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen, +die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen +Begriff, eine poetische Individualität, wie sie der Dramatiker schafft. +Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafür im +Jenseits nicht mit Plato zürnen. Der Vater ist verantwortlich für den +Sohn, der Staat für den Bürger (Bettina führt diese Pflicht mit +besonderer Vorliebe aus), der Lehrer für den Schüler. Von großen Menschen +bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist +geboren wird. Und so ist auch jenes Dämonion, jene höhere Weihe und +plötzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates, +nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften +Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt +Bettinen, die es wagen darf, den kühnen Heldengeist jener Frau mitten +unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms, +von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein +und dem Bürgermeister von Holzhausen redete. + +Der erste Band des Königsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate +gewidmet. Die Beweisführung in beiden ist die des ursprünglichsten +Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug +und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Rücksichten der +Selbsttäuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie +Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen geflügelten Hufen, der Bahn +der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenröte +aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kühnen Händen, noch +sind sie leer, aber nicht ein Wort der Lügen, die darauf standen und die +sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen +stehen dürfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste +Positivität des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine +indische. Sie ist kein Behagen, keine träumerische Wollust in sich +selbst, sondern ringende, kämpfende Freiheit, griechische Freiheit, wie +sie sich in der Palästra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen +erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im +Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen +Bergeshöhen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestrüpp und Genist +nicht ins blinde, wilde Ungefähr hinein, sondern nach einem erhabenen, +edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfaßt, Gotteswürde und +Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im höchsten, im +majestätischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als +die Natur, die Vernunft und der freie Geist! + +Die übliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie +unserer Zeit wird über den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreißen und +siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen +Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfähigkeit. +Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma +ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Möglichkeiten +der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern +die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage +nicht, daß sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums +ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein +Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kämpfe lehrt, daß für +die Freiheit schon unendlich viel gewonnen wäre, könnten wir nur auf der +Hälfte des Weges, den Bettina schon zurücklegte, Hütten und Zelte bauen, +geschweige Kirchen im Sinne dieser Hälfte. Der Erfolg dieses Buches, wie +weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird, +läßt sich noch nicht ermessen. Erst muß die wilde Jagd der Gegner kommen. +Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab! + +Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band. +Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man höre, was er +enthält, und erstaune über dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die +heißeste, glühendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten, +daß der Kommunismus viele Anhänger finden wird. + +Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat +schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Märtyrern stempeln +und zöge die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das +erste ist wahr. Man schreibt so viel Bände über die Gefängnisse, über die +Verbrecher, über die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten, +und doch bleibt es unwiderleglich, daß die wahre Politik, die Politik im +Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Mögen +wir nun an die ursprünglich gute oder ursprünglich böse Menschennatur +glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung +einen so hohen Begriff, daß wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur +Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum +mißlingen sie so oft? Unsere gewöhnlichen Quacksalbereien müssen doch +wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schäden der +Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz +verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige daß sie +bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenüber war es +mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitäler, neue Quarantänen, neue +Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als höchstens die +sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da: +jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa +sporadisch, sondern so allgemein, daß die Gefängnisse keinen Platz haben. +Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwächter und Gensdarmen, die +Bürger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer +sperrt sich ab gegen den andern und der Störer dieses atomistischen +Staates wird unschädlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not +des nächsten Augenblicks geboten wird, so muß man sie gelten lassen; +erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden +Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum +achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen +schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein +Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und glücklich +erhält, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls +angelächelt hat? + +Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein +herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von +Göler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf +hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan +hatten, äußerte in seiner würdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er +müßte für das Christentum erröten, wenn er bedachte, daß der milde Geist +der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen wäre, um +nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, für immer unmöglich zu machen. Er +sagte: Erröten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, errötete +für die geringe Wirkung seiner Lehre. Errötet wohl ein Beamter für den +Staat, der ihn besoldet, ein Minister für die Lappalien, die er in seinem +Portefeuille einschließt, erröten unsere Richter für die Verbrecher? +Nein. Höchstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muß. +Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren +denn unsere großen Staatsmänner nur als sich? Wie ist es möglich, daß +durch diese Politik der Bürokratie, der Edikte, der Verbote, der +Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener +wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den +Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses +Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den König, dem +sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreißende, so feurige Apostrophen, daß es +rührend ist, wenn man sich sagen müßte, der Brief ist unsterblich, aber +er wird seine irdische Adresse verfehlen. + +Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat wörtlich verstehen +wollte, bewiese nur, daß er zu den Langweiligen gehört. Kein Langweiliger +hat Sinn für den Humor. Humoristisch ist aber ein großer Teil der +sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kühne Opponentin mit den +Verbrechern zu stiften vorschlägt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu +tun, einen Räuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum +Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr +eigentümlicher Ausdrucksweise, daß das Kapital von Mut, Schlauheit und +Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf +edlere und dem Gesamtwohl nützliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik +dieser Beweisführung ist teils Überzeugung, teils Neckerei. Es ist +durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespräche +belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich +gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen +Vögel der Gegenpartei wieder flattern läßt, um sie nach kurzer Freiheit +wieder aufs neue einzufangen. Fast im schäumenden Übermaß dieser Ironie +sind die "Gespräche mit einer französischen Atzel" geschrieben. Hier ist +selbst die Frau Rat die überflügelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit +seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein +verzauberter Höllenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und +schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel +dient. Er möchte, daß die ganze Welt des Teufels wäre und schwätzt die +Dinge, die oben stehen, kopfüber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht +an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden +Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad +denunzieren werden. Bettina wäre mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele +humoristisch genug, für die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie +einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden. +Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum +soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die nächstens +die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eröffnen wird, wird +sehr komisch sein. + +Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als daß es +komisch schließen dürfte. Es schließt mit dem Septimenakkord des tiefsten +Schmerzes, es schließt erschütternd, herzzerreißend, tragisch. Wessen +Auge über dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen +kann, ohne in Tränen zu schwimmen, der muß ein Herz von Marme1stein +haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in +dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Häuser +durchwanderte, an die Türen pochte, eintrat und sich nach den bittern +Lebensumständen, die hier zusammengepfercht sind, gründlich erkundigte. +Die Namen sind genannt, die Türen bezeichnet, hier hört jede Fiktion auf. +Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf +Stroh, stündlich gewärtig, ausgepfändet und auf die Straße geworfen zu +werden mit Greisen und Säuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern +oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei +und verlassen von jener Behörde, die ihr nächster Schutz und Schirm sein +sollte, der städtischen Armendirektion. Für die Mitteilung dieses +Gemäldes verdient Bettina den Dank jedes fühlenden Herzens. Jede Träne +dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen +Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht höher als jede +idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben, +aber die Farben sind echt und der Fürst, dem sie ihr Buch widmete, hat in +dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball +abbestellt, sicher die Zurüstungen eines glänzenden, nur Staub +aufwühlenden Manövers auf die Hälfte des angesetzten Etats reduziert. +Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch +die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser +Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen +Anhänglichkeit an das Vaterland und den Fürsten, die sich selbst in +diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin überbrachte der +Ordenskommission (fünf Orden), die ihr gestorbener Mann im +Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein für alle Mal +fünf Taler (kaum den äußern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie. +Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kühnen Frau, die dieses +Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem +(Bürgermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von +diesem Anhang kann man nicht glauben, daß er spurlos vorübergehen wird. +Nicht nur, daß die Berliner Armendirektion, eines der unpopulärsten +Institute der Residenz, einer gründlichen Reorganisation unterworfen +werden muß, auch die höhere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne +sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem +Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknüpfen und einer +unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage +wird um Antwort drängen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in +Almosen, sondern in durchgreifenden Schöpfungen bestehen müssen. Und der +edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf +dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer +Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit, +dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen +Verdienstes prangender, als weiland ihre schönsten Blumenkronen aus der +Periode ihrer romantischen Naturmystik. + +Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen +wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine +Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der +er Rom aus einem Räuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der +König von Preußen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen, +aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblättert, er hat die Widmung +gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg +gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland +und Preußen insbesondere hoffen, daß von der mächtigen Beredsamkeit einer +Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn +angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zündet, +doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung übt, in ihm +zurückgeblieben ist. + + + + +Ein preußischer Roman (1849) + + +Die kluge und soviel man wußte ziemlich demokratisch gesinnte Fanny +Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die +Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre +sonst so freiheitglühende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmückt, +das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und +Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom +Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die +Etikette und eine gewisse loyale Pietät für hohe und höchste Personen +gesündigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preußenvereine wissen +sehr wohl, daß man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann. +Dies edle Kern- und Grundgefühl preußischer Herzen kann nicht mehr +überall der Ausfluß unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der +Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte, +sondern dies Gefühl muß jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der +Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat +Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu +jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den +Beweis führen, daß auch in jenen Regionen menschlich empfunden, +liebenswürdig geschwärmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal +den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgänge der Literatur, die schon die +Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Gräfin +Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin +Diogenens, rettete ihr wieder die Könige und die Prinzen. + +Wir erfahren in diesen drei mit großer Gewandtheit geschriebenen Bänden, +daß es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preußen +gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war, +sich vom Zopf Friedrichs des Großen und derer, die diesen Zopf für das +Palladium des preußischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik +trieb, viel Schulden machte, Militärexzesse begünstigte, die Franzosen +und ihre Republik haßte und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz +preußischer Waffen fühlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806 +seinen Willen tat und den Krieg erklärte, fiel er in dem ersten Gefecht +gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber +deren liberale Grundsätze er haßte. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand +so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander +gerühmt worden, daß man sein Leben wohl für beachtenswert, seinen Tod +rührend finden kann. Wie aber sieht es mit einer näheren Prüfung dieses +Ruhmes aus? Wie muß sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese +äußerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen näher +zu bringen? + +Wir gestehen, daß Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes +sehr wahr auffaßte. Statt aller Kritik über ihn hat sie sich ganz einfach +in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche für den schönsten. +Da ist kein nüchternes Räsonnement, da ist keine Prüfung, kein Abwägen +von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt +hat. Und gerade das muß den Treubund entzücken, gerade daraufhin kann +Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jüdin, eine +eifrige Verfechterin der Grundsätze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht +da eine Märzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten +für preußische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkränzen unsern +Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den +Bahnhöfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefärbten Bajonetten in +ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Männer und Frauen +einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts für die Menschheit leistete, +sich aber als Hohenzoller fühlte! Und eine Demokratin trägt uns hier die +schwarzweiße Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur! +Die berühmte Gegnerin unserer unübertrefflichen Ida! + +Fanny Lewald wird sich über den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber über +mich, der ihn so reden läßt, sehr erzürnen. Sie wird, ich seh' es, alle +diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung für einen preußischen +Prinzen zurückweisen, sie wird, ich hör' es, ausrufen: Kleinliche +Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens +folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr +möglich bleiben, daß man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt, +sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer +George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels +und Prinzenpaläste, mit Interesse, ja mit Liebe umfaßt und das Schöne, +Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das +hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie +hat sich ohne Zweifel noch größeres gedacht. Sie hat das Bild eines +zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt +unüberwindlich dünkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit +vorhalten zu können, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militär und +Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die +Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische +Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist, +ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung +festzuhalten und so den Vorwürfen zu begegnen, gegen die sie als strenger +demokratischer Charakter empfindlich sein mußte. + +Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie +hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern +wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der +Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise" +mit einem liebenswürdigen, genialen Prinzen des königl. Hauses in +Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen, +mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg +ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen. +Statt, wie eine künstlerische Intuition ihr sagen mußte, den Prinzen +episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren +Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und +alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu +lassen, macht sie diese selbst zu Hauptträgern der Handlung und gibt eine +romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der +Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie +gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll +erscheinen läßt, während sie doch meist nur frivol und sittenlos sind. +Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berüchtigten +Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und +interessant, so drapiert mit dem großen Umschlagetuch grell-moderner +Ideen und großblumiger Empfindungen, daß man erstaunt, wenn man sich +denken muß: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser +Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbröckeln und in +die ihr eigene großstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblättern, wo +Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfümierte Billetts, von +galonierten Jockeys auf silbernen Tellern präsentiert, alle Schmerzen +"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens +Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny +Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentöchter interessant zu finden, +die beim Blasen der Gardekürassiere an die Fenster rennen, sich in Helme +und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewähren, was Prinzen +nur von Bürgerstöchtern fordern können. Henriette Fromm, Pauline Wiesel +sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von +der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch +geschieht. Welche großen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche +gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt +nicht jene Buhlerei der Mütter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie +nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Später mögen die Opfer dieser +Zustände mehr gelernt haben als Madame Rietz wußte, sie mögen französisch +parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in +Berührung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag +auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter über sie ausgegossen haben. +Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jüdin Rahel +Levin mit Prinzen von Preußen in Verbindung gebracht darzustellen, ist +hier von ihrem Herzen und dessen kühnsten Flügen geblendet gewesen und +hat eine Sphäre für dichtungswürdig gehalten, die es nicht war. Mamsell +Cäsar, die Berliner Geheimsekretärstochter, verdiente ebensowenig diesen +Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der +Verlobung an einen Ökonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein +Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer +Bürgerlichen schmeicheln, nur in aller Kürze sie auffordern: Sei mein! +Einen (Roman) von Gefühl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe +des Menschen gibt es da höchst selten und im vorliegenden Fall gewiß +nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloß +mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu +machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit +Spannung, würde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie +hätte beim Niederschreiben dieser Blätter auch nur im entferntesten +gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!) + +Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen; +unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrückten, leidenden Zustandes +der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem +gedemütigten Stolze, mit der getretenen Menschenwürde. Sie hat in ihrem +reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der +Beobachtung und des Mitgefühls für die Nachtseiten der Gesellschaft +durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie über +die Militärzustände Preußens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die +Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dünkel der Minister +anstellte, nicht auch zur Wahrheit über ihren aristokratischen Helden +selbst und noch mehr zur Wahrheit über das prahlende Zuschautragen des +Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemälde aufrauschen? Warum wandeln +diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefühlskram +unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle +Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende +Großgefühligkeit um die königliche Hoheit affektierter Kram? Erschließen +uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie müssen es wohl, da +Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine +große Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der +Verfasserin überall folgen, wo sie praktisch und verständig ist. Wo sie +aber Gefühl geben will, Idealität in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch +eben nur in derselben Sphäre, die sie an der Gräfin Hahn hat bekämpfen +wollen: Haß gegen das Übliche, Feindschaft gegen die gewöhnlichen Gleise +der Liebe, die sich in ihrer süßen Monotonie Jahrtausende lang durch die +Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mütter, die verheirateten +Frauen ewig gleichgültig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und +Paulinen der poetischen Betrachtung würdig? Es wäre eine rechte Erquickung +gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem +Herzen auch ein junges, schönes und bedeutendes mit einem nur guten +angetroffen hätten. + +Das Buch schließt wie eine Symphonie mit unaufgelöster Dissonanz! Der +Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fäden, welche die +Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch +Licht, und plötzlich Nacht. Dieser Schluß ist eine Kritik des Werkes. Er +sagt, daß mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts +zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein +wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach +Wahrheit, so die schöne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger +Überzeugung, daß sie unstreitig fühlte: Die Menschen, die ich da mit dem +Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnütz, und keine Seele +mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden, +ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach +vielen Gräbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den +Immortellenkranz verdient. + + + + +Eine nächtliche Unterkunft (1870) + + +In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehörenden +Tagen, wo Berlin rundum keine andere große Stadt in der Nachbarschaft +hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen +zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen +überwundene eigentümliche Naivität oder, nennen wir es beim richtigeren +Namen kleinstädtische Unzulänglichkeit aus, die den Charakter des +Berliner Pfahlbürgertums in manchem bezeichnen dürfte. Die Sperre gegen +eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam für gleichsam wie +"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch +die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung +Preußens erst allmählich, ja mit Beweisen völliger Unbeholfenheit und +Unreife anschickte, dem Fortschritt des übrigen Europa zu folgen. + +Noch bis zur Märzrevolution befand sich im königlichen Schlosse, dicht +unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848 +dem Publikum nicht mehr als Durchgang geöffnet ist, ein alter Rumpelkasten, +Portechaise genannt, an deren mit grünem Kattun verhangenem Fenster +unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen +will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstraße" +avanciert, begrenzt die südöstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich +bemerkt eines Baues, dessen Großartigkeit den Stil, den kräftigen Griffel +des 19. Jahrhunderts in so überwältigendem Maße bezeichnet, daß bei allem +Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", für die +Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch für ihre +Überlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstörenden--Druckfehler +beseitigen darf. + +Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "französischen +Turms", die dem Wechselgeschäft der Herren Brest und Gelpke gerade +gegenüber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den dürftigen +Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttürme" gebildet werden, das +helle, frische, grüne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen", +sondern es war sogar möglich, daß die damalige schutzmannlose, nur auf +jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen +und Aufschlägen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen +alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein +Mißverständnis zur Überwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem +Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstraße ausgestrichen war. +Die Deichsel für die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte +nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen +Rötliche. Die Totengräber Hamlets hätten hier Betrachtungen anstellen +können über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drüben +von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der +große Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick +hinübergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte, +nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewölbten +Türmen, um deren Säulen und Säulchen die Spatzen und die Krähen und die +Habichte nisteten. Berlin, das gegenwärtig alles brauchen kann, selbst +die Denkmäler von den Gräbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der +Toten von den Kirchhöfen stiehlt, ließ diesen alten Leichenwagen +unangetastet. + +Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal +quer über die Straßen hinweggezogen, in ächzenden Tönen hin und her +schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf über ein noch +naturwüchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem +Keller wie ein ferner Unkenruf ertönte und in den Straßen jener +gespenstische Mann umging, der ein Fäßchen in der Hand tragend, aus einer +bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten +Kravatte mit einem gewissen würdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl, +den Ausruf hervorpreßte: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich +fröstelnd, die Hände in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider +gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen +mannigfach brüchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine +verwitterte, magere, kleine Gestalt über den Markt, auf welchem öde +Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses, +die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten. + +Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den +Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die +Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit +leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne +überstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung, +nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nähert +er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat +dich Charon heute Nacht nicht nötig, um vom "Türmchen" im "Voigtland" +eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius" +seine Gäule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im +"Nasenquetscher" auf Saturns großes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den +Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt, +herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte, +weil die Geschäfte der üblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die +Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein +damaliges--Asyl für Obdachlose. + +Fand sich wohl ein Stück Holz, eine Planke darin vor--den Trägern mit den +langen Flören am Dreimaster benötigt, um den Sarg in die Grube zu +senken--so rückt sie der lebende Tote so, daß sein Haupt mit den langen +weißen Haaren eine Stütze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet +er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder, +wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte +Wange aufstützt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen +Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstraße +kommende Schöne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines +"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone +--einen glücklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um +Mitternacht sein Coupé nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu +vorüber. Selbst der Nachtwächter hält sich in der Ferne, dort, wo ein +Ruf: "Wächter--!" ihm ein Trinkgeld fürs Einlassen in ein verschlossenes +Haus, dessen Schlüssel an seinem klirrenden Eisenbunde hängt, sicherer +einbringt, als wenn er hier Posto faßte in der düster-unheimlichen Ecke +an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger +Kandidat in französischer Sprache predigte und sich nicht träumen ließ, +wie übel später einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft- +lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte. + +Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo +die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren +war schon die allerglücklichste Chance für--"Belletristik". Ein Honorar +von einem Taler zahlte man für ein Gedicht, von fünfzehn Silbergroschen +für eine Reihe von Lückenbüßern, damals "Aphorismen", "Streckverse", +"Sternschnuppen" oder ähnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es +dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes +angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil, +der an Pindar erinnerte--seiner Unverständlichkeit wegen. Aber schon in +jener Zeit war die Lektüre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als +Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die +Ästhetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer +des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was +war da der verkommene Träumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean +Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen +Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer, +fühlen wir tiefer als in der Nähe der Toten!--) nur dadurch schlagend, +zündend, lapidar zu machen glaubte, daß er ihn immer enger und enger, +immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen +drängte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze +Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis +vier Pfennige! + +Dieser Obdachlose hieß Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den +Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mühe geben will, in +alten Jahrgängen des "Freimütigen", des "Gesellschafters" zu blättern, +der wird dort--dem nächtlichen Bewohner des Leichenwagens am +Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen. + + + + +Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis') (1872) + + +Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres +zu Arnstadt in Thüringen erfolgte Ableben Wilhelm Härings, genannt +Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die +gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein +Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die +Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blättern +erschollen, verdient. + +Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal später kommend als andere Organe +der Öffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer bloßen +Trauerrede am Grabe hält, sondern persönlicher auf den Verstorbenen +eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des +Dahingegangenen recht nahe zu rücken. Schon die Wendung dieser Nachrufe, +daß der Tod den Unglücklichen, der fast fünfzehn Jahre in geistiger und +körperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erlöste", ist +nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in +spätern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Engländerin, die +Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die +erlöst wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswürdigen Kultus der Liebe +selbst fühlte kaum sein Leid in ganzer Größe. Die Stunden, die Tage, die +Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmäßig +dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am +Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns +"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der äußeren Erscheinung +Härings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der +der Welt gegenüber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der +Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen +Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des +ängstlich aufgeregten Beschäftigtseins durch die Zeit, des bänglichen +Erwartens düsterer öffentlicher Erlebnisse trugen. + +Von "Leiden erlöst"? Gewiß! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze +Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens +ging bei Häring auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren +suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm +zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen +neuen großstädtischen Gründer-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur +Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den +alten Eichen und in den Fischerhütten Heringsdorfs an der Ostsee den +Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu fördern. Später gab er seine +dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schönheiten auf und zog sich, +seiner ganzen Kraft sich noch bewußt und mit literarischen Plänen, deren +einige auch dort noch ausgeführt wurden, nach Arnstadt, einer ohne +Zweifel--ich kenne den altberühmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt, +die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzählt man von Härings +anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner +geschwächten Geisteskräfte. Wenn die Rosen blühten, sammelten liebliche +junge Mädchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblätternden +verblühten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon +wünschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte +herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis +zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem +und alledem ungern verließ. Sein Lebensende war keineswegs das seines +gekrönten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens- +volle Übersendung eines seiner "märkischen Romane" oder bei einer +sonstigen Annäherung, welche Huld und Güte voraussetzte, die bekannt- +gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er hätte sich +von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch +Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelähmt zu werden wie Dr. Häring. +Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Bäumen Sanssoucis, +die den an Plänen und Ideen überreichen genialen Kronprinzen einst unter +sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und +nichts mehr von der Welt erkannte. Häring ließ sich in seinem Rollsessel +an seine Blumen fahren und pflegte diese. + +Unsere jüngere Generation macht sich das Leben eines solchen +abscheidenden Charakters früherer Tage nach äußern Notizen leicht +zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar, +Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine +Zusammenfassung seiner letzten Tätigkeit, die dem "brandenburgischen +Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und +dennoch bieten diese Momente für den Forscher, der dem Sein und Werden, +dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur +folgt, bei weitem nicht die genügenden Anhaltspunkte. Man las bisher über +Häring nur Zusammenfassungen, kurze Resümees einer dahineilenden Zeit, +die ihre Opfer der Pietät rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder +auf sich selbst zurückzukommen. + +Bei solchen Resümees fehlt natürlich auch das Zuviel nicht. Die +"märkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat +nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankündigung des +Buchhändlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder +deutschen Hütte eingebürgert" sehen möchte. Diese Romane sind reich an +Vorzügen aller Art. Doch reißen sie nicht durch eine mächtige und +eigentümliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit +reproduktiver Umständlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien +(übertreibend bis zu Phantasien) über eine Mark Brandenburg, die jetzt +mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Königin +aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstück ist ja im vollen Gange. Hätte +man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen +von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten +Gesetze dessen, was schön ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere +Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt +zurückkehren, dort so herrliche Bäume, große Gewässer, sogar in Berlins +nächster Nähe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die märkischen +Tannen- und Fichtenwälder, diese durchsichtigen Linienregimenter, überaus +poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen dürftiger Vegetation +landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in +Gründer-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwäldern in Masse und will +Deutschland einladen, dort Hütten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in +der Tat die Außerkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden +Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die +Übertreibung des Poetischen, das sich in Härings märkischen Romanen +finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des +Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an +jener Welt, die seither für schön gegolten hat und deren Zaubergewalt +auch dem märkischen Romantiker Häring selbst zu oft vor die Seele trat, +als daß es ihn nicht mächtig nach dem Süden hätte ziehen, zu dem +Geständnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind +eine wahre Befreiung des Gemüts vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch +in Pankow und Schönhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen +Schönhausens sind schön, und wäre nur dem Park mehr Pflege zu wünschen!) +dem großen Naturgeiste nahe fühlen möchte. In dem frisch geschriebenen +Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Süden, der blauen Donau, den +schneebekränzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles +Recht zuteil. + +Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Königgrätz und Nikolsburg, +brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die +'preußische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der +begabtesten unserer jüngern Erzähler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus +Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtümern, gebürtig, glaubte mit +seinem beredten Fürwort einen Beitrag zu geben zur Annäherung zwischen +deutschem Süd und Nord. Der Streit, welcher in der Familie geführt worden +wäre, hieß es, müßte auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein +Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung +auszutilgen, welche sich des deutschen Südens gegen den Norden, gegen +Preußen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewöhnt hat, als den +Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und +ihre Hauptstadt bemächtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge +Nordlandssohn fordert Süddeutschland auf, an diese Quelle der Versöhnung, +"die Werke des Hrn. G. W. Häring", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er +hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprüche auch der +"Kreuzzeitung" auf den Parnaß vertreten) reihen sich dann bei dem +Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versöhnung an, welchem der +vielleicht feurigste Mund, der sich je über einen noch lebenden Autor +ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser +fortzureißen vermögen, weil der frische Geist der Huldigung Satz für Satz +zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken +reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen dürfen +und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten +fortreißen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll.... + +Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Härings, des +unglücklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung +ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerflügeln. +Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls +märkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die +Beine verschränkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an +sich kühner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts +einzuführen? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte. +Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so +gewissensstreng gemacht, daß wir in der Wiederholung eines solchen alten +Literaturspaßes einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit" +sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken würden! Aber der +belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach +diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, künstlich +gepflegten Neigungen. Seine Natur ließ nichts frei aus einem übervollen +Innern hervorströmen. Selbst die Chronik der Bühnen Berlins weist einige +dramatische Anläufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg. +Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht +überspringen und die Tage nicht vergessen, wo Häring noch zu den +Unentschlossenen gehörte, wo Ludwig Börne jenen mit gutem Essig und gutem +Öl (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Härings-Salat" +schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Häring und Ludwig Robert, +damals zensurgemäße Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch +nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten +Aufsatz über die Sontag geschrieben hatte, durch die Straßen und +Gesellschaften Berlins führten, worauf bei jeder Vorstellung eines +eilends vorüberschießenden Bekannten regelmäßig derselbe Dialog +hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Börne!" Verwunderung und +Entzücken: "Börne? Sontag? Göttlich!" Es war die Zeit nach der +Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig +machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen +Tagen bot besonders die Haltung einer großen Leipziger Buchhandlung mit +ihren einflußreichen Blättern und Sammelwerken, die im literarischen +Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton +angaben, den Mittelpunkt für eine Richtung, der sich auch Häring allzu +eng anschloß. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der +schönen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitätsleben +entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekämpft. Aus jener +Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers, +Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphäre schließen läßt, +wo man freisinnig am Teetisch war, im Büro aber tat, was die +Obern wollten. + +Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem +Konversationslexikon orientierten Nekrologe, daß sie schon von "großen +Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat +sich redlich mühen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des +Geschicks" rüsten müssen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das +Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da mußte der +letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese +unglückliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem +sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen ließ, wurde nur +durch eine für jene Zeit des bedruckten Löschpapiers überraschend +geschmackvolle Ausstattung einigermaßen wiedergutgemacht. Mißmutig über +die Art, wie sich die Buchhändler zu den Autoren zu stellen pflegen, +begründete Häring selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines +Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Mißerfolge, +Bekümmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine +Würdigung seiner märkischen Romane, die zunächst durch Härings mächtig +pulsierendes Heimatgefühl und vielleicht auch durch Nachahmung des +vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn +nur innerhalb Berlins nicht. Nach außen hin fand sich kein Interesse. Nur +die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten.... + +Das Jahr 1848 überraschte unsern rastlos tätigen, immer geistesfrischen +Wilhelm Häring in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung" +antrat, führte ihn rasch in die richtige Straße der Bewegung, bewahrte +ihn vor unklarem Wählen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel +bereut worden ist. Diesem Entschluß, einem viel gelesenen Blatte seinen +emsigen Fleiß, seine gewandte Federführung, sein reiches Wissen auf allen +Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat +es mit befreitem, von Vorurteilen erlöstem Sinn. So vieles, worauf auch +er in den vormärzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja +vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, größeren +Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormärzliche Annäherung +an einen Fürsten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen +Vorliebe für märkische Dörfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen, +Tannenwälder mit Eichhörnchen und gewissen wie schon gedörrt auf die Welt +kommenden Blüten, speziell märkischen Rispengattungen (ich charakterisiere +eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut +entzücken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen +kann)--diese Annäherung konnte ihm keine Demütigung, keine öffentlich +auferlegte Kränkung mehr bringen. In den vormärzlichen Tagen besuchte ich +ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht +fühlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spürte er überall +Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen +und die schönste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Härings bester +Roman: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." In diesem ausgezeichneten +Gemälde hatte man nichts von den weglosen Längen seiner märkischen Walter +Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen, +von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren. +Hier waren die historisch erwiesenen Persönlichkeiten wie im Portraitstil +gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preußischen Unterganges, +traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser +Auge, daß uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemütlich durch die +Linden- oder Brüderstraße schlendert, die in den historischen Häusern +derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten +dieses Romans einfallen. Preußen war durch Olmütz auf die abschüssige +Seite der schiefen Ebene geraten. Über dem ganzen Gemälde lag das bange +Vorgefühl neuer verhängnisvoller Stürme, die für das damals von +Manteuffel regierte Preußen heraufziehen müßten.... + + + + +Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + + +... Für die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der +gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter +österreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem +norddeutschen Ohr unerträglichen falschen Reime (reiten und leiden) +gehören. Eingeführt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in +Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher +verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig +zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt würde der gebildete Kalkulator +(Rechnungsrat), der einen gefühlvollen Sonntagmorgenspaziergang im +Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand +befriedigt fühlen, der vor 30 Jahren in Berlin für einen klassischen +galt. Die Berliner Poeten, die sich später auf einem traurig +untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben +geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige, +z.B. Theaterkritiken zu schreiben, übergegangen. Wir kommen hiebei, ohne +diese Metamorphose heute näher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung" +sehr nahe, und nehmen vom Büchertisch ein in Goldschnitt gebundenes +zierliches Bändchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schröder +1873). + +Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer +mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von +hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwägungen technischer +Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stündlich in +Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann, +sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der +Kontraste und dem selbst für das politische Gebiet zum Rechnungtragen, +zur Rücksichtnahme, zur Mäßigung gestimmten weichen Naturell des hier in +Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem +politischen Redakteur (glücklich, wer um 9 Uhr abschließen darf!) allein +zur Erholung übrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond +und den Sternen, dem Brunnengeplätscher, den Wächtern usw. in den +wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten +Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod, +Jenseits, die vollkommenen Gegensätze des Leitartikels, der uns des +Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Für jede "Ente", die unser +Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen müssen, +rudert hier ein Schwan. Die Schwäne, die Blumen, die Nachen, die Sonne +und besonders das sonst den Lyrikern wenig zuströmende Gold, der ganze +Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen +anziehender Art, das Gold in Abendröten, ins Glühen der Mädchenwange, in +den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen +Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und +zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich +reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es +ein Leben nach der Richtschnur überlieferter Traditionen. Selbst den +Greis ergreift noch der Reiz des Schönen, die mächtig wieder auflebende +Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des +Hafis über--aber bald (und vielleicht zu oft für diese immer gleiche +Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die +Tür und macht so dem vorgeführten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als +tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der +Form sprechen, so ist allerdings damit zunächst ein Lob ausgesprochen, +das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixität; aber doch ist die +Übertragung der stündlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde +führen muß: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang +bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist +diesen zarten Eingebungen schädlich, wenn man sie zweimal lesen muß, um +sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der +"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so +kompreß in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufälligen, dem +Leser nicht sofort geläufigen Umstande veranlaßt, daß es ein längeres +Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die +Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt +sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des +täglichen Lebens, besonders der Familie, fließt die dichterische Sprache +mit kristallner Klarheit voll und mächtig. Den Gesellschaftsliedern läßt +sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrühmen. +Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer +eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert +besonders zu gefallen scheint, nur für eine Tafelrunde geröteter +Nasen bestimmt. + + + + +Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + +Heute ist Auktion des Louise Mühlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer +Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort +in die Druckereien--sondern ihrer Möbel, Teppiche, Vorhänge, Pendülen, +Gemälde, Vasen und der ägyptischen Andenken, die alle in einer Etage der +Potsdamer Straße charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die +enthusiastische Überschätzung, die der so plötzlich der Welt Entrückten +jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von +amerikanischen Steigerern herbeigeführt, das auch für eine alte +Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fünfzig Dollars zu zahlen bereit +ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt über die Zerrüttung der Louise +Mühlbachschen Vermögensverhältnisse! Die Verstorbene hatte die +glänzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive außergewöhnliche +Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer +Fülle. Sie reiste ohne die mindeste Einschränkung wie eine Fürstin. Bei +alledem soll für ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine +Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht +genötigt sein dürfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars" +anzutreten. + +Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer +Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die +merkwürdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen +Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch für +sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1ständig "diesseitige" +Menschen gibt, Individuen, für die man sich im Jenseits, falls man nicht +mit den alten Ägyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends +eine passende Unterkunft und Anknüpfung denken kann, so sind dies die +reinen Lebens- und Genußnaturen. Louise Mühlbach war eine solche. Sie war +die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende. +Imperterrita hätte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama +genannt, das sich vielleicht aus ihrem frühern romantischen Leben selbst +hätte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine +Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang +ihrer Stimme unvergeßlich bleiben. Keine Niederlage drückte sie zu Boden. +Die freudigste Zuversicht, Siegesgewißheit, Trotz bei jedem Unternehmen +lag in ihren Zügen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so +hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen +Schlacht doch noch seinen Rückzug imposant zu maskieren versteht. + +Auf den "Berliner Büchertisch" könnte nur ihr letztes, von Flüchtigkeiten +wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehören, verlegt von +einer hiesigen Buchhandlung (Werner Große), die nur einen massenhaften +Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon +von ihren zerrütteten Finanzen herstammende Unsitte, daß sich die in den +Stoffen bedrängte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern +wollte, an lebende mächtige Persönlichkeiten anschloß, schon den +Erzherzog Johann von Österreich als Romanstoff verarbeitete, während der +ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloß in Steiermark saß, +an Napoleon schrieb (siehe die "Enthüllungen aus den Tuilerien"), weil +sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch à tout +prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein +wollte usw. Die Unsitte der "Aktualität" ist jetzt durch den ehemaligen +Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, daß wir Romane +zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck über einen +Kompromiß unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und +Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgültig eine englische +Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres +Zeitalters sind die Beförderer dieses ans Kindische streifenden +Mißbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht +mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen füllen will, +bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den +Urzustand von Wilden erinnernde maßlose Schausucht, die gierig durch die +Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles +belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will, +Hinrichtungen, Schreckensvorfälle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz +Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, während sich doch Europa, +nach einigen Aufregungen, längst, wenigstens in den Kreisen der Bildung, +beruhigt hat. Sollte man glauben, daß ein New-Yorker Blatt Louise +Mühlbach nicht bloß nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort +das diesjährige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten +"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krähnchen-Quelle zu +beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann +selbst in Marienbad eine Kur, erkältete sich, legte sich in Berlin ohne +die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im +bewußtlosen Zustande, ohne Schmerzgefühl, aus dem Leben geschieden. Als +man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die +Grube senkte und manchem des würdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb +noch im Ohre klang, hätte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wären, dem +Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mögen: Auch diese Prunk- und +Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach, +Priester!--, es lag ihr bloß die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst +zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn +die schulmäßige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder +diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden +imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmählich die +mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt +annahm, die sich allmählich des Gatten und zurückgesetzten Professors +bemächtigt hatte! Liebe, Liebe allein ließ den Schein entstehen, als wenn +die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den +tausend Anmaßungen und hochgetragenen Nasen der Anmaßung ringsum +rivalisieren könnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur +wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrührend anführt, daß unsere +Fehler die Übertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings +erschreckende Système de bascule angewandt, wie Louise Mühlbach +verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und +Genußgegenständen einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten, +gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere. +Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persönlichen +Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz +geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glücke begünstigten +Alltagswelt leisten möchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz? +Nun, in Bezug auf "Friedrich der Große und die Seinen" und "Kaiser +Joseph" möchten wir in unsers Helmerding so köstlich vorgetragenes +Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehört wahrhaftig doch Talent!" mit +einstimmen. + +In fast allen Berichten über die Gegenwartsliteratur findet man den Satz +aufgestellt: daß der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman +sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung über einen neu +erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmäßig diesem Axiom von +fragwürdiger Tragweite. Hätte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad +und wahrscheinlicher täglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu +sein pflegt, zufällig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so würde +ihm niemand, der die Unzahl der überall erstehenden Theater erwägt und +das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen +können. Aber genau erwogen ist jener Satz weder für den Roman noch für +die Bühne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und +Naivität geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur, +die ähnliches nur in den Ansätzen einiger verschollener "Naturdichter" +besitzt, geschenkt werden könnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund +treten und wieder auch für die Berechtigung der Lyrik zeugen können! Von +einem Hindurchgehenmüssen des ästhetischen Begriffs, wie Carrière sagen +würde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschließlich durch den Roman, +scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon +erfüllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es +wird auf jedem Toilettentisch liegen! + +Schon deshalb muß man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen über die +Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der +schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat, +die schreckenerregend ist. Junge Mädchen ohne jede Lebenserfahrung, nur +von den Reminiszenzen ihrer Lektüre erfüllt, häufen Bogen auf Bogen und +finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen +"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen" +--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrückten Testamenten, +Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen, +die sich, nachdem sie das Herz einer Gräfin gewonnen haben, als +Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer +Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Küchenrezepte +entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9 +Bände zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer +illustrierten Blätter verwertet worden waren, schreiben mit umso größerem +Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite +gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert für diese +Buchmacherei nicht. Wer soll sie üben, wer soll sie lesen, durchblättern, +als höchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den +"Blättern für literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hält sie, +worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die +den obern Zeilen ebenbürtige redaktionelle Meinungsäußerung, in der Regel +ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden +Tadel ausschließt. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind +froh, wenn sie nur irgendwie die Bücherstöße, die sich bei ihnen +namentlich gegen Weihnachten aufhäufen, in solcher Art erledigen können. + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt, +von Karl Gutzkow. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT *** + +***** This file should be named 9977-8.txt or 9977-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/9/7/9977/ + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/9977-8.zip b/9977-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e5501db --- /dev/null +++ b/9977-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..5544d5f --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #9977 (https://www.gutenberg.org/ebooks/9977) diff --git a/old/7berl10.txt b/old/7berl10.txt new file mode 100644 index 0000000..f822924 --- /dev/null +++ b/old/7berl10.txt @@ -0,0 +1,5271 @@ +Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt + +Author: Karl Gutzkow + +Release Date: February, 2006 [EBook #9977] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on November 6, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known +as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--and one in +8-bit format, which includes higher order characters--which requires a +binary transfer, or sent as email attachment and may require more +specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur +Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +BERLIN--Panorama einer Weltstadt + +von KARL GUTZKOW + + + + +Inhaltsverzeichnis + + +I. "Weltstadt"-Panorama + Cafe Stehely (1831) + Cholera in Berlin (1831) + Alte Bauten-neue Bauten (1832) + Dom, Schauspielhaus-"Sechserbruecke" (1840) + Blumenausstellung in Stralow (1840) + Notizen (1841) + Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + Der Geist der Oeffentlichkeit (1844) + Mysteres de Berlin? (1844) + Impressionen-z.B.: Borsig (1854) + Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + Neues Museum-Schlosskapelle-Bethanien (1854) + Zur Aesthetik des Haesslichen (1873) + +II. Fuer und wider Preussens Politik + Ueber die historischen Bedingungen einer preussischen Verfassung (1832) + Drei preussische Koenige (1840) + Das Barrikadenlied (1848) + Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + Preussen und die deutsche Krone (1848) + Abwehr einer Verleumdung (1850) + Varnhagens Tagebuecher (1861) + Vorlaeufiger Abschluss der Varnhagenschen Tagebuecher (1862) + +III. Drei Berliner Theatergroessen + Ernst Raupach (1840) + Ludwig Tieck und seine Berliner Buehnenexperimente (1843) + Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + +IV. Aus dem literarischen Berlin + Der Sonntagsverein (1833) + Cypressen fuer Charlotte Stieglitz (1835) + Diese Kritik gehoert Bettinen (1843) + Ein preussischer Roman (1849) + Eine naechtliche Unterkunft (1870) + Zum Gedaechtnis Wilhelm Haerings (Willibald Alexis) (1872) + Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + Louise Muehlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + + + +I. "Weltstadt"--Panorama + + + + +Cafe Stehely (1831) + + +Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur +bekommen kann--ganz gewiss, oder man muesste sich taeuschen in dieser +stummen Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder +Begier und neidischem Blick zusammentraegt, ihn mit der Linken sichert +und mit der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen +Gesichtszuege haelt. Die Eisenstange und das Schloss des Journals scheint +mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer wuerde hier seinen +Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches +Heer koennte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch wuerde die +Geschichte vortragen, man wuerde auf den Druck warten und auch dann noch +ein Exemplar durch aller Haende wandern lassen--fast in der Weise, wie in +Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit +dem troestenden Zuruf, man wuerd' es ja morgen gedruckt lesen. + +Stehelys Besucher bilden natuerlich zwei Klassen, die Jungen und die +Alten, mit der naeheren Bezeichnung, dass die Jungen ans Alter, die Alten +an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst +sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt; +diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen +Stellungen des preussischen Staats, den Fuessen der Elsler, den Koloraturen +der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor +dem Gespraech dieser alten Gecken moechte man sich die Ohren zuhalten, oder +in die einsamere Klause des letzten Zimmers fluechten. Schon wenn sie +angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen +Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste +Ohr erspaehen koennte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung", +forschen nach den privatoffiziellen Erklaerungen eines H., v. R., v. Wsn. +Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen +Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner oeffentlichen Meinung, als +wenn es eine solche gaebe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den +logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung" +gestaerkt haben, fallen sie uebers Theater her und man muss sie verlassen. +Ihnen am naechsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und +Referendare, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen viel sprechen +und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben +den Uebergang zu den schon vorhin bezeichneten Juengeren, auf die wir unten +des breiteren zurueckkommen muessen. + +Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein +Bild der Berlinerei vorzufuehren. Man verlasse das Lokal und bei jeder +Aussicht wird man fuer sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere +Zuege finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die ausserdem, dass sie +eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen +Fallschirm zur Sicherheit traegt, erhebt sich die stolze Vorderseite +dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das +geschmackloseste Anhaengsel einer kappenfoermigen Kuppel, die doch das +Wahre an dem ganzen Laerm ist in ihrer sonntaeglichen Bestimmung. Wiederum +vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus +dem 16ten und 17ten Saekulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten +der Aufklaerung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich +wieder in diesen leeren Waenden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuss in +die Hoehe glaetten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so +haelt es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der +Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein +uebertuenchter ist ... + + + + +Cholera in Berlin (1831) + + +... Im gegenwaertigen Augenblick beschaeftigt uns am meisten die seit dem +ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter +Journaliere erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen +anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die naeheren Umstaende des +ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluss fast +balladenartig. An die Moeglichkeit, dass die Cholera nach Charlottenburg +(eine halbe Meile von Berlin) kaeme, hatte man nicht gedacht, der Hof +hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl +Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl ploetzlich von +dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer. +Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmaenner, die zur +Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in +dem stolzen Bewusstsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein +wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die +Waerter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr +man, dass bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und +die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun +dieser mit der Spree in Beruehrung gekommen ist, will man weder Fische +noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurueckgekehrt, und +soviel man weiss, wird sich der Koenig auf die Pfaueninsel bei Potsdam +begeben. + +Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers, +gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21 +gestorben sein. Man klagt ueber die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der +hiesigen Aerzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Maenner aus den infizierten +Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt +noch nichts bekannt geworden. Die oeffentliche Stimmung ist bis jetzt noch +so ziemlich gemaessigt, doch sind Vergnuegungsoerter gegenwaertig weniger +besucht, und das Raffen nach Praeservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist +allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken +gaenzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht +berechnen. + + + + +Alte Bauten--neue Bauten (1832) + + +... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militaerischen +Ruestungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats +reicher gefuellt als gegenwaertig. Berlin war in zunehmender Verschoenerung +begriffen; die Auffuehrung vieler oeffentlicher Gebaeude liess ebensosehr den +Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die +Vorsicht loben, die einem grossen Teile unserer Proletairs eine reichliche +Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute +ueber, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes +Stadtquartier vergroesserte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane +gegenwaertig still. Die beiden oeffentlichen Bauten, an die in diesem +Augenblick allein gedacht wird, sind die voellige Umgestaltung des +sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers fuer die +ankommenden Kaufmannsgueter, und ein kuenftiger Neubau der Bauakademie. Wer +in Berlin gewesen ist, weiss, dass er, um vom Schlossplatze nach der +Jaegerstrasse zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch +engste Passage, die Werderschen Muehlen, die Schleusenbruecken, die +Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muss. Spaeter wird diese +unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Bruecke wird +rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem +Packhofgebaeude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei +einem solchen Projekt die Besitzer jenes Haeuserwinkels von der +Niederlagstrasse bis zur Bruecke, verlieren aber muss die kleine, winzige +Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer grossartigern und +freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird. + +Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann +auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwaertige Zustand dieses +Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst +so bluehende Anstalt ist gegenwaertig durch die Eroeffnung neuer +Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung +des Hrn. Beuth, unsers kuenftigen Handels- und Gewerbeministers, immer +mehr hebt, in die tiefste Zerruettung gesunken, so dass die Zahl der an ihr +angestellten Lehrer der der Schueler gleichkommen mag. Darum bleibt +vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgefuehrt.... + + + + +Dom, Schauspielhaus--"Sechserbruecke" (1840) + + +Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses +gewaehrt, auf eine Ueberfuelle von grossen Gebaeuden, die die Gegend von dem +Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwuerdigsten Plaetze Europas +machen. Stoerten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des +grossen Turms! Neben einer grossen Kuppel, die schon an sich unwesentlich +ist, da sie fuer das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur +als blosse architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine +Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei +wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort +gehoeren diese kleinen Tuerme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen +Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen +angebracht, dass sie schon dadurch etwas fuer die dortige heilige +Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel +Russisches in der Politik und den Militaeruniformen nachahmte, wollte man +auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und +Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den +groessern Turm der Kirche zwecklos und unschoen hinzustellen. Ueberhaupt +wuerden die Gebaeude der Residenz mehr kuenstlerischen Wert haben, wenn +Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten +Kuenstlerstolz besaesse, der ihn verhindert haette, Aenderungen seiner +urspruenglichen Bauplaene hinzunehmen. Eine hoehere Hand, deren Munifizenz +allerdings ruhmvoll anerkannt werden muss, strich ihm bei vielen seiner +vorgelegten Bauplaene meist immer das Charakteristische und Kecke weg. +Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschiessende +Tuerme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in +Kunstsachen unbequemen Sinn fuer das Bequeme, Bescheidene, Zurueckhaltende +weggewuenscht. Es ist nicht ruehmlich fuer Schinkel, dass er bei seinen +zahlreichen Baugrundrissen dem Kuenstlerstolz so viel vergeben hat. + +Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erlaeuterungen zu seinen +Bauten auch alle die Umstaende angefuehrt, die ihn bewogen, dem +Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem +oeffentlichen Gebaeude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang +benutzt wird, wenn man auf einer grossen Freitreppe Gras wachsen sieht, +so regt sich unwillkuerlich das Gefuehl, das Unbenutzte auch fuer eine +Ueberladung zu halten. Doch moegen die Kenner ueber den aeussern +architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere +dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht +Schinkels, hat ganz jenen gedrueckten Miniatur- und Privatcharakter, den +ein Haus, das frueher Nationaltheater hiess, nicht haben sollte. Es waere +vielleicht nicht noetig gewesen, dies Theater groesser, als fuer 1200 +Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung +in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das +Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Raengen. Man weiss an +einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine +Uebersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium moeglich, so +dass man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen +muss. