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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/9950-8.txt b/9950-8.txt new file mode 100644 index 0000000..00176ff --- /dev/null +++ b/9950-8.txt @@ -0,0 +1,2827 @@ +Project Gutenberg's Abhandlungen ueber die Fabel, by Gotthold Ephraim Lessing + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Abhandlungen ueber die Fabel + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Posting Date: November 3, 2011 [EBook #9950] +Release Date: February, 2006 +First Posted: November 3, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + + + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Abhandlungen über die Fabel + +Gotthold Ephraim Lessing + + + + + + +Inhalt: + I. Von dem Wesen der Fabel + II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel +III. Von der Einteilung der Fabeln + IV. Von dem Vortrage der Fabeln + V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + + + +I. Von dem Wesen der Fabel + + +Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt +seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee, +durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopee, die Fabel +seines Drama. + +Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die +sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine +Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet. + +Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner +Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine +gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in der +Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, daß +ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern voraussetzen dürfte. + +Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen. +Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet +oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese +oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht. +Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die +erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch +über dieses die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem +gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen und zeigen mußte, daß +aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen +Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben +werde. + +Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und +(zusammengesetzte) Fabeln. + +(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit +derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man +machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur ein Junges zur Welt brächte. +Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen."[1]--Die Wahrheit, welche +in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth, +leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich +es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse. + +{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.} + +(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie +uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder +doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird. +--"Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem +Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht, +nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache +dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird +(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln, +aus (zwei) einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit +ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde. + +Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht +auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloß +auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel +schon hat man es ersehen, daß ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald +(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von +dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel. + +--- Hoc scriptum est tibi, +Qui magna cum minaris, extricas nihil. + + +Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten +einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen +sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor, +von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm +(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten) +Fabel, indem er einen gebärenden schlechten Poeten zu dem besondern +Gegenbilde des kreisenden Berges macht. + +Ihr Götter rettet! Menschen flieht! +Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen, +Und wird itzt, eh man sich's versieht, +Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc. +------- +Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt: +Nichts kann den hohen Eifer zähmen; +Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, +Und will itzt den Homer beschämen etc. +------- +Allein gebt acht, was kömmt heraus? +Hier ein Sonett, dort eine Maus. + + +Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein +tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen +Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese +Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen. +Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fußtapfen vor mir, +die ich zum Teil untersuchen muß, wenn ich überall sichere Tritte zu +tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten +Erklärungen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben. + + + +De La Motte + + +Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein großes poetisches Genie als ein +guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und überall +erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine +unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie +d'une action. Discours sur la fable.} + +Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr +festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater +und ließ ihn fragen, was er weiter tun solle? Der König, als der Bote +zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf, +schlug den höchsten Mahnstängeln die Häupter ab und sprach zu dem +Boten: Geh, und erzähle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der +Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und ließ die Vornehmsten +der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier +ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber +ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß Tarquinius seine Meinung dem +Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht! + +{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.} + +Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vorteile der Eintracht an +einem Bündel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stückweise +zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3] + +{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.} + +Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte, +wie glücklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Löwen von sich +abhielten und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter +sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn hätte +doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die +Sache ist klar. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.} + +Folglich ist es ebenso klar, daß die Fabel nicht bloß eine +allegorische Handlung, sondern die Erzählung einer solchen Handlung +sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des +de La Motte zu erinnern habe. + +Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur +wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer +guten Erklärung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal +an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung +der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es höchstens +unter gewissen Umständen nur werden könnte? + +Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud +verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die +Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet, +sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß +dieses etwas andere auf etwas anderes Ähnliches einzuschränken sei, +weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein würde [6]. Die +letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind +ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein. + +{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.} + +{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei. +Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis +Ironia Allegoria esset.} + +Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen +scheinet, sondern etwas Ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn +sie allegorisch sein soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen +scheinet, sondern nur etwas Ähnliches? + +Wir wollen sehen!--"Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des +Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine +Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere, +die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Stärke, +untereinander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird +lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses +oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein +deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier anstatt dieser +Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge +annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten +oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so +bewandert, daß sie, sobald ich meine Staaten oder Könige nur nennte, +sich der Verhältnisse, in welchen sie gegeneinander an Größe und Macht +gestanden, erinnern könnten? Ich würde meinen Satz nur wenigen +faßlicher gemacht haben, und ich möchte ihn gern allen so faßlich als +möglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht +eine Reihe von Tieren wählen dürfen, besonders wenn es allgemein +bekannte Tiere wären? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein +Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir dürfen sie nur nennen hören, um +sogleich zu wissen, welches das stärkere oder das schwächere ist. +Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn, der Fuchs den +Marder, den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht. +Das ist mir noch nicht gewiß genug. Ich sage also: er fraß. Und +siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden! + +Ein Marder fraß den Auerhahn, +Den Marder würgt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7] + +{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.} + +Was kann ich nun sagen, daß in dieser Fabel für eine Allegorie liege? +Der Auerhahn, der Schwächste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der +Starke; der Wolf, der Stärkste. Was hat der Auerhahn mit dem +Schwächsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Ähnliches? +Ähnliches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken und der Wolf +dem Stärksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der +Stärkste? Er ist es.--Kurz, es heißt die Worte auf eine kindische Art +mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen, +das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine +Ähnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde überhaupt, und +ein Windhund überhaupt einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage! +--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und +den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Ähnlichkeit, so kann auch +keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das nämliche läßt sich +auf die nämliche Art von den beiderseitigen Prädikaten erweisen. + +Vielleicht aber meiner jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der +Ähnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Prädikaten der +Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Prädikaten des Satzes, +sondern auf der Ähnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit +itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des +Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn käme +hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloß wegen +der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der +Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch +nennen: so würde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches +doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff +verbindet. + +Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte +mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine +einfache Fabel kann unmöglich allegorisch sein. + +Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede +einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie +alsdenn allegorisch würde? Und so ist es. Denn in der +zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten; +zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen +begriffen sind, ist die Ähnlichkeit unwidersprechlich, und die +Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muß man nicht sagen, daß die +Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde. +Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu +der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden +ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich +von dem Manne den Zaum anlegen ließ und ihn auf seinen Rücken nahm, +damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte, +behülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch, +als ich mit dem Phaedrus [8] bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe: + +{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.} + +Impune potius laedi, quam dedi alteri. + +Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus +erzählte, ward sie es. Er erzählte sie nämlich, als die Himerenser +den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht +hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr +Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren +Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie +diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen, +indem ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränkter Gewalt +ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn +aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan." +[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß +das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die +beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern +auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen +Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht +auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die +Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das +Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der +Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu +bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird. + +{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn +allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie +enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat, +entgegenstelle, da sie es nicht an und für sich selbst ist, insofern +sie eine allgemeine moralische Lehre enthält, so gehöret das Wort +Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben.--Dieses ist das zweite, +was ich gegen die Erklärung des de La Motte zu erinnern habe. + +Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müßiges, +überflüssiges Wort daraus verdrängen will. Es ist hier, wo es steht, +ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter +Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung +des allgemeinen Lehrsatzes, bloß allegorisch zu machen, und man kann +sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine +schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr +völliges Licht setzen. Ich wähle ein altes, um ohne Mißgunst recht +haben zu können. Die Fabel nämlich von dem Mann und dem Satyr. "Der +Mann bläset in seine kalte Hand, um seine Hand zu wärmen, und bläset +in seinen heißen Brei, um seinen Brei zu kühlen. Was? sagt der Satyr, +du bläsest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts +zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV +jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller +Zweizüngler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie +das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel für +schlecht ausgibt. + +{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126} + +Richer [11] sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre +Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gründe sich auf eine +bloße Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine +Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin, +daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, daß es +weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des +Mannes, die dem Satyr so anstößig scheinet, unter dem allgemeinen +Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm +bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs +schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre +warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen, +die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen +Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht, +der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz +etwas anders ihn itzt kalt bläset. + +{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est +qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque. +Fables nouvelles, Preface, p. 10.} + +Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das +abgeschmackte Märchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen +moralischen Sinn sollte legen können!--"Die Mitknechte des Aesopus +gelüstet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf, +und als es zur Nachfrage kömmt, soll es der gute Aesop getan haben. +Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in großer Menge laues Wasser, und +seine Mitknechte müssen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine +Wirkung, und die Näscher sind entdeckt."--- Was lehrt uns dieses +Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in +großer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte +jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn +man euch", spricht er, "an jenem großen Tage des Gerichts, von diesem +warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles +an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der +Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung +zu einem ehrwürdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und +Verwirrung überhäuft dastehen!"--Vortrefflich! + +{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous +donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du +Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin, +paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de +l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors +couvert de honte er de confusion.} + +Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des de La Motte +auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und +allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische +Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine +transzendentalische Lehre zu legen weiß, eine Fabel? Oder wenn der +seltsame Holberg erzählet: "Die Mutter des Teufels übergab ihm +einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber +diese machten ihm so viel zu tun, daß er sie mit aller seiner Kunst +und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls +sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mutter, hier +sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter +bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzählet? +Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit +ausdrücklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur +weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige +Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt als dieser +Holberg!--Und es mißhandelt sie jeder, der, eine andere als moralische +Lehre darin vorzutragen, sich einfallen läßt. + +{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.} + + + +Richer + + +Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser +erzählet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter +ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese +Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklärt die Fabel durch ein +kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde +versteckte Regel enthalte [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte +caché sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.} + +Richer hat die Erklärung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt. +Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm +sehr schlecht gelungen. + +Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in +die bloße Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel +ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein +gewisses Silbenmaß als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes +betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich +weiter unten hierüber ausführlicher erklären. + +Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort +Lehre des de La Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln, +haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral +zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder +Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel +und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar +auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber +sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein großer Teil +derselben sind Erfahrungssätze, die uns nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet, +unterrichten. Ist die Sentenz: + +In principatu commutando civium +Nil praeter domini nomen mutant pauperes + + +eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat +einer von den schönsten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus +jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften +und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt, +das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine +Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf +einmal anschauend erkennen sollte? + +{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.} + +Unter einem allegorischen Bilde?--Über das Allegorische habe ich mich +bereits erkläret. Aber Bild (Image)! Unmöglich kann Richer dieses +Wort mit Bedacht gewählt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen, +um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht +zu haben?--Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines +Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir +nicht mehrere oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding +fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und +ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also +wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine +Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein +Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten +Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch +folgendes kleine Gedicht: + +Cursu veloci pendens in novacula, +Calvus, comosa fronte, nudo corpore, +Quem si occuparis, teneas; elapsum semel +Non ipse possit Jupiter reprehendere; +Occasionem rerum significat brevem. +Effectus impediret ne segnis mora, +Finxere antiqui talem effigiem temporis. + + +Wer wird diese Zeilen für eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus +als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen läßt [3]? Ein +jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie +nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke +übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das +notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken. + +{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.} + +Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein +Ganzes ausmachen. + +Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Übereinstimmung aller Teile +zu einem Endzwecke. + +Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der +moralische Lehrsatz. + +Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzählt, eine +Folge von Veränderungen ist und jede dieser Veränderungen etwas dazu +beiträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz +bestehet, anschauend erkennen zu lassen. + +Was die Fabel erzählt, muß eine Folge von Veränderungen sein. Eine +Veränderung oder auch mehrere Veränderungen, die nur nebeneinander +bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht +zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß +eine Fabel schlecht ist, daß sie den Namen der Fabel gar nicht +verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen läßt. Sie +enthält alsdenn ein bloßes Bild, und der Maler hat keine Fabel, +sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem +Meere zog, blieb der größern Fische, die sich darin gefangen hatten, +zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und +gelangten glücklich wieder ins Wasser."--Diese Erzählung befindet sich +unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens +eine sehr mittelmäßige. Sie hat keine Handlung, sie enthält ein +bloßes einzelnes Faktum, das sich ganz malen läßt; und wenn ich dieses +einzelne Faktum, dieses Zurückbleiben der größern und dieses +Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern +Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, und nicht in den +andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154} + +Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzählt, eine Folge von +Veränderungen ist, alle diese Veränderungen müssen zusammen nur einen +einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren +mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten +Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie +eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine +Handlung, sondern muß eine Begebenheit heißen.--Ein Exempel: + +Lucernam fur accendit ex ara Jovis, +Ipsumque compilavit ad lumen suum; +Onustus qui sacrilegio cum discederet, +Repente vocem sancta misit Religio: +Malorum quamvis ista fuerint munera, +Mihique invisa, ut non offendar subripi; +Tamen, sceleste, spiritu culpam lues, +Olim cum adscriptus venerit poenae dies. +Sed ne ignis noster facinori praeluceat, +Per quem verendos excolit pietas Deos, +Veto esse tale luminis commercium. +Ita hodie, nec lucernam de flamma Deûm +Nec de lucerna fas est accendi sacrum. + + +Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen, aber keine Fabel. Ein +Histörchen trägt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel +also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da +ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch +anzugeben gehalten bin. Was wäre nun der Grund, warum diese Fabel +erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu +urteilen, könnte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe +einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem +heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das +heilige Feuer anzuzünden, erzählen wollen. Aber wäre das eine +moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben +soll? Zur Not könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des +allgemeinen Verbots dienen, daß das Heilige mit dem Unheiligen, das +Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was +tragen alsdenn die übrigen Teile der Erzählung zu diesem Bilde bei? +Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der +einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat +es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er +allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reißen gewußt, als wenn er +deren so viele daraus zöge als sich nur immer ziehen ließen. Denn er +schließt: + +Quot res contineat hoc argumentum utiles, +Non explicabit alius, quam qui repperit. +Significat primo, saepe, quos ipse alueris, +Tibi inveniri maxime contrarios. +Secundo ostendit, scelera non ira Deûm, +Fatorum dicto sed puniri tempore. +Novissime interdicit, ne cum malefico +Usum bonus consociet ullius rei. + + +Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklären +kann, wieviel nützliche Dinge sie enthalte! Wir hätten an einem genug! +--Kaum sollte man es glauben, daß einer von den Alten, einer von +diesen großen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses +Histörchen für eine Fabel [5] verkaufen können. + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10} + + + +Breitinger + + +Ich würde von diesem großen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn +er in meinen Gedanken noch überall recht hätte.--Er gibt uns aber eine +doppelte Erklärung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La +Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen. + +{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender +Abschnitt, S. 194.} + +Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen +Allegorie einer ähnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung. +--Der klare, übersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewässerte: +könnte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwörter: +wohlgeratene Allegorie, ähnliche Handlung? Sie sind höchst +überflüssig. + +Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet. +Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt +(caché) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem +Rätsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denksprüchen sind +moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die +Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten +Fabel auf einmal hervorstrahlet, hätte durch ein ander Wort als durch +das ganz widersprechende versteckt ausgedrückt zu werden verdienet. +Sein Vorgänger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklärt; +er sagt doch nur verkleidet (deguisé). Aber auch verkleidet ist noch +viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer +mühsamen Erkennung mit sich führet. Und es muß gar keine Mühe kosten, +die Lehre in der Fabel zu erkennen; es müßte vielmehr, wenn ich so +reden darf, Mühe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs +höchste würde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der +zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der +einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei ähnlichen einzeln +Fällen kann zwar einer durch den andern ausgedrückt, einer in den +andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere +verkleiden könne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit +aller Gewalt ein ähnliches Wort hier brauchen, so müßte es anstatt +verkleiden wenigstens einkleiden heißen. + +Von einem deutschen Kunstrichter hätte ich überhaupt dergleichen +figürliche Wörter in einer Erklärung nicht erwartet. Ein Breitinger +hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich +damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm würde es sehr wohl +angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule +belehrt hätte, daß die moralische Lehre in die Handlung weder +versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden +Erkenntnis fähig gemacht werde. Ihm würde es erlaubt gewesen sein, +uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden +Erkenntnis, von der mit ihr verknüpften schnellen Überzeugung, von +ihrem daraus entspringenden mächtigen Einflusse auf den Willen das +Nötige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen +Teil der Dichtkunst von dem größten Nutzen ist und von unserm +Weltweisen schon gnugsam erläutert war [2]!--Was Breitinger aber damals +unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die +philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, daß +ich mich der Wörter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von +Anfange als solcher Wörter ohne Bedenken habe bedienen dürfen, mit +welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden. + +{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Herr +Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte, +auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii +Philosophiae practicae universalis pars posterior §§ 302-323. Dieser +Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr +darauf.} + +Ich käme zu der zweiten Erklärung, die uns Breitinger von der Fabel +gibt. Doch ich bedenke, daß ich diese bequemer an einem andern Orte +werde untersuchen können.--Ich verlasse ihn also. + + + +Batteux + + +Batteux erkläret die Fabel kurzweg durch die Erzählung einer +allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht, +daß sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel +geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt, +in ihrer Erklärung gar nicht erwähnen zu dürfen. Man siehet sogleich, +was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklärung +anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloß +die fernere Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt, +untersuchen. + +{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V. +L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.} + +"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und +Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, außer dem Leben und der +Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und kömmt nur vernünftigen +Wesen zu." + +Wenn diese Erklärung ihre Richtigkeit hat, so mögen wir nur neun +Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst +wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe +halten.--"Zwei Hähne kämpfen miteinander. Der Besiegte verkriecht +sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln +und krähet. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab und +zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche +Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung. +Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht +geschähe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er +schämt sich seiner dürren Läufte und freuet sich seines stolzen +Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertönet die Jagd, seine +dürren Läufte bringen ihn glücklich ins Gehölze, da verstrickt ihn +sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine +Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und +der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide +Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne +Nachteil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt +es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch +befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und +lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurteilet habe. +Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen +anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige +Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute +Fabeln passen wird. + +{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.} + +Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und +zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, daß sie +nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, daß sie eine +gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem +Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füßen fällt, die +Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner +Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreißet und der Frosch die +Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß +auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von +verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei; +vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie +sich irgendeiner Tätigkeit dabei bewußt wären.--Ernsthafter sie zu +widerlegen würde eine unnütze Mühe sein. Es ist aber nur schade, daß +sie sich einigermaßen mit dem Batteux schützen, wenigstens behaupten +können, ihre Erklärung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu +haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Batteux +passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist. + +Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklärung +nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als +einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquité nennet. +Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit +Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu +zerreißen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu, +er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam +intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so +vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen +vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und +Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem +solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge tut. Die Moral ist +[4]: oiV proJesiV adikein, par’ autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den +Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdrücken, der wird es zwar met’ +eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand wählen, +aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefaßten Entschlusse +abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich völlig zuschanden gemacht +wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von +gewissen, vor andern vorzüglich gewählten Mitteln, diesen Vorsatz zu +vollführen (choix): und folglich muß auch in der Fabel etwas sein, was +diesem Vorsatze, diesen gewählten Mitteln entspricht; es muß in der +Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet. +Bloß dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht +sein würde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte +als, den Lehrsatz anschauend zu machen, nötig ist. Batteux bemerkt +alle ihre kleinen Schönheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser +Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche +Vortrefflichkeit läßt er unerörtert und verleitet seine Leser sogar, +sie zu verkennen. Er sagt nämlich, die Moral, die aus dieser Fabel +fließe, sei: que le plus faible est souvent opprimé par le plus fort. +Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren +sollte, so hätte wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr +vergebens, sehr für die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr, +als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.} + +Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es +nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der +Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche +Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muß oder +entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwähnten Fabel des Phaedrus +machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle +Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die, +welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist +z. E. der Erfahrungssatz + +Laudatis utiliora quae contemseris +Saepe inveniri + + +nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer +Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist, +was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt +darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre? + +So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine +Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter +besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den bloßen Erfahrungssatz in +seiner Fabel ausdrückt.--"Groß sein ist nicht immer ein Glück"--diesen +Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen möchte kaum möglich +sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische +habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das Netz +durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr +mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit +von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß sein +nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem, +der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zutun erhob, +um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen +Fische mußten groß werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben. +Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem ebenso viele ihr +Unglück als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen +Umständen unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die +Großen mit den ihrigen sein müssen. Nicht das Großsein, sondern die +eitele Begierde groß zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine +Quelle des Unglücks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel +von den Mäusen und Wieseln erzählte. "Die Mäuse glaubten, daß sie nur +deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wären, weil +sie keine Heerführer hätten, und beschlossen, dergleichen zu wählen. +Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie +teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich +Hörner auf, + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.} + +"-- ut conspicuum in praelio +Haberent signum, quod sequerentur milites, + + +"und diese Hörner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward, +hinderten sie, sich in ihre engen Löcher zu retten, + +"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus +Quos immolatos victor avidis dentibus +Capacis alvi mersit tartareo specu." + + +Diese Fabel ist ungleich schöner. Wodurch ist sie es aber anders +geworden, als dadurch, daß der Dichter die Moral bestimmter und +fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln +Größe, und nicht die Größe überhaupt, zu seinem Gegenstande gewählet; +und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Größe, ist +natürlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so +sehr in ihr gefällt. + +Überhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der +Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung +der beiden letztern muß außer der Absicht, welche der Dichter damit +verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die +Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist +vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet. +Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der +Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht +anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen +kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse +Ziele setzet, welchen sie sich zu nähern oder von welchen sie sich zu +entfernen streben. Er muß also in die Handlung selbst Absichten legen, +und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, daß +verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen können. Der +Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun, +sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner +einzeln moralischen Wahrheit lebendig überzeugen. Das ist seine +Absicht, und diese sucht er, nach Maßgebung der Wahrheit, durch die +sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu +erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die +von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder +nicht. Er läßt seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und +denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein +Genüge zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls. +Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Kläger und +Beklagter bringen ihre Gründe und Gegengründe vor. Endlich schreitet +der Affe zum Urteil [6]: + +{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.} + +"Tu non videris perdidisse, quod petis; +Te credo surripuisse, quod pulchre negas." + + +Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die +der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus, +das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte +in Gedanken auf die komische Bühne, und man wird sogleich sehen, daß +sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt +ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, daß die +Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muß.--"Ein +armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Rücken +und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fühlt +betroffen, daß elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun, +was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder +aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist glücklich und zu unserm Vergnügen an +seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise? +Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen +bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muß +ihnen vorbauen. + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.} + +Und so wird man hundert Beispiele finden, daß wir uns zu einer +Handlung für die Fabel mit weit wenigerm begnügen als zu einer +Handlung für das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine +allgemeine Erklärung von der Handlung geben, so kann man unmöglich die +Erklärung des Batteux dafür brauchen, sondern muß sie notwendig so +weitläuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der +Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem +Sprachgebrauche nach heißt gemeiniglich das eine Handlung, was einem +gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach +muß dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen können, daß +die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der +Sprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weise zu +verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll, ganz und gar.-- + +Und, alles wohl überlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will +nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine +Handlung ausgedrückt, sondern ich will lieber ein Wort von einem +weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die +Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall +wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung +verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur +dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen +sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu +einem Ganzen werden. Sind sie es auch außer dieser Absicht, desto +besser! Eine Folge von Veränderungen--daß es aber Veränderungen +freier, moralischer Wesen sein müssen, verstehet sich von selbst. +Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das +sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und +darin hat Batteux freilich recht, daß das, was er die Handlung der +Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen +nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern +weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit +aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.--- + +Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu +hören? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger, +Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmäßige, gute, +vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu +verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man +versäumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will. + +Wie weit bin ich? Hui, daß mir meine Leser alles, was ich mir so +mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten!--In der Fabel +wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer +Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen +einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so +zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem +moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend +darin erkenne. + +Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft?--Ich +wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst +glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person +durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen +Steuermann braucht, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen +Matrosen es sein sollte, anstatt daß er den allergeschicktesten dazu +unter ihnen mit Fleiß aussuchte."--Hier sind zwei besondere Fälle, die +unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der +sich eben itzt äußernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser +erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen.--Aber +wenn es bei dem Aristoteles so hieße: "Ihr wollt euren Magistrat durch +das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem +Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das +verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit +vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als +diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingeführt, er +ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit +erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr. + +{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.} + +Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel +bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an +der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es +verlohnt sich der Mühe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man +allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muß, an einigen +Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset +man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfüßiges Tier, das meistens +im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von großem Nutzen +sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen +nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beißt sich selbst die +Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiß gar wohl, +daß man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine +Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es +liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird +sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur +über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich +vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche +angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht +mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl, +würde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber +nicht aus bloßem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer +Überlegung, denn er weiß es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin +diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm +glauben soll, macht es ja eben, daß eine Begegnis aus dem Reiche der +Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich +sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet. +Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es läßt +sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also +hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, hätte müssen +nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn wäre es eine +Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei +Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller +möglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versäumen. +Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, daß die Mutter das +Geliebte unter häufigen Liebkosungen erdrückt, indem das Verachtete +glücklich aufwächset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil +das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer +ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel +daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die +Individualität dafür erteilen [5]. "Eine Äffin, erzählt er, hatte zwei +Junge; in das eine war sie närrisch verliebt, an dem andern aber war +ihr sehr wenig gelegen. Einsmals überfiel sie ein plötzlicher +Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die +Arme, eilt davon, stürzt aber und schlägt mit ihm gegen einen Stein, +daß ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schädel springt. Das +andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war +ihr von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern +angeklammert und kam glücklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und +was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon +mehr als einmal angeführte Beispiel von dem Fischer hat den nämlichen +Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der +Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, daß die +Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen +und die größern hängenbleiben. Für sich selbst ist dieser Fall also +kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm +verbundene Nebenumstände erst werden müssen. + +{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.} + +{Fussnote 3: Critische Briefe. Zürich 1746. S. 168.} + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.} + +{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat, +die 187.} + +Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem +die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das +sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen. +Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum +begnügt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die +Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit, mit der sich die +Exempel andrer Wissenschaften begnügen?--Wieviel ließe sich hiervon +plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische +Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die +Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen +abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als +unumgänglich nötig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen. + +Die anschauende Erkenntnis ist für sich selbst klar. Die symbolische +entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden. + +Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem +Besondern anschauend erkannt werden. + +Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu +geben, deren er fähig ist, das ist, ihn soviel als möglich zu +erläutern, müssen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in +diesem anschauend zu erkennen. + +Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, +heißt ein Exempel. + +Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel +erläutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen +Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel. + +Doch die Sittenlehre muß mehr tun als ihre allgemeinen Schlüsse bloß +erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der +anschauenden Erkenntnis. + +Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen und so in einer +kürzern Zeit mehr Bewegungsgründe in ihm entdecken können, als wenn er +symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch +einen weit größern Einfluß in den Willen als die symbolische. + +Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer +Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der +nähern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird. +Je näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden +läßt, desto größer ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis. + +Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich +ist, ist auf verschiedene Art möglich. + +Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gewissermaßen +noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der +anschauenden Erkenntnis. + +Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität +erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende +Erkenntnis den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so +mächtig als möglich auf den Willen wirken soll. + +Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, außer der Erläuterung, ihren +allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu +erteilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die +anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere +Wissenschaften, denen es um die bloße Erläuterung zu tun ist, sich mit +einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das +Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen. + +Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall, +weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgründe und +deutlicher unterscheiden kann als in einem möglichen, weil das +Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloß +Mögliche. + +Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben; +weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es +nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird +nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri +paradeigmatoV) hier zu übersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des +Exempels: Paradeigmatwn d’ eidh duo estin, sagt er, en men gar esti +paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta +poiein. Toutou d’ en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai +libukoi. Die Einteilung überhaupt ist richtig; von einem Kommentator +aber würde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Unterabteilung +der erdichteten Exempel beibrächte und uns lehrte, warum es deren nur +zweierlei Arten gäbe und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen +Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst +abstrahieren können, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel nämlich +führt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzählt er als +etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator müßte also diese Stelle +so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte +genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem +geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner +Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein +geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel +haben soll, liegt also entweder in seiner bloßen Möglichkeit oder +zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so +brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloß mögliches Ding +zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch +unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In +dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine +Fabel.--(Was für eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird +sich in der dritten Abhandlung zeigen.) + +{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu +erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Wert dieser verschiedenen +Arten von Exempeln und sagt: Eisi d’ oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin +agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon, +logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai +to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai +ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn +pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich +will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten. +Aristoteles sagt, die historischen Exempel hätten deswegen eine +größere Kraft zu überzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene +gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat +sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich +nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der +Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß +ein Ding geschehen und daß es soundso geschehen ist, weil es höchst +wahrscheinlich ist und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es +nicht oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein +die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines +Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich +ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die +Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung +haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das +historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles +selbst die Sentenz des Agatho billiget: + +Tac’ an tiV eikoV auto tout’ einai legoi: +Brotoisi polla tugcanein ouk eikota, + + +da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich (epi to +polu) dem Zukünftigen ähnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt +hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er für wahr ausgibt, +auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl +klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der +Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre +etc. + +Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam +vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn +wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall +zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und +eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz +anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel. + +Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung, +ebenso richtig als fruchtbar finden wird. + + + + +II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel + + +Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere +Geschöpfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu +moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem +Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist +es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man +aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens +schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es? + +Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war +listig genug, daß er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den +Gebrauch der Tiere seiner Erklärung sogleich mit anflickte. Die Fabel, +sagt er, ist die Erzählung einer allegorischen Handlung, die +gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen à la Françoise! +Oder wie der Hahn über die Kohlen!--Warum, möchten wir gerne wissen, +warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein +langsamer Deutscher nicht alles fragt! + +Überhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der +diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also um so viel mehr, daß +wir ihn hören. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des +gemeinen bürgerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren +meistens ganz bekannte Sätze und Lebensregeln, und also mußte er auch +zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen +und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun +aber die täglichen Geschäfte und Handlungen der Menschen nichts +Ungemeines oder merkwürdig Reizendes an sich haben, so mußte man +notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen +Erzählung eine anzügliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen, +um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz +aufzuschließen. Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene, +Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzückende +Kraft auf das menschliche Gemüt mit sich führet, so war man bedacht, +die Erzählung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen +wunderbar zu machen und also dem Körper der Fabel eine ungemeine und +reizende Schönheit beizulegen. Die Erzählung bestehet aus zween +wesentlichen Hauptumständen, dem Umstande der Person, und der Sache +oder Handlung; ohne diese kann keine Erzählung Platz haben. Also muß +das Wunderbare, welches in der Erzählung herrschen soll, sich entweder +auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige +zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den täglichen +Geschäften und Handlungen der Menschen vorkömmt, bestehet vornehmlich +in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im +Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausführen, zuweilen auch +in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen +wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas +Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewöhnlichen +Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwürdiges an sich haben, so +sah man sich gemüßiget, damit die Erzählung als der Körper der Fabel +nicht verächtlich würde, derselben durch die Veränderung und +Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren +mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit, +dennoch überhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und +Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer höhern +Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Götter und Genios oder +solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als +die Tugenden, die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit etc. in +die Erzählung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit +heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, nämlich die +leblosen Geschöpfe, zu der höhern Natur der vernünftigen Wesen zu +erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte, +damit sie also fähig würden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in +einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären und durch ihr Exempel von +ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."-- + +Breitinger also behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die +Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere +Geschöpfe reden und vernunftmäßig handeln lasse. Und eben weil er +dieses für die Ursache hält, glaubt er, daß die Fabel überhaupt, in +ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein +lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklärung ist es, +welche ich hier, versprochnermaßen, untersuchen muß. + +Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob +die Einführung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie +es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt +auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, über dem Haufen. + +Wunderbar soll diese Einführung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser +Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab. Diese +anscheinende Unmöglichkeit also gehöret zu dem Wesen des Wunderbaren; +und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst +schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten +nämlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf +folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz, +die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon, +wenn er in seinen Vorübungen [1] hierauf kömmt, führet eine Stelle des +Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar +deswegen für ratsamer erkläret, sich bei Einführung einer Fabel lieber +auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen, +damit man den Anschein, als erzähle man etwas Unmögliches, vermindere +(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten +ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmöglichkeit in der +Fabel soviel als möglich vermindert wissen: so mußten sie notwendig +weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen +oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muß sich auf diesen +Schein der Unmöglichkeit gründen. + +{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.} + +Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei +der höchste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muß das Wunderbare, +wenn es seine gehörige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloß in +Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen +haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der +natürlichen Dinge eräugnet. Und nur das Wunderbare behält seinen +Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen +ebenso selten vorkommt. Auf einen fleißigen Bibelleser wird das +größte Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei +weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er +lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, daß die Sonne einmal +stillegestanden, als er sie täglich auf- und niedergehen sieht. Das +Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemütsverfassung, wenn +wir es zu oft denken.--Folglich würde auch die Einführung der Tiere +uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir +aber, daß die Tiere fast in allen Fabeln sprächen und urteilten, so +würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst +wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben. + +Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreißen läßt, +braucht man das erst zu erschüttern?--Darum kurz: daß die Tiere, und +andere niedrigere Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der +Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als +wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der +Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas +Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote +jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die +Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so +ist es ja wohl offenbar, daß mir der Fabulist nichts Wunderbares +erzählen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit +Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur +vollkommen gemäß war. + +{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.} + +Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, daß ich mich schämen +muß, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die +wahre Ursache--die ich wenigstens für die wahre halte--, warum der +Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die +Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der +Charaktere.--Gesetzt auch, es wäre noch so leicht, in der Geschichte +ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische +Wahrheit anschauend erkennen ließe. Wird sie sich deswegen von jedem, +ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den +Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist? +Unmöglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so +allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei +einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und +andern Eigenschaften zu erwecken? Die umständliche Charakterisierung +daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob +sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen, +sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von +denen man es zuverlässig weiß, daß auch bei den Unwissendsten ihren +Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von +diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die +Rollen freier Wesen über sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die +Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen +Voraussetzungen, dazu geschickt. + +Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer +war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnisse stehen sie +gegeneinander?--Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß +jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem andern verhält. +Diese Wörter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken, +befördern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei +welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiß nicht alle +vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der +Fabulist keine vernünftigen Individua auftreiben kann, die sich durch +ihre bloße Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es +ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren +oder unter noch geringem Geschöpfen zu suchen. Man setze, in der +Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, +anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles +verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht +macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen +und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese +und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung, +ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber +gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen +Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weißes Lamm vor den +Altar, denn die Götter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein +Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm. +Du hast aber den Göttern ein Gelübde getan, versetzte dieser, weil sie +deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so +war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen +ließen--Oh, sagte der Arme, die Götter haben ihn selbst zum Opfer +hingenommen. Gottloser! zürnte der Priester, du lästerst! und riß das +Lamm aus seinem Schoße etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel +noch weniger verloren hat, so kömmt es bloß daher, weil man mit dem +Worte Priester den Charakter der Habsüchtigkeit, leider, noch weit +geschwinder verbindet als den Charakter der Blutdürstigkeit mit dem +Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der +unterdrückten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg. +--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am +allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne +[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhältnis der Katze gegen den +Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhältnis des Wolfes zum +Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der +Fabulist zu seiner Absicht hat wählen können. + +{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.} + +Der Verfasser der oben angeführten Critischen Briefe ist mit +Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten +Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare +Personen ein wunderliches Ansehen. Es wäre keine ungeschickte Fabel, +wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schönsten +Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, mächtig reizeten. Er +bemühte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst, +er mußte es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir +gesunder, daß ich sie noch länger stehenlasse, sie sind doch noch +nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark +genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das +Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den +Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloß deswegen so platt geworden, +weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiß nicht; sondern es ist +es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen +bloßem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich +der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben läßt, in ein +anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines +bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel +zu allgemeiner Begriff für die Fabel. An was für eine Art von +Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein +Fuchs!" Der Fabulist weiß nur von einem Fuchse, und sobald er mir das +Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen +Charakter. Anstatt des Menschen überhaupt hätte Hermann Axel also +wenigstens einen Gasconier setzen müssen. Und alsdenn würde er wohl +gefunden haben, daß die Fabel, durch die bloße Weglassung des Tieres, +so viel eben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nämlichen +Verhältnisse auch die übrigen Umstände geändert und den Gasconier nach +etwas mehr als nach Birnen lüstern gemacht hätte. + +{Fussnote 6: S. 166.} + +Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der +Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu +moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man +es einem zum besondern Ruhme machen will, "daß der Schwan in seinen +Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut für seine Jungen +vergieße" [7].--Als ob man in den Fabelbüchern die Naturgeschichte +studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt +sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie +bekräftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch +seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielen will, der +nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, daß ihnen +die nämlichen Eigenschaften in der Tat zukommen. + +{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner +kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist +denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem +Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am +allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt. +Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer +unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und +Kunst empfinden, denken und sprechen könnten, will mir nicht ein. Die +Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar +schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von +einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so +unendlich weit jene von ihm abstehen. + +Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres +vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, daß +die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nützten. Ich weiß +es sehr wohl, daß sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das +Vergnügen der Vergleichung um ein großes vermehren, welches alsdenn +kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne +Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen, +bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der +zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein, +warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel +überhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die +Menschen. + +Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschöpfen in +der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht +durch Schlüsse nie gekommen wäre, wenn mich nicht mein Gefühl darauf +gebracht hätte. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis +eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere +Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die +Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er +aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er +die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der +Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt? Man erinnere +sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in +die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten +verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses +Mitleiden ist so schwach, daß es unserer anschauenden Erkenntnis des +moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es +mit dem armen Manne? Kömmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich +wahr, daß wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den +Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als daß die anschauende +Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein könnte, als +sie dort ist? + + + + +III. Von der Einteilung der Fabeln + + +Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen fähig. Von einer, die sich +aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich +anfangs geredet. Die Fabeln nämlich werden entweder bloß auf einen +allgemeinen moralischen Satz angewendet und heißen einfache Fabeln, +oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der +Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist, +und heißen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat +sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget. + +Eine andere Einteilung würde sich aus der verschiednen Beschaffenheit +des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt nämlich moralische +Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in +einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist, +anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz +in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man +vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen +können. + +Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel +weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen +Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit +gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewöhnliche +Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr +in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nämlich der darin +handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier näher +betrachten will. + +Aphthonius ist ohne Zweifel der älteste Skribent, der ihrer erwähnst. +Tou de muJou, sagt er in seinen Vorübungen, to men esti logikon, to de +hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV +peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei +Gattungen von Fabeln, die vernünftige, in welcher der Mensch die +handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen +aufgeführet werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernünftige +als vernünftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung, +welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie +das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben +diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen +bestehen? Aphthonius hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den +einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch +abzuhelfen wäre, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der +obersten Fläche abgeschöpft sein als diese Einteilung? Öffnet sie +uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel? + +Batteux würde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von +der Einteilung der Fabel gar geschwiegen hätte, als daß er uns mit +jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man +vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß er sich hier auf einer +kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt er unter andern von den +Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm, +die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen +Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das +Fräulein Einbildungskraft und alles, was ihnen ähnlich siehet, sind +von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel +schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktermäßigen +Körper zu geben, als Körpern, die einige Analogie mit unsern Organen +haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses +geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der +allegorischen Wesen sehr häufig bedienet. Da dieses nun nicht nach +dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so +konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht +anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend +gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen +Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehören. Und diese Regel eben +möchte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht +getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System +von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische +Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder; +sie unterscheidet sich von den übrigen nur durch die Geringfügigkeit +und Naivität ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater +keinen Cäsar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise +etc."--Freilich, diese Geringfügigkeit der spielenden Personen +vorausgesetzt, konnte Batteux mit den höhern poetischen Wesen des de +La Motte unmöglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon +einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit +verwerfen mußte, und zog sich, um den kritischen Anfällen deswegen +weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften +Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann wäre, +der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz +haben, eben dadurch verdammen könnte! Und diesen Mißbrauch einer +erschlichenen Autorität, nenne ich eben die kleine Tücke, deren sich +Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat. + +{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.} + +Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten, +aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in +vernünftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig +sonderbar; denn man könnte sagen, daß eine jede Fabel sowohl eine +vernünftige als eine sittliche Fabel wäre. Sittlich nämlich sei eine +jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten +erfunden worden, und vernünftig insofern, als diese sittliche Wahrheit +der Vernunft gemäß ist. Doch da es einmal gewöhnlich sei, diesen +Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung +machen. Aphthonius habe übrigens bei seiner Einteilung die Absicht +gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschöpfen, und mehr +nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient +habe, müsse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn +alle Liebhaber der Wahrheit so billig dächten!--, absit, ut negemus +accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est, +erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum, +propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam +exprimere poterat. Er behält daher die Benennungen der +aphthonianischen Einteilung bei und weiß die Wahrheit, die er nicht +darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, daß sie das vollkommene +Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekömmt. "Wenn wir +Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten +solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate bei +als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht +zukommen. In dem ersten Falle heißen es vernünftige Fabeln, in dem +andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heißen es, wenn sie +etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel +haben." + +{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.} + +Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit +der Fabel nicht mehr auf der bloßen Verschiedenheit der Subjekte, +sondern auf der Verschiedenheit der Prädikate, die von diesen +Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu +handelnden Personen haben und dennoch keine vernünftige Fabel sein, so +wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muß, weil Tiere +in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwei +kämpfenden Hähnen würde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche +Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere +nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt +hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den +Hähnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist +es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund +und der Koch [4], der Hund und der Gärtner [5], der Schäfer und der Wolf +[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die +sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die +vernünftigen gehören. + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.} + +{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.} + +{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.} + +Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen können +bewenden lassen? Ich weiß nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit +habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfen +soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von +Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie, +wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphthonius +vermutet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen +gut ausgedrückt hätte, als es besonders die Kunstrichter wohl +verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten +Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Prädikate, beigelegt werden, +deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses +Nicht-Zukommen kann einen übeln Verstand machen. Der Dichter, kann +man daraus schließen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der +Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das +Schaf verwegen, den Wolf sanftmütig, den Esel feurig vorstellen; er +kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen +lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht +eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie nötig ist es, +dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der +abgeschmacktesten Märchen drohenden Folgerungen vorzubauen! + +Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder +zurückzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als möglich aus dem +Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn, +zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, daß auf +der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche +Unterschied der Parabel, oder des Exempels überhaupt, und der Fabel +beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie +sich eher von ihrer Möglichkeit als von jener etwas abbrechen läßt. +Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht +schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen, +unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich +vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die +Fabel keiner Verschiedenheit fähig, wohl aber in Ansehung ihrer +Möglichkeit, welche sie veränderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie +gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte +Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings +möglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter +gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall +schlechterdings möglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten +Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo +er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche heißen. +Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die +sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen +entweder die Subjekte der Fabel oder die Prädikate dieser Subjekte: +der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und +jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, daß diese und +jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen +zukommen; denn sonst würden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die +ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem höhern Grade, in +einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte +vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese, +worin nur erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen +werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische +Fabeln nennen.-- + +Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erläutern. +Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kämpfenden Hähne, der +Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gärtner, sind lauter +vernünftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere +darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings +möglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin +beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1], +Herkules und Plutus [2], die verschiedene Bäume in ihren besondern +Schutz nehmenden Götter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus +allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern +erdichteten Wesen, dem Phönix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln, +und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, daß +alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den +sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich.--Der Wolf +und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile +[6], die Bäume und der Dornstrauch [7], der Ölbaum und das Rohr [8] etc. +sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn +die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer +Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hierbei erinnern! Man +bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die +Tiere und andere geringere Geschöpfe einschränke: der Dichter kann +auch die Natur des Menschen erhöhen und die Schranken seiner +Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde +eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien, +kann dem Menschen bloß nach einer erhöhtern Natur zukommen. Oder wenn +man die Erzählung von den himmelstürmenden Riesen als eine aesopische +Fabel behandeln und sie dahin verändern wollte, daß ihr unsinniger Bau +von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstürzte und sie unter +den Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch +sittliche Fabel daraus werden können. + +{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].} + +{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].} + +{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.} + +{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.} + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.} + +{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.} + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.} + +{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.} + +Aus den zwei Hauptgattungen, der vernünftigen und sittlichen Fabel, +entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo nämlich der Fall +zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen +möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln dreierlei sein; +die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und der Kärrner [9], der +arme Mann und der Tod [10], die vernünftig hyperphysische Fabel, als +der Holzschläger und der Fuchs [11], der Jäger und der Löwe [12]; und +endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel +[13], Jupiter und die Schlange [4] etc. + +{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.} + +{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.} + +{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.} + +{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.} + +{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.} + +{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.} + +Und diese Einteilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz +gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle ihr +zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen +geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden +Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht +ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde +gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir +gesehen haben, größtenteils auf die Beschaffenheit der handelnden +Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gründlicher, und er ist +in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare +der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad +des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in +welchen ordentliche Menschen aufgeführet werden--Weil in denselben das +Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand hat, so können +sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen +menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren +äußert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere +als menschliche Personen aufgeführet werden.--Diese sind entweder von +einer vortrefflichern und höhern Natur als die menschliche ist, z. E. +die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs +und ihrer natürlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als +die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen +Fabeln das Wunderbare über das Wahrscheinliche nach verschiedenen +Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfüglich wunderbare und +in Absicht auf die Personen entweder göttliche oder tierische Fabeln +genannt--" Und die Fabel von den zwei Töpfen, die Fabel von den Bäumen +und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heißen? Oder +sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr +wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten +der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben, +daß man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein +kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so +betrachte man die schon angeführte Fabel von dem Gärtner und seinem +Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange; +aber nicht so, wie sie Phaedrus erzählet, sondern wie sie unter den +griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des +Wunderbaren, daß man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist +menschlichen Fabeln, rechnen müßte. In beiden aber kommen auch Tiere +vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln +gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche +herrscht als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob +die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel +anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse +anweisen könnte. + +Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern +mit einer Anmerkung schließen, die sich überhaupt auf die +hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern +Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern +anzubringen vergessen möchte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln +die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer +niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen +Natur bringen dürfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer +will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allem, was er sie +denken, reden und handeln läßt, der Charakter hervorscheine, um dessen +willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua. +Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander +Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken, +reden und tun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht +befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und +Vernunft voraussetzt. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal +Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle +Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus +jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen +einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen +wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt +die Illusion, daß es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden +hören und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so +scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel +Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie +gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn +er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den +unvernünftigen Tieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von +Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stehen und zu +einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehöret +eine Stärke der Vernunft, welche über den Instinkt ist. Ihr Instinkt +gibt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die +sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese +Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr +einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen +menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der +Fabulist muß zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters +vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, daß +die aesopische Fabel sich in dieselbe Länge wie die epische Fabel +ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, daß man +die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in +Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo +man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet und die +Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt etc."