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrueckt +ist, zweierlei verloren. Einmal eine groessere gesellschaftliche +Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der +eine dem Auge des andern entzogen ist, so faellt der Charakter einer +geselligen Zusammenkunft, der so oft fuer eine schlechte Vorstellung +Ersatz geben koennte, in diesem Theater gaenzlich weg. Man kann Bruder und +Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme +dieser winkeligen Bauart ist, dass sich das Publikum nicht als solches +bildet. Publikum heisst eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und +das Bewusstsein einer Korporation dem Spiel gegenueber zu behaupten weiss. +Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht, +wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Ruecken des andern +angewiesen ist, da kann auch keine Totalitaet des Urteils stattfinden; +jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die +richtige Wuerdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt, +dass Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, dass die +Lokalitaet dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und +auszubilden.... + +Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe fuehrt eine +Bruecke auf den Schlossplatz. Diese Passage ist nur fuer ein kleines +Brueckengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese +Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Buergerliche +zahlt am Ende der Bruecke eine Kleinigkeit. Das Militaer ist frei. Warum? +Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen +und von der Bedeutung dieses Brueckengeldes schwerlich eine Vorstellung +haben. Es wuerde ein ewiges Zurueckweisen sein, Haendel geben und deshalb +laesst man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man +nicht annehmen, dass diese eine so kleine Verguenstigung verschmaehen und +mit echtem point d'honneur da nicht frei voruebergehen werden, wo eben +eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein +General geht mit einem Buergerlichen hinueber: Der Buergerliche bezahlt, der +General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so +achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefuehls wahrender Stand, das +preussische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewoehnen kann, von einer +winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, dass +er in der Tat von jener Verguenstigung Gebrauch macht. Waer' ich Offizier, +ich wuerde es fuer beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer +Steuer dieser Art, die den Aermsten trifft, mich zu befreien. + +Ich schliesse daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas +Urspruengliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht, +dass eine in diesem Punkte sehr zartfuehlende Menschenklasse dennoch in +einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewoehnung abhaengen kann und +wie leicht wir ueber etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten wuerde, +hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird? + + + + +Blumenausstellung in Stralow (1840) + + +Was rennt das Volk? Was stroemt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in +die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem +Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde musst' ich mit meinem Wagen Queue +machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte. +Schon aus weiter Entfernung, mehre Strassen vorher, riecht man die von +Hyazinthen parfuemierte Luft. Tausende von Menschen draengen sich in +grossen, feldaehnlichen Gaerten und bewundern ungeheure Anlagen von +Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den +buntesten Schattierungen abloesen, ja sogar grosse, riesige Figuren zu +bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen +Zusammenstellungen. In Harlem koennen nicht groessere Blumenmassen +beisammenstehen. Indessen gerade dies Hollaendische ist abstossend. Man +wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen +versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen missbraucht, +hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbstaendige, +das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren. + +Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne +Schatten schreckt sie bei der gluehendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes +Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse +zieht man ein Los, zahlt dafuer 5 Silbergroschen und gewinnt gewoehnlich +nur einen Strauss, den man auf dem Gensdarmenmarkt fuer 4 Pfennige kauft. +Was liesse sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht fuer eine +huebsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige" +Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Spaesse +fuer die Koenigsstaedter Buehne? Herr Glassbrenner schreibt kleine Broschueren, +worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und +gemeinsten Berliner Jargon ueber das Hundertste und Tausendste unterhalten +laesst; nein; auf der Buehne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze +bewaehrt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so +willkommnes Menschengeruest, auf welches man die drolligsten Erfindungen +haengen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der gruenen +Gaertnerschuerze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend. +Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger +einer neuerfundenen Pflanze, die erst kuerzlich auf der Pfaueninsel +entdeckt und aus Amerika hier eingefuehrt wurde." Die Dame sagt: "Mein +Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf +muesste Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln. +Zum Schluss koennte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum +schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus? + + + + +Notizen (1841) + + +Ein Pietist Unter den Linden + +Nach einigen sehr staubigen, schwuelen Tagen hatte es endlich geregnet. +Der schoenste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die +Linden. Am Palais des verstorbenen Koenigs tritt mich ein Mann mit einem +Orden im Knopfloche an: "Schoenes Wetter." "Schoenes Wetter." "Das macht +Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz haette das nicht machen koennen." +"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs maechtig und gross ist sein Name, +ja gross in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kraeftiger +Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung ueber die angeborne +Suendhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem +mir gaenzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger +Ungeduld: "Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten +Sie mich fuer einen Schwaermer?" "Ich hoere den Laerm, sehe aber kein Licht." +Diese Antwort von dem schlichten Spaziergaenger war dem Bekehrer +unerwartet. Er sah mich gross an und ging. Zu Hause fand ich in der +Rocktasche einen Busstraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.) + + +Die Kandidaten der vakanten Aemter + +Einen ruehrend-komischen Anblick gewaehrt an jedem Morgen in den ersten +Fruehstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstrasse +bis zur Leipziger Strasse hin. Das ist naemlich die Zeit, wo die Kandidaten +aller vakanten und nicht vakanten Aemter, die Kandidaten aus allen +moeglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfaechern den +maechtigen Ministern und Raeten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet, +mit weisser Binde um den Hals, schiessen sie an dir vorueber, ploetzlich +stehen sie still, ueberlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes +Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, naehern sich der +verhaengnisvollen Tuer, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um +sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluss. +Andere wollen eben von der Rechten an die Tuer eines Hotels treten, da +begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle +vakant! Jeder bildet sich ein, so frueh zu kommen, dass er den maechtigen +Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Taeuschung--schon +ist das ganze Vorzimmer gefuellt und die eine Lebensfrage, auf deren +Loesung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade +ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den +Lebensfragen von dreissig anderen Menschen, in den Hoffnungen von +ebensoviel anderweitigen Braeuten! Geoeffnet ist hier die geheime Werkstatt +unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gaenge, die der +Fuchs oft schneller durchgraebt, als der still arbeitende Bergmann--ein +Anblick, zugleich komisch und zum Weinen! + + +Sommertheater in Steglitz + +Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen +der Journale und den maessigsten Erwartungen zurueck! Ref. hoffte, ein +niedliches, von Holz und Backsteinen aufgefuehrtes, der Wuerde Berlins +entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser +als eine Scheune, mit langen hoelzernen Baenken und einem Rang, der nichts +als eine Galeriebruestung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist +unertraeglich und verlaesst man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich, +in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft +und Flaeche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder. +Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so +haette man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein +Sommertheater ist nur unter freiem Himmel geniessbar oder es sei denn, dass +ein steinerner Bau die ersehnte Kuehlung spendet. Dass eine so armselige +Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die +Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie +werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert. + + +Berliner Volkscharakter + +Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele +einer seinem aeussern Umfange auch innerlich entsprechenden +Grossstaedtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle, +gesellige, werden in groesserem Stile als frueher ausgefuehrt. Manches, was +noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschaeftigen konnte, wird jetzt +verachtet, z.B. die Trivialitaet der sogenannten Berliner Volksliteratur, +die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und +der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Koenigstaedtschen +Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der luegenhaften Verballhornisierung +des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es isst und +trinkt" gezeichnet findet, tritt allmaehlich wieder das urspruengliche +Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmuetigkeit, Freude am +neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen +Auszeichnung, sinniger Genuss der sparsamen, aber oft anmutigen +Schoenheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiss noch +einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat. + + + + +Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + + +Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin +veruebten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten +Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen +sich einer so originellen Organisation, dass die Polizei manchen Bewohnern +anzeigen kann, sie wuerden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage +wachen die Gewarnten: Am fuenfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen. +Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzaehlt, dass nachts in den +besuchtesten Strassen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen +werden. Wenn man diese sich taeglich wiederholenden kriminalgerichtlichen +Anzeigen liest, muss man glauben, Berlin wuerde zum grossen Teil von einer +ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt. + +Ehe man aus diesem Gefuehl gaenzlicher Unsicherheit, das gegenwaertig in +Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluss auf die sittlichen Zustaende +der norddeutschen Hauptstadt macht, muss man so gerecht sein, einige +Umstaende mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu +Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort +bestohlen, glaub' ich ueber diesen Gegenstand, der nachgerade die +Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschaeftigen muss, eine +Stimme zu haben. + +Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die +Einrichtung der Haeuser. Die Zahl der Nachtwaechter ist viel zu klein. +Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militaers oder sonstige +Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast +nur pro forma versehen. Die Nachtwaechter in Berlin sind oft hinfaellige +Greise. Mit einem spaerlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln +ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Ertraegnissen eines +Privilegiums, das man in fremden Staedten kaum fuer moeglich halten moechte. +Der Berliner Nachtwaechter hat ein Bund von hundert Hausschluesseln am Leib +haengen und schliesst jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste +beste Haus einzutreten wuenscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man +sieht, dass es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als +in Berlin. + +Das Revier des Nachtwaechters ist zu geraeumig. Er hat mehr Strassen unter +sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschaeftigt, +kuemmert ihn das Strassenleben sehr wenig. Er horcht nur, dass man ihn ruft, +um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Baecker, +die Brot zu backen haben. Die Rundgaenge durch die Strassen werden ohne +Aufmerksamkeit abgemacht. Der schuetzende "Kellerhals", hinter dem er +ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so +kuendigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich waehrend +seines Voruebergehens zu zerstreuen. + +Berlin muss die Zahl der Waechter verdreifachen und sie unter eine +militaerische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Waechter sind +eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des +Eigentums. + +Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, dass die Berliner Haeuser sich des +Nachts jedem beliebigen Besucher oeffnen, so ist der Hausfriede am Tage +nicht gesicherter. In Paris hoert man viel von Betruegereien in den +Kauflaeden, von Betruegereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in +seinem Lexikon auffuehrt, aber wenig von Diebstahl oder gar naechtlichem +Einbruch. Berlin ist eine grosse Stadt geworden und war urspruenglich nur +auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Strassen sind weitlaeufig, die Reviere +entlegen, die Haeuser sind meist zweistoeckig und nur von einigen Familien +bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht, +da dafuer die Haeuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein- +und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugaenglich. +Den ganzen Tag reisst das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist +froh, sich auf seine Zimmer abschliessen zu duerfen und kuemmert sich nicht +um den Nachbar, bei dem man, waehrend nebenan Gesellschaft ist, alles +ausraeumen kann. Waehrend mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer +ausgeraeumt wurde, sass meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den +"Beobachter an der Spree" und strickte Struempfe. + +Laesst sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine +Veraenderung treffen, so wird doch darum die erhoehte Wachsamkeit der +Behoerden um so dringender. Ohne eine neue Waechter- und Patrouillen- +Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen. + +Dieser Gegenstand laesst aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin +den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher +diese sittliche Verwahrlosung, von der wir taegliche Belege erfahren? +Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun +Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Strassen ging, Harun Al +Raschid wuerde darueber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese +Beobachtung an Bagdad gemacht haette. + +Es ist wohl moeglich, dass nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme +Waechter- und Haeuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und +doch steht es fest, dass Berlins Unsicherheit groesstenteils aus seinem +eignen Schosse entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies +aus. Es ist ein betruebendes Gestaendnis, das man sich nicht ersparen darf: +In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralitaet frisst wie ein +Krebs um sich. Die Familien sind zerruettet, zu der Armut und Brotlosigkeit +gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner eigene Keckheit +und Verwegenheit steigert das Geluest zum Entschluss, den einmaligen +Entschluss zum immerwaehrenden Handwerk; die Zuchthaeuser liefern die +Verbrecher nicht gebessert zurueck, sondern in kurzem sieht sich die +richterliche Gewalt genoetigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und +ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fuenf Jahre +umsonst gesessen. + +Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des +Volkes. Die Fruechte derselben reifen erst in spaetern Jahren. Man wird fuer +Berlins gegenwaertige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern +suchen duerfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muss zu den Mitteln +fuehren, sie kuenftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu +befoerdern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung +sagen. + +Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel wuerdiger +oeffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen +Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnuegungssucht. Auch Wien ist +ohne oeffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte +Vergnuegungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches +Sachverhaeltnis, dessen schaedlichen Einfluss auf die Sittlichkeit ich +beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der +Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein +Vergnuegen ist durch Ueberlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik, +Tanz, Theater, heitere Ausfluege in die schoenen Umgebungen. In Berlin +isoliert sich alles. Keine oeffentliche Vergnuegung befriedigt und so +entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen +Gesellschaften, diese Kraenzchen, dies Jagen nach "Privatvergnuegen", dies +Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kraefte der +Familien ueberbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbaelle +verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stuerzen, die +Leihhaeuser fuellen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reisst die +Maenner in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr +ihres Gewissens maechtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und +Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von +Kellerstuben zu einem glaenzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts +Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in +Szene setzen. + +Muss man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muss man +vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen +hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet, +nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der +oeffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schoepfungen +beschaeftigen muesse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den +Acker, den man beernten will, auch zu besaeen. Hier ist ein neues Ziel, +das eine solche Institution sich stecken muesste. Zerstoert diesen +Isolierungstrieb! Bindet die Menschen fuer ihre Vergnuegungen aneinander! +Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges, +etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was +koennte Berlin Ersatz geben fuer den Mangel einer heiteren und +zerstreuenden Natur? Was koennte diese Tausende von gedankenlos zum Tor +hinauswandelnden Sonntagsspaziergaengern vereinigen? Was kann das Innere +der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man +heimkehrt und nicht in seine vier Pfaehle rueckkehren will? Denkt doch +darueber nach, ihr philosophischen Staatsmaenner, die ihr jetzt in Berlin +das Ruder in Haenden habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich +angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst +dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoss zu +beteiligen. Ehrt die Neigung zur Oeffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das +noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehaessig war, +oeffentliche Aufzuege; lasst die Menschen sich menschlich austoben, dann +werden sie nicht in die Kellerloecher kriechen und es tierisch tun. Eines +der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere +an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen +mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelueste der +niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die +Moralitaet, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen Koenig ganz jenen +Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens fuer +Berlin ist, das Koenigsstaedter Theater hat zwischen Nestroys Possen und +der glaenzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt +und die Preise der Plaetze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das +Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist +in Berlin eine kuenstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden +Verbindung steht. Entweder muss man in Berlin die Hofbuehne entschieden zur +Volksbuehne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines fuer die +Gegend nach dem Koepenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des +neuen Hamburger Tores. Nur vorlaeufig zwei solcher Theater, gut +beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stuecke voellig freigegeben, +mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natuerlich mit +Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, koennten den +auffallendsten Einfluss auf die Sittenverbesserung Berlins haben. + +Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion. +Fuer die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in +Berlin hinlaenglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen +Regierung ihr Schulwesen nachgeruehmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache, +dass Kenntnisse an und fuer sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie +befoerdern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu +den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein sittlicher +Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben sehr ernst +betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr buergerlicher, als +geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu gross und dem Geistlichen +fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende Beaufsichtigung seiner +Gemeinde. Sie ist bei einer so grossen Stadt und der Freiheit vom Beicht- +zwange schwer oder ganz unmoeglich. Tun nun die Kirchen ihre Pflicht? Wird +die Religion so gepredigt, dass sie veredelnd und tief in die Sittlichkeit +des Volkes eingreifen kann? + +Das ist denn wiederum ein wichtiger und ausserordentlich schlagender +Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben. +Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben +koennte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise +gepredigt, die hoechst beseligend, hoechst beglueckend auf einen Einzelnen +wirken kann. Es gibt wahre Froemmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen, +in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in +denen ein warmes, fuer den Himmel laeuterndes Christentum sicher mit dem +trostreichsten Erfolge fuer das Glueck vieler Familien gepredigt wird. Aber +was kann auf unsere Zeit der Pietismus im grossen und ganzen wirken? Ein +Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Raeudigen anzulocken? +Haben wir gesehen, dass in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist +auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie +Couard, Strauss, Arndt haben einen grossen Zulauf, aber nur von glaeubigen +Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von +solchen, die erst fuer seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht +nicht in diese Kirchen. Sie wuerde gehen, wenn dieser theologische +Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort +einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid +flicken, nicht jungen Wein in alte Schlaeuche fuellen, sondern ein ganz +neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse +wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religioesen +Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwaehlten findet und so ist +in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen +Volkslebens, aus Ueberreligion ohne durchgreifende Wirkung. + +Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluss auf die Sittlichkeit einer +Nation zu geben, muss es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch +die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muss +mit schlichter Einfachheit und ueberzeugender Waerme auf die moralischen +Grundwahrheiten zurueckgefuehrt werden. Ein protestantischer Staat kann fuer +seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur +dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefuehlvoll und beredsam +vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion +gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten moegen Koerner, Tiedge und +aehnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik +sehr schoen und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an +Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge +verloren, waehrend sie einem Gemeinplatze zujubelt. So moegen die Denker +und Gefuehlsmenschen im Christentum die tieferen Bezuege ansprechen und +beschaeftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das +Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit +vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefuehligen Grundwahrheiten. +Wer mir Prediger sein wollte, duerfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie, +mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der ueblichen pietistischen +Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Haette man in Berlin geistvolle und +beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Boeckel in +Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in +Gotha, haette man statt einer Clique junger Kopfhaenger eine Schule +wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner +gestiftet, die Kirchen wuerden ueberfuellter und die Gefaengnisse +leerer sein. + +Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel +ist gewiss, er will seine Laender im grossen Stil regieren. Hier waere denn +Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schoepfungen. + +[Nachtrag:] + +In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend +gefunden, dass von einem zweiten und dritten Grunde dieses Uebels die Rede +ist, ohne dass des ersten erwaehnt wird. Der erste Grund war aus der +Politik und der mangelnden Oeffentlichkeit unter dem vorigen Koenige +hergeleitet, doch musste die naehere Ausfuehrung aus unmittelbar vor dem +Druck des Blattes geltend gemachten Ruecksichten wegbleiben, deren Natur +jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung +des Artikels herzustellen. + + + + +Geist der Oeffentlichkeit (1844) + + +Berlin ist eine Weltstadt geworden. Frueher war Berlin nur eine grosse +Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber +in dieser aeussern Vergroesserung liegt der auffallende Fortschritt nicht +allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht +allein von Strassen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter +Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in +der Zunahme eines Selbstbewusstseins, das sich mit einem grossen sittlichen +Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist +ueberraschend, wie sich die schlummernden Kraefte allmaehlich entwickelt +haben. Von unten faengt das an und hoert oben, in idea1ster Hoehe, auf. Der +Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang +mit andern grossen Staedte-Entwickelungen gebracht, der ihm frueher fehlte. +Frueher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf +Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und +Schlesien. Der fruehere kleinstaedtische Geist ist gewichen, grosse Gasthoefe +sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht +auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muss +wenigstens seine Freude daran haben. + +Was man in auswaertigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin +besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache, +durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich +Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenueber. Es hat sich hier +wirklich ein Geist der Oeffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar +edle und wuerdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich +meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Draengen aber +so maechtig ist, dass es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen +dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muss +es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die +vorlaeufige Volkstribuene, die Wissenschaft die vorlaeufige Politik. Wie das +wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung +lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts +vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullitaet, heisst +wenigstens Nullitaet, und jeder fuerchtet sie. Man hat angefangen, die +Bedeutung eines oeffentlichen Charakters zu fuehlen. Die ruhmvol1sten Namen +aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus +der jungen. Unpopulaer zu sein, wagt niemand. Jeder muss einen Kreis von +Gleichgesinnten um sich haben, er muss sich nach Anlehnungen umsehen. Kann +er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und +wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat +Salons im franzoesischen Wortsinne. Ich muss sogar so weit gehen, zu +behaupten, dass es mit Geldkosten verknuepft ist, in Berlin eine eigene +Meinung zu haben. Man muss seinen offenen Mittwoch, seinen offenen +Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, oeffentlicher +Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms, +mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muss wuenschen, dass sich diesen +Gasstroemungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es +eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten moechte, ein +Abzug ins oeffentliche, grosse Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch +irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen +Bahn besonders des Ausbaues der staendischen Institutionen. Dies oder +irgend etwas anderes muss erfunden werden, um diesem Wettkampf von +Meinungen und Leidenschaften eine schoene hoehere Wahrheit zu geben und +solchen Zerruettungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der +traurigen Grimmschen Erklaerung, durch welche sich zwei beruehmte Namen um +alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind. + +Einige der auf der Reise empfangenen Eindruecke moegen in bunter Reihe hier +wiedergegeben werden. + +Am 29. Maerz beschloss Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum +gehaltenen Vorlesungen ueber die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war +fuenf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte +sich so ziemlich der groesste Teil des aesthetisch- produktiven Berlins, +Dichter, Gelehrte, Musiker, Glaeubige und Pruefende, Hingegebene und +Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein +musste, dessen oeffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich +erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien +der Redner. Ich fuehlte mich an die Vortraege von Edgar Quinet im College +de France erinnert. Nur schade, dass sich Mundt zu sehr auf sein Heft +verliess und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift, +nicht mit freier Rede um so ueberzeugender darstellte. Die Waerme der +Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet +selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten +Gefuehle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdruecken, dass +ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen +Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher +spricht, als ein geschriebenes Heft. + +Der Inhalt der Rede erweckte die waermste Teilnahme. Bot ihr Anfang +demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschaeftigt +hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf +zu einem hoeheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der +sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und +den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand +des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch +hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene ruehrende Humanitaet, +welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit +sozialistischen Fragen beschaeftigten, hatte, man sah es, in des Redners +Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern +der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse +doktrinaere Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, dass in einigen +weihevollen Momenten ein schoener Abglanz von Gemuet und Wehmut auf seinen +Gesichtszuegen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, dass jetzt bei den +Fortschritten der Volksbildung der Vater beschaemt von seinem aus der +Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen koenne, ebenso +geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgefuehrt. + +Ueber manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und +wuerdigte ihn nicht genug, trotzdem, dass er mit Achtung von ihm sprach. Er +kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurueck. Poesie ist in +der Sozialfrage ein gefaehrliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man +dahin kommen, dass am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der +Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt +verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glueckseligkeit +unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners +Aeusserungen liessen mich fast besorgen, er haette das Thema der materiellen +Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet +spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend, +sehr zeitgemaess, ja sehr freimuetig und gegebenen Umstaenden gegenueber kuehn +fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehoerten und die +Ansicht vorauszusetzen schienen, man koenne Hungernde mit Sonnenlicht +saettigen und Duerstende mit den Farben der Blumen traenken. Der Redner +kannte die praktischen Schaeden, wollte sie heilen und wich wiederum dem +praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf, +der ohnehin auf einem Missverstaendnis beruhen kann, hat sich Mundt ein +grosses Verdienst erworben, dass er in jener unmittelbaren Form, in der +Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in +den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise +Philosophie beschaemen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur +Leichentuecher fuer das Leben spinnt ... + + + + +Mysteres de Berlin? (1844) + + +Das ist gewiss charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen +Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Fruehgottesdienstes fuer +Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung +nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunaechst machte, ein Jude (der +Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die +spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen, +bestreben sich hier, dem Ueberchristentum in die Haende zu arbeiten. Ein +Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was +darunter zu verstehen ist. Man hat naemlich gefunden, dass die +Droschkenfuehrer von frueh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen +muessen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht +gaenzlich verloren zu geben, laesst man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre +Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens +bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man +glaubt, wenn man so etwas erfaehrt, in England oder Pennsylvanien zu sein. +Diesem Fruehgottesdienst fuer Droschkenfuehrer muessen, wenn man konsequent +sein will, noch diese Einrichtungen folgen: + +Ein Fruehgottesdienst fuer Brieftraeger. + +Ein Nachmittagsgottesdienst fuer Milchkarrenschieber; denn auch diese +Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube, +dass es wuenschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu +gewoehnen; aber haette die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes +ueberchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen +andern Ausweg finden koennen? Wie nun, wenn man bei den Droschkenstaellen +keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenfuehrer es moeglich +gemacht haette, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen +halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche +besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr +habt ein so grosses Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt +fuer seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine +Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus +seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude, +zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt dass also die hiesigen +Ueberchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann +alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien +Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbuerger +anwenden kann, wie er will, schluepfen sie ueber den Missbrauch des +privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, dass +kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig +dafuer, dass ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium +gepredigt wird! O ueber den frommen Kommerzienrat! + +Wenn dem religioesen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben +wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die uebertriebene Heiligung des +Sonntags kann foermlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand +in den Gedanken vertieft, dass die Eisenbahnen an Sonntagen befahren +werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivfuehrer deshalb nicht die +Kirche besuchen koennen, wuerde man einem solchen Gemuet nicht zurufen +muessen: Behuete dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religioese Fanatismus, +der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprueche auf unsere +vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanitaet so +nahe, dass man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung, +Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die +Wartung der Kranken laestig und beaengstigend wird, dann muss man selbst +gegen so an sich ehrenwerte Aeusserungen des ueberchristlichen Sinnes kalt +werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie +als rechten Glaubens erkennt; laestig und beaengstigend ist die +Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Koerpers von der +Verworfenheit unserer Seele redet. + +Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtaetigen +Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige +sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung +gefallener Maedchen. Was man von letzterem hoert, laesst auf eine gesunde und +tatkraeftige Ausfuehrung dieser an sich loeblichen Absicht nicht schliessen. +Schon dass diese ungluecklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich +gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende +Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen +einer sichern Besserung entgegen zu fuehren, so kann es nur der sein, sie +auf eine moeglichst geraeuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der +Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken, +dass der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die +Tuer hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartaeuserartige +Resignation zeigen muss, aber wie wenig Gemueter werden einer solchen +Abtoetung des letzten Restes von Stolz faehig sein! Gerade das, was Ihr +zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur +das Samenkorn, aus dem sich eine neue Bluete des sittlichen Menschen +erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Dass eine solche +Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurueckbleibt und, statt gebesserter, +dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es +der Fall ist, beim geringsten verfuehrenden Anlass wieder in ihre alten +Lasterwege zurueckfallen. + +Nach allem, was sich hier beobachten laesst, sieht man, dass man die Uebel, +an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo +erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fuehlt, weil sie sich zu +unabweislich von selbst aufdraengen. Aber in den Mitteln, den +gesellschaftlichen Schaeden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den +Schaeden unmittelbar begegnen, statt dass sie nur da wahrhaft zu heilen +sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel +muss man entdecken und den Wurm toeten, der an der Wurzel nagt. Das +Begiessen des welken Blattes an dem verkrueppelten Stamme fristet ihm eine +Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber faellt es ersterbend ab, +weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der +Gesundheit ihm staerkend nicht zustroemt. + +Theodor Mundt sprach in seiner kuerzlich erwaehnten Vorlesung von dem +durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glueckseligkeit und Vergnuegen". +Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen +feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Praemisse seiner fruehern +Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich +diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenueber. Er ist wahr, er ist +bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch +durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfaehigkeit der Armen. Am +unersaettlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand. +Glueckseligkeit und Vergnuegen ist mehr denn je die Devise des Berliners +geworden. Die oeffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller +Art haben sich reissend vermehrt. Die Strassenecken sind taeglich mit mehr +als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei +ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung +erfordern, unverhaeltnismaessig. Wer frueher nicht wusste, welches Gewerbe er +treiben sollte, eroeffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu +Anlagen von Kaffeehaeusern, Vergnuegungsgaerten, Konditoreien gesellt, die +mit derselben Schnelligkeit aufschiessen, wie hier Mode-, Schnittwaren-, +Kleiderhandlungen und Gewerbelaeden von solchen eroeffnet werden, die diese +Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und +mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnuegungen dann jene Zustaende +der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer +im Anhange ihres Koenigsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist +schneidend. + +Auswaerts fuehlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswaerts hat +man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten +Beduerfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung +ploetzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen koennen. Ich gestehe, +als ich diesen von allen Zeitungen fuer einen Feenpalast ausgegebenen Ort +besuchte, konnte ich den stoerenden Gedanken, dass diese Schoepfung sehr mal +a propos gekommen, nicht unterdruecken. Zum Glueck bleibt auch dieser +"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurueck. Schon in der Ferne, wenn man +durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine grosse +Ziegelhuette aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und +hervorspringenden Hausecken und fuehlt sich durch den ersten Eindruck eher +abgestossen als angezogen. Dabei aergert man sich ueber die Idee, ein +solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse +Berlins, die Sandwueste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der +Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des +Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den +Vordergrund; denn recht in den Mutterschoss dieses Staubes ist das neue +Gebaeude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lueckenhaft, +hoelzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt. +Mit einem Blick uebersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnuegens. +Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Moeglichkeit des +Alleinseins. Die nackten weissen Holzwaende, mit Goldleisten zwar verziert +und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhaenge, das ganze +Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an +den Maskenbaellen in der grossen Oper zu Paris ist nicht der grosse +Tanzraum, sondern das bunte Gewuehl auf den Treppen, Korridoren, in den +Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht +getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches +Etablissement nicht; aber man muss hinzufuegen: Wenn man in Paris so +oberflaechlich waere, zum blossen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine +solche Unterhaltungsanstalt zu begruenden, so wuerde sie grossartiger, +geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoss dieses Tempels +der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalitaet +zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London +gefunden werden kann. Man glaubt, dass die "Mysteres de Paris" hier ihren +Anfang haetten nehmen koennen. Man glaubt den tapis franc zu betreten und +sieht sich unwillkuerlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mysteres de +Berlin" koennten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine grosse +Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ... +Schade, dass sich originelle Koepfe nicht leicht entschliessen werden, in +die Fussstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wuenschenswert, +dass sich jemand der deutschen Zustaende so bemaechtigen koennte, wie Eugene +Sue der franzoesischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und +Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte? +Mysterien von Berlin muessten grelle Schlaglichter auf Deutschlands +sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustaende fallen lassen, +muessten die Fackel der Aufklaerung nicht nur in die Kellergewoelbe der Armut +und des Verbrechens tragen, sondern auch in die truebe Daemmersphaere der +Schein- und Ueberbildung, der Luege und Heuchelei.... + + + + +Impressionen--z.B.: Borsig (1854) + + +Berlin waechst an Strassen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des +Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit +einer Droschke von der Wilhelmstrasse zu den Linden fahrend, glauben, in +Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die grosse Friedrichstrasse +gleicht dann schon einer verlaengerten Graeberstrasse. Auf fuenf von der +Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuss, einer auf dem +Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der +Stille einer grossen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem +so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stuermte vielleicht +eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang +wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind. + +Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels +telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen +und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmaessig vorrichten zu +lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Muehe +haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusoehnen: +Laendlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiss hinter den +Fortschritten der Zeit nicht zurueck, aber die Aermlichkeit der +Zimmerausstattungen, das Gepraege der auf allen moeglichen Auktionen +zusammengekauften Moeblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser, +durch uebermaessige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des +unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fussboeden, stellt immer wieder die +Aermlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge, +ihren zentnerschweren Federpfuehlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist +in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem +Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und laesst sich's +an ihnen genuegen, wenn nur dafuer die Ausbeute an geistiger Anregung desto +belohnender zu werden verspricht. + +Regen und Schnee, Sturm und Kaelte lassen die grossen Schmutzflaechen der +Berliner Plaetze und Strassen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar +sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Strassenkehrer eine +ganz eigentuemliche breiige Masse zusammen, ein fuenftes Element, das +bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen +Plastik aus Strassenkot moeglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der +fluessigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel +stuendlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta +fuer Eichlers plastisches Kabinett bilden liesse? An Ordnung in der +Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden +polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Strassenecke der +belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der +preussischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im +Helme des Kriegers fuer den oeffentlichen Frieden sorgt. Man haette aber die +Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der +Ehre, ihn tragen zu duerfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher +gluecklicherweise wieder ausgeschlossen. + +Eine in die Augen springende Verschoenerung der Stadt, die sie seit +einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen +Standbilder auf den grossen Granitwuerfeln der Schlossbruecke. Wohl ueber +zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer +kuenftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu +erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Loewen, beruehmte +Divisionsgenerale und bewaehrte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist +"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob +die vielen Klagen ueber allzu grosse Natuerlichkeit dieser Gruppen einen +Grund haben, laesst sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer +beurteilen. Das Schneegestoeber verdeckt alle Aussicht, der durch die +einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fussboden ist zu nass, um irgendwo +bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu koennen, der sich ueber +diesen weissen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es +scheint gewoehnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkaempfer +bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke +Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen +einiges Mitleid haben, man darf annehmen, dass sie frieren; denn zu +ersichtlich sind sie nach Modellen der schoensten Grenadiere vom ersten +Garderegiment gemeisselt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine +gewohnte, sondern nur ein zufaelliges Ausgezogensein bei einem +gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die +allgemeine Militaerpflicht, die ein- und dreijaehrige Dienstzeit, die +Manoeverzeit und ein mobilisiertes Ausruecken nebst endlicher +Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende +Allegorie. Die uebergrossen Fluegel der Viktorien sind schon fuer die +Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdaechtig. Man hat +diese Fluegel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp +neupreussisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben +christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands +hueten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen +und auch sonst schon in die gewoehnlichen Verzierungen der Stadt +uebergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr +christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekraenzung der Krieger +immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfuellenden modernen jungen +Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die +erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geaeusserte +Wunsch, ihnen warmhaltende Maentel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz +unmotiviert. Nur ueber die allzu natuerliche Wiedergabe der Natur hat man +sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die +Granitwuerfel haben erst noch einen so ansehnlichen Ueberbau erhalten, dass +eine junge Dame schon sehr neugierig sein muss, wenn sie, aus einer +Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schlossbruecke +ein Aergernis nehmen will ... + +Die Zunahme Berlins an Strassen, Haeusern, Menschen, industriellen +Unternehmungen aller Art ist ausserordentlich. Auf Stellen, wo ich mich +entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur +gebaendelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses, +trinkt Tee und unterhaelt sich ueber eine wissenschaftliche Vorlesung aus +der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde bluehte, stehen +jetzt grossmaechtige Haeuser mit himmelhohen geschwaerzten Schornsteinen. Die +Fabrik- und Gewerbstaetigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt +es z.B., einen von der Natur und vom Glueck beguenstigten Kopf, den +Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behaebige Gestalt, in seinem +runden Quaekerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen, +um seine drei grossen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden +Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschaeftigt 3000 +Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das grosse +Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint. +Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwaertig an +der fuenfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs +Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz +gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, dass er sich von den +gluecklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Foerderung +der Kunst gedrungen gefuehlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem +Koenige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine +praechtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz +Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm bluehen zu sehen. + +Fuer gewisse industrielle Spezialitaeten gibt es in Berlin Betriebsformen, +die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem +Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene +riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Ruebenzuckerfabriken +noetig hat; hier werden die Kupferdraehte fuer die elektrischen Telegraphen +gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und +vorzugsweise Russland. Ebenso grossartig ist Ravenes Handel mit +Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten. +Es charakterisiert den Berliner Grosskaufmann, der seine urspruenglichen +naiv-buergerlichen Triebe nicht lassen kann, dass Ravene in einem Anfall +guter Laune saemtliche verkaeufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich +das Privatvergnuegen machte, das Modell einer grossartigen, aber soliden +Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr noetig schien. +Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende +von Menschen, die Bevoelkerung kleiner Stadtbezirke, beschaeftigen, +ueberdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige +Behandlung erfordert ... + + + + +Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + + +Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin +finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muss. Es ist dies der +Ausdruck: Quatsch. + +Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen +bleibend, dann natuerlich noch hinter dem halben Verstande zurueckbleibt. +Denn man kann eine halbwegs vernuenftige Meinung, ein halbwegs ernstes +Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft +gelten lassen. Der halbe Verstand gehoert oft der Mystik an, die bis auf +einen gewissen Punkt auch gewoehnlich eine Art Logik fuer sich hat. Der +halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die +Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse +stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit. +Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umstaenden der Unsinn! +Den Unsinn haben Aesthetiker goettlich genannt, den echten, wahren, +natuerlichen Unsinn, der die Haelfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein +vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der +relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das +herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das +Quatsche. + +Berlin ist gross im Quatschen. Es kichert ueber jede Grimasse zum Witz, +wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte +absonderliche Redensart findet unverzueglich ihr Publikum. Man findet hier +Menschen, die fuer witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere +Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln +und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein +ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie +fallen, sie stolpern ueber sich selbst; die Berliner nennen das alles +witzig, waehrend ein Vernuenftiger es Quatsch nennen muss. Ich sah "Mueller +und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die +wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem +gellenden Pfeifen, mit Gebaerden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu +zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid, +solches Gebaren menschlich nennen zu muessen, einfloesste, und unter ihnen +die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im +Aeussern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut +Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Mueller!" "Mueller!" "Schultze!" "Bist +du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen +Scherz auf dem Palais-Royal-Theatre in Paris, wir wollen nicht einmal +sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire! +Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu +bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die +Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern +heissen, wuerde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muss das Pariser Oh! +Oh! gehoert haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen +Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen +Veranlassungen witzig und geistreich sein koennen. Diese Berliner +Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwaertig, als wenn man +sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhuebe einmal seine +gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich. + +Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, dass sein +urspruenglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den +Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und ueber seine geistige Kraft +hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene +Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, traegt den Stempel der +Unzulaenglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung, +der Beschraenktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hoekerinnen, +kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die +Sprechweise der Gebildeten traegt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des +Volksdialekts, dass es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des +reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so +beschraenktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgepraegtes +Sprachmaterial bestimmt, dem grossen Ideenkreise einer Stadt, die eine +Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen, +so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois +nennen moechte. Diese Missgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins +Trieb nach oeffentlicher Bewaehrung wuchs. Seine Bevoelkerung emanzipierte +sich zum Grossstaedtischen. Die Schusterjungen machten wohl die oeffentliche +Meinung schon zu Friedrichs des Grossen Zeit; der Koenig sagte den +Katholiken, die das Fronleichnamsfest oeffentlich feiern wollten: Er haette +nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die +literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich +von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich +nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft +zur Geltung gekommen und wer wuerde verkennen, dass "Kladderadatsch" ganz +Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschuetzt hat? +Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Auslaender, die sich +nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schaerfe dieses Blattes wuerden +diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueroeffneten hiesigen Buehnen +zeigen, ganz ins Quatsche zurueckfallen. + +Die Art, wie hier in neuerer Zeit Buehnen eroeffnet worden sind (um diese +Faehrte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der +unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern +geistigen Faechern so ausserordentlich schwierig ist. Das Ministerium +Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen +aus, und in Berlin durften Kaffeehaeuser und Tanzlokale sich in Theater +verwandeln! Es ist noch ein wahres Glueck, dass unser Schauspielerstand +durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was +freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich +immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst +nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die naechste materielle Not +befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den gluecklicher gestellten +Kollegen an den Hof- und grossen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres +und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstaedtische +Theater, besonders durch die Bemuehungen der trefflichen HH. Goerner und +Ascher, zu einer ueberraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den +schwierigsten aesthetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im +Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die +Bevoelkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen +andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater ueber +Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige +Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche +haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fuerwort an +hoher Stelle erlangen zu koennen. Einen Zirkus zu eroeffnen oder eine Buehne +scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat +jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgaenger beruft und z.B. +fragt: Wie kommt der Cafetier Kroll zu einer Buehne, wie kommen zwei +Gebrueder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum +Gespoett der Vorstaedte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor +Graebert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater +besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde +der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militaerischer +Ordnung peinlich war, sogenannte Buergerwehr in rundem Hut und Ueberrock +die Armatur der koeniglichen Zeughaeuser tragen zu sehen. Nicht dass die +Buergerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der +Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt; +ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert +wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche +Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in +keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der +Wiener Vorstaedte. Die Josephstaedter Buehne ist vielleicht diejenige unter +ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialitaet; +manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr, +"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstaedter Buehne. + +Das Repertoire des Koeniglichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig +anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstaedter", "Geheimer Agent" +usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so +wohlmeinender aesthetischer Sinn vereinbaren laesst, naemlich die Befolgung +der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden hoechsten +Herrschaften ueber die Stuecke aussprechen duerfen, die sie zu sehen +wuenschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas +auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt +vorkommt. Bald heisst es: "Auf hoechstes Begehren", bald: "Auf hohes +Begehren", bald: "Auf Allerhoechsten Befehl", bald nur einfach: "Auf +Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form +sich die Wuensche des Koenigs zu erkennen geben. Was ist das aber fuer eine +Unsitte, dass die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen +Herrschaft die Stuecke bestellen, welche diese zu sehen wuenschen! Die +geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und +zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wuenschen um dieses +Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben duerfen, sind schon an +sich klaeglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie +heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschaefte wird dadurch +auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden. +Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswaerts bekommen, die ihr eine +Schauspielerin oder Saengerin ueberbrachte, so bestellt sie die Stuecke, in +denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt +man ihm die Stuecke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht +sich einige an und man liest: "Auf hoechstes Begehren: 'Der geheime +Agent'", ein Stueck, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden +kann. Der Koenig besitzt so viel Geist, dass ihm diese Manifestationen des +Privatgeschmacks seiner Brueder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel +Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und +diesen Missbrauch der von den Kammerherren veraenderten Repertoires im +Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies +oeffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem +Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach +dem Geiste der in ihm allein anstaendigen Oeffentlichkeit. + +Natuerlich ergibt sich unter solchen Umstaenden, wo die Grossen und +Maechtigen oeffentliche Fingerzeige ueber ihren eigenen Geschmack geben +duerfen, die Foerderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Buehne +weit schwieriger. Wenn sich die Grossen "Satanella" oder "Aladins +Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Koenigsstaedter Theater +agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem +Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Auffuehrung eines +neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor +einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Auffuehrung des "Demetrius" +von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer +Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf +zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso +warm wie die Ausstattung glaenzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische +und Neuheit der Kostuemstoffe, ueberall, in den kleinsten Ausschmueckungen +der Waende zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden +Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung +spielte. Das Stueck war eine Anfaengerarbeit, die kaum Talent verriet (nur +aus Ueberfuelle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer +Duerftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber +die Darstellung ging von einem schoenen Glauben an den Wert des Stueckes +aus; nirgends sah man ihr eine Missstimmung ueber die aufgebuerdete, +undankbare und fuer die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und +mit dem halbunbewussten Pflichtgefuehl verband sich die noch immer +ausserordentlich ansprechende Natuerlichkeit der Hendrichsschen Spielweise. +Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs +immer vorzueglich spielen. Dieser Kuenstler ist ein schwacher Hamlet, aber +ein liebenswuerdiger und ueberredender Romeo. In seiner Passivitaet liegt +Poesie und da er nur die Konturen ausfuellt, die der Dichter ihm +vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich +seinen Aufgaben unterzieht, ueberall fuer sich ein, wo einmal die Macht der +Gewoehnung ein Publikum fuer ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und +Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert. + +Ich bedauerte, Dessoir nicht beschaeftigter zu finden. Dieser geistvolle +Schauspieler leidet hier an der ueblichen Abgrenzung unserer Rollenfaecher. +Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so +vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber +auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir +ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein +werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den +ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Buehne +macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache +angehoert, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein +kuenstlerischer Trieb hinfuehren muss, sind noch im Besitze der Herren Rott +und Doering. Es spricht fuer die geistige Anregung, die Berlin bietet, fuer +die Belohnung, die man im Beifall eines natuerlich sich hingebenden +Publikums findet, dass Dessoir darum doch seinen hiesigen, hoechst +ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen moechte. + +Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es wuerde keineswegs +vernachlaessigt und es hat sich seit Dueringers Mitwirkung sehr gehoben; +dennoch muss man bei dem Vergleiche der unverhaeltnismaessigen Pracht, die +das Opernhaus umgibt, wuenschen, es wuerde doch endlich ganz von der Musik +und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige +Aufgabe fuer sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen +gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der +Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glaenzende +Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die +Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der hoehern und +mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht +der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und +Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Beduerfnisse so +befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die +Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muss und die derjenige, der +die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fuelle von Licht, +Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schoenheit und Gefallsucht! Die +musikalischen Kraefte sind hier so gross, dass z.B. an einem Abend im +Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die +Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1staendig da ist und noch in der +Singakademie ein Konzert mit der koenigl. Kapelle begleitet werden kann. +Es ist dies nur moeglich durch die Unzahl von Akzessisten und +Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzueglich, aber alle Faecher, +auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1staendig machen. Auf +dreissig Taenzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel +junge, huebsche, talentvolle Maedchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um +der Anstalt anzugehoeren und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen +einzuruecken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehoerige +"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum +retten. Daher auf der Szene die ueberraschendste Massenentfaltung. Die +Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostueme, der Geschmack der +Dekorationen ist aufs hoechste getrieben. Da steigen Feentempel aus +der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des +orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische +Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natuerliche Springbrunnen im +Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren +Raendern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der +Szene ist ganz und vol1staendig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel +der blossen Andeutung, die an andern Buehnen die Illusion vorzugsweise in +die ergaenzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der +Oekonomie verbannt, die aus Amazonenroecken von heute fuer morgen Pantalons +fuer Verschnittene macht. Hier fangen alle Schoepfungen immer wieder von +vorn an. Kein Kostuemier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter +Vorraete gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder +neue Seide, neuen Sammet und fuer die geschmackvol1sten Maler neue +Leinwand gibt. + +Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht +lehrreich. Dem Aesthetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde +Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die +Vorstellung im grossen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des +Publikums gehoert, ist kulturgeschichtlich merkwuerdig. Dieser Marie +Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und +mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hoelle, aber sie ist der wahre +Himmel des Publikums; sie tanzt die Luege, aber sie verdient ein Standbild +als Goettin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende, +uebermuetige Maedchen mit ihren beiden Teufelshoernchen an der Stirn, mit dem +durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Fuesschen, mit den +tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich +unter den ehrwuerdigen Tatsachen des gegenwaertigen Berlins aus! Dieser +kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterroeckchen, ist sie etwa +die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant cherie der +Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant cherie der +Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf +der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Buechsel, +Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere +Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in +"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen +sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem +andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den +kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhaelt. Der erste Rang zeigt +die Generale und Minister, das Parkett den reichen Buergerstand, die +Tribuene und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in +der Provinz verkuenden werden, die obern Regionen beherbergen die +arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur +Traktaetchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbuecher +muehsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen. +Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der +Treibhauswaerme der speziel1sten, koeniglich preussischen Haus-Traditionen +grossgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheissen! O so werft doch, ihr +besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, dass euer +Privatglaube nichts mehr liebt als die Goetter Griechenlands und dass nicht +etwa hier der Kultus des Schoenen, sondern draussen euer offizielles System +eine Komoedie ist. + +Satanella verfuehrt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner +Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine +Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird +zweifelhaft sein, dass der junge, kuenftige Referendar besser tut, sich an +Heinrich Heine, an die schoene Loreley und die Taglioni zu halten. Wie +kalt und nuechtern ist auch die Liebe eines Fraeulein Forti gegen die Liebe +einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs +in die Hoelle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht +einsehen, dass der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann +das eine echte Hoelle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon +kleine Kinder mit Satanshoernern umherspringen und, wie von Selma Bloch +geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hoelle +sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem +reizendsten Chateau d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt +ist? Wird irgend ein Vernuenftiger einraeumen, dass die Konsistorialraete +Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schoene "Teufelinne", die +Antiken des Vatikan ueberhaupt, wie Tholuck getan, "schoene Goetzen" nennen? +Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und +Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem +Vorurteil zu genuegen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine +solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attituede der +Solotaenzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der: +Ich fuehle wohl, es muss einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie +Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen +Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese +Berliner Ballettabende wecken einen ebenso grossen Abscheu vor der +maetressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der +Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft +und dem fashionablen Buessertum, dessen neupreussische Fruechte wir +hinlaenglich kennen. + +Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander. +Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in +denselben Personen. Die Heuchelei und die Ruecksicht auf Karriere mietet +sich einen "Stuhl" in der Matthaeuskirche, nur damit an dem Schilde +desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht +des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuss. Dem Genuss +bauen auch andere Staedte Altaere; die buntesten, mit Rosen geschmueckten +Altaere baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des +Genusses, die nur ihm ganz allein angehoert. Es ist dies die Genusssucht +eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefuellte Boerse alles +bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht +wiedersieht, fuer Geld bekommen kann. Es ist die Genusssucht des +Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt faehrt und sich mit vierzehn +Tagen Ausgelassenheit fuer ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle +entschaedigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevoelkerung so +angesteckt, dass man mit Austernschalen die Strassen pflastern koennte. +Wohlleben und Vergnuegen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden, +nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft +ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine +Weile gestachelt werden, an Grossstaedtigkeit der Unternehmungen fehlt es +nicht; aber wenn die natuerlichen Kraefte versagen, tritt das Raffinement +ein und das Raffinement des Verkehrs, gewoehnlich Schwindel genannt, soll +hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist +die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glaenzendsten +Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend +Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt +nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die +Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste. +Wo die groessten Spiegel glaenzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde +niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste +Scheinfuelle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern +scheint, kann man gewiss sein, auf hundert Faelle bei neunzig nur eine +Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere. + +Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen +Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zustaenden +ergeben muessen, nachzuspueren. Der Totenwagen rasselt still und ernst +durch dies glaenzende Gewuehl. Rauschende Baelle, in der Faschingsnacht ein +Wagendonner bis zum fruehen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die +Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemaelde doch eine daemonische +Beleuchtung. Erschuetternd war mir z.B. die Nachricht, dass der Philosoph +Beneke von der Universitaet ploetzlich vermisst wurde und wahrscheinlich +sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, dass dieser redliche +Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und +besonders auf die neuere Paedagogik einen nuetzlichen Einfluss gehabt hat, +seit laenger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor +werden konnte und sich mit einem jaehrlichen Gehalte von 200 Talern +begnuegen musste! Zweihundert Taler jaehrlich fuer einen Denker, waehrend es +hier Geistliche gibt, die es auf jaehrlich 5000 Taler bringen! Beneke war +ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen +ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen. +Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor +zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Goettinger Professors nach +Berlin gebracht. Seine Vortraege waren etwas aengstlich, seine Perioden +allzu gewissenhaft, sein System knuepfte wieder an Hume und Kant an, er +ging ueber die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkuehn in die +Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Soliditaet in +einer Stadt wie Berlin, wo nur die glaenzende Phrase, der saillante Witz +und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinaere Schwindel etwas +gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Koepfe, +die nur in seiner Tonart zu reden wussten oder die es verstanden, ihrem +sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und +Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befoerdern +konnte! Hamlet ist auch darin das grosse und Shakespearen auf den Knien zu +dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, dass er +auf des Koenigs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel +der Befoerderung." + +--Wer ertruege Den Uebermut der Aemter und den Kummer Den Unwert +(schweigendem Verdienst erweist!) + + + + +Neues Museum--Schlosskapelle--Bethanien (1854) + + +Eine derjenigen Schoepfungen des Koenigs, in denen man unbehindert von +irgendeiner drueckenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue +Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen, +er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen +inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Raeumen aller laestigen +Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fuehlen und im +Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen +Kunstbestrebungen, die uns die Schoenheit und Pracht von Muenchen, die +Ausschmueckung des koeniglichen Schlosses in Dresden, die neuen Plaene fuer +Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmaeler, Kunstausstellungen, +Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das +Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten, +unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Staette der +Begruessung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der pruefenden, +immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die +sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und +gefaellig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt +sind. Wir sind in Italien und in Muenchen vorbereitet auf das, was wir +hier wiederfinden. Diese Raeume hat mit den Eingebungen seines Genius +vorzugsweise eine grosse, freie Kuenstlernatur zu beleben, ein Dichter mit +dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem maerkischen +Sande stammen. So stoert uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer +Schwu1st, keine russischen Pferdebaendiger, oder Athleten oder Amazonen +erfuellen uns, waehrend wir an Athen denken wollen, mit lakedaemonischen +Vorstellungen; selbst die hier in Berlin ueberall aushaengende Devise: +"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stoert uns nicht. Man muss Schinkel +einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf +doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei +der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von +Palastentwuerfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Oefen; aber es +fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit +des Stils.... + +Eine zweite grosse Schoepfung des Koenigs ist die (Kuppeldachkapelle des +Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine +Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentuemlichen Geschmack, wenn auch +eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die +gewaltige Woelbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet +gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Geruempel, freilich +aber auch den vortrefflichen Schlueterschen Basreliefs, die jetzt die +Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen +als runden Bogens ist meisterhaft ausgefuehrt. Einen ueberraschenden +Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewaehren, der sich erst +im Weissen Saale an den schoenen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet +hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen +geschmueckt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmaessig durch +Milchglasglocken ihre Flammen daempfen sollen. Man erwartet in der Kapelle +weder diese Groesse noch diese Pracht. Bei laengerer Betrachtung schwindet +freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf +Goldgrund ueberladene Gebaeude wird dem Auge kaelter und kaelter. Der Altar, +wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten +Kreuze geziert, die Kanzel, der Fussboden, alles erscheint dann ploetzlich +so nur fuer die Schwuele der suedlichen Luft berechnet, dass man das +lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht +innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das +Spiel aller hier zur Verzierung der Waende aufgebrachten Marmorarten. Da +gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der +nicht eine Platte sich hier vorfaende wie in einer mineralogischen +Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich +die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken +zusammengestellt, die Foerderer der Religion und des Christentums zu +feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner +Kirchengedanke. Huss, Luther, die Kurfuersten von Brandenburg stehen +vis-a-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muss es an der einigen +Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man +kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst +halten. Ach, und dieser Fanatismus fuer das konventionell Religioese sitzt +ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblueten! Man denkt nicht mehr, man +prueft nicht mehr, man uebt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt +sie um ihrer Ehrwuerdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren +graues Haar unsere Kritik ueber die Schwaechen, die sie besitzen, +entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will +nicht pruefen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein +die Tradition, die man auf sich beruhen laesst. Man schlaegt sein +rauschendes Seidenkleid in kuenstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl +niederkniet; man schlaegt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb +gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Ruehrung dieser +Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute musste besiegelt werden, gesteht +wohl auch seine eigenen suendigen Einfaelle und Neigungen ein, gibt sich +den Klaengen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden +Traenen der Nervenschwaeche und Ruehrung hin und verlaesst die Staette der +Andacht mit dem Gefuehl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine +Demonstration gegeben zu haben gegen die anstoessige und in allen Stuecken +gefaehrliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Fuer diese +Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen +zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schlosskapelle. +Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl laestig werdenden +Ruecksichten einer solchen Art von Pietaet. + +Weitentlegen vom Geraeusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen, +baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete +Diakonissenanstalt. Man faehrt an einer neuen, im Bau begriffenen +katholischen Kirche vorueber und bewundert die grossartige Anlage dieses +vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu +erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine staedtische sein und ab und +zu wird man von Bitten in den Zeitungen ueberrascht, die Bethanien zu +unterstuetzen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein +privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewoehnliche Zahl, fuer +welche die noetigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxurioes +gespendeten Raume nach koennten noch einmal soviel untergebracht werden. +Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der +Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben +erweckt, als waere die naechste Bestimmung der Anstalt die, eine Art +Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit +Krankenpflege beschaeftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des +Unternehmens auf eine aehnliche Voraussetzung begruendet. Bethanien soll +eine Demonstration der werktaetigen christlichen Liebe sein; die Kranken, +mag auch fuer sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen +gewissermassen die zweite Stelle ein. + +Die Oberin der Diakonissen ist ein Fraeulein von Rantzau. Unter ihr stehen +etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl +von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten +sind auf Reisen begriffen, um auswaerts aehnliche Anstalten begruenden zu +helfen. Die Tracht der groesstenteils jungen und dem gebildeten Stande +angehoerigen Damen ist blau, mit einem Haeubchen und einer weissen, ueber die +Schulter gehenden Schuerze. Wie gruendliche Vorkenntnisse hier +vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen +allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen +Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Maegde, die im +Souterrain an den hoechst entsprechenden praktischen Waschhaus- und +Kuechenvorrichtungen beschaeftigt sind. Auch Maenner fehlen nicht. Die +Diakonissen sind ueberhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschaeftigt +und muessen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und +Umbetten der Kranken besteht, dem staerkern Geschlechte ueberlassen. Man +bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus, +der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit +verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekaempfen, da unfehlbar +ein zwangloses Behagen in der Naehe von Kranken und Sterbenden die ganze +Stimmung unsers Herzens fuer sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die +reine Luft, das Gefuehl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den +Kranken selbst zugute. + +Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste +erklaeren diese Frauen und Maedchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer +Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig +bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks +auf einen hoehern sittlichen Zweck. Dennoch haett' ich lieber gehoert: Diese +Institution waere von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton +wuerde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei +gemeinschaftlichem Wirken ist noetig, eine gleiche Stimmung muss alle +verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob +das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano +aufgeschlagen fand, dazu gehoert, moecht' ich bezweifeln. Ein anderes ist +der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich fuer +Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt fuer immer getrennt +haben; ein anderes diese voruebergehende Wirksamkeit einer Diakonissin, +die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder +aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden +kann. Fuer einen solchen Beruf reicht Herzensguete, Menschenliebe und eine, +durch aeussere Umstaende hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz +anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert +die Bildung der Gesellschaft, die Humanitaet der Gesinnung, die Liebe zum +Gemeinwohl, die Sorge fuer die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt, +eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktaetiges +(Prinzip) durchgedrungen sein, dass man, um hier dreissig Frauen in einem +Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, noetig hat, nach dem Gnadauer +Herrnhuter Gesangbuche zu greifen? + +Man wird ein jedes Krankenhaus mit Ruehrung verlassen. Auch in Bethanien +sieht man des Wehmuetigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von +Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren +Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit +bleiernen Soldaten und hoelzernen Haeuserchen. Ein blasser Knabe, der an +der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte +freundlich gruessend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den +Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon +draussen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden +Fruehling vertroesten, der Kleine litt am Rueckenmark und wird nie wieder +gehen koennen. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella" +und Aladins "Wunderlampe" sehr nuetzlich, sehr heilsam sein kann. Aber +Bethanien verlaesst man doch mit dem Gefuehl, dass hier, wie in unserer Zeit +ueberhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen, +des Arztes beduerftig zu sein. + + + + +Zur Aesthetik des Haesslichen (1873) + + +Himmel! Berlin sei unschoen? hoere ich einen nationalliberalen Enthusiasten +ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemaessen Begriff aufstellen! Sie +machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu +unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, gross, selbst +die Zukunftsgaerten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein muessen! +Die Opportunitaet, die grosse deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations- +frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Staedte! Die Stadt auch +der Schoenheit! Hoechstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg +wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehoert ja Graubuenden und die +Schweiz auch zu Berlin! + +Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe +unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird. + +(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen. +Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Strassengewuehl, wenn es +gerade geregnet hatte oder noch das Strassenpflaster vom Morgentau +beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefaehrte aller Art +sich zum Markte draengten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt, +in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in +Paris in der maechtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es +auf Plaetzen, Bruecken, Verbindungswegen, Toren, Triumphboegen, selbst +Magazinen und Warenschuppen wie auf Beduerfnis nur nach dem Schoenen +angelegt und konsequent durchgefuehrt! + +Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schoenheit Wiens) war die +Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang +sehr fuehlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiss +der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat +auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Waelder abgehauen +und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle +Mittel schienen dafuer gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der +Wilhelmstrasse entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense +des Despoten, den man gewoehnlich Friedrich den Grossen nennt. Kolonisten +mussten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise +einstoeckig, diese Huetten neben den neuerdings errichteten +Prachtzinshaeusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem +Grossen Kurfuersten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu +einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern wuerdigen Schemel an ihrem Throne zu +machen. Schlueter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mussten sich an +Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann spaeter +Berlin. Friedrich der Grosse, Egoist wie er war, baute lieber Palaeste fuer +sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute, +waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommissbrot. +Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der +Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in +Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen +Strassenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn wuerde die Geschichte am +besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekroente +Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar +trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine +entlegene Votivkirche Roms erinnern koennten. Seitdem stockt die +Verschoenerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als +was ihre naechste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschoenerung +Berlins geregt hat, wird ueberholt durch die riesenmaessig gesteigerte +Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der haesslichste Abbruch, Schutt, +ein trauriger Anblick wie Strassburg nach der Belagerung geworden ist. + +Grossartigkeit und in ihrer Art auch--Schoenheit liegt in der Avenue vom +Brandenburger Tor bis zum Schloss; aber man koennte noch hundert Jahre so +fortbauen wie jetzt und braechte doch nicht den Eindruck permanenter +Unschoenheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im grossen und ganzen, in +der Naehe und in der Perspektive, durch einen groesseren diktatorisch +befohlenen Schoenheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der +Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das +kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Strasse, wo nur +allein elegante Welt sichtbar wuerde, gibt es in ganz Berlin nicht! +Ueberall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der +Koechin, das Produkt des Handwerkers oder die Buerde des Lasttraegers +zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuss Breite bestehende +Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, laesst einen am anderen +dicht vorueberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souveraen auf, selbst +auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den +Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Boerse +oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes +neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel- +Betriebslokalen, zu Werkstaetten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem +immerdar werkeltaetigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die ueberall +geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins. + +Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloss ist ein Prospekt, der, +wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis +zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs maechtigste gehoben +fuehlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in +Paris moechte dagegen zurueckstehen. Ploetzlich aber am Dome sieht der +Wanderer eine kleine Bruecke, die in die innere Stadt fuehrt. Noch eben +denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich +geschwungenen Brueckchen, die ueber die Seine fuehren. Welcher Anblick wird +ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbruecke, frueher um sechs Pfennige +passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf +demnaechstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den +Grabstaetten der Koenige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkaesten, die +in dem trueben Flusse vom Fusse des Schlosses nur allmaehlich weichen zu +wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Aepfelkaehne. + +Besonders unschoen wird Berlin durch die ueber alle Beschreibung grosse +Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste +Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der +umfassendsten Raeumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschaefte solche in +Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen +sind. Nun hat man keineswegs die haesslichklaffenden Luecken von Holz-, +Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Strasse in Harmonie +gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache, +verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lueckenhaft, +verhaesslicht durchweg die Stadt, wie denn ueberhaupt der offne +Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher +Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schoeneberger Ufer, eine +ganze elegante Strasse entstellen. Endlich ist der ordinaere Bretterzaun +doch auch von dem koeniglichen Lustschlosse in Bellevue gewichen! + +"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie +honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach +Reichstagspalaststaetten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder +Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den +Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstrassen liegen, mehr in Schwung zu +bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche +staatumwaelzende Proklamation von einem Staendehause herab verlesen wurde, +das deutsche Kapitol aus strategischen Gruenden isolieren? Die Architekten +scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes +von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit +vor diesen grossen Plaetzen, wo man in der Sonne keuchen muss, bis man +endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung +von dem grossen Meilenzeiger am Doenhofsplatz, um welchen herum doch die +meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwaegung wert? Schreckte nicht +die Erinnerung an die Grausamkeit Koenig Ludwigs I. von Bayern, der die +neue Muenchener Universitaet an die aeusserste Grenze der Stadt baute und die +Studenten zwang, taeglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch +seine endlose, in der Hitze unertraegliche Ludwigstrasse zu machen? Nun +gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn fuer einen anderen Plan, den etwa +mit der Koeniggraetzer Strasse, Gaerten zerstoert werden muessen, alte +ehrwuerdige Linden abgesaegt oder im Deckerschen Garten Baeume, die zu den +Wundern Nordeutschlands gehoeren, wenn Millionen fuer Grund und Boden +gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gaerten dem Privatbesitz oder +der Oeffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt +Statuen auf diese freigelegten Gaerten! Mehr als jetzt Berlin aufweist! +Man kann auch Fontaenen dazu springen lassen, Ruhebaenke anlegen, +goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gusseisens +bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen oeffentlichen +Gebaeuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach +Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht. + +Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom frueheren "Katzenstiege", +jetziger Georgenstrasse, rechts von der Friedrichstrasse bis zum Gegenueber +des Monbijou. In unmittelbarer Naehe eines der schoensten Prospekte der +Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Koenigswache oder vom +Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert, +ploetzlich an der Georgen- und Universitaetsstrassenecke wie unter die +Bedienten-, Kuechen- und Remisengebaeude einer fuerstlichen Hofhaltung +versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die naechste Nachbarschaft des Kaisers, +sein vis a vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Haeuser stehen". +In der Tat hiess auch frueher die vorherliegende, jetzt noch leidlich +gefaellige Dorotheenstrasse die "Letzte Strasse". Wahrlich, hier faengt die +Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum +Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplaetze, Milltaermontierung-Aufbewah- +rungen, Kavalleriestaelle und das ungeheure schiefwinklige Gebaeude der +Artilleriekaserne, das an den Waenden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf +grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend +ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die grossen Flaechen +vor den Toren verwiesen werden muss, die schon Kasernen genug aufgenommen +haben. Gefaellig liesse sich hier der Quai regulieren, die hoelzerne +Ebertsbruecke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das +gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebaeude in Einklang bringen mit der +Boerse, dem Museum, dem Schloss, der Universitaet und dem gruenen Baumkranze, +der drueben jenseits der Spree vom Schloss Monbijou herueber winkt. Wer +jetzt diese Gegend durchwandert, muss sich sagen, dass hier alles den +Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Ueberlebten +traegt. Alles ist arm, unschoen, unkaiserlich. + +An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse +entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben, +Eindruecke von einem so erhebenden Reize, als befaende man sich in Genf im +neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der +Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst ueberall +unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem +Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien, +im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wuenschte, dieser Charakter +waere allgemein festgehalten und fuer das Ganze massgebend. Hier bildet der +Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schoenen Gemaeldes. Auch an anderen +Stellen koennte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des +Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfaengen zu +Hilfe kaeme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1strasse kommt und die +Waisenhausbruecke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von +jener Grossartigkeit, die in Wasserstaedten wie Hamburg, in den Seestaedten +Hollands so maechtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen. +Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Haeuserabbruch offengelegten +Hinterfronten einiger Strassen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von +Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrueckliche Gebote an +die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens +dem Auge etwas gefaelliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen +Kolonnadengang des Muehlendamms ueber die Spree hinweg links zur +Stadtvoigtei koennte trotz des mehr als wuesten Gegenuebers fuer die vollere +Wirkung einer belebten, echten Hafenstrasse gewonnen werden. + +Fuer solche und aehnliche Ideen schwaermten in alter Zeit die Kronprinzen! +Jetzt, wo der Fiskus fuer ein Reichstags-Gebaeude im Tiergarten auf Grund +und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gruender Unter den Linden +gefordert haben wuerden, muss man sich schon begnuegen, wenn nur die +staedtische Baukommission Kuenstler zu Referenten hat, die fuer Berlins +Zunahme und Wachstum einen gewissen schoepferischen Plan im grossen und +ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt +sich nicht darum, allmaehlich die Netze und Linien eines neuen +Anbauungsentwurfes auszufuellen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten, +es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden +Luecken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstoeren. Freilich +ist die Macht des Besitzes so gross, dass selbst eine in solchem Grade die +Strasse entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer +nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehoerde gewichen ist! Das ist +die Muehle von Sanssouci! Das soll nun gross sein! Begierig bin ich, was +aus der grossen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht +dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastrasse eine Litfasssaeule +gegenueber. + +Auf das Haessliche in den Staffierungen der Strasse durch ihr gewohntes +Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Haessliche +in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner +Ueberzeugungen selbst beim schoenen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr +misslich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fuerchten unserer alles +im rosenroten Lichte sehenden Optimisten. + + + * * * * * + +II. Fuer und Wider Preussens Politik + + + + +Ueber die historischen Bedingungen einer preussischen Verfassung (1832) + + +Waere Repraesentation das alleinige Element des Liberalismus, so koennte +Preussen in einer fruehern oder spaetern Zukunft noch der Stimmfuehrer +desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kaempfen nicht um Formen, +sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir duerfen nur die Initiative +der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingefuehrt werden +sollen, wachen, dass sich ihre urspruengliche Reinheit erhalte; dass sich +nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische, +nicht die Willkuer sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern dass das Gesetz +es sei, das entscheidet. Oder koennen wir uns mit dem Schwerte bewaffnen +und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiss nur von Schwertern in der +Hand des Eroberers oder des Richters. Die Voelker demonstrieren nur mit +dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie +ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das uebertretene. Werden die +Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preussen eine +laengst versprochene Verfassung erhaelt? Nein, dann beginnen sie erst. +Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen +dieses Landes und sehen zu, wie der blankgeruestete Krieger seiner Ruhe +pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten +Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht +zurueckgetragen. Fuerchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der +preussische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muss. Weil noch +nichts entschieden ist, so finden wir ueberall Gesinnungen gegen Preussen, +keine Meinungen. Man verehrt es oder hasst es, fuehlt Sympathie oder +Antipathie, aber die Gruende fuer das eine gegen das andre kann man nicht +angeben. Wer fuer seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis fuehren +wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine +Gruende gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor +dem preussischen Namen entweder mit gefalteten Haenden oder mit dem +Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund +ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preussischen Verfassung +offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen +truegen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im +Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht +werden muss. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis +rechtfertigen. + +Welches Beduerfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlasst? Unstreitig +das Beduerfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer +Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Uebereinkuenfte ueber +das, was man sich gegenseitig leisten und so fuer Recht ansehen wolle? +Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Vertraege +gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewaehrt hat +und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begruendet ist? Die Voelker haben +diese Frage laengst entschieden, ihre Fuersten sind noch andrer Meinung: +Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres +Kabinetts feststellen, oder sie erklaeren sich bereitwillig zur +Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende +Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der grossartigen +Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus +verwitterten Pergamentblaettern, aus den Heften moderner Doktrinaere. +Machen wir die Anwendung auf Preussen. Wenn wir das gegenwaertig dort +herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natuerlich nur um +einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von +Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich +ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und +Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu +beduerfen scheinen. Aber wir beduerfen immer mehr, als wir zu beduerfen +scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir +nicht eingestehen, dass uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen +wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grunduebel der +sogenannten humanen, weisen Regierungen, dass sie vor unaufhoerlichem +Wohltun das rechte Beduerfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon +alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Haende voll zu tun +und sind so eilig, dass sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher +das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unertraeglicher ist, je +gefaelliger sie sein will. Diese vaeterliche, ja muetterliche Sorgfalt ist +bekanntlich die Art der preussischen Regierung. Da piepsen die Kleinen +unter den Fluegeln der aengstlich wachenden Henne so zaertlich und sind so +voll Ruehrung und Dankbarkeit fuer all das Gute, was ihnen ohne Verdienst +und Wuerdigkeit erwiesen wird, dass man hier ordentlich von politischen +Traenen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestoert werden. Der Koenig +hat selbst den Grundsatz anerkannt, dass der Krieg der Vater aller Dinge +sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsstaenden" in einem +hoechsten Dekrete versprochen. Dass ein solches Versprechen dem Lande wird +gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwaertige Zeit dazu so +ungeschickt sein. Man zoegert, man weist die Bitten der Provinzia1staende +um endliche Gewaehrung zurueck; man will nicht, dass es den Anschein habe, +als gaebe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von +dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er +werde dem vaeterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm +durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille +seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu +ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt duerfte die Verfassung +werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten +Europa hingeworfen. + +Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten ueber den Staat. Nach einer ist +er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Naeher bezeichnet sich +dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine +durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum +des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen +will. Die europaeischen Staaten bieten Beispiele fuer die eine Ansicht so +gut, wie fuer die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Russland +haben sich auf dem naturgemaessesten Wege entwickelt. Ihre politischen +Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet, +sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet groesstenteils +das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewoehnt hat, immer auf die +Eigentuemlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der +Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer +nicht muede wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemuete, +unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter +Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Wuerttemberg ohne Wuerttemberger, +ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne +Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche, +aber kein Deutschland haben. Preussen ist am meisten von der Geschichte +ironisiert worden: Es repraesentiert den Zufall, das, was ist und auch +nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte +Sein auch in Preussen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein +gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preussischen Doktrinaere in +lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preussen von keinem Staate +lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am +meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse +sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie waeren auf den +Baeumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist +nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen: +Selbst die Reformation hat da englisiert werden muessen. Wer bewundert +nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt, +dass Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung +einschlagen konnte? Und doch--in Preussen ist jetzt Aehnliches entdeckt. +Die Doktrinaere klagen hier Friedrich II. an, dass er in die Regierung +seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der +einseitigen Aufklaerung seiner Zeit nicht verleugnen koenne; dass er den +Adel des Verdienstes hoeher stellte, als den der Geburt; dass er ein +Gesetzbuch gegruendet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in +zu grellem Widerspruche liege. Preussen sei berufen, die historischen +Interessen zu vertreten. Es gaebe keinen Fortschritt, als einen durch +fruehere Zustaende bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten +Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortfuehrer und +Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die +Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese +Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so muessten wir uns +auch andaechtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die +Zauberformeln, mit denen man in Preussen die Jugend alt macht und das Alte +("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg +ausgebrachter Toast) wieder verjuengt. Auf solche sogenannte historische +Bedingungen wird die Verfassung des Landes begruendet sein. + +Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repraesentation. +Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein +foermlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern +zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Uebereinkunft. Die +Zeit der Reformation machte diesem Verhaeltnisse ein Ende. Die Einfuehrung +des roemischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben +zusammenhing, zerstoerte im Volke sein urspruengliches Rechtsbewusstsein. +Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem +Schutze vermoegender Fuersten gedeihen. Die religioese Anregung band die +Gemueter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als +sie jener foerderlich oder hinderlich waren. Fuersten und Buerger hatten +dasselbe Interesse, sich gegen die Anmassungen des Adels sicher zu +stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fuerstlichen +Souveraenitaet. Aus fuerstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die +Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden +wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveraenitaet +reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration. +Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die +Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer +Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat +eine Macht gewonnen, die oeffentliche Meinung; diese wird in Preussens +naechster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht, +die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fuerchten? Ist es nicht der alte +Kampf der Demokratie und Aristokratie? + +Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der +preussischen Konstitution einschlagen moegen. Die gegenwaertigen +Provinzia1staende muessen die Grundlage derselben bilden. Man ruehmt die +Liberalitaet dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei +Staende, des Adel-, Buerger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes. +Woher aber das entschiedene Uebergewicht der Aristokratie in den +Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet! +Verjaehrte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfruenden, +unverhaeltnismaessigen Erlass der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne +von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den kuenftigen +Reichsstaenden, so kann man nur wuenschen, diese nie ins Leben treten zu +sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den +adeligen Grundbesitzern. Auch die Staedter koennen an Bildung z.B. mit den +Buergern sueddeutscher Staedte nicht wetteifern und die sie zum Landtage +schicken, sind meist staedtische Beamte, von der Regierung bestaetigt, also +mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so +sind sie gegen den Adel in der Minoritaet und der Regierung gegenueber zu +schwach, wie die Landstaende am Rhein und in Westfalen bewiesen haben. + +Die mittelalterlichen Staende haben ihre Freiheiten und Privilegien +vertreten. Solche besitzen die preussischen nicht oder sollen sie ihnen +noch erteilt werden? Sollen die Zuenfte wieder eingefuehrt werden? Wollen +die preussischen Koenige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf +ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Staende vertreten. Aber +unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermoegens, nicht des +zufaelligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung +jenes alten Zustandes waere ein vol1staendiger Umsturz des herrschenden +Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann. +Es ist wahr, dass die Fuersten in den Besitz der meisten Steuern nur durch +ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Staende bei dringenden +Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fuenf oder zehn Jahre +Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis +immer nur momentan, und erst der spaeter ausgebildete Begriff der +Souveraenitaet nahm nach goettlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm +menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist +den Staenden mit der Zurueckgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr +gedient, weil sie wohl wissen, dass jene verhassten Abgaben ihnen weniger +bereitwillig wuerden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten +auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne +offnen Angriff auf eine feine Weise pluendert, wieder organisiert werden? +Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott +moege es behueten vor den Koeckeritz und Luederitz und vor den Kracht und +Itzenplitz? Auch die Praelaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur +um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein +Stand mehr, obschon man in Preussen Bischoefe und Erzbischoefe nach +englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat frueher die +Rechte ihrer Praebenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das +Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemuehungen der +Regierung die Meinung, dass die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet +ist, so ist es in Preussen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt +sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder +genommen werden? Sollen Ritter, Staedte und Geistliche die heilige +Dreizahl bilden? Die preussischen Bauernaufstaende gegen den Adel und +Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Ueberall mag +man nach historischen Anfaengen einer den gegenwaertigen Zeitforderungen +nur einigermassen genuegenden Repraesentation forschen, im Preussischen +finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und +pommerschen Herzoege sind eigentlich nur zu den Staedten ihrer Territorien +in staendischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht +mehr denkbar ist. Sie waren die aermsten Fuersten und die schwaechsten +zugleich. Nackt und bloss, mussten die Staedte sie bekleiden, hungernd, von +ihnen gesaettigt werden. Die maerkischen Staedte waren Republiken mit +vol1staendigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation +zurueckfuehrten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es +nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fuersten garantierten, sondern was +sie ihnen gaben war Dank und Entschaedigung fuer den Schutz, den ihnen die +Markgrafen, urspruenglich eine militaerische Behoerde, angedeihen liessen. +Noch anders war die Lage Preussens. Ein fast ganz unabhaengiger Staedtebund, +bluehend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel +zur Seite, noch oefter gegenueber. Hier machte der Landadel mit den +maechtigen Staedten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Koenigsberg gemeinschaftliche +Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten, +verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen +Polen ihre und des Landes Selbstaendigkeit. Alle diese Verhaeltnisse hat +die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmoeglich. Jede +Annaeherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern +bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preussischen +Monarchie in Sitte und Leben ueberall die Anklaenge der Vergangenheit. Die +Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen +Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen, +sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese +Gegenden ein Schauplatz der unsaeglichsten Verwirrungen, in denen sich +nichts Altes rein und urspruenglich erhalten konnte. Man denke an die +Stuerme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Laender Juelich, Cleve, Berg +erschuettert haben! Neben den politischen Umwaelzungen, die sich hier ohne +Aufhoeren folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig- +keiten diese Laender so zerrissen, dass an eine Wiedergeburt hier nur durch +Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist. + +Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne +verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum +nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine +dreifache Initiative. Die zweite Kammer wuerde dann die materiellen, +vielleicht auch intelligenten Kraefte vertreten, die erste aber das Ewige, +das Unveraenderliche, das Unvergessliche oder was weiss ich. Man denkt an +eine preussische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor +den Maennern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie faellen +wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Waehrend in der +zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten +die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann +einmal, etwa bei einer Verhandlung ueber die Erblichkeit, Friedrich der +Grosse in die Sitzung traete und anhoerte, wie z.B. die neuliche Erklaerung +der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestaet des +Koenigtums zu begreifen, interpretiert wird, koennte er noch glauben, in +der Hauptstadt eines von ihm gegruendeten Staates zu sein? + +Wir gehoeren nicht zu jenen Toren, die die ehrwuerdigen Truemmer frueherer +Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die +Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Graebern, da auch unsre Zeit +einen so schoenen Fruehling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen laesst. O +wir fuerchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in +Preussen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit +zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Raetsel hat sie geloest und +auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das +ist aber das Herrliche dieser Zeit, dass, wer die Ansicht widerlegt, auch +die Macht ueberwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Oedipus +kommt, stuerzt sich die Sphinx in den Abgrund. + + + + +Drei preussische Koenige (1840) + + +Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die +letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III. +Diese Botschaft musste mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der Koenig +muesse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt +erschuettern. Die haeusliche Zurueckgezogenheit, in der der Verstorbene +lebte, hatte es unmoeglich gemacht, seit Jahren ueber seinen +Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich oeffentlich, +so erschrak man zwar ueber die in letzter Zeit ausserordentlich gealterten +Zuege, aber die Haltung des Koenigs war von jeher so grad und ritterlich +gewesen, dass ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verliess, und man an +eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener +musste man ueber den Volksglauben sein. Man machte geltend, dass in jedem +Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preussen einen Thronwechsel oder +irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den naechtlichen +Umgaengen der weissen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft +erschien der Koenig hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im +Theater. Nur die aengstliche Einfuehrung Schoenleins in die innern Gemaecher +des ab und zu als kraenkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes +Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist. + +Laesst sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender Koenig +und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des +Geschuetzes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Grossen +verkuendete? Wie draengen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit, +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wuensche und Hoffnungen +muessen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre koennen erwachen, +Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen muessen sich +durchkreuzen. Wer hat den Schluessel, um zu erraten, was der jetzt Tote +dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, dass +gerade die Erinnerung an den Begruender der preussischen Monarchie in ihrer +Stellung zu Europa die letzte oeffentliche Tatsache im Leben Friedrich +Wilhelms III. sein musste? Ist dies eine Suehne der Vergangenheit oder ein +Fingerzeig fuer die Zukunft? Den Ratschluss des Weltgeistes umhuellen noch +tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die +Sonne sein, die sie erhellt. + +Bei den Aegyptern sprach man ueber die toten Koenige Gericht. Man wird in +oeffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres ueber +Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben, +dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand +sich ruehmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht +sein Stolz war, und wird ihn vielleicht fuer das loben, wofuer er sich +selbst getadelt hat. Koenige sind wie die Phaenomene der Luft. Sie werden +von Tausenden ihres Volkes fuer dasselbe verwuenscht, wofuer sie andern +Tausenden die Heissersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind, +das der Blitz erschlaegt, und traenkt die duerstende Erde, die nach ihm +schmachtete. + +Mag man nun mit Montaigne glauben, dass "herrschen" le plus aspre et +difficile metier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von +Oxenstierna einst ironisch angewandt), dass zum Herrschen gerade das +wenigste Hirn gehoert (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es +uebrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von +dem, was ueber den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der +ruehrende Moment oder persoenliches Interesse ueberfluessig hinzufuegt, so +viel wird selbst die Nachwelt nicht umstossen koennen, dass der innige +Zusammenhang der Schicksale, die die preussische Monarchie trafen, mit der +Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erloeschendes +Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn +schon frueh fuer eine stillere Ergebung in das Unglueck reif. Die Maessigung, +die ihn in seinen Leidenschaften und Gefuehlen beherrschte, lehrte ihn +auch, das spaetere Glueck ohne Ueberhebung ertragen. Er nahm die Gaben des +Geschicks mit einem Gefuehl an, das ihn auf alles gefasst machte, wenn es +nur nicht ueberraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen +vermeidend beaengstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt +auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener +Selbstbeschraenkung, den Preussen, ein innerlich so kraftvoller und nach +aussen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne fuer seine +Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein +Temperament vor uebereilten Entschliessungen geschuetzt und diese Tatsache +war vielleicht die gluecklichste Erfahrung fuer das Wohl des Staates in +einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in +Bewegung setzte und es Staatsmaenner gab, die so gern neue Manifeste des +Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut haetten und dem Weltlauf mit +kecker Hand in die Zuegel gefallen waeren. Friedrich Wilhelm III. war nicht +so gross in dem, was er tat, als in dem, was er vermied. + +Dass man sich in Preussen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorueber ist +und den Horizont keine Kriegswolken trueben, nach positiven Schoepfungen +sehnt und das Feld fuer einen grossartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun +geoeffnet sieht, beweist die aengstliche Spannung Preussens, Deutschlands, +Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde. +Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, dass +wir hier nicht einen Juengling auftreten sehen, dessen politische Ideen +noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen +gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun +anvertrauten Regierung gruendlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt +wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektuere er sich Stellen +unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und dass es solcher +Stellen und Merkzeichen viele geben muesse, beweist der allgemein selbst +in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, laengst +angelegtes und bald hervortretendes System. + +Man erschoepft sich in Vermutungen ueber das politische Glaubensbekenntnis +des neuen Koenigs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht +gerade einige talentvolle Buergerliche ihre Berufung zum Ministerium der +Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die +vornehmimponierende und doch gefaellige Haltung des neuen Herrschers mit +Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund +der Richtungen, in welchen Steffens und aehnliche reaktionaere Geister +geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persoenlich +kannte, so wird er bald gefunden haben, dass die naive Lebensunsicherheit +dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu +seinen politischen Phantasmen und Traeumereien Vertrauen einfloessen kann. +Wie wuerde auch die grosse Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz fuer seinen +ruhmgekroenten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu +politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens +und ihnen aehnliche, in Friedrich dem Grossen nur einen gekroenten +Jakobiner sehen? + +Man ruehmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm +Verstandesschaerfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes +und hat mehr Sinn fuer das Zivile als Militaerische. Er liebt den Umgang +mit Gelehrten und Kuenstlern, von denen viele sich seiner naehern +Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente +hinzugeben, bezeugt der gemuetvolle, anspruchslose Brief, den er an +Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der +ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und dass ihm selbst der +schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein duerfte, beweist der +Umstand, dass man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen +wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Grossen eher nachzusehen +pflegt, als Kleinen, weiss man nichts. Seine Sittlichkeit wird geruehmt. Er +besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung +fuer ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft +ausgezeichneten Rednergabe, weiss ich nicht. Jedenfalls wuerde eine +religioese Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern +einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist moeglich, dass sie die +Frucht einer entweder gemuetlichen oder philosophischen Abneigung gegen +einseitige Verstandesreligiositaet waere. Es ist kein Zweifel, dass der neue +Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist +wahr, dass ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so +wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der +Einfluss des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts +Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins +Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiss im Auge, wenn auch die Zeit erst +lehren muss, wo es liegt. Fuer gedankenlos halte man keine seiner +Unternehmungen. Ratgeber wird er hoeren, ihnen aber nicht immer folgen. +Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, fuer oeffentliche Schritte +fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung +aendern, nie aber einen Schritt wieder zuruecktun. Es lodert viel Feuer in +ihm und sein Geist wird oft in den schoenen Fall kommen, heftigere +Regungen des Gemuets zu zuegeln. Der goettlichste Triumph, den uns der +Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft +begluecken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann +darnach den Versuch machen, ein Portraet zu zeichnen und muss sich zuletzt +doch eingestehen, dass der--Versuch eine Pfuscherei ist. + +Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebruetet, so viel kleine +Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, dass ich wohl begierig waere, was einer +von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine +Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab), +dem neuen Herrscher ans Herz legen wuerde. Mit guten Lehren aus dem +frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, wuerde es wohl +ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fuerst soll keinem +Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; baendige eine +Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben +nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man +Koenigen gegeben hat! Sie werden fast alle laecherlich, wenn man sie auf +bestimmte Faelle anwendet, oder sie setzen an Fuersten dasjenige als +lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19. +Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind +Ratschlaege, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was wuerde wohl +mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preussens +zu Russland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein? +Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von +Jahren den Geschaeftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er +wird sich laengst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet +haben. Wer die Entwuerfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist +leicht moeglich, dass Friedrich Wilhelm IV. fuer Europa einige +Ueberraschungen im Sinne hat. + +Man spricht jetzt soviel ueber Friedrich II. Was ist es, das an ihm so +ausserordentlich gerade jetzt in die Augen spraenge? Will man einen +schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveraenitaet? +Nein. Es ist das Persoenliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so +bewundert wird. Preuss und andere haben so herrliche Zuege von der freien, +unabhaengigen, entschlossenen Denkungsart dieses Koenigs mitgeteilt. Man +hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt wuerden fuer +staatsgefaehrlich erklaert werden. Es ist kein Zweifel, dass man mit dieser +Vergoetterung Friedrichs des Grossen einen Wunsch fuer seine Nachfolger +aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik +gegen die Gegenwart. + +Was koennte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Grossen lernen? +Vieles fuer die Personen, weniger fuer die Sachen. Nicht alles wuerde jetzt +so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben wuerde. +Wohl aber wuerde man fuer die Mittel und fuer die Ratgeber lernen koennen. +Theoretiker am Staatsruder wuerde er mit Recht fuer Schwindler erklaeren und +das Naechste wuerde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich ueber +die Religion dachte, war nicht gut fuer die Schule, besser schon fuer die +Kirche, vortrefflich fuer die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der +ihn beseelte, war schlecht fuer den Aufbau des Neuen, aber gut zum +Niederreissen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden +Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe +benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich +II. bewundrungswuerdig. Man fuehlt, wenn man seine Antworten und +Resolutionen liest, dass man fuer jedes Leiden bei seinem Gemuet wohl eben +keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhuelfe wuerde gefunden haben. +Seine Phantasie und sein Geschaeftseifer machten ihm das Verstaendnis jedes +ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht noetig, wenn man +einen Minister verklagte, zu fuerchten, dass man an eben diesen Minister +wuerde verwiesen werden. + +Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit +seiner Regierung gebuehrt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Gruen +des Fichtenhains, der die sterblichen Ueberreste seines Vaters und seiner +Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als dass man aus seinem +Auge etwas andres erraten koennte, als Traenen. Er wird nicht damit +beginnen, Schoepfungen seines Vaters umzustuerzen, er wird niemanden, der +des Seligen Vertrauen besass, aus seiner Naehe entfernen. Aber die +Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten +erledigten Ministerstelle duerfte vielleicht das erste Symptom des +Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf +das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit laechelndernster, +mit bangfroher Erwartung. + + + + +Das Barrikadenlied (1848) + + +Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Buergerbrust! Jeder Freie ist +geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Lasst +uns graben, lasst uns schanzen! Faesser her und Steine drauf! Trottoire, +glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles haelt die Kugeln auf. + +Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurueckgewandt! Lasst sie +schiessen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie +Brueder, haltet Stand! + +Fasst mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drueckt die Buechse los! +Offiziere, koennt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in +Eures Koenigs Schoss. + +Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die +zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fuenfte folgt +Ihr nicht! + +So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf +des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt! + + + + +Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + + +Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemueter bewegt, fing klein an. Der +Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung +einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte, +wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die +in verworrenem Durcheinander ueber Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige +von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vortraege geworfene +Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn +zum Praesidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er +aber nicht zurueckwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme +am gemeinen Wesen ede1ste Buergerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren +Debatte verfasste und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und +Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags +wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim ueberreicht. + +Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das +Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u. +19. Maerz eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr, +die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gruende, mit +denen man sich bekaempft, sind nicht immer redlich. Ich finde es +unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der grossen Masse sagt: Wollt +Ihr einen konstitutionellen Koenig? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne +Beirat der Staende? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und +die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen +konstitutionellen Koenig, wir wollen nichts ohne die Staende usw. Der Koenig +ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht +haben. Der Koenig hat sich mit dem Vereinigten Landtag frueher als +absoluten Fuersten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben +diesem absoluten Fuersten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem +konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die +Konstitutionalitaet des Koenigs durch die Berufung des Vereinigten Landtags +beweisen will. + +Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas +neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphaere, vorteilhaft +auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdaechtigen etwas die +Sympathie, die sich fuer ihn zu erkennen gibt. Die Buchhaendler haben noch +so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager: +Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung, +eine Konsolidierung der Verhaeltnisse, die Boerse will endlich Kurse +notieren. Die frueheren Abgeordneten, die da merken, dass ihre Stunde +gekommen ist, regen sich auch. Sie moechten gern, das wittern wir in der +Luft, Roemertaten von Entsagung auffuehren, recht flatternd den Mantel nach +dem Winde haengen und die Luege noch mehren helfen, die uns so schon +verdaechtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und +vermehren das Misstrauen in diesen alle Zeit ja rein prekaer und von der +koeniglichen Gnade abhaengig gewesenen Staatskoerper. + +Man sagt, man koenne eine moralische Versammlung nicht toeten. Und doch +verlangt Ihr, dass sie sich selber toeten soll? Ich gestehe, ich moechte +nicht auf den Baenken dieses Landtags sitzen mit dem Bewusstsein, dass ich +mich ueberlebt haette, dass ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner +unmoeglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken, +vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen +niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind +Provinzia1staende, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne +Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctoritaet, ja sogar erst die +Periodizitaet ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir +haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefuehlt, wir haben +immer dahin protestiert, dass wir nicht die Staende, die 1815 versprochen +sind, vorstellen, und so koennen wir nichts anderes tun, als uns in +Provinzia1staende, was wir sind, aufloesen, nach Duesseldorf, Muenster, +Koenigsberg, Breslau gehen, fuer das Wohl der Provinzen sorgen und uns der +kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewaehrte, freiwillig +begeben. + +Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich ruesten +darauf: + +1. dass dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1staendig erscheinen, 2. sich +fuer inkompetent erklaeren und 3. von der noch gaerenden Aufregung +vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird. + +Wuenschen das die Minister? Koennen es die Freunde des Friedens und der +Ordnung wuenschen? + +Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt +werden. Und ueberall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese +Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklaeren, sie wuerde von diesen +Provinzia1staenden nimmermehr Deputierte, die das preussische Volk zu +vertreten haetten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen +Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und +solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, dass man den Vereinigten +Landtag, als solchen, fallen laesst. Preussen bedarf in diesem Augenblick so +dringend der allgemeindeutschen Sympathie. + +Wir haben noetig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die +Konstitution bespricht, und dann erst moegen die neuen Staende kommen, die +vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament). +Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Staende. Wenn das +deutsche National-Parlament ueber vier der wichtigsten Lebensfragen eines +Volkes zu entscheiden hat, werden die Staendekammern aller deutschen +Staaten ohnehin nur gewissermassen zu Provinzia1staenden herabsinken. Warum +streiten wir uns ueber das kuenftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es +sich nur um eine konstituierende Versammlung fuer Preussen, und diese muss +allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz +abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie moeglich. (Dahlmann) hat gewiss +Kenntnisse preussischer Verhaeltnisse genug, um rasch ein solches +Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird +vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustaende des +historischen Augenblickes, nicht an seine Goettinger Diktate zu halten. + +Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurueck von einem +konstitutionellen Koenig, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun +koenne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller +Koenig ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution, +die wir erst bekommen sollen. Ein Pressgesetz war rasch erlassen, ohne die +Staende. Da besorgte man, die Freiheit der Presse muesse doch gleich eine +beruhigende Form haben. Jetzt berufe der Koenig eine konstituierende +Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder +so modifiziert, wenn nur ueberwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit +ehrlich entsprechend, werden ihm die Maenner bringen, die allein die +Gegenwart und Zukunft organisieren koennen. Es ist sophistisch, hier von +einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der Koenig ist in diesem Augenblick der +Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm +die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies +und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Staende, Inneres, +Aeusseres, Deutsches, Preussisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt: +Der Koenig darf die Buergerwehr nicht ohne die Staende geben, die deutsche +Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt +Ihr von staendischer (Zustimmung) sprechen? In der gefaehrlichsten Frage, +wo der meiste Egoismus zu fuerchten steht? + +Der Vereinigte Landtag enthaelt Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert) +sind. Seid gewiss, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen! +Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderaete usw., die durch Vorrechte +gewaehlt wurden und die laermendste Agitation (fuer) den Landtag machen, die +wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags +erblick' ich auch nicht. Kraeftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so +vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muss man sagen: Der Vereinigte +Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Koenigs geschenktes +(Rendezvous). Die Provinzia1staende sollen nicht sogleich vernichtet +werden. Sie moegen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine +Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich +mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille +aufloesen oder, waere es der Fall, dass das deutsche National-Parlament nur +Provinzia1staende um sich sehen will, einer neuen Organisation +entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Staende ist etwas +rein Arbitraeres, Zufaelliges gewesen, und keinen Landstand kann es +beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert. + +Also, lasst Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich, +einseitiger Willkuer. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen, +freien Gesinnung graebt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf +gebaute wahre Staende des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle +von oben aufhoeren. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist, +wollen wir froh sein, wenn die stuermisch gewesenen Vorboten des +angebrochenen Voelker-Fruehlings uns noch recht viel solcher Blueten vom +Baume der Majestaet schuetteln, wie diejenigen waren, welche wir in den +juengst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein +Wahlgesetz gibt jetzt nicht der Koenig sondern das Volk, die Zeit, der +Sieg des Augenblicks. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Preussen und die deutsche Krone (1848) + + +Man kann es vom hoeheren, vaterlaendischen Standpunkte aus nicht billigen, +dass sich Sueddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den +gewaltigen Umschwung unserer Verhaeltnisse hervorriefen, nur die +Ereignisse vom 18. und 19. Maerz herausgreift und auf diese schmerzlichen +Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preussen desavouiert. Denn +was man gegen die Person des Koenigs sagt, trifft in diesem Falle das +Land, trifft Preussen und viel empfindlicher Deutschland selbst. + +Man beraet eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu waehlenden +kuerzeren oder laengeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier +Deutscher" steht es fest, dass selbst die freisinnige, deutsche, +hochherzige Bewegungspartei fuer die Idee einer preussischen Hegemonie ist. +Die sueddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation, +einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten +anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. Maerz +soll Preussen ploetzlich "unmoeglich" geworden sein? Darin liegt eine +politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit. + +Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir moechten saemtliche +deutsche Fuersten auf eine Art Standesherrenschaft zurueckfuehren, ihnen in +Frankfurt (einem nicht gut gewaehlten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar, +Nuernberg waeren besser) eine ehrenvolle und wuerdige Vertretung ihrer +Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein +temporaeres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt +regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fuersten +ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen +Wuenschen sich zu fuegen; ja sogar groessere Fuersten, die Koenige heissen, ob +sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzoege oder Landgrafen heissen +sollten, ich sage, selbst groessere haben Waerme und Gefuehl fuer das +Gemeinsame genug, dass sie freiwillig ihre Souveraenitaet angeboten und auf +den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein Koenig +sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kraeftig genug +fuehlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser +idealen Richtung sich verwandter fuehlt. Von Oesterreich wuerde man immer +nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn +auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche +Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen liess, sie kann nur +voruebergehend sein. Warum nur voruebergehend? Weil einmal die +Persoenlichkeit des gegenwaertigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens +der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgeduengten Grundlage im ganzen +Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewuenscht werden +kann, dass Deutschland wieder in das Schlepptau der europaeischen Politik +des Hauses Habsburg genommen wird. Was man fuer [die] Reorganisation +Deutschlands tut, muss ohne organische Aufnahme oesterreichischer Elemente +geschehen. Oesterreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein. + +So bliebe immer nur die preussische Anlehnung als die hauptsaechlichste und +entscheidendste uebrig. Das schlechte Preussische ist ja im Innern zerstoert +und wird noch mehr zerstoert werden durch Amalgamierung mit dem uebrigen +deutschen Stoff; das gute Preussische aber ist fuer Deutschland so +wesentlich, dass es Torheit und Verblendung waere, sollte sich auf ein +einzelnes Faktum, ueber das wir noch spaeter sprechen werden, auf eine +einzige dem Koenigtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme +Preussens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in +Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher +Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwuenschungen +ergehen, Lieder singen usw., aber die nuechterne Erwaegung der Tatsachen +sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und ueber die Personen +nicht die Sache zu verlieren! + +Isoliert man Preussen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar +konstitutionell bindenden Koenigs, dessen Persoenlichkeit indessen nicht so +nach Gefallen zu beseitigen ist, so koennte der deutschen Wiedergeburt +eine grosse Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die +Hauptstadt Preussens, pommersche und uckermaerkische Bayards wiegeln die +unzurechnungsfaehige altfraenkische Loyalitaet der Bauern und den Aerger des +Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Fuehrer sind geradezu +verdaechtig, die ganze Maschine der Verwaltung laeuft noch in den alten +Wellen und Raedern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung +und laesst im Adressenrauschen und Fraternitaetspredigen vielleicht den +Moment der Tat voruebergehen, Russland, das geruestete, einige, feste weiss, +was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preussen unvorbereitet, +uneins, zoegernd, den Koenig verstimmt, abgekuehlt durch Eure Proteste, der +Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Sued- und Westdeutschland +haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die +militaerische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und +vertrauenerweckender Art. + +Preussens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fliessens, +Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preussen in sich +aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preussen zurueck? Ist es +nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch +Misstrauen in das von Euch bespoettelte Berlin, dem Ihr in diesem +Augenblick allein den kraeftigsten Beweis einer in Deutschland doch +moeglichen Auflehnung gegen Uebergriffe und Anmassungen der Gewalt verdankt? +Berlin hat sich nicht nur durch seinen persoenlichen Mut zur geistigen +Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fuelle von Fragen, +die sich in politischer und sozialer Ruecksicht hier allein aufgeworfen +haben. Man kam fast nirgends ueber die patriotischen und liberalen +Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des +Volkes auf. + +Nenn' ich die Isolierung Preussens in diesem Augenblicke unpolitisch, so +ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen +das preussische Volk, ungerecht sogar gegen den Fuersten. Was am 18. Maerz +verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fuersten. In Wien ist +auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad wuerde +ebenso gross geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der +Absetzung Metternichs eine rasch ausfuehrbare Konzession gehabt haette. +Metternich stand schon so schwankend, dass er durch eine Strassenbewegung +fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militaer als +solchem lieferte, dem Militaerstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz, +es war ein fast persoenlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fuerst, +umgeben von solchen Generaelen, solchen militaerisch gesinnten Prinzen, +solchen militaerischen jahrhundertalten Arroganzen, haette ebenfalls feuern +lassen. Der Koenig braucht darum gar nicht persoenlich der "Wuerger" und +Schlaechter zu sein, fuer den ihn die Heidelberger Adresse erklaert. Er ist +ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militaerischen +Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brueder und +sogenannten Jugendfreunde, der Froemmlinge, der Volksveraechter jeden +Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbstaendigkeit er +in sich selbst besitzt in dem Gefuehl seiner nunmehr achtjaehrigen +widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen +vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise +umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise, +edel sein zu wollen, und dem Bewusstsein, gut, gerecht, weise, edel sich +selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenueber immer als das Gegenteil +davon hervortrat: so ist es im hoechsten Grade ungerecht, die voellige +Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. Maerz die Lust bezeugte, das +Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn +innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an +die deutsche Sache zu erkaelten. Noch beduerfen wir, um das, was in +Frankfurt bezweckt wird, auszufuehren, der Persoenlichkeit unserer Fuersten. +Noch kann die Reue, das Beduerfnis nach Popularitaet, der geweckte +Enthusiasmus des preussischen Koenigs in die Waagschale der Frankfurter +Entschluesse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem, +was am 19. in Berlin geschah und wie es in Muenchen, Kassel, Karlsruhe, +Hannover geschehen sein wuerde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine +kraeftige Miene gezeigt haette! Mit Worten ist in Staedten, die ich nicht +nennen will, von unseren Fuersten mehr gemordet worden, als hier in Berlin +mit Waffen. + +Deutschlands Wiedergeburt unter dem preussischen Banner ist, so lange wir +in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige +kraftvolle und Zukunft versprechende Loesung des Augenblicks. Wollt Ihr +die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so koennt Ihr nur den +Maechtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person +vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen! + +Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer +unueberwindlichen persoenlichen Abneigung, so treten folgende Faelle ein: +Erstens werden wir um die Russland in Schach haltende polnische +Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus +friedlich geschaffenes Koenigreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich +sich abfinden duerfte. Zweitens haetten wir die russische Invasion, die ein +innerlich zerworfenes, militaerisch unorganisiertes Deutschland, ein fuer +den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preussen vorfaende. Drittens +endlich, wer schuetzt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten, +grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoss der +naechsten Zukunft, wenn Sueddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten +so fortfaehrt, wie es begonnen, es sei denn, dass der Koenig von Preussen, +der grossen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstaende, +den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung" +gegeben hat. + + + + +Abwehr einer Verleumdung (1850) + + +In N deg.. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die +Ehre erweist, seine boesen Verdaechtigungen in den Grossdruck des +politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete koennte schon deshalb +als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden, +weil--ihm etwa die noetigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. +Oder weil von ihm bekannt waere, dass er zwar kein republikanischer, aber +doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor waere? Auch das nicht! +Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Aergeres begangen. Er +waere im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Maerzereignissen" +heruebergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schuechtern +hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht +sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich haette +Barrikaden befehligt? + +Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, +wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fuenf Maenner in Sensen hielten mir +Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Lasst mich! Ich +bin kein Baumeister! musst' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense +sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich +habe fuer die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit +Steinen tun kann! liess mich die damals souveraene Insurrektion meines +Weges ziehen. Freilich! Warum sass ich nicht, wird mein "Zuschauer" +fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem +Maerzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und +Wueten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt, +Herr Polizeipraesident v. Minutoli muesste darueber auch noch erst Bericht +erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wuenschen als +ich, dass der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach +verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzaehlte. Aber ich +wuenschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestaetigte mir's, dass er +mich aufforderte: "Freund, Sie muessen reden! Sie muessen! Ich lasse Sie +nicht!" "Worueber?" "Ueber was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht +mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem +patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstaedtischen +Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, dass man ihn spaeter fuer +revolutionaeren Fuerwitz erklaeren koennte, das Wort des Koenigs: Kommt und +ratet mir! so aufgefasst, dass ich ihm einen Brief uebergeben liess, worin +ich ihn bat, in die aufgeloeste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal +zusammenziehenden, die Gemueter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am +liebsten den der Buergerbewaffnung! "Sprechen Sie darueber! Sogleich! Hier! +Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu +allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, +Handgreifliches, leicht Verstaendliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. +Es ist bekannt, dass der Koenig denen gedankt hat, die an jenem +Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne +Portefeuille fuer einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie +jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und +zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam +freilich fuer immer sehr weiss heraus. + +Einige Tage gaerte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein +"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. Maerz schon haett' ich "Taetigkeit entwickelt", +so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. Maerz fuer "Taetigkeit +entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen +Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de +Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. Maerz bis 22. April, also +waehrend der vollen Bluete der Revolution, sass ich am Krankenbette eines +Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich +beantworte Deine boese Anklage so ausfuehrlich nicht wegen des "technischen +Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, +weil diese in Berlin eingerissene Enthuellungssprache, dies mystische: Der +war gestern in der und der Strasse! Man hat ihn da und dort mit dem und +dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die +truebsten Tage roemischer Delatorenwirtschaft erinnert. + +Wenn man von mir sagt, dass ich bei dem mir mannigfach eingeraeumten +Berufe, fuer die deutsche Schaubuehne theoretisch und praktisch zu wirken +und an jedem Hoftheater die aesthetische Initiative ergreifen zu koennen, +doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als +rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es +nicht. Aber den Vorwurf, dass ich in meinem Leben je gewuehlt, agitiert +oder konspiriert haette, weis' ich mit Verachtung zurueck. + +Dresden, 23. Februar 1850. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Varnhagens Tagebuecher (1861) + + +Wir moegen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in +manchen Blaettern ueber Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlass +ihres Oheims (zwei Baende, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet. +Die Ausdruecke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region, +wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen +getroffen fuehlt. + +Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei +ersten Baende treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persoenlichster +Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen +Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier +verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die +kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu +Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewaehrt es einen hohen Genuss, +sich sagen zu koennen: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzuegen +deines Lebens beteiligt, fuehltest dieselben Gewaltschlaege der Schergen, +hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste +lebt sich ein aelteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen +noch einmal wieder sein eigenes Leben durch. + +Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veroeffentlichungen, sie +lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietaet vor der +gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und +vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur +in hastiger Erwartung des Zukuenftigen unsere Befriedigung zu finden. Je +massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die +Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des +Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und +Persoenlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der +Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Gefluester +der Goettin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persoenlichkeitskultus, +den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitaeten willen +verurteilen wollen. + +Welche Fuelle von interessanten Mitteilungen diese beiden Baende enthalten, +ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir koennen allerdings den +verstehen, der die Moeglichkeit, solche Tagebuecher zu fuehren, in mehr +bedenklichen als guten Charaktereigentuemlichkeiten finden will; das vor +uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und +nuetzlich. So viel laesst sich bei jedem einigermassen Urteilsfaehigen +voraussetzen, dass ihm nicht jede dieser fluechtig hingeworfenen Aeusserungen +massgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht +alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen; +Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es +nur allein schon den Hochgestellten und Maechtigen, dass sie ueberall sich +eingestehen muessen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fussangeln +gewarnt, aber huete dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht +zu sein! + +Auch darin muessen wir eine hoechst interessante Wirkung dieser +Veroeffentlichungen sehen, dass wir die ausserordentliche und fast +unglaublich scheinende (Natuerlichkeit) kennenlernen, die in gewissen +hoehern Regionen waltet. Moeglich, dass zwei Dritteile dieser hier vom Hofe, +den Prinzen, den Staatsmaennern Preussens aus den oben genannten Jahren +mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzaehlt oder leere Erfindungen des +Geruechts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurueck, um uns ein Bild +dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen +der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stuermt der Zugwind am meisten +um grosse, alleinstehende Kirchen und laesst schon in der Legende den Teufel +da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fuersten und Regierende +genug selbst gesprochen, teilt Aeusserungen von erlauchten Lippen genug +selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu +erwecken: So also beaengstigt euch Herrschende doch die Zeit und die +tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite +steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt +hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche +Leidenschaft der Menschen nicht--! unablaessig Wirkungen hervor, deren +Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles +so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen +so heiss siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie +vorlaeufig! Diese Haende konnten maechtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht +dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den +Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektuere dieser +Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso +hilfsbeduerftige Menschen schildern, wie wir selbst sind. + + + + +Vorlaeufiger Abschluss der Varnhagenschen Tagebuecher (1862) + + +Es wuerde ueberfluessig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken +ueber die Existenz und die fruehzeitige Herausgabe der Varnhagenschen +Tagebuecher zu wiederholen. Ihr oeffentliches Vorhandensein ist nun einmal +ein Begegnis wie ein Naturphaenomen, das sich aller Berechnung entzieht. +Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint +uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben +sollte, dass es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein +psychologisches Raetsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes +uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die +Entwaffnung dessen, der durchaus entruestet sein und bleiben will, sollte +in den Vorzuegen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre +hindurch ein Muster der Maessigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der +Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt ploetzlich so ganz abirren zu sehen von +derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes +geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwuerdiger +Seltsamkeit, dass sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht- +lich beschaeftigen, am wenigsten Anlass geben sollte, die Herausgabe des +Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein +eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und +lehrreich ist. + +Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfaehigkeit sind allerdings diese +Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerueckt. Aber waren wir +denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften +Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer haette nicht damals sich +mitten auf die Strasse stellen und seine Stimme laut erschallen lassen +moegen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksfuehrer zu +entlarven, Abtruennige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten +preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die +auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden +Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland, +zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen, +falschen, der naechsten Klugheit widersprechenden Massregeln die sonst +ruhigsten Gemueter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der +Fuersten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen +Zuendstoff, um die Gemueter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier +oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken, +Boesewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder +zwischen den Zaehnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste +Vergegenwaertigung einer Zeit vor, die leider fuer die Wiederaufnahme +dessen, was sie uns haette bringen sollen, mit einem unfruchtbar und +nutzlos voruebergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu +entruecken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den +Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es +waere ein unermessliches Unglueck fuer unser Vaterland, wenn die Stunde der +Erloesung von unsern gegenwaertigen, von den Regierungen ja selbst fuer +unhaltbar erklaerten Zustaenden zu einer Zeit schluege, wo die Lehren der +Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen waeren. + +Deshalb schon und um dieser nuetzlichen Vergegenwaertigung der Lage willen, +in welche Deutschland bei einer verhaengnisvollen Krisis immer wieder aufs +neue wird geraten koennen, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen +mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und +"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie moegen doch +nicht glauben, dass man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden +sind, nun wirklich dafuer halten und in der Geschichte als solche stempeln +wird. Viele davon moegen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber +auch diese moegen annehmen, dass die oeffentliche Meinung an ihre Reue und +an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verraet der Ton dieser +beiden neuerschienenen Baende, dass der Verfasser der "Tagebuecher" wirklich +an der Zeit krank war und ueber die Taeuschung seiner Hoffnungen oft sein +Herz brechen fuehlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden +und geschildert wird, ist in der Tat erschuetternd und versoehnt uns nicht +nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern ueberhaupt mit +manchen Zuegen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns frueher nicht +hatten befreunden koennen. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte +der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an +den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schoener nicht in den Werken +der beruehmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet. + +Auch diese neuen Baende werden vielen Federn Anlass bieten, in mannigfacher +Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift +fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdruecken, +die auf den politischen Charakter Preussens und Berlins geht. Jene Jahre +waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten +sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die +Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geaeffte +Buergerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewaeltigenden +Strassengeist Berlins, sondern an die Sphaere der Intelligenz und der +privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentuemlicherweise +aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition +gestellten Militaers, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur +Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen, +Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphaere ist so +hoechst auffallend, dass man die Gefahren des Throns weit weniger versucht +wird in der demokratischen Sphaere zu suchen als da, wo der Thron seine +Stuetzen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlaessigkeit, Rachsucht, +haemische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer muessiggaengerischen +Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen +Nachen denken laesst, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und +Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher +Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche +Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsfuehrung anstreben. Denkt +man sich diese spezifisch berlinisch-preussischen Elemente beim Beginn +eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so +ausserordentlich viel Weisheit, so ausserordentlich viel (nur durch die +Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten +Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen laesst, +ernstliche Besorgnisse einfloessen. + + + + * * * * * + +III. Drei Berliner Theatergroessen + + + + +Ernst Raupach (1840) + + +Raupach scheint jetzt Berlin gegenueber einen schweren Stand zu haben. +Selbst seine Freunde fuehlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu +schenken pflegten, erschoepft. Und doch find' ich, dass seine neuern Sachen +nicht schlechter sind, als die frueheren, dass sie denselben Zuschnitt +haben und dieselbe Kenntnis der Buehneneffekte verraten. Sollte vielleicht +die sehr glueckliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat +von der koenigl. Buehne einen jaehrlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht +fuer jeden Akt seiner Dramen ausserdem noch 50 Taler. Seine Dramen (muessen) +zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls +wird jedes angenommene Stueck ausserordentlich beguenstigt und kann auf +schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schoene Kraefte koennten nicht fuer die +Buehne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen +Teil dieser Beguenstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen +Anschliessen an eine Buehne, die willfaehrig selbst schwaechere Versuche +darstellte, kann Lust und Kraft fuers Theater gezeitigt werden. Wird man +seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Dass +Raupachs Stellung fuer die in der dramatischen Literatur aufkeimende +Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen +werden an der hiesigen Buehne nach alten eingegangenen Verpflichtungen +bevorzugt und jaehrlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die +Haelfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen. + +Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der +Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewaehren? Nein, er ist dafuer +anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkoennen? +Das schon eher: Ich glaube sogar, dass Raupach nach dem Mass seiner Kraefte +von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiss noch zehn +Jahre goennen muessen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus +seinem unverwuestlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt' +es nicht da eine Grenze geben? Besaesse Raupach die Vielseitigkeit eines +Kotzebue, dann waere die Aussicht minder abschreckend. Allein immer +derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben +den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen +Charaktere--man muss das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig- +faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler, +weil sie die Kraft ihres Gedaechtnisses an das nur allzuleicht +Vergaengliche verschwenden ... + + + + +Ludwig Tieck und seine Berliner Buehnenexperimente (1843) + + +Es bestaetigt sich denn wirklich, dass nach des Sophokles "Antigone" nun +des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Koenigl. Hoftheater in Berlin zur +Darstellung angenommen und zu demnaechstiger Auffuehrung bestimmt zu sein. +Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh. +Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Choere zu instrumentieren. +Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit +denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden fuellen koennen. + +Die aesthetische, lebendige, durch und fuer die Zeit lebende Kritik kann +aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muss sie dieses +pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfuellen. Sie muss es +unerschrocken aussprechen, dass die Vergeudung der Kraefte, die eine solche +scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet, +eine unverantwortliche Beeintraechtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur +eine Beeintraechtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart. + +Tieck missachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehaessigen Gesinnung +gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener +Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, ueberall, nur nicht da, wo er +durch seinen Einfluss der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des +Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von +Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorfuehren lassen, nur eine dem +Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehoerende Buehne sollte vor dem +Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und +literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v. +Kuestner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen +Chimaeren, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gaenzlich fremd, +hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluss so gering, dass er +unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wuensche sein +muss,--so ist es noch schlimmer. + +Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine +gruendliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches +Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen fuer Kunst und +Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere +Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Muetter bringen? +Beduerfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der +Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht, +jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Beduerfen wir zur +Belebung des Sinnes fuer hoeheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die, +ueberwiegend von der Musik unterstuetzt, durchaus ein fuer das rezitierte +Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen koennen? Ist die Weltanschauung +der antiken Tragoedie eine erhebende fuer das Christentum, eine belehrende +fuer den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat, +als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter, +Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene +Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln? + +Ich hoere, ein derlei praktischer Nutzen wuerde auch mit den Zitierungen +jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die +Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der +befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muss man herzlich die +Taeuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von +Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik +unterstuetzte Tragoedie fuer die griechische der alten Welt halten kann. +Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplaetze +fuer den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefaehr aussieht, wie die +Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere +Gymnasiasten klassen- und coetusweise in eure antiquarischen Spielereien +fuehren! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des +Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich, +ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am +Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen +polemischer Tendenz. Ihr luegt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie +existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart, +die das Unglueck hat, juenger zu sein als ihr! Um von den "Goetzen des +Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Goetter, Goetter, die nie +existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Oelgoetzen, Oedipe mit Souffleur- +kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgaenge spielen, Choere, die sich auf +den Kontrapunkt verstehen! Luege ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige +Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schaemt euch, so eure Zeit zu betruegen +und die Kunst zu hintergehen. + +Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolitaet. +Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich fuer Organismus ausgibt, +alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkuer ist und den +Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck ueber das belletristische +Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller +Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm +laestig, Ernst drueckend, das Erhabene nur willkommen, wenn es moeglicher- +weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer liesse ihn nicht in dieser +seiner Art gewaehren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre +Grenzen. Die Ironie hoert auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter +Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei +der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum +Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner +Haeuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und +Trollgeistern, die dich im gruenen Waldrevier deiner Talente bewundern und +bedienen--aber lass vor den heiligen Raeumen des Ernstes deine Schelmenkappe +zurueck: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Buehne, was sie +jetzt ist, die Buehne als Traeger und Organ hoeherer Sittlichkeit: das sind +Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten +darf. + +Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurueck, so muss sich +unwillkuerlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen, +reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen +weiss, wenigstens keinen, der ueber einige heitere und witzige Schriften +hinausging. Das Theater schien sein naechster Beruf. Er waere gern +Schauspieler geworden und wuerde in dieser Laufbahn, von der ihm Schroeder +abriet, vielleicht Grosses geleistet haben. Er persiflierte in seinen +unauffuehrbaren Komoedien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes +fuer ihn geben zu koennen. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten +Richtungen laecherlich, von denen sie spaeter eingestehen mussten, dass sie +noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmaechtigen romantischen +Produkte, ueber welche Tieck in seinen spaetern dramaturgischen Blaettern +berichten musste. Aus Verzweiflung, dass "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw. +fuer die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf +Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so ueberpries, dass sich +zwischen Altem und Neuem foermlich eine unueberschreitbare Kluft oeffnete +und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier +Anbetungswuerdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines +Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber ueberschwenglich nur loben +konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer +Buehnenkenntnis, nicht ein einziges Buehnenstueck schreiben koennen. Nicht +ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das +diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, fuer +jeden Produzierenden gefaehrlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so +viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich +muss das Bewusstsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und +ihn gegen seine Zeit so missstimmen, dass er sich lieber in die antike +Buehne wirft, als frei und tuechtig der Gegenwart Rede zu stehen.... + + + + +Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + + +Herr von Kuestner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine +Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter fuer ihn gesprochen haben, als +alle Verteidigungen der Presse, als saemtliche Paragraphen seines mit +Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als +eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr ueberwiegend ein +notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die +Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls +ist es gefaehrlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater +sein sollen, einen zu grossen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die +Leidenschaft fuer "Ueberschuesse" ist eine der gefaehrlichsten +Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln, +bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren. + +Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze waeren mit Unrecht +angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen +alten und den zu verhuetenden neuen Missbraeuchen gegenueber eine +Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung haette konstitutionell verfahren werden +sollen, d.h. die Mitglieder der Koeniglichen Buehne haetten in die +Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repraesentanten muessen waehlen duerfen. +Aller Zeitungslaerm und Kulissenaerger waere durch dies konstitutionelle +Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen +aus einem Bewusstsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben +Willen bei jedem treufleissigen Kuenstler voraussetzte. Dagegen sich +auflehnen und einen Laerm schlagen, als wenn dem redlichen Kuenstlerstreben +das Palladium der Freiheit entwendet waere, verraet geringe Ueberlegung. Die +Theatergesetze des Herrn von Kuestner sind nicht ohne Fehler, aber in den +Hauptgrundsaetzen nur zu billigen. + +Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel +beabsichtigt zu werden. Dem Fraeulein von Hagn soll die Last, das ganze +Repertoire auf ihrem schoenen griechischen Nacken zu tragen, endlich +erleichtert werden. Sie fuehlt sich gewiss sehr gluecklich, einen Teil ihrer +Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie waehrend drei +der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Haenden +zurueckzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fraeulein Viereck ist +vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen +Buehnenkraefte besitzt, nach Berlin uebergegangen, eine hohe, plastisch edle +Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in +empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen +repraesentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafuer sich schon +mit den Rollen entwickeln. Was Fraeulein Viereck nicht besitzt, diesen +unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten +weiblichen Natur, das wird Fraeulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein +Talent, das an der Elbe hochgeruehmt wird und, wie man vernimmt, +gleichfalls von der grossmuetigen Entsagung des Fraeuleins von Hagn Vorteile +ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und +Talent, dessen Erwerbung Herrn von Kuestner alle Ehre macht. Clara Stich +fuer die Naivitaet, Charlotte von Hagn fuer die keck gestaltende, geniale +weibliche Charakterrolle, Fraeulein Viereck fuer die Salondamen, Fraeulein +Wilhelmi fuer die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragoedie, Frau +von Lavallade fuer duldende und zurueckgesetzte Gemueter, Madame Crelinger +fuer die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf---- + +Halt! Wir kommen aus der Sphaere des Personals in die des Repertoires; denn +es scheint, als haette Herr von Kuestner die fruchtbare Buehnendichterin mehr +aus Ruecksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert. +Sie ist ihm als Schriftstellerin benoetigter, denn als Mimin. Er wuenschte +ihre Stuecke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den +Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Luecke, um diese +mit Madame Birch-Pfeiffer auszufuellen. + +Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen +sehen. Vor dreizehn Jahren in Muenchen die Maria Stuart und vor zwei +Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterliess sie mir +einen sozusagen grossartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in +ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen +Dialekt, was fuer Maria Stuart eine eigentuemliche Nuance war; aber auf +Maria Theresia passte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria +Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der +Koeniglichen Buehne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer +stattete die Kaiserin mit vielem Gemuet und mancher derben Gestikulation +aus. Kenner wollten finden, dass sie uebertreibe, andere, dass sie monoton +waere. Genug, ueber ihre Verdienste als Kuenstlerin gestehe ich, kein +Urteil zu haben. + +Auch gegen ihre Stuecke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie +ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris wuerde sie wie +der Koloss von Rhodos das ganze Repertoire vom Odeon jenseits der Seine +bis zu den Delassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie +wuerde klassisch sein fuer das Theatre francais, romantisch fuer die Porte +St. Martin. Sie wuerde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von +deutschen und englischen Romanen (nicht von franzoesischen, denn dem +franzoesischen Romandichter muss der Dramatiker sein Sujet abkaufen!) +befruchten lassen. Die Buehnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die +Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst ueber eine kuehle +Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst. + +Dennoch ist es ein Unglueck, dass Herr von Kuestner in seiner Bewunderung +von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin +maessigen. Er sollte einsehen, dass ein Stueck mit folgendem Titel: + +(Anna von Oesterreich. + +Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman: + +Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl. +Birch-Pfeiffer. + +Erste Abteilung. Ein Taschentuch. + +Zweite Abteilung. Der Musketier. + +Dritte Abteilung. Der Kardinal + +Vierte Abteilung. Zwoelf Tage spaeter.) + +mit oder ohne diese Titel-Aushaengeschilder nicht auf die Koenigliche Buehne +gehoert. Herr von Kuestner sollte sich hueten, seinen Gegnern mit solchen +Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben. + +Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf +den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt ueber die Koenigsstaedter ueber +die Koenigliche Buehne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs, +Doering, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen ruecken fuer Alexandre +Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei +Musketiere ins Feld. Herr von Kuestner glaubt die hohe Aufgabe, jaehrlich +sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches +Repertoire loesen zu koennen. Wenn auch Graf Bruehl sich im Grabe umdrehen +sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen +Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer +Strassenecke lesend, laecheln, hoechst ironisch laecheln sollte, Herr von +Kuestner fuehrt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf! + +Frueher war das Verhaeltnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stueck +gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah, +ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herruehrte +oder ob sie sich, wie Kuehne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet" +hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Guenstlinge" +usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Wuerste" aber +gingen hinueber in die Koenigsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die +Pfefferroesels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heissen, +die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den +Romanen Storchs, Doerings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhaengenden +Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere wuerde Graf Redern (nicht als +Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Koenigsstadt geschickt haben. + +Herr von Kuestner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben +hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich +an, stattet sie mit Glanz aus und wuerde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn +Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" haette, ohne Zweifel fuer sich behalten +haben. Ich meine nun, dieses System waere sehr verwerflich und der +allgemeinsten Entruestung wuerdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn +von Kuestner muessten ihm entschieden andeuten, dass es dem preussischen +Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrueckt, mit dem +Ueberschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend waere. Ich meine, +dass sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden haette sein und sagen koennen: +"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stuecke, die +schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!" +Allein Macht und Uebermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken: +Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ... + +Deshalb weise Herr von Kuestner seinen ueber die Massen protegierten +Guenstling in die Schranken, die ihm gebuehren! Vielleicht glaubt man +mir's, vielleicht nicht, dass ich mit schwerem Herzen an die Abfassung +dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe +seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben; +ich goenne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich +will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen, +ich will nicht spotten und selbst fuer die ironischen Stellen dieses +Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Missbilligung treffe Herrn +von Kuestner, der monatelang keine Neuigkeiten auffuehrt, in den Berliner +Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten +Vorbereitung unterhaelt und dann ploetzlich in aller Stille, zur +guenstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die +Koenigsstadt gehoert, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der +Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr +treten? Ich fuer mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile fuer die Buehne +geschrieben haette, wuerde es unverantwortlich finden, dass die Berliner +Hofbuehne diesen, aus schnoeder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig +Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire +aufnehmen darf. + + + * * * * * + + +IV. Aus dem literarischen Berlin + + + + +Der Sonntagsverein (1833) + + +Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der +Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, dass der +wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fuenf Jahren in Berlin +jenen ersten Verein gruendete und ihn witzig nicht die sondern den +Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem +Namen zu unterdruecken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen, +als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen. +Saphir wusste diese Gesellschaft bald zu bevoelkern. Die Zahl seiner +Schueler und Verehrer war beinahe ebenso gross als die seiner Feinde. +Saphir zeigte, dass der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, dass die +Phantasie alle Luecken ausfuelle und der Goetterfunke auf keine +Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den +seinen Gegnern ausgeschlagenen Zaehnen aufwuchs und sich mit Begeisterung +unter seine Fahne stellte. + +Die Seidenwarenhaendler in der Breiten Strasse tobten, dass ihre +Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfuesse massen, um +Scharaden, Logogriphe und Raetsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit +klopfendem Herzen in Saphirs Blaettern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf +dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verfuehrungsgeschichten +und Schlaegereien ins Reine schreiben und uebten sich in der literarischen +Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstrasse immer willkommen +waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hoerten, machten +humoristische Ausfluege und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost" +und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres grossen +Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwaehnen, dass fuer die Juden ein ewiges +Laubhuettenfest der Poesie angebrochen war, dass sie sich ihre satirischen +Adern oeffnen liessen und unter dem Schutze ihres grossen Messias alles +taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals bluehte die +Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Fruechte, von denen sie zum Besten +der Ueberschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Spaeter kam +die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswuerdigen Freundes +Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden. +Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir +emanzipiert und hoeren nicht gern, dass man sie an die Schule ihrer Talente +erinnert. Die beiden vorliegenden Baende ["Rosetten und Arabesken. +Novellen, poetische Gemaelde und satirische Skizzen der juengern +Serapionsbrueder. "] fuehren den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des +Sonntagsvereins" und geben den Massstab fuer das, was dieser war, ist und +sein koennte. + +Zwanzig Koepfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfaelle und +Ausfaelle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repraesentanten gefunden, +und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die grosse Zahl +sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kaemen z.B. Ludwig +Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehoeren, +weil sie kuerzlich mit zwei grossen goldnen Verdienstmedaillen belohnt +worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens- +bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt' +ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergiessungen ueber die richtige +Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitlaeufig +und ich begnuege mich nur anzuzeigen, dass diese beiden Baendchen eine +Musterkarte von Trivialitaeten, geistlosen Gedankenspaenen, kurz von +literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W. +Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt +in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832: + +Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorueber! Vergebens sucht Ihr es +im Buch der Zeit! + +Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher +Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten" +von Wilhelm John erregen allerdings Gelaechter, weil sie bewunderungs- +wuerdig fade sind. Man hoere: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, +dass Enthusiasten haeufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind. +Hieraus koennte man schliessen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei, +dass sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen koennen." Wie +dumm! Ferner: "Die groebsten Ausfaelle werden gewoehnlich am meisten gegen +diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfaelle haben." Ich haette +Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull +es nur mit dem zweiten koennte. Ferner: "Der Witz des Poebels gleicht +mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glaenzen." +Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht, +originell zu sein, hat das Originelle an sich, dass sie Narren bildet." +Ach! Es ist genug. + +Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem +Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine ueber dies +Mittelmass hinaus. + + + + +Cypressen fuer Charlotte Stieglitz (1835) + + +Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt! +Heraus aus deinen ohnmaechtigen Zweideutigkeiten, du lederhaeutiger Eunuch! +Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbaeckige, +laechelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer +Pruederie und Eurer sittlichen Traegheit, die sich gern auf die grossen +Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit bruestet, die kleinste +Pfeife der grossen Orgel zu sein? Eure Grundsaetze sind morsch geworden, +da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen +eingepfaehlt habt. Zitternd muesst Ihr fuehlen, dass Ihr bei dem ewigen +Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder +wie sie veraendert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft, +unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid! +Ihr erschreckt, dass es noch Menschen gibt, welche den innern Prozess der +Seele durchmachen; die mit blutigem Schweisse daran arbeiten, in den +Geheimnissen des Geistes ein Gebaeude aufzubauen, und sich lieber unter +seinen Truemmern begraben, als dass sie die Welt so hinnaehmen, wie sie auf +der Strasse, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch +geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist +in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhaendige Tod +der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besaesse +und es schon aushalten koennte, dass man von Nachahmung sprechen wuerde, +koennte hier ein unsterbliches Seitenstueck zum "Werther" geben. Denn es +sind ganz moderne Kulturzustaende, welche sich hier durchkreuzen, und doch +ist der Grabeshuegel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original, +dass die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann. + +Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes ueber ihr +Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind +nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hoert man +rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwaeche, von falscher +Lektuere und alles schlaegt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten +kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu +zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie +zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat +Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kuehne Philosophen +behaupten den alten elenden Satz, dass Selbstmord die unzulaenglichste +Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, dass hier eine ungeheure +Kulturtragoedie aufgefuehrt ist, und die Heldin des Stueckes bis auf den +letzten Moment fuer zurechnungsfaehig erklaert werden muss vor dem Tribunal +einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier ueberhaupt +nicht das Urteil, sondern die Erklaerung. + +Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war +ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war +eine volle, gesaettigte; eine Liebe, die sich an grossen Tatsachen erwaermt, +und welche allein imstande ist, Maenner zu begluecken. Es war nicht eine +allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die +bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft, +und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfaengt. +Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schoenheit, die nur um +ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das +hoechste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte, +angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stuetzt, welche fuer +beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf +wechselseitige Zulaenglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und +des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfuellt, sie hatte Staffage. Beide +Teile standen sich gleich und Eins durfte fuer das Andre nicht verantwort- +lich sein. Ideen vermittelten hier Kuss und Umarmung. Sinnlicher Platonismus +wartete hier; und ich glaube, die jungen Maenner des Jahrhunderts werden +nicht eher gluecklich sein, bis nicht die Liebe ueberall wieder diesen +idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon +hatte. + +Charlotte hatte vor dem Todesstosse in Rahels Briefen gelesen. Rahel wuerde +ihren Gemahl niemals haben so ungluecklich machen koennen, denn sie wollte +keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen +Umtrieben, dem Genuss, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt +anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit +selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie +war kein Zoegling der Frivolitaet, wie Rahel, zu deren Fuessen einst die +Mirabeaus und Catilinas des preussischen Staates und der Periode 1806 +gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und +immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde; +sondern wuehlte sich in ihn hinein und zerbroeckelte ihn in eine Menge von +Gedankenspaenen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel +von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem +Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren! +Charlotte war Position, dichterisch, glaeubig und immer Seele. Sie beugte +sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing +erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie +nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (koennen wir's?), so +blieb ihr nichts uebrig, als ihr grosser, starker, goettlicher Wille. +Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles +bis auf diese Hoehe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen +sein; denn wir sagten schon, dass hier nichts ohne die Liebe war. + +Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quaekerhut, +luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den +Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn +Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die +Philologie, die preussische Geschichte und die deutsche Freiheit, +russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und +nebenbei musste er auf der Koenigl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und +Dienstmaedchen verkehren, welche fuer ihre Herrschaft die entlehnten Buecher +holten, ueber welche er das Register fuehrte. Himmel, Erde und Hoelle lagen +hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man +wollte nicht zugeben, dass er originell war. Es ist alles so oed und trist +in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo +in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen +war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet +er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsruecken +sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel +wies ihn kalt zurueck, weil er keine Originalitaet antraf. Die +Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung. +Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergoettert, +und doch vom Repraesentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht +anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die +Freiheit und konnte keine Bruecke finden. Er fuehlte sich unheimlich in dem +Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden +Eingang in sein empfaengliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles +Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne +Schoenheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es +frueher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglueckliche Dichter +ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er sass im Schimmer der +naechtlichen Lampe, Ruhe auf der Strasse, das weisse Papier, das +Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit +vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der +Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke +sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone +aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben +muss, um ein grosser Dichter zu sein? Wo der Hass eines Dante, rechter, +tiefer, ghibellinischer Hass; nicht jener Hass, den wir unglueckliche Kinder +unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen +affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo +die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der +rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein grosses, +stachelndes, unglueckliches Leben? Ach, nichts als Luege, als heitrer +Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft laestiger +Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des +Meyers Tochter, die sich fuer ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen +Worten und fuehle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drueckt den +Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge oeffentliche +Meinung verlangt, dass sie sich zusammenscharen solle und sich +aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So +fuehl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht +dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte +er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit, +dass gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht +haben; vielleicht dachte er nur an die Persoenlichkeit, wie sie zu allen +Zeiten unabhaengig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er +fand, dass man eine grossartige Staffage seines Schicksals haben muesse, um +originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im +Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem +Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte. + +Toericht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, dass er seine Gattin in +diesen Strudel hineinriss. Sie musste wissen, was seine Stirn in Runzeln +zog, und musste teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Hoehe, +sein Unglueck zu begreifen. Sie fuehlte wohl, dass dem Manne eine Staffage +seiner Begeisterung fehlte. Das gewoehnliche Geschwaetz der Tanten, welche +ein Interdikt legen auf Annaeherungen zwischen ihren Nichten und +sogenannten Schoengeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei +grosser und patriotischer Staedte, welche ihren Toechtern nur angestellte +und offizielle Juenglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Buecher +macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes +und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne +buergerliche Ruecksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in +Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwaetzigen +Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemaessigten Zone, wenn ihr +glaubt, die naerrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe +sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich +der vierwoechentlichen Waesche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen: +Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die +stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung goennte sie ihrem Manne. +Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht +tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen, +blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der +Luege befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im +Winter gleichgueltig gegen die Hoffnung des Fruehlings, resigniert auf den +gewiss noch langen Faden der Parze, bereit, das fuerchterliche Geheimnis +des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Muessen, resigniert auf jede +Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch fuer sie liegen konnte. + +Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Huegel. Die +Neugier ist befriedigt. Was soll man schliessen? Ihr nichts: wir alle +nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Ueberlebender! Du bist ein +ungluecklicher Rest. Aber dein Unglueck, das nun da ist, ist ohne Energie. +Dein Unglueck ueberragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du +tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiss, ein Totenopfer steht dir an. +Dante haette dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du +die Tatsache ueberwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in +den Zusammenhang deiner Gedanken, so musst du so gross sein, wie dennoch +Dante und Goethe. Wirst du oeffentlich von dem Opfer zehren, das im +Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwoere dich, bring' an das +Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du +empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demuetigung, dass nicht das Ende +eine Komoedie sein koennte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das +Motiv und die Staffage ist groesser als das, was sich darauf bauen laesst. Es +ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist, +sondern ein enger Raum von vier Waenden, eine Buehne von drei Waenden; denn +es ist eine Tragoedie. Aber noch ist die Tragoedie nicht vol1staendig. Ein +Gedicht rundet sie nicht ab. + + + + +Diese Kritik gehoert Bettinen (1843) + +(Nil divini a me alienum puto.) + + +Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen +hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst +erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die +verschmachtende Kehle hinunterschuettet und mit Wollust die benetzte Lunge +zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im +Kristallglase ihrer stilistischen Schoenheiten, mit all den wunderlichen, +eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die +anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der +uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht suedliches +Rebenblut, durchduftet von den Blueten des Orients oder gewuerzt von +zerstossenen Perlen der Maerchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische +Quellflut, reines kristallhelles Nass vom Borne der Natur, aus der +Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche, +gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewuerzten +Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser +taeglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem +ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und +Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein +volles Glas, wo die Felsen-Kuehle mit tausend Tropfen die innere Wand +beschlaegt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden +Champagnersaenger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung +und Kuehlung, Erquickung und Staerkung, Trost fuer das Vergangene und Mut +fuer das Werdende! + +Das neue Koenigsbuch dieser merkwuerdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne, +dass es wie herbstliches Geblaetter eine Weile raschele und unterm +Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat, +die weit ueber den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehoert +dem Koenig", es gehoert der Welt. Es gehoert der Geschichte an, wie Dantes +"Komoedie", Macchiavellis "Fuerst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft". +Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von +Millionen gefuehlt werden, gesagt werden mussten. Man wird diese Dinge +bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und +man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen +Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heisst es, das +starke Ende kommt nach. Mit des kuehnen Strauss' "Leben Jesu" ging es +ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm +niederfaellt. + +Wer noch nicht nach den beiden kleinen Baenden gegriffen hat, wer noch +schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie +einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zuegen", wie +die Studenten sagen, trinken und allmaehlich in sich aufnehmen muss, dem +diene folgendes als Erlaeuterung: Das merkwuerdige Buch traegt seinen +persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in +diesem Titel. Dies Buch gehoert wirklich dem Koenig und musste so heissen, +durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den Koenig +geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der +Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfasst, und deshalb von +Tausenden von Maennerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das +Organ einer allgemeinen Ansicht, die kuehne Vorrednerin ist, die Jeanne d' +Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem +Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, dass nur ein Weib das +sagen durfte, was jeden Mann wuerde hinter Schloss und Riegel gebracht +haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umstaenden, in diesem +Zufall, dass eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und +ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine +Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der +Gesellschaft veroeffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht +einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-grossartig ausgesprochen +hat, darin liegt etwas, was goettliche Vorsehung ist. Dem bedraengten +Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen. +Windet Euch, baut Buecher auf Buecher auf, sprecht Anathema ueber Anathema, +die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen +in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung +haben will, diese Glut einer Ueberzeugung, die sich wie ein feuriger Strom +durch die Lande waelzen wird, ist nicht zu daempfen, nicht auszuloeschen. +Den Handschuh fuer die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist +immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren. + +Bettina gehoert zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug +wie Schlangen sind. Sie redet zunaechst nicht zum Koenig von Preussen. Sie +malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen +Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemaess, +kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht +scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von +Napoleon und laesst die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden. +Sentimentale und Tartueffe-Gemueter, die immer wollen, dass man die Sachen +von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen" +sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher +Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die +Verantwortung so himme1stuermender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund +legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Fuessen gesessen, weiss, +welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom +Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen, +die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen +Begriff, eine poetische Individualitaet, wie sie der Dramatiker schafft. +Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafuer im +Jenseits nicht mit Plato zuernen. Der Vater ist verantwortlich fuer den +Sohn, der Staat fuer den Buerger (Bettina fuehrt diese Pflicht mit +besonderer Vorliebe aus), der Lehrer fuer den Schueler. Von grossen Menschen +bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist +geboren wird. Und so ist auch jenes Daemonion, jene hoehere Weihe und +ploetzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates, +nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften +Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt +Bettinen, die es wagen darf, den kuehnen Heldengeist jener Frau mitten +unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms, +von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein +und dem Buergermeister von Holzhausen redete. + +Der erste Band des Koenigsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate +gewidmet. Die Beweisfuehrung in beiden ist die des urspruenglichsten +Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug +und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Ruecksichten der +Selbsttaeuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie +Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen gefluegelten Hufen, der Bahn +der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenroete +aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kuehnen Haenden, noch +sind sie leer, aber nicht ein Wort der Luegen, die darauf standen und die +sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen +stehen duerfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste +Positivitaet des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine +indische. Sie ist kein Behagen, keine traeumerische Wollust in sich +selbst, sondern ringende, kaempfende Freiheit, griechische Freiheit, wie +sie sich in der Palaestra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen +erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im +Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen +Bergeshoehen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestruepp und Genist +nicht ins blinde, wilde Ungefaehr hinein, sondern nach einem erhabenen, +edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfasst, Gotteswuerde und +Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im hoechsten, im +majestaetischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als +die Natur, die Vernunft und der freie Geist! + +Die uebliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie +unserer Zeit wird ueber den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreissen und +siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen +Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfaehigkeit. +Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma +ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Moeglichkeiten +der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern +die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage +nicht, dass sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums +ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein +Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kaempfe lehrt, dass fuer +die Freiheit schon unendlich viel gewonnen waere, koennten wir nur auf der +Haelfte des Weges, den Bettina schon zuruecklegte, Huetten und Zelte bauen, +geschweige Kirchen im Sinne dieser Haelfte. Der Erfolg dieses Buches, wie +weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird, +laesst sich noch nicht ermessen. Erst muss die wilde Jagd der Gegner kommen. +Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab! + +Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band. +Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man hoere, was er +enthaelt, und erstaune ueber dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die +heisseste, gluehendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten, +dass der Kommunismus viele Anhaenger finden wird. + +Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat +schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Maertyrern stempeln +und zoege die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das +erste ist wahr. Man schreibt so viel Baende ueber die Gefaengnisse, ueber die +Verbrecher, ueber die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten, +und doch bleibt es unwiderleglich, dass die wahre Politik, die Politik im +Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Moegen +wir nun an die urspruenglich gute oder urspruenglich boese Menschennatur +glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung +einen so hohen Begriff, dass wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur +Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum +misslingen sie so oft? Unsere gewoehnlichen Quacksalbereien muessen doch +wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schaeden der +Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz +verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige dass sie +bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenueber war es +mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitaeler, neue Quarantaenen, neue +Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als hoechstens die +sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da: +jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa +sporadisch, sondern so allgemein, dass die Gefaengnisse keinen Platz haben. +Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwaechter und Gensdarmen, die +Buerger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer +sperrt sich ab gegen den andern und der Stoerer dieses atomistischen +Staates wird unschaedlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not +des naechsten Augenblicks geboten wird, so muss man sie gelten lassen; +erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden +Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum +achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen +schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein +Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und gluecklich +erhaelt, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls +angelaechelt hat? + +Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein +herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von +Goeler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf +hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan +hatten, aeusserte in seiner wuerdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er +muesste fuer das Christentum erroeten, wenn er bedachte, dass der milde Geist +der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen waere, um +nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, fuer immer unmoeglich zu machen. Er +sagte: Erroeten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, erroetete +fuer die geringe Wirkung seiner Lehre. Erroetet wohl ein Beamter fuer den +Staat, der ihn besoldet, ein Minister fuer die Lappalien, die er in seinem +Portefeuille einschliesst, erroeten unsere Richter fuer die Verbrecher? +Nein. Hoechstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muss. +Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren +denn unsere grossen Staatsmaenner nur als sich? Wie ist es moeglich, dass +durch diese Politik der Buerokratie, der Edikte, der Verbote, der +Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener +wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den +Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses +Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den Koenig, dem +sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreissende, so feurige Apostrophen, dass es +ruehrend ist, wenn man sich sagen muesste, der Brief ist unsterblich, aber +er wird seine irdische Adresse verfehlen. + +Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat woertlich verstehen +wollte, bewiese nur, dass er zu den Langweiligen gehoert. Kein Langweiliger +hat Sinn fuer den Humor. Humoristisch ist aber ein grosser Teil der +sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kuehne Opponentin mit den +Verbrechern zu stiften vorschlaegt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu +tun, einen Raeuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum +Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr +eigentuemlicher Ausdrucksweise, dass das Kapital von Mut, Schlauheit und +Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf +edlere und dem Gesamtwohl nuetzliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik +dieser Beweisfuehrung ist teils Ueberzeugung, teils Neckerei. Es ist +durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespraeche +belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich +gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen +Voegel der Gegenpartei wieder flattern laesst, um sie nach kurzer Freiheit +wieder aufs neue einzufangen. Fast im schaeumenden Uebermass dieser Ironie +sind die "Gespraeche mit einer franzoesischen Atzel" geschrieben. Hier ist +selbst die Frau Rat die ueberfluegelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit +seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein +verzauberter Hoellenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und +schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel +dient. Er moechte, dass die ganze Welt des Teufels waere und schwaetzt die +Dinge, die oben stehen, kopfueber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht +an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden +Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad +denunzieren werden. Bettina waere mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele +humoristisch genug, fuer die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie +einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden. +Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum +soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die naechstens +die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eroeffnen wird, wird +sehr komisch sein. + +Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als dass es +komisch schliessen duerfte. Es schliesst mit dem Septimenakkord des tiefsten +Schmerzes, es schliesst erschuetternd, herzzerreissend, tragisch. Wessen +Auge ueber dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen +kann, ohne in Traenen zu schwimmen, der muss ein Herz von Marme1stein +haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in +dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Haeuser +durchwanderte, an die Tueren pochte, eintrat und sich nach den bittern +Lebensumstaenden, die hier zusammengepfercht sind, gruendlich erkundigte. +Die Namen sind genannt, die Tueren bezeichnet, hier hoert jede Fiktion auf. +Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf +Stroh, stuendlich gewaertig, ausgepfaendet und auf die Strasse geworfen zu +werden mit Greisen und Saeuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern +oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei +und verlassen von jener Behoerde, die ihr naechster Schutz und Schirm sein +sollte, der staedtischen Armendirektion. Fuer die Mitteilung dieses +Gemaeldes verdient Bettina den Dank jedes fuehlenden Herzens. Jede Traene +dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen +Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht hoeher als jede +idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben, +aber die Farben sind echt und der Fuerst, dem sie ihr Buch widmete, hat in +dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball +abbestellt, sicher die Zuruestungen eines glaenzenden, nur Staub +aufwuehlenden Manoevers auf die Haelfte des angesetzten Etats reduziert. +Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch +die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser +Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen +Anhaenglichkeit an das Vaterland und den Fuersten, die sich selbst in +diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin ueberbrachte der +Ordenskommission (fuenf Orden), die ihr gestorbener Mann im +Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein fuer alle Mal +fuenf Taler (kaum den aeussern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie. +Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kuehnen Frau, die dieses +Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem +(Buergermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von +diesem Anhang kann man nicht glauben, dass er spurlos voruebergehen wird. +Nicht nur, dass die Berliner Armendirektion, eines der unpopulaersten +Institute der Residenz, einer gruendlichen Reorganisation unterworfen +werden muss, auch die hoehere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne +sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem +Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknuepfen und einer +unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage +wird um Antwort draengen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in +Almosen, sondern in durchgreifenden Schoepfungen bestehen muessen. Und der +edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf +dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer +Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit, +dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen +Verdienstes prangender, als weiland ihre schoensten Blumenkronen aus der +Periode ihrer romantischen Naturmystik. + +Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen +wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine +Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der +er Rom aus einem Raeuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der +Koenig von Preussen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen, +aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblaettert, er hat die Widmung +gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg +gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland +und Preussen insbesondere hoffen, dass von der maechtigen Beredsamkeit einer +Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn +angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zuendet, +doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung uebt, in ihm +zurueckgeblieben ist. + + + + +Ein preussischer Roman (1849) + + +Die kluge und soviel man wusste ziemlich demokratisch gesinnte Fanny +Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die +Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre +sonst so freiheitgluehende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmueckt, +das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und +Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom +Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die +Etikette und eine gewisse loyale Pietaet fuer hohe und hoechste Personen +gesuendigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preussenvereine wissen +sehr wohl, dass man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann. +Dies edle Kern- und Grundgefuehl preussischer Herzen kann nicht mehr +ueberall der Ausfluss unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der +Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte, +sondern dies Gefuehl muss jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der +Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat +Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu +jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den +Beweis fuehren, dass auch in jenen Regionen menschlich empfunden, +liebenswuerdig geschwaermt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal +den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgaenge der Literatur, die schon die +Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Graefin +Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin +Diogenens, rettete ihr wieder die Koenige und die Prinzen. + +Wir erfahren in diesen drei mit grosser Gewandtheit geschriebenen Baenden, +dass es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preussen +gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war, +sich vom Zopf Friedrichs des Grossen und derer, die diesen Zopf fuer das +Palladium des preussischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik +trieb, viel Schulden machte, Militaerexzesse beguenstigte, die Franzosen +und ihre Republik hasste und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz +preussischer Waffen fuehlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806 +seinen Willen tat und den Krieg erklaerte, fiel er in dem ersten Gefecht +gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber +deren liberale Grundsaetze er hasste. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand +so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander +geruehmt worden, dass man sein Leben wohl fuer beachtenswert, seinen Tod +ruehrend finden kann. Wie aber sieht es mit einer naeheren Pruefung dieses +Ruhmes aus? Wie muss sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese +aeusserlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen naeher +zu bringen? + +Wir gestehen, dass Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes +sehr wahr auffasste. Statt aller Kritik ueber ihn hat sie sich ganz einfach +in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche fuer den schoensten. +Da ist kein nuechternes Raesonnement, da ist keine Pruefung, kein Abwaegen +von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt +hat. Und gerade das muss den Treubund entzuecken, gerade daraufhin kann +Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Juedin, eine +eifrige Verfechterin der Grundsaetze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht +da eine Maerzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten +fuer preussische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkraenzen unsern +Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den +Bahnhoefen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefaerbten Bajonetten in +ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Maenner und Frauen +einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts fuer die Menschheit leistete, +sich aber als Hohenzoller fuehlte! Und eine Demokratin traegt uns hier die +schwarzweisse Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur! +Die beruehmte Gegnerin unserer unuebertrefflichen Ida! + +Fanny Lewald wird sich ueber den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber ueber +mich, der ihn so reden laesst, sehr erzuernen. Sie wird, ich seh' es, alle +diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung fuer einen preussischen +Prinzen zurueckweisen, sie wird, ich hoer' es, ausrufen: Kleinliche +Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens +folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr +moeglich bleiben, dass man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt, +sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer +George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels +und Prinzenpalaeste, mit Interesse, ja mit Liebe umfasst und das Schoene, +Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das +hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie +hat sich ohne Zweifel noch groesseres gedacht. Sie hat das Bild eines +zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt +unueberwindlich duenkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit +vorhalten zu koennen, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militaer und +Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die +Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische +Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist, +ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung +festzuhalten und so den Vorwuerfen zu begegnen, gegen die sie als strenger +demokratischer Charakter empfindlich sein musste. + +Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie +hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern +wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der +Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise" +mit einem liebenswuerdigen, genialen Prinzen des koenigl. Hauses in +Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen, +mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg +ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen. +Statt, wie eine kuenstlerische Intuition ihr sagen musste, den Prinzen +episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren +Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und +alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu +lassen, macht sie diese selbst zu Haupttraegern der Handlung und gibt eine +romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der +Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie +gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll +erscheinen laesst, waehrend sie doch meist nur frivol und sittenlos sind. +Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane beruechtigten +Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und +interessant, so drapiert mit dem grossen Umschlagetuch grell-moderner +Ideen und grossblumiger Empfindungen, dass man erstaunt, wenn man sich +denken muss: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser +Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbroeckeln und in +die ihr eigene grossstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblaettern, wo +Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfuemierte Billetts, von +galonierten Jockeys auf silbernen Tellern praesentiert, alle Schmerzen +"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens +Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny +Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentoechter interessant zu finden, +die beim Blasen der Gardekuerassiere an die Fenster rennen, sich in Helme +und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewaehren, was Prinzen +nur von Buergerstoechtern fordern koennen. Henriette Fromm, Pauline Wiesel +sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von +der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch +geschieht. Welche grossen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche +gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt +nicht jene Buhlerei der Muetter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie +nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Spaeter moegen die Opfer dieser +Zustaende mehr gelernt haben als Madame Rietz wusste, sie moegen franzoesisch +parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in +Beruehrung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag +auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter ueber sie ausgegossen haben. +Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Juedin Rahel +Levin mit Prinzen von Preussen in Verbindung gebracht darzustellen, ist +hier von ihrem Herzen und dessen kuehnsten Fluegen geblendet gewesen und +hat eine Sphaere fuer dichtungswuerdig gehalten, die es nicht war. Mamsell +Caesar, die Berliner Geheimsekretaerstochter, verdiente ebensowenig diesen +Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der +Verlobung an einen Oekonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein +Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer +Buergerlichen schmeicheln, nur in aller Kuerze sie auffordern: Sei mein! +Einen (Roman) von Gefuehl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe +des Menschen gibt es da hoechst selten und im vorliegenden Fall gewiss +nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloss +mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu +machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit +Spannung, wuerde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie +haette beim Niederschreiben dieser Blaetter auch nur im entferntesten +gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!) + +Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen; +unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrueckten, leidenden Zustandes +der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem +gedemuetigten Stolze, mit der getretenen Menschenwuerde. Sie hat in ihrem +reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der +Beobachtung und des Mitgefuehls fuer die Nachtseiten der Gesellschaft +durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie ueber +die Militaerzustaende Preussens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die +Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Duenkel der Minister +anstellte, nicht auch zur Wahrheit ueber ihren aristokratischen Helden +selbst und noch mehr zur Wahrheit ueber das prahlende Zuschautragen des +Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemaelde aufrauschen? Warum wandeln +diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefuehlskram +unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle +Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende +Grossgefuehligkeit um die koenigliche Hoheit affektierter Kram? Erschliessen +uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie muessen es wohl, da +Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine +grosse Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der +Verfasserin ueberall folgen, wo sie praktisch und verstaendig ist. Wo sie +aber Gefuehl geben will, Idealitaet in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch +eben nur in derselben Sphaere, die sie an der Graefin Hahn hat bekaempfen +wollen: Hass gegen das Uebliche, Feindschaft gegen die gewoehnlichen Gleise +der Liebe, die sich in ihrer suessen Monotonie Jahrtausende lang durch die +Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Muetter, die verheirateten +Frauen ewig gleichgueltig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und +Paulinen der poetischen Betrachtung wuerdig? Es waere eine rechte Erquickung +gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem +Herzen auch ein junges, schoenes und bedeutendes mit einem nur guten +angetroffen haetten. + +Das Buch schliesst wie eine Symphonie mit unaufgeloester Dissonanz! Der +Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Faeden, welche die +Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch +Licht, und ploetzlich Nacht. Dieser Schluss ist eine Kritik des Werkes. Er +sagt, dass mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts +zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein +wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach +Wahrheit, so die schoene, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger +Ueberzeugung, dass sie unstreitig fuehlte: Die Menschen, die ich da mit dem +Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnuetz, und keine Seele +mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden, +ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach +vielen Graebern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den +Immortellenkranz verdient. + + + + +Eine naechtliche Unterkunft (1870) + + +In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehoerenden +Tagen, wo Berlin rundum keine andere grosse Stadt in der Nachbarschaft +hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen +zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen +ueberwundene eigentuemliche Naivitaet oder, nennen wir es beim richtigeren +Namen kleinstaedtische Unzulaenglichkeit aus, die den Charakter des +Berliner Pfahlbuergertums in manchem bezeichnen duerfte. Die Sperre gegen +eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam fuer gleichsam wie +"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch +die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung +Preussens erst allmaehlich, ja mit Beweisen voelliger Unbeholfenheit und +Unreife anschickte, dem Fortschritt des uebrigen Europa zu folgen. + +Noch bis zur Maerzrevolution befand sich im koeniglichen Schlosse, dicht +unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848 +dem Publikum nicht mehr als Durchgang geoeffnet ist, ein alter Rumpelkasten, +Portechaise genannt, an deren mit gruenem Kattun verhangenem Fenster +unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen +will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstrasse" +avanciert, begrenzt die suedoestliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich +bemerkt eines Baues, dessen Grossartigkeit den Stil, den kraeftigen Griffel +des 19. Jahrhunderts in so ueberwaeltigendem Masse bezeichnet, dass bei allem +Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", fuer die +Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch fuer ihre +Ueberlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstoerenden--Druckfehler +beseitigen darf. + +Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "franzoesischen +Turms", die dem Wechselgeschaeft der Herren Brest und Gelpke gerade +gegenueber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den duerftigen +Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttuerme" gebildet werden, das +helle, frische, gruene Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen", +sondern es war sogar moeglich, dass die damalige schutzmannlose, nur auf +jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen +und Aufschlaegen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen +alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein +Missverstaendnis zur Ueberwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem +Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstrasse ausgestrichen war. +Die Deichsel fuer die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte +nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen +Roetliche. Die Totengraeber Hamlets haetten hier Betrachtungen anstellen +koennen ueber die Vergaenglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drueben +von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der +grosse Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick +hinuebergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte, +nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewoelbten +Tuermen, um deren Saeulen und Saeulchen die Spatzen und die Kraehen und die +Habichte nisteten. Berlin, das gegenwaertig alles brauchen kann, selbst +die Denkmaeler von den Graebern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der +Toten von den Kirchhoefen stiehlt, liess diesen alten Leichenwagen +unangetastet. + +Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal +quer ueber die Strassen hinweggezogen, in aechzenden Toenen hin und her +schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf ueber ein noch +naturwuechsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem +Keller wie ein ferner Unkenruf ertoente und in den Strassen jener +gespenstische Mann umging, der ein Faesschen in der Hand tragend, aus einer +bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten +Kravatte mit einem gewissen wuerdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl, +den Ausruf hervorpresste: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich +froestelnd, die Haende in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider +gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen +mannigfach bruechigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine +verwitterte, magere, kleine Gestalt ueber den Markt, auf welchem oede +Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses, +die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten. + +Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den +Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die +Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit +leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne +ueberstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung, +nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig naehert +er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat +dich Charon heute Nacht nicht noetig, um vom "Tuermchen" im "Voigtland" +eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius" +seine Gaeule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im +"Nasenquetscher" auf Saturns grosses Brach- und Nivellierungsfeld, auf den +Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt, +herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte, +weil die Geschaefte der ueblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die +Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein +damaliges--Asyl fuer Obdachlose. + +Fand sich wohl ein Stueck Holz, eine Planke darin vor--den Traegern mit den +langen Floeren am Dreimaster benoetigt, um den Sarg in die Grube zu +senken--so rueckt sie der lebende Tote so, dass sein Haupt mit den langen +weissen Haaren eine Stuetze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet +er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder, +wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte +Wange aufstuetzt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen +Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstrasse +kommende Schoene aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines +"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone +--einen gluecklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um +Mitternacht sein Coupe nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu +vorueber. Selbst der Nachtwaechter haelt sich in der Ferne, dort, wo ein +Ruf: "Waechter--!" ihm ein Trinkgeld fuers Einlassen in ein verschlossenes +Haus, dessen Schluessel an seinem klirrenden Eisenbunde haengt, sicherer +einbringt, als wenn er hier Posto fasste in der duester-unheimlichen Ecke +an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger +Kandidat in franzoesischer Sprache predigte und sich nicht traeumen liess, +wie uebel spaeter einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft- +lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte. + +Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo +die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren +war schon die allergluecklichste Chance fuer--"Belletristik". Ein Honorar +von einem Taler zahlte man fuer ein Gedicht, von fuenfzehn Silbergroschen +fuer eine Reihe von Lueckenbuessern, damals "Aphorismen", "Streckverse", +"Sternschnuppen" oder aehnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es +dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes +angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil, +der an Pindar erinnerte--seiner Unverstaendlichkeit wegen. Aber schon in +jener Zeit war die Lektuere frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als +Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die +Aesthetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer +des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was +war da der verkommene Traeumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean +Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen +Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer, +fuehlen wir tiefer als in der Naehe der Toten!