--Wie sonderbar ist +hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus +dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des +moralischen Lehrsatzes in der Fabel hätte herleiten sollen! Ich gebe +es zu, daß der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische +Fabel, in die Länge einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf, eine +aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren, +nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine +Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee +erfordern würde, erteilen dürfte, nicht deswegen, weil die Tiere +alsdenn zu viel Menschliches haben würden: sondern deswegen, weil +die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen würde, +weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam +auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht +länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntnis +erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen +können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder +seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition +des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr +irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch +williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine +einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine +hineinlegen? Wir können sie doch nicht darin erkennen, weil ihre +Werke viel zu weitläuftig sind, als daß wir sie auf einmal zu +übersehen vermöchten. In dem Skelette derselben müßte sie sich wohl +endlich zeigen; aber das Skelett gehöret für den kalten Kunstrichter, +und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlehre darin liegen +müsse, so wird er sie gewiß herausgrübeln, wenn sie der Dichter auch +gleich nicht hineingelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen +der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen +Fabel die wahre Ursach nicht sei, hätte der kritische Briefsteller +gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die tierische Fabel, +sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus +vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabel von dem +Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, läßt sich +ebensowenig zur Länge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel +von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann +es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen +streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln ließen sich ihm nicht +entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als flüchtige und +dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre +Anschläge ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet. +Z. E. der Adler und der Käfer [15]; der Adler, die Katze und das +Schwein [16] etc. + +{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.} + +{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.} + +Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man +demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge +machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztberührten +Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinicke +Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts +zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte nur ein +einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite +müßten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter +gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen +Hauptteilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder +dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel, +sein können, damit das große Ganze aus gleichartigen Teilen bestünde. +Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in +seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen +Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden, +und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige +Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen +Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein +Einfall auch wirklich ausführen läßt.--Und nun urteile man, wie diese +Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten +Buchs und heißt die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die +Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese: +"Man muß einen alten Bösewicht nicht auf das Äußerste bringen und ihm +alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch sein mag, +benehmen." Dieses Äußerste, diese Benehmung aller Mittel zerstückte +ich, machte verschiedene mißlungene Versuche des Wolfs daraus, des +gefährlichen Raubens künftig müßig gehen zu können, und bearbeitete +jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und +mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich +hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln +gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern +Moral leicht auf mehrere bringen können. Ich begnüge mich, die +Möglichkeit gezeigt zu haben. + + + + +IV. Von dem Vortrage der Fabeln + + +Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist +Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster? + +Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben +und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als +ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon +durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe +also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen +Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu +urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich +nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte +mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem +Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und +richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war, +fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine +allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den +ausdrücklichsten Worten darauf. + +Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen +auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese +Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das +Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das +allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider +seinen Willen davon abgebracht zu haben. + +Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider +ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine +blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er +nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer +vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele +der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei, +ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der +liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und +die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle, +in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften, +die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und +bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe +er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il +n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln +aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung +für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu +unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm +dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber +wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es +glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die +Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war. +Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte +allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die +Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das +Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La +Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus +nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant, +mais solide! + +{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.} + +{Fussnote 2: Fontenelle.} + +Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein +so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er +doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er +setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen, +habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne +die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine +Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe +wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian +sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua +potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle +sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese +Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach +Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit? +Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen +werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der +Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser +sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf +die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden +können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der +Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und +setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai +prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der +Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als +möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit +zufrieden sein. + +{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.} + +{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam +exponimus. Idem, ibidem.} + +Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des +Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die +Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der +unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De +La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les +manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme +s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la +Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que +Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de +La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem +ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der +Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er +beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die +in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians, +und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil +man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet. + +{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.} + +Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La +Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man +nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite +betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten +gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem +holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber. +Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik +davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen +sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß +man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in +Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es +die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er +bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines +Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche +in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der +Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff +geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur +lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als +ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen, +uns lehren müßten.--So stehen wir noch!-- + +Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia +akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran +er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von +Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er +muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz +das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit +dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen. + +Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden +soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf +einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle +Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch +kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie +leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel. + +Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die +allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen +Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um +Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte +kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen +erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der +Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E. +ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen: + +Un vieux Renard, mais des plus fins, +Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins, +Sentant son Renard d'un lieue etc. + + +Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein +individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet +will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen, +ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung +von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist, +daß es keine Beschreibung bedarf. + +Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen. +Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so +einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in +ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen +sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit +ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere +Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens +schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze +teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er, +bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die +hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art +unterscheiden." + +Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch +wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit +ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen +sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine +solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie +auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne? +Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig +genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können? +Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie +meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als +glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler +verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er +schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und +er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den +Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten +Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen +daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen! +--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem +Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen +Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus, +so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen +einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns +an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?-- + +{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.} + +Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich, +daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die +erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider +nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene +Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in +besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich +meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu +können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte +sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man +erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten +Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten +ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit +erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang +in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte +ich voritzo mit meiner Prosa-- + +Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen +läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden +Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf +das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die +Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des +Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die +lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen. +Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was +man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene +zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei +sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der +meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie +seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form +erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle +von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich +habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf +keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und +da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die +Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der +guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem +Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter +nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln +setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die +nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf +betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger, +und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen +rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus, +daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln +auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet. +Wieviel Beweise will man? Z. E. + +Fab. 4. Libri I + Canis per flumen, carnem dum ferret natans, + Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc. + + +Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat +er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis +unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn +kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen, +als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich +vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV +arpasasa tiV kuwn par’ authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem +Ufer des Flusses. + +Fab. 5. Lib. I + Vacca et capella, et patiens ovis injuriae, + Socii fuere cum leone in saltibus. + + +Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu +einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese +Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch +keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener +Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und +dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er +ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist +ferner die Teilung bei dem Phaedrus: + +Ego primam tollo, nominor quia leo; +Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi; +Tum quia plus valeo, me sequetur tertia; +Male afficietur, si quis quartam tetigerit. + + +Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht +sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil +für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt. +Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das +zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der +gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh +eJelhV jugein. + +Fab. 11. Lib. I + Venari asello comite cum vellet leo, + Contexit illum frutice, et admonuit simul, + Ut insueta voce terreret feras etc. + - - + Quae dum paventes exitus notos petunt, + Leonis affliguntur horrendo impetu. + + +Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die +Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten +Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie +ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum +mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte +der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen +Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da +vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt +den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme +die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an +dem Eingange wartet, nicht entgehen. + +Fab. 9. Libr. IV + Peras imposuit Jupiter nobis duas, + Propriis repletam vitiis post tergum dedit, + Alienis ante pectus suspendit gravem. + + +Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld, +daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige +Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser +Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern +Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen +schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV +exhmmeJa tou trachlou usw. + +Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an +einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine +eigene Ausgabe des Phaedrus. + + + + +V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + +Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er +gehöret in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr +davon sagen können, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von +dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren +Vorübungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schülern aufgaben, +bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu verändern, bald sie zu +erweitern, bald sie kürzer zusammenzuziehen etc. Diese Übung kann +nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und +da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiß ich nicht, +warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich als Fabel +ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut erzählen läßt. + +Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will, +würde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen können.--Warum +fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und +selbstdenkenden Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre +Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt +uns die Seele, aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen. +Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkräfte man, soviel als möglich, +beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert, den man +angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, +mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu +vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von +selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man +beständig aus einer Scienz in die andere hinübersehen läßt, den man +lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu +erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder +herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts +in der Welt werden. + +Unter den Übungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge +angestellet werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung aesopischer +Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller +angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu +Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel, +wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen +Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist +das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen +selbst davon zu hören: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum +inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad +inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute +necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis +amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla +effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum +inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores +abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen +suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe +artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis +excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem +veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent, +et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt. +Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum, +cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in +Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus. +[1] + +{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior § 310.} + +Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten. +Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller +individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie +ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man müßte dem Rate eines +neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit +der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse +allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthält, sagt er, den +Samen aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht +ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der +Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet, +nicht auf die bloßen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern +Geschöpfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese +Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben. + +{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.} + +Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen +Kenntnis nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln anfangs müssen +mehr finden als erfinden lassen; und die allmählichen Stufen von +diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch +verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein +gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld, +insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der +wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und +Merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen, +ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der +menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel +ausgebildet werden könne."[3] Die Mühe, mit seinem Schüler auf die Jagd +zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln +selbst eine Art von Jagd zu legen weiß, indem er die Geschichte +derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfährt, bald diesen oder +jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin +erkennen läßt. + +{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Z. E. die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel fängt sich an: Lewn +kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer +stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel +auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines +zweiten Buchs.) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich +denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man sehe die +siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der +Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu +einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Aesopus sich dabei +gesteckt hatte. + +Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von +der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel +geschmückt hatte, schließt sich: kai o koloioV hn palin koloioV. +Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen +war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden +Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls für fremde +Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier, +man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was +wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines +zweiten Buchs.) + +Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie, wenn das +Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel +schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die funfzehnte) Wie, wenn +der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus +Begierde, ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen +gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank +der Schlange beklagen können? (S. die dritte Fabel.) + +Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus +und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein +in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich +daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich +der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S. +die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und +unterläßt, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl +auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder +würde es dem Herkules anständiger gewesen sein, ihr für ihre +Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.) + +Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt +unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr +nichtswürdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder +elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai +thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine +unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich +den Jupiter würdiger antworten lassen und überhaupt eine schönere +Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.) + +--Ich breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen +Kommentar über meine eigene Versuche zu schreiben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen über die Fabel, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Abhandlungen ueber die Fabel, by +Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL *** + +***** This file should be named 9950-8.txt or 9950-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/9/5/9950/ + +Produced by Delphine Lettau + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Abhandlungen ueber die Fabel + +Gotthold Ephraim Lessing + + + + + + +Inhalt: + I. Von dem Wesen der Fabel + II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel +III. Von der Einteilung der Fabeln + IV. Von dem Vortrage der Fabeln + V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + + + +I. Von dem Wesen der Fabel + + +Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heisst +seine Fabel. So heisst die Erdichtung, welche er durch die Epopee, +durch das Drama herrschen laesst, die Fabel seiner Epopee, die Fabel +seines Drama. + +Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die +sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine +Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet. + +Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner +Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine +gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gruendet, deren ich in der +Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, dass +ich sie, auf gut Glueck, bei meinen Lesern voraussetzen duerfte. + +Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfaellen. +Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfaelle meistens erdichtet +oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloss an diese +oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht. +Diese begnuegten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die +erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erlaeutert zu haben; wenn jener noch +ueber dieses die Aehnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem +gegenwaertigen wirklichen Vorfalle fasslich machen und zeigen musste, dass +aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen +Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiss ergeben +werde. + +Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und +(zusammengesetzte) Fabeln. + +(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit +derselben bloss irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man +machte der Loewin den Vorwurf, dass sie nur ein Junges zur Welt braechte. +Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Loewen."[1]--Die Wahrheit, welche +in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth, +leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich +es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse. + +{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.} + +(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie +uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder +doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird. +--"Ich mache, sprach ein hoehnischer Reimer zu dem Dichter, in einem +Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht, +nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache +dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird +(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln, +aus (zwei) einzeln Faellen, in welchen beiden ich die Wahrheit +ebendesselben Lehrsatzes bestaetiget finde. + +Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht +auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloss +auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel +schon hat man es ersehen, dass ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald +(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von +dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel. + +------ Hoc scriptum est tibi, +Qui magna cum minaris, extricas nihil. + + +Ein jeder, ohne Unterschied, der grosse und fuerchterliche Anstalten +einer Nichtswuerdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen +sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor, +von allen moeglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm +(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten) +Fabel, indem er einen gebaerenden schlechten Poeten zu dem besondern +Gegenbilde des kreisenden Berges macht. + +Ihr Goetter rettet! Menschen flieht! +Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen, +Und wird itzt, eh man sich's versieht, +Mit Sand und Schollen um sich schmeissen etc. +-------------- +Suffenus schwitzt und laermt und schaeumt: +Nichts kann den hohen Eifer zaehmen; +Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, +Und will itzt den Homer beschaemen etc. +-------------- +Allein gebt acht, was koemmt heraus? +Hier ein Sonett, dort eine Maus. + + +Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbuecher der Dichtkunst ein +tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen +Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese +Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen. +Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fusstapfen vor mir, +die ich zum Teil untersuchen muss, wenn ich ueberall sichere Tritte zu +tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten +Erklaerungen pruefen, welche meine Vorgaenger von der Fabel gegeben haben. + + + +De La Motte + + +Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein grosses poetisches Genie als ein +guter, aufgeklaerter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und ueberall +ertraeglich zu bleiben hoffen durfte, erklaert die Fabel durch eine +unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisee sous l'allegorie +d'une action. Discours sur la fable.} + +Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr +festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater +und liess ihn fragen, was er weiter tun solle? Der Koenig, als der Bote +zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf, +schlug den hoechsten Mahnstaengeln die Haeupter ab und sprach zu dem +Boten: Geh, und erzaehle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der +Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und liess die Vornehmsten +der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier +ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber +ist hier eine Fabel? Kann man sagen, dass Tarquinius seine Meinung dem +Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiss nicht! + +{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.} + +Jener Vater, der seinen uneinigen Soehnen die Vorteile der Eintracht an +einem Buendel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stueckweise +zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3] + +{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.} + +Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Soehnen erzaehlt haette, +wie gluecklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Loewen von sich +abhielten und wie bald sie des Loewen Raub wurden, als Zwietracht unter +sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn haette +doch der Vater seinen Soehnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die +Sache ist klar. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.} + +Folglich ist es ebenso klar, dass die Fabel nicht bloss eine +allegorische Handlung, sondern die Erzaehlung einer solchen Handlung +sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklaerung des +de La Motte zu erinnern habe. + +Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur +wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte ueberhaupt aus einer +guten Erklaerung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal +an seiner Stelle stuende? Wenn es nicht wahr waere, dass die Handlung +der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es hoechstens +unter gewissen Umstaenden nur werden koennte? + +Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud +verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die +Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet, +sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, dass +dieses etwas andere auf etwas anderes Aehnliches einzuschraenken sei, +weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein wuerde [6]. Die +letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind +ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein. + +{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.} + +{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei. +Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis +Ironia Allegoria esset.} + +Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen +scheinet, sondern etwas Aehnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn +sie allegorisch sein soll, muss das auch nicht sagen, was sie zu sagen +scheinet, sondern nur etwas Aehnliches? + +Wir wollen sehen!--"Der Schwaechere wird gemeiniglich ein Raub des +Maechtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine +Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer staerker ist als das andere, +die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Staerke, +untereinander aufreiben koennen. Eine Reihe von Dingen! Wer wird +lange und gern den oeden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses +oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein +deutliches Bild gewaehren? Ich will also auch hier anstatt dieser +Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge +annehmen. Ich koennte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten +oder Koenigen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so +bewandert, dass sie, sobald ich meine Staaten oder Koenige nur nennte, +sich der Verhaeltnisse, in welchen sie gegeneinander an Groesse und Macht +gestanden, erinnern koennten? Ich wuerde meinen Satz nur wenigen +fasslicher gemacht haben, und ich moechte ihn gern allen so fasslich als +moeglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht +eine Reihe von Tieren waehlen duerfen, besonders wenn es allgemein +bekannte Tiere waeren? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein +Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir duerfen sie nur nennen hoeren, um +sogleich zu wissen, welches das staerkere oder das schwaechere ist. +Nunmehr heisst mein Satz: der Marder frisst den Auerhahn, der Fuchs den +Marder, den Fuchs der Wolf. Er frisst? Er frisst vielleicht auch nicht. +Das ist mir noch nicht gewiss genug. Ich sage also: er frass. Und +siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden! + +Ein Marder frass den Auerhahn, +Den Marder wuergt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7] + +{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.} + +Was kann ich nun sagen, dass in dieser Fabel fuer eine Allegorie liege? +Der Auerhahn, der Schwaechste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der +Starke; der Wolf, der Staerkste. Was hat der Auerhahn mit dem +Schwaechsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Aehnliches? +Aehnliches! Gleichet hier bloss der Fuchs dem Starken und der Wolf +dem Staerksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der +Staerkste? Er ist es.--Kurz, es heisst die Worte auf eine kindische Art +missbrauchen, wenn man sagt, dass das Besondere mit seinem Allgemeinen, +das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine +Aehnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde ueberhaupt, und +ein Windhund ueberhaupt einem Hunde aehnlich? Eine laecherliche Frage! +--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und +den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Aehnlichkeit, so kann auch +keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das naemliche laesst sich +auf die naemliche Art von den beiderseitigen Praedikaten erweisen. + +Vielleicht aber meiner jemand, dass die Allegorie hier nicht auf der +Aehnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Praedikaten der +Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Praedikaten des Satzes, +sondern auf der Aehnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit +itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des +Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn kaeme +hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloss wegen +der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der +Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch +nennen: so wuerde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches +doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff +verbindet. + +Ich befuerchte, dass ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte +mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine +einfache Fabel kann unmoeglich allegorisch sein. + +Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede +einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie +alsdenn allegorisch wuerde? Und so ist es. Denn in der +zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten; +zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen +begriffen sind, ist die Aehnlichkeit unwidersprechlich, und die +Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muss man nicht sagen, dass die +Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde. +Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu +der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden +ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich +von dem Manne den Zaum anlegen liess und ihn auf seinen Ruecken nahm, +damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte, +behuelflich waere: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch, +als ich mit dem Phaedrus [8] bloss die allgemeine Wahrheit daraus ziehe: + +{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.} + +Impune potius laedi, quam dedi alteri. + +Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus +erzaehlte, ward sie es. Er erzaehlte sie naemlich, als die Himerenser +den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvoelker gemacht +hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr +Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren +Feinden zu raechen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie +diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen, +indem ihr den Phalaris zu eurem Heerfuehrer mit unumschraenkter Gewalt +ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn +aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan." +[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, dass +das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die +beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern +auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen +Unterdruecker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht +auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die +Ernennung des Phalaris zum unumschraenkten Heerfuehrer; und das +Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten toedlichen Stoss, welcher der +Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu +bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird. + +{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn +allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie +enthaelt, einen andern aehnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat, +entgegenstelle, da sie es nicht an und fuer sich selbst ist, insofern +sie eine allgemeine moralische Lehre enthaelt, so gehoeret das Wort +Allegorie gar nicht in die Erklaerung derselben.--Dieses ist das zweite, +was ich gegen die Erklaerung des de La Motte zu erinnern habe. + +Und man glaube ja nicht, dass ich es bloss als ein muessiges, +ueberfluessiges Wort daraus verdraengen will. Es ist hier, wo es steht, +ein hoechst schaedliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter +Fabeln zu danken haben. Man begnuege sich nur, die Fabel, in Ansehung +des allgemeinen Lehrsatzes, bloss allegorisch zu machen, und man kann +sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine +schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr +voelliges Licht setzen. Ich waehle ein altes, um ohne Missgunst recht +haben zu koennen. Die Fabel naemlich von dem Mann und dem Satyr. "Der +Mann blaeset in seine kalte Hand, um seine Hand zu waermen, und blaeset +in seinen heissen Brei, um seinen Brei zu kuehlen. Was? sagt der Satyr, +du blaesest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts +zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV +jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller +Zweizuengler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie +das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel fuer +schlecht ausgibt. + +{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126} + +Richer [11] sagt, sie suendige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre +Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gruende sich auf eine +blosse Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine +Empfindung falsch ausgedrueckt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin, +dass die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, dass es +weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt dass die Handlung des +Mannes, die dem Satyr so anstoessig scheinet, unter dem allgemeinen +Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm +bloss aehnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs +schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre +warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen, +die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen +Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht, +der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz +etwas anders ihn itzt kalt blaeset. + +{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est +qu'une allusion, et n'est fondee que sur un jeu de mots equivoque. +Fables nouvelles, Preface, p. 10.} + +Endlich, was laesst sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das +abgeschmackte Maerchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen +moralischen Sinn sollte legen koennen!--"Die Mitknechte des Aesopus +geluestet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf, +und als es zur Nachfrage koemmt, soll es der gute Aesop getan haben. +Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in grosser Menge laues Wasser, und +seine Mitknechte muessen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine +Wirkung, und die Naescher sind entdeckt."---- Was lehrt uns dieses +Histoerchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als dass laues Wasser, in +grosser Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte +jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn +man euch", spricht er, "an jenem grossen Tage des Gerichts, von diesem +warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles +an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der +Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung +zu einem ehrwuerdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und +Verwirrung ueberhaeuft dastehen!"--Vortrefflich! + +{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous +donnera a boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du +Jugement dernier, tout ce que vous avez cache avec tant de soin, +paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de +l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors +couvert de honte er de confusion.} + +Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklaerung des de La Motte +auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und +allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische +Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine +transzendentalische Lehre zu legen weiss, eine Fabel? Oder wenn der +seltsame Holberg erzaehlet: "Die Mutter des Teufels uebergab ihm +einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber +diese machten ihm so viel zu tun, dass er sie mit aller seiner Kunst +und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls +sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurueckkunft: Liebe Mutter, hier +sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter +bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzaehlet? +Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit +ausdruecklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, dass keine Kreatur +weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige +Wahrheit! Niemand hat die Fabel schaendlicher gemisshandelt als dieser +Holberg!---Und es misshandelt sie jeder, der, eine andere als moralische +Lehre darin vorzutragen, sich einfallen laesst. + +{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.} + + + +Richer + + +Richer ist ein andrer franzoesischer Fabulist, der ein wenig besser +erzaehlet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter +ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken ueber diese +Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklaert die Fabel durch ein +kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde +versteckte Regel enthalte [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte +cache sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.} + +Richer hat die Erklaerung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt. +Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm +sehr schlecht gelungen. + +Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in +die blosse Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, dass er die Fabel +ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein +gewisses Silbenmass als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes +betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich +weiter unten hierueber ausfuehrlicher erklaeren. + +Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort +Lehre des de La Motte. Alle Kuenste, alle Wissenschaften haben Regeln, +haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral +zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder +Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel +und Vorschrift eigentlich nur solche Saetze verstehet, die unmittelbar +auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber +sind nicht alle moralische Lehrsaetze der Fabel. Ein grosser Teil +derselben sind Erfahrungssaetze, die uns nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet, +unterrichten. Ist die Sentenz: + +In principatu commutando civium +Nil praeter domini nomen mutant pauperes + + +eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat +einer von den schoensten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus +jedem solchen Erfahrungssatze koennen leicht eigentliche Vorschriften +und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt, +das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was muesste das fuer eine +Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf +einmal anschauend erkennen sollte? + +{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.} + +Unter einem allegorischen Bilde?--Ueber das Allegorische habe ich mich +bereits erklaeret. Aber Bild (Image)! Unmoeglich kann Richer dieses +Wort mit Bedacht gewaehlt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen, +um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht +zu haben?--Ein Bild heisst ueberhaupt jede sinnliche Vorstellung eines +Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veraenderung. Es zeigt mir +nicht mehrere oder gar alle moegliche Veraenderungen, deren das Ding +faehig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und +ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also +wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine +Fabel. Der mitten im Wasser duerstende Tantalus ist ein Bild, und ein +Bild, das mir die Moeglichkeit zeiget, man koenne auch bei dem groessten +Ueberflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch +folgendes kleine Gedicht: + +Cursu veloci pendens in novacula, +Calvus, comosa fronte, nudo corpore, +Quem si occuparis, teneas; elapsum semel +Non ipse possit Jupiter reprehendere; +Occasionem rerum significat brevem. +Effectus impediret ne segnis mora, +Finxere antiqui talem effigiem temporis. + + +Wer wird diese Zeilen fuer eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus +als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen laesst [3]? Ein +jedes Gleichnis, ein jedes Emblema wuerde eine Fabel sein, wenn sie +nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke +uebereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das +notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdruecken. + +{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.} + +Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veraenderungen, die zusammen ein +Ganzes ausmachen. + +Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Uebereinstimmung aller Teile +zu einem Endzwecke. + +Der Endzweck der Fabel, das, wofuer die Fabel erfunden wird, ist der +moralische Lehrsatz. + +Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzaehlt, eine +Folge von Veraenderungen ist und jede dieser Veraenderungen etwas dazu +beitraegt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz +bestehet, anschauend erkennen zu lassen. + +Was die Fabel erzaehlt, muss eine Folge von Veraenderungen sein. Eine +Veraenderung oder auch mehrere Veraenderungen, die nur nebeneinander +bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht +zureichen. Und ich kann es fuer eine untriegliche Probe ausgeben, dass +eine Fabel schlecht ist, dass sie den Namen der Fabel gar nicht +verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen laesst. Sie +enthaelt alsdenn ein blosses Bild, und der Maler hat keine Fabel, +sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem +Meere zog, blieb der groessern Fische, die sich darin gefangen hatten, +zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und +gelangten gluecklich wieder ins Wasser."--Diese Erzaehlung befindet sich +unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens +eine sehr mittelmaessige. Sie hat keine Handlung, sie enthaelt ein +blosses einzelnes Faktum, das sich ganz malen laesst; und wenn ich dieses +einzelne Faktum, dieses Zurueckbleiben der groessern und dieses +Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern +Umstaenden erweiterte, so wuerde doch in ihm allein, und nicht in den +andern Umstaenden zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154} + +Doch nicht genug, dass das, was die Fabel erzaehlt, eine Folge von +Veraenderungen ist, alle diese Veraenderungen muessen zusammen nur einen +einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren +mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten +Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie +eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine +Handlung, sondern muss eine Begebenheit heissen.--Ein Exempel: + +Lucernam fur accendit ex ara Jovis, +Ipsumque compilavit ad lumen suum; +Onustus qui sacrilegio cum discederet, +Repente vocem sancta misit Religio: +Malorum quamvis ista fuerint munera, +Mihique invisa, ut non offendar subripi; +Tamen, sceleste, spiritu culpam lues, +Olim cum adscriptus venerit poenae dies. +Sed ne ignis noster facinori praeluceat, +Per quem verendos excolit pietas Deos, +Veto esse tale luminis commercium. +Ita hodie, nec lucernam de flamma Deum +Nec de lucerna fas est accendi sacrum. + + +Was hat man hier gelesen? Ein Histoerchen, aber keine Fabel. Ein +Histoerchen traegt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel +also muss sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da +ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch +anzugeben gehalten bin. Was waere nun der Grund, warum diese Fabel +erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel waere? Recht billig zu +urteilen, koennte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe +einen wahrscheinlichen Anlass zu dem doppelten Verbote, weder von dem +heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das +heilige Feuer anzuzuenden, erzaehlen wollen. Aber waere das eine +moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben +soll? Zur Not koennte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des +allgemeinen Verbots dienen, dass das Heilige mit dem Unheiligen, das +Gute mit dem Boesen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was +tragen alsdenn die uebrigen Teile der Erzaehlung zu diesem Bilde bei? +Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der +einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat +es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er +allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reissen gewusst, als wenn er +deren so viele daraus zoege als sich nur immer ziehen liessen. Denn er +schliesst: + +Quot res contineat hoc argumentum utiles, +Non explicabit alius, quam qui repperit. +Significat primo, saepe, quos ipse alueris, +Tibi inveniri maxime contrarios. +Secundo ostendit, scelera non ira Deum, +Fatorum dicto sed puniri tempore. +Novissime interdicit, ne cum malefico +Usum bonus consociet ullius rei. + + +Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklaeren +kann, wieviel nuetzliche Dinge sie enthalte! Wir haetten an einem genug! +--Kaum sollte man es glauben, dass einer von den Alten, einer von +diesen grossen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses +Histoerchen fuer eine Fabel [5] verkaufen koennen. + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10} + + + +Breitinger + + +Ich wuerde von diesem grossen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn +er in meinen Gedanken noch ueberall recht haette.--Er gibt uns aber eine +doppelte Erklaerung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La +Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen. + +{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender +Abschnitt, S. 194.} + +Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen +Allegorie einer aehnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung. +--Der klare, uebersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewaesserte: +koennte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwoerter: +wohlgeratene Allegorie, aehnliche Handlung? Sie sind hoechst +ueberfluessig. + +Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet. +Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt +(cache) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem +Raetsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denkspruechen sind +moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die +Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten +Fabel auf einmal hervorstrahlet, haette durch ein ander Wort als durch +das ganz widersprechende versteckt ausgedrueckt zu werden verdienet. +Sein Vorgaenger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklaert; +er sagt doch nur verkleidet (deguise). Aber auch verkleidet ist noch +viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer +muehsamen Erkennung mit sich fuehret. Und es muss gar keine Muehe kosten, +die Lehre in der Fabel zu erkennen; es muesste vielmehr, wenn ich so +reden darf, Muehe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs +hoechste wuerde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der +zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der +einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei aehnlichen einzeln +Faellen kann zwar einer durch den andern ausgedrueckt, einer in den +andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere +verkleiden koenne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit +aller Gewalt ein aehnliches Wort hier brauchen, so muesste es anstatt +verkleiden wenigstens einkleiden heissen. + +Von einem deutschen Kunstrichter haette ich ueberhaupt dergleichen +figuerliche Woerter in einer Erklaerung nicht erwartet. Ein Breitinger +haette es den schoen vernuenftelnden Franzosen ueberlassen sollen, sich +damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm wuerde es sehr wohl +angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule +belehrt haette, dass die moralische Lehre in die Handlung weder +versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden +Erkenntnis faehig gemacht werde. Ihm wuerde es erlaubt gewesen sein, +uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden +Erkenntnis, von der mit ihr verknuepften schnellen Ueberzeugung, von +ihrem daraus entspringenden maechtigen Einflusse auf den Willen das +Noetige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen +Teil der Dichtkunst von dem groessten Nutzen ist und von unserm +Weltweisen schon gnugsam erlaeutert war [2]!--Was Breitinger aber damals +unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die +philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, dass +ich mich der Woerter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von +Anfange als solcher Woerter ohne Bedenken habe bedienen duerfen, mit +welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden. + +{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, dass Herr +Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte, +auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii +Philosophiae practicae universalis pars posterior 302-323. Dieser +Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr +darauf.} + +Ich kaeme zu der zweiten Erklaerung, die uns Breitinger von der Fabel +gibt. Doch ich bedenke, dass ich diese bequemer an einem andern Orte +werde untersuchen koennen.--Ich verlasse ihn also. + + + +Batteux + + +Batteux erklaeret die Fabel kurzweg durch die Erzaehlung einer +allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht, +dass sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel +geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt, +in ihrer Erklaerung gar nicht erwaehnen zu duerfen. Man siehet sogleich, +was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklaerung +anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloss +die fernere Erklaerung, welche Batteux von der Handlung gibt, +untersuchen. + +{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V. +L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.} + +"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und +Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, ausser dem Leben und der +Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und koemmt nur vernuenftigen +Wesen zu." + +Wenn diese Erklaerung ihre Richtigkeit hat, so moegen wir nur neun +Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst +wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe +halten.--"Zwei Haehne kaempfen miteinander. Der Besiegte verkriecht +sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlaegt stolz mit den Fluegeln +und kraehet. Ploetzlich schiesst ein Adler auf den Sieger herab und +zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit fuer eine sehr glueckliche +Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung. +Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht +geschaehe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er +schaemt sich seiner duerren Laeufte und freuet sich seines stolzen +Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertoenet die Jagd, seine +duerren Laeufte bringen ihn gluecklich ins Gehoelze, da verstrickt ihn +sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine +Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und +der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide +Umstaende gehoeren eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne +Nachteil derselben, weglassen und veraendern kann. Und dennoch fehlt +es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch +befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und +lernet gleich darauf aus der Erfahrung, dass er falsch geurteilet habe. +Hier ist also eine Folge von Veraenderungen, die einen einzigen +anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige +Erklaerung der Handlung, von der ich glaube, dass sie auf alle gute +Fabeln passen wird. + +{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.} + +Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und +zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, dass sie +nirgends Handlung sehen, als wo die Koerper so taetig sind, dass sie eine +gewisse Veraenderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem +Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Fuessen faellt, die +Prinzessin ohnmaechtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner +Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreisset und der Frosch die +Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, dass +auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von +verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei; +vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fuehlen, als dass sie +sich irgendeiner Taetigkeit dabei bewusst waeren.--Ernsthafter sie zu +widerlegen wuerde eine unnuetze Muehe sein. Es ist aber nur schade, dass +sie sich einigermassen mit dem Batteux schuetzen, wenigstens behaupten +koennen, ihre Erklaerung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu +haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklaerung des Batteux +passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist. + +Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklaerung +nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als +einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquite nennet. +Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit +Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu +zerreissen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu, +er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam +intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so +vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen +vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und +Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem +solchen Unternehmen spricht, ein voelliges Genuege tut. Die Moral ist +[4]: oiV proJesiV adikein, par' autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den +Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdruecken, der wird es zwar met' +eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand waehlen, +aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefassten Entschlusse +abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich voellig zuschanden gemacht +wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von +gewissen, vor andern vorzueglich gewaehlten Mitteln, diesen Vorsatz zu +vollfuehren (choix): und folglich muss auch in der Fabel etwas sein, was +diesem Vorsatze, diesen gewaehlten Mitteln entspricht; es muss in der +Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet. +Bloss dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht +sein wuerde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte +als, den Lehrsatz anschauend zu machen, noetig ist. Batteux bemerkt +alle ihre kleinen Schoenheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser +Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche +Vortrefflichkeit laesst er uneroertert und verleitet seine Leser sogar, +sie zu verkennen. Er sagt naemlich, die Moral, die aus dieser Fabel +fliesse, sei: que le plus faible est souvent opprime par le plus fort. +Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren +sollte, so haette wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr +vergebens, sehr fuer die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr, +als er damit haette sagen wollen, und waere, mit einem Worte, schlecht. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.} + +Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es +nur selbst, und man wird durchgaengig finden, dass es bloss von der +Beschaffenheit des Lehrsatzes abhaengt, ob die Fabel eine solche +Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muss oder +entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwaehnten Fabel des Phaedrus +machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle +Lehrsaetze? Sind alle Lehrsaetze von dieser Art? Oder haben allein die, +welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist +z. E. der Erfahrungssatz + +Laudatis utiliora quae contemseris +Saepe inveniri + + +nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer +Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist, +was fuer ein Unternehmen, was fuer eine Absicht, was fuer eine Wahl liegt +darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudruecken gehalten waere? + +So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine +Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter +besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den blossen Erfahrungssatz in +seiner Fabel ausdrueckt.--"Gross sein ist nicht immer ein Glueck"--diesen +Erfahrungssatz in eine schoene Fabel zu bringen moechte kaum moeglich +sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der groessten Fische +habhaft bleibet, indem die kleinern gluecklich durch das Netz +durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr +misslungener Versuch. Aber wer heisst auch dem Dichter, die Wahrheit +von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn gross sein +nicht immer ein Glueck ist, so ist es oft ein Unglueck; und wehe dem, +der wider seinen Willen gross ward, den das Glueck ohne sein Zutun erhob, +um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die grossen +Fische mussten gross werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben. +Ich danke dem Dichter fuer kein Bild, in welchem ebenso viele ihr +Unglueck als ihr Glueck erkennen. Er soll niemanden mit seinen +Umstaenden unzufrieden machen; und hier macht er doch, dass es die +Grossen mit den ihrigen sein muessen. Nicht das Grosssein, sondern die +eitele Begierde gross zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine +Quelle des Ungluecks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel +von den Maeusen und Wieseln erzaehlte. "Die Maeuse glaubten, dass sie nur +deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so ungluecklich waeren, weil +sie keine Heerfuehrer haetten, und beschlossen, dergleichen zu waehlen. +Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie +teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich +Hoerner auf, + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.} + +"---- ut conspicuum in praelio +Haberent signum, quod sequerentur milites, + + +"und diese Hoerner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward, +hinderten sie, sich in ihre engen Loecher zu retten, + +"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus +Quos immolatos victor avidis dentibus +Capacis alvi mersit tartareo specu." + + +Diese Fabel ist ungleich schoener. Wodurch ist sie es aber anders +geworden, als dadurch, dass der Dichter die Moral bestimmter und +fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln +Groesse, und nicht die Groesse ueberhaupt, zu seinem Gegenstande gewaehlet; +und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Groesse, ist +natuerlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so +sehr in ihr gefaellt. + +Ueberhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der +Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung +der beiden letztern muss ausser der Absicht, welche der Dichter damit +verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die +Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist +vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet. +Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der +Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht +anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen +kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse +Ziele setzet, welchen sie sich zu naehern oder von welchen sie sich zu +entfernen streben. Er muss also in die Handlung selbst Absichten legen, +und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, dass +verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen koennen. Der +Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun, +sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner +einzeln moralischen Wahrheit lebendig ueberzeugen. Das ist seine +Absicht, und diese sucht er, nach Massgebung der Wahrheit, durch die +sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu +erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die +von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder +nicht. Er laesst seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und +denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein +Genuege zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls. +Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Klaeger und +Beklagter bringen ihre Gruende und Gegengruende vor. Endlich schreitet +der Affe zum Urteil [6]: + +{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.} + +"Tu non videris perdidisse, quod petis; +Te credo surripuisse, quod pulchre negas." + + +Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die +der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus, +das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte +in Gedanken auf die komische Buehne, und man wird sogleich sehen, dass +sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt +ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, dass die +Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muss.--"Ein +armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Ruecken +und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fuehlt +betroffen, dass elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun, +was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder +aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist gluecklich und zu unserm Vergnuegen an +seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise? +Liess ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen +bekuemmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muss +ihnen vorbauen. + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.} + +Und so wird man hundert Beispiele finden, dass wir uns zu einer +Handlung fuer die Fabel mit weit wenigerm begnuegen als zu einer +Handlung fuer das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine +allgemeine Erklaerung von der Handlung geben, so kann man unmoeglich die +Erklaerung des Batteux dafuer brauchen, sondern muss sie notwendig so +weitlaeuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der +Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem +Sprachgebrauche nach heisst gemeiniglich das eine Handlung, was einem +gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach +muss dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen koennen, dass +die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der +Sprachgebrauch so gar heilig ist, dass er ihn auf keine Weise zu +verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdruecken soll, ganz und gar.-- + +Und, alles wohl ueberlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will +nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine +Handlung ausgedrueckt, sondern ich will lieber ein Wort von einem +weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die +Fabel auf einen einzeln Fall zurueckgefuehret. Dieser einzelne Fall +wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung +verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur +dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veraenderungen +sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu +einem Ganzen werden. Sind sie es auch ausser dieser Absicht, desto +besser! Eine Folge von Veraenderungen--dass es aber Veraenderungen +freier, moralischer Wesen sein muessen, verstehet sich von selbst. +Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das +sich nur von moralischen Wesen sagen laesst, mit begriffen ist. Und +darin hat Batteux freilich recht, dass das, was er die Handlung der +Fabel nennet, bloss vernuenftigen Wesen zukomme. Nur koemmt es ihnen +nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern +weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit +aus Gruenden, aber nicht allezeit aus Absichten.---- + +Sind es meine Leser nun bald muede, mich nichts als widerlegen zu +hoeren? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger, +Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmaessige, gute, +vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu +verirren, wenn man sich um gar keine Vorgaenger bekuemmert; und man +versaeumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekuemmern will. + +Wie weit bin ich? Hui, dass mir meine Leser alles, was ich mir so +muehsam erstritten habe, von selbst geschenkt haetten!--In der Fabel +wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer +Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen +einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so +zurueckgefuehret, dass ich nicht bloss einige Aehnlichkeiten mit dem +moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend +darin erkenne. + +Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschoepft?--Ich +wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst +glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person +durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen +Steuermann braucht, es auf das Los ankommen liesse, welcher von seinen +Matrosen es sein sollte, anstatt dass er den allergeschicktesten dazu +unter ihnen mit Fleiss aussuchte."--Hier sind zwei besondere Faelle, die +unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehoeren. Der eine ist der +sich eben itzt aeussernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser +erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafuer gelten lassen.--Aber +wenn es bei dem Aristoteles so hiesse: "Ihr wollt euren Magistrat durch +das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem +Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das +verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veraenderung ist damit +vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als +diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingefuehrt, er +ward bloss als moeglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit +erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr. + +{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.} + +Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel +bestehet, muss als wirklich vorgestellet werden. Begnuege ich mich an +der Moeglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es +verlohnt sich der Muehe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man +allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muss, an einigen +Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset +man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfuessiges Tier, das meistens +im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von grossem Nutzen +sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen +nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beisst sich selbst die +Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiss gar wohl, +dass man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine +Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es +liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird +sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur +ueber die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich +vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche +angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: wuerde man vielleicht +mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl, +wuerde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber +nicht aus blossem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer +Ueberlegung, denn er weiss es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin +diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm +glauben soll, macht es ja eben, dass eine Begegnis aus dem Reiche der +Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich +sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet. +Die Wirklichkeit koemmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es laesst +sich keine Wirklichkeit ohne die Individualitaet gedenken. Was also +hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, haette muessen +nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn waere es eine +Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei +Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller +moeglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versaeumen. +Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, dass die Mutter das +Geliebte unter haeufigen Liebkosungen erdrueckt, indem das Verachtete +gluecklich aufwaechset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil +das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer +ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel +daraus machen wollte, musste er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die +Individualitaet dafuer erteilen [5]. "Eine Aeffin, erzaehlt er, hatte zwei +Junge; in das eine war sie naerrisch verliebt, an dem andern aber war +ihr sehr wenig gelegen. Einsmals ueberfiel sie ein ploetzlicher +Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die +Arme, eilt davon, stuerzt aber und schlaegt mit ihm gegen einen Stein, +dass ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schaedel springt. Das +andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekuemmert hatte, war +ihr von selbst auf den Ruecken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern +angeklammert und kam gluecklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und +was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon +mehr als einmal angefuehrte Beispiel von dem Fischer hat den naemlichen +Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der +Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, dass die +Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen +und die groessern haengenbleiben. Fuer sich selbst ist dieser Fall also +kein individueller Fall, sondern haette es durch andere mit ihm +verbundene Nebenumstaende erst werden muessen. + +{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.} + +{Fussnote 3: Critische Briefe. Zuerich 1746. S. 168.} + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.} + +{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat, +die 187.} + +Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem +die Fabel bestehet, muss als wirklich vorgestellt werden; er muss das +sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen. +Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum +begnuegt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die +Fabel nennen kann, nicht mit der blossen Moeglichkeit, mit der sich die +Exempel andrer Wissenschaften begnuegen?--Wieviel liesse sich hiervon +plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische +Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die +Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen +abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als +unumgaenglich noetig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen. + +Die anschauende Erkenntnis ist fuer sich selbst klar. Die symbolische +entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden. + +Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem +Besondern anschauend erkannt werden. + +Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu +geben, deren er faehig ist, das ist, ihn soviel als moeglich zu +erlaeutern, muessen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in +diesem anschauend zu erkennen. + +Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, +heisst ein Exempel. + +Die allgemeinen symbolischen Schluesse werden also durch Exempel +erlaeutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen +Schluessen; alle Wissenschaften beduerfen daher der Exempel. + +Doch die Sittenlehre muss mehr tun als ihre allgemeinen Schluesse bloss +erlaeutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der +anschauenden Erkenntnis. + +Weil wir durch diese einen Satz geschwinder uebersehen und so in einer +kuerzern Zeit mehr Bewegungsgruende in ihm entdecken koennen, als wenn er +symbolisch ausgedrueckt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch +einen weit groessern Einfluss in den Willen als die symbolische. + +Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer +Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der +naehern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird. +Je naeher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden +laesst, desto groesser ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis. + +Die Moeglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was moeglich +ist, ist auf verschiedene Art moeglich. + +Ein Besonderes also, bloss als moeglich betrachtet, ist gewissermassen +noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der +anschauenden Erkenntnis. + +Folglich muss es als wirklich betrachtet werden und die Individualitaet +erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende +Erkenntnis den hoechsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so +maechtig als moeglich auf den Willen wirken soll. + +Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, ausser der Erlaeuterung, ihren +allgemeinen Schluessen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu +erteilenden Faehigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die +anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere +Wissenschaften, denen es um die blosse Erlaeuterung zu tun ist, sich mit +einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das +Besondere, als bloss moeglich betrachtet, faehig ist, begnuegen. + +Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall, +weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgruende und +deutlicher unterscheiden kann als in einem moeglichen, weil das +Wirkliche eine lebhaftere Ueberzeugung mit sich fuehret als das bloss +Moegliche. + +Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben; +weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es +nicht fehlen, er musste eine falsche Anwendung davon machen. Es wird +nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri +paradeigmatoV) hier zu uebersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des +Exempels: Paradeigmatwn d' eidh duo estin, sagt er, en men gar esti +paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta +poiein. Toutou d' en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai +libukoi. Die Einteilung ueberhaupt ist richtig; von einem Kommentator +aber wuerde ich verlangen, dass er uns den Grund von der Unterabteilung +der erdichteten Exempel beibraechte und uns lehrte, warum es deren nur +zweierlei Arten gaebe und mehrere nicht geben koenne. Er wuerde diesen +Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst +abstrahieren koennen, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel naemlich +fuehrt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzaehlt er als +etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator muesste also diese Stelle +so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte +genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem +geschehenen Dinge laesst sich die innere Moeglichkeit von seiner +Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein +geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel +haben soll, liegt also entweder in seiner blossen Moeglichkeit oder +zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloss in jener liegen, so +brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloss moegliches Ding +zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so muessen wir auch +unsere Erdichtung von der Moeglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In +dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine +Fabel.--(Was fuer eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird +sich in der dritten Abhandlung zeigen.) + +{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu +erinnern. Aber nunmehr koemmt er auf den Wert dieser verschiedenen +Arten von Exempeln und sagt: Eisi d' oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin +agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon, +logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai +to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai +ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn +pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich +will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten. +Aristoteles sagt, die historischen Exempel haetten deswegen eine +groessere Kraft zu ueberzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene +gemeiniglich dem Zukuenftigen aehnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat +sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich +nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gruenden der +Wahrscheinlichkeit ueberzeugt werden. Ich glaube bloss deswegen, dass +ein Ding geschehen und dass es soundso geschehen ist, weil es hoechst +wahrscheinlich ist und hoechst unwahrscheinlich sein wuerde, wenn es +nicht oder wenn es anders geschehen waere. Da also einzig und allein +die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines +Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich +ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die +Wirklichkeit des erstern fuer eine groessere Kraft auf meine Ueberzeugung +haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das +historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles +selbst die Sentenz des Agatho billiget: + +Tac' an tiV eikoV auto tout' einai legoi: +Brotoisi polla tugcanein ouk eikota, + + +da er hier selbst sagt, dass das Vergangene nur gemeiniglich (epi to +polu) dem Zukuenftigen aehnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt +hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er fuer wahr ausgibt, +auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, waere es wohl +klar, dass den Fabeln, ueberhaupt zu reden, in Ansehung der +Ueberzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebuehre +etc. + +Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam +vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn +wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall +zurueckfuehren, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und +eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz +anschauend erkennt: so heisst diese Erdichtung eine Fabel. + +Das ist meine Erklaerung, und ich hoffe, dass man sie, bei der Anwendung, +ebenso richtig als fruchtbar finden wird. + + + + +II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel + + +Der groesste Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere +Geschoepfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, dass die Tiere darin zu +moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem +Dichter die Erreichung seiner Absicht verkuerzt und erleichtert? Ist +es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man +aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehaelt, weil er wenigstens +schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es? + +Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war +listig genug, dass er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den +Gebrauch der Tiere seiner Erklaerung sogleich mit anflickte. Die Fabel, +sagt er, ist die Erzaehlung einer allegorischen Handlung, die +gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen a la Francoise! +Oder wie der Hahn ueber die Kohlen!--Warum, moechten wir gerne wissen, +warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein +langsamer Deutscher nicht alles fragt! + +Ueberhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der +diesen Punkt beruehrt hat. Er verdient es also um so viel mehr, dass +wir ihn hoeren. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des +gemeinen buergerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren +meistens ganz bekannte Saetze und Lebensregeln, und also musste er auch +zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen +und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun +aber die taeglichen Geschaefte und Handlungen der Menschen nichts +Ungemeines oder merkwuerdig Reizendes an sich haben, so musste man +notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen +Erzaehlung eine anzuegliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen, +um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz +aufzuschliessen. Nachdem man nun wahrgenommen, dass allein das Seltene, +Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzueckende +Kraft auf das menschliche Gemuet mit sich fuehret, so war man bedacht, +die Erzaehlung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen +wunderbar zu machen und also dem Koerper der Fabel eine ungemeine und +reizende Schoenheit beizulegen. Die Erzaehlung bestehet aus zween +wesentlichen Hauptumstaenden, dem Umstande der Person, und der Sache +oder Handlung; ohne diese kann keine Erzaehlung Platz haben. Also muss +das Wunderbare, welches in der Erzaehlung herrschen soll, sich entweder +auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige +zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den taeglichen +Geschaeften und Handlungen der Menschen vorkoemmt, bestehet vornehmlich +in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im +Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausfuehren, zuweilen auch +in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen +wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas +Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewoehnlichen +Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwuerdiges an sich haben, so +sah man sich gemuessiget, damit die Erzaehlung als der Koerper der Fabel +nicht veraechtlich wuerde, derselben durch die Veraenderung und +Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren +mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit, +dennoch ueberhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und +Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer hoehern +Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Goetter und Genios oder +solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als +die Tugenden, die Kraefte der Seele, das Glueck, die Gelegenheit etc. in +die Erzaehlung einzufuehren; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit +heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, naemlich die +leblosen Geschoepfe, zu der hoehern Natur der vernuenftigen Wesen zu +erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte, +damit sie also faehig wuerden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in +einer uns vernehmlichen Sprache zu erklaeren und durch ihr Exempel von +aehnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."