--) nur dadurch schlagend, +zuendend, lapidar zu machen glaubte, dass er ihn immer enger und enger, +immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen +draengte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze +Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis +vier Pfennige! + +Dieser Obdachlose hiess Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den +Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Muehe geben will, in +alten Jahrgaengen des "Freimuetigen", des "Gesellschafters" zu blaettern, +der wird dort--dem naechtlichen Bewohner des Leichenwagens am +Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen. + + + + +Zum Gedaechtnis Wilhelm Haerings (Willibald Alexis') (1872) + + +Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres +zu Arnstadt in Thueringen erfolgte Ableben Wilhelm Haerings, genannt +Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die +gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein +Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die +Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blaettern +erschollen, verdient. + +Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal spaeter kommend als andere Organe +der Oeffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer blossen +Trauerrede am Grabe haelt, sondern persoenlicher auf den Verstorbenen +eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des +Dahingegangenen recht nahe zu ruecken. Schon die Wendung dieser Nachrufe, +dass der Tod den Ungluecklichen, der fast fuenfzehn Jahre in geistiger und +koerperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erloeste", ist +nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in +spaetern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Englaenderin, die +Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die +erloest wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswuerdigen Kultus der Liebe +selbst fuehlte kaum sein Leid in ganzer Groesse. Die Stunden, die Tage, die +Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmaessig +dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am +Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns +"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der aeusseren Erscheinung +Haerings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der +der Welt gegenueber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der +Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen +Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des +aengstlich aufgeregten Beschaeftigtseins durch die Zeit, des baenglichen +Erwartens duesterer oeffentlicher Erlebnisse trugen. + +Von "Leiden erloest"? Gewiss! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze +Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens +ging bei Haering auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren +suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm +zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen +neuen grossstaedtischen Gruender-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur +Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den +alten Eichen und in den Fischerhuetten Heringsdorfs an der Ostsee den +Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu foerdern. Spaeter gab er seine +dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schoenheiten auf und zog sich, +seiner ganzen Kraft sich noch bewusst und mit literarischen Plaenen, deren +einige auch dort noch ausgefuehrt wurden, nach Arnstadt, einer ohne +Zweifel--ich kenne den altberuehmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt, +die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzaehlt man von Haerings +anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner +geschwaechten Geisteskraefte. Wenn die Rosen bluehten, sammelten liebliche +junge Maedchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblaetternden +verbluehten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon +wuenschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte +herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis +zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem +und alledem ungern verliess. Sein Lebensende war keineswegs das seines +gekroenten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens- +volle Uebersendung eines seiner "maerkischen Romane" oder bei einer +sonstigen Annaeherung, welche Huld und Guete voraussetzte, die bekannt- +gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er haette sich +von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch +Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelaehmt zu werden wie Dr. Haering. +Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Baeumen Sanssoucis, +die den an Plaenen und Ideen ueberreichen genialen Kronprinzen einst unter +sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und +nichts mehr von der Welt erkannte. Haering liess sich in seinem Rollsessel +an seine Blumen fahren und pflegte diese. + +Unsere juengere Generation macht sich das Leben eines solchen +abscheidenden Charakters frueherer Tage nach aeussern Notizen leicht +zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar, +Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine +Zusammenfassung seiner letzten Taetigkeit, die dem "brandenburgischen +Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und +dennoch bieten diese Momente fuer den Forscher, der dem Sein und Werden, +dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur +folgt, bei weitem nicht die genuegenden Anhaltspunkte. Man las bisher ueber +Haering nur Zusammenfassungen, kurze Resuemees einer dahineilenden Zeit, +die ihre Opfer der Pietaet rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder +auf sich selbst zurueckzukommen. + +Bei solchen Resuemees fehlt natuerlich auch das Zuviel nicht. Die +"maerkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat +nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankuendigung des +Buchhaendlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder +deutschen Huette eingebuergert" sehen moechte. Diese Romane sind reich an +Vorzuegen aller Art. Doch reissen sie nicht durch eine maechtige und +eigentuemliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit +reproduktiver Umstaendlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien +(uebertreibend bis zu Phantasien) ueber eine Mark Brandenburg, die jetzt +mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Koenigin +aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstueck ist ja im vollen Gange. Haette +man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen +von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten +Gesetze dessen, was schoen ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere +Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt +zurueckkehren, dort so herrliche Baeume, grosse Gewaesser, sogar in Berlins +naechster Naehe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die maerkischen +Tannen- und Fichtenwaelder, diese durchsichtigen Linienregimenter, ueberaus +poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen duerftiger Vegetation +landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in +Gruender-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwaeldern in Masse und will +Deutschland einladen, dort Huetten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in +der Tat die Ausserkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden +Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die +Uebertreibung des Poetischen, das sich in Haerings maerkischen Romanen +finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des +Duerftigen, Aermlichen, Unzulaenglichen der Mark versuendigt man sich an +jener Welt, die seither fuer schoen gegolten hat und deren Zaubergewalt +auch dem maerkischen Romantiker Haering selbst zu oft vor die Seele trat, +als dass es ihn nicht maechtig nach dem Sueden haette ziehen, zu dem +Gestaendnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind +eine wahre Befreiung des Gemuets vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch +in Pankow und Schoenhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen +Schoenhausens sind schoen, und waere nur dem Park mehr Pflege zu wuenschen!) +dem grossen Naturgeiste nahe fuehlen moechte. In dem frisch geschriebenen +Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Sueden, der blauen Donau, den +schneebekraenzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles +Recht zuteil. + +Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Koeniggraetz und Nikolsburg, +brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die +'preussische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der +begabtesten unserer juengern Erzaehler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus +Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtuemern, gebuertig, glaubte mit +seinem beredten Fuerwort einen Beitrag zu geben zur Annaeherung zwischen +deutschem Sued und Nord. Der Streit, welcher in der Familie gefuehrt worden +waere, hiess es, muesste auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein +Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung +auszutilgen, welche sich des deutschen Suedens gegen den Norden, gegen +Preussen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewoehnt hat, als den +Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und +ihre Hauptstadt bemaechtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge +Nordlandssohn fordert Sueddeutschland auf, an diese Quelle der Versoehnung, +"die Werke des Hrn. G. W. Haering", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er +hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprueche auch der +"Kreuzzeitung" auf den Parnass vertreten) reihen sich dann bei dem +Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versoehnung an, welchem der +vielleicht feurigste Mund, der sich je ueber einen noch lebenden Autor +ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser +fortzureissen vermoegen, weil der frische Geist der Huldigung Satz fuer Satz +zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken +reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen duerfen +und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten +fortreissen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll.... + +Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Haerings, des +ungluecklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung +ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerfluegeln. +Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls +maerkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die +Beine verschraenkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an +sich kuehner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts +einzufuehren? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte. +Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so +gewissensstreng gemacht, dass wir in der Wiederholung eines solchen alten +Literaturspasses einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit" +sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken wuerden! Aber der +belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach +diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, kuenstlich +gepflegten Neigungen. Seine Natur liess nichts frei aus einem uebervollen +Innern hervorstroemen. Selbst die Chronik der Buehnen Berlins weist einige +dramatische Anlaeufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg. +Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht +ueberspringen und die Tage nicht vergessen, wo Haering noch zu den +Unentschlossenen gehoerte, wo Ludwig Boerne jenen mit gutem Essig und gutem +Oel (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Haerings-Salat" +schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Haering und Ludwig Robert, +damals zensurgemaesse Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch +nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten +Aufsatz ueber die Sontag geschrieben hatte, durch die Strassen und +Gesellschaften Berlins fuehrten, worauf bei jeder Vorstellung eines +eilends vorueberschiessenden Bekannten regelmaessig derselbe Dialog +hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Boerne!" Verwunderung und +Entzuecken: "Boerne? Sontag? Goettlich!" Es war die Zeit nach der +Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig +machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen +Tagen bot besonders die Haltung einer grossen Leipziger Buchhandlung mit +ihren einflussreichen Blaettern und Sammelwerken, die im literarischen +Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton +angaben, den Mittelpunkt fuer eine Richtung, der sich auch Haering allzu +eng anschloss. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der +schoenen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitaetsleben +entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekaempft. Aus jener +Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers, +Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphaere schliessen laesst, +wo man freisinnig am Teetisch war, im Buero aber tat, was die +Obern wollten. + +Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem +Konversationslexikon orientierten Nekrologe, dass sie schon von "grossen +Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat +sich redlich muehen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des +Geschicks" ruesten muessen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das +Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da musste der +letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese +unglueckliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem +sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen liess, wurde nur +durch eine fuer jene Zeit des bedruckten Loeschpapiers ueberraschend +geschmackvolle Ausstattung einigermassen wiedergutgemacht. Missmutig ueber +die Art, wie sich die Buchhaendler zu den Autoren zu stellen pflegen, +begruendete Haering selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines +Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Misserfolge, +Bekuemmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine +Wuerdigung seiner maerkischen Romane, die zunaechst durch Haerings maechtig +pulsierendes Heimatgefuehl und vielleicht auch durch Nachahmung des +vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn +nur innerhalb Berlins nicht. Nach aussen hin fand sich kein Interesse. Nur +die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten.... + +Das Jahr 1848 ueberraschte unsern rastlos taetigen, immer geistesfrischen +Wilhelm Haering in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung" +antrat, fuehrte ihn rasch in die richtige Strasse der Bewegung, bewahrte +ihn vor unklarem Waehlen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel +bereut worden ist. Diesem Entschluss, einem viel gelesenen Blatte seinen +emsigen Fleiss, seine gewandte Federfuehrung, sein reiches Wissen auf allen +Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat +es mit befreitem, von Vorurteilen erloestem Sinn. So vieles, worauf auch +er in den vormaerzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja +vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, groesseren +Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormaerzliche Annaeherung +an einen Fuersten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen +Vorliebe fuer maerkische Doerfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen, +Tannenwaelder mit Eichhoernchen und gewissen wie schon gedoerrt auf die Welt +kommenden Blueten, speziell maerkischen Rispengattungen (ich charakterisiere +eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut +entzuecken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen +kann)--diese Annaeherung konnte ihm keine Demuetigung, keine oeffentlich +auferlegte Kraenkung mehr bringen. In den vormaerzlichen Tagen besuchte ich +ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht +fuehlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spuerte er ueberall +Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen +und die schoenste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Haerings bester +Roman: "Ruhe ist die erste Buergerpflicht." In diesem ausgezeichneten +Gemaelde hatte man nichts von den weglosen Laengen seiner maerkischen Walter +Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen, +von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren. +Hier waren die historisch erwiesenen Persoenlichkeiten wie im Portraitstil +gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preussischen Unterganges, +traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser +Auge, dass uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemuetlich durch die +Linden- oder Bruederstrasse schlendert, die in den historischen Haeusern +derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten +dieses Romans einfallen. Preussen war durch Olmuetz auf die abschuessige +Seite der schiefen Ebene geraten. Ueber dem ganzen Gemaelde lag das bange +Vorgefuehl neuer verhaengnisvoller Stuerme, die fuer das damals von +Manteuffel regierte Preussen heraufziehen muessten.... + + + + +Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + + +... Fuer die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der +gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter +oesterreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem +norddeutschen Ohr unertraeglichen falschen Reime (reiten und leiden) +gehoeren. Eingefuehrt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in +Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher +verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig +zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt wuerde der gebildete Kalkulator +(Rechnungsrat), der einen gefuehlvollen Sonntagmorgenspaziergang im +Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand +befriedigt fuehlen, der vor 30 Jahren in Berlin fuer einen klassischen +galt. Die Berliner Poeten, die sich spaeter auf einem traurig +untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben +geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige, +z.B. Theaterkritiken zu schreiben, uebergegangen. Wir kommen hiebei, ohne +diese Metamorphose heute naeher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung" +sehr nahe, und nehmen vom Buechertisch ein in Goldschnitt gebundenes +zierliches Baendchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schroeder +1873). + +Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer +mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von +hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwaegungen technischer +Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stuendlich in +Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann, +sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der +Kontraste und dem selbst fuer das politische Gebiet zum Rechnungtragen, +zur Ruecksichtnahme, zur Maessigung gestimmten weichen Naturell des hier in +Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem +politischen Redakteur (gluecklich, wer um 9 Uhr abschliessen darf!) allein +zur Erholung uebrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond +und den Sternen, dem Brunnengeplaetscher, den Waechtern usw. in den +wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten +Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod, +Jenseits, die vollkommenen Gegensaetze des Leitartikels, der uns des +Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Fuer jede "Ente", die unser +Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen muessen, +rudert hier ein Schwan. Die Schwaene, die Blumen, die Nachen, die Sonne +und besonders das sonst den Lyrikern wenig zustroemende Gold, der ganze +Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen +anziehender Art, das Gold in Abendroeten, ins Gluehen der Maedchenwange, in +den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen +Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und +zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich +reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es +ein Leben nach der Richtschnur ueberlieferter Traditionen. Selbst den +Greis ergreift noch der Reiz des Schoenen, die maechtig wieder auflebende +Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des +Hafis ueber--aber bald (und vielleicht zu oft fuer diese immer gleiche +Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die +Tuer und macht so dem vorgefuehrten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als +tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der +Form sprechen, so ist allerdings damit zunaechst ein Lob ausgesprochen, +das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixitaet; aber doch ist die +Uebertragung der stuendlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde +fuehren muss: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang +bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist +diesen zarten Eingebungen schaedlich, wenn man sie zweimal lesen muss, um +sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der +"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so +kompress in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufaelligen, dem +Leser nicht sofort gelaeufigen Umstande veranlasst, dass es ein laengeres +Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die +Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt +sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des +taeglichen Lebens, besonders der Familie, fliesst die dichterische Sprache +mit kristallner Klarheit voll und maechtig. Den Gesellschaftsliedern laesst +sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachruehmen. +Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer +eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert +besonders zu gefallen scheint, nur fuer eine Tafelrunde geroeteter +Nasen bestimmt. + + + + +Louise Muehlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + +Heute ist Auktion des Louise Muehlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer +Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort +in die Druckereien--sondern ihrer Moebel, Teppiche, Vorhaenge, Penduelen, +Gemaelde, Vasen und der aegyptischen Andenken, die alle in einer Etage der +Potsdamer Strasse charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die +enthusiastische Ueberschaetzung, die der so ploetzlich der Welt Entrueckten +jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von +amerikanischen Steigerern herbeigefuehrt, das auch fuer eine alte +Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fuenfzig Dollars zu zahlen bereit +ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt ueber die Zerruettung der Louise +Muehlbachschen Vermoegensverhaeltnisse! Die Verstorbene hatte die +glaenzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive aussergewoehnliche +Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer +Fuelle. Sie reiste ohne die mindeste Einschraenkung wie eine Fuerstin. Bei +alledem soll fuer ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine +Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht +genoetigt sein duerfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars" +anzutreten. + +Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer +Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die +merkwuerdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen +Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch fuer +sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1staendig "diesseitige" +Menschen gibt, Individuen, fuer die man sich im Jenseits, falls man nicht +mit den alten Aegyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends +eine passende Unterkunft und Anknuepfung denken kann, so sind dies die +reinen Lebens- und Genussnaturen. Louise Muehlbach war eine solche. Sie war +die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende. +Imperterrita haette sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama +genannt, das sich vielleicht aus ihrem fruehern romantischen Leben selbst +haette formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine +Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang +ihrer Stimme unvergesslich bleiben. Keine Niederlage drueckte sie zu Boden. +Die freudigste Zuversicht, Siegesgewissheit, Trotz bei jedem Unternehmen +lag in ihren Zuegen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so +hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen +Schlacht doch noch seinen Rueckzug imposant zu maskieren versteht. + +Auf den "Berliner Buechertisch" koennte nur ihr letztes, von Fluechtigkeiten +wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehoeren, verlegt von +einer hiesigen Buchhandlung (Werner Grosse), die nur einen massenhaften +Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon +von ihren zerruetteten Finanzen herstammende Unsitte, dass sich die in den +Stoffen bedraengte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern +wollte, an lebende maechtige Persoenlichkeiten anschloss, schon den +Erzherzog Johann von Oesterreich als Romanstoff verarbeitete, waehrend der +ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloss in Steiermark sass, +an Napoleon schrieb (siehe die "Enthuellungen aus den Tuilerien"), weil +sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch a tout +prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein +wollte usw. Die Unsitte der "Aktualitaet" ist jetzt durch den ehemaligen +Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, dass wir Romane +zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck ueber einen +Kompromiss unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und +Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgueltig eine englische +Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres +Zeitalters sind die Befoerderer dieses ans Kindische streifenden +Missbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht +mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen fuellen will, +bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den +Urzustand von Wilden erinnernde masslose Schausucht, die gierig durch die +Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles +belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will, +Hinrichtungen, Schreckensvorfaelle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz +Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, waehrend sich doch Europa, +nach einigen Aufregungen, laengst, wenigstens in den Kreisen der Bildung, +beruhigt hat. Sollte man glauben, dass ein New-Yorker Blatt Louise +Muehlbach nicht bloss nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort +das diesjaehrige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten +"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Kraehnchen-Quelle zu +beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann +selbst in Marienbad eine Kur, erkaeltete sich, legte sich in Berlin ohne +die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im +bewusstlosen Zustande, ohne Schmerzgefuehl, aus dem Leben geschieden. Als +man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die +Grube senkte und manchem des wuerdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb +noch im Ohre klang, haette ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte waeren, dem +Thema: "Richtet nicht--!" erwidern moegen: Auch diese Prunk- und +Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach, +Priester!--, es lag ihr bloss die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst +zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn +die schulmaessige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder +diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden +imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmaehlich die +mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt +annahm, die sich allmaehlich des Gatten und zurueckgesetzten Professors +bemaechtigt hatte! Liebe, Liebe allein liess den Schein entstehen, als wenn +die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den +tausend Anmassungen und hochgetragenen Nasen der Anmassung ringsum +rivalisieren koennte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur +wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herruehrend anfuehrt, dass unsere +Fehler die Uebertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings +erschreckende Systeme de bascule angewandt, wie Louise Muehlbach +verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und +Genussgegenstaenden einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten, +gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere. +Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persoenlichen +Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz +geistig Schaffender der breitspurigen, vom Gluecke beguenstigten +Alltagswelt leisten moechte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz? +Nun, in Bezug auf "Friedrich der Grosse und die Seinen" und "Kaiser +Joseph" moechten wir in unsers Helmerding so koestlich vorgetragenes +Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehoert wahrhaftig doch Talent!" mit +einstimmen. + +In fast allen Berichten ueber die Gegenwartsliteratur findet man den Satz +aufgestellt: dass der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman +sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung ueber einen neu +erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmaessig diesem Axiom von +fragwuerdiger Tragweite. Haette der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad +und wahrscheinlicher taeglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu +sein pflegt, zufaellig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so wuerde +ihm niemand, der die Unzahl der ueberall erstehenden Theater erwaegt und +das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen +koennen. Aber genau erwogen ist jener Satz weder fuer den Roman noch fuer +die Buehne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und +Naivitaet geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur, +die aehnliches nur in den Ansaetzen einiger verschollener "Naturdichter" +besitzt, geschenkt werden koennte, warum sollte er nicht in den Vordergrund +treten und wieder auch fuer die Berechtigung der Lyrik zeugen koennen! Von +einem Hindurchgehenmuessen des aesthetischen Begriffs, wie Carriere sagen +wuerde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschliesslich durch den Roman, +scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon +erfuellt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es +wird auf jedem Toilettentisch liegen! + +Schon deshalb muss man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen ueber die +Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der +schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat, +die schreckenerregend ist. Junge Maedchen ohne jede Lebenserfahrung, nur +von den Reminiszenzen ihrer Lektuere erfuellt, haeufen Bogen auf Bogen und +finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen +"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen" +--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrueckten Testamenten, +Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen, +die sich, nachdem sie das Herz einer Graefin gewonnen haben, als +Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer +Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Kuechenrezepte +entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9 +Baende zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer +illustrierten Blaetter verwertet worden waren, schreiben mit umso groesserem +Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite +gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert fuer diese +Buchmacherei nicht. Wer soll sie ueben, wer soll sie lesen, durchblaettern, +als hoechstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den +"Blaettern fuer literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame haelt sie, +worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die +den obern Zeilen ebenbuertige redaktionelle Meinungsaeusserung, in der Regel +ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden +Tadel ausschliesst. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind +froh, wenn sie nur irgendwie die Buecherstoesse, die sich bei ihnen +namentlich gegen Weihnachten aufhaeufen, in solcher Art erledigen koennen. + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt, +von Karl Gutzkow. + + + + + +End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT *** + +This file should be named 7berl10.txt or 7berl10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7berl11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7berl10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. 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This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur +Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +BERLIN--Panorama einer Weltstadt + +von KARL GUTZKOW + + + + +Inhaltsverzeichnis + + +I. "Weltstadt"-Panorama + Café Stehely (1831) + Cholera in Berlin (1831) + Alte Bauten-neue Bauten (1832) + Dom, Schauspielhaus-"Sechserbrücke" (1840) + Blumenausstellung in Stralow (1840) + Notizen (1841) + Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + Der Geist der Öffentlichkeit (1844) + Mystères de Berlin? (1844) + Impressionen-z.B.: Borsig (1854) + Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + Neues Museum-Schloßkapelle-Bethanien (1854) + Zur Ästhetik des Häßlichen (1873) + +II. Für und wider Preußens Politik + Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832) + Drei preußische Könige (1840) + Das Barrikadenlied (1848) + Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + Preußen und die deutsche Krone (1848) + Abwehr einer Verleumdung (1850) + Varnhagens Tagebücher (1861) + Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862) + +III. Drei Berliner Theatergrössen + Ernst Raupach (1840) + Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843) + Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + +IV. Aus dem literarischen Berlin + Der Sonntagsverein (1833) + Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835) + Diese Kritik gehört Bettinen (1843) + Ein preußischer Roman (1849) + Eine nächtliche Unterkunft (1870) + Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis) (1872) + Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + + + +I. "Weltstadt"--Panorama + + + + +Café Stehely (1831) + + +Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur +bekommen kann--ganz gewiß, oder man müßte sich täuschen in dieser stummen +Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier +und neidischem Blick zusammenträgt, ihn mit der Linken sichert und mit +der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen +Gesichtszüge hält. Die Eisenstange und das Schloß des Journals scheint +mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer würde hier seinen +Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches +Heer könnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch würde die +Geschichte vortragen, man würde auf den Druck warten und auch dann noch +ein Exemplar durch aller Hände wandern lassen--fast in der Weise, wie in +Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit +dem tröstenden Zuruf, man würd' es ja morgen gedruckt lesen. + +Stehelys Besucher bilden natürlich zwei Klassen, die Jungen und die +Alten, mit der näheren Bezeichnung, daß die Jungen ans Alter, die Alten +an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst +sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt; +diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen +Stellungen des preußischen Staats, den Füßen der Elsler, den Koloraturen +der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor +dem Gespräch dieser alten Gecken möchte man sich die Ohren zuhalten, oder +in die einsamere Klause des letzten Zimmers flüchten. Schon wenn sie +angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen +Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste +Ohr erspähen könnte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung", +forschen nach den privatoffiziellen Erklärungen eines H., v. R., v. Wsn. +Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen +Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner öffentlichen Meinung, als +wenn es eine solche gäbe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den +logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung" +gestärkt haben, fallen sie übers Theater her und man muß sie verlassen. +Ihnen am nächsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und +Referendare, die sich dadurch unterscheiden, daß die einen viel sprechen +und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben +den Übergang zu den schon vorhin bezeichneten Jüngeren, auf die wir unten +des breiteren zurückkommen müssen. + +Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein +Bild der Berlinerei vorzuführen. Man verlasse das Lokal und bei jeder +Aussicht wird man für sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere +Züge finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die außerdem, daß sie +eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen +Fallschirm zur Sicherheit trägt, erhebt sich die stolze Vorderseite +dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das +geschmackloseste Anhängsel einer kappenförmigen Kuppel, die doch das +Wahre an dem ganzen Lärm ist in ihrer sonntäglichen Bestimmung. Wiederum +vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus +dem 16ten und 17ten Säkulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten +der Aufklärung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich +wieder in diesen leeren Wänden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fuß in +die Höhe glätten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so +hält es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der +Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein +übertünchter ist ... + + + + +Cholera in Berlin (1831) + + +... Im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt uns am meisten die seit dem +ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter +Journalière erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen +anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die näheren Umstände des +ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluß fast +balladenartig. An die Möglichkeit, daß die Cholera nach Charlottenburg +(eine halbe Meile von Berlin) käme, hatte man nicht gedacht, der Hof +hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl +Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl plötzlich von +dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer. +Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmänner, die zur +Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in +dem stolzen Bewußtsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein +wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die +Wärter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr +man, daß bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und +die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun +dieser mit der Spree in Berührung gekommen ist, will man weder Fische +noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurückgekehrt, und +soviel man weiß, wird sich der König auf die Pfaueninsel bei Potsdam +begeben. + +Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers, +gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21 +gestorben sein. Man klagt über die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der +hiesigen Ärzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Männer aus den infizierten +Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt +noch nichts bekannt geworden. Die öffentliche Stimmung ist bis jetzt noch +so ziemlich gemäßigt, doch sind Vergnügungsörter gegenwärtig weniger +besucht, und das Raffen nach Präservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist +allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken +gänzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht +berechnen. + + + + +Alte Bauten--neue Bauten (1832) + + +... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militärischen +Rüstungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats +reicher gefüllt als gegenwärtig. Berlin war in zunehmender Verschönerung +begriffen; die Aufführung vieler öffentlicher Gebäude ließ ebensosehr den +Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die +Vorsicht loben, die einem großen Teile unserer Proletairs eine reichliche +Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute +über, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes +Stadtquartier vergrößerte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane +gegenwärtig still. Die beiden öffentlichen Bauten, an die in diesem +Augenblick allein gedacht wird, sind die völlige Umgestaltung des +sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers für die +ankommenden Kaufmannsgüter, und ein künftiger Neubau der Bauakademie. Wer +in Berlin gewesen ist, weiß, daß er, um vom Schloßplatze nach der +Jägerstraße zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch +engste Passage, die Werderschen Mühlen, die Schleusenbrücken, die +Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden muß. Später wird diese +unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Brücke wird +rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem +Packhofgebäude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei +einem solchen Projekt die Besitzer jenes Häuserwinkels von der +Niederlagstraße bis zur Brücke, verlieren aber muß die kleine, winzige +Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer großartigern und +freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird. + +Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann +auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwärtige Zustand dieses +Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst +so blühende Anstalt ist gegenwärtig durch die Eröffnung neuer +Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung +des Hrn. Beuth, unsers künftigen Handels- und Gewerbeministers, immer +mehr hebt, in die tiefste Zerrüttung gesunken, so daß die Zahl der an ihr +angestellten Lehrer der der Schüler gleichkommen mag. Darum bleibt +vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgeführt.... + + + + +Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrücke" (1840) + + +Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses +gewährt, auf eine Überfülle von großen Gebäuden, die die Gegend von dem +Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwürdigsten Plätze Europas +machen. Störten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des +großen Turms! Neben einer großen Kuppel, die schon an sich unwesentlich +ist, da sie für das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur +als bloße architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine +Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei +wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort +gehören diese kleinen Türme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen +Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen +angebracht, daß sie schon dadurch etwas für die dortige heilige +Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel +Russisches in der Politik und den Militäruniformen nachahmte, wollte man +auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und +Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den +größern Turm der Kirche zwecklos und unschön hinzustellen. Überhaupt +würden die Gebäude der Residenz mehr künstlerischen Wert haben, wenn +Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten +Künstlerstolz besäße, der ihn verhindert hätte, Änderungen seiner +ursprünglichen Baupläne hinzunehmen. Eine höhere Hand, deren Munifizenz +allerdings ruhmvoll anerkannt werden muß, strich ihm bei vielen seiner +vorgelegten Baupläne meist immer das Charakteristische und Kecke weg. +Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschießende +Türme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in +Kunstsachen unbequemen Sinn für das Bequeme, Bescheidene, Zurückhaltende +weggewünscht. Es ist nicht rühmlich für Schinkel, daß er bei seinen +zahlreichen Baugrundrissen dem Künstlerstolz so viel vergeben hat. + +Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erläuterungen zu seinen +Bauten auch alle die Umstände angeführt, die ihn bewogen, dem +Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem +öffentlichen Gebäude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang +benutzt wird, wenn man auf einer großen Freitreppe Gras wachsen sieht, +so regt sich unwillkürlich das Gefühl, das Unbenutzte auch für eine +Überladung zu halten. Doch mögen die Kenner über den äußern +architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere +dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht +Schinkels, hat ganz jenen gedrückten Miniatur- und Privatcharakter, den +ein Haus, das früher Nationaltheater hieß, nicht haben sollte. Es wäre +vielleicht nicht nötig gewesen, dies Theater größer, als für 1200 +Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung +in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das +Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rängen. Man weiß an +einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine +Übersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium möglich, so +daß man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen +muß. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrückt +ist, zweierlei verloren. Einmal eine größere gesellschaftliche +Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der +eine dem Auge des andern entzogen ist, so fällt der Charakter einer +geselligen Zusammenkunft, der so oft für eine schlechte Vorstellung +Ersatz geben könnte, in diesem Theater gänzlich weg. Man kann Bruder und +Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme +dieser winkeligen Bauart ist, daß sich das Publikum nicht als solches +bildet. Publikum heißt eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und +das Bewußtsein einer Korporation dem Spiel gegenüber zu behaupten weiß. +Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht, +wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rücken des andern +angewiesen ist, da kann auch keine Totalität des Urteils stattfinden; +jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die +richtige Würdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt, +daß Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, daß die +Lokalität dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und +auszubilden.... + +Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe führt eine +Brücke auf den Schloßplatz. Diese Passage ist nur für ein kleines +Brückengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese +Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Bürgerliche +zahlt am Ende der Brücke eine Kleinigkeit. Das Militär ist frei. Warum? +Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen +und von der Bedeutung dieses Brückengeldes schwerlich eine Vorstellung +haben. Es würde ein ewiges Zurückweisen sein, Händel geben und deshalb +läßt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man +nicht annehmen, daß diese eine so kleine Vergünstigung verschmähen und +mit echtem point d'honneur da nicht frei vorübergehen werden, wo eben +eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein +General geht mit einem Bürgerlichen hinüber: Der Bürgerliche bezahlt, der +General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so +achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefühls wahrender Stand, das +preußische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewöhnen kann, von einer +winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, daß +er in der Tat von jener Vergünstigung Gebrauch macht. Wär' ich Offizier, +ich würde es für beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer +Steuer dieser Art, die den Ärmsten trifft, mich zu befreien. + +Ich schließe daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas +Ursprüngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht, +daß eine in diesem Punkte sehr zartfühlende Menschenklasse dennoch in +einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewöhnung abhängen kann und +wie leicht wir über etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten würde, +hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird? + + + + +Blumenausstellung in Stralow (1840) + + +Was rennt das Volk? Was strömt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in +die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem +Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mußt' ich mit meinem Wagen Queue +machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte. +Schon aus weiter Entfernung, mehre Straßen vorher, riecht man die von +Hyazinthen parfümierte Luft. Tausende von Menschen drängen sich in +großen, feldähnlichen Gärten und bewundern ungeheure Anlagen von +Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den +buntesten Schattierungen ablösen, ja sogar große, riesige Figuren zu +bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen +Zusammenstellungen. In Harlem können nicht größere Blumenmassen +beisammenstehen. Indessen gerade dies Holländische ist abstoßend. Man +wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen +versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mißbraucht, +hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbständige, +das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren. + +Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne +Schatten schreckt sie bei der glühendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes +Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse +zieht man ein Los, zahlt dafür 5 Silbergroschen und gewinnt gewöhnlich +nur einen Strauß, den man auf dem Gensdarmenmarkt für 4 Pfennige kauft. +Was ließe sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht für eine +hübsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige" +Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Späße +für die Königsstädter Bühne? Herr Glaßbrenner schreibt kleine Broschüren, +worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und +gemeinsten Berliner Jargon über das Hundertste und Tausendste unterhalten +läßt; nein; auf der Bühne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze +bewährt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so +willkommnes Menschengerüst, auf welches man die drolligsten Erfindungen +hängen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grünen +Gärtnerschürze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend. +Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger +einer neuerfundenen Pflanze, die erst kürzlich auf der Pfaueninsel +entdeckt und aus Amerika hier eingeführt wurde." Die Dame sagt: "Mein +Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf +müßte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln. +Zum Schluß könnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum +schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus? + + + + +Notizen (1841) + + +Ein Pietist Unter den Linden + +Nach einigen sehr staubigen, schwülen Tagen hatte es endlich geregnet. +Der schönste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die +Linden. Am Palais des verstorbenen Königs tritt mich ein Mann mit einem +Orden im Knopfloche an: "Schönes Wetter." "Schönes Wetter." "Das macht +Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz hätte das nicht machen können." +"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs mächtig und groß ist sein Name, +ja groß in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit kräftiger +Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung über die angeborne +Sündhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem +mir gänzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger +Ungeduld: "Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten +Sie mich für einen Schwärmer?" "Ich höre den Lärm, sehe aber kein Licht." +Diese Antwort von dem schlichten Spaziergänger war dem Bekehrer +unerwartet. Er sah mich groß an und ging. Zu Hause fand ich in der +Rocktasche einen Bußtraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.) + + +Die Kandidaten der vakanten Ämter + +Einen rührend-komischen Anblick gewährt an jedem Morgen in den ersten +Frühstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstraße +bis zur Leipziger Straße hin. Das ist nämlich die Zeit, wo die Kandidaten +aller vakanten und nicht vakanten Ämter, die Kandidaten aus allen +möglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfächern den +mächtigen Ministern und Räten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet, +mit weißer Binde um den Hals, schießen sie an dir vorüber, plötzlich +stehen sie still, überlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes +Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, nähern sich der +verhängnisvollen Tür, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um +sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschluß. +Andere wollen eben von der Rechten an die Tür eines Hotels treten, da +begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle +vakant! Jeder bildet sich ein, so früh zu kommen, daß er den mächtigen +Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Täuschung--schon +ist das ganze Vorzimmer gefüllt und die eine Lebensfrage, auf deren +Lösung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade +ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den +Lebensfragen von dreißig anderen Menschen, in den Hoffnungen von +ebensoviel anderweitigen Bräuten! Geöffnet ist hier die geheime Werkstatt +unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gänge, die der +Fuchs oft schneller durchgräbt, als der still arbeitende Bergmann--ein +Anblick, zugleich komisch und zum Weinen! + + +Sommertheater in Steglitz + +Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen +der Journale und den mäßigsten Erwartungen zurück! Ref. hoffte, ein +niedliches, von Holz und Backsteinen aufgeführtes, der Würde Berlins +entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser +als eine Scheune, mit langen hölzernen Bänken und einem Rang, der nichts +als eine Galeriebrüstung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist +unerträglich und verläßt man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich, +in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft +und Fläche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder. +Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so +hätte man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein +Sommertheater ist nur unter freiem Himmel genießbar oder es sei denn, daß +ein steinerner Bau die ersehnte Kühlung spendet. Daß eine so armselige +Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die +Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie +werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert. + + +Berliner Volkscharakter + +Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele +einer seinem äußern Umfange auch innerlich entsprechenden +Großstädtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle, +gesellige, werden in größerem Stile als früher ausgeführt. Manches, was +noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschäftigen konnte, wird jetzt +verachtet, z.B. die Trivialität der sogenannten Berliner Volksliteratur, +die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und +der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Königstädtschen +Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der lügenhaften Verballhornisierung +des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es ißt und +trinkt" gezeichnet findet, tritt allmählich wieder das ursprüngliche +Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmütigkeit, Freude am +neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen +Auszeichnung, sinniger Genuß der sparsamen, aber oft anmutigen +Schönheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewiß noch +einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat. + + + + +Berlins sittliche Verwahrlosung (1843) + + +Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin +verübten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten +Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen +sich einer so originellen Organisation, daß die Polizei manchen Bewohnern +anzeigen kann, sie würden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage +wachen die Gewarnten: Am fünfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen. +Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzählt, daß nachts in den +besuchtesten Straßen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen +werden. Wenn man diese sich täglich wiederholenden kriminalgerichtlichen +Anzeigen liest, muß man glauben, Berlin würde zum großen Teil von einer +ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt. + +Ehe man aus diesem Gefühl gänzlicher Unsicherheit, das gegenwärtig in +Berlin allgemein herrschen soll, einen Schluß auf die sittlichen Zustände +der norddeutschen Hauptstadt macht, muß man so gerecht sein, einige +Umstände mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu +Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort +bestohlen, glaub' ich über diesen Gegenstand, der nachgerade die +Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschäftigen muß, eine +Stimme zu haben. + +Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die +Einrichtung der Häuser. Die Zahl der Nachtwächter ist viel zu klein. +Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militärs oder sonstige +Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast +nur pro forma versehen. Die Nachtwächter in Berlin sind oft hinfällige +Greise. Mit einem spärlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln +ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Erträgnissen eines +Privilegiums, das man in fremden Städten kaum für möglich halten möchte. +Der Berliner Nachtwächter hat ein Bund von hundert Hausschlüsseln am Leib +hängen und schließt jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste +beste Haus einzutreten wünscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man +sieht, daß es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als +in Berlin. + +Das Revier des Nachtwächters ist zu geräumig. Er hat mehr Straßen unter +sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschäftigt, +kümmert ihn das Straßenleben sehr wenig. Er horcht nur, daß man ihn ruft, +um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Bäcker, +die Brot zu backen haben. Die Rundgänge durch die Straßen werden ohne +Aufmerksamkeit abgemacht. Der schützende "Kellerhals", hinter dem er +ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so +kündigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich während +seines Vorübergehens zu zerstreuen. + +Berlin muß die Zahl der Wächter verdreifachen und sie unter eine +militärische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Wächter sind +eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des +Eigentums. + +Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, daß die Berliner Häuser sich des +Nachts jedem beliebigen Besucher öffnen, so ist der Hausfriede am Tage +nicht gesicherter. In Paris hört man viel von Betrügereien in den +Kaufläden, von Betrügereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in +seinem Lexikon aufführt, aber wenig von Diebstahl oder gar nächtlichem +Einbruch. Berlin ist eine große Stadt geworden und war ursprünglich nur +auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Straßen sind weitläufig, die Reviere +entlegen, die Häuser sind meist zweistöckig und nur von einigen Familien +bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht, +da dafür die Häuser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein- +und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugänglich. +Den ganzen Tag reißt das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist +froh, sich auf seine Zimmer abschließen zu dürfen und kümmert sich nicht +um den Nachbar, bei dem man, während nebenan Gesellschaft ist, alles +ausräumen kann. Während mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer +ausgeräumt wurde, saß meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den +"Beobachter an der Spree" und strickte Strümpfe. + +Läßt sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine +Veränderung treffen, so wird doch darum die erhöhte Wachsamkeit der +Behörden um so dringender. Ohne eine neue Wächter- und Patrouillen- +Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen. + +Dieser Gegenstand läßt aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin +den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher +diese sittliche Verwahrlosung, von der wir tägliche Belege erfahren? +Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun +Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Straßen ging, Harun Al +Raschid würde darüber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese +Beobachtung an Bagdad gemacht hätte. + +Es ist wohl möglich, daß nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme +Wächter- und Häuserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und +doch steht es fest, daß Berlins Unsicherheit größtenteils aus seinem +eignen Schoße entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies +aus. Es ist ein betrübendes Geständnis, das man sich nicht ersparen darf: +In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralität frißt wie ein +Krebs um sich. Die Familien sind zerrüttet, zu der Armut und +Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner +eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Gelüst zum Entschluß, den +einmaligen Entschluß zum immerwährenden Handwerk; die Zuchthäuser liefern +die Verbrecher nicht gebessert zurück, sondern in kurzem sieht sich die +richterliche Gewalt genötigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und +ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fünf Jahre +umsonst gesessen. + +Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des +Volkes. Die Früchte derselben reifen erst in spätern Jahren. Man wird für +Berlins gegenwärtige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern +suchen dürfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler muß zu den Mitteln +führen, sie künftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu +befördern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung +sagen. + +Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel würdiger +öffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen +Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergnügungssucht. Auch Wien ist +ohne öffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte +Vergnügungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches +Sachverhältnis, dessen schädlichen Einfluß auf die Sittlichkeit ich +beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der +Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein +Vergnügen ist durch Überlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik, +Tanz, Theater, heitere Ausflüge in die schönen Umgebungen. In Berlin +isoliert sich alles. Keine öffentliche Vergnügung befriedigt und so +entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen +Gesellschaften, diese Kränzchen, dies Jagen nach "Privatvergnügen", dies +Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Kräfte der +Familien überbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenbälle +verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden stürzen, die +Leihhäuser füllen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reißt die +Männer in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr +ihres Gewissens mächtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und +Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von +Kellerstuben zu einem glänzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts +Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in +Szene setzen. + +Muß man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so muß man +vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen +hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet, +nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der +öffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schöpfungen +beschäftigen müsse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den +Acker, den man beernten will, auch zu besäen. Hier ist ein neues Ziel, +das eine solche Institution sich stecken müßte. Zerstört diesen +Isolierungstrieb! Bindet die Menschen für ihre Vergnügungen aneinander! +Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges, +etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was +könnte Berlin Ersatz geben für den Mangel einer heiteren und +zerstreuenden Natur? Was könnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor +hinauswandelnden Sonntagsspaziergängern vereinigen? Was kann das Innere +der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man +heimkehrt und nicht in seine vier Pfähle rückkehren will? Denkt doch +darüber nach, ihr philosophischen Staatsmänner, die ihr jetzt in Berlin +das Ruder in Händen habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich +angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst +dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Anstoß zu +beteiligen. Ehrt die Neigung zur Öffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das +noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehässig war, +öffentliche Aufzüge; laßt die Menschen sich menschlich austoben, dann +werden sie nicht in die Kellerlöcher kriechen und es tierisch tun. Eines +der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere +an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen +mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelüste der +niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die +Moralität, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen König ganz jenen +Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens für +Berlin ist, das Königsstädter Theater hat zwischen Nestroys Possen und +der glänzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt +und die Preise der Plätze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das +Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist +in Berlin eine künstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden +Verbindung steht. Entweder muß man in Berlin die Hofbühne entschieden zur +Volksbühne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines für die +Gegend nach dem Köpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des +neuen Hamburger Tores. Nur vorläufig zwei solcher Theater, gut +beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stücke völlig freigegeben, +mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natürlich mit +Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, könnten den +auffallendsten Einfluß auf die Sittenverbesserung Berlins haben. + +Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion. +Für die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in +Berlin hinlänglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen +Regierung ihr Schulwesen nachgerühmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache, +daß Kenntnisse an und für sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie +befördern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu +den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein +sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben +sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr bürgerlicher, +als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu groß und dem +Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende +Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so großen Stadt und +der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmöglich. Tun nun die +Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, daß sie veredelnd +und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann? + +Das ist denn wiederum ein wichtiger und außerordentlich schlagender +Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben. +Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben +könnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise +gepredigt, die höchst beseligend, höchst beglückend auf einen Einzelnen +wirken kann. Es gibt wahre Frömmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen, +in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in +denen ein warmes, für den Himmel läuterndes Christentum sicher mit dem +trostreichsten Erfolge für das Glück vieler Familien gepredigt wird. Aber +was kann auf unsere Zeit der Pietismus im großen und ganzen wirken? Ein +Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Räudigen anzulocken? +Haben wir gesehen, daß in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist +auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie +Couard, Strauß, Arndt haben einen großen Zulauf, aber nur von gläubigen +Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von +solchen, die erst für seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht +nicht in diese Kirchen. Sie würde gehen, wenn dieser theologische +Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort +einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid +flicken, nicht jungen Wein in alte Schläuche füllen, sondern ein ganz +neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse +wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religiösen +Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwählten findet und so ist +in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen +Volkslebens, aus Überreligion ohne durchgreifende Wirkung. + +Um dem Christentume Allgemeinheit und Einfluß auf die Sittlichkeit einer +Nation zu geben, muß es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch +die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es muß +mit schlichter Einfachheit und überzeugender Wärme auf die moralischen +Grundwahrheiten zurückgeführt werden. Ein protestantischer Staat kann für +seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur +dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefühlvoll und beredsam +vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion +gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mögen Körner, Tiedge und +ähnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik +sehr schön und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an +Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge +verloren, während sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mögen die Denker +und Gefühlsmenschen im Christentum die tieferen Bezüge ansprechen und +beschäftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das +Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit +vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefühligen Grundwahrheiten. +Wer mir Prediger sein wollte, dürfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie, +mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der üblichen pietistischen +Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Hätte man in Berlin geistvolle und +beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Böckel in +Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in +Gotha, hätte man statt einer Clique junger Kopfhänger eine Schule +wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner +gestiftet, die Kirchen würden überfüllter und die Gefängnisse +leerer sein. + +Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel +ist gewiß, er will seine Länder im großen Stil regieren. Hier wäre denn +Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schöpfungen. + +[Nachtrag:] + +In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend +gefunden, daß von einem zweiten und dritten Grunde dieses Übels die Rede +ist, ohne daß des ersten erwähnt wird. Der erste Grund war aus der +Politik und der mangelnden Öffentlichkeit unter dem vorigen Könige +hergeleitet, doch mußte die nähere Ausführung aus unmittelbar vor dem +Druck des Blattes geltend gemachten Rücksichten wegbleiben, deren Natur +jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung +des Artikels herzustellen. + + + + +Geist der Öffentlichkeit (1844) + + +Berlin ist eine Weltstadt geworden. Früher war Berlin nur eine große +Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber +in dieser äußern Vergrößerung liegt der auffallende Fortschritt nicht +allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht +allein von Straßen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter +Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in +der Zunahme eines Selbstbewußtseins, das sich mit einem großen sittlichen +Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist +überraschend, wie sich die schlummernden Kräfte allmählich entwickelt +haben. Von unten fängt das an und hört oben, in idea1ster Höhe, auf. Der +Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang +mit andern großen Städte-Entwickelungen gebracht, der ihm früher fehlte. +Früher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf +Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und +Schlesien. Der frühere kleinstädtische Geist ist gewichen, große Gasthöfe +sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht +auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder muß +wenigstens seine Freude daran haben. + +Was man in auswärtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin +besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache, +durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich +Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenüber. Es hat sich hier +wirklich ein Geist der Öffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar +edle und würdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich +meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drängen aber +so mächtig ist, daß es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen +dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin muß +es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die +vorläufige Volkstribüne, die Wissenschaft die vorläufige Politik. Wie das +wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung +lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts +vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullität, heißt +wenigstens Nullität, und jeder fürchtet sie. Man hat angefangen, die +Bedeutung eines öffentlichen Charakters zu fühlen. Die ruhmvol1sten Namen +aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus +der jungen. Unpopulär zu sein, wagt niemand. Jeder muß einen Kreis von +Gleichgesinnten um sich haben, er muß sich nach Anlehnungen umsehen. Kann +er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und +wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat +Salons im französischen Wortsinne. Ich muß sogar so weit gehen, zu +behaupten, daß es mit Geldkosten verknüpft ist, in Berlin eine eigene +Meinung zu haben. Man muß seinen offenen Mittwoch, seinen offenen +Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, öffentlicher +Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms, +mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man muß wünschen, daß sich diesen +Gasströmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es +eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten möchte, ein +Abzug ins öffentliche, große Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch +irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen +Bahn besonders des Ausbaues der ständischen Institutionen. Dies oder +irgend etwas anderes muß erfunden werden, um diesem Wettkampf von +Meinungen und Leidenschaften eine schöne höhere Wahrheit zu geben und +solchen Zerrüttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der +traurigen Grimmschen Erklärung, durch welche sich zwei berühmte Namen um +alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind. + +Einige der auf der Reise empfangenen Eindrücke mögen in bunter Reihe hier +wiedergegeben werden. + +Am 29. März beschloß Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum +gehaltenen Vorlesungen über die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war +fünf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte +sich so ziemlich der größte Teil des ästhetisch- produktiven Berlins, +Dichter, Gelehrte, Musiker, Gläubige und Prüfende, Hingegebene und +Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein +mußte, dessen öffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich +erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien +der Redner. Ich fühlte mich an die Vorträge von Edgar Quinet im Collège +de France erinnert. Nur schade, daß sich Mundt zu sehr auf sein Heft +verließ und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift, +nicht mit freier Rede um so überzeugender darstellte. Die Wärme der +Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet +selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten +Gefühle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß +ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen +Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher +spricht, als ein geschriebenes Heft. + +Der Inhalt der Rede erweckte die wärmste Teilnahme. Bot ihr Anfang +demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschäftigt +hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf +zu einem höheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der +sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und +den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand +des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch +hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rührende Humanität, +welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit +sozialistischen