-- + +Breitinger also behauptet, dass die Erreichung des Wunderbaren die +Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere +Geschoepfe reden und vernunftmaessig handeln lasse. Und eben weil er +dieses fuer die Ursache haelt, glaubt er, dass die Fabel ueberhaupt, in +ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein +lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklaerung ist es, +welche ich hier, versprochnermassen, untersuchen muss. + +Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob +die Einfuehrung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie +es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt +auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, ueber dem Haufen. + +Wunderbar soll diese Einfuehrung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser +Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Moeglichkeit ab. Diese +anscheinende Unmoeglichkeit also gehoeret zu dem Wesen des Wunderbaren; +und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst +schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten +naemlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf +folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz, +die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon, +wenn er in seinen Voruebungen [1] hierauf koemmt, fuehret eine Stelle des +Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar +deswegen fuer ratsamer erklaeret, sich bei Einfuehrung einer Fabel lieber +auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen, +damit man den Anschein, als erzaehle man etwas Unmoegliches, vermindere +(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten +ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmoeglichkeit in der +Fabel soviel als moeglich vermindert wissen: so mussten sie notwendig +weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen +oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muss sich auf diesen +Schein der Unmoeglichkeit gruenden. + +{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.} + +Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei +der hoechste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muss das Wunderbare, +wenn es seine gehoerige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloss in +Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen +haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der +natuerlichen Dinge eraeugnet. Und nur das Wunderbare behaelt seinen +Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen +ebenso selten vorkommt. Auf einen fleissigen Bibelleser wird das +groesste Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei +weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er +lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, dass die Sonne einmal +stillegestanden, als er sie taeglich auf- und niedergehen sieht. Das +Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemuetsverfassung, wenn +wir es zu oft denken.--Folglich wuerde auch die Einfuehrung der Tiere +uns hoechstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; faenden wir +aber, dass die Tiere fast in allen Fabeln spraechen und urteilten, so +wuerde diese Sonderbarkeit, so gross sie auch an und vor sich selbst +waere, doch gar bald nichts Sonderbares mehr fuer uns haben. + +Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreissen laesst, +braucht man das erst zu erschuettern?--Darum kurz: dass die Tiere, und +andere niedrigere Geschoepfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der +Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als +wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der +Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas +Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote +jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die +Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so +ist es ja wohl offenbar, dass mir der Fabulist nichts Wunderbares +erzaehlen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit +Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur +vollkommen gemaess war. + +{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.} + +Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, dass ich mich schaemen +muss, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die +wahre Ursache--die ich wenigstens fuer die wahre halte--, warum der +Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die +Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der +Charaktere.--Gesetzt auch, es waere noch so leicht, in der Geschichte +ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische +Wahrheit anschauend erkennen liesse. Wird sie sich deswegen von jedem, +ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den +Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist? +Unmoeglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so +allgemein bekannt, dass man sie nur nennen duerfte, um sogleich bei +einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und +andern Eigenschaften zu erwecken? Die umstaendliche Charakterisierung +daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob +sie bei allen die naemlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen, +sich lieber in die kleine Sphaere derjenigen Wesen einzuschraenken, von +denen man es zuverlaessig weiss, dass auch bei den Unwissendsten ihren +Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von +diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die +Rollen freier Wesen ueber sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die +Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen +Voraussetzungen, dazu geschickt. + +Man hoert: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hoeren? Wer +war dieser? Wer jener? In welchem Verhaeltnisse stehen sie +gegeneinander?--Aber man hoert: der Wolf und das Lamm; sogleich weiss +jeder, was er hoeret, und weiss, wie sich das eine zu dem andern verhaelt. +Diese Woerter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken, +befoerdern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei +welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiss nicht alle +vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der +Fabulist keine vernuenftigen Individua auftreiben kann, die sich durch +ihre blosse Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es +ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren +oder unter noch geringem Geschoepfen zu suchen. Man setze, in der +Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, +anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles +verloren, was sie zu einer Fabel fuer das ganze menschliche Geschlecht +macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen +und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese +und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung, +ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber +gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen +Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weisses Lamm vor den +Altar, denn die Goetter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein +Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm. +Du hast aber den Goettern ein Geluebde getan, versetzte dieser, weil sie +deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so +war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen +liessen--Oh, sagte der Arme, die Goetter haben ihn selbst zum Opfer +hingenommen. Gottloser! zuernte der Priester, du laesterst! und riss das +Lamm aus seinem Schosse etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel +noch weniger verloren hat, so koemmt es bloss daher, weil man mit dem +Worte Priester den Charakter der Habsuechtigkeit, leider, noch weit +geschwinder verbindet als den Charakter der Blutduerstigkeit mit dem +Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der +unterdrueckten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg. +--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am +allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne +[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhaeltnis der Katze gegen den +Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhaeltnis des Wolfes zum +Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der +Fabulist zu seiner Absicht hat waehlen koennen. + +{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.} + +Der Verfasser der oben angefuehrten Critischen Briefe ist mit +Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten +Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare +Personen ein wunderliches Ansehen. Es waere keine ungeschickte Fabel, +wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schoensten +Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, maechtig reizeten. Er +bemuehte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst, +er musste es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir +gesunder, dass ich sie noch laenger stehenlasse, sie sind doch noch +nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark +genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das +Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den +Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloss deswegen so platt geworden, +weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiss nicht; sondern es ist +es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen +blossem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich +der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben laesst, in ein +anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines +bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel +zu allgemeiner Begriff fuer die Fabel. An was fuer eine Art von +Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein +Fuchs!" Der Fabulist weiss nur von einem Fuchse, und sobald er mir das +Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen +Charakter. Anstatt des Menschen ueberhaupt haette Hermann Axel also +wenigstens einen Gasconier setzen muessen. Und alsdenn wuerde er wohl +gefunden haben, dass die Fabel, durch die blosse Weglassung des Tieres, +so viel eben nicht verloere, besonders wenn er in dem naemlichen +Verhaeltnisse auch die uebrigen Umstaende geaendert und den Gasconier nach +etwas mehr als nach Birnen luestern gemacht haette. + +{Fussnote 6: S. 166.} + +Da also die allgemein bekannten und unveraenderlichen Charaktere der +Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu +moralischen Wesen erhebt, so koemmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man +es einem zum besondern Ruhme machen will, "dass der Schwan in seinen +Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut fuer seine Jungen +vergiesse" [7].--Als ob man in den Fabelbuechern die Naturgeschichte +studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt +sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie +bekraeftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch +seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Haenden spielen will, der +nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, dass ihnen +die naemlichen Eigenschaften in der Tat zukommen. + +{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner +kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist +denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem +Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am +allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden laesst. +Denn dass es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer +unwahrscheinlicher werde, dass diese geringern Werke der Natur und +Kunst empfinden, denken und sprechen koennten, will mir nicht ein. Die +Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar +schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von +einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so +unendlich weit jene von ihm abstehen. + +Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres +vorzueglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, dass +die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nuetzten. Ich weiss +es sehr wohl, dass sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das +Vergnuegen der Vergleichung um ein grosses vermehren, welches alsdenn +kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne +Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen, +bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der +zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein, +warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel +ueberhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die +Menschen. + +Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschoepfen in +der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht +durch Schluesse nie gekommen waere, wenn mich nicht mein Gefuehl darauf +gebracht haette. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis +eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere +Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muss der Fabulist die +Erregung der Leidenschaften soviel als moeglich vermeiden. Wie kann er +aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er +die Gegenstaende desselben unvollkommener macht und anstatt der +Menschen Tiere oder noch geringere Geschoepfe annimmt? Man erinnere +sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in +die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten +verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses +Mitleiden ist so schwach, dass es unserer anschauenden Erkenntnis des +moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es +mit dem armen Manne? Koemmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich +wahr, dass wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den +Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als dass die anschauende +Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein koennte, als +sie dort ist? + + + + +III. Von der Einteilung der Fabeln + + +Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen faehig. Von einer, die sich +aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich +anfangs geredet. Die Fabeln naemlich werden entweder bloss auf einen +allgemeinen moralischen Satz angewendet und heissen einfache Fabeln, +oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der +Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist, +und heissen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat +sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget. + +Eine andere Einteilung wuerde sich aus der verschiednen Beschaffenheit +des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt naemlich moralische +Saetze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in +einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist, +anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz +in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, wuerde man +vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen +koennen. + +Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel +weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen +Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzueglichen Namen damit +gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewoehnliche +Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr +in die Augen faellt; von der Verschiedenheit naemlich der darin +handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier naeher +betrachten will. + +Aphthonius ist ohne Zweifel der aelteste Skribent, der ihrer erwaehnst. +Tou de muJou, sagt er in seinen Voruebungen, to men esti logikon, to de +hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV +peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei +Gattungen von Fabeln, die vernuenftige, in welcher der Mensch die +handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernuenftige Wesen +aufgefuehret werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernuenftige +als vernuenftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung, +welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, dass sie +das nicht erschoepft, was sie erschoepfen sollte. Denn wo bleiben +diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen +bestehen? Aphthonius hat die vernuenftige Gattung ausdruecklich auf den +einzigen Menschen eingeschraenkt. Doch wenn diesem Fehler auch +abzuhelfen waere, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der +obersten Flaeche abgeschoepft sein als diese Einteilung? Oeffnet sie +uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel? + +Batteux wuerde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von +der Einteilung der Fabel gar geschwiegen haette, als dass er uns mit +jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man +vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, dass er sich hier auf einer +kleinen Tuecke treffen laesst? Kurz zuvor sagt er unter andern von den +Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm, +die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen +Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das +Fraeulein Einbildungskraft und alles, was ihnen aehnlich siehet, sind +von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel +schwerer ist, diesen bloss geistigen Wesen einen charaktermaessigen +Koerper zu geben, als Koerpern, die einige Analogie mit unsern Organen +haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses +geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der +allegorischen Wesen sehr haeufig bedienet. Da dieses nun nicht nach +dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so +konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht +anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend +gleichsam zur Regel gemacht wird, dass die Gottheiten und allegorischen +Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehoeren. Und diese Regel eben +moechte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht +getrauet, mit ausdruecklichen Worten darauf zu dringen. Sein System +von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische +Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder; +sie unterscheidet sich von den uebrigen nur durch die Geringfuegigkeit +und Naivitaet ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater +keinen Caesar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise +etc."--Freilich, diese Geringfuegigkeit der spielenden Personen +vorausgesetzt, konnte Batteux mit den hoehern poetischen Wesen des de +La Motte unmoeglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon +einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit +verwerfen musste, und zog sich, um den kritischen Anfaellen deswegen +weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften +Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann waere, +der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz +haben, eben dadurch verdammen koennte! Und diesen Missbrauch einer +erschlichenen Autoritaet, nenne ich eben die kleine Tuecke, deren sich +Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat. + +{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Uebersetzung, S. 244.} + +Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten, +aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in +vernuenftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig +sonderbar; denn man koennte sagen, dass eine jede Fabel sowohl eine +vernuenftige als eine sittliche Fabel waere. Sittlich naemlich sei eine +jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten +erfunden worden, und vernuenftig insofern, als diese sittliche Wahrheit +der Vernunft gemaess ist. Doch da es einmal gewoehnlich sei, diesen +Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung +machen. Aphthonius habe uebrigens bei seiner Einteilung die Absicht +gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschoepfen, und mehr +nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient +habe, muesse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn +alle Liebhaber der Wahrheit so billig daechten!--, absit, ut negemus +accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est, +erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum, +propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam +exprimere poterat. Er behaelt daher die Benennungen der +aphthonianischen Einteilung bei und weiss die Wahrheit, die er nicht +darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, dass sie das vollkommene +Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekoemmt. "Wenn wir +Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten +solche Handlungen und Leidenschaften, ueberhaupt solche Praedikate bei +als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht +zukommen. In dem ersten Falle heissen es vernuenftige Fabeln, in dem +andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heissen es, wenn sie +etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernuenftigen Fabel +haben." + +{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.} + +Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit +der Fabel nicht mehr auf der blossen Verschiedenheit der Subjekte, +sondern auf der Verschiedenheit der Praedikate, die von diesen +Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu +handelnden Personen haben und dennoch keine vernuenftige Fabel sein, so +wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muss, weil Tiere +in ihr aufgefuehret werden. Die oben angefuehrte Fabel von den zwei +kaempfenden Haehnen wuerde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche +Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere +nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt +hat, ist sie eine vernuenftige Fabel, weil nicht das geringste von den +Haehnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukaeme. So ist +es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund +und der Koch [4], der Hund und der Gaertner [5], der Schaefer und der Wolf +[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die +sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die +vernuenftigen gehoeren. + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.} + +{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.} + +{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.} + +Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen koennen +bewenden lassen? Ich weiss nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit +habe ich nichts zu erinnern; sie erschoepft alles, was sie erschoepfen +soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von +Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie, +wenn es auch ihm hier so gegangen waere, als er es von dem Aphthonius +vermutet, dass er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen +gut ausgedrueckt haette, als es besonders die Kunstrichter wohl +verlangen duerften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten +Leidenschaften und Handlungen, ueberhaupt Praedikate, beigelegt werden, +deren sie nicht faehig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses +Nicht-Zukommen kann einen uebeln Verstand machen. Der Dichter, kann +man daraus schliessen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der +Geschoepfe zu sehen, die er in seinen Fabeln auffuehret? Er kann das +Schaf verwegen, den Wolf sanftmuetig, den Esel feurig vorstellen; er +kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen +lassen. Alles dieses koemmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht +eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie noetig ist es, +dieser gefaehrlichen Auslegung, diesen mit einer Ueberschwemmung der +abgeschmacktesten Maerchen drohenden Folgerungen vorzubauen! + +Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder +zurueckzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als moeglich aus dem +Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn, +zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, dass auf +der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche +Unterschied der Parabel, oder des Exempels ueberhaupt, und der Fabel +beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, dass sie +sich eher von ihrer Moeglichkeit als von jener etwas abbrechen laesst. +Es streitet minder mit ihrem Wesen, dass ihr einzelner Fall nicht +schlechterdings moeglich ist, dass er nur nach gewissen Voraussetzungen, +unter gewissen Bedingungen moeglich ist, als dass er nicht als wirklich +vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die +Fabel keiner Verschiedenheit faehig, wohl aber in Ansehung ihrer +Moeglichkeit, welche sie veraenderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie +gesagt, diese Moeglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte +Moeglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings +moeglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter +gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall +schlechterdings moeglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten +Benennungen zu bleiben) vernuenftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo +er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, moegen sittliche heissen. +Die vernuenftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die +sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen +entweder die Subjekte der Fabel oder die Praedikate dieser Subjekte: +der Fall der Fabel ist entweder moeglich, vorausgesetzt, dass diese und +jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, dass diese und +jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen +zukommen; denn sonst wuerden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die +ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem hoehern Grade, in +einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte +vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese, +worin nur erhoehtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen +werden, wuerde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische +Fabeln nennen.-- + +Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erlaeutern. +Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kaempfenden Haehne, der +Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gaertner, sind lauter +vernuenftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere +darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings +moeglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin +beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1], +Herkules und Plutus [2], die verschiedene Baeume in ihren besondern +Schutz nehmenden Goetter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus +allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern +erdichteten Wesen, dem Phoenix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln, +und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, dass +alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den +sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung moeglich.--Der Wolf +und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile +[6], die Baeume und der Dornstrauch [7], der Oelbaum und das Rohr [8] etc. +sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn +die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhoehet, die Schranken ihrer +Faehigkeiten werden erweitert. Eines muss ich hierbei erinnern! Man +bilde sich nicht ein, dass diese Gattung von Fabeln sich bloss auf die +Tiere und andere geringere Geschoepfe einschraenke: der Dichter kann +auch die Natur des Menschen erhoehen und die Schranken seiner +Faehigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten wuerde +eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien, +kann dem Menschen bloss nach einer erhoehtern Natur zukommen. Oder wenn +man die Erzaehlung von den himmelstuermenden Riesen als eine aesopische +Fabel behandeln und sie dahin veraendern wollte, dass ihr unsinniger Bau +von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstuerzte und sie unter +den Ruinen begruebe: so wuerde keine andere als eine hyperphysisch +sittliche Fabel daraus werden koennen. + +{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].} + +{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].} + +{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.} + +{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.} + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.} + +{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.} + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.} + +{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.} + +Aus den zwei Hauptgattungen, der vernuenftigen und sittlichen Fabel, +entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo naemlich der Fall +zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen +moeglich ist. Und zwar koennen dieser vermischten Fabeln dreierlei sein; +die vernuenftig mythische Fabel, als Herkules und der Kaerrner 9), der +arme Mann und der Tod [10], die vernuenftig hyperphysische Fabel, als +der Holzschlaeger und der Fuchs [11], der Jaeger und der Loewe [12]; und +endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel +[13], Jupiter und die Schlange [14] etc. + +{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.} + +{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.} + +{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.} + +{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.} + +{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.} + +{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.} + +Und diese Einteilung erschoepft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz +gewiss, ja man wird, hoffe ich, keine anfuehren koennen, deren Stelle ihr +zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen +geschehen muss, die sich bloss auf die Verschiedenheit der handelnden +Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht +ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde +gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir +gesehen haben, groesstenteils auf die Beschaffenheit der handelnden +Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gruendlicher, und er ist +in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare +der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad +des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in +welchen ordentliche Menschen aufgefuehret werden--Weil in denselben das +Wahrscheinliche ueber das Wunderbare weit die Oberhand hat, so koennen +sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen +menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren +aeussert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere +als menschliche Personen aufgefuehret werden.--Diese sind entweder von +einer vortrefflichern und hoehern Natur als die menschliche ist, z. E. +die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs +und ihrer natuerlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als +die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen +Fabeln das Wunderbare ueber das Wahrscheinliche nach verschiedenen +Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfueglich wunderbare und +in Absicht auf die Personen entweder goettliche oder tierische Fabeln +genannt--" Und die Fabel von den zwei Toepfen, die Fabel von den Baeumen +und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heissen? Oder +sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr +wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten +der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben, +dass man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein +kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so +betrachte man die schon angefuehrte Fabel von dem Gaertner und seinem +Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange; +aber nicht so, wie sie Phaedrus erzaehlet, sondern wie sie unter den +griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des +Wunderbaren, dass man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist +menschlichen Fabeln, rechnen muesste. In beiden aber kommen auch Tiere +vor; und in Betrachtung dieser wuerden sie zu den vermischten Fabeln +gehoeren, in welchen das Wunderbare weit mehr ueber das Wahrscheinliche +herrscht als in jenen. Folglich wuerde man erst ausmachen muessen, ob +die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel +anzusehen waeren oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse +anweisen koennte. + +Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht laenger aufhalten, sondern +mit einer Anmerkung schliessen, die sich ueberhaupt auf die +hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern +Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern +anzubringen vergessen moechte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln +die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer +niedrigern Geschoepfe erhoehen und wie nahe er sie der menschlichen +Natur bringen duerfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer +will. Nur mit der einzigen Bedingung, dass aus allem, was er sie +denken, reden und handeln laesst, der Charakter hervorscheine, um dessen +willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua. +Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander +Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken, +reden und tun koennte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht +befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und +Vernunft voraussetzt. Und wie koennte es auch? Haben wir ihnen einmal +Freiheit und Sprache zugestanden, so muessen wir ihnen zugleich alle +Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus +jenen Eigenschaften folgen koennen, auf welchen unser Vorzug vor ihnen +einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, muessen +wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt +die Illusion, dass es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden +hoeren und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so +scharfsinnige Schluesse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel +Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie +gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn +er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den +unvernuenftigen Tieren, die er auffuehrt, niemals eine Reihe von +Anschlaegen zu, die in einem System, in einer Verknuepfung stehen und zu +einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehoeret +eine Staerke der Vernunft, welche ueber den Instinkt ist. Ihr Instinkt +gibt nur fluechtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die +sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese +Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr +einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen +menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der +Fabulist muss zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters +vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, dass +die aesopische Fabel sich in dieselbe Laenge wie die epische Fabel +ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, dass man +die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in +Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo +man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken auffuehret und die +Verrichtungen der Menschen nachaeffen laesst etc."--Wie sonderbar ist +hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus +dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des +moralischen Lehrsatzes in der Fabel haette herleiten sollen! Ich gebe +es zu, dass der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische +Fabel, in die Laenge einer epischen Fabel ausgedehnet, hoeret auf, eine +aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren, +nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine +Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee +erfordern wuerde, erteilen duerfte, nicht deswegen, weil die Tiere +alsdenn zu viel Menschliches haben wuerden: sondern deswegen, weil +die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen wuerde, +weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam +auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht +laenger anschauend erkennen wuerde. Denn die anschauende Erkenntnis +erfordert unumgaenglich, dass wir den einzeln Fall auf einmal uebersehen +koennen; koennen wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder +seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition +des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr +irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch +williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine +einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine +hineinlegen? Wir koennen sie doch nicht darin erkennen, weil ihre +Werke viel zu weitlaeuftig sind, als dass wir sie auf einmal zu +uebersehen vermoechten. In dem Skelette derselben muesste sie sich wohl +endlich zeigen; aber das Skelett gehoeret fuer den kalten Kunstrichter, +und wenn dieser einmal glaubt, dass eine solche Hauptlehre darin liegen +muesse, so wird er sie gewiss herausgruebeln, wenn sie der Dichter auch +gleich nicht hineingelegt hat. Dass uebrigens das eingeschraenkte Wesen +der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen +Fabel die wahre Ursach nicht sei, haette der kritische Briefsteller +gleich daher abnehmen koennen, weil nicht bloss die tierische Fabel, +sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus +vernuenftigen Wesen bestehet, derselben unfaehig ist. Die Fabel von dem +Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, laesst sich +ebensowenig zur Laenge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel +von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann +es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen +streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln liessen sich ihm nicht +entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als fluechtige und +dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre +Anschlaege ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet. +Z. E. der Adler und der Kaefer [15]; der Adler, die Katze und das +Schwein [16] etc. + +{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.} + +{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.} + +Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man +demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewoehnlichen Laenge +machen wollte, wie muesste man es anfangen, dass die itztberuehrten +Unbequemlichkeiten dieser Laenge wegfielen? Wie muesste unser Reinicke +Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts +zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste muesste nur ein +einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite +muessten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter +gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen +Hauptteilen auf einmal uebersehen koennte; vors dritte muesste jeder +dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine fuer sich bestehende Fabel, +sein koennen, damit das grosse Ganze aus gleichartigen Teilen bestuende. +Es muesste, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in +seine einzelne Begriffe aufgeloeset werden; jeder von diesen einzelnen +Begriffen muesste in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden, +und alle diese besondern Fabeln muessten zusammen nur eine einzige +Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen +Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein +Einfall auch wirklich ausfuehren laesst.--Und nun urteile man, wie diese +Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten +Buchs und heisst die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die +Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese: +"Man muss einen alten Boesewicht nicht auf das Aeusserste bringen und ihm +alle Mittel zur Besserung, so spaet und erzwungen sie auch sein mag, +benehmen." Dieses Aeusserste, diese Benehmung aller Mittel zerstueckte +ich, machte verschiedene misslungene Versuche des Wolfs daraus, des +gefaehrlichen Raubens kuenftig muessig gehen zu koennen, und bearbeitete +jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und +mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich +hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln +gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern +Moral leicht auf mehrere bringen koennen. Ich begnuege mich, die +Moeglichkeit gezeigt zu haben. + + + + +IV. Von dem Vortrage der Fabeln + + +Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist +Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster? + +Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben +und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als +ausgemacht, dass, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon +durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe +also hier die allerschoensten Fabeln in den verschiedenen griechischen +Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu +urteilen, war sein Vortrag von der aeussersten Praezision; er hielt sich +nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte +mit jedem Worte naeher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem +Notwendigen und Unnuetzen. So charakterisiert ihn de La Motte, und +richtig. Diese Praezision und Kuerze, worin er ein so grosses Muster war, +fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, dass sie eine +allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den +ausdruecklichsten Worten darauf. + +Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen +auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese +Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das +Silbenmass und der poetischere Stil, in welchen uns auch das +allersimpelste Silbenmass wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider +seinen Willen davon abgebracht zu haben. + +Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider +ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine +blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als dass er +nicht haette wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer +vollkommenen Fabel erforderten. Er wusste es, dass die Kuerze die Seele +der Fabel sei; er gestand es zu, dass es ihr vornehmster Schmuck sei, +ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der +liebenswuerdigsten Aufrichtigkeit, "dass man die zierliche Praezision und +die ausserordentliche Kuerze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle, +in seinen Fabeln nicht finden werde. Es waeren dieses Eigenschaften, +die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert haette; und +bloss deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen koennen, habe +er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il +n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln +aufgestuetzt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung +fuer wesentlichere Schoenheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu +unvermoegend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm +dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber +wie wunderbar ward es von dem franzoesischen Publico aufgenommen! Es +glaubte, La Fontaine wolle ein blosses Kompliment machen, und hielt die +Schadloshaltung unendlich hoeher als das, wofuer sie geleistet war. +Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte +allzuviel reizendes fuer Franzosen, bei welchen nichts ueber die +Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das +Unglueck hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La +Fontaine habe sich aus blosser Albernheit (par betise) dem Phaedrus +nachgesetzt; und de La Motte schrie ueber diesen Einfall: mot plaisant, +mais solide! + +{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.} + +{Fussnote 2: Fontenelle.} + +Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein +so grosses Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er +doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er +setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen, +habe ich um so viel eher wagen duerfen, da Quintilian lehret, man koenne +die Erzaehlungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine +Ursache hiervon anzugeben; genug, dass es Quintilian sagt."--Ich habe +wider diese Autoritaet zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian +sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua +potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muss die Stelle +sein, worauf sich La Fontaine stuetzet. Aber ist diese Grazie, diese +Venus, die er der Erzaehlung soviel als moeglich, obgleich nach +Massgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit? +Ich sollte meinen, dass gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen +werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der +Erzaehlung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser +sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrueckliche Regel der Alten, auf +die Fabel. Er haette diese Regel unter andern bei dem Theon finden +koennen. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzaehlung in der +Chrie--wie plan, wie kurz muss die Erzaehlung in einer Chrie sein!--und +setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai +prosjuh- kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzaehlung der +Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepresst, soviel als +moeglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit +zufrieden sein. + +{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.} + +{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam +exponimus. Idem, ibidem.} + +Dem La Fontaine vergebe ich den Missbrauch dieser Autoritaet des +Quintilians gar gern. Man weiss ja, wie die Franzosen ueberhaupt die +Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der +unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De +La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les +manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme +s'ils eussent ete ses modeles. La brievete, dit-il, est l'ame de la +Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que +Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstuemmelter anfuehren, als de +La Motte hier den La Fontaine anfuehret! La Fontaine legt es einem +ganz andern Kunstrichter in den Mund, dass die Kuerze die Seele der +Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er +beruft sich nicht wegen der Kuerze, sondern wegen der Munterkeit, die +in den Erzaehlungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians, +und wuerde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil +man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet. + +{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.} + +Ich komme auf die Sache selbst zurueck. Der allgemeine Beifall, den La +Fontaine mit seiner muntern Art zu erzaehlen erhielt, machte, dass man +nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite +betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten +gehoerte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem +holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herueber. +Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik +davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen +sie gleichfalls in Voruebungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muss +man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in +Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es +die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er +bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines +Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu koennen glaubten als durch solche +in lustigen Versen ausgedehnte und gewaesserte Fabeln; die Lehrer der +Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst liessen den Eingriff +geschehen; diese hoerten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur +lebendigen Ueberzeugung anzupreisen; und jene fingen dafuer an, sie als +ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als moeglich auszuputzen, +uns lehren muessten.--So stehen wir noch!-- + +Ein Mann, der aus der Schule der Alten koemmt, wo ihm jene ermhneia +akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran +er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von +Zieraten lieset, deren die Erzaehlung der Fabel faehig sein soll? Er +muss voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz +das Wesen der Dinge veraendert? Denn alle diese Zieraten streiten mit +dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen. + +Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewusst werden +soll, so muss ich die Fabel auf einmal uebersehen koennen; und um sie auf +einmal uebersehen zu koennen, muss sie so kurz sein als moeglich. Alle +Zieraten aber sind dieser Kuerze entgegen; denn ohne sie wuerde sie noch +kuerzer sein koennen: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie +leere Verlaengerungen sind, mit der Absicht der Fabel. + +Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kuerze braucht die Fabel gern die +allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen +Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um +Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte +kosten wuerden. Nun hoere man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen +erstlich in Gemaelden, Beschreibungen, Zeichnungen der Oerter, der +Personen, der Stellungen."--Das heisst: Man muss nicht schlechtweg z. E. +ein Fuchs sagen, sondern man muss fein sagen: + +Un vieux Renard, mais des plus fins, +Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins, +Sentant son Renard d'un lieue etc. + + +Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein +individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet +will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen, +ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung +von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist, +dass es keine Beschreibung bedarf. + +Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen. +Er wird es also sorgfaeltig vermeiden, die Teile derselben so +einzurichten, dass sie uns Anlass geben, irgendeine andere Wahrheit in +ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen +sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit +ausdruecklichen Worten einfliessen lassen, damit er unsere +Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens +schwaeche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Saetze +teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er, +bestehet in den Gedanken; naemlich in solchen Gedanken, die +hervorstechen und sich von den uebrigen auf eine besondere Art +unterscheiden." + +Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch +wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit +ausdruecklichen Worten, "dass dieses nur Zieraten solcher Erzaehlungen +sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und fuer eine +solche Erzaehlung haelt er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie +auch nicht dafuer zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne? +Warum glaube ich, dass dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig +genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu koennen? +Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie +meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, dass sein Bogen mehr als +glatt sei; er liess Zieraten darauf schnitzen; und der Kuenstler +verstand sehr wohl, was fuer Zieraten auf einen Bogen gehoerten; er +schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und +er zerbricht. Aber war das die Schuld des Kuenstlers? Wer hiess den +Mann, so wie zuvor, damit zu schiessen? Er haette den geschnitzten +Bogen nunmehr fein in seiner Ruestkammer aufhaengen und seine Augen +daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schiessen zu wollen! +--Freilich wuerde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem +Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen ruehmlichen +Platz darin vergoennte, freilich wuerde auch er nunmehr zu dem Aesopus, +so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen +einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns +an, was so ein alter Grillenfaenger, wie Plato, sagen wuerde?-- + +{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.} + +Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich, +dass man es auch einigermassen gegen mich sein wird. Ich habe die +erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider +nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene +Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in +besondern Faellen uebersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich +meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu +koennen. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so koennte +sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man +erzaehlt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten +Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiss, was meinen Fabeln aufbehalten +ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller moeglichen Lustigkeit +erzaehlet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang +in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte +ich voritzo mit meiner Prosa-- + +Aber ich bilde mir ein, dass man mich meine Bitte nicht einmal aussagen +laesst. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden +Erzaehlungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, musste ich darum auf +das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die +Mittelstrasse des Phaedrus und erzaehlte in der zierlichen Kuerze des +Roemers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die +lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hoeren bekommen. +Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was +man mir am leichtesten glauben wird: ich fuehlte mich zu unfaehig, jene +zierliche Kuerze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei +sich fuehlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der +meinigen eine zu gute Meinung und glaube ueberhaupt, dass ein Genie +seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form +erteilen kann, welche er will. Fuer ein Genie sind die Sprachen alle +von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich +habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, dass ich auf +keine Weise besorgen duerfen, das Silbenmass und der Reim werde hier und +da den Meister ueber mich spielen. Geschaehe das, so waere es ja um die +Kuerze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der +guten Fabel. Denn zweitens--Ich muss es nur gestehen; ich hin mit dem +Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter +nichts vorzuwerfen, als "dass er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln +setze und dass er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die +nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf +betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger, +und leider gegruendet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen +rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie laeuft dahinaus, +dass Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln +auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet. +Wieviel Beweise will man? Z. E. + +Fab. 4. Libri I + Canis per flumen, carnem dum ferret natans, + Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc. + + +Es ist unmoeglich; wenn der Hund durch den Fluss geschwommen ist, so hat +er das Wasser um sich her notwendig so getruebt, dass er sein Bildnis +unmoeglich darin sehen koennen. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn +kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heissen, +als: er ging ueber den Fluss; auf einem niedrigen Steige muss man sich +vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV +arpasasa tiV kuwn par' authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem +Ufer des Flusses. + +Fab. 5. Lib. I + Vacca et capella, et patiens ovis injuriae, + Socii fuere cum leone in saltibus. + + +Welch eine Gesellschaft! Wie war es moeglich, dass sich diese viere zu +einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese +Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon oefters angemerkt; aber noch +keiner hat zugleich anmerken wollen, dass sie von des Phaedrus eigener +Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Loewen und +dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, dass er +ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist +ferner die Teilung bei dem Phaedrus: + +Ego primam tollo, nominor quia leo; +Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi; +Tum quia plus valeo, me sequetur tertia; +Male afficietur, si quis quartam tetigerit. + + +Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Loewe macht +sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil +fuer den Koenig oder fuer die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt. +Und dieses Teil, sagt der Loewe, gehoeret mir, basileuV gar eimi; das +zweite Teil gehoert mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der +gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh +eJelhV jugein. + +Fab. 11. Lib. I + Venari asello comite cum vellet leo, + Contexit illum frutice, et admonuit simul, + Ut insueta voce terreret feras etc. + -- -- + Quae dum paventes exitus notos petunt, + Leonis affliguntur horrendo impetu. + + +Der Loewe verbirgt den Esel in das Gestraeuche; der Esel schreiet; die +Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten +Ausgaenge davonfliehen wollen, fallen sie dem Loewen in die Klauen. Wie +ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum +musste es gleich den waehlen, an welchem der Loewe lauerte? Oder konnte +der Loewe ueberall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen +Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Loewe und der Esel kommen da +vor eine Hoehle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Loewe schickt +den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fuerchterlichen Stimme +die wilden Ziegen heraus, und so koennen sie dem Loewen, der ihrer an +dem Eingange wartet, nicht entgehen. + +Fab. 9. Libr. IV + Peras imposuit Jupiter nobis duas, + Propriis repletam vitiis post tergum dedit, + Alienis ante pectus suspendit gravem. + + +Jupiter hat uns diese zwei Saecke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld, +dass wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige +Tadler der Fehler unsers Naechsten sind? Wieviel fehlt dieser +Ungereimtheit zu einer foermlichen Gotteslaesterung? Die bessern +Griechen lassen durchgaengig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen +schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV +exhmmeJa tou trachlou usw. + +Genug fuer eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an +einem andern Orte umstaendlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine +eigene Ausgabe des Phaedrus. + + + + +V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + +Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er +gehoeret in die allgemeine praktische Philosophie: und wuerde ich mehr +davon sagen koennen, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von +dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren +Voruebungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schuelern aufgaben, +bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu veraendern, bald sie zu +erweitern, bald sie kuerzer zusammenzuziehen etc. Diese Uebung kann +nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und +da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiss ich nicht, +warum man eben die Fabel dazu missbrauchen muss, die sich als Fabel +ganz gewiss nur auf eine einzige Art gut erzaehlen laesst. + +Den Nutzen, den ich itzt mehr beruehren als umstaendlich eroertern will, +wuerde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen koennen.--Warum +fehlt es in allen Wissenschaften und Kuensten so sehr an Erfindern und +selbstdenkenden Koepfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre +Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt +uns die Seele, aber das Genie muessen wir durch die Erziehung bekommen. +Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkraefte man, soviel als moeglich, +bestaendig in einerlei Verhaeltnissen ausbildet und erweitert, den man +angewoehnet, alles, was er taeglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, +mit dem, was er gestern bereits wusste, in der Geschwindigkeit zu +vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von +selbst auf Dinge koemmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man +bestaendig aus einer Scienz in die andere hinuebersehen laesst, den man +lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu +erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder +herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts +in der Welt werden. + +Unter den Uebungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge +angestellet werden muessten, glaube ich, wuerde die Erfindung aesopischer +Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schuelers am aller +angemessensten waeren: nicht, dass ich damit suchte, alle Schueler zu +Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, dass das Mittel, +wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen +Erfindern ueberhaupt das allergelaeufigste sein muss. Dieses Mittel ist +das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen +selbst davon zu hoeren: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum +inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad +inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute +necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis +amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla +effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum +inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores +abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen +suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe +artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis +excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem +veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent, +et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt. +Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum, +cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in +Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus. +[1] + +{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior 310.} + +Doch dieses Principium der Reduktion hat seine grossen Schwierigkeiten. +Es erfordert eine weitlaeuftige Kenntnis des Besondern und aller +individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie +ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man muesste dem Rate eines +neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit +der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse +allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthaelt, sagt er, den +Samen aller uebrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht +ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der +Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet, +nicht auf die blossen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern +Geschoepfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese +Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben. + +{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.} + +Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schueler an dieser weitlaeuftigen +Kenntnis nicht mehr fehlte, wuerde man ihn die Fabeln anfangs muessen +mehr finden als erfinden lassen; und die allmaehlichen Stufen von +diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch +verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein +gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld, +insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der +wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und +Merkwuerdiges zum Vorschein koemmt, sich selber in den Gedanken fragen, +ob es nicht eine Aehnlichkeit mit einem gewissen Charakter der +menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel +ausgebildet werden koenne."[3] Die Muehe, mit seinem Schueler auf die Jagd +zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln +selbst eine Art von Jagd zu legen weiss, indem er die Geschichte +derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfaehrt, bald diesen oder +jenen Umstand derselben so veraendert, dass sich eine andere Moral darin +erkennen laesst. + +{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Z. E. die bekannte Fabel von dem Loewen und Esel faengt sich an: Lewn +kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer +stehen. Der Esel in Gesellschaft des Loewen? Wie stolz wird der Esel +auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines +zweiten Buchs.) Der Loewe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich +denn der Loewe dieser Gesellschaft nicht zu schaemen? (Man sehe die +siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der +Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu +einem Ziele, aber zu einem andern Ziele fuehret, als Aesopus sich dabei +gesteckt hatte. + +Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von +der Kraehe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Voegel +geschmueckt hatte, schliesst sich: kai o koloioV hn palin koloioV. +Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen +war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glaenzenden +Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls fuer fremde +Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier, +man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, dass er auch das, was +wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines +zweiten Buchs.) + +Oder man veraendert einzelne Umstaende in der Fabel. Wie, wenn das +Stuecke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel +schmeichelte, vergiftet gewesen waere? (S. die funfzehnte) Wie, wenn +der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus +Begierde, ihre schoene Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen +gesteckt haette? Haette sich der Mann auch alsdenn noch ueber den Undank +der Schlange beklagen koennen? (S. die dritte Fabel.) + +Oder man nimmt auch den merkwuerdigsten Umstand aus der Fabel heraus +und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein +in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich +daran wuergte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich +der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S. +die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und +unterlaesst, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl +auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder +wuerde es dem Herkules anstaendiger gewesen sein, ihr fuer ihre +Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.) + +Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt +unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr +nichtswuerdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder +elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai +thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine +unanstaendige Antwort fuer eine Gottheit! Ich schmeichle mir, dass ich +den Jupiter wuerdiger antworten lassen und ueberhaupt eine schoenere +Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.) + +---Ich breche ab! Denn ich kann mich unmoeglich zwingen, einen +Kommentar ueber meine eigene Versuche zu schreiben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen ueber die Fabel, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL *** + +This file should be named 7abhf10.txt or 7abhf10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7abhf11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7abhf10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Abhandlungen über die Fabel + +Gotthold Ephraim Lessing + + + + + + +Inhalt: + I. Von dem Wesen der Fabel + II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel +III. Von der Einteilung der Fabeln + IV. Von dem Vortrage der Fabeln + V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + + + +I. Von dem Wesen der Fabel + + +Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt +seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee, +durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopee, die Fabel +seines Drama. + +Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die +sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine +Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet. + +Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner +Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine +gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in der +Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, daß +ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern voraussetzen dürfte. + +Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen. +Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet +oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese +oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht. +Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die +erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch +über dieses die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem +gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen und zeigen mußte, daß +aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen +Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben +werde. + +Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und +(zusammengesetzte) Fabeln. + +(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit +derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man +machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur ein Junges zur Welt brächte. +Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen."[1]--Die Wahrheit, welche +in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth, +leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich +es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse. + +{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.} + +(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie +uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder +doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird. +--"Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem +Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht, +nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache +dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird +(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln, +aus (zwei) einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit +ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde. + +Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht +auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloß +auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel +schon hat man es ersehen, daß ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald +(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von +dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel. + +--- Hoc scriptum est tibi, +Qui magna cum minaris, extricas nihil. + + +Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten +einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen +sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor, +von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm +(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten) +Fabel, indem er einen gebärenden schlechten Poeten zu dem besondern +Gegenbilde des kreisenden Berges macht. + +Ihr Götter rettet! Menschen flieht! +Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen, +Und wird itzt, eh man sich's versieht, +Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc. +------- +Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt: +Nichts kann den hohen Eifer zähmen; +Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, +Und will itzt den Homer beschämen etc. +------- +Allein gebt acht, was kömmt heraus? +Hier ein Sonett, dort eine Maus. + + +Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein +tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen +Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese +Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen. +Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fußtapfen vor mir, +die ich zum Teil untersuchen muß, wenn ich überall sichere Tritte zu +tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten +Erklärungen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben. + + + +De La Motte + + +Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein großes poetisches Genie als ein +guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und überall +erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine +unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie +d'une action. Discours sur la fable.} + +Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr +festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater +und ließ ihn fragen, was er weiter tun solle? Der König, als der Bote +zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf, +schlug den höchsten Mahnstängeln die Häupter ab und sprach zu dem +Boten: Geh, und erzähle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der +Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und ließ die Vornehmsten +der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier +ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber +ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß Tarquinius seine Meinung dem +Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht! + +{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.} + +Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vorteile der Eintracht an +einem Bündel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stückweise +zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3] + +{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.} + +Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte, +wie glücklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Löwen von sich +abhielten und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter +sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn hätte +doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die +Sache ist klar. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.} + +Folglich ist es ebenso klar, daß die Fabel nicht bloß eine +allegorische Handlung, sondern die Erzählung einer solchen Handlung +sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des +de La Motte zu erinnern habe. + +Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur +wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer +guten Erklärung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal +an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung +der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es höchstens +unter gewissen Umständen nur werden könnte? + +Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud +verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die +Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet, +sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß +dieses etwas andere auf etwas anderes Ähnliches einzuschränken sei, +weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein würde [6]. Die +letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind +ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein. + +{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.} + +{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei. +Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis +Ironia Allegoria esset.} + +Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen +scheinet, sondern etwas Ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn +sie allegorisch sein soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen +scheinet, sondern nur etwas Ähnliches? + +Wir wollen sehen!--"Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des +Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine +Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere, +die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Stärke, +untereinander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird +lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses +oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein +deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier anstatt dieser +Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge +annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten +oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so +bewandert, daß sie, sobald ich meine Staaten oder Könige nur nennte, +sich der Verhältnisse, in welchen sie gegeneinander an Größe und Macht +gestanden, erinnern könnten? Ich würde meinen Satz nur wenigen +faßlicher gemacht haben, und ich möchte ihn gern allen so faßlich als +möglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht +eine Reihe von Tieren wählen dürfen, besonders wenn es allgemein +bekannte Tiere wären? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein +Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir dürfen sie nur nennen hören, um +sogleich zu wissen, welches das stärkere oder das schwächere ist. +Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn, der Fuchs den +Marder, den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht. +Das ist mir noch nicht gewiß genug. Ich sage also: er fraß. Und +siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden! + +Ein Marder fraß den Auerhahn, +Den Marder würgt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7] + +{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.} + +Was kann ich nun sagen, daß in dieser Fabel für eine Allegorie liege? +Der Auerhahn, der Schwächste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der +Starke; der Wolf, der Stärkste. Was hat der Auerhahn mit dem +Schwächsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Ähnliches? +Ähnliches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken und der Wolf +dem Stärksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der +Stärkste? Er ist es.--Kurz, es heißt die Worte auf eine kindische Art +mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen, +das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine +Ähnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde überhaupt, und +ein Windhund überhaupt einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage! +--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und +den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Ähnlichkeit, so kann auch +keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das nämliche läßt sich +auf die nämliche Art von den beiderseitigen Prädikaten erweisen. + +Vielleicht aber meiner jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der +Ähnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Prädikaten der +Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Prädikaten des Satzes, +sondern auf der Ähnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit +itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des +Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn käme +hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloß wegen +der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der +Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch +nennen: so würde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches +doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff +verbindet. + +Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte +mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine +einfache Fabel kann unmöglich allegorisch sein. + +Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede +einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie +alsdenn allegorisch würde? Und so ist es. Denn in der +zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten; +zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen +begriffen sind, ist die Ähnlichkeit unwidersprechlich, und die +Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muß man nicht sagen, daß die +Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde. +Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu +der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden +ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich +von dem Manne den Zaum anlegen ließ und ihn auf seinen Rücken nahm, +damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte, +behülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch, +als ich mit dem Phaedrus [8] bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe: + +{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.} + +Impune potius laedi, quam dedi alteri. + +Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus +erzählte, ward sie es. Er erzählte sie nämlich, als die Himerenser +den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht +hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr +Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren +Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie +diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen, +indem ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränkter Gewalt +ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn +aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan." +[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß +das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die +beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern +auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen +Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht +auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die +Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das +Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der +Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu +bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird. + +{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn +allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie +enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat, +entgegenstelle, da sie es nicht an und für sich selbst ist, insofern +sie eine allgemeine moralische Lehre enthält, so gehöret das Wort +Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben.--Dieses ist das zweite, +was ich gegen die Erklärung des de La Motte zu erinnern habe. + +Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müßiges, +überflüssiges Wort daraus verdrängen will. Es ist hier, wo es steht, +ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter +Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung +des allgemeinen Lehrsatzes, bloß allegorisch zu machen, und man kann +sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine +schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr +völliges Licht setzen. Ich wähle ein altes, um ohne Mißgunst recht +haben zu können. Die Fabel nämlich von dem Mann und dem Satyr. "Der +Mann bläset in seine kalte Hand, um seine Hand zu wärmen, und bläset +in seinen heißen Brei, um seinen Brei zu kühlen. Was? sagt der Satyr, +du bläsest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts +zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV +jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller +Zweizüngler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie +das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel für +schlecht ausgibt. + +{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126} + +Richer [11] sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre +Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gründe sich auf eine +bloße Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine +Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin, +daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, daß es +weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des +Mannes, die dem Satyr so anstößig scheinet, unter dem allgemeinen +Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm +bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs +schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre +warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen, +die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen +Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht, +der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz +etwas anders ihn itzt kalt bläset. + +{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est +qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque. +Fables nouvelles, Preface, p. 10.} + +Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das +abgeschmackte Märchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen +moralischen Sinn sollte legen können!--"Die Mitknechte des Aesopus +gelüstet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf, +und als es zur Nachfrage kömmt, soll es der gute Aesop getan haben. +Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in großer Menge laues Wasser, und +seine Mitknechte müssen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine +Wirkung, und die Näscher sind entdeckt."--- Was lehrt uns dieses +Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in +großer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte +jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn +man euch", spricht er, "an jenem großen Tage des Gerichts, von diesem +warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles +an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der +Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung +zu einem ehrwürdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und +Verwirrung überhäuft dastehen!"--Vortrefflich! + +{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous +donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du +Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin, +paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de +l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors +couvert de honte er de confusion.} + +Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des de La Motte +auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und +allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische +Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine +transzendentalische Lehre zu legen weiß, eine Fabel? Oder wenn der +seltsame Holberg erzählet: "Die Mutter des Teufels übergab ihm +einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber +diese machten ihm so viel zu tun, daß er sie mit aller seiner Kunst +und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls +sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mutter, hier +sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter +bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzählet? +Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit +ausdrücklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur +weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige +Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt als dieser +Holberg!--Und es mißhandelt sie jeder, der, eine andere als moralische +Lehre darin vorzutragen, sich einfallen läßt. + +{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.} + + + +Richer + + +Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser +erzählet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter +ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese +Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklärt die Fabel durch ein +kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde +versteckte Regel enthalte [1]. + +{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte +caché sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.} + +Richer hat die Erklärung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt. +Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm +sehr schlecht gelungen. + +Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in +die bloße Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel +ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein +gewisses Silbenmaß als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes +betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich +weiter unten hierüber ausführlicher erklären. + +Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort +Lehre des de La Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln, +haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral +zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder +Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel +und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar +auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber +sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein großer Teil +derselben sind Erfahrungssätze, die uns nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet, +unterrichten. Ist die Sentenz: + +In principatu commutando civium +Nil praeter domini nomen mutant pauperes + + +eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat +einer von den schönsten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus +jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften +und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt, +das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine +Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf +einmal anschauend erkennen sollte? + +{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.} + +Unter einem allegorischen Bilde?--Über das Allegorische habe ich mich +bereits erkläret. Aber Bild (Image)! Unmöglich kann Richer dieses +Wort mit Bedacht gewählt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen, +um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht +zu haben?--Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines +Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir +nicht mehrere oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding +fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und +ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also +wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine +Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein +Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten +Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch +folgendes kleine Gedicht: + +Cursu veloci pendens in novacula, +Calvus, comosa fronte, nudo corpore, +Quem si occuparis, teneas; elapsum semel +Non ipse possit Jupiter reprehendere; +Occasionem rerum significat brevem. +Effectus impediret ne segnis mora, +Finxere antiqui talem effigiem temporis. + + +Wer wird diese Zeilen für eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus +als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen läßt [3]? Ein +jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie +nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke +übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das +notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken. + +{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.} + +Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein +Ganzes ausmachen. + +Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Übereinstimmung aller Teile +zu einem Endzwecke. + +Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der +moralische Lehrsatz. + +Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzählt, eine +Folge von Veränderungen ist und jede dieser Veränderungen etwas dazu +beiträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz +bestehet, anschauend erkennen zu lassen. + +Was die Fabel erzählt, muß eine Folge von Veränderungen sein. Eine +Veränderung oder auch mehrere Veränderungen, die nur nebeneinander +bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht +zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß +eine Fabel schlecht ist, daß sie den Namen der Fabel gar nicht +verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen läßt. Sie +enthält alsdenn ein bloßes Bild, und der Maler hat keine Fabel, +sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem +Meere zog, blieb der größern Fische, die sich darin gefangen hatten, +zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und +gelangten glücklich wieder ins Wasser."--Diese Erzählung befindet sich +unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens +eine sehr mittelmäßige. Sie hat keine Handlung, sie enthält ein +bloßes einzelnes Faktum, das sich ganz malen läßt; und wenn ich dieses +einzelne Faktum, dieses Zurückbleiben der größern und dieses +Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern +Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, und nicht in den +andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154} + +Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzählt, eine Folge von +Veränderungen ist, alle diese Veränderungen müssen zusammen nur einen +einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren +mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten +Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie +eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine +Handlung, sondern muß eine Begebenheit heißen.--Ein Exempel: + +Lucernam fur accendit ex ara Jovis, +Ipsumque compilavit ad lumen suum; +Onustus qui sacrilegio cum discederet, +Repente vocem sancta misit Religio: +Malorum quamvis ista fuerint munera, +Mihique invisa, ut non offendar subripi; +Tamen, sceleste, spiritu culpam lues, +Olim cum adscriptus venerit poenae dies. +Sed ne ignis noster facinori praeluceat, +Per quem verendos excolit pietas Deos, +Veto esse tale luminis commercium. +Ita hodie, nec lucernam de flamma Deûm +Nec de lucerna fas est accendi sacrum. + + +Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen, aber keine Fabel. Ein +Histörchen trägt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel +also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da +ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch +anzugeben gehalten bin. Was wäre nun der Grund, warum diese Fabel +erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu +urteilen, könnte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe +einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem +heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das +heilige Feuer anzuzünden, erzählen wollen. Aber wäre das eine +moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben +soll? Zur Not könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des +allgemeinen Verbots dienen, daß das Heilige mit dem Unheiligen, das +Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was +tragen alsdenn die übrigen Teile der Erzählung zu diesem Bilde bei? +Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der +einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat +es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er +allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reißen gewußt, als wenn er +deren so viele daraus zöge als sich nur immer ziehen ließen. Denn er +schließt: + +Quot res contineat hoc argumentum utiles, +Non explicabit alius, quam qui repperit. +Significat primo, saepe, quos ipse alueris, +Tibi inveniri maxime contrarios. +Secundo ostendit, scelera non ira Deûm, +Fatorum dicto sed puniri tempore. +Novissime interdicit, ne cum malefico +Usum bonus consociet ullius rei. + + +Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklären +kann, wieviel nützliche Dinge sie enthalte! Wir hätten an einem genug! +--Kaum sollte man es glauben, daß einer von den Alten, einer von +diesen großen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses +Histörchen für eine Fabel [5] verkaufen können. + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10} + + + +Breitinger + + +Ich würde von diesem großen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn +er in meinen Gedanken noch überall recht hätte.--Er gibt uns aber eine +doppelte Erklärung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La +Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen. + +{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender +Abschnitt, S. 194.} + +Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen +Allegorie einer ähnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung. +--Der klare, übersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewässerte: +könnte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwörter: +wohlgeratene Allegorie, ähnliche Handlung? Sie sind höchst +überflüssig. + +Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet. +Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt +(caché) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem +Rätsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denksprüchen sind +moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die +Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten +Fabel auf einmal hervorstrahlet, hätte durch ein ander Wort als durch +das ganz widersprechende versteckt ausgedrückt zu werden verdienet. +Sein Vorgänger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklärt; +er sagt doch nur verkleidet (deguisé). Aber auch verkleidet ist noch +viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer +mühsamen Erkennung mit sich führet. Und es muß gar keine Mühe kosten, +die Lehre in der Fabel zu erkennen; es müßte vielmehr, wenn ich so +reden darf, Mühe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs +höchste würde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der +zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der +einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei ähnlichen einzeln +Fällen kann zwar einer durch den andern ausgedrückt, einer in den +andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere +verkleiden könne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit +aller Gewalt ein ähnliches Wort hier brauchen, so müßte es anstatt +verkleiden wenigstens einkleiden heißen. + +Von einem deutschen Kunstrichter hätte ich überhaupt dergleichen +figürliche Wörter in einer Erklärung nicht erwartet. Ein Breitinger +hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich +damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm würde es sehr wohl +angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule +belehrt hätte, daß die moralische Lehre in die Handlung weder +versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden +Erkenntnis fähig gemacht werde. Ihm würde es erlaubt gewesen sein, +uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden +Erkenntnis, von der mit ihr verknüpften schnellen Überzeugung, von +ihrem daraus entspringenden mächtigen Einflusse auf den Willen das +Nötige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen +Teil der Dichtkunst von dem größten Nutzen ist und von unserm +Weltweisen schon gnugsam erläutert war [2]!