Fragen beschäftigten, hatte, man sah es, in des Redners +Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern +der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse +doktrinäre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, daß in einigen +weihevollen Momenten ein schöner Abglanz von Gemüt und Wehmut auf seinen +Gesichtszügen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, daß jetzt bei den +Fortschritten der Volksbildung der Vater beschämt von seinem aus der +Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen könne, ebenso +geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgeführt. + +Über manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und +würdigte ihn nicht genug, trotzdem, daß er mit Achtung von ihm sprach. Er +kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurück. Poesie ist in +der Sozialfrage ein gefährliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man +dahin kommen, daß am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der +Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt +verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glückseligkeit +unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners +Äußerungen ließen mich fast besorgen, er hätte das Thema der materiellen +Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet +spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend, +sehr zeitgemäß, ja sehr freimütig und gegebenen Umständen gegenüber kühn +fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehörten und die +Ansicht vorauszusetzen schienen, man könne Hungernde mit Sonnenlicht +sättigen und Dürstende mit den Farben der Blumen tränken. Der Redner +kannte die praktischen Schäden, wollte sie heilen und wich wiederum dem +praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf, +der ohnehin auf einem Mißverständnis beruhen kann, hat sich Mundt ein +großes Verdienst erworben, daß er in jener unmittelbaren Form, in der +Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in +den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise +Philosophie beschämen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur +Leichentücher für das Leben spinnt ... + + + + +Mystères de Berlin? (1844) + + +Das ist gewiß charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen +Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frühgottesdienstes für +Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung +nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunächst machte, ein Jude (der +Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die +spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen, +bestreben sich hier, dem Überchristentum in die Hände zu arbeiten. Ein +Frühgottesdienst für Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was +darunter zu verstehen ist. Man hat nämlich gefunden, daß die +Droschkenführer von früh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen +müssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht +gänzlich verloren zu geben, läßt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre +Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens +bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man +glaubt, wenn man so etwas erfährt, in England oder Pennsylvanien zu sein. +Diesem Frühgottesdienst für Droschkenführer müssen, wenn man konsequent +sein will, noch diese Einrichtungen folgen: + +Ein Frühgottesdienst für Briefträger. + +Ein Nachmittagsgottesdienst für Milchkarrenschieber; denn auch diese +Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube, +daß es wünschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu +gewöhnen; aber hätte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes +überchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen +andern Ausweg finden können? Wie nun, wenn man bei den Droschkenställen +keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenführer es möglich +gemacht hätte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen +halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche +besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr +habt ein so großes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt +für seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine +Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus +seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude, +zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt daß also die hiesigen +Überchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann +alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien +Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbürger +anwenden kann, wie er will, schlüpfen sie über den Mißbrauch des +privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, daß +kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig +dafür, daß ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium +gepredigt wird! O über den frommen Kommerzienrat! + +Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben +wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des +Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand +in den Gedanken vertieft, daß die Eisenbahnen an Sonntagen befahren +werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivführer deshalb nicht die +Kirche besuchen können, würde man einem solchen Gemüt nicht zurufen +müssen: Behüte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religiöse Fanatismus, +der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprüche auf unsere +vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanität so +nahe, daß man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung, +Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die +Wartung der Kranken lästig und beängstigend wird, dann muß man selbst +gegen so an sich ehrenwerte Äußerungen des überchristlichen Sinnes kalt +werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie +als rechten Glaubens erkennt; lästig und beängstigend ist die +Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Körpers von der +Verworfenheit unserer Seele redet. + +Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildtätigen +Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige +sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung +gefallener Mädchen. Was man von letzterem hört, läßt auf eine gesunde und +tatkräftige Ausführung dieser an sich löblichen Absicht nicht schließen. +Schon daß diese unglücklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich +gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende +Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen +einer sichern Besserung entgegen zu führen, so kann es nur der sein, sie +auf eine möglichst geräuschlose, stillschweigend liebevolle Weise der +Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken, +daß der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die +Tür hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartäuserartige +Resignation zeigen muß, aber wie wenig Gemüter werden einer solchen +Abtötung des letzten Restes von Stolz fähig sein! Gerade das, was Ihr +zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur +das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blüte des sittlichen Menschen +erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Daß eine solche +Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurückbleibt und, statt gebesserter, +dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es +der Fall ist, beim geringsten verführenden Anlaß wieder in ihre alten +Lasterwege zurückfallen. + +Nach allem, was sich hier beobachten läßt, sieht man, daß man die Übel, +an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo +erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fühlt, weil sie sich zu +unabweislich von selbst aufdrängen. Aber in den Mitteln, den +gesellschaftlichen Schäden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den +Schäden unmittelbar begegnen, statt daß sie nur da wahrhaft zu heilen +sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel +muß man entdecken und den Wurm töten, der an der Wurzel nagt. Das +Begießen des welken Blattes an dem verkrüppelten Stamme fristet ihm eine +Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fällt es ersterbend ab, +weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der +Gesundheit ihm stärkend nicht zuströmt. + +Theodor Mundt sprach in seiner kürzlich erwähnten Vorlesung von dem +durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glückseligkeit und Vergnügen". +Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen +feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prämisse seiner frühern +Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich +diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenüber. Er ist wahr, er ist +bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch +durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfähigkeit der Armen. Am +unersättlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand. +Glückseligkeit und Vergnügen ist mehr denn je die Devise des Berliners +geworden. Die öffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller +Art haben sich reißend vermehrt. Die Straßenecken sind täglich mit mehr +als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei +ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung +erfordern, unverhältnismäßig. Wer früher nicht wußte, welches Gewerbe er +treiben sollte, eröffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu +Anlagen von Kaffeehäusern, Vergnügungsgärten, Konditoreien gesellt, die +mit derselben Schnelligkeit aufschießen, wie hier Mode-, Schnittwaren-, +Kleiderhandlungen und Gewerbeläden von solchen eröffnet werden, die diese +Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und +mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergnügungen dann jene Zustände +der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer +im Anhange ihres Königsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist +schneidend. + +Auswärts fühlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswärts hat +man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten +Bedürfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung +plötzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen können. Ich gestehe, +als ich diesen von allen Zeitungen für einen Feenpalast ausgegebenen Ort +besuchte, konnte ich den störenden Gedanken, daß diese Schöpfung sehr mal +à propos gekommen, nicht unterdrücken. Zum Glück bleibt auch dieser +"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurück. Schon in der Ferne, wenn man +durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine große +Ziegelhütte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und +hervorspringenden Hausecken und fühlt sich durch den ersten Eindruck eher +abgestoßen als angezogen. Dabei ärgert man sich über die Idee, ein +solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse +Berlins, die Sandwüste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der +Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des +Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den +Vordergrund; denn recht in den Mutterschoß dieses Staubes ist das neue +Gebäude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lückenhaft, +hölzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt. +Mit einem Blick übersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergnügens. +Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Möglichkeit des +Alleinseins. Die nackten weißen Holzwände, mit Goldleisten zwar verziert +und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhänge, das ganze +Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an +den Maskenbällen in der großen Oper zu Paris ist nicht der große +Tanzraum, sondern das bunte Gewühl auf den Treppen, Korridoren, in den +Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht +getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches +Etablissement nicht; aber man muß hinzufügen: Wenn man in Paris so +oberflächlich wäre, zum bloßen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine +solche Unterhaltungsanstalt zu begründen, so würde sie großartiger, +geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergeschoß dieses Tempels +der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalität +zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London +gefunden werden kann. Man glaubt, daß die "Mystères de Paris" hier ihren +Anfang hätten nehmen können. Man glaubt den tapis franc zu betreten und +sieht sich unwillkürlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystères de +Berlin" könnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine große +Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ... +Schade, daß sich originelle Köpfe nicht leicht entschließen werden, in +die Fußstapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wünschenswert, +daß sich jemand der deutschen Zustände so bemächtigen könnte, wie Eugène +Sue der französischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und +Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte? +Mysterien von Berlin müßten grelle Schlaglichter auf Deutschlands +sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustände fallen lassen, +müßten die Fackel der Aufklärung nicht nur in die Kellergewölbe der Armut +und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trübe Dämmersphäre der +Schein- und Überbildung, der Lüge und Heuchelei.... + + + + +Impressionen--z.B.: Borsig (1854) + + +Berlin wächst an Straßen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des +Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit +einer Droschke von der Wilhelmstraße zu den Linden fahrend, glauben, in +Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die große Friedrichstraße +gleicht dann schon einer verlängerten Gräberstraße. Auf fünf von der +Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fuß, einer auf dem +Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der +Stille einer großen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem +so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause stürmte vielleicht +eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang +wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind. + +Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels +telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen +und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmäßig vorrichten zu +lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mühe +haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszusöhnen: +Ländlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewiß hinter den +Fortschritten der Zeit nicht zurück, aber die Ärmlichkeit der +Zimmerausstattungen, das Gepräge der auf allen möglichen Auktionen +zusammengekauften Möblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser, +durch übermäßige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des +unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fußböden, stellt immer wieder die +Ärmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge, +ihren zentnerschweren Federpfühlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist +in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem +Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und läßt sich's +an ihnen genügen, wenn nur dafür die Ausbeute an geistiger Anregung desto +belohnender zu werden verspricht. + +Regen und Schnee, Sturm und Kälte lassen die großen Schmutzflächen der +Berliner Plätze und Straßen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar +sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straßenkehrer eine +ganz eigentümliche breiige Masse zusammen, ein fünftes Element, das +bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen +Plastik aus Straßenkot möglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der +flüssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel +stündlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta +für Eichlers plastisches Kabinett bilden ließe? An Ordnung in der +Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden +polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straßenecke der +belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der +preußischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im +Helme des Kriegers für den öffentlichen Frieden sorgt. Man hätte aber die +Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der +Ehre, ihn tragen zu dürfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher +glücklicherweise wieder ausgeschlossen. + +Eine in die Augen springende Verschönerung der Stadt, die sie seit +einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen +Standbilder auf den großen Granitwürfeln der Schloßbrücke. Wohl über +zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer +künftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu +erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Löwen, berühmte +Divisionsgenerale und bewährte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist +"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob +die vielen Klagen über allzu große Natürlichkeit dieser Gruppen einen +Grund haben, läßt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer +beurteilen. Das Schneegestöber verdeckt alle Aussicht, der durch die +einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fußboden ist zu naß, um irgendwo +bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu können, der sich über +diesen weißen Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es +scheint gewöhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkämpfer +bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke +Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen +einiges Mitleid haben, man darf annehmen, daß sie frieren; denn zu +ersichtlich sind sie nach Modellen der schönsten Grenadiere vom ersten +Garderegiment gemeißelt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine +gewohnte, sondern nur ein zufälliges Ausgezogensein bei einem +gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die +allgemeine Militärpflicht, die ein- und dreijährige Dienstzeit, die +Manöverzeit und ein mobilisiertes Ausrücken nebst endlicher +Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende +Allegorie. Die übergroßen Flügel der Viktorien sind schon für die +Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdächtig. Man hat +diese Flügel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp +neupreußisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben +christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands +hüten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen +und auch sonst schon in die gewöhnlichen Verzierungen der Stadt +übergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr +christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekränzung der Krieger +immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfüllenden modernen jungen +Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die +erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geäußerte +Wunsch, ihnen warmhaltende Mäntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz +unmotiviert. Nur über die allzu natürliche Wiedergabe der Natur hat man +sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die +Granitwürfel haben erst noch einen so ansehnlichen Überbau erhalten, daß +eine junge Dame schon sehr neugierig sein muß, wenn sie, aus einer +Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schloßbrücke +ein Ärgernis nehmen will ... + +Die Zunahme Berlins an Straßen, Häusern, Menschen, industriellen +Unternehmungen aller Art ist außerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich +entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur +gebändelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses, +trinkt Tee und unterhält sich über eine wissenschaftliche Vorlesung aus +der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blühte, stehen +jetzt großmächtige Häuser mit himmelhohen geschwärzten Schornsteinen. Die +Fabrik- und Gewerbstätigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt +es z.B., einen von der Natur und vom Glück begünstigten Kopf, den +Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behäbige Gestalt, in seinem +runden Quäkerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen, +um seine drei großen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden +Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschäftigt 3000 +Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das große +Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint. +Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwärtig an +der fünfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs +Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz +gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, daß er sich von den +glücklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Förderung +der Kunst gedrungen gefühlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem +Könige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine +prächtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz +Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blühen zu sehen. + +Für gewisse industrielle Spezialitäten gibt es in Berlin Betriebsformen, +die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem +Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene +riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rübenzuckerfabriken +nötig hat; hier werden die Kupferdrähte für die elektrischen Telegraphen +gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und +vorzugsweise Rußland. Ebenso großartig ist Ravenés Handel mit +Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten. +Es charakterisiert den Berliner Großkaufmann, der seine ursprünglichen +naiv-bürgerlichen Triebe nicht lassen kann, daß Ravené in einem Anfall +guter Laune sämtliche verkäufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich +das Privatvergnügen machte, das Modell einer großartigen, aber soliden +Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr nötig schien. +Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende +von Menschen, die Bevölkerung kleiner Stadtbezirke, beschäftigen, +überdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige +Behandlung erfordert ... + + + + +Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854) + + +Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin +finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen muß. Es ist dies der +Ausdruck: Quatsch. + +Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen +bleibend, dann natürlich noch hinter dem halben Verstande zurückbleibt. +Denn man kann eine halbwegs vernünftige Meinung, ein halbwegs ernstes +Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft +gelten lassen. Der halbe Verstand gehört oft der Mystik an, die bis auf +einen gewissen Punkt auch gewöhnlich eine Art Logik für sich hat. Der +halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die +Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse +stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit. +Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umständen der Unsinn! +Den Unsinn haben Ästhetiker göttlich genannt, den echten, wahren, +natürlichen Unsinn, der die Hälfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein +vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der +relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das +herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das +Quatsche. + +Berlin ist groß im Quatschen. Es kichert über jede Grimasse zum Witz, +wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte +absonderliche Redensart findet unverzüglich ihr Publikum. Man findet hier +Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere +Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln +und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein +ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie +fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das alles +witzig, während ein Vernünftiger es Quatsch nennen muß. Ich sah "Müller +und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die +wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem +gellenden Pfeifen, mit Gebärden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu +zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid, +solches Gebaren menschlich nennen zu müssen, einflößte, und unter ihnen +die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im +Äußern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut +Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Müller!" "Müller!" "Schultze!" "Bist +du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen +Scherz auf dem Palais-Royal-Théâtre in Paris, wir wollen nicht einmal +sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire! +Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu +bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die +Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern +heißen, würde nicht so unbedingt nur fade sein. Man muß das Pariser Oh! +Oh! gehört haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen +Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen +Veranlassungen witzig und geistreich sein können. Diese Berliner +Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwärtig, als wenn man +sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhübe einmal seine +gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich. + +Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, daß sein +ursprünglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den +Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und über seine geistige Kraft +hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene +Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trägt den Stempel der +Unzulänglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung, +der Beschränktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hökerinnen, +kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die +Sprechweise der Gebildeten trägt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des +Volksdialekts, daß es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des +reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so +beschränktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprägtes +Sprachmaterial bestimmt, dem großen Ideenkreise einer Stadt, die eine +Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen, +so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois +nennen möchte. Diese Mißgeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins +Trieb nach öffentlicher Bewährung wuchs. Seine Bevölkerung emanzipierte +sich zum Großstädtischen. Die Schusterjungen machten wohl die öffentliche +Meinung schon zu Friedrichs des Großen Zeit; der König sagte den +Katholiken, die das Fronleichnamsfest öffentlich feiern wollten: Er hätte +nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die +literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich +von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich +nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft +zur Geltung gekommen und wer würde verkennen, daß "Kladderadatsch" ganz +Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschützt hat? +Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Ausländer, die sich +nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schärfe dieses Blattes würden +diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neueröffneten hiesigen Bühnen +zeigen, ganz ins Quatsche zurückfallen. + +Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bühnen eröffnet worden sind (um diese +Fährte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der +unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern +geistigen Fächern so außerordentlich schwierig ist. Das Ministerium +Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen +aus, und in Berlin durften Kaffeehäuser und Tanzlokale sich in Theater +verwandeln! Es ist noch ein wahres Glück, daß unser Schauspielerstand +durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was +freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich +immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst +nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nächste materielle Not +befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glücklicher gestellten +Kollegen an den Hof- und großen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres +und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstädtische +Theater, besonders durch die Bemühungen der trefflichen HH. Görner und +Ascher, zu einer überraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den +schwierigsten ästhetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im +Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die +Bevölkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen +andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater über +Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige +Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche +haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Fürwort an +hoher Stelle erlangen zu können. Einen Zirkus zu eröffnen oder eine Bühne +scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat +jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgänger beruft und z.B. +fragt: Wie kommt der Cafétier Kroll zu einer Bühne, wie kommen zwei +Gebrüder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum +Gespött der Vorstädte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor +Gräbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater +besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde +der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militärischer +Ordnung peinlich war, sogenannte Bürgerwehr in rundem Hut und Überrock +die Armatur der königlichen Zeughäuser tragen zu sehen. Nicht daß die +Bürgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der +Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt; +ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert +wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche +Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in +keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der +Wiener Vorstädte. Die Josephstädter Bühne ist vielleicht diejenige unter +ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialität; +manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr, +"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstädter Bühne. + +Das Repertoire des Königlichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig +anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstädter", "Geheimer Agent" +usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so +wohlmeinender ästhetischer Sinn vereinbaren läßt, nämlich die Befolgung +der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden höchsten +Herrschaften über die Stücke aussprechen dürfen, die sie zu sehen +wünschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas +auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt +vorkommt. Bald heißt es: "Auf höchstes Begehren", bald: "Auf hohes +Begehren", bald: "Auf Allerhöchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf +Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form +sich die Wünsche des Königs zu erkennen geben. Was ist das aber für eine +Unsitte, daß die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen +Herrschaft die Stücke bestellen, welche diese zu sehen wünschen! Die +geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und +zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wünschen um dieses +Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben dürfen, sind schon an +sich kläglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie +heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschäfte wird dadurch +auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden. +Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswärts bekommen, die ihr eine +Schauspielerin oder Sängerin überbrachte, so bestellt sie die Stücke, in +denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt +man ihm die Stücke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht +sich einige an und man liest: "Auf höchstes Begehren: 'Der geheime +Agent'", ein Stück, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden +kann. Der König besitzt so viel Geist, daß ihm diese Manifestationen des +Privatgeschmacks seiner Brüder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel +Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und +diesen Mißbrauch der von den Kammerherren veränderten Repertoires im +Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies +öffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem +Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach +dem Geiste der in ihm allein anständigen Öffentlichkeit. + +Natürlich ergibt sich unter solchen Umständen, wo die Großen und +Mächtigen öffentliche Fingerzeige über ihren eigenen Geschmack geben +dürfen, die Förderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bühne +weit schwieriger. Wenn sich die Großen "Satanella" oder "Aladins +Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Königsstädter Theater +agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem +Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Aufführung eines +neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor +einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Aufführung des "Demetrius" +von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer +Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf +zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso +warm wie die Ausstattung glänzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische +und Neuheit der Kostümstoffe, überall, in den kleinsten Ausschmückungen +der Wände zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden +Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung +spielte. Das Stück war eine Anfängerarbeit, die kaum Talent verriet (nur +aus Überfülle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer +Dürftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber +die Darstellung ging von einem schönen Glauben an den Wert des Stückes +aus; nirgends sah man ihr eine Mißstimmung über die aufgebürdete, +undankbare und für die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und +mit dem halbunbewußten Pflichtgefühl verband sich die noch immer +außerordentlich ansprechende Natürlichkeit der Hendrichsschen Spielweise. +Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs +immer vorzüglich spielen. Dieser Künstler ist ein schwacher Hamlet, aber +ein liebenswürdiger und überredender Romeo. In seiner Passivität liegt +Poesie und da er nur die Konturen ausfüllt, die der Dichter ihm +vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich +seinen Aufgaben unterzieht, überall für sich ein, wo einmal die Macht der +Gewöhnung ein Publikum für ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und +Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert. + +Ich bedauerte, Dessoir nicht beschäftigter zu finden. Dieser geistvolle +Schauspieler leidet hier an der üblichen Abgrenzung unserer Rollenfächer. +Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so +vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber +auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir +ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein +werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den +ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bühne +macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache +angehört, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein +künstlerischer Trieb hinführen muß, sind noch im Besitze der Herren Rott +und Döring. Es spricht für die geistige Anregung, die Berlin bietet, für +die Belohnung, die man im Beifall eines natürlich sich hingebenden +Publikums findet, daß Dessoir darum doch seinen hiesigen, höchst +ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen möchte. + +Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es würde keineswegs +vernachlässigt und es hat sich seit Düringers Mitwirkung sehr gehoben; +dennoch muß man bei dem Vergleiche der unverhältnismäßigen Pracht, die +das Opernhaus umgibt, wünschen, es würde doch endlich ganz von der Musik +und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige +Aufgabe für sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen +gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der +Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glänzende +Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die +Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der höhern und +mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht +der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und +Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedürfnisse so +befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die +Ballette des Tages, die jeder gesehen haben muß und die derjenige, der +die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Fülle von Licht, +Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schönheit und Gefallsucht! Die +musikalischen Kräfte sind hier so groß, daß z.B. an einem Abend im +Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die +Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1ständig da ist und noch in der +Singakademie ein Konzert mit der königl. Kapelle begleitet werden kann. +Es ist dies nur möglich durch die Unzahl von Akzessisten und +Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzüglich, aber alle Fächer, +auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1ständig machen. Auf +dreißig Tänzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel +junge, hübsche, talentvolle Mädchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um +der Anstalt anzugehören und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen +einzurücken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehörige +"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum +retten. Daher auf der Szene die überraschendste Massenentfaltung. Die +Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostüme, der Geschmack der +Dekorationen ist aufs höchste getrieben. Da steigen Feentempel aus +der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des +orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische +Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natürliche Springbrunnen im +Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren +Rändern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der +Szene ist ganz und vol1ständig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel +der bloßen Andeutung, die an andern Bühnen die Illusion vorzugsweise in +die ergänzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der +Ökonomie verbannt, die aus Amazonenröcken von heute für morgen Pantalons +für Verschnittene macht. Hier fangen alle Schöpfungen immer wieder von +vorn an. Kein Kostümier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter +Vorräte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder +neue Seide, neuen Sammet und für die geschmackvol1sten Maler neue +Leinwand gibt. + +Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht +lehrreich. Dem Ästhetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde +Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die +Vorstellung im großen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des +Publikums gehört, ist kulturgeschichtlich merkwürdig. Dieser Marie +Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und +mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hölle, aber sie ist der wahre +Himmel des Publikums; sie tanzt die Lüge, aber sie verdient ein Standbild +als Göttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende, +übermütige Mädchen mit ihren beiden Teufelshörnchen an der Stirn, mit dem +durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Füßchen, mit den +tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich +unter den ehrwürdigen Tatsachen des gegenwärtigen Berlins aus! Dieser +kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterröckchen, ist sie etwa +die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chérie der +Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chérie der +Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf +der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Büchsel, +Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere +Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in +"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen +sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem +andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den +kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhält. Der erste Rang zeigt +die Generale und Minister, das Parkett den reichen Bürgerstand, die +Tribüne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in +der Provinz verkünden werden, die obern Regionen beherbergen die +arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur +Traktätchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbücher +mühsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen. +Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der +Treibhauswärme der speziel1sten, königlich preußischen Haus-Traditionen +großgezogene Pflanze, Marie Taglioni geheißen! O so werft doch, ihr +besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, daß euer +Privatglaube nichts mehr liebt als die Götter Griechenlands und daß nicht +etwa hier der Kultus des Schönen, sondern draußen euer offizielles System +eine Komödie ist. + +Satanella verführt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner +Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine +Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird +zweifelhaft sein, daß der junge, künftige Referendar besser tut, sich an +Heinrich Heine, an die schöne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie +kalt und nüchtern ist auch die Liebe eines Fräulein Forti gegen die Liebe +einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs +in die Hölle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht +einsehen, daß der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann +das eine echte Hölle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon +kleine Kinder mit Satanshörnern umherspringen und, wie von Selma Bloch +geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hölle +sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem +reizendsten Château d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt +ist? Wird irgend ein Vernünftiger einräumen, daß die Konsistorialräte +Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schöne "Teufelinne", die +Antiken des Vatikan überhaupt, wie Tholuck getan, "schöne Götzen" nennen? +Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und +Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem +Vorurteil zu genügen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine +solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitüde der +Solotänzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der: +Ich fühle wohl, es muß einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie +Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen +Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese +Berliner Ballettabende wecken einen ebenso großen Abscheu vor der +mätressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der +Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft +und dem fashionablen Büßertum, dessen neupreußische Früchte wir +hinlänglich kennen. + +Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander. +Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in +denselben Personen. Die Heuchelei und die Rücksicht auf Karriere mietet +sich einen "Stuhl" in der Matthäuskirche, nur damit an dem Schilde +desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht +des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genuß. Dem Genuß +bauen auch andere Städte Altäre; die buntesten, mit Rosen geschmückten +Altäre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des +Genusses, die nur ihm ganz allein angehört. Es ist dies die Genußsucht +eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefüllte Börse alles +bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht +wiedersieht, für Geld bekommen kann. Es ist die Genußsucht des +Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fährt und sich mit vierzehn +Tagen Ausgelassenheit für ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle +entschädigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevölkerung so +angesteckt, daß man mit Austernschalen die Straßen pflastern könnte. +Wohlleben und Vergnügen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden, +nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft +ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine +Weile gestachelt werden, an Großstädtigkeit der Unternehmungen fehlt es +nicht; aber wenn die natürlichen Kräfte versagen, tritt das Raffinement +ein und das Raffinement des Verkehrs, gewöhnlich Schwindel genannt, soll +hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist +die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glänzendsten +Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend +Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt +nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die +Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste. +Wo die größten Spiegel glänzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde +niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste +Scheinfülle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern +scheint, kann man gewiß sein, auf hundert Fälle bei neunzig nur eine +Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere. + +Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen +Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zuständen +ergeben müssen, nachzuspüren. Der Totenwagen rasselt still und ernst +durch dies glänzende Gewühl. Rauschende Bälle, in der Faschingsnacht ein +Wagendonner bis zum frühen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die +Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemälde doch eine dämonische +Beleuchtung. Erschütternd war mir z.B. die Nachricht, daß der Philosoph +Beneke von der Universität plötzlich vermißt wurde und wahrscheinlich +sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, daß dieser redliche +Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und +besonders auf die neuere Pädagogik einen nützlichen Einfluß gehabt hat, +seit länger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor +werden konnte und sich mit einem jährlichen Gehalte von 200 Talern +begnügen mußte! Zweihundert Taler jährlich für einen Denker, während es +hier Geistliche gibt, die es auf jährlich 5000 Taler bringen! Beneke war +ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen +ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen. +Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor +zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Göttinger Professors nach +Berlin gebracht. Seine Vorträge waren etwas ängstlich, seine Perioden +allzu gewissenhaft, sein System knüpfte wieder an Hume und Kant an, er +ging über die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkühn in die +Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Solidität in +einer Stadt wie Berlin, wo nur die glänzende Phrase, der saillante Witz +und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinäre Schwindel etwas +gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Köpfe, +die nur in seiner Tonart zu reden wußten oder die es verstanden, ihrem +sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und +Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befördern +konnte! Hamlet ist auch darin das große und Shakespearen auf den Knien zu +dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, daß er +auf des Königs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel +der Beförderung." + +--Wer ertrüge Den Übermut der Ämter und den Kummer Den Unwert +(schweigendem Verdienst erweist!) + + + + +Neues Museum--Schloßkapelle--Bethanien (1854) + + +Eine derjenigen Schöpfungen des Königs, in denen man unbehindert von +irgendeiner drückenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue +Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen, +er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen +inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Räumen aller lästigen +Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fühlen und im +Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen +Kunstbestrebungen, die uns die Schönheit und Pracht von München, die +Ausschmückung des königlichen Schlosses in Dresden, die neuen Pläne für +Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmäler, Kunstausstellungen, +Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das +Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten, +unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Stätte der +Begrüßung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prüfenden, +immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die +sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und +gefällig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt +sind. Wir sind in Italien und in München vorbereitet auf das, was wir +hier wiederfinden. Diese Räume hat mit den Eingebungen seines Genius +vorzugsweise eine große, freie Künstlernatur zu beleben, ein Dichter mit +dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem märkischen +Sande stammen. So stört uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer +Schwu1st, keine russischen Pferdebändiger, oder Athleten oder Amazonen +erfüllen uns, während wir an Athen denken wollen, mit lakedämonischen +Vorstellungen; selbst die hier in Berlin überall aushängende Devise: +"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stört uns nicht. Man muß Schinkel +einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf +doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei +der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von +Palastentwürfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Öfen; aber es +fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit +des Stils.... + +Eine zweite große Schöpfung des Königs ist die (Kuppeldachkapelle des +Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine +Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentümlichen Geschmack, wenn auch +eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die +gewaltige Wölbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet +gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Gerümpel, freilich +aber auch den vortrefflichen Schlüterschen Basreliefs, die jetzt die +Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen +als runden Bogens ist meisterhaft ausgeführt. Einen überraschenden +Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewähren, der sich erst +im Weißen Saale an den schönen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet +hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen +geschmückt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmäßig durch +Milchglasglocken ihre Flammen dämpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle +weder diese Größe noch diese Pracht. Bei längerer Betrachtung schwindet +freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf +Goldgrund überladene Gebäude wird dem Auge kälter und kälter. Der Altar, +wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten +Kreuze geziert, die Kanzel, der Fußboden, alles erscheint dann plötzlich +so nur für die Schwüle der südlichen Luft berechnet, daß man das +lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht +innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das +Spiel aller hier zur Verzierung der Wände aufgebrachten Marmorarten. Da +gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der +nicht eine Platte sich hier vorfände wie in einer mineralogischen +Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich +die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken +zusammengestellt, die Förderer der Religion und des Christentums zu +feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner +Kirchengedanke. Huß, Luther, die Kurfürsten von Brandenburg stehen +vis-à-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muß es an der einigen +Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man +kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst +halten. Ach, und dieser Fanatismus für das konventionell Religiöse sitzt +ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblüten! Man denkt nicht mehr, man +prüft nicht mehr, man übt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt +sie um ihrer Ehrwürdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren +graues Haar unsere Kritik über die Schwächen, die sie besitzen, +entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will +nicht prüfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein +die Tradition, die man auf sich beruhen läßt. Man schlägt sein +rauschendes Seidenkleid in künstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl +niederkniet; man schlägt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb +gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rührung dieser +Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mußte besiegelt werden, gesteht +wohl auch seine eigenen sündigen Einfälle und Neigungen ein, gibt sich +den Klängen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden +Tränen der Nervenschwäche und Rührung hin und verläßt die Stätte der +Andacht mit dem Gefühl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine +Demonstration gegeben zu haben gegen die anstößige und in allen Stücken +gefährliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Für diese +Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen +zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schloßkapelle. +Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lästig werdenden +Rücksichten einer solchen Art von Pietät. + +Weitentlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen, +baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete +Diakonissenanstalt. Man fährt an einer neuen, im Bau begriffenen +katholischen Kirche vorüber und bewundert die großartige Anlage dieses +vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu +erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine städtische sein und ab und +zu wird man von Bitten in den Zeitungen überrascht, die Bethanien zu +unterstützen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein +privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewöhnliche Zahl, für +welche die nötigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuriös +gespendeten Raume nach könnten noch einmal soviel untergebracht werden. +Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der +Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben +erweckt, als wäre die nächste Bestimmung der Anstalt die, eine Art +Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit +Krankenpflege beschäftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des +Unternehmens auf eine ähnliche Voraussetzung begründet. Bethanien soll +eine Demonstration der werktätigen christlichen Liebe sein; die Kranken, +mag auch für sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen +gewissermaßen die zweite Stelle ein. + +Die Oberin der Diakonissen ist ein Fräulein von Rantzau. Unter ihr stehen +etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl +von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten +sind auf Reisen begriffen, um auswärts ähnliche Anstalten begründen zu +helfen. Die Tracht der größtenteils jungen und dem gebildeten Stande +angehörigen Damen ist blau, mit einem Häubchen und einer weißen, über die +Schulter gehenden Schürze. Wie gründliche Vorkenntnisse hier +vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen +allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen +Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mägde, die im +Souterrain an den höchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und +Küchenvorrichtungen beschäftigt sind. Auch Männer fehlen nicht. Die +Diakonissen sind überhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschäftigt +und müssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und +Umbetten der Kranken besteht, dem stärkern Geschlechte überlassen. Man +bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus, +der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit +verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekämpfen, da unfehlbar +ein zwangloses Behagen in der Nähe von Kranken und Sterbenden die ganze +Stimmung unsers Herzens für sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die +reine Luft, das Gefühl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den +Kranken selbst zugute. + +Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste +erklären diese Frauen und Mädchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer +Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig +bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks +auf einen höhern sittlichen Zweck. Dennoch hätt' ich lieber gehört: Diese +Institution wäre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton +würde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei +gemeinschaftlichem Wirken ist nötig, eine gleiche Stimmung muß alle +verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob +das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano +aufgeschlagen fand, dazu gehört, möcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist +der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich für +Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt für immer getrennt +haben; ein anderes diese vorübergehende Wirksamkeit einer Diakonissin, +die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder +aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden +kann. Für einen solchen Beruf reicht Herzensgüte, Menschenliebe und eine, +durch äußere Umstände hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz +anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert +die Bildung der Gesellschaft, die Humanität der Gesinnung, die Liebe zum +Gemeinwohl, die Sorge für die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt, +eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktätiges +(Prinzip) durchgedrungen sein, daß man, um hier dreißig Frauen in einem +Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, nötig hat, nach dem Gnadauer +Herrnhuter Gesangbuche zu greifen? + +Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rührung verlassen. Auch in Bethanien +sieht man des Wehmütigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von +Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren +Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit +bleiernen Soldaten und hölzernen Häuserchen. Ein blasser Knabe, der an +der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte +freundlich grüßend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den +Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon +draußen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden +Frühling vertrösten, der Kleine litt am Rückenmark und wird nie wieder +gehen können. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella" +und Aladins "Wunderlampe" sehr nützlich, sehr heilsam sein kann. Aber +Bethanien verläßt man doch mit dem Gefühl, daß hier, wie in unserer Zeit +überhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen, +des Arztes bedürftig zu sein. + + + + +Zur Ästhetik des Häßlichen (1873) + + +Himmel! Berlin sei unschön? höre ich einen nationalliberalen Enthusiasten +ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemäßen Begriff aufstellen! Sie +machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu +unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, groß, selbst +die Zukunftsgärten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein müssen! +Die Opportunität, die große deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations- +frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Städte! Die Stadt auch +der Schönheit! Höchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg +wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehört ja Graubünden und die +Schweiz auch zu Berlin! + +Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe +unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird. + +(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen. +Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straßengewühl, wenn es +gerade geregnet hatte oder noch das Straßenpflaster vom Morgentau +beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefährte aller Art +sich zum Markte drängten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt, +in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in +Paris in der mächtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es +auf Plätzen, Brücken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbögen, selbst +Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedürfnis nur nach dem Schönen +angelegt und konsequent durchgeführt! + +Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schönheit Wiens) war die +Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang +sehr fühlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiß +der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat +auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wälder abgehauen +und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle +Mittel schienen dafür gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der +Wilhelmstraße entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense +des Despoten, den man gewöhnlich Friedrich den Großen nennt. Kolonisten +mußten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise +einstöckig, diese Hütten neben den neuerdings errichteten +Prachtzinshäusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem +Großen Kurfürsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu +einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern würdigen Schemel an ihrem Throne zu +machen. Schlüter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mußten sich an +Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann später +Berlin. Friedrich der Große, Egoist wie er war, baute lieber Paläste für +sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute, +waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommißbrot. +Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der +Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in +Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen +Straßenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn würde die Geschichte am +besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrönte +Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar +trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine +entlegene Votivkirche Roms erinnern könnten. Seitdem stockt die +Verschönerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als +was ihre nächste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschönerung +Berlins geregt hat, wird überholt durch die riesenmäßig gesteigerte +Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der häßlichste Abbruch, Schutt, +ein trauriger Anblick wie Straßburg nach der Belagerung geworden ist. + +Großartigkeit und in ihrer Art auch--Schönheit liegt in der Avenue vom +Brandenburger Tor bis zum Schloß; aber man könnte noch hundert Jahre so +fortbauen wie jetzt und brächte doch nicht den Eindruck permanenter +Unschönheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im großen und ganzen, in +der Nähe und in der Perspektive, durch einen größeren diktatorisch +befohlenen Schönheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der +Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das +kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Straße, wo nur +allein elegante Welt sichtbar würde, gibt es in ganz Berlin nicht! +Überall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der +Köchin, das Produkt des Handwerkers oder die Bürde des Lastträgers +zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuß Breite bestehende +Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, läßt einen am anderen +dicht vorüberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souverän auf, selbst +auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den +Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Börse +oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes +neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel- +Betriebslokalen, zu Werkstätten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem +immerdar werkeltätigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die überall +geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins. + +Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloß ist ein Prospekt, der, +wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis +zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mächtigste gehoben +fühlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in +Paris möchte dagegen zurückstehen. Plötzlich aber am Dome sieht der +Wanderer eine kleine Brücke, die in die innere Stadt führt. Noch eben +denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich +geschwungenen Brückchen, die über die Seine führen. Welcher Anblick wird +ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrücke, früher um sechs Pfennige +passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf +demnächstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den +Grabstätten der Könige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkästen, die +in dem trüben Flusse vom Fuße des Schlosses nur allmählich weichen zu +wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Äpfelkähne. + +Besonders unschön wird Berlin durch die über alle Beschreibung große +Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste +Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der +umfassendsten Räumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschäfte solche in +Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen +sind. Nun hat man keineswegs die häßlichklaffenden Lücken von Holz-, +Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Straße in Harmonie +gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache, +verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lückenhaft, +verhäßlicht durchweg die Stadt, wie denn überhaupt der offne +Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher +Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schöneberger Ufer, eine +ganze elegante Straße entstellen. Endlich ist der ordinäre Bretterzaun +doch auch von dem königlichen Lustschlosse in Bellevue gewichen! + +"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie +honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach +Reichstagspalaststätten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder +Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den +Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraßen liegen, mehr in Schwung zu +bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche +staatumwälzende Proklamation von einem Ständehause herab verlesen wurde, +das deutsche Kapitol aus strategischen Gründen isolieren? Die Architekten +scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes +von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit +vor diesen großen Plätzen, wo man in der Sonne keuchen muß, bis man +endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung +von dem großen Meilenzeiger am Dönhofsplatz, um welchen herum doch die +meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwägung wert? Schreckte nicht +die Erinnerung an die Grausamkeit König Ludwigs I. von Bayern, der die +neue Münchener Universität an die äußerste Grenze der Stadt baute und die +Studenten zwang, täglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch +seine endlose, in der Hitze unerträgliche Ludwigstraße zu machen? Nun +gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn für einen anderen Plan, den etwa +mit der Königgrätzer Straße, Gärten zerstört werden müssen, alte +ehrwürdige Linden abgesägt oder im Deckerschen Garten Bäume, die zu den +Wundern Nordeutschlands gehören, wenn Millionen für Grund und Boden +gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gärten dem Privatbesitz oder +der Öffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt +Statuen auf diese freigelegten Gärten! Mehr als jetzt Berlin aufweist! +Man kann auch Fontänen dazu springen lassen, Ruhebänke anlegen, +goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gußeisens +bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen öffentlichen +Gebäuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach +Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht. + +Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom früheren "Katzenstiege", +jetziger Georgenstraße, rechts von der Friedrichstraße bis zum Gegenüber +des Monbijou. In unmittelbarer Nähe eines der schönsten Prospekte der +Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Königswache oder vom +Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert, +plötzlich an der Georgen- und Universitätsstraßenecke wie unter die +Bedienten-, Küchen- und Remisengebäude einer fürstlichen Hofhaltung +versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nächste Nachbarschaft des Kaisers, +sein vis à vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Häuser stehen". +In der Tat hieß auch früher die vorherliegende, jetzt noch leidlich +gefällige Dorotheenstraße die "Letzte Straße". Wahrlich, hier fängt die +Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum +Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplätze, Milltärmontierung-Aufbewah- +rungen, Kavallerieställe und das ungeheure schiefwinklige Gebäude der +Artilleriekaserne, das an den Wänden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf +grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend +ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die großen Flächen +vor den Toren verwiesen werden muß, die schon Kasernen genug aufgenommen +haben. Gefällig ließe sich hier der Quai regulieren, die hölzerne +Ebertsbrücke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das +gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebäude in Einklang bringen mit der +Börse, dem Museum, dem Schloß, der Universität und dem grünen Baumkranze, +der drüben jenseits der Spree vom Schloß Monbijou herüber winkt. Wer +jetzt diese Gegend durchwandert, muß sich sagen, daß hier alles den +Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Überlebten +trägt. Alles ist arm, unschön, unkaiserlich. + +An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse +entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben, +Eindrücke von einem so erhebenden Reize, als befände man sich in Genf im +neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der +Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst überall +unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem +Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien, +im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wünschte, dieser Charakter +wäre allgemein festgehalten und für das Ganze maßgebend. Hier bildet der +Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schönen Gemäldes. Auch an anderen +Stellen könnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des +Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfängen zu +Hilfe käme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1straße kommt und die +Waisenhausbrücke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von +jener Großartigkeit, die in Wasserstädten wie Hamburg, in den Seestädten +Hollands so mächtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen. +Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Häuserabbruch offengelegten +Hinterfronten einiger Straßen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von +Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrückliche Gebote an +die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens +dem Auge etwas gefälliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen +Kolonnadengang des Mühlendamms über die Spree hinweg links zur +Stadtvoigtei könnte trotz des mehr als wüsten Gegenübers für die vollere +Wirkung einer belebten, echten Hafenstraße gewonnen werden. + +Für solche und ähnliche Ideen schwärmten in alter Zeit die Kronprinzen! +Jetzt, wo der Fiskus für ein Reichstags-Gebäude im Tiergarten auf Grund +und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gründer Unter den Linden +gefordert haben würden, muß man sich schon begnügen, wenn nur die +städtische Baukommission Künstler zu Referenten hat, die für Berlins +Zunahme und Wachstum einen gewissen schöpferischen Plan im großen und +ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt +sich nicht darum, allmählich die Netze und Linien eines neuen +Anbauungsentwurfes auszufüllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten, +es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden +Lücken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstören. Freilich +ist die Macht des Besitzes so groß, daß selbst eine in solchem Grade die +Straße entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer +nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehörde gewichen ist! Das ist +die Mühle von Sanssouci! Das soll nun groß sein! Begierig bin ich, was +aus der großen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht +dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastraße eine Litfaßsäule +gegenüber. + +Auf das Häßliche in den Staffierungen der Straße durch ihr gewohntes +Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Häßliche +in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner +Überzeugungen selbst beim schönen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr +mißlich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fürchten unserer alles +im rosenroten Lichte sehenden Optimisten. + + + * * * * * + +II. Für und Wider Preußens Politik + + + + +Über die historischen Bedingungen einer preußischen Verfassung (1832) + + +Wäre Repräsentation das alleinige Element des Liberalismus, so könnte +Preußen in einer frühern oder spätern Zukunft noch der Stimmführer +desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kämpfen nicht um Formen, +sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir dürfen nur die Initiative +der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingeführt werden +sollen, wachen, daß sich ihre ursprüngliche Reinheit erhalte; daß sich +nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische, +nicht die Willkür sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern daß das Gesetz +es sei, das entscheidet. Oder können wir uns mit dem Schwerte bewaffnen +und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiß nur von Schwertern in der +Hand des Eroberers oder des Richters. Die Völker demonstrieren nur mit +dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie +ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das übertretene. Werden die +Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preußen eine +längst versprochene Verfassung erhält? Nein, dann beginnen sie erst. +Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen +dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerüstete Krieger seiner Ruhe +pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten +Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht +zurückgetragen. Fürchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der +preußische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muß. Weil noch +nichts entschieden ist, so finden wir überall Gesinnungen gegen Preußen, +keine Meinungen. Man verehrt es oder haßt es, fühlt Sympathie oder +Antipathie, aber die Gründe für das eine gegen das andre kann man nicht +angeben. Wer für seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis führen +wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine +Gründe gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor +dem preußischen Namen entweder mit gefalteten Händen oder mit dem +Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund +ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preußischen Verfassung +offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen +trügen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im +Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht +werden muß. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis +rechtfertigen. + +Welches Bedürfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlaßt? Unstreitig +das Bedürfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer +Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Übereinkünfte über +das, was man sich gegenseitig leisten und so für Recht ansehen wolle? +Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Verträge +gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewährt hat +und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begründet ist? Die Völker haben +diese Frage längst entschieden, ihre Fürsten sind noch andrer Meinung: +Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres +Kabinetts feststellen, oder sie erklären sich bereitwillig zur +Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende +Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der großartigen +Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus +verwitterten Pergamentblättern, aus den Heften moderner Doktrinäre. +Machen wir die Anwendung auf Preußen. Wenn wir das gegenwärtig dort +herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natürlich nur um +einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von +Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich +ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und +Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu +bedürfen scheinen. Aber wir bedürfen immer mehr, als wir zu bedürfen +scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir +nicht eingestehen, daß uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen +wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundübel der +sogenannten humanen, weisen Regierungen, daß sie vor unaufhörlichem +Wohltun das rechte Bedürfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon +alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hände voll zu tun +und sind so eilig, daß sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher +das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unerträglicher ist, je +gefälliger sie sein will. Diese väterliche, ja mütterliche Sorgfalt ist +bekanntlich die Art der preußischen Regierung. Da piepsen die Kleinen +unter den Flügeln der ängstlich wachenden Henne so zärtlich und sind so +voll Rührung und Dankbarkeit für all das Gute, was ihnen ohne Verdienst +und Würdigkeit erwiesen wird, daß man hier ordentlich von politischen +Tränen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestört werden. Der König +hat selbst den Grundsatz anerkannt, daß der Krieg der Vater aller Dinge +sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsständen" in einem +höchsten Dekrete versprochen. Daß ein solches Versprechen dem Lande wird +gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwärtige Zeit dazu so +ungeschickt sein. Man zögert, man weist die Bitten der Provinzia1stände +um endliche Gewährung zurück; man will nicht, daß es den Anschein habe, +als gäbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von +dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er +werde dem väterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm +durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille +seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu +ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt dürfte die Verfassung +werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten +Europa hingeworfen. + +Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten über den Staat. Nach einer ist +er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Näher bezeichnet sich +dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine +durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum +des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen +will. Die europäischen Staaten bieten Beispiele für die eine Ansicht so +gut, wie für die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Rußland +haben sich auf dem naturgemäßesten Wege entwickelt. Ihre politischen +Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet, +sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet größtenteils +das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewöhnt hat, immer auf die +Eigentümlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der +Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer +nicht müde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemüte, +unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter +Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Württemberg ohne Württemberger, +ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne +Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche, +aber kein Deutschland haben. Preußen ist am meisten von der Geschichte +ironisiert worden: Es repräsentiert den Zufall, das, was ist und auch +nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte +Sein auch in Preußen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein +gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preußischen Doktrinäre in +lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preußen von keinem Staate +lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am +meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse +sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wären auf den +Bäumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist +nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen: +Selbst die Reformation hat da englisiert werden müssen. Wer bewundert +nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt, +daß Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung +einschlagen konnte? Und doch--in Preußen ist jetzt Ähnliches entdeckt. +Die Doktrinäre klagen hier Friedrich II. an, daß er in die Regierung +seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der +einseitigen Aufklärung seiner Zeit nicht verleugnen könne; daß er den +Adel des Verdienstes höher stellte, als den der Geburt; daß er ein +Gesetzbuch gegründet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in +zu grellem Widerspruche liege. Preußen sei berufen, die historischen +Interessen zu vertreten. Es gäbe keinen Fortschritt, als einen durch +frühere Zustände bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten +Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortführer und +Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die +Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese +Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so müßten wir uns +auch andächtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die +Zauberformeln, mit denen man in Preußen die Jugend alt macht und das Alte +("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg +ausgebrachter Toast) wieder verjüngt. Auf solche sogenannte historische +Bedingungen wird die Verfassung des Landes begründet sein. + +Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repräsentation. +Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein +förmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern +zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Übereinkunft. Die +Zeit der Reformation machte diesem Verhältnisse ein Ende. Die Einführung +des römischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben +zusammenhing, zerstörte im Volke sein ursprüngliches Rechtsbewußtsein. +Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem +Schutze vermögender Fürsten gedeihen. Die religiöse Anregung band die +Gemüter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als +sie jener förderlich oder hinderlich waren. Fürsten und Bürger hatten +dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaßungen des Adels sicher zu +stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fürstlichen +Souveränität. Aus fürstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die +Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden +wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveränität +reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration. +Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die +Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer +Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat +eine Macht gewonnen, die öffentliche Meinung; diese wird in Preußens +nächster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht, +die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fürchten? Ist es nicht der alte +Kampf der Demokratie und Aristokratie? + +Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der +preußischen Konstitution einschlagen mögen. Die gegenwärtigen +Provinzia1stände müssen die Grundlage derselben bilden. Man rühmt die +Liberalität dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei +Stände, des Adel-, Bürger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes. +Woher aber das entschiedene Übergewicht der Aristokratie in den +Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet! +Verjährte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfründen, +unverhältnismäßigen Erlaß der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne +von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den künftigen +Reichsständen, so kann man nur wünschen, diese nie ins Leben treten zu +sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den +adeligen Grundbesitzern. Auch die Städter können an Bildung z.B. mit den +Bürgern süddeutscher Städte nicht wetteifern und die sie zum Landtage +schicken, sind meist städtische Beamte, von der Regierung bestätigt, also +mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so +sind sie gegen den Adel in der Minorität und der Regierung gegenüber zu +schwach, wie die Landstände am Rhein und in Westfalen bewiesen haben. + +Die mittelalterlichen Stände haben ihre Freiheiten und Privilegien +vertreten. Solche besitzen die preußischen nicht oder sollen sie ihnen +noch erteilt werden? Sollen die Zünfte wieder eingeführt werden? Wollen +die preußischen Könige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf +ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stände vertreten. Aber +unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermögens, nicht des +zufälligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung +jenes alten Zustandes wäre ein vol1ständiger Umsturz des herrschenden +Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann. +Es ist wahr, daß die Fürsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch +ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stände bei dringenden +Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fünf oder zehn Jahre +Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis +immer nur momentan, und erst der später ausgebildete Begriff der +Souveränität nahm nach göttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm +menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist +den Ständen mit der Zurückgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr +gedient, weil sie wohl wissen, daß jene verhaßten Abgaben ihnen weniger +bereitwillig würden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten +auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne +offnen Angriff auf eine feine Weise plündert, wieder organisiert werden? +Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott +möge es behüten vor den Köckeritz und Lüderitz und vor den Kracht und +Itzenplitz? Auch die Prälaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur +um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein +Stand mehr, obschon man in Preußen Bischöfe und Erzbischöfe nach +englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat früher die +Rechte ihrer Präbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das +Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemühungen der +Regierung die Meinung, daß die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet +ist, so ist es in Preußen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt +sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder +genommen werden? Sollen Ritter, Städte und Geistliche die heilige +Dreizahl bilden? Die preußischen Bauernaufstände gegen den Adel und +Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Überall mag +man nach historischen Anfängen einer den gegenwärtigen Zeitforderungen +nur einigermaßen genügenden Repräsentation forschen, im Preußischen +finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und +pommerschen Herzöge sind eigentlich nur zu den Städten ihrer Territorien +in ständischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht +mehr denkbar ist. Sie waren die ärmsten Fürsten und die schwächsten +zugleich. Nackt und bloß, mußten die Städte sie bekleiden, hungernd, von +ihnen gesättigt werden. Die märkischen Städte waren Republiken mit +vol1ständigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation +zurückführten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es +nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fürsten garantierten, sondern was +sie ihnen gaben war Dank und Entschädigung für den Schutz, den ihnen die +Markgrafen, ursprünglich eine militärische Behörde, angedeihen ließen. +Noch anders war die Lage Preußens. Ein fast ganz unabhängiger Städtebund, +blühend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel +zur Seite, noch öfter gegenüber. Hier machte der Landadel mit den +mächtigen Städten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg gemeinschaftliche +Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten, +verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen +Polen ihre und des Landes Selbständigkeit. Alle diese Verhältnisse hat +die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmöglich. Jede +Annäherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern +bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preußischen +Monarchie in Sitte und Leben überall die Anklänge der Vergangenheit. Die +Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen +Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen, +sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese +Gegenden ein Schauplatz der unsäglichsten Verwirrungen, in denen sich +nichts Altes rein und ursprünglich erhalten konnte. Man denke an die +Stürme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Länder Jülich, Cleve, Berg +erschüttert haben! Neben den politischen Umwälzungen, die sich hier ohne +Aufhören folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig- +keiten diese Länder so zerrissen, daß an eine Wiedergeburt hier nur durch +Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist. + +Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne +verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum +nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine +dreifache Initiative. Die zweite Kammer würde dann die materiellen, +vielleicht auch intelligenten Kräfte vertreten, die erste aber das Ewige, +das Unveränderliche, das Unvergeßliche oder was weiß ich. Man denkt an +eine preußische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor +den Männern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fällen +wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Während in der +zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten +die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann +einmal, etwa bei einer Verhandlung über die Erblichkeit, Friedrich der +Große in die Sitzung träte und anhörte, wie z.B. die neuliche Erklärung +der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestät des +Königtums zu begreifen, interpretiert wird, könnte er noch glauben, in +der Hauptstadt eines von ihm gegründeten Staates zu sein? + +Wir gehören nicht zu jenen Toren, die die ehrwürdigen Trümmer früherer +Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die +Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Gräbern, da auch unsre Zeit +einen so schönen Frühling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen läßt. O +wir fürchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in +Preußen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit +zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rätsel hat sie gelöst und +auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das +ist aber das Herrliche dieser Zeit, daß, wer die Ansicht widerlegt, auch +die Macht überwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Ödipus +kommt, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund. + + + + +Drei preußische Könige (1840) + + +Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die +letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III. +Diese Botschaft mußte mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der König +müsse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt +erschüttern. Die häusliche Zurückgezogenheit, in der der Verstorbene +lebte, hatte es unmöglich gemacht, seit Jahren über seinen +Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich öffentlich, +so erschrak man zwar über die in letzter Zeit außerordentlich gealterten +Züge, aber die Haltung des Königs war von jeher so grad und ritterlich +gewesen, daß ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verließ, und man an +eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener +mußte man über den Volksglauben sein. Man machte geltend, daß in jedem +Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preußen einen Thronwechsel oder +irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nächtlichen +Umgängen der weißen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft +erschien der König hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im +Theater. Nur die ängstliche Einführung Schönleins in die innern Gemächer +des ab und zu als kränkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes +Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist. + +Läßt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender König +und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des +Geschützes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Großen +verkündete? Wie drängen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit, +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wünsche und Hoffnungen +müssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre können erwachen, +Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen müssen sich +durchkreuzen. Wer hat den Schlüssel, um zu erraten, was der jetzt Tote +dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, daß +gerade die Erinnerung an den Begründer der preußischen Monarchie in ihrer +Stellung zu Europa die letzte öffentliche Tatsache im Leben Friedrich +Wilhelms III. sein mußte? Ist dies eine Sühne der Vergangenheit oder ein +Fingerzeig für die Zukunft? Den Ratschluß des Weltgeistes umhüllen noch +tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die +Sonne sein, die sie erhellt. + +Bei den Ägyptern sprach man über die toten Könige Gericht. Man wird in +öffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres über +Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben, +dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand +sich rühmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht +sein Stolz war, und wird ihn vielleicht für das loben, wofür er sich +selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Sie werden +von Tausenden ihres Volkes für dasselbe verwünscht, wofür sie andern +Tausenden die Heißersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind, +das der Blitz erschlägt, und tränkt die dürstende Erde, die nach ihm +schmachtete. + +Mag man nun mit Montaigne glauben, daß "herrschen" le plus aspre et +difficile métier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von +Oxenstierna einst ironisch angewandt), daß zum Herrschen gerade das +wenigste Hirn gehört (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es +übrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von +dem, was über den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der +rührende Moment oder persönliches Interesse überflüssig hinzufügt, so +viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoßen können, daß der innige +Zusammenhang der Schicksale, die die preußische Monarchie trafen, mit der +Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlöschendes +Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn +schon früh für eine stillere Ergebung in das Unglück reif. Die Mäßigung, +die ihn in seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschte, lehrte ihn +auch, das spätere Glück ohne Überhebung ertragen. Er nahm die Gaben des +Geschicks mit einem Gefühl an, das ihn auf alles gefaßt machte, wenn es +nur nicht überraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen +vermeidend beängstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt +auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener +Selbstbeschränkung, den Preußen, ein innerlich so kraftvoller und nach +außen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne für seine +Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein +Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt und diese Tatsache +war vielleicht die glücklichste Erfahrung für das Wohl des Staates in +einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in +Bewegung setzte und es Staatsmänner gab, die so gern neue Manifeste des +Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit +kecker Hand in die Zügel gefallen wären. Friedrich Wilhelm III. war nicht +so groß in dem, was er tat, als in dem, was er vermied. + +Daß man sich in Preußen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorüber ist +und den Horizont keine Kriegswolken trüben, nach positiven Schöpfungen +sehnt und das Feld für einen großartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun +geöffnet sieht, beweist die ängstliche Spannung Preußens, Deutschlands, +Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde. +Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, daß +wir hier nicht einen Jüngling auftreten sehen, dessen politische Ideen +noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen +gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun +anvertrauten Regierung gründlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt +wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektüre er sich Stellen +unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und daß es solcher +Stellen und Merkzeichen viele geben müsse, beweist der allgemein selbst +in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, längst +angelegtes und bald hervortretendes System. + +Man erschöpft sich in Vermutungen über das politische Glaubensbekenntnis +des neuen Königs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht +gerade einige talentvolle Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der +Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die +vornehmimponierende und doch gefällige Haltung des neuen Herrschers mit +Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund +der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reaktionäre Geister +geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persönlich +kannte, so wird er bald gefunden haben, daß die naive Lebensunsicherheit +dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu +seinen politischen Phantasmen und Träumereien Vertrauen einflößen kann. +Wie würde auch die große Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz für seinen +ruhmgekrönten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu +politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens +und ihnen ähnliche, in Friedrich dem Großen nur einen gekrönten +Jakobiner sehen? + +Man rühmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm +Verstandesschärfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes +und hat mehr Sinn für das Zivile als Militärische. Er liebt den Umgang +mit Gelehrten und Künstlern, von denen viele sich seiner nähern +Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente +hinzugeben, bezeugt der gemütvolle, anspruchslose Brief, den er an +Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der +ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und daß ihm selbst der +schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein dürfte, beweist der +Umstand, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen +wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Großen eher nachzusehen +pflegt, als Kleinen, weiß man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerühmt. Er +besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung +für ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft +ausgezeichneten Rednergabe, weiß ich nicht. Jedenfalls würde eine +religiöse Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern +einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist möglich, daß sie die +Frucht einer entweder gemütlichen oder philosophischen Abneigung gegen +einseitige Verstandesreligiosität wäre. Es ist kein Zweifel, daß der neue +Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist +wahr, daß ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so +wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der +Einfluß des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts +Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins +Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiß im Auge, wenn auch die Zeit erst +lehren muß, wo es liegt. Für gedankenlos halte man keine seiner +Unternehmungen. Ratgeber wird er hören, ihnen aber nicht immer folgen. +Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, für öffentliche Schritte +fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung +ändern, nie aber einen Schritt wieder zurücktun. Es lodert viel Feuer in +ihm und sein Geist wird oft in den schönen Fall kommen, heftigere +Regungen des Gemüts zu zügeln. Der göttlichste Triumph, den uns der +Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft +beglücken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann +darnach den Versuch machen, ein Porträt zu zeichnen und muß sich zuletzt +doch eingestehen, daß der--Versuch eine Pfuscherei ist. + +Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrütet, so viel kleine +Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, daß ich wohl begierig wäre, was einer +von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine +Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab), +dem neuen Herrscher ans Herz legen würde. Mit guten Lehren aus dem +frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, würde es wohl +ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fürst soll keinem +Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bändige eine +Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben +nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man +Königen gegeben hat! Sie werden fast alle lächerlich, wenn man sie auf +bestimmte Fälle anwendet, oder sie setzen an Fürsten dasjenige als +lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19. +Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind +Ratschläge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was würde wohl +mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preußens +zu Rußland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein? +Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von +Jahren den Geschäftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er +wird sich längst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet +haben. Wer die Entwürfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist +leicht möglich, daß Friedrich Wilhelm IV. für Europa einige +Überraschungen im Sinne hat. + +Man spricht jetzt soviel über Friedrich II. Was ist es, das an ihm so +außerordentlich gerade jetzt in die Augen spränge? Will man einen +schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveränität? +Nein. Es ist das Persönliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so +bewundert wird. Preuß und andere haben so herrliche Züge von der freien, +unabhängigen, entschlossenen Denkungsart dieses Königs mitgeteilt. Man +hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt würden für +staatsgefährlich erklärt werden. Es ist kein Zweifel, daß man mit dieser +Vergötterung Friedrichs des Großen einen Wunsch für seine Nachfolger +aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik +gegen die Gegenwart. + +Was könnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Großen lernen? +Vieles für die Personen, weniger für die Sachen. Nicht alles würde jetzt +so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben würde. +Wohl aber würde man für die Mittel und für die Ratgeber lernen können. +Theoretiker am Staatsruder würde er mit Recht für Schwindler erklären und +das Nächste würde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich über +die Religion dachte, war nicht gut für die Schule, besser schon für die +Kirche, vortrefflich für die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der +ihn beseelte, war schlecht für den Aufbau des Neuen, aber gut zum +Niederreißen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden +Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe +benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich +II. bewundrungswürdig. Man fühlt, wenn man seine Antworten und +Resolutionen liest, daß man für jedes Leiden bei seinem Gemüt wohl eben +keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhülfe würde gefunden haben. +Seine Phantasie und sein Geschäftseifer machten ihm das Verständnis jedes +ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht nötig, wenn man +einen Minister verklagte, zu fürchten, daß man an eben diesen Minister +würde verwiesen werden. + +Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit +seiner Regierung gebührt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grün +des Fichtenhains, der die sterblichen Überreste seines Vaters und seiner +Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als daß man aus seinem +Auge etwas andres erraten könnte, als Tränen. Er wird nicht damit +beginnen, Schöpfungen seines Vaters umzustürzen, er wird niemanden, der +des Seligen Vertrauen besaß, aus seiner Nähe entfernen. Aber die +Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten +erledigten Ministerstelle dürfte vielleicht das erste Symptom des +Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf +das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lächelndernster, +mit bangfroher Erwartung. + + + + +Das Barrikadenlied (1848) + + +Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Bürgerbrust! Jeder Freie ist +geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Laßt +uns graben, laßt uns schanzen! Fässer her und Steine drauf! Trottoire, +glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles hält die Kugeln auf. + +Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurückgewandt! Laßt sie +schießen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie +Brüder, haltet Stand! + +Faßt mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drückt die Büchse los! +Offiziere, könnt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in +Eures Königs Schoß. + +Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die +zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fünfte folgt +Ihr nicht! + +So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf +des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt! + + + + +Landtag oder Nicht-Landtag (1848) + + +Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemüter bewegt, fing klein an. Der +Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung +einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte, +wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die +in verworrenem Durcheinander über Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige +von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vorträge geworfene +Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn +zum Präsidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er +aber nicht zurückwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme +am gemeinen Wesen ede1ste Bürgerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren +Debatte verfaßte und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und +Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags +wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim überreicht. + +Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das +Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u. +19. März eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr, +die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gründe, mit +denen man sich bekämpft, sind nicht immer redlich. Ich finde es +unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der großen Masse sagt: Wollt +Ihr einen konstitutionellen König? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne +Beirat der Stände? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und +die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen +konstitutionellen König, wir wollen nichts ohne die Stände usw. Der König +ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht +haben. Der König hat sich mit dem Vereinigten Landtag früher als +absoluten Fürsten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben +diesem absoluten Fürsten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem +konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die +Konstitutionalität des Königs durch die Berufung des Vereinigten Landtags +beweisen will. + +Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas +neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphäre, vorteilhaft +auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdächtigen etwas die +Sympathie, die sich für ihn zu erkennen gibt. Die Buchhändler haben noch +so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager: +Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung, +eine Konsolidierung der Verhältnisse, die Börse will endlich Kurse +notieren. Die früheren Abgeordneten, die da merken, daß ihre Stunde +gekommen ist, regen sich auch. Sie möchten gern, das wittern wir in der +Luft, Römertaten von Entsagung aufführen, recht flatternd den Mantel nach +dem Winde hängen und die Lüge noch mehren helfen, die uns so schon +verdächtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und +vermehren das Mißtrauen in diesen alle Zeit ja rein prekär und von der +königlichen Gnade abhängig gewesenen Staatskörper. + +Man sagt, man könne eine moralische Versammlung nicht töten. Und doch +verlangt Ihr, daß sie sich selber töten soll? Ich gestehe, ich möchte +nicht auf den Bänken dieses Landtags sitzen mit dem Bewußtsein, daß ich +mich überlebt hätte, daß ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner +unmöglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken, +vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen +niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind +Provinzia1stände, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne +Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctorität, ja sogar erst die +Periodizität ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir +haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefühlt, wir haben +immer dahin protestiert, daß wir nicht die Stände, die 1815 versprochen +sind, vorstellen, und so können wir nichts anderes tun, als uns in +Provinzia1stände, was wir sind, auflösen, nach Düsseldorf, Münster, +Königsberg, Breslau gehen, für das Wohl der Provinzen sorgen und uns der +kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewährte, freiwillig +begeben. + +Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich rüsten +darauf: + +1. daß dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1ständig erscheinen, 2. sich +für inkompetent erklären und 3. von der noch gärenden Aufregung +vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird. + +Wünschen das die Minister? Können es die Freunde des Friedens und der +Ordnung wünschen? + +Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt +werden. Und überall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese +Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklären, sie würde von diesen +Provinzia1ständen nimmermehr Deputierte, die das preußische Volk zu +vertreten hätten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen +Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und +solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, daß man den Vereinigten +Landtag, als solchen, fallen läßt. Preußen bedarf in diesem Augenblick so +dringend der allgemeindeutschen Sympathie. + +Wir haben nötig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die +Konstitution bespricht, und dann erst mögen die neuen Stände kommen, die +vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament). +Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Stände. Wenn das +deutsche National-Parlament über vier der wichtigsten Lebensfragen eines +Volkes zu entscheiden hat, werden die Ständekammern aller deutschen +Staaten ohnehin nur gewissermaßen zu Provinzia1ständen herabsinken. Warum +streiten wir uns über das künftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es +sich nur um eine konstituierende Versammlung für Preußen, und diese muß +allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz +abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie möglich. (Dahlmann) hat gewiß +Kenntnisse preußischer Verhältnisse genug, um rasch ein solches +Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird +vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustände des +historischen Augenblickes, nicht an seine Göttinger Diktate zu halten. + +Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurück von einem +konstitutionellen König, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun +könne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller +König ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution, +die wir erst bekommen sollen. Ein Preßgesetz war rasch erlassen, ohne die +Stände. Da besorgte man, die Freiheit der Presse müsse doch gleich eine +beruhigende Form haben. Jetzt berufe der König eine konstituierende +Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder +so modifiziert, wenn nur überwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit +ehrlich entsprechend, werden ihm die Männer bringen, die allein die +Gegenwart und Zukunft organisieren können. Es ist sophistisch, hier von +einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der König ist in diesem Augenblick der +Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm +die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies +und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Stände, Inneres, +Äußeres, Deutsches, Preußisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt: +Der König darf die Bürgerwehr nicht ohne die Stände geben, die deutsche +Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt +Ihr von ständischer (Zustimmung) sprechen? In der gefährlichsten Frage, +wo der meiste Egoismus zu fürchten steht? + +Der Vereinigte Landtag enthält Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert) +sind. Seid gewiß, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen! +Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderäte usw., die durch Vorrechte +gewählt wurden und die lärmendste Agitation (für) den Landtag machen, die +wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags +erblick' ich auch nicht. Kräftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so +vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muß man sagen: Der Vereinigte +Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Königs geschenktes +(Rendezvous). Die Provinzia1stände sollen nicht sogleich vernichtet +werden. Sie mögen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine +Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich +mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille +auflösen oder, wäre es der Fall, daß das deutsche National-Parlament nur +Provinzia1stände um sich sehen will, einer neuen Organisation +entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stände ist etwas +rein Arbiträres, Zufälliges gewesen, und keinen Landstand kann es +beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert. + +Also, laßt Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich, +einseitiger Willkür. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen, +freien Gesinnung gräbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf +gebaute wahre Stände des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle +von oben aufhören. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist, +wollen wir froh sein, wenn die stürmisch gewesenen Vorboten des +angebrochenen Völker-Frühlings uns noch recht viel solcher Blüten vom +Baume der Majestät schütteln, wie diejenigen waren, welche wir in den +jüngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein +Wahlgesetz gibt jetzt nicht der König sondern das Volk, die Zeit, der +Sieg des Augenblicks. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Preußen und die deutsche Krone (1848) + + +Man kann es vom höheren, vaterländischen Standpunkte aus nicht billigen, +daß sich Süddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den +gewaltigen Umschwung unserer Verhältnisse hervorriefen, nur die +Ereignisse vom 18. und 19. März herausgreift und auf diese schmerzlichen +Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preußen desavouiert. Denn +was man gegen die Person des Königs sagt, trifft in diesem Falle das +Land, trifft Preußen und viel empfindlicher Deutschland selbst. + +Man berät eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu wählenden +kürzeren oder längeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier +Deutscher" steht es fest, daß selbst die freisinnige, deutsche, +hochherzige Bewegungspartei für die Idee einer preußischen Hegemonie ist. +Die süddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation, +einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten +anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. März +soll Preußen plötzlich "unmöglich" geworden sein? Darin liegt eine +politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit. + +Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir möchten sämtliche +deutsche Fürsten auf eine Art Standesherrenschaft zurückführen, ihnen in +Frankfurt (einem nicht gut gewählten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar, +Nürnberg wären besser) eine ehrenvolle und würdige Vertretung ihrer +Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein +temporäres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt +regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fürsten +ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen +Wünschen sich zu fügen; ja sogar größere Fürsten, die Könige heißen, ob +sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzöge oder Landgrafen heißen +sollten, ich sage, selbst größere haben Wärme und Gefühl für das +Gemeinsame genug, daß sie freiwillig ihre Souveränität angeboten und auf +den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein König +sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kräftig genug +fühlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser +idealen Richtung sich verwandter fühlt. Von Österreich würde man immer +nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn +auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche +Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen ließ, sie kann nur +vorübergehend sein. Warum nur vorübergehend? Weil einmal die +Persönlichkeit des gegenwärtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens +der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedüngten Grundlage im ganzen +Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewünscht werden +kann, daß Deutschland wieder in das Schlepptau der europäischen Politik +des Hauses Habsburg genommen wird. Was man für [die] Reorganisation +Deutschlands tut, muß ohne organische Aufnahme österreichischer Elemente +geschehen. Österreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein. + +So bliebe immer nur die preußische Anlehnung als die hauptsächlichste und +entscheidendste übrig. Das schlechte Preußische ist ja im Innern zerstört +und wird noch mehr zerstört werden durch Amalgamierung mit dem übrigen +deutschen Stoff; das gute Preußische aber ist für Deutschland so +wesentlich, daß es Torheit und Verblendung wäre, sollte sich auf ein +einzelnes Faktum, über das wir noch später sprechen werden, auf eine +einzige dem Königtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme +Preußens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in +Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher +Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwünschungen +ergehen, Lieder singen usw., aber die nüchterne Erwägung der Tatsachen +sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und über die Personen +nicht die Sache zu verlieren! + +Isoliert man Preußen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar +konstitutionell bindenden Königs, dessen Persönlichkeit indessen nicht so +nach Gefallen zu beseitigen ist, so könnte der deutschen Wiedergeburt +eine große Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die +Hauptstadt Preußens, pommersche und uckermärkische Bayards wiegeln die +unzurechnungsfähige altfränkische Loyalität der Bauern und den Ärger des +Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Führer sind geradezu +verdächtig, die ganze Maschine der Verwaltung läuft noch in den alten +Wellen und Rädern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung +und läßt im Adressenrauschen und Fraternitätspredigen vielleicht den +Moment der Tat vorübergehen, Rußland, das gerüstete, einige, feste weiß, +was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preußen unvorbereitet, +uneins, zögernd, den König verstimmt, abgekühlt durch Eure Proteste, der +Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Süd- und Westdeutschland +haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die +militärische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und +vertrauenerweckender Art. + +Preußens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fließens, +Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preußen in sich +aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preußen zurück? Ist es +nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch +Mißtrauen in das von Euch bespöttelte Berlin, dem Ihr in diesem +Augenblick allein den kräftigsten Beweis einer in Deutschland doch +möglichen Auflehnung gegen Übergriffe und Anmaßungen der Gewalt verdankt? +Berlin hat sich nicht nur durch seinen persönlichen Mut zur geistigen +Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fülle von Fragen, +die sich in politischer und sozialer Rücksicht hier allein aufgeworfen +haben. Man kam fast nirgends über die patriotischen und liberalen +Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des +Volkes auf. + +Nenn' ich die Isolierung Preußens in diesem Augenblicke unpolitisch, so +ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen +das preußische Volk, ungerecht sogar gegen den Fürsten. Was am 18. März +verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fürsten. In Wien ist +auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad würde +ebenso groß geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der +Absetzung Metternichs eine rasch ausführbare Konzession gehabt hätte. +Metternich stand schon so schwankend, daß er durch eine Straßenbewegung +fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militär als +solchem lieferte, dem Militärstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz, +es war ein fast persönlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fürst, +umgeben von solchen Generälen, solchen militärisch gesinnten Prinzen, +solchen militärischen jahrhundertalten Arroganzen, hätte ebenfalls feuern +lassen. Der König braucht darum gar nicht persönlich der "Würger" und +Schlächter zu sein, für den ihn die Heidelberger Adresse erklärt. Er ist +ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militärischen +Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brüder und +sogenannten Jugendfreunde, der Frömmlinge, der Volksverächter jeden +Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbständigkeit er +in sich selbst besitzt in dem Gefühl seiner nunmehr achtjährigen +widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen +vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise +umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise, +edel sein zu wollen, und dem Bewußtsein, gut, gerecht, weise, edel sich +selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenüber immer als das Gegenteil +davon hervortrat: so ist es im höchsten Grade ungerecht, die völlige +Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. März die Lust bezeugte, das +Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn +innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an +die deutsche Sache zu erkälten. Noch bedürfen wir, um das, was in +Frankfurt bezweckt wird, auszuführen, der Persönlichkeit unserer Fürsten. +Noch kann die Reue, das Bedürfnis nach Popularität, der geweckte +Enthusiasmus des preußischen Königs in die Waagschale der Frankfurter +Entschlüsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem, +was am 19. in Berlin geschah und wie es in München, Kassel, Karlsruhe, +Hannover geschehen sein würde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine +kräftige Miene gezeigt hätte! Mit Worten ist in Städten, die ich nicht +nennen will, von unseren Fürsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin +mit Waffen. + +Deutschlands Wiedergeburt unter dem preußischen Banner ist, so lange wir +in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige +kraftvolle und Zukunft versprechende Lösung des Augenblicks. Wollt Ihr +die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so könnt Ihr nur den +Mächtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person +vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen! + +Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer +unüberwindlichen persönlichen Abneigung, so treten folgende Fälle ein: +Erstens werden wir um die Rußland in Schach haltende polnische +Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus +friedlich geschaffenes Königreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich +sich abfinden dürfte. Zweitens hätten wir die russische Invasion, die ein +innerlich zerworfenes, militärisch unorganisiertes Deutschland, ein für +den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preußen vorfände. Drittens +endlich, wer schützt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten, +grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Schoß der +nächsten Zukunft, wenn Süddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten +so fortfährt, wie es begonnen, es sei denn, daß der König von Preußen, +der großen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstände, +den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung" +gegeben hat. + + + + +Abwehr einer Verleumdung (1850) + + +In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die +Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des +politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb +als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden, +weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. +Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber +doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht! +Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er +wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen" +herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern +hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht +sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte +Barrikaden befehligt? + +Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, +wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir +Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich +bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense +sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich +habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit +Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines +Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer" +fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem +Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und +Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt, +Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht +erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als +ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach +verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich +wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er +mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie +nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht +mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem +patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen +Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für +revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und +ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin +ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal +zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am +liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier! +Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu +allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, +Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. +Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem +Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne +Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie +jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und +zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam +freilich für immer sehr weiß heraus. + +Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein +"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt", +so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit +entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen +Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de +Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also +während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines +Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich +beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen +Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, +weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der +war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und +dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die +trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert. + +Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten +Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken +und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können, +doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als +rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es +nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert +oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück. + +Dresden, 23. Februar 1850. + +Dr. Karl Gutzkow + + + + +Varnhagens Tagebücher (1861) + + +Wir mögen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in +manchen Blättern über Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlaß +ihres Oheims (zwei Bände, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet. +Die Ausdrücke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region, +wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen +getroffen fühlt. + +Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei +ersten Bände treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persönlichster +Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen +Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier +verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die +kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu +Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewährt es einen hohen Genuß, +sich sagen zu können: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzügen +deines Lebens beteiligt, fühltest dieselben Gewaltschläge der Schergen, +hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste +lebt sich ein älteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen +noch einmal wieder sein eigenes Leben durch. + +Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veröffentlichungen, sie +lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietät vor der +gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und +vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur +in hastiger Erwartung des Zukünftigen unsere Befriedigung zu finden. Je +massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die +Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des +Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und +Persönlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der +Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflüster +der Göttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persönlichkeitskultus, +den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitäten willen +verurteilen wollen. + +Welche Fülle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bände enthalten, +ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir können allerdings den +verstehen, der die Möglichkeit, solche Tagebücher zu führen, in mehr +bedenklichen als guten Charaktereigentümlichkeiten finden will; das vor +uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und +nützlich. So viel läßt sich bei jedem einigermaßen Urteilsfähigen +voraussetzen, daß ihm nicht jede dieser flüchtig hingeworfenen Äußerungen +maßgebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht +alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen; +Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es +nur allein schon den Hochgestellten und Mächtigen, daß sie überall sich +eingestehen müssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fußangeln +gewarnt, aber hüte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht +zu sein! + +Auch darin müssen wir eine höchst interessante Wirkung dieser +Veröffentlichungen sehen, daß wir die außerordentliche und fast +unglaublich scheinende (Natürlichkeit) kennenlernen, die in gewissen +höhern Regionen waltet. Möglich, daß zwei Dritteile dieser hier vom Hofe, +den Prinzen, den Staatsmännern Preußens aus den oben genannten Jahren +mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzählt oder leere Erfindungen des +Gerüchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurück, um uns ein Bild +dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen +der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stürmt der Zugwind am meisten +um große, alleinstehende Kirchen und läßt schon in der Legende den Teufel +da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fürsten und Regierende +genug selbst gesprochen, teilt Äußerungen von erlauchten Lippen genug +selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu +erwecken: So also beängstigt euch Herrschende doch die Zeit und die +tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite +steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt +hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche +Leidenschaft der Menschen nicht--! unablässig Wirkungen hervor, deren +Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles +so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen +so heiß siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie +vorläufig! Diese Hände konnten mächtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht +dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den +Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektüre dieser +Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso +hilfsbedürftige Menschen schildern, wie wir selbst sind. + + + + +Vorläufiger Abschluß der Varnhagenschen Tagebücher (1862) + + +Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken +über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen +Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal +ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht. +Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint +uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben +sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein +psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes +uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die +Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte +in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre +hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der +Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von +derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes +geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger +Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht- +lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des +Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein +eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und +lehrreich ist. + +Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit sind allerdings diese +Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerückt. Aber waren wir +denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften +Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer hätte nicht damals sich +mitten auf die Straße stellen und seine Stimme laut erschallen lassen +mögen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksführer zu +entlarven, Abtrünnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten +preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die +auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden +Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland, +zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen, +falschen, der nächsten Klugheit widersprechenden Maßregeln die sonst +ruhigsten Gemüter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der +Fürsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen +Zündstoff, um die Gemüter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier +oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken, +Bösewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder +zwischen den Zähnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste +Vergegenwärtigung einer Zeit vor, die leider für die Wiederaufnahme +dessen, was sie uns hätte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und +nutzlos vorübergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu +entrücken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den +Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es +wäre ein unermeßliches Unglück für unser Vaterland, wenn die Stunde der +Erlösung von unsern gegenwärtigen, von den Regierungen ja selbst für +unhaltbar erklärten Zuständen zu einer Zeit schlüge, wo die Lehren der +Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wären. + +Deshalb schon und um dieser nützlichen Vergegenwärtigung der Lage willen, +in welche Deutschland bei einer verhängnisvollen Krisis immer wieder aufs +neue wird geraten können, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen +mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und +"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mögen doch +nicht glauben, daß man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden +sind, nun wirklich dafür halten und in der Geschichte als solche stempeln +wird. Viele davon mögen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber +auch diese mögen annehmen, daß die öffentliche Meinung an ihre Reue und +an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrät der Ton dieser +beiden neuerschienenen Bände, daß der Verfasser der "Tagebücher" wirklich +an der Zeit krank war und über die Täuschung seiner Hoffnungen oft sein +Herz brechen fühlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden +und geschildert wird, ist in der Tat erschütternd und versöhnt uns nicht +nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern überhaupt mit +manchen Zügen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns früher nicht +hatten befreunden können. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte +der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an +den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schöner nicht in den Werken +der berühmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet. + +Auch diese neuen Bände werden vielen Federn Anlaß bieten, in mannigfacher +Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift +fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken, +die auf den politischen Charakter Preußens und Berlins geht. Jene Jahre +waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten +sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die +Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geäffte +Bürgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewältigenden +Straßengeist Berlins, sondern an die Sphäre der Intelligenz und der +privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentümlicherweise +aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition +gestellten Militärs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur +Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen, +Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphäre ist so +höchst auffallend, daß man die Gefahren des Throns weit weniger versucht +wird in der demokratischen Sphäre zu suchen als da, wo der Thron seine +Stützen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlässigkeit, Rachsucht, +hämische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer müßiggängerischen +Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen +Nachen denken läßt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und +Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher +Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche +Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsführung anstreben. Denkt +man sich diese spezifisch berlinisch-preußischen Elemente beim Beginn +eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so +außerordentlich viel Weisheit, so außerordentlich viel (nur durch die +Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten +Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen läßt, +ernstliche Besorgnisse einflößen. + + + + * * * * * + +III. Drei Berliner Theatergrößen + + + + +Ernst Raupach (1840) + + +Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben. +Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu +schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen +nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt +haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht +die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat +von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht +für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen) +zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls +wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf +schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die +Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen +Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen +Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche +darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man +seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß +Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende +Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen +werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen +bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die +Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen. + +Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der +Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür +anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen? +Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte +von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn +Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus +seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt' +es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines +Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer +derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben +den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen +Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig- +faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler, +weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht +Vergängliche verschwenden ... + + + + +Ludwig Tieck und seine Berliner Bühnenexperimente (1843) + + +Es bestätigt sich denn wirklich, daß nach des Sophokles "Antigone" nun +des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Königl. Hoftheater in Berlin zur +Darstellung angenommen und zu demnächstiger Aufführung bestimmt zu sein. +Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh. +Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chöre zu instrumentieren. +Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit +denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden füllen können. + +Die ästhetische, lebendige, durch und für die Zeit lebende Kritik kann +aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muß sie dieses +pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfüllen. Sie muß es +unerschrocken aussprechen, daß die Vergeudung der Kräfte, die eine solche +scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet, +eine unverantwortliche Beeinträchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur +eine Beeinträchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart. + +Tieck mißachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehässigen Gesinnung +gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener +Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, überall, nur nicht da, wo er +durch seinen Einfluß der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des +Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von +Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorführen lassen, nur eine dem +Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehörende Bühne sollte vor dem +Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und +literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v. +Küstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen +Chimären, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gänzlich fremd, +hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluß so gering, daß er +unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wünsche sein +muß,--so ist es noch schlimmer. + +Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine +gründliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches +Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen für Kunst und +Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere +Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mütter bringen? +Bedürfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der +Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht, +jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedürfen wir zur +Belebung des Sinnes für höheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die, +überwiegend von der Musik unterstützt, durchaus ein für das rezitierte +Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen können? Ist die Weltanschauung +der antiken Tragödie eine erhebende für das Christentum, eine belehrende +für den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat, +als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter, +Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene +Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln? + +Ich höre, ein derlei praktischer Nutzen würde auch mit den Zitierungen +jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die +Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der +befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muß man herzlich die +Täuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von +Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik +unterstützte Tragödie für die griechische der alten Welt halten kann. +Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplätze +für den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefähr aussieht, wie die +Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere +Gymnasiasten klassen- und cötusweise in eure antiquarischen Spielereien +führen! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des +Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich, +ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am +Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen +polemischer Tendenz. Ihr lügt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie +existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart, +die das Unglück hat, jünger zu sein als ihr! Um von den "Götzen des +Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Götter, Götter, die nie +existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Ölgötzen, Ödipe mit Souffleur- +kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgänge spielen, Chöre, die sich auf +den Kontrapunkt verstehen! Lüge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige +Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schämt euch, so eure Zeit zu betrügen +und die Kunst zu hintergehen. + +Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolität. +Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich für Organismus ausgibt, +alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkür ist und den +Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck über das belletristische +Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller +Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm +lästig, Ernst drückend, das Erhabene nur willkommen, wenn es möglicher- +weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer ließe ihn nicht in dieser +seiner Art gewähren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre +Grenzen. Die Ironie hört auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter +Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei +der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum +Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner +Häuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und +Trollgeistern, die dich im grünen Waldrevier deiner Talente bewundern und +bedienen--aber laß vor den heiligen Räumen des Ernstes deine Schelmenkappe +zurück: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bühne, was sie +jetzt ist, die Bühne als Träger und Organ höherer Sittlichkeit: das sind +Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten +darf. + +Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurück, so muß sich +unwillkürlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen, +reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen +weiß, wenigstens keinen, der über einige heitere und witzige Schriften +hinausging. Das Theater schien sein nächster Beruf. Er wäre gern +Schauspieler geworden und würde in dieser Laufbahn, von der ihm Schröder +abriet, vielleicht Großes geleistet haben. Er persiflierte in seinen +unaufführbaren Komödien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes +für ihn geben zu können. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten +Richtungen lächerlich, von denen sie später eingestehen mußten, daß sie +noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmächtigen romantischen +Produkte, über welche Tieck in seinen spätern dramaturgischen Blättern +berichten mußte. Aus Verzweiflung, daß "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw. +für die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf +Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so überpries, daß sich +zwischen Altem und Neuem förmlich eine unüberschreitbare Kluft öffnete +und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier +Anbetungswürdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines +Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber überschwenglich nur loben +konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer +Bühnenkenntnis, nicht ein einziges Bühnenstück schreiben können. Nicht +ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das +diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, für +jeden Produzierenden gefährlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so +viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich +muß das Bewußtsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und +ihn gegen seine Zeit so mißstimmen, daß er sich lieber in die antike +Bühne wirft, als frei und tüchtig der Gegenwart Rede zu stehen.... + + + + +Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846) + + +Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine +Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als +alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit +Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als +eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein +notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die +Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls +ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater +sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die +Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten +Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln, +bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren. + +Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht +angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen +alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine +Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden +sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die +Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen. +Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle +Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen +aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben +Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich +auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben +das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die +Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den +Hauptgrundsätzen nur zu billigen. + +Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel +beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze +Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich +erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer +Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei +der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen +zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist +vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen +Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle +Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in +empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen +repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon +mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen +unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten +weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein +Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt, +gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile +ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und +Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich +für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale +weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein +Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau +von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger +für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf---- + +Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn +es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr +aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert. +Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte +ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den +Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese +mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen. + +Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen +sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei +Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir +einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in +ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen +Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf +Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria +Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der +Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer +stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation +aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton +wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein +Urteil zu haben. + +Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie +ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie +der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine +bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie +würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte +St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von +deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem +französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!) +befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die +Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle +Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst. + +Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung +von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin +mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel: + +(Anna von Österreich. + +Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman: + +Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl. +Birch-Pfeiffer. + +Erste Abteilung. Ein Taschentuch. + +Zweite Abteilung. Der Musketier. + +Dritte Abteilung. Der Kardinal + +Vierte Abteilung. Zwölf Tage später.) + +mit oder ohne diese Titel-Aushängeschilder nicht auf die Königliche Bühne +gehört. Herr von Küstner sollte sich hüten, seinen Gegnern mit solchen +Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben. + +Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf +den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt über die Königsstädter über +die Königliche Bühne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs, +Döring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rücken für Alexandre +Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei +Musketiere ins Feld. Herr von Küstner glaubt die hohe Aufgabe, jährlich +sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches +Repertoire lösen zu können. Wenn auch Graf Brühl sich im Grabe umdrehen +sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen +Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer +Straßenecke lesend, lächeln, höchst ironisch lächeln sollte, Herr von +Küstner führt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf! + +Früher war das Verhältnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stück +gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah, +ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrührte +oder ob sie sich, wie Kühne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet" +hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Günstlinge" +usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Würste" aber +gingen hinüber in die Königsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die +Pfefferrösels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heißen, +die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den +Romanen Storchs, Dörings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhängenden +Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere würde Graf Redern (nicht als +Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Königsstadt geschickt haben. + +Herr von Küstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben +hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich +an, stattet sie mit Glanz aus und würde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn +Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" hätte, ohne Zweifel für sich behalten +haben. Ich meine nun, dieses System wäre sehr verwerflich und der +allgemeinsten Entrüstung würdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn +von Küstner müßten ihm entschieden andeuten, daß es dem preußischen +Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrückt, mit dem +Überschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wäre. Ich meine, +daß sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden hätte sein und sagen können: +"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stücke, die +schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!" +Allein Macht und Übermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken: +Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ... + +Deshalb weise Herr von Küstner seinen über die Maßen protegierten +Günstling in die Schranken, die ihm gebühren! Vielleicht glaubt man +mir's, vielleicht nicht, daß ich mit schwerem Herzen an die Abfassung +dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe +seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben; +ich gönne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich +will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen, +ich will nicht spotten und selbst für die ironischen Stellen dieses +Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mißbilligung treffe Herrn +von Küstner, der monatelang keine Neuigkeiten aufführt, in den Berliner +Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten +Vorbereitung unterhält und dann plötzlich in aller Stille, zur +günstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die +Königsstadt gehört, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der +Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr +treten? Ich für mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile für die Bühne +geschrieben hätte, würde es unverantwortlich finden, daß die Berliner +Hofbühne diesen, aus schnöder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig +Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire +aufnehmen darf. + + + * * * * * + + +IV. Aus dem literarischen Berlin + + + + +Der Sonntagsverein (1833) + + +Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der +Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, daß der +wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fünf Jahren in Berlin +jenen ersten Verein gründete und ihn witzig nicht die sondern den +Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem +Namen zu unterdrücken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen, +als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen. +Saphir wußte diese Gesellschaft bald zu bevölkern. Die Zahl seiner +Schüler und Verehrer war beinahe ebenso groß als die seiner Feinde. +Saphir zeigte, daß der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, daß die +Phantasie alle Lücken ausfülle und der Götterfunke auf keine +Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den +seinen Gegnern ausgeschlagenen Zähnen aufwuchs und sich mit Begeisterung +unter seine Fahne stellte. + +Die Seidenwarenhändler in der Breiten Straße tobten, daß ihre +Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfüße maßen, um +Scharaden, Logogriphe und Rätsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit +klopfendem Herzen in Saphirs Blättern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf +dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verführungsgeschichten +und Schlägereien ins Reine schreiben und übten sich in der literarischen +Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstraße immer willkommen +waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hörten, machten +humoristische Ausflüge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost" +und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres großen +Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwähnen, daß für die Juden ein ewiges +Laubhüttenfest der Poesie angebrochen war, daß sie sich ihre satirischen +Adern öffnen ließen und unter dem Schutze ihres großen Messias alles +taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blühte die +Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Früchte, von denen sie zum Besten +der Überschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Später kam +die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswürdigen Freundes +Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden. +Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir +emanzipiert und hören nicht gern, daß man sie an die Schule ihrer Talente +erinnert. Die beiden vorliegenden Bände ["Rosetten und Arabesken. +Novellen, poetische Gemälde und satirische Skizzen der jüngern +Serapionsbrüder. "] führen den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des +Sonntagsvereins" und geben den Maßstab für das, was dieser war, ist und +sein könnte. + +Zwanzig Köpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfälle und +Ausfälle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repräsentanten gefunden, +und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die große Zahl +sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kämen z.B. Ludwig +Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehören, +weil sie kürzlich mit zwei großen goldnen Verdienstmedaillen belohnt +worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens- +bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt' +ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergießungen über die richtige +Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitläufig +und ich begnüge mich nur anzuzeigen, daß diese beiden Bändchen eine +Musterkarte von Trivialitäten, geistlosen Gedankenspänen, kurz von +literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W. +Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt +in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832: + +Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorüber! Vergebens sucht Ihr es +im Buch der Zeit! + +Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher +Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten" +von Wilhelm John erregen allerdings Gelächter, weil sie bewunderungs- +würdig fade sind. Man höre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, +daß Enthusiasten häufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind. +Hieraus könnte man schließen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei, +daß sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen können." Wie +dumm! Ferner: "Die gröbsten Ausfälle werden gewöhnlich am meisten gegen +diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfälle haben." Ich hätte +Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull +es nur mit dem zweiten könnte. Ferner: "Der Witz des Pöbels gleicht +mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glänzen." +Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht, +originell zu sein, hat das Originelle an sich, daß sie Narren bildet." +Ach! Es ist genug. + +Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem +Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine über dies +Mittelmaß hinaus. + + + + +Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835) + + +Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt! +Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch! +Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige, +lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer +Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen +Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste +Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden, +da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen +eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen +Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder +wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft, +unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid! +Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der +Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den +Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter +seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf +der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch +geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist +in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod +der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße +und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde, +könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es +sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch +ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original, +daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann. + +Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr +Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind +nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man +rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher +Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten +kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu +zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie +zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat +Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen +behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste +Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure +Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den +letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal +einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt +nicht das Urteil, sondern die Erklärung. + +Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war +ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war +eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt, +und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine +allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die +bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft, +und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt. +Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um +ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das +höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte, +angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für +beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf +wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und +des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide +Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort- +lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus +wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden +nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen +idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon +hatte. + +Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde +ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte +keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen +Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt +anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit +selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie +war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die +Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806 +gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und +immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde; +sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von +Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel +von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem +Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren! +Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte +sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing +erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie +nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so +blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille. +Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles +bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen +sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war. + +Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut, +luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den +Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn +Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die +Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit, +russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und +nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und +Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher +holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen +hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man +wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist +in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo +in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen +war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet +er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken +sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel +wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die +Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung. +Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert, +und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht +anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die +Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem +Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden +Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles +Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne +Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es +früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter +ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der +nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das +Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit +vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der +Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke +sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone +aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben +muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter, +tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder +unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen +affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo +die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der +rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes, +stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer +Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger +Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des +Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen +Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den +Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche +Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich +aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So +fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht +dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte +er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit, +daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht +haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen +Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er +fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um +originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im +Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem +Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte. + +Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in +diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln +zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe, +sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage +seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche +ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und +sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei +großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte +und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher +macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes +und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne +bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in +Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen +Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr +glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe +sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich +der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen: +Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die +stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne. +Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht +tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen, +blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der +Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im +Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den +gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis +des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede +Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte. + +Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die +Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle +nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein +unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie. +Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du +tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an. +Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du +die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in +den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch +Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im +Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das +Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du +empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende +eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das +Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es +ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist, +sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn +es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein +Gedicht rundet sie nicht ab. + + + + +Diese Kritik gehört Bettinen (1843) + +(Nil divini a me alienum puto.) + + +Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen +hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst +erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die +verschmachtende Kehle hinunterschüttet und mit Wollust die benetzte Lunge +zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im +Kristallglase ihrer stilistischen Schönheiten, mit all den wunderlichen, +eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die +anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der +uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht südliches +Rebenblut, durchduftet von den Blüten des Orients oder gewürzt von +zerstoßenen Perlen der Märchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische +Quellflut, reines kristallhelles Naß vom Borne der Natur, aus der +Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche, +gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewürzten +Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser +täglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem +ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und +Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein +volles Glas, wo die Felsen-Kühle mit tausend Tropfen die innere Wand +beschlägt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden +Champagnersänger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung +und Kühlung, Erquickung und Stärkung, Trost für das Vergangene und Mut +für das Werdende! + +Das neue Königsbuch dieser merkwürdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne, +daß es wie herbstliches Geblätter eine Weile raschele und unterm +Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat, +die weit über den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehört +dem König", es gehört der Welt. Es gehört der Geschichte an, wie Dantes +"Komödie", Macchiavellis "Fürst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft". +Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von +Millionen gefühlt werden, gesagt werden mußten. Man wird diese Dinge +bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und +man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen +Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heißt es, das +starke Ende kommt nach. Mit des kühnen Strauß' "Leben Jesu" ging es +ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm +niederfällt. + +Wer noch nicht nach den beiden kleinen Bänden gegriffen hat, wer noch +schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie +einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zügen", wie +die Studenten sagen, trinken und allmählich in sich aufnehmen muß, dem +diene folgendes als Erläuterung: Das merkwürdige Buch trägt seinen +persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in +diesem Titel. Dies Buch gehört wirklich dem König und mußte so heißen, +durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den König +geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der +Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfaßt, und deshalb von +Tausenden von Männerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das +Organ einer allgemeinen Ansicht, die kühne Vorrednerin ist, die Jeanne d' +Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem +Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, daß nur ein Weib das +sagen durfte, was jeden Mann würde hinter Schloß und Riegel gebracht +haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umständen, in diesem +Zufall, daß eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und +ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine +Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der +Gesellschaft veröffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht +einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-großartig ausgesprochen +hat, darin liegt etwas, was göttliche Vorsehung ist. Dem bedrängten +Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen. +Windet Euch, baut Bücher auf Bücher auf, sprecht Anathema über Anathema, +die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen +in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung +haben will, diese Glut einer Überzeugung, die sich wie ein feuriger Strom +durch die Lande wälzen wird, ist nicht zu dämpfen, nicht auszulöschen. +Den Handschuh für die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist +immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren. + +Bettina gehört zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug +wie Schlangen sind. Sie redet zunächst nicht zum König von Preußen. Sie +malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen +Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gemäß, +kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht +scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von +Napoleon und läßt die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden. +Sentimentale und Tartüffe-Gemüter, die immer wollen, daß man die Sachen +von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen" +sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher +Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die +Verantwortung so himme1stürmender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund +legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Füßen gesessen, weiß, +welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom +Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen, +die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen +Begriff, eine poetische Individualität, wie sie der Dramatiker schafft. +Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafür im +Jenseits nicht mit Plato zürnen. Der Vater ist verantwortlich für den +Sohn, der Staat für den Bürger (Bettina führt diese Pflicht mit +besonderer Vorliebe aus), der Lehrer für den Schüler. Von großen Menschen +bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist +geboren wird. Und so ist auch jenes Dämonion, jene höhere Weihe und +plötzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates, +nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften +Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt +Bettinen, die es wagen darf, den kühnen Heldengeist jener Frau mitten +unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms, +von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein +und dem Bürgermeister von Holzhausen redete. + +Der erste Band des Königsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate +gewidmet. Die Beweisführung in beiden ist die des ursprünglichsten +Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug +und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Rücksichten der +Selbsttäuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie +Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen geflügelten Hufen, der Bahn +der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenröte +aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren kühnen Händen, noch +sind sie leer, aber nicht ein Wort der Lügen, die darauf standen und die +sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen +stehen dürfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste +Positivität des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine +indische. Sie ist kein Behagen, keine träumerische Wollust in sich +selbst, sondern ringende, kämpfende Freiheit, griechische Freiheit, wie +sie sich in der Palästra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen +erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im +Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen +Bergeshöhen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestrüpp und Genist +nicht ins blinde, wilde Ungefähr hinein, sondern nach einem erhabenen, +edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfaßt, Gotteswürde und +Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im höchsten, im +majestätischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als +die Natur, die Vernunft und der freie Geist! + +Die übliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie +unserer Zeit wird über den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreißen und +siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen +Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfähigkeit. +Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma +ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Möglichkeiten +der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern +die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage +nicht, daß sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums +ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein +Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kämpfe lehrt, daß für +die Freiheit schon unendlich viel gewonnen wäre, könnten wir nur auf der +Hälfte des Weges, den Bettina schon zurücklegte, Hütten und Zelte bauen, +geschweige Kirchen im Sinne dieser Hälfte. Der Erfolg dieses Buches, wie +weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird, +läßt sich noch nicht ermessen. Erst muß die wilde Jagd der Gegner kommen. +Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab! + +Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band. +Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man höre, was er +enthält, und erstaune über dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die +heißeste, glühendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten, +daß der Kommunismus viele Anhänger finden wird. + +Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat +schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Märtyrern stempeln +und zöge die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das +erste ist wahr. Man schreibt so viel Bände über die Gefängnisse, über die +Verbrecher, über die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten, +und doch bleibt es unwiderleglich, daß die wahre Politik, die Politik im +Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Mögen +wir nun an die ursprünglich gute oder ursprünglich böse Menschennatur +glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung +einen so hohen Begriff, daß wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur +Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum +mißlingen sie so oft? Unsere gewöhnlichen Quacksalbereien müssen doch +wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schäden der +Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz +verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige daß sie +bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenüber war es +mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitäler, neue Quarantänen, neue +Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als höchstens die +sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da: +jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa +sporadisch, sondern so allgemein, daß die Gefängnisse keinen Platz haben. +Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwächter und Gensdarmen, die +Bürger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer +sperrt sich ab gegen den andern und der Störer dieses atomistischen +Staates wird unschädlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not +des nächsten Augenblicks geboten wird, so muß man sie gelten lassen; +erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden +Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum +achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen +schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein +Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und glücklich +erhält, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls +angelächelt hat? + +Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein +herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von +Göler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf +hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan +hatten, äußerte in seiner würdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er +müßte für das Christentum erröten, wenn er bedachte, daß der milde Geist +der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen wäre, um +nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, für immer unmöglich zu machen. Er +sagte: Erröten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, errötete +für die geringe Wirkung seiner Lehre. Errötet wohl ein Beamter für den +Staat, der ihn besoldet, ein Minister für die Lappalien, die er in seinem +Portefeuille einschließt, erröten unsere Richter für die Verbrecher? +Nein. Höchstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun muß. +Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren +denn unsere großen Staatsmänner nur als sich? Wie ist es möglich, daß +durch diese Politik der Bürokratie, der Edikte, der Verbote, der +Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener +wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den +Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses +Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den König, dem +sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreißende, so feurige Apostrophen, daß es +rührend ist, wenn man sich sagen müßte, der Brief ist unsterblich, aber +er wird seine irdische Adresse verfehlen. + +Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat wörtlich verstehen +wollte, bewiese nur, daß er zu den Langweiligen gehört. Kein Langweiliger +hat Sinn für den Humor. Humoristisch ist aber ein großer Teil der +sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die kühne Opponentin mit den +Verbrechern zu stiften vorschlägt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu +tun, einen Räuberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum +Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr +eigentümlicher Ausdrucksweise, daß das Kapital von Mut, Schlauheit und +Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf +edlere und dem Gesamtwohl nützliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik +dieser Beweisführung ist teils Überzeugung, teils Neckerei. Es ist +durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gespräche +belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich +gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen +Vögel der Gegenpartei wieder flattern läßt, um sie nach kurzer Freiheit +wieder aufs neue einzufangen. Fast im schäumenden Übermaß dieser Ironie +sind die "Gespräche mit einer französischen Atzel" geschrieben. Hier ist +selbst die Frau Rat die überflügelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit +seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein +verzauberter Höllenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und +schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel +dient. Er möchte, daß die ganze Welt des Teufels wäre und schwätzt die +Dinge, die oben stehen, kopfüber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht +an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden +Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad +denunzieren werden. Bettina wäre mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele +humoristisch genug, für die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie +einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden. +Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum +soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die nächstens +die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel eröffnen wird, wird +sehr komisch sein. + +Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als daß es +komisch schließen dürfte. Es schließt mit dem Septimenakkord des tiefsten +Schmerzes, es schließt erschütternd, herzzerreißend, tragisch. Wessen +Auge über dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen +kann, ohne in Tränen zu schwimmen, der muß ein Herz von Marme1stein +haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in +dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Häuser +durchwanderte, an die Türen pochte, eintrat und sich nach den bittern +Lebensumständen, die hier zusammengepfercht sind, gründlich erkundigte. +Die Namen sind genannt, die Türen bezeichnet, hier hört jede Fiktion auf. +Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf +Stroh, stündlich gewärtig, ausgepfändet und auf die Straße geworfen zu +werden mit Greisen und Säuglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern +oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei +und verlassen von jener Behörde, die ihr nächster Schutz und Schirm sein +sollte, der städtischen Armendirektion. Für die Mitteilung dieses +Gemäldes verdient Bettina den Dank jedes fühlenden Herzens. Jede Träne +dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen +Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht höher als jede +idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben, +aber die Farben sind echt und der Fürst, dem sie ihr Buch widmete, hat in +dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball +abbestellt, sicher die Zurüstungen eines glänzenden, nur Staub +aufwühlenden Manövers auf die Hälfte des angesetzten Etats reduziert. +Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch +die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser +Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen +Anhänglichkeit an das Vaterland und den Fürsten, die sich selbst in +diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin überbrachte der +Ordenskommission (fünf Orden), die ihr gestorbener Mann im +Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein für alle Mal +fünf Taler (kaum den äußern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie. +Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der kühnen Frau, die dieses +Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem +(Bürgermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von +diesem Anhang kann man nicht glauben, daß er spurlos vorübergehen wird. +Nicht nur, daß die Berliner Armendirektion, eines der unpopulärsten +Institute der Residenz, einer gründlichen Reorganisation unterworfen +werden muß, auch die höhere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne +sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem +Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknüpfen und einer +unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage +wird um Antwort drängen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in +Almosen, sondern in durchgreifenden Schöpfungen bestehen müssen. Und der +edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf +dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer +Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit, +dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen +Verdienstes prangender, als weiland ihre schönsten Blumenkronen aus der +Periode ihrer romantischen Naturmystik. + +Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen +wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine +Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der +er Rom aus einem Räuberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der +König von Preußen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen, +aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblättert, er hat die Widmung +gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg +gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland +und Preußen insbesondere hoffen, daß von der mächtigen Beredsamkeit einer +Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn +angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zündet, +doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung übt, in ihm +zurückgeblieben ist. + + + + +Ein preußischer Roman (1849) + + +Die kluge und soviel man wußte ziemlich demokratisch gesinnte Fanny +Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die +Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre +sonst so freiheitglühende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmückt, +das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und +Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom +Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die +Etikette und eine gewisse loyale Pietät für hohe und höchste Personen +gesündigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preußenvereine wissen +sehr wohl, daß man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann. +Dies edle Kern- und Grundgefühl preußischer Herzen kann nicht mehr +überall der Ausfluß unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der +Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte, +sondern dies Gefühl muß jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der +Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat +Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu +jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den +Beweis führen, daß auch in jenen Regionen menschlich empfunden, +liebenswürdig geschwärmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal +den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgänge der Literatur, die schon die +Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Gräfin +Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin +Diogenens, rettete ihr wieder die Könige und die Prinzen. + +Wir erfahren in diesen drei mit großer Gewandtheit geschriebenen Bänden, +daß es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preußen +gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war, +sich vom Zopf Friedrichs des Großen und derer, die diesen Zopf für das +Palladium des preußischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik +trieb, viel Schulden machte, Militärexzesse begünstigte, die Franzosen +und ihre Republik haßte und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz +preußischer Waffen fühlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806 +seinen Willen tat und den Krieg erklärte, fiel er in dem ersten Gefecht +gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber +deren liberale Grundsätze er haßte. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand +so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander +gerühmt worden, daß man sein Leben wohl für beachtenswert, seinen Tod +rührend finden kann. Wie aber sieht es mit einer näheren Prüfung dieses +Ruhmes aus? Wie muß sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese +äußerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen näher +zu bringen? + +Wir gestehen, daß Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes +sehr wahr auffaßte. Statt aller Kritik über ihn hat sie sich ganz einfach +in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche für den schönsten. +Da ist kein nüchternes Räsonnement, da ist keine Prüfung, kein Abwägen +von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt +hat. Und gerade das muß den Treubund entzücken, gerade daraufhin kann +Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jüdin, eine +eifrige Verfechterin der Grundsätze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht +da eine Märzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten +für preußische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkränzen unsern +Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den +Bahnhöfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefärbten Bajonetten in +ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Männer und Frauen +einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts für die Menschheit leistete, +sich aber als Hohenzoller fühlte! Und eine Demokratin trägt uns hier die +schwarzweiße Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur! +Die berühmte Gegnerin unserer unübertrefflichen Ida! + +Fanny Lewald wird sich über den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber über +mich, der ihn so reden läßt, sehr erzürnen. Sie wird, ich seh' es, alle +diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung für einen preußischen +Prinzen zurückweisen, sie wird, ich hör' es, ausrufen: Kleinliche +Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens +folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr +möglich bleiben, daß man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt, +sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer +George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels +und Prinzenpaläste, mit Interesse, ja mit Liebe umfaßt und das Schöne, +Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das +hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie +hat sich ohne Zweifel noch größeres gedacht. Sie hat das Bild eines +zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt +unüberwindlich dünkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit +vorhalten zu können, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militär und +Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die +Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische +Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist, +ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung +festzuhalten und so den Vorwürfen zu begegnen, gegen die sie als strenger +demokratischer Charakter empfindlich sein mußte. + +Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie +hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern +wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der +Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise" +mit einem liebenswürdigen, genialen Prinzen des königl. Hauses in +Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen, +mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg +ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen. +Statt, wie eine künstlerische Intuition ihr sagen mußte, den Prinzen +episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren +Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und +alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu +lassen, macht sie diese selbst zu Hauptträgern der Handlung und gibt eine +romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der +Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie +gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll +erscheinen läßt, während sie doch meist nur frivol und sittenlos sind. +Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berüchtigten +Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und +interessant, so drapiert mit dem großen Umschlagetuch grell-moderner +Ideen und großblumiger Empfindungen, daß man erstaunt, wenn man sich +denken muß: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser +Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbröckeln und in +die ihr eigene großstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblättern, wo +Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfümierte Billetts, von +galonierten Jockeys auf silbernen Tellern präsentiert, alle Schmerzen +"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens +Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny +Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentöchter interessant zu finden, +die beim Blasen der Gardekürassiere an die Fenster rennen, sich in Helme +und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewähren, was Prinzen +nur von Bürgerstöchtern fordern können. Henriette Fromm, Pauline Wiesel +sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von +der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch +geschieht. Welche großen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche +gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt +nicht jene Buhlerei der Mütter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie +nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Später mögen die Opfer dieser +Zustände mehr gelernt haben als Madame Rietz wußte, sie mögen französisch +parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in +Berührung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag +auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter über sie ausgegossen haben. +Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jüdin Rahel +Levin mit Prinzen von Preußen in Verbindung gebracht darzustellen, ist +hier von ihrem Herzen und dessen kühnsten Flügen geblendet gewesen und +hat eine Sphäre für dichtungswürdig gehalten, die es nicht war. Mamsell +Cäsar, die Berliner Geheimsekretärstochter, verdiente ebensowenig diesen +Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der +Verlobung an einen Ökonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein +Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer +Bürgerlichen schmeicheln, nur in aller Kürze sie auffordern: Sei mein! +Einen (Roman) von Gefühl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe +des Menschen gibt es da höchst selten und im vorliegenden Fall gewiß +nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloß +mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu +machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit +Spannung, würde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie +hätte beim Niederschreiben dieser Blätter auch nur im entferntesten +gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!) + +Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen; +unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrückten, leidenden Zustandes +der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem +gedemütigten Stolze, mit der getretenen Menschenwürde. Sie hat in ihrem +reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der +Beobachtung und des Mitgefühls für die Nachtseiten der Gesellschaft +durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie über +die Militärzustände Preußens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die +Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dünkel der Minister +anstellte, nicht auch zur Wahrheit über ihren aristokratischen Helden +selbst und noch mehr zur Wahrheit über das prahlende Zuschautragen des +Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemälde aufrauschen? Warum wandeln +diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefühlskram +unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle +Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende +Großgefühligkeit um die königliche Hoheit affektierter Kram? Erschließen +uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie müssen es wohl, da +Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine +große Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der +Verfasserin überall folgen, wo sie praktisch und verständig ist. Wo sie +aber Gefühl geben will, Idealität in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch +eben nur in derselben Sphäre, die sie an der Gräfin Hahn hat bekämpfen +wollen: Haß gegen das Übliche, Feindschaft gegen die gewöhnlichen Gleise +der Liebe, die sich in ihrer süßen Monotonie Jahrtausende lang durch die +Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mütter, die verheirateten +Frauen ewig gleichgültig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und +Paulinen der poetischen Betrachtung würdig? Es wäre eine rechte Erquickung +gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem +Herzen auch ein junges, schönes und bedeutendes mit einem nur guten +angetroffen hätten. + +Das Buch schließt wie eine Symphonie mit unaufgelöster Dissonanz! Der +Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fäden, welche die +Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch +Licht, und plötzlich Nacht. Dieser Schluß ist eine Kritik des Werkes. Er +sagt, daß mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts +zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein +wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach +Wahrheit, so die schöne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger +Überzeugung, daß sie unstreitig fühlte: Die Menschen, die ich da mit dem +Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnütz, und keine Seele +mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden, +ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach +vielen Gräbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den +Immortellenkranz verdient. + + + + +Eine nächtliche Unterkunft (1870) + + +In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehörenden +Tagen, wo Berlin rundum keine andere große Stadt in der Nachbarschaft +hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen +zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen +überwundene eigentümliche Naivität oder, nennen wir es beim richtigeren +Namen kleinstädtische Unzulänglichkeit aus, die den Charakter des +Berliner Pfahlbürgertums in manchem bezeichnen dürfte. Die Sperre gegen +eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam für gleichsam wie +"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch +die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung +Preußens erst allmählich, ja mit Beweisen völliger Unbeholfenheit und +Unreife anschickte, dem Fortschritt des übrigen Europa zu folgen. + +Noch bis zur Märzrevolution befand sich im königlichen Schlosse, dicht +unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848 +dem Publikum nicht mehr als Durchgang geöffnet ist, ein alter Rumpelkasten, +Portechaise genannt, an deren mit grünem Kattun verhangenem Fenster +unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen +will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstraße" +avanciert, begrenzt die südöstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich +bemerkt eines Baues, dessen Großartigkeit den Stil, den kräftigen Griffel +des 19. Jahrhunderts in so überwältigendem Maße bezeichnet, daß bei allem +Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", für die +Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch für ihre +Überlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstörenden--Druckfehler +beseitigen darf. + +Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "französischen +Turms", die dem Wechselgeschäft der Herren Brest und Gelpke gerade +gegenüber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den dürftigen +Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttürme" gebildet werden, das +helle, frische, grüne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen", +sondern es war sogar möglich, daß die damalige schutzmannlose, nur auf +jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen +und Aufschlägen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen +alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein +Mißverständnis zur Überwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem +Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstraße ausgestrichen war. +Die Deichsel für die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte +nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen +Rötliche. Die Totengräber Hamlets hätten hier Betrachtungen anstellen +können über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drüben +von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der +große Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick +hinübergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte, +nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewölbten +Türmen, um deren Säulen und Säulchen die Spatzen und die Krähen und die +Habichte nisteten. Berlin, das gegenwärtig alles brauchen kann, selbst +die Denkmäler von den Gräbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der +Toten von den Kirchhöfen stiehlt, ließ diesen alten Leichenwagen +unangetastet. + +Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal +quer über die Straßen hinweggezogen, in ächzenden Tönen hin und her +schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf über ein noch +naturwüchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem +Keller wie ein ferner Unkenruf ertönte und in den Straßen jener +gespenstische Mann umging, der ein Fäßchen in der Hand tragend, aus einer +bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten +Kravatte mit einem gewissen würdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl, +den Ausruf hervorpreßte: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich +fröstelnd, die Hände in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider +gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen +mannigfach brüchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine +verwitterte, magere, kleine Gestalt über den Markt, auf welchem öde +Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses, +die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten. + +Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den +Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die +Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit +leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne +überstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung, +nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nähert +er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat +dich Charon heute Nacht nicht nötig, um vom "Türmchen" im "Voigtland" +eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius" +seine Gäule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im +"Nasenquetscher" auf Saturns großes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den +Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt, +herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte, +weil die Geschäfte der üblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die +Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein +damaliges--Asyl für Obdachlose. + +Fand sich wohl ein Stück Holz, eine Planke darin vor--den Trägern mit den +langen Flören am Dreimaster benötigt, um den Sarg in die Grube zu +senken--so rückt sie der lebende Tote so, daß sein Haupt mit den langen +weißen Haaren eine Stütze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet +er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder, +wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte +Wange aufstützt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen +Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstraße +kommende Schöne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines +"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone +--einen glücklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um +Mitternacht sein Coupé nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu +vorüber. Selbst der Nachtwächter hält sich in der Ferne, dort, wo ein +Ruf: "Wächter--!" ihm ein Trinkgeld fürs Einlassen in ein verschlossenes +Haus, dessen Schlüssel an seinem klirrenden Eisenbunde hängt, sicherer +einbringt, als wenn er hier Posto faßte in der düster-unheimlichen Ecke +an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger +Kandidat in französischer Sprache predigte und sich nicht träumen ließ, +wie übel später einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft- +lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte. + +Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo +die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren +war schon die allerglücklichste Chance für--"Belletristik". Ein Honorar +von einem Taler zahlte man für ein Gedicht, von fünfzehn Silbergroschen +für eine Reihe von Lückenbüßern, damals "Aphorismen", "Streckverse", +"Sternschnuppen" oder ähnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es +dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes +angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil, +der an Pindar erinnerte--seiner Unverständlichkeit wegen. Aber schon in +jener Zeit war die Lektüre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als +Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die +Ästhetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer +des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was +war da der verkommene Träumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean +Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen +Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer, +fühlen wir tiefer als in der Nähe der Toten!--) nur dadurch schlagend, +zündend, lapidar zu machen glaubte, daß er ihn immer enger und enger, +immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen +drängte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze +Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis +vier Pfennige! + +Dieser Obdachlose hieß Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den +Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mühe geben will, in +alten Jahrgängen des "Freimütigen", des "Gesellschafters" zu blättern, +der wird dort--dem nächtlichen Bewohner des Leichenwagens am +Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen. + + + + +Zum Gedächtnis Wilhelm Härings (Willibald Alexis') (1872) + + +Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres +zu Arnstadt in Thüringen erfolgte Ableben Wilhelm Härings, genannt +Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die +gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein +Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die +Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blättern +erschollen, verdient. + +Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal später kommend als andere Organe +der Öffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer bloßen +Trauerrede am Grabe hält, sondern persönlicher auf den Verstorbenen +eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des +Dahingegangenen recht nahe zu rücken. Schon die Wendung dieser Nachrufe, +daß der Tod den Unglücklichen, der fast fünfzehn Jahre in geistiger und +körperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erlöste", ist +nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in +spätern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Engländerin, die +Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die +erlöst wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswürdigen Kultus der Liebe +selbst fühlte kaum sein Leid in ganzer Größe. Die Stunden, die Tage, die +Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmäßig +dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am +Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns +"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der äußeren Erscheinung +Härings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der +der Welt gegenüber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der +Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen +Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des +ängstlich aufgeregten Beschäftigtseins durch die Zeit, des bänglichen +Erwartens düsterer öffentlicher Erlebnisse trugen. + +Von "Leiden erlöst"? Gewiß! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze +Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens +ging bei Häring auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren +suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm +zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen +neuen großstädtischen Gründer-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur +Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den +alten Eichen und in den Fischerhütten Heringsdorfs an der Ostsee den +Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu fördern. Später gab er seine +dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schönheiten auf und zog sich, +seiner ganzen Kraft sich noch bewußt und mit literarischen Plänen, deren +einige auch dort noch ausgeführt wurden, nach Arnstadt, einer ohne +Zweifel--ich kenne den altberühmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt, +die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzählt man von Härings +anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner +geschwächten Geisteskräfte. Wenn die Rosen blühten, sammelten liebliche +junge Mädchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entblätternden +verblühten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon +wünschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte +herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis +zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem +und alledem ungern verließ. Sein Lebensende war keineswegs das seines +gekrönten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens- +volle Übersendung eines seiner "märkischen Romane" oder bei einer +sonstigen Annäherung, welche Huld und Güte voraussetzte, die bekannt- +gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er hätte sich +von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch +Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelähmt zu werden wie Dr. Häring. +Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Bäumen Sanssoucis, +die den an Plänen und Ideen überreichen genialen Kronprinzen einst unter +sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und +nichts mehr von der Welt erkannte. Häring ließ sich in seinem Rollsessel +an seine Blumen fahren und pflegte diese. + +Unsere jüngere Generation macht sich das Leben eines solchen +abscheidenden Charakters früherer Tage nach äußern Notizen leicht +zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar, +Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine +Zusammenfassung seiner letzten Tätigkeit, die dem "brandenburgischen +Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und +dennoch bieten diese Momente für den Forscher, der dem Sein und Werden, +dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur +folgt, bei weitem nicht die genügenden Anhaltspunkte. Man las bisher über +Häring nur Zusammenfassungen, kurze Resümees einer dahineilenden Zeit, +die ihre Opfer der Pietät rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder +auf sich selbst zurückzukommen. + +Bei solchen Resümees fehlt natürlich auch das Zuviel nicht. Die +"märkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat +nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankündigung des +Buchhändlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder +deutschen Hütte eingebürgert" sehen möchte. Diese Romane sind reich an +Vorzügen aller Art. Doch reißen sie nicht durch eine mächtige und +eigentümliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit +reproduktiver Umständlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien +(übertreibend bis zu Phantasien) über eine Mark Brandenburg, die jetzt +mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Königin +aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstück ist ja im vollen Gange. Hätte +man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen +von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten +Gesetze dessen, was schön ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere +Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt +zurückkehren, dort so herrliche Bäume, große Gewässer, sogar in Berlins +nächster Nähe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die märkischen +Tannen- und Fichtenwälder, diese durchsichtigen Linienregimenter, überaus +poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen dürftiger Vegetation +landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in +Gründer-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwäldern in Masse und will +Deutschland einladen, dort Hütten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in +der Tat die Außerkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden +Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die +Übertreibung des Poetischen, das sich in Härings märkischen Romanen +finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des +Dürftigen, Ärmlichen, Unzulänglichen der Mark versündigt man sich an +jener Welt, die seither für schön gegolten hat und deren Zaubergewalt +auch dem märkischen Romantiker Häring selbst zu oft vor die Seele trat, +als daß es ihn nicht mächtig nach dem Süden hätte ziehen, zu dem +Geständnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind +eine wahre Befreiung des Gemüts vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch +in Pankow und Schönhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen +Schönhausens sind schön, und wäre nur dem Park mehr Pflege zu wünschen!) +dem großen Naturgeiste nahe fühlen möchte. In dem frisch geschriebenen +Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Süden, der blauen Donau, den +schneebekränzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles +Recht zuteil. + +Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Königgrätz und Nikolsburg, +brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die +'preußische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der +begabtesten unserer jüngern Erzähler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus +Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtümern, gebürtig, glaubte mit +seinem beredten Fürwort einen Beitrag zu geben zur Annäherung zwischen +deutschem Süd und Nord. Der Streit, welcher in der Familie geführt worden +wäre, hieß es, müßte auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein +Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung +auszutilgen, welche sich des deutschen Südens gegen den Norden, gegen +Preußen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewöhnt hat, als den +Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und +ihre Hauptstadt bemächtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge +Nordlandssohn fordert Süddeutschland auf, an diese Quelle der Versöhnung, +"die Werke des Hrn. G. W. Häring", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er +hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprüche auch der +"Kreuzzeitung" auf den Parnaß vertreten) reihen sich dann bei dem +Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Versöhnung an, welchem der +vielleicht feurigste Mund, der sich je über einen noch lebenden Autor +ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser +fortzureißen vermögen, weil der frische Geist der Huldigung Satz für Satz +zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken +reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen dürfen +und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten +fortreißen, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll.... + +Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Härings, des +unglücklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung +ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerflügeln. +Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls +märkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die +Beine verschränkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an +sich kühner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts +einzuführen? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte. +Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so +gewissensstreng gemacht, daß wir in der Wiederholung eines solchen alten +Literaturspaßes einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit" +sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken würden! Aber der +belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach +diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, künstlich +gepflegten Neigungen. Seine Natur ließ nichts frei aus einem übervollen +Innern hervorströmen. Selbst die Chronik der Bühnen Berlins weist einige +dramatische Anläufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg. +Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht +überspringen und die Tage nicht vergessen, wo Häring noch zu den +Unentschlossenen gehörte, wo Ludwig Börne jenen mit gutem Essig und gutem +Öl (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Härings-Salat" +schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Häring und Ludwig Robert, +damals zensurgemäße Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch +nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten +Aufsatz über die Sontag geschrieben hatte, durch die Straßen und +Gesellschaften Berlins führten, worauf bei jeder Vorstellung eines +eilends vorüberschießenden Bekannten regelmäßig derselbe Dialog +hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Börne!" Verwunderung und +Entzücken: "Börne? Sontag? Göttlich!" Es war die Zeit nach der +Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig +machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen +Tagen bot besonders die Haltung einer großen Leipziger Buchhandlung mit +ihren einflußreichen Blättern und Sammelwerken, die im literarischen +Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton +angaben, den Mittelpunkt für eine Richtung, der sich auch Häring allzu +eng anschloß. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der +schönen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universitätsleben +entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekämpft. Aus jener +Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers, +Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphäre schließen läßt, +wo man freisinnig am Teetisch war, im Büro aber tat, was die +Obern wollten. + +Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem +Konversationslexikon orientierten Nekrologe, daß sie schon von "großen +Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat +sich redlich mühen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des +Geschicks" rüsten müssen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das +Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da mußte der +letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese +unglückliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem +sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen ließ, wurde nur +durch eine für jene Zeit des bedruckten Löschpapiers überraschend +geschmackvolle Ausstattung einigermaßen wiedergutgemacht. Mißmutig über +die Art, wie sich die Buchhändler zu den Autoren zu stellen pflegen, +begründete Häring selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines +Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Mißerfolge, +Bekümmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine +Würdigung seiner märkischen Romane, die zunächst durch Härings mächtig +pulsierendes Heimatgefühl und vielleicht auch durch Nachahmung des +vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn +nur innerhalb Berlins nicht. Nach außen hin fand sich kein Interesse. Nur +die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten.... + +Das Jahr 1848 überraschte unsern rastlos tätigen, immer geistesfrischen +Wilhelm Häring in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung" +antrat, führte ihn rasch in die richtige Straße der Bewegung, bewahrte +ihn vor unklarem Wählen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel +bereut worden ist. Diesem Entschluß, einem viel gelesenen Blatte seinen +emsigen Fleiß, seine gewandte Federführung, sein reiches Wissen auf allen +Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat +es mit befreitem, von Vorurteilen erlöstem Sinn. So vieles, worauf auch +er in den vormärzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja +vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, größeren +Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormärzliche Annäherung +an einen Fürsten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen +Vorliebe für märkische Dörfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen, +Tannenwälder mit Eichhörnchen und gewissen wie schon gedörrt auf die Welt +kommenden Blüten, speziell märkischen Rispengattungen (ich charakterisiere +eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut +entzücken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen +kann)--diese Annäherung konnte ihm keine Demütigung, keine öffentlich +auferlegte Kränkung mehr bringen. In den vormärzlichen Tagen besuchte ich +ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht +fühlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise spürte er überall +Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen +und die schönste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Härings bester +Roman: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." In diesem ausgezeichneten +Gemälde hatte man nichts von den weglosen Längen seiner märkischen Walter +Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen, +von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren. +Hier waren die historisch erwiesenen Persönlichkeiten wie im Portraitstil +gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preußischen Unterganges, +traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser +Auge, daß uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemütlich durch die +Linden- oder Brüderstraße schlendert, die in den historischen Häusern +derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten +dieses Romans einfallen. Preußen war durch Olmütz auf die abschüssige +Seite der schiefen Ebene geraten. Über dem ganzen Gemälde lag das bange +Vorgefühl neuer verhängnisvoller Stürme, die für das damals von +Manteuffel regierte Preußen heraufziehen müßten.... + + + + +Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873) + + +... Für die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der +gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter +österreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem +norddeutschen Ohr unerträglichen falschen Reime (reiten und leiden) +gehören. Eingeführt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in +Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher +verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig +zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt würde der gebildete Kalkulator +(Rechnungsrat), der einen gefühlvollen Sonntagmorgenspaziergang im +Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand +befriedigt fühlen, der vor 30 Jahren in Berlin für einen klassischen +galt. Die Berliner Poeten, die sich später auf einem traurig +untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben +geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige, +z.B. Theaterkritiken zu schreiben, übergegangen. Wir kommen hiebei, ohne +diese Metamorphose heute näher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung" +sehr nahe, und nehmen vom Büchertisch ein in Goldschnitt gebundenes +zierliches Bändchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schröder +1873). + +Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer +mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von +hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwägungen technischer +Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stündlich in +Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann, +sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der +Kontraste und dem selbst für das politische Gebiet zum Rechnungtragen, +zur Rücksichtnahme, zur Mäßigung gestimmten weichen Naturell des hier in +Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem +politischen Redakteur (glücklich, wer um 9 Uhr abschließen darf!) allein +zur Erholung übrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond +und den Sternen, dem Brunnengeplätscher, den Wächtern usw. in den +wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten +Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod, +Jenseits, die vollkommenen Gegensätze des Leitartikels, der uns des +Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Für jede "Ente", die unser +Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen müssen, +rudert hier ein Schwan. Die Schwäne, die Blumen, die Nachen, die Sonne +und besonders das sonst den Lyrikern wenig zuströmende Gold, der ganze +Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen +anziehender Art, das Gold in Abendröten, ins Glühen der Mädchenwange, in +den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen +Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und +zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich +reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es +ein Leben nach der Richtschnur überlieferter Traditionen. Selbst den +Greis ergreift noch der Reiz des Schönen, die mächtig wieder auflebende +Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des +Hafis über--aber bald (und vielleicht zu oft für diese immer gleiche +Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die +Tür und macht so dem vorgeführten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als +tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der +Form sprechen, so ist allerdings damit zunächst ein Lob ausgesprochen, +das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixität; aber doch ist die +Übertragung der stündlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde +führen muß: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang +bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist +diesen zarten Eingebungen schädlich, wenn man sie zweimal lesen muß, um +sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der +"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so +kompreß in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufälligen, dem +Leser nicht sofort geläufigen Umstande veranlaßt, daß es ein längeres +Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die +Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt +sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des +täglichen Lebens, besonders der Familie, fließt die dichterische Sprache +mit kristallner Klarheit voll und mächtig. Den Gesellschaftsliedern läßt +sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrühmen. +Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer +eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert +besonders zu gefallen scheint, nur für eine Tafelrunde geröteter +Nasen bestimmt. + + + + +Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873) + + +Heute ist Auktion des Louise Mühlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer +Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort +in die Druckereien--sondern ihrer Möbel, Teppiche, Vorhänge, Pendülen, +Gemälde, Vasen und der ägyptischen Andenken, die alle in einer Etage der +Potsdamer Straße charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die +enthusiastische Überschätzung, die der so plötzlich der Welt Entrückten +jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von +amerikanischen Steigerern herbeigeführt, das auch für eine alte +Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fünfzig Dollars zu zahlen bereit +ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt über die Zerrüttung der Louise +Mühlbachschen Vermögensverhältnisse! Die Verstorbene hatte die +glänzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive außergewöhnliche +Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer +Fülle. Sie reiste ohne die mindeste Einschränkung wie eine Fürstin. Bei +alledem soll für ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine +Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht +genötigt sein dürfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars" +anzutreten. + +Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer +Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die +merkwürdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen +Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch für +sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1ständig "diesseitige" +Menschen gibt, Individuen, für die man sich im Jenseits, falls man nicht +mit den alten Ägyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends +eine passende Unterkunft und Anknüpfung denken kann, so sind dies die +reinen Lebens- und Genußnaturen. Louise Mühlbach war eine solche. Sie war +die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende. +Imperterrita hätte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama +genannt, das sich vielleicht aus ihrem frühern romantischen Leben selbst +hätte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine +Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang +ihrer Stimme unvergeßlich bleiben. Keine Niederlage drückte sie zu Boden. +Die freudigste Zuversicht, Siegesgewißheit, Trotz bei jedem Unternehmen +lag in ihren Zügen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so +hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen +Schlacht doch noch seinen Rückzug imposant zu maskieren versteht. + +Auf den "Berliner Büchertisch" könnte nur ihr letztes, von Flüchtigkeiten +wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehören, verlegt von +einer hiesigen Buchhandlung (Werner Große), die nur einen massenhaften +Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon +von ihren zerrütteten Finanzen herstammende Unsitte, daß sich die in den +Stoffen bedrängte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern +wollte, an lebende mächtige Persönlichkeiten anschloß, schon den +Erzherzog Johann von Österreich als Romanstoff verarbeitete, während der +ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloß in Steiermark saß, +an Napoleon schrieb (siehe die "Enthüllungen aus den Tuilerien"), weil +sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch à tout +prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein +wollte usw. Die Unsitte der "Aktualität" ist jetzt durch den ehemaligen +Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, daß wir Romane +zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck über einen +Kompromiß unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und +Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgültig eine englische +Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres +Zeitalters sind die Beförderer dieses ans Kindische streifenden +Mißbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht +mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen füllen will, +bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den +Urzustand von Wilden erinnernde maßlose Schausucht, die gierig durch die +Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles +belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will, +Hinrichtungen, Schreckensvorfälle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz +Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, während sich doch Europa, +nach einigen Aufregungen, längst, wenigstens in den Kreisen der Bildung, +beruhigt hat. Sollte man glauben, daß ein New-Yorker Blatt Louise +Mühlbach nicht bloß nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort +das diesjährige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten +"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krähnchen-Quelle zu +beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann +selbst in Marienbad eine Kur, erkältete sich, legte sich in Berlin ohne +die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im +bewußtlosen Zustande, ohne Schmerzgefühl, aus dem Leben geschieden. Als +man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die +Grube senkte und manchem des würdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb +noch im Ohre klang, hätte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wären, dem +Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mögen: Auch diese Prunk- und +Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach, +Priester!--, es lag ihr bloß die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst +zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn +die schulmäßige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder +diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden +imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmählich die +mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt +annahm, die sich allmählich des Gatten und zurückgesetzten Professors +bemächtigt hatte! Liebe, Liebe allein ließ den Schein entstehen, als wenn +die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den +tausend Anmaßungen und hochgetragenen Nasen der Anmaßung ringsum +rivalisieren könnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur +wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrührend anführt, daß unsere +Fehler die Übertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings +erschreckende Système de bascule angewandt, wie Louise Mühlbach +verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und +Genußgegenständen einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten, +gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere. +Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persönlichen +Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz +geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glücke begünstigten +Alltagswelt leisten möchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz? +Nun, in Bezug auf "Friedrich der Große und die Seinen" und "Kaiser +Joseph" möchten wir in unsers Helmerding so köstlich vorgetragenes +Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehört wahrhaftig doch Talent!" mit +einstimmen. + +In fast allen Berichten über die Gegenwartsliteratur findet man den Satz +aufgestellt: daß der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman +sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung über einen neu +erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmäßig diesem Axiom von +fragwürdiger Tragweite. Hätte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad +und wahrscheinlicher täglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu +sein pflegt, zufällig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so würde +ihm niemand, der die Unzahl der überall erstehenden Theater erwägt und +das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen +können. Aber genau erwogen ist jener Satz weder für den Roman noch für +die Bühne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und +Naivität geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur, +die ähnliches nur in den Ansätzen einiger verschollener "Naturdichter" +besitzt, geschenkt werden könnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund +treten und wieder auch für die Berechtigung der Lyrik zeugen können! Von +einem Hindurchgehenmüssen des ästhetischen Begriffs, wie Carrière sagen +würde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschließlich durch den Roman, +scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon +erfüllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es +wird auf jedem Toilettentisch liegen! + +Schon deshalb muß man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen über die +Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der +schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat, +die schreckenerregend ist. Junge Mädchen ohne jede Lebenserfahrung, nur +von den Reminiszenzen ihrer Lektüre erfüllt, häufen Bogen auf Bogen und +finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen +"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen" +--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrückten Testamenten, +Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen, +die sich, nachdem sie das Herz einer Gräfin gewonnen haben, als +Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer +Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Küchenrezepte +entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9 +Bände zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer +illustrierten Blätter verwertet worden waren, schreiben mit umso größerem +Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite +gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert für diese +Buchmacherei nicht. Wer soll sie üben, wer soll sie lesen, durchblättern, +als höchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den +"Blättern für literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hält sie, +worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die +den obern Zeilen ebenbürtige redaktionelle Meinungsäußerung, in der Regel +ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden +Tadel ausschließt. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind +froh, wenn sie nur irgendwie die Bücherstöße, die sich bei ihnen +namentlich gegen Weihnachten aufhäufen, in solcher Art erledigen können. + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt, +von Karl Gutzkow. + + + + + +End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT *** + +This file should be named 8berl10.txt or 8berl10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8berl11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8berl10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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