--Was Breitinger aber damals +unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die +philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, daß +ich mich der Wörter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von +Anfange als solcher Wörter ohne Bedenken habe bedienen dürfen, mit +welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden. + +{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Herr +Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte, +auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii +Philosophiae practicae universalis pars posterior §§ 302-323. Dieser +Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr +darauf.} + +Ich käme zu der zweiten Erklärung, die uns Breitinger von der Fabel +gibt. Doch ich bedenke, daß ich diese bequemer an einem andern Orte +werde untersuchen können.--Ich verlasse ihn also. + + + +Batteux + + +Batteux erkläret die Fabel kurzweg durch die Erzählung einer +allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht, +daß sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel +geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt, +in ihrer Erklärung gar nicht erwähnen zu dürfen. Man siehet sogleich, +was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklärung +anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloß +die fernere Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt, +untersuchen. + +{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V. +L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.} + +"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und +Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, außer dem Leben und der +Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und kömmt nur vernünftigen +Wesen zu." + +Wenn diese Erklärung ihre Richtigkeit hat, so mögen wir nur neun +Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst +wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe +halten.--"Zwei Hähne kämpfen miteinander. Der Besiegte verkriecht +sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln +und krähet. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab und +zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche +Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung. +Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht +geschähe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er +schämt sich seiner dürren Läufte und freuet sich seines stolzen +Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertönet die Jagd, seine +dürren Läufte bringen ihn glücklich ins Gehölze, da verstrickt ihn +sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine +Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und +der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide +Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne +Nachteil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt +es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch +befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und +lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurteilet habe. +Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen +anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige +Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute +Fabeln passen wird. + +{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.} + +Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und +zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, daß sie +nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, daß sie eine +gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem +Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füßen fällt, die +Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner +Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreißet und der Frosch die +Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß +auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von +verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei; +vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie +sich irgendeiner Tätigkeit dabei bewußt wären.--Ernsthafter sie zu +widerlegen würde eine unnütze Mühe sein. Es ist aber nur schade, daß +sie sich einigermaßen mit dem Batteux schützen, wenigstens behaupten +können, ihre Erklärung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu +haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Batteux +passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist. + +Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklärung +nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als +einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquité nennet. +Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit +Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu +zerreißen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu, +er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam +intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so +vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen +vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und +Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem +solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge tut. Die Moral ist +[4]: oiV proJesiV adikein, par’ autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den +Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdrücken, der wird es zwar met’ +eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand wählen, +aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefaßten Entschlusse +abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich völlig zuschanden gemacht +wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von +gewissen, vor andern vorzüglich gewählten Mitteln, diesen Vorsatz zu +vollführen (choix): und folglich muß auch in der Fabel etwas sein, was +diesem Vorsatze, diesen gewählten Mitteln entspricht; es muß in der +Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet. +Bloß dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht +sein würde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte +als, den Lehrsatz anschauend zu machen, nötig ist. Batteux bemerkt +alle ihre kleinen Schönheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser +Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche +Vortrefflichkeit läßt er unerörtert und verleitet seine Leser sogar, +sie zu verkennen. Er sagt nämlich, die Moral, die aus dieser Fabel +fließe, sei: que le plus faible est souvent opprimé par le plus fort. +Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren +sollte, so hätte wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr +vergebens, sehr für die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr, +als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht. + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.} + +Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es +nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der +Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche +Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muß oder +entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwähnten Fabel des Phaedrus +machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle +Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die, +welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist +z. E. der Erfahrungssatz + +Laudatis utiliora quae contemseris +Saepe inveniri + + +nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer +Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist, +was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt +darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre? + +So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine +Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter +besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den bloßen Erfahrungssatz in +seiner Fabel ausdrückt.--"Groß sein ist nicht immer ein Glück"--diesen +Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen möchte kaum möglich +sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische +habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das Netz +durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr +mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit +von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß sein +nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem, +der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zutun erhob, +um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen +Fische mußten groß werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben. +Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem ebenso viele ihr +Unglück als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen +Umständen unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die +Großen mit den ihrigen sein müssen. Nicht das Großsein, sondern die +eitele Begierde groß zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine +Quelle des Unglücks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel +von den Mäusen und Wieseln erzählte. "Die Mäuse glaubten, daß sie nur +deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wären, weil +sie keine Heerführer hätten, und beschlossen, dergleichen zu wählen. +Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie +teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich +Hörner auf, + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.} + +"-- ut conspicuum in praelio +Haberent signum, quod sequerentur milites, + + +"und diese Hörner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward, +hinderten sie, sich in ihre engen Löcher zu retten, + +"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus +Quos immolatos victor avidis dentibus +Capacis alvi mersit tartareo specu." + + +Diese Fabel ist ungleich schöner. Wodurch ist sie es aber anders +geworden, als dadurch, daß der Dichter die Moral bestimmter und +fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln +Größe, und nicht die Größe überhaupt, zu seinem Gegenstande gewählet; +und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Größe, ist +natürlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so +sehr in ihr gefällt. + +Überhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der +Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung +der beiden letztern muß außer der Absicht, welche der Dichter damit +verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die +Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist +vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet. +Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der +Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht +anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen +kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse +Ziele setzet, welchen sie sich zu nähern oder von welchen sie sich zu +entfernen streben. Er muß also in die Handlung selbst Absichten legen, +und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, daß +verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen können. Der +Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun, +sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner +einzeln moralischen Wahrheit lebendig überzeugen. Das ist seine +Absicht, und diese sucht er, nach Maßgebung der Wahrheit, durch die +sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu +erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die +von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder +nicht. Er läßt seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und +denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein +Genüge zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls. +Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Kläger und +Beklagter bringen ihre Gründe und Gegengründe vor. Endlich schreitet +der Affe zum Urteil [6]: + +{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.} + +"Tu non videris perdidisse, quod petis; +Te credo surripuisse, quod pulchre negas." + + +Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die +der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus, +das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte +in Gedanken auf die komische Bühne, und man wird sogleich sehen, daß +sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt +ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, daß die +Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muß.--"Ein +armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Rücken +und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fühlt +betroffen, daß elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun, +was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder +aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist glücklich und zu unserm Vergnügen an +seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise? +Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen +bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muß +ihnen vorbauen. + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.} + +Und so wird man hundert Beispiele finden, daß wir uns zu einer +Handlung für die Fabel mit weit wenigerm begnügen als zu einer +Handlung für das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine +allgemeine Erklärung von der Handlung geben, so kann man unmöglich die +Erklärung des Batteux dafür brauchen, sondern muß sie notwendig so +weitläuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der +Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem +Sprachgebrauche nach heißt gemeiniglich das eine Handlung, was einem +gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach +muß dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen können, daß +die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der +Sprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weise zu +verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll, ganz und gar.-- + +Und, alles wohl überlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will +nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine +Handlung ausgedrückt, sondern ich will lieber ein Wort von einem +weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die +Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall +wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung +verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur +dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen +sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu +einem Ganzen werden. Sind sie es auch außer dieser Absicht, desto +besser! Eine Folge von Veränderungen--daß es aber Veränderungen +freier, moralischer Wesen sein müssen, verstehet sich von selbst. +Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das +sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und +darin hat Batteux freilich recht, daß das, was er die Handlung der +Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen +nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern +weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit +aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.--- + +Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu +hören? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger, +Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmäßige, gute, +vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu +verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man +versäumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will. + +Wie weit bin ich? Hui, daß mir meine Leser alles, was ich mir so +mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten!--In der Fabel +wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer +Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen +einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so +zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem +moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend +darin erkenne. + +Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft?--Ich +wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst +glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person +durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen +Steuermann braucht, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen +Matrosen es sein sollte, anstatt daß er den allergeschicktesten dazu +unter ihnen mit Fleiß aussuchte."--Hier sind zwei besondere Fälle, die +unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der +sich eben itzt äußernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser +erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen.--Aber +wenn es bei dem Aristoteles so hieße: "Ihr wollt euren Magistrat durch +das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem +Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das +verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit +vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als +diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingeführt, er +ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit +erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr. + +{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.} + +Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel +bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an +der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es +verlohnt sich der Mühe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man +allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muß, an einigen +Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset +man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfüßiges Tier, das meistens +im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von großem Nutzen +sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen +nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beißt sich selbst die +Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiß gar wohl, +daß man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine +Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es +liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird +sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur +über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich +vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche +angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht +mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl, +würde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber +nicht aus bloßem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer +Überlegung, denn er weiß es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin +diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm +glauben soll, macht es ja eben, daß eine Begegnis aus dem Reiche der +Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich +sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet. +Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es läßt +sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also +hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, hätte müssen +nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn wäre es eine +Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei +Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller +möglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versäumen. +Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, daß die Mutter das +Geliebte unter häufigen Liebkosungen erdrückt, indem das Verachtete +glücklich aufwächset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil +das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer +ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel +daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die +Individualität dafür erteilen [5]. "Eine Äffin, erzählt er, hatte zwei +Junge; in das eine war sie närrisch verliebt, an dem andern aber war +ihr sehr wenig gelegen. Einsmals überfiel sie ein plötzlicher +Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die +Arme, eilt davon, stürzt aber und schlägt mit ihm gegen einen Stein, +daß ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schädel springt. Das +andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war +ihr von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern +angeklammert und kam glücklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und +was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon +mehr als einmal angeführte Beispiel von dem Fischer hat den nämlichen +Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der +Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, daß die +Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen +und die größern hängenbleiben. Für sich selbst ist dieser Fall also +kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm +verbundene Nebenumstände erst werden müssen. + +{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.} + +{Fussnote 3: Critische Briefe. Zürich 1746. S. 168.} + +{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.} + +{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat, +die 187.} + +Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem +die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das +sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen. +Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum +begnügt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die +Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit, mit der sich die +Exempel andrer Wissenschaften begnügen?--Wieviel ließe sich hiervon +plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische +Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die +Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen +abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als +unumgänglich nötig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen. + +Die anschauende Erkenntnis ist für sich selbst klar. Die symbolische +entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden. + +Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem +Besondern anschauend erkannt werden. + +Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu +geben, deren er fähig ist, das ist, ihn soviel als möglich zu +erläutern, müssen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in +diesem anschauend zu erkennen. + +Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, +heißt ein Exempel. + +Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel +erläutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen +Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel. + +Doch die Sittenlehre muß mehr tun als ihre allgemeinen Schlüsse bloß +erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der +anschauenden Erkenntnis. + +Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen und so in einer +kürzern Zeit mehr Bewegungsgründe in ihm entdecken können, als wenn er +symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch +einen weit größern Einfluß in den Willen als die symbolische. + +Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer +Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der +nähern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird. +Je näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden +läßt, desto größer ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis. + +Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich +ist, ist auf verschiedene Art möglich. + +Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gewissermaßen +noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der +anschauenden Erkenntnis. + +Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität +erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende +Erkenntnis den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so +mächtig als möglich auf den Willen wirken soll. + +Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, außer der Erläuterung, ihren +allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu +erteilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die +anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere +Wissenschaften, denen es um die bloße Erläuterung zu tun ist, sich mit +einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das +Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen. + +Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall, +weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgründe und +deutlicher unterscheiden kann als in einem möglichen, weil das +Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloß +Mögliche. + +Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben; +weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es +nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird +nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri +paradeigmatoV) hier zu übersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des +Exempels: Paradeigmatwn d’ eidh duo estin, sagt er, en men gar esti +paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta +poiein. Toutou d’ en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai +libukoi. Die Einteilung überhaupt ist richtig; von einem Kommentator +aber würde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Unterabteilung +der erdichteten Exempel beibrächte und uns lehrte, warum es deren nur +zweierlei Arten gäbe und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen +Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst +abstrahieren können, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel nämlich +führt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzählt er als +etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator müßte also diese Stelle +so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte +genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem +geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner +Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein +geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel +haben soll, liegt also entweder in seiner bloßen Möglichkeit oder +zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so +brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloß mögliches Ding +zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch +unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In +dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine +Fabel.--(Was für eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird +sich in der dritten Abhandlung zeigen.) + +{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.} + +Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu +erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Wert dieser verschiedenen +Arten von Exempeln und sagt: Eisi d’ oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin +agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon, +logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai +to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai +ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn +pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich +will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten. +Aristoteles sagt, die historischen Exempel hätten deswegen eine +größere Kraft zu überzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene +gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat +sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich +nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der +Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß +ein Ding geschehen und daß es soundso geschehen ist, weil es höchst +wahrscheinlich ist und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es +nicht oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein +die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines +Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich +ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die +Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung +haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das +historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles +selbst die Sentenz des Agatho billiget: + +Tac’ an tiV eikoV auto tout’ einai legoi: +Brotoisi polla tugcanein ouk eikota, + + +da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich (epi to +polu) dem Zukünftigen ähnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt +hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er für wahr ausgibt, +auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl +klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der +Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre +etc. + +Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam +vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn +wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall +zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und +eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz +anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel. + +Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung, +ebenso richtig als fruchtbar finden wird. + + + + +II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel + + +Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere +Geschöpfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es +eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu +moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem +Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist +es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man +aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens +schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es? + +Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war +listig genug, daß er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den +Gebrauch der Tiere seiner Erklärung sogleich mit anflickte. Die Fabel, +sagt er, ist die Erzählung einer allegorischen Handlung, die +gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen à la Françoise! +Oder wie der Hahn über die Kohlen!--Warum, möchten wir gerne wissen, +warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein +langsamer Deutscher nicht alles fragt! + +Überhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der +diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also um so viel mehr, daß +wir ihn hören. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des +gemeinen bürgerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren +meistens ganz bekannte Sätze und Lebensregeln, und also mußte er auch +zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen +und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun +aber die täglichen Geschäfte und Handlungen der Menschen nichts +Ungemeines oder merkwürdig Reizendes an sich haben, so mußte man +notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen +Erzählung eine anzügliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen, +um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz +aufzuschließen. Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene, +Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzückende +Kraft auf das menschliche Gemüt mit sich führet, so war man bedacht, +die Erzählung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen +wunderbar zu machen und also dem Körper der Fabel eine ungemeine und +reizende Schönheit beizulegen. Die Erzählung bestehet aus zween +wesentlichen Hauptumständen, dem Umstande der Person, und der Sache +oder Handlung; ohne diese kann keine Erzählung Platz haben. Also muß +das Wunderbare, welches in der Erzählung herrschen soll, sich entweder +auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige +zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den täglichen +Geschäften und Handlungen der Menschen vorkömmt, bestehet vornehmlich +in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im +Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausführen, zuweilen auch +in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen +wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas +Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewöhnlichen +Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwürdiges an sich haben, so +sah man sich gemüßiget, damit die Erzählung als der Körper der Fabel +nicht verächtlich würde, derselben durch die Veränderung und +Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren +mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit, +dennoch überhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und +Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer höhern +Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Götter und Genios oder +solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als +die Tugenden, die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit etc. in +die Erzählung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit +heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, nämlich die +leblosen Geschöpfe, zu der höhern Natur der vernünftigen Wesen zu +erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte, +damit sie also fähig würden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in +einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären und durch ihr Exempel von +ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."-- + +Breitinger also behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die +Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere +Geschöpfe reden und vernunftmäßig handeln lasse. Und eben weil er +dieses für die Ursache hält, glaubt er, daß die Fabel überhaupt, in +ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein +lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklärung ist es, +welche ich hier, versprochnermaßen, untersuchen muß. + +Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob +die Einführung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie +es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt +auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, über dem Haufen. + +Wunderbar soll diese Einführung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser +Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab. Diese +anscheinende Unmöglichkeit also gehöret zu dem Wesen des Wunderbaren; +und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst +schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten +nämlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf +folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz, +die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon, +wenn er in seinen Vorübungen [1] hierauf kömmt, führet eine Stelle des +Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar +deswegen für ratsamer erkläret, sich bei Einführung einer Fabel lieber +auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen, +damit man den Anschein, als erzähle man etwas Unmögliches, vermindere +(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten +ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmöglichkeit in der +Fabel soviel als möglich vermindert wissen: so mußten sie notwendig +weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen +oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muß sich auf diesen +Schein der Unmöglichkeit gründen. + +{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.} + +Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei +der höchste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muß das Wunderbare, +wenn es seine gehörige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloß in +Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen +haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der +natürlichen Dinge eräugnet. Und nur das Wunderbare behält seinen +Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen +ebenso selten vorkommt. Auf einen fleißigen Bibelleser wird das +größte Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei +weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er +lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, daß die Sonne einmal +stillegestanden, als er sie täglich auf- und niedergehen sieht. Das +Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemütsverfassung, wenn +wir es zu oft denken.--Folglich würde auch die Einführung der Tiere +uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir +aber, daß die Tiere fast in allen Fabeln sprächen und urteilten, so +würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst +wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben. + +Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreißen läßt, +braucht man das erst zu erschüttern?--Darum kurz: daß die Tiere, und +andere niedrigere Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der +Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als +wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der +Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas +Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote +jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die +Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so +ist es ja wohl offenbar, daß mir der Fabulist nichts Wunderbares +erzählen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit +Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur +vollkommen gemäß war. + +{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.} + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.} + +Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, daß ich mich schämen +muß, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die +wahre Ursache--die ich wenigstens für die wahre halte--, warum der +Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die +Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der +Charaktere.--Gesetzt auch, es wäre noch so leicht, in der Geschichte +ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische +Wahrheit anschauend erkennen ließe. Wird sie sich deswegen von jedem, +ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den +Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist? +Unmöglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so +allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei +einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und +andern Eigenschaften zu erwecken? Die umständliche Charakterisierung +daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob +sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen, +sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von +denen man es zuverlässig weiß, daß auch bei den Unwissendsten ihren +Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von +diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die +Rollen freier Wesen über sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die +Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen +Voraussetzungen, dazu geschickt. + +Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer +war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnisse stehen sie +gegeneinander?--Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß +jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem andern verhält. +Diese Wörter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken, +befördern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei +welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiß nicht alle +vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der +Fabulist keine vernünftigen Individua auftreiben kann, die sich durch +ihre bloße Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es +ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren +oder unter noch geringem Geschöpfen zu suchen. Man setze, in der +Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, +anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles +verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht +macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen +und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese +und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung, +ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber +gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen +Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weißes Lamm vor den +Altar, denn die Götter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein +Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm. +Du hast aber den Göttern ein Gelübde getan, versetzte dieser, weil sie +deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so +war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen +ließen--Oh, sagte der Arme, die Götter haben ihn selbst zum Opfer +hingenommen. Gottloser! zürnte der Priester, du lästerst! und riß das +Lamm aus seinem Schoße etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel +noch weniger verloren hat, so kömmt es bloß daher, weil man mit dem +Worte Priester den Charakter der Habsüchtigkeit, leider, noch weit +geschwinder verbindet als den Charakter der Blutdürstigkeit mit dem +Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der +unterdrückten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg. +--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am +allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne +[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhältnis der Katze gegen den +Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhältnis des Wolfes zum +Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der +Fabulist zu seiner Absicht hat wählen können. + +{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.} + +Der Verfasser der oben angeführten Critischen Briefe ist mit +Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten +Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare +Personen ein wunderliches Ansehen. Es wäre keine ungeschickte Fabel, +wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schönsten +Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, mächtig reizeten. Er +bemühte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst, +er mußte es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir +gesunder, daß ich sie noch länger stehenlasse, sie sind doch noch +nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark +genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das +Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den +Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloß deswegen so platt geworden, +weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiß nicht; sondern es ist +es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen +bloßem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich +der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben läßt, in ein +anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines +bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel +zu allgemeiner Begriff für die Fabel. An was für eine Art von +Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein +Fuchs!" Der Fabulist weiß nur von einem Fuchse, und sobald er mir das +Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen +Charakter. Anstatt des Menschen überhaupt hätte Hermann Axel also +wenigstens einen Gasconier setzen müssen. Und alsdenn würde er wohl +gefunden haben, daß die Fabel, durch die bloße Weglassung des Tieres, +so viel eben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nämlichen +Verhältnisse auch die übrigen Umstände geändert und den Gasconier nach +etwas mehr als nach Birnen lüstern gemacht hätte. + +{Fussnote 6: S. 166.} + +Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der +Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu +moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man +es einem zum besondern Ruhme machen will, "daß der Schwan in seinen +Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut für seine Jungen +vergieße" [7].--Als ob man in den Fabelbüchern die Naturgeschichte +studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt +sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie +bekräftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch +seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielen will, der +nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, daß ihnen +die nämlichen Eigenschaften in der Tat zukommen. + +{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner +kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist +denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem +Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am +allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt. +Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer +unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und +Kunst empfinden, denken und sprechen könnten, will mir nicht ein. Die +Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar +schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von +einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so +unendlich weit jene von ihm abstehen. + +Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres +vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, daß +die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nützten. Ich weiß +es sehr wohl, daß sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das +Vergnügen der Vergleichung um ein großes vermehren, welches alsdenn +kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne +Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen, +bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der +zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein, +warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel +überhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die +Menschen. + +Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschöpfen in +der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht +durch Schlüsse nie gekommen wäre, wenn mich nicht mein Gefühl darauf +gebracht hätte. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis +eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere +Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die +Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er +aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er +die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der +Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt? Man erinnere +sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in +die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten +verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses +Mitleiden ist so schwach, daß es unserer anschauenden Erkenntnis des +moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es +mit dem armen Manne? Kömmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich +wahr, daß wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den +Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als daß die anschauende +Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein könnte, als +sie dort ist? + + + + +III. Von der Einteilung der Fabeln + + +Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen fähig. Von einer, die sich +aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich +anfangs geredet. Die Fabeln nämlich werden entweder bloß auf einen +allgemeinen moralischen Satz angewendet und heißen einfache Fabeln, +oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der +Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist, +und heißen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat +sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget. + +Eine andere Einteilung würde sich aus der verschiednen Beschaffenheit +des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt nämlich moralische +Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in +einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist, +anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz +in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man +vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen +können. + +Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel +weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen +Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit +gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewöhnliche +Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr +in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nämlich der darin +handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier näher +betrachten will. + +Aphthonius ist ohne Zweifel der älteste Skribent, der ihrer erwähnst. +Tou de muJou, sagt er in seinen Vorübungen, to men esti logikon, to de +hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV +peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei +Gattungen von Fabeln, die vernünftige, in welcher der Mensch die +handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen +aufgeführet werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernünftige +als vernünftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung, +welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie +das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben +diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen +bestehen? Aphthonius hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den +einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch +abzuhelfen wäre, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der +obersten Fläche abgeschöpft sein als diese Einteilung? Öffnet sie +uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel? + +Batteux würde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von +der Einteilung der Fabel gar geschwiegen hätte, als daß er uns mit +jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man +vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß er sich hier auf einer +kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt er unter andern von den +Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm, +die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen +Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das +Fräulein Einbildungskraft und alles, was ihnen ähnlich siehet, sind +von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel +schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktermäßigen +Körper zu geben, als Körpern, die einige Analogie mit unsern Organen +haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses +geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der +allegorischen Wesen sehr häufig bedienet. Da dieses nun nicht nach +dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so +konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht +anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend +gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen +Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehören. Und diese Regel eben +möchte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht +getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System +von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische +Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder; +sie unterscheidet sich von den übrigen nur durch die Geringfügigkeit +und Naivität ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater +keinen Cäsar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise +etc."--Freilich, diese Geringfügigkeit der spielenden Personen +vorausgesetzt, konnte Batteux mit den höhern poetischen Wesen des de +La Motte unmöglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon +einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit +verwerfen mußte, und zog sich, um den kritischen Anfällen deswegen +weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften +Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann wäre, +der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz +haben, eben dadurch verdammen könnte! Und diesen Mißbrauch einer +erschlichenen Autorität, nenne ich eben die kleine Tücke, deren sich +Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat. + +{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.} + +Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten, +aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in +vernünftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig +sonderbar; denn man könnte sagen, daß eine jede Fabel sowohl eine +vernünftige als eine sittliche Fabel wäre. Sittlich nämlich sei eine +jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten +erfunden worden, und vernünftig insofern, als diese sittliche Wahrheit +der Vernunft gemäß ist. Doch da es einmal gewöhnlich sei, diesen +Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung +machen. Aphthonius habe übrigens bei seiner Einteilung die Absicht +gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschöpfen, und mehr +nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient +habe, müsse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn +alle Liebhaber der Wahrheit so billig dächten!--, absit, ut negemus +accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est, +erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum, +propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam +exprimere poterat. Er behält daher die Benennungen der +aphthonianischen Einteilung bei und weiß die Wahrheit, die er nicht +darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, daß sie das vollkommene +Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekömmt. "Wenn wir +Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten +solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate bei +als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht +zukommen. In dem ersten Falle heißen es vernünftige Fabeln, in dem +andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heißen es, wenn sie +etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel +haben." + +{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.} + +Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit +der Fabel nicht mehr auf der bloßen Verschiedenheit der Subjekte, +sondern auf der Verschiedenheit der Prädikate, die von diesen +Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu +handelnden Personen haben und dennoch keine vernünftige Fabel sein, so +wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muß, weil Tiere +in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwei +kämpfenden Hähnen würde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche +Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere +nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt +hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den +Hähnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist +es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund +und der Koch [4], der Hund und der Gärtner [5], der Schäfer und der Wolf +[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die +sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die +vernünftigen gehören. + +{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.} + +{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.} + +{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.} + +{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.} + +Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen können +bewenden lassen? Ich weiß nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit +habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfen +soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von +Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie, +wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphthonius +vermutet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen +gut ausgedrückt hätte, als es besonders die Kunstrichter wohl +verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten +Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Prädikate, beigelegt werden, +deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses +Nicht-Zukommen kann einen übeln Verstand machen. Der Dichter, kann +man daraus schließen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der +Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das +Schaf verwegen, den Wolf sanftmütig, den Esel feurig vorstellen; er +kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen +lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht +eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie nötig ist es, +dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der +abgeschmacktesten Märchen drohenden Folgerungen vorzubauen! + +Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder +zurückzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als möglich aus dem +Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn, +zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, daß auf +der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche +Unterschied der Parabel, oder des Exempels überhaupt, und der Fabel +beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie +sich eher von ihrer Möglichkeit als von jener etwas abbrechen läßt. +Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht +schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen, +unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich +vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die +Fabel keiner Verschiedenheit fähig, wohl aber in Ansehung ihrer +Möglichkeit, welche sie veränderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie +gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte +Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings +möglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter +gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall +schlechterdings möglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten +Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo +er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche heißen. +Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die +sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen +entweder die Subjekte der Fabel oder die Prädikate dieser Subjekte: +der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und +jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, daß diese und +jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen +zukommen; denn sonst würden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die +ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem höhern Grade, in +einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte +vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese, +worin nur erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen +werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische +Fabeln nennen.-- + +Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erläutern. +Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kämpfenden Hähne, der +Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gärtner, sind lauter +vernünftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere +darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings +möglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin +beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1], +Herkules und Plutus [2], die verschiedene Bäume in ihren besondern +Schutz nehmenden Götter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus +allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern +erdichteten Wesen, dem Phönix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln, +und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, daß +alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den +sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich.--Der Wolf +und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile +[6], die Bäume und der Dornstrauch [7], der Ölbaum und das Rohr [8] etc. +sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn +die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer +Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hierbei erinnern! Man +bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die +Tiere und andere geringere Geschöpfe einschränke: der Dichter kann +auch die Natur des Menschen erhöhen und die Schranken seiner +Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde +eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien, +kann dem Menschen bloß nach einer erhöhtern Natur zukommen. Oder wenn +man die Erzählung von den himmelstürmenden Riesen als eine aesopische +Fabel behandeln und sie dahin verändern wollte, daß ihr unsinniger Bau +von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstürzte und sie unter +den Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch +sittliche Fabel daraus werden können. + +{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].} + +{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].} + +{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.} + +{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.} + +{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.} + +{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.} + +{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.} + +{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.} + +Aus den zwei Hauptgattungen, der vernünftigen und sittlichen Fabel, +entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo nämlich der Fall +zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen +möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln dreierlei sein; +die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und der Kärrner [9], der +arme Mann und der Tod [10], die vernünftig hyperphysische Fabel, als +der Holzschläger und der Fuchs [11], der Jäger und der Löwe [12]; und +endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel +[13], Jupiter und die Schlange [4] etc. + +{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.} + +{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.} + +{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.} + +{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.} + +{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.} + +{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.} + +Und diese Einteilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz +gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle ihr +zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen +geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden +Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht +ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde +gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir +gesehen haben, größtenteils auf die Beschaffenheit der handelnden +Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gründlicher, und er ist +in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare +der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad +des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in +welchen ordentliche Menschen aufgeführet werden--Weil in denselben das +Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand hat, so können +sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen +menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren +äußert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere +als menschliche Personen aufgeführet werden.--Diese sind entweder von +einer vortrefflichern und höhern Natur als die menschliche ist, z. E. +die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs +und ihrer natürlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als +die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen +Fabeln das Wunderbare über das Wahrscheinliche nach verschiedenen +Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfüglich wunderbare und +in Absicht auf die Personen entweder göttliche oder tierische Fabeln +genannt--" Und die Fabel von den zwei Töpfen, die Fabel von den Bäumen +und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heißen? Oder +sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr +wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten +der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben, +daß man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein +kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so +betrachte man die schon angeführte Fabel von dem Gärtner und seinem +Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange; +aber nicht so, wie sie Phaedrus erzählet, sondern wie sie unter den +griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des +Wunderbaren, daß man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist +menschlichen Fabeln, rechnen müßte. In beiden aber kommen auch Tiere +vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln +gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche +herrscht als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob +die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel +anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse +anweisen könnte. + +Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern +mit einer Anmerkung schließen, die sich überhaupt auf die +hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern +Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern +anzubringen vergessen möchte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln +die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer +niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen +Natur bringen dürfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer +will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allem, was er sie +denken, reden und handeln läßt, der Charakter hervorscheine, um dessen +willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua. +Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander +Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken, +reden und tun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht +befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und +Vernunft voraussetzt. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal +Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle +Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus +jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen +einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen +wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt +die Illusion, daß es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden +hören und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so +scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel +Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie +gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn +er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den +unvernünftigen Tieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von +Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stehen und zu +einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehöret +eine Stärke der Vernunft, welche über den Instinkt ist. Ihr Instinkt +gibt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die +sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese +Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr +einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen +menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der +Fabulist muß zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters +vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, daß +die aesopische Fabel sich in dieselbe Länge wie die epische Fabel +ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, daß man +die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in +Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo +man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet und die +Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt etc."--Wie sonderbar ist +hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus +dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des +moralischen Lehrsatzes in der Fabel hätte herleiten sollen! Ich gebe +es zu, daß der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische +Fabel, in die Länge einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf, eine +aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren, +nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine +Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee +erfordern würde, erteilen dürfte, nicht deswegen, weil die Tiere +alsdenn zu viel Menschliches haben würden: sondern deswegen, weil +die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen würde, +weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam +auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht +länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntnis +erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen +können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder +seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition +des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr +irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch +williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine +einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine +hineinlegen? Wir können sie doch nicht darin erkennen, weil ihre +Werke viel zu weitläuftig sind, als daß wir sie auf einmal zu +übersehen vermöchten. In dem Skelette derselben müßte sie sich wohl +endlich zeigen; aber das Skelett gehöret für den kalten Kunstrichter, +und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlehre darin liegen +müsse, so wird er sie gewiß herausgrübeln, wenn sie der Dichter auch +gleich nicht hineingelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen +der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen +Fabel die wahre Ursach nicht sei, hätte der kritische Briefsteller +gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die tierische Fabel, +sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus +vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabel von dem +Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, läßt sich +ebensowenig zur Länge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel +von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann +es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen +streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln ließen sich ihm nicht +entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als flüchtige und +dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre +Anschläge ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet. +Z. E. der Adler und der Käfer [15]; der Adler, die Katze und das +Schwein [16] etc. + +{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.} + +{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.} + +Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man +demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge +machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztberührten +Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinicke +Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts +zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte nur ein +einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite +müßten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter +gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen +Hauptteilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder +dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel, +sein können, damit das große Ganze aus gleichartigen Teilen bestünde. +Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in +seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen +Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden, +und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige +Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen +Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein +Einfall auch wirklich ausführen läßt.--Und nun urteile man, wie diese +Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten +Buchs und heißt die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die +Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese: +"Man muß einen alten Bösewicht nicht auf das Äußerste bringen und ihm +alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch sein mag, +benehmen." Dieses Äußerste, diese Benehmung aller Mittel zerstückte +ich, machte verschiedene mißlungene Versuche des Wolfs daraus, des +gefährlichen Raubens künftig müßig gehen zu können, und bearbeitete +jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und +mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich +hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln +gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern +Moral leicht auf mehrere bringen können. Ich begnüge mich, die +Möglichkeit gezeigt zu haben. + + + + +IV. Von dem Vortrage der Fabeln + + +Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist +Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster? + +Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben +und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als +ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon +durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe +also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen +Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu +urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich +nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte +mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem +Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und +richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war, +fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine +allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den +ausdrücklichsten Worten darauf. + +Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen +auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese +Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das +Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das +allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider +seinen Willen davon abgebracht zu haben. + +Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider +ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine +blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er +nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer +vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele +der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei, +ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der +liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und +die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle, +in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften, +die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und +bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe +er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il +n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln +aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung +für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu +unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm +dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber +wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es +glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die +Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war. +Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte +allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die +Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das +Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La +Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus +nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant, +mais solide! + +{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.} + +{Fussnote 2: Fontenelle.} + +Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein +so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er +doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er +setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen, +habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne +die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine +Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe +wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian +sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua +potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle +sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese +Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach +Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit? +Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen +werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der +Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser +sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf +die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden +können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der +Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und +setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai +prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der +Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als +möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit +zufrieden sein. + +{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.} + +{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam +exponimus. Idem, ibidem.} + +Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des +Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die +Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der +unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De +La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les +manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme +s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la +Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que +Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de +La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem +ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der +Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er +beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die +in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians, +und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil +man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet. + +{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.} + +Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La +Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man +nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite +betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten +gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem +holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber. +Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik +davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen +sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß +man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in +Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es +die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er +bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines +Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche +in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der +Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff +geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur +lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als +ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen, +uns lehren müßten.--So stehen wir noch!-- + +Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia +akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran +er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von +Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er +muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz +das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit +dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen. + +Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden +soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf +einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle +Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch +kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie +leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel. + +Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die +allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen +Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um +Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte +kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen +erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der +Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E. +ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen: + +Un vieux Renard, mais des plus fins, +Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins, +Sentant son Renard d'un lieue etc. + + +Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein +individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet +will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen, +ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung +von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist, +daß es keine Beschreibung bedarf. + +Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen. +Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so +einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in +ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen +sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit +ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere +Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens +schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze +teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er, +bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die +hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art +unterscheiden." + +Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch +wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit +ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen +sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine +solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie +auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne? +Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig +genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können? +Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie +meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als +glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler +verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er +schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und +er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den +Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten +Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen +daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen! +--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem +Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen +Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus, +so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen +einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns +an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?-- + +{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.} + +Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich, +daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die +erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider +nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene +Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in +besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich +meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu +können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte +sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man +erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten +Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten +ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit +erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang +in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte +ich voritzo mit meiner Prosa-- + +Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen +läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden +Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf +das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die +Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des +Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die +lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen. +Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was +man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene +zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei +sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der +meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie +seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form +erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle +von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich +habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf +keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und +da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die +Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der +guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem +Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter +nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln +setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die +nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf +betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger, +und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen +rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus, +daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln +auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet. +Wieviel Beweise will man? Z. E. + +Fab. 4. Libri I + Canis per flumen, carnem dum ferret natans, + Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc. + + +Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat +er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis +unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn +kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen, +als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich +vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV +arpasasa tiV kuwn par’ authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem +Ufer des Flusses. + +Fab. 5. Lib. I + Vacca et capella, et patiens ovis injuriae, + Socii fuere cum leone in saltibus. + + +Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu +einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese +Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch +keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener +Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und +dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er +ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist +ferner die Teilung bei dem Phaedrus: + +Ego primam tollo, nominor quia leo; +Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi; +Tum quia plus valeo, me sequetur tertia; +Male afficietur, si quis quartam tetigerit. + + +Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht +sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil +für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt. +Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das +zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der +gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh +eJelhV jugein. + +Fab. 11. Lib. I + Venari asello comite cum vellet leo, + Contexit illum frutice, et admonuit simul, + Ut insueta voce terreret feras etc. + - - + Quae dum paventes exitus notos petunt, + Leonis affliguntur horrendo impetu. + + +Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die +Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten +Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie +ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum +mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte +der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen +Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da +vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt +den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme +die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an +dem Eingange wartet, nicht entgehen. + +Fab. 9. Libr. IV + Peras imposuit Jupiter nobis duas, + Propriis repletam vitiis post tergum dedit, + Alienis ante pectus suspendit gravem. + + +Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld, +daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige +Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser +Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern +Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen +schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV +exhmmeJa tou trachlou usw. + +Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an +einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine +eigene Ausgabe des Phaedrus. + + + + +V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen + + +Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er +gehöret in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr +davon sagen können, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von +dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren +Vorübungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schülern aufgaben, +bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu verändern, bald sie zu +erweitern, bald sie kürzer zusammenzuziehen etc. Diese Übung kann +nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und +da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiß ich nicht, +warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich als Fabel +ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut erzählen läßt. + +Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will, +würde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen können.--Warum +fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und +selbstdenkenden Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre +Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt +uns die Seele, aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen. +Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkräfte man, soviel als möglich, +beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert, den man +angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, +mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu +vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von +selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man +beständig aus einer Scienz in die andere hinübersehen läßt, den man +lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu +erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder +herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts +in der Welt werden. + +Unter den Übungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge +angestellet werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung aesopischer +Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller +angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu +Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel, +wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen +Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist +das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen +selbst davon zu hören: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum +inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad +inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute +necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis +amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla +effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum +inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores +abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen +suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe +artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis +excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem +veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent, +et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt. +Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum, +cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in +Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus. +[1] + +{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior § 310.} + +Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten. +Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller +individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie +ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man müßte dem Rate eines +neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit +der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse +allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthält, sagt er, den +Samen aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht +ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der +Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet, +nicht auf die bloßen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern +Geschöpfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese +Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben. + +{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.} + +Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen +Kenntnis nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln anfangs müssen +mehr finden als erfinden lassen; und die allmählichen Stufen von +diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch +verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein +gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld, +insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der +wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und +Merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen, +ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der +menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel +ausgebildet werden könne."[3] Die Mühe, mit seinem Schüler auf die Jagd +zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln +selbst eine Art von Jagd zu legen weiß, indem er die Geschichte +derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfährt, bald diesen oder +jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin +erkennen läßt. + +{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.} + +Z. E. die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel fängt sich an: Lewn +kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer +stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel +auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines +zweiten Buchs.) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich +denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man sehe die +siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der +Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu +einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Aesopus sich dabei +gesteckt hatte. + +Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von +der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel +geschmückt hatte, schließt sich: kai o koloioV hn palin koloioV. +Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen +war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden +Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls für fremde +Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier, +man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was +wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines +zweiten Buchs.) + +Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie, wenn das +Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel +schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die funfzehnte) Wie, wenn +der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus +Begierde, ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen +gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank +der Schlange beklagen können? (S. die dritte Fabel.) + +Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus +und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein +in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich +daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich +der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S. +die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und +unterläßt, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl +auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder +würde es dem Herkules anständiger gewesen sein, ihr für ihre +Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.) + +Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt +unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr +nichtswürdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder +elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai +thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine +unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich +den Jupiter würdiger antworten lassen und überhaupt eine schönere +Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.) + +--Ich breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen +Kommentar über meine eigene Versuche zu schreiben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen über die Fabel, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL *** + +This file should be named 8abhf10.txt or 8abhf10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8abhf11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8